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Technik

INTERNET

Null Blog
Die Jugend, zur „Netzgeneration“ verklärt, hat in Wahrheit
vom Internet wenig Ahnung. Und die Moden des Web 2.0 – von
Bloggen bis Twittern – sind den Teenagern egal. Neue
Studien zeigen: Es gibt für sie immer noch Wichtigeres im Leben.

T
ag für Tag ist Jetlir online, oft viele beteiligen sich regelmäßig an der Wiki-
Stunden bis spät in die Nacht. Fast pedia oder sonst einem vergleichbaren
immer ist auf dem Bildschirm das Freiwilligenprojekt.
Fenster seines Chat-Programms offen. Nicht minder konsequent ignoriert die
Freunde und Bekannte schreiben da Null-Blog-Generation kollektive Link-
gleichzeitig durcheinander. Ab und zu sammlungen wie Delicious oder Foto-Ge-
tippt Jetlir einen Halbsatz in den ruckeln- meinschaftsportale wie Flickr und Picasa.
den Strom der Dialogzeilen, irgendwas Das ganze hochgelobte Mitmach-Web,
Witziges oder ein Hallo, während er sich auch Web 2.0 genannt, ist den Netzbür-
nebenher durch die Sportvideos bei You- gern der Zukunft offenbar völlig egal.
Tube klickt. Das ergab eine große Studie des Hans-
Jetlir, 17 Jahre alt, Gymnasiast aus Bredow-Instituts.
Köln, könnte gut in einer der üblichen Dabei schwärmen Experten seit Jahren
Geschichten über die „Netzgeneration“ von einer technikbeseelten Jugend neuen
auftreten, die sich angeblich im Virtuellen Typs: mobil, vernetzt und chronisch un-
zu verlieren droht. geduldig, verwöhnt von der Überfülle der
Der Junge ist aufgewachsen mit dem Reize im Internet. Ihr Leben verbringe
Internet; seit er denken kann, ist es da. sie in steter Symbiose mit Computern
Seine halbe Freizeit spielt sich ab zwi- und Mobiltelefonen; die Netztechnik sei
schen Facebook, YouTube und dem Chat. ihr quasi schon ins Erbgut übergegangen.
Wirklich wichtig aber sind ihm andere Die Medien nennen sie deshalb „Cyber-
Dinge, allen voran der Basketball. „Der kids“, „Generation @“ oder schlicht die
Verein geht vor“, sagt Jetlir. „Nie würde „Netzgeneration“.
ich ein Training auslassen.“ Auch sonst Zu den vielzitierten Wortführern der
hat das echte Leben Vorrechte: „Wenn Bewegung gehören der US-Autor Marc
sich jemand mit mir treffen will, mache Prensky, 64, und sein kanadischer Kollege
ich sofort die Kiste aus.“ Don Tapscott, 62. Prensky hat sich das
Was Jetlir vom Internet erwartet, ist Bild von den „Digital Natives“ ausge-
eher bescheiden. Die Älteren mögen es dacht, den Eingeborenen von Digitalien,
für ein revolutionäres Medium halten, traumwandlerisch vertraut mit allem, was
von den Segnungen der Blogs schwärmen das Internet möglich macht an Teilhabe
und um die Wette twittern. Jetlir ist zu- und Selbstinszenierung – und den Älteren
frieden, wenn seine Freunde in Reich- in diesen Dingen uneinholbar voraus.
weite sind und bei YouTube die Videos Wer über 25 ist, zählt bei Prensky zu den
nie ausgehen. Nie würde es ihm einfallen, „Digital Immigrants“, den Zugezogenen,
ein Blog zu schreiben. Er kennt auch die sich durch ihre Unbeholfenheit verra-
sonst niemanden in seinem Alter, der auf ten wie sonst die Migranten mit ihren ul-
so was käme. Getwittert hat er ebenfalls kigen Akzenten.
noch nie: „Wofür soll das gut sein?“ Eine kleine Industrie von Autoren, Be-
In Jetlirs Alltag spielt das Internet eine ratern und findigen Therapeuten lebt von
paradoxe Rolle: Er nutzt es ausgiebig – der immer gleichen Botschaft: Die Jugend
aber es interessiert ihn nicht. Es ist un- sei durch und durch geformt von dem On-
verzichtbar, aber nur, wenn sonst nichts line-Medium, in dem sie groß geworden
anliegt. „Eine Nebensache“, sagt er. ist. Speziell die Schule müsse ihr deshalb
Jetlirs Abgeklärtheit ist typisch für die ganz neue Angebote machen; der her-
Jugend von heute; das bestätigen mehre- kömmliche Unterricht erreiche diese Ju-
re aktuelle Studien. Ausgerechnet die ers- gend gar nicht mehr.
te Generation, die sich ein Leben ohne Belege dafür gibt es kaum. Statt auf
Internet nicht mehr vorstellen kann, Studien stützen die Visionäre sich vor al-
nimmt das Medium nicht übermäßig lem auf eindrucksvolle Einzelbeispiele ju-
wichtig und verschmäht seine neuesten gendlicher Netzvirtuosen. Für die ganze
Errungenschaften: Ganze drei Prozent Generation besagt das freilich wenig, wie
der jungen Leute schreiben selbst ein die Forschung inzwischen weiß; sie ist zü-
Blog. Und nicht mehr als zwei Prozent gig dabei, ihren Rückstand aufzuholen.
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Skateboarder, Internetunterricht*
Der Sport geht vor

