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#analyse_porträt_benitez

#analyse_porträt_benitez BALLNAH DAS SPIELVERLAGERUNGS MAGAZIN AUSGABE 4 www.spielverlagerung.de BALLNAH 1

BALLNAH

DAS SPIELVERLAGERUNGS MAGAZIN

AUSGABE 4

www.spielverlagerung.de

4 INHALT #serie 04 Borussia Dortmund unter Klopp 2008-11 [Analyse, MR] #spieler 38 Ribéry: König
4 INHALT #serie 04 Borussia Dortmund unter Klopp 2008-11 [Analyse, MR] #spieler 38 Ribéry: König
4 INHALT #serie 04 Borussia Dortmund unter Klopp 2008-11 [Analyse, MR] #spieler 38 Ribéry: König

4

INHALT

#serie

04

Borussia Dortmund unter Klopp 2008-11

[Analyse, MR]

#spieler

38

Ribéry: König Münchens

[Porträt, RM]

50

Müller: Der Herr des Raums

[Porträt, PP]

59

Iniesta: Der Besondere

[Analyse, RM]

65

Özil: Der Mann des Moments

[Porträt, TE]

75

Pirlo: Ich spiele, also bin ich

[Porträt, PP]

86

Ibrahimovic: Meister der Individualtaktik

[Essay, RM]

#theorie

92

Die Gesichter der Flügelspieler

[Theorie, TR]

105

Der langweilige Ballbesitz

[Essay, RM]

Analyse_Problemanalyse_Barcelona

I #teamporträt

#teamporträt_bvb_2008-2011

MARTIN RAFELT

Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp

2008-2011

„Uns ging doch allen der Arsch hier auf Grundeis. Als wir nach‘m Bielefeld-Spiel hier langgelaufen sind und hier war‘s mucksmäuschenstill. Und es war tot hier in diesem Trainingsgelände.“

Dieses fünf Jahre alte Zitat bezieht sich auf Borussia Dort- mund. Der Verein war dem finanziellen Ruin, der Insolvenz und dem Zwangsabstieg knapp entronnen und musste das zweite Jahr in Folge gegen den Abstieg spielen. Der folgende Aufschwung, der über zwei deutsche Meisterschaften und ei- nen Pokalsieg bis ins Endspiel der europäischen Königsklasse führte, trägt ein Gesicht: das von Jürgen Klopp.

#teamporträt_bvb_2008-2011

Wir schreiben den 23. April 2008. Ein aufge- brachter Thomas Doll echauffiert sich über den medialen Umgang mit ihm. Er hat am vergange- nen Wochenende das Finale des DFB-Pokals ver- loren. Nach einem aufopferungsvollen Spiel hat- te Luca Toni in der Verlängerung den Siegtreffer für den FC Bayern erzielt. Durch die Finalteil- nahme hat sich der BVB sicher für die anstehen- de UEFA-Cup-Saison qualifiziert, was Doll gerne als Erfolg verbuchen würde. Doch der öffentliche Fokus liegt auf der Liga, wo den Schwarzgelben nur ein Sieg in den letzten acht Spielen gelang. Vor dem anstehenden 30. Spieltag liegen nur Energie Cottbus, Arminia Bielefeld und sieben Punkte Differenz zwischen Borussia Dortmund und einem Abstiegsplatz.

Thomas Doll will sich auf den unangenehmen Abstiegskampf konzentrieren, doch ist ange- spannt und genervt von den Wechselgerüchten um seine Spieler. Auch die Diskussionen um seine Person nehmen ihn mit; noch am Tag des Finales hatten Medien Jürgen Klopp als seinen möglichen Nachfolger vermeldet. Seiner Frustra- tion verschafft er auf der Pressekonferenz Luft. Seine Wutrede wirkt unkoordiniert, stellenweise

gestottert. Inhaltlich ist sie wirr. Sie wird später in Bundesliga-Rückschausendungen neben den legendären Ausrastern von Trapattoni, Hoeneß oder Völler gesendet. Der Satz, der hängen bleibt:

„Das ist doch alles Bla Bla Bla, ist das doch.“ Kein konstruktiver Satz, kein Satz, der die Menschen überzeugt. Vor allem kein Satz, der Spiele ge- winnt.

Vier Wochen später. Der BVB hat die Bundesli- ga-Saison 2007/2008 auf Platz 13 beendet, sei- ner schlechtesten Platzierung seit 20 Jahren. Ein einziger Sieg aus den letzten fünf Spielen reich- te für den Klassenerhalt. Mit 62 Gegentoren ist die Mannschaft von Thomas Doll der defensiv- schwächste Bundesligist. Die Analyse der Saison fällt sehr negativ aus. Doll tritt am 19. Mai 2008 zurück. Eine Entscheidung, die sich als einer der wichtigsten Schritte in Dortmunds Vereinsge- schichte entpuppen wird.

Vier Tage später. Dolls Nachfolger wird öffent- lich vorgestellt. Der als Favorit gehandelte Jürgen Klopp übernimmt den BVB. Aus Mainz folgen ihm seine Co-Trainer Željko Buvač und Peter Krawietz. Von nun an bleiben andere Sätze hän-

gen, wenn sich Borussia Dortmunds Cheftrainer der Presse stellt.

#teamporträt_bvb_2008-2011

2008/09: Ein vielversprechendes Debüt

Man kann es als Populismus abtun, wenn man sagt, man möchte den Fußball spielen, den die Leute sehen wollen. Ändert nichts daran, dass wir‘s trotzdem versuchen werden. Wir wollen dieses unglaublich po- sitive Bild, das dieses volle Stadion abgibt, dann einfach auch dazu nut- zen, tatsächlich wieder richtig lei- denschaftlichen Fußball zu spielen. [Jürgen Klopp während seiner ersten Pressekonferenz als BVB-Trainer]

Bei seiner Vorstellung skizzierte Klopp seine fuß- ballerischen Vorstellungen in klaren Ansagen. Seine Idee eines spektakulären, direkten Fußballs und einer mannschaftlich geschlossenen, extrem intensiven Pressingarbeit beschrieb er schon da- mals. Vor allem seine versprochenen „Vollgasver- anstaltungen“ hallen bis heute nach.

Die Betonung der Intensität und Defensivarbeit war die richtige Ausrichtung zur richtigen Zeit, denn dem BVB mangelte es 07/08 an ebendie- sen Aspekten. Die Mannschaft, die Klopp, Buvac und Krawietz übernahmen, zeichnete sich vor allem durch eine hohe Instabilität aus. Sie hatte eine wechselhafte Saison gespielt, die jedoch stär- ker von Schatten als von Licht geprägt war. Tho- mas Dolls Elf besaß viel offensives Potential, aber zu wenig Struktur, um dieses konstant abzurufen.

Dortmunds Anfälligkeit in der Anfangsphase ent- wickelte sich unter Doll fast zum Running Gag der Bundesliga: In den ersten zehn Spielminuten erzielte man eine katastrophale Bilanz von 1:10 Toren. Die Defensive um die „Opa-Abwehr“ aus Robert Kovac und Christian Wörns wackelte ständig, Mittelfeld und Sturm unterstützten die Viererkette zu wenig. Im Gegensatz zur Borus- sia knackte keiner der Absteiger die Marke der 60 Gegentore.Nach vorne hatten die Dortmun- der jedoch individuelle Klasse zu bieten, die be- sonders, wenn es drauf ankam, glänzen konnte. In den Endphasen der Spiele hatte die Borussia 07/08 ihre Stärke, sie erreichte in den letzten zehn Minuten der Partien insgesamt 8:4 Tore. Auch im Pokalfinale konnte Mladen Petric noch in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich erzielen. Mit 50 erzielten Toren waren sie im Spiel nach vorne immerhin die achtbeste Mannschaft der Liga.

#teamporträt_bvb_2008-2011

Die Leistungsträger dieser Mannschaft waren mit Petric und Giovanni Federico eher inkonstante Individualisten. Mit Tinga und Vereinslegen- de Leonardo Dede waren es ausgerechnet zwei Brasilianer, die der wechselhaften Mannschaft etwas Stabilität geben konnten. Alexander Frei und Sebastian Kehl wären weitere Stützen gewe- sen, doch hatten mit Verletzungen zu kämpfen.

Diese inkonsistente Mannschaft sollte nun zu ei- ner Einheit geformt werden. Das Dilemma kann man aus einem Satz von Klopp aus dieser Zeit herauslesen. Er formulierte, seine Aufgabe wäre es, in Giovanni Federico das Kampfschwein zu wecken. In diesem speziellen Fall sollte er schei- tern. Doch zu diesem frühen Zeitpunkt war die Zielstellung die richtige.

Als Trainer, der für ständige Intensität und takti- sche Stabilität steht, wirkte Klopp auch wie der richtige Mann für den Job. Mit seiner hemds- ärmligen, lockeren Art fand er schnell Anklang bei den Fans und es entwickelte sich eine Auf- bruchstimmung. Diese feuerte er noch mit wei- teren klaren und zielgenauen Ansagen an, ohne sich der üblichen Floskeln zu bedienen. Wenn

einige seiner Sätze heute wie Floskeln klingen, dann deshalb, weil sie im Laufe der letzten Jahre breitflächig adaptiert wurden. Viel investieren, unangenehm sein, dies und das.

Michael Zorc erklärte auch, dass Klopp nach An- sicht von Borussia Dortmund gut in den Verein und die Region passe. Das soll auch ein wesent- licher Punkt bei der Entscheidung für ihn gewe- sen sein. Später meinte Zorc einmal, dass man zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, dass in dem charismatischen Redner auch ein herausragender Taktiker stecke. In der medialen Betrachtung war lange Zeit der erste Punkt der präsenterte und Klopp galt vor allem als Motivator; was er selber eher negierte und den Fokus auf inhaltli- che Punkte legte. Dass auch diese einen entschei- denden Einfluss auf seinen Erfolg hatten, wurde im Laufe der Jahre immer klarer – auch weil der inhaltliche Plan auf dem Feld immer klarer wur- de. Doch auch wenn das System BVB über Jahre hinweg reifen sollte, so waren die ersten spieleri- schen Errungenschaften schon nach kurzer Zeit zu beobachten.

Wenn ständig die Innenverteidiger im Mittelpunkt des Geschehens ste- hen, dann ist definitiv in den Reihen davor so einiges falsch gelaufen. [Jürgen Klopp]

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Ich mochte, wenn Trainer ‚ne Mann- schaft besser gemacht haben. Wenn du nicht nur das abgerufen hast, was eh schon da war. [Jürgen Klopp]

Die ersten Warnschüsse

Schon in der Vorbereitung der ersten Spielzeit gab es einen klaren Fingerzeig, wohin es gehen sollte beim „neuen“ BVB. Gemeinsam mit dem FC Bayern unter dem neuen Coach Klinsmann entschloss man sich, den Supercup neu zu bele- ben, auch wenn es ohne Unterstützung der DFL bei einem inoffiziellen Rahmen blieb. Das Spiel endete nach frühen Dortmunder Treffern mit ei- nem 2:1-Sieg der neu formierten Schwarzgelben. Mit fünf Jahren Abstand wirkt es symbolisch, dass Klopp in seinem ersten annähernd bedeu- tungsvollen Spiel direkt dem deutschen Primus einen Titel wegschnappte. Seine Mannschaft trat da noch im 4-4-2 an; also dem mit Viererkette im Mittelfeld, nicht dem Rautensystem 4-3-1- 2, welches anschließend zum Standard wurde. Neuzugang Tamás Hajnal startete auf der Dop- pelsechs neben dem neu ernannten Kapitän Kehl und trieb die Bälle aus dem defensiven Mittelfeld nach vorne.

Nun sehen Spiele in der Vorbereitung oft viel bes- ser oder schlechter aus als das, was anschließend in der „echten“ Saison abgeliefert werden kann,

aber in diesem Fall war schlichtweg eine massive Änderung im Spielstil der Mannschaft zu erken- nen. Der BVB überrannte den Gegner förmlich. Sie übten konstant und frühzeitig Druck aus, at- tackierten mit Geschwindigkeit über Hajnal oder die Flügel und dominierten das Spiel.

Auch die restliche Vorbereitung gestaltete sich positiv. Eine 1:3-Niederlage gegen Juventus Tu- rin hielt die Euphorie zwar im Rahmen, aber dennoch kam Dortmund mit sehr viel Optimis- mus aus den ersten Trainingswochen unter dem neuen Trainerteam. Es sah schon einmal danach aus, dass die Versprechen vom neuen Vollgasfuß- ball eingelöst werden könnten.

Preiswerte Erfahrung und mutige Wertanlagen

Dortmunds Saisonstart begleitete jedoch auch Skepsis, da einige Fragezeichen hinter dem Ka- der standen. Es war noch nicht klar, wie viel Ver- trauen man in die Augen des neuen Trainerteams haben konnte – Klopp erklärte eine 50-50-Ver- antwortungsteilung bei Transfers – und Manager Michael Zorc wurde zu diesem Zeitpunkt noch kritisch beäugt. So wirkten die ersten unorthodo- xen Transfers auf einige Fans etwas abschreckend.

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Für die Abwehr hatte Jürgen Klopp aus Mainz den jungen Neven Subotic mitgebracht, der rund vier Millionen Euro Ablöse kostete – zu diesem Zeitpunkt ein ordentlicher Batzen Geld für den Ballspielverein, der immer noch in der wirtschaft- lichen Konsolidierung begriffen war. Zudem war für diese Position schon Felipe Santana aus Bra- silien geholt worden. Der wurde trotz der Ablöse von rund zwei Millionen aber erst einmal an die dritte Position versetzt. Die beiden unerfahrenen 19-jährigen Subotic und Hummels sollten den wichtigen Job im Abwehrzentrum erledigen - aus heutiger Sicht eine geniale Entscheidung, doch damals wirkte dies nicht wie die sicherste Lösung für eine Mannschaft mit massiven Defensivpro- blemen.

Ebenfalls pessimistisch wurde die Verpflichtung von Patrick Owomoyela aufgenommen. Den verletzungsanfäligen Rechtsverteidiger war Wer- der Bremen in der öffentlichen Wahrnehmung eher „losgeworden“ und kassierte dafür auch noch 2,5 Millionen Euro. Doch hier demonst- rierte Dortmunds neues Trainerteam das Auge für unterschätzte, erfahrene Spieler, die gut ins taktische Konzept passen. Owomoyela brachte

gute Leistungen und wurde im zweiten Jahr sogar zum besten Vorlagengeber. Solche überraschen- den Transfers von scheinbar Gescheiterten wur- den zu Borussias zweitem Standbein neben der Talentförderung.

Als Linksverteidiger kam noch der erfahrene Young-Pyo Lee für wenig Geld von Tottenham und half ein Jahr lang bei der Stabilisierung der Abwehr. Der Koreaner wurde allerdings nur kurzfristig verpflichtet, nachdem sich Leistungs- träger Dédé im ersten Spiel schwer verletzt hatte. Der etatmäßige zweite Linksverteidiger kostete die Borussen indes überhaupt nichts. „Das Auge“ des neuen Trainerteams, Peter Krawietz, konnte auf dieser Position Geld einsparen und hatte in Dortmunds zweiter Mannschaft einen zukünf- tigen Nationalspieler gesehen, der vorher noch keinem aufgefallen war: Marcel Schmelzer. Die hoffnungsvoll stimmenden Neuzugänge waren zu diesem Zeitpunkt jedoch der besagte Hajnal und Nuri Sahin. Das Dortmunder Toptalent, das aus seinem „Ausbildungsjahr“ bei Feyenoord Rotterdam zurückkehrt war, wollte endgültig den Durchbruch bei seinem Heimatverein schaffen. Hajnal, der nach einer herausragenden Zweitliga-

saison für eine niedrige feste Ablöse vom Karlsru- her SC kam, spielte sich von Begann an als Leis- tungsträger fest.

Mitarbeitende Stürmer

Den ersten richtigen Euphorie-Dämpfer hauten Klopp und Co. aber raus, als die Transferplanun- gen schon weitestgehend abgeschlossen schienen. Am Tag des Saisonauftakts wurde bekannt, dass Mladen Petric nach Hamburg verkauft werden sollte. Dafür kam Mohamed Zidan zum BVB, Klopps ehemaliger Lieblingsschüler aus Mainzer Tagen. Der war in Hamburg allerdings ziemlich rigoros gescheitert und so war das Signal, das bei den Fans ankam: Aussortierter Risikoakteur kommt für etablierten Topspieler; Rückbau statt Aufbruch.

Dieser Transfer fiel in eine allgemeine Diskussi- on über Klopps Auffassung vom Stürmerspiel. So sorgte er für Skepsis mit seiner Betonung der de- fensiven Bedeutung von Offensivspielern. Mehr- fach musste er gegen die Befürchtung anreden, dass den Stürmern vor dem Tor die Kraft fehlen könnte, wenn sie sich im Defensivspiel aufreiben würden; eine Gedanke, der heute heute nur noch

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schwer vorstellbar ist, was eine interessante Fuß- note der fußballerischen Entwicklung der letzten Jahre darstellt.

Es wurde zudem diskutiert, ob denn Petric nicht ins System Klopp hineinpasse. Der Trainer un- terstrich seine detaillierten Vorstellungen vom Fußballspiel: Solch ein Spielertyp würde schon in sein System passen, aber zwei solche Spielerty- pen passten nicht – und mit Alex Frei habe man bereits einen solchen Akteur. So habe man einen Transfererlös erzielen können und sei zudem viel- fältiger aufgestellt im Sturm.

Synergien der Spielertypen

In der Tat zeichnen sich Petric und Frei durch ähnliche Stärken aus. Beide sind Strafraumstür- mer mit kreativem Potential und einem starken Distanzschuss. Durch ihre spielerischen Mög- lichkeiten wäre wohl eine ganz gute Koexistenz möglich gewesen, doch ohne besondere Syner- gie. Ihre Qualitäten hätten sich lediglich addiert, nicht multipliziert. Die beiden Spitzen gemein- sam ins Rennen zu werfen, hätte dementspre- chend Klopps Philosophie widersprochen, eine Mannschaft zu verbessern, anstatt nur „das ab-

zurufen, was eh schon da ist“. Der Verkauf von Petric war das erste große Symbol dafür, dass der neue BVB als einheitliche Mannschaft geformt werden sollte und nicht nur als Ansammlung gu- ter Spieler.

Mit Zidan kam stattdessen eine Alternative, die mit den vorhandenen Typen gewinnbringender kombinierbar war. Der wuselige Dribbler konn- te engere Räume nutzen als seine potentiellen Sturmpartner. In äußeren Räumen konnte er aggressiv das Eins-gegen-Eins suchen und somit Möglichkeiten für Frei im Zentrum schaffen, durch sein Tempo eignete er sich auch als Ab- nehmer für Freis kreative Pässe. Neben Valdez konnte er den spielmachenderen Stürmer geben und mit Hajnal kombinieren, während sich der arbeitsame Pressingstürmer darauf konzentrierte, die gegnerische Viererkette zu beschäftigen.

Von Beginn an zeichnete den neuen BVB aus, dass die Spielsysteme gut auf die Einzelspieler abgestimmt waren und die Stärken der Akteure effektiv miteinander verknüpft wurden. Dieses Taktieren mit den Spielerrollen ist der wesentli- che Grund, dass es immer wieder so erscheint, als

Valdez Zidan (Frei) (Blaszczykowski) (Klimowicz) Hajnal Blaszczykowski (Tinga) Kringe (Sahin) Kehl (Tinga) Lee
Valdez
Zidan
(Frei)
(Blaszczykowski)
(Klimowicz)
Hajnal
Blaszczykowski
(Tinga)
Kringe
(Sahin)
Kehl
(Tinga)
Lee
Owomoyela
(Dede)
(Lee)
(Schmelzer)
Santana
Subotic
(Hummels)
Weidenfeller
Dortmunds Stamm in der Saison 2008/2009

#teamporträt_bvb_2008-2011

Zidan Valdez Hajnal Blaszczykowski Kringe Kehl Lee Owomoyela Hummels Subotic Weidenfeller Dortmunds neues
Zidan
Valdez
Hajnal
Blaszczykowski
Kringe
Kehl
Lee
Owomoyela
Hummels Subotic
Weidenfeller
Dortmunds neues Pressing unter Klopp

ob fast alle Spieler in Dortmund aufblühen und vom Trainerteam des BVBs massiv besser gemacht werden. Im Fußball werden Formschwächen ger- ne damit verwechselt, dass ein Spieler nicht pas- send in die taktischen Abläufe eingebunden ist; diesen Fehler machte Klopps Trainerteam nie.

Die neue Raute etabliert das Pressing

So stellte man nach den ersten Spielen im 4-4-2 auch auf das 4-3-1-2 um. Die Doppelsechs Kehl- Hajnal wurde gemäß ihrer Stärken in Sechser und Zehner aufgeteilt. Zudem war Blaszczykow- ski der einzig richtig offensive Flügelspieler, der jedoch auch gut die Rollen als Halbspieler oder Stürmer besetzen konnte. Mit Tinga, Kringe und potentiell Sahin gab es weitere Leistungsträger, die gut in die Raute passten.

In diesem 4-3-1-2 starteten die Dortmunder den deutschlandweiten Siegeszug des Pressings. Was heute ein taktischer Markenkern der deutschen Liga ist, war damals noch recht neu. Dementspre- chend ist das Pressing von 2008 auch nicht mit dem zu vergleichen, was der BVB heute spielt. Die Stürmer engagierten sich bereits damals zu- verlässig im Pressing. Meist positionierten sie

sich in einem passiven Angriffspressing zwischen Innen- und Außenverteidigern und versuchten, das gegnerische Aufbauspiel in die Überzahl des Zentrums zu leiten. Situativ gingen sie aktiv in die Balleroberung. Vor allem der extrem laufstar- ke Valdez ging dabei sehr weite Wege und galt deswegen lange Zeit als ein Lieblingsspieler von Klopp.

Zuweilen rückte auch Hajnal nach vorne zwi- schen die Stürmer und attackierte die Verteidi- ger, während die Passwege nach Außen zugestellt waren. Das defensive Mittelfeld agierte im Nach- rücken eher situativ und vereinzelt. So war das Pressing zwar kollektiv angelegt und jeder brach- te sich ein, aber die ganz große Kompaktheit fehlte diesem „Pressing 1.0“ noch – räumlich wie auch in den Entscheidungen.

