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CHANCEN HOCHSCHULE

5. August 2010 DIE ZEIT No 32 59


n der Oldenburger Uni-Mensa steht Spinat- Einser-Kandidatin. Vor allem aber die Angst, den Karlsruhe haben 37 Prozent derjenigen, die in die

I auflauf auf dem Plan. Anna und ihre neue Mit-


bewohnerin tragen ihre Tabletts bis zur Fenster-
front. Plaudernd setzen sie sich an einen der Tische
Uniland, ausgebrannt eigenen hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Für
Anna war Scheitern einfach keine Option.
So ging das mehrere Monate. Irgendwann
offene Sprechstunde kommen, einen Abiturschnitt
von 1,9 und besser. Anders als bei Anna kommt der
Knacks aber meist in den ersten Semestern, wenn
bei den Grünpflanzen. Es sieht aus wie ein ganz konnte Anna nicht mehr schlafen. Sie hatte Angst, die Umstellung von Schule auf Uni nicht richtig
normaler Mittag in einer deutschen Uni-Mensa. Gerade in den ersten Semestern leiden Studenten unter Leistungsdruck. ihrem Professor über den Weg zu laufen und ins klappt. Doch nur wenige fangen nach den ersten
Aber für Anna Siemons* wird mit diesem Essen das Bei manchen führt das zu totaler Erschöpfung VON SARAH ELSING Tutorium zu gehen. Dann bekam sie unerklärliche Gesprächen in der Beratungsstelle tatsächlich eine
Mosaik komplett, an dem sie die letzten fünf Wo- Magenschmerzen, so schlimm, dass sie auf dem Therapie an.
chen so hart gearbeitet hat. In dieser Zeit hat Anna Weihnachtsmarkt zusammenbrach und ins Kran- Die Therapie sei ihre Rettung gewesen, sagt
ihr Leben neu zusammengesetzt. Sie hat ihre Bachelor- kenhaus eingeliefert wurde. Aber die Ärzte fanden Anna heute. Das Vorgehen der Psychologin war
arbeit links liegen lassen, sie hat wieder angefangen nur einen erhöhten Stresspegel und verordneten brutal, aber effektiv. »Sie hat mir klargemacht, wie
zu lesen und aufgehört, Klavier zu üben, sie ist voll- Ruhe. Doch in Annas Plan kam Kranksein nicht arm mein Leben eigentlich war. Es ging ja nur noch
kommen unvorbereitet in eine Klausur gegangen vor. Hatte sie Schnupfen, schluckte sie massen- um Lernen und Pflichterfüllung«, berichtet Anna.
und hat trotzdem eine Eins geschrieben. Sie hat ih- weise Aspirin, das permanente Husten versuchte »Mir ist klar geworden, dass ich da nur rauskomme,
ren Freund verlassen und sich dann Hals über Kopf sie einfach zu ignorieren. Der Kollaps kam kurz wenn ich mein Leben radikal umbaue.« Und das
in einen Kommilitonen verliebt. Und jetzt hat sie vor Weihnachten. Auf dem Weg zum Leicht- hat Anna getan. Erst waren es kleine Schritte an der
auch noch eine neue Mitbewohnerin, mit der sie athletik-Tutorium bekam sie eine Panikattacke. Hand der Therapeutin, die ihr täglich eine Stunde
demnächst immer in die Mensa gehen will. Gleich Am nächsten Tag ging Anna in die offene Sprech- Krimilektüre und einen Cafébesuch in der Woche
werden die beiden zusammen zur neuen Wohnung stunde der Psychotherapeutischen Beratungsstelle verordnete. Dieses erzwungene Entspannen war für
rüberlaufen und den Mietvertrag unterschreiben. des Studentenwerks. Anna erst unerträglich. Doch heute ist sie stolz, in
Auf Annas weichem Ausklappsofa werden sie dann Wie Anna geht es vielen Studenten in Deutsch- den letzten Wochen schon vier dicke Schmöker ver-
auf die Semesterferien anstoßen. Mit einer Tasse land, und seit der Einführung des Bachelors werden
Wohlfühl-Tee und einem Lachen im Gesicht. es stetig mehr. 2008 kamen deutschlandweit 20
Prozent mehr Studenten in die Psychologischen
Tagesziele und Deadlines gaben Annas Beratungsstellen als im Vorjahr. Fast 80 000 Einzel-
Leben Struktur gespräche haben die Therapeuten im Jahr 2008 ge-
führt. Das liegt zwar auch daran, dass die Beratungs-
Bis vor Kurzem hätte Anna Siemons sich so ein La- stellen heute im Uni-Alltag sehr präsent sind und es
chen gar nicht vorstellen können. Und wenn, dann nicht mehr als Makel gilt, psychologische Hilfe in
hätte es wohl ziemlich metallisch geklungen, denn Anspruch zu nehmen. Das ändert jedoch nichts an
die 22-Jährige hat sich während des letzten Se- der Tatsache, dass in den neuen Bachelorstudien- schlungen zu haben. Sie trifft sich jetzt wieder mit
mesters in eine Maschine verwandelt – eine Lern- gängen der Druck auf die Studenten gewachsen ist. ihren Freundinnen und spielt auch wieder Geige,
maschine. Die letzten Prüfungen in Musik und »Viele Studierende können wegen der dichten Stun- ihr liebstes Instrument seit ihrer Kindheit. Am Kla-
Sport standen bevor, und weil sie noch während des denpläne und der vielen Prüfungen keinem Neben- vier übt sie schon lange nicht mehr. Am wichtigsten