Zahlreiche Studien haben inzwischen


zusammengetragen, wie die Jugend tat-
sächlich mit dem Internet umgeht. Ihre
Befunde lassen vom Bild der „Netzgene-
ration“ wenig übrig – und zugleich räu-
men sie auf mit dem Glauben an die alles
verändernde Macht der Technik.
Die Erhebung des Hans-Bredow-Insti-
tuts – Titel: „Heranwachsen mit dem So-
cial Web“ – ging dabei besonders gründlich
vor. Neben einer repräsentativen Umfrage
kamen 28 junge Leute in ausführlichen Ein-
zelinterviews zu Wort. Wie sich auch hier
wieder zeigte, dient das Internet vor allem
der Freundschaftspflege. In den sozialen
Netzwerken von Facebook bis SchülerVZ
wird getratscht, gewitzelt und posiert –
ganz wie im echten Leben.
Sehr selten ist dagegen der Typ des
Pioniers, der online mit Freunden aus
Amsterdam und Barcelona Musikstücke
zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-
Demos für billige Schülermonatskarten
organisiert oder anderweitig einfallsreich
Neuland erobert. Für die meisten Befrag-

CULTURA IMAGES / F1ONLINE


ten ist das Internet keine neue Welt, son-
dern eine nützliche Erweiterung der alten.
Entsprechend pragmatisch ist das Verhält-
nis zwischen Mensch und Medium: „Wir
haben überhaupt keine Belege dafür ge-
funden, dass das Internet die Jugend
prägt“, sagt die Salzburger Kommunika-
tionswissenschaftlerin Ingrid Paus-Hase-
brink, die das Projekt geleitet hat.
Die angeblich so virtuosen Netzbürger
sind nicht einmal besonders geschickt
darin, ihr Medium auszureizen. „Fum-
meln können sie“, sagt der Hamburger
Bildungsforscher Rolf Schulmeister. „Sie
bringen jedes Programm zum Laufen,
und sie wissen, wo sie sich Musik und Fil-
me besorgen können. Aber wirklich gut
darin ist auch nur eine Minderheit.“
Schulmeister, ein Experte für digitale
Medien im Unterricht, muss es wissen: Er
hat sich gerade durch mehr als 70 ein-
schlägige Studien aus aller Welt geackert.
Auch er kommt zu dem Schluss, dass
das Internet keineswegs die Herrschaft
über die Lebenswelt übernommen habe.
„Nach wie vor machen die Medien nur
einen Teil der Freizeitaktivitäten aus“,
sagt er, „und das Internet ist nur ein Me-
dium unter anderen. Für Jugendliche ist
es immer noch wichtiger, Freunde zu tref-
fen oder Sport zu treiben.“
Der Marke „Netzgeneration“ dürfte
das freilich nicht schaden. „Das ist so eine
naheliegende, billige Metapher“, sagt
Schulmeister, „die kommt einfach immer
wieder hoch.“
Zudem scheint allein schon die Statis-
tik zu zeigen, wie die Technik immer grö-
THEODOR BARTH

ßere Teile des Alltags verschlingt. Nach

* Unten: an der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule.

