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HANS BARION

Kirche und Kirchenrecht

Gesammelte Aufsätze

Herausgegeben von

Werner

Böckenförde

1984

Ferdinand Schöningh

Paderborn

• München

'

Wien

'

Zürich

CIP-Kurztitelaufnahme

der Deutschen Bibliothek

Barion, Hans:

Kirche und Kirchenrecht: ges. Aufsätze / Hans Barion. Hrsg. von Werner Böckenförde. — Paderborn; München; Wien; Zürich: Schöningh, 1984. © ISBN 3-506-70580-6

Bayerische

Staatsbibliothek

München

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

des Herausgebers

IX

Werner

Böckenförde:

Der

korrekte

Kanonist.

Einführung

in

das

kanonistische Denken Barions

 

1

Sebastian Schröcker: Der Fall Barion

25

Ausgangspunkt

 

1. Rudolph Sohm und die Grundlegung des Kirchenrechts. Bonner Antrittsvorlesung

79

=

Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart, Heft 81. Tübingen 1931

2. Rezension:

Friedrich Gerke, Die Stellung des ersten

Clemens-

briefes innerhalb der Entwicklung der altchristlichen Gemeinde-

verfassung und des Kirchenrechts (Leipzig 1931)

 

.

105

in: Zeitschrift

der Savigny-Stiftung

für Rechtsgcchichte, Kanonistische Abtei-

lung (ZSavRGkan) 21 (1932) 383—391

 

3. Der

Rechtsbegriff

Rudolph

Sohms. Zur

100. Wiederkehr

von

Sohms Geburtstag

 

115

in: Deutsche Rechtswissenschaft, Vierteljahresschrift der Akademie für deut- sches Recht 7 (1942) 47—51

Kircfje und

Kirchenrecht

 

4. Die

Straffälligkeit

der

Trauung

von

Katholiken

vor

 

dem

akatholischen

Religionsdiener

 

123

in: Bonner Zeitschrift für Theologie und Seelsorge 8 (1931) 41—52

 

5. Konkordat und Kodex

 

135

in: Festschrift Ulrich Stutz zum 70. Geburtstag = Kirchenrechtliche Abhand- lungen Heft 117/118, Stuttgart 1938, 371—388

6. Sacra

Hierarchia.

Die

Führungsordnung

der

katholischen

Kirche

 

153

in: Tymbos für Wilhelm Ahlmann. Ein Gedenkbuch. Hrsg. von seinen Freunden. Berlin 1951, 18—45

YI

Inhaltsverzeichnis

 

7.

Ordnung und Ortung

im kanonischen Recht

 

181

in: Festschrift für Carl Schmitt zum 70. Geburtstag. Dargebracht von Freunden und Schülern. Hrsg. v. Hans Barion, Ernst Forsthoff, Werner Weber. Berlin 1959, 1—34

8.

Ordo

et

Regimen

fidelium.

Über

die

rechtsgeschichtlichen

 

Grundlagen des c. 948 Codex I C

 

215

in: ZSavRGkan 46 (1960)

112—134

 

9.

Kirche, VI. Rechtlich, A. Kath. Kirche

 

239

in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Hrsg. v. Kurt (RGG) Bd. 3, Tübingen 1959, 1321—1323

Galling.

3. Aufl.

 

10.

Kath. Kirchenverfassung der Neuzeit

 

243

in: RGG Bd. 3, 1564—1570

 

11.

Kirchenverfassung,

II. Röm.-Kath. Kirche

 

253

in: Evangelisches Staatslexikon. Hrsg. v. Hermann Kunst u. Siegfried Grundmann. Stuttgart u. Berlin 1966, Sp. 1041—1053

 

12.

Die Begrenzung des Kirchenrechts. Bemerkungen zu einer Vor- lesung

 

271

in: Die neue Ordnung. Zeitschrift

für Religion, Kultur, Gesellschaft

6 (1951)

 

13—26

13.

Von der Tragweite des geltenden kanonischen Rechts

.

.

.

285

in: Festgabe für Joseph Lortz. Hrsg. v. Erwin Iserloh u. Peter Manns. Baden-Baden 1958, Bd. 1, 549—586

 

14.

Rezension: Joseph Klein, Skandalon, Um das Wesen des Katho- lizismus (Tübingen 1958)

323

in: Erasmus, Speculum scientiarum 14 (1961) 716—724

 

15.

Kirchenrecht,

I. Wesen und Rechtsquellen,

A. Kath. Kirche .

 

.

327

in: RGG Bd. 3, 1501—1506

 

16.

Römisch-katholisches Kirchenrecht

 

335

in: Evangelisches Staatslexikon, 1966, 988—992 ( =

1975, 1229—1233)

 

17.

Die gegenwärtige Lage der Wissenschaft vom katholischen chenrecht

 

Kir-

341

in: Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht 8 (1961/62) 228—290

 

Kirchliche und politische

Gewalt

 

18.

(Zum Verhältnis von kirchlicher und politischer Gewalt im frü- hen und hohen Mittelalter:)

 

a) Rezension: R. Castillo Lara, Coaccion Romano Imperio (Turin 1956)

Eclesiastica y Sacro

 

407

in: ZSavRGkan 43 (1957) 354—358

 

b) Rezension: Saggi storici intorno al Papato della Facolta di Storia Ecclesiastica (Roma 1959)

dei

Professori

.41 3

Inhaltsverzeichnis

VI I

c) Rezension:

Ludwig

Buisson,

Potestas

und

Caritas

(Köln,

 

Graz 1958)

 

433

in: ZSavRGkan 46 (1960) 506—516

 

19. Über

die

Begrenzung

der

Staatsreligion

durch

die

Toleranz

445

in: Die neue Ordnung 8 (1954) 65—71

 

20. Kirche oder Partei? Der Katholizismus im neuen Reich

.

. 453

in: Europäische Revue 9 (1933) 401—409

21. Kirche

oder

Partei?

Römischer

Katholizismus

und

politische

Form

 

463

in: Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre, öffentliches Recht und Verfas- sungsgeschichte 4 (1965) 131—176

22. Potestas indirecta

 

509

in: Evangelisches Staatslexikon, 1966, 1592—1593

 

Konzil

und

Konzilskritik

23. Das Zweite Vatikanische Konzil. Kanonistischer Bericht

.

.51 3

(I) in: Der Staat 3 (1964) 221—226 (II) in: Der Staat 4 (1965) 341—359 (III) in: Der Staat 5 (1966) 341—352

 

24. Das konziliare Utopia. Eine Studie zur Soziallehre des Zwei- ten Vatikanischen Konzils

551

in: Säkularisation und Utopie. Ebracher Studien, Ernst Forsthoff zum 65. Geburtstag. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1967, 187—233

25. „Weltgeschichtliche Machtform"? Eine Studie zur Politischen Theologie des IL Vatikanischen Konzils

599

in: Epirrhosis. Festgabe für Carl Schmitt zum 80. Geburtstag. Hrsg. von Hans Barion, Ernst Wolfgang Böckenförde. Ernst Forsthoff, Werner Weber. Berlin 1958, 13—59

Epilog

26.

Aufgabe und SteHung der katholischen Theologie in der Gegen- wart. Vortrag am 28. September 1970 in Ebrach

649

Bibliographie

 

681

Personenregister

693

Sachwortregister

697

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VORWORT

DES

HERAUSGEBERS

Die kanonistischen Schriften von Hans Barion, insbesondere seine Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil, enthalten eine Herausforderung. Diese Herausforderung ist nicht angenommen worden, weder zu seinen Lebzeiten noch in den zehn Jahren nach seinem Tod. Barions Konzilskritik entspringt nicht einem plötzlichen Einfall oder gar einer Wende in seinem kanonisti- schen Denken. Sie ergibt sich schlüssig aus seinen früheren Schriften. Seine Beiträge sind zum größeren Teil in Zeitschriften und Festgaben erschienen, die nicht zum Bestand kanonistischer und sonstiger theologischer Bibliothe- ken gehören. Um sie dem Interessierten leichter zugänglich zu machen, wer- den die wichtigsten Aufsätze des bedeutenden Kanonisten hier gesammelt vorgelegt.

Auf den ersten Blick mag manchem die gemeißelte Kritik Barions an Konzilsaussagen und ihrer Kommentierung befremdlich und keineswegs opportun oder gar reaktionär erscheinen. Dies wohl auch deswegen, weil die dogmatischen, theologischen und kanonistischen Voraussetzungen seines Denkens den nachwachsenden Generationen an Theologen und Kanonisten nicht mehr selbstverständlich sind. Damit das kanonistische Denken Barions leichter nachvollzogen werden kann, wird seinen Aufsätzen eine Einfüh- rung vorangestellt. Sie soll dazu helfen, die Herausforderung Barions an die Kanonistik, die systematische Theologie und das kirchliche Lehramt zu erkennen und sie — durch Zustimmung oder begründete Kritik — anzu- nehmen.

Warum ist die kritische Auseinandersetzung mit der von Barion vertrete- nen Position weithin ausgeblieben? Vielleicht deshalb, weil das Verhalten Barions zur Zeit des Nationalsozialismus von manchem als unangemessen oder zwielichtig empfunden wurde; hatte doch seine Berufung an die Uni- versität München im Frühjahr 1939 zur Schließung der dortigen Katho- lisch-Theologischen Fakultät geführt. Darüber unterrichtet der Beitrag von Sebastian Schröcker „Der Fall Barion".

Limburg, am 15. Mai 1983, dem 10. Jahrestag des Todes von Hans Barion

Werner

Böckenförde

Damit

die

Schriften

Barions

nach

deren

originärem

Erscheinungsort

zitiert

werden

kön-

nen, sind

die Seiten- bzw. Spaltenzahlen

der Quellen

jeweils am Rand

in eckigen

Klam-

mern angegeben.

In den Fußnoten der Einführung und des Epilogs werden die hier abgedruckten Schriften Barions nur mit ihrer Nummer und der Seitenzahl in dieser Ausgabe zitiert. Die Nummer der einzelnen Schriften findet sich im Inhaltsverzeichnis und im Kolumnentitel der rechten Seiten.

Die in diesem Band enthaltenen Schriften Barions wurden zum größeren Teil foto- mechanisch reproduziert, die Lexikonartikel (unter Beibehaltung der Kürzel und Ver- weisungen) neu gesetzt.

Die Abdruckerlaubnis erteilten die Verlage: Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar (Nr. 2, 8, 18a/b/c); Bonifatius-Druckerei, Paderborn (Nr. 12, 19); Duncker & Humblot, Berlin (Nr. 7, 21, 23, 25); Ferdinand Enke, Stuttgart (Nr. 5); Walter de Gruyter, Berlin (Nr. 6); W. Kohlhammer, Stuttgart (Nr. 24); Kreuz Verlag, Stuttgart (Nr. 11, 16, 22); J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen (Nr. 1, 9, 10, 15, 17); Franz Steiner, Wiesbaden (Nr. 14).

Der korrekte Kanonist

Einführung in das kanonistische Denken Barions

Diese Einführung

ist Herrn

Von Werner

Böckenförde

Professor

Carl Schmitt

zu seinem 95. Geburtstag

in dankbarer

Verbundenheit

gewidmet.

(11. Juli

1983)

Nach einleitenden Notizen zum Leben Barions soll in sein kanonistisches Denken eingeführt werden durch eine Darstellung der sein Werk tragenden Ideen (I) und seiner Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil (II) sowie durch die Kennzeichnung seiner Rolle als der „korrekte Kanonist" (III), um abschließend eine Würdigung zu versuchen.

A

Biographische

Notizen 1

Hans Barion wurde am 16. Dezember 1899 in Düsseldorf geboren. Das dortige Städtische Rethel-Gymnasium vermittelte ihm eine hervorragende humanistische Bildung, besonders in der lateinischen und griechischen Klas- sik. Nach dem Theologiestudium an der Universität Bonn weilte er im Kölner Priesterseminar, als ihm Ende 1923 die Schrift von Carl Schmitt „Römischer Katholizismus und politische Form" in die Han d fiel. „Als ich das gelesen hatte", so teilte Barion mit, „da hat sich mit einem Schlage der ganze Ausblick auf das, was ich wollte, auf meine Ziele, geändert" 2 . Da habe er erfaßt, was wirklich Wissenschaft als Form sei, da habe er das Thema gefunden, von dem aus sich seine ganze wissenschaftliche Arbeit ent- wickelt habe. Am H.August 1924 empfing er in Köln die Priesterweihe. Als junger Kaplan besuchte er die Vorlesungen von Carl Schmitt in Bonn. 1928 erwarb er an der Universität Bonn den theologischen Doktorgrad mit einer von Albert Koeniger betreuten rechtshistorischen Dissertation. Am 27. Juni 1930

(1973)

71—79.

2 Hans Barion: Erwiderung (bei Überreichung der Festschrift am 24. Mai 1970) in:

Eunomia, Freundesgabe für Hans Barion zum 16. Dezember 1969. Privatdruck (1970) 205—219 (207).

1

Vgl.

dazu

Heinrich

Flauen,

Nachruf

auf

Hans

Barion,

in:

AkathKR

142

2

Werner Böckenförde

wurde er an der Päpstlichen Universität Gregoriana zum Doktor des kano- nischen Rechts promoviert. Am 8. November desselben Jahres habilitierte er sich in Bonn für das Fach Kirchenrecht mit einer Arbeit über das frän- kisch-deutsche Synodalrecht. Die Hinwendung zu Rudolph Sohm verdankte Barion seinem Lehrer Albert Koeniger, „allerdings ohne daß er je geahnt hätte, zu welchen Wegen mich das führen würde" 3 . Das Thema der Antrittsvorlesung: „Rudolph Sohm und die Grundlegung des Kirchenrechts" bezeichnet zugleich den Aus- gangs- und Schwerpunkt seines kanonistischen Schaffens. Als akademischer Lehrer wirkte Barion in Braunsberg und Bonn. Am 1. Oktober 1931 erhielt der Privatdozent einen Lehrauftrag an der staat- lichen Philosophisch-Theologischen Akademie in Braunsberg, am 6. Novem- ber 1933 folgte seine Ernennung zum Professor des Kirchenrechts. Von April 1939—1945 war er als Nachfolger Koenigers Ordinarius an seiner Heimatuniversität Bonn. Dazwischen lagen die Suspension von der Aus- übung der Weihegewalt durch die oberste kirchliche Autorität von Septem- ber 1934 bis Oktober 1935 sowie seine Berufung und Ernennung zum Ordi- narius für Kirchenrecht an der Universität München im Jahre 1938 4 .

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges endete auch die akademische Lehrtätigkeit Barions. Ihre Fortsetzung wurde ihm verwehrt, weil das we- gen seiner Beziehung zum Nationalsozialismus nicht mehr tragbar sei. Unter Bezugnahme auf das einschlägige Aktenmaterial nennt Flatten die drei Hauptvorwürfe gegen Barion: sein Beitritt zur NSDAP, seine Suspension und seine Berufung nach München 5 . Der Entnazifizierungsausschuß stufte ihn in die Kategorie V (der Entlasteten) ein. Dennoch verweigerte das Kul- tusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen ihm die Rückkehr auf seinen Lehrstuhl. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf verurteilte das Land am 1. Dezember 1949, ihn wieder als Professor einzusetzen (1 K 65/49); das Oberverwaltungsgericht Münster gab der Berufung des Landes am 14. Sep- tember 1950 statt (IV A 42/50). In einem zweiten Verfahren (1952/53) vertrat das Verwaltungsgericht Düsseldorf zunächst die Meinung, Barion gehe davon aus, er sei bei dem für die Universität Bonn zuständigen Diöze- sanbischof, nämlich dem Kölner Erzbischof, „genehm"; Barion korrigierte diese Auffassung dahin, er sei nach seiner Meinung wohl auch in Köln — aus kirchenpolitischen Gründen — nicht genehm, jedoch mit den Mitteln des Konkordatsrechts unangreifbar. Die Klage wurde am 5. Februar 1953 (2 K

Mün-

ster (VIII A 469/53), die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revi- sion am 24. September 1957 (BVerwG II B 152/56) zurückgewiesen.

13/52) abgewiesen, die Berufung am H.Jun i 1956 durch das OVG

1 Ebd. 215. * Näheres bei Sebastian Schröcker, Der Fall Barion, unten c 25—75.

5 A.a.O . (Note 1) 72.

Der korrekte Kanonist

3

Für den Versuch eines gerechten Abwägens ist die Feststellung von Flat- ten bemerkenswert, Barion habe es selbst seinen kirchlichen Freunden nicht immer leicht gemacht, sein Verhalten zu verstehen. Wiederholt habe er bei Konflikten zwischen Kirche und Staat sich auf die Position wissenschaft- licher Neutralität zurückgezogen. Wie die Rechte der Kirche habe er auch die Rechte des Staates ausgeleuchtet und so möglicherweise mit seinem Scharfsinn den Ministerien, damit aber auch dem Nationalsozialismus, erst das Material zum Kampf gegen die Kirche geliefert. Das habe zu Mißtrauen gegen Barion geführt. Keineswegs habe es in der Intention Barions gelegen, mit seinem Handeln auch nur im entferntesten die nationalsozialistische Weltanschauung zu unterstützen. Hörer seiner damaligen Vorlesungen hät- ten ihn als durchaus kirchlich gesinnten Universitätslehrer erlebt, der alles andere als nationalsozialistisches Gedankengut propagierte. Bei rechtswidri- gen Übergriffen der Partei gegen die Kirche habe er sich nicht gescheut, deren Rechte zu verfechten 6 . Barion trug schwer daran, daß ihm die akademische Lehrtätigkeit durch das von ihm als ungerecht empfundene Urteil endgültig verwehrt blieb. In den ersten Nachkriegsjahren war auch seine wirtschaftliche Existenz nicht gesichert. Mit Hilfe seiner Freunde fanden sich bald Projekte, in die er sein kanonistisches Können einbringen konnte. 1949/50 erschienen im Rahmen eines juristischen Repetitoriums anonym sechs von Barion verfaßte Faszikel „Kirchenrecht", in denen er in meisterhafter Disposition und Präzision auf 200 Seiten den Stoff des katholischen und evangelischen Kirchenrechts und des Staatskirchen rechts zusammenfaßte. Von 1948 an wirkte er in der Redaktions- und Lexikonarbeit des Hauses Brockhaus. Beginnend mit dem Konkordatsprozeß beriet er die Hessische Landesregierung über Jahre in Staatskirchen rechtlichen Fragen. Barion vernachlässigte dabei nicht die prin- zipiellen Fragestellungen der Kanonistik; 1951 erschien sein grundlegender Aufsatz über die Hierarchie 7 , 1962, kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, sein umfassender Bericht über die gegenwärtige Lage der Wissen- schaft vom katholischen Kirchenrecht*. In diese Reihe gehören wie ein Ver- mächtnis seine Beiträge zur Konzilskritik. Über 25 Jahre wirkte Barion als kanonistischer Privatgelehrter. Mehr noch als unter dem Verlust seines Lehrstuhls hat er unter der Isolierung durch die kanonistische Fachwelt gelitten. Er wurde weithin totgeschwiegen. Vergeblich wartete er auf eine kritische Auseinandersetzung mit seinen The- sen und Warnungen. Mit zunehmender Heftigkeit und Besorgnis meldete er sich zu Wort, doch seine Rufe verhallten ohne Echo aus der Fachwelt. Um so stärker war die Verbundenheit mit seinem Freundeskreis, dem Kreis von

Ebd. 73.

7 Nr. 6, unten S. 153—180.

8 Nr. 17, unten S. 341—403.

4

Werner Böckenförde

Carl Schmitt und seinen Schülern. Dieser Kreis hat das Schaffen und Den-

ken Barions mitgetragen. In ihm fühlte er sich heimisch; ihm gegenüber fühlte er die Verpflichtung, sich auch noch wissenschaftlich zu legitimieren 9 .

Intellekt,

Kennzeichnend für Hans Barion sind nicht nur sein bohrender

seine Fähigkeit zur Abstraktion und die Kraft zu einer an die Wurzeln reichenden Analyse. Die Tiefe und Weite seines Humanismus ließen ihn mit sensibler Intuition auch den schönen Künsten begegnen, den Freuden des Auges und des Ohrs in der gespiegelten und gespielten Welt von Bühne und Konzertsaal. Harmonie, Ordnung und Gesetzlichkeit sind Bausteine einer humanistischen Welt. Im Eintreten für diese im Sinken begriffenen Ideale wußte sich Barion mit seinem Freundeskreis einig, aber auch darin, sich vom Sinken dieses Äons nicht beeindrucken zu lassen 10 .

Am 15. Mai 1973 ist Hans Barion nach schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren in Bonn gestorben.

/.

B

Die das Werk Barions tragenden

Ideen

Barion nennt drei Hauptideen des Kirchenrechts, die er in langem Bemü- hen herausgearbeitet und unter die er den Stoff gefaßt habe. Für ihn gibt es keine Frage des Kirchenrechts, die bei gebührender Vertiefung nicht zu einer dieser drei Ideen vorstößt. Es sind dies der von Rudolph Sohm in bezug auf die katholische Kirche formulierte Kirchenbegriff, die Problematik einer Politischen Theologie und das ius divinum in dem von Barion entwickelten Sinn".

1. Der Kirchenbegriff Rudolph Sohms

Für Barion eröffnet sich von Rudolph Sohm (1841 —1917) her „die eigentliche, die tiefste, die entscheidende Erfassung des Kirchenrechts und damit auch der Katholischen Kirche" 12 . Das Problem der Grundlegung des Kirchenrechts liegt nach Sohm nicht im Bereich der Rechtswissenschaft, sondern in dem der Theologie, in ihrem Be-

* Vgl. Erwiderung 210.

10 Erwiderung 219.

11 Vgl. Erwiderung 217. Einen guten Einblick in die Position Barions vermitteln die

darstellenden Teile bei Peter Krämer, Theologische Grundlegung des kirchlichen Rechts. Die

Va-

tikanischen Konzils, Trier 1977, S. 47—51, 54—60, 79—83, 97—102.

18 Erwiderung 214; vgl. zu diesem Abschnitt auch Werner Böckenförde, Das Rechts- verständnis der neueren Kanonistik und die Kritik Rudolph Sohms. Eine ante-kanonistische Studie zum Verhältnis von Kirche und Kirchenrecht. Kath. theol. Diss. Münster 1969, S. 101—109.

rechtstheologischc Auseinandersetzung zwischen H . Barion und J. Klein im Licht des II.

Der korrekte Kanonist

5

griff von Kirche. Das Kirchenrecht ist demnach eine Funktion des Kirchen- begriffs. Damit ist auf die Ebene des Glaubens verwiesen: Der Glaube be- stimmt den Kirchenbegriff, der Kirchenbegriff das Kirchenrecht. Sohm geht nach Barion aus von der lutherischen Unterscheidung zwischen der nur für die Gläubigen in Wort und Sakrament erfahrbaren, für die Welt unsichtbaren Kirche im Glaubenssinn, der Kirche Christi, und der für jedermann sichtbaren, mit menschlichen Mitteln faßbaren Kirche im Rechts- sinn. Die unsichtbare Kirche Christi ist die Vereinigung aller wahren Christen zu einer geistlichen Gemeinschaft unter Christus als ihrem Haupt. In ihr herrschen Gottes Geist und Wort, aber es gibt keine äußerlich greif- baren Merkmale, die den Besitz des rechten Wortes verbürgen, wie auch die Zugehörigkeit zur Kirche im Glaubenssinn rechtlich nicht feststellbar ist 13 . Sohm sieht das Wesen des Katholizismus darin, daß dieser nicht zwischen der Kirche im religiösen Sinn (der Kirche Christi) und der Kirche im Rechts- sinn unterscheidet, daß also die Kirche im Glaubenssinn nach katholischer Lehre zugleich Kirche im Rechtssinn, rechtlich verfaßte Organisation ist. Wenn aber beides gleichgesetzt wird, so folgert Sohm, dann gehört der- jenige, welcher zur Kirche Jesu Christi gehören will, auch zur Katholischen Rechtskirche. Und dann bedeutet die Trennung von der sichtbaren Kirche auch die Trennung von der Kirche Christi. Das Leben der Christenheit mit Gott ist durch das katholische Kirchenrecht geregelt. Barion attestiert Sohm, er habe mit dieser Beschreibung der katholischen Kirche die endgültige For- mulierung ihres Selbstverständnisses geliefert 14 . Im Urchristentum gab es nach Barion zunächst unreflektiert die Gleichset- zung der Kirche im Glaubenssinn mit der Kirdie im Rechtssinn. Als um die Wende des 1. Jahrhunderts ein Lehrgegensatz über die Absetzbarkeit der Ältesten zwischen der Gemeinde in Korinth und der römisdien Gemeinde entstand, stellte sich die Frage, ob es (innerhalb der einen Kirche des Glau- bens) mehrere rechtlich gleichwertige Kirchen geben könne. Die römische Gemeinde verneinte dies, weil die Position beider Gemeinden nicht auch dogmatisch gleichwertig sein könne. Die Identität von Kirche im Glaubens- sinn und Kirche im Rechtssinn war bewußt und zum Prinzip geworden. Das Urchristentum war nach Sohm noch nicht zur Erkenntnis der Unsichtbarkeit des Volkes Gottes gelangt und dadurch — folgerichtig — katholisch gewor- den. Erst Luther habe aus seinem Verständnis des Neuen Testaments die Idee der Unsichtbarkeit der Kirche Christi gewonnen 15 . Barion stellt fest, vom Standpunkt wissenschaftlicher Exegese her ergebe sich für Sohm eine Äquivalenz des katholischen und des lutherischen Kir-

13 Nr .

1,

S. 89 f.;

vgl .

daz u

Rudolp h

Sohm ,

Kirchenrech t

Bd. 2 ,

Leipzi g

1923, 130—132.

14

Nr . 26,

S. 653 f.;

vgl .

daz u

Rudolp h

Sohm,

Wesen

und

Ursprun g

mus, 2. Aufl., Leipzig u. Berlin 1912, 13 f.

15

Nr .

1, S. 90 f.;

vgl . daz u Sohm , Kirchenrecht Bd. 2, 133—135 .

des

u .

Münche n

Katholizis -

6

Werner Böckenförde

chenbegriffs; beide seien biblisch begründbar. Daher stehe man hier vor der Wegegabelung, an der die Glaubensentscheidung getroffen werden muß. Weil die sich ausschließenden Positionen bereits im Neuen Testament grund- gelegt seien, hält Barion eine Verschmelzug des katholischen und des refor- matorischen Glaubens für unmöglich 16 . Für ihn ergibt sich aus den Fest- stellungen Sohms, daß der konfessionelle Gegensatz radikal ist, bis an die Wurzel reicht: in die Mitte des Kirchenbegriffs. Eine ökumenische Überein- kunft im Bereich von „Faith and Order" erscheint Barion daher ausgeschlos- sen, es sei denn um den Preis der — beiderseitigen — Identität.

2. Die Idee der Politischen Theologie

Als zweite Idee, mit deren Hilfe er den zwei Jahrtausende umfassenden Stoff des Kirchenrechts in den Griff bekommen habe, nennt Barion die Idee der Politischen Theologie. Die Hinwendung zu den unter dieser Bezeich- nung verborgenen kanonistischen Fragen verdankt er Carl Schmitt. Dessen schon erwähnter Essay „Römischer Katholizismus und politische Form" gab Barion den Anstoß zu weiterführenden kritischen Fragen und Ergänzungen aus kanonistischer Sicht. Carl Schmitt hat zu der von Barion vertretenen Position 1970 Stellung genommen „als Zeugnis einer langen, an theoreti- schen, praktischen und persönlichen Erfahrungen reichen, vierzigjährigen Weggenossenschaft, die einen Legisten und einen Kanonisten im Geist ihres ius utrumque miteinander verbunden hat" 17 . Hier geht es Barion um die Grenzen des Kirchenrechts und kirchlicher Einflußnahme im politischen Bereich. Barion hält die Nichtunterscheidung des Weltlichen und des Geistlichen für de n Sündenfall der Politischen Theologie. Er sagt: Sie versucht, geistliche Weisungen und Verheißungen in den weltlichen und somit politischen Bereich einzubringen. Damit wird der eschatologische Charakter der Botschaft Christi geleugnet. Es ist nicht mög- lich, biblische Sätze über die Gerechtigkeit oder über die Gleichheit auf den gesellschaftlichen Bereich zu übertragen und dort als maßgebend hinzustellen. Man kann zum Beispiel aus dem Neuen Testament keine Rezepte für die Mit- bestimmung ableiten; was dort gelehrt wird, ist religiös, betrifft den geist- lichen Bereich 18 . Barion bemüht sich um eine strenge Scheidung der jahrhundertelang in Lehre und Praxis der katholischen Kirche miteinander verknüpften Bereiche des Geistlichen und des Weltlichen. Diese Scheidung sucht Barion kategorial durchzuführen. Zum Geistlichen gehört (nur), was in Beziehung zum escha- tologischen Heil steht, was notwendig ist, um das Heil zu wirken. Geistliche

10 Nr. 26, S. 658 und Erwiderung 214.

17 Carl

Schmitt,

Politische

Theologie

IL

Die

Legende

von

der

Erledigung

jeder

Poli-

tischen Theologie, Berlin 1970, bes. S. 26—31; Zitat S. 11.

18 Nr. 26, S. 672

f.

Der korrekte Kanonist

7

Weisungen sind Weisungen ratione salutis bzw. ratione peccati (mortalis). Damit eine politische Weisung der Kirche verpflichtende Kraft erhalte, müsse sie durch den geistlichen Zweck gedeckt sein, müsse ihre Nichtbefol- gung diesen Zweck verletzen, Sünde sein 19 . In seinem Beitrag vom Juni 1933 geht Barion unter anderem der Frage nach, ob der politische Katholizismus, nämlich die Form, in der die deut- schen Katholiken damals mittels einer konfessionell geprägten politischen Partei am staatlichen Leben teilnahmen, der Lehre der Kirche über ihr Ver- hältnis zum Politischen entspricht. Der Kirche sei nur geistliche Macht eigen; politische Macht sei ihrem Wesen zuwider, weil die Kirche jenseits von Freund und Feind stehe. Deshalb könne sie sich in politischen Dingen nur geistlich äußern. Die Kirche soll dem Staat nicht mittelbar, vertreten durch eine Partei, gegenübertreten, sondern unmittelbar mit der Macht ihres gött- lichen Auftrages. An die Stelle einer Vermischung der beiderseitigen Herr- schaftsbereiche müsse deren Trennung treten, auch um der Kirche willen 20 . — Die in diesem Aufsatz enthaltene Anerkennung des totalen Staates hat Barion später korrigiert 21 . 1965 hat Barion die frühere Fragestellung „Kirche oder Partei?" erwei- tert. In kanonistischer Ergänzung zu dem aus weltlich-juristischer Sicht geschriebenen Essay Carl Schmitts antwortet Barion auf die Frage, mit welchen politischen Systemen sich die katholische Kirche arrangieren könne:

Sie kann jede politische Form anerkennen, die nicht unter einem vom Glau- ben her unannehmbaren Leitbegriff steht und die rechtsstaatliche Sicherheit und Kontinuität nicht ablehnt". Die kirchliche Anerkennung steht nach Barion jedoch stets unter einer dreifachen Einschränkung: Sie gilt nur fak- tisch, nur für die Dauer des Regimes und unter Vorbehalt der kirchlichen Rechte 23 . Diese Einschränkung ergibt sich aus dem eschatologischen Cha- rakter der Kirche. Denn angesichts ihrer alles überlebenden Dauer braucht sie sich politisch nicht zu entscheiden, wie Carl Schmitt es formulierte. In seinem Beitrag in der Festschrift zum 80. Geburtstag von Carl Schmitt treibt Barion seine Kritik an der Politischen Theologie ins Grundsätzliche vor. Er fragt nach ihrer übergeschichtlichen Möglichkeit: Gehört sie nur zur Geschichte oder auch zum Wesen der Kirche? Carl Schmitt hatte seinen Essay geschrieben, um zu zeigen, daß die Kirche wesentlich nicht nur geist- lich, sondern auch politisch sei. Denn sie repräsentiere eine Idee, die in die geschichtliche Welt hineingreift. Barion läßt das als historische Feststellung gelten, freilich als Feststellung einer Fehlentwicklung, nicht als theologische

W Nr. 21, S. 502.

M

«

••

Nr. 20, S. 456—461, bes. 460.

Nr. 21, S. 467 Ebd. 491 f.

f.

Werner Böckenförde

8

Aussage über das Wesen der Kirche. Nach Barion gibt es „kein legitimes Beziehungsfeld zwischen Kirche und Politik außerhalb der ratio peccati; wo die Kirche eine positive politische Idee repräsentiert, die theologisch immer nur eine unter mehreren von den Zehn Geboten aus möglichen ist, über- schreitet sie ihren göttlichen Auftrag" 24 . Eine Politische Theologie, die kirchlich verbindlich und zugleich politisch konkret sein wollte, sei theolo- gisch illegitim. Das Konzil habe es versäumt, die aufgezeigte Fehlentwick- lung zugunsten einer strengen Scheidung der zwei Reiche, des geistlichen und des weltlichen, des religiösen und des politischen, zu korrigieren, mit anderen Worten: die Kirche zu entpolitisieren. In seiner Entgegnung bleibt Carl Schmitt bei seiner Meinung, daß das Politische keinen abgrenzbaren Gegenstand hat. Auch eine geistliche Äuße- rung der Kirche ratione peccati kann in das Spannungsfeld des Politischen geraten. Wenn der Theologe auf eine politische Frage theologisch antwortet, nimmt er dadurch eine politische Kompetenz für sich in Anspruch 25 . Der damit markierte Konflikt stellt aber zwangsläufig vor die von Thomas Hobbes formulierte Frage: Quis iudicabit? Quis interpretabitur? „Wer ent- scheidet in concreto für den in natürlicher Eigenständigkeit handelnden Menschen die Frage, was geistlich und was weltlich ist und wie es sich mit den res mixtae verhält, die nun einmal in dem Interim zwischen der An- kunft und der Wiederkunft des Herrn die ganze irdische Existenz dieses spiritual-temporalen Doppelwesens Mensch ausmachen?" 28 Das führt zu der Frage nach der Souveränität des Staates und wirft ein Licht auf die Pro- blematik der kirchlichen Lehre von der potestas indirecta in temporali- bus 27 .

