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Greenpeace-Dossier

Die Akte Gorleben


Die Entscheidung für den Standort Gorleben als künftiges Endlager für Atommüll –
ein Abriss der Geschichte, zusammengestellt aus Artikeln von Karl-Friedrich Kassel.

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Greenpeace ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt. Spenden sind steuerabsatzfähig.
Text: Karl-Friedrich Kassel, V.i.S.d.P.: Mathias Edler STAND 05/2010
Im Jahr 1977 wird – überraschend – der Gorlebener Salzstock als mögliches Endlager
für hoch radioaktive Abfälle benannt. Jahrelange Erkundungen folgten, erst seit 2000
verhinderte ein Moratorium die Arbeiten. 2010 soll nun weiter geforscht werden – er-
gebnisoffen, wie es heißt.
Wer traf 1977 die Entscheidung? War der Standort Gorleben Ergebnis eines wissen-
schaftlichen Auswahlverfahrens?
2009 stellt Greenpeace bei zwölf Ministerien und Behörden Antrag auf Akteneinsicht,
tausende Originaldokumente werden gesichtet und ausgewertet. Karl-Friedrich Kassel
war in diesen Monaten dabei und hat die Abläufe der Benennung des Atomstandortes
Gorleben in einer Artikelserie geschildert. Die Artikel wurden im April 2010 in der Elbe-
Jeetzel Zeitung Lüchow-Dannenberg abgedruckt, nachfolgend sind sie in diesem Dos-
sier zusammengefasst zu lesen. Sie geben einen Überblick darüber, was in den siebzi-
ger Jahren geschah. Im Anhang finden sich zudem Ausschnitte aus den im Text er-
wähnten Dokumenten. Die Originaldokumente lassen sich vollständig unter
http://www.greenpeace.de/gorlebenakten einsehen.

„Das Ergebnis hat unter den Beam- beitung und Endlagerung übernommen
ten Überraschung ausgelöst“ hätten. Auch nach der Standortbenen-
nung von Gorleben forderte er von der
Wie CDU-Ministerpräsident Albrecht Bundesregierung in Bonn, nach Alternati-
gegen seinen Willen einen Atom- ven zu suchen.
standort benannte
Die Bundesminister reagierten genervt. In
Die wahre Geschichte des Atomstandor- Briefen und persönlichen Konferenzen
tes Gorleben beginnt mit der Korrektur machten sie Albrecht klar, dass ein NEZ in
eines im Wendland verbreiteten Feindbil- Deutschland sein müsse. Und dass es
des. Im Gedächtnis der Atomkraftgegner Niedersachsen sein sollte, wo es errichtet
in Lüchow-Dannenberg, vornehmlich je- wird. Völlig ungewöhnlich: gleich drei Bun-
ner, die sich noch an den Tag der Stand- desminister reisten miteinander nach Han-
ortbenennung 22. Februar 1977 erinnern nover, um die Landesregierung ins Gebet
können, hat der damalige CDU- zu nehmen. Danach erst gab Albrecht auf.
Ministerpräsident Ernst Albrecht die Rolle Welches Druckmittel die drei Bundesmi-
des Bösen, der ihnen alles eingebrockt nister im Gepäck hatten, als sie am 11.
hat. November 1976 zu Albrecht reisten, ist
Die Wirklichkeit, wie sie in den Akten der nicht zu klären. Im Asse-
Landesregierung aufscheint, sieht ganz Untersuchungsausschuss gibt es die Aus-
anders aus. Wenn es 1976 nach Ernst sage, Albrechts Vorgänger, der SPD-
Albrecht gegangen wäre, dann gäbe es Ministerpräsident Kubel, hätte dem Bund
heute weder einen Standort Gorleben bereits eine Zusage gegeben. Aber warum
noch einen anderen Platz in Niedersach- musste sich sein CDU-Nachfolger Alb-
sen oder Deutschland, an dem Anlagen recht daran halten? Später wurde die Ent-
zur Lagerung und Behandlung des radio- scheidung als Vollzug der „nationalen Ver-
aktiven Abfalls konzentriert wären. Alb- antwortung“ verkauft. Die Bundesregie-
recht wollte das Nukleare Entsorgungs- rung machte jedenfalls klar, dass eine Lö-
zentrum (NEZ) nicht. Immer wieder dräng- sung mit den USA nicht in Frage kommt.
