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DAS PROBLEM DES SEINS BEI HEDWIG CONRAD-MARTIUS

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DAS PROBLEM DES SEINS BEI HEDWIG CONRAD-MARTIUS

Von Jean

Hering,

Strasbourg

Ein früheres Buch d.er bekannten Philosophin Hedwig Conrad-Martius

handelte von der Z e i t. Ein anderes über den R a u m erschien vor mehreren Mona.ten. Zwischen die beiden hat die Verfas.serin das sehr wichtige Werk

eingeschoben über •ein Zentralproblem der Philosophie : Die

Sei n 1 ). Wie bekannt, iJst Vf. Phänomenologin, Schmer.in von Edmund Husserl

und von Theodor Conrad. Und es muß gleich bemerkt werden, daß es bei phä-

nomenologischen Analysen besonders gefährlich wäre, nur in oberflächlicher Weise von ihren Resultaten Kenntnis zu nehmen. Man hätte dann Blumen in der Hand, die rasch voerwelken, weH sie von Wurzel und Stenge! losg.eris- sen sind. Das Buch muß also gründlich studiert we11den. Und noch einen Rat

J a h r b ü c h e r für Phi-

l o s o p h i e u n d p h ä n o m e n o 1o g i s c h e F o r s c h u n g" dieser wert-

volle Thesaurus, zugänglich sind: die dort im Band VI (1923) und im Ergän- zungsband (1929) von der Vf. veröffentlichten grundlegenden realontologischen Studien, die ihren weiteren Untersuchungen über Zeit und Realität die Bahn gebroch.en haben, nachzulesen. Selbstredend darf man auch phänomenologische Untersuchungen -- und das gilt ganz besonders von den Conrad-Martius'schen - nicht in der Erwar-

möchten wir wenigstens denen geben, denen die

Frage nach dem

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tung in die Hand nehmen, gleich zu Anfang feste Definitionen vorzufinden, mit denen rational weiter gewirtschaf:tet wird. Die phänomenologische Art des Vorgehens, wie ja schon früher Adolf Reinach und neuerdings F. G. Schmücker ausgeführt haben, bemüht sich ja gerade, den Leser nach und nach so weit zu führen, daß er dle Phänomene und Wahrheiten sieht, auf die es ankommt. Und wir sind sicher, daß die Vf. nichts beschrieben hat, was sie nicht .selber sah", wie W. Schapp seinerzeit sagte. Dies.es sich Heranpi11schen an die Phäno- mene erfordert dann eben öfters eine relativ geschmeidi·ge Term1nologi.e. W.as nun das Thema des Buches betrifft, so zeigt es, welchen Fortschritt die Martius'sche Philosophie bedeutet gegenüber einer gewissen rein eidetischen Phänomenologie, die das Seinsproblem vernachlässigt - ein Fortschritt, der aber in keiner Weise erkauft ist durch vorschnelle Konzessionen an den von Heidegger ,in die Welt gesetzten Existenzialismus, wie sich noch zeigen wird. Um nun auf die Dispos-ition des Werkes zu kommen, so handelt der Erste

Teil (s. 15-90) von den "An a 1 o g i e n

arten, die nicht dieseLben sind wie die der Realität, der Zweite Teil aber (S. 91-142) von diesem realen Sein selbst. Der Erste Teil beginnt, wie es sich gebührt, mit UnterSJuchungen über die Seinsart der S a c h v e r h a 1t e und der G e g e n s t ä n d e im allgemeinen

des Seins", d. h. von den Seins-

= Kap. 1-4). Wie bekannt, ist der Sach-

verhaltsbegriff, vor allem durch Husserl in die zeitgenössi·sche Philosophie eingeführt, eine fundamentale Größe der Erkenntnistheorie geworden. Die Sachverhalte sind es, die erkannt, behauptet, evtl. auch bezweifelt, gefragt oder geleugnet we11den. Es ist nicht "der grüne Rasen", der erkannt wird bzw. die Existenz desselben, sondern die Tatsache, daß der Rasen grün ist, oder die Tatsache, daß er existiert, und diese TatsaChe nennt man seit Husserl den SachV'erhalt. Mit vollem Recht hat daher Vf. scharf geschi-eden "den grü- nen Rasen" von dem "Grünsein des Rasens". Nur will es. uns scheinen, daß auch dieses "Grün-Sein" noch schärfer als Vf. es tut, von dem "S a c h- v e r h a I t , daß der Ras e n grün ist", unterschieden werden müßte. Ein SaChverhalt macht zunächst einmal, grob gesagt, den Eindruck einer