3. Das System des göttlichen Kirchenrechts

Barion sieht im göttlichen Recht das Strukturprinzip der Kirche und da- mit des gesamten Kirchen rechts 28 : Durch das göttliche Recht wird die Kirche als Rechtskirche formiert und als unveränderlich strukturiert. Die Sätze des göttlichen Rechts gehören in den Bereich der Dogmen und sind wie diese vom kirchlichen Lehramt autoritativ aus der Offenbarung abgeleitet. Das göttliche Kirchenrecht ist eine normative Ordnung. „Das rechtlich

die aus dieser Ordnung nicht

Wesentliche am göttlichen Kirchenrecht ist

ableitbare, vielmehr kraft positiver göttlicher Setzung zu ihr hinzutretende

Unabänderlichkeit und Heilsnotwendigkeit" 29 .

24

25

24

27

Nr. 25, S. 640.

Carl Schmitt, Politische Theologie II (Note 17) S. 105.

Ebd. 107.

Vgl. dazu Carl Schmitt, Der Leviathan in der Staatslehre Thomas Hobbes, Ham-

(Nachdruc k hrsg . v . Günthe r Maschke, Köl n 1982) S. 117 f., 127 ; s. auch Nr . 22 .

bur g 1938

28 Vgl. zum folgenden Nr. 17, bes. 344—374.

29 Ebd. 352.

9

Mit der Entwicklung des göttlichen Kirchenrechts verhält es sich nach Barion wie mit der Entwicklung der Dogmen, die ja auch die Struktur von Rechtssätzen haben. Die Urgestalt des Donum revelatum steht in der Sicht des kirchlichen Lehramtes nämlich nicht am Anfang, sondern am Ende der Entwicklung. Sie ist dann erreicht, wenn aus den möglichen Fassungen einer Offenbarungswahrheit eine bestimmte als die kirchlich allein zulässige fest- gelegt wird, z. B. im Primatsdogma des Ersten Vaticanum von 1870 oder in dem Satz des Eherechts, daß eine gültige und vollzogene Ehe unter Christen durch keine menschliche Gewalt und aus keinem Grund, außer durch den Tod, aufgelöst werden kann 30 . Wo die Kanonistik bei der Systematisie- rung des göttlichen Rechts auf normative Lücken oder auf Fragen stößt, auf die noch keine eindeutige Antwort gegeben wurde, hat sie diese dem kirch- lichen Lehramt bzw. dem Gesetzgeber vorzulegen, damit durch neue autori- tative Festlegung noch verbliebene Lücken im System geschlossen und mehr- deutige Aussagen zu vollkommener Eindeutigkeit gebracht werden. Barion verkennt nicht die Spannung zwischen der kanonistischen, d. h. durch dogmatische Festlegungen gebundenen, und der profanwissenschaft- lichen Betrachtung der Entwicklung des göttlichen Rechts. Denn die profan- wissenschaftliche Forschung habe ergeben: Das heutige System des göttlichen Rechts kann nicht oder zum mindesten nicht in allen seinen Sätzen bis in die Offenbarungszeit zurückverfolgt werden und weist auch in seiner Entfal- tung Lücken und Neuansätze auf; es entstand in geschichtlich kontingenten Situationen und gewann erst allmählich den formellen Charakter über- geschichtlichen Rechts; viele seiner Sätze mußten sich gegen hierarchischen Widerstand durchsetzen 31 . Nach Barion lassen sich die aufgezeigten Apo- rien lösen, wenn man die Entwicklung des göttlichen Kirchenrechts kanoni- stisch als Bewußtwerden und allmähliche Klärung der Sachprobleme auf- faßt, die in den einzelnen göttlich-rechtlichen Sätzen des kanonistischen Systems beschlossen sind 32 . Quelle des göttlichen Kirchenrechts sind die lehramtlichen Entscheidun- gen, die einen Rechtssatz als geoffenbart ausweisen und damit seine An- nahme als solchen zur Glaubenspflicht erheben. Barion warnt vor dem Irr- tum, Unfehlbarkeit komme nur dem außerordentlichen Lehramt zu bei Kathedralentscheidungen oder feierlichen Konzilsbeschlüssen. Auch das ordentliche und allgemeine Lehramt sei bei entsprechenden Entscheidungen unfehlbar. Der vom Papst erlassene Codex Iuris Canonici sei vom ganzen Episkopat ohne Widerspruch übernommen worden. Dadurch seien seine als göttliches Recht ausgewiesenen Sätze durch das ordentliche und allgemeine Lehramt (unfehlbar) zu kirchenrechtlichen Dogmen geworden, d. h. zu

Der korrekte Kanonist

30 c. 1118 C.I.C. v. 1917 ( = c. 1141 C.I.C. v. 1983).

31 Nr. 17, S. 361—364.

32 Ebd. 367.

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Werner Böckenförde

Rechtssätzen, deren normativer Inhalt unmittelbar in der Offenbarung ent- halten ist oder in einer (autoritativ festgestellten) unlösbaren Verknüpfung mit einer geoffenbarten Glaubenswahrheit steht. In beiden Fällen eigne diesen Sätzen das formal wesentliche Merkmal der Irreformabilität 33 . Die Zugehörigkeit einer Norm zum göttlichen Kirchenrecht ist im Codex Iuris Canonici von 1917 mit verschiedenen Formeln angezeigt 34 . Barion hält es allerdings für notwendig, im Rahmen der Systematisierung des gött- lichen Kirchenrechts genau zwischen dessen beiden Quellen, dem Naturrecht und dem Offenbarungsrecht, zu unterscheiden; denn die kanonistische Ekklesiologie benötige für das innere öffentliche Kirchenrecht eine lücken- lose offenbarungsrechtliche Grundlage, während es sich für das Verhältnis der Kirche zum Staat nahelege, kirchliche Ansprüche (nur) naturrechtlich zu begründen 35 . Wie aber ist die praktische Handhabung des der Kirche vorgegebenen unveränderlichen göttlichen Kirchenrechts? Barion stellt fest: Es fehlen noch lehramtliche Aussagen, die seine elastische, nachgiebige Handhabung aus- drücklich für möglich erklären. Daher kann die Frage vorläufig nur durch Rückgriff auf die kirchliche Praxis beantwortet werden. Da sich hier eine elastische Handhabung zeigt, ergibt sich vom normativistischen Ansatz Ba- rions her, daß diese Elastizität auch von Rechts wegen besteht. Selbstver- ständlich habe sie ihre Grenzen; doch auch über sie existierten keine lehr- amtlichen Aussagen. Ein Katalog der von der Kirche je bewilligten Ein- schränkungen des göttlichen Rechts könne Material liefern, um zu einer enumerativen Begrenzung der Elastizität zu kommen, wenn sie taxativ schon nicht zu erreichen sei 38 . Für Barion gehört das göttliche Recht wegen seines Ursprungs in den Be- reich der dogmatischen Festlegungen: Grundsätzlich ist es seit je vollständig; aber auch auf der Ebene seiner Erfassung ist seit dem Vaticanum I mit we- sentlichen Erweiterungen nicht mehr zu rechnen. Damit sei der Kanonistik eine verläßliche Grundlage gegeben. Ebenso wie den heute verbreiteten Ver- suchen, den Inhalt der Dogmen entgegen dem bei ihrer Definition festgeleg- ten Sinn von ihrer Entwicklung her zu erklären, müsse die Kanonistik ähn- lichen Tendenzen bezüglich des göttlichen Kirchenrechts entgegentreten 37 .

33 Ebd. 353—356.

34 Neben der gebräuchlichen Bezeichnung ius divinum findet sich lex divina, ordinatio divina, institutio divina. Indirekt gekennzeichnet wird göttliches Recht mit den Formeln ius nativum, ius proprium; independens a civili potestate, independens a quavis humana auc- toritate. Unter ius divinum wird im Codex sowohl das positive als auch das natürliche göttliche Recht verstanden, so daß auch die Formeln ius naturale und lex naturalis gött- liches Recht anzeigen. Nachweise bei Johann Adam Faßbender, Das göttliche Recht im Codex Juris Canonici. Bonner kath. theol. Diss. (masch-schr.) 1949, S. 45—53.

35 Nr. 17, S. 390, 393.

36 Nr. 21,

37 Nr. 17, S. 350—358.

S. 503

f.

Der korrekte Kanonist

11

Barion weiß, daß die von ihm vertretene Position nach Frage und Ant-

wort zu der herrschenden kanonistischen Doktrin eher konträr steht. „Den-

Deutung

der gegenwärtigen (glaubens- und rechts)dogmatischen Grundlagen und Probleme der Kanonistik zu sein, für wie inopportun man auch eine derart offenherzige Bloßlegung dieser Grundlagen und Probleme halten mag" 38 .

noch erhebt sie den Anspruch, eine dogmatisch einwandfreie

//. Kritik

am Zweiten

Vatikanischen

Konzil

Das durch die genannten drei Ideen grundgelegte, begrenzte und struktu- rierte Kirchenrecht ist der Maßstab, an dem Barion das Zweite Vatikanische Konzil gemessen hat: ein Hammer, der aus einer unverdächtigen Zeit stammt, da noch niemand ahnen konnte, welche Bröckelungen, welche Miß- bildungen, welche unglaublichen Brüche er freilegen würde 39 . Barions Konzilskritik bezieht sich gegenständlich auf Glaubenslehre und Kirchen- verfassung, und zwar jeweils auf die Ziele und Wege der „progressistischen Konzilspartei" und die daraufhin gefaßten Konzilsbeschlüsse, sodann auf die konziliare Sozial- und Staatslehre, schließlich auf Auswirkungen des Konzils in der Römischen Kurie und der „Konzilstheologie".

1. Kritik im Blick auf Glaubenslehre und Kirchen Verfassung

Barion äußerte seine Konzilskritik auf dem Hintergrund der polarisie- renden Gegensätze zwischen sogenannter kurialer und progressistischer Konzilspartei. Die Triebfeder für letztere sieht Barion in einem unerleuchte- ten Faith-and-Order-ökumenismus, der die Gegensätze zwischen den katholischen und reformatorischen Positionen überwinden oder mindestens durch Formelkompromisse abschwächen will. Dementsprechend habe sich der progressistische Angriff in erster Linie auf den (durch den unterschied- lichen Kirchenbegriff grundgelegten) unvereinbaren Gegensatz zwischen katholischem und reformatorischem Verständnis der Kirche bezogen mit der Tendenz, den Bereich der sichtbaren Kirche über die Katholische Kirche hinaus zu erweitern 40 . Gegenstand progressistischen Widerspruchs seien des weiteren die antireformatorischen Unterscheidungslehren gewesen, zum Beispiel der Wesensunterschied zwischen Klerus und Laien mit der Tendenz, durch Betonung des allgemeinen Priestertums die hierarchische Ordnung ab- zuschwächen; das Verhältnis von Schrift und Tradition mit der Tendenz, das Schriftprinzip in das Traditionsprinzip einzubetten, und die Meßopfer- lehre 41 .

38

59

40

41

Ebd. 401.

Erwiderung 216.

Nr. 23 (II), 521.

Ebd. 522 und Nr. 26, S. 663—665.

12

Werner Böckenförde

Aus derselben Intention entsprang nach Barion der Versuch der progressi- stischen Konzilspartei, einen Bruch mit dem Primatsdogma einzuleiten:

Unter dem antiprimatialen Vorwand einer Ergänzung des Vaticanum I habe sie die Erhöhung des Bischofsamtes gefordert und eine Scheidung zwischen primatialer und kollegialer gesamtkirchlicher Gewalt; die Juris- diktionsgewalt des einzelnen Bischofs müsse als Teilhabe an der Gewalt des Bischofskollegiums verstanden werden, das in die Nachfolge des Apostel- kollegiums eingetreten sei 42 . Zu dieser Tendenz gehöre auch die progressi- stische Forderung nach einem Ständigen Bischofsrat in der Absicht, den Papst auf die Rolle eines an diesen Rat gebundenen konstitutionellen Monarchen zurückzudrängen 43 , wie auch der Vorschlag einer Verlagerung von Primatialrechten in die Zuständigkeit des Patriarchen des Abend- landes 44 . Im Bereich der Glaubenslehre konstatiert Barion Äußerungen des Kon- zils, die als Kompromißformeln in Spannung oder Widerspruch zu dogmati- sierten Wahrheiten stünden. Als Beispiele nennt er Konzilsaussagen zum Verhältnis von Schrift und Tradition als Offenbarungsquellen, zum Erfor- dernis der Kollegialität beim Zustandekommen von Kathedralentscheidun- gen, zum Verständnis des Meßopfers als einer (bloßen) Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, zur Deutung der Transsubstantiation als Transsignifika- tion 45 . Gestützt auf die am 16. November 1964 in der Konzilsaula be- kanntgemachte Antwort auf die Frage nach der theologischen Qualifikation der (im Entwurf vorliegenden) konziliaren Ekklesiologie, Dogmen im eigentlichen Sinn seien nur die ausdrücklich vom Konzil als solche bezeichne- ten Lehren, stellte Barion fest: Nachdem das Konzil kein Dogma definiert habe, sei seine Ekklesiologie — und das gilt entsprechend für alle Konzils- aussagen — reversibel. Ihre Grenze finde diese Reversibilität an den schon vom (außerordentlichen oder ordentlichen und allgemeinen) kirchlichen Lehramt verkündeten unveränderlichen Dogmen 46 . Sie sind für Barion auch der Maßstab für die Notwendigkeit korrigierender lehramtlicher Stel- lungnahmen 47 . Im Bereich der Kirchenverfassung hat der Angriff der progressistischen Konzilspartei auf das Primatsdogma nach der Feststellung Barions nicht zu einer Verletzung von Sätzen des göttlichen Kirchenrechts geführt. In allen Streitfragen des göttlichen Rechts habe sich das Konzil in seiner Dogmati- schen Konstitution über die Kirche Lumen gentium der bisherigen kirch-

42

48

44

45

46

47

Nr. 23 (II), 525

Nr. 23 (III), 543 f.

Nr. 23 (II), 533.

Nr. 26, S. 664

Nr. 23 (II), 534.

Nr. 25, S. 642 Anm. 88.

f.

f.

Der korrekte Kanonist

13

liehen Lehre angeschlossen: sowohl hinsichtlich der Unfehlbarkeit als auch hinsichtlich des Jurisdiktionsprimates des Papstes 48 . Normativ betrachtet seien auch das Bischofskollegium, die Bischofssynode und die Bischofskon- ferenzen in den Grenzen des Primatsdogmas geblieben. „Der formelle Bruch mit den bisher lehramtlich als Offenbarungsrecht deklarierten Prinzipien des kanonischen Rechts ist der progressistischen Konzilspartei nicht gelun- gen" 49 .

2. Kritik an der konziliaren Sozial- und Staatslehre

Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes enthält die Soziallehre und die Staatslehre des Konzils. Ansatzpunkt für die Kritik Barions ist die Frage nach der kirchlichen (lehramtlichen oder theologischen) Legitimität dieser Aussagen, nicht nach deren profanwissen- schaftlichem Gewicht. Barion geht es um die Frage, ob diese konziliaren Aussagen die geistliche Verkündigung durch Propagierung weltlicher Modelle verformen, ob also der Versuch gemacht wird, die Selbständigkeit und Eigengesetzlichkeit der weltlichen Ordnung aufzuheben. Die Frage spitzt sich darauf zu, ob die konziliare Sozial- und Staatslehre eine Grund- lage in einer Aussage des kirchlichen Lehramtes hat oder theologisch begrün- det (wenigstens aber begründbar) ist aus der Offenbarung. Barion untersucht daraufhin aus der konziliaren Soziallehre zwei Aussa- gen, „die den ideologischen Standort der progressistischen Soziallehre beson- ders deutlich fixieren": die Aussagen über das Recht aller auf wirtschaftliche Mitbestimmung (Const. Gaudium et spes, Nr. 68) und über die Ausgren- zung des großen Besitzes als eines superfluum (Nr. 69) 50 . In eingehender Analyse gelangt Barion zu dem Ergebnis, daß die konziliare Mitbestim- mungslehre einer sachlichen theologischen Begründung entbehrt und daher mangels eines dogmatischen Anspruchs auch kein lehramtliches Gewicht hat 51 . Die Aussagen des Konzils zum überflüssigen Besitz gehören nach Barion nicht in die allgemein verbindliche Ethik, sondern in die Voll- kommenheitsethik der Evangelischen Räte. Mit dem Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit ließen sich kerygmatische Aussagen nur vom gemeinethischen Verbot des Diebstahls aus machen. Damit werde nicht der geringste Einwand erhoben gegen die kerygmatische Begründetheit und pastorale Notwendig- keit eines konziliaren Aufrufes an die Besitzenden, den Armen zu helfen. Die Kritik Barions beginnt, wo das Konzil mit lehramtlicher Autorität wirtschaftliche und soziale Sachentscheidungen trifft, ohne sie theologisch

48 Nr. 23 (II), 528.

49 Nr. 23 (III), 549.

50 Nr. 24, S. 557.

51 Ebd. 572.

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Werner Böckenförde

zureichend zu begründen oder auch nur begründen zu können 52 . Es geht ihm um die inhaltliche Begrenzung der verbindlichen kirchlichen Lehrgewalt. Nach c. 1322 § 1 C.I.C. (von 1917) erstreckt sie sich nur auf den Offen- barungsinhalt und die mit ihm zusammenhängenden Fragen. Barion wehrt sich gegen eine progressistische Uberdehnung und Grenzüberschreitung der kirchlichen Lehrgewalt sowie gegen das „Bestreben, die im apostolischen Kerygma grundgelegte Lehre von den zwei Reichen zugunsten einer Pro- gramm- und Arbeitsgemeinschaft beider Reiche beiseite zu schieben" 53 . Die von der konziliaren Soziallehre für die Kirche beanspruchte Potestas in-

directa in oeconomicis könne wie die Potestas indirecta in politicis überhaupt nur um den Preis der Parteiwerdung der Kirche ausgeübt werden, nicht aber

mit lehramtlicher oder theologischer

um des Heiles willen unter Sünde verpflichtet).

Die konziliare Staatslehre (Const. Gaudium et spes, Nr. 74) enthält nach Barion einen inneren Widerspruch. Das Gemeinwohl faßt sie nicht als ein Ganzes auf, sondern als „die Summe jener Bedingungen des gesellschaft- lichen Lebens, durch die es den Menschen, den Familien und den Zusammen- schlüssen möglich wird, sich umfassender und ungehemmter zu vervoll- kommnen" 55 . Dieser pluralistische Gemeinwohlbegriff liefert keine Basis für Ansprüche auf Leistungen zugunsten der Gesamtheit. Ihm entspricht eine politische Gemeinschaft im Sinne eines Rahmenstaates ohne die spezi- fisch staatsbildenden Merkmale politischer Einheit. Im Gegensatz dazu steht das konziliare Verständnis der öffentlichen Gewalt. Diese trägt dezisioni- stische Züge. Denn sie hat nach dem Konzilstext das Recht, legitime Pro- gramme einzelner oder von Gruppierungen zugunsten der politischen Ge- meinschaft einzuschränken oder auszuschließen. Wiederum fragt Barion:

Bietet die konziliare Staatslehre Theologie? Läßt sie sich überhaupt theolo- gisch begründen? Wiederum führt die Analyse zu einem negativen Ergebnis:

zu dem Kontrast zwischen dem lehramtlichen Anspruch der konziliaren Staatslehre und ihrem „untheologischen, weltlich-politischen, um nicht zu

Verbindlichkeit 54 (die für Barion

stets

sagen: parteipolitischen

Die Folgerungen Barions daraus entsprechen seinem Urteil über die kon- ziliare Soziallehre: Auch der konziliaren Staatslehre fehlt die Verknüpfung mit dem Donum revelatum. Eine lehramtliche Aussage, die ein bestimmtes politisches Modell vorschreiben wollte, wäre illegitim. Denn die Offenba- rung enthält keine solchen Modelle, sondern stellt alle im Rahmen der Zehn

Inhalt" 56 .

52

53

54

55

M

Ebd. 584.

Ebd. 589.

Ebd. 595.

Vgl. Nr. 25, S. 619.

Ebd. 634.

Der korrekte Kanonist

15

Gebote zulässigen Modelle als ethisch möglich hin. Eine kirchlich verbind- liche und zugleich politisch konkrete Theologie ist nach Barion ebensowenig möglich, wie eine kirchlich verbindliche und zugleich konkrete Soziallehre mangels einer Sozialoffenbarung möglich ist 57 . Barion stellt fest: Das Konzil hat mit seiner Sozial- und Staatslehre die Grenze überschritten, die eine „getreue Verwaltung der Offenbarung von ihrer eigenmächtigen, rein

menschlichen Erweiterung oder Umdeutung trennt" 58 . Für Barion

sich hier die Richtigkeit der Forderung des Alberico Gentilis: „Silete, theologi, in munere alieno!" 59 .

erweist

3. Auswirkungen des Konzils

In seinen nachkonziliaren Schriften fügt Barion seiner Konzilskritik einige Beobachtungen über Auswirkungen des Konzils an. Sie betreffen die Struktur und Arbeitsweise der Römischen Kurie sowie die nachkonziliare Theologie und sollen hier nur kurz genannt werden. Hinsichtlich der Struktur der Römischen Kurie kritisiert Barion die durch ein Motu proprio Pauls VI. vom 3. Januar 1966 gebildeten postkonziliaren Kommissionen zur Durchführung der Konzilsbeschlüsse und ihre Scheidung von der Kurie. Barion befürchtet, daß diese von ihm als Antikurie bezeich- nete Einrichtung „der ganzen postkonziliaren Tätigkeit der Kirche den pro- gressistischen Charakter pluralistischer Kompromisse aufdrücken" wird 60 . Hinsichtlich der lehramtlichen Tätigkeit registriert Barion eine Lähmung. Angesichts der in den Konzilstexten selbst enthaltenen Doppeldeutigkeiten und der unterwandernden Interpretationen von Glaubenswahrheiten durch die progressistische Theologie sieht er in dieser Lähmung des Lehramtes eine Gefahr für den offenbarungsgebundenen Glauben. Damit hängt die Kritik an der nachkonziliaren Theologie zusammen. Das Schlüsselwort der konziliar-progressistischen Theologie sei der Dialog, die Diskussion. Die bisherige Theologie verstehe sie als bloßen Durchgangs- punkt, so daß sie zu einem der Geschichtlichkeit entzogenen Glaubenskanon nicht geeignet sei 61 . Das Vehikel der Heterodoxie sieht Barion in der Un- terscheidung von Substanz und Formulierung des Dogmas. Es sei unkatho- lisch zu behaupten, ein Dogma könne begrifflich nicht eindeutig und unter Ausschaltung aller soziologischen Einwirkungen gefaßt werden 62 . Für Barion sind Dogmen unveränderliche Rechtssätze. Als custos theologiae

57

58

59

w

«'

Ebd. 637 f.

Ebd. 643.

Commentatio de iure belli (1588) I, 12.

Nr. 23 (III), 547. Nr. 24, S. 554.

16

Werner Böckenförde

habe die Kanonistik die Aufgabe, Lehraussagen an dem begrifflichen Gehalt der hierarchischen Lehrverkündigung zu messen und Maßstäbe für die Bewahrung des Donum revelatum festzulegen 63 .

/// .

Die Position des korrekten

Kanonisten

Nach der Darstellung der das Werk Barions tragenden Ideen und seiner Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil soll sein Schaffen nun unter for- malen Aspekten in den Blick gerückt werden. Barion selbst hat seit dem Konzil gern den Begriff des „korrekten Kanonisten" auf sich angewandt. Wie hat er die Position des korrekten Kanonisten gesehen? Der korrekte Kanonist zeichnet sich aus durch Wissenschaftlichkeit und durch die Bindung an die kirchliche Autorität. Seine Position ist nur in eodem genere, also je- weils auf derselben Ebene, zu widerlegen.

1. Wissenschaftlichkeit

Der korrekte Kanonist, „das bin nicht ich, das ist kein Individuum, das ist ein Typ, und es ist mein Verhängnis, daß dieser Typ nicht in Serienher-

stellung möglich ist. Aber das ändert nichts daran: das bin nicht ich, das ist

der Geist des Gesetzes

durchsehen, Sie finden nirgendwo einmal das Wort ich oder die etwas unter- belichtete Umschreibung mit ,wir\ niemals habe ich je meine Meinung ver- treten, ich bin immer bestrebt gewesen, objektiv zu sein." Das sind Worte Barions aus seiner Erwiderung anläßlich der Überreichung der Festschrift zu seinem 70. Geburtstag, in der er zum ersten und auch zum letzten Male von sich selbst geredet hat 64 . Dieser Satz gibt den Schlüssel, um ihn zu verste- hen. Die Person Hans Barion, also sein persönliches Denken, Empfinden, Werten und Wünschen, tritt in seinem kanonistischen Schaffen zurück, wird zum Träger einer idealtypischen „Persona", einer „kanonistischen Person", die einzig geprägt ist vom Geist des (vorgegebenen) kanonischen Rechts. Hans Barion suchte den Geist des kanonischen Rechts zu verkörpern. Daher sein kompromißloses Streben nach Objektivität.

Sie können alle meine Schriften, meine Aufsätze

Heinrich Flatten weiß aus seiner Studienzeit zu berichten: „Wer sich zu

die Erfah-

rung machen, daß im Referat erbarmungslos jedes „Ich" gestrichen wurde mit dem Bedeuten: Was Sie selbst darüber denken, interessiert vorerst über- haupt nicht; nicht Ihre persönliche Meinung, sondern die Sache sollen Sie darlegen; stellen Sie Sachargument gegen Sachargument; das Ergebnis muß

seinem kirchenrechtlichen Seminar anmeldete, mußte alsbald

83

Nr. 17, S. 357. • 4 Erwiderung 205 f.

Der korrekte Kanonist

17

.; aber eben

aus dem Sachzusammenhang, nicht aus persönlicher Meinung" 6 ". Allge- mein und besonders für die Vermischung der rechtspolitischen und der rechtsdogmatischen Fragen galt für Barion der Satz Max Webers, „daß, wo immer der Mann der Wissenschaft mit seinem eigenen Urteil kommt, das volle Verstehen der Tatsachen aufhört" 66 . Wer eine Frage nicht ohne Werturteil wissenschaftlich objektiv darstellen kann oder will, der genüge eben dem wissenschaftlichen Anspruch nicht 67 .

Zur Wissenschaftlichkeit gehört für Barion nicht nur die strikte Forde- rung nach Objektivität, sondern auch jene, daß sie dem Gesetz der Form genügt. Mit Recht hebt Flatten die Brillanz des Stils, die Eleganz und Ziel- sicherheit der logischen Gedankenführung und die zwingende Stringenz des Beweisganges hervor. Barion begründet sein Mühen um formale Vollendung seiner theologischen Gedankengänge: Den Weg zur wissenschaftlichen Erfas- sung des Göttlichen — zur Lehre von Gott, denn das ist ja theologia — geht man einzig und allein mit den Gaben, die schon Minerva ihren menschlichen Schützlingen verliehen hat. Diese Gaben benennt Barion mit Charles Maur-

Und im

ras: Weisheit, Maß, Geschmack, Raison, Rhythmus, Harmonie 68 .

Anschluß an Pindar formuliert Barion: Die Weisheit ist erst dann wirklich Weisheit, wenn sie dem Gesetz der Form genügt 69 . Barion war ein Meister der Form und der ästhetischen Formprinzipien.

dann hernach unter dem Strich wie von selbst herausspringen

2. Bindung an die kirchliche Autorität

Der korrekte Kanonist übernimmt die für seine Wissenschaft bedeut- samen Lehraussagen von der Dogmatik, und deren primäre Quelle ist das kirchliche Lehramt. Barion beschreibt das, indem er einen Satz von Thomas Hobbes abwandelt: auctoritas, non theologia facit dogma. Die katholische Glaubenslehre und das ihr entsprechende göttliche Recht ruhen auf der Autorität einer sich absolut setzenden Kirche 70 . Sola Ecclesia ist nach Ba- rion das formierende Prinzip des katholischen Glaubens und damit auch des kanonischen Rechts. Mit diesem Prinzip steht und fällt das katholische Ver- ständnis der Offenbarung 71 . In dieser Bindung steht und verharrt der korrekte Kanonist. Diese Bin- dung hatte Barion in besonderer Weise bekräftigt, als er nach seiner Bitte vom 16. September 1935 um Aufhebung der Suspension verpflichtet wurde,

85

86

67

68

09

79

71

A. a. O. (Note

Zitiert bei Barion Nr. 6, S. 173 Anm. 4.

Erwiderung 210.

Ebd. 213.

Ebd. 212.

Nr.

Ebd. 401 f.

1) 76.

17, S. 348

f.

18

Werner Böckenförde

eine von der Römischen Kurie verfaßte eidliche Zusatzerklärung abzu- geben; in ihr versprach er, künftig in und außerhalb seiner Lehrtätigkeit vorbehaltlos dem kirchlichen Geist zu entsprechen 72 . Auch durch den ihm mehrfach abverlangten Antimodernisteneid war

Barion auf die katholische Lehre verpflichtet worden. Was hatte er wieder- holt beschworen? „Ohne Rückhalt nehme ich die Glaubenslehre an, die von den Aposteln durch die rechtgläubigen Väter stets in demselben Sinn und in derselben Bedeutung bis auf uns gekommen ist. Deshalb verwerfe ich ganz und gar die irrgläubige Erfindung einer Entwicklung der Glaubenssätze, die von einem Sinn zu einem anderen übergingen, der abweiche von dem Sinn, den die Kirche einst gemeint habe" 73 . In seinem Ebracher Vortrag am 28. September 1970 bemerkte Barion: „Ich fühle mich an der Nase herum-

vor meinen früheren Hörern lächerlich

machen, wenn ich zu dieser vollständigen Verkehrung alles dessen schwiege, was bis zum Tode Pius XII. als katholische Lehre gegolten hat" 74 . Barion mußte feststellen, daß die von ihm vertretene Position des korrekten Kano- nisten in der Kirche nicht mehr fraglos galt; das kirchliche Lehramt agierte und reagierte nicht mehr verläßlich.

Barions jedes vordergründige Engagement transzendierende Bindung an

geführt

Ich würde

mich

die kirchliche Autorität ließ ihn an dem festhalten, was er gelernt hatte, ließ ihn „ohne Rücksicht auf Verluste" (an Ansehen und kanonistischen Ge- sprächspartnern) seine Stimme erheben, um an das zu erinnern, was der katholischen Glaubenslehre als unverbrüchlich galt. Treffend sagte Gustav Hillard Steinbömer zu Barions 70. Geburtstag: „Es konnte dem kanonisti- schen Scharfsinn Barions als eines Wächters sehr hoch auf der Zinne nicht verborgen bleiben, daß Bewegungen und Tendenzen sich durchzusetzen be- gannen, welche eben diese Unangreifbarkeit der juristischen Form aufzulö- sen drohten. Die Vergeblichkeit, die Wirkungslosigkeit, ja die Nutzlosigkeit seiner luziden Einwände und Einsichten, seiner Mahnungen und Warnun-

Der inopportune Wider-

Doch dieses Sich-

Großartiges ans Licht. Dem tieferen Blick

nämlich offenbarte sich, daß Barion nicht als eine private Person gesprochen

hatte, sondern er hatte gesprochen als Instanz, welche das Inkommensurable

gen, mußten ihn beklemmen und bestürzen

spruch warf ihn in eine metaphysische Vereinsamung

verloren-Fühlen brachte etwas

und

Infallible des priesterlichen Charakters vertritt" 75 .

72 Schröcker, a. a. O. (Note 4) unten S. 33.

73 Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 8. Aufl., neubearbeitet von Karl Rahner und Karl-Heinz Weger, Freiburg 1971, Nr. 64.

Nr. 26, S. 661. Hillard Steinbömer, Ansprache zur Überreichung (der Festschrift): Eunomia a.a.O . (Note 2) 200.

74

n

Der korrekte Kanonist

19

3. Widerlegbarkeit nur „in eodem genere"

In dem Bestreben, seinen Gedankengang nachvollziehbar zu machen, nennt Barion stets seine Voraussetzungen. Um der Klarheit und Eindeutig- keit willen formuliert er seine Thesen gern zugespitzt. Nicht selten stellt er sie ausdrücklich zur Kritik mit dem Hinweis, an welchem Punkt oder auf welcher Ebene der Gegenbeweis erbracht werden muß. Die von Barion ver- tretene Position des korrekten Kanonisten kann nur „in eodem genere" an- gegriffen werden. Der Kritiker, der ein Ergebnis Barions widerlegen will, muß zunächst dartun, ob er sich gegen eine der antekanonistischen Voraus- setzungen wenden will oder gegen die kanonistischen Folgerungen. Wer die Voraussetzungen des korrekten Kanonisten bestreiten will, der müßte z. B. dartun, daß eine bestimmte Glaubenswahrheit nicht den Cha- rakter eines verpflichtenden Glaubens-Rechtssatzes hat oder inhaltlich falsch ausgelegt wurde, daß die Ausweisung einer Vorschrift im Codex Iuris Canonici als göttliches Recht keine durch das ordentliche und allgemeine Lehramt verbürgte Wahrheit ist, daß ein als göttliches Recht ausgewiesener Rechtssatz nicht absolut unveränderlich ist, daß die einzige Kirche Christi nicht sichtbar und nicht in der Katholischen Rechtskirche voll verwirklicht ist, daß diese sich nicht nur entwickeln, sondern auch wandeln kann, daß und warum eine Äußerung des authentischen Lehramtes für die Entfaltung und Anwendung der kirchlichen Lehre nicht verbindlich ist. Mit Nachdruck verbittet sich Barion, die Position des korrekten Kanonisten als Nostalgie zu disqualifizieren, um sich von einer intellektuell redlichen Auseinanderset- zung zu dispensieren. Doch der beherzte Kritiker sei zur Vorsicht gemahnt. Ein Freund Barions fand an ihm etwas von einem Fallensteller, der durch eine sehr präzise, „streng sachliche Diktion ein dichtes juridisches Gewebe sponn, in das der Widersacher hineintappte, in dem er sich verirrte, ver- wirrte, und so verstrickte, daß es aus der Falle kein Entrinnen mehr gab" 7 ". Wer die Untersätze der Konzilskritik Barions entkräften oder widerlegen will, der wird zu unterscheiden haben zwischen den von Barion angeführten Texten aus den Beschlüssen des Konzils und anderen Belegen. Bei der Inter- pretation einzelner Konzilsaussagen verwahrt sich Barion gegen einen ver- frühten Rückgriff auf die gesamte Lehre des Konzils: „Wer Einzelaussagen nur mit dem Gesamtbild rechtfertigt, hat den hermeneutischen Zirkel nicht begriffen" 77 . Widerlegbarkeit nur „in eodem genere" heißt auch, daß der Gegenbeweis aus dem kanonischen Recht zu führen ist „und nicht aus rheto- risch konzipierten Theologumena wie dem vom Populus Dei" 78 .

