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Arturo Hotz

BLICK ÜBER DEN ZAUN

Auf die ewige Frage: „Worauf kommt es an?“ – die klare Antwort: „Auf höchstem Niveau entscheiden die Details!“

Blickpunkt „London 2012“ als Rückblick mit Durchblick zum Ausblick

Wer vor allem ergebnisfixiert ist, wird besonders nach (olympischen) Groß- anlässen – bestimmten Journalisten nicht unverwandt! – eher ungeduldig die Frage stellen: „Welche Lehren müs- sen nun daraus gezogen werden?“ Doch bevor womöglich einige Köpfe rollen, stehen die Verantwortlichen – stets unter anderen akzentuierten Vor- aussetzungen – vor der Herausforde- rung der „Nachbereitung“, nämlich den gesamten Trainings- und Wett- kampfprozess kritisch zu durchleuchten, um die wesentlichen Wirkungs- und Ab- hängigkeitszusammenhänge erfassen und daraus erste wichtige und richtige Konsequenzen ziehen zu können (siehe Info). Schuld-Attribuierung aber ist ein schlechtes Evaluationskonzept.

Eingegangen: 5.12.2012

1. Die Zeit wird knapper, die Spiel- räume werden enger und der Stress wird größer!

Worum geht es? Die etwas klischeehafte Ant- wort lautet: „Es geht darum, zur rechten Zeit am richtigen Ort auch die entscheidenden De- tails richtig zu tun, zumal auch die Konkurrenz keineswegs schläft!“ Und wenn etwas nicht ganz rund gelaufen ist, dann muss in der Nach- bereitung wegweisend ergründet werden, wes- halb das angestrebte Optimale eben nicht, wie angedacht, real vollendet werden konnte.

Sämtliche trainingswissenschaftliche Erkennt-

nisse erfüllen in diesem Auswertungsprozess Referenzfunktionen: Evaluieren ist ein Abwä-

gen der einzelnen Leistungskomponenten – die

einen wurden vermeintlich richtig gefördert, während die anderen ex post wohl eher subop- timal dosiert worden waren, wie einige Trainer und Athleten vom Misserfolg ablenkend zu sa- gen pflegen.

„Vielleicht ist heute der Physiotherapeut im Gesamtkomplex von Training und Wettkampf wichtiger geworden als der Coach …?!“ (Schweizer Tennistrainer)

Um das Gute wie das Ungenügende genau und vor allem weiterführend herauszufinden, wird in der Praxis meist nach der Methode: Versuch und Irrtum vorgegangen. Trainingswissen- schaftler hingegen stellen vor allem Fragen:

Sind es primär individuelle oder aber kon- zeptionelle Unzulänglichkeiten, die den ange- strebten Erfolg verhindert haben?

Welcher Leistungsaspekt wirkt inwiefern auf

das Gesamtgefüge?

Können diese Leistungsanteile oder die Wir-

kungseinheit differenzierter erfasst oder sogar auch gemessen werden?

Wie können überhaupt die physischen und

die psychischen Wirkungskomponenten auf dem Prüfstand in ihrer komplexen Wechselbe- ziehung gewichtet werden?

Allenthalben ist kritischer Rationalismus (sen-

su Popper) gefragt, doch fast jeder Auswerter hofft insgeheim auf möglichst kausale Wenn- dann-Zusammenhänge: Evaluieren ist aber kein Wunschkonzert, auch dann nicht, wenn einzel- ne Leistungserbringer gleichsam als Kronzeu- gen einbezogen werden. Dann wächst zwar vielleicht die Hoffnung, die Nüsse dennoch knacken zu können, doch das Hoffen ist meist von kurzer Dauer, denn die erfahren reflektie- renden Akteure, die es an sich ja wissen oder zumindest ahnen und spüren sollten, verwirren oft mehr mit ihrer „Expertise“, als dass sie mehr Licht in die Unwissenheit hineintragen:

„Weshalb ich siege oder verliere, weiß ich im Grunde genommen nie so ge- nau! Auch nicht, woran es in jenen vielleicht entscheidenden Momenten gerade gelegen oder eben geman- gelt haben mag: eigenes Können oder fremd-induziertes Pech!? Dank Konzentration gewonnen oder durch eine mentale Panne gescheitert!? Richtig antizipiert und doch fehlbe-