Zweistufige Defensive

Das hatte auch mit den körperlichen Gegeben- heiten zu tun. 2008 waren Laufleistungen ober- halb der 10km noch nicht die Regel, sondern hauptsächlich den laufstärksten Akteuren vor- behalten. Mittlerweile kommen diese auf über 13km pro Spiel. Schon daran lässt sich erkennen,

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dass nicht die gleiche Grundkompaktheit gege- ben sein konnte. Das zeigte sich vor allem im Nachrücken (nach vorne und hinten) sowie dem Verschieben zum Flügel. Wenn sich der Gegner aus einer Pressingsituation befreite, waren die Borussen nicht immer sofort in der Lage, die nächste Drucksituation zu erzeugen. Stattdessen zogen sie sich erst einmal zurück und formierten sich neu.

Eine recht häufige Situation war, dass das leitende Angriffspressing über die Flügel umspielt werden konnte, beispielsweise durch hohe Verlagerungen der Innenverteidiger. Dann schoben die Borus- sen nicht kollektiv nach Außen, sondern ließen den gegnerischen Außenverteidiger gewähren. Sie zogen sich zurück in eine 4-3-Anordnung am Strafraum und verteidigten die Angriffe im Ab- wehrdrittel.

Kopfballfokus für den „Kinderriegel“

Aus dieser Grundsituation verteidigten sie sehr situativ. Der Außenverteidiger rückte zum At- tackieren heraus, der Halbspieler unterstützte je nach Situation. Auch der Sechser schob nach Be- darf hinterher, ein kollektives Verschieben nach

Außen fehlte wie bereits erwähnt. Der ballferne Halbspieler rückte entsprechend inkonstant ein, sodass die Borussen potentiell anfällig in den Halbräumen waren. Besonders Blaszczykowski agierte im Positionsspiel eher wie ein Flügelspie- ler. Es fehlte den Gegnern jedoch oftmals das spielerische Potential, diese Schwächen auszu- nutzen.

Zudem spielte Hajnal eine beeindruckend auf- wändige Defensivrolle. Er zog sich meist eng vor das defensive Mittelfeld zurück und presste situa- tiv rückwärts. So entstanden recht häufig unsau- bere 4-4-Ordnungen am Strafraum. Mit dieser Flexibilität konnte der BVB die räumliche Kom- paktheit gut kompensieren.

Die Gegner kamen somit oft nur zu Flanken. Da die Viererkette nicht auf den Flügel durchschob, sondern die Innenverteidiger im Strafraum ver- harrten, standen sie gegen diese recht stabil. Die 19jährigen Hummels und Subotic konnten sich durch diese Strategie auf ihre Kernkompetenz, das Kopfballspiel, konzentrieren. Beide hatten damals noch größere Probleme in Eins-gegen- Eins-Situationen. Wegen ihrer Körpergröße geht

Valdez Zidan Hajnal Blaszczykowski Kringe Kehl Lee Owomoyela Hummels Subotic Weidenfeller Dortmunds Pressing
Valdez
Zidan
Hajnal
Blaszczykowski
Kringe
Kehl
Lee
Owomoyela
Hummels Subotic
Weidenfeller
Dortmunds Pressing gegen den Flügel mit
potentiellen Kompaktheitsproblemen im
Zentrum und den Verbindungsräumen

#teamporträt_bvb_2008-2011

beiden die Beweglichkeit ab, was sie auf diesem Niveau noch nicht über individualtaktische Qua- litäten kompensieren konnten. Dieses Spiel pass- te auch zum schlaksigen Santana, der in dieser Saison wegen Verletzungsproblemen von Hum- mels auf 26 Spiele kam.

Eine schwer zu schlagende Mannschaft

So standen die Borussen normalerweise gut gegen das gegnerische Aufbauspiel und konnten vom ersten Spieltag an ziemlich konstante Leistungen abrufen. Diese Konstanz war ein beeindrucken- der Fortschritt zur Vorsaison und sorgte für ei- nen guten Einstand des neuen Trainergespanns. In der Hinrunde verloren die Borussen bloß zwei Liga-Partien, spielten sieben Mal zu Null und kassierten nur fünf Mal mehr als ein Gegentor.

Besonders gegen individuell unterlegene Gegner lieferte man viel zuverlässiger ab. Durch die klare Pressingidee wurden diese Gegner sehr klein ge- halten und der Schlendrian der Vorsaison konn- te sich nicht entwickeln. So waren die Borussen stets ein unangenehmer Gegner, der bald den Ruf der „schwer zu schlagenden Mannschaft“ ge- nießen konnte.

Das hatte auch mit dem 4-3-1-2 zu tun, das (Zi- tat Thomas Tuchel) „ein fieses System“ ist: Durch die Überzahl im Zentrum waren die Dortmunder nicht wirklich zu dominieren. Auch an schlechten Tagen konnte der Gegner zumindest nicht aus den zentralen Räumen gefährlich werden und so war stets eine Grundstabilität gegeben. Das ging zwar auf Kosten des Zugriffs auf dem Flügel, aber sorgte dafür, dass die Borussen fast immer eine Feldüberlegenheit auf ihrer Seite hatten. Für eine individuell eher durchschnittliche Mannschaft ist dies eine gute Ausgangslage, um zuverlässig zu punkten.

Spieleröffnung der Innenverteidiger

Auch nach vorne zeigten sich die Borussen kon- stanter als zuvor, was ebenfalls mit der Überzahl im Zentrum zu tun hatte. Während die Gegner fast nie kontrolliert in diesen Bereich kamen, baute der BVB meistens durch die Mitte auf. Subotic und Hummels untermauerten ihren Status als moderne Innenverteidiger und eröff- neten die Angriffe sehr fokussiert. Dabei profi- tierten sie auch von den taktischen Schwächen der Liga: Gegen den Ball mitarbeitende Stürmer

waren – wie bereits angedeutet - noch nicht an der Tagesordnung. So konnten Dortmunds In- nenverteidiger die Bälle oftmals völlig ungestört ins Mittelfeld spielen, da die erste Pressinglinie der Konkurrenz keine Pressinglinie war, sondern eher eine Fahnenstangen-Linie.

Im Mittelfeld sollte dann Hajnal freigespielt wer- den, der zum wichtigsten Spieler der Offensivbe- mühungen avancierte. Die guten Spiele des BVB waren in dieser Phase auch stets die guten Partien von Hajnal. Mit Distanzschüssen, kurzen Dribb- lings und Schnittstellenpässen auf die Stürmer sorgte er für Gefahr in Strafraumnähe.

Die zweite Antriebsfeder war Blaszczykowski, der in den ersten Monaten unter Klopp wohl die be- eindruckendste Phase seiner Karriere hatte, was sein rein individuelles Spiel angeht. Aus der Halb- position der Raute oder aus dem Sturm brach er immer wieder auf den rechten Flügel aus und brachte Breite und Schnelligkeit in das 4-3-1-2. Seine Dribblings waren nach Petric‘ Abgang die außergewöhnlichste Offensivqualität der Mann- schaft. In den beiden Hinrunden-Spielen, die der BVB torlos bestritt, fehlte der Pole verletzt.

#teamporträt_bvb_2008-2011

Fehlende Durchschlagskraft

Dennoch lief nicht alles rund bei den Schwarz- gelben. Die taktische Stabilisierung ging etwas auf Kosten der potentiellen Durchschlagskraft, die man aus der Vorsaison kannte, und spekta- kulärere Feuerwerke blieben aus. Nur sechs Mal schossen die Borussen mehr als ein Tor. Auch deswegen stellte sich zunehmend das 1:1 als Standardergebnis ein. Bis in den Frühling 2009 spielten sie konstant etwa die Hälfte ihrer Spiele unentschieden.

Die fehlende Durchschlagskraft hatte verschiede- ne Gründe. In erster Linie war der BVB zu die- sem Zeitpunkt individuell nicht außergewöhn- lich gut besetzt im VergleicLucas Barrios kam für die Frei-Ablöse vom CSD Colo Colo. und Zidan lange Zeit vor dem nicht fitten Frei gesetzt wa- ren. Valdez ist bei aller Einsatzfreude nicht der Spieler für die individuellen Glanzmomente, sondern eher eine Beschäftigungstherapie für die gegnerische Viererkette. Zidan kam verunsichert aus Hamburg und ist selbst ohne Formprobleme schon ein inkonstanter Spieler mit seinen Risi- kodribblings und der unsauberen, aber potentiell

spektakulären Schusstechnik. Teilzeit-Stürmer Blaszczykowski wirbelte zwar viel, doch strahlte nur wenig Torgefahr aus und so war die vordere Reihe der Borussen in den meisten Partien nur mittelmäßig.

Hinzu kamen systemische Faktoren, die die feh- lende individuelle Brillanz in der Spitze noch un- terstrichen. Ähnlich wie gegen den Ball hatten die Borussen auch im Angriffsspiel Probleme mit der Breite. Die Außenverteidiger hielten sich eher zu- rück und stießen erst nach, wenn man sich weiter vorne festgesetzt hatte. So liefen die Dortmunder zwar konstruktiv durchs Zentrum vorwärts, die Angriffe endeten aber oft in recht engen Situatio- nen. Da es im Kader auch nicht gerade vor Kom- binations- und Nadelspielern wimmelte, taten sie sich schwer. Hajnal war diesbezüglich zu sehr auf sich allein gestellt.

Die Alternativen auf den Halbpositionen wa- ren eher limitiert. Obwohl sie durchaus aktiv nach vorne arbeiteten und der BVB oft in einer 4-1-3-2-Charakteristik angriff, brachten sie ih- rem Naturell entsprechend nur selten Breite ins Spiel. Florian Kringe belebte den linken Flügel

vereinzelt, doch ihm fehlte in seinen Offensivak- tionen die Konstanz. Er brachte zwar ein vielfäl- tiges Fähigkeitsprofil ein, doch war bei seinen Di- stanzschüssen, Flanken und Dribblings nicht auf allerhöchstem Niveau, während ihm die Kreati- vität im Passspiel etwas abging. Tinga rückte eher zentral auf. Der Brasilianer machte zwar leiden- schaftlich und zuverlässig Druck, doch auch ihm fehlte die kreative Komponente. Kevin-Prince Boateng kam auf Leihbasis in der Winterpause, um dieses Problem zu beheben, doch fand wegen Rotsperren und Verletzungen keinen Rhythmus – nur fünf Mal stand der talentierte Allrounder in der Startelf.

Alles in allem versuchten die Dortmunder stets viel, doch produzierten dabei auch eine Menge Ausschuss. Durch die konstante Offensivprä- senz erzwangen sie jedoch viele Standardsituati- onen. Die Innenverteidiger brachten ihre Kopf- ballstärke hier ein und vor allem in den ersten Monaten von Klopps Amtszeit gehörten Ecken zu den wichtigsten Waffen. Im Laufe der Hin- runde wurden diese jedoch auch weniger effektiv, da sich die Gegner zunehmend auf die bekannte Stärke einstellten.

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Unentschieden durch schwaches Umschalten

Hinzu kam ein Problem, welches aus heutiger Sicht grotesk erscheint: Die Dortmunder waren keine gute Kontermannschaft. Durch die Zwei- stufigkeit des Pressings eroberten sie kaum Bäl- le im Mittelfeld. Wegen Hajnals tiefer Rolle im Abwehrpressing fehlte ihnen in diesen Situatio- nen der Umschaltspieler und auch die Stürmer positionierten sich nicht vorausschauend für den Moment der Balleroberung; oft standen sie ungestaffelt auf einer Höhe, ohne sich in Frei- räume zu bewegen. Den Kontern ging zuweilen auch die Struktur ab, was die Einzelspieler selten auffangen konnten. Besonders die hektischeren Akteure (Valdez, Tinga) würgten viele erfolgver- sprechende Umschaltsituationen mit schlechten Entscheidungen ab. Auch dieses Defizit trug dazu bei, dass Dortmund so oft unentschieden spielte. Es erlaubte den Gegnern recht risikofreies Auf- rücken, wenn in der Endphase noch Ergebnisse erzwungen werden mussten. Fast nie konnte der BVB in diesen Spielphasen noch einmal nachle- gen und „den Sack zumachen“. Stattdessen wur- den viele Führungen verspielt.

Auf der anderen Seite war der BVB nicht mehr so sehr zur Brechstange fähig wie in der Vorsai- son und erzielte wenige späte Tore. Neben den individuellen Defiziten lag das auch am eigenen Anspruch: Ein Unentschieden war zu diesem Zeitpunkt durchaus ein Ergebnis, mit dem die Dortmunder zufrieden waren. Anders als heutzu- tage konnten sie außerdem ein hohes Aufrücken noch nicht so gut über ihr Gegenpressing auf- fangen – das gab es nämlich noch nicht in dieser Form.

Konteranfälligkeit in den Halbräumen

Nach Ballverlusten setzten die leidenschaftlichen Borussen zwar intuitiv nach, teilweise auch in kleiner Gruppe und nicht nur individuell, doch noch nicht kollektiv. Besonders Ballverluste in den Halbräumen konnten dadurch zum Problem werden, da diese in der 4-1-3-2-Rollenverteilung nicht gut abgesichert waren. Während die Flügel sich wegen der Ausrichtung der Außenverteidi- ger selten öffneten, ergaben sich zwischen Flügel und dem alleinigen Sechser durchaus Lücken. Das konnten die Gegner jedoch selten ausnut- zen. Viele Mannschaften in der Bundesliga setz-

ten noch auf Systeme mit zwei Stürmern und nutzten viele lange Bälle. Diese konnten von der Viererkette und dem alleinigen Sechser gut kon- trolliert werden. Schnelles, flaches und breit an- gelegtes Konterspiel sollte erst in den folgenden Jahren zum Trend in der Bundesliga werden.

Einer der größten Trendsetter diesbezüglich war die frisch aufgestiegene TSG Hoffenheim, die unter Ralf Rangnick ein sehr schnelles Konter- spiel mit drei Spitzen praktizierte. Dementspre- chend kassierten die Borussen gegen den spä- teren Herbstmeister die höchste Niederlage der Hinrunde, ein debakulöses 4:1. In dieser Partie lief jedoch auch eine B-Elf auf, da die erste Wahl für die Euro-League-Qualifikation geschont wur- de. Auch dort trat man gegen eine schnell um- schaltende Mannschaft mit drei Spitzen an und kassierte im Hinspiel zwei frühe Gegentreffer ge- gen Udinese Calcio. Diese konnten im Rückspiel noch egalisiert werden, doch im Elfmeterschie- ßen unterlag man den Italienern letztlich und zog nicht in die Gruppenphase des internationalen Wettbewerbs ein. Dieses Scheitern auf internati- onaler Bühne sollte sich noch drei weitere Jahre durch die Dortmunder Leistungsbilanz ziehen.

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Vertragsverlängerung in der Ergebniskrise

Trotz insgesamt guter taktischer Basis und große Fortschritte waren also taktische Probleme aus- zumachen. Das Dortmunder Trainergespann er- kannte diese und arbeitete daran. Besonders in der Winterpause und den folgenden Wochen gab es Fortschritte zu beobachten, das System wurde balancierter und flexibler.

Dennoch startete die Borussia mit schwachen Ergebnissen in die Rückrunde, da die größten Änderung erst später griffen. Als Folge diverser Formschwankungen, Verletzungsproblemchen, des Spielplans und der weiterhin etwas fehlenden Durchschlagskraft gab es keinen Sieg aus den ers- ten sieben Spielen nach der Winterpause. Dabei gab es aber sechs Gegner, die später in der ersten Tabellenhälfte landeten und fünf Unentschieden, nur gegen Bayern (2.) und Stuttgart (3.) verlor man.

Indes führten die gute Hinrunde und die spiele- rischen Fortschritte dazu, dass Dortmunds Ver- antwortliche trotz der Serie siegloser Spiele wei- terhin überzeugt waren von Jürgen Klopp und seinem fußballerischen Konzept. So wurde zwei

Tage nach dem siebten Rückrundenspiel gar eine Vertragsverlängerung des Trainerteams bekannt- gegeben. Im Anschluss daran gab‘s dann sieben Siege in Folge.

Der Einfluss der Vertragsverlängerung ist dabei spekulativ. Wesentlicher dürfte das eindrückli- che 4:4 zwei Tage zuvor gewesen sein, als man in Hannover gleich zwei Mal einen Zwei-Tore- Vorsprung verspielte. Anschließend wirkten die Dortmunder wie angestachelt von diesem bitte- ren Spielverlauf. Jedenfalls agierten sie zielstrebi- ger und klarer im gruppentaktischen Ausspielen der Angriffssituationen und entwickelten in den folgenden Wochen mehr Dominanz und Durch- schlagskraft.

Sahin und Dede verändern den Spielaufbau

Eine taktische Wandlung aufgrund personel- ler Veränderungen war indes der entscheidende Punkt in der Weiterentwicklung des Teams. Zu Beginn der Rückrunde hatte sich Nuri Sahin in der Mannschaft akklimatisiert und spielte sich nach der Partie in Hannover in der Startelf fest.

tegen ergänzt, nachdem auch Sebastian Kehl wieder vollends fit und einsatzbereit war. So hatten die Dortmunder nun eine Basis von zwei Passspielern auf halblinks, die eine strukturierte Ballverteilung aus dem defensiven Mittelfeld ver- sprachen.

Passend dazu hatte Leonardo Dede seinen Kreuz- bandriss vom ersten Spieltag überwunden und war einen Spieltag vor dem 4:4 in die Elf zurück- gekehrt. Er ergänzte die beiden Spielmacher zen- tral-halblinks durch seine Spielstärke entlang des linken Flügels. Das Trio unterstützte sich wun- derbar und es entstand ein deutlich flexibleres Aufbau- und Angriffsspiel mit einem Fokus auf die linke Seite.

Fluider Linksfokus

Dabei hielt sich Sahin eher zurück und agierte quasi balancegebend für die durchschlagskräf- tigen Routiniers an seiner Seite. So gab es an- passungsfähigere Aufrückbewegungen aus un- terschiedlichen Zonen anstelle der recht klaren 4-1-3-2-artigen Abläufe. Kehl erzielte in den verbleibenden zehn Spielen nach Hannover noch

Somit wurde die Raute durch einen zweiten Stra-

#teamporträt_bvb_2008-2011

Frei Zidan Hajnal Blaszczykowski Sahin Kehl Dede Owomoyela Santana Subotic Weidenfeller Dortmunds System bei
Frei
Zidan
Hajnal
Blaszczykowski
Sahin
Kehl
Dede
Owomoyela
Santana
Subotic
Weidenfeller
Dortmunds System bei Ballbesitz wäh-
rend der Siegesserie in der Rückrunde

2008/2009

vier Tore, da er wegen Sahins Absicherung immer wieder überraschend in die Spitze stoßen konnte. Klopp beschrieb das im späteren Rückblick mal mit den Worten „wahnsinnige Positionswechsel“.

Diese Wechselspielchen ergänzten sich auch mit der sonstigen Ausrichtung. Hajnal agierte als Rechtsfuß ohnehin mit einem leichten Fokus auf die halblinke Seite und so entwickelte sich das Aufbauspiel um seinen Grundraum heraus, sodass der Zehner noch besser eingebunden war und mehr Möglichkeiten bekam. Gleichzeitig war der Halbraum dort besser abgesichert und erlaubte risikoreichere Kombinationen.

Durch den Fokus auf links bekam dann auch Blaszczykowski mehr Raum bei Verlagerungen und musste das Angriffsspiel nicht mehr alleine schultern. So war Dortmunds Spiel schwer bere- chenbar, funktionierte flexibel in der Breite und war gleichzeitig besser abgesichert als zuvor. In dieser Umgebung konnte sich schließlich auch mehr Durchschlagskraft entwickeln und die Stürmer fanden zu besserer Form.

Die Kreativität des Alex Frei

Allen voran fand Frei zu alter Stärke zurück – oder sogar mehr als das. Nach seinem Doppel- pack beim 4:4 erzielte er noch vier weitere Tore und bereitete gleich sieben Stück vor. In dieser Phase band er sich sehr präsent in Dortmunds Angriffsspiel ein und bot weit mehr als seine be- kannten Qualitäten als Abschlussspieler. Seine Bewegungen und sein Passspiel waren außerge- wöhnlich und ein wesentlicher Bestandteil für das Stück Unberechenbarkeit, das dem BVB zu- vor noch gefehlt hatte.

Dabei suchte er oft im Zwischenlinienraum das Kombinationsspiel mit Hajnal und zeigte un- orthodoxe Ausweichbewegungen weit auf die Flügel. Diese waren zum einen raum- und dy- namikschaffend für das Spiel ins Zentrum, zum anderen konnte er auch außen durchaus Präsenz entwickeln und nutzte seine Flankenstärke, die man normalerweise nur bei Standards zu sehen bekam.

Die beeindruckende Siegesserie mit 17:2 Toren führte übrigens sogar dazu, dass der BVB kurz vor Saisonende Tabellenführer war – nach der

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alten Zwei-Punkte-Wertung. Aufgrund der vie- len Unentschieden spielten die Borussen in der tatsächlichen Tabelle zumindest noch um die in- ternationalen Plätze mit. Die Siegesserie endete gegen den späteren Meister Wolfsburg in einer jähen 3:0-Auswärtspleite, als man in einem do- minant geführten Spiel von Misimovic, Dzeko und Grafite effizient ausgekontert wurde.

Nach dem anschließenden 6:0 gegen Bielefeld brauchte man einen Sieg in Mönchengladbach für Platz 5 – falls Hamburg parallel ebenfalls ge- wann. Da Hamburg erst kurz vor Schluss den Siegtreffer erzielte, entwickelte sich ein merkwür- diges Spiel in Gladbach. In dem unsicheren Wis- sen, dass es vielleicht reichen könnte, spielten die Borussen „halb“ auf Sicherheit und entwickelten nicht die letzte Konsequenz nach vorne. So er- reichte man nur ein 1:1 und flog doch noch aus den internationalen Plätzen, als Hamburg den Siegtreffer erzielte. Dennoch war das Fazit nach der Saison alles in allem positiv. Verglichen mit den wankelmütigen Leistungen in den Vorjahren war die neue Borussia fast eine Offenbarung für die schwarzgelbe Anhängerschaft. Damit stiegen jedoch auch die Erwartungen.