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der jüngsten JIM-Studie des Medien-
pädagogischen Forschungsverbunds Süd-
west haben bereits 98 Prozent der 12- bis
19-Jährigen einen Zugang zum Internet,
und sie verbringen damit nach eigener
Schätzung im Durchschnitt 134 Minuten
am Tag – nur noch drei Minuten weniger
als mit dem Fernsehen.
Allerdings besagt die schiere Dauer we-
nig. Die Frage ist, was die „Cyberkids“
tun, wenn sie online sind. Und darin un-
terscheiden sie sich wenig von früheren
Jugendgenerationen: Es geht um den
Austausch mit ihresgleichen. Fast schon
die Hälfte der Zeit verbringen sie damit.
E-Mail, Chat und soziale Netzwerke ma-
chen zusammen den größten Einzelpos-
ten in der Nutzungsstatistik aus.
Tom zum Beispiel, ein Mitschüler von
Jetlir, steht fast rund um die Uhr mit 30
oder 40 Freunden in Verbindung. Die Ka-
LINDEN / SIPA

näle wechseln je nach Gelegenheit: mor-


gens ein kleiner Chat am PC, in der gro-
ßen Pause ein paar SMS, nach der Schule
die tägliche Facebook-Sitzung, ein paar Online-Welt „Second Life“: Virtuelle Bühnen werden von den Jugendlichen verschmäht
Anrufe per Handy und abends noch ein,
zwei gemütliche Videotelefonate über von 2009 das Treffen mit Freunden ganz Er spielt Handball und Fußball; ihm ge-
den Internetdienst Skype. oben auf der Liste der Freizeitaktivitäten nügen „zehn Minuten Facebook am Tag“.
Ob die Verbindung jeweils über das In- jenseits der Medien. Noch bemerkenswer- Mitschüler Tom dagegen vergisst schon
ternet hergestellt wird oder nicht, ist of- ter: 76 Prozent der Jungen treiben mehr- mal die Uhr im Hin und Her zwischen
fenbar ziemlich egal. Es kommt nicht auf mals pro Woche Sport; bei den Mädchen Facebook und Chat. „Es ist ein seltsames
die Medien oder die Geräte an; es zählt sind es immerhin 64 Prozent. Gefühl“, gesteht er, „wenn mal wieder
nur, wofür sie gut sind. Das können vor Vollends erstaunlich ist, was Anfang so viel Zeit vergangen ist, ohne dass man
allem beim Internet inzwischen ganz ver- des Jahres in den USA herauskam: Selbst was davon hat.“ Er weiß auch, dass auf
schiedene Dinge sein: Mal dient es als Te- die intensivsten Mediennutzer verbringen andere dieser Sog noch weit stärker wirkt.
lefon, dann wieder als eine Art besserer dort nicht weniger Zeit mit körperlichen „Wir kennen alle welche“, bestätigt Pia,
Fernseher. Ein, zwei Stunden guckt Tom Aktivitäten als ihre übrigen Altersgenos- „die den ganzen Tag im Internet herum-
täglich, meist bei YouTube, aber auch gan- sen. Das ergab die Studie „Generation hängen“ – vielleicht nur mangels besserer
ze TV-Sendungen, sofern sie irgendwo M2“ der Kaiser Family Foundation. Angebote, wendet Jetlir ein: „Wenn man
abrufbar sind. „Jeder weiß, wie man Fol- Und wie passt das alles in einen Tag? die fragt, ob sie mit rauskommen wollen,
gen von Fernsehserien findet, die man se- Wer einfach nur Nutzungszeiten addiert, sagt auch keiner nein.“
hen will“, sagt Toms Mitschülerin Pia. bekommt ein falsches Bild. Die meisten Selbst eingefleischte Netzbewohner