INFO

Schweizer Trainertagung im Dienste der Evaluation

Eine Tradition, die sich bewährt hat: Seit 45 Jahren (sic!) treffen sich jeden Spätherbst die Schweizer Spitzentrainer zur Magglinger Herbsttagung. Dr. Adrian Bürgi, Leiter der Schweizer Trainerbildung, führte in den alle zwei Jahre wiederkehrenden Fokus ein: Aus- wertung des jeweiligen olympischen Groß- anlasses! Woran kann das in „London 2012“ erzielte Delegationsergebnis gemessen, in- wiefern verglichen, vor allem aber klassisch analysiert, je nachdem wohlwollend einge- stuft und nüchtern interpretiert werden? Wo

und wie gilt es, die Hebel künftig anzusetzen, und welche Leistungsanteile müssen vor- dringlich mit welchen verbindlichen Vorgaben und wünschenswerten Maßnahmen hinter- fragt und endlich optimiert werden? Groß waren das Interesse und die Aufmerksamkeit, der Erfahrungsaustausch war entsprechend intensiv, die wissenschaftliche Substanz er- freulich praxisnah und die Auskunftsqualität der Verantwortlichen für einmal hoch!

Allein: Nach der Tat, hält der Schweizer Rat!

BLICK ÜBER DEN ZAUN

ABB. 1 Technik als Präsentationsform der Leistung PHYSIS PSYCHE Konditionelle Emotionale Substanz Substanz Dosis
ABB. 1
Technik als Präsentationsform der Leistung
PHYSIS
PSYCHE
Konditionelle
Emotionale
Substanz
Substanz
Dosis
Mental-
Koordinative
taktische
Kompetenz
Kompetenz
Hotz (2012)
STEUERUNG
ENERGIE

rechnet!? Ungenügend im Abrufen des Potenzials oder dank Bewegungs- und Bauchgefühl hervorragend do- siert!? Ehrlich gesagt: Ich weiß es wirk- lich nicht und trainiere weiter hart an mir!“ (Ingemar Stenmark)

Schon vor mehr als 30 Jahren war es Ingemar Stenmark (geb. 1956) – die bisher erfolgreichs- te alpine Ski-Legende –, der von solchen Ein- sichten und subjektiven „Wahrheiten“ erleuch- tet war! Der meist schweigsame Schwede konnte mit seinen spärlichen Äußerungen –

„Liegst du zurück, musst du im zweiten Lauf

schneller fahren!“ – mit spielerischer Leichtig- keit zu Sepp Herberger (1897-1977) aufschlie- ßen, der mit seiner nur schwer widerlegbaren Binsenweisheit – „Der Ball ist rund!“ – ebenso nachhaltig überzeugt hatte.

2. Von der analytischen Bilanz zum systemisch verstandenen Fazit

Manche Auswertungsseminare kommen einem

wie Repetitionskurse im Bereich Trainingslehre vor, denn es werden so ziemlich alle Register der einzelnen Fachkapitel gezogen, die mit al- ler Gründlich- und Wahrscheinlichkeit „auch noch und außerdem“ als mögliche Analyse- Referenzwerte ins Auge gefasst werden könnten:

Wie kann das Hochleistungstraining im Rah-

men unterschiedlicher Trainingssysteme struk- turiert, periodisiert sowie das Belastungs-

Erholungs-Gefüge individuell abgestimmt do- siert werden, zumal die Höchstleistungen im Schnitt immer früher erzielt werden?

Die (Variations-)Spielräume im Konzipieren

des Leistungsaufbaus werden immer kleiner, die Leistungsdichte wird stets größer, und die Medien bestimmen zunehmend, wie Wett-

kampfabläufe möglichst adressatenattraktiv zu arrangieren sind.

Inwiefern wirken sich Änderungen in den Regelsystemen auch kontraproduktiv aus?

Wie wirkt die tendenzielle Konsequenz,

möglichst stressfreie Rahmenbedingungen zu

schaffen? Und für welchen Athlet(inn)entyp

sind sie inwiefern leistungssteigernd? Kann das

Optimale, sich über längere Zeitabschnitte erstreckende, wirklich ohne (jeglichen) Druck erzielt werden? Geheimtipp oder Theorien oh- ne Praxisbezug?

Welche Referenzwerte und Erhebungsins-

trumente gibt es (bereits), um die subjektiv beste Güte sowie die Dosis der Intensität – zu- dem auch noch die Leistungsreserven! – im

Hinblick auf ein qualitativ gesteigertes Training erfassen und messen zu können?

Kann das Niveau unserer Materialforschung

im internationalen Quervergleich bestehen?

