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DIE DICHTUNGEN

DES

MICHELAGNIOLO BUONARROTI

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DIE DICHTUNGEN

DES

MICHELAGNIOLO BUONARROTI

HERAUSGEGEBEN

UND MIT KRITISCHEM APPARATE VERSEHEN

VON

Dr. CARL FREY

PROFESSOR DER NEUEREN KUNSTGESCHICHTE AN DER UNIVERSITÄT BERLIN.

MIT EINER PORTRÄTRADIERUNG VON ALBERT KRUGER

UND EINER HELIOGRAPHIE NACH FRANCESCO DA HOLLANDA.

BERLIN

G. GROTE'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG

1897.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

VORREDE.

Michelagniolo Buonarroti ist nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Poet ge- wesen. Nicht im berufsmässigen Sinne, oder weil es Mode und guter Ton mit sich

brachten zu einer Zeit, wo alle Welt, die nächsten Anverwandten ,*) Verse schmiedeten;

auch nicht aus literarischem Interesse , mit Rücksicht auf das Urteil gelehrter und

humanistisch gebildeter Kreise. Um Popularität , Ruhm oder Gewinn war es Michel- agniolo nicht zu thun. Auf die Teilnahme seines Volkes , auf den Beifall der Menge überhaupt hat er nie gerechnet, an eine Veröffentlichung ausgewählter Dichtungen erst spät gedacht. Michelagniolo's Dichten entsprang dem Zwange innerer Notwendigkeit ; dem tiefen Bedürfnisse nach Selbstbefreiung; dem unstillbaren Verlangen, was seine

leidenschaftliche Seele erregte in Verse ausströmen zu lassen. Michelagniolo's Gedichte

sind als Ergüsse eines Mannes zu betrachten , der in Augenblicken innerer Bewegung

mit sich selbst redete. Es waren meist Erzeugnisse der Einsamkeit, der Einkehr und

Sammlung, Selbstgesprächen und Bekenntnissen vergleichbar.

Michelagniolo fing früh an Verse zu machen mehr zu seinem Vergnügen, sagt

Condivi, denn als ernste Beschäftigung.**) Was aber anfänglich ein Spiel in Stunden

der Müsse sein mochte,

eine Übung, der der jüngere Mann gleich seinen Alters-

genossen oblag, wurde bald zur vortrauten Gewohnheit, der er nicht mehr entsagen konnte. Nichts irriger demnach als die Meinung, Michelagniolo's Dichtungen seien

nur in Nebenmomenten seiner Thätigkeit entstanden , oder in Intervallen : In gewissen

un-

Epochen seines Lebens

sei

ihm das Bedürfniss ,

sich

in Versen zu äussern ,

mittelbarer und häufiger angewandelt als in anderen. Die Poesie begleitete Michelagniolo

das ganze Leben hindurch. Parallel der künstlerischen Produktion ging die dichterische,

beide sich vielfach einander ergänzend und bedingend, beide von gleicher Bedeutung

für das Innenleben dieses Mannes und von übereinstimmendem Charakter.

Nicht

*) Von Michelagniolo il Giovine abgesehen, waren auch Giovansimone und Gisinondo, die Brüder Michcl- .igniolo's il Vecchio, Dichter. Die Poesien Giovansimone's quasi tutti sonetti erotici o giocosi hat Bis-

nipote im November 1609 gesammelt (AB, cod. zS Nr. 6s. J.

Die Gismondo's fAÜ. cod. 31 Nr. i 4S) um-

fassen: Sonette, Canzonen, Lauden erotischen, politischen und moralischen Inhaltes. Buonarroto, Michel- agniolo's Lieblingsbruder, zeichnete sich wie überhaupt so auch durch den Mangel an dichterischer Begabung

vorteilhaft vor jenen beiden aus.

VI

dass Michelagniolo's Verse gleichsam ein künstlerisches Glaubensbekenntniss böten; dass man sie zur Interpretation von allerlei unbekannten und geheimnissvollen , den Werken seiner Hand zu Grunde liegenden oder ihnen untergelegten Ideen und Be-

zügen verwenden könnte, oder umgekehrt jene, die Werke, zur Erklärung dunkler

Steilen in den Gedichten.