te er die Bundesregierung, drängte er Die Landesregierung wusste auch, wa-
Bundeskanzler Schmidt (SPD) oder Wirt- rum: Die Industrie wollte unbedingt eine
schaftsminister Friderichs (FDP), nach ei- Entsorgungslösung in Deutschland. Nur
ner anderen Lösung zu suchen. Am liebs- die böte die Möglichkeit, ausländischen
ten wäre es Albrecht gewesen, wenn die Kunden deutscher Atomkrafttechnik die
USA den deutschen Atomabfall zur Aufar- Entsorgung ihrer Anlagen gleich mit anzu-
bieten. Ein Standort im Lande Niedersach- tungsgenehmigung (1. TEG) führen. Die
sen muss her, da ließen die Bundesminis- wäre vor Gericht der Nachweis für eine
ter von SPD und FDP dem CDU- Entsorgungsvorsorge. Inzwischen ist die-
Landesherrn keinen Ausweg. ser dann tatsächlich gestellte Antrag 33
Jahre alt.
Und der gab nach - zur großen Überra-
schung seiner Mitarbeiter. Die waren bis- Anders als heute ging es bei der Suche
her davon ausgegangen, dass Nieder- nach einem Standort damals jedoch um
sachsen unter der neuen CDU- den Platz für ein integriertes nukleares
Landesregierung nie einem niedersächsi- Entsorgungszentrum (NEZ). Das Endlager
schen Standort für ein Nukleares Entsor- war dabei nur ein - geringer - Teil. Bei den
gungszentrum zustimmen würde. Alles, Auswahlkriterien machte die Geologie nur
was als Auswahlverfahren bis zu diesem einen Bruchteil aus. Viel wichtiger, auch
11. November 1976 passiert war, geschah für die Standortsuche, waren die oberirdi-
nur „als ob“. In der Staatskanzlei in Han- schen Anlagen des NEZ: die Wiederaufar-
nover machte ein Abteilungsleiter seiner beitungsanlage (WAA, mit 1.400 geplan-
Enttäuschung und der der anderen Minis- ten Tonnen die größte in Europa), das Ein-
terialbeamten Luft. „Das Ergebnis Ihrer gangslagerbecken (als Zwischenlager), die
Besprechung hat unter den Beamten Brennelementefertigung. Vor allem die
Überraschung ausgelöst“, schreibt Abtei- WAA mit ihren Emissionen in Luft und
lungsleiter Naß noch am 11. November Oberflächengewässer machte den vermu-
1976 an Albrecht. Überraschung deshalb, teten Schwerpunkt der Gefährdung aus,
„weil die Landesregierung damit ihre die mit der Wahl eines geeigneten Stand-
grundsätzliche Bereitschaft erklärt hat, ei- ortes verringert werden sollte. Das spie-
nen Standort - unter der Voraussetzung: geln die Bewertungen der verschiedenen
Sicherheit - zur Verfügung zu stellen“. Der damals unter die Lupe genommenen
zuständige Abteilungsleiter hielt die Ent- Standorte wider.
scheidung über einen Standort für ver-
Mit der Benennung eines solchen Ortes
früht. Sein Brief blieb ohne Erfolg. Wenige
hatte nicht nur die Landesregierung
Tage später erhielt eine interministerielle
Schwierigkeiten. Als es so weit war, hatte
Arbeitsgruppe die Anweisung, innerhalb
die Bundesregierung ebenfalls Einwände.
von vier Wochen eine Kabinettsvorlage für
Ihr passte der von Niedersachsen schließ-
eine Standortentscheidung zu erarbeiten.
lich vorgeschlagene Standort Gorleben
Albrecht hatte nachgegeben.
nicht. Zu nahe läge der an der Grenze.