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2009/10: Stille Weiterentwicklung

Unsere Fans sollen wieder große emotionale Momente im Stadion er- leben. Wir haben eine Basis geschaf- fen, auf der wir aufbauen können und werden. [Jürgen Klopp]

Nachdem die erste Saison zur Etablierung des Pressings und der Festigung eines Offensivsys- tems genutzt wurde, wollten Klopp und Co. in der zweiten Saison Ergebnisse – würde man vielleicht vermuten. In der Tat gab man weiter- hin kein Saisonziel heraus. Stattdessen versprach Klopp eine Mannschaft, „die total engagiert ist, die vom ersten Tag alles raushaut und die in der Lage ist, an bestimmten Tagen jeden Gegner zu schlagen“.

Eingespieltheit statt Neuzugänge – von wegen

Dafür setzte man vorerst auf die Basis der Vorsai- son. Man wolle die Mannschaft öfter an ihr Limit heranführen, hieß es. Kostspielige Neuzugänge gab es keine, doch dafür sei man eingespielt. Die- se Eingespieltheit wurde aber kurz vor Saisonstart in zwei wichtigen Elementen zerstört. Frei wur- de nach Basel verkauft, da er nur noch ein Jahr

Vertragslaufzeit hatte. Kapitän Kehl verletzte sich noch vor Saisonbeginn und fiel bis in die Rück- runde hinein aus.

So begann der Klassiker für den BVB: Zu Beginn der Saison musste ein Schlüsselspieler der Offen- sive ersetzt werden. In diesem Fall holte man den Ersatz aus Chile. Lucas Barrios kam für die Frei- Ablöse vom CSD Colo Colo. Mit 37 Toren in 38 Spielen der vorherigen Saison wurde er me- dial als „Welttorjäger“ gefeiert und avancierte di- rekt zum Hoffnungsträger der Borussia. Wie so oft brauchte das neue Offensiv-Juwel aber einige Wochen Zeit, um sich im ungewöhnlichen Spiel der Schwarzgelben zurechtzufinden.

Neben Barrios gab es noch zwei Transfers, die zunächst unter ferner liefen abgetan wurden, die aber langfristigen Wert entwickeln sollten: Der ehemalige BVB-Nachwuchsspieler Kevin Groß-

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kreutz wurde mit 20 Jahren aus der zweiten Liga von Rot-Weiss Ahlen zurückgeholt. Etwas mehr Eindruck hinterließ Sven Bender. Der 19jährige Träger der Fritz-Walter-Medaille in Bronze kam im Tausch für den aussortierten Rechtsverteidi- ger Antonio Rukavina von 1860 München. Un- erwartet wurden beide schon in der Hinrunde integriert. Die erfahrenen Neuzugänge Markus Feulner und Dimitar Rangelov schafften hin- gegen nicht den Durchbruch, ebensowenig das französische Talent Damien Le Tallec.

Schwacher Saisonstart in der „alten“ Raute

Ohne Frei und Kehl fiel der BVB zurück in alte Gewohnheiten: zentrale Dominanz in der Raute auf eher mittelmäßigem Niveau, fehlende Durch- schlagskraft, viele Unentschieden. Erst am achten Spieltag gelang der zweite Sieg. Zu diesem Zeit- punkt stand man mit neun Punkten und 7:13 Toren auf Platz zwölf. Auch die 1:1-Tendenz war zurück: In den acht Endständen fand sich elf Mal die Eins. Der BVB kam kein einziges Mal über sie hinaus.

Dass Barrios dabei Frei nicht ersetzen konnte, lag nicht hauptsächlich an den neuen Umstän-

den in der deutschen Liga. Er brachte auch an- dere Fähigkeiten mit, die nicht so gut ins 4-3-1-2 passten. Sein Passspiel war sicher, aber eher auf simple, kurze Ablagen ausgerichtet und nicht so kreativ wie das von Frei. Zum Ausspielen seiner Dynamik benötigte er Raum, den er in der Dop- pelspitze nicht bekam; auf dem Flügel fühlte er sich nicht wohl. Hinzu kam laut Klopp ein kör- perliches Tief nach den ersten Wochen, weswe- gen Barrios vom 4. bis zum 6. Spieltag nur von der Bank kam. Zeitgleich mit diesen Problemen durchlief Hajnal ein Formtief und konnte dem Spiel nicht mehr so sehr seinen Stempel aufdrü- cken, was den letzten Beitrag zur Offensivschwä- che lieferte.

So gab es in dieser Phase auch drei Niederlagen, mehr als in der gesamten vorherigen Vorrunde. Alarmierend war vor allem die hohe Pleite gegen den Hamburger SV, bei dem man am zweiten Spieltag mit 1:4 unterging. Die Hamburger nutz- ten die Dortmunder Anfälligkeit auf dem Flügel, indem Ze Roberto und Jarolim von der Doppels- echs überladend dorthin auswichen. So geriet die Dortmunder Defensive das erste Mal seit dem 1:4 in Hoffenheim richtig ins Schwanken.

Rost Boateng Mathijsen Demel Aogo Valdez Barrios Hajnal Zé Roberto Jarolim Blaszczykowski Trochowski Sahin
Rost
Boateng
Mathijsen
Demel
Aogo
Valdez
Barrios
Hajnal
Zé Roberto
Jarolim
Blaszczykowski
Trochowski
Sahin
Elia
Tinga
Guerrero
Petric
Schmelzer
Owomoyela
Santana
Subotic
Weidenfeller
Hamburg überlud die Flügel am zweiten
Spieltag und fuhr einen souveränen 4:1-
Sieg ein.

#teamporträt_bvb_2008-2011

Barrios (Valdez) Zidan Großkreutz Blaszczykowski (Valdez) Sahin Bender (Hummels) (Kehl) Schmelzer Owomoyela
Barrios
(Valdez)
Zidan
Großkreutz
Blaszczykowski
(Valdez)
Sahin
Bender
(Hummels)
(Kehl)
Schmelzer
Owomoyela
(Dede)
Hummels
Subotic
(Santana)
Weidenfeller
(Ziegler)
Dortmunds Stammbesetzung in der Saison
2009/2010 nach der Umstellung auf das

4-4-1-1

Das 0:1 im eigenen Stadion gegen Magaths Schal- ker war eher emotional problematisch, ebenso wie das 1:5 gegen die Bayern. In diesem Spiel hielt man lange Zeit gut mit und wurde dann das Opfer der individuellen Klasse und der Chancen- auswertung des Rekordmeisters. Aus taktischer Sicht fiel das Spiel gegen Bayern ohnehin etwas aus der Wertung, da die Borussen im 4-3-3 antra- ten, um der gegnerischen Breite Herr zu werden. Dennoch decken diese drei Niederlagen die syste- matischen Probleme der Raute auf und waren ein Grund, warum sie verworfen wurde.

Umstellung auf 4-4-1-1

Ausschlaggebend für dem Systemwechsel war je- doch eine Verletzung von Hajnal, wegen der er am 9. Spieltag gegen den VfL Bochum nicht zur Verfügung stand. Gleichzeitig fehlte mit Tinga ein weiterer Baustein der Raute und der west- fälische Nachbar agierte mit vielen Flanken. Es sprach einiges für eine Systemumstellung und so setzte Klopp dem Papier nach auf das 4-2-3-1, welches zu dieser Zeit gerade Mode wurde. In der Praxis war es jedoch eher ein 4-4-1-1 mit zwei klaren Flügelspielern und Zidan als hängender

Spitze hinter Barrios. Dieser Wechsel hatte weit- reichende Konsequenzen sowohl für die taktische Spielweise in dieser Phase als auch für die lang- fristige Entwicklung der Mannschaft.

Kurzfristig bedeutete der Systemwechsel ein paar Rückschritte. Durch den zusätzlichen Offen- sivspieler konnte man mehr Druck im Pressing aufbauen und Durchschlagskraft erzeugen, doch verlor an taktischer Finesse und Dominanz. Die Flügelspieler verteidigten lose mannorientiert, sodass Dortmund die bisherige Kompaktheit im Zentrum einbüßte. Auch die Fluidität in diesem Bereich litt sehr stark und das Aufbauspiel gestal- tete sich wesentlich monotoner als in den Mona- ten zuvor.

Langfristig bot die Umstellung aber die Basis für die spätere Dominanz. Durch die breitere Grund- stellung kontrollierte man das Feld ausgewogener und musste nicht ständig gegen das „Mismatch“ auf den Flügeln kämpfen. Die Kontrolle des Zen- trums erlangte man später mit eleganteren Mit- teln wieder. So konnte man auf höherem Niveau und mit einem weiträumigerem Ansatz das Spiel kontrollieren, was das Fundament dafür war, dass

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Barrios Zidan Großkreutz Blaszczykowski Sahin Bender Schmelzer Owomoyela Hummels Subotic Weidenfeller Dortmunds
Barrios
Zidan
Großkreutz
Blaszczykowski
Sahin
Bender
Schmelzer
Owomoyela
Hummels Subotic
Weidenfeller
Dortmunds Pressing im 4-4-1-1: Zidan und
Barrios bearbeiten flexibel vier Gegen-
spieler

sich die Borussen später zu einer echten Top- mannschaft entwickeln konnten und nicht nur ein „schwer zu schlagender Gegner“ blieben.

Asymmetrische Doppelspitze im Pressing

Eine Neuerung, die bis heute fast durchgängig ein zentrales Element des Dortmunder Pressings geblieben ist, betraf die Stellung der Stürmer im Pressing. Man spielte eine Mischform aus 4-2-3-1 und 4-4-2: Barrios und Zidan positionierten sich versetzt hinter- und nebeneinander und konnten auf diese Weise vier Gegenspieler zu zweit effek- tiver verteidigen.

Barrios postierte sich nah an einem der Innen- verteidiger – normalerweise dem linken (Sicht Dortmund) – und Zidan stand diagonal dahin- ter im Dunstkreis des Sechsers der anderen Seite. So deckten beide einen Gegenspieler fest ab und konnten jeweils die beiden „freien“ Gegner flexi- bel anlaufen. Durch eine zentralere Grundpositi- on hielten sie die Laufwege kurz und den einzi- gen gefährlichen Passweg – diagonal vom rechten Innenverteidiger auf den linken Sechser – recht eng. Außerdem stand beim Anlaufen stets einer der Gegenspieler im Deckungsschatten.

Diese diagonale Pressingspitze sorgte – und sorgt noch heute – gegen die meisten Gegner dafür, dass die Sechser isoliert werden und gleichzeitig den Innenverteidigern alle Passwege nach vorne genommen werden. So wird der Gegner nach Außen gedrängt und die Dortmunder Sechser können sich nach hinten auf die Sicherung des Zwischenlinienraums konzentrieren. Letztlich hat die gegnerische Mannschaft immer Unter- zahl, wenn sie vorwärts spielt, und die Borussen kontrollieren ohne Ball das Geschehen.

Bender als stiller Schlüsselspieler

Die Mannorientierung auf den Flügeln ist hin- gegen ein Element, was zwischendurch gar nicht mehr und heute nur noch situativ von den Bo- russen angewendet wird. Zusammen mit der eher vorwärts gerichteten Doppelspitze führte diese Herangehensweise dazu, dass die beiden Sechser in einer recht unkompakten Umgebung agieren und viel Raum abdecken mussten. Viele Gegner konnten diesen Bereich zwar durch das leitende Pressing nicht bespielen, doch in Umschaltmo- menten und nach langen Bällen hatte der BVB hin und wieder mit offenen Räumen zu kämpfen.

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Enorm wichtig für dieses System war deshalb von Beginn an Sven Bender, der auch zusammen mit der neuen Formationen Einzug ins BVB-Spiel fand. Der Jungspund konnte in der unkompakten Grundsituation seinen riesigen Arbeitsradius voll ausspielen und sorgte neben dem strategischen Sahin dafür, dass die Dortmunder schnell Druck auf den Ball ausüben konnten. Indem er seine Kernkompetenzen Zweikampf- und Laufstärke so stark einbringen konnte, fand er sich schnell im Spiel der Borussen zurecht und bald wurde – im Nachhinein nicht zu Unrecht – diskutiert, ob sich Kehl nach seiner Wiedergenesung überhaupt wieder einen Stammplatz erobern könne.

Benders Wichtigkeit für das neue System wird an den Ergebnissen deutlich: In den ersten 15 Spie- len des neuen Systems fehlte er vier Mal. In die- sen vier Spielen holte der BVB nur zwei Punkte (gegen Bremen, Mainz, Stuttgart und Frankfurt). In den elf Spielen mit Bender siegten sie neun Mal und scheiterten nur an Leverkusen und den Bayern. Erst mit Kehls Rückkehr gab es auch ohne den 20jährigen Siege im 4-4-1-1. Mats Hummels fehlte es auf der Position neben Sahin an Dynamik und Zugriffsradius.

Sahin übernimmt die Kontrolle

Stichwort Sahin: Der entwickelte sich mit seinen immer noch jungen 22 Jahren zur absoluten Säu- le im Dortmunder Spiel. Bis auf eine Gelbsper- re und eine verletzungsbedingte Auswechslung spielte er alle Partien der Saison komplett durch. Nachdem er in der Halbposition der Raute sei- nen Rhythmus entwickelt hatte, konnte er sich nun als zentraler Spielmacher voll entfalten.

Durch die breitere Grundausrichtung der Offen- sive brachte er vermehrt seine langen Pässe ein und sorgte im linearen Offensivspiel für Struktur. Durch seine enorme Übersicht und Reichweite konnte er von der weniger kompakten Ausrich- tung profitieren. Besonders seine Verlagerungen auf Blaszczykowski, der wieder seine alte Stamm- position als Rechtsaußen eingenommen hatte, wurden zur Waffe im Dortmunder Spiel.

Auch im Spiel gegen den Ball wurde er präsenter und wichtiger für die Borussen. Er entwickel- te ein geschicktes Stellungsspiel im Raum und konnte die gegnerischen Angriffe gut leiten und verzögern. Das ergänzte sich gut mit der „rohen“ Leidenschaft von Bender und brachte trotz der

Kompaktheitsprobleme meistens einen guten Zugriff und wichtige Balleroberungen im Zent- rum.

Diese Ballgewinne waren auch in offensiver Hin- sicht sehr wichtig, da die Dortmunder nun ihr Konterspiel entwickelten. Auch in diesem bilde- te Sahin die zentrale Säule. Die eroberten Bälle lieferte er in die Räume hinter die aufgerückten Außenverteidiger des Gegners oder er bediente Zidan zwischen den Sechsern oder im Zwischen- linienraum.

Zidan und Barrios, das dynamische Duo

Der inkonstante Ägypter hatte in dieser Saison seine beste Phase beim BVB, da er sich auf seine wichtigsten Stärken fokussieren konnte und in dem simpleren Offensivspiel besser zurechtkam als in den komplexeren Abläufen des 4-3-1-2. Er holte sich irgendwo im offensiven Mittelfeld den Ball ab, ging ins Eins-gegen-Eins und marschier- te dann auf die Abwehr zu.

Beim Ausspielen der Angriffe bildete er ein gut harmonierendes Duo mit Barrios, der als allei- nige Spitze seine Position gefunden hatte. Nach

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Barrios Zidan Blaszczykowski Großkreutz Sahin Bender Schmelzer Owomoyela Hummels Subotic Weidenfeller Nach
Barrios
Zidan
Blaszczykowski
Großkreutz
Sahin
Bender
Schmelzer
Owomoyela
Hummels Subotic
Weidenfeller
Nach Ballverlusten wurde Zidane im Zeh-
nerraum gesucht, um in den Zwischenlini-
enraum zu dribbeln

der Einführung des 4-4-1-1s traf der Argentinier gleich in vier aufeinanderfolgenden Spielen und kam bis zum Saisonende auf 19 Treffer. Er nutz- te seinen Antritt für das ständige Beackern der Schnittstellen der Viererkette. Entweder wich er etwas aus und sprintete dann steil Richtung Tor oder er startete aus zentraler Position nach außen und wurde seitlich im Strafraum angespielt. Sein hoher Fokus auf das Bespielen der Schnittstellen wurde von den Flügelspielern unterstützt, die die gegnerischen Außenverteidiger banden.

Umgekehrt profitierten diese von seinen Läufen, was auch für Zidan galt. Barrios schuf ihm im- mer wieder lokale Zwei-gegen-Zwei-Situationen, in denen der Individualdribbler sich einen kla- ren Gegenspieler picken konnte und dann ent- weder vorbeiging oder den klaren Pass durch die Schnittstelle spielte. Im Laufe der Saison perfek- tionierten die beiden ihr Zusammenspiel. Zidan kam zwischen seiner Abstellung zum Afrika-Cup und seinem Kreuzbandriss kurz vor Saisonende auf 10 Scorerpunkten in 11 Spielen.

Zuverlässiger Durchschnitt auf Außen

Während das Sturmduo nun funktionierte, ging den Borussen die Durchschlagskraft auf den Flü- gelpositionen noch etwas ab. Wegen der Aus- richtung auf die Raute in den Jahren zuvor hatte Klopp wenige Alternativen zur Verfügung und diese hatten unterschiedliche Probleme.

Zum einen verlor Blaszczykowskis zunehmend an Effektivität. Schon in der Rückrunde der Vor- saison konnte er nicht mehr ganz an die sehr prä- senten Auftritte der ersten Monate unter Klopp anknüpfen. Nun ging ihm auch noch das takti- sche Überraschungsmoment des ausbrechenden Rautenspielers ab und er wurde in seinen Dribb- lings zur Grundlinie vorhersehbarer. Mit einem Tor und vier Vorlagen schloss er die Saison trotz durchgängigen Stammplatzes mit einer ernüch- ternden Bilanz ab. Zumindest konnte er Raum für Owomoyelas Halbfeldflanken schaffen. Der Rechtsverteidiger avancierte in dieser Saison mit acht Assists zu Dortmunds bestem Vorbereiter. Blaszczykowski selber sorgte zwar mit seinem Tempo für eine Anspielstation im Umschaltmo- ment, doch konnte mit seiner limitierten Flan-

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kentechnik eher wenig daraus machen und zog auch kaum in den Strafraum.

Zumindest letzterer Punkt war auf dem anderen Flügel nicht so ausgeprägt, da dort Stürmer auf- gestellt werden mussten. Anfangs half Valdez auf Linksaußen aus und konnte seine Arbeitsamkeit und Geschwindigkeit einbringen, doch gingen ihm klar die technischen Fähigkeiten ab, um es auf dieser Position zu richtig guten Leistungen zu bringen. Er konnte viele Szenen generieren und war auffällig, aber er ließ auch eine Menge liegen. Insgesamt kam er auf 28 Einsätze (18 vom Start) und erreichte dabei 5 Tore und 4 Vorlagen, die meisten davon aber, wenn er mal im Sturm oder als hängende Spitze aushelfen musste. Ab dem 14. Spieltag übernahm Großkreutz seine Positi- on links, nach der Saison wurde Valdez verkauft.

Auch Großkreutz entwickelte nicht die große Durchschlagskraft und ist bekanntermaßen kein Individualkünstler. Mit 5 Toren und 3 Vorlagen kam er bei 21 Startelf-Einsätzen auf eine ähnli- che Bilanz wie Valdez. Doch immerhin spielte er konstanter und unterstützender. Durch sein Tempo am Ball konnte er vor allem im Um-

schaltmoment mit diagonalen Dribblings wich- tigen Raumgewinn erzielen und Gegner binden. Für den ganz großen Effekt fehlten ihm aber noch ein paar kombinationsstarke Nebenspieler.

So entstanden in dieser Saison zwischen den Offensivspielern relativ wenige Wechselwirkun- gen und auch deshalb sollte diese Spielzeit von der Torbilanz die schwächste unter Klopp wer- den. Der wichtigste Punkt der neu geschaffenen Flügelspieler-Positionen war ihre Präsenz in Um- schaltmomenten. Auf diesem Fundament begann sich das berüchtigte Konterspiel der Borussen zu entwickeln, welches in den Folgesaisons die gro- ßen Erfolge bringen sollte.

Masterplan Spielerentwicklung

Nicht nur in taktischer Hinsicht wurden in die- ser Saison die Grundsteine gelegt, auch die per- sonellen Entwicklungen sollten ausschlaggebend für die Zukunft werden. Mit Großkreutz, Bender und Schmelzer etablierten sich drei Spieler, die noch heute Stammspieler sind. Subotic, Hum- mels und Blaszczykowski wurden auch bei etwas schwächeren Leistungen nicht in Frage gestellt.

Das Trainerteam begann in dieser Saison merk- lich, junge Spieler gezielt zu bevorzugen. Mehre- re Akteure, die ihr Entwicklungspotential schon abgeschöpft hatten, kamen kaum noch zum Zug:

Hajnal kam nach der Systemumstellung nur noch zu Kurzeinsätzen und half bei Verletzun- gen auf der Sechserposition aus. Feulner bekam trotz guter Ansätze nie eine echte Chance, ob- wohl Klopp seine Trainingsleistungen stets lobte. Auch das Kapitel Rangelov war schnell beendet. Vielverdiener Kringe wurde schon vor der Saison verliehen. Tinga kam nach seiner Verletzung in der Hinrunde nicht mehr zurück und verließ den Verein nach der Saison in Richtung Brasilien.

Besonders auffällig waren jedoch die Fälle Kehl und Dede. Beide waren ihren Konkurrenten Ben- der und Schmelzer spielerisch noch etwas voraus und auch in sonstigen Punkten zumindest nicht weit hinterher. Alles in allem waren sie aber auch nicht klar besser und so erhielten die jüngeren Spieler den Vorzug. Gerade Schmelzer machte in dieser Saison eine beeindruckende Entwicklung und etablierte sich zunehmend als feste Größe im Team. Während er sich bei seinen Aushilfseinsät- zen in der Vorsaison noch weitestgehend auf seine

#teamporträt_bvb_2008-2011

Defensivaufgaben beschränkte, nutzte er nun sei- ne Dynamik immer öfter auch im Vorwärtsgang. Dabei war er bei weitem nicht so effektiv wie der flankenstarke Dede und erreichte in 28 Einsätzen nur eine Vorlage, doch Klopp hielt an dem lern- willigen, bissigen Läufer fest. Dass er sich sogar bis zum Nationalspieler entwickeln könnte, war zu dem Zeitpunkt bei weitem kein Thema. Doch Klopps Vertrauen sollte sich bei allen Akteuren auszahlen.