Nach der Seite gewähren Michelagniolo's Rime kaum

Auch nicht als Muster der Sprache , als Zeugnisse einer glänzenden

eine Ausbeute.

poetischen Begabung und Gewandtheit sind sie zu bewundern , wie die Petrarca's,

Polizian's oder Lorenzo's il Magnifico. Dazu sind sie inhaltlich wie äusserlich meist

zu fragmentarisch geblieben. Sie enthalten auch nicht tiefsinnige philosophische Spekulationen. Michelagniolo ist kein Philosoph gewesen, weder Aristoteliker noch

Platoniker; auch kein Theologe und als solcher weder ein Zeuge wider das Papsttum

noch gegen Luther; ebensowenig als Politiker ein Anhänger der Medici noch ein

enragirter Republikaner, mag er noch so viele politische, religiöse, philosophische

Betrachtungen in Versen und Gesprächen geäussert haben.

Der grosse Wert und Reiz dieser Dichtungen liegen einmal in der eigenartigen

Schönheit und Bedeutsamkeit ihres Inhaltes ; vornehmlich aber darin , dass sie als

Denkmäler innerer Entwicklung den Menschen Michelagniolo in einer Weise kennen lehren, wie kaum die Serie seiner Kunstschöpfungen. Und das ist die Hauptsache. Während die Monumente ob ihrer Grösse den Beschauer gefangen nehmen und eine

freudige Hingabe, ein ruhiges Geniessen und Begreifen kaum ermöglichen, rücken die

Poesien diesen schaffensgewaltigen Titanen menschlich näher. Sie erschliessen Michelagniolo's heisses Temperament in all seiner Spontaneität und Subjektivität besser als die lange Reihe seiner sonstigen schriftlichen Äusserungen , z. B. als seine Briefe. Aus den erhaltenen Versen erst werden Michelangiolo's geheimste Gedanken

und Grübeleien, Empfindungen und Stimmungen offenbar, und zwar unter den mannig-

faltigsten Verhältnissen und in Beziehung auf die verschiedensten Personen und Er-

eignisse seines langen wechselreichen Lebens, sein Lieben und Hassen, sein Ringen

mit sich selbst wider die ungestümen Neigungen und Wünsche seines Ichs, und wie

er sie schliesslich überwindet, das Gleichmaass und den Frieden der Seele findet. Von diesem Gesichtspunkte aus, als biographisch-psychologisches Material vornehmster

Art, sind Michelagniolo's Poesien meines Erachtens in erster Linie zu beurteilen und

zu benutzen. Wer den Künstler ernstlich verstehen will , darf an ihnen nicht achtlos

vorübergehen.

Michelagniolo's Rime sind zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt worden, wie etwa

die der Vittoria Colonna. Die paar Verse, die Varchi in seiner Lezione citirt, können

so wenig gerechnet werden wie die Epigramme auf die ,, Nacht" in Vasari's Biographie*) und wie die beiden Sonette , welche in Atanagi's Anthologie ein Jahr nach Michel-

angiolo's Tode erschienen sind.**] Michelagniolo hatte eine Scheu, seine in poetische Form gekleideten Anschauungen und Gefühle der Öffentlichkeit preiszugeben. Das

hinderte nicht, dass zeitweilig durch Freunde, unter Umständen durch ihn selbst, mehr

gelegentlich und zufällig denn absichtlich und systematisch , eine Reihe seiner Dich-

tungen handschriftlich bekannt geworden sind. Michelagniolo pflegte Gedichte an

geliebte Persönlichkeiten zu richten, vornehmlich in den dreissiger und vierziger Jahren

des i6 Jahrhunderts: so an Cavalieri und Vittoria Colonna.

Mit einigen Bekannten

stand er in poetischer JCorrespondenz: so mit Giovanni da Pistoja, mit Berni, Vasari

*) Pag. 135. 25. 30.

VII

und Beccadelli.