Der Druck, den die Bundesregierung auf
Die Kabinettsvorlage für den 14. Dezem-
die niedersächsische Landesregierung
ber 1976 listet die Vorbehalte des Bundes
ausübte, hatte seine Ursache in der knapp
gegen die Grenznähe auf. Handstreichar-
bemessenen Zeit. Wenn nicht innerhalb
tige Aktionen von DDR-Seite aus zum Bei-
weniger Jahre eine gesicherte Entsorgung
spiel. Außerdem könnten Nato und Vier-
der radioaktiven Abfälle aus der Energie-
mächtestatus berührt werden, die Bun-
produktion nachgewiesen werden könnte,
desrepublik im Notfall auf grenzüber-
wären nicht nur Neubauten von Atom-
schreitende Planungen angewiesen sein.
kraftwerken ausgeschlossen. Selbst der
Mehrfach zwischen Dezember 1976 und
Betrieb bereits laufender AKW stünde zur
Februar 1977 schreibt Bundeskanzler
Disposition. Das hatte das Bundesinnen-
Helmut Schmidt an Albrecht. Am 15. De-
ministerium den Kraftwerksbetreibern
zember 1976 erklärt er ausdrücklich: “Auf-
nachdrücklich klar gemacht. Entsprechen-
grund dieser Gespräche sind die zustän-
de Äußerungen finden sich wiederholt in
digen Bundesminister zu der Auffassung
den Akten. Spätestens 1982, nach ande-
gelangt, daß ein DDR-naher Standort
ren Schätzungen 1985, wäre dieser Zeit-
nicht in Betracht gezogen werden sollte.“
punkt gekommen. Deshalb musste schnell
Eine ähnliche Warnung wiederholt er am
ein Standort für ein NEZ her. Dann könnte
19. Februar 1977. Genau drei Tage später
der Antrag für eine Genehmigung gestellt
beschließt die Landesregierung das Ge-
werden. Innerhalb von drei Jahren, so die
genteil: Gorleben.
Hoffnungen, würde dieser Planfeststel-
lungsantrag zu einer ersten Teilerrich-
Es ist ungewöhnlich, dass sich eine Lan- schichte der Auswahl des Salzstocks Gor-
desregierung so demonstrativ in Gegen- leben macht deutlich, mit welchem hohen
satz setzt zur Bundesregierung. Das führt wissenschaftlichen und methodischen
zu der Spekulation, ob Albrecht mit dieser Aufwand vorgegangen wurde.“
Entscheidung vielleicht sicher gehen woll-
Ein Blick in die Akten macht daraus eine
te, auf diese Weise die Verpflichtung des
Legende. An der stimmt so viel: es gab
Landes als NEZ-Standort loszuwerden?
Auswahlverfahren, nicht nur eines, son-
Tatsächlich tat sich die Bundesregierung
dern sogar zwei. Eines hat der Bund ge-
schwer. Unmittelbar nach der Ankündi-
startet, das andere die Landesregierung.
gung der Landesregierung über den „Gor-
Aber weder in dem einen noch in dem
leben“ kündigte Bonn an, über die Physi-
anderen hieß es am Ende: the winner is ...
kalisch-Technische Bundesanstalt auch
Gorleben.
noch weitere Standorte prüfen zu lassen.
Albrecht soll laut Akten reagiert haben: Die sozial-liberale Bundesregierung hatte
entweder Gorleben oder gar nicht. Diese 1974 der KEWA (Kernbrennstoff-
Aussage von damals muss im Kopf ha- Wiederaufarbeitungsgesellschaft) den Auf-
ben, wer heute von „ergebnisoffen“ redet. trag zu einer Standortsuche erteilt. Nach
der damals geltenden Auffassung, immer
Die Bundesregierung brauchte einige Mo-
erst mehrere Standorte mittels Tiefboh-
nate. Erst im Sommer 1977 akzeptierte sie
rungen zu vergleichen, wurden nach einer
die Standortbenennung. Von dem damals
bundesweiten Suche drei Orte in Nieder-
gültigen Konzept, für eine Standortsuche
sachsen erste Wahl: Wahn im Landkreis
immer mehrere Alternativen zu prüfen,
Aschendorf-Hümmling (Emsland), Lich-
ging sie allerdings erst im Sommer 1983
tenhorst bei Nienburg, Lutterloh bei Celle.
ab: unter der neuen CDU-Führung.
