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Seite V2/4 WOCHENENDE REPORT Samstag/Sonntag, 31. Juli/1.

August 2010

Krise ohne
Ende: Lehrer
In Bayern beginnen die Ferien, anderswo sind sie fast vorbei.
Alle Lehrer müssen sich jetzt wieder anhören, dass sie Weltmeister
im Langzeiturlauben sind – dabei ist der Druck derzeit ohnehin so
groß wie nie. Ob es um Gewalt unter Jugendlichen geht oder um
Missbrauch, ob G 8 oder Grundschulreform, ob Privatschulboom
oder die Idee, Hartz-IV-Empfänger als Sportlehrer einzusetzen:
Ein ganzer Berufsstand ist in Orientierungs- und Rechtfertigungsnot.

von Johan Schloemann

D
er Herr Lehrer, die Frau Lehre-
rin – das war einmal eine teils
furchteinflößende, teils von mil-
der Melancholie umnebelte Fi-
gur. Nie war ganz klar, ob der Lehrer eine
glückliche Existenz führe, weil er stets
neu von jungen Menschen belebt wird;
oder ob gerade deswegen ein Hauch von
Traurigkeit über seinem Dasein liege,
weil die Jugend nur vorbeirauscht, aus-
tauschbar und unfertig, und somit das,
worauf die Jugend nach vorne blickt, näm-
lich das „wahre“ Leben, dem Lehrer im-
mer unzugänglich erscheinen muss.
Wie immer es sich damit verhält, und
wie verschieden die Lehrer waren, ob
kauzig und schulmeisterlich oder auch
brutal, ob begeisternd, warmherzig und
gnädig – eines war unbestritten: der Wis-
sens- und Autoritätsvorsprung des Leh-
rers. Über Renitenz und Faulheit von
Schülern klagen die Lehrer seit Jahrtau-
senden; der tägliche Kampf aber wurde
nicht bloß durch die freudigen Momente
des Berufes ausgeglichen, durch enthu-
siastische Bildungserlebnisse, durch her. Statt Freiheit und Ermessensspiel-
Klugheit und Witz im Klassenraum, raum gibt es immer mehr Regelwerk, im-
durch den Reichtum kindlicher Charak- mer mehr Papier- und Sitzungsarbeit. Mit
tere und Gefühle – nein, die Mühsal wur- der berechtigten Forderung nach professio-
de kompensiert durch die gesellschaftli- neller Distanz, die die Fälle sexuellen Miss-
che Anerkennung. Denn bei allem Spott brauchs verschärft haben, wächst auch die
herrschte lange die Neigung vor, die Stel- Befangenheit, wächst die Sorge, es könnte
lung des Lehrers als eine souveräne gel- bald keine eindrucksvollen, prägenden,
ten zu lassen, zu der sich Eltern und Schü- selbstdenkenden Persönlichkeiten mehr
ler eben zu verhalten hatten. unter den Lehrern geben, sondern nur
Mit der Liberalisierung und Demokra- noch korrekte Abspuler, gehetzte Exekuto-
tisierung ist das, was man den Mythos der ren behördlicher Lehrpläne.
natürlichen Autorität nennen kann, ins Dabei wird das Regelkorsett im Schul-
Wanken geraten. Das hat auch viel Gutes alltag immer wieder erfrischend durchbro-
bewirkt. So war es sicher sinnvoll, sich chen, man hat es ja mit einem Gewusel jun-
bei der Ausweitung der Bildungsmöglich- ger Menschen zu tun, und es gibt sie, die be-
keiten von der gottgegebenen Autorität geisternden und begeisterten Lehrer.