Die Unterhaltung ist der zweitgrößte Jugendlichen können problemlos gleich- sind im Übrigen noch lange keine gebo-
Posten in der Nutzungsstatistik. Inzwi- zeitig telefonieren, bei Facebook stöbern renen Experten fürs Medium. Wer aus
schen hören mehr Jugendliche ihre Musik und nebenher Musik hören. Und sie sind dem Internet Nutzen ziehen will, muss
bei diversen Abspielstationen im Internet wohl vor allem zu jenen Zeiten online, erst verstehen, wie die Welt funktioniert,
als im Radio. Das ergab schon 2008 eine die aus dem Internet spricht. Und daran
Studie der Universität Leipzig. Vor allem „Sie denken nicht nach über das hapert es oft. Das Einzige, was Jugend-
das Videoportal YouTube ist nebenher, liche den Älteren voraushaben, ist ihre
weitgehend unbemerkt, zur globalen Internet. Das ist für sie wie Unbefangenheit am Computer. „Die pro-
Jukebox für den Musikbedarf der Jugend ein Auto, es soll einfach fahren.“ bieren einfach drauflos“, sagt René
geworden – kaum ein Song, der dort nicht Scheppler, Lehrer an einer Wiesbadener
aufzutreiben wäre. die sonst ungenutzt bleiben würden. „Ich Gesamtschule. „Dabei entdecken sie auch
„Das ist auch praktisch, um mal was bin im Internet, wenn ich nichts Besseres alles Mögliche. Sie verstehen nur nicht,
Neues zu finden“, sagt Pia. Die Suche ist zu tun habe“, sagt Jetlir. „Und leider auch wie es funktioniert.“
sehr effizient; in der Regel genügt schon oft, wenn ich längst schlafen sollte.“ Dank Gelegentlich versucht der Lehrer des-
eine halbe Textzeile, irgendwo auf einer Mobiltelefon und MP3-Player lassen sich halb, die großen Fragen des Mediums auf-
Party aufgeschnappt, und YouTube liefert auch unterwegs die ehedem leeren Ni- zuwerfen. Zum Beispiel: Woher kommt
das Video mit dem dazugehörigen Song. schen im Tageslauf füllen. So kann die eigentlich das Internet? „Dann heißt es:
So füllt sich das Internet mit den An- Mediennutzung stetig ansteigen, und Wie? Was? Das ist doch einfach da!“, be-
geboten älterer Medien; zum Teil tritt es doch bleibt reichlich Lebenszeit erhalten. richtet Scheppler. „Von allein setzen die
an ihre Stelle. Und das jugendliche Pu- Obendrein gibt es nach wie vor viele sich nicht damit auseinander. Für sie ist
blikum, immer schon auf Austausch und Jugendliche, denen der ganze Online- das wie ein Auto, es soll fahren.“
Unterhaltung aus, nutzt dafür nun ver- Rummel egal ist. Immerhin 31 Prozent Und weil die Schüler im Grunde unbe-
mehrt das Netz – nicht gerade der Stoff nutzen die sozialen Netzwerke selten darft sind, neigen sie umso mehr zur
für eine Revolution der Lebensweise. oder nie. Anna würde „in einer Welt Selbstüberschätzung. „Sie halten sich für
Auch gibt es weiterhin noch ein Leben ohne Internet höchstens den Bahnfahr- die wahren Experten“, sagt Scheppler,
fern von Bildschirmen aller Art. Bei neun plan vermissen“. Torben findet „einfach „aber wenn’s drauf ankommt, können sie
von zehn Teenagern steht laut JIM-Studie die Zeit zu schade“ für den Computer. nicht einmal richtig googeln.“
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Technik