merkbar artikulierteren und fixierteren Entität als das schlichte So-s,ein ( 'ltotov

eivcxL ). Auf dem schlicht daliegenden

So-sein baut sich, so will es uns

scheinen, der Sv. erst auf, um zu be-s t ehe n. Darum ist er auch nicht schlicht wahr·genommen, wie das Grün-sein des Rasens, sondern f es t g es t e 11 t. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß er erst durch unser Fest-s t e 11 e n sein Be-steh n ,gewinnt. Aber dadurch daß wir ihn im Erkennen packen und ausdrücklich hin-steilen, haben wir seinen B e s t an d gesichert. Und vor allem: Alles was Vf. über die Positivität resp. Negativität der Sachverhalte so treffend ausführt, scheint uns nicht für das So-sein zu gel- ten, sondern nur für den Sv. in dem eben heraus·gestellten strengen Sinn. Es

gibt in der Tat negative Sachverhalte, z. B. "Daß der Rasen nicht grün ist", "Daß der Trojaniscile Krieg nicht stattgefunden hat". Dagegen gelingt es uns nicht, ein Nicht-Grün-Sein des Rasens anzuschauen (ebenso wenig wie ein Grün-nicht-Sein des Rasens). Wohl .aber können wir erkennen, ob der Sv. positiv oder negativ ist.

.,es regnet", kann es scile.fnen, als

("Das kategor i a 1e Sein"

Bei den Impersonalien allerdings, z.

B.

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ob der pure Vorgang sehr nahe an den

leicht kämen wir sogar damit einem kardinalen Unterschied zwischen Perso- nalien und Impersonalien auf die Spur, dem Reinach mit seiner (von Vf. mit Recht wieder aufgenommenen) Unterscheidung von ein- und mehrgliedrigen Sachverhalten vielleicht doch nicht v ö ll i .g gerecht geworden ist. Trotzdem gibt es aber auch hier den negativen Sachverhalt .,Es regnet nicht" während ein negativer Vorgang (sozusagen ein negatives no,stv oder n~oxe:'v) nicht wahrgenommen werden kann, 2 ) ebenso wenig wie das Nicht-Kommen des Zuges (dagegen kann sein Ausbleiben gemerkt werden). 3 ) Völlig einverstanden sind wir aber mit Vf., wenn sie sich weigert, die negativen Sachverhalte auf nicht existierende positive .,zurückzuführen", wie manch einer schon versucht hat. Ein bestehender negativer Sachverhalt kann sehr reale Folgen haben: z. B. kann die Tatsache, daß ein Professor nicht liest, einen Studiosus zur Umkehr aus dem Gebäude veranlassen. Es wär.e schwer einzusehen, wie ein nicht bestehender Sachverhalt in dieser Weise reale Vorgänge auslösen könnte. 4 ) Ebenso werden wir Vf. beistimmen, wenn sie es ablehnt, Alexander Pfän- der zu folgen, der alle Urteile auf Existenzial-Urteile zurückführen wollte. Der Sachverhalt, daß etwas existiert, ist ein Sv. sui generis. Wie Vf. treffend ausführt, kommt in den Existenzial-Sachverhalten ein zwiefaches .,Sein" vor:

erstens besteht dieser Sv., wie alle Sachverhalte; zweitens tritt ein Sein oder Existieren in ihm selber auf. Vom Sein (wir wüvden lieber sagen: .,vom Bestehen") des Sv. wird mit Recht von der Vf. das Sein der Gegenstände getrennt. Aber hier eröffnen sich noch merkwürdig:e Unterschiede. Ganz allgemein kann man ja von allen mög- lichen Gegenständen sagen .,es gibt sie", auch von den .,Begriffs-Gegenstän- den", di•e nur im Meinen gesetzt sind. 5 ) Es gehört allerdings viel Mut dazu, um von d e n Begriffs-Gegenständen, die p e r d e f i n i t i o n e m sich nicht

kundg e b e n können, zu sagen, daß es sie g i b t. Aber man muß zugeben, daß ein anderer Ausdruck schwer auffindbar ist. Lassen wir die Begriffsgegenstände weg, so bleiben noch eine ganze Reihe von nicht realen Gegenstandsarten, die sich in echter Weise in ihrem Sein und ihren Eigenschaften kundgeben (und selbst-redend mit "Begriffen" noch weniger zu tun haben als die Begriffsgegenstände).