des Pädagogen zu verabschieden und die Doch mit den gewaltigen gesellschaftli-
Erkenntnis anzuwenden, dass Schul- chen Ansprüchen an die Pädagogen, mit
unterricht auch ein lehr- und lernbares der Erwartung, dass sie beinahe schon
Gewerbe ist; dass es also ein Erfahrungs- mehr für die Erziehung der Kinder leisten
wissen namens Didaktik gibt, welches sollten als die Eltern selbst, tut sich ein
auch ohne platonische Seelenverwandt- ebenso gewaltiger Widerspruch auf. Denn
schaft ganz gut funktioniert. Welche un- auf der einen Seite soll die Schule ein ge-
guten Eigenschaften das Lehrer-Schü- samtgesellschaftlicher Reparaturbetrieb
ler-Verhältnis hingegen annehmen kann, werden; der Lehrer soll alles an Sprach-
wenn nur noch charismatische Bindung mängeln, Bindungsunfähigkeit, fehlender
und persönliche Neigung zählen sollen, Zuwendung, Medienwandel und wirt- Als Kunstwerk gibt es sie noch: die
schaftlicher Unsicherheit abfedern oder Utopie des Lehrers oder der Lehrerin,
gar beseitigen, was den Kindern zusetzt, die alles im Griff hat – den Lehrstoff,
dabei möglichst individuell auf den Einzel- die Schüler und ihr Image. Die Anforde-
Ganztagsschullehrer nen eingehend. Und in einem gewissen rungen einer sich rapide verändernden
Maß kann sich die Schule diesen Aufgaben Gesellschaft aber haben einen Berufs-
werden zu Sozialarbeitern auch gar nicht entziehen: Schließlich ist stand in die Enge getrieben. Lehrer
und Ersatzeltern. die Schulpflicht eine der wenigen Zwangs- müssen in diesen Tagen viele Aufgaben
einrichtungen des Staates, die alle Bürger übernehmen, vielleicht zu viele.
verbinden, und so steht die Schule auch in Foto: Tim Hoppe/plainpicture
einer sozialen Verantwortung.
das haben die Missbrauchsskandale ge- Dies bedeutet aber nun, dass der Lehrer
zeigt, die im zu Ende gegangenen Schul- desto weniger Fachunterricht und desto
jahr die Öffentlichkeit beschäftigt haben. mehr Erziehung leisten muss, je mehr so-
Eben diese Vertrauensbrüche, die, ob- ziale Defizite, je mehr familiäre Schwä-
gleich nicht unbedingt repräsentativ, das chen zu bewältigen sind; Ganztagsschul-
ganze Bildungswesen erschüttern, haben lehrer werden zu Sozialarbeitern und bemühen, den Unterricht so interessant Kontakt
nun aber auch die Tendenz verstärkt, den
Lehrer zur nationalen Krisenfigur zu erklä-
ren. Bei jedem Aufschrei wegen Perspektiv-
staatlichen Ersatzeltern, die Kindern ganz
alleine beibringen sollen, wie man mit Mes-
ser und Gabel isst, wie man Deutsch
Klassengesellschaft wie möglich zu gestalten; für die Gesamt-
heit der Pädagogen bestätigt das weniger
als ein Fünftel der Eltern. Für Lehrer ist
tiger für
Lernerfolg
Telefonges
losigkeit und Verfalls der „Werte“ von Ju- spricht, oder dass man Konflikte anders es demnach besser, sich nicht im Klassen- stellung,
gendlichen, bei jeder neuen Schulstudie als durch Herumschreien lösen kann. Der
Eltern und Lehrer müssen mehr zusammenarbeiten zimmer zu verschanzen, sondern den El- im Jahr un
wie dem jüngsten Bundesländer-Ver- große Widerspruch ist dabei, dass solche tern zu vermitteln, welcher Stoff gerade ich es hint
gleich, bei jeder Vernachlässigung der Auf- ins Persönliche gehenden Erziehungsauf- Es geht ums Kind, natürlich, um sein Schule funktioniert nicht mehr, die Ge- gelernt wird, welche Lücken ihr Kind Sacher.
