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Seite V2/6 WOCHENENDE HISTORIE Samstag/Sonntag, 31. Juli/1. August 2010 Süddeutsche Zeitung Nr.

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Das immerwährende Spektakel


Ob Loveparade, Fanmeile oder „Nacht der Museen“: Die Event-Sehnsucht der Städte ist keine Erfindung der Gegenwart

den. Der Ursprung dieses Brauchs, den ten Heilmittel. Die Vielfalt des Ange- sich Inszenierungen, die man als Spekta- Ausnahmecharakter (auch wenn das Er- te keineswegs ein klares Verständnis ih-
von Robert Kaltenbrunner
Ernest Hemingway durch seinen Ro- bots schien grenzenlos zu sein: Berühmt kel bezeichnete; sie waren zunächst ex- eignis jährlich wiederkehrt), es ist die res Inhalts, doch ist ein neuer Begriff von
man „Fiesta“ weltberühmt machte, waren auch die Jagden auf die Stiere klusiv, mit dem ausgehenden 18. Jahr- Verdichtung von Sinnesreizen, das Ge- Identität in jedem Falle notwendig. Die

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on Woody Allen stammt der geht auf einen Viehmarkt, zurück, zu und die blutigen Kämpfe zwischen Hun- hundert genossen sie auch beim Volk ver- fühl, mit der Masse eins zu werden und in aber ist wiederum ohne eine gewisse
Satz: „Ganz ohne Frage gibt es dem die Metzgerburschen jeden Mor- den und Bären. stärkte Popularität, und die Schaulust ihr aufzugehen: All das scheint schon im- Raumbindung auch heute nicht zu ha-
eine Welt des Unsichtbaren. gen das zu verkaufende Vieh trieben. Natürlich gibt es auch hierzulande tra- kam auf ihre Kosten. Die Jahrmärkte mer das Bedürfnis nach dem Reiz des ben. Denn die mediatisierte Öffentlich-
Das Problem ist, wie weit ist Oder der Karneval in Venedig: Schon ditionsreiche Events; der Karneval re- überboten sich mit lebenden Bildern, Spektakels geschürt zu haben. Aller- keit schafft es nicht, die räumlich erfahr-
sie vom Stadtzentrum weg, und wie lan- zu Zeiten der Serenissima wurden auf giert in Köln, Düsseldorf und Mainz, be- Feuerwerken oder Tiermenagerien, um dings, die Dimensionen der Eventisie- bare zu ersetzen. Ein bisschen überra-
ge hat sie offen?“ Das Bonmot ist hinter- der Piazzetta Feuerwerke abgebrannt; sonderer Jubel gilt den Rosenmontagszü- die Gier des Publikums auf Ungewöhnli- rung sind neu. Unsere Gesellschaft schend kommt das schon. Noch vor 15, 20
gründiger, als es zunächst den Anschein Akrobaten und Seiltänzer traten auf; gen. Auch der Christopher-Street-Day, ches zu befriedigen. macht einen so gravierenden wie schlei- Jahren ist uns prophezeit worden, dass
hat. Denn irgendwie hängen das außerge- dem staunenden Publikum wurden diese oft burleske Straßeninszenierung Woher kommt diese Anziehungskraft, chenden Wandel durch, der mit Begrif- die Menschen in Zukunft vorwiegend vor
wöhnliche Ereignis und die City ja tat- wilde Tiere in Zwingern präsentiert, der Schwulen- und Lesbenszene, ist ein was steckt dahinter? Lassen wir die je- fen wie Erlebnis-‚ Risiko- oder Multi-Op- Bildschirmen und unter Datenhelmen ho-
sächlich zusammen. Was wiederum auch Lotterien lockten, Astrologen weissag- neuzeitliches Äquivalent solcher Tradi- dem Herrscher willkommene Kompensa- tionsgesellschaft fassbar werden soll. cken, dass sie sich in einer bloß virtuellen
Tradition hat: Bereits der spätere Reichs- ten die Zukunft, Quacksalber verkauf- tionen. Schon im Barock entwickelten tionswirkung einmal beiseite: Es ist der Zwar ergibt der Kanon dieser Schlagwor- Realität, auf Daten-Autobahnen und im
kanzler Gustav Stresemann urteilte über Cyberspace, nicht mehr körperlich, son-
das 1906 fertiggestellte Kaufhaus Wert- dern nur noch fiktiv tummeln werden.