Alte Freunde erhielten von ihm als Liebes- und Lebenszeichen, in

ISeantwortung von allerlei Zuschriften oder aus Erkenntlichkeit für geleistete Dienste

oder für übersandte Leckerbissen, Gedichte : so Luigi del Riccio und Giovan Francesco

Fattucci.

seit 1534, recitirte und

Eine un-

stellte er zur Diskussion so manches Mal die Erzeugnisse seiner Muse. *)

bekannte ,, Donna" besass ein Heft mit Poesien des Künstlers, das sie zum Abschreiben

In vertrautem Kreise

in Florenz,

dann in Rom

auslieh.

Und so war im Laufe der Jahre die Zahl der von Hand zu Hand gehenden

Rime nicht unerheblich angewachsen , auch in verschiedenen , keineswegs immer

authentischen Versionen verbreitet, dass Michelagniolo an eine Sammlung, Bearbeitung und Herausgabe wenigstens ausgewählter Stücke davon gehen konnte. Allein nur Vor-

bereitungen zu diesem Unternehmen liegen vor, welche zum ersten Male auf Anregung

und unter eifrigster Mitwirkung von Riccio und Giannotti in den Jahren 1545-46,

danach von Ascanio Condivi nach der Abfassung der Biographie, anno 1553, beide

Male ohne Abschluss, getroffen worden sind**). Von welchem Umfange aber Michel.

insonderheit für

agniolo's dichterische Produktion war, von welcher Bedeutung

ihn selbst, davon hatte Niemand, selbst nicht die nächsten Freunde, eine Ahnung;

und ich zweifle auch,

ob

jene Sammlung ,, erster wie letzter Hand", wäre sie selbst

zum Drucke gelangt, in der Beziehung wünschenswerte Klarheit gebracht hätte. Immerhin,

die Zeitgenossen wussten, dass Michelagniolo auch die Poesie übte***); und wie allem,

was von diesem seltenen Manne ausging, zollten sie auch seinen Versen, so viele sie

deren habhaft werden konnten, geräuschvolle Bewunderung. Und je ausschliesslicher Michelagniolo in Rom Mittelpunkt des öffentlichen Interesses geworden war, nicht nur

als Schöpfer, sondern auch als Vollender der glänzendsten Kunstentwicklung, die sich je in Europa vollzogen hatte, der einzige überlebende Zeuge einer grossen Epoche,

die für immer abgeschlossen erschien , gleich verehrungswürdig wegen seiner Werke,

die zu erreichen, geschweige denn zu überbieten Niemandem gelingen wollte, wie seiner ganzen Persönlichkeit und seinem heiligen Lebenswandel f) zufolge, um so eifriger wurden auch seine Poesien gelesen, kopirt, kommentirt und in Musik gesetzt.

Schon Francesco Berni rühmte in der ihm eigenen pointirten Ausdrucksweise die

Gedankenfülle, Gewichtigkeit und Gegenständlichkeit in Michelagniolo's Versen: ,,Ei

Benedetto Varchi's Vorlesung in der Florentiner

dice cose, et uoi dite parole", ff)

Akademie über ein Sonett des Künstlers fand ein wohlvorbereitetes Publikum und

trug mächtig zur Verbreitung seines Dichterruhmes bei. Michelagniolo galt, wenigstens

*) C. Reg. 87.

**) Condivi cap. 60. 2: Spero

tra poco tempo dar fuore alcuni suo! sonetti e madrigali, quali io con

lungo tempo ho raccolti si da lui si da altri, e questo per dar saggio al mondo, quanto nel inuentione vaglia,

e quanti bei concetti naschino da quel diuino spìrito. Meiner Meinung nach handelt es sich in beiden Fällen

um dieselbe Sammlung von Gedichten, die sich in sauberen Abschriften unter Michelagniolo's Papieren be-

fanden raccolti da lui: ein Hinweis auf Michelagniolo's eigene Kopien Nr. CIX. 90105 da altri:

d. h. von Riccio und Giannotti. Doch wäre ihre Zahl sicherlich durch neue Gedichte aus der Zwischenzeit

verstärkt worden.