sichtspflicht wird den Lehrern insgesamt gaben eine unbefangene, mit Vertrauen Wohl, seine Ausbildung, seine Zukunft. sellschaft hat sich verändert, und mit ihr hat und auch, wie es in der Gruppe zu- individuel
Versagen attestiert. Gewiss, durch die hö- ausgestattete Autorität verlangen, die dem Aber um welches Kind eigentlich? Um die Erwartung an Pädagogen. Der Pakt rechtkommt. Kurzum, mit ihnen zu re- Informatio
here Aufmerksamkeit der Bildungsfrage Lehrer immer mehr verwehrt wird. das der Eltern, das oft alleine oder mit zwischen Eltern und Lehrer ist längst gen, doch das bringt nicht wirklich wei- den, bevor es Probleme gibt. Und wa
ist das Verständnis für die Probleme der Nach den Missbrauchsskandalen gibt es nur einem Geschwister aufwächst und aufgekündigt – früher gab es oft noch ei- ter. Sowohl die Sorgen der Eltern als Genau das wünschen sich Eltern auch, Eltern me
Pädagogen hier und da gewachsen. Doch großes Kopfnicken, wenn man sagt, die entsprechend gehätschelt im Mittel- ne Ohrfeige daheim, wenn der Sohn in auch die Zwänge der Lehrer sind nach- wie die bislang größte Befragung in In vielen
generell scheint inzwischen zu gelten: Je Schule solle nicht in sämtliche Lebensbe- punkt steht? Oder um das Kind in der der Schule etwas ausgefressen hatte und vollziehbar. Aus dem Dilemma kommt Deutschland zur Zusammenarbeit von wird erwa
geringer die Autorität des Lehrers, desto reiche eindringen. Auch die Proteste gegen Klasse, das sich unterordnen soll, in der bestraft wurde, heute entschuldigt die man nur, wenn beide Seiten mehr mitein- Familie und Schule ergeben hat. Mütter ne Stunde
höher seine Verantwortung. das eng getaktete achtjährige Gymnasium Gruppe lernen muss und so gesehen über- Mutter sein Verhalten mit Hyperaktivi- ander reden – und zusammenarbeiten. und Väter wollen mehr als die ritualisier- mithelfen.
Dieser Wandel lässt sich am Verhältnis sowie das Hamburger Plebiszit gegen die haupt nichts Besonderes ist? Ein großer tät oder der Vater droht mit dem Anwalt. Wenn man sich kennt, schätzt man ten Elternabende, bei denen sie kaum et- kennen un
zwischen Eltern und Lehrer ablesen: Bei sechsjährige Primarschule gehen in diese Teil der Missverständnisse zwischen El- Und in einer Zeit, in der viele Eltern No- sich auch eher: Die Mehrzahl der Eltern was über ihr Kind erfahren. Sie wollen her die
Versäumnissen des Schülers, ob sie der Un- Richtung. Andererseits aber schicken wir tern und Lehrer beruhen auf der zwangs- ten als Zuteilung von Lebenschancen se- bewerten die Lehrer ihres Kindes weit- mehr Rückmeldung vom Lehrer, sie wol- dran sind
lust oder der Überforderung geschuldet uns an, immer mehr Verantwortung auf läufig unterschiedlichen Sichtweise auf hen, wollen sie nicht hinnehmen, wenn aus besser als die Gesamtheit der Pädago- len auch mehr Informationen aus dem für den Er
sind, verbünden sich nicht mehr, grob ge- den Lehrer abzuwälzen, der alles heil ma- das Kind, weshalb Eltern gerne über un- der Nachwuchs eine Sechs nach Hause gen, so eine neue Allensbach-Studie. Schulleben. „Klassenelternvertreter, El- It takes
sprochen, Lehrer und Eltern gegen das chen soll, möglichst aber unter höchst kor- fähige und uneinsichtige Lehrer klagen, bringt. Schuld ist selbstverständlich im- Mehr als jedes zweite Elternteil findet, ternbeirat, Schulforum – das alles funk- ein afrikan
Kind, sondern Eltern und Kind verbünden rekter Zurücknahme seiner Autorität und die wiederum die Nase voll haben von an- mer der andere: die hysterische Mutter, dass die Lehrer ihrer Kinder sich um ge- tioniert“, sagt der Studienleiter und in- braucht
