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de MONTAG
2. August 2010 17
STUTTGART
STADT,
REGION Sommerferienaktion
Region Stuttgart
21
22
& LAND Baden-Württemberg 24

Kommentar
Friedliche Proteste gegen Abrisspläne Besonnen
Trotz Blockaden rund um den Bahnhof setzen Polizei und
Stuttgart 21
Gegner auf Deeskalation. Von Thomas Braun und Markus Heffner bleiben
Protest Bisher sind die Scharfmacher auf
ehrere Tausend Bürger haben Demonstranten blieben jedoch aus. Die Be- allen Seiten in der Minderheit – und das

M auch am Wochenende gegen die


Vorbereitungen für den Teilab-
riss des Hauptbahnhofs demonstriert. Be-
amte beschränkten sich darauf, die Schiller-
straße und den Bauzaun zu sichern; ein
Demonstrant, der per Megafon zum Sturm
muss auch so bleiben. Von Thomas Braun

reits am Samstagnachmittag waren rund auf den Zaun aufrief, fand keine Resonanz. och ein paar Tage wird es dauern,
300 Demonstranten nach einer kurzzeiti-
gen Blockade der Schillerstraße durch die
belebte Königstraße gezogen. In Sprech-
Auch am Samstag waren beide Seiten
um Deeskalation bemüht. Ein unangemel-
deter Protestzug durch die Königstraße
N bis die Abrissbagger auffahren und
den Nordflügel des Bonatzbaus
„schonend zurückbauen“, wie der geplante
chören forderten sie einen Stopp der Ab- wurde von der Polizei geduldet – Gangolf Abriss im Sprachjargon der Bahn genannt
risspläne für den Nordflügel des Bonatz- Stocker vom Aktionsbündnis gegen Stutt- wird. Dann freilich bleibt der Protestbewe-
bahnhofs. Am Samstagabend beteiligten gart 21 rief dazu auf, friedlich zu demons- gung gegen Stuttgart 21 kaum mehr etwas
sich zwischen 2000 und 2500 Teilnehmer trieren. SÖS-Stadtrat Rockenbauch er- anderes übrig, als die Realität zu akzeptie-
friedlich, aber lautstark an einer Kundge- klärte, man wolle durch gewaltfreie, dezen- ren: Die Politik und die Bahn wollen mit
bung vor dem Nordausgang; rund 1500 zo- trale Aktionen „die Stadt lahmlegen“. dem Abriss ein erstes sichtbares Zeichen
gen im Anschluss über den Cityring und Diese sollen so lange weitergehen, bis mit setzen, dass Stuttgart 21 tatsächlich unum-
blockierten erneut kurzzeitig den Arnulf- dem Abbruch begon- kehrbar ist. Die Hoffnung der Demonstran-
Klett-Platz, den Charlottenplatz sowie den Keine nen wird. Dass der sich ten auf ein Einlenken, ein Moratorium
Gebhard-Müller-Platz vor dem Wagenburg- Drohungen wohl nicht mehr ver- noch vor der Landtagswahl im März 2011 –
tunnel. Dadurch kam es in der Innenstadt hindern lässt, glaubt sie dürfte seit dem vergangenen Freitag
zu erheblichen Verkehrsbehinderungen. gegen Grube auch Stocker: „Aber deutlich geringer geworden sein.