Gorleben hatte es nicht einmal in die er-
weiterte Auswahl der letzten acht ge-
„Geologische Untersuchungen nicht schafft. Da findet sich allerdings Lütau in
nötig für Standortvorauswahl“ Schleswig-Holstein. Der Ort liegt nahe der
ehemaligen DDR-Grenze. So weit wie Lü-
Der Atomanlagenstandort Gorleben ist tau müsste es auch Gorleben gebracht
nicht das Ergebnis einer willkürlichen poli- haben. Jedenfalls wenn die Behauptung
tischen Entscheidung - dies ist bisher die zuträfe, Gorleben wurde nur wegen der
offizielle Version der Geschichte. Der Be- Grenznähe ausgemustert. Tatsächlich
nennung ging demnach ein akribisches kommt die Grenznähe erst im zweiten,
wissenschaftliches Auswahlverfahren vor- dem niedersächsischen Verfahren, ins
aus. Seit Jahrzehnten wird diese Lesart Spiel.
verteidigt. Gelegentlich wird diese Aussa-
ge gesteigert mit der Behauptung, die Anfang 1976 waren die Arbeiten an den
damals angewendeten Kriterien entsprä- drei KEWA-Standorten mit Bohrungen
chen noch heutigen wissenschaftlichen und genehmigten Bohrprogrammen weit
Anforderungen. Das niedersächsische fortgeschritten. Am 2. Februar 1976
Umweltministerium präsentierte diese wechselte in Niedersachsen die Regierung
Komplettversion der Gorleben-Historie im von SPD zu CDU. Ministerpräsident Ernst
Herbst 2008 beim Endlagersymposium in Albrecht brauchte jede Stimme. Doch an
Berlin. den NEZ-Standorten rumorte es. Die da
protestierten, waren nicht irgendwelche
In einer Broschüre des Bundeswirt- „Spinner“, als die Atomkraftgegner damals
schaftsministeriums, ebenfalls von 2008, in CDU-Kreisen galten. Es waren die eige-
wird der politische Charakter der Stand- nen Leute: Landrat, Bürgermeister, Land-
ortauswahl nachdrücklich bestritten: “Im- tags- und Bundestagsabgeordnete.
mer wieder taucht in der Debatte um den
Salzstock Gorleben die Behauptung auf, Vor allem im Emsland, dem aus geologi-
dass der Standort Gorleben ausschließlich scher Sicht aussichtsreichsten Standort,
aus politischen Motiven ausgewählt wor- schlugen die Wogen hoch. Am 19. Febru-
den sei und dass fachliche Gründe dabei ar 1976 gaben die Regionalvertreter ihre
keine Rolle gespielt hätten. Dies trifft je- Ablehnung bei einem Treffen in der Lan-
doch nicht zu. Ein Rückblick auf die Ge- desregierung zu Protokoll. MdL Remmers
„stellte die Frage, was aus dem Hümmling der beteiligten Ministerien. Die Beamten
wird, wenn die ganze Gegend verseucht verabredeten, wie sie den Auftrag für die
ist“. „Landrat Stricker stellte fest, dass er Kabinettsvorlage ausführen wollten. Eine
aus strukturpolitischen Gründen ein Geg- Notiz in den Akten hält die Eckpunkte der
ner des Vorhabens sei.“ MdB Rudolf Sei- Verabredung fest. „Darstellung aller 4
ters drängte die Bundesregierung mit einer Standorte mit Für und Wider“, heißt es da.
Anfrage, auf weitere Bohrversuche zu ver- Es folgen die drei KEWA-Standorte. Und
zichten. Die Machtbasis der Regierung dann: „neu: LK Lüchow-D.“ Aus welchen
Albrecht war bedroht. Tiefen der Erkenntnis dieser Standort
plötzlich auftaucht, wird nicht aufge-
Der Ministerpräsident reagierte. Im Som-
schrieben.
mer 1976 rang er Bundeskanzler Helmut
Schmidt das Einverständnis ab, eine eige- Am 9. Dezember war diese Auswahl ab-
ne niedersächsische Suche nach einem geschlossen, drei Wochen nach ihrem
NEZ-Standort starten zu können. Die Boh- Beginn. Der Entwurf der Vorlage ging an
rungen an den anderen Plätzen wurden die Staatssekretäre. Zunächst sieben,
erst auf Oktober 1976 verschoben, dann schließlich noch vier Standorte wurden
eingestellt. Das Auswahlverfahren des dem Kabinett zur Auswahl gestellt: Wahn,
Bundes war beendet. Lichtenhorst, Mariaglück und Gorleben.