sich gegen den Lehrer. Die Eltern haben ei- Persönlichkeit. Das geht einfach nicht zu- spruchsvollen und aggressiven Eltern. die ihr Kind überbehütet, oder der unfä- rechte Noten bemühen, als Pauschal- zwischen emeritierte Erlanger Pädago- lich, aber
ne kundenartige Dienstleistungserwar- sammen. Man müsste stattdessen dem Leh- Die in Deutschland wegen der Halb- hige Lehrer, der es nicht richtig versteht. urteil wollen dem nur 30 Prozent zustim- gikprofessor Werner Sacher, „aber da- reden, zu
tung. Damit geht eine allgemeine Bürokra- rer mehr vertrauen, ohne ihn als Gesell- tagsschule besonders ausgeprägte Die Erosion des Vertrauens, die bis in men. Und fast die Hälfte der Eltern glau- von fühlen sich die wenigsten angespro- des Kindes
tisierung der pädagogischen Berufe ein- schaft strukturell zu überfordern. Arbeitsteilung zwischen Elternhaus und Feindschaft ausartet, mag man bekla- ben, dass die Lehrer, die sie kennen, sich chen, schon gar nicht die Eltern, die den
Süddeutsche Zeitung Nr. 174 Seite V2/5

Die 10 größten Vorurteile gesammelt von Tanjev Schultz

Lehrer sind Lehrer werden Lehrer tragen Lehrer sind Lehrer leiden
„faule Säcke“ nicht anerkannt Schlabberpullis im Bundestag unter Burn-out
Als Ex-Kanzler Gerhard Schröder Oft beklagen Pädagogen, ihr Beruf Verglichen mit fast nackten Schü- Ein Witzbold dichtete: „Der Bundes- Studien zeigen, dass bei etwa je-
die Lehrer „faule Säcke“ nannte, habe an Ansehen verloren. Umfra- lern sind die meisten Lehrer ganz tag ist mal voller und mal leerer, dem dritten Lehrer Burn-out-Gefahr
sprach er allen aus der Seele, die gen des Allensbach-Instituts zei- gut angezogen. Dass Anzugträger aber immer voller Lehrer.“ Und ja, in besteht. Die anderen sind stabil
Lehrer um die vielen Ferien benei- gen, dass die Bürger vor Ärzten am rar sind und noch immer verbeulte den Parlamenten trifft man sie oft. und halten durch. Der Wissenschaft-
den. Doch der Spruch war dane- meisten Achtung haben. Aber auch Cordhosen und abgewetzte Leder- Im Bundestag sitzen derzeit 35 ler Udo Rauin sagt: „Wer sich aus-
ben. Studien zeigen, dass Lehrer Grundschullehrer schneiden ziem- taschen am Pult auftauchen, muss Lehrer – gar nicht mal so viele, gebrannt fühlt, hat häufig bereits
im Schnitt mehr als 50 Stunden in lich gut ab, und in den vergange- für das Schulklima auch nicht von wenn man bedenkt, dass es 622 während seiner Ausbildung nicht
der Woche arbeiten und nicht die nen Jahren haben sie sogar noch Schaden sein. Die stilbewusste Abgeordnete und bundesweit mehr für den Beruf gebrannt.“ Das
gesamte Ferienzeit faulenzen. Aller- an Ansehen gewonnen. Sie liegen Neue Zürcher Zeitung hat unlängst als 700 000 Lehrer gibt. In der Le- Max-Planck-Institut für Bildungsfor-
dings gibt es, wie in anderen Beru- nun klar vor Anwälten, Ingenieuren aber den „Schlabberlook“ beklagt gislaturperiode davor waren etwa schung sieht indes keinen Beleg
fen, eine große Spannweite: Die und Apothekern. Studienräte am und Didaktiker zitiert, die einen 60 Lehrer im Bundestag. Weit mehr dafür,dass der Lehrerberuf ausge-
einen ackern wie blöde, andere Gymnasium dagegen stehen nicht Dresscode für Schulen fordern. Ob als 100 Abgeordnete stellt stets rechnet psychisch labile Menschen
arbeiten eher so nebenbei. viel besser da als Journalisten. der die Schulen besser macht? eine andere Gruppe: die Juristen. besonders anlockt.