Auch vor dem Landtag machten die De- dann ist Stuttgart 21 Die Demonstrationen gegen das Bahn-
monstranten ihrem Unmut Luft. trotzdem noch längst nicht gebaut.“ Ges- projekt werden gleichwohl weitergehen –
Die Protestaktionen hatten am Freitag- tern Abend kamen dann erneut rund 1500 in der Demokratie sind friedliche Proteste
abend gegen 21 Uhr begonnen, als Arbeiter Projekgegner zum Bahnhof und übten sich auch gegen parlamentarische Mehrheitsbe-
des von der Bahn mit dem Abbruch beauf- unter anderem im Protestsitzen vor dem schlüsse legitim. Die Organisatoren der De-
tragten Bauunternehmens Wolf und Mül- Zaun, um diesen für den Fall zu blockieren, monstrationen wissen sehr genau, dass
ler damit begannen, einen rund zwei Meter dass weitere Baufahrzeuge anrücken. Für eine Radikalisierung den bürgerlichen
hohen Bauzaun um den Nordflügel aufzu- heute hat der Grünen-Vorsitzende Cem Öz- Kern des Protests abschrecken und damit
stellen und mit Betongewichten am Boden demir sein Erscheinen angekündigt. jenen das Feld überlassen würde, denen es
zu fixieren. Auch der sichtlich erschütterte Projektsprecher Wolfgang Drexler sagte gar nicht um das umstrittene Bahnprojekt
Bonatzenkel Peter Dübbers war zum Bahn- unterdessen gegenüber dem SWR, mit dem geht, sondern die die Auseinandersetzung
hof gekommen, um den Protest zu unter- eigentlichen Abbruch werde nach der Ent- mit der Staatsgewalt suchen. Gewiss: verein-
stützen; er hat bekanntlich Berufung gegen kernung des Seitenflügels erst in einigen zelt hat es Gesetzesübertretungen gegeben,
das Urteil des Landgerichts eingelegt, das Tagen begonnen. Es gebe eine offene Kom- für die sich die Beschuldigten verantworten
im Mai der Bahn freie Hand für den Abriss munikation über den Planungsstand. Aller- müssen. Doch von Szenen wie beim Bau der
der Seitenflügel des von Paul Bonatz erbau- dings werde nicht öffentlich verkündet, Frankfurter Startbahn West oder auf der
ten Hauptbahnhofs gegeben hatte. In der wann welcher Bauzaun aufgebaut werde, Hamburger Hafenstraße ist man in Stutt-
Begründung hatte es geheißen, die ererb- so der SPD-Landtagsvizepräsident. gart meilenweit entfernt. Allerdings sind
ten Urheberrechte des Bonatzerben müss- Die vom Magazin „Focus“ kolportierten Blockaden von Straßenkreuzungen kein
ten gegenüber dem Modernisierungsinte- Gerüchte über ein angebliches Bedrohungs- probates Mittel, um zumindest bei vielen
resse der Bahn zurückstehen. szenario gegen Bahn-Chef Rüdiger Grube gereizten Autofahrern Verständnis für den
Nicht nur Dübbers wurde von den vorbe- hat die Polizei inzwischen relativiert. Der Protest gegen Stuttgart 21 zu wecken.
reitenden Arbeiten für den Abriss über- „Focus“ hatte unter Berufung auf einen Ver- Auch die Polizei ist bisher mit ihrer De-
rascht, die Stuttgart-21-Projektsprecher merk aus dem Innenministerium des Lan- eskalationsstrategie gut gefahren und hat
Wolfgang Drexler für Anfang August ange- des berichtet, dass im Umfeld von Grubes damit jenen Stimmen aus der Politik nicht
kündigt hatte. Auch Wohnort Gechingen (Kreis Calw) Aktivitä- nachgegeben, die ein hartes Durchgreifen
der Schauspieler Wal- Stadträte ten von Stuttgart-21-Gegnern registriert gegen die Demonstranten gefordert haben.
ter Sittler, der frühere rufen zur worden seien, die sich gegen Grube richte- Die Beamten – unter ihnen nicht wenige,
SPD-Bundestagsabge- ten. Übergriffe auf den Bahn-Chef seien denen der Sinn von Stuttgart 21 bis heute
ordnete Peter Conradi Mäßigung auf. nicht auszuschließen, sein Haus stehe un- ebenso wenig einleuchten will wie vielen
sowie etliche Stadträte ter verstärkter polizeilicher Überwachung. Stuttgarter Bürgern – haben sich überwie-
der Grünen-Ratsfraktion und Vertreter der Ein Sprecher der Polizei in Calw erklärte gend ausgesprochen diszipliniert und ver-
Linkspartei und der SÖS waren gekom- dazu gegenüber der Stuttgarter Zeitung, nünftig verhalten.