heim am Leipziger Platz in Berlin: Nun weiß man, dass eher das Gegen-
„Wenn man heute in einer Familie hört: teil stimmt: Je mehr die Gesellschaft in
Wir gehen zu Wertheim, so heißt das abstrakten Zonen kommuniziert, arbei-
nicht in erster Linie, wir brauchen irgend- tet oder einkauft, desto stärker scheint
etwas, sondern man spricht von einem umgekehrt das Bedürfnis nach „echtem
Ausfluge, den man etwa nach einem schö- Raum“ zu sein. Plätze, Fußgängerzonen,
nen Ort der Umgegend macht.“ Parks und zentrale Straßenzüge stellen
Dieser Erlebnis-Charakter scheint nach wie vor eine Bühne dar, auf der
mittlerweile zum grundsätzlichen We- sich die Gesellschaft – auch visuell – arti-
senszug avanciert zu sein. So zeigt sich kuliert. Freilich kommt dafür weder
die vielerorts anberaumte „Lange Nacht Suburbia, noch die grüne Wiese oder ir-
der Museen“ als überaus durchschlagen- gendein Gewerbegebiet in Betracht. Die
de Marketing-Idee, sodass man sie flugs Staffage muss schon stimmen.
um die „Nacht der Wissenschaften“ er- Dabei haben wir es heute eher mit dif-
gänzte. Welch zwingende Rolle gerade fusen Teilöffentlichkeiten zu tun, die
die Innenstädte als Erlebnisraum heute sich weniger über Politik, Diskurse, Bil-
spielen, das zeigen auch diverse Sport- dung oder Soziales definieren, dafür
ereignisse, die sich dynamisch vermeh- über Bilder, Moden und Rituale. Viele öf-
ren: ob City-Marathon, Inline-Skating fentliche Orte sind deshalb „partikular“
oder Beach-Volleyball – gesucht wird – zwar im Prinzip für alle zugänglich, de
die Unmittelbarkeit des live-acts, facto aber einer bestimmten Gruppe zu-
das authentische Feeling, die Ener- geordnet. Eine solche Umdeutung des
gie einer in Dynamik versetzten öffentlichen Raums stellt seine Nut-
Masse. Und offenbar braucht es zung etwa für Skateboarding, BMX,
die städtische Kulisse, vor der Breakdance oder die Techno-Bewe-
diese Events erst ihre eigentli- gung dar. Dass es gerade in den
che Wirkung entfalten. Städten ein starkes Bedürfnis
Nun gehören solche Ereig- nach einem ritualisierten, insze-
nisse und Festivitäten seit je- nierten Spektakel gibt, darauf
her zur Stadt. Denn zuge- hat Guy Debord in seinem Buch
spitzt kann man sagen, dass „Die Gesellschaft des Spekta-
es gerade die Events – vielfäl- Events im Altertum und in der kels“ bereits 1967 kritisch hinge-
tigste Markt-Aktivitäten Neuzeit. Oben: Vasenbild mit wiesen. Daraus hat sich nun ei-
und ebenso religiöse Feste olympischen Disziplinen der ne Theorie entwickelt, nach der
und Darbietungen – waren, Antike (Interfoto). Darunter: besonders die Singles auf der
die eine Besonderheit urba- Läufer und Zuschauer beim Suche nach inneren und äuße-
nen Lebens und den Unter- 25. Marathon in Hamburg (Reu- ren Erlebnissen die traditionel-
schied zum Land ausmach- ters). Unten rechts: Gladiatoren- le Sesshaftigkeit und die so-
ten. Schon im antiken Athen kämpfe im alten Rom. (Visum). zial- und realräumliche Bin-
wurden die klassischen Tra- Unten links: Stierläufe im spani- dung an den Wohnort abge-
gödien meist im Rahmen fest- schen Pamplona (Visum) streift haben. Wie spätmoderne
licher Dichterwettbewerbe Stadtnomaden nutzen sie dieser
aufgeführt. Und auf der Ago- Theorie zufolge die Stadt als Ku-
ra wirkte der Philosoph Sokra- lisse ihrer eigenen Darstellung
tes öffentlichkeitswirksam auf und als Bühne ihrer Selbstinsze-
seine Mitbürger ein. nierung. Ihr Wohnraumbedarf
In Olympia wurde der Typus sprengt dabei die stadtspezifische
des Sportfests begründet. Nach Teilung der Lebenswelten in öffent-
neueren Forschungen gilt als liche und private Sphären: Singles
wahrscheinlich, dass die Spiele auf beschlagnahmen den Stadtraum und
kultische Feste zu Ehren Rheas, der machen ihn zu ihrem Wohnzimmer,
Mutter von Zeus, zurückgehen. Sie zum Repräsentations-, Spiel- und bei Be-
waren im Kern religiöse Feste, die darf auch zum vernetzten Arbeitsraum.