Bei der Erarbeitung ihrer Kabinettsvorlage
Im August 1976 begann die Landesregie-
stützten sich die Regierungsbeamten in
rung mit den Vorbereitungen für ein eige-
Fragen des Salzlagers auf eine Stellung-
nes Auswahlverfahren. Sie richtete eine
nahme des niedersächsischen Landesam-
interministerielle Arbeitsgruppe „Entsor-
tes für Bodenforschung (NLfB). Darin war
gungszentrum“ (IMAK) ein. Bis zum Spät-
der Kenntnisstand zu den jeweiligen Salz-
herbst blieben die IMAK-Akten jedoch von
stöcken in kurzen Bemerkungen aufge-
konkreten Auswahlschritten frei. Noch im
führt, etwa, ob der Bau eines Bergwerkes
Oktober 1976 fallen bei einem Treffen in
möglich oder die Schichtenfolge bekannt
den Räumen der RWE keine Namen ein-
ist. Diese Stellungnahme wird gern als
zelner Standorte. Die Bundesregierung
Beweis für die Wissenschaftlichkeit der
gab bei diesem Anlass allerdings zu Pro-
Auswahl genommen. Die Wissenschaftler
tokoll, dass sie von der Notwendigkeit
des NLfB bauten solchen Vereinnahmen
ausgeht, mehrere Standorte mittels Tief-
selbst vor. „Die Antworten auf die uns ge-
bohrungen vergleichend zu untersuchen.
stellten Fragen können nur mit gewissen
Insgesamt fünf Tiefbohrungen pro Stand-
Vorbehalten gegeben werden, da zu spe-
ort müssten es wohl sein.
ziellen Voruntersuchungen keine Zeit zur
Die Lage änderte sich Anfang November Verfügung stand“ schrieben sie, als sie am
1976. Aus Bonn reisten am 11. November 25. November 1976 ihre Expertise abga-
die Bundesminister Maihofer (FDP), Fride- ben. Auch das Sozialministerium weist in
richs (FDP) und Matthöfer (SPD) nach seiner Stellungnahme zur Standortaus-
Hannover. Erst danach war Ministerpräsi- wahl vom 29.11.1976 auf den Zeitdruck
dent Albrecht ernsthaft bereit, einen hin. Die Daten, die das Ministerium bei-
Standort für ein NEZ in Niedersachsen zu steuern könnte, hätten „nur orientierenden
benennen. Sehr zur Überraschung seiner Charakter“ und keinen Anspruch auf Voll-
Beamten (wie berichtet). Aber nur einen ständigkeit.
einzigen, nicht mehrere.
Die Landesregierung wollte auch gar nicht
Einige Tage später erhielt die IMAK den mehr wissen. In einem Entwurf auf eine
Auftrag, für die Kabinettssitzung am 14. große CDU-Anfrage vom 12. Januar 1977
Dezember eine Vorlage zu erarbeiten für heißt es: “Die der Landesregierung zur
eine Standortentscheidung. Der Auftrag Verfügung stehenden Unterlagen reichen
lautete: kein Vorschlag zugunsten eines aus, um eine vorläufige Standortauswahl
Standortes, eine Gegenüberstellung der in zu treffen. Nach Auffassung der Landes-
Frage kommenden Standorte, streng ver- regierung sind für diese vorläufige Stand-
traulich. ortauswahl geologische Untersuchungen
Wieder ein paar Tage später, am 18. No- an Ort und Stelle nicht erforderlich.“ Am
vember 1976, traf sich die Arbeitsebene 22. Februar 1977 enthalten die Akten als
Auszug aus dem Protokoll nur zwei Sätze: ändert. Dabei spielte nicht nur wissen-
„Minister Küpker referiert über den bisheri- schaftliches Erkenntnisinteresse eine Rol-
gen Stand der Beratungen. Nach einge- le. Die Planer haben die Gebiete, in denen
hender Erörterung beschließt das Kabi- das Salz untersucht werden soll, je nach
nett, Gorleben als vorläufigen Standort juristischen oder geologischen Hindernis-
eines möglichen Entsorgungszentrums für sen angepasst. Die Umstände sollten der
ausgebrannte Brennelemente zu benen- Öffentlichkeit und den Gerichten vorent-
nen.“ halten werden, um negative Einflüsse auf
Gerichtsverfahren zu vermeiden.