Schwache Endphase

Auch wenn der BVB mit der Systemumstellung ein wenig instabiler geworden war, führten die Fortschritte im Umschaltspiel und der druckvol- lere Gesamtauftritt zu guten Ergebnissen. Das laufintensive System funktionierte vor allem vor heimischem Publikum gut. Als sich die Saison dem Ende näherte, rückte Dortmund bis auf Platz vier vor und fand sich in Reichweite des Champions-League-Qualifikationsplatzes wie- der. Am 27. Spieltag waren es fünf Punkte Rück- stand auf die drittplatzierten Leverkusener.

Die Chance auf diesen großen Schritt wurde aber in den folgenden Wochen vertan, da die Ergeb- nisse bei ähnlichen Leistungen nicht mehr zu- standekamen. Man traf auf einige Mannschaften, die sich im Abstiegskampf befanden und gegen die erstarkte Borussia sehr zurückhaltend agier- ten. Gegen Schlusslicht Hertha gab es nur ein 0:0, gegen die wenig ambitioniert verteidigenden Mittelfeld-Teams Hoffenheim und Wolfsburg reichte es im eigenen Stadion jeweils nur zum 1:1. Auch Mainz und Freiburg gaben den Dort- mundern wenig Möglichkeiten zum Kontern und fuhren Siege ein. So erreichten die Borussen an den letzten acht Spieltagen wie an den ersten acht nur zwei Siege. Das reichte dieses Mal aller- dings noch für Platz sechs und die Qualifikation für die Europa League.

In der Summe war diese Saison eine wechselhaf- te ohne den ganz großen Coup. Wichtig waren vor allem die langfristigen Entscheidungen, die getroffen wurden. Auf die Stabilisierung in Jahr eins folgte die Vision in Jahr zwei. In Jahr drei wartete das Spektakel.

#teamporträt_bvb_2008-2011

2010/11: Der Sensationsmeister

Das größte Gefühl heute ist der Stolz auf die Mannschaft. Wie sie mit all dem umgegangen sind, was diese Sai- son auf sie eingeprasselt ist - Hut ab! [Jürgen Klopp nach der gewonnenen Meisterschaft]

Auf die durchwachsene Spielzeit der Weiter- entwicklung und Systemumstellung folgte ein Erfolgsjahr, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein Jahr, mit dem niemand rechnen konnte. Die Zielsetzung der Borussia war, sich in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen und weiter am eige- nen Fußball zu feilen. Doch mit Stabilisierung hatten die folgenden Monate überhaupt nichts zu tun, es entstand vielmehr ein Erdbeben. Der BVB startete als Team aus dem erweiterten Kreis und spielte eine der beeindruckendsten Hinrun- den der Bundesliga-Geschichte.

Jahrhunderttransfer und Jahrhunderttalent

Das Fundament der Leistungsexplosion waren zwei Neuzugänge, die einen ganz neuen Dort- munder Stil prägten. Mit Mario Götze und Shinji Kagawa ergänzten zwei Spezialisten für enge Räu- me den Kader um neue Möglichkeiten im Spiel

durch das Zentrum. Die beiden Zehner, die bei- nahe zum Nulltarif nach Westfalen kamen (Ka- gawa kostete nur eine sechsstellige Ausbildungs- entschädigung), waren sagenhafte Glücksgriffe für die Borussia. Mit ihrem Talent pulverisierten sie die finanziell bedingten Grenzen des Vereins. Dass sie mittlerweile für Manchester United und Bayern München auflaufen und ihre Wechsel rund 55 Mio. € in die Vereinskassen spülten, quantifiziert den immensen Qualitätszuwachs, der Dortmunds Trainerteam in dieser Saison zur Verfügung stand.

Beide fügten sich schon in der Vorbereitung her- vorragend in das Team ein. Kagawa wurde nach ersten Testspiel-Einsätzen als Flügelspieler zum Zehner umfunktioniert, wo er seine Beweglich- keit in den Zwischenräumen stärker einbringen konnte und mehr Torgefahr entwickelte. In den ersten Partien suchte er noch nach der Abstim-

#teamporträt_bvb_2008-2011

Barrios (Lewandowski) Kagawa (Lewandowski) Götze Großkreutz (Blaszczykowski) Bender (Kehl) Sahin (da Silva)
Barrios
(Lewandowski)
Kagawa
(Lewandowski)
Götze
Großkreutz
(Blaszczykowski)
Bender
(Kehl)
Sahin
(da Silva)
Schmelzer
Piszczek
Hummels
Subotic
Weidenfeller
Dortmunds Stamm in der Saison 2010/2011

mung mit Barrios und es mangelte am Timing bei seinen Läufen in den Strafraum, doch der taktisch hochintelligente Japaner zeigte sich sehr lernbereit. Nach wenigen Wochen war er fast per- fekt in das Dortmunder Spiel eingebunden und prägte die neue Spielweise. Er beteiligte sich an fast allen Angreifen als Kombinationspartner, Passgeber, Dribbler oder Abschlussspieler. Durch seinen hohen Arbeitsradius sorgte er dafür, dass die zuvor etwas getrennt agierende Offensivreihe ständig mit Verbindungen belebt wurde.

Götze, dessen Erfahrung sich zu dem Zeitpunkt auf nur einen Kurzeinsatz in der Bundesliga be- schränkte, profitiere von Kagawas Präsenz: Er hatte im Zentrum einen Kombinationspartner, der zu seiner Spielweise passte und die gegneri- sche Aufmerksamkeit als Fixpunkt auf sich zog. So konnte er vorerst eine weniger präsente Rolle als Flügelspieler bekleiden. Er musste das Spiel nicht ankurbeln, sondern konnte sich gemäß sei- nes Naturells auf saubere, logische Aktionen kon- zentrieren. In dieser Funktion bekam er die Ge- legenheit, sich ohne großen Leistungsdruck auf Bundesliga-Niveau einzuspielen. Das lernfähige Spitzentalent akklimatisierte sich schnell.

Die Zentrumsüberzahl kehrt zurück

Schnell wurde klar, welche Richtung die Borus- sia mit den neuen Offensivspielern einschlagen konnte und wollte. Wie in der ersten Saison wollte man wieder das Zentrum dominieren, dabei aber die Breite und Direktheit der zweiten Spielzeit beibehalten. Mit und gegen den Ball fand Klopp in kurzer Zeit die richtigen Werk- zeuge dafür. Im Grunde ist beides auch schnell erzählt und wirkt mit etwas Abstand fast banal. Zum Zeitpunkt aber waren die neuen taktischen Maßnahmen nicht nur hervorragend auf das neue Spielermaterial der Mannschaft angepasst, sondern passten revolutionär gut in den Kontext der Bundesliga, die sich in einer Art Findungs- phase befand.

In allen Spielphasen war die taktische Basis das Einrücken der Flügelspieler. Auch wegen dieses Stilmittels verlor Blaszczykowski seinen Stamm- platz an Großkreutz und Götze. Der Pole defi- nierte sich weiterhin stärker über sein Tempo am Flügel und entwickelte erst später die Kombinati- onsstärke der beiden Dortmunder Eigengewäch- se.

#teamporträt_bvb_2008-2011

Diese konnten nun zusammen mit Kagawa in vielen Spielen Überzahl gegen die gegnerische Doppelsechs herstellen. In der Liga hatten sie es mit vielen Teams zu tun, die ein eher passives Mittelfeldpressing im 4-4-1-1 spielten und dabei gegnerische Außenverteidiger lose mannorien- tiert verfolgten – also eine ähnliche Struktur, wie sie der BVB in der Vorsaison zeigte, nur meist weniger aktiv und intensiv, vor allem in vorders- ter Linie. Gegen diese Systematik konnten sich die Borussen zwei große strukturelle Vorteile er- spielen.

Der erste Punkt war, dass die Gegner nicht mit der Überladung des Zentrums klarkamen. Die Außenverteidiger spielten üblicherweise posi- tionsorientiert, während die Flügelspieler von Dortmunds Außenverteidigern gebunden wur- den. So verteidigte die Doppelsechs meist recht isoliert und wurde von Dortmunds eng agieren- dem Offensivtrio in Unterzahl zerspielt.

Verbesserte Ballzirkulation durch Aufrücken

Der zweite Punkt war ebenfalls eine Folge des feh- lenden Übergabemoment auf Außen, der auch zu fehlender Breite in der ersten Pressinglinie führt:

Wenn sich die Flügelspieler mannorientiert ver- halten, können sie nach hinten geschoben wer- den. Dadurch fehlt der Zugriff nach vorne, be- sonders wenn die beiden zentralen Spieler eher hinter- als nebeneinander spielen.

Diese Problematik forcierten die Borussen, in- dem die Außenverteidiger höher agierten als zuvor. Schmelzers Weiterentwicklung aus der Vorsaison war dafür ebenso wichtig wie die Ver- pflichtung von Lukasz Piszczek, der als Überra- schungstransfer vom Absteiger Hertha BSC ge- kommen war. Nach anfänglicher Rotation mit Owomoyela spielte er sich als Stammspieler fest, als sich der Routinier verletzte. So bekamen die Borussen noch mehr Tempo und Laufstärke auf die Außenbahnen. In der Folge hatte Dortmunds Defensive mehr Raum für Freilaufbewegungen, den sie konsequent nutzten, um Sahin und Hum- mels freizuspielen. Die Innenverteidiger fächer- ten stärker auf und die Defensivposition wurden konsequenter und strukturierter durchgespielt. Eine absolut dominante Vorstellung am zweiten Spieltag in Stuttgart erinnerte leicht an Louis van Gaals Ballbesitz-Bayern aus der vorhergehenden Rückrunde.

Etablierung des Gegenpressings

Auf Basis der besseren Aufbaustruktur und des höheren Aufrückens konnte Klopp den vielleicht wichtigsten Schritt seiner Amtszeit machen: Das Gegenpressing wurde zum Grundkonzept erho- ben. Nach Ballverlusten setzten die Borussen nun im Kollektiv nach und holten die Bälle sofort wieder. Daraus öffnete sich eine neue Ebene der Dominanz, vor allem gegen nominell unterlege- ne Gegner, die dem BVB in abwartender Hal- tung und tiefer Verteidigung entgegentraten.

Durch die Überladung des Zentrums und die absichernde Grundhaltung der Sechser konnten sich die Gegner nicht durch die Mitte aus dem Dortmunder Klammergriff befreien. Weil die Flügelspieler von Dortmunds Außenverteidigern nach hinten gedrückt wurden, standen auch die- se im ersten Umschaltmoment nicht zur Verfü- gung. So blieb vielen Gegnern nur der lange Ball, den Hummels und Subotic dann in Überzahl aufsammeln konnten.

Der Fokus auf die halblinken Räume um Sahin und Hummels verstärkte dieses Mittel noch, da der linke Flügel mit Schmelzer und Großkreutz

#teamporträt_bvb_2008-2011

Barrios Großkreutz Götze Schmelzer Kagawa Piszczek Bender Sahin Hummels Subotic Weidenfeller Dortmunds
Barrios
Großkreutz
Götze
Schmelzer
Kagawa
Piszczek
Bender
Sahin
Hummels
Subotic
Weidenfeller
Dortmunds Überzahlzonen im Zentrum als
Basis für schnellen Zugriff im Gegen-
pressing

der defensivstärkere war. Passend dazu agierte Bender meist auf der rechten Sechserposition, wo er recht viel Raum zu beackern hatte und gleichzeitig nicht so stark im Spielaufbau invol- viert war. So konnte er sich auf die Antizipation der Umschaltmomente fokussieren und bei even- tuellen Verlagerungen das Einrücken von Götze absichern.

Vom 4-4-1-1- zum 4-2-3-1-Pressing

Die asymmetrische Verteilungen der wichtigsten Pressingspieler wurde auch gegen den gegneri- schen Spielaufbau genutzt. Die 4-4-1-1-Ordnung der Vorsaison wurde zu etwas mehr Flexibilität und noch größerer Stabilität im Zentrum ausge- baut. Zu diesem Zweck verteidigten die Flügel- spieler stärker eingerückt, sodass sich eine „ech- te“ 4-2-3-1-Struktur im Aufbau ergab. Besonders wichtig dafür war Großkreutz, der außergewöhn- liche Laufleistungen vollbrachte und im Pressing quasi mehrere Positionen übernahm. Wenn der Gegner versuchte, über seine Seite aufzubauen, lief er den gegnerischen Außenverteidiger extrem aggressiv an und erstickte diese Versuche oft im Keim. Zudem rückte er beim Pressing außerge-

Barrios Götze Kagawa Großkreutz Bender Sahin Schmelzer Piszczek Hummels Subotic Weidenfeller Arbeitsradien im
Barrios
Götze
Kagawa
Großkreutz
Bender
Sahin
Schmelzer
Piszczek
Hummels
Subotic
Weidenfeller
Arbeitsradien im neuen 4-2-3-1-Pressing

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wöhnlich weit ins Zentrum und stärkte somit die Kompaktheit gegen Angriffe über den anderen Flügel.

Diese Angriffe wurden auch meist fokussiert, indem sich Barrios nach links versetzt vor Kaga- wa positionierte. Der linke Innenverteidiger des Gegners musste so das Spiel eröffnen, sah sich aber Kagawa, Bender und dem eng agierenden Götze gegenüber, die das Zentrum vor ihm zu- stellten. So wurde der Gegner zu Pässen auf den linken Außenverteidiger verleitet.

Wenn Götze nun diesen presste, wurde das Zen- trum von Kagawa und Großkreutz zugestellt, während Barrios wie üblich den ballnahen In- nenverteidiger anlief und Bender die Räume hin- ter Götze übernahm. So wurde der weniger lauf- starke Götze von vielen Spielern unterstützt und Dortmund verengte die Räume auf der Seite fle- xibel. Dagegen fand kaum eine Mannschaft ein durchschlagskräftiges Konzept. Bei Ballverlusten hatte der spielstarke Götze außerdem eine höhere oder engere Position und dadurch kürzere Wege zum Tor. So konnten die potentiellen Defensiv- schwächen noch das Umschaltspiel stärken.

Stärkere Kompaktheit

In der engeren Grundordnung erreichten die Dortmunder nun auch endgültig eine umfassen- de Kompaktheit in der mannschaftlichen Bewe- gung gegen den Ball. Das Verhalten der Viererket- te wurde zu mehr Aggressivität weiterentwickelt und mit dem Mittelfeld synchronisiert.

So beschränkten sich die Innenverteidiger nicht mehr auf die Sicherung gegen Flanken, sondern schoben nach außen durch und es entstanden situativ Dreierketten. Dadurch konnten die Au- ßenverteidiger früher aus der Kette herausrücken und die – wegen der engeren Offensive - weni- ger stark abgedeckten Flügel schließen. So bekam der Gegner noch weniger Ruhephasen als zuvor, Flanken wurden oft schon in der Entstehung ver- hindert und die neue Dominanz der Borussen wurde weiter gestärkt.

Besonders Piszczek kam das entgegen. Dieser hatte in der ersten Saison noch mit größeren Pro- blemen im Defensivspiel und vor allem im Eins- gegen-Eins zu kämpfen. Durch das Herausschie- ben des Innenverteidigers und Benders Abdecken der äußeren Räume wurde er gut unterstützt,

sodass er sich im Dortmunder Pressing akkli- matisieren konnte, ohne dass seine Schwächen groß auffielen. Hilfreich dafür war auch, dass die Stamm-Viererkette die Saison fast unverändert durchspielte.

Kagawas Anpassungsfähigkeit

Das Dortmunder Trainergespann begann nun vermehrt, sich detailliert an den Gegner anzupas- sen, was durch das dominantere Spiel begünstigt wurde. Durch die klarere, konstantere Struktur im Aufbau konnten sie für das Angriffsspiel ge- nauere Maßnahmen ergreifen, da die Wege ins offensive Mittelfeld weniger improvisiert waren. Das äußerte sich vor allem in der Anpassung von Kagawas Rolle. Dem spielintelligenten Neuzu- gang gelang es hervorragend, sich auf neue An- forderungen einzustellen und sein Spiel effektiv an Gegner und Vorgaben anzupassen. So fokus- sierten sich die Dortmunder je nach Gegner auf bestimmte Zonen, die sie überladen oder bespie- len wollten. Zwar konnte Kagawa mit seiner ho- hen Laufbereitschaft in vielen Bereichen präsent sein, doch oftmals konzentrierte er sich auf einen Raum, wo Dortmunds Angriffe zusammenliefen.

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Oft waren dies der Zehnerraum und der linke Halbraum. Dort konnte Großkreutz Spieler bin- den und anschließend in die Spitze gehen, sodass Kagawa ungestörter die Bälle von Sahin fordern konnte und dann vom einrückenden Götze un- terstützt wurde. In manchen Spielen gab es je- doch auch einen Fokus auf die halbrechte Seite – vor allem wenn Blaszczykowski spielte – oder die Flügel wurden überladen. Wenn der Gegner verstärkt im offensiven Mittelfeld presste, zog sich Kagawa zurück und holte sich die Bälle von Sahin kurz ab. In manchen Partien ging Kagawa auch vermehrt in die Spitze.

Strukturähnliches 4-3-2-1 als Ausweichsystem

In zwei wichtigen Spielen ging die Anpassung auch etwas weiter: Am zehnten Spieltag ging es gegen Tuchels Mainzer, die zu diesem Zeitpunkt Tabellenführer waren und oft auf die Raute setzten. So wählte Klopp ein asymmetrisch an- gelegtes 4-3-2-1, um im Zentrum Überzahl zu gewinnen. Großkreutz agierte auf der rechten Halbposition aufrückend, während Kagawa und Götze als Doppelzehn kombinierten und Sahin sich auf der linken Halbposition zurückhielt. So

hatte das 4-3-2-1 eine ähnliche Grundstruktur wie das 4-2-3-1.

Gegen Dutts SC Freiburg kam das System noch einmal als Umstellung im Spiel zum Einsatz und brachte den Sieg. In der ersten Halbzeit waren die Borussen von Freiburgs starkem 4-1-4-1-Pressing überrumpelt worden und – eine Ausnahme in dieser Hinrunde – unterlegen gewesen. Die bei- den Zehner sorgten für schnellere Anspielmög- lichkeiten in den Halbräumen hinter der Mittel- feld-Viererkette und brachten Dortmund somit die zuvor vermisste Offensivpräsenz.

Mit dieser Vielfalt an Möglichkeiten rollte der BVB durch die Hinrunde. Mit der Verbindung der Stärken aus den ersten beiden Saisons und neuen Elementen avancierten sie für einige Zeit zum Spitzenteam in der Bundesliga. Zwischen den Niederlagen am ersten und 17. Spieltag blie- ben sie 15 Spiele ungeschlagen, 14 dieser Partien gewannen sie. Mit einer Tordifferenz von 39:10 und 10 Punkten Vorsprung ging es in die Win- terpause.

Wetklo Svensson Noveski Bungert Fuchs Barrios Götze Polanski Caligiuri Soto Kagawa Holtby Großkreutz Sahin
Wetklo
Svensson Noveski
Bungert
Fuchs
Barrios
Götze
Polanski
Caligiuri
Soto
Kagawa
Holtby
Großkreutz
Sahin
Bender
Szalai
Allagui
Piszczek
Schmelzer
Hummels
Subotic
Weidenfeller
Mit dem 4-3-2-1 übernahm Klopp das erste
Mal die Tabellenführung.

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Scheitern in der Gruppenphase

Während es in der Liga so glänzend lief, konn- te man auf internationalem Parkett keine guten Ergebnisse einfahren. So entstand der Ruf, den Dortmundern fehle es an internationaler Klasse; ein Mythos mit wahrem Kern, der noch zwei Jah- re bestehen sollte.

Ein großer Anteil der Probleme lässt sich jedoch anhand der Gegner und der Spielverläufe erklä- ren. Zuerst einmal hatten die Borussen keine grö- ßeren Probleme mit den schwächeren Gegnern in der Europa League. Die Playoffs überstand man gegen den FK Karabakh locker mit 4:0 und 1:0. Gegen Karpaty Lwiw verspielte man auswärts eine Führung aufgrund Nachlässigkeit und guter gegnerischer Chancenverwertung, doch drehte das Spiel noch einmal zum 4:3-Sieg und gewann das Rückspiel daheim souverän mit 3:0. Die letz- teren Siege brachten in der Gruppe jedoch we- nig, da Lwiw all seine Spiele verlor. So entstand effektiv eine Dreiergruppe mit dem BVB, Paris St. Germain und dem FC Sevilla. Diese bei- den Teams gehörten zu den individuell stärks- ten Teilnehmern der Gruppenphase und waren

eher physisch besetzte Mannschaften. So hatte der BVB – wie auch in der folgenden Champi- ons League – mit Gegnern zu kämpfen, denen sie körperlich nicht gewachsen waren. Das galt zu dem Zeitpunkt in der Bundesliga wohl nur für die Bayern und Bayer Leverkusen. Insofern rela- tiviert die Liga-Niederlage gegen Leverkusen den Faktor „internationale Klasse“ ein wenig.

Besonders im ersten Spiel gegen den FC Sevil- la zeigte man dennoch eine enorm dominante Vorstellung, doch fehlte gegen die passive Aus- richtung der Spanier - ähnlich wie gegen Lever- kusen – die letzte Durchschlagskraft. Sevilla blieb weitestgehend ungefährlich, doch traf dann nach einer Standardsituation. Selbst nachdem Schmel- zer vom Platz gestellt wurde (umstrittene Ent- scheidung nach einer angeblichen Schwalbe im Mittelfeld, 50. Minute) konnte Dortmund trotz Unterzahl den hochklassigen Gegner dominieren, doch kam nicht mehr zum Tor. Anschließend gab es zwei angemessene Unentschieden gegen Paris, die Dortmund mit unerwartet konterlastiger Ausrichtung zu schaffen machten. So benötigte man in Sevilla einen Sieg, ging auch in Führung, doch bekam wiederum Gegentore nach Flanken

und Standards. Mit dem Hinspiel-Ergebnis vor der Brust agierten die Borussen zu ungeduldig und kamen nur noch zum Ausgleichstreffer, so- dass ein Punkt zum Weiterkommen fehlte.