Lehrer waren Lehrer ist ein Lehrer sind Lehrer sind Lehrer haben
miese Schüler sicherer Job nur Beamte viel zu alt keine Ahnung
Gymnasiallehrer hatten früher im Lehrer haben krisenfeste Arbeits- Bundesweit sind etwa 200 000 Ausnahmsweise kein Irrtum. Die Wahrscheinlich kennt jeder einen
Abi im Schnitt genauso gute Noten plätze. Unsicher ist allerdings der Lehrer keineswegs Beamte, son- Lehrerschaft in Deutschland ist Lehrer, über dessen fachliche Eig-
wie andere Akademiker. Die Schul- Einstieg. Viele Referendare wer- dern Angestellte. Sie verdienen oft überaltert, etwa 60 Prozent der nung sich streiten ließe. Was und
leistungen angehender Lehrer für den nicht übernommen, zum Bei- mehrere hundert Euro netto weni- Pädagogen an weiterführenden wie viel Pädagogen wissen und
die Grundschule und die Sekundar- spiel, weil ihre Note um 0,1 unter ger als ihre verbeamteten Kolle- Schulen sind älter als 50 Jahre. Das können, darüber gibt es aber
stufe I sind allerdings um etwa eine dem jährlich wechselnden Einstel- gen. In Berlin werden neu einge- ist auch im internationalen Ver- kaum systematische Erkenntnis-
halbe Note schlechter. In Englisch lungswert liegt. Und ist der Job stellte Lehrer generell nicht mehr gleich ganz schön opahaft – und se. Vor kurzem erschien eine inter-
und Mathe schneiden sie in Tests wirklich sicher? Nach einer Stu- verbeamtet. Auch in anderen Bun- omahaft. Das pädagogische Perso- nationale Studie über Mathe-Leh-
etwas schlechter ab als die Gymna- die der Uni Freiburg sind inner- desländern und an Privatschulen nal besteht zu zwei Dritteln aus rer. Deutsche Gymnasiallehrer
sialkollegen. Mittlerweile gibt es an halb eines Jahres 40 Prozent der arbeiten viele Angestellte in den Frauen. In Ostdeutschland sind es schnitten sehr gut ab. Bei Grund-
vielen Hochschulen einen recht Lehrer Pöbeleien ausgesetzt, vier Klassenzimmern. Die Gewerk- fast 80 Prozent. Allerdings arbeiten schullehrern hing es davon ab, ob
hohen Numerus clausus für das Prozent werden bedroht, 1,4 Pro- schaften sprechen von „Beschäf- viele Lehrerinnen nur in Teilzeit sie Mathematik im Studium zum
Lehramts-Studium. zent körperlich attackiert. tigten zweiter Klasse“. oder stundenweise. Schwerpunkt hatten.

Es geht auch anders


Gegen den Trend: Eine Hauptschule mit freundlichem Klima
Fotos: Ute Grabowsky/photothek; David Ausserhofer/Intro; Rainer Weisflog; vario-images

Der erste Satz, den Jürgen Walther am Schüler haben heute selber Kinder, „und
Telefon sagt, zeigt vielleicht schon seine eine, die war wirklich schwierig, die ruft
größte Stärke: „Ein Porträt von mir? Da mich jetzt immer an, wenn ihre Tochter
müssen Sie Frau Zeitler schon mitpor- Probleme auf der Realschule hat.“
trätieren.“ Am nächsten Morgen sitzen Zeitler und Walther versuchen, für all
er und seine Konrektorin Elsbeth Zeit- ihre Schüler Lehrstellen zu finden. Es
ler im Direktorat, die Türen stehen reicht eben nicht, Lehrer mit Leib und
offen, während des Gesprächs kommen Seele zu sein. Man muss nebenher auch
rein: ein Vater mit Migrationshinter- noch Eltern spielen. Ferien für Kinder or-
grund, der Hausmeister, zwei Lehrerin- ganisieren, sie ins Krankenhaus beglei-
nen, die Sekretärin und eine Kollegin ten, wenn die Eltern keine Zeit haben,
von der benachbarten Förderschule. und es gibt seit einiger Zeit ein Schulfrüh-
Fragt man die Besucher, warum das stück, für einen Euro die Woche, weil
Kollegium an der Hauptschule an der viele Kinder zu Hause keines bekommen.
Wiesentfelserstraße einen so stabilen psy- Die Schule hat ein beeindruckend wei-
chischen Grundtonus zu haben scheint, tes Netz gespannt, sie arbeitet mit Firmen
ja warum das Klima sogar so gut ist, dass und Lesepaten zusammen, mit der
sie kürzlich als erste Hauptschule über- Jugendpolizei, dem SOS-Mütterzentrum,
haupt für den Deutschen Schulpreis no- dem Arbeitsamt. Aber die Schüler und
miniert war, dann liefern sie alle Varia- vor allem deren Eltern müssen halt mitma-
tionen ein und derselben Antwort ab. chen. Während des Spaziergangs durchs
„Dass hier immer die Tür offensteht“, Gebäude kommen drei Mädchen auf
sagt der Hausmeister, Herr Holmer. Walther zu, die alle mit betretener Miene
„Dass die beiden zuhören und nicht so absagen für eine Ferienfreizeit, die die

„Das ist wie ein Messer im Herzen“ chefig sind“, sagt die Sekretärin Frau
Pusch. „Das Gesprächsklima macht viel
aus“, sagt die Lehrerin Beate Dippold.