78

77

78

Ebd. 199.

Nr. 25, S. 641.

Nr. 23 (III), 549.

20

Werner

Böckenförde

Barion wendet sich mit seiner Kritik gegen den Einbruch des Progressis- mus, der progressistischen Theologie in die katholische Kirche und Theolo- gie. Er spricht von den Progressisten, der progressistischen Konzilspartei, ihren Zielen und ihrer Taktik, von der konziliar-progressistischen Theolo- gie. Hier gibt Barion seinen Eindruck wieder aus der von ihm als oberfläch- lich und unseriös empfundenen Konzilsberichterstattung, oder er stützt sich für seine allgemeinen Feststellungen auf typische Beispiele progressistischer Thesen. Sorgfältige Untersuchungen erscheinen lohnenswert, ob es beim Konzil tatsächlich die progressistische Partei mit einheitlicher Motivation und Zielsetzung gab, ob die Polarisierung so durchgängig war, wie Barion annahm, ob man zutreffend von der progressistischen Theologie sprechen kann. Ob Barion die von den progressistischen Kräften ausgehende Gefahr richtig erkannte, wird man nicht aus heutiger Sicht zu beurteilen haben, sondern von den ihm damals zugänglichen Quellen her. Die Schlußfolgerungen der Konzilskritik Barions lassen sich mit seinen eigenen Worten so zusammenfassen: „Der korrekte Kanonist kann den pro- gressistischen Texten, Thesen und Tendenzen des Vaticanum II in allen grundsätzlichen Fragen nur zustimmen, wenn er verleugnet, was er bis zum Tode Pius' XII. als verpflichtende katholische Glaubenslehre betrachtet hat, wissenschaftlich betrachten mußte und lehramtlich zu betrachten gehal- ten war" 79 . Die kanonistische Betrachtung sei der progressistischen an Op - portunität, Eingängigkeit und Konformismus unterlegen. Ihre Stärke sei demgegenüber die Bindung an die nüchternen Normen des kanonischen Rechts, hinter die sie nicht zurückgeht. Solange der Kanonist sich strikt an diese Normen halte, dürfe er darauf vertrauen, daß er Recht behält 80 . Das Urteil über die Schlußfolgerungen Barions wird abhängen von der Sicht seiner Ober- und Untersätze und ihrer logischen Verknüpfung. Es ist nicht Aufgabe dieser Einführung, dem eigenen Urteil des Lesers vorzugrei- fen. Doch sei hier ein Zitat aus der schon erwähnten Rede Steinbömers an- gefügt: „Ich fand, daß die Logizität der Barion'schen Beweisführung, auf- gebaut und begründet auf eine souveräne und erschöpfende Beherrschung des mächtigen Stoffes, daß diese Logizität eine Unangreifbarkeit, ja eine Ungreifbarkeit mit sich führte. Und ich begriff allmählich, daß praemissis praemittendis diese Unangreifbarkeit eine Kategorie der juristischen Form der Kirche war", also eine der drei Formen, welche Carl Schmitt in seinem Essay „Römischer Katholizismus und politische Form" herausgearbeitet hat 81 .

79 Nr. 24, S. 553.

80 Nr. 23 (III), 549.

81 Eunomia, a. a. O. (Note 2) 199.

Der korrekte Kanonist

21

C

Versuch einer

Würdigung

Die von Hans Barion mit unerbittlicher Stringenz vertretene Position des korrekten Kanonisten stellt eine bleibende Herausforderung dar an die Ka- nonistik, die systematische Theologie und das kirchliche Lehramt. Barion hat Maßstäbe gesetzt: Den Kanonisten fordert er heraus, die ihm vorgegebenen dogmatischen und ekklesiologischen göttlich-rechtlichen Grundlagen im Glaubensgehorsam zu akzeptieren und normativistisch zu systematisieren; grundsätzliche Kritik am kanonischen Recht gehört in den antekanonisti- schen Bereich; der korrekte Kanonist hält sich — durchaus positivistisch — an den Gegenstand seiner Wissenschaft, das kanonische Recht. Den Dog- matiker fordert er heraus, an dem für immer feststehenden, unveränder- lichen Sinn der lehramtlich verkündeten Wahrheiten festzuhalten und sich gegen die Unterwanderungsmethoden des Kryptomodernismus zur Wehr zu setzen. Die Träger des kirchlichen Lehramtes fordert er heraus, nicht elegant verhüllt zu polemisieren, sondern entschieden und wissenschaftlich fundiert Stellung zu nehmen, wenn es gilt, die Identität der Katholischen Kirche zu wahren 82 . Ist das nicht anachronistischer Dogmatismus und wirklichkeitsferner Nor- mativismus? Barion käme es darauf nicht an. Auf die hinter den Schlagwor- ten liegende Anfrage ergibt sich aus seinen Schriften die Antwort, daß dies sich von außen her, für das Auge des Profanwissenschaftlers, so ansehen mag; von innen her gesehen, also für den an Glaube und Disziplin der Kirche gebundenen katholischen Theologen und Kanonisten, komme es al- lein darauf an, was — nach wie vor — normativ gilt. Barion könnte hin- weisen auf das feierliche Glaubensbekenntnis von Papst Paul VI. am 30. Juni 1968, das zwar nicht formal dogmatisiert wurde, gleichwohl aber lehramtliche Verbindlichkeit beansprucht 83 . Darin finden sich Konzilsaus- sagen in einer Auswahl und Verknüpfung, welche die Thesen Barions zum Kirchenbegriff und zum Ökumenismus stützen können. Barion könnte wei- ter hinweisen auf die Ergänzung zum apostolischen Glaubensbekenntnis bei der Professio fidei, die von jedem Diakon, Pfarrer, Bischof und von jedem Theologieprofessor abgelegt wird. Dort wird versprochen, die vom kirch- lichen Lehramt vorgelegte Glaubens- und Sittenlehre festzuhalten, beson- ders auch die Lehre über den Primat des Papstes. Schließlich könnte Barion hinweisen auf den Treueid der Bischöfe, die sich u. a. verpflichten, ihren Dienst nach Geist und Buchstaben des kanonischen Rechts auszurichten, den

82

Nr. 25, S. 642.

83 A.A.S.

60 (1968)

433—445,

bes. Nr. 20—22; vgl.

Herderkorrespondenz

32

(1968)

22

Werner Böckenförde

Glaubensschatz rein und vollständig zu bewahren und in authentischer Weise zu überliefern. Die in c. 1323 § 1 des Codex Iuris Canonici von 1917 enthaltene Rechtspflicht zum Glauben kehrt in c. 750 des Gesetzbuches von 1983 wieder und wird dort in c. 752 ergänzt um die Vorschrift, daß einer Lehre des authentischen Lehramtes zwar keine Glaubenszustimmung, jedoch „religiosum intellectus et voluntatis obsequium" zu leisten ist. Der korrekte Kanonist nimmt die Bindung an die Kirche und ihr „System", wie es heute zuweilen verächtlich heißt, ernst; er stellt die aus ihr erwachsenden Verpflichtungen nicht in die Beliebigkeit. „Beim Wort genom- men" und „zu Ende gedacht" — diese Formeln kennzeichnen Ausgangs- punkt und Intention der Gedankengänge Barions. Er war alles andere als ein engstirniger Reaktionär. Barion war ein problemsichtiger Konservati- ver. Die Radikalität seiner Fragestellung und die Entschiedenheit der von ihm vertretenen Position verdankt er Rudolph Sohm, als dessen getreuen Sachwalter er sich einmal bezeichnete 84 . Carl Schmitt nannte ihn einen Juristen vom Range Rudolph Sohms, einen der großen universalen Forscher und Lehrer der Rechtswissenschaft, Sohms legitimen Nachfolger von der römisch-katholischen Seite her 85 . Die gegenseitige Ausschließlichkeit der von Sohm geschiedenen und pointiert formulierten theologischen Stand- punkte beider Kirchen — Joseph Klein, Barions langjähriger Freund, ist auch von Sohm ausgegangen und evangelisch geworden 86 — war es, die Barion wiederholt den von Carl Schmitt geformten Vers zitieren ließ:

Im Kampf um Rom siegt Rudolph Sohm.

Die Person Hans Barions ist hinter der Sache, der er sich verschrieben hatte, zurückgetreten. „Niemals habe ich je meine Meinung vertreten", sagte er über sein Werk 87 . Daher erscheinen psychologisierende Fragen nach seinen persönlichen Ansichten unangemessen. Barion wußte, daß die von ihm unbeirrt vertretene Position als überholt angesehen wurde, weswegen er gern das Motto gebrauchte „Rechts fahren — links überholen". Barion wußte auch, daß seine gegen Ende immer radikaler formulierte Konzilskri- tik nicht mehr theologischer, sondern religionswissenschaftlicher (also pro- fanwissenschaftlicher) Argumentation entsprang 88 . Hier zeigt sich die Spannung, die Barion auszuhalten hatte: die Spannung, die sich auftut in der von ihm aufgezeigten Aporie zwischen (katholisch-) theologischer Aus-

84

85

88

Nr. 26, S. 660.

Carl Schmitt, Politische Theologie II (Note 17) 10 u. 100.

Nr. 26, S. 677 f.

87 Oben S. 16. Eine Ausnahme von diesem konsequent beachteten Grundsatz machte Barion in seinem vermutlich letzten Vortrag vor einem Kreis ihm nahestehender Theologen und Juristen im Herbst 1970 (Nr. 26, unten S. 649—678).

88 Nr. 26, S. 678.

Der korrekte Kanonist

23

sage und profanwissenschaftlich gewonnener Erkenntnis, die Spannung zwi- schen Wissen und dem vom kirchlich gebundenen katholischen Glauben ge- forderten sacrificium intellectus: dem Glaubensgehorsam bzw. dem reli- giösen Gehorsam des Intellekts und Willens. Barion ist seiner Glaubens- entscheidung treu geblieben. Die Spannung im Leben Barions läßt sich er- messen, wenn er in feiner Selbstironie seinen Bonner Arzt zitiert, der zu ihm einmal sagte: „Sie sehen aus wie ein Landpastor, und Sie denken wie ein Großinquisitor" 8 *. Mit steifem römischen Kragen und langem Rock erschien er morgens ge- gen 7 Uhr in der Bonner St. Elisabethkirche, um dort am Seitenaltar die heilige Messe zu feiern. Mitunter kam es in der Sakristei zu einem kurzen Gedankenaustausch. Dem Verfasser dieser Einführung ist eine Begegnung unvergessen. Als er zu Anfang des Konzils, damals Doktorand, den Profes- sor etwas ungeduldig auf die Notwendigkeit von Reformen in der Kirche ansprach, entgegnete Barion, schon auf dem Weg zum Altar, mit verstehen- dem Blick: „Ja, ja, auch ich bin für Reformen und Fortschritt, aber ich gehe als Zweiter, immer hinter dem Papst. — Adiutorium nostrum in nomine Domini", und damit begann der Gottesdienst.

89 Erwiderung 216.

Der Fall Barion

Von Sebastian Schröcker

Im Dritten Reich standen zwischen Staat und Kirche als staatliche Ein- richtungen mit kirchlichem Auftrag die theologischen Fakultäten. Eingeord- net in den staatlichen Wissenschaftsbereich und gebunden an kirchliche Grundsätze über Ziele und Grenzen ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit galt für sie staatliches und kirchliches Recht. Sie konnten sich nicht zurück- ziehen auf eine der Vergangenheit zugewandte, durch kirchliche Lehrsätze und ihre amtliche Verkündung bestimmte Forschung; in einer von Spannun- gen zwischen Staat und Kirche erfüllten Zeit wurden sie ein Teil der Aus- einandersetzung zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt. Beide Gewalten übten nach ihren eigenen Gesetzen und nach gemeinsamen Verträgen Ein- fluß aus bei der Berufung der Theologieprofessoren. Die noch in der Zeit der Weimarer Republik abgeschlossenen Länderkonkordate enthielten Bestimmungen über die Theologieprofessoren und über die Stellung der katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen Hochschulen. Das Reichskonkordat erhielt diese Bestimmungen aufrecht; es wurde darin ins- besondere festgelegt die Pflicht der Reichsregierung, eine der Gesamtheit der einschlägigen Bestimmungen entsprechende einheitliche Praxis zu sichern 1 . Die vertraglichen Regelungen für die Theologieprofessoren behandelte Werner Weber in seiner Abhandlung „Das Nihil obstat": Man erkenne unschwer, daß hier ein Punkt des Verhältnisses von Staat und Kirche be- rührt werde, der leicht und in intensiver Form kritisch werden könne; nicht die Zahl der Fälle sei entscheidend, sondern die grundsätzliche Bedeutung, die sich in einem einzigen Konfliktsfall in ihrer ganzen praktischen und politischen Tragweite offenbaren könne 2 . Ein solcher Konfliktsfall wurde zum Funken, der einen Brand entfachte. Er erfaßte die Fakultät, an der ein Lehrstuhl zu besetzen war, breitete sich aus auf andere Fakultäten und gefährdete zuletzt den gesamten Bestand der theologischen Fakultäten und Hochschulen beider Bekenntnisse. Es war der Fall Barion. Seine Darstellung dient der tieferen Erkenntnis des Verhältnis- ses von Staat und Kirche im Dritten Reich. Er hat auch eine in die Gegen-

1 Art. 19 Satz 3.

2 ZStWBd. 99 (1939) S.193.

26

Sebastian Schröcker

wart fortwirkende Bedeutung; denn er war rechtlich zu beurteilen nach Be- stimmungen, die noch gelten oder in Nachfolgeregelungen eingegangen sind.

/.

Braunsberg

1. Die Staatliche Akademie

In der politisch zur Provinz Ostpreußen, kirchlich zum Bistum Ermland gehörigen Stadt Braunsberg bestand seit der Gegenreformation eine Ausbil- dungsstätte katholischer Priester; seit 1919 führte sie die Bezeichnung Staat- liche Akademie. Sie besaß eine Philosophische und eine Theologische Fakul- tät; es studierten an ihr katholische Theologen aus den Bistümern Ermland und Danzig und aus der Freien Prälatur Schneidemühl; diese wurde gebil- det als Praelatura nullius für die bei Deutschland verbliebenen westlichen Restgebiete des Erzbistums Gnesen und Posen und des Bistums Kulm auf Grund des Art. 2 des Preußischen Konkordats von 1929. Die Akademie war den preußischen Landesuniversitäten gleichgestellt; ihr Kurator war der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen. 1934 erhielt sie das Promotions- recht; ihre Eingliederung als Katholisch-theologische Fakultät in die Uni- versität Königsberg wurde seit langem erwogen 3 . Die Provinz Ostpreußen gehörte staatsrechtlich zum Lande Preußen und damit zum Deutschen Reich, war aber von diesem räumlich getrennt durch den nach dem Friedensvertrag von Versailles seit 1919 gebildeten polnischen Korridor und die Freie Stadt Danzig. Die räumliche Trennung vom Reich trug bei zur Stärkung des Nationalsozialismus. Von der politischen Ände- rung des Jahres 1933 blieb die Akademie nicht unberührt: Die Mitglieder des Lehrkörpers traten in die NSDAP ein. Der damalige ermländische Bischof Kaller hatte, als ihn ermländische Akademiker, darunter Professo- ren der Akademie, um Rat fragten, wie sie sich politisch verhalten sollten, den Eintritt in die Partei empfohlen 4 . Als er 1946 nach dem Parteieintritt Braunsberger Professoren gefragt wurde, erklärte er, er habe 1933 manches gedacht und gesagt, was er später nicht mehr für gut halten konnte und heute bereue 5 .

3 Bernhard Stasiewski, Die geistesgeschichtliche Stellung der katholischen Akademie Braunsberg 1568 bis 1945, in: Deutsche Universitäten und Hochschulen im Osten (1963) S. 41—58; ders., Zur Geschichte der katholisch-theologischen Fakultäten und der Philoso- phisch-theologischen Hochschulen in Deutschland 1933—1945, in: Die Kirche im Wandel der Zeit. Festgabe für Kardinal Höffner (1971) S. 169—185; Gerhard Reifferscheid, Das Bistum Ermland und das Dritte Reich, Bd. 7 der Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte und Beiheft 1 der Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands (1975) S. 34 f.

4 Auskunft

des

ermländischen

Generalvikars Marquardt vom 22. Juli 1965, nach:

Reifferscheid

(FN 3) S. 29.

5 Auskunft

Hans

FN

33.

K.J .

Scheuermann

vom

9. Juni

1967,

nach

Preuschoff,

Bischof Kaller,

die Braunsberger

Reifferscheid

Akademie

(FN

und der

S. 276

National-

3)

Der Fall Barion

27

Im

Juli

1934

erschienen

im Ermländischen

Kirchenblatt

Beiträge

des

Pfarrers Dr. Otto Miller, in denen er Bemerkungen über die Braunsberger Professoren machte und sie „Weltanschauer" nannte 6 . Dagegen wandte sich eine von allen Mitgliedern des Lehrkörpers unterzeichnete, in der Erm- ländischen Zeitung veröffentlichte Erklärung: Pfarrer Dr. Miller habe den groben Versuch gemacht, ihre Berufsehre vor der treuen katholischen Öf- fentlichkeit des Ermlands herunterzusetzen und ihre Kirchentreue zu ver- dächtigen; die katholische Öffentlichkeit habe ein Recht darauf zu wissen, daß der Priesternachwuchs in Braunsberg Professoren anvertraut sei, die sich selbstverständlich im Innersten mit der heiligen Kirche verbunden wüß-

ten; sämtliche Professoren der Akademie wiesen in voller Einmütigkeit den verabscheuungswürdigen Versuch zurück 7 .

2. Die Suspension

Hans Barion habilitierte sich 1930 an der Katholisch-theologischen Fakul- tät der Universität Bonn mit einer Schrift über „Das fränkisch-deutsche Synodalrecht des Frühmittelalters" 8 . An dieser Fakultät hielt er in demsel- ben Jahre als Privatdozent seine Antrittsvorlesung über „Rudolph Sohm und die Grundlegung des Kirchenrechts" 9 . 1931 erhielt er einen Lehrauf- trag an der Staatlichen Akademie in Braunsberg. 1933 veröffentlichte er einen Aufsatz über den politischen Katholizismus: „Kirche oder Partei? Der Katholizismus im neuen Reich" 10 . Dieser Aufsatz rannte in politischer Hinsicht offene Türen ein; als er erschien, hatten die Parteien des politischen Katholizismus sich aufgelöst und der Heilige Stuhl hatte sich im Reichskon- kordat verpflichtet Bestimmungen zu erlassen, die für die Geistlichen und Ordensleute die Mitgliedschaft in politischen Parteien und die Tätigkeit für

Sozialismus. Zu den Aufzeichnungen von Walter Adolph. In: Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde Ermlands 40 (,1980; S. 105—i33. Hier findet sich auf S. 113 FN 17 der Hinweis: „demnächst G. Schwaiger, Geschichte der Theologischen Fakultät der Universität München im 19. und 20. Jahrhundert (frdl. Mitteilung d. Verf. v. 2.4. 1980)". Daß diese Arbeit, sei es als Buch oder in einer Zeitschrift, bisher erschienen ist, ließ sich nicht feststel- len. Eine einschlägige Bemerkung enthält der Beitrag Georg Schwaigers, Größe und Grenze der Theologie, in: Ingolstadt, Landshut, München. Der Weg einer Universität, hrsg. von Benno Hubensteiner, 1973, S. 51—78, auf S. 73: „Die nationalsozialistischen Machthaber suchten und fanden einen Anlaß, die theologische Fakultät mit dem Wintersemester 1938/39 zu schließen, freilich nicht ohne erhebliche Mitschuld kirchlicher Stellen, denen dieser Gewaltakt nicht ungelegen kam."

8 Jg.

3 (1934)

Nr . 26

und

27; als

„Weltanschauer"

bezeichnete

er sie schon

in seinem

Beitrag im Ermländischen Kirchenblatt vom Februar 1934.

Staatsarchiv

polizei,

7 GStA

(Geheimes

Preußischer Kulturbesitz)

Bd.

6

H.

Rep. 90 P, Geheime Staats-

4. August

Lageberichte

Provinz

Ostpreußen,

2 Bl. 6, Lagebericht

vom

1934; abgedruckt und mit Erläuterungen versehen in: Reifferscheid

(FN

3) S. 49 FN

78.

8

9

18

Kanonistische Studien und Texte, hrsg. v. Albert M. Koeniger, Bd. 5 und 6 (1931).

Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart Bd. 81 (1931).

Europäische Revue Bd. 9 (1933) S. 401—409.

28

solche ausschließen 11 . Barion fügte seinem Aufsatz deshalb den Vermerk bei: „Abgeschlossen am 22. VI. 1933" 12 , also zu einem Zeitpunkt, der vor der Selbstauflösung der katholischen Parteien und dem Abschluß des Reichskonkordats lag. Im November 1933 wurde er ordentlicher Professor. Am 20. August 1934 verhängte die Konzilskongregation in Rom gegen ihn und gegen den Professor für systematische Theologie und damaligen Rektor der Akademie Karl Eschweiler die Kirchenstrafe der Suspension (Dienstenthebung) 13 . Über die Gründe dieser Maßnahme gingen im Erm- land und darüber hinaus Gerüchte um: Sie sei zurückzuführen auf die Ein- kleidung der Theologen in SA-Sport-Uniformen durch den Rektor Esch- weiler und auf einen Vortrag Barions vor dem Verein katholischer Lehre- rinnen in Braunsberg 14 . Im September 1934 unterrichtete der Oberpräsident der Provinz Ost- preußen das politische Amt der NSDAP in Königsberg über die Aussage eines Studienrats: Unter katholischen Geistlichen sei verbreitet, daß Rom einen überraschenden Schlag gegen die Regierung Hitler plane, der bald erfolgen werde; man warte noch den günstigsten Tag ab. Überraschend solle über Deutschland das Interdikt mit völligem Verbot jedes öffentlichen Got- tesdienstes usw. verhängt werden. Schon seien die Geistlichen zu unentweg- tem Zusammenstehen scharf ermahnt worden; es komme besonders darauf an, daß auch nicht einer abspringe. Man hoffe auf eine sofortige starke Wir- kung des überraschenden Schlags. Vermutet werde eine gleichzeitige Ver- dammung nationalsozialistischer Lehrsätze. Vier Bischöfe, unter ihnen Faul- haber, seien vom Papst bevollmächtigt, das Interdikt zu verkünden, sobald der Augenblick günstig erscheine. Es sei die Ansicht verbreitet, daß dieser Schlag das katholische Volk so erregen werde, daß die Regierung davor zu- rückweichen müsse. Der Leiter der Abteilung für höheres Schulwesen beim Oberpräsidenten bat, über die Vorgänge den Gauleiter zu informieren und eventuell durch diesen dem Führer Bericht zu erstatten. Der Leiter des Politischen Amtes der NSDAP beim Oberpräsidenten übersandte am 8. September 1934 eine Abschrift an den Preußischen Ministerpräsidenten mit dem Zusatz, es spreche viel für die Richtigkeit der Meldung, zumal auch andere Nachrich-

Sebastian Schröcker

11 Art. 32.

12 Europäische Revue (FN 10) S. 409.

13 Dieter Albrecht, Der Notenwechsel zwischen dem Heiligen Stuhl und der deutschen Reichsregierung, Teil II 1937—1945, (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 10, 1969) Nr. 26 FN 1, S. 82. Es ist gebräuchlich, „suspensio" zu übersetzen mit „Dienstenthebung". Zur deutlicheren Abgrenzung gegenüber der „Amtsenthebung" wurde vom Herausgeber vorgeschlagen, die Ausdrücke „Dienstsperre" oder „Verbot der Dienstausübung" zu verwenden.

14 Walter Adolph, Geheime Aufzeichnungen aus dem nationalsozialistischen Kirchen- kampf 1935—1943, bearb. v. Ulrich von Hehl (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 28, 1979) S. 64; Reifferscheid (FN 3) S. 52.

Der Fall Barion

29

ten, die er unter der Hand bekommen habe, nach der gleichen Richtung gin- gen. Der Ministerpräsident sandte am 14. September 1934 das Schreiben an das Geheime Staatspolizeiamt mit der Bitte um Stellungnahme. Dieses reichte am 26. September 1934 das Schreiben an den Ministerpräsidenten — Chef der Geheimen Staatspolizei — zurück mit einem Bericht über das Ergebnis seiner Ermittlungen: Die Aktion sei geplant gewesen für den

Peter- und Paulstag, den 29. Juni 1934; der Hirtenbrief der Fuldaer

Bischofskonferenz vom 9. Juni 1934 habe darauf vorbereiten sollen. Die Aktion sei aber nicht zur Durchführung gekommen, weil sich unvorher- gesehene Schwierigkeiten ergeben hätten. Im Augenblick sei eine solche Aktion gegen die Reichsregierung scheinbar nicht geplant. In kirchlichen Kreisen solle man damit rechnen, daß ein neuer günstiger Zeitpunkt für die ursprünglich zum 29. Juni 1934 geplante Aktion das Frühjahr 1935 sei. Eine Abschrift dieses Ermittlungsberichts übersandte der Preußische Mini- sterpräsident am 4. Oktober 1934 dem Oberpräsidenten der Provinz Ost- preußen 15 . Den Berichten ist zu entnehmen, daß solche Gerüchte jedenfalls in der ermländischen Geistlichkeit verbreitet waren. Nicht sicher ist es aber, daß damals der Heilige Stuhl ernsthaft ins Auge gefaßt hatte, nationalsoziali- stische Lehrsätze zu verdammen und ein Interdikt über ganz Deutschland zu verhängen. Dieses war als Waffe der geistlichen Gewalt gegen die welt- liche Gewalt schon im Mittelalter wirkungslos geworden. Wäre es trotzdem gegen das Dritte Reich eingesetzt worden, dann hätte es kaum eine so starke Wirkung gehabt, daß die Regierung Hitler davor hätte zurückweichen müs- sen. Der Schlag wäre freilich überraschend gewesen, denn im Juni 1934 ver- handelten deutsche Bischöfe noch mit der deutschen Reichsregierung über die Ausführung des die katholischen Verbände betreffenden Art. 31 des Reichs- konkordats". Die damaligen Berichte über eine bevorstehende kirchliche Aktion wur- den in Zusammenhang gebracht mit der Suspension der beiden Braunsberger Theologieprofessoren: Die Ernennung Alfred Rosenbergs zum Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschau- lichen Erziehung der NSDA P sei ein Schlag ins Gesicht aller Katholiken und damit Roms gewesen. Die Suspension der beiden Theologieprofessoren sei ostpreußischen Parteikreisen als Vorübung erschienen für den erwarte- ten, die nationalsozialistische Regierung und damit den Staat treffenden kirchlichen Gegenschlag; sie habe gewirkt als Warnsignal und als Fanal kommender schwerwiegender Entscheidungen 17 .

15

18

risse,

GStA (FN 7) Rep. 90 P, Nr. 54 H. 2 Bl. 154—158.

Kurt Krüger, Kommentar zum Reichskonkordat (Stubenrauchs Deutsche Grund- Blaue Reih e Bd. 1, 1938) Anm . zu Art . 31 , S. 47 f.; Adolp h (F N 14) S. 64.

17 Reifferscheid (FN 3) S. 52, 78.

30

Sebastian Schröcker

Über die Suspension Eschweilers und Barions berichtete im Oktober 1934 die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Königsberg an das Geheime Staatspolizeiamt Berlin: Bezeichnend für die Einstellung der höheren katho- lischen Geistlichkeit zum heutigen Staat sei die Maßregelung der beiden Hochschullehrer der Staatlichen Akademie in Braunsberg, Professor Barion und Rektor Eschweiler, durch die suspensio a divinis, die von einem der geistlichen Ministerien in Rom, wahrscheinlich der Kurialkongregation 18 , ausgesprochen worden sei. Die Suspension Eschweilers sei erfolgt, weil er seinerzeit ein Gutachten erstattet habe, das sich auf das Gesetz zur Verhü- tung erbkranken Nachwuchses bezogen habe. In diesem Gutachten habe er unter Berufung auf eine päpstliche Enzyklika zum Ausdruck gebracht, das von der Reichsregierung erlassene Gesetz stehe nicht im Widerspruch mit den Grundsätzen der katholischen Kirche. Eschweiler selbst vermute, daß sein Gutachten durch eine Indiskretion zur Kenntnis der katholischen Kirche gelangt sei. Der Antrag zur Suspension sei wahrscheinlich von dem ermlän- dischen Bischof Kaller gestellt worden. Die Suspension des Professors Ba- rion solle erfolgt sein, weil er in Berlin in einem größeren Kreis geäußert habe, das Reichskonkordat sei „zu stark für die Kirche und zu schwach für den Staat". Da eine Amtsenthebung der beiden Hochschullehrer seitens der Kurie nicht in Frage kommen könne, weil beide Staatsbeamte seien, solle nach einer Äußerung des zur bischöflichen Kurie in Frauenburg gehörigen Dompropstes Sander versucht werden, die beiden mit der suspensio a divinis belegten Professoren dadurch unmöglich zu machen, daß den die Akademie besuchenden jungen Geistlichen verboten werde, die Vorlesungen der beiden Lehrer zu hören 19 . Nach kirchlichem Recht verbot die suspensio a divinis die Ausübung nicht der Leitungsgewalt, sondern der Weihegewalt (c. 2279 § 2 n. 2 CIC). Die Vorlesungstätigkeit der Theologieprofessoren war Ausübung des kirchlichen Lehramts, diese aber nicht Ausübung der Weihegewalt, sondern der Lei- tungsgewalt. Wer die Leitungsgewalt nicht kraft Amtes besaß wie der Bischof, bedurfte ihrer Übertragung durch die Erteilung der kirchlichen Lehrerlaubnis (missio canonica). Mit der suspensio a divinis war nicht der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis von Rechts wegen verbunden; sie wird gewählt worden sein, um eine Überschneidung mit dem staatlichen Bereich zu vermeiden. Eine Überschneidung hätte sich ergeben durch die suspensio ab officio und durch die suspensio a iurisdictione (c. 2279 §§ 1, 2 n. 1 CIC). Diese hätten die Ausübung von Leitungsgewalt verboten und damit bei Theologieprofessoren die Abhaltung von Vorlesungen. Bei der suspensio a divinis konnten sie auf andere Weise veranlaßt werden, ihre Vorlesungstä- tigkeit einzustellen: Sie konnten ihre Entbindung von der Vorlesungspflicht

18 Gemeint war die Konzilskongregation.

19 GStA (FN 7) Rep. 90 P Bd. 6 H. 2 Bl. 3.

Der Fall Barion

31

herbeiführen durch Antrag auf Gewährung von Urlaub durch die zustän- dige staatliche Stelle oder durch Krankmeldung. Unterließen sie eigene Schritte, konnte der Bischof nach kirchlicher Auffassung den Theologiestu- denten den Besuch ihrer Vorlesungen verbieten. Daß den Theologiestuden- ten der Besuch der Vorlesungen Eschweilers und Barions verboten worden sei, ist nicht belegt. Die suspensio a divinis hätte für sich allein Eschweiler und Barion nicht daran gehindert, ihre Vorlesungen fortzusetzen; sie stell- ten sie aber ein. Der Schriftwechsel zwischen dem Reichserziehungsminister und dem Bischof von Ermland ergibt, daß Eschweiler sich krank meldete und Barion Urlaub beantragte. In seinem Schreiben vom 12. Juni 1935 stellte der Reichsminister die Annahme des Bischofs richtig, Eschweiler sei beurlaubt worden, und teilte mit, dieser stehe für Vorlesungen jederzeit zur Verfügung.