nach und nach ein umfangreiches und
populäres volksfestähnliches Beipro-
gramm boten. Insgesamt verbanden sich
auf der Spielstätte Sport und Kult, Wei- Das Oktoberfest ist
hehandlung und Wettstreit; während der
im Vier-Jahres-Turnus abgehaltenen eine multisensuale
Spiele galt eine ‚heilige Waffenruhe‘. Das Echtzeitveranstaltung.
Volk ebenso wie Diplomaten und politi-
sche Vertreter aus allen Teilen der grie-
chischen Welt nutzten die Tage als gesell-
schaftliches Forum. Dabei stellte das Entsprechend vermischen sich nun
antike Großereignis enorme Anforderun- aber auch die Sphären von Stadt und
gen an Organisation und Logistik: Ganze Event. So hat sich etwa rund um die jähr-
Zeltstädte wurden zur Unterbringung lich stattfindende Segelregatta der ‚Kie-
der Menschenmassen eingerichtet. ler Woche‘ – das maritime Großereignis
schlechthin – das größte Sommerfest im
Norden Europas etabliert. Auch das
Münchner Oktoberfest, lang tradiertes
Das Volk, schimpft regionales Brauchtum, reüssiert als au-
ßergewöhnliche, multisensuale Echtzeit-
Juvenal, will nur veranstaltung, die mehr ist als eine tou-
noch Brot und Spiele.
Paradiesische Tage rismusfördernde Folklore. Es geht um
das kollektive Erleben in Echtzeit und
am realem Ort. Nur so lässt sich erklä-
„Zwischen den unzähligen kleineren Gebäuden ihrem Bier, und Hundert weitere wälzten sich un- jeden nicht mehr ganz Nüchternen dazu ren, dass das Public Viewing nicht nur
Eine legendäre Rolle bei diesen Sport- des Jahrmarkts erhoben sich um uns die von den entwegt auf und ab und hielten Ausschau nach verführt, sich neben der Ikone mit dem bei Fußballbegeisterten Freudengefüh-
festen spielt die Stadt Rom; kein anderer berühmten Brauereien errichteten imposanten einer Lücke. […]Jedermann aß; jedermann trank. unvermeidlichen Mobiltelefon selbst abzulichten. le auslöst. Die Gemeinsamkeit scheint
Ort wird historisch stärker mit Spiel, Bierhallen. Und so dicht die Menge vor den Buden Ein mörderischer Hunger, ein Hunger, der keine Die lokalen Brauereien haben ihre eigene „Fiesta“ überhaupt einen neuen Stellenwert er-
Event und Spektakel in Zusammenhang und Attraktionen auch gewesen war, schien sie Besänftigung kannte, der sich alles gebratene mit unbezahlter Werbung unter dem Heming- reicht zu haben: Museen und Denkmäler
gebracht. Das Kolosseum, einst Amphi- doch klein verglichen mit der Menge, die diese Ochsenfleisch, alle Würste, allen Salzfisch auf der way-Kopf. Papa „verkauft“ inzwischen alles: werden im Kollektiv besucht, mehr oder
theatrum Flavium genannt, der größte ge- riesengroßen Gebäude füllte – gewaltige Zelte, Welt einverleiben wollte, packte mich und hielt T-Shirts, Plakate, Krüge und kurioserweise auch minder homogene Touristen-Pulks
schlossene Bau der römischen Antike deren jedes die Menschen zu Tausenden fasste. mich in seinen Klauen. Auf der ganzen Welt gab es noch immer jenes Buch aus den zwanziger Jahren durchstreifen mit Leihfahrrädern die
überhaupt, war Veranstaltungsort von Unmittelbar vor mir konnte ich jetzt von weitem die nichts als Essen – glorreiches Essen. Und Bier – mit dem biblischen englischen Titel „The sun also Städte; ausgesuchte Kneipentouren er-