Von einem hohen wissenschaftlichen und
methodischen Aufwand bei der Standort- Der 1983 genehmigte Rahmenbetriebs-
auswahl schwärmte vor zwei Jahren das plan, auf den sich die Fortsetzung der Ar-
Bundeswirtschaftsministerium. Aber der beiten jetzt nach Ende des Moratoriums
Landesregierung in Hannover war schon stützt, sah eine weiträumige Erkundung
damals klar, dass sie mit der Auswahl nur des Salzstocks vor. Neun Erkundungsbe-
eines Standortes einen schweren metho- reiche (EB) waren eingeteilt auf einer Stre-
dischen Mangel schuf. cke von rund sieben Kilometern längs
durch den Salzstock. Jeder EB war min-
Bei ihrer Auswahl bediente sich die IMAK
destens 500 Meter breit.
der „Bewertungsdaten für die Eigenschaf-
ten von Kernkraftwerksstandorten“ des Aber schon bald stieß die genehmigte
Bundesinnenministeriums. Die sollten dazu Planung auf Hindernisse. Im Süden ver-
dienen, „rechtzeitig und unter optimaler sperrten Salzrechte des Grafen Bernstorff
Abwägung“ benötigte Standorte zur Ver- den Zugang zum gesamten südlichen Teil
fügung zu stellen. Die Autoren der „Bewe- des Salzstocks. Im Nordosten lagen Ei-
gungsdaten“ waren sich klar darüber, was gentumsrechte von Kirchengemeinden im
es bedeutete, nur einen einiger Standort Wege. Ein Sachstandsbericht des Bun-
zu benennen. „Fehlende Alternativen be- desumweltministeriums vom 9. August
dingen Ja/Nein-Entscheidungen über ei- 1989 beschreibt die Lage. Wenn Bernstoff
nen Standort ohne die Möglichkeit, even- und die Kirchengemeinden nicht bereit
tuell günstigere Alternativen abzuwägen“ wären, ihre Rechte abzugeben, könne
schrieben sie 1975 in die Vorbemerkun- man südlich der Schächte in Schwierigkei-
gen. Es war die präzise Kurzfassung des- ten geraten. „Eine Abwandlung der Stre-
sen, was dann in Gorleben ablief. cke nach Norden wird als nicht machbar
angesehen“ schrieb das BMU. Eine Ent-
eignung würde die politische Auseinan-
„Eignungshöffigkeit ist gemindert“ dersetzung nicht beenden.
„Vor der Hacke ist es duster.“ Diese In den Folgejahren war das Problem Ge-
Bergmannsweisheit diente in den Jahren genstand vieler Diskussionen. 1993 erin-
nach der Benennung von Gorleben als nerte das Bundesamt für Strahlenschutz
Standort für ein Nukleares Entsorgungs- (BfS) daran, das man 1991 vereinbart hat-
zentrum (NEZ) als Begründung, warum ein te, die Beratungen nicht an die Öffentlich-
Bergwerk zur Erkundung des Salzstocks keit gelangen zu lassen, „da Auswirkun-
errichtet werden musste. Die Erkenntnisse gen auf laufende Gerichtsverfahren und
durch die Bohrungen von der Oberfläche das Zulassungsverfahren nicht auszu-
aus reichten nicht. Man werde den Salz- schließen sind“, wie das BfS in einem Pro-
stock gründlich wissenschaftlich erkun- tokoll über ein Gespräch mit den Geolo-
den. Es werde ausreichend große und un- gen der BGR am 16. August 1993 ver-
gestörte Salzvolumen geben. So lauteten merkte.
die Versprechungen, als nach 1983 die
Zu diesem Zeitpunkt waren die Sorgen
Arbeiten unter Tage begannen.