3. Die Aufhebung der Suspension

„Sollte ein einer katholisch-theologischen Fakultät angehöriger Lehrer in seiner Lehrtätigkeit oder in Schriften der katholischen Lehre zu nahe treten oder einen schweren oder ärgerlichen Verstoß gegen die Erfordernisse des priesterlichen Lebenswandels begehen, so ist der zuständige Bischof berech- tigt, dem Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hiervon An- zeige zu machen. Der Minister wird in diesem Falle, unbeschadet der dem Staatsdienstverhältnis des Betreffenden entspringenden Rechte, Abhilfe leisten, insbesondere für einen dem Lehrbedürfnis entsprechenden Ersatz sorgen." (Vertrag des Freistaates Preußen mit dem Heiligen Stuhl vom 14. Juni 1929, Absatz 4 des Schlußprotokolls zu Art. 12 Absatz 1 Satz 2) Nach der Suspension Eschweilers und Barions stellte der ermländische Bischof den Antrag, für einen dem Lehrbedürfnis entsprechenden Ersatz zu sorgen; die beiden Professoren böten keine Gewähr mehr für eine Tätigkeit nach den Lehren und Vorschriften der Kirche. Er richtete den Antrag an den Reichserziehungsminister, der gleichzeitig preußischer Kultusminister war. Als Rechtsgrundlage kam nur in Betracht die im Wortlaut angeführte Be- stimmung des Preußischen Konkordats. Er begründete seinen Antrag aber nicht mit dieser Vorschrift, sondern mit den kirchlichen Vorschriften über theologische Fakultäten und Hochschulen, insbesondere der Apostolischen Konstitution „Deus scientiarum Dominus" vom 24. Mai 1931 und der hier- zu ergangenen Instruktion vom 7. Juli 1932; die Beachtung der einschlägi- gen kirchlichen Vorschriften sei vorgeschrieben durch Art. 19 des Reichs- konkordats. Nach Satz 2 dieser Vertragsbestimmung richtete sich das Ver- hältnis der katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen Hoch- schulen zur kirchlichen Behörde nach den in den einschlägigen Konkor- daten und Schlußprotokollen festgelegten Bestimmungen unter Beachtung der einschlägigen kirchlichen Vorschriften. Das Schlußprotokoll zum Preußi-

Sebastian Schröcker

32

sehen Konkordat regelte das Beanstandungsverfahren gegen einen einer katholisch-theologischen Fakultät angehörigen Lehrer. Diese Vorschrift und dieses Konkordat erwähnte der Bischof von Ermland nicht, obwohl er einen Antrag stellte, der in dieser Vorsdirift vorgesehen war. In weiteren Schrei- ben vom 29. März, 16. April und 27. Mai 1935 faßte er sein bisheriges Vor- bringen zusammen; in dem letzteren Schreiben führte er aus: Das Bistum leide schweren Schaden, weil das theologische Wissen der Priesteramtskandi- daten lückenhaft bleiben werde. Auch für die Theologiestudenten entstehe ein schwerer Schaden, weil sie Studiengebühren entrichten müßten, aber keine Möglichkeit hätten die Vorlesungen zu hören, ihr mangelndes Wissen bei den Prüfungen in Erscheinung trete und eine unverschuldete Verlänge- rung des Studiums bringe; dies sei für sie eine Härte, weil sie zum größten Teil aus armen und kinderreichen Familien stammten 20 . Der Reichserziehungsminister verwies in seinem Schreiben vom 24. Mai 1935 auf seine bisherigen Darlegungen, insbesondere sein Schreiben vom 4. März 1935, und ging auf die in dem Schreiben des Bischofs vom 16. April 1935 enthaltenen neuen Gesichtspunkte ein: Die Konstitution Deus scientia- rum Dominus erkläre ausdrücklich, daß bei ihrer Durchführung auf die be- stehenden Konkordate Rücksicht genommen werden solle, und die Instruk- tion bemerke ausdrücklich, daß der Bischof bei der Beanstandung eines Do- zenten nach den in den Konkordaten festgelegten Normen verfahren müsse, und verweise in diesem Zusammenhang auf Art. 12 des Preußischen Kon- kordats. Er vermöge nicht abzusehen, wie aus den kirchlichen Vorschriften beziehungsweise aus der sie aufnehmenden Bestimmung des Reichskonkor- dats Verpflichtungen des Staats abgeleitet werden könnten, die über die im Preußischen Konkordat enthaltenen hinausgingen. Das Schreiben schloß mit dem Satz: „Ich kann daher, wie ich nochmals und mit aller Entschiedenheit betonen möchte, erst dann in die weitere Behandlung der Angelegenheit eintreten, wenn Euere Bischöfliche Hochwürden eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage geben, ob die beiden Professoren in ihrer Lehrtätig- keit oder in Schriften der katholischen Lehre zu nahe getreten sind oder einen schweren oder ärgerlichen Verstoß gegen die Erfordernisse des prie- sterlichen Lebenswandels begangen haben." In seinem Schreiben vom 12. Juni 1935 wiederholte er: Zu der Angelegenheit der Vorlesungen in Dogmatik und Kirchenrecht könne er solange nicht Stellung nehmen, als nicht die wiederholt, zuletzt in seinem Schreiben vom 24. Mai 1935 gestell- ten Fragen beantwortet seien, ob den Professoren Eschweiler und Barion einer der in Absatz 4 Satz 1 des Schlußprotokolls zu Art. 12 Absatz 1 Satz 2 des Preußischen Konkordats genannten Verstöße zur Last gelegt wer- den 21 .

20 GStA (FN 7) Rep. 76/518, Bd. XII Bl. 16.

21 GStA (FN 7) Rep. 76/518 Bd. XII Bl. 17.

Der Fall Barion

33

Dem Entwurf dieses letzten Antwortschreibens schickte der Berichterstat- ter des Ministeriums einen Vermerk voraus: Das Schreiben des Bischofs sei in der Art und Weise, wie es hinsichtlich der Professoren Eschweiler und

Barion den ganzen bisherigen Briefwechsel in dieser Frage einfach ignoriere und dem Herrn Minister Schädigung der Diözese Ermland, der Studenten und ihrer kinderreichen Familien sowie des Ansehens der Akademie Brauns- berg vorwerfe, von einer Unverfrorenheit, wie sie wohl selten vorkommen

dürfte 22 . Dieser behördeninterne Vermerk

und dem Abteilungsleiter die Absicht des Bischofs deutlich, auf die Frage des Ministers nach der Erfüllung der konkordatsrechtlichen Voraussetzun- gen des Abhilfeantrags nicht einzugehen. Der Mitberichterstatter und der Abteilungsleiter zeichneten den Entwurf ab, ohne eine Änderung vorzu- schlagen. Berichterstatter war der Sachbearbeiter für die theologischen Fakultäten und Hochschulen, der damalige Regierungsrat und spätere Staatsrechtslehrer Werner Weber. Trotz der Eindringlichkeit, mit der der Reichserziehungsminister in An- lehnung an den Wortlaut des Preußischen Konkordats die Frage nach dem Vorliegen der konkordatsrechtlichen Voraussetzungen seiner Pflicht zur Abhilfe gestellt hatte, hatte der Bischof sie nicht beantwortet. Er konnte die Frage des Ministers nicht beantworten, weil er die Gründe der Suspension selbst nicht kannte. Er schickte deshalb im Mai 1935 seinen Generalvikar Aloys Marquardt nach Rom. Doch auch er brachte die Gründe nicht in Er- fahrung 23 . Am 16. September 1935 bat Barion den Heiligen Stuhl um Lossprechung. Er wurde verpflichtet, eine Erklärung zu unterschreiben, in der er ver- sprach, künftig in und außerhalb seiner Lehrtätigkeit vorbehaltlos dem kirchlichen Geist zu entsprechen. Daraufhin wurde die Suspension aufgeho- ben 24 . Ihre Aufhebung wird im Zusammenhang gestanden haben mit der Vorspräche des ermländischen Generalvikars im Mai 1935 und mit der For- derung des Reichserziehungsministers an den Bischof von Ermland, die Tat- sachen darzulegen, die nach dem preußischen Konkordat die Voraussetzung waren für die Pflicht des Ministers, für den Ersatz der ausfallenden Vorle- sungen zu sorgen. Am 30. Oktober 1935 teilte der Bischof von Ermland dem Reichserzie- hungsminister auf dessen Schreiben vom 24. Mai 1935 mit: Er beehre sich ganz ergebenst mitzuteilen, daß die beiden Professoren an der Staatlichen Akademie zu Braunsberg Dr. Barion und Dr. Eschweiler von der über sie im

machte dem Mitberichterstatter

a A.a.O . Abgedruckt als Dokument

führungen

hierzu

23

Mitteilung

S. 136

f.

S. 53

f.

Marquardt

vom 20.8.

24 Albrecht (FN 13) a.a.O .

1 im Anhang: Reifferscheid

(FN

1965, nach: Reifferscheid

(FN

3)

3) S. 287, Aus-

S. 64

FN.

168,

34

Sebastian Schröcker

vergangenen Jahre vom Heiligen Stuhl verhängten suspensio a divinis be- freit worden seien und somit die Angelegenheit ihre Erledigung gefunden habe 25 . Die schriftliche Mitteilung des Bischofs von Ermland, die Angelegenheit sei erledigt, wurde im Reichserziehungsministerium so verstanden, daß die Suspensionsangelegenheit abgeschlossen sei und bei künftigen Berufungen nicht mehr berücksichtigt zu werden brauche. Am 14. November 1935 sprach der ermländische Generalvikar Marquardt im Reichserziehungsmini- sterium vor. Der Sachbearbeiter fragte ihn, ob nach Erledigung der Angele- genheit auch bei etwaigen späteren Berufungen der beiden betroffenen Theologieprofessoren mit einem Rückgriff kirchlicher Stellen auf die Sus- pension zu rechnen sei. Diese Frage verneinte der Generalvikar ausdrück- lich. Wiederholt betonte er: Mit der Aufhebung der Suspension solle die Angelegenheit der beiden Professoren ihre endgültige Bereinigung finden. Der Generalvikar berichtete überdies, er habe die Angelegenheit in Rom persönlich vorgetragen. Das Reichserziehungsministerium faßte deshalb seine Erklärung auf als vom Gesamtstandpunkt der kirchlichen Behörden abgegeben 2 '.

1. Die Berufung

//.

München

Der bisherige Professor für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät der Universität München wurde wegen Erreichens der Altersgrenze zum Ende des Winterhalbjahres 1936/37 emeritiert. Noch während seiner Amts- zeit setzte die Fakultät für seine Nachfolge auf ihre Vorschlagsliste drei Kandidaten; Barion befand sich nicht darunter. Der Reichserziehungsmini- ster forderte sie auf, auch zu ihm Stellung zu nehmen. Sie wandte ein, er stehe mit seinen wissenschaftlichen Leistungen zurück hinter den von ihr Vorgeschlagenen und sei vor nicht allzu langer Zeit suspendiert gewesen; die Zahl ihrer Studierenden werde zurückgehen, wenn er berufen werde, denn ihre Theologenschaft setze sich zusammen aus Angehörigen verschiedener Bistümer und Orden. Diese Stellungnahme wurde unterstützt vom Leiter der Dozentenschaft 27 und vom Rektor der Universität: Der Leiter der Dozentenschaft wandte ein, es bestehe die Gefahr der Abwanderung der

25

28

GStA (FN 7) Rep. 76/518 Bd. XII Bl. 17.

Schreiben des Reichserziehungsministers an das Auswärtige Amt vom 29. 10. 1938.

17 Die Dozentenschaft war nach der Universitätsverfassung des Dritten Reichs ein Verfassungsorgan der Universität; sie war bei der Berufung von Professoren und im Habi- litationsverfahren zu beteiligen. Der NS-Deutsche Dozentenbund war eine Gliederung der NSDAP (§ 2 der VO zur Durchführung des Gesetzes zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 29. 3. 1935 [RGBl. I. S. 502] i. d. Fassung d. Ausführungsbestimmung vom

35

Theologiestudenten von der Universität München, der Rektor betonte die Gefahr, die sich aus der Berufung Barions für die Theologische Fakultät ergeben könnte. Ihrer ablehnenden Haltung schloß sich das bayerische Kul- tusministerium an mit Schreiben an den Reichserziehungsminister vom 8. Mai 1937. Dagegen setzte sich mit Schreiben an den Reichserziehungsmi- nister vom 4. August 1937 der Reichskirchenminister für Barion ein: Es be- stehe ein erhebliches allgemeinpolitisches und kirchenpolitisches Interesse daran, daß gerade Barion auf den Lehrstuhl für katholisches Kirchenrecht nach München berufen werde. Mit ihm würde ein Mann berufen, dessen wissenschaftliche Qualitäten außer Zweifel stünden, der aber auch eine starke Stütze für die bezüglich der katholischen Fakultäten einzuhaltende Personalpolitik bedeuten würde. Da er an der Braunsberger Akademie seine Lehrtätigkeit unbeanstandet von der dortigen kirchlichen Behörde ausübe, könnten von kirchlicher Seite in München keine berechtigten und begründe- ten Einwendungen gegen seine Berufung vorgebracht werden; unter dem Einfluß einiger Mitglieder der Fakultät sehe ihn aber die kirchliche Behörde vielleicht ungern nach München kommen. Der Reichserziehungsminister ersuchte daraufhin mit Schreiben vom 16. August 1937 das bayerische Kultusministerium erneut um Stellung- nahme; er habe an der Berufung Barions das stärkste Interesse. Das baye- rische Kultusministerium hielt nach Anhörung der Dozentenschaft und des Rektors mit Schreiben an den Reichserziehungsminister vom 26. Oktober 1937 an seiner ablehnenden Stellungnahme fest; es versicherte, für die Stel- lungnahme der Dozentenschaft und des Rektors sei maßgebend allein die Sorge um den Bestand der Fakultät. Die vom Reichskirchenministerium vermuteten guten Beziehungen zwischen Theologischer Fakultät und kirch- licher Oberbehörde bestünden nicht. Vor der Ernennung eines Beamten war über den „Stellvertreter des Füh- rers" der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei eine politische Beurteilung der zuständigen Dienststelle der Partei einzuholen 28 . Das galt auch für die Berufung eines Theologieprofessors auf einen Lehrstuhl an einer staatlichen Universität oder Hochschule. Zuständig war die Reichs- leitung der NSDAP, innerhalb derselben der Reichsdozentenbundsführer. Seine Stellungnahme gab den Ausschlag, weil der örtliche Dozentenbunds- führer sich gegen die Berufung Barions ausgesprochen hatte. Auf die An- frage des Reichserziehungsministers antwortete er am H.Janua r 1938: Er befürworte die Berufung Barions nach München. Er sei in jeder Hinsicht als

Der Fall Barion

5. 12. 1935 [RGBl. I S. 1523]).Die Ämter des Leiters der Dozentenschaft und des örtlichen Dozentenbundsführers wurden häufig durch Personalunion verbunden. In der Reichshabili- tationsordnung von 1938 wurde die Beteiligung des örtlichen Dozentenbundsführers am Habilitationsverfahren und am Erwerb der Lehrbefugnis ausdrücklich festgelegt: §§4

Abs. 1 Satz 2,

14 Abs. 3 Satz 2.

28 DVO Abs. 2 zu § 26 des Deutschen Beamtengesetzes vom 26. 1. 1937.

36

einwandfrei bekannt. Vor der Machtübernahme habe er sich politisch nicht betätigt, sei aber schon damals von Zentrumskreisen abgelehnt worden. An seiner positiven Haltung zum Nationalsozialismus bestehe kein Zweifel, so daß er im Sinne des Nationalsozialismus als wirksame Kraft an der Katho- lisch-theologischen Fakultät der Universität München eingesetzt werden könne. Dem Erzbischof von München teilte der Reidiserziehungsminister mit, er habe die Berufung Barions in Aussicht genommen; er richtete an ihn die Anfrage, ob Einwendungen gegen dessen Lehre und Lebenswandel erhoben werden. Dieser bat mit Schreiben vom 30. November 1937 den Bischof von Ermland um Auskunft über die Suspension Barions. Der ermländische Bischof antwortete ihm mit Schreiben vom 3. Dezember 1937: Er habe am 13. Juni 1934 Barion verpflichten müssen, jede schriftliche und mündliche

Erörterung kirchenpolitischer Fragen künftig zu unterlassen. Am 20. August

1934 habe die Konzilskongregation über ihn die suspensio a divinis ver-

hängt mit dem ausdrücklichen Zusatz ad nutum S. Sedis, da er schwer gegen die kirchliche Disziplin gefehlt habe. Am 16. September 1934 habe er der Konzilskongregation schriftlich seine Unterwerfung angezeigt und ver- sprochen, künftig in und außerhalb seiner Lehrtätigkeit vorbehaltlos dem kirchlichen Geist zu entsprechen. Daraufhin sei er von der Zensur der Sus- pension freigesprochen worden, habe seine akademische Lehrtätigkeit wie- der aufgenommen und sie seither unbeanstandet ausgeübt 29 .

Sebastian Schröcker

Auf diese Auskunft hin erhob der Erzbischof von München und Freising am 5. Januar 1938 gegenüber dem Reichserziehungsminister unter Berufung auf Art. 3 § 1 des Bayerischen Konkordats Erinnerung gegen eine Berufung Barions; wenn Barion auch weiter in Braunsberg gelehrt habe, so sei er doch zu sehr belastet, als daß man den Theologiestudierenden in München gestat- ten könne, seine Vorlesungen und Übungen zu besuchen 30 . Diese Antwort des Erzbischofs von München hielt der Reichserziehungs- minister für keine Erinnerung im Sinne des Art. 3 des Bayerischen Konkor- dats, weil darin keine Einwendungen gegen die Lehre oder den Lebenswan- del Barions erhoben, sondern nur Zweckmäßigkeitserwägungen angestellt worden seien. Dem bayerischen Kultusministerium teilte er am 14. März

1938 mit, einem hinhaltenden Schreiben des Erzbischofs sollten vollendete

Tatsachen entgegengestellt werden. Nach dem Ergebnis der bisherigen Erör-

terungen solle Barion zum 1. Mai 1938 berufen werden. Damit die Beru- fung durchgeführt werden könne, bat er, mit Barion sofort Berufungsver-

29 Albrecht (FN 13) a.a.O . Die Auskunft des ermländischen Bischofs war unrichtig insofern, als die Suspension nicht 1934, sondern erst 1935 aufgehoben wurde: dies ergibt der Schriftwechsel, der darüber zwischen dem ermländischen Bischof und dem Reichserzie- hungsminister geführt wurde. Der Erzbischof von München übernahm die unrichtige Zeit- angabe und legte sie seinen Äußerungen zugrunde.

30 Albrecht (FN 13) a.a.O .

Der Fall Barion

37

handlungen zu führen. Im bayerischen Kultusministerium sprach Barion am 29. März 1938 vor; er erklärte sich bereit, den Ruf anzunehmen. Über das Verhandlungsergebnis berichtete das bayerische Kultusministerium am 7. April dem Reichserziehungsminister; es fügte hinzu, die Berufung Barions könne nur ausgesprochen werden, wenn vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten. Im Einvernehmen mit dem Reichskirchenminister entschied sich der Reichserziehungsminister für die Berufung Barions; dem Erzbischof von München schrieb er am 6. Mai 1938: Die gegen die Berufung Barions vorge- brachten Bedenken stützten sich auf die Rückwirkung, die von dieser Beru- fung für die Theologische Fakultät in München befürchtet würden. Er ver- möge sich den in dieser Hinsicht geäußerten Bedenken nicht anzuschließen. Daß die Bischöfe, die außer dem Ortsordinarius ihre Studenten zum Theo- logiestudium nach München schicken, diesen entweder den Besuch der Vorle- sungen Barions von vornherein verbieten oder ihre Theologen zurückziehen würden, glaube er nicht ohne weiteres annehmen zu können, da heute für eine solche Handlungsweise berechtigte Gründe fehlen dürften. An der Akademie zu Braunsberg, an der Barion als Lehrer und Rektor wirke, stu- dierten ebenfalls außer den dem Bischof von Ermland unterstehenden Theo- logen solche anderer Diözesen, insbesondere der Diözese Danzig und der Prälatur Schneidemühl. Die betreffenden Ordinarien hätten ihre Studenten aus Braunsberg weder zurückgezogen noch hätten sie ihnen den Besuch der Vorlesungen Barions irgendwie verboten. Da die katholische Kirche einheit- lich geführt sei und wohl in Bayern nicht nach anderen Grundsätzen handle als in Ostpreußen, könnte die von Seiner Eminenz befürchtete Handlungs- weise der anderen bayerischen Bischöfe nur als folgenschwere politische Ak- tion betrachtet und behandelt werden. Außerdem habe die drei Jahre zu- rückliegende Suspensionsangelegenheit, wie Seine Eminenz selbst bemerke, mit der kirchlichen Rehabilitierung Barions geendet; er müsse sie deshalb für abgeschlossen ansehen und könne sie bei seinen Berufungen nicht mehr berücksichtigen. Unter diesen Umständen müsse für seine Entscheidung maßgebend sein, ob Seine Eminenz auf Grund des Art. 3 § 2 des Baye- rischen Konkordats gegen Barion persönliche, nämlich „wegen seiner Lehre oder wegen seines sittlichen Lebenswandels aus triftigen Gründen Beanstan- dungen" vorzubringen habe. Solche seien in dem Schreiben Seiner Eminenz nicht enthalten; weder das etwaige Fehlen eines Präzedenzfalls noch die befürchteten Maßnahmen anderer Bischöfe berührten die persönliche Eig- nung Barions. Er halte deshalb auch nach Würdigung der Bedenken Seiner Eminenz an der Berufung des Professors Barion nach München fest und habe sie ausgesprochen 31 .

31

BA

(Bundesarchiv):

Der

Reichs-

und

preußische

Minister

für

Wissenschaft,

Erzie-

Sebastian Schröcker

38

Gleichzeitig sprach er die Übertragung der freien planmäßigen Professur für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät der Universität München an Barion aus mit Wirkung vom 1. Juli 1938 32 . Einige Monate später, am 29. August 1938, antwortete Kardinal Faulha- ber: Die Tatsache der Suspension sei nadi kirchlichen Gesichtspunkten Grund genug, einen Schatten in diesem Lebensbild zu erblicken, auch wenn sehr bald darauf die Begnadigung erfolgt sei. Er schloß seinen Brief mit den Worten: „Unser ganzer Briefwechsel dreht sich um einen Konkordatsarti- kel. Ich habe den Entscheid des Herrn Reichsministers für eine Gefährdung des Konkordatsfriedens erklärt und damit die in Frage stehende Berufung deutlich als konkordatswidrig gekennzeichnet. Es sei mir gestattet, damit den Briefwechsel über den Fall Barion vorerst abzuschließen und Herrn Reichsminister für Wissenschaft anheimzugeben, weitere Verhandlungen über diese Konkordatsfrage mit dem kirchlichen Konkordatspartner zu füh- ren" 33 .

2. Einspruch des Heiligen Stuhls

Mit Bericht an den Kardinalstaatssekretär vom 29. August 1938 gab Kar- dinal Faulhaber den Fall Barion als Konkordatsfall an den Heiligen Stuhl als kirchlichen Konkordatspartner ab. Darauf antwortete Kardinalstaatsse- kretär Pacelli am 12. September 1938: Die durch die mitgeteilten neuer- lichen Berufungen an die dortige Theologische Fakultät aufgeworfenen Fra- gen seien von einer solchen grundsätzlichen und praktischen Bedeutung für eine dem kirchlichen Geist entsprechende Ausbildung des priesterlichen Nachwuchses, daß der Heilige Vater, der gerade über diese Seite der kirch- lich-staatlichen Auseinandersetzungen mit besonderer Sorgfalt wache, die Absendung einer Note angeordnet habe, von der er angeschlossen Abschrift zu übersenden sich gestatte. Wenn die örtliche Erledigung des Braunsberger Falls damals mit einem Höchstmaß von Milde und Nachsicht erfolgt sei, so dürfe ihre Tolerierung einer bereits begonnenen Lehrtätigkeit an einer zweitrangigen Akademie in keiner Weise als rechtlicher Präzedenzfall für eine Beförderung an eine andere höher qualifizierte und ungleich bedeuten- dere Fakultät gelten. Die unbeschränkte Freiheit des zuständigen Ordina- rius gegenüber einer neuen Berufung sei, zumal in den gegenwärtigen Ver- hältnissen, von geradezu entscheidender Wichtigkeit für die Bewahrung der Priesteramtskandidaten vor den Gefahren, die ihnen von seiten unzuver- lässiger und in ihrer wissenschaftlichen oder charakterlidien Weiterentwick- lung unberechenbarer akademischer Lehrer drohe. Ein schweigendes Hin-

32 BA (FN31) A.a.O. Nr. 5.

35 Ludwig Volk, Akten Kardinal Michael von Faulhabers, Teil II 1935—1945 (Ver- off. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 26, 1978) Nr. 743, S. 587—589.

Der Fall Barion

39

nehmen staatlicher Eigenmächtigkeiten durch offenbare Konkordatsver- letzungen würde auf keinem Gebiet mit größerer Wahrscheinlichkeit Anreiz zu immer neuen Grenzüberschreitungen geben als gerade auf dem der ka- tholischen Fakultäten. Von einer allfallsigen Beantwortung oder Nichtbe- antwortung der Verwahrung des Heiligen Stuhls durch die zuständige Reichsstelle würden weitere Entscheidungen abhängen müssen, einschließlidi der Frage des etwaigen Nichtbesuchs der in Betracht kommenden Vorlesun- gen 34 . Dem Schreiben des Kardinalstaatssekretärs vom 12. September 1938 lag die Abschrift der vom Papst angeordneten Note vom 15. September 1938 bei: In Würdigung der unbestreitbaren Tatsache, daß Barion wegen schwe- ren Vergehens gegen die kirchliche Disziplin von der höchsten kirchlichen Stelle im Jahre 1934 mit der Strafe der Suspension belegt worden sei und somit jener unbestrittenen Zuverlässigkeit entbehre, die der zuständige Or- dinarius konkordatsmäßig zu fordern befugt sei, habe der Erzbischof von München von dem ihm zustehenden Recht der Erhebung von Erinnerungen ausdrücklich Gebrauch gemacht. Die ungeachtet dessen durch den Reichsmi- nister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ausgesprochenen Beru- fungen stellten somit eine Verletzung der konkordatsrechtlichen Abmachun- gen vor, gegen die — auch angesichts der grundsätzlichen Bedeutung des Falles — der Heilige Stuhl in Unterstützung des zuständigen Ortsordina- rius nachdrücklich Einspruch einlegen müsse und einlege. Der Heilige Stuhl könne angesichts solcher Vorgänge neben seinem formellen Einspruch nicht auf die Forderung verzichten, daß die offensichtlich verletzten Rechte der Kirche wiederhergestellt werden' 5 . Kardinal Faulhaber sprach dem Kardinalstaatssekretär am 3. Oktober 1938 „ehrerbietigsten Dank auch für die vornehme und eindrucksvolle Note" aus; daß Seine Heiligkeit in einer Frage von grundsätzlicher Bedeu- tung durch Absenden einer solchen Note die deutschen Bischöfe unterstütze, könne bei diesen nur den tiefsten und ehrerbietigsten Dank auslösen 36 . Ob die kirchliche Erinnerung gegen die Berufung Barions nach München und ihre Zurückweisung durch den Reichserziehungsminister in förmlicher und sachlicher Hinsicht konkordatsgemäß waren, hätte auf kirchlicher Seite geprüft werden können auf Grund des Schriftwechsels des Erzbischofs von München mit dem Reichserziehungsminister, in sachlicher Beziehung außer- dem an Hand der kirchlichen Personalakten über Barion. Der Bericht des Kardinals vom 29. August 1938 nahm auf solche Unterlagen nicht Bezug und führte sie nicht als Anlagen auf; es darf deshalb davon ausgegangen

34 Volk

(FN

33)

Nr. 747,

S. 595.

Das

Bedeutung von: etwaigen.

35

38

Albrecht (FN 13) Nr . 26, S. 82.

Volk (FN 33) Nr. 748, S. 597.

Wort

„allfallsigen"

im

letzten

Satz

hat

die

4(1

Sebastian Schröcker

werden, daß sie nicht beigefügt waren. Auch in dem Antwortschreiben des Kardinalstaatssekretärs vom 12. September 1938 wurde ihr Eingang nicht bestätigt; sie wurden auch nicht nachträglich angefordert. Innerhalb der Behördenorganisation des Heiligen Stuhls werden Unterlagen über Barion vorhanden gewesen sein bei der für die theologischen Fakultäten und Hoch- schulen zuständigen Studienkongregation sowie bei der Konzilskongre- gation, die 1934 die Suspension über Barion verhängt hatte. Die Akten der Konzilskongregation beizuziehen hätte nahegelegen, weil die kirchliche Erinnerung gegen Barion ausschließlich begründet wurde mit seiner frühe- ren Suspension und diese schon vier Jahre zurücklag. Der sachlichen Zustän- digkeit der Studienkongregation hätte es entsprochen, sie an der Entschei- dung über den päpstlichen Einspruch gegen die Berufung Barions zu beteili- gen. Für die Beteiligung der Studienkongregation und die Beiziehung der Akten der Konzilskongregation wäre mehr Zeit erforderlich gewesen, als zwischen dem Empfang des Berichts des Kardinals Faulhaber und der Ab- sendung der Note verging; Aktenbeiziehung und Beteiligung einer sachlich zuständigen Stelle scheinen unterlassen worden zu sein. Die Zeitspanne zwischen dem Bericht des Kardinals Faulhaber vom 29. August 1938 und dem Antwortschreiben des Kardinalstaatssekretärs vom 12. September 1938 betrug gerade zwei Wochen. Da der Bericht des Kardinals nach Rom befördert wurde durch einen Kurier der Berliner Nun- tiatur, standen für die Abfassung der Note weniger als zwei Wochen zur Verfügung. Der Bericht des Kardinals wird Papst Pius XL vorgelegen haben oder vorgelesen worden sein, ehe er die Absendung der Note anord- nete. Die Abschrift dieser Note übersandte der Kardinalstaatssekretär dem Münchener Kardinal schon drei Tage vor dem Datum, das sie trug. Die Fassung der Note als Einspruch und Forderung brachte nicht zum Ausdruck, daß eine freundschaftliche Lösung herbeigeführt werden solle. In den Konkordaten hatten sich die Vertragsschließenden verpflichtet, eine freundschaftliche Lösung anzustreben. Die sogenannte Freundschaftsklausel der in diesem Falle anzuwendenden Konkordate lautete: „Sollte sich in Zu- kunft bei der Auslegung vorstehender Bestimmungen irgendeine Schwierig- keit ergeben, so werden der Heilige Stuhl und der Bayerische Staat gemein- sam eine freundschaftliche Lösung herbeiführen (Art. 15 § 1 des Bayerischen Konkordats) und „Sollte sich in Zukunft wegen der Auslegung oder An- wendung einer Bestimmung dieses Konkordats irgendeine Meinungsver- schiedenheit ergeben, so werden der Heilige Stuhl und das Deutsche Reich im gemeinsamen Einvernehmen eine freundschaftliche Lösung herbei- führen" (Art. 23 Abs. 2 des Reichskonkordats). Der päpstliche Einspruch rügte die Verletzung konkordatsrechtlicher Be- stimmungen, ohne sie zu nennen; der Erzbischof von München hatte sich

aber auf § 1, der Reichserziehungsminister

auf

§ 2

des

Art. 3 des Baye-

Der Fall Barion

41

rischen Konkordats berufen. Die Auslegung der vom Erzbischof angeführ- ten Bestimmung war überdies strittig; sie widersprach der Auffassung, die vertreten wurde in dem damals führenden deutschen Lehrbuch des katho- lischen Kirchenrechts, daß der Diözesanbischof eine Erinnerung nur erheben könne wegen der Lehre oder wegen des sittlichen Verhaltens 37 . Dies war auch die Auffassung, die aus Art. 19 Satz 3 des Reichskonkordats für das gesamte Reichsgebiet abgeleitet wurde 38 . Die kirchliche Auslegung der einschlägigen Konkordatsbestimmungen hätte Gewicht gehabt vor allem deshalb, weil Kardinalstaatssekretär Pacelli die im Falle Barion anwendba- ren Konkordate ausgehandelt hatte: als Nuntius in München und Berlin das Bayerische Konkordat von 1924 und das Preußische Konkordat von 1929 und als Kardinalstaatssekretär das Reichskonkordat von 1933. Die Stellungnahme des Heiligen Stuhls zu diesen Fragen der Konkor- datsauslegung wurde nicht dargelegt. Dem Fall Barion wurde sogar grund- sätzliche Bedeutung beigemessen; es wurde aber nicht dargelegt, worin seine grundsätzliche Bedeutung bestand. Grundsätzliche Bedeutung hatte eine Rechtssache dann, wenn eine strittige Rechtsfrage zu beantworten war und der zu entscheidende Fall als Musterfall maßgebend sein sollte für die Ent- scheidung unbestimmt vieler künftiger Fälle. Der Einspruch des Heiligen Stuhls gegen die Berufung Barions wäre schließlich eine Gelegenheit gewesen, durch Verhandlungen Einfluß zu neh- men auf die Gestaltung der einheitlichen Praxis für sämtliche in Frage kommenden katholischen Fakultäten Deutschlands, deren Sicherung sich die Reichsregierung angelegen sein lassen sollte (Art. 19 Satz 3 des Reichskon- kordats). Die Note war eine Erklärung des kirdilichen Konkordatspartners gegen- über dem staatlichen Konkordatspartner, also des Heiligen Stuhls gegenüber dem Deutschen Reich. Diplomatischer Übung hätte es entsprochen, sie durch den akkreditierten Vertreter des Heiligen Stuhls beim Deutschen Reich, den Apostolischen Nuntius in Berlin, im Auswärtigen Amt überreichen zu las- sen. Von dieser allgemeinen Übung wich die Praxis des Kardinalstaatssekre- tärs ab. Er sandte Noten jeweils an den Botschafter des Deutschen Reichs beim Heiligen Stuhl, also an den Vertreter des Empfangsstaats. Dieser durfte nur von seiner eigenen Regierung Aufträge entgegennehmen, nicht von derjenigen Regierung, bei der er beglaubigt war. Vergeblich versuchte das Auswärtige Amt, den Kardinalstaatssekretär von seiner Praxis abzu- bringen und ihn auf die Nachteile aufmerksam zu machen, die damit ver- bunden waren: Der Nuntius könne Schritte verhüten oder wenigstens mil- dern, die sich für die beiderseitigen Beziehungen ungünstig auswirken könn- ten; ein Anlaß dies zu tun, sei für ihn um so mehr gegeben, als er persönlidi

37 Eduard Eichmann, Lehrbuch des Kirchenrechts, 4. Aufl. 1934, Bd. 2 S. 84.

38 Weber (FN 2) S. 226.

42

Sebastian Schröcker

belastet werde durch Aufträge des Vatikans, die nach Form und Inhalt für das Auswärtige Amt untragbar seien. Der deutsche Botschafter beim Heili- gen Stuhl, Freiherr von Bergen, trug diese Auffassung des Auswärtigen Amts dem Kardinalstaatssekretär vor; dieser vermied es aber nach Möglich- keit, den Berliner Nuntius, Erzbischof Orsenigo, mit solchen Aufträgen zu versehen 39 ; er hatte ihn schon während der Verhandlungen über den Abschluß des Reichskonkordats ausgeschaltet 40 . In Abwesenheit des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl richtete der Kardinalstaatssekretär die Note an den Geschäftsträger, Botschaftsrat Menshausen. Dieser leitete sie weiter an das Auswärtige Amt. Mit Schreiben vom 27. September 1938 übermittelte sie das Auswärtige Amt dem für die Universitäten zuständigen und deshalb federführenden Reichserziehungsmi- nister, der seinerseits den Reichskirchenminister beteiligte, weil es sich um eine Angelegenheit des Konkordatsrechts handelte. Im Einvernehmen mit diesem hielt der Reichserziehungsminister in seinem Schreiben an das Aus- wärtige Amt vom 29. Oktober 1938 eine eingehende und beschleunigte Ant- wort an den Vatikan für unerläßlich, um Kardinal Faulhaber zur Auf- hebung seines inzwischen erlassenen Verbotes des Besuchs der Vorlesungen Barions zu zwingen. Für diese Antwortnote des Auswärtigen Amts über- sandte er diesem einen Vorschlag mit der Bitte, sich möglichst an dessen Wortlaut zu halten, weil seine tatsächlichen und rechtlichen Ausführungen bereits der empfindlichen und verwickelten Lage nach kirchenrechtlichen Gesichtspunkten Rechnung trügen. Er legte ausführlich die Sach- und Rechtslage sowie den Verlauf des konkordatsrechtlichen Teils des Beru- fungsverfahrens dar mit dem Ergebnis, daß er nicht konkordatswidrig ge- handelt habe, die Erinnerung des Erzbischofs von München aber nicht die rechtlichen Erfordernisse aufweise, die auf Grund der Gesamtheit der ein- schlägigen Bestimmungen von einer Beanstandung verlangt würden. Er glaube, daß nach Würdigung dieser Darlegungen auch der Heilige Stuhl sich der Auffassung der Reichsregierung anschließen werde, daß die Berufung Barions zwingenden Einwendungen sachlicher oder formeller Art nicht un- terliege. In die Antwortnote sollte die Erklärung aufgenommen werden, die Reichsregierung bedauere es, daß der Erzbischof durch sein Verbot des Be- suchs der Vorlesungen Barions die Gefahr geschaffen habe, daß die Lehrtä- tigkeit der katholisch-theologischen Fakultät der Universität München ins- gesamt außerordentlich geschwächt, wenn nicht, auf die Dauer gesehen, so- gar ausgeschaltet werde, was in der Reihe der katholisch-theologischen Fa- kultäten und philosophisch-theologischen Hochschulen als erhebliche Lücke empfunden werden könnte; er glaube, daß an einer ungestörten Tätigkeit

39 Albrecht (FN 13) S. XVII I

f.