Insofern gab es durchaus Punkte, die die meisten Bundesliga-Mannschaften schlechter ausnutzen konnten als Paris und Sevilla: Dortmunds Anfäl- ligkeit bei Standards und Flanken, die damaligen Defensivprobleme von Piszczek und die generell eher durchschnittliche physische Qualität des Kaders kamen im Liga-Alltag weniger zur Gel- tung. Darüber hinaus waren es jedoch eher Klei- nigkeiten, die ein Weiterkommen verhinderten. Dortmund war zu diesem Zeitpunkt aber durch- aus schon in der Lage, auch Mannschaften von „internationalem Format“ zu dominieren. Das Kapitel „Dortmund und Europa“ war also zu diesem Zeitpunkt schon ein ambivalentes The- ma, welches in den folgenden Jahren noch extre- me Blüten schlagen sollte.

Kagawa verletzt sich in der Winterpause

Für den BVB bedeutete das frühe Scheitern je- doch auch, dass sie sich komplett auf die Bun- desliga konzentrieren konnten, wo sie mit dem

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Zehn-Punkte-Vorsprung der Hinrunde schon den Status als „Gejagter“ innehatten. Diese neue Situation wurde noch dadurch erschwert, dass Schlüsselspieler Kagawa sich in der Winterpau- se während der Asienmeisterschaft verletzte. Er wurde erst am 34. Spieltag wieder fit.

Prädestiniert für die Übernahme der Zehnerpo- sition war nun Mario Götze, der die Position in den ersten Partien nach der Winterpause auch gut spielte. Allerdings spielte Blaszczykowski, sein Ersatzmann auf der rechten Seite, wohl seine schwächste Saison im schwarzgelben Dress. Ihm ging die Dynamik und Handlungsschnelligkeit der Vorsaisons ab und erst in der Folgesaison konnte er dies durch taktische Verbesserungen auffangen. Besonders in der Rückrunde agierte er zu eindimensional, unterstützte das Zentrum wenig und verhielt sich in den häufigen Eins- gegen-Eins-Situationen gegen die gegnerischen Linksverteidiger vorhersehbar und ineffektiv. Nur einen einzigen Scorerpunkt konnte er in der zweiten Saisonhälfte verbuchen.

Vielversprechendere Ansätze brachte Lewandow- ski ein. Der spielstarke Stürmer wurde schon in

der Hinrunde vereinzelt als Zehner eingewechselt und übernahm die Position dann über weite Stre- cken der Rückrunde. Dort brachte er mehr phy- sische Qualität und Zug in den Strafraum ein als Kagawa und erledigte auch seine Rolle im Pres- sing souverän, doch natürlich gingen ihm auch wesentliche Qualitäten des kleinen Japaners ab. Dortmund agierte weniger flexibel und kombina- tionsstark im offensiven Mittelfeld. Zudem ging Lewandowski noch etwas die Handlungsschnel- ligkeit ab, die er später entwickeln sollte. Für viele Angriffe war er ein Flaschenhals, der zwar gute Ideen hatte, aber dem in der Umsetzung noch Kleinigkeiten fehlte.

Passive Gegner und wenig Qualität in der Enge

Besonders offensichtlich wurde der Verlust von Kagawas Engenspiel. Dortmund konnte nicht mehr so effektiv die überladene Mitte nutzen, da nun einer der beiden Experten für die klei- nen Räume fehlte. So waren sie gezwungen, ihre Struktur ein wenig zu verändern und das Offen- sivspiel etwas raumgreifender und direkter zu gestalten. So nutzten sie mehr lange Bälle und Flügelangriffe, um die beiden Stürmernaturen

in Abschlussszenen zu bringen. Das war etwas ausrechenbarer und weniger kreativ als das kom- binative Spiel der Hinrunde, aber doch recht funktional und stabil. Dass die Borussen weiter- hin die Mitte überluden, sorgte dafür, dass man trotzdem weiterhin auf die Stabilität des Gegen- pressings setzen konnte.

Besonders prägnant wurde das Stilmittel der Ver- lagerung auf Schmelzer, der wohl die offensiv- stärkste Halbserie seiner Karriere spielte. Klopp meinte in dieser Phase einmal, der Linksverteidi- ger sei in seiner Zeit beim BVB mehrere Zenti- meter größer geworden, „nicht weil er gewachsen sein, sondern weil er sich aufgerichtet habe“. So wurden seine Vorstöße immer druckvoller und der BVB konnte Gegner bestrafen, deren rech- ter Flügel weit einrückte, um das Spiel durch die Mitte zu ersticken. Sahin und Hummels bedien- ten Schmelzer im Laufe der Rückrunde immer öfter.

Obwohl dieser Spielzug oft funktionierte, entwi- ckelte Dortmund aber auch damit nicht die ganz große Durchschlagskraft. Barrios begründete Piszczeks deutlich besseres Vorlagenkonto gegen

#teamporträt_bvb_2008-2011

Barrios Lewandowski Großkreutz Schmelzer Götze Piszczek Bender Sahin Hummels Subotic Weidenfeller Die
Barrios
Lewandowski
Großkreutz
Schmelzer
Götze
Piszczek
Bender
Sahin
Hummels
Subotic
Weidenfeller
Die veränderte Struktur des Dortmunder
Aufbaus in der Rückrunde

Ende der Saison mal damit, dass er Hereingaben von rechts deutlich besser verwerten könne als von links. Darüber hinaus besitzt Schmelzer aber auch ein gewisses kurioses Talent dafür, Flanken so zu bringen, dass sie keine Tore werden, wie sich besonders in der folgenden Spielzeit noch zeigen sollte.

Probleme gegen 4-1-4-1-Systeme

Dortmunds Torausbeute sank im Vergleich zur Hinrunde jedenfalls um fast 30% (von 39 auf 28; Rückrunden-Sieger Bayern kam auf 50 Tore). Neben den Veränderungen im Angriffsspiel wa- ren auch die fehlenden Veränderungen im Auf- bauspiel dafür mitverantwortlich. Die klare Struktur über Sahin wurde im Laufe der Saison vorhersehbar und zunehmend konnten sich Geg- ner darauf einstellen.

Beispielsweise gab es ein 0:0 im Ruhrderby, in dem Schalkes Trainer Felix Magath Mannde- ckung gegen Sahin spielen ließ, sodass Dortmund aus dem Rhythmus kam. Die Borussen reagierten gar nicht so schlecht und Bender konnte anfangs die entstehenden Räume gut nutzen, sodass viele Chancen entstanden. Nachdem diese vergeben

wurden, verloren die Borussen aber den Faden und versuchten immer stärker Sahin ins Spiel zu bringen, was sich eher destruktiv auswirkte.

In Hoffenheim verlor man gegen ein 4-3-3 bzw. 4-1-4-1. Auch bei der Niederlage am 17. Spiel- tag nutzte Frankfurt die 4-1-4-1-Charakteristik in einem Hybridsystem zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1, bei welchem Meier auf der Zehn stark nach rechts tendierte. Mainz erreichte sogar in Dortmund ein Unentschieden, als sie im 4-3-3 starteten und später auf ein riskanteres, direktes 4-3-1-2 umstellten.

Der Vorsprung wird ins Ziel gerettet

Doch all diese Negativpunkte sind in Relation zur überragenden Hinrunde zu sehen. Die Bo- russen waren weiterhin stark und belegten auch in der Rückrundentabelle den dritten Platz mit 29:12 Toren und nur vier Punkten Rückstand auf die Bayern. Dieser Rückstand hätte auch sechs Punkte höher ausfallen können, wenn der BVB das Schlüsselspiel in München nicht ge- wonnen hätte. Dieses Aufeinandertreffen wur- de zu einem der intensivsten Spiele der Saison. Gaals Bayern ließen den Ball laufen, nutzten die

#teamporträt_bvb_2008-2011

Flügel immens und hetzten die Borussen immer wieder hin und her über das Feld. Letztlich wa- ren es Kleinigkeiten, die dafür sorgten, dass der Primus am Ende distanziert wurde. Ein Treffer von Gomez wurde wegen hauchzarten Abseits nicht gegeben und auf der anderen Seite traf Sa- hin per Distanzschuss und Hummels nach einer Ecke. Den Vorsprung kämpfte der BVB ins Ziel. Es war der erste Dortmunder Sieg in München seit vielen Jahren.

Ab diesem Zeitpunkt war auch das offizielle Ziel der Dortmunder die Meisterschaft. Diese geriet noch einmal ins Wackeln, als man nur einem Sieg vom 26. bis 29. Spieltag einfuhr und die unspektakulären, aber konstant punktenden Le- verkusener von Jupp Heynckes auf fünf Punkte herankamen. Doch nachdem diese eine 1:5-Plei- te in München kassierten und am 32. Spieltag in Köln verloren, konnten die Borussen mit einem souveränen Sieg gegen Nürnberg vorzeitig die Meisterschaft feiern.

So hatte es das „Projekt BVB“ innerhalb von drei Jahren von der Bundesliga-Durchschnittstruppe zu einem der stärksten Meister der Geschichte

geschafft. Was vielen als einmalige Leistungs- spitze galt, markierte aber immer noch nicht das Ende der Fahnenstange. In den folgenden Jahren sollte noch einiges passieren.

Borussia Dortmund unter Klopp, Teil 2

In der kommenden Ballnah-Ausgabe: Dort- munds Etablierung als Topteam mit dem Dou- ble, die Entwicklung zum internationalen Erfolg und die Suche nach dem nächsten Schritt.

Analyse_Problemanalyse_Barcelona

II #spielerporträt

#spielerporträt_ribery

RENE MARIC

Franck Ribéry:

König Münchens

In diesem Artikel sollen die Geschichte Franck Ribérys beim FC Bayern, seine spiele- rische Entwicklung und seine aktuelle Saison beleuchtet werden. Wir erzählen seinen Auf- stieg zu einem der Topfavoriten beim kom- menden Ballon d’Or.

#spielerporträt_ribery

Dieses Jahr könnte bei der Wahl zum Weltfuß- baller endlich ein Akteur aus der Bundesliga zum Sieger gewählt werden. Galt die Bundesliga noch vor einigen Jahren als „starfrei“ und Mitte bis Ende der 2000er nach dem Ballack-Abgang als fast schon am historischen Tiefpunkt angelangt, so werden die deutschen Stars heutzutage als kommende Weltstars gesehen. Mit dem deutsch- deutschen Finale erreichte man den (vorläufigen) Höhepunkt einer positiven Entwicklung der Liga, die mit der Verpflichtung eines kommen- den Weltklassespielers begonnen hatte: mit dem Einkauf des aktuellen Topfavoriten bei der Wahl zum Weltfußballer, Franck Ribéry.

Die Entstehung des Königs

Trotz einer sehr guten Weltmeisterschaft 2006 war Ribéry hierzulande weitestgehend unbekannt, als die Bayern ihn verpflichteten. Im Sommer 2007 blies Uli Hoeneß zur großen Transferoffensive. Neben Franck Ribéry, an dem er persönlich gro- ßen Gefallen hatte, sollen auch Ricardo Quares- ma und ein Niederländer mit Namen Arjen Rob- ben auf dem Wunschzettel gestanden haben.

Ribéry sollte es werden. 25 Millionen € zuzüglich 4 Millionen erfolgsrelevanter Prämien soll die Ablöse für den amtierenden französischen Fuß- baller des Jahres betragen haben. Mit Ribéry ka- men einige weitere Spieler. Hamit Altintop und Jan Schlaudraff wechselten zu den Bayern, Zé Roberto wurde zurückgeholt, José Sosa schnapp- te man sich von Estudiantes de la Plata, Marcell Jansen wurde von Borussia Mönchengladbach losgeeist und für den Sturm gab es mit Luca Toni und Miroslav Klose zwei „Granaten“.

Wirklich eine Rolle spielten in dieser Saison nur Hamit Altintop in der Hinrunde bis zu seiner Verletzung und eben das große Triumvirat der Topverdiener: Luca Toni, Miroslav Klose und der

König, Franck Ribéry. Diesen Titel erhielt er von den Bayernfans schon bald nach der Anfangs- phase, in der er mit einem beeindruckenden Solo den Sieg gegen den großen Widersacher Werder Bremen fixierte.

Dieser Lauf zeigte den damaligen Ribéry: Ge- radlinig, zockend, unbekümmert, durchschlags- kräftig. Und die Gegner in der Bundesliga ka- men über die gesamte Hinrunde hinweg mit den veränderten Bayern nicht klar. Fünf bis sechs Starspieler hatten die Münchner nunmehr in der Mannschaft, den Großteil in der Offen- sive. Marschroute vom Vorstand und von Ott- mar Hitzfeld: 4-4-2. Schlüsselspieler: Ribéry auf Linksaußen. Diese Position habe er sich angeb- lich sogar im Vertrag zusichern lassen.

Seine Rolle interpretierte er als freies Radikal. Er zockte, er dribbelte und positionierte sich oft im linken Halbraum, wo er von Zé Roberto und Philipp Lahm unterstützt wurde. Diese beiden gaben ihm die perfekte spielerische Plattform für seine Leistungen.

#spielerporträt_ribery

FC Bayern 2007/08 Toni Klose Ribéry Altintop/ Schweinsteiger Zé Roberto van Bommel Lahm Lell Demichelis
FC Bayern
2007/08
Toni
Klose
Ribéry
Altintop/
Schweinsteiger
Zé Roberto
van Bommel
Lahm
Lell
Demichelis
Lucio
Kahn
spielverlagerung.de
Ribérys Rolle 2007/08

Zé Roberto war ein genialer Passgeber sowie Kombinationsspieler und fungierte als Nadel- spieler, um überhaupt Pässe auf Ribéry zu be- kommen. Bei Lahm kann man eigentlich das Gleiche anführen, der seine Fähigkeiten in diesen Belangen aktuell als Sechser zur Schau stellt.

Diese Kombination hatte interessante gruppen- und mannschaftstaktische Synergien. Beispiels- weise war es durch die Ansammlung an kom- binationsstarken Spielern auf links und deren Fähigkeiten den Bayern möglich, individuell schwächere Mannschaften selbst bei taktischer Unterlegenheit und gutem Matchplan des Geg- ners auseinanderzunehmen. Früher oder später würden sie entweder über links eben dank Ribé- ry durchbrechen oder bei den Versuchen, dies zu tun, Räume auf rechts öffnen. Dieses Prinzip funktionierte natürlich nicht immer ohne Um- schweife, sondern hatte teilweise einen langen Vorlauf, in dem man sich gegen sehr tiefe Gegner einige Zeit die Zähne ausbiss.

Hier gab es die zweite große Wechselwirkung. Mit Schweinsteiger beziehungsweise Hamit Altintop auf rechts, die öfters etwas einrückten und in den

Halbräumen agierten, gab es zwei gute Distanz- schützen und mit Mark Van Bommel zentral ei- nen Spieler für lange Bälle, Chippässe und Ver- lagerungen. Defensiv stand man über diese Seite enorm stabil und ließ kaum Löcher zu.

Vorne spielten in dieser Saison mit Luca Toni als halblinke und Miroslav Klose als halbrechte Spit- ze. Klose hatte allerdings eine eher defensive Auf- gabe. Er stopfte Löcher, gab die Anbindung ans defensive Mittelfeld und war Zuarbeiter für Toni von der anderen Seite. Für die Defensive war Klose und die generelle Ausrichtung der rechten Seite sehr wichtig – und somit auch für Ribéry. Die defensive Stabilität der rechten Seite gab der linken Seite und Ribéry als Zielspieler im Kom- binationsspieler die nötige Plattform.

Bezeichnend dafür ist, dass die Seite mit Ribéry, Lahm und Zé Roberto deutlich mehr Gegento- re nach Kontern zuließ als die gegenüberliegen- de Flanke mit Schweinsteiger, Van Bommel und Christian Lell. Eventuell sorgten diese Aspekte auch für die Probleme unter Hitzfeld in größeren europäischen Partien. Das Pressing war ausbau- fähig, die linke Seite anfällig und bei richtigem

#spielerporträt_ribery

Leiten der Angriffe fielen die Synergien in sich zusammen.

Eine Veränderung war damals aber nicht in Sicht. Trotz des neuen Trainers Jürgen Klinsmann und seiner Idee von einer englischen Spielweise mit „One-Touch-Football“ sowie schneller soforti- ger Ballrückeroberung („Gegenpressing“) schien König Ribéry eher eine neue Goldlegierung für seinen Käfig zu erhalten anstatt aus diesem aus- zubrechen.

Der Fokus auf die Individualität

Nach einer Verletzung bei der Europameister- schaft 2008 wurde Ribéry bei den Bayern in der Anfangsphase der Klinsmann-Ära schmerzlich vermisst. Das 3-5-2 war auch wegen Ribérys Feh- len entstanden. Dieses 3-5-2 brachte Van Buyten mit Lúcio und Demichelis in die Mannschaft, die hinter den nunmehr offensiveren Lahm und Lell absichern sollten. Zusätzlich schob diese Formation Schweinsteiger ins zentrale Mittelfeld, der mit Zé Roberto und Ottl beziehungsweise Van Bommel die Mitte sicherte. Im Grunde war dies eine interessante Formation, die langfristig eventuell Ribéry als Flügelverteidiger, als falsche

Neun oder als Zehner gesehen hätte – wenn sie beibehalten worden wäre. Doch noch vor dessen Rückkehr wurde diese Formation nach der def- tigen 2:5-Niederlage zuhause gegen Bremen ad acta gelegt und Klinsmann konzentrierte sich mit der Basis des alten Grundsystems 4-4-2 auf sei- nen Superstar.

Zu jener Zeit war Ribéry, auf den sich so vie- les fokussierte, aufgrund seiner Wichtigkeit der Mannschaft am stärksten entwachsen. Daraus er- gaben sich eine Reihe an Aspekten, die aber nicht allein dadurch zustande kamen, sondern auch ei- gene Quellen hatten. Luca Toni erhielt Probleme im gegnerischen Strafraum durch Einschränkung seines Sichtfelds und durch den Zwang, dass er wegen seiner Kollegen und der Spielweise der Verteidiger vermehrt als Wandspieler agieren musste. Miroslav Klose wurde ohnehin nach sei- ner Anfangsphase bei den Bayern immer instabi- ler, war inkonstant und generell in der Offensive schwach eingebunden - unter anderem, weil er zu sehr für Ribéry und die generellen Offensivabläu- fe zuarbeiten musste. Währenddessen brachte die rechte Seite kaum Offensivgefahr, aber die ball- fernen Halbräume wurden wegen den Verlage-

rungen von den Gegnern immer mehr versperrt. Zé Robertos Fitness ließ nach und er zeigte nur noch punktuelle Glanzlichter.

Ob Ribérys Veränderung Konsequenz oder Ursa- che dieser Wechselwirkungen war, ist schwer zu sagen. Fakt ist aber, dass der Franzose immer tor- orientierter und freier in seiner Ausrichtung wur- de. Klinsmann verkalkulierte sich hierbei mit den Synergien etwas, er verkannte beispielsweise die Wichtigkeit der wechselnden Aufrückbewegun- gen Van Bommels und Zé Robertos sowie das vereinzelte seitliche Absichern des Brasilianers.

Nunmehr spielten die Münchner in einer 4-1-3-2-Rollenverteilung, wo die Stürmer bzw. deren Stärken schwächer eingebunden wurden und Zé Roberto durchgehend vorne agierte. Doch Ribéry profitierte davon. Der Franzose hatte Toni, Klose oder Podolski für seine inver- sen Läufe als Wandspieler und für Ablagen, Zé Roberto war nahezu immer nahe bei ihm und diente als Kombinationspartner. Zusätzlich schuf ihm die höhere Positionierung der rechten Seite etwas mehr Raum bzw. fokussierte das Spiel des Gegners weniger auf ihn.

#spielerporträt_ribery

FC Bayern 2008/09 Toni/ Klose Klose/ Podolski Ribéry Schweinsteiger Zé Roberto van Bommel Lahm Lell/Oddo
FC Bayern
2008/09
Toni/
Klose
Klose/
Podolski
Ribéry
Schweinsteiger
Zé Roberto
van Bommel
Lahm
Lell/Oddo
Demichelis
Lucio
Rensing
spielverlagerung.de
Die Veränderungen zu einem 4-1-3-2 brin-
gen Ribéry noch stärker ein, aber sorgen
für eine größere Instabilität.

Doch so stark Ribéry in jener Saison individu- ell auftrat und so gut er eingebunden wurde, gab es klare strategische Probleme. Die höhere Aus- richtung kam nicht allen entgegen. Insbesondere Demichelis und Van Buyten litten wegen ihrer Schnelligkeit unter der hohen Abwehr, während Lúcio seine Stärken im engen Spiel Mann gegen Mann weniger selten einbringen konnte und stattdessen relative Schwächen, wie Stellungsspiel und Timing, stärker zum Tragen kamen.

Ähnlich sah es bei Van Bommel auf der Sechs aus, der die weiten Räume insbesondere bei gegnerischen Umschaltmomenten nicht alleine kontrollieren konnte. Die von Hitzfeld kreierte Ordnung und stabile, aber gleichzeitig potenzi- ell sehr zerbrechliche Spielweise fiel in sich zu- sammen. Die hohe Abwehr im Verbund mit den kaum rhythmischen, risikoreichen und stark tor- orientierten Dauerangriffen und einem unstruk- turierten Pressing brachten allerdings in gewisser Weise das Beste in Ribéry zum Vorschein – und das Schlechteste.

