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Dienstag, 10. Januar 2012

KULTURSZENE

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Bestandsaufnahme eines Hochtalentierten

16-jähriger Pianist und Komponist Alexander M. Wagner beweist im Konzert beachtliche Reife

Alexander M. Wagner geboren am 31. März 1995: Erster regulärer Kla- vierunterricht mit fünf, erste eigene „Notierungen“ mit sieben Jahren, mit neun „Domspatz“ und Jungstu- dent für Klavier und Komposition beim renommierten Franz Hummel mit zwölf Jahren. 2010 „Sonderpreis für herausragende Talente“ beim Kompositionswettbewerb der RE- WAG für seine erste Sinfonie „Kraftwerk“, 2011 deren CD-Ein- spielung unter dem Chefdirigenten der Bulgarischen Nationalphilhar- monie, Alexej Komjeno. Dazwi- schen immer wieder Meisterkurse, zum Beispiel bei den Professoren Carmen Piazzini (MHS Karlsruhe), Bernd Goetzke (MHS Hannover) oder Theo Breu (Professor am Con- servatoire Rachmaninoff, Paris), Konzerttätigkeit, Komponieren von Klavier-, Chor- und Kammermusik, zunehmend auch für größere Beset- zungen. Offen-freundlich und interessiert dreinblickend, weder abgehoben noch versponnen plus hochkonzen- triert auf die Aufgaben, ein „an- spruchsvolles und schwieriges Kla- vierprogramm“ vor sich zu haben (O-Ton des begrüßenden Wolfgang Kraus für die veranstaltende Pfarr- gemeinde Mariä Himmelfahrt Furth im Wald), betritt der 16-jährige Ale- xander Maria Wagner aus Trait- sching am Donnerstagabend das Po- dium in der Further Realschul-Aula und nimmt am im vergangenen Jahr gründlich renovierten Schulflügel Platz. Das Instrument kennt er in- zwischen gut: Die kulturell sehr auf- geschlossene Direktion der Schule hat es ihm bereits zweimal ermög- licht, in Blöcken damit zu arbeiten.

Zuletzt – um die Weihnachtszeit he- rum – hatte sich erneut der aus Furth im Wald stammende und in Paris lebende und am dortigen Rachmaninoff-Konservatorium als Klavier-Professor wirkende Theo Breu während seines Urlaubsauf- enthaltes des jungen Mannes ange- nommen. Dabei waren im Wesentli- chen die Stücke des Programmvor- habens Thema des Intensiv-Unter- richtes. Wie man hören konnte wäh- rend der „Nagelprobe“ im Konzert:

Alexander M. Wagner hat vermut- lich gut davon profitiert. Mit Hilfe des erfahrenen Konzertpianisten und Klavierpädagogen hatte er ein Programm, gespickt mit spieltechni- schen Höchstschwierigkeiten, aber durchaus auch mit interpretatori- schen Finessen vorbereitet. Alexander M. Wagner hat die gu- ten Prognosen zweifelsohne voll ge- rechtfertigt mit seiner Leistung an diesem Abend. Das bedarf nach ei- nem sorgfältigen, detaillierten Blick auf die Ausarbeitung dermaßen un- terschiedlicher Genre-Werke natür- lich einer Begründung: Er spielt grundsätzlich auswendig. Bei der Genauigkeit, die präzise, werkge- treue Wiedergabe betreffend, ist mit großem Respekt festzustellen: Der Junge hat überaus fleißig gearbeitet. Er hat die spieltechnischen Hürden sauber überwunden im Sinne des- sen, dass Kunst „zehn Prozent Inspi- ration und 90 Prozent Transpirati- on“ sei. Das Handwerkzeug ist also schon scharf geschliffen und auch Durchhaltevermögen und Kraft und Konzentrationsfähigkeit befinden sich auf bemerkenswert hohem Ni- veau. Bei der „Chromatischen Fantasie

hohem Ni- veau. Bei der „Chromatischen Fantasie Die Chemie stimmt zwischen Mentor und Schüler: Prof. Theo