Schule ihnen bietet, ein phantastisches
Lebensnachhilfecamp. „Bitter, wenn die
Eltern da nicht mitziehen“, sagt Walther.
Die Rechtsanwältin Simone Pietsch vertritt Eltern, die gegen die Lehrer ihrer Kinder klagen Die Antworten wirken wie Scheinwer- „Viele behaupten ja, dass jede Generation
fer, die Jürgen Walther und Elsbeth Zeit- besser integriert ist als die vorangehende.
ler anstrahlen, die diese Schule seit zehn Wir erleben da keinerlei Fortschritt.“
Eine Sechs in Deutsch gefährdet die Ver- man selber betroffen ist. Das ist wie ein Eltern etwas dran. Menschen sind eben Jahren gemeinsam leiten. Walther aber Kürzlich fragte ein schiitischer Kulturver-
setzung? Die Lehrerin hat den Sohn zu Messer im Herzen. Man will dann sein nicht unvoreingenommen. Es gibt eine dreht den Scheinwerfer jedes Mal sofort ein an, ob sie Räume haben könnten. „Die
hart am Arm gepackt? Immer mehr El- Kind beschützen. Studie, wonach jeder Lehrer in seiner zurück auf den Fragenden: „Herr haben aber nicht angefragt, um den
tern ziehen vor Gericht, wenn sie glauben, Steckt dahinter nicht auch der Glaube, Klasse einen Schüler mobbt. Holmer gibt einigen Schülern umsonst Kindern Deutschunterricht zu vermit-
dass ihre Kinder in der Schule schlecht be- das eigene Kind sei perfekt? Der ist doch Und schuld sind nie die Eltern? Schlagzeugunterricht. Ohne Frau Pusch teln, sondern für Arabischunterricht.
handelt werden. Die Berliner Rechtsan- in Akademiker-Kreisen weit verbreitet. Doch, manche Eltern sind uneinsichtig. würde hier eh alles zusammenbrechen. Haben wir abgesagt.“
akt am nötigsten hätten.“ Viel wich- wältin und Mediatorin Simone Pietsch Irrtum! Gerade Akademiker schätzen ih- Aber ich sehe mich als Dienstleister und Frau Dippold ist gestern mit einer Schü- Walter trägt eine Jacke, auf deren Auf-
für das gute Klima und auch den (45) hat sich auf Schulrecht spezialisiert. re Kinder realistischer ein als andere. Sie versuche, zum Wohle des Kindes das Best- lerin ins Krankenhaus gefahren.“ schlag „Danke“ steht. Die hat ihm das
erfolg seien individuelle Treffen, ein geben auch mal zu, dass ihr Sohn stink- mögliche zu erreichen. Letztlich entschei- Eigentlich arbeitet alles gegen sie: Da Kollegium geschenkt. „Na ja“, sagt Zeit-
ongespräch, eine E-Mail. „Die Vor- SZ: Frau Pietsch, wie läuft das Geschäft? faul ist. Die anderen dagegen halten ihre det aber der Richter. Generell besteht eine in Neuaubing viel gebaut wird, hat die ler, „wir haben ihm fünf verschiedene ge-
ung, ich mache zwei Elternabende Simone Pietsch: Prächtig, ich fahre ein Kinder immer für hochbegabt. Mehr als große Unsicherheit darüber, was Lehrer Schule immer mehr Schüler; mehr schenkt. Die hat er jetzt für Sie angezo-
hr und ein Schulfest und dann habe schönes Auto und wohne in einem hüb- zwei Drittel meiner Klienten sind keine dürfen und was Schulen leisten müssen – Raum gibt es dafür nicht, Sprech- und gen. Auf einer steht ,Bin nicht da‘, wenn
hinter mir – das klappt nicht“, sagt schen Viertel . . . Akademiker. Dahinter steckt oft der und auch das ist häufig ein Grund für ein Förderstunden finden mittlerweile drau- er die anhat, weiß man, lieber nicht
er. Gefragt sei vielmehr geduldige, . . . auf Kosten der Eltern, die Lehrer ver- Wunsch, den Sprung in eine höhere sozia- Verfahren. Ein Beispiel sind Kinder, die ßen auf dem Gang statt; nächstes Jahr ansprechen.“ Heute wird er sehr viel ange-
iduelle Kleinarbeit statt kollektiver klagen. le Klasse über das Kind zu schaffen. stottern – das wird im Gegensatz zur Lese- soll es per Dekret eine weitere Ganzta- sprochen, ein Schüler sagt im Vorbeige-
mation per Rundschreiben. Warum nicht? Schule ist ein sehr emotio- Was sind Ihre häufigsten Fälle? rechtschreibschwäche nicht als Defizit an- gesklasse geben; keiner weiß, wo die hen: „Ey, Herr Walther, coole Jacke!“.