die W es e n h e i t e n , die I d ·e e n

und die i d e a 1e n Gegenstände, die leider bei Husserl und manchen andern nicht scharf (und manchmal nicht einmal unscharf) .g.etrennt wurden. Um die Eigenart der W e s e n h e i t ·e n herauszustellen, geht Vf. von dem aristotelischen Unterschied der notwendi·gen und zufälligen Attribute eines

Sv.

.,daß es re.gnet" herankommt: viel-

Es handelt sich hier vor allem um

2) Gerrauere Analysen müßten natürli<h auf den Unterschied von V o r g ä n g e n und E r - e i g n i s s e n eingehen. 3) Für das gerrauere Studium der Impersonalien wären die Analysen von H. A m m an n (Jahr- buch, Ergänzungsband 1929) zu berücksichtigen. 4) Wir sprechen hier absichtlich von realen F o 1 g e n und nicht von • Wirkungen". Denn man muß hier sehr vorsichtig sein. 5) Es ist eines der Verdienste des vorliegenden Werkes, Begriffsgegenstände nicht mit Begriffen verwechselt zu haben, wie es früher Mode war. Ein B.-Gegenstand ist das, was im B. gesetzt oder vermeint ist, einerlei übrigens ob er sinnvoll ist oder nicht (wie ein rundes Viereck).

30 Ztft. !. philosoph. Forschung XIII/3

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MITTEILUNGEN

Subjekts aus. Die notwendigen gehören zum Wesen einer Sache (oder grün- den in ihm), und dieses We·sen ist eine Kundgabe einer Wesenheit, die selbst mit Gegenständen nichts zu tun hat, sie aber erst ermö.g~icht - und zwar auf verschiedene Weisen, auf die aber hier nicht näher eingegangen werden kann. Diese Wesenheiten sind die .,Mütter" (nicht die .,Gegenstände") aller a priori- schen Forschung, und die l<etzten Wurzeln von allem was existiert, dürfen aber selbst nicht vergegens,tändlicht werden, da jeder Gegenstand erst durch Teilhabe an einer oder mehreren Wesenheiten zustande kommt. Sie sind, wie wir seinerzeit in uns·erer Schrift über ,.Wesen, Wesenheit und Idee", 6 ) auf die Vf. sich öfters bezieht, betont haben, 1tpiii't~L ol}cr[~L, womit wir ihnen natürlich nicht •ein volles Dasein wie den real.en Gegenständen zusprechen wollten, sondern eben nur ein erstes, primitives Sein. An mehreren Punkten hat übrigens Vf. unsere· damaligen Ausführungen entscheidend wei- tergeführt, z. B. durch die Berücksichtigung der unvollkommen oder verküm- mert konkretisierten Wesen:heiten (es gibt 4-blättrige K1ee-Exemplar·e, womit das Wesensgesetz der 3-Blättrigkeit nicht aufgehoben wird) und auch durch die Einführung der einen Organismus ermöglichenden Wesenheilen- Wesen- heilen höherer Stufe sozusagen, die man nicht sieht, wenn man auf der Schichte rein formalontologischer Forschung stehn bleibt.

Von den W·esenheiten s.ind scharf zu trennen die .,Ideen". Erstens kann jedes Etwas .,in :Idee" gesetzt werden - einerlei übrigens ob wirklich oder fingiert - wenn man von s•einer Existenz absieht, ohne Rücksicht darauf, oh dieses Etwas eine Wesenheit zum Ausdruck bringt oder nur ein Konglomerat von .,Formen" darstellt. Zweitens haben die Ideen immer s.elber an den We-

senheiten teil, gehören also in gewisser Weise auf die Seite der Gegenstände. Natürlich gibt es, wie schon Husserl betonte, nicht nur allgemeine, sondern

die Idee bilden von .,Rot dieser

ganz besonderen Nüance", Immerhin sind es die allgemeinen, die in der Phi- losophie die Hauptrolle spielen, und ein Feld unbegrenzter a priorischer For-

auch individuelle Ideen. So kann ich z. B

schungen eröffnen.