***) Negherete uoi quel che è noto à tutto il mondo"'

Non si leggono tutto il giorno uostri sonetti, uostri

madriali con diletto et marauiglia di ciascuno? Non sentiamo noi cantare dai più escellenti Musici tra gli

altri quel uostro madrialetto" ,Deh dimmi, Amor' (Nr. CIX. 64.) (Giaiuiotti de Ginriii, c/w Dante cflnsuino fi. /.).

f) Vasari nennt ihn ,di santi costumi.'

ff) Nr. CLXXII. p. 263. Aber auch die Dunkelheit des Sinnes wurde schon bisweilen empfunden z. B. von Ludovico Martelli in seiner , Canzone in lode di Michelagnolo Bonarroto' (AB. cod. XIV. fi. 124 1>;

G. fi. L.\) :

Questi come tal' hör Poeta scriue Quel che Phebo, Euterpe e '1 furor detta.

Et poi quel che egli ha scritto intende apena.

vili

in der Heimat, seitdem auch als einer der bedeutendsten Vertreter gerade der höheren, philosophischen Lyrik; und willig räumte ihm die Mitwelt auf dem Parnasse Italiens

neben den grössten, Dante und Petrarca, einen Platz ein: An dem Katafalke, der bei

Gelegenheit der pomphaften Totenfeier zu Ehren Michelagniolo's in St. Lorenzo di

Firenze errichtet war, und dessen vorzugsweise von Vasari geleitetes Arrangement

vielfach an den ersten Entwurf des Verstorbenen zum Juliusgrabe gemahnt, erblickte

man auch eine Statue der Poesie , in Lebensgrösse , sitzend , und auf einem Tableau daneben, wie Apollo selbst, in seinem Gefolge die Musen, dem dichtenden Michel-

agniolo den Lorbeerkranz auf's Haupt drücken will. *)

Allein alle diese Urteile und Huldigungen, so warmherzig und aufrichtig sie im Momente gespendet sein mochten , waren mehr durch die künstlerische Potenz des

Meisters, denn durch den poetischen Wert seiner Verse bedingt. In so beispielloser

Weise Michelagniolo die Kunst auch noch der folgenden Jahrhunderte man kann

sagen , bis hart zur französischen Revolution beherrschte, sein Dichterruhm begann

unmittelbar nach seinem Hinscheiden zu verblassen. Der Grund dafür lag einmal in

der allgemeinen Entwicklung der italiänischen Literatur, die unter dem Vorwalten des

Marinismus unaufhaltsam dem Verfalle entgegensteuerte , sodann in dem Mangel an

vollständigem und authentischem Materiale.

Der Geschmacksrichtung des 17. und

18. Jahrhunderts sagten Michelagniolo's Poesien nicht zu. Das Publikum, welches auch für Dante's Wesen und Grösse Sinn und Verständnis verloren hatte , konnte un-

möglich an den schwerfälligeren Schöpfungen seines stamm- und geistesverwandten

Epigonen Gefallen finden. Wollte es dennoch Michelagniolo's Gedichte geniessen, so mussten diese ,,zeitgemäss" umgewandelt werden. Dies besorgte bekanntlich der

Grossneffe des Künstlers, der fast 60 Jahre nach dessen Hinscheiden, auf Grund eines

umfangreichen schriftlichen Bestandes , mit anerkennenswertestem Fleisse die erste Ausgabe der Gedichte seines grossen Vorfahren veröffentlichte. Was darin aber als

Originaltext geboten wurde (und bis zum Jahre 1864 auch unbesehen als solcher hin-

genommen worden ist),**) war in Wahrheit, ich will nicht sagen eine Fälschung, so

*) Va.sari p. zyö'y. Das Bild von Giovan Maria Butteri; die Statue von Domenico Poggini. Vasari erinnert freilich bei dem Aufbau an das Mausoleum desAugustus, von dem der Aretiner keine lebendige An- schauung besass; dann wieder an das Septizonium. Ohne dergleichen antiquarische Dekoration ging es zu

der Zeit nicht mehr ab.

**) Auch die Edition von 1817 wiederholt der Hauptsache nach Bisnipote's Text, ohne Zweifel an dessen Zuverlässigkeit zu äussern; dazu giebt sie ohne sonderliche Gewissenhaftigkeit aus dem Vaticanus in den Noten ,, Lesarten" und im Anhange 24 vollständige Gedichte (6 Sonette und 18 Madrigale, p 247258).