Eines Tages setzte er tatsächlich Google „und am Ende wurden die Vorträge ab- gepostet. Trotzdem haben sieben Leute
auf den Stundenplan, Lehrziel höhere genudelt. Jetzt lesen alle mit, schon allein schon auf den ‚Gefällt mir‘-Knopf ge-
Suchtechnik. Die Klasse fand das drollig: weil die Artikel ja auch zusammenhängen drückt, und 83 haben zu dem Punkt Kom-
„Google?“, hieß es da, „können wir doch, und verlinkt werden müssen.“ mentare geschrieben.“
machen wir doch andauernd, jetzt will Nebenher lernen die Schüler, wie sie Älteren mag das völlig sinnfrei vorkom-
uns der Herr Scheppler Google erklären!“ dafür im Internet verlässliche Informatio- men, für die Jugend gehört es zum Grup-
Dann bekamen sie ihre Aufgabe: ein nen finden. Und damit sie auch kapieren, penleben, nicht weniger wichtig als ein
Plakat zur Globalisierung entwerfen am was sie da gefunden haben, gibt es regel- freundliches Winken oder eine leutselige
Beispiel indischer Leiharbeiter. Und nun mäßig die altmodische „Methodenschu- Blödelei in der Offline-Welt. Nichts zeigt
war es am Lehrer, sich zu amüsieren: lung“: Texte lesen, verstehen, zusammen- besser als der Punkt, wie normal das In-
„Die kloppen bei Google ein Suchwort fassen. Statt dass also die Netzgeborenen ternet geworden ist – das Gegenteil einer
nach dem anderen einzeln rein, und dann mit ihrer Weltläufigkeit im Virtuellen die besonderen Welt, in der besondere Dinge
geht es zappzappzapp: weg damit, taugt Schule herausfordern, muss diese ihnen geschehen.
nichts, nächster Versuch“, erzählt Schepp- mühsam beibringen, wie man sich das „Die Medien werden massenhaft ge-
ler. „Sie sind blitzschnell im Verwerfen, Online-Medium zunutze macht. nutzt, wenn sie alltagstauglich sind“, sagt
manchmal auch guter Funde. Sie meinen Für die meisten Schüler war es das ers- der Hamburger Bildungsforscher Schul-
sortieren zu können, nudeln aber einfach te Mal, dass sie das Internet um eigene meister. „Und sie werden für Ziele ge-
nur alles durch – sehr schnell, sehr hek- Schöpfungen bereichert haben. Die große nutzt, die man ohnehin anstrebt.“
tisch, sehr oberflächlich. Und beim ersten Öffentlichkeit reizt sie nicht; Selbstdar- Für die Jugendlichen ist dieser Wende-
Treffer, der ihnen halbwegs passabel er- steller sind selten – selbst anonyme Rol- punkt jetzt erreicht. Das Internet gehört
scheint, hören sie sofort auf.“ lenspiele auf virtuellen Bühnen, wie sie schon nicht mehr zu den Dingen, an die
Kaum einer hat eine Vorstellung, wo- etwa die Online-Welt „Second Life“ bie- sie freiwillig Gedanken verschwenden.
her die Sachen stammen, die im Netz auf- tet, werden verschmäht. Die Jugend ist Die Aufregung um den „Cyberspace“
zustöbern sind. Bittet der Lehrer um
Quellenangaben, hört er schon mal: „Das
habe ich bei Google gefunden.“
Die neuere Forschung zum Suchverhal-
ten bestätigt Schepplers Beobachtungen. Jugend surft
Eine große Studie der „British Library“ Wofür 12- bis 24-Jährige das Internet nutzen*, Angaben in Prozent *mehrmals pro Woche
kam zu einem ernüchternden Schluss: Die
„Netzgeneration“ weiß kaum, wonach sie Textnachrichten (Instant-Messaging) 69
suchen soll, überfliegt die Funde nur flüch-
tig und tut sich schwer, deren Relevanz Online-Communities 69