Die Chemie stimmt zwischen Mentor und Schüler: Prof. Theo Breu und Ale- xander M. Wagner. Foto: Reitmeier

und Fuge d-Moll, BWV 903/903a“ von J. S. Bach findet man zwei Ge- sichter, die eigentlich nicht zusam- menpassen wollen. Während er der Ausführung der Fuge eine schöne, deutlich nachvollziehbare Struktur gab – flexibel und mit viel Über- blick, so wie eine barocke Fuge eben gespielt sein möchte – erinnerte die „Fantasie“ eher an verspielten Cho- pin & Co. Vielleicht ist es aber auch dem jugendlichen Hang zur Roman- tik zuzuschreiben, wenn er den Bach zum Teil etwas eigenwillig auslegt. Nichts dagegen wäre abwegiger, als bei der Eigenkomposition Wag- ners – „Die Kinder von Tscherno-

byl“ – an Bilder schöner blauer Blu- men der Romantik zu denken. Frap- pierend: Als 13-Jähriger hat er die- ses tief traurige, mit Melancholie nur unzureichend beschriebene Charakterstück komponiert. Verge- genwärtigt man sich die Bilder, die Menschen rund um den Globus ver- stört haben – Kraftwerks-Ruine, verlassene öde Dörfer rund um den Katastrophenreaktor in der Ukrai- ne, Agonie, herumliegendes nutzlos gewordenes Spielzeug, darbende Tiere um die sich niemand mehr kümmert, Trostlosigkeit – so kann man sich schon vorstellen, wie diese auf einen so sensiblen, musisch be- seelten Jugendlichen gewirkt haben müssen. Alexander M. Wagner hat dieses stille Grauen, das bis heute anhält und mit Fukushima neue Ak- tualität erlangt hat, im Stil einer „Klavierimprovisation“ Debussys oder Saties verarbeitet – mit einer besonders berührenden künstleri- schen Reduktion, Reife und Tiefe. Doch zurück zum Literaturspiel:

Während das wohl eher als Motiva- tion gedachte vereinzelte Bravo nach dem Bach zum Auftakt noch etwas verfrüht erschien, war es jetzt, zur Sonate Nr. 7 B-Dur von Sergej Prokoffjev, durchaus akzeptabel. Der junge Mann sagt von sich, dass er eine gewisse Affinität zum Jazz habe. Diese hat ihn vermutlich auch darin bestätigt, Jazz-Parallelen in der Musik des kosmopolitischen Russen zu sehen, der unter anderem Gershwin kennengelernt hatte. Ve- hemenz, Leidenschaft, Tempera- ment, aber auch schnelles dynami- sches Umschalten zeigen die drei Sätze. Geschickt und mit beinahe routinierter Übersicht baut Wagner

Spannung auf, spielt im 3. Satz so- gar provokant rhythmisch pointiert. „Da haben wir schon hart daran gearbeitet“, sagt Prof. Theo Breu über das Hauptstück des Abends, das eine veritable Herausforderung selbst für gestandene Konzert-Pro- fis darstellt: die „Klaviersonate h- Moll“ von Franz Liszt. Selbst die Arrivierten gehen mit Respekt an dieses Werk heran, weil es so unge- heuer vielschichtig ist und so spiel- technisch anfordernd. Wenn er denn einen so immensen Respekt davor hätte, so lässt sich dieser Bursche den nicht anmerken. Seine Aus- strahlung ist angespannt, aber posi- tiv, selbstbewusst und nicht das „scheue Reh“. Wie er diesen „pianis- tischen Hammer“ dann aber bewäl- tigte, hielt ernsthafter Betrachtun- gen durchaus stand. Was erfreut ist nicht so sehr, dass er artistisch „Butter bei die Fische packt“ ohne ein „Handdrauf“ zu sein, sondern die besonders eindringlichen Inter- pretationen langsamer, lyrischer Passagen. Hier zeigt er eine „zärtli- che Hand“, wie man ihm das, alters- gemäß, kaum zutrauen möchte. Wenn er nach fiebrigem Vorlauf eine Doppelfermate setzt und verzugslos in eine friedvolle Stimmung hinein- gleitet, ist das sehr schön und ver- bindlich. Und noch: Alexander M. Wagner sollte sich zudem seine „freigiebige“ Art erhalten, sich um Zugaben nicht extra lange bitten zu lassen. In schö- ner Auswahl waren das an diesem Abend ein lockerer Gershwin, de Fallas virtuoser „Feuertanz“ und – seinem Professor Theo Breu gewid- met – eine so elegante wie rasante Chopin-Etüde. Johann Reitmeier