1e G e g e n s t ä n d e"? Zu ihnen rechnet man vor

allem die mathematischen Geg·enstände, also Figuren und Zahlen. Dabei muß man die Zahl streng unterscheiden von der .,Anzahl". Die Anzahl gibt .,das Ansmaß einer Menge an", Mit der Zahl .,verläßt man die konkreten Verhält- nisse". Mit ihr ist das Ansmaß für sich gesetzt - und ähnliches wäre für die geometrischen Figuren und Größen ausz·uführ.en. Wodurch unterscheiden sich aber die .,idealen Gegenstände" von den Ideen? Nun, die idealen Gegen- stände sind in einer viel ausgeprägterenWeise dem Bewußtsein transzendent. Man kann sie nicht dadurch .,herstellen", daß man ein bestimmtes Etwas .,in Idee setzt"; ,sie drängen sich uns auf, und haben in ihrer Sphäre ihren be- stimmten unverrückbaren Ort. Alle mathematischen .,Konstruktionen" und Kunstgriffe haben sich letzten Endes nach ihnen zu richten. Wir könnten hin- zufügen, daß den .,Ideen" eine quasi-Zeitlichkeit mindestens anhaften k an n. Die Idee .,Mensch" ist das ,.so etwas wie dieser in der Zeit lebende Mensch."

Was

aber sind

.,i d e a

6}

Geschrieben 1914, veröffentlicht 1921 im 4ten Band des

menologische Forschung

(Halle,

Niermeyer).

,Jahrbudls für Philosophie und phäno-

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Bei den idealen Gegenständen hat dies kieinen Sinn. Auch die Art, wie ,.Ideen" und ideale Gegenstände an den Wesenheiten teil haben, kann sehr verschie- den sein. Doch kann dies hier nicht untersucht werden. Zusammenfassend s.agt Vf. (1S. 87-88), daß alle bisher untersuchten Ge- g.ebenheiten ein ,.gegenständliches Sein" besitzen, wenn aum in verschiedener

W ei•se, und daß sie in Samverhalte eingehn können.

Was aber macht dann ihnen gegenüber die Eigenart des r e a 1e n Seins aus? Dies ist das Thema des 2ten Te.ils des Buches (von S. 89 ab). Gerade hier aber ist die Gefahr besonders groß, durch ein Resurne die Forschungen der Vf. vorschnell einzukaps.eln und damit zu verfälsmen. Wir wollen aber doch wenigstens v•ersuchen zu zeigen, worauf es der Vf. ankommt.

Der erste kardinale Punkt ist folgender: während für alles .,kategorial" und .,ideell" Seiende seine .essenzielle Bestimmtheit einzige· - und ausrei- chende! -Bedingung seiner Existenz darstellt, ist in den Realitäten noch ein ganz anderes Sein vorfindlich, das sozusagen über ihre Washeit hinausgeht, und genauer gesag.t, nicht einmal in ihr wurzelt. Wenn Heidegger sagt .,Da- sein steht in einem Seinsverhältnis zu seinem eignen Sein", so hat er nur in- sofern Unroecht, als er diese Definition auf das Ichhafte Sein einsmränkt. Auf das ganze reale Sein angewandt, stimmt die Formel (S. 94). Zweiter Punkt: Es handelt sich nicht um eine metaphysische Selbstbegrün- dung, .,als vermöchte das real Seiende sich selber in s.ein eigenes Sein faktisch hineinführen"; sondern um etwas, was Vf. das .,Selber~Sein des Seins" nennt. Damit kommen wir, wie weiter ausgeführt wird zwar noch nimt zur ,.Substanz" im klassischen Sinn (als Gegensatz zu Akzidenzi·en), aber dom zur Sub- s t anti a 1i t ä t im echten Sinn, offenbar weil die Realität in eigentümer- lieber Weise sub-sistiert, man könnte versumt sein zu sagen - obwohl Vf. diesen Ausdruck nicht gebraucht - sim selbst assistiert und sub-sisU.ert. Es geht hier um Dinge, die uns vielleimt schneller sichtbar würden, wenn nicht lauter Bäume - wir meinen traditionelle Theorien - uns den Wald vetstecken würden. Jedenfalls we11den uns aber die Hinweise und Formulie- rungen der Vf. um so nützlimer s.ein, aLs s•ie sorgfältig vermeiden, durch vor- schnelle Sprünge sim in ausgefahrene Geleise zu begeben. Besonders originell scheint uns, daß das Moment der Zeitlichkeit, wenigstens hier im Ans•atz,