Es ist durchaus unrecht, Bisnipote als schlimmen Falsarius oder als einen Jesuitenknecht zu charakterisiren und ihm allerlei unlautere Motive bei seiner Arbeit unterzustellen. Wären diese vorhanden, wäre er vor allem

sich der groben Fälschung bewusst gewesen, er hätte nach dem Erscheinen der Rime alle Spuren seines Thuns einfach durch Vernichtung der Originalmanuscripte, deren unumschränkter Besitzer er doch war, verwischen

nicht geschehen ist, spricht für seine bona Fides. Auch ist er nicht so harmlos

können. Gerade dass dies

leichtgläubig gewesen, zu meinen, dass kein Fremder in Zukunft je die Familienpapiere sehen oder lesen würde. Bisnipote's Purismus erklärt sich einmal aus dem allgemeinen Zeitcharakter, man könnte ihn eine

Zeitkrankheit nennen, die keineswegs auf Italien beschränkt war --; sodann aus seiner nicht unerheblichen

Eitelkeit, endlich auch aus seiner Pietät gegen den Grossonkel. Bisnipote hielt sich conform der öffent- lichen Meinung für einen grossen Dichter, für einen bedeutenderen z. B. als Michelagniolo, und demnach

auch für berechtigt zu Umänderungen, die er für Verbesserungen ansah, und die er doch zunächst in maiorcni parentis sui gloriam unternommen hatte. Den Mängeln, ja der Unbrauchbarkeit des Druckes von 1623 gegen-

über vergisst man gewöhnlich die hervorragenden Verdienste Bisnipote's. Es ist nicht zuviel gesagt, dass ohne

dessen Vorarbeiten, ohne dessen verständige Sammlung und teilweise Sichtung des unzulänglichen und wüsten Materiales eine Ausgabe der Rime Michelagniolo's nach wissenschaftlichen Grundsätzen heute ganz bedeutend

erschwert sein würde.

IX

doch ein in bester Absicht gründlich redigirtes, mit einer Fülle von eigenen

„Reduktionen" und „Resolutionen" ausgestattetes Elaborat des Herausgebers, das nun und nimmermehr grosse Begeisterung für Michelagniolo als Dichter erwecken konnte.

Zudem bot Bisnipote nur eine Auswahl von Dichtungen, nichts Vollständiges. Der

Erfolg des Buches war auch gering.

Nur in kleinstem Kreise lebten diese Pseudo-

poesien Michelagniolo's fort, innerhalb der Akademie von Florenz, wo die Varchis

und Bisnipotes nicht ausstarben, und auf Grund der Schriften dieser Autoritäten eine

einseitige und irrtümliche Tradition bis zur Gegenwart fortgesponnen wurde, der sich

Niemand entziehen konnte (oder mochte), auch Guasti nicht. Tiraboschi widmet im

vorletzten Bande seiner breit angelegten italiänischen Literaturgeschichte dem Dichter Michelagniolo ein selten dürftiges und oberflächliches Elogio, in welchem auch wieder

.mehr von den Schöpfungen des Künstlers in Rom und Florenz die Rede ist , denn von dem Wesen und der Bedeutung seiner Poesien. Winckelmann, dem Michelagniolo

weniger sympathisch war, der Raffael auf's höchste verehrte und nächst diesem seinen

Freund R. Mengs, kannte neben dem Drucke von 1623 noch die aus dem Nachlasse

Fulvio Orsini's in der Vaticana aufbewahrte Liederhandschrift. Die Verschiedenheit

beider Texte hat er gleichwohl nicht bemerkt.