Königliche Diva in Defensivarbeit und Taktik

In der Klinsmann-Zeit verfestigte sich trotz des- sen Anspruchs, jeden Spieler jeden Tag ein kleines Fitzelchen besser zu machen und die Mannschaft in der Ballrückeroberung auf britisches Niveau zu bringen (böse Zungen würden heute sagen, genau das hätte er geschafft), die Defensivlethar- gie von Ribéry. Diese äußerte sich in situativem und taktisch nicht geplantem Zocken oder in langer Reaktionsdauer im defensiven Umschalt- moment.

In jener Zeit war Ribéry trotz individuell immer besserer Leistungen ansatzweise mitverantwort- lich für das Scheitern seiner Mannschaft. Die Bayern wurden vom FC Barcelona in der Cham- pions League zerstört und landeten in der Liga hinter dem VfL Wolfsburg, obwohl Ribéry mit herausragenden 34 Scorerpunkten in nur 36 Par- tien eine tolle Saison ablieferte (88 Minuten pro Scorerpunkt). Zum Vergleich: In der bereits le- gendären 12/13er-Saison kam er in einer deutlich erfolgreicheren Mannschaft mit insgesamt mehr Toren auf „nur“ 34 Scorerpunkte in 43 Partien (94 Minuten pro Scorerpunkt). Der Unterschied

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zwischen diesen beiden Spieljahren - kein Titel gegenüber dem Triple - lag auch in der Defen- sivarbeit Ribérys begründet, die beispielsweise in den Spielen gegen den FC Barcelona besonders zum Vorschein kam – sowohl bei der 0:4-Nieder- lage unter Klinsmann als auch beim 4:0-Erfolg unter Heynckes.

2008/09 existierte sie noch nicht. Neben der De- fensivlethargie brachte Ribéry auch eine gewisse mangelnde Feinmotorik in seinen defensiven Fä- higkeiten mit. Arbeitete er einmal nach hinten, wirkte es teilweise fahrig, agierte mit schlechtem Timing und überhastet oder war so unsauber, dass es zu oft Fouls beging. Sein defensiver Mehr- wert ging in jener Zeit trotz gelegentlich durch- aus praktizierter Arbeit nach hinten gen Null.

Auch im Spiel nach vorne war viel improvisiert und intuitiv, mit all den positiven und negativen Punkten. Phasenweise lief er sich fest, in anderen schien er den Gegner reihum problemlos auszu- spielen und zum Abschluss zu kommen. Ob dies Relikte seiner Zeit als Straßenfußballer waren, der Anfang 20 noch einige Wochen lang auf den Bau musste?

Zumindest die Fans scheinen Ribéry so zu sehen. Straßen- und Instinktfußballer, in kein System zu zwängen, dafür aber im Stande jedes gegnerische zu sprengen - so lautete der Grundtenor in den Medien und der Fanszene. Mit Louis van Gaal als Nachfolger Klinsmanns kam das nächste Pro- blem.

Ribéry war der Mannschaft spielerisch klar ent- wachsen, Real Madrid bot ein zweites Mal eine riesige Summe (80 Millionen Euro) und Uli Hoeneß sollte lange Zeit später bestätigen, dass Chelsea 68 Millionen Euro und José Bosingwa hatte auf den Tisch legen wollen. Doch Ribéry blieb und es waren die Folgejahre im Verbund mit den kommenden Trainern, die dafür sorgten, dass er sich erst zu etwas ganz Besonderem entwi- ckeln sollte.

Dribbelnde Flügelstürmer gibt es immerhin vie- le, aber jene mit einem defensiven Mehrwert und strukturiertem Offensivspiel dagegen selten. Lou- is Van Gaal war allerdings wohl der erste, der dies erkannte. Schon zu Amtsbeginn sprach er davon, dass Ribéry auf der Zehn eine Rolle spielen könn- te, geplant war ein 4-3-1-2-System. Ribéry lehnte

Valdes Bartra Piqué Gomez Busquets Ribéry Alba Xavi Alves Iniesta Müller Schweinsteiger Robben Martinez
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Schön zu sehen, wie Ribéry unaufhörlich presst. Ein möglicher Angriff wird durch Ribéry im Keim erstickt. Hier fungiert Schweinsteiger als Balancegeber.

#spielerporträt_ribery

ab und ließ sich auch nicht damit ködern, dass „alle großen Spieler auf der Zehn agierten“, wie es Franz Beckenbauer verführerisch verpackte. Doch alleine dieser Plan zeigte, wo es unter Van Gaal hingehen sollte.

Fokus auf seine Kollektivität

Die Mannschaft sollte sich nicht mehr rein auf Ribérys individuelle Qualitäten konzentrieren, sondern er sollte seine Fähigkeiten im Mann- schaftsspiel stärker einbringen und mit dieser wechselwirkende Synergien bilden anstatt nur von ihr zu profitieren und wenig zurückzugeben. Dieses hypothetische 4-3-1-2 wäre vermutlich als Variante des 4-3-3 interpretiert worden, in wel- cher Ribéry variabel auf die Flügel gegangen oder in die Spitze aufgerückt wäre - eine falsche Zehn oder falsche Neun also.

Stattdessen entstand ein 4-2-4/4-4-1-1, dem Van Gaal durch den Einbau Thomas Müllers als „Schattenstürmer“ und mehr Balance dank Positionsspiel, klaren Strukturen und kaderpo- litischen Anpassungen im Vergleich zu Jürgen Klinsmann viel Potenzial einhauchte. Ribéry profitierte davon. Defensiv hatte er klare Auf-

gaben und zeigte sich engagierter. Die Lethargie und Inaktivität waren deutlich seltener zu sehen, vielmehr waren es unstrukturierte Läufe im Pres- sing und mangelndes Verständnis in defensiver Individual- und Gruppentaktik, welche ihn noch nicht konstant defensivstark machten.

Aber es war ein erster Grundstein zur späteren Entwicklung. Ein zweiter Grundstein wurde in der Offensive gelegt. Van Gaal verpflichtete Arjen Robben für die rechte Außenbahn, stellte Bastian Schweinsteiger in die Mitte und agierte letztlich auch in einem variablen System, in dem Thomas Müller immer wieder im Zwischenlinienraum rochierte. Dazu gesellten sich richtigfüßige Au- ßenverteidiger und klar erkennbare Spielzüge in der Offensive wie im Spielaufbau. Erstmals wurde der französische Instinkt- und Straßen- fußballer mit klaren Vorgaben in der Offensive konfrontiert, die nicht rein mannschaftstaktisch waren. Wie bewege ich mich in dieser Situation? Zu welchem Zeitpunkt öffne ich Räume für den Hintermann und wann rückt dieser auf? Wann darf ich meine Position verlassen und wohin gehe ich? Wann und wie sind meine inversen Sprints effektiv?

Lionel Messi

Auf 3,5 Defensivaktionen pro Spiel kam Messi in der Saison 2009/10, wenn auch vornehmlich als Rechtsaußen. Beim Triumph 2011 waren es noch 2,4 Defensivaktionen pro Spiel. Daraufhin folgte eine Saison mit 2,2 Defensivaktionen pro Spiel und in der letztjährigen Krisensaison zeigte Messi nur noch 1,6 Defensivaktionen pro Spiel. Die Daten für die Saison 2008/09 von Lionel Messi oder auch Samuel Eto’o als seinem Vorgänger ganz vorne liegen uns leider nicht vor.

#spielerporträt_ribery

Ribery vs. Ronaldo

Cristiano Ronaldo kam in den letzten fünf Saisons (inkl. der laufenden) auf 2,0, 1,6, 2,0, 1,8, 2,2 Defensivaktionen pro Spiel. Bei Franck Ribéry sind es beachtliche 4,4, 3,8, 3,9, 3,1, 2,2 Defensivaktionen pro Spiel. Interessant ist hierbei die Anzahl der Fouls, die Ribéry beging. Diese lagen jeweils bei 0,9, 1,1, 1,2, 0,8 und 1,1 pro Spiel. Waren somit 50% seiner Defensi- vaktionen 2009/10 noch Fouls, sank dieser Wert auf knapp unter 30% in der Vorsaison und liegt zurzeit sogar auf nur knapp 20%.

Ribéry spielte diagonal, invers und vertikal in der Ära Van Gaal. Seine Höhe wurde gewechselt, sei- ne Aufgaben veränderten sich teilweise von Spiel zu Spiel. Er war nicht mehr der alleinige Schlüs- selspieler im Übergang ins letzte Spielfelddrittel beziehungsweise beim Angriffsabschluss. Mit Müller im Zwischenlinienraum entstand eine veränderte und stärker auf das Passspiel ausgeleg- te Grunddynamik beim Einrücken und Ribéry hatte zusehends mehr und mehr Arbeit für die Mannschaft in offensiver Hinsicht zu verrichten, wie zum Beispiel das Öffnen von Räumen oder das Kreieren passender Angriffsstrukturen durch Ballzirkulation.

Es war ein Paradigmenwechsel. Ribéry sollte nicht auf individuelle Fähigkeiten beschränkt werden, sondern seine Rohfähigkeiten im kollektiven Fußball wurden gefördert. Dinge wie das schnelle Kombinationsspiel, das Locken des Gegners, an- satzweise Fähigkeiten zum Nadelspieler und zum Spielgestalter aus dem linken Halbraum wurden durch Van Gaal gefördert und gingen unter Jupp Heynckes weiter.

Neuer Dante Boateng Ribéry Lahm Schweinsteiger Alaba Müller Martinez Pizarro Robben spielverlagerung.de
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Gegen Lille positionierte Ribery sich vereinzelt im defensiven Halbraum und gar hinter Alaba, wodurch Lille absolut keinen Zugriff erhielt.

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Dieser suchte aus den klaren Vorgaben und der vorherigen Freiheit eine gewisse Schnittmenge zu finden, während er gleichzeitig das Defensivspiel Ribérys aufwerten wollte. Hier hatte sich der Franzose seit der ersten Saison unter Van Gaal stetig gesteigert, den letzten und finalen Sprung machte er allerdings erst in der vergangenen Sai- son. Dass es mit einer Ansprache Schweinsteigers zu tun hat, könnte möglich sein.

Nach der Niederlage im „Finale dahoam“ gegen Chelsea soll Schweinsteiger Ribéry und Robben zur Seite genommen und ihnen sinngemäß ge- sagt haben: „Wenn Philipp, ich oder die Abwehr- spieler einen Zweikampf in der eigenen Hälfte gewinnen, dann interessiert das niemanden. Aber wenn ihr das tut, dann jubeln alle.“

Im Verbund mit den drei zweiten Plätzen und dem Vorbild des Dortmunder Fußballs entwi- ckelte diese Aussage wohl eine gewisse Eigendy- namik. Robben und Ribéry hatten schon 11/12 defensiv gut bis sehr gut mitgearbeitet, doch in der Spielzeit 12/13 erreichten sie ungeahnte Hö- hen. Da wurde Ribéry gegen den FC Barcelona schon als zweiter Linksverteidiger gesehen und

galt plötzlich als das Sinnbild des modernen Fuß- balls, indem alle kollektiv mit nach hinten arbei- ten. Niemand Geringeres als Arrigo Sacchi adelte ihn und die Bayern. Doch das größte Lob gaben sie sich selbst.

Die Krone des Königs

Auch wegen der Defensivarbeit Ribérys holten die Bayern letztlich die Titel der Triple-Saison. Wie schon erwähnt war er von seinen offensi- ven Statistiken trotz der enorm gewachsenen Mannschaft und deren unvorstellbar konstanter Leistung auf höchstem Niveau von den reinen Scorerpunkten schwächer als in der desaströsen Klinsmann-Saison 2008/09, wo man blamabel gegen den FC Barcelona ausschied – im Gegen- satz zur letzten Saison. Dass es in eben dieser Sai- son einen besseren Ribéry als je zuvor zu sehen gab, sollte dennoch unzweifelhaft sein, obwohl die Statistiken rein individuell etwas anderes sug- gerieren würden. Ribéry und seine Entwicklung sind somit durchaus ein Symbol des modernen Fußballs geworden. Interessanterweise zeigen sie auch die Entwicklung des Fußballs durch Vereine, die nicht direkt etwas mit Ribéry zu tun haben.

Neuer Boateng Dante Alaba Ribéry Lahm Lewandowski Blaszczykowski Piszczek Mandzukic Schweinsteiger Schmelzer
Neuer
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Ribéry
Lahm
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Blaszczykowski Piszczek
Mandzukic
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Schmelzer
Großkreutz
Martinez
Bender
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Müller
Reus
Gündogan
Hummels
Subotic
Weidenfeller
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Obwohl keine akute Gefahr droht, hat Ribéry seinen Gegenspieler Lukasz Pis- zczek bis weit nach hinten verfolgt. Er agiert fast auf einer Linie mit Alaba.

#spielerporträt_ribery

Neuer Dante Boateng Alaba Lewandowski Reus Schweinsteiger Lahm Blaszczykowski Großkreutz Robben Gündogan
Neuer
Dante
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Lewandowski
Reus
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Großkreutz
Robben
Gündogan
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Bender
Schmelzer Müller
Mandzukic
Hummels
Subotic Piszczek
Weidenfeller
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Ribéry rochiert von links nach rechts, Robben geht auf links. Die Rochade war systematisch, nicht improvisiert.

In die prägende Wachstumsphase der Spielweise des Flügelflitzers fiel der Aufstieg des FC Barce- lonas und von Borussia Dortmund, die jeweils von einer anderen Grundidee aus den kollektiven Fußball auch für Zauberer – tja, und Könige – salonfähig gemacht haben. Ihre Erfolge basierten neben individueller Stärke und den Fähigkeiten im Offensivspiel, ob durch Ballbesitz oder Kon- ter, letztlich auf der stützenden Säule der kollek- tiven Defensivarbeit, der Dynamik und Kompro- misslosigkeit im defensiven Umschaltspiel, dem Gegenpressing und der sofortigen Herstellung von Kompaktheit durch alle Akteure.

Trotz dieser Erfolge hat sich diese Selbstverständ- lichkeit nicht bei allen Spitzenteams durchgesetzt. Fast scheint es, als ob einzig der FC Bayern und der BVB sich den Konsequenzen dieser Maxime bewusst sind. Auch medial wird der Wert oftmals verkannt. Nur wenige Fans der Katalanen sehen beispielsweise ein Problem in Messis abnehmen- der Defensivarbeit. Diese wird damit begründet, dass sich Messi während des Spiels „erholt“, um für die großen Aktionen fit zu sein.Betrachtet man diesen Punkt mit Zuhilfenahme von ein paar Zahlen, findet sich eine interessante Korrelation

zwischen der Stärke der Katalanen auf internati- onaler Bühne und den Defensivleistungen Lionel Messis. Ähnlich verhält es sich bei Cristiano Ro- naldo und Real Madrid, der als Linksaußen eine noch prägendere Rolle im Defensivspiel als Messi einnehmen müsste (siehe Infokästen).

Bei den Bayern hat sich diese kompromisslose Defensivarbeit beziehungsweise ein strukturier- tes Zocken dank des Vorbilds BVB verselbstän- digt, was wohl einer der Hauptgründe für Klopps ominösen China-Vergleich sein dürfte. Wer kann schon eine Mannschaft mit einer solchen indivi- duellen Qualität schlagen, bei denen auch noch alle taktisch ordentlich mitarbeiten und gegen- pressen? Die Bayern in der vergangenen Saison zeigten, wer es kann: eigentlich niemand.

Die Erfolge der Bayern sind weitestgehend Teamerfolge im Verbund mit großer individu- eller Qualität. Und vielleicht liegt auch hier der Hund begraben. Viele Fans im Ausland sehen eben deswegen Ribéry nicht als den Topfavori- ten für den Weltfußballer. Inwiefern ist Ribéry bei einer solchen Teamleistung, Konstanz und Kohärenz als Individuum herauszupicken? Wie

#spielerporträt_ribery

kann man seine Wahl zum besten Individualisten in Anbetracht dieser Umstände und der Konkur- renz rechtfertigen?

Wäre der Titel verdient?

Intuitiv müsste man eigentlich bei einer solchen Definition eines individuellen Titels sagen, dass es eigentlich unverdient wäre. Immerhin ist Fußball ein Mannschaftssport, Titel sind Errungenschaf- ten der Mannschaft und Titel für individuelle Leistungen sollten auch rein an die individuellen Leistungen gehen. Und hier haben Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic wohl bessere Leistungen gebracht.

Alternativ könnte man aber auch sagen, dass eben weil Fußball ein Mannschaftssport ist, die Beein- flussung der Mannschaft und die Fähigkeiten im Kollektiv einen höheren Stellenwert im Bewerten individueller Leistung einnehmen sollten. Aber wäre hier Ribéry denn eine passende Wahl?

Vermutlich müssten dann Spieler wie Sergio Busquets vom FC Barcelona oder Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern eine größere Rolle spielen. Will man den Titel für die

größte Beeinflussung der Mannschaft im Gesam- ten geben, könnte man somit auch gegen Ribéry argumentieren.

Allerdings hätte eine Wahl Ribérys eine zusätzli- che Komponente. Der Franzose verkörpert näm- lich die perfekte Schnittmenge aus dem kollekti- ven Fußball und der individuellen Komponente, die bei solchen Titeln schon laut Statuten gefragt ist. Er ist kein reiner Individualist, sondern opfert sich für die Mannschaft auf und gibt ihr mehr zu- rück als „nur“ Tore, so seltsam diese Aussage für manch einen auch klingen mag. Gleichzeitig ist er nicht nur ein reiner Kollektivspieler ohne Prä- senz in den entscheidenden Momenten, sondern besticht durchaus durch einzigartige Fähigkeiten in den „spektakulären“ und individuellen Spieler- eigenschaften.

Goalimpact

Es gibt eine solche Messung der reinen Be- einflussung der Mannschaftsleistung. Diese heißt Goalimpact und kann unter goalimpact. com gefunden werden. Laut diesem Wert be- stünde für die vergangene Saison die Top-3 übrigens aus Bastian Schweinsteiger, Phil- ipp Lahm und Cristiano Ronaldo in ebendie- ser Reihenfolge.

Ribéry ist ein bisschen Busquets und ein bisschen Cristiano. Er arbeitet defensiv nach hinten wie ein Berserker, besitzt ein untrügliches Gespür für Dynamik und Räume, die er wohl selbst noch nicht ganz begreift, öffnet Räume und legt Show- einlagen, wenn nötig, beiseite. Im gleichen Mo- ment ist er aber auch einer, der den Fokus auf

#spielerporträt_ribery

sich lenkt. Dribblings, Kreativität, erfolgreiche Abschlüsse aus unwahrscheinlichen Situationen und eine ästhetische Athletik kennzeichnen ihn ebenfalls.

Seine Wahl hätte auch einen weiteren symboli- schen Charakter. Sie erzählt die Geschichte eines Straßenfußballers, der sich im Wandel der Zeit neu gefunden hat. Als Ribéry 2006 bei der Welt- meisterschaft für Frankreich auflief, war er ein re- lativ linearer Flügeldribbler, dessen einrückende Läufe von der rechten Seite aus nur ansatzweise sein Potenzial für diese wundervolle Balance aus Kollektivität und Individualismus andeuteten.

Im Verlauf der Jahre durchlief er spielerisch wie charakterlich unterschiedliche Entwicklungspha- sen, die sich in seiner Spielweise äußerten. Der auf seine Intuition reduzierte individualistische Flügeldribbler wurde zum verkappten Spielge- stalter und Taktgeber im letzten Drittel und ent- wickelt sich nun zum sogar strategisch talentier- ten Offensiv-Allrounder, der seine Freirolle nicht für Dribblings nutzt, sondern für Überladungen, geschicktes Auflösen von engen Räumen und ge- meinschaftliche Lösungen.

Seine Veränderung ist sogar noch weitreichender, möchte man meinen. Ribéry scheint gar die Ver- bindung zwischen Spielercharakter und mensch- lichem Charakter zeigen zu wollen. Jener Mann, der sich aus Prinzip noch 2009 vehement gegen eine Position in der Mitte wehrte, eine Klausel zum Spielen auf der linken Seite gehabt haben soll und nach dem abgelehnten Angebot von Real Madrid schmollte, ist heute die Vereinstreue persönlich – und zeigt dies fast schon klischeehaft mit seiner Defensivarbeit und seinen Vorlagen.

Der in seinen Dribblings egofixierte Showdribb- ler entwickelte sich über die Zwischenstation ei- nes Sexskandals und Problemen in der Heimat zum bedingungslosen Zuarbeiter, der zur Not seine gesamte Individualität dem Erfolg opfert, wie es im Champions-League-Finale 2013 der Fall war, wo er seine Fluidität und seine Dribb- lings weniger in den Fokus rückte, sondern da- von eher Arjen Robben profitieren ließ.

Ribérys Geschichte ist eine ganz besondere, wie sie nur der Fußball schreiben kann. Seine Verän- derung zeichnet die des modernen Fußballs und seinen Taktiken nach. Im gleichen Moment steht

sie symbolisch für die Entwicklung der deut- schen Bundesliga aus einem dunklen Tief. Die Geschichte des Franzosen in der Bundesliga hat ihren ganz eigenen Zauber: Er ist der einzige Kö- nig von der Straße, der sich seine schon verliehen Krone erst verdiente, als er bereit war sie abzu- geben.

#spielerporträt_müller

PHILIPP PELKA

Thomas Müller:

Der Herr der Räume

Außergewöhnlich. Kein Wort kann den Fuß - baller Thomas Müller besser beschreiben. Doch was steckt eigentlich hinter seiner un- konventionellen Spielweise, die ihn so ein- zigartig macht?

#spielerporträt_müller

Thomas Müller redet nicht oft über seine Vor- bilder. Einer hat es ihm jedoch angetan: „Wenn ich Pedro sehe, wie er den gegnerischen Vertei- diger ansprintet, wie viele Kilometer er macht, das kann man sich zum Vorbild nehmen“, sagte der Münchener 2011. Nicht unwahrscheinlich, dass sich Müller auch andere Aspekte von Ped- ro zum Vorbild genommen hat: Genau wie der kleine Spanier kam Müller als No-Name über die Jugendabteilung und die zweite Mannschaft in den Profikader, stach mit seinen ungewöhnlichen Fähigkeiten teure Stars aus und eroberte die Fuß- ballwelt mit seinem Heimatverein. Doch beinahe wäre das Kapitel FC Bayern für ihn schon abge- hakt gewesen, bevor es beginnen sollte.