größer geworden. „Eine Umgehung der
Ein Blick in die Akten der Bundesanstalt Grundstücke (von Bernstorff und den Kir-
für Geowissenschaften und Rohstoffe chengemeinden, Anm. d. Red.) bedeutet
(BGR) zeigt ein anderes Bild. Die Erkun- ein geologisches Risiko und kann zu Ver-
dung des Salzstocks von Gorleben wurde zögerungen führen“ protokollierte das BfS.
im Laufe von 25 Jahren grundlegend ge- Denn in Richtung Norden müsste man
durch den Hauptanhydrit, eine potentielle In der Folgezeit veränderten sich die Dar-
Wasserwegsamkeit im Salzstock. Das je- stellungen der untertägigen Erkundungs-
doch würde dem „Gesichtspunkt der Risi- bereiche. Erst wurde der EB 1 statt süd-
kominimierung“ widersprechen, räumt das lich der Schächte nördlich davon ange-
Amt ein. „Die Eignungshöffigkeit ist ge- legt. Dann verschwand der gesamte süd-
mindert.“ liche Erkundungsbereich. An Stelle von
Feldern mit einer Seitenlänge von über
„Eine Abweichung von der einvernehmlich
500 Metern messen die EB nach der Fas-
festgelegten Vorgehensweise bei der Er-
sung des Rahmenbetriebsplanes von
kundung wird als problematisch angese-
2009 oft nur noch 100 Meter und weniger.
hen“ heißt es weiter in dem siebenseitigen
Sie schlängeln sich ausschließlich in Rich-
Papier. Die Alternativen sähen nicht gut
tung Nordosten, vorbei an den Rech-
aus: “Aus den genannten Gründen wird
tegrenzen des Grafen Bernstorff und der
deutlich, dass die Beschränkung der Er-
Kirchengemeinden, vorbei aber auch an
kundung und Errichtung des Endlagers auf
Kaliflözen und Hauptanhydrit. Je kleiner
den nordöstlichen Teil des Salzstocks nur
der Bereich der Erkundung, desto größer
unter Aufgabe von Sicherheitskriterien mit
die Aussicht, ungestört zu bleiben. Man
zusätzlichem Zeit- und Finanzaufwand
musste den Erkenntnisbereich nur klein
möglich wäre.“ Das Erkundungsprogramm
genug machen, um ungestört weiter be-
könne zwar unproblematisch an die gerin-
haupten zu können: nichts spricht gegen
geren Erkundungsräume angepasst wer-
den Salzstock Gorleben.
den. Aber am Ende stünden nur 40 Pro-
zent der ursprünglich geplanten Endlager-
kapazität zur Verfügung. „Insgesamt ergä-
be sich aber eine Chancenverschlechte-
rung für den Nachweis geeigneter Endla-
gerflächen im Salzstock.“
Das ist noch nicht alles. Auch die Gerichte
könnten Schwierigkeiten machen, be-
fürchteten die Gesprächsteilnehmer von
BfS und BGR. „ Die bisherigen Betriebs-
planverfahren und damit zusammenhän-
gende Gerichtsverfahren gehen von der
Erkundung des gesamten Salzstocks aus
... Eine Beschränkung der Erkundung auf
dem BfS derzeit zugängliche Bereiche
würde eine Umplanung erfordern, die
praktisch ein neues Vorhaben darstellt. Für
ein solches Vorhaben würden die Bergbe-
hörden einen neuen obligatorischen Rah-
menbetriebsplan ... fordern, für dessen
Zulassung ein Planfeststellungsverfahren
mit UVP (Umweltverträglichkeitsprüfung,
Anm. d. Red.) erforderlich ist.“
Die Forderung nach einer völlig neuen Ge-
nehmigung ließe sich nur dann umgehen,
wenn in Zukunft „Baumaßnahmen auf ei-
ner Fläche von unter 10ha stattfinden“. An
der Erdoberfläche sollte allerdings weiter
so getan werden, als ginge es noch immer
um den ganzen Salzstock. Die Bergbe-
hörde, so schrieb das BfS 1993, sollte die
gesamte übertägige Betriebsfläche an-
rechnen.