men, um ihren Protest zu artikulieren und bisher seien lediglich Aufkleber mit Anti- Verantwortungslos dagegen handeln
die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Grü- Stuttgart-21-Parolen in der Umgebung von jene Scharfmacher in den Reihen der De-
nen-Fraktionschef Werner Wölfle und Grubes Wohnort entdeckt worden. monstranten, die zum Sturm auf den Bau-
SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch, die zaun aufrufen oder die Polizisten provozie-
sich an der spontanen Sitzblockade vor Bilder von den Protesten unter ren; sie bleiben hoffentlich eine Minder-
dem Nordeingang beteiligten, appellierten www.stuttgarter-zeitung.de/foto Auf dem Cityring formiert sich am Samstag spontan eine Demonstration. Fotos: Horst Rudel heit. Verantwortungslos handeln freilich
wiederholt an die Demonstranten, gewalt- auch jene Politiker wie der FDP-Landtags-
frei und friedlich zu bleiben. fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, der schon
Die Polizei beendete schließlich die Sitz- beim Tag der offenen Tür im Parlament vor
blockade, Wölfle und Rockenbauch ließen „gewaltbereiten Chaoten“ gewarnt hatte.
sich zusammen mit rund 130 Demonstran- Diese hatten sich bei genauerem Hinsehen
ten wegtragen. Vereinzelt kam es zu Belei- als Anhänger des bestehenden Kopfbahn-
digungen der Beamten, elf Personen müs- hofs entpuppt, die mit ihren gewählten
sen mit Anzeigen wegen Nötigung und Kör- Volksvertretern kontrovers über den ge-
perverletzung rechnen. In der Folge blo- planten Tiefbahnhof diskutieren wollten.
ckierten Stuttgart-21-Gegner von 23 Uhr Auch wenn Rülkes verbaler Fauxpas si-
an den Arnulf-Klett-Platz, zu größeren Ver- cher nicht zur Beruhigung der Lage beige-
kehrsbehinderungen kam es angesichts tragen hat, bleibt doch zu hoffen, dass die
der späten Stunde aber nicht. besonnenen Kräfte auf allen Seiten auch
Auch bei der Polizei war die Nervosität dann weiterhin die Oberhand behalten,
zunächst groß. Polizeipräsident Siegfried wenn der Abbruch des Nordflügels in eini-
Stumpf hatte den Einsatz am Freitag ange- gen Tagen tatsächlich beginnt.
ordnet, weil wegen des Bundeswehrgelöb-
nisses eine große Anzahl von Polizisten in
der Stadt war. Augenzeugenberichten zu- Nahverkehr
folge kam es nach Mitternacht zu einem
Tumult, als Beamte eine auf der Straße sit-
zende Frau abführten. Dabei sollen auch
S-Bahn-Fahrgäste
zwei Polizeipferde gestürzt sein. Gewalttä-
tige Zusammenstöße zwischen Polizei und Die Protestierer legen vorübergehend den Arnulf-Klett-Platz lahm. Werner Wölfle lässt sich wegtragen.