warum sollten sich nicht auch die nales Thema. Jede Mutter hat doch ein Ungefähr ein Drittel der Eltern wollen ei- erkannt. Da gibt es eben Eltern, die einen unterkommen soll. Sie müssen immer „Stimmt“, sagt Walther und läuft mit
mehr ins Schulleben einbringen? Schulproblem. nen Platz an einer Schule einklagen. An- Ausgleich verlangen, in Form von mehr mehr Förderschüler übernehmen, gleich- seinem aufgedruckten Dank durch den
elen amerikanischen Grundschulen Aber muss man das gleich vor Gericht sonsten geht es um Noten, Abitur, Ord- Förderung oder den Wegfall von Noten. zeitig nehmen ihnen die Realschulen die Vormittagsniesel davon. Alex Rühle
erwartet, dass Väter und Mütter ei- austragen? nungswidrigkeiten. Das fängt an beim Setzt die Klagewut nicht die Lehrer sehr letzten halbwegs guten Schüler weg.
unde pro Woche im Klassenzimmer Nein, als Mediatorin suche ich erst das Eintrag ins Klas- unter Druck? Willkommen im strukturell gewollten
elfen. So lernen sie die Lehrer besser Gespräch mit der Schule. Für die Kinder senbuch und endet Nein. Die Eltern, die pauschal nur das Bö- Ghetto. Aber alle, der Hausmeister, die
en und ihre Arbeit schätzen. „Je nä- ist das besser, denn sie sind ja diejenigen, beim Verweis von se bei den Lehrern sehen, gehen oft gar Lehrer, die Sekretärin, alle sagen sie,
die Eltern an den Lernprozessen die in die Schule gehen und das aussitzen der Schule. nicht zum Anwalt. Aus meiner Erfahrung das Klima sei hier in den vergangenen
sind“, sagt Sacher, „umso besser müssen. Eltern unterschätzen oft den psy- Eltern klagen we- muss ich sagen, dass viele Lehrer ihr Han- zehn Jahren immer besser geworden.
en Erfolg ihrer Kinder“. chischen Druck, der entsteht. gen eines Eintrags deln und die sich daraus ergebenden Fol- Geht man mit Zeitler und Walther
takes a village to raise a child, sagt Aber wenn Lehrer uneinsichtig sind, ra- in ein Klassenbuch? gen nicht überdenken, sie sind sich ihrer durchs Haus, grüßt jedes Kind. Die bei-
frikanisches Sprichwort, Erziehung ten Sie Eltern zur Klage? Ja, das kann durch- Rolle als Leitbilder nicht bewusst. Das den grüßen jedes mit Namen zurück. Els-
cht viele Menschen, Eltern natür- Ja – das halte ich für legitim. Menschen aus gravierende Fol- sind Menschen, die das Klassenzimmer beth Zeitler erzählt immer wieder von
aber auch Lehrer. Dafür müssen sie fühlen sich ungerecht behandelt und gen haben. Glauben kaum verlassen haben. Die reagieren Schülern, die sie früher mal hatte. Von je-
n, zusammenarbeiten. Zum Wohl wollen dagegen vorgehen. Und wenn es Sie mir, in 90 Pro- meist nur auf juristischen Druck. dem, der im Gespräch auftaucht, von
Kindes, um das es schließlich geht. um den eigenen Nachwuchs geht, ist zent der Fälle ist an wirklich jedem weiß sie, was aus ihm
Jeanne Rubner das Gefühl oft noch stärker, als wenn den Vorwürfen der Interview: Jeanne Rubner oder ihr wurde. Einige ihrer ehemaligen Elsbeth Zeitler und Jürgen Walther oh