Zu einer ausreichenden Würdigung

von Michelangiolo's poetischem Schaffen konnte auch er nicht gelangen. Nur über

eine Reihe von Liebesgedichten äussert er sich in recht allgemeinen Wendungen :

Jener hat sich mit der Betrachtung der hohen Schönheit beschäftiget , wie man aus

seinen, theils gedruckten, theils ungedruckten Gedichten sieht, wo er in würdigen

und erhabenen Ausdrücken über dieselbe denket , und er ist wunderbar in starken

Leibern", etc.*)

Eine eingehendere Kenntniss wurde erst ermöglicht , als nach dem Tode des letzten Buonarroti, des Senatore Cosimo, im Jahre 1858 der schriftliche und künstle-

rische Nachlass des Geschlechtes, soweit er sich noch in dem Palaste der via Ghibellina

befand , samt diesem in den Besitz der Stadt Florenz übergegangen war, und diese

unverzüglich Cesare Guasti mit einer Neubearbeitung der Rime Michelagniolo's be-

traute. Diese Ausgabe, welche, in vornehmster Ausstattung, genau 300 Jahre nach

dem Hingange des grossen Künstlers erschienen ist, bietet einen Abdruck so ziemlich aller im Archivio Buonarroti befindlichen, auf Michelagniolo's Gedichte bezüglichen Manuscripte, zumeist in authentischer Gestalt.

Meine Absicht ist nicht , an dieser Stelle die mannigfachen Unzulänglichkeiten

von Guasti 's Buch in allen Einzelheiten zu erörtern. Guasti's Grundfehler wurzelt in

dem Mangel an methodischer Schulung und Kritik, der bewirkt hat, dass der Heraus-

geber mit den überlieferten Originalen und Kopien in historischer, philologischer und ästhetischer Hinsicht eigentlich nichts Rechtes hat anzufangen gewusst. Dieser Mangel

ist auch bereits anderweitig zur Genüge betont worden. **) Demgegenüber möchte

ich hier lieber Guasti's Verdienste nachdrücklich hervorheben, die durch keine noch

so begründete Ausstellung verdunkelt oder geschmälert werden können. Und diese

bestehen eben darin, dass der von Bisnipote annähernd vollständig gesammelte, durch-

gearbeitete und teilweise auch geordnete Stoff der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

und die Möglichkeit geboten worden ist, Michelagniolo's Wesen in seiner wahren

Gestalt, ohne Retouchen, zu begreifen.

Auch in Zukunft wird man stets , dessen bin

ich gewiss, neben meiner Ausgabe auf Guasti's Edition zurückgreifen.

Denn wer so

*) Werke Bd. IV (ed. Meyer und Schulze) p. 43.

*) Z. B. von H. Grimm; P. V'illari und von mir (Jahrbuch f. K. P. K. loco cit.).

Dazu die Noten der Herausgelier Nr. 148. 149.

X

das Material kennt wie Jener verstorbene Florentiner Gelehrte und das vermag nur der zu beurteilen und zu schätzen, der selbst diese Unmasse von Aktenstücken

und Handschriften hat durcharbeiten müssen wird stets mit Recht zuerst in allen

einschläglichen Dingen um seine Meinung gefragt werden.

Ebensowenig ist meine Absicht, angesichts meines Buches, mich in eine kritische

Auseinandersetzung mit den Schriften derer einzulassen, die Michelagniolo als Dichter behandelt haben, und für welche Guasti's Abdruck der Florentiner Papiere Ausgangs-

punkt und Grundlage geworden ist.

Sie alle haben

mir viel genützt

und

eine

Fülle von Anregungen gegeben, für die ich auch da, wo ich anderer Meinung bin,

nur danken kann.*)

Das Buch, welches ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, und dessen Erscheinen

wohl keiner Rechtfertigung bedarf, verdankt seine Entstehung einer Anregung meines

hochverehrten Kollegen Herman Grimm.

Dem jungen Anfänger, der sich nach voll-

endeten historischen und literarischen Studien der neueren Kunstgeschichte widmen durfte und zu diesem Zwecke mit Staatsunterstützung nach Italien ging, wurde der Auftrag zu Theil , Michelagniolo's Leben regestenmässig auf Grund der in Florenz, vornehmlich im Archivio Buonarroti befindlichen Dokumente darzustellen. Und als dies damals wegen der absoluten Unzugänglichkeit der Familienpapiere unausführbar

war, wurde ihm die Neubearbeitung der Dichtungen Michelagniolo's nahegelegt , die

ja in der That zu den dringendsten Aufgaben der neueren Kunstwissenschaft gehört

und als ein enger umgrenztes Thema auch verhältnissmässig am schnellsten realisirbar

erschien.