müssen umsteigen
Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart
(VVS) teilt mit, dass am kommenden Wo-
chenende wegen einer zusätzlichen Sper-
rung der S-Bahn-Rampe im Hauptbahnhof
Rüdiger Grube lässt sich nicht mehr umstimmen im Rahmen der vorbereitenden Arbeiten
für Stuttgart 21 mit Beeinträchtigungen im
S-Bahn-Verkehr zu rechnen ist. Während
Abrisspläne Bahn-Chef und Denkmalschützer können sich über den ten, dass sein Entwurf unter Beibehaltung wortende Kompromisslosigkeit ist umso der Rampensperrung, die von Samstag um
der Seitenflügel des Bonatzbaus realisier- tragischer, als der Deutschen Bahn – einem 1.15 Uhr bis zum Montag um 4.30 Uhr dau-
Teilabriss des Hauptbahnhofs nicht einigen. Von Thomas Braun bar sei. Bahn-Chef Rüdiger Grube dagegen der europaweit größten öffentlichen Bau- ert, ändert sich die Linienführung für alle
nannte das fortgeschrittene Planungssta- herren – eine Vorbildfunktion in Sachen S-Bahnen. Weil außer der S 1 zudem sämtli-
dium des Projekts als Grund für die zügige Baukultur zukommt.“ Am Hauptbahnhof che S-Bahn-Linien am Hauptbahnhof un-
er Bahn-Chef Rüdiger Grube hält tenflügel ist ein baukultureller Skandal“, Umsetzung der Abrisspläne. Bereits im Au- werde eine Chance vertan, „im Herzen terbrochen werden, müssen viele Fahr-

D trotz Bedenken von Bauhistori-


kern und Denkmalschützern an
den Plänen für den Teilabriss des Haupt-
erklärte Michael Braum. Hier werde aus-
schließlich aus der Sorge heraus, den Bau-
ablauf zu verzögern, „ein für Deutschland
gust soll, wie berichtet, mit dem Abriss des
Nordflügels begonnen werden.
Für Günther Kiesow von der Stiftung
Stuttgarts Vergangenheit und Zukunft zu
einem Ganzen zu verbinden“.
Der angekündigte Abriss des 1922 bis
gäste umsteigen. Zwischen dem Haupt-
bahnhof und der Schwabstraße pendelt
eine Sonderlinie im Zehnminutentakt.
bahnhofs fest. Das verlautete nach einem einmaliges, international anerkanntes En- Deutscher Denkmalschutz steht hingegen 1927 erbauten Bonatzbahnhofs bedeute Laut VVS kann sich dadurch die Fahrzeit
Gespräch Grubes mit dem Vorstandsvorsit- semble der frühen Moderne unwiderruf- fest: „Würde der Hauptbahnhof erhalten, nicht nur einen Affront gegen den Denk- um bis zu zehn Minuten verlängern. StZ
zenden der Bundesstiftung Baukultur, Mi- lich zerstört“. Dass der Bau des tiefergeleg- könnte die Deutsche Bahn wieder einmal malschutz, sondern auch gegenüber dem
chael Braum, sowie der Deutschen Stiftung ten Durchgangsbahnhofs auch dann mög- positive Schlagzeilen machen.“ Stuttgart bürgerschaftlichen Engagement. Die Nicht-
Denkmalschutz, Gottfried Kiesow. Beide lich wäre, wenn die Flügel des Bahnhofs 21 würde dadurch sogar besser und günsti- berücksichtigung des breiten Widerstands Kontakt
Stiftungen vertreten die Ansicht, dass Stutt- stehen blieben, sei sowohl dem Architek- ger, so Kiesow. Das Nationaldenkmal gegen den Abriss der Seitenflügel werde zu
gart 21 auch bei einem Erhalt des Bonatz- ten Christof Ingenhoven als auch dem Hauptbahnhof dürfe nicht „amputiert wer- einem Vertrauensverlust in der Bevölke-
baus zu realisieren wäre. Bahn-Chef klar. Letztlich fehle der Wille, den“, fügte er hinzu. rung in Sachen Baukultur und Denkmal- Lokalredaktion
„Die Verstümmelung des Stuttgarter noch einmal gegenzusteuern, so Braum. In- Braum kritisierte die Planungskultur schutz führen, prognostizierte der Bau- Telefon: 07 11/72 05-12 71/12 72
Hauptbahnhofs durch den Abriss der Sei- genhoven allerdings hatte mehrfach bestrit- der Bahn: „Die von den Akteuren zu verant- historiker. E-Mail: lokales@stz.zgs.de