40 Walter

Adolph,

Sie

sind

nicht

vergessen.

Gestalten

aus

der

jüngsten

deutschen

Der Fall Barion

43

der Münchener Fakultät wie die staatlichen Stellen zum mindesten im glei- chen Maße auch die kirchlichen Stellen interessiert seien. Es werde die Erwägung anheimgestellt, den Herrn Erzbischof von München zu einer Nachprüfung der von ihm eingenommenen Haltung zu veranlassen. Dieser habe, ohne abzuwarten, welches Ergebnis der Schritt des Vatikans beim Deutschen Reich zeitigen werde, den katholischen Theologiestudenten den Besuch der Vorlesungen Barions verboten und die sonstigen Bischöfe zu ent- sprechenden Maßnahmen veranlaßt. Das Auswärtige Amt antwortete am 9. November 1938 dem Reichserzie- hungsminister, im Hinblick auf die kirchenpolitische Lage trage es Beden- ken, dem Vatikan Veranlassung zu geben zur Befassung mit internen Fra- gen des deutschen Hochschulwesens. Es möchte deshalb anheimstellen, die Aufhebung des von Kardinal Faulhaber erlassenen Verbots zum Besuch der Vorlesungen des Professors Barion auf unmittelbarem Wege und unter Ver- meidung einer Beteiligung des Vatikans anzustreben. Im übrigen beabsich- tige es, von einer Beantwortung der Note des Vatikans, die sich auf das Bayerische Konkordat beziehe, abzusehen. Der Reichserziehungsminister ging mit Schreiben vom 6. Februar 1939 auf den Vorschlag des Auswärtigen Amts ein: Er habe Abstand genommen von dem Gedanken, auf Beantwortung der vatikanischen Note zu drängen, um durch diese Antwort eine Rücknahme der von Kardinal Faulhaber voll- zogenen Maßnahmen zu erreichen. Er teile zugleich mit, auf welche Weise er der Anregung des Auswärtigen Amts entsprochen habe, die Aufhebung des Vorlesungsverbotes zu erreichen: Im Einvernehmen mit dem Reichskirchen- ministerium und dem bayerischen Kultusministerium habe er die Brüskie- rung des nationalsozialistischen Staates und die Boykottierung der staat- lichen katholisch-theologischen Fakultät in München durch deren Schließung beantwortet, zumal konkordatsrechtliche Bedenken nicht entgegengestanden hätten.

3.

Die Vorlesungssperre

Dozentenschaft und Rektor der Universität München und das bayerische Kultusministerium hatten ihre Stellungnahme gegen eine Berufung Barions begründet mit ihrer Sorge um den Bestand der Fakultät. Diese Sorge hatte ihren Grund nicht in der Befürchtung, die Theologiestudenten würden aus eigener Entscheidung seinen Vorlesungen fernbleiben oder die Universität München verlassen. Die Fakultät selbst hatte die Befürchtung, die Zahl ih- rer Studierenden werde zurückgehen, begründet damit, daß ihre Theologen- schaft sich zusammensetze aus Angehörigen verschiedener Bistümer und Orden; auch sie befürchtete nicht, die auswärtigen Bischöfe und die Ordens- oberen würden von sich aus ihre Theologiestudenten aus München abziehen. Die gemeinsame Befürchtung aller war es, Kardinal Faulhaber werde solche

44

Sebastian Schröcker

Maßnahmen veranlassen und dadurch den Bestand der Münchener Theolo- gischen Fakultät gefährden. Auf der vom 16. bis 18. August 1938 in Fulda neben der deutschen Bischofskonferenz abgehaltenen Konferenz der bayerischen Bischöfe trat Kardinal Faulhaber an die für eine Beteiligung an einem Verbot des Besuchs der Vorlesungen in Betracht kommenden Bischöfe heran. Sie erklärten sich bereit, über ihre Theologen ein solches Verbot zu verhängen, wenn er seinen Theologen das gleiche Verbot auferlege. Er kündigte an, er werde zum Be- ginn des Wintersemesters an die Direktion des mit der Theologischen Fakul- tät verbundenen Priesterseminars Georgianum eine diesbezügliche Mittei- lung richten 41 . Am 29. August 1938 teilte er dem Reichserziehungsminister mit, er habe in den letzten Wochen Gelegenheit gehabt jene Bischöfe zu sprechen, die einen Teil ihrer Theologie-Studenten nach München schickten, und könne heute versichern, daß diese in der Frage der Berufung Barions keine unterschiedliche Auffassung hätten und sich mit dem Erzbischof von München solidarisch erklärten 42 . Am 12. Oktober 1938 erließ Kardinal Faulhaber ein Verbot des Besuchs von Vorlesungen. Er richtete es an den Dekan der Theologischen Fakultät, an den Direktor des Georgianums, an den Regens des Priesterseminars in Freising und an einige Obere religiöser Orden, aus denen Mitglieder an der Theologischen Fakultät studierten. In dem Verbot wurde unter anderem ausgeführt. Barion habe im Vorlesungsverzeichnis der Universität München für das Winterhalbjahr 1938/39 theologische Vorlesungen angekündigt. Seine Ernennung sei staatlicherseits erfolgt, obwohl vom zuständigen Diö- zesanbischof Erinnerung erhoben worden sei. Zur Behebung dieses konkor- datswidrigen Zustands seien seitens des kirchlichen Konkordatspartners am 15. September 1938 Verhandlungen eingeleitet worden. Barion könne die zur Ausübung des theologischen Lehramts notwendige Missio canonica nicht erhalten. Den Studierenden der katholischen Theologie werde also, jeweils von dem zuständigen Ordinarius, der Besuch der Vorlesungen verboten unter Androhung des Ausschlusses vom Empfang der Heiligen Weihen. An demselben Tage, an dem dieses Verbot erging, ersuchte Kardinal Faulhaber in einem Schreiben an die Erzbischöfe Kardinal Bertram von Breslau und Klein von Paderborn sowie an die bayerischen Bischöfe jene Ordinarien, die an die Universität München Studierende der Philosophie oder Theologie aus ihren Diözesen sandten, erstens an seine Adresse eine schriftliche Erklärung zu senden, worin sie ihren Diözesanen den Besuch der Vorlesungen verbie- ten und die Ungehorsamen von der Weihe zurückstellen, zweitens durch das Generalvikariat jedem einzelnen Theologiestudierenden davon Mitteilung zu machen und diese Mitteilung schriftlich bestätigen zu lassen; letzteres sei

41 Volk (FN 33) Nr. 739, S. 576; Nr. 748, S. 597.

42 Volk (FN 33) Nr. 743, S. 589.

Der Fall Barion

45

notwendig, weil die Studierenden aus manchen Diözesen, besonders von Paderborn, in der Stadt wohnten und beim Semesterbeginn gar nicht erreichbar seien 4 '. Der Dekan der Theologischen Fakultät legte das ihm zugegangene Schriftstück am 24. Oktober 1938 dem Rektor der Universität vor mit dem Bericht, es sei ihm von Kardinal Faulhaber zugeleitet worden, ohne daß vorher je in dieser Frage in irgendeiner Weise eine Fühlungnahme Seiner Eminenz mit ihm stattgefunden habe. Der Rektor leitete das Schriftstück des Kardinals und den Bericht des Dekans weiter über das bayerische Kul- tusministerium an den Reichserziehungsminister.

Gegen die staatliche Entscheidung über die kirchliche Beanstandung eines Theologieprofessors gab es keine Anrufung einer übergeordneten staatlichen Stelle oder eines unabhängigen Gerichts mit aufschiebender Wirkung und erneuter Prüfung und Entscheidung. Um gegen eine staatliche Entscheidung den kirchlichen Standpunkt durchzusetzen, wählten kirchliche Behörden die Ablehnung der Erteilung oder die Entziehung der kirchlichen Lehrerlaubnis und das Verbot, die Vorlesungen zu besuchen. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte nach der kirchlichen Verurteilung der Schriften des Bonner Theologen Hermes der Kölner Erzbischof Droste-Vischering über die katholisch-theologische Fakultät der Universität Bonn eine Vor- lesungssperre verhängt; er verfolgte die Absicht, ihre Aufhebung als Teil einer Staatsuniversität zu erreichen und sie zu ersetzen durch eine rein kirch- liche, ausschließlich unter erzbischöflicher Bestimmungsmacht stehende Hochschule in Köln 44 . Die Wissenschaft vom Staatskirchenrecht im Dritten Reich hielt eine kirchliche Vorlesungssperre für eine Verletzung des im Reichskonkordat anerkannten Status der theologischen Fakultäten und einen Versuch, die konkordatsrechtlichen Bestimmungen über die Anstellung und Entlassung von Theologieprofessoren zu umgehen 45 . Auch in der Wis- senschaft vom Staacskirchenrecht in der Bundesrepublik wurde es für unzu- lässig gehalten, daß die Kirchenleitungen sich solcher Methoden bedienen, die durch das geltende Vertragsrecht nicht gedeckt sind, indem den Theolo- giestudenten das Hören der Vorlesungen solcher Dozenten untersagt wird, die der Bischof nicht förmlich oder nicht erfolgreich beanstanden konnte 4 *. Im Falle Barion wurde Kardinal Faulhaber in dem letzten Satz des

aufmerk-

sam gemacht auf die Möglichkeit einer kirchlichen Vorlesungssperre: „ein- schließlich der Frage des etwaigen Nichtbesuchs der in Betracht kommenden

Schreibens des Kardinalstaatssekretärs vom 12. September 1938

43

44

43

Volk (FN 33) Nr. 751, S. 603 f.

Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789 Bd. II (1960) S. 223.

Weber (FN 2) S. 230 FN 1.

48 Johannes Neumann, Die theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in: Jus sacrum. Klaus Mörsdorf z. 60. Geburtstag (1969) S. 853—879, hier: S. 878 FN 80.

46

Sebastian Schröcker

Vorlesungen." Der Kardinalstaatssekretär hatte allerdings weitere Entschei- dungen abhängig gemacht von einer „allfallsigen Beantwortung oder Nicht- beantwortung der Verwahrung des Heiligen Stuhls". Kardinal Faulhaber aber wandte das Mittel der kirchlichen Vorlesungssperre an „ohne abzu- warten, welches Ergebnis der Schritt des Vatikans beim Deutschen Reich zeitigen werde", wie der Reichserziehungsminister in seinem Entwurf einer Antwortnote des Auswärtigen Amts an den Vatikan vom 29. Oktober 1938 auszuführen vorschlug.

4. Die Schließung der Münchener Theologischen Fakultät

Das bayerische Kultusministerium gab am 23. Dezember 1938 dem Rek- tor der Universität bekannt, wegen des Verbots des Besuchs von Vorlesun- gen sei der Reichserziehungsminister entschlossen, die Theologische Fakultät mit dem Ablauf des Wintersemesters zu schließen; der Rektor werde er- sucht, die Fakultät und ihre Mitglieder hiervon zu unterrichten, damit sie zum Ende des Winterhalbjahrs nicht vor vollendeten Tatsachen stünden. Auf Grund einer Ermächtigung des Reichserziehungsministers schloß das bayerische Kultusministerium durch Erlaß an den Rektor der Universität vom 16. Februar 1939 die Theologische Fakultät mit Wirkung vom Schluß des Winterhalbjahrs 1938/39. Die Maßnahme wurde begründet damit, daß der Erzbischof den katholischen Theologiestudenten den Besuch der Vorle- sungen Barions verboten und die betreffenden sonstigen Bischöfe zu ent- sprechenden Maßnahmen veranlaßt habe; er habe damit ohne Rechtsgrund in die Freiheit der Wissenschaft und den staatlichen Wissenschaftsbereich eingegriffen. Der Erlaß war unterzeichnet von dem bayerischen Kultusmini- ster Adolf Wagner; dieser war zugleich bayerischer Innenminister und Gau- leiter des Gaues München-Oberbayern der NSDAP. Am 18. Februar 1939 gab die Nachrichtenstelle der bayerischen Landesregierung der Presse die Schließung der Fakultät bekannt mit der zusätzlichen Begründung, der Diözesanbischof habe durch sein Verbot eine ersprießliche Tätigkeit der Fakultät boykottieren lassen 47 . Die Nachricht von der Schließung der Münchener Theologischen Fakultät übersandte die in Freiburg in der Schweiz herausgegebene Katholische inter- nationale Presseagentur (KIPA) am 20. Februar 1939 an die internationale Presse: Kardinal Faulhaber habe unmittelbar vor seiner Abreise nach Rom zum Papstkonklave einen Fußtritt versetzt erhalten, der zum Schmerzlich- sten gehöre, was dieser Kirchenfürst in den letzten Jahren auszustehen gehabt habe. Diese Bombe sei ihm gerade vor der Abfahrt nach Rom in den Wagen geschleudert worden. Der Kardinal sei vollkommen im Recht; er könne nach Kirchenrecht seinen Studenten jederzeit den Besuch von Vor-

47 Münchener Neueste Nachriditen Nr. 49 v. 18. 2. 1939.

Der Fall Barion

47

lesungen solcher Professoren verbieten, deren innerkirchliche Situation nicht

in Ordnun g sei.

das Konkordat habe man sich ja längst hinweggesetzt, wie man sich über die öffentliche Meinung der Welt hinwegsetze. Diesmal sei der Schlag nicht nur gegen Kardinal Faulhaber gerichtet, sondern es solle dem im Konklave ver- sammelten Kardinalskollegium und dem künftigen Papst noch einmal bedeutet werden, welche Stunde es für Rom in Deutschland geschlagen habe 48 . Kardinal Faulhaber selbst berichtete dagegen am 19. April 1939, er habe die Nachricht von der Schließung der Fakultät zuerst aus italie- nischen Zeitungen erfahren; sie habe bei ausländischen Kardinälen größtes Aufsehen erregt 49 . Die Mitteilung der Nachrichtenstelle der bayerischen Landesregierung gab dem Münchener Generalvikar Buchwieser Anlaß, in einem Schreiben an die bayerische Landesregierung vom 3. März 1939 auszuführen, der Herr Kardinal sei ausgegangen von dem Grundsatz, daß eine ordnungsmäßige Ernennung erst dann vorliege, wenn die einschlägige Konkordatsfrage ver- beschieden sei. Eine Abschrift dieses Schreibens wurde den Dechanten der Erzdiözese zur Information mitgeteilt. Die Theologische Fakultät suchte ihr Sdiicksal abzuwenden durch eine Eingabe an das bayerische Kultusministerium vom l.März 1939: Die Schließung habe den Lehrkörper wie die Studierenden zutiefst erschüttert. Sie vermöchten den Gedanken nicht zu fassen, daß diese altehrwürdige For- schungs- und Bildungsstätte, die älteste theologische Fakultät des Altreichs, nunmehr aufhören solle zu sein und zu wirken. Sie habe sich in der ganzen Angelegenheit streng innerhalb der Grenzen der ihr zustehenden Befugnisse gehalten, der Dekan auch an die ihm vom bayerischen Kultusministerium erteilten Weisungen. Eine Gelegenheit zu irgendwelchem Eingreifen oder Vermitteln sei infolgedessen nicht gegeben gewesen. Da gemäß mündlicher Erklärung des Staatssekretärs im bayerischen Kultusministerium keine Erinnerung bestehe, wenn eines der Mitglieder der Fakultät Schritte beim Diözesanbischof unternehme, werde Professor Mohler versuchen, mit Herrn Kardinal Faulhaber, der augenblicklich in Rom weile, in Fühlung zu treten in der Absicht, eine Überprüfung seiner bisherigen Haltung zu erzielen. Die Fakultät gebe sich der Hoffnung hin, daß die verfügte Schließung in abseh- barer Zeit wieder behoben werden könne. In weiteren Ausführungen wurden die wissenschaftliche Bedeutung der Fakultät und die Reichweite ihrer Tätigkeit durch Studierende, Doktoranden und durch die Ausbildung von Missionaren für Missionsgebiete in der ganzen Welt dargelegt; die letz- teren hätten auf ihren Posten dem Deutschtum im Ausland höchste Dienste zu leisten.

Vollkommen im Unrecht sei dagegen der Staat. Aber über

48 22. Jg. Nr. 140. 49 Volk (FN 33) Nr. 762, S. 636.

48

Sebastian Schröcker

Im Auftrag der Fakultät reiste statt des erkrankten Dekans sein Stellver- treter, Professor Mohler, nach Rom, um mit Kardinal Faulhaber zu verhan- deln. In seiner Aussprache mit ihm führte er aus, die bayerische Regierung habe schon um die Weihnachtszeit bei der Fakultät angefragt, warum sie von sich aus nichts tue, um durch Verhandlungen mit dem Erzbischof die Möglichkeit ihres Weiterbestehens zu schaffen; sie habe mit Absicht von einer Schließung, nicht einer Aufhebung der Fakultät gesprochen, um den Weg für neue Verhandlungen offenzuhalten 50 . In Rom wurde am 2. März 1939 an Stelle des verstorbenen Papstes Pius XL der bisherige Kardinalstaatssekretär Pacelli als Nachfolger gewählt; er nahm den Namen Pius XII. an. Am 6. März hielt er mit den noch vom Konklave her in Rom anwesenden deutschen Kardinälen Bertram von Breslau, Schulte von Köln, Faulhaber von München und Innitzer von Wien eine erste Besprechung ab über die Lage der katholischen Kirche in Deutschland 51 . Zu ihrer Vorbereitung legten die Kardinäle Bertram am 4. März und Faulhaber am 5. März Aufzeichnungen vor über die nach ihrer Auffassung zu besprechenden Punkte 52 . Der Münchener Kardinal führte darin unter anderem aus: Als akute Frage, die mit einer wesentlichen Be- stimmung des Konkordates zusammenhänge, sei die Schließung der Theolo- gischen Fakultät der Universität München dazugetreten. Er habe Einspruch erhoben gegen die Berufung Barions zum Professor für Kirchenrecht, seinen Theologen den Besuch der Vorlesungen verboten und dem Reichserziehungs- minister erklärt, es handle sich um einen Konkordatsfall, der eine Be- sprechung mit dem kirchlichen Konkordatspartner notwendig mache. Das Reichsministerium habe Barion seinen Einspruch gar nicht mitgeteilt, dieser habe sich das ganze Wintersemester über ruhig verhalten. Nunmehr sei für den nächsten Tag der neue Dekan der Theologischen Fakultät bei ihm ange- meldet, um diese Sache ins Reine zu bringen. Er werde sich erlauben, Seiner Heiligkeit den Entwurf einer Erklärung vorzulegen, worin er mit Rücksicht auf das Verhalten von Professor Barion sich bereit erkläre, ihm die Missio canonica zu erteilen, wenn er vor ihm die Professio fidei ablege und in einer öffentlichen Erklärung den kirchlichen Rechtsstandpunkt in der Ernennung von Theologieprofessoren anerkenne. Das Ministerium sei, wie ihm erklärt werde, bereit, die Fakultät in München zum Beginn des Sommersemesters wieder zu eröffnen. Nur möchte er diese Sache, die innerhalb und außerhalb Deutschlands sehr beachtet werden werde, in das Friedensangebot Seiner Heiligkeit einstellen 53 .

50 Volk

(FN

33)

A. a. O.

51 Burkhart Schneider, Die Briefe Pius'XII . an die deutschen Bischöfe 1939—1944 (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 4, 1966) Anhang Nr. 6, S. 317.

52 Schneider (FN 51) Anhang Nr. 2, S. 300 (Denkschrift Bertram) und Nr. 4, S. 306 (Denkschrift Faulhaber).

53 Schneider (FN 51) S. 312 f. (Abschnitt VIII)

Der Fall Barion

49

Seiner Aufzeichnung fügte der Kardinal den darin angekündigten Ent- wurf einer „Erklärung" bei; in dieser sollte ausgeführt werden: Sein Ein- spruch und die notwendig damit zusammenhängende Mitteilung an die Theologische Fakultät seien keine Einmischung in eine staatliche Schulange- legenheit gewesen. Er habe dabei lediglich an dem Grundsatz des Kirchen- rechts festgehalten, daß die Heranbildung des künftigen Klerus eine inner- kirchliche Angelegenheit sei, und habe von dem durch Konkordatsvertrag dem Ortsbischof verbürgten Recht Gebrauch gemacht aus Gründen, die er selber zu prüfen habe, gegen eine in Aussicht genommene Ernennung eines Professors der Theologie Erinnerung zu erheben. Als das Reichsministerium trotz der Erinnerung des Ortsbischofs die Ernennung Barions vollzogen habe, habe er, wiederum auf Grund eines kirchlichen Rechts, seinen Theolo- gen den Besuch der Vorlesungen verboten; die übrigen Bischöfe, die in München Theologen haben, hätten sich solidarisch dem Verbot für ihre Diö- zesen angeschlossen. Nunmehr sei dieser Fall im Zusammenhang mit dem Friedenswerk des neuen Papstes, Seiner Heiligkeit Papst Pius XII., zwi- schen den beiden Konkordatspartnern friedlich beigelegt worden. Professor Barion, der von Anfang an von dem Einspruch des Ortsbischofs nichts gewußt und im Wintersemester 1938/39 in seiner Haltung der konkordats- rechtlichen Lage Rechnung getragen habe, habe vor dem Ortsbischof die Professio fidei abgelegt und darauf die Missio canonica zur Ausübung des Lehramts wieder erhalten. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erzie- hung und Volksbildung habe die am 18. Februar 1939 geschlossene Theolo- gische Fakultät an der Universität München für das im April beginnende Sommersemester wieder eröffnet". In der Besprechung des neuen Papstes mit den deutschen Kardinälen vom 6. März 1939 warf Kardinal Faulhaber die Frage der Münchener Theolo- gischen Fakultät auf und fragte, ob Seine Heiligkeit einverstanden sei. Der Papst antwortete, ihm scheine die Sache annehmbar, wie seine Eminenz sie geplant habe. Kardinal Faulhaber las die von ihm vorgesehene Erklärung wegen Barion vor. Der Papst berichtete dann über die Unterwerfungserklä- rung, die Barion vor Aufhebung der Suspension abgegeben habe. Kardinal Faulhaber sagte sodann, die Beilegung des Falles erscheine also nicht als ein- seitiger Rückzug der Kirche, sondern als ein Einlenken von beiden Seiten 55 . Dem Reichserziehungsminister gegenüber erklärte sich Kardinal Faulha- ber am 24. März 1939 bereit, Barion auf sein Ersuchen die Missio canonica zu erteilen und damit das Verbot, seine Vorlesungen zu besuchen, aufzu- heben, wenn auf diese Erklärung hin gleichzeitig die Wiedereröffnung der Fakultät bekanntgegeben werde 5 *.

44

55

M

Schneider (FN 51) S. 313 f.

Schneider (FN 51) S. 326.

Volk (FN 33) Nr. 762 a, S. 638.

50

Sebastian Schröcker

5 Von der Theologischen Fakultät zur Hohen Schule des Nationalsozialismus

In einer Aufzeichnung vom 19. April 1939 vermerkte Kardinal Faulha- ber, eine Zeitlang habe die Hoffnung bestanden, die Theologische Fakultät München werde für das Sommersemester 1939 wieder eröffnet, zumal von mehreren Stellen versichert worden sei, das Auswärtige Amt wünsche ein Entgegenkommen von staatlicher Seite, um eine friedliche Lösung in dieser Frage zu erreichen, da seitens des neuen Papstes die Wiedergewinnung eines friedlichen Verhältnisses zum Deutschen Reich ausdrücklich als ein Pro- grammpunkt des neuen Pontifikats erklärt worden sei. Heute bestehe wenig Aussicht auf Wiedereröffnung der Fakultät, da inzwischen drei Professoren an andere Hochschulen abberufen worden seien und das Georgianum durch das bayerische Kultusministerium bereits für den 16. April 1939 geschlossen worden sei 57 . Die Theologische Fakultät wurde damals nicht wiedereröffnet. Der Reichserziehungsminister hatte am 28. November 1938 über den Stellver- treter des Führers während des Berufungsverfahrens eine politische Beurtei- lung über Barion eingeholt 58 ; er unterrichtete ihn deshalb auch über den Einspruch des Vatikans. Im Reichserziehungsministerium fand daraufhin eine Besprechung mit dem Sachbearbeiter des Reichsleiters Bormann als Stabsleiter des Stellver- treters des Führers statt. In dieser Eigenschaft bestätigte Bormann am 24. Januar 1939 das Ergebnis der Besprechung und teilte er dem Reichser- ziehungsminister die Stellungnahme der Partei mit: Grundsätzlich könne die theologische Forschung nicht den übrigen Wissenschaftsgebieten an den Universitäten gleichgestellt werden, da sie weniger eine freie Wissenschaft als vielmehr eine konfessionelle Zweckforschung darstelle. Aus diesem Grunde bestünden keine Bedenken, wenn die theologischen Fakultäten an den deutschen Hochschulen wesentlich eingeschränkt würden. Dabei sei auf die Bestimmungen der Konkordate und Kirchenverträge Rücksicht zu neh- men. Bei denjenigen Fakultäten, die durch keine ausdrückliche Bestimmung in den Konkordaten und Kirchenvertragen erwähnt seien, wie z. B. Mün- chen und einige andere, könne ohne weiteres eine Beseitigung in die Wege geleitet werden. Dasselbe gelte für die theologischen Fakultäten in der Ost- mark, Wien und Graz. Aber auch bei den Fakultäten, die im einzelnen in den Konkordaten und Kirchenverträgen erwähnt seien, bestehe nunmehr eine besondere Rechtslage, die durch die allgemeine Änderung der Verhält- nisse gegeben sei; insbesondere müsse hier die Einführung der Wehrpflicht und die Durchführung des Vierjahresplans berücksichtigt werden. Durch

57 Volk (FN 33) Nr. 762, S. 637.

58 Vgl. FN 28.

Der Fall Barion

51

diese Maßnahmen, ferner durch die Tatsache eines außerordentlich großen Nachwuchsmangels im Gegensatz zu den früher zahlreich vorhandenen Nachwuchskräften, werde eine gewisse planvolle Gestaltung auch des deut- schen Hochschulwesens notwendig werden, so daß Zusammenlegungen, Ver- einfachungen usw. notwendig seien. Er würde es deshalb begrüßen, wenn der Reichserziehungsminister die theologischen Fakultäten, soweit sie nicht ganz beseitigt werden können, wesentlich einschränke. Dabei werde es nicht nur auf die theologischen Fakultäten an den Universitäten ankommen, son- dern auch auf die staatlichen Anstalten, die als ausschließlich theologische Hochschulen, ohne Verbindung mit einer Universität, an vielen Orten noch bestünden. Wenn die dadurch frei werdenden Lehrstühle den besonders in den letzten Jahren neu geschaffenen Forschungsgebieten wie der Rassenfor- schung, der Altertumskunde usw. zugeführt werden könnten, würde er dies durchaus begrüßen. Eine Durchschrift dieses Schreibens übersandte Bormann dem Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP, Reichsleiter Alfred Rosenberg 59 . Nach der Schließung der Münchener Theologischen Fakultät verfolgte die Dienststelle des Stellvertreters des Führers die aufgeworfenen Fragen weiter in mehreren Schreiben an den Reichserziehungsminister, in denen sie ihm ihre Vorschläge unterbreitete. Dieser beantwortete sie am 26. April 1939 mit einer Gesamtplanung für die Aufhebung und Zusammenlegung theolo- gischer Fakultäten, die er bis zum Beginn des Wintersemesters 1939/40 durchzuführen gedachte. Sie beschränkte sich nicht auf die katholischen theologischen Fakultäten und staatlichen theologischen Hochschulen, son- dern bezog auch die evangelischen Fakultäten ein. Zusammenfassend sollte sie neben der bereits vollzogenen Schließung der Fakultäten Innsbruck, Salzburg und München und der bevorstehenden Verlegung der Fakultät Graz nach Wien, also des Wegfalls von vier katholisch-theologischen Fakul- täten, bedeuten, daß zum Wintersemester 1939/40 weitere drei katholische Fakultäten und in absehbarer Zeit eine weitere katholische und drei weitere evangelisch-theologische Fakultäten fortfallen würden. Er bat den Stellver- treter des Führers, ihm seine Stellungnahme zu dieser Planung mitzutei- len* 0 . Eine Ablichtung dieser Planung übersandte Stabsleiter Bormann am 17. April 1939 an Reichsleiter Rosenberg mit der Bitte um Kenntnis- und baldige Stellungnahme" 1 . Dem Reichserziehungsminister antwortete er am

59 Der

Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher

vor dem

Internationalen

Militärge-

richtshof

Nürnberg

14. November

1945—1. Oktober

1946 (IMG),

1947 Dok.

116-PS

S. 209. IMG (FN 59) Dok. 122-PS, S. 214. 81 IMG (FN 59) Dok. 122-PS, S. 213.

80

52

Sebastian Schröcker

23. Juni 1939: Über die Zusammenlegung der theologischen Fakultäten an den deutschen Hochschulen habe eine Besprechung mit sämtlichen beteiligten Parteidienststellen stattgefunden, in der die für die Partei maßgebenden Gesichtspunkte erörtert worden seien. Auf Grund dieser ausführlichen Erör- terung teile er ihm die Stellungnahme der Partei im einzelnen mit. Die dazu notwendigen Maßnahmen sollten möglichst bald in die Wege geleitet wer- den; doch bat er, sie insbesondere zur Bestimmung des Zeitpunkts dafür, jeweils im Einvernehmen mit ihm zu treffen, da eine derartige Zusammen- legung in jedem Einzelfall für den betreffenden Gau große politische Bedeutung besitze und er mit den zuständigen Gauleitern in Fühlung stehe. Er lege ferner Wert darauf, daß die durch Zusammenlegungen in größerer Anzahl frei werdenden Lehrstühle nicht etwa unbesetzt bleiben, sondern, wenigstens zum größten Teil, wieder neu besetzt werden. Dabei müßten in erster Linie auch diejenigen Wissenschaftszweige berücksichtigt werden, die seither in zu geringer Zahl Lehrstühle aufweisen konnten. Er behielt sich vor, auch hierüber mit dem Reichserziehungsminister im einzelnen noch in Verbindung zu treten. Er bat schließlich, die vom Reichserziehungsminister zu treffenden Einzelverfügungen ihm jeweils vor ihrer Bekanntgabe mitzu- teilen, damit er in der Lage sei, die interessierten Parteidienststellen, vor allem aber auch die zuständige Gauleitung, die davon hauptsächlich betrof- fen werde, rechtzeitig zu unterrichten 92 . Auch von diesem Schriftstück erhielt Reichsleiter Rosenberg eine Durchschrift unter Hinweis auf die Sach- bearbeiterbesprechung im Verbindungsstab der NSDAP* 3 . Nach der Schließung der Münchener Theologischen Fakultät waren ihre Lehrstühle durch Berufung ihrer Inhaber an andere Universitäten oder durch Emeritierung frei geworden; haushaltsrechtlich waren sie aber noch vorhanden. Für die Parteikanzlei schrieb Bormann am 12. Dezember 1939 an Rosenberg, ihm sei mündlich mitgeteilt worden, er beabsichtige, die an der Universität München noch vorhandenen sieben Lehrstühle der ehemali- gen Katholisch-theologischen Fakultät zu übernehmen als Grundlage für die künftige Hochschule des Nationalsozialismus; Gauleiter Adolf Wagner solle damit einverstanden sein. Er wäre ihm dankbar, wenn er ihm böstätige, ob diese Mitteilung zutreffe' 4 . Wenige Wochen darnach, am 29. Januar 1940, ordnete Adolf Hitler an: Die „Hohe Schule" solle einst die zentrale Stätte der nationalsozialistischen Forschung, Lehre und Erziehung werden. Reichs- leiter Rosenberg solle die Vorbereitungsmaßnahmen weiterführen. Die Dienststellen von Partei und Staat seien gehalten, ihm in dieser Tätigkeit jede Unterstützung angedeihen zu lassen**.

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84

83

IMG (FN 59) Dok. 123-PS, S. 219.

IMG (FN 59) Dok. 123-PS. S. 218.

IMG (FN 59) Dok. 131-PS, S. 229.

IMG (FN 59) Dok. 136-PS, S. 229.

Der Fall Barion

53

Barions und die

Vorlesungssperre des Erzbischofs von München hatten damit eine Entwick- lung ausgelöst, die durch die kirchlichen Maßnahmen nicht angestrebt wor- den war.

Der Einspruch des Heiligen Stuhls gegen die Berufung

/// .