Wir schreiben das Jahr 2008. Weil er unter Jür- gen Klinsmann so gut wie keine Aussichten auf Einsätze hatte, stand Müller in Kontakt mit der TSG 1899 Hoffenheim. Die Kraichgauer woll- ten Müller und Badstuber unbedingt, laut Ralf Rangnick war man sich mit beiden Spielern schon einig gewesen. Hermann Gerland, der damals die U23 um Badstuber und Müller trainierte, setzte sich jedoch gegen einen Verkauf der Talente ein.

Vor Ende der Saison wurde Jürgen Klinsmann entlassen und Jupp Heynckes übernahm für die letzten Spiele. Heynckes rettete die Bayern und sicherte die Teilnahme an der Champions League. Im Sommer 2009 übernahm Louis van Gaal – eine Personalentscheidung, die Müllers Karriere entscheidend beeinflusste.

Raumdeutender Zehner

Frisch ausgestattet mit seinem ersten Profivertrag startete Müller in die erste Saison unter Louis van Gaal. In den ersten Spielen kam Müller oft als Jo- ker. Seinen Durchbruch schaffte er am 5. Spieltag beim 5:1-Sieg über den BVB. Müller erzielte zwei Tore. Gleich im nächsten Spiel belohnte van Gaal ihn mit einem Startelfeinsatz. Müller erzielte zwei Tore in der Champions League bei Maccabi Hai- fa und begann seinen Siegeszug.

Van Gaal fand mit dem 4-2-3-1 ein passendes System für den FC Bayern und ein passendes System für Thomas Müller. Nachdem der nieder- ländische Trainer zunächst einige Male Franck Ribery als Zehner ausprobierte, setzte er ab dem sechsten Spieltag auf Thomas Müller.

Als Spielmacher trat Müller keinesfalls auf. Er interpretierte die Rolle des Zehners als Schatten- stürmer, ähnlich wie es Jari Litmanen in van Gaals Ajax der Neunziger getan hatte. Mit ständigen Läufen aus der Tiefe hinter die Abwehr suchte Müller Räume, die ein Zehner sonst eher selten betritt. Diese Läufe ergänzten sich hervorragend mit den restlichen Spielern der Bayern-Offensive.

Auf den Flügeln agierten die beiden dribbelstar- ken, oft nach innen ziehenden Franck Ribery und Arjen Robben. Müller verschaffte den beiden im- mer wieder Raum, indem er ihre Wege ins Zen- trum mit ausweichenden Bewegungen ausglich. Zogen die Tempodribbler also nach innen, star- tete Müller diagonal auf die Außenbahn. Dabei fungierte Müller sozusagen als Blocker, denn sein Laufweg hinderte die gegnerischen Verteidiger am Herausrücken. Den Flügelspielern verschaffte er so ein bisschen mehr Zeit, um Tempo aufzu- nehmen. Besonders Arjen Robben profitierte von Müllers intelligenten Läufen.

Ein Standardspielzug der Bayern zu dieser Zeit war ein dynamischer Angriff über den rechten Flügel. Gegen die in der Regel tief stehenden

#spielerporträt_müller

FC Bayern 2010 Olić Müller Robben Ribéry Schweinsteiger van Bommel Lahm Badstuber Demíchelis van Buyten
FC Bayern
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Demíchelis
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FC Bayern München 2009/10

Gegner erhielt Robben den Ball weit draußen auf der rechten Außenbahn. Er drehte sich bei der Ballannahme in Richtung Tor und dribbelte langsam diagonal an.

Gleichzeitig startete Philipp Lahm einen langen Tempolauf, um Robben zu umlaufen. Während sich die Spitze der Bayern zum langen Pfosten orientierte, sprintete Müller durch die Schuss- bahn Robbens. Natürlich kam es vor, dass Müller auch mal angeschossen wurde. Doch meistens timte er seinen Lauf so gut, dass er Robbens Schuss sehr lange verdeckte und damit die Sicht des Torwarts behinderte. Doch das Freiblocken und das Verdecken des Schusses war nicht alles, was Müller in diesen Szenen tat. Hatten er und Robben die Wege gekreuzt, wechselte Müller ab- rupt die Richtung und sprintete in Richtung Tor- wart. Dort lauerte er auf Abpraller oder Schnitt- stellenpässe, denn Robben schoss natürlich nicht immer.

Neben dieser beispielhaften Szene gab es unzäh- lige weitere Situationen, in denen Müllers be- sonderes Gefühl für Zeit und Raum aufblitzte. Gerade bei Einwürfen sah und sieht man Woche

für Woche Müllers Klasse. Er antizipiert das Ver- halten der Verteidiger und löst sich mit auf den ersten Blick unnötigen – weil umständlichen – Laufwegen, um im richtigen Moment da zu sein. Sein bogenförmiger Lauf zur Grundlinie bei Ein- würfen im letzten Drittel sollte mittlerweile ei- nen Platz in jedem Lehrbuch finden.

Im ballbesitzorientierten Spiel der Bayern hatte Müller nicht viele Ballkontakte, oft sogar die we- nigsten. Dennoch gehörte er regelmäßig zu den besten Spielern der Mannschaft, da er unzählige wichtige Wege ging. In der Defensive übernahm er zum Beispiel immer wieder mal die Position von Robben oder Ribery, wenn sich diese eine kleine Auszeit nahmen. Zudem konnte Müller seinem Team etwas geben, was nicht viele kön- nen: Er sorgte mit seinen Diagonalläufen für Breite und Tiefe gleichzeitig. Damit beschäftig- te er den Gegner permanent und stellte ihn vor komplizierte Übergabemechanismen, indem er immer um die Sechser und Innenverteidiger der Gegner herumkreiste. Dadurch konnte er Raum und Zeit am Ball für die tieferen Spieler heraus- holen, da er den Gegner mit seiner Positionie- rung am aggressiven Herausrücken hinderte. Au-

#spielerporträt_müller

ßerdem konnte Müller sich so in aussichtsreiche Ausgangspositionen schleichen, von denen aus er dann im Moment des Schusses oder der Herein- gabe in die Gefahrenzone sprintete.

Müller interpretierte die Zehnerrolle jedoch nicht nur im letzten Drittel auf interessante Art und Weise. In früheren Phasen des Aufbaus fiel er nicht zurück, um zusammen mit der Doppels- echs für ein Übergewicht im Mittelfeld zu sorgen. Im Gegenteil: Müller lief förmlich vor den defen- siven Mittelfeldspielern weg. Zusammen mit der einzigen Spitze im 4-2-3-1 wich er immer wieder weit auf die Flügel aus, sodass Robben und Ribe- ry sich kurz anbieten konnten, ohne verfolgt zu werden. Besonders gut funktionierte dies, wenn Ivica Olic als Stürmer auflief. Sie beschäftigten in diesen Szenen im Optimalfall die gesamte geg- nerische Viererkette, wenn sie sich zwischen den Außen- und Innenverteidigern aufhielten.

Müller hatte sich schnell zur festen Größe ent- wickelt, kam in jedem einzelnen Bundesligaspiel zum Einsatz und erreichte mit den Bayern in der Saison 2009/10 beinahe das Triple – im Finale der Champions League gegen Inter hatte er zwi-

schenzeitlich den Ausgleich auf dem Fuß. Am Ende seiner ersten Saison als Stammspieler hatte Müller wettbewerbsübergreifend in 52 Spielen 19 Tore erzielt und 16 weitere direkt vorbereitet. Als folgerichtige Belohnung fuhr Müller im Sommer 2010 mit zur Weltmeisterschaft in Südafrika. Dort sollte er eine prägende Rolle spielen – wenn auch auf einer anderen Position.

Raumsuchender Rechtsaußen

Bei der WM in Südafrika spielte Müller in Jogi Löws 4-2-3-1 als Rechtsaußen. Zusammen mit Mesut Özil auf der Zehn und Lukas Podolski links bildete er die offensive Dreierreihe hinter Miroslav Klose. Dieses Offensivquartett passte im damals noch stark auf den Umschaltmoment ausgelegten deutschen Spiel perfekt zueinander.

Besonders das Dreieck Özil-Klose-Müller soll- te in deutschen Spielzügen eine wichtige Rolle spielen. Deutschland griff vornehmlich über die starke rechte Seite – unterstützt durch Philipp Lahm – an. Es ergaben sich interessante Synergi- en zwischen den ausweichenden Bewegungen der Akteure. Klose wich häufig auf den Flügel aus, um die Abwehr auseinander zu ziehen, auch Özil

Klose Podolski Müller Özil Khedira Schweinsteiger Lahm Badstuber/ Boateng Friedrich Mertesacker Neuer
Klose
Podolski
Müller
Özil
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Schweinsteiger
Lahm
Badstuber/
Boateng
Friedrich
Mertesacker
Neuer
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Deutschland bei der WM 2010

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driftete stark nach rechts, um die überfüllten Spielfeldmitte zu umgehen. Der Gegner wurde also stark auf die rechte Seite gezogen, was Tho- mas Müller natürlich nutzte.

Er startete immer wieder entgegen der Verschie- bebewegung des Gegners diagonal in die Sturm- spitze, was für gehörig Verwirrung sorgte. Bei den vielen Kontern, die die Nationalmannschaft fahren durfte, gab es zudem viel Raum und meis- tens nur wenige Gegenspieler für die schnell um- schaltenden Offensivkräfte. So kam es zu vielen Gleichzahlsituationen, die das deutsche Offen- sivquartett ausnutzen konnte. Klose und Özil lockten die Gegner mit ihrem sicheren Kombi- nationsspiel an, Müller bot die Anspielstation in der Tiefe, während Podolski von links spät in den Strafraum einzog und auf Hereingaben speku- lierte.

Die nominell starken Gegner im Achtel- und Viertelfinale hießen England und Argentini- en. Beide ließen sich gnadenlos auskontern, Deutschlands Spielzüge wirkten aufgrund der großen Räume und der optimalen Nutzung die- ser häufig wie von der Spielkonsole. Gegen Spa-

nien fehlte Müller, bis dahin vielleicht der beste Spieler des Turniers, aufgrund einer Gelbsperre. Deutschland bekam so gut wie keine Kontergele- genheiten und schied unglücklich, aber nicht un- verdient aus. Thomas Müller kam in seinen sechs Spielen auf fünf Tore und drei Vorlagen, wodurch er zum besten Torjäger des Turniers avancierte.

Auch heute spielt Thomas Müller unter Löw und Guardiola in der Regel auf dem rechten Flügel. Kontersituationen sind jedoch sowohl bei der Nationalelf als auch bei den Bayern Mangelwa- re geworden, da so gut wie jeder Gegner extrem tief steht. Hier kommen Müllers herausragende Fähigkeiten in Sachen Geduld und Timing zum Tragen.

Zumeist bleibt Müller lange im Ballbesitz sehr breit auf der rechten Außenbahn stehen und wirkt unbeteiligt. Die breite Positionierung gibt den oft linkslastigen Bayern die permanente Ge- legenheit einer Spielverlagerung. Ist diese erfolgt, geht Müller nur selten ins Dribbling. Er leitet den Ball in der Regel sofort weiter und läuft sich frei. Mal geht er diagonal in die Tiefe, mal läuft er seinem Pass direkt hinterher, um den Mitspie-

Wenn ich sage, ich habe die Entwick- lung bei Thomas Müller so voraus- gesehen, dann würde ich lügen. Ich habe nur zu Uli Hoeneß gesagt: Du Ulrich, da ist einer, der kann Fuß- ballspielen und schießt immer Tore. [Hermann Gerland]

#spielerporträt_müller

ler als Wand zu benutzen. Auffällig ist dabei vor allem, wie Müller während seines Laufs kommu- niziert. Kaum ein Spieler gestikuliert so wild und brüllt so lautstark herum, wenn er sich freiläuft. Müller vermeidet damit Missverständnisse, denn oft wechselt er im letzten Moment noch die Lauf- richtung, wenn er erkennt, dass der Gegenspieler sein Manöver antizipiert hat.

Ich bin taktisch gut ausgebildet wor- den und sehe, was auf dem Platz ab- läuft. Ich bin nicht so viel am Spiel beteiligt, habe nicht so viele Ball- kontakte. Aber ich kann geduldig auf den richtigen Moment warten und suche mir die Situationen aus, wenn es Richtung Tor geht. Ich will im richtigen Augenblick zur Stelle sein. [Müller über seine Spielweise]

Diese „Antizipations-Antizipation“ nutzt Mül- ler übrigens auch immer wieder dann, wenn der Gegner einen individualtaktischen Fehler begeht. Bestes Beispiel: Bayern greif über die linke Seite an, während Müller rechts breit steht. Links er- folgt ein Rückpass, ein Diagonalball bahnt sich an. Müller nimmt das vorschnelle Herausrücken des gegnerischen Linksverteidigers wahr und startet in die geöffnete Schnittstelle. Im Normal- fall haben Spieler wie Kroos oder Schweinsteiger diesen Laufweg ebenfalls gesehen und schicken Müller in den Rücken der Abwehr.

Dieses intelligente Nutzen von Schnittstellen sieht man bei Müller jedoch nicht nur beim Freilaufen, sondern auch bei eigenem Ballbesitz. Müller hat ein gutes Auge für Situationen, in de-

nen ihn ein anderer Akteur vorderläuft. Müller spielt in diesen Szenen außen am Außenvertei- diger vorbei auf den startenden Mitspieler und geht dafür in die Mitte – natürlich lautstark den Ball zurückfordernd. Ein weiteres Beispiel für seine fantastische Übersicht ist das Umgehen des Deckungsschattens. Gegen Bayern versuchen viele Gegner, die offensiven Außen zu doppeln. In der Regel kommt dem Außenverteidiger also ein Sechser zu Hilfe, der Müller den Weg nach innen versperren soll. Anstatt jedoch den siche- ren Rückpass zu wählen, baut Müller hier und da angelupfte Pässe zwischen seine beiden Gegen- spieler auf den Mittelstürmer ein, den er dann im Vollsprint hinterherläuft.

Spielt Müller als Rechtsaußen, dringt er in den späteren Phasen des Angriffs regelmäßig mit in den Strafraum ein, um dort Hereingaben abzu- nehmen. Im Sechzehner zeigt er immer wieder aufs Neue ungewöhnliche Bewegungsabläufe, um Bälle zu verwerten – mit unterschiedlichem Erfolg.

#spielerporträt_müller

Die Müller-Technik

Thomas Müller ist nämlich beileibe nicht das, was man einen Edeltechniker nennen kann. Mal verspringt ihm ein Ball bei der Annahme, mal trifft er da den Ball beim Flanken mit dem Schienbein. Doch trotz dieser immer wieder vor- kommenden Ungenauigkeiten verfügt Müller über eine gute, ja sogar sehr gute Technik. Tech- nik bedeutet nicht nur, fintenreich tricksen zu können. Auch reihenweise Traumtore zu erzielen ist kein alleinstehendes Kriterium für eine gute Technik. Ein guter Techniker nutzt seinen Kör- per, um mit dem Ball das Gewünschte zu errei- chen. Das klingt nicht nur sehr banal, sondern ist es auch.

Thomas Müller ist der lebende Beweis dafür. Was hat er nicht schon alles für seltsame Aktionen ge- zeigt, bei denen er den Ball auf unmöglichste Art und Weise mitnimmt? Mit welchem Körperteil hat er noch kein Tor erzielt? Müller setzt seinen Körper – und zwar den gesamten – so ein, dass er zum gewünschten Ziel kommt, egal wie schön das aussieht. Dies macht ihn in der öffentlichen Wahrnehmung zwar nicht zu einem Künstler,

was ihn aber nicht weiter stören wird. „Ich de- finiere mich über Effizienz und Geradlinigkeit“, sagte er zuletzt, auch die Schönheit seiner Tore sei für ihn nicht wichtig, da eh jeder Treffer gleich viel zähle.

Wenn man mal einen Elfmeter von Thomas Mül- ler gesehen hat, weiß man, was er damit meinte. Lupfer auf die Mitte? Schlenzer in den Winkel? Knallhart ins Eck? Nicht mit Müller. Effizienz vor Ästhetik. Müller läuft bei Elfmetern mit er- hobenem Kopf an und beobachtet den Torwart. Auch wenn sich nicht jeder Torwart vorher ent- scheidet, in welche Ecke er fliegt, geht immer ein kleiner Reflex von ihm aus. Müller ist offenbar extrem gut darin, diesen Impuls zu erkennen und schiebt den Ball in die andere Ecke. Nicht direkt neben den Pfosten, denn da besteht ja ein Rest- risiko. Müllers Elfmeter trudeln regelmäßig flach zwischen Tormitte und Pfosten mit gefühlt 20 Kilometern pro Stunde ins Tor. „Den hätte ich gehalten“, denkt man sich. Hätte man nicht.

Eine weitere Besonderheit an Müllers Umgang mit dem Ball ist die extreme Risikobereitschaft, wenn es um den Abschluss geht. Müller ist ganz

Ich kann keine Tricks. Die wollen dann immer irgendwelche Zaubereien sehen, Ball hochhalten, viermal um die eigene Achse und sowas. Aber das war noch nie mein Fachgebiet. [Müller über Auftritte mit Kindern]

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Joe Hart Kompany Nastasic Clichy Richards Müller Touré Fernandinho Robben Ribéry Navas Nasri Kroos
Joe Hart
Kompany
Nastasic
Clichy
Richards
Müller
Touré
Fernandinho
Robben
Ribéry
Navas
Nasri
Kroos
Schweinsteiger
Lahm
Agüero
Alaba
Dzeko
Rafinha
Dante
Boateng
Neuer
„Ich wollte in diesem Spiel mehr Bewe-
gung in der Spitze. Darum spielte Thomas
Müller“ Pep Guardiola nach dem Spiel ge-
gen Manchester City

klar ein Rechtsfuß, weiß aber genau, wann er mit links schießen muss. Er verzettelt sich nicht lange damit, den Ball auf den richtigen Fuß zu legen, sondern schließt so ab, wie es in der jeweiligen Situation angebracht ist. Dabei misslingen natür- lich einige Schüsse, auch bei Direktabnahmen, die er mit viel Risiko angeht, ist viel Ausschuss dabei. „Wer nicht schießt, kann auch nicht tref- fen“, ist eine weitere Fußballweisheit, die Thomas Müller schon mehrfach nach abgefälschten oder anderweitig kuriosen Toren zum Besten gab. So simpel, aber dennoch richtig. Genau wie Thomas Müller.

Raumschaffender Neuner

Auch im Sturm fühlt sich Thomas Müller wohl. Er spielt keineswegs als falsche, spielmachende Neun wie zum Beispiel Lionel Messi beim FC Barcelona. Dennoch interpretiert Müller die Mittelstürmer-Position nicht wie ein klassischer Neuner. Agieren die Bayern mit Müller in der Spitze, wird die Fluidität erhöht, sprich: es gibt mehr spontane Positionswechsel oder Überla- dungen. Müller beschäftigt im Idealfall die ge- samte Viererkette des Gegners, in dem er immer

wieder horizontale und diagonale Laufwege zeigt. Der Gegner muss viel kommunizieren, um die Übergaben zu bewerkstelligen, gleichzeitig müs- sen sie auf nachrückende Spieler achten. Ein weiterer positiver Nebeneffekt von Müllers Um- triebigkeit ist, dass Bayern den Bereich zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeld überladen kann. Die auf- und einrückenden Außenvertei- diger sorgen zusammen mit den Flügelspielern und dem Mittelfeldtrio für eine große Überzahl im Zentrum. Bayern kann den Ball so lange zir- kulieren lassen und sich Schritt für Schritt in eine günstigere Ausgangsposition für den letzten Pass spielen. Verfolgen die gegnerischen Außenvertei- diger die Münchener Flügelstürmer mannorien- tiert, um der Überzahl entgegenzuwirken, zieht Müller die verbleibenden beiden Innenverteidi- ger so weit auseinander, dass dem Gegner jegli- che Kompaktheit verloren geht und Bayern mit einfachen Schnittstellenpässen vors Tor kommen kann.

Doch nicht nur offensiv zahlen sich Müllers Wege aus. Dank seiner Defensivbereitschaft und Laufstärke sorgt Müller auch als Neuner immer wieder für Entlastung der anderen Offensiv-

#spielerporträt_müller

kräfte. Ist er also auf den linken Flügel rochiert, um Ribery für ein Dribbling Raum zu schaffen, nimmt er dessen Defensivposition bei Ballverlust ein, sodass die Kontergefahr minimiert wird.

Es fällt auf: Egal auf welcher Position Müller spielt, er interpretiert sie ungewöhnlich. Als Zeh- ner infiltriert er allerlei Räume und befreite die Individualisten auf den Flügeln. Als Rechtsaußen hält er geduldig die Breite, um dann im richti- gen Moment als zweite Spitze zu fungieren. Auch im Sturm steht die Mannschaftsdienlichkeit im Vordergrund, hier öffnet er Räume, stiftet Ver- wirrung und sichert der eigenen Mannschaft Zeit am Ball. Heutzutage sind solche Fähigkeiten fast überall anerkannt, Thomas Müller gehört längst zu den ganz Großen im Weltfußball. Er ist dabei Nutznießer seiner Generation.

Profiteur seiner Zeit

Was wäre wohl in den Neunzigern oder in den frühen Zweitausendern aus Thomas Müller ge- worden? In Zeiten, in denen viel über individu- elle Klasse bei starker Mannorientierung gelöst wurde und es eher wenige komplexe gruppen- taktische Elemente im deutschen Fußball gab,

hätte es Thomas Müller wohl schwer gehabt. Als Mittelstürmer wäre er wegen seines Körperbaus wohl nicht in Betracht gezogen worden, als Zeh- ner wäre er ebenfalls durchgefallen, weil er kein klassischer Spielmacher ist. Am ehesten hätte er wohl Einsatzchancen auf dem Flügel gehabt, wo das Flanken allerdings das täglich Brot der Spieler war. Auch dies ist keine Spezialität von Thomas Müller, damals wie heute ein Exot. Was hätte man vor zehn Jahren mit so einem Spieler ange- fangen?