„Da machte die Orgel Augen“

Konzert für alle Sinne: Italienischer Star-Organist Paolo Oreni beendete Orgel-Triduum

„Da wird unsere Orgel Augen ma- chen!“ Ein Insider der Rundinger Reihe „KlangFarben“ sagte treffsi- cher voraus, was sich beim Ab- schlusskonzert des 14. Orgel-Tridu- ums am Dreikönigstag dann tat- sächlich in St. Andreas abspielte. Aber nicht nur die Orgel machte Augen, auch das Publikum. Denn Oreni überspringt mit seiner – in Italien und Frankreich nicht unge- wöhnlichen – Praxis der Videoüber- tragung in den Kirchenraum bei uns bewusst Grenzen. Für manche seiner etwas traditio- neller orientierten Musiker-Kolle- gen scheint das tatsächlich ein Ta- bubruch zu sein. Andere Freunde der „Königin der Instrumente“ emp- finden es dagegen als ein lange her- beigesehntes, bewegendes Erlebnis, hinter die Ballustrade einer Orgel- Empore blicken zu dürfen. Es ist nachgerade höchst befriedigend, zu sehen und zu hören, wie die Regis- trierungstechnik funktioniert, wie die Elektronik und Mechanik – nun nicht mehr so ungeheuer geheimnis- umwittert und elitär den Organisten vorbehalten – die Klangfarben er- zeugt und verändert. Fürsorgliche wiederum befürchten, die geballt auf das Publikum einstürmenden akustischen wie optischen Eindrü- cke würden sich gegenseitig behin- dern, vielleicht aufheben. Mag ja sein, dass man sich erst mal daran gewöhnen muss, beides in Einklang zu bringen. Und sicher muss/darf erst recht nicht in einer liturgischen Orgelbegleitung ihre erhebende, sakrale Wirkung durch medien- wirksame Ablenkungen beeinträch- tigt werden. Aber – im Konzert? Doch wohl goldrichtig für Wissbe- gierige, an der Musik und deren Genese interessierte Zuhörer! Zum Geschehen selbst: Der Orga- nisator der KlangFarben, Franz Amberger, stellt den Solisten Paolo Oreni dem Publikum vor, weist auf die Besonderheiten – Videoübertra- gung und die damit verbundenen Chancen des dualen Genusses – hin.

Der Künstler geht in einer kurzen, temperamentvollen Einführung auf das Programm ein, setzt die einzel- nen Werke in Kontext zur Entste- hungszeit. Ein Beispiel: „Mozart tut mir so leid, dass er diese „Phantasie in f-Moll“ nur für ein so vergleichs- weise winziges, mechanisches Or- gelwerk schreiben durfte. Wie glücklich wäre er wohl gewesen, sei- ne herrliche Musik mit den viel um- fassenderen Möglichkeiten eines so wunderbaren Instrumentes wie die- ser Vleugels-Orgel zu verwirkli- chen.“ Die Aussage scheint in der Tat wichtig zu sein, wenn man sich Orenis innovativer Musikpraxis an- nähern will. Er ist ein Meister des Nichtwiederholbaren. Selbst wenn er Originalliteratur spielt, hat vieles die Anmutung der Improvisation. Da übertreibt er gelegentlich schon mal, lässt dem Gaul die Zügel schie- ßen und verfremdet bis zur Un- kenntlichkeit – wenn er beispiels- weise als höfliche Hommage an die Gastgeber die Deutsche National- hymne – kaum herauszuhören – als Impro-Thema verwendet. Doch selbst eingefleischte Vertreter der historisch reinen Lehre können ihm nicht vorwerfen, bei allem Wunsch um zeitgemäße Interpretation die „Triosonate Nr. 5“ von J. S. Bach nicht in so wunderbar warmem ba- rock-intimen Stil gespielt zu haben, dass sie einen im Innersten berührte. Aus Verehrung für den vielleicht größten Komponisten aller Zeiten hat er sich da ganz reell um Zurück- haltung bemüht, dankbar verzeich- net vom Publikum. Schon bei der vorhergehenden Mozart-Fantasie konnten die Zuhö- rer den unmittelbaren Eindruck ge- winnen, was aus einer an sich recht schlichten Thematik herauszuholen ist, mit wie viel Forschergeist und Findungsgabe der Meister in das enorme Spektrum der Vleugels ein- taucht, reine Farben einsetzt, sie mischt, wie es das Maler tun. Und zwar zumeist, so scheint es, aus dem Augenblick heraus geboren. Freilich