Bonn

Der Lehrstuhl für Kirchenrecht an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn wurde frei am 1. April 1939 durch die Emeritierung Albert M. Koenigers. Dieser war Barions Lehrer, an dieser Fakultät hatte Barions akademische Laufbahn begonnen. Im Dezember 1938 setzte ihn die Fakultät an erster Stelle auf ihre Vorschlagsliste: Seine wissenschaftliche Qualifikation bedürfe keines Beweises. Seine Veröffentlichungen seien zweifellos hervorragend und als solche allseits, namentlich auch von der auswärtigen Kritik, anerkannt. Obwohl im allgemeinen ein eben erst an eine andere Universität Berufener nicht auf die Liste gesetzt werden solle, habe man in diesem Falle davon abgehen zu dürfen geglaubt. Die Fakultät würde es begrüßen, wenn sie ihr ehemaliges Mitglied als Ordinarius zurück- erhielte. Bei der Weiterleitung dieses Vorschlags fügte der Rektor hinzu, er kenne Barion aus seiner früheren Bonner wie auch aus seiner Braunsberger Tätigkeit sehr gut und schätze ihn als einen lebendigen, aufgeschlossenen und anständigen Menschen, der für die Katholisch-theologische Fakultät einen erheblichen Gewinn bedeuten würde. Der für die Fakultät örtlich zuständige Erzbischof von Köln, Kardinal Schulte, hatte sich schon in der Besprechung des Papstes Pius XII . mit den deutschen Kardinälen vom 6. März 1939 für Barion eingesetzt: Er habe, seitdem er von der Suspension befreit sei, vier gute Dozenten nach ßrauns- berg gebracht. Das spreche für ihn. Übrigens wenn er (für München) nicht genehmigt würde: In Bonn sei durch Abgang von Professor Koeniger der Lehrstuhl für Kirchenrecht auch frei geworden. Barion würde Koenigers Nachfolger, wenn er in München nicht ankomme." Es kann deshalb da- von ausgegangen werden, daß der Erzbischof von Köln sein Nihil obstat für die Berufung Barions nach Bonn erteilt hat. Zum Sommersemester 1939 wurde Barion nach Bonn berufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er seines Amtes enthoben; er kehrte nicht mehr auf seinen Lehrstuhl zurück. Als er am 15. Mai 1973 starb, veröffentlichte im Namen seines Freundeskreises Ernst Forsthoff eine Todesanzeige mit dem folgenden Nachruf: „Er war ein Theologe von hohem Rang. Wir trau- ern um einen aufrechten und treuen Gefährten" 67 .

88

87

Schneider (FN 51) S. 326.

„Die Welt" vom 22. Mai 1973.

54

Sebastian Schröcker

IV.

Die

Quellen

Für die bisherige Darstellung standen Unterlagen zur Verfügung in einem Umfang, der es erlaubte, Einzelheiten mitzuteilen oder Zusammen- hänge zu zeigen, die bisher unbekannt waren oder nicht gesehen wurden. Die Unterlagen waren zu einem Teil veröffentlicht. Sie wurden verwertet mit dem nicht ausdrücklich ausgesprochenen, aber selbstverständlichen Vor- behalt, daß die Veröffentlichung inhaltlich richtig und vollständig war. Über die Berufung Barions nach München wurden Unterlagen veröffent- licht aus dem schriftlichen Nachlaß des Kardinals Faulhaber. Die Möglich- keit der Unvollständigkeit und Unrichtigkeit solcher Unterlagen ist zu berücksichtigen 88 ; es kam darauf an, wie, von wem und zu welchem Zwecke er unterrichtet wurde oder sich unterrichten ließ. Bei der Beurtei- lung seiner schriftlichen oder schriftlich festgehaltenen Äußerungen war auch zu berücksichtigen seine Persönlichkeit; eine von dem Berliner Bischof Graf Preysing erzählte Episode gab einen Hinweis auf einen der Gründe, weshalb seine Information sich auf wenige und nicht immer zuverlässige Vertrauenspersonen beschränkte: Bei Sitzungen des Erzbischöflichen Ordi- nariats unter seinem Vorsitz war es Verhaltensnorm, daß die Domherren „still wie die Hühner auf ihrer Stange" saßen, um vor Faulhabers hoheits- voller Kälte zu erstarren; nachdem Graf Preysing Mitglied des Domkapitels geworden war, war es eine Sensation, daß er dem Kardinal einmal zu widersprechen wagte, und nach der Sitzung sprachen ihm die übrigen Teil- nehmer ihren Glückwunsch aus 69 . Die veröffentlichten Unterlagen mit den Erläuterungen ihrer Herausge- ber wurden übernommen von anderen Herausgebern und im Schrifttum. Veröffentlichung und Verbreitung berücksichtigten nicht den Anspruch des Betroffenen auf den Schutz seiner Persönlichkeit; er erlischt nicht mit dem Tode, sondern kann von den dazu Berechtigten weiter geltend gemacht wer- den. Die unveröffentlichten Unterlagen waren zugänglich teils für alle, teils nur für einen beschränkten Personenkreis, zu beschränkten Zwecken oder sie werden zugänglich erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit; gesetzliche Vor- schriften, Benutzungsordnungen der öffentlichen Archive, Dienstanweisun- gen für die Behandlung von Personalakten, private Rechte der Erben am schriftlichen Nachlaß oder die politischen Verhältnisse konnten der Verwer-

88 Z. B. sein Bericht über die Nichteinholung des Nihil obstat und die Schilderung des

Unfalls und die Beisetzung des Ministerialdirigenten im Reichskirchenministerium Roth in

10. September 1941, in: Volk (FN 33) Nr. 828, S. 794—796.

Vgl. dazu: Der Staat Bd. 20 (1981) S. 435 f.

89 Ludwig Volk, Konrad Kardinal von Preysing (1880—1950) in: Zeitgeschichte in Lebensbildern, hrsg. v. J. Aretz, R. Morsey, A. Rauscher, Bd. 2 S. 88—99. hier: S. 91.

seinem Rundschreiben vom

Der Fall Barion

55

tung entgegenstehen oder sie nur ausnahmsweise zulassen. Diese wurden soweit als möglich in der Urschrift eingesehen; von anderen standen Ablich- tungen oder beglaubigte Abschriften zur Verfügung. Die nicht allen zugäng- lichen Unterlagen wurden angeführt mit der Bezeichnung des Absenders und des Empfängers und mit dem Datum, aber ohne Fundort.

Es gab in staatlicher, kirchlicher oder privater Hand auch Unterlagen, die nicht zur Verfügung standen. Wurden sie in den Anmerkungen der Heraus- geber von Akten oder im Schrifttum verwertet, dann wurden sie angeführt nach ihrer Wiedergabe an diesen Stellen. Nach einem Vermerk in Akten des Reichserziehungsministeriums befanden sich Ministerialakten über die Sus- pension Barions bei den Akten über Eschweiler; diese sollen nicht mehr er- halten sein. Der schriftliche Nachlaß Eschweilers soll zwar vor einiger Zeit aufgefunden worden sein und auch Ministerialakten enthalten, stand für diesen Beitrag jedoch nicht zur Verfügung. Die Suspension Barions wurde verhängt von der Konzilskongregation, als kirchenpolitische Angelegenheit aber im päpstlichen Staatssekretariat bear- beitet. Aus den hier verwahrten „Carte Pio XII" wurden in der vatikani- schen und in der deutschen Ausgabe der „Briefe Pius XII. an die deutschen Bischöfe 1939—1944" 70 Aktenstücke veröffentlicht, die auch den Fall Barion betrafen. Die vatikanische Ausgabe erschien 1966 als Band 2 der Reihe „ACTES ET DOCUMENTS DU SAINT SIEGE RELATIFS

A LA SECONDE GUERRE MONDIALE" der „SECRETAIRERIE

D'ETAT DE SA SAINTETE". Die Herausgeber teilten mit, sie hätten alle Möglichkeiten und Freiheiten gehabt, die im vatikanischen Geheim-

archiv und in den verschiedenen Registraturen des Staatssekretariats auf- bewahrten Dokumente zu sammeln, zu sichten und zu edieren, wenn auch nur im Rahmen des durch den Titel der Reihe umschriebenen Hauptthe-

mas

71 . Diese Beschränkung muß großzügig gehandhabt worden sein. Die

im

Anhang veröffentlichten und auf den Fall Barion bezüglichen Doku-

mente standen nach Entstehungszeit und Inhalt in keinem Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Anmerkungen der Herausgeber ließen darauf schließen, daß in den Registraturen des Staatssekretariats nach wei- teren Unterlagen über den Fall Barion nicht gesucht wurde.

In der ersten, von den Herausgebern als „Konferenz" bezeichneten Be- sprechung des Papstes Pius XII. mit den deutschen Kardinälen vom 6. März 1939 trug Kardinal Faulhaber seine Stellungnahme zum Fall Barion vor. Der Heimatbischof, der Erzbischof von Köln, Kardinal Schulte, nahm eben- falls Stellung 72 : der erste Satz seiner Äußerung wurde von den Heraus-

79 Siehe FN 51 (Deutsche Ausgabe).

71 Burkhart Schneider, Pius XII. an die deutschen Bischöfe, in: Stimmen der Zeit Bd. 177 (1966) S. 252—266, hier: S. 253.

72 Schneider (FN 51) S. 326.

56

Sebastian Schröcker

gebern weggelassen, weil er eine „persönliche Bemerkung" gewesen sei 73 . Die für die Herausgabe von Dokumenten ungewöhnliche Streichung eines einzelnen Satzes mit solcher Begründung dürfte nach dem Zusammenhang nicht veranlaßt worden sein durch die Rücksicht auf Barion. Die Weglassung dieses einen für die Beurteilung des Falles Barion durch

Kardinal Faulhaber vielleicht wesentlichen Satzes erfordert eine kritische Prüfung der Niederschrift, aus der dieser Satz gestrichen wurde. Der deutsche Herausgeber teilte mit, die Konferenz sei „genau protokolliert"

worden 74 . Protokolliert

Konferenz dann, wenn ihre wesentlichen Förmlichkeiten und Erklärungen noch während ihrer Dauer schriftlich festgehalten wurden zum Zwecke des späteren Beweises. Dieser Zweck verlangte die Einhaltung bestimmter Förmlichkeiten, insbesondere die Angabe des Protokollführers sowie die Unterschriften des Vorsitzenden und des Protokollführers; mit ihrer Un- terschrift übernahmen sie die Verantwortung für die Richtigkeit des Proto- kolls. Nach der Vorbemerkung der Herausgeber war die Niederschrift eine Schreibmaschinen-Ausfertigung ohne Nummer und ohne Angabe des Proto- kollführers. Sie war auch nicht von diesem und dem Vorsitzenden unter^ schrieben. Sie beweist unter gewissen Voraussetzungen die Tatsache der Aufzeichnung, nicht ihre Richtigkeit. Eine Schreibmaschinen-Ausfertigung kann nur hergestellt worden sein mit Hilfe einer Schreibmaschine. Wäre mit dieser während der Besprechung eine Ausfertigung hergestellt worden, dann wäre damit nach dem damaligen Stande der Schreibmaschinen-Tech- nik ein die Konferenz störendes Geräusch verbunden gewesen. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Schreibmaschinen-Ausfertigung erst nach der Kon- ferenz hergestellt wurde, und zwar auf Grund einer stenographischen Mit- schrift. Dann hätte es allerdings nahegelegen, den deutschen Konferenz- teilnehmern den Stenographen vorzustellen und die Notwendigkeit seiner Anwesenheit und der Mitschrift ihrer Äußerungen zu begründen. Aus der Schreibmaschinen-Ausfertigung ist nicht ersichtlich, daß dies geschehen ist. Es wäre deshalb richtig gewesen, wenn die Herausgeber den Hergang einer solchen Aufzeichnung ermittelt hätten. Hierzu hätte die Aufzeichnung ver- glichen werden sollen mit Aufzeichnungen anderer Besprechungen in der Registratur des Staatssekretariats, insbesondere des Bestandes „Carte Pio XII".

wurde nach dem allgemeinen Sprachgebrauch eine

Die Ermittlung des Zustandekommens solcher Protokolle und die Beurtei- lung ihrer Zuverlässigkeit wäre geboten gewesen auch wegen der Bedeu- tung, die der Publikation beigemessen wird: Nach dem Vorwort zur deut- schen Ausgabe wurden hier „ja Dokumente ausgebreitet, deren Bedeutung

75

74

Schneider (FN 51) a. a. O. FN 4.

Schneider (FN 71) S. 256.

Der Fall Barion

57

als Quelle für die geschichtliche Kenntnis und das geschichtliche Verständnis Eugenio Pacellis kaum zu überschätzen ist" 75 . Die für diesen Beitrag zur Verfügung stehenden Unterlagen gaben geschichtliche Vorgänge wieder in der ihnen eigenen Weise: Akten aus der Zeit des Dritten Reichs wurden abgefaßt in der Sprache ihrer Zeit. Sie ent- hielten Wendungen, die der Zeitgenosse und Kenner der Verhältnisse deu- ten kann. Sie verwandten aus den Gebieten des staatlichen Rechts, des kirch- lichen Rechts und des Staatskirchen rechts Fachausdrücke, deren Verständnis Fachkenntnisse voraussetzt. Hinter den darin enthaltenen Namen standen als handelnde oder betroffene Personen Menschen jener Zeit. Ihre Beweg- gründe wurden nicht aufgezeichnet oder nur unvollständig oder nicht der Wirklichkeit entsprechend wiedergegeben. Die Beschaffung und Weitergabe geheimer oder vertraulicher Nachrichten geschah in der Regel nicht schrift- lich; ihre Empfänger konnten nur in seltenen Fällen ihre Richtigkeit prüfen. Aufschlußreich wäre ein mit Gründen versehenes schriftliches Urteil über die Suspension gewesen; die Betroffenen und ihr Bischof erhielten es nicht. Eine weitere wichtige Quelle wäre die Darlegung des Beanstandungsgrundes in der Anzeige des Ortsbischofs gewesen; er wurde nicht dargelegt. Die Ak- ten über das kirchliche Verfahren können sich in einem vatikanischen Archiv befinden. Verwertet wurden die erreichbaren Quellen und Hinweise.

V. Der Grund

der

Strafe

Kardinal Faulhaber begründete seine Erinnerung gegen die Berufung Barions nach München mit dessen Suspension: „Diese Tatsache ist nach kirchlichen Gesichtspunkten Grund genug, einen Schatten in diesem Lebens- bild zu erblicken" (Schreiben an den Reichserziehungsminister vom 29. Au- gust 1938). Dieser Schatten blieb.

1. Die Nichtbekanntgabe des Grundes

Das Ordinariat des Bistums Ermland in Frauenburg kannte nicht den Grund für die 1934 von Rom angeordnete und durch die bischöfliche Be- hörde durchzuführende Strafmaßnahme der Suspension 76 . Als der Bischof von Ermland für die ausfallenden Vorlesungen beim Reichserziehungsmini- ster Ersatz beantragte, machte dieser seine Entscheidung abhängig von der Darlegung, daß Barion in seiner Lehrtätigkeit oder in Schriften der katho- lischen Lehre zu nahegetreten sei oder einen schweren oder ärgerlichen Ver- stoß gegen die Erfordernisse des priesterlichen Lebenswandels begangen habe; der Minister bestand darauf, daß der Bischof diese Vorschrift des

75

78

Schneider (FN 51) S. V (Konrad Repgen).

Auskunft

des

ermländischen

Generalvikars

Reifferscheid

(FN

3)

S. 52.

Marquardt

vom

22. Juli

1965,

nach:

58

Sebastian Schröcker

preußischen Konkordats erfülle. Als er sich mit ausweichenden Antworten nicht begnügte, schickte der Bischof im Mai 1935 seinen Generalvikar Mar- quardt nach Rom; diesem wurde aber der Grund der Suspension nicht mit- geteilt. Im September 1935 wurde die Suspension selbst aufgehoben 77 . Im Dezember 1935 berichtete die Staatspolizeistelle Königsberg, die Pro- fessoren Eschweiler und Barion seien wieder in ihre Ämter eingesetzt wor- den; Professor Barion habe auf eine gelegentliche Frage nach dem Grund der Wiedereinsetzung wie folgt geantwortet: „Uns ist nicht der Grund mit- geteilt worden, weshalb wir von unseren Ämtern enthoben worden sind, uns ist auch nicht der Grund unserer Wiedereinsetzung bekanntgegeben wor- den" 78 . Vor der Berufung Barions nach München bat der vom Reichserziehungs- minister zur Erhebung etwaiger Einwendungen aufgeforderte Erzbischof von München den Bischof von Ermland um Auskunft über die Suspension. Dieser teilte ihm mit, die Konzilskongregation habe sie verhängt, weil er schwer gegen die kirchliche Disziplin gefehlt habe; er teilte ihm nicht mit, welches Verhalten Barions diesen Vorwurf begründete. Er hätte wohl auch darüber Auskunft gegeben, wenn er es gewußt hätte, denn aus der Bitte des Erzbischofs von München konnte er entnehmen, daß es diesem gerade dar- auf ankam. Auch dieser wußte es nicht, sonst hätte er nicht den Bischof von Ermland um Auskunft zu bitten brauchen. Aus dessen Auskunft hätte er aber den Schluß ziehen können, daß die Konzilskongregation den Grund der von ihr verhängten Suspension kenne, und er hätte sich an diese wenden können, um den Grund zu erfahren. Statt dessen begründete er seine Erin- nerung mit der bloßen Tatsache, daß Barion, wenn auch nur für kurze Zeit, suspendiert gewesen sei. Auch ihm gegenüber bestand der Reichserziehungs- minister, nunmehr unter Berufung auf das Bayerische Konkordat, darauf, daß die kirchliche Erinnerung begründet werde mit der Darlegung von Tat- sachen, die gegen die Lehre oder das sittliche Verhalten Barions einzuwen- den seien. Der Erzbischof blieb dabei, daß die Tatsache einer früheren Sus- pension genüge. Die Note des Heiligen Stuhls an die deutsche Reichsregierung, mit der gegen die Berufung Barions nach München Einspruch erhoben wurde, be- gründete diesen ebenfalls nur mit der Tatsache seiner früheren Suspension. Deren Grund bezeichnete sie mit der Wendung: „Wegen schweren Verge- hens gegen die kirchliche Disziplin"; worin es bestand, wurde nicht angege- ben. Es wurde darauf hingewiesen, Barion sei mit der Strafe der Suspension belegt worden „von der höchsten kirchlichen Stelle". Der kirchliche Rang

77 Auskunft

des

ermländischen

Generalvikars

Marquardt

vom

20. August

1965,

Reifferscheid

78 GStA

(FN

(FN

3) S. 64

FN

168, S. 136

f.

7) Rep. 90 P, Geh. Staatspolizei, Lageberichte, Provinz Ostpreußen,

6 H.

3 B1.8.

nach

Bd.

59

dieser Stelle konnte jedoch nicht die konkordatsrechtlich gebotene Darle- gung von Tatsachen ersetzen. Vier Tage nach seiner Wahl zum Papst am 6. März 1939 erinnerte sich der bisherige Kardinalstaatssekretär Pacelli und nunmehrige Papst Pius XII. an Einzelheiten der Unterwerfungserklärung Barions im Jahre 1935:

„Barion hat seinerzeit, als er Aufhebung der Suspension erbat, eine genü- gende Erklärung unterschrieben. Freilich seine frühere Erklärung war nicht genügend. Dann wurde er verpflichtet, eine hier verfaßte Erklärung zu un- terschreiben. Das hat er getan. Er hat dann zwei Jahre lang unbeanstandet doziert" 79 . Noch in demselben Monat, am 24. März 1939, erklärte Kardi- nal Faulhaber in einem Schreiben an den Reichserziehungsminister, Papst Pius XII., der als Kardinalstaatssekrctär die in Frage stehenden Konkor- date abgeschlossen habe, sei über den Konkordatsfall Barion genau unter- richtet 80 . Der Grund der Strafe wurde nicht bekanntgegeben. Er wurde geheimge- halten gegenüber den beiden davon unmittelbar betroffenen Braunsberger Theologieprofessoren, Eschweiler und Barion. Er wurde geheimgehalten gegenüber den beiden zuständigen Ortsbischöfen, dem Bischof von Ermland und dem Erzbischof von München. Er wurde geheimgehalten gegenüber den staatlichen Stellen, dem Reichserziehungsminister und der Reichsregierung. Er wurde geheimgehalten, obwohl die Kirche nach Konkordatsrecht ver- pflichtet war, die Beanstandung katholischer Theologieprofessoren durch die Darlegung der Tatsachen zu begründen.

Der Fall Barion

2. Der Grund der Nichtbekanntgabe

„Auf unterirdischen Kanälen" gelangte an das Hilfswerk des Bistums Berlin der Entwurf eines Reidisgesetzes zur Zwangsscheidung rassischer Mischehen. Der Informant war nach einer Mitteilung des Berliner Bischofs Graf Preysing an seinen kirchenpolitischen Sachbearbeiter und Berater Wal- ter Adolph der Ministerialrat im Reichsinnenministerium und spätere Staatssekretär im Bundeskanzleramt Hans Globke 81 ; diesem wurde nach 1945 bescheinigt, er sei im Dritten Reich eine Informationsquelle des deut- schen Episkopats gewesen 82 . Den Gesetzentwurf zu beschaffen wird ihm möglich gewesen sein ohne das Aufsehen zu erregen, das er vermeiden mußte, wenn er nicht bei der Mitnahme eines amtlichen Schriftstücks aus seiner Behörde ertappt werden sollte. Ein Gesetzentwurf war Kabinetts-

79 Schneider (FN 51) S. 326.

80 Volk (FN 33) Nr. 762 a, S. 638.

81 Walter Adolph, Kardinal Preysing und zwei Diktaturen (1971) S. 178 FN 2.

82 Arnulf

Baring, Im Anfang war Adenauer (dtv 10097/1480, 2. Aufl. 1982) S. 15,

mit weiteren Schrifttumsnachweisen. Außerdem: Ulrich von Hehl, Hans Globke (1898 bis 1973), in: Zeitgeschichte in Lebensbildern (FN 69) Bd. 33 (1979) S. 247—259, insb. S. 250 f.

60

Sebastian Schröcker

sache; er wurde allen Reichsministern in der für ihre Bearbeitung erforder- lichen Zahl von Stücken zugeleitet. An den Entwurf eines Reichsgesetzes zur Zwangsscheidung rassischer Mischehen wird Globke herangekommen sein als Berichterstatter oder Mitberichterstatter: Als Personenstandsreferent war er Mitberichterstatter für alle mit dem Personenstand einschließlich der Eheschließung zusammenhängenden Rassefragen. Er war beteiligt an den Durchführungsverordnungen zu den auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 15. September 1935 verkündeten Rassegesetzen, dem Gesetz zum Schutze des deutschen Volkes und der deutschen Ehre und dem Reichsbür- gergesetz. Der jeweilige Umfang seines Referats wäre bestimmbar, wenn die Sachgebietszuweisungen und die Geschäftsverteilungspläne des Reichsinnen- ministeriums vorlägen. Er war der Verfasser des mit einem Vorwort seines Staatssekretärs Stuckart versehenen, Anfang 1936 erschienenen Referenten- kommentars zu den Nürnberger Rassegesetzen. Wegen des Verdachts, amtliche Schriftstücke aus dem Reichskirchenmini- sterium an den Leiter der Informationsstelle der bischöflichen Behörden Deutschlands weitergegeben zu haben, wurde in den Jahren 1935 und 1936 ermittelt gegen einen Ministerialrat aus diesem Ministerium 83 . Diese Er- mittlung führte zur Aufnahme einer Vorschrift gegen Geheimnisverrat in das Strafgesetzbuch; in dieses wurde durch Gesetz vom 2. September 1936 eingefügt § 353 c: „Wer, abgesehen von den Fällen des § 353 a, unbefugt ein amtliches Schriftstück, das als geheim oder vertraulich bezeichnet wor- den ist, oder dessen wesentlichen Inhalt ganz oder zum Teil einem anderen mitteilt und dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet, wird mit Gefängnis bestraft." Gegen den Ministerialrat aus dem Reichskirchenministerium hegte Bischof Graf Preysing allerdings den Verdacht, auf ihn sei es zurückzuführen, daß gegen seine Bestellung zum Bischof von Berlin eingewendet worden sei, er erfülle nicht alle Voraussetzungen des Art. 9 Abs. 1 des Preußischen Kon- kordats, und daß ihm das Recht bestritten worden sei, sich „Exzellenz" nen- nen zu lassen 84 . Mit diesem Verdacht wurde vorausgesetzt, daß er der zu- ständige Referent gewesen sei oder auf andere Weise in diesen Fragen Ein- fluß gehabt hätte auf die Stellungnahme des Reichskirchenministeriums. Um die Berechtigung seines Verdachts beurteilen zu können, hätte der Bischof Kenntnis haben müssen von der Geschäftsverteilung des Reichskirchenmini- steriums und von der Stellung des Verdächtigten in diesem Ministerium. Sein Verdacht macht es zweifelhaft, daß er diese Kenntnis hatte. Auch bei Informationen aus staatlichen Behörden war es für kirchliche Stellen wichtig, die Zuständigkeit und Stellung ihres Vertrauensmanns in

88

Es war

Johannes

Schlüter,

Ehemann

der

katholischen

Politikerin

ter-Hermkes, nach: Adolph (F N 5) S. 86 ff.

84

Adolp h (F N

14) S. 73 f.,

101 . Vgl . De r Staa t

Bd . 20 (1981 )

S. 430 f.,

Dr.

Maria

Schlü-

44 8 F N

85 .

Der Fall Barion

61

der Behörde zu kennen. Nur dann konnten sie beurteilen, ob seine Informa- tion auf seinem unmittelbaren Wissen und dieses auf seiner dienstlichen Stellung beruhte. Nicht ebenso zuverlässig war ein Wissen, das sich der In- formant auf anderem Wege beschafft hatte: durch unbefugten Einblick in Akten, die ihm nicht zugeschrieben waren und die er nur unvollständig kannte, durch Ausforschung oder Erzählungen anderer oder durch ein Wis- sen aus dritter oder vierter Hand. Unterrichtete er eine kirchliche Stelle über Umstände, die zu einem kirchlichen Strafverfahren führten, dann hätte in diesem der Beweis geführt werden können durch Urkunden, wenn es dem Informanten gelungen war, belastende Schriftstücke zu beschaffen; ande- renfalls hätte er als Zeuge vernommen werden können über das, was er er- fahren hatte. Es hätte aber die Gefahr bestanden, daß, etwa bei einer staat- lichen Beschlagnahme kirchlicher Akten, den staatlichen Behörden ein Sach- verhalt bekanntgeworden wäre, den sie als Geheimnisverrat oder Ver- letzung des Dienstgeheimnisses beurteilt hätten. Diese Gefahr hätte auch gedroht, wenn in einem kirchlichen Strafverfahren dem Beschuldigten die ihn belastenden Tatsachen bekanntgegeben worden wären: Aus ihrer Kenntnis bei einer kirchlichen Stelle hätte geschlossen werden können, daß sie zu deren Kenntnis durch eine Indiskretion gelangt waren sowie daß und bei welcher Behörde es eine undichte Stelle gab; es hätte die Suche nach die- ser Stelle eingesetzt und verdächtige Behördenangehörige wären beobachtet worden. Schon diese Beobachtung hätte weitere Informationen vorerst un- möglich gemacht; wäre der Informant gefaßt worden, dann wäre er als In- formationsquelle ausgefallen. Richtete sich eine vertrauliche Information gegen einen katholischen Theologieprofessor im Geltungsbereich des Preußischen Konkordats, dann schloß das darin vorgesehene Abhilfeverfahren ein kirchliches Vorgehen nicht aus. Lag aber einer der im Konkordat festgelegten Beanstandungs- gründe vor, dann hatte diesen der Bischof dem Minister anzuzeigen, wenn er Abhilfe beantragte. Um dem Minister den Beanstandungsgrund anzuzei- gen, mußte der Ortsbischof ihn kennen. Die Anzeige des Beanstandungs- grundes durch den Ortsbischof hätte ebenfalls die Gefahr ausgelöst, daß eine Informationsquelle verlorenging. Diese Gefahr ließ sich am sichersten vermeiden dadurch, daß auch der Ortsbischof über den Grund einer kirch- lichen Strafe nicht unterrichtet wurde. Kannte er den Beanstandungsgrund noch nicht, dann mußte vermieden werden, ihn darüber zu unterrichten; dies war vermeidbar, wenn der Heilige Stuhl das Strafverfahren an sich zog und den Ortsbischof nur mit der Durchführung der vom Heiligen Stuhl verhängten Strafe betraute, ihm aber den Grund der Strafe nicht mitteilte. Die Nichtbekanntgabe des Grundes der Strafe kann für vertretbar gehal- ten worden sein wegen der Befürchtung, andernfalls die Informationsquelle zu verlieren.

62

Sebastian Schröcker

3. Die Anzeige

Bei seiner Vorsprache im päpstlichen Staatssekretariat im Jahre 1935 erfuhr der ermländische Generalvikar Marquardt, die Anzeige gegen Esch- weiler und Barion sei erstattet worden von einem evangelischen Pfarrer aus Berlin 85 . Dies wirft Fragen auf: Was bewog einen evangelischen Pfarrer, katholische Theologen bei der katholischen Kirche anzuzeigen? Warum zeigte ein evangelischer Pfarrer aus Berlin katholische Theologen aus Ost- preußen an? Warum zeigte er in einer und derselben Anzeige Eschweiler und Barion an, obwohl beide verschiedene Lehrfächer hatten? Warum zeigte er nicht dasjenige Mitglied des Lehrkörpers der Staatlichen Akademie in Braunsberg an, das in einer veröffentlichten Druckschrift einen katholischen Zugang zum Nationalsozialismus zu zeigen versucht hatte 86 ? Warum zeigte er nicht auch die übrigen Mitglieder des Lehrkörpers an, die Mitglie- der der NSDAP geworden waren? Warum wandte er sich nicht an den für die Staatliche Akademie in Braunsberg und damit auch für Eschweiler und Barion zuständigen Bischof von Ermland? Warum wählte er nicht den ein- facheren Weg einer Anzeige an das bischöfliche Ordinariat Berlin? Wäre nicht auch die päpstliche Nuntiatur in Berlin für ihn näher erreichbar gewe- sen? Warum erstattete er die Anzeige bei der höchsten kirchlichen Stelle in Rom? Was gab dort seiner Anzeige solches Gewicht, daß daraufhin ein kirchliches Strafverfahren gegen die beiden Beschuldigten eingeleitet wurde? Warum wurden diese, ohne gehört zu werden und ohne Beweiserhebung, verurteilt? Als das Hilfswerk beim bischöflichen Ordinariat Berlin den Gesetzent- wurf über die Zwangsscheidung rassischer Mischehen erhielt, fuhr im Ein- vernehmen mit dem Bischof von Berlin ein evangelischer Pfarrer aus Berlin zu dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, dem Erzbischof von Breslau Kardinal Bertram, und erlangte dessen Zustimmung zu einem schar- fen gemeinsamen Hirtenbrief, der von allen katholischen und evangelischen Kanzeln verlesen werden sollte, falls dieses Gesetz verkündet werde; es wurde nicht verkündet. Bei der Ausführung seines Auftrags in Breslau wurde der evangelische Pfarrer aus Berlin tätig als Bote des Bischofs von Berlin; er arbeitete eng zusammen mit dem Hilfswerk beim bischöflichen Ordinariat Berlin 87 . Wegen seiner beruflichen Stellung innerhalb der evangelischen Kirche eignete er sich zur Durchführung vertraulicher Auf-

85 Auskunft des ermländischen Generalvikars Marquardt vom 22. Juli 1965, nach

Reifferscheid

(FN

3) S. 52.

88 Joseph Lortz, vgl. Reifferscheid (FN 3) S. 38—44.

87 Adolph (FN 81) S. 178. Danach war es „Pastor Dr. Janasch", der nach dem Kriege Professor an der Universität Mainz geworden sei. In der Evangelisch-theologischen Fakul- tät in Mainz wurde 1946 ein Dr. Wilhelm Jannasch zum Professor für praktische Theolo- gie ernannt.

Der Fall Barion

63

träge für die katholische Kirche; daß seine Tätigkeit für diese bei einer etwaigen staatlichen Kontrolle auffallen würde, war nicht zu erwarten. Er eignete sich für solche Aufträge auch wegen des Vertrauens, das sein bischöf- licher Auftraggeber in ihn setzte. Für einen regelmäßigen Kurierdienst kam er allerdings nicht in Betracht schon deshalb, weil er dazu einer Urlaubsge- währung durch seine vorgesetzte evangelische Kirchenbehörde bedurft hätte. Er wird deshalb nur ausnahmsweise eingesetzt worden sein für Auf- träge, die einer besonderen Geheimhaltung unterlagen. Es wird kaum meh- rere evangelische Pfarrer in Berlin gegeben haben, die mit dem katholischen Bischof von Berlin eng zusammenarbeiteten, dessen volles Vertrauen auch in geheimen Angelegenheiten besaßen und bereit waren, für ihn geheime Auf- träge auszuführen. Es ist deshalb nicht abwegig zu vermuten, daß es der- selbe evangelische Pfarrer aus Berlin war, der schon im Jahre 1934 die An- zeige gegen Eschweiler und Barion beim Heiligen Stuhl erstattete. Ist diese Vermutung richtig, dann ist auch anzunehmen, daß er die Anzeige nicht erstattete aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrage des Bischofs von Ber- lin. Dieser muß Gründe gehabt haben, sowohl den für Eschweiler und Ba- rion örtlich zuständigen Bischof von Ermland als auch den Apostolischen Nuntius in Berlin in diesem Falle auszuschalten und die Anzeige unmittel- bar beim Heiligen Stuhl vorbringen zu lassen. Dort wird der evangelische Pfarrer aus Berlin nicht vom Papst persönlich, auch nicht von einer unterge- ordneten Stelle, sondern vom Kardinalstaatssekretär Pacelli empfangen worden sein; dieser hatte sich nach seiner Berufung in dieses Amt die Bear- beitung der Deutschland betreffenden Angelegenheiten vorbehalten. Dafür waren ihm die geheimen Nachrichten des Bischofs von Berlin besonders wichtig; denn dieser hatte seinen Bischofssitz in der Reichshauptstadt, also am Sitze der Reichsregierung, und er hatte Verbindung zu Vertrauensleuten in einzelnen Reichsministerien, die ihn mit geheimen Nachrichten versorg- ten. Dieser Informationsweg über Vertrauensleute und Sonderkuriere war bedingt durch die politischen Verhältnisse und beschränkt auf besondere Fälle. Für den Schriftverkehr zwischen dem Heiligen Stuhl und den deut- schen katholischen Bischöfen war an sich die Briefbeförderung durch die italienische und die deutsche Post möglich. Die Unverletzlichkeit des Brief- geheimnisses war unter der Weimarer Reichsverfassung durch Verfassung und Gesetz geschützt. Der Verfassungsschutz wurde außer Kraft gesetzt durch die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 8. Februar 1933; Eingriffe in das Briefgeheimnis waren nun- mehr auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig. Von jetzt an wurde Auslandspost in der Regel geprüft; darunter wäre auch der Briefverkehr der deutschen Bischöfe mit dem Heiligen Stuhl gefallen.