Wie muss der individuell abzustimmende

Mix – „Substanz erwerben! – Kompetenz ge-

stalten?“ – in der Funktion eines Anforde- rungsprofils eingefügt werden, und zwar im Spannungsfeld zwischen Energie und Steue- rung einerseits sowie physischen und psy- chischen Akzenten anderseits? (vgl. das sport- artenübergreifende Anforderungsprofil als Strukturmodell; sensu Hotz, Abb. 1).

Beim Auswerten und Evaluieren geht es gleich dreimal um ein praxisrelevantes Ziehen:

vorerst einer Bilanz (Aufschlüsselung der

erzielten Ergebnisse),

dann eines Fazits (Relativierung und diffe-

renzierte Einschätzung der erbrachten Gesamt- leistung) und

schließlich von folgerichtigen und verant- wortungsbewussten Konsequenzen (Maßnah- men im Dienste einer „besseren“ Zukunft).

In eine sequenzierende Trilogie (sensu Hotz) eingefügt bedeutet dies:

vorerst: Orientieren an der Bilanz!

danach: Differenzieren im Fazit!

schließlich: Integrieren in die zu ziehenden Konsequenzen!

Als Quintessenz davon müsste dann auch die Trainer-(Aus)bildung entsprechend kompe- tenzorientiert und in möglichst praxisnahen Modulen gestaltet werden:

Die Qualität der Evaluation steht und fällt

mit der Stimmigkeit und Relevanz der festzule-

genden Kriterien! Also ist kriteriengeleitetes Evaluieren eine an- spruchsvolle Herausforderung, die weit über ein induktives, vorwiegend interpretatives Aus- werten von Ergebnissen und Resultaten hi- nausgeht!

Die wesentlichen Trainer-Qualitäten und

-Kompetenzen zielen auf das erfolgreiche Steuern der unberechenbaren Prozessdynami- ken in den nicht minder komplexen Prozessver- läufen.

3. Das Wesentliche zu erkennen, erfordert das Reduzieren des Komplexen

Jede Analyse eines (Top-)Ereignisses beginnt mit einer approximativen Einschätzung der Gesamtsituation davor und danach. Was folgt ist eine (spontan-intuitive) Interpretation, die schließlich durch Ausschlusskriterien auf ihre Validität überprüft wird. Die Leitidee oder die Wunschperspektive jeder möglichst ganzheitlichen Auswertung möchte dem hohen Anspruch genügen, die erkannte Komplexität zu reduzieren, um am Ende der Eva- luation Erfolge und Niederlagen auf einzelne, zudem wenn möglich auch auf erfass- und messbare Leistungskomponenten zurückfüh- ren zu können. Die Antwort auf die noch immer faszinierende Frage: „Woran liegt oder fehlt es?“, könnte

möglicherweise lauten: Fehlendes logisch-sys-

temisches Denken! Und alsbald kreist die nächste Frage in der Runde: „Was heißt denn systemisches Denken?“

Nachfolgend einVersuch, das Wesen des Syste- mischen zu klären:

Das Gefüge von Situation – Aufgabe – Person als untrennbare Einheit zu verstehen, bedingt ein Produktverständnis, das den Produktpro- zess nicht (wie meist!) als additiv-willkürlich konstruierbar interpretiert und ihn auch nicht als ein Zusammensetzen von aneinanderge- reihten Bausteinen erfasst und versteht. Ange- strebtes Ziel jeder ganzheitlich-systemischen Auswertungsstrategie bleibt das sinnstiftende Entwickeln und Konstruieren eines – auch dank seiner Wechselbezüge überzeugenden – Erklä- rungsmodells, an dem wir uns vermehrt orien- tieren müssen, um umfassender abwägen und vielleicht auch hinreichend differenzierter qua- litativ beschaffene Werte quantifizieren zu kön-

nen. Mit einem solchen Datenerhebungsmodell

sollte es dann, wenigstens wahrscheinlicher als bisher, gelingen können, unter den gegebenen Bedingungen die „richtigen“ Schlüsse folge- richtig(er) zu ziehen.