einzuschätzen: „Die Informationskompe- Musik/Sounddateien anhören 58
tenz junger Leute“, attestieren die Auto-
ren, „hat sich mit dem breiteren Zugang In Online-Enzyklopädien (Wikis) lesen 38
zur Technik nicht gebessert.“ Filme/Videos anschauen 34
Ein paar Schulen haben bereits er-
kannt, dass sie hier gefordert sind. Eine Weblogs lesen 8
davon ist das Gymnasium, das Jetlir und
Musik/Sounddateien einstellen 5
Tom, Pia und Anna besuchen: die Kaise-
rin-Augusta-Schule in Köln. „Die Schüler Weblogs verfassen 3
sollen bei uns lernen, das Internet pro-
duktiv zu nutzen“, sagt Musiklehrer An- In Online-Enzyklopädien schreiben 2
dré Spang, „nicht nur zum Rumklicken.“ Filme/Videos einstellen 1
Spang nutzt dafür die Werkzeuge des Quelle: Hans-Bredow-Institut, Hamburg
Web 2.0 im Unterricht. Zur Musik im 20.
Jahrhundert etwa ließ er seine Zwölft-
klässler ein Weblog anfertigen – „die geradezu versessen auf reale Beziehun- war, wie es scheint, ein Phänomen der
wussten gar nicht, was das ist“. Nun gen: Was immer sie tut oder schreibt, ist Altvordern, der technikvernarrten Grün-
schrieben sie Artikel zu Aleatorik und an die eigene Gruppe gerichtet. dergeneration. Für eine kurze Übergangs-
Musique concrète, komponierten einfa- Das gilt auch für die Gattung Video, zeit schien das Netz ungemein neu und
che Zwölftonreihen und sammelten die noch am ehesten zum Selbermachen anders, eine eigene revolutionäre Macht,
Klangbeispiele, Videos und Weblinks verleitet. Immerhin 15 Prozent der jungen die alles packt und umformt.
zum Thema. Alle konnten online verfol- Leute haben schon mal ein Video hoch- Der Jugend ist das fremd. Sie spricht
gen, was die anderen gerade machten, geladen; großteils mit dem Handy gefilm- kaum mehr vom „Internet“, nur noch
und sich gegenseitig kommentieren – eine te Ware. von Google, YouTube und Facebook. Erst
kleine Öffentlichkeit, die auch dem Ehr- Sven zeigt ein Beispiel auf YouTube: recht versteht sie nicht mehr, was es hei-
geiz der Beteiligten förderlich war. Man sieht ihn mit ein paar Freunden in ßen soll, „ins Netz zu gehen“.
Die Technik ist unkompliziert und Badehose am Seeufer; dann laufen sie zu- „Der Begriff ist sinnlos“, sagt Tom. Ein
schnell eingerichtet. Sie kommt deshalb sammen ins offenbar noch schaurig kalte Relikt aus der Zeit, als es noch etwas Be-
auch in anderen Fächern zum Einsatz. Wasser. „Doch, doch“, versichert Sven, sonderes war, die Vorstellung eines sepa-
Selbst „Wikis“ nach dem Vorbild der gro- „so was interessiert die Leute, darüber raten Raums, getrennt vom echten Leben,
ßen Wikipedia gehören zum Repertoire. wird gesprochen!“ In der Tat stehen un- einer eigenen geheimnisvollen Welt, die
Bei Spangs Kollegen Thomas Vieth stellte term Video schon 37 Kommentare, alle man betritt und wieder verlässt.
eine 10. Klasse in Physik gerade eine klei- aus dem Bekanntenkreis. Tom und seine Freunde sind nur noch,
ne Enzyklopädie des Elektromagnetismus „Und hier“, sagt Sven und zeigt auf den wie sie sagen, „on“ oder „off“. Und das
zusammen. „Vorher konnten wir nur Bildschirm, „hier bei Facebook hat vor meint einfach: erreichbar oder nicht.
Gruppenarbeiten vergeben“, sagt Vieth, kurzem jemand einfach nur einen Punkt M������ D��������

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