64

Sebastian Schröcker

Eine Sonderstellung hatten die diplomatischen Vertretungen. Diploma- tengepäck wurde an der Reichsgrenze nicht geprüft; Voraussetzung war, daß es mit dem Siegel der diplomatischen Vertretung verschlossen war. Da der Heilige Stuhl als diplomatische Vertretung beim Deutschen Reich die Apostolische Nuntiatur in Berlin hatte, wurde für den Schriftverkehr zwischen ihm und den deutschen Bischöfen dieser Weg gewählt. Ihn schil- derte Papst Pius XII. in seiner zweiten Besprechung mit den deutschen Kar- dinälen am 9. März 1939; nach der Niederschrift lautete das Gespräch:

„Heil. Vater:

Die erste Frage betrifft den Kurierdienst zwischen dem Hl. Stuhl und

Es handelt sich um einen Kurier, nicht des Hl. Stuhles, der

aber ganz sicher ist. Er fährt einmal jede Woche. Von Rom geht er Samstag ab, kommt Montag in Berlin an. Umgekehrt erhält der Hl. Stuhl die Post aus Berlin immer Montag. Der Verkehr zwischen Rom und Berlin ist also gesichert, jede Woche. Wir haben den

den deutschen Bischöfen

besten Beweis für die Sicherheit dieser Kurierverbindung aus der Zeit der Enzyklika ,Mit brennender Sorge'. Kein Mensch hat etwas gewußt. Die Schwierigkeit ist, wie man von den verschiedenen Diözesen Deutschlands das Material nach Berlin bringt.

Kard. Bertram: Wir müssen das geheim machen. Als der hl. Paulus sich im Korb an der Stadtmauer von Damaskus herunterließ, hatte er auch keine Erlaubnis der Polizei. Heil. Vater: Ja, da haben wir einen guten Präzedenzfall. Pius XL hat schon genehmigt, daß die Auslagen für den Kurier von München, Breslau und Köln nach Berlin vom Peterspfennig beglichen werden. Ist der Botendienst auf diesen Wegen möglich und leicht! Kd. Innitzer: Ja, und sicher muß er auch sein. Kd. Schulte: Es war bisher nicht immer dieselbe Person, die den Kurierdienst versah. Es wäre gut, wenn es immer dieselbe wäre.

Kd. Faulhaber: Wir in Bayern wechseln viel, weil die Polizei

München ist das leicht zu machen. Der Europäische Hof ist das Stelldichein des reisenden Klerus, da findet man fast immer einen Herrn aus Berlin. Heil. Vater: Aber Wien? Kard. Innitzer: Es geht wohl auch von dort. Kard. Faulhaber: Die Bischöfe wußten nicht, wann der Kurier Rom—Berlin geht. Heil. Vater: Jeden Samstag, jede Woche. Kd. Faulhaber: Dürfen wir das den Bischöfen sagen? Heil. Vater: Sicher! Montag abend bekomme ich immer das Paket aus Berlin. Gan z regel- mäßig, sicher und zuverlässig. Wie gesagt, Pius XL hat mich beauftragt wissen zu lassen, daß die Auslagen, welche die Bischöfe mit dem Kurier haben, sehr gut vom Peterspfen- nig beglichen werden können. Ich habe auch schon dem Herrn Nuntius entsprechende Instruktionen gegeben. Die Frage ist wichtig, weil der Kurierdienst die einzige Möglich- keit ist, um die Korrespondenz aufrecht zu erhalten." 88

In

leicht aufmerksam

wird.

Die deutschen Bischöfe unterhielten — wohl über Breslau, Köln, Mün- chen und Wien — einen Kurierdienst zur Nuntiatur in Berlin, deren Kurier brachte die Post von Berlin nach Rom und von Rom nach Berlin. Die Post nach Rom befand sich in einem Paket, das der Kardinalstaatssekretär erhielt. Dieses muß ordnungsmäßig verschnürt und mit dem Siegel der Nun- tiatur versehen gewesen sein, damit für die deutschen und italienischen Grenzbehörden gesichert war, daß es sich um Diplomatengepäck handelte. Auch der Bericht des Kardinals Faulhaber über den Fall Barion vom

88 Schneider (FN 51) Anhang Nr. 9, S. 330 f.

Der Fall Barion

65

29. August und das Antwortschreiben des Kardinalstaatssekretärs vom 12. September 1938 waren nach den Angaben am Kopfe des Antwortschrei- bens auf diesem Wege befördert worden. Der Kurierdienst der Nuntiatur wurde aber doch nicht in allen Fällen benutzt. Dem damaligen Berliner Domvikar Adolph sagte im Jahre 1936 der ermländische Bischof Kaller, der Berliner Nuntius Orsenigo habe ihn aufgefordert, die Spannungen zwischen Kirche und Staat zu beseitigen, und er habe angenommen, dieser Rat decke sich auch mit den Zielen Roms; nun- mehr habe er jedes Vertrauen zum Nuntius verloren und er lasse wichtige Sachen auch nicht mehr über die Nuntiatur nach Rom gehen 8 '. Ein Sonderkurier des Bischofs von Berlin nach Rom war somit nicht die einzige Einrichtung dieser Art. Wegen der besonderen Möglichkeiten, die dem Bischof von Berlin am Sitze der Reichsregierung zur Verfügung stan- den, wird ein Sonderkurier, den gerade er in geheimer Mission nach Rom schickte, vom Kardinalstaatssekretär als wichtiger angesehen worden sein als jeder andere. Geheime Mitteilungen des Bischofs von Berlin, die er auf diesem Wege erhielt, werden bei ihm Gewicht gehabt haben. Er wird auch den Informationsweg gekannt haben, der den Bischof von Berlin in die Lage versetzte, ihn mit geheimen Nachrichten aus der Reichsregierung zu versor- gen. Dieses Gewicht und diese Kenntnis werden auch der Grund gewesen sein, warum die Anzeige des evangelisdien Pfarrers aus Berlin beim Heili- gen Stuhl ein geheimes Strafverfahren gegen Eschweiler und Barion aus- löste.

4. Die Beschuldigung

Nach der Auskunft des Bischofs von Ermland an den Erzbischof von München vom 3. Dezember 1937 wurde über Barion die Suspension ver- hängt, weil er schwer gegen die kirchliche Disziplin gefehlt habe. Nach der Note des Heiligen Stuhls an die deutsche Reichsregierung vom 15. Septem- ber 1938 wurde Barion im Jahre 1934 mit der Strafe der Suspension belegt wegen schweren Vergehens gegen die kirchliche Disziplin. Wenn auch nicht die Tatsachen bekanntgegeben wurden, in denen das schwere Vergehen ge- gen die kirchliche Disziplin erblickt worden war, ließ die Auskunft des Bischofs von Ermland doch die Richtung erkennen, in der der Sachverhalt zu suchen war: Er habe Barion am 13. Juni 1934 verpflichten müssen, jede schriftliche oder mündliche Erörterung kirchenpolitischer Fragen zu unter- lassen. In dieser Richtung einer Erörterung kirchenpolitischer Fragen durch Ba- rion lag auch bereits die Mitteilung in dem Lagebericht der Staatspolizei-

89

Adolph

(FN

14)

S. 64:

Aufzeichnung

vom

24. Juni

1936;

Reifferscheid

(FN

3)

66

Sebastian Schröcker

stelle Königsberg vom 9. Oktober 1934, die Suspension solle erfolgt sein, weil Barion in einem größeren Kreis in Berlin geäußert habe, das Reichs- konkordat sei zu stark für die Kirche und zu schwach für den Staat. Seine Äußerung konnte ein Zuhörer mitgeschrieben oder aus seiner Erin- nerung an eine kirchliche Stelle weitergegeben haben; vielleicht war er be- auftragt, seinen Vortrag zu überwachen. Seine Äußerung wäre die Äuße- rung einer Meinung gewesen auf einem Gebiet, für das er als Lehrer des Kirchenrechts fachlich zuständig war. Wahrscheinlich hätte sie auch der Auf- fassung des Heiligen Stuhls entsprochen, denn ihn wird die für die Kirche günstige Regelung ihres Verhältnisses zum Deutschen Reich im Reichskon- kordat bewogen haben, es abzuschließen. Die Äußerung hätte keine der Voraussetzungen erfüllt, die nach dem Preußischen Konkordat die Pflicht des Ministers zur Abhilfe begründet hätte; Barion wäre damit nicht der katholischen Lehre zu nahe getreten. Es wäre nicht einmal der Tatbestand eines der im kirchlichen Gesetzbuch aufgeführten Standesvergehen von Geistlichen gegeben gewesen. Da die Äußerung vor einem größeren Kreis, den Zuhörern eines Vortrags, geschah und somit wohl öffentlich war, hätte kaum eine Veranlassung bestanden, den Heiligen Stuhl darüber geheim zu unterrichten und bei diesem ein Strafverfahren gegen Barion durchzuführen unter Vorsichtsmaßnahmen, die die Geheimhaltung gewährleisteten. Die Geheimhaltung des Grundes bewirkte, daß Gerüchte entstanden und verbreitet wurden. Sie brauchten nicht als haltlos abgetan zu werden; über den wirklichen Grund konnte etwas durchgesickert sein durch Eingeweihte, die mehr wußten als der Durchschnitt der ermländischen Bevölkerung. Barion wurde in Verbindung gebracht mit einem mehrseitigen kirchen- rechtlichen Gutachten, das der preußische Kultusminister Rust seinem Schreiben an den Reichskanzler Adolf Hitler vom 14. Juli 1933 beigefügt habe vor Abschluß der Verhandlunger. zum Reichskonkordat über dessen endgültigen Wortlaut 00 . Die Reichsregierung beschloß die Genehmigung des Reichskonkordats in ihrer Kabinettssitzung vom 14. Juli 1933. An dieser Sitzung konnte Rust nicht teilnehmen, weil er damals noch nicht Reichsminister, sondern nur preußischer Minister war; er hatte deshalb auch nicht die Unterlagen für diese Sitzung erhalten, zu denen der Vertragstext gehörte, und er war auch vorher nicht beteiligt worden an den Vorbereitungsarbeiten und an den Verhandlungen über das Reichskonkordat. Sein Schreiben an den Reichs-

90 BA (FN 31) R 43 11/176 Bl. 100—102, abgedruckt in: Alfons Kupper, Staatliche Akten über die Reichskonkordatsverhandlungen 1933 (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 2, 1966) Nr. 95, S. 240. Ludwig Volk, Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 von den Ansätzen in der Weimarer Republik bis zur Ratifizierung am 10. September 1933 (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. B 5, 1972) S. 163. Vgl. Der Staat Bd. 20 (1981) S. 441 f.

Der Fall Barion

67

kanzler trug das Datum des 14. Juli 1933; es ging erst nach der Kabinetts- sitzung in der Reichskanzlei ein. Erst am Vortage, dem 13. Juli 1933, hatte er aus der Tagespresse erfahren, der Abschluß eines Reichskonkordats stehe unmittelbar bevor; auf seine Bitte überließ ihm der Reichsminister des Innern Frick den Vertragstext. Dieser wurde in seinem Ministerium geprüft, das Ergebnis der Prüfung wurde schriftlich niedergelegt in „Vorläufigen Bemerkungen". Diese fügte Rust seinem Schreiben als Anlage bei. Ihre Urschrift läßt noch heute die Eile erkennen, in der sie abgefaßt, geschrieben und korrigiert wurden; eine Reinschrift wurde nicht hergestellt. Rust bat deshalb am Schlüsse seines Schreibens zu berücksichtigen, daß die beiliegende Stellungnahme bei der Kürze der Zeit weder erschöpfend sein noch in der Form überprüft werden konnte. Als Begründung für die Nichteinhaltung des Dienstwegs führte er aus, es sei ihm nicht möglich gewesen, dem Reichs- kanzler auf dem Wege über den Preußischen Ministerpräsidenten und das Reichsinnenministerium seine ernsten Bedenken zu übermitteln, die bei einer ersten kurzen Überprüfung des Inhalts ihm und seinen Beratern aufgestie- gen seien; er habe sich verpflichtet gefühlt, ihm unmittelbar in letzter Stunde seine Bedenken mitzuteilen, besonders aus dem Grunde, weil er glaube, daß das Reichskonkordat gegenüber dem Preußischen Konkordat eine Schlechterstellung des Staates bedeute. Er wies darauf hin, daß im preußischen Kultusministerium Kräfte verfügbar seien, die der Reichsregie- rung für die Bearbeitung dieser Fragen zur Verfügung stünden, und er bat, in Zukunft für die Vorarbeiten zur Beteiligung herangezogen zu werden. Die in dem Schreiben Rusts erwähnten Berater waren sein Staatssekretär Stuckart und vielleicht der zuständige Abteilungsleiter, die im preußischen Kultusministerium verfügbaren Kräfte der zuständige Abteilungsleiter und dessen Referenten. Sie besaßen Sachkenntnis auf dem Gebiet des Staats- kirchenrechts und waren mit Konkordatsfragen vertraut durch ihre prak- tische Erfahrung während der Verhandlungen und bei der Durchführung des Preußischen Konkordats. Die „Vorläufigen Bemerkungen" sind nicht abgefaßt in der Ausdrucks- weise Barions. Sie sind nicht das Gutachten eines Kirchenrechtslehrers; dieses wäre nicht zu erstatten gewesen zu einzelnen Rechtsfragen, sondern zu dem Vertragswerk im ganzen. Barion war damals tätig an der Staatlichen Aka- demie in der ostpreußischen Stadt Braunsberg; die räumliche Entfernung zwischen Braunsberg und der Reichshauptstadt Berlin war zu groß, als daß der Vertragstext und der Auftrag zur Erstattung eines Gutachtens dazu innerhalb weniger Stunden hätten übersandt und das fertige Gutachten hätte zurückgesandt werden können. Die Erteilung eines Auftrags hierzu an den Braunsberger Privatdozenten Barion kam noch aus einem anderen Grunde nicht in Betracht: Für das preußische Kultusministerium kirchen- rechtliche Gutachten zu erstatten, war Sache des jeweiligen Inhabers des

68

Sebastian Schröcker

Lehrstuhls für Kirchenrecht an der Juristischen Fakultät der Universität Berlin, für den im Haushaltsplan des Ministeriums dafür eine Pauschal- vergütung vorgesehen war. Im Rahmen dieser Pauschalvergütung waren dessen Dienste bisher in der Regel nur in Anspruch genommen worden in fiskalischen Patronats- und Baulaststreitigkeiten; er hätte aber auch für eine Stellungnahme zum Reichskonkordat nicht einfach übergangen werden dür- fen. Es kann mit einiger Sicherheit gesagt werden, daß der Verdacht unrichtig war, Barion habe in letzter Stunde das Zustandekommen des Reichskonkordats durch ein mehrseitiges kirchenrechtliches Gutachten, das dem Schreiben Rusts an Hitler vom 14. Juli 1933 beigefügt war, verhindern wollen.

Als am 20. August 1934 über Barion die Suspension verhängt wurde, lag ein neuer Verdacht gegen ihn vor. Ein Gerücht darüber äußerte noch vor- sichtig der in die Schweiz ausgewanderte deutsche Journalist Waldemar Gu- rian in seinen „Deutschen Briefen": Es sei bisher nicht bekannt, ob Barions Suspension zurückzuführen sei auf eine Denkschrift, in der er den staat- lichen Behörden gegenüber angeblich kirchenrechtlich mögliche Methoden zur Durchsetzung der staatlichen Autorität in kirchlichen Einrichtungen entwickelt habe 91 . Deutlicher war die Aufzeichnung des Berliner Domvi- kars Adolph: „In den berühmten Konkordatsverhandlungen der drei deut- schen Bischöfe im Juni 1934 war wohl Barion der Kanonist, der seitens der Reichsregierung die Gutachten gegen die Kirche im Sinne der Regierung machte. Diese Gutachten wurden seinerzeit Bischof Bares in die Hände ge- spielt, der überhaupt ausgezeichnete Verbindungsmänner zur Gegenseite gehabt haben muß" 92 .

Nach Art. 31 Abs. 3 des Reichskonkordats blieb die Feststellung der Or- ganisationen und Verbände, die unter die Bestimmungen dieses Artikels fielen, vereinbarlicher Abmachung zwischen der Reichsregierung und dem deutschen Episkopat vorbehalten. Darüber fanden im Juni 1934 Verhand- lungen im Reichsinnenministerium statt. Auf staatlicher Seite nahmen teil Vertreter des Reichsinnenministeriums und der NSDAP. Auf kirchlicher Seite verhandelte eine von den deutschen Bischöfen bestellte Kommission, bestehend aus dem Erzbischof von Freiburg Gröber, dem Bischof von Os- nabrück und preußischen Staatsrat Berning und dem Bischof von Berlin Bares. Es kam eine Vereinbarung zustande, die von den Verhandlungsteil- nehmern unterzeichnet wurde. Ihr endgültiges Zustandekommen scheiterte an der Ablehnung durch den Heiligen Stuhl 95 .

91 Waldemar Gurian, Deutsche Briefe 1934—1938, Teil I 1934—1935, bearb. v. Heinz Hurten (Veroff. d. Komm. f. Zeitgeschichte Bd. A 7, 1969) S. 33 (Nr. 2 v. 12. 10. 1934).

92

98

Adolph (FN 14) S. 64: Aufzeichnung vom 31. März 1937.

Krüger (FN 16) S. 47 f.

Der Fall Barion

69

Zur Vorbereitung der Verhandlungen wird der Übung entsprechend der zuständige Referent des Reichsinnenministeriums eine Ausarbeitung ange- fertigt haben, in der die von staatlicher Seite zu beachtenden Gesichtspunkte zusammengestellt waren; diese stand dann während der Verhandlungen dem den Vorsitz führenden ranghöchsten Ministerialbeamten zur Verfü- gung. Es ist möglich, daß dieser eine solche Ausarbeitung vor sich liegen hatte und benutzte, der Berliner Bischof Bares sie aber für ein kirchenrecht- liches Gutachten hielt. Daß sein Verdacht auf Barion als Verfasser fiel, kann eine Fortwirkung des Verdachts gewesen sein, Barion habe durch ein kir- chenrechtliches Gutachten versucht, das Zustandekommen des Reichskonkor- dats zu verhindern. Dessen Aufsatz aus dem Jahre 1933: „Kirche oder Par- tei?" und seine Äußerung über das Reichskonkordat in Berlin vor einem größeren Kreis können ihn in dieser Annahme bestärkt haben. In der Aufzeichnung Adolphs war allerdings davon die Rede, Gutachten Barions seien damals Bischof Bares in die Hände gespielt worden. Hätte Barion dem Reichsinnenministerium für die Verhandlungen vom Juni 1934 Gutachten erstattet, dann wären sie Bestandteil der über diese Verhandlun- gen im Reichsinnenministerium geführten Akten geworden. Nach der Er- richtung des Reichskirchenministeriums im Jahre 1935 wären sie an dieses abgegeben worden. Erhalten gebliebene Akten dieses Ministeriums gelang- ten an das Deutsche Zentralarchiv Potsdam 94 , stehen aber der west- deutschen Forschung nicht zur Verfügung. Hier in erster Linie wären die Gutachten zu suchen, die damals Barion angefertigt haben soll. Daß das Reichsinnenministerium an Barion den Auftrag erteilt haben soll, zur Aus- führung des Art. 31 des Reichskonkordats kirchenrechtliche Gutachten zu erstatten, wäre allerdings ein ungewöhnlicher Vorgang gewesen. Wäre ein solcher Auftrag erteilt und von Barion ausgeführt worden, dann wäre es für einen Verbindungsmann des Bischofs Bares im Reichsinnenministerium nicht einfach gewesen, in die Akten Einsicht zu nehmen, wenn sie nicht auf ihn ausgezeichnet waren, die Gutachten Barions herauszunehmen und sie dem Bischof von Berlin in die Hände zu spielen. Die Gutachten wären von der Registratur mit dem Geschäftszeichen versehen, auf den zuständigen Sach- bearbeiter ausgezeichnet und diesem über den Abteilungsleiter zugeleitet worden; der Lauf der Akten im Geschäftsgang wäre von der Registratur überwacht worden, so daß sie jederzeit hätte Auskunft geben können, wo sie sich gerade befinden. Da die Akten immer wieder in die Registratur zu- rückkehrten, wäre es auch kaum möglich gewesen, von ihr unbemerkt die Gutachten herauszunehmen oder von ihnen auch nur Abschriften anfertigen zu lassen.

84 Übersicht

über

die Bestände

des Deutschen

Zentralarchivs

Potsdam

(1967)

S. 112

f.

70

Sebastian Schröcker

Die Aufzeichnung Adolphs stammt vom 31. März 1937; dieser Zeitpunkt lag nahezu drei Jahre nach den Verhandlungen vom Juni 1934. Wenn ihm Bischof Bares noch zu seinen Lebzeiten seinen Verdacht mitgeteilt hatte, dann mußte auch diese Mitteilung schon mehr als zwei Jahre zurückliegen. Adolph deutete auch nicht an, daß er die Barion zugeschriebenen Gutachten gelesen oder auch nur gesehen hatte. Sie hätten auch nicht von Barion unter seinem Namen erstattet worden sein können, denn sonst hätte es keiner Vermutung bedurft, um sie ihm zuzuschreiben. Daß es sich nur um eine Ver- mutung handelte, drückte die Aufzeichnung Adolphs aus durch das Wort „wohl". Trotz des beträchtlichen Zeitabstandes zwischen seiner Aufzeich- nung und den Verhandlungen vom Juni 1934 kann Bischof Bares ihn da- mals über deren Verlauf unterrichtet haben. Adolph war damals Domvikar, Schriftleiter des Berliner Kirchenblatts, Leiter der Fachschaft der katholisch- kirchlichen Presse in der Reichspressekammer und Sekretär der katholischen Aktion im Bistum Berlin. Gerade in dieser letzteren Eigenschaft war er in besonderem Maße interessiert an dem Verlauf der Verhandlungen über die Ausführung des Art. 31 des Reichskonkordats. Bei der Vorbereitung auf diese Verhandlungen wird er den Bischof von Berlin unterstützt und bera- ten haben. Es ist möglich, daß der Bischof über die kirchlichen Verbände bei den staatlichen Verhandlungspartnern mehr Sachkenntnis antraf, als er erwartet hatte; in dieser Sachkenntnis kann er eine Ursache für die Schwie- rigkeit der Verhandlungen erblickt haben. Zur Zeit seiner Aufzeichnung war Adolph kirchenpolitischer Sachbearbeiter und Ratgeber des Nachfolgers des Bischofs Bares, des Bischofs Graf Preysing. Es ist nicht wahrscheinlich, daß Barion für die staatlichen Verhandlungs- partner bei den Verhandlungen im Reichsinnenministerium kirchenrechtliche Gutachten oder eine Denkschrift verfaßte. Daß zur Vorbereitung staatlicher Verhandlungen, Stellungnahmen oder Entscheidungen Gutachten von Fach- gelehrten eingeholt wurden, kam im Deutschen Reich bis 1945 selten vor. Die Anzeige des evangelischen Pfarrers aus Berlin beim Heiligen Stuhl kann die Mitteilung enthalten haben, die staatlichen Verhandlungspartner seien kirchenrechtlich von Barion beraten worden. Eine solche Mitteilung konnte dem an den Verhandlungen beteiligten Bischof Bares von Berlin als Recht- fertigung dienen, daß die Bischöfe keinen den Heiligen Stuhl befriedigenden Erfolg erzielt, sondern eine Vereinbarung abgeschlossen hatten, die vom Heiligen Stuhl abgelehnt wurde. Ob in der Anzeige gegen Barion genügend zum Ausdruck kam, daß gegen ihn nur ein Verdacht bestehe, oder ob darüber als Rechtfertigung für die deutschen Bischöfe eine bestimmtere Aus- sage gemacht oder ein Barion zugeschriebenes Gutachten beigefügt wurde, ist aus den bisher zugänglichen schriftlichen Unterlagen nicht festzustellen. Beim Heiligen Stuhl wurde diese Beschuldigung als feststehende Tatsache be- handelt, die keines Beweises mehr bedurfte.

Der Fall Barion

71

Richtete sidi die Anzeige des evangelischen Pfarrers aus Berlin gegen Barion als den vermeintlichen Berater der Reichsregierung bei den Verhand- lungen zu Art. 31 des Reidiskonkordats, dann ist das Gewicht, das seiner Anzeige beim Heiligen Stuhl gegeben wurde, verständlich aus der Sicht des damaligen Papstes: Pius XL galt als „Papst der Katholischen Aktion". In seinem Weltrundschreiben „Ubi arcano" (1922) hatte er die kirchlichen Laienorganisationen zusammengefaßt und als Katholische Aktion in die Gesamtkirche eingegliedert. In Italien hatte er sich jahrelang gegen Ein- griffe des faschistischen Staates in die kirchlichen Laienorganisationen zur Wehr gesetzt. Die deutschen Bischöfe hatten die Aufgabe gehabt, die kirch- lichen Organisationen und Verbände durch eine Ausführungsvereinbarung zu Art. 31 des Reichskonkordats gegen Eingriffe des nationalsozialistischen Staates abzusichern. Eine empfindliche Stelle traf die Anzeige des evangelischen Pfarrers aus Berlin auch insoweit, als sie sich gegen Eschweiler richtete: In seinem Welt- rundschreiben „Casti connubii" (1930) hatte Papst Pius XL Stellung genommen zur Frage der Verhütung erbkranken Nachwuchses durch Un- fruchtbarmachung. Am 14. Juli 1933, demselben Tage, an dem die Reichsre- gierung das Reichskonkordat genehmigte, verabschiedete sie auch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Eschweiler wurde bezichtigt, der Reichsregierung in einem Gutachten die Vereinbarkeit dieses Gesetzes mit der in dem päpstlichen Rundschreiben niedergelegten Auffassung der katho- lischen Kirche dargelegt zu haben. Die beiden beschuldigten Theologen waren Professoren der Staatlichen Akademie Braunsberg. Ihr Lehrkörper wie auch der Bischof von Ermland waren damals über die deutschen Grenzen hinaus bekannt als Brückenbauer des Katholizismus zum Nationalsozialismus. Der Heilige Stuhl kann es des- halb für richtig angesehen haben, gegen die beiden beschuldigten Mitglieder des Lehrkörpers vorzugehen durch Verhängung der Kirchenstrafe der Sus- pension und deren Durchführung dem Bischof von Ermland zu übertragen. Er konnte, auch beabsichtigt haben, durch diese Aufsehen erregende Maß- nahme kirchlich gesinnte Kreise der ermländischen Geistlichkeit und Bevöl- kerung zu beschwichtigen. Daß die Behauptung, Eschweiler habe ein Gutachten zur Frage der Steri- lisation verfaßt, zutreffend war, wurde bestätigt durch den staatspolizei- lichen Bericht über die Suspension: Aus seinen Worten „Eschweiler selbst vermutet" ist zu entnehmen, daß der Bericht insoweit auf seiner Aussage beruhte; als Rektor der Akademie wird er von einer staatlichen Stelle über seine und Barions Suspension befragt worden sein. Dabei sprach er auch die Vermutung aus, sein Gutachten sei durch eine Indiskretion zur Kenntnis der Kirche gelangt. Am 11. August 1936 gab das Heilige Offizium dem päpstli- chen Rundschreiben eine kirchenamtliche Auslegung.

72

Sebastian Schröcker

Eschweilers Äußerung über den Grund der Suspension Barions wird des- sen Vermutung wiedergeben, sein Berliner Vortrag sei der Grund gewesen. Die Kirchenstrafe der Suspension und den Einspruch gegen die Berufung Barions nach München begründete der Heilige Stuhl mit dessen schwerem Vergehen gegen die kirchliche Disziplin, ohne zu sagen, worin es bestand. Bestand es in der Beschuldigung, während der Verhandlungen der Reichs- regierung mit deutschen Bischöfen über eine Ausführungsvereinbarung zu Art. 31 des Reichskonkordats staatliche Stellen fachlich beraten zu haben, dann wäre dies freilich kein Standesvergehen eines Geistlichen gewesen, das nach dem kirchlichen Gesetzbuch mit einer Kirchenstrafe zu ahnden gewesen wäre. Dieses sah keine kirchlichen Zuchtmittel vor, um die politische Linien- treue von Geistlichen zu sichern. Über die Anwendung kirchlicher Zucht- mittel gegen Geistliche waren zwar die nachgeordneten Kirchenbehörden gegenüber dem Heiligen Stuhl, nicht aber dieser selbst Rechenschaft schul- dig. Ihre Anwendung war jedoch auch diesem erschwert gegenüber deut- schen Theologieprofessoren durch die Bestimmungen der Konkordate über das Beanstandungsverfahren. Sollte gegen Barion vorgegangen werden wegen der fachlichen Beratung staatlicher Stellen, dann war nach einem Weg zu suchen, der an diesen vertraglichen Regelungen vorbeiführte oder doch ihre etwaige Verletzung nicht offenkundig werden ließ.

5. Das Verfahren

Die Anzeige des evangelischen Pfarrers aus Berlin führte zu einem kirch- lichen Vorgehen gegen Eschweiler und Barion. Durch ein kirchliches Verfah- ren durften aber nicht die Informationsquellen und Informationswege ge- fährdet werden; es durfte deshalb nur ein geheimes Verfahren sein. Ein geeignetes Verfahren war vorgesehen im kirchlichen Gesetzbuch: Die Dienstenthebung nach Wissen und Gewissen. Der dreiunddreißigste Titel seines das kirchliche Prozeßrecht enthaltenden Vierten Buches hatte die Überschrift: De modo procedendi in suspensione ex informata conscientia infligenda; er umfaßte die canones 2186 bis 2194 CIC 95 . Dieses Verfahren war zulässig nur in bestimmten Fällen. Es waren außer- dem Ermittlungen anzustellen und Beweise zu sammeln, die es als gewiß

95 Zur deutschen Übersetzung der Titelüberschrift des CIC : Rudolf Köstler, Wörterbuch des Codex Juris Canonici (1927) S. 87 v. conscientia; Klaus Mörsdorf, Die Rechtssprache des Codex Juris Canonici (1937) S. 393. Zur geschichtlichen Entwicklung und zum bisherigen Recht: Paul Hinschius, System des katholischen Kirchenrechts mit besonderer Rücksicht auf Deutschland, 5. Bd. (1893) S. 608 bis 613, u. 6. Bd. Abt. I S. 86; Theodor Gottlob, Die Suspension ex informata conscientia (1939); Klaus Mörsdorf, Die kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit, in: Festschrift Eduard Eichmann zum 70. Geburtstag (1940) S. 551—592, hier: S. 572; Friedrich Wilhelm Kremzow, Die Suspension ex informata conscientia, in: österreichisches Archiv für Kir- chenrecht, 11. Jg. (1960) S. 189—221.

Der Fall Barion

73

erscheinen ließen, daß der beschuldigte Geistliche die ihm zur Last gelegte Straftat wirklich begangen hatte und mit einer so schweren Strafe zu bele- gen war. Es war in das kluge Ermessen seines kirchlichen Vorgesetzten ge- stellt, ihm den Grund seiner Bestrafung bekanntzugeben. Ein Einspruch war zu richten an die Konzilskongregation; dieser hatte dann der kirchliche Obere die Beweisgründe anzugeben, die ihn von der Straftat überzeugt hat- ten, und er hatte ihr nachzuweisen, daß dieses außerordentliche Verfahren zulässig war. Die Nachprüfung durch die Konzilskongregation war ein Schutz gegen eine willkürliche Anwendung dieses Verfahrens durch kirch- liche Obere; sie entfiel, wenn der Heilige Stuhl das Verfahren an sich zog und die Konzilskongregation selbst die Strafe verhängte. In diesem Verfahren konnte die Dienstenthebung eines Geistlichen ver- hängt werden ohne Gehör des Beschuldigten, ohne Angabe von Gründen, schriftlich oder auch nur mündlich. Es bedurfte keiner Warnung, keiner An- klage, keiner Vorladung des Beschuldigten, keines förmlichen Beweisverfah- rens, keiner sonstigen Förmlichkeiten. Es war „ein äußerst scharfes Schwert, dessen Führung höchste Verantwortlichkeit und Behutsamkeit" erfor- derte 96 . Dieses Verfahren durfte nicht angewendet werden, wenn verfahren wer- den konnte „ad iuris normam", auf deutsch: nach der Vorschrift des Rechts 97 . Wie das kirchliche Gesetzbuch diesen Ausdruck verstanden wis- sen wollte, ergab an derselben Stelle (c. 2186 ^2 ) seine Kennzeichnung des Verfahrens als „extraordinarium hoc remedium", auf deutsch: dieses außer- ordentliche Mittel. Die Kennzeichnung als „remedium extraordinarium" (c. 1905 § 1) wurde auch gebraucht für die restitutio in integrum, auf deutsch:

die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand. Wie diese war das Verfahren nach Kirchenrecht zulässig, aber nicht zum ordentlichen Verfahren gehörig. Im Unterschied zu ihr war es kein außerordentlicher Rechtsbehelf zugun- sten, sondern ein außerordentliches Zuchtmittel zulasten des Betroffenen. Ihm blieben von Anfang an die Rechte versagt, die er als Beschuldigter im ordentlichen Strafverfahren gehabt hätte. Versagt blieben ihm insbesondere die Rechte auf Gehör und auf Verteidigung. Diese wurden im Codex Iuris Canonici von 1917 nicht als Menschenrechte anerkannt* 8 . Dieses Verfahren durften im Mittelalter die Ordensoberen anwenden gegen ihre Ordensangehörigen zur Aufrechterhaltung der Ordensdisziplin. Das Konzil von Trient (1545—1563) gab es auch den Bischöfen in die Hand

98 Eichmann/Mörsdorf, Lehrbuch des Kirchenrechts, Bd. III, 11. Aufl. (1979) S. 298.

97 Norma im Wortsinne ist das Winkelmaß, im übertragenen Sinne: Richtschnur, Maß- stab, Regel, Vorschrift. Die übliche Übersetzung von „norma iuris" ist: Rechtsvorschrift oder Rechtssatz.