4. Gesucht: die „ganze Wahrheit“ –

die Bedingungen der Möglichkeit

Wer weiterführend – also praxisnah und aus- bildungsrelevant – Wettkampfresultate aus- wertet, wird bald erkennen, dass Medaillen- ranglisten zwar (oder vielleicht) notwendig sind, aber eben nicht die ganze Wahrheit in sich bergen! Sondern? Erneut um Glaubwür- digkeit ausstrahlende Worte bemüht, müssen wir in erster Linie eingestehen, dass oft das Unerklärliche, aber auch die herausfordernden Rätsel der Details sowie die kleinen und größe- ren Wunder des Augenblicks uns über den Moment hinaus, dank ihrer Unfasslichkeit, zwar grundlegend beschäftigen, aber auch be- glücken können. Faktum bleibt in Stein gemeißelt: Erfolge kön- nen letztlich nicht hundertprozentig geplant werden, doch es können die Bedingungen der Möglichkeiten diskutiert werden, wie einzelne Misserfolge wahrscheinlicher vermieden wer- den könnten, und zwar durch das Aufdecken bestimmter Ursachenketten in ihren Zusam- menhängen. Zum Faszinosum des Sports gehört aber auch diese Faszination des Ungewissen: Wir können nicht immer alles begründen und verstehen, doch gerade in diesem Phänomen tankt unsere Leidenschaft auf und das Erkunden individuel- ler Leistungsgrenzen entzückt und beflügelt uns zusätzlich. Darauf möchten wir niemals verzichten wollen: Es lebe die Bilanz! Es lebe das Fazit! Und das heißt: mehr Energie und besser dosierte Steuerung oder ganz einfach –

höhere Geschwindigkeit sowie größere Präzi- sion!

„Ich war sehr erfolgreich, aber jetzt bin ich verwirrt, denn gemessen an dem, was heute wissenschaftlich er- kannt worden ist, haben wir damals so ziemlich alles falsch gemacht! Viel- leicht ist eben doch vieles relativ?!“ (Schweizer Handballtrainer)

5. Trainings- und Wettkampfprozesse

sind am Ende irrationale Gefüge

Welche Art Auswertung ist eher rückblickend- analytisch erhellend und welche systemisch- verstehend zukunftweisend? Vorerst einmal:

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist menschlich und dominiert in jeder Szene. Über sie auch in einer Standortbestimmung verfügen zu kön- nen, widerspiegelt sich unter anderem im Stre- ben nach Trends und Standards: Besonders die Statistiker interessiert es offensichtlich, ob im

internationalen Quervergleich Absolutes (Re-

sultate) durch entsprechende Interpretationen deutlicher oder aber allenfalls schonungsvoller relativiert werden könnte. ZumVergleichen bie- ten sich beispielsweise jene Staaten an, die zu

den demokratisch regierten Nationen zählen und deren Talent- und Finanzpotenzial zumin- dest ähnlich strukturiert scheint. Als mögliche Bezugswerte im Sinne von Indikatoren und Gradmessern bieten sich u.a. das Bruttosozial- produkt an, neben der Bevölkerungszahl die Sport-Dachverbandorganisation, der staatliche Unterstützungsumfang sowie die teilweise kul- turabhängige sportbezogene Tradition im Lan- de. Diese Relativierungen im Rahmen einer olympischen Bilanz kümmern allerdings die Sportöffentlichkeit – im Gegensatz zu den Öko- nomen – weit weniger, und wenn schon, dann kaum nachhaltig, und vermögen wohl die be- reits erfolgten (Vor-)Verurteilungen nicht zu modifizieren.

„Bis zu einem gewissen Punkt gehören die mentale und die psychische Mü- digkeit zusammen. Wir bewegen uns hier in einem Bereich, der nicht fass- bar ist: Warum verzieht einer eine Vor- hand, die er normalerweise sicher ins Feld spielt? Ein falscher Gedanke reicht, und schon ist die Konzentration weg und sind die automatischen Be- wegungsabläufe gestört. Wer weiß, wie wenig es braucht, die Konzentra- tion einen Sekundenbruchteil zu ver- lieren, der kann abschätzen, was Ro- ger Federer geleistet hat, so konstant so viele dieser engen Matches zu ge- winnen. Er hat für mich mehr Matches gewonnen, in denen der andere im Prinzip besser spielte, als jeder andere Tennisspieler, den ich kenne. Das zeichnet den absoluten Champion aus.“ (Heinz Günthardt, geb. 1959, ehemaliger Spitzenspieler und u.a. Trainer von Steffi Graf)