n i c h t eingeführt wird. Nun ist es aber kein Geheimnis, daß es viele Arten von .,Realitäten" gibt. Da Vif. die Seinsarten der Kulturgebilde - leider - von der Betramtung aus- smließt (wahrscheinlich aus Platzmang·el), so bleiben die zwei gewöhnlich (ungenau!) als physismes und psychisches Sein bezeimneten Regionen, die Vf. als hypokeimenale Sein-Form (= hyletische Substanz) und archonale Seins- Form(= pneumatisme Substanz) bezeichnet. Warum hypokeimenal? Weil wir hier auf eine parado:x;e Sachlage stoßen, die (S. 104) in zwei Sätzen formuliert wird: 1) .,Ein Stoffwesen ist nur insofern Grund und Boden seiner selbst, als es auf sim selber ruht". 2) .,Es ruht nur auf sich selber sofern es Grund und Boden seiner selbst ist". Man spürt hier förmlich, wie Vf. mit der Sphinx gerungen und ihr ihr Geheimnis entrissen hat, das allerdings in Worte smwer zu fassen ist. Dieses hyletisme Sein, .,setzt sich ohne weiteres aus sdm selbst

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MITTEILUNGEN

heraus" und ist daher auch "raumsetzend", Man kann auch sagen ,.raumfül- lend", aber nicht in dem Sinn, daß ein "leerer Raum" vorher da wäre. Nun lehrt uns aber die moderne Physik, daß die uns in der Anschauung ge- gebene "massige" Materie nur "Maya" ist, hinter der sich nichts anderes ver- birgt als unglaublich kleine Partikelch·en (die seLbst sich vielleicht noch in ,.Kraftzentren" oder dgl. auflösen), getrennt durch weite leere Räume. 7 ) Das ändert aber nichts daran, daß wir an unserer phänomenalen Welt das Wes e n von Materialität erfassen können - so wie (hätte Vf. hinzufügen können) jemand der nicht wüßte, was Bewegung ist, dies an den Gescheh- nissen auf der kinematographischen Leinwand erfassen könnte, obwohl diese

Bewegung uns nur durch den Trick der schnell aufeinander folgenden Bilder vorgeschwindelt wird. Könnte es aber nicht eine Welt geben mit echter, nicht bloß anschaulich erscheinender Materie? Vf. bejaht das: in einer integren Welt ·gäbe es auch ,.inte.gre Materie". Sie würde sogar das Wesen von Mate- rialität noch besser zur Erscheinung bringen als unsere phänomenale Welt. Mit diesen Unterscheidungen, für deren gerraueres Verständnis wir auf die "Realontolo-gie" verweisen, ist Vf. ihrer Zeit weH voraus geeilt und hat damit grundlegende Wahrheiten aufgezeigt, an denen u. E. kein Naturphilosoph und auch kein Theologe wird vorübergehn können. Für die "pneumatische Substanz" hätte Vf. Beispiele aus der Engelwelt