98 Über die Forderung ihrer Anerkennung: Werner Böckenförde, Menschenrechte in der Kirche? Vortrag vom 3. 5. 1982 vor dem Fachbereich Katholische Theologie der West- fälischen Wilhelms-Universität in Münster.

74

Sebastian Schröcker

gegen die Weltgeistlichen; es wurde zum Kampfmittel der Gegenreforma- tion gegen die seit der Reformation nicht nur in den Klöstern, sondern auch in der Weltgeistlichkeit als bedroht angesehene kirdiliche Disziplin. In der Zeit der Aufklärung regte sich offener Widerspruch: Die Synode von Pisto- ja (1786) entschied, eine solche Suspension sei null und nichtig. Diese Ver- dammung erklärte Papst Pius VI. 1794 als „falsa, perniciosa, in Tridenti- num injuriosa" 99 . Der Staat gab den betroffenen Geistlichen das Recht, wegen Mißbrauchs der geistlichen Gewalt die Staatsbehörde anzurufen (re- cursus ab abusu) 100 . Auf der deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche (1848/49) forderte aber der später durch seine Haltung in der Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit bekanntgewordene Professor für Kirchengeschichte an der Münchener Theologischen Fakultät Ignaz Döllinger die „Entlassung der Kirche aus ihrem bisherigen unfreien

Dienst- und Hörigkeitsverhältnis" 101 . Die Nationalversammlung verkün-

dete den Grundsatz der Selbstbestimmung der Religionsgesellschaften:

„Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selb- ständig, bleibt aber den allgemeinen Staatsgesetzen unterworfen" (§ 147 Abs. 1). Dieser Satz wurde übernommen in Art. 137 Abs. 3 der Weimarer Reichsverfassung und ermöglichte in Deutschland die Anwendung der Vor- schriften des kirchlichen Gesetzbuchs über die Dienstenthebung nach Wissen und Gewissen, ohne daß der Betroffene sich anders als nach dem kanoni- schen Recht wehren konnte. Bei seiner Vorsprache im päpstlichen Staatssekretariat im Jahre 1935 erfuhr der ermländische Generalvikar Marquardt, gegen Eschweiler und Barion sei durch den evangelischen Pfarrer aus Berlin eine Anzeige erstattet worden „gemäß Can. 2186 CIC" 102 . Mit diesem Canon begann der Titel des kirchlichen Gesetzbuchs, der das Verfahren der Dienstenthebung nach Wissen und Gewissen regelte. Dieses Vc-fahren wurde gegen Eschweiler und Barion angewendet. Der Heilige Stuhl hatte es bis zur Verhängung der Strafe selbst durchgeführt, ohne den Bischof von Ermland zu beteiligen; dieser hatte nur die von der Konzilskongregation ausgesprochene Strafe den beiden davon betroffenen Theologieprofessoren zu eröffnen und die Folge-

99 Denzinger/Schönmetzer, Enchiridion symbolorum, Editio XXXII (1963) Nr. 2649, S. 532.

100 Eduard Eichmann, Der recursus ab abusu nach deutschem Recht (Untersuchungen

zur Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, hrsg. v. Otto Gierke, H. 66, 1903) S. 212, 248, 279, 299; Hinschius (FN 95) Bd. 6 Abt. I §378, S. 266; Johannes Heckel, Die Beilegung des Kulturkampfes in Preußen, ZRG KA Bd. 19 (1930) S. 215—353, abgedruckt in:

Heckel, Das blinde,

undeutliche

Wort

„Kirche", S. 454—571, hier:

S.

548; Huber

44) Bd. IV (1969) S. 777 ff.

Eichmann,

versitätsreden H. 18, 1930) S. 3.

101 Nach:

Eduard

Staat,

Religion,

Religionsgesellschaften

(Münchener

m Auskunft

des

ermländischen

Generalvikars

Marquardt

vom

22. Juli

1965,

(FN

Uni-

nach

Der Fall Barion

75

maßnahmen auszuführen, die sich im Rahmen seiner Zuständigkeit für den Lehrbetrieb an der staatlichen Akademie Braunsberg daraus ergaben. Es ist wahrscheinlich, daß zur Geheimhaltung der Informanten darauf verzichtet wurde, Ermittlungen anzustellen und Beweise zu erheben, und daß die Mit- teilung des evangelischen Pfarrers aus Berlin die einzige Grundlage war, die zur Erlangung der für eine Verurteilung erforderlichen Gewißheit zur Ver- fügung stand. Es ist ferner wahrscheinlich, daß auch aus diesem Grunde und nicht nur zur Geheimhaltung die Ermessensfrage, ob den Betroffenen der Grund ihrer Bestrafung bekanntzugeben sei, dahin entschieden wurde, daß dieser Grund nicht bekanntzugeben sei. Er wurde nicht nur den Betroffenen nicht bekanntgegeben, sondern auch nicht dem für sie zuständigen Bischof. Es wurde auch vermieden, diesem die Möglichkeit zu geben, den Grund der Bestrafung der Staatsbehörde darzulegen und dadurch seiner konkordats- rechtlichen Pflicht zu genügen.

Das Verfahren widersprach Rechtsgrundsätzen der Gegenwart: Nach Art. 10 der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 beschlossenen Allgemeinen Erklärung der Menschen- rechte hat jeder Mensch Anspruch auf ein der Billigkeit entsprechendes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteilichen Gericht, das über seine Rechte und Verpflichtungen oder über irgendeine gegen ihn erhobene strafrechtliche Beschuldigung zu entscheiden hat. Nach Art. 6 der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfrei- heiten vom 4. November 1950 hat jeder Angeklagte mindestens das Recht, unverzüglich in allen Einzelheiten über die Art und den Grund der gegen ihn erhobenen Beschuldigung in Kenntnis gesetzt zu werden, sich selbst zu verteidigen und verteidigen zu lassen, Fragen an die Belastungszeugen zu stellen oder stellen zu lassen und die Ladung und Vernehmung der Ent- lastungszeugen unter denselben Bedingungen wie die Belastungszeugen zu erwirken.

Nach der Neufassung des Codex Iuris Canonici vom 25. Januar 1983 darf die Dienstenthebung als Strafe nur noch erfolgen „ad iuris normam"

(c. 196 § 1). Die Neufassung trat in Kraft am 27. November 1983; von

diesem Zeitpunkt an ist das gegen Eschweiler und Barion angewandte Ver-

fahren der Suspension nach Wissen und Gewissen im Gesetzbuch der katho- lischen Kirche nicht mehr vorgesehen.

Ausgangspunkt

RECHT UND

STAAT

IN GESCHICHTE UND GEGENWART

EINE SAMMLUNG VON VORTRAGEN UND SCHRIFTEN AUS DEM GEBIET DER GESAMTEN STAATSWISSENSCHAFTEN

—-

8 1

RUDOLPH SOHM UND DIE GRUNDLEGUNG DES KIRCHENRECHTS

Bonner

Antrittsvorlesung

VON

HANS BARION

193

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VERLAG VON J. C. B. MOHR <PAUL SIEBECK) TÜBINGEN

[3] Di e vorliegend e Schrift biete t die anläßlic h de r Habilita - tion für das Fach des Kirchenrechts in der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Bonn gehaltene An- trittsvorlesung, die für die Wiedergabe der Redeform entkleidet und an einzelnen Stellen erweitert und präzisiert wurde. Es schien weder sachlich gefordert zu sein noch ist es in dem eng bemessenen Rahmen einer Vorlesung möglich, auf Einzelheiten einzugehen oder die ganze, mit Sohm und um Sohm geführte Diskussion aufzurollen; nur die wichtigsten Thesen und Ein- wände sollen herausgegriffen werden. Demgemäß weisen die Anmerkungen nur die unmittelbar zitierte Literatur nach. Der im Verlauf der Erörterungen zutage tretende nahezu totale sachliche Gegensatz zu den Thesen Sohms läßt es als Pflicht erscheinen, sich ausdrücklich zu der Ehrfurcht zu bekennen, die seine Schüler und alle, die ihm nahetraten, vor der mensch- lichen Gestalt dieses Mannes empfanden, dem Begründung und Vertretung seiner kirchenrechtlichen Erkenntnisse nicht bloße Angelegenheit des Verstandes, sondern religiöse Pflicht i m tiefsten Sinne des Wortes waren. Herrn Prof. Dr. Koeniger (Bonn) sei auch an dieser Stelle

für Anregung und Förderung aufrichtiger

Bonn, März 1931.

Dank gesagt.

Hans

Barion.

S ohms kirchenrechtlichen Schriften *) ist ein Widerhall weit 1 5 1 über den Kreis der Fachgenossen hinaus beschieden ge- wesen. Zur Begründung dieser Wirkung pflegt man drei Mo- mente geltend zu machen. Das erste ist die streng logische Ge- schlossenheit seiner Gedanken. In den großen Bänden seines Kirchenrechts und seiner Forschungen über Gratian sowohl wie in den sie begleitenden Einzeluntersuchungen ist die Fülle der Tatsachen nicht formlos aufeinander gehäuft, sondern der spröde Stoff wird auf wenige Thesen zurückgeführt und von ihnen aus gemeistert, auf Thesen, die nicht in unbeholfener Weise vorangestellt oder am Ende zusammengefaßt sind, son- dern die wie von selbst aus der Ausbreitung des Materials er- wachsen. Auf dieser virtuos gehandhabten Verbindung von juristischer und historischer Technik beruhen die Spannung und der oft gerühmte Glanz seiner Darstellung. Ihre Anwendung wird ihm ermöglicht, weil er eben letzthin nur einige wenige Thesen verficht, die ihrerseits wieder gipfeln in dem Leitmotiv seiner ganzen kirchenrechtlichen Forschung:

Das Wesen des Kirchenrechts steht mit dem Wesen der Kirche in Widerspruch. In der paradoxen Formulierung dieses Satzes schwingt merklich etwas mit, das in juristischen und histori- schen Begriffen nicht aufgeht. Die breite Wirkung seiner Schrif- ten beruht an zweiter Stelle, psychologisch vielleicht am mei- sten, auf der Ergriffenheit religiöser Überzeugung, mit der Sohm seine Thesen vorträgt. Der von ihr ausstrahlende sug- gestive Bann bleibt seinen Darlegungen selbst an Stellen, die recht trockenen Dingen gewidmet sind. Immer wieder wird hinter den Ausführungen Sohms spürbar, daß ihn nicht nur

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[6] wissenschaftliche s Bedürfni s treibt , sich mi t de n Probleme n des Kirchenrechts auseinanderzusetzen, sondern daß es ihm um höchste und letzte Fragen des Glaubens geht, die er mit heiligem Ernst behandelt. Daraus entsteht das Pathos, die Hingabe des Herzens an die Probleme, die seine Leser ebenso wie nach einstimmigem Urteil seiner Schüler früher seine Hörer nicht bei verstandesmäßig abwägender Stellungnahme stehen läßt, sondern neben der intellektuellen Spannung auch eine Erregtheit des Gemütes erzeugt. Es ist nicht verwunderlich, daß man gemeint hat, der Zugang zu Sohm liege überhaupt an dieser Stelle. Nur seine Frömmigkeit erkläre seine kirchen- rechtlichen Anschauungen, sagen die Herausgeber des nachge- lassenen zweiten Bandes seines Kirchenrechts, Erwin Jacobi und Otto Mayer 2 ), und Stutz hat ihnen ausdrücklich zugestimmt 3 ). Dieser Satz hat einen sehr guten Sinn, wenn er bedeuten soll, daß die wissenschaftlichen und religiösen Überzeugungen Sohms an keiner Stelle im Widerstreit liegen. Aber zum min- desten Stutz versteht ihn dahin, daß seine kirchenrechtlichen Ansichten nur die gelehrte Verkleidung, gleichsam der wissen- schaftliche Überbau seiner religiösen seien. Von dieser Auf- fassung ist nur ein einziger Schritt zu der Bewertung des un- streitigen Erfolges der Forschungen Sohms als weniger wissen- schaftlich denn gefühls- und stimmungsmäßig bedingt. Holstein betont gerade diesen Gedanken, wenn er sagt: Sohms These, von der Wissenschaft abgelehnt, hat trotzdem »eine ungeheure Bedeutung gehabt: stimmungsmäßig wirkt sie als Motiv der praktisch-religiösen Haltung gegenüber allen kirchenrecht- lichen Organisationen und allem Organisatorischen in der Glaubensgemeinschaft gerade religiös sehr ernsthafter Kreise weiter: Gemeinschaften des religiös-sozialen Radikalismus und Anhänger der Theologie der Krisis, Gruppen eines idealistisch gestimmten Liberalismus wie eines pietistisch gestimmten Konservativismus stimmen weithin darin überein« 4 ). Schon eine flüchtige Umschau in der Literatur läßt seine Worte als

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berechtig t erscheinen , j a ma n

ten Kreisen noch gewisse katholische Gruppen anschüeßen. Sie alle huldigen der Meinung, daß Religion und Recht reinlich

voneinander zu scheiden sind, und halten das Recht für den Feind der Religion, dem die Kirche höchstens in einem Akt der Notwehr einen gewissen Einfluß verstatten dürfe. In der Übereinstimmung mit dieser Zeitströmung liegt das dritte Moment, aus dem der große Anklang der Sohmschen Thesen erklärt wird.

Indes wird man der wissenschaftlichen Leistung Sohms mit dieser letzten Bewertung nicht gerecht. Man widerlegt ihn nicht mit der Ansicht, daß in seinen Thesen nur Gefühl und Stim- mung Gestalt gewonnen hätten, denen zuliebe er die Tatsachen vergewaltige, daß seine Gedankengänge gewiß sehr geistreich, gewiß anzuerkennen seien in dem Ernst ihrer Überzeugung, daß sie aber im Grunde nur das wissenschaftlich belanglose Spiel eines Außenseiters mit Paradoxien darstellten. Man darf im Gegenteil sagen, daß die Forschungen Sohms wohltuend abstechen von den idealistisch-philosophischen oder mystischen Darlegungen der Gegner straffer kirchlicher Bindung. Ein Ver- gleich ihrer mit großen Worten wie Geistkirche, Liebeskirche, Rechtskirche, Machtrausch usw. arbeitenden, aber gemeinhin recht wenig substanziierten Argumentationen und der auf Fakta aufbauenden, die theoretischen Ausführungen an Fakta messenden, nie nur ad hoc demonstrierenden Ausführungen Sohms zeigt den ganzen Unterschied. Man verzichtet auch am besten auf die Geltendmachung dieses Standpunktes in der schon erwähnten gemilderten Form, daß man sein Kirchen- recht aus seiner Frömmigkeit würdigt. Sohm hat entschieden Verwahrung eingelegt, als v. Walter in seiner Auffassung des Kirchenrechts der ersten Jahrhunderte und in seiner Definition des Katholizismus vom Recht her eine Wiederholung pietisti-

könnt e de n vo n Holstein genann - [7]

In der Tat liegt ihm

nichts ferner, als die pietistische These von der Zeit der ersten

scher Gedankengänge finden wollte 5 ).

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[8] Lieb e mi t neue n Beweisen zu wiederhole n ode r au s ih r sei n Ideal der Kirche zu erheben. Ebensowenig wie man die Luther- auffassung Holls aus seinen Predigten erklärt, ebensowenig sollte man in dem Kirchenrecht Sohms nur den Reflex seiner Frömmigkeit sehen. Der Widerspruch gegen seine Thesen kann nur mit den Mitteln einer wissenschaftlichen Diskussion be- gründet werden. Diese Diskussion, zu der nunmehr Stellung genommen wer- den soll, ist nicht so ausgedehnt, wie man angesichts der völligen Verwerfung der bisherigen kirchenrechtlichen For- schung durch Sohm erwarten möchte, wenn man von den zahl- reichen kürzeren Besprechungen und den überallhin verstreuten Apercus absieht. Im Gegenteil, man darf sogar feststellen, daß zum mindesten Sohms historische Thesen, die er in fast stereo- typierter Wendung in seinen Schriften der »herrschenden Mei- nung« gegenüberstellt, heute selbst weithin herrschende Mei- nung geworden sind. Für die Zeit der Urkirche will die be- rühmte Abhandlung Holls über den Kirchen begriff des Paulus im Verhältnis zu dem der Urgemeinde c ) im Grunde nur nach- weisen, daß Sohm seine Aufstellungen zu Unrecht auf die jerusalemische Gemeinde ausgedehnt hat, daß sie aber inner- halb dieser Grenzen, also für die paulinischen Gemeinden, zu Recht bestehen. Und ein Blick in die Neubearbeitung der zur Zeit repräsentativsten Kirchengeschichte, der von Karl Müller''), zeigt, auf wie weite Strecken dieser für das christliche Alter- tum den Sohmschen Anschauungen von der Entwicklung des Kirchenrechts und der Kirchenverfassung zustimmt. In der kanonistischen Abteilung der Zeitschrift für Rechtsgeschichte schließlich, also in der vornehmsten Fachzeitschrift, an der mitzuarbeiten Sohm nach der Mitteilung von Stutz fast als eine Sünde wider den Heiligen Geist erschien, und in der Stutz selbst mehrfach Sohms Ansichten im einzelnen wie im ganzen rundweg abgelehnt hat 8 ) , bestätigte kürzlich Boye für die deutschen Synoden des 10. und II . Jahrhunderts die Ansicht

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Sohms vo n de r rechtliche n Gleichwertigkei t alle r Synode n i m [9]

i. Jahrtausend der christlichen Kirche 9 ) und stimmte damit

einer seiner Fundamentalthesen zu. Sohm würde also heute keinen Grund mehr haben, sich über mangelnde Berücksichtigung und Anerkennung zu beklagen, und um so mehr gilt das Wort, mit dem Kahl seine Polemik gegen ihn eröffnete: »Es ist unmöglich, daß die weitere Dar- stellung des Kirchenrechts mit Sicherheit und freudigem Mut fortschreite, wenn in dieser Kardinalfrage (nämlich nach der Möglichkeit des Kirchenrechts überhaupt) eine derartig sich ausschließende gegensätzliche Auffassung zurückbleibt« 10 ). In der Tat! Schon ein flüchtiger Überblick zeigt, wie sehr sich Sohms Werk allem entgegenstellt, was bis auf ihn als gesicherter Besitz der Kirchenrechtswissenschaft gegolten hatte. Er sieht den großen Mißgriff in der Anwendung der juristischen Methode auf das Kirchenrecht. Sie habe ihm den Begriff des einerlei Kirchenrechts gebracht, also eine Auf- fassung, nach der das Kirchenrecht immer gleich gewesen sei, von den Zeiten der Apostel bis auf den heutigen Tag, so daß es sich bei seiner Geschichte nur um materielle, nicht um for- melle Unterschiede handele. Man könne nach der juristischen Methode dem katholischen und protestantischen Kirchenrecht einen gemeinsamen Teil, ein allgemeines oder christliches Kirchenrecht, ein Kirchenrecht in genere vorausschicken. Diese juristische Methode habe verschuldet, daß man nicht auf die Wandlungen des Kirchenbegriffes und die damit einhergehen- den Wandlungen des Kirchenrechts achtete und völlig ver- kannte, daß das Wesen des Rechts fließt. Im Gegensatz dazu betont Sohm, daß man ein doppeltes, ein geistliches und ein weltliches Kirchenrecht unterscheiden müsse. Nach einer kurzen Periode pneumatischer Anarchie, in der der Geist die Ordnung bestimmte, sei in der altkatholischen Zeit geistliches, göttliches Kirchenrecht aufgekommen, das bis ins 12. Jahrhundert geherrscht habe, um sich dann in ein

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unmittelbar göttliches Recht, eben das bisher allein herrschende ius divinum, und ein mittelbar göttliches Recht, das von der Kirche als solcher gesetzte ius humanuni, zu spalten. Durch die Reformation wurde dieses göttliche Recht beseitigt; an seine Stelle trat das weltliche Kirchenrecht, schließlich das staat- liche Religionsgesellschaftsrecht: das ius utrumque war gefallen. Gegen diese Thesen hat unter dem methodologischen Ge- sichtspunkt Einspruch erhoben Schönfeld in einer Abhandlung über die juristische Methode im Kirchenrecht, die er aus- drücklich als rechtstheoretische Auseinandersetzung mit Sohm

bezeichnet 1] ). Er wendet sich gegen

der Feststellung, Sohm habe offenbar bei seinem Kampf gegen die juristische Methode eine klare und wohlbegründete Ein- sicht in ihr Wesen nicht gehabt. Denn die Frage nach der juristischen Methode sei die Frage nach dem juristischen Apriori, nach der Möglichkeit juristischer Erkenntnis, und es liege eben im Wesen der juristischen Erkenntnis, daß sie nur juristische Dinge erfasse. Wenn Sohm also rüge, daß die Kir- chenrechtswissenschaft sich bisher nicht um die im Lauf der Geschichte zutage getretenen Auffassungen vom Kirchenrecht gekümmert habe, so weist Schönfeld diese Betrachtungsweise als politische oder psychologisch-historische der Soziologie zu:

diese Ausführungen mit

die Rechtswissenschaft habe nichts mit ihr zu schaffen.

Diese Kritik läuft hinaus auf einen terminologischen Streit. Schönfeld gibt ausdrücklich zu, daß man sehr wohl darüber verhandeln könne, ob dieser Gesichtspunkt bisher genügend beachtet worden sei, aber es sei eben keine juristische Frage- stellung. Nun könnte man darauf erwidern, daß Sohm ja auch gerade die reinjuristische Methode für unzulänglich hält und ihre Ergänzung wünscht. Inwiefern man ihm dann noch vor- werfen kann, er verkenne das Wesen dieser Methode und mute ihr Dinge zu, die sie nicht zu leisten vermöge, ist nicht ein- zusehen. Und ferner darf man betonen, daß Sohms Ergebnisse einen völligen Umsturz der bisherigen historischen und syste-

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matischen Auffassung des Kirchenrechts zur Folge haben [11] müßten, falls er recht behält. Den unter dieser Voraussetzung nötigen Rückzug könnte der Jurist nicht decken, indem er seinen siegreich vordringenden Gegner einer falschen Methode beschuldigt. Damit sind auch gleich die mancherlei anderen Stimmen erledigt, die Sohms programmatischen Forderungen zum Betrieb des Kirchenrechts gegenüber darauf verweisen, daß sie nichts weniger als neu seien. Wenn auch die Frage- stellung schon früher gelegentlich auftaucht, so sind doch die Ergebnisse neu, und ihnen gegenüber muß man Stellung neh- men, nicht gegenüber der Methode. Diese Kritik ist auch darum abwegig, weil Sohm nur für das Spezialgebiet der kirchlichen Rechtsgeschichte eine Forderung vertritt, die für die allgemeine Rechtsgeschichte sich immer mehr durchsetzt. Man kann vielfach aus einer rechts- geschichtlichen Abhandlung die Rechtsanschauung der be- handelten Periode nicht rekonstruieren; damit bleibt aber für das Rechtsverständnis ein ungeklärter Rest, den aufzuhellen Pflicht des Rechtshistorikers ist. Es ist damit keineswegs ge- meint, daß an die Darstellung der konstruierten Rechts- verhältnisse eine einfache Aufzählung der Begriffe und Forde- rungen anzuschließen sei, die in bezug auf die den Konstruk- tionen zugrunde liegenden Tatsachen in den Quellen enthalten sind. Vielmehr geht es um die Aufdeckung dessen, was, dem betreffenden Zeitalter vielleicht unbewußt, als »working con- ception« hinter den Tatsachen steht; es gilt, diese Tatsachen so zu formulieren, wie es die Menschen jenes Zeitalters getan hätten, wenn sie sich über sich selbst klar gewesen wären. Man mag dieser Methode das Recht absprechen, juristisch ge- nannt zu werden; es ist das unbestreitbare Wahrheitsmoment in der Position Sohms, daß der Jurist sie nicht entbehren kann. Schließlich aber scheint die Frage, der die Auseinander- setzung Schönfelds mit Sohm gilt, unter einen falschen Aspekt gerückt zu werden, wenn man den Versuch ihrer Klärung in der

SS

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[12] Form einer methodologischen Diskussion unternimmt. Es handelt sich im Grunde bei diesem wie bei jedem »Methoden- streit« nicht um die Methode. Über die juristische wie über die wissenschaftliche Methode überhaupt, das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung genommen, zu streiten, ist ein müßiges Beginnen. Die Methode hat nicht einen Sinn, sondern nur einen Zweck, nämlich den, die Wege zur Erkenntnis zu bieten, und die Kategorien, denen ihre Beurteilung unterliegt, sind nicht richtig und unrichtig, sondern zweckmäßig und unzweckmäßig. Die Methode gehört ins Proseminar; den Gegenstand, dem die in ihrem Namen geführten wissenschaftlichen Gespräche gelten, bilden gemeiniglich die Voraussetzungen der in Frage gestellten Gedankengänge. Auch die Darlegungen Schönfelds richten sich gegen die Fundamente, auf denen Sohms Gebäude ruht, nicht gegen die Handgriffe, mit denen er die Steine aufeinander- schichtet. Es ist ein axiomatischer, nicht ein methodologischer Streit, mag auch Sohm selbst seine Angriffe gegen die »Me- thode« richten.

Diese Angriffe sind diktiert von der Überzeugung, daß das Recht überhaupt, nicht etwa nur das Kirchenrecht, eine nicht material, sondern formal bestimmte Größe ist. Für Sohm ist das Recht nicht eine Provinz neben anderen im Reiche des Geistes, sondern eine, gleich noch näher zu bezeichnende, Struktur von Sätzen, die ihren Inhalt von anderen Mächten des Lebens empfangen. Diese von Sohm als Axiom aufgestellte These ist eine seiner folgenschweren juristischen Intuitionen, die beispielsweise das eigentliche Hindernis angibt, das einer Verankerung der Religionsvergehen im Strafgesetzbuch eines weltanschaulich neutralen Staates entgegensteht; der Delikts- charakter derartiger Handlungen kann nicht vom Recht, son- dern nur von der Religion aus begründet werden. Dieses Axiom also bildet die Basis der Sohmschen Kritik am Kirchenrecht. Wenn man ihn so verstehen wollte, als ob der Inhalt des Kir- chenrechts dem Wesen der Kirche widerspreche, würde man sich

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den Weg zu ihm völlig verbauen. Kirche und Recht sind darum [13] unversöhnlich, weil religiöse Wahrheiten rechtliche Struktur nicht annehmen können, ohne ihr innerstes Wesen aufzugeben. Dieses Axiom, das die Möglichkeit der Jurisprudenz als einer Wissenschaft überhaupt zum Problem macht, kann man nicht mit spezifisch kanonistischen Argumentationen bekämpfen. Man lehne es ab; und jede weitere Diskussion des Sohmschen Kirchenrechts erübrigt sich. Will man diese, so muß man jenem Axiom mindestens fiktive Geltung zubilligen. Diesem Sach- verhalt entspricht es, auf seine weitere Betrachtung an dieser Stelle zu verzichten und in die Erörterung des Sohmschen Systems selbst einzutreten, dessen Prüfung das wichtigste Stück einer Auseinandersetzung des Kirchenrechtlers mit ihm bilden muß. Der Punkt, von dem aus diese Prüfung zu geschehen hat, ist der Kirchenbegriff. Sohm selbst hat betont, daß das Kirchen- recht eine Funktion des vorausgesetzten Kirchenbegriffs sei, hat seine historische Kritik des Kirchenrechts von der Kritik des jeweiligen Kirchenbegriffs her durchgeführt, hat schließlich die Berechtigung seines eigenen Systems aus seinem Kirchen- begriff abgeleitet. Die Frage ist also: worin besteht die Eigen- art des Sohmschen Kirchenbegriffs ? Sohm geht aus von der Unterscheidung einer sichtbaren und einer unsichtbaren Kirche. Die unsichtbare Kirche ist die Vereinigung aller wahren Christen zu einem geistigen Organismus unter einem Haupte:

Christus. Die sichtbare Kirche dagegen besteht in der äußerüch erkennbaren Menge der Christen. Sie ist eine Kirche, die mit menschlichen Mitteln faßbar, berechenbar ist; jene ist für die natürliche Betrachtung unsichtbar, nur dem Glauben sichtbar, insofern also doch auch wieder sichtbar. Die Begriffe unsicht- bar und sichtbar sind folglich nicht absolute, sondern relative Größen; ihr Inhalt hängt ab von der Wahl des Zurechnungs- punktes. Sohm übernimmt mithin keineswegs die Unterschei- dung von sichtbarer und unsichtbarer Kirche in der land-

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[14] läufigen Form einer »platonischen« Unterscheidung von Kirche und Wirklichkeit 12 ). Für ihn ist auch die unsichtbare Kirche sichtbar; es gibt für den Christen nur eine Kirche, die der Glaube sieht, der Unglaube nicht sieht. Neben ihr als theo- logischer Größe stehen als juristisches und soziologisches Phä- nomen die empirischen Kirchen, die mit der Kirche im Glau- benssinn sich nicht notwendig berühren müssen, sondern nur faktisch zu berühren brauchen. Man trifft seinen Gedanken viel besser, wenn man mit einer Terminologie, die er leider nur zu- weilen, nicht konsequent anwendet, sagt: es gibt eine Kirche im Glaubenssinn und eine Kirche im Rechtssinn. Das Verhältnis dieser beiden Kirchen zueinander bestimmen das Urchristentum sowohl wie die katholische Kirche als eines der Identität; beide Kirchen decken sich. Von dieser Position aus ergibt sich notwendig die Folgerung, daß es nur eine ein- zige Kirche im Rechtssinn geben kann, daß diese und die Kirche im Glaubenssinn auch in Verfassung und Betätigung übereinstimmen müssen. In der Kirche des Glaubens herrschen Gottes Geist und Wort, also müssen auch in der Kirche des Rechts Gottes Geist und Wort das gestaltende Prinzip sein. Dieses Prinzip ist unveränderlich und sichert so der Kirche im Glaubenssinn die Gleichheit mit sich selbst im Laufe der Zeit; mithin muß auch die Kirche im Rechtssinn stets mit sich selbst gleich, unveränderlich sein. Diese Gleichheit und Un- veränderlichkeit einer Ordnung bedeuten aber in der sicht- baren Welt, daß sie rechtliche Struktur aufweist. Sohm sieht den in diesem Zusammenhang entscheidenden Wesenszug des Rechtes in seiner Gebundenheit an die Vergangenheit, darin, daß es in der Gegenwart Geltung beansprucht, weil es in der Vergangenheit gegolten hat. Sobald die Tatsache feststeht, daß es einmal in der Vergangenheit Geltung besaß, ist auch über seine Gültigkeit für die Gegenwart entschieden. Diesen Gel- tungsanspruch erhebt auch die Kirche im Rechtssinn für ihre Glaubensüberzeugungen. Wenn festgestellt ist, daß ein be-

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stimmter Glaubenssatz in der Vergangenheit galt, dann ist [15] bei der Gleichheit von Kirche im Glaubenssinn und Kirche im Rechtssinn der Geltungszwang dieses Satzes auch für die Gegenwart begründet. Die Kirche im Glaubenssinn legitimiert sich also durch den Besitz des Geistes und die von ihm aus- gehenden Wirkungen, die Kirche im Rechtssinn durch die Übereinstimmung mit der Vergangenheit. Dieser Kirchenbegriff und das aus ihm erfließende Kirchen- rechtssystem sind solange ohne Schwierigkeiten anwendbar, als innerhalb der Kirche im Rechtssinn keine Lehrgegensätze entstehen. Eine solche Spaltung trat aber im Urchristentum um die Wende des i. Jahrhunderts ein, als die Gemeinde von Korinth auf Betreiben einiger Pneumatiker ihre Ältesten ab- setzte. Die römische Gemeinde erkannte dieses Vorgehen nicht als berechtigt an und protestierte dagegen in dem i. Clemens- brief. Daraus entsprang eine doppelte Frage. Zunächst: Wie ist das Vorgehen der Korinther rechtlich zu beurteilen ? Es schafft, da die Römer ihm grundsätzlich die Anerkennung ver- weigern, eine rechtlich verschiedenartige andere Kirchen- gemeinde. Rechtlich existieren also nun zwei Kirchen. So mußte die zweite Frage gestellt werden: Wie lautet das Urteil des Glaubens ? Nach diesem kann es nur eine Kirche geben. Nun wirkt sich die Gleichsetzung von Kirche im Glaubenssinn und Kirche im Rechtssinn aus. Die rechtlich verschiedenartigen Kirchen sind rechtlich nicht gleichwertig, weil sie auch dog- matisch nicht gleichwertig sein können. Diese Ablehnung der rechtlichen Gleichwertigkeit war der ersten Christenheit noch unbekannt; für sie standen alle Versammlungen gleichberech- tigt nebeneinander. Darin liegt eine Inkonsequenz, die nur da- durch ermöglicht wurde, daß noch keine Spaltungen grund- sätzlicher Art sich zeigten. Der Zusammenstoß zwischen Rom und Korinth erzwang die logische Fortbildung der Theorie bis zu dem Satz, daß auch rechtlich nur eine Kirche bestehen dürfe. Von dieser Auffassung aus ergibt sich auch die Antwort

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[16] auf die Frage, ob denn das Vorgehen der Korinther hätte ge- billigt werden können, wenn die anderen Kirchen sich ein- verstanden erklärt hätten. Diese Frage ist ebenfalls zu ver- neinen. Abweichung von einem früheren Glaubenssatz schafft immer eine neue Kirche, nur würden die verschiedenen Kirchen bei allgemeiner Annahme der Abweichung ausschließlich nach- einander, nicht auch nebeneinander auftreten. Die Vergangen- heit entscheidet mithin über die Gegenwart; die förmliche Feststellung eines