Das ist nun nicht der Fall gewesen.

Es bedurfte der langwierigsten Ver-

handlungen, jahrelangen Harrens und Hoffens , um überhaupt in das Archiv zu ge-

langen; dann wiederholter Reisen, um in den oft nur karg bemessenen Fristen alle Archivalien, nicht bloss die Rime, sondern auch die Briefe an Michelagniolo und die

sonstigen schriftlichen Aufzeichnungen , ohne die eine Ausgabe der Dichtungen nicht

möglich ist, kennen zu lernen. Als dann endlich das Material beisammen war, erlitt seine Ausarbeitung durch Berufsgeschäfte, durch wissenschaftliche Aufgaben, die in-

zwischen absolvirt werden mussten , durch allerlei sonstige Umstände längere Ver-

zögerung, um schliesslich in einer Gestalt herauszukommen, die kaum als eine definitive

angesehen werden kann, und deren Unzulänglichkeit dem Verfasser selbst nur zu sehr

bekannt ist. Wie viele von den Hoffnungen , mit denen das Buch begonnen worden

ist, haben sich nicht erfüllen lassen! Welche Modifikationen hat der ursprüngliche

Plan erfahren! Auf wie manche Absichten musste, noch während des Druckes, ver-

zichtet w-erden! Wie viele Ergebnisse stehen auf schwachen Füssen! Wie zahlreiche

Fragen, gerade was die Verwertung gewisser Dichtungen für Michelagniolo's Lebens-

und Entwicklungsgeschichte anlangt, mussten ohne Antwort bleiben! Immerhin, auch so wie das Werk jetzt vorliegt, glaube ich, wird es nicht ganz unbrauchbar sein; und

*) Ich nenne besonders Lang, H. Grimm, von Scheffler, Synionds; dann Simmel's gehaltvollen Aufsritz

über Michelagniolo als Dichter (Vossische Zeitung 1889. Nr. 419). Mit Ausnahme von H, Grimm, der eine Kopie des Cod. Vat. besitzt, und von Symonds, der gleichzeitig mit mir im Archivio Buonarroti arbeitete, kennen

diese Forscher das handschriftliche Material nicht aus eigener Anschauung. Daher so manche Irrtümer in

betreff der Entstehung, Datirung und Auffassung gewisser, meist erotischer Poesien Michelagniolo's. Mit hervorragendem Scharfsinne ist von Schefflers Studie (Altenburg 1893) geschrieben, besitzt anscheinend auch grosse Folgerichtigkeit und Beweiskraft. Dennoch entwirft sie von diesem Dichter eine einseitige und unrichtige

Schilderung, dem dagegen Lang immer noch am besten gerecht geworden ist. Symonds viel bewundertem

Leben Michelagniolo's fehlt es an Ciründlichkeit und Selbständigkeit der Forschung und des Urteiles, vornehm-

lich den Werken, also auch den Dichtungen gegenüber, die heute doch durchaus erforderlich sind.

XI

jedenfalls die Anerkennung wird man mir nicht vorenthalten dürfen, dass ich treu und ehrlich gearbeitet, mit dem oft so spröden Stoffe nach Kräften gerungen und da wo zur Hypothese gegriffen worden ist leider häufiger als mir lieb war —, dies

allemal deutlich ausgesprochen habe. Und mehr kann man schliesslich billiger Weise nicht verlangen. Meinem lieben Kollegen aber, der namentlich zu Anfang meine Studien mit so warmem Interesse begleitet und mich mit seiner Erfahrung und mit

seinem Rathe unterstützt hat, drängt es mich hier nochmals herzlichen Dank aus-

zusprechen. Die grundlegende Bedeutung seiner Arbeiten für die Michelagnioloforschung

zu verkennen , auch da wo seine Annahmen und Ausführungen sich infolge des neu

erschlossenen Materiales nicht als stichhaltig erwiesen haben, dürfte unmöglich sein. Mein Buch gliedert sich in Texte (p. i 278) und kritischen Apparat (p. 279 538).

