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22.4.2017

22.4.2017 Naturwissenschaft: Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT WISSENSCHAFT WELTRAUM NATUR

Naturwissenschaft: Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT

WISSENSCHAFT NATURWISSENSCHAFT

DerMann,derCharlesDarwinaufdenKopfstellt

Von Meghan Walsh | Veröffentlicht am 07.09.2015 | Lesedauer: 8 Minuten

22.4.2017

Naturwissenschaft: Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT

Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT Links: Ein auf den Kopf

Links: Ein auf den Kopf gestelltes Porträt von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie. Rechts: der 33-jährige Physiker Jeremy England

Quelle: pa/Rachel Tine für OZY

Der Darwinismus erkläre die Evolution, aber nicht den Ursprung intelligenten Lebens, sagt Jeremy England. Seine Theorie: Atome organisieren sich von selbst so entstehe aus Unbelebtem Leben.

A

n einem sonnigen Nachmittag in einem belebten Café keine zwei Kilometer vom Campus der Stanford-Universität in Palo Alto und

über 8000 Kilometer von zu Hause, spricht ein Juniorprofessor des MIT (Massachusetts Institute of Technologie, Boston) mit mir

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über Wissenschaft über ziemlich abgehobene noch dazu. Er heißt Jeremy England und könnte mit gerade 33 Jahren zum neuen Darwin werden.

Wiebitte?

Der Harvard-Absolvent und Rhodes-Stipendiat spricht rasch; wenn die Erregungskurve steigt, steigt auch seine Stimme, und seine Hände mit ihren langen Fingern gestikulieren ruckartig. Er ist hager, hat ein lang gezogenes Gesicht mit Fransenbart und nachlässig gekämmtes dunkelblondes Haar wie man sich einen theoretischen Physiker eben vorstellt. Aber da sind auch die brandaktuellen Adidas-Sneaker an seinen Füßen und die Kippa auf seinem Scheitel. Und der Umstand, dass dieser Naturwissenschaftler viel über Gott redet.

SeinegroßeIdeeinderKurzversion:UnterdenrichtigenBedingungenwirdsicheinezufälligeGruppevonAtomenohneäußerenAnlass selbst so organisieren, dass sie Energie effizienter nutzt. Mit der Zeit und mit genau der richtigen Menge von zum Beispiel Sonnenlicht kann eine Traube von Atomen dem erstaunlich nahekommen, was man Leben nennt.

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Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT Der 33-jährige Physiker Jeremy England

Der 33-jährige Physiker Jeremy England arbeitet als Juniorprofessor am MIT (Massachusetts Institute of Technologie, Boston)

Quelle: Rachel Tine für OZY

Denkt man das weiter, so könnte manches, was wir als unbelebt betrachten, als lebendig gelten. Es kommt darauf an, wie wir Leben definiereneineÜberlegung,zuderEnglandsArbeitgeradezuherausfordert.VijayPande,ProfessorfürChemieinStanford,sagt:„Man hält den Ursprung des Lebens für ein seltenes Ereignis. Jeremys Vorschlag macht Leben zur Folge physikalischer Gesetze statt zum Zufallsgeschehen.“

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Die Idee Englands mag merkwürdig, ja unglaublich klingen. Sie hat aber eine ganze Reihe hochrangiger Forscher aufmerksam werden lassen. Denn während der Darwinismus die Evolution und die Komplexität unserer Lebenswelt erklären mag, leistet er das nicht für den BeginnintelligentenLebens.

England zeichnet sein beharrliches Fragen nach genau dem Schritt aus, der all unseren Annahmen über das Leben vorausgeht so Carl Franck, Physikprofessor an der Cornell-Universität, der die Arbeit Englands aufmerksam beobachtet. „Ungefähr alle 30 Jahre ereignet sich

ein großer Schritt nach vorn“, meint er. „Jetzt steht einer an, und das könnte er sein.“

Und er käme von einem modernen orthodoxen Juden mit coolen Sneakern.

Bevor England ein frommer Mann wurde heute betet er dreimal täglich , war er ein Naturwissenschaftler. Seit er lesen konnte, verschlang er die Bücher nur so, sei es Philosophie, Musik oder Fantasy. Mit neun arbeitete er sich durch Stephen Hawkings „Kurze GeschichtederZeit“.

Campus, der nicht weit von ihrer kleinen Heimatstadt an der Küste liegt. Aber der Vater meint, diese Erziehung könne nicht ansatzweise dieintellektuelleNeugierseinesSohneserklären.