trügt dieses Gefühl ein wenig: Denn dem Konzert selbst hat Oreni eine aufwändige Vorbereitungszeit vo- rangestellt, die in der Konsequenz eben in den gezielten Vor-Registrie- rungen gipfelt. Es sei aber auch nicht verschwie- gen, dass der junge Virtuose schon ganz gern mit der bildlichen Dar- stellung kokettiert – nicht nur aus künstlerischen Gründen. Eine klei- ne Szene am Rande: Es menschelt, wenn er sich augenzwinkernd lä- chelnd, mit Blickkontakt zum Audi- torium, die Hände am Heizstrahler wärmt und so einen kleinen Moment noch mehr Nähe zwischen oben und unten erzeugt. Im Vergleich zu den vorhergehenden Werken von Mozart

und Bach lag nun mit der „Großen Phantasie und Fuge“ von Franz Liszt ein weit spektakuläreres Stück Virtuosität auf. Oreni kommt diese gewaltige Komposition entgegen. Es wird überdeutlich, dass meisterli- ches Spiel und interpretatorische Kreativität so viel mehr ist als nur technisch souveräne Manual- und Pedalarbeit – wenngleich diese, di- rekt zu beobachten, schon atembe- raubend genug ist. Man ist zwangs- läufig hin- und hergerissen zwi- schen der Akrobatik von Händen und Füßen und seinen Fähigkeiten als grandioser Erzähler mittels fas- zinierender Klänge. In den Choral- teilen malt er Bilder von beinahe überirdischer Schönheit, deren Ent-

er Bilder von beinahe überirdischer Schönheit, deren Ent- Überschäumendes südliches Temperament trifft auf virtuose

Überschäumendes südliches Temperament trifft auf virtuose Orgelkunst: Paolo

Foto: Reitmeier

Oreni an der Vleugels-Orgel.

stehen man sogar sehen kann. Der Spannungsbogen, die unaufhaltsa- me Steigerung bis zum furiosen Fi- nale drückt sich in seiner Körper- sprache aus, er ringt scheinbar um jede Klangsequenz, jede Figur, um jede Auflösung mutig gesetzter Kon- traste. Das verfehlt nicht die Wir- kung auf die Zuhörer, deren Erre- gung sich ebenfalls in Körperspan- nung und Mimik zeigt und sich erst geraume Zeit nach dem ewig langen Schlusspunkt in spontanem Zwi- schenapplaus löst. Nach diesem wilden Husarenritt war verständlicherweise kaum mehr eine wirkliche Steigerung im freien Improvisationsteil drin. Trotzdem entstand eine packende Lehr-Vier- telstunde darüber, was einer wie Paolo Oreni aus den drei Themen- vorschlägen herauszumeißeln imstande ist. Die Themenvorgaben aus dem Publikum: „Der Liebes- traum“ von Franz Liszt, ein Tocca- tensatz nach Widor und ein Lied aus dem Gotteslob. Wie gesagt, es wurde exemplarisch vorgeführt, wie man die Vleugels zum Beben bringen kann. Organistische Explosionen in Serie, ein Brillantfeuerwerk, ein Tongewitter, heißer Flamenco auf den Pedalen. Dann, zwischendurch, intimes Gefühls-Klang-Kino zum Durchatmen vor dem nächsten ge- waltigen Cluster. Eine witzige Klei- nigkeit: Wann hat man schon einmal ein Gotteslob-Lied zum Rhythmus von Ravels „Bolero“ gehört? Für die erste von zwei Zugaben holte sich der Meister seinen „alten Kumpel“ Jan von Hassel aus Re- gensburg auf die Empore. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu vier Händen und vier Füßen, den Termi- nus „Freiheit“ sehr wörtlich genom- men. Zu guter Letzt ein aufgeweck- ter Rausschmeißer: Die „Badinerie“ aus Bachs Orchestersuite BWV 1067. Die stehenden Ovationen quittierte der Meister mit mehr als höflichen Komplimenten an die Adresse der wunderbaren Vleugels-Orgel. Johann Reitmeier