Spielen, die in aller Regel höchst grau- große rote Fassade der Brauerei Löwenbräu Oktoberfestbier. Die Welt war ein einziger gewalti- rises“. Es ist der zeitlose Reiseführer für Amerika- freuen sich einer generationsübergrei-
sam waren und bei denen jeder freie Be- sehen, mit den zwei aufsteigenden königlichen ger Schlund – es gab keinen erhabeneren Himmel ner, Australier und ein buntes europäisches Ge- fenden, selbst das Spazierengehen wird
wohner Roms kostenlos mitschaudern Löwen in ihrem stolzen Wappen. Doch als wir uns als eben dieses Paradies von Stopf und Pfropf. misch, die seit dem Startschuss um zwölf Uhr in organisierter Truppenform prakti-
konnte. Das hatte Folgen: Nur noch „pa- dem mächtigen Gebrüll näherten, das von der Alle Anfechtungen des Gemüts waren hier verges- mittags am Montag wieder den Nervenkitzel der ziert, und zwar nicht nur, wenn die Se-
nem et circenses“ – „Brot und Spiele“ Halle gebändigt wurde, erkannten wir die Aus- sen. Was wussten diese Leute von Büchern? Was morgendlichen Stierläufe und die trunkene Selig- henswürdigkeiten des Baedeker, Weih-
wünsche sich das ängstliche und entpoli- sichtslosigkeit, dort einen Platz zu finden. Tausen- wussten sie von Bildern? Was wussten sie vom keit der langen Nächte suchen.“ (Aus: „Papas nachtsmärkte oder Fastnachtsumzüge
tisierte römische Volk, kritisierte der de von Menschen brüllten an den Tischen über millionenfachen Aufruhr der Seele, dem Kampf letzte Fiesta“, Leo Wieland, F.A.Z, ) als Ziel angepeilt werden.
Dichter Juvenal schon vor zwei Jahrtau- und den Kümmernissen des Geistes, den Hoffnun- Was bedeutet das nun? Man mag die
senden. Und über Kaiser Trajan wird be- gen, Ängsten, Hassgefühlen, Misserfolgen und wachsende Wertschätzung des kollekti-
richtet, er habe Massenunterhaltungen Begehrlichkeiten, dem ganzen Fieberknäuel des ven Erlebnisses als Derivat der Popkul-
besonders gepflegt, in der festen Mei- modernen Lebens?“ (Aus: Thomas Wolfe:,Das tur abtun, man kann die zunehmende
nung, das Volk lasse sich besonders Oktoberfest., übersetzt von Irma Wehrli,Manesse.) Kommerzialisierung der Innenstädte be-
durch Getreide und Schauspiele im klagen. Doch der öffentliche Raum gestal-
Schranken halten. „Fünfzig Jahre nach dem letzten großen Auftritt in tet sich immer wieder neu, bleibt ein Mul-
Die weite Verbreitung des urbanen seiner spanischen Wahlheimat gedenkt Pamplona tioptionsraum, Heute dient er als Erleb-
Spektakels ist historisch belegt. Man den- nun mit einem „Hemingway-Tag“ des Mannes, nis-Raum, der viele Formen des Freizeit-
ke da an Pamplona, das vor allem für die nach dem es schon eine Straße benannt und dem verhaltens ermöglicht. Dazu braucht es
alljährlichen Sanfermines berühmt ge- es ein Denkmal direkt vor der Stierkampfarena nicht unbedingt eine Loveparade. Denn –
worden ist. Deren größte Attraktion sind errichtet hat. Nicht jede Hommage ist geschmack- sei es im Englischen Garten in München,
die Stierläufe (spanisch encierros), die je- voll. Die „Hemingway-Ecke“ im Café Iruña ziert an den Alsterarkaden in Hamburg oder
den Morgen durch die Straßen zwischen zum Beispiel eine ziemlich grauenhafte Statue, die am Winterfeldtplatz in Berlin– diese Räu-
den am Rand der Altstadt gelegenen Stäl- me werden durchaus genussvoll öffent-
len und der Stierkampfarena stattfin- lich konsumiert. Und zwar: einfach so.