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Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT England geht davon aus, dass

England geht davon aus, dass Leben als Folge von physikalischen Gesetzen entsteht. Wobei sich zufällige Gruppen von Atomen selbst organisieren und dem erstaunlich nahekommen,wasm

Quelle: Getty Images

Auch nicht seinen Hang zu großen Fragen. Als er vor einigen Jahren mit einem Freund aus Kindertagen zusammensaß, erinnerte der ihn daran, dass der kleine Jeremy ihm einmal ganz unvermittelt gesagt habe: „Weißt du, Adam, wenn die Dinosaurier aussterben konnten, dann können wir das auch.“ Da war England drei Jahre alt.

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Er selber sagt, dass er erst mit ungefähr sieben Jahren das unangenehme Gefühl bekam, „nicht genug zu wissen“. Es sollte ihn durch eine beinahe komische Abfolge renommierter Universitäten hindurch verfolgen: Harvard, Oxford, Stanford, Princeton bis heute: Seit drei Jahren hat er einen Lehrauftrag am MIT inne.

Gott spielte in Englands Leben lange keine große Rolle. Zwar ist seine Mutter Jüdin der Vater wuchs lutherisch auf, machte sich jedoch wenig daraus , aber zu Hause wurde nicht viel über den Glauben gesprochen. Zwar gab es zu Pessach ein festliches Essen, und zu Hannukah zündete man Kerzen an, aber eine Bibel besaßen sie nicht.

England sagt, seine Mutter sei 1947 in Polen geboren worden und viele Verwandte seien im Holocaust ermordet worden, darunter ihre Großeltern. Diese Erfahrung hätte bewirkt, dass sich für sie mit dem Judentum negative, schmerzhafte Gefühle verbanden und sie zu ihm auf Distanz ging.

Wielässtsichentscheiden,obetwaslebendigistodernicht?

So erscheint es beinahe ironisch, dass sich England jenem Glauben zuwandte, dem seine Mutter den Rücken gekehrt hatte, als er dem

Antisemitismusbegegnete.Alserzwischen2003und2005inOxfordstudierte,bekameresmitantiisraelischenHaltungenseiner

Kommilitonenzutun.

Es kam, wie es kommen musste: Er begann zu lesen und Leute auszufragen, um eine eigene Haltung in der Sache zu finden. 2005 besuchte er zum ersten Mal Israel und „verliebte sich“. Die intellektuelle Herausforderung des Thora-Studiums sei „in ihrer Subtilität und ihrem umfassenden Anspruch anders als alles gewesen, was ich je erlebt hatte“.

In Palo Alto, zwischen einem Treffen mit Professoren aus Berkeley und dem nächsten mit Studenten aus Stanford, startet England seinen Computer neu, um eine Simulation vorzuführen. Dabei erklärt er, dass sein Labor weniger mit Reagenzgläsern und Kitteln zu tun habe als

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mit Tafeln, Kreide und Computern.

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Alltäglich sei es für ihn nicht, durchs Land zu reisen und über seine Theorien zu sprechen sein Alltag sei eher, Windeln zu wechseln, mit seinem kleinen Sohn auf dem Schoß auf seinem Sitzball zu hocken und dabei nachzudenken, mit Studenten zu arbeiten und Daten in Formeln zu verwandeln.

Das war nicht immer sein Geschäft. Nach seinem Abschluss forschte er über embryonale Entwicklung und stieß dabei immer wieder auf die Frage: Wie lässt sich entscheiden, ob etwas lebendig ist oder nicht?

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Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT Zooplankton sind winzige Lebewesen, die

Zooplankton sind winzige Lebewesen, die viele Fressfeinde haben

Quelle: pa

Diese Frage verfolgte er dann mit analytischer Strenge und veröffentlichte 2013 eine Formel, die angibt, wie viel Energie erforderlich ist, damit Autoreplikation stattfindet, damit sich eine Struktur also selbst erneuert oder vervielfältigt. Diese Forschungen waren für England jedoch nur der Anfang. „Ich musste immer darüber nachdenken“, erzählt er, und seine eigentlich tiefe Stimme wird höher, bis sie bricht. „Das war so frustrierend.“

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Das folgende Jahr arbeitete er an einem weiteren Aufsatz, der nun im Peer-Review-Verfahren begutachtet wird. Darin fasst er seine bisherigen Ergebnisse zusammen, um zu erklären, wie unter bestimmten physikalischen Bedingungen aus Unbelebtem Leben entstehen kann.

Einfach ausgedrückt, geht es beim Darwinismus und dem Begriff der natürlichen Selektion darum, dass angepasste Organismen sich weiterentwickeln,uminihrerUmweltzuüberlebenundsichbesserfortzupflanzen.