Leider helfen auch längst erkannte Einsichten kaum je weiter, wenn sie nicht als Leitideen konkretisiert werden können. Allein die Fest- stellung, dass Olympische Spiele eben ganz spezielle Wettkämpfe seien, an welchen bisher zu wenig berücksichtigte Details, zumal aus dem Nichts heraus, plötzlich (match-)entschei- dend sein können, leuchtet auch Nicht-Exper- ten ein. Dieses Einsteigerwissen ändert aber

wenig an der zu analysierenden Prozessdyna-

mik, die am Ende den Prozesserfolg bestimmt. Nichts ist schwieriger, als die Realität zu erken- nen, wobei aber dazu die Anforderungsprofile von Olympia 2014 und 2016 oder gar 2020 und 2022 – sowie die dahin führenden Maßnahmen – in ihrer Leuchtturmfunktion wegweisend sein könnten! Wie ironisch beruhigend ist es doch, dass der einst berühmte Philanthrop in Schnepfenthal (bei Gotha), Christian Gotthilf Salzmann (1744- 1811), bereits vor mehr als 200 Jahren seine zentrale Einsicht auch journalistisch pointiert auf den Punkt gebracht hat:

„Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausfüh- ren können?“

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Dieser Fokus ruft allerdings die Trainer- (Aus)bilder wieder auf den Plan: Die künftig er- folgreicheren Trainer müssen wohl vermehrt kompetenzorientiert und vielleicht auch durch anders gewichtete Stoffpläne auf ihre Spitzen- sporteinsätze vorbereitet werden! Und wie se- hen denn diese „Leute“ aus, „die sie [die Theo- rien] ausführen können“?

Leistung als Bildungsprozess: „Dank Bildung durch Sport könnten nicht nur

Trainer(innen), sondern auch Athlet(inn)en beispielsweise vermehrt logisches Denken, mentale Kontrolle, Flexibilität und Variabilität im Planen und Agieren, Respekt als ethikbezo- gene Haltung und Empathie im Han- deln, emotionale und nonverbale Ausdrucksfähigkeit, Empfindungstiefe und ‚gesunde’ Willensstärke ent-

wickeln

ist es!“ (Schweizer Trainingspädago- ge)

Schön wär’s, aber möglich

Die Zahl der ungelösten Rätsel im Leistungs- Entwicklungsprozess wird trotz Erfahrungsge- winn, trotz vertiefter Reflexion und angeblich erfolgreicher Forschung, nicht geringer: Wo- rauf es denn ankomme, lautet noch immer die bange Frage? Allenfalls stirnrunzelnd wird ein- gestanden, dass es noch immer je nach (Zu-) Fall und dessen Interpretation eben ganz spezi-

fisch auf die Konstellation zwischen Situation, Aufgabe und Person ankäme.

6. Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse auf Trainerseite

Als Fazit kann folgende Bilanz in einer Trilogie formuliert werden:

Erfahrungen sind notwendig,

Einsichten sind nützlich und

Erkenntnisse sind schließlich dann vor allem souverän, wenn es zudem gelingt, die Konse- quenzen daraus zu ziehen und diese dann auch umzusetzen!

Immer wieder ist von Trainerseite zu hören, dass die oft rhythmisch verlaufende, oft auch völlig unerwartet sich entwickelnde Wett- kampfsituation in den meisten Fällen bezüglich ihrer Eigendynamik nur unzureichend erfasst, ungenügend vorausgesehen und oft gar nicht prognostiziert werden könne. Nicht nur bei olympischen Titelkämpfen werden fast alle Pa- rameter leistungsrelevant – wird geklagt und als Misserfolgseingeständnis in Worte ver- packt! Auch Athletinnen und Trainer wissen sehr wohl, was gefragt ist, nämlich in jedem

entscheidenden Moment rechtzeitiges Antizi- pieren, um dadurch (auch) mehr Zeit zur Re- flexion und zur Planung der Antwort zu gewin-

nen. Die Gegner sowie die Gesamtsituation können trotz geschultem Röntgenblick offen- sichtlich nicht hinreichend durchschaut und so

auch nicht im Voraus gelesen werden

! Und

welche Antworten hat diesbezüglich die Sport-

wissenschaft parat?