Gott sei Dank hat sich das Spiel mit der Zeit geändert. Müller hat das Glück gehabt, stets in Mannschaften zu spielen, in denen er als passen- der Rollenspieler seine Stärken ideal einbringen konnte. In der Nationalelf konnte er anfangs sei- ne Dynamik und sein Raumgefühl im spektaku- lären Konterspiel zeigen, unter van Gaal blühte er als unterstützender (hängender) Stürmer auf. Unter Heynckes und Guardiola kam er zumeist als nachstoßender Rechtsaußen passend zum in der Mannschaft vorherrschenden Linksfokus zum Einsatz.

Zudem trug Müller nie die Hauptverantwortung der Angriffe, war also nicht der Go-to-Guy, wie man es beim Basketball nennen würde (eine Rol- le, die bspw. Cristiano Ronaldo bei Real Madrid spielt). Müller als primärer Angreifer in einem schwächeren Team würde wohl bei kaum einem Gegner Angstzustände auslösen. Müller braucht möglichst feste, gut strukturierte Angriffsmuster, in denen er selbst das freie Radikal sein kann. Dies macht ihn so unberechenbar und damit gut.

Dass er kein Team allein tragen kann und zudem noch so unkonventionell spielt, wird Müller da- ran hindern, individuelle Preise wie den Ballon d´Or zu gewinnen. Sein Spiel ist auf eine zu un- spektakuläre Art und Weise spektakulär, sodass nur wenige den wahren Wert erkennen. Für sein Team ist Müller jedoch Gold wert. Die Bereit- schaft, ja der Drang Müllers, nach jedem ge- spielten Pass gleich wieder ins Tempo zu gehen, macht ihn besonders. Dass er dabei auch noch so ein gutes Timing und gleichzeitig Übersicht hat, macht Thomas Müller auf seine eigene Art zu einem Weltklassespieler.

#spielerporträt_iniesta

RENE MARIC

Andrés Iniesta:

Der Besondere

Beim diesjährigen Ballon d’Or fehlt der Geheimfavorit der letzten Jah- re. Andrés Iniesta galt von 2009 bis 2012 eigentlich immer als mögli- che Alternative zu Lionel Messi, vielerorts wurde er gar als wichtigerer Spieler für den FC Barcelona gesehen. Seine Kreativität – so lautete das Argument – sorgt gemeinsam mit Xavis Pässen für die Torausbeute Messis. Somit sei der Erfolg des kleinen Argentiniers teilweise zulasten seiner Mitspieler gegangen.

#spielerporträt_iniesta

Nachdem Andrés Iniesta im letzten Jahr nach der gelungenen Europameisterschaft zum besten Fußballer Europas gewählt wurde, ist es still um ihn geworden. Die relativ schwachen Leistungen Barcelonas während Messis Verletzung haben auch Spuren am Image von Xavi und Iniesta hin- terlassen. Doch exakt in dieser veränderten Ein- schätzung zeigt sich die Fehleinschätzung Iniestas und wie seine besonderen Fähigkeiten verkannt werden.

Kein Passgeber, sondern Passermöglicher

Natürlich kann Iniesta tödliche Pässe mit hervor- ragender Passgewichtung spielen oder auch lange Bälle verteilen. Seine wahren Stärken liegen aber woanders. Er ist viel subtiler, viel nonchalanter und viel effektiver als sein Image es suggeriert. Iniesta ist nämlich nur selten jener Spieler, der den letzten Pass spielt, sondern er ermöglicht das Spielen dieses letzten Passes. Damit ist aber nicht zwangsläufig der ominöse vorletzte Pass gemeint, der von vielen Experten als entscheidend gesehen wird und in keiner Statistik auftaucht. Iniestas wahrer Wert liegt noch eine Ebene tiefer. Immer wieder lässt Iniesta den Ball fast provokativ in en-

gen Räumen zirkulieren. Kurzpässe über zwei bis drei Meter, kurze Antritte mit Ball am Fuß und einfache Pässen, oftmals auch zurück. Bei vielen Spielern wirkt solch eine Aktion eher erzwungen und ideenlos, bei Iniesta scheint es aber einen tieferen Sinn zu haben – und meistens zeigt sich dies auch in der Endfolge der Angriffe.

Oftmals reagiert Iniesta nach solchen Minizirku- lationen ohne Raumgewinn mit einem schnellen Sprint in einen offenen Raum oder einem ver- lagernden Kurzpass, die weltweit eigentlich nur er so spielt. Normalerweise ist eine Verlagerung ein langer Ball bzw. ein Seitenwechsel, wo der Angriffsaufbau neu aufgezogen werden kann. In- iesta schafft es allerdings die gleichen Effekte mit kürzeren Pässen zu erzeugen. Oft verändert sich plötzlich nach einem Pass über zehn Meter oder einem erhaltenen Rückpass über diese Distanz wegen Iniesta die gesamte Spieldynamik schlag- artig.

Ursache dafür ist eine taktikpsychologische Kom- ponente in Iniestas kurzer Zirkulation und seinen Fähigkeiten als Nadelspieler. Bei einem Seiten- wechsel gibt es die offenen Räume letztlich nur

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Iniesta als Nadelspieler

#spielerporträt_iniesta

durch das gegnerische Verschieben. Dieses wie- derum entsteht, weil das effektive Spielgeschehen kurzzeitig in einem Halbraum oder einem Flügel stattfand und die Mannschaft ballorientiert ver- schob. Iniesta erzeugt diese Reaktion beim Geg- ner, indem er ihn mit längeren Verweilzeiten am Ball oder zwei bis drei Kurzpässe über drei Meter anlockt.

Dabei bewegt sich Iniesta teilweise nach dem Pass immer minimal weg und zieht den Gegner noch aus der Position. Dies sorgt für andere in- teressante Nebeneffekte. Er provoziert den Geg- ner zu ihm und kann dann dessen aufrückende Bewegung nutzen, um gegen dessen Laufrich- tung nach vorne zu laufen. Iniesta überholt den Gegner, geht in dieses Loch und erhält den Ball wieder. Oft muss ein anderer Gegenspieler dieses Loch versperren oder Iniesta gar attackieren, wo- durch sie sich kollektiv zusammenziehen müssen. Hier schafft Iniesta dank seiner Fähigkeiten als Nadelspieler es jedoch sich zu befreien und aus der Enge herauszuspielen. Die Folge: eine Spiel- verlagerung ohne Seitenwechsel. In der veränder- ten Dynamik hat jener Spieler, der Iniestas Pass erhalten hat, mehr Raum und mehr Passoptionen

zur Verfügung. Somit ermöglicht Iniesta oftmals nicht den letzten Pass oder spielt den vorletzten, sondern kümmert sich um unscheinbare Dinge wie die Ermöglichung des Raumgewinns oder des vorletzten Passes. Kurzum: Er verkompliziert die statistische Datenerfassung noch mehr.

Er spielt nur situativ die letzten Pässe auf Messi oder die vorletzten auf die Flügelstürmer, wel- che dann Messi anspielen können. Stattdessen ermöglicht er seiner Mannschaft, dass sie diese Pässe irgendwann bei passender Struktur des An- griffs spielen kann. Iniesta stellt mit seiner Spiel- weise die Staffelung her, welche sich potenziell so auswirkt, dass irgendwann möglicherweise die eine Sekunde, die eine Staffelung oder die eine Positionierung entsteht, in der ein Raumgewinn, Torchance oder erhöhte Dynamik erzeugt wer- den kann. Zusätzlich kann Iniesta diese Sachen auch selbst machen. Erkennt er solche Möglich- keiten, nutzt er sie eiskalt. Wer kennt nicht seine plötzlichen und gänzlich unvermuteten Antritte, wo er auf einmal zwei oder drei schnelle Schritte macht und einen offenen Raum infiltriert? Hier nutzt er beispielsweise sein Ballhalten, um die Re- aktion seines Gegners zu sehen.

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Iniesta spaziert im Halbraum.

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Wird er nur passiv verfolgt, erhöht Iniesta fast unmerklich seine Geschwindigkeit. Der Geg- ner verfolgt ihn und Iniesta visiert den offenen Raum schon an, übt aber noch keine Gefahr aus. Dann aber verändert sich alles schlagartig. Aus dem Spaziergang Iniestas mit Begleitschutz wird plötzlich ein Sprint in den offenen Raum mit enger Ballführung, von dem er kaum abzuhalten ist. Hat er den offenen Raum erobert, entledigt er sich schnell des Balles, es entstehen in der Folge- situation durch die Natur dieser Aktion Torchan- cen und / oder Raumgewinn. Wenn man Tho- mas Müller als Raumdeuter bezeichnet, so wäre für Iniesta die treffende Beschreibung jene des Spieldeuters. Und als Spieldeuter mit Fähigkei- ten eines Nadelspielers ist er auch defensiv enorm wertvoll – auf vielerlei Arten.

Der indirekte Entlaster

Selbst der größte defensive Vorteil beim Wun- derknaben hat mit dem Ball zu tun. Dadurch dass er und Xavi den Ball so lange, geduldig und strategisch geschickt halten bzw. gehalten haben, erhielt der Gegner kaum Zugriff. Selbst wenn sie den Ball ansatzweise erobern konnten, wurden

sie sofort schnell gepresst und fanden sich wegen des zuvor erwähnten Herausziehens und Herstel- lens von Engen in einer unpassenden Konterfor- mation.

Im Gegensatz zu Xavi machte Iniesta dies auch eine Ebene höher. Gemeinsam mit Lionel Mes- si agierte er als Nadelspieler im letzten Drittel und sorgte bei tiefen und kompakten Gegnern geschickt für das Bespielen von Engen. Bei fast jedem anderen Akteur wären in diesen Räumen Ballverluste geschehen und die enorm aufgefä- cherte Formation hätte man auskontern können.

Messi und Iniesta in den Halbräumen als Nadel- spieler ermöglichten im Verbund mit der Ballzir- kulation ein relativ gefahrloses Aufrücken und sorgten für die hohe Formation. Dieses extrem weit aufgerückte und auf dem Engenspiel der beiden ausgelegte Spiel bringt aber die zweite, wieder indirekte positive Wirkung Iniestas auf das Defensivspiel seiner Mannschaft zum Vor- schein. Dank dieser Ausrichtung im letzten und zweiten Drittel sowie den lokalen Kompakthei- ten des Kurzpassspiels haben sie automatisch eine enorm gute Staffelung im Gegenpressing.

Selbst wenn Pässe fehlschlagen oder Dribblings verloren gehen, können bzw. konnten sie ziem- lich einfach sehr viel Druck entfachen und sich im Gegenpressing den Ball zurückholen. Dabei war Iniesta nicht nur indirekter Verursacher des effektiveren Gegenpressings, sondern beteiligte sich sehr effektiv und direkt daran. Hier wird die defensive Seite seines Spieldeutens relevant. Zwar ist Iniesta kein Busquets in der Zeitdauer seiner Antizipationen, ist dafür aber bei schnellen und chaotischen Situationen auf dem Niveau seines Weltklasse-Mitspielers. Dies sieht man eben be- sonders gut in Gegenpressing-Situationen, in de- nen Iniesta seine Wendigkeit, Reaktionsschnellig- keit, Intelligenz und sein Gespür ausleben kann.

Nichtsdestotrotz wäre Iniestas Titel in diesem Jahr nicht so verdient wie sonst. Die Ursache habe ich schon angedeutet – eventuell ist so man- chem meine oftmalige Nutzung des Präteritums in diesem Kapitel aufgefallen.

Mangelnde Form in dieser Saison

Seitdem Iniesta den unumstrittenen media- len Aufstieg zur Weltklasse gemacht hat, dürfte dies seine individuell schlechteste Saison gewe-

#spielerporträt_iniesta

sen sein. Seinen Wert in großen Spielen, den er seit 2008 eigentlich durchgehend unter Beweis stellte, konnte er dieses Jahr in der Champions League nie zeigen. In den Spielen gegen die Bay- ern oder Paris St. Germain blieb er blass. Dabei war zuvor vom besten Iniesta aller Zeiten geredet worden, als seine Scorerpunkte auf der Position des linken Flügelstürmers in der Hinrunde in schier unermessliche Höhen stiegen.

Dort wurden seine direkten Fähigkeiten im Pass- spiel fokussiert und seine Eigenschaften beim Angriffsabschluss besser eingebunden. Dies ging jedoch zulasten der anderen Stärken, die zuvor geschildert wurden. Barcelona konnte zwar mit Fabregas auf der offensiven Acht und Iniestas präsenterer Kreativität zwischenzeitlich mehr Durchschlagskraft erzeugen, insbesondere gegen schwächere Gegner, war im Kollektiv auf höhe- rem Niveau aber schwächer. Plötzlich war er nach seiner Rückversetzung in die Mitte nicht mehr der „beste Iniesta aller Zeiten“. Die Ursache da- für könnte man in persönlichen Problemen oder mangelnder Motivation suchen, allerdings sind die Gründe womöglich noch einfacher. Es sind nämlich ähnliche wie für seine aktuelle Formkri-

se: Als Iniesta in die Mitte kam, war das Spiel der Katalanen bereits verändert worden.

In seiner Grunddynamik hatte es wenig vom kol- lektiven und gruppentaktisch fein abgestimmten Uhrwerk der Jahre 2009 bis 2012. Stattdessen wurde auf Basis des Ballbesitzes eine individu- ellere Ausrichtung dieser Spielphilosophie ohne konstant aggressivem Pressing gespielt. Iniesta war hierbei in seiner Rolle als Nadelspieler nicht ordentlich eingebunden. Barcelonas Spielweise wirkte darum gegen tiefstehende Gegner wie ein Selbstzweck zur Ballzirkulation und gegen etwas höherklassige und im Pressing höher positionier- te Gegner scheiterten sie am Übergang ins letzte Drittel und der Zirkulation im zweiten Drittel, weil die Rollenverteilung im Mittelfeld nicht mehr so harmonisch war. In der Partie gegen die Bayern konnte dies gut nachverfolgt werden.

Diese Saison hat sich beim FC Barcelona wieder etwas verändert. Wegen der Krankheit Tito Vila- novas, die womöglich ohnehin ursächlich für die abnehmenden gruppentaktischen Fertigkeiten war, übernahm Tata Martino die Mannschaft. Mit diesem veränderte sich zwar die Spielstrate-

gie nicht, aber gewisse Komponenten innerhalb dieser Philosophie wurden geändert, angepasst und vertikalisiert.

Diese versuchte Stabilisation hat allerdings die Spielweise der Katalanen verändert. Sie spielen vertikaler und überwinden Mittelfeldräume oft- mals mit langen Bällen, um einfacheren Raum- gewinn und Aufrücken aus der Tiefe betreiben zu können. Gleichzeitig stellen sie sich öfter tief, um den Gegner anzulocken und ihn dann mit den technischen Finessen im Passspiel aufzumachen und nach hinten zu drängen.

In einzelnen Partien wie zum Beispiel gegen Celtic oder ansatzweise auch im Clásico funkti- onierte dies sehr gut, aber weder bei Xavi noch Iniesta bringt es ihre besten Eigenschaften zum Vorschein, wie es der Tiqui Taca unter Guardiola tat. Bei Martino müssen sie öfter die Halbräu- me neben Busquets verteidigen und sich an der Abwehr statt am Angriff im Defensivspiel orien- tieren, womit sie ihre Probleme haben. Der Zwi- schenlinienraum wird oftmals nur ungenügend von beiden abgedeckt und es mangelt an einer klaren Orientierung im Verschieben.

#spielerporträt_iniesta

Die Gegenpressing-Situationen werden dadurch seltener und sorgen für eine weitere schlechte Ab- stimmung bei Iniesta. Offensiv sieht es ähnlich aus. Weniger Ballzirkulation im letzten Drittel und weniger „Handball“-ähnliche Spielphasen bedeuten auch weniger Nadelspielerei für Iniesta, der nun auch beim Angriffsaufbau klassischere Arbeiten verrichten soll. Dies kann er natürlich ebenfalls sehr gut, ist dabei aber eben sehr gut – und nicht einzigartig. Trotzdem sollte sein (po- tenzieller) Wert nicht verkannt werden.

Der Ewige

Denn unabhängig von seinen Leistungen um- gibt Iniesta eine gewisse Aura. Der Spieldeuter besitzt auch jetzt noch in einzelnen Phasen die- sen „Wow“-Effekt, den wohl nur er gleichzeitig mit einem „Aha“-Effekt vermischen kann. Ver- einzelt sind seine Läufe und Antritte so logisch, aber seine Bewegungen zuvor so träge (und doch geschmeidig), dass sie den wahren Sinn verschlei- ern. Wie man sich da wohl als Gegner fühlt?

Letztlich ist Iniesta nämlich nicht nur Nadelspie- ler und Spieldeuter, sondern hat auch eine andere Eigenart, die nur wenige Fußballer teilen. Mehr

als alle anderen ist er einfach ein blasser riesiger Köder, der den Gegner und dessen Aktionen an sich zieht. Er deutet dem Gegner Zugriff an und lässt ihn näher kommen, um minimal zu flüch- ten.

Und er wiederholt das dann, immer wieder, lullt seinen Gegner ein und weiß ganz genau, was passieren wird. In einem gegebenen Moment wird aus dem Köder plötzlich eine Falle, die zuschnappt. Dabei scheint es ganz intuitiv und selbstständig zu geschehen, was Iniesta eben die- se Aura verleiht. Er wirkt wie eingebettet in die Spielmatrix, der Spieldeuter lässt sich vom Spiel kontrollieren und geht doch in ihr auf. Darum ist seine Spielweise ewig. Wer keine Kontrolle hat, aber keine benötigt, braucht sie nicht.

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TOBIAS ESCHER

Mesut Özil:

Der Mann des Moments

Mesut Özil, ein Heilsbringer, ein Künstler, der un- deutscheste Deutsche aller Zeiten. Mesut Özil, ein Raffzahn, ein Opportunist, der in großen Spielen abtaucht, die Schultern stets hängen lässt und die Hymne nicht mitsingt. Kein anderer DFB-Spieler ruft derart unterschiedliche Urteile hervor wie der Star vom FC Arsenal. Wie verlief Özils Karriere und wie wurde aus dem Jungen aus Gelsenkirchen ein Weltstar?

#spielerporträt_özil

Jogi Löw macht nicht mehr mit. Er hat sich ent- schieden, dieses Jahr auf sein Wahlrecht für den Ballon d‘Or zu verzichten. Er möchte nicht, dass die ganze Welt nach der Wahl erfährt, wen er gewählt hat. In Zukunft wünsche er sich Ano- nymität, wenn er wieder an solchen Wahlen teil- nehmen soll. Vielleicht ist Löw tatsächlich ein Verfechter des geheimen Wahlrechts. Vielleicht hat Löw aber einfach nur Angst, dass seine Spie- ler die Wahl in den falschen Hals bekommen. Immerhin hat er 2012 eine Wahl getätigt, die auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig war:

Nicht Messi, Xavi oder Lahm hat er als besten Spieler gesehen, sondern Mesut Özil. Es ist einer der vielen Indizien, die zeigen: Löw sieht in Özil einen ganz besonderen Spieler, vielleicht sogar seinen wichtigsten.

Bei Özil gibt es nicht viele Grauzonen. Entwe- der man liebt ihn oder man verachtet ihn. Diese extremen Reaktionen begleiten Özil seit seinen Jugendtagen und seiner ersten Profistation. Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Vieles wird erst klar, wenn man auf seine Karriere blickt. Kaum ein Spieler wurde so stark geprägt von seiner Um- welt wie Mesut Özil.

In seiner Heimat nicht verstanden

Özils Karriere begann auf den Bolzplätzen des Ruhrgebiets. Özil ist Straßenfußballer durch und durch; seine Technik perfektionierte er in den Stahlkäfigen des Ruhrgebiets. Beim Training mit seinem Team Rot-Weiß-Essen war er stets der begabteste Spieler, der Gegnerreihen schwindlig dribbeln konnte. Erst in der A-Jugend wechselte er zum FC Schalke. Dort etablierte er sich schnell als feste Kraft und gewann an der Seite von Be- nedikt Höwedes die deutsche A-Jugend-Meis- terschaft. Nach diesem erfolgreichen Jahr sollte 2006/07 seine erste Bundesligasaison erfolgen.

Auf Schalke wurde Özil zwar als großes Talent gefeiert, mit seiner introvertierten Art gewann er aber nicht viele Freunde. Insgesamt eineinhalb Jahre spielte er auf Schalke, ohne aber jemals vollwertiger Stammspieler zu werden. Obwohl Özil ein Kind des Ruhrgebiets war, kam der Fein- geist nie wirklich an beim Malocherklub Schalke. Sein Markenzeichen, der schlurfende Gang und die hängenden Schultern, wurden ihm dort stets negativ angekreidet. Diesen hatte er sich auf den Bolzplätzen in seiner Jugendzeit zugelegt. Jeder

Hobbyfußballer kennt die Edeltechniker, die ihrem Gegenspieler geistige Abwesenheit vor- gaukeln, im entscheidenden Moment aber zum entscheidenden Sprint ansetzen. Özil hat die- se Marotte nie ablegen können, oft wirkt es so, als sei er geistig gar nicht auf dem Fußballplatz, obwohl er sich vollends konzentriert und genau weiß, was um ihn herum passiert. Dass dieser Trick gegen Bundesligaprofis nicht funktioniert, ist logisch; dass dieses Verhalten so gar nicht zum Selbstbild der Schalker passt ebenfalls.

Zum fehlenden Durchbruch auf Schalke trug auch bei, dass Özil nie eine feste Position zuge- wiesen bekam. Selten durfte er seiner Lieblings- position im offensiven Mittelfeld spielen. Meist musste er als Links- oder Rechtsaußen in einem 4-4-2 oder einem 4-3-3 spielen, nur selten durfte er als Achter in einer Mittelfeldraute auflaufen. Auf den Außenpositionen konnte Özil jedoch seine Direktheit nicht einbringen, die ihn später zum Weltstar machte. Zwar zeigte er bereits sein immenses Talent und dribbelte Gegner um Geg- ner aus. Allerdings waren seine Dribblings oft Selbstzweck, zu selten konnte er einen