Foto (Ausschnitt): André Schuster/plainpicture


siebten Semesters die Bachelorarbeit fertigschreiben job nachgehen, finanzielle Probleme sind die Folge war für Anna jedoch die Erkenntnis, dass sie ein
wollte, musste Anna sich gut organisieren. Sie hatte und erhöhen den Stress«, sagt Achim Meyer auf der Mensch ist und keine Lernmaschine. Dass sie Pau-
feste Tages- und Wochenziele und einen streng ge- Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studenten- sen braucht und manchmal nicht alles schafft. Sie
regelten Tagesablauf: morgens um sieben raus, zwei werks. Von Burn-out sprechen die Psychologen in hat gelernt, dass sie beim Sprinten nicht immer die
Stunden ans Klavier, dann Seminar oder Vorlesung, den Beratungsstellen jedoch ungern. Denn Burn- besten Zeiten laufen muss und ihre Freunde sie
danach in die Bibliothek – kopieren, lesen, auswen- out ist keine klare klinische Diagnose. Der Begriff trotzdem mögen. Und auch dass es nicht schlimm
dig lernen. Nachmittags an die Bachelorarbeit, spä- bezieht sich auf einen Zustand, den man bisher nur ist, wenn sie ihre Bachelorarbeit erst im nächsten
ter in die Halle zum Leichtathletik-Tutorium, das von älteren Patienten kannte: völliges »Ausgebrannt- Semester abgibt. »Ich bin nicht meine Note!« steht
sie als ehemalige Leistungssportlerin für Erstsemes- sein« nach einer längeren Phase des »Brennens« fett unterstrichen in ihren Therapie-Unterlagen.
ter gab. Abends wieder an den Schreibtisch und ar- während der Berufstätigkeit. Besonders für den Natürlich ist die Frage, ob Anna sich nach den
beiten bis spät in die Nacht. Feierabend gab es in Lehrerberuf ist dieses Phänomen gut untersucht. Semesterferien nicht doch wieder in eine Lern-
Annas Lernplan nicht, nur Tagesziele und Dead- Studenten haben in ihrem kurzen Leben nie eine maschine verwandelt. Vor allem, wenn bald das
lines. Sogar die Wochenenden waren durchgeplant. Mit Schlafstörungen, längere Zeit gebrannt. Trotzdem kommen seit meh- Masterstudium beginnt. Aber dass Anna die Kraft
Jeden Freitag fuhr sie in ihre Heimatstadt, um Gereiztheit und reren Jahren verstärkt Studierende mit typischen hat, sogar mitten im Burn-out alles auf Anfang zu
Freund und Familie zu besuchen. Dreieinhalb Stun- depressiven Verstimmungen Burn-out-Symptomen in die Beratungsstellen, be- setzen, hat sie in den letzten fünf Wochen bewiesen.
den hin, dreieinhalb Stunden zurück. Immer einen kommen Studenten richtet Reinhard Mack von der Psychologischen Und schließlich hat ihr neues Leben heute Mittag
Stapel Bücher und ihre Noten dabei. Trotzdem ver- in die Beratungsstellen Beratungsstelle in Konstanz. »Sie leiden unter schon so wunderbar begonnen: mit einem über-
geudete Zeit, dachte sie. Immer diese Angst, die Er- Schlafstörungen, Unruhe, Gereiztheit und depressi- raschend guten Spinatauflauf in der Uni-Mensa.
wartungen nicht zu erfüllen – die Erwartungen der ven Verstimmungen. Viele sind außerdem in einem
Eltern an das hochbegabte Kind, die Erwartungen sehr schlechten körperlichen Zustand, weil das Im- * Name von der Redaktion geändert.
des Professors an die engagierte Tutorin, die Er- munsystem nicht mehr richtig funktioniert.« Oft
wartungen der Kommilitonen an die hilfsbereite betrifft die Diagnose leistungsstarke Studenten. In www.zeit.de/audio