Den Texten habe ich nach Möglichkeit Michelagniolo's eigene Niederschriften oder

doch gleichzeitige Kopien , die auf Veranlassung und unter Teilnahme des Künstlers

selbst zu Stande gekommen sind, zu Grunde gelegt, und erst wo diese fehlten, spätere

Kopien des 16. Jahrhunderts (z. B. von Varchi, Vasari, Baldi), ja des 17. Jahrhunderts

nach Abschriften, die Bisnipote für seine Edidition nach nicht mehr vorhandenen Originalen seines Familienarchives mit grosser Treue genommen hatte. Doch handelt

es sich bei der letzten Kategorie um wenige Stücke.

Auf Michclagniole's Dichtungen folgen solche anderer Verfasser (Nr. CLXVII bis

CXCIII), z. B. die bei Gelegenheit von Cecchin Bracci's Tod geschmiedeten Verse oder poetische Antworten von Freunden und Bekannten auf Rime des Künstlers, ferner Lobgedichte auf Michelagniolo und seine Schöpfungen u. dergl. m. Im Archivio Buo-

narroti (cod. XVII) wie in der Florentiner Nationalbibliothek ist davon eine grosse

Fülle vorhanden, was bei jenem reimgewandten und reimereichen Zeitalter nicht

Wunder nehmen kann. Sie alle zu bringen, hatte keinen Zweck. Auch ist Vieles schon gedruckt, z. B. die , Versi latini ed italiani in morte di Michelagniolo Buonarroti'. Ich

habe mich nur auf den Abdruck des für das Verständniss der Poesien und der dich- terischen Thätigkeit Michelagniolo's überhaupt Unentbehrlichen beschränkt.

Bei dem kritischen Apparate empfahl sich aus Zweckmässigkeitsgründen eine

Dreitheilung:

A. die Beschreibung des Codices (p. 281 - 300).

B. der Com-

mentar (p. 301 501). C. die Regesten und urkundlichen Belege (p. 502 538). Die Beschreibung der Handschriften, die Guasti schon mit grosser Akribie ge- geben hat, musste noch einmal erfolgen, theils mit Rücksicht auf die im Archivio Buonarroti seit dem Erscheinen der Ausgabe von 1864 eingetretenen Veränderungen, theils weil ich in wesentlichen Punkten zu neuen Ergebnissen gekommen bin , z. B.

was die Scheidung und Bestimmung der Hände , die Composition und Datirung der

einzelnen Codices anlangt u. dergl. m.*)

Die Abteilung C. (p. 502 ff.) enthält eine Reihe urkundlicher Belege zu Ausfüh- rungen des Commentares, meist nach den Papieren des Archivio Buonarroti, und je

nach ihrer Wichtigkeit bald in extenso, bald in Form von Regesten.

Vollständigkeit

war, schon mit Rücksicht auf den Umfang des Buches, nicht beabsichtigt. Ursprüng-

lich reichhaltiger, konnten grosse Partien davon, dank dem freundlichen Entgegen-

kommen der Redaktion des Jahrbuches für K. Preuss. Kunstsammlungen, in diesem

vorweg erscheinen. **)

Von grosser Wichtigkeit für Michelagniolo's Verkehr und

*) Auf die Geschichte der Handschriften, soweit sie heute bekannt (p. XIV s.) eingegangen.

ist,

bin

ich

in

der Einleitung

**) Unter dem Titel: Studien zu Michelagniolo I. II. iSgs'gó (abgekürzt Ma. I. II.) über die Periode

Julius' II und der Medicäergräber.

XII

poetische Produktion sind die Jahre nach der Kapitulation von P"lorenz, sowie von

der Übersiedelung nach Rom bis zum Beginn der Freundschaft mit Vittoria Colonna

Diese habe ich so vollständig und so exakt wie möglich darzustellen ae-

gewesen.

sucht, was jedoch erheblichen Schwierigkeiten unterlag.

Dabei sind die Angiolini-,

Cavalieri- und Colonnabriefe nochm