nehmen können. Merkwürdigerweise

men über die komplexe Natur des Menschen, um aus ihr seine "geistige Teilsubstantialität" zu isolieren. Primär kennz,eichnend für diese Substanz ist die ,,Ichhafte Seinsverfas- sung", aus der alle geistigen Akte Erlebnisse und Zuständlichkeiten hervor- gehn. Dagegen ist der beim Menschen vorfindliehe seinsmäßige Besitz von Seele und Leib nicht primär in der Ich-Verfassung begründet, sondern nur seine Möglichkeit. Des weiteren gehört zum w.esen dieser Substanz eine spe- züische Freiheit, wenn auch deren Ausübung beim Menschen durch leibliche oder seelische Hemmungen faktisch beeinträchtigt werden kann. 9 ) Bei der gerraueren Erforschung der ichhaften Seinsart stößt Vf. wiederum auf sehr fesselnde Paradoxien. Doch hat es in einer Rezension nicht viel Zweck, die Formulierungen zu zitieren, zu denen sie gelangt, da dieselben, losgelöst von dem sie tragenden Text un- oder mißverständlich sein würden. Betont sei aber, daß nach C. M. das Ichhafte Sein durchaus auch eine reale Substanz ist, wie wohl von entgegensetzter Art wi·e di.e hyletische. Also eine Rückkehr zu Cartesius? Nur insofern, als keine der beiden degradiert oder auf die andere zurückgeführt wird. (Weder Materialismus noch Existenzialis- mus!) Aber weder ist ,.Ausdehnung" hier im Cartesianischen Sinn genommen und als urwesentlich .für die Materie bezeichnet, noch wird die ,.res cogitans"

zieht sie es vor, 8 ) den Umweg zu neh-

7) Wenn es aber wirklich solche Korpuskeln gibt, oder letzte Teile von ihnen, dann sind sie echt hyletisch. &) Warum eigentlich? • Weil es, heißt es S. 118, in der unmittelbaren Erfahrungswirklichkeit keine rein geistigen Naturen gibt". Ist das vielleicht ein höflicher Ausdruck dafür, daß man die Leser für zu obskurantistisch hält, um ihnen einen über die grobsinnliche Welt hinausragenden Horizont zuzumuten? 9) Eine ausführliche Anthropologie hat Vf. uns noch nicht gegeben. Für ihre philosophische Zoologie und Phytologie sei vor allem verwiesen auf .B i o s und P s y c h e". (Hamburg 1949).

AUS DEM PHILOSOPHISCHEN LEBEN

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in erster Linie als c o g i t ans angesprochen. Vielmehr ist sie zunächst ein Ens sui generis. Der kartesianische Satz "cogito ergo sum" wird umgekehrt in "sum ergo cogito". Was nun die Husserlsche ,.transzendentale Reduktion" betrifft, so wird ihr Wert als erkenntnistheoretischer Kunstgriff voll anerkannt - und diese Feststellung sollte genügen, um der Legende den Garaus zu machen, als woll- ten .,die Husserl-Schüler" von ihr .,nichts wissen" -, aber bestritten wird ihre Brauch,barkeit für die Klärung der ontischen Verhältnisse in der einen und andern Substanz, und ebenso - und darin stehn die meisten "alten" Phänomenelogen zu Conrad-Martius- wird die Entleibung der Welt zugun- sten des angeblich allein wahrhaft existierenden Bewußtseins abgelehnt.

Natürlich werden die Leser nodl. von manch anderen Fragen bewegt sein. Da ist z . B. das alte Problem: wie unterscheiden sich drei gedachte Taler von drei ,.wirklichen"? Alles über die materielle oder hyletische Seinsart g.esagte trifft ja voll und ganz auch auf die Phantasiegegenstände zu. Was fehlt ihnen noch zum ,.vollen Sein", möchte man fragen - wobei aber die Frage vielleimt ungeschickt gestellt ist. Der Husserlsche Lösungsversuch, der das .,wirkliche Sein" auf das wahrnehmungsmäßig gegebene zurüddührt, ist zwar phäno-

menologisch sehr brau<hbar, aber ontologisch doch wohl

Diese und ähnliche Fragen hat Vf. in ihrem konzisen Buch natürlich nicht behandeln können. Man wird das .einerseits bedauern, doch ist anderseits ge- wiß, daß die Knappheit des Werkes ihm mehr Leser zuführen wird, als ein größerer Umfang es wohl hätte tun können.

unbefriedigend. 10 )

10) Eine ausführliche Behandlung dieser und ähnlicher Fragen findet sich in einer umfangreichen Arbeit von Roman In gar den über den .Streit um die Exisxtenz der Welt" (bisher nur in polnischer Sprache erschienen. Deutsche Ausgabe in Vorbereitung bei Niemeyer).