Das stellt England nicht infrage, doch meint er, es sei zu ungenau. Als Beispiel führt er an, dass Blauwale und Phytoplankton unter

denselbenBedingungenlebennämlichimMeer,dasjedochmitsehrunterschiedlichenMitteln.Unddasliegtdaran,dasssiezwaraus denselben Grundbausteinen bestehen, dass ihre DNS-Stränge jedoch jeweils anders zusammengesetzt sind.

JudentumhatkeineProblememitdenLehrenDarwins

Nun nehme man eine Simulation von England hinzu: Eine Opernsängerin hält ein Glas in der Hand und singt eine bestimmte Frequenz. England macht nun die Prognose: Statt zu zerspringen, werden sich die Atome neu arrangieren, um die Schallenergie besser zu absorbieren und so das Glas länger bestehen zu lassen. Was ist nun der Unterschied zwischen dem Glas und einem Plankton-Organismus, der sich über einige Generationen neu arrangiert? Kann das Glas nun als lebendiger Organismus gelten?

So faszinierend solche Gedankenspiele sind: Leider hat Englands Arbeit noch keine Antworten erbracht. So verbleibt der Forscher sozusagen im Stand der Spekulation, während er verbissen daran arbeitet, all das zu quantifizieren und zu formalisieren.

„Er hat noch nicht genug Karten auf dem Tisch“, sagt Franck. „Er braucht mehr überprüfbare Vorhersagen.“ So bleibt abzuwarten, wo England am Ende landet. Andere Forscher haben ähnliche Behauptungen über Energiedissipation bei Nichtgleichgewichtssystemen aufgestellt; keiner hat jedoch einen Weg gefunden, diese Erkenntnisse auf den Ursprung des Lebens anzuwenden.

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DIEERDGESCHICHTE-KOMPLETTALSCOMIC

auf den Kopf stellt - WELT DIEERDGESCHICHTE-KOMPLETTALSCOMIC 1von12 So sah es vor sehr, sehr langer Zeit

1von12

So sah es vor sehr, sehr langer Zeit auf der Erde aus. Der Comiczeichner Jens Harder hat sich der Evolution angenommen.

Quelle: Jens Harder/ Carlsen Verlag

Urknall? Quarks? Protonen? Harder vermisc Naturwissenschaft und religiöse Schöpfung

Quelle: Jens Harder/ Carlsen Verlag

Was hat nun Gott mit alldem zu tun? Auf seiner Suche nach Antworten findet sich England natürlich mitten auf dem klassischen Schlachtfeld zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität wieder. Während nun Christentum und Darwinismus einander eher widersprechen, hat das Judentum keine Probleme mit den Lebenswissenschaften.

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Der amerikanische Rabbinerrat (Rabbinical Council of America) nimmt sogar den Standpunkt ein, dass „die Evolutionstheorie recht verstanden mit dem Glauben an einen göttlichen Schöpfer nicht inkompatibel ist“.

England für seinen Teil glaubt, dass Wissenschaft Erklärungen und Vorhersagen ermögliche, dass sie uns aber nie sagen könne, was wir mit der gewonnenen Information anfangen sollen. Hier kommen die religiösen Lehren ins Spiel, sagt er. Schließlich hat derselbe Mann, derimBegriffist,einenentscheidendenSchrittüberDarwinhinauszutun,sichindenletztenzehnJahrenpenibeldurchdieThora gearbeitet und sie Wort für Wort interpretiert, mit demselben Antrieb, mit dem er als Wissenschaftler dem Leben nachspürt.

SeineSchlussfolgerung?DieüblichenÜbersetzungensindungenügend.ZumBeispielderBegriff„Schöpfung“:Englandmeint,wir verstünden ihn nicht buchstäblich als das Verfertigen der Erde, sondern eher als Vorgang, der Erde einen Namen zu geben. In der gesamten Bibel, sagt er, gebe es Begriffe, die anders gedeutet werden könnten, als wir es gewohnt sind.

Das gilt sogar für manche berühmten Figuren der Bibel, etwa für Joseph, den alten biblischen Traumdeuter, der zum mächtigsten Mann Ägyptens nach dem Pharao aufstieg. Vielleicht, so England, war Joseph gar kein Wahrsager. Vielleicht war er Wissenschaftler.

WIEBIOLOGENDARWINSTHEORIEBESTÄTIGEN

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Der Mann, der Charles Darwin auf den Kopf stellt - WELT 1von13 Wie Biologen Darwins Theorie

1von13

Wie Biologen Darwins Theorie immer wieder bestätigen: Orchideen sind Darwins Beispiel für Koevolution: Er fand heraus, dass bestimmte Orchideenarten nur von bestimmten Insektenarte

Quelle: picture-alliance / akg-images

Raubwanzen wird Darwin in Südamerika ke Experten streiten sich, ob er Hypochonder w

Quelle: Okapia

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