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Realistisch(er) und vielleicht auch etwas bescheidener bleiben: „Mich fasziniert es, wie heute Trainer und Wissenschafter gemeinsam versu- chen, hinter die letzten Geheimnisse des Leistungssportes zu kommen. Das (Gemeinsame) war früher nicht im- mer so. Da glaubten zu viele Sieben- malkluge, dass sie uns Praktiker be- muttern und bevormunden müssten. Dabei habe ich persönlich nur gute Erfahrungen gemacht mit dem Motto:

Probieren geht über Studieren! Die für mich nachhaltigste Erkenntnis war aber, dass nicht die Gefühle und die Gedanken der Athleten das Entschei- dende sind, sondern die Art und Weise des Umgangs mit ihnen.“ (Ein Doyen der Schweizer Trainergilde)

Zwar gebe es inzwischen neue Diagnosemess- geräte, neue Tests und auch neue Datenerhe- bungsmethoden, doch viele Trainer beklagen

sich mehr denn je, dass sie vor lauter sportwis- senschaftlichen Tests kaum mehr zu genügen- dem individuellen Training kommen, zumal qualitative Messmethoden eher Mangelware oder zu wenig weit entwickelt seien, während Sportpsychologen zunehmend unbezahlbar

! Allerdings: Wann immer Trainer und

werden

Athleten mit den Sportpsychologen schon im Vorfeld der Titelkämpfe zusammengearbeitet haben (oder hätten?), sei es meist besser her- ausgekommen, denn die Kontakte und die Ver- trauensbasis seien dann viel einfacher und die Zusammenarbeit wirkungsvoller. Zudem: Acht-

samkeit als Interventionskonzept!

Den Praktikern mache es oft zu schaffen, dass jede Situation durch ein eher irrationales Gefü-

ge von ungeahnten Wechselbeziehungen ge- kennzeichnet sei. Hier beginne denn auch eine bestimmte Überforderung und ein Gegen- Trainingsmittel gebe es offenbar keines. Die entscheidenden Fehler im Kern erkennen, um künftig diese Fehler vermeiden zu können, heißt praktisch im Nachhinein die Forderung jeder Auswertung. Auch langfristig gesehen

werden sich alle betroffenen Lager darum be- mühen, die sogenannt wahren Beweggründe richtig erfassen, zweckdienlich quantifizieren und im Rahmen systemischen Denkens und Erklärens besser als zuvor in den sogenannten Griff zu bekommen. Und was bedeutet das?

Welche anspruchsvollen Kompetenzen

braucht es?

Wie können sie theoretisch aufbereitet und

in der Praxis hinreichend erworben und gefes-

tigt werden?

Wie sieht dann ein solches konsequent

strukturiertes Trainingkonzept aus?

Wie werden diese Fähigkeiten (Funktions-

potenziale) und Fertigkeiten dann konkret und erfolgreich ein- und umgesetzt, variabel ange- wendet und situativ angepasst?

Im Bestreben, das vielleicht nur vermeintlich Richtige und Wichtige zu hinterfragen und ab- zuwägen, werden auch weiterhin folgende As- pekte und Akzente je nach Situation und Gege-

benheit gebührend zu gewichten sein:

Antizipation zur rechten Zeit,

bewegungsgefühlgeleitete Empathie in der

Wahrnehmung des situativ Ausschlaggeben- den,

Timing in der Planung und Umsetzung,

mentale Präsenz und entsprechende Konzent- ration sowie Durchhaltewille als Steuerräder,

Kreativität im Stress und Flexibilität als Ein-

stellung,

Geduld im Handeln und Denken, aber auch

ein

überdurchschnittliches Engagement in Trai-

ning und Wettkampf.

Grundsätzlich: Ohne integrierte Emo- tionen kein Erfolgserlebnis! Konsequenz: Gefühle akzeptieren und mit ihnen als emotionale Kraftquelle – mit oder ohne Neurofeedback – um- gehen lernen! Nota bene: Erfolgreiches Handeln hängt seit jeher von der Qualität der Wirkungseinheit von Wahrnehmung, Emotion, Kognition und Motorik ab, wobei in diesem noch immer schwer durchschaubaren Komplex zwar eini- ge Leistungskomponenten erahnt, doch nur wenige quantifiziert werden können. Endlich: Alles ist möglich dem, der glaubt.“ (Markus 9, Vers 23)

Und welche, das Geschehen wohl zentral steu- ernde Rolle spielt schließlich der Geheimtipp:

Taktik? – Ganz einfach: Eine nach wie vor sehr entscheidende! Ergo: Den Gegnern recht- zeitig zuvorkommen! Quod erat demonstran- dum.

*

Der Autor

Univ.-Prof. Dr. habil. Arturo HOTZ, Hochschullehrer i.R., ehe- mals Nationaltrainer (Ski Alpin und Bob); Trainerausbilder und sportwissenschaftlicher Essayist

Anschrift: Prof. Dr. Arturo Hotz, Ringoldswilstr. 108, CH-3656 Tschingel ob Gunten/BE E-Mail: art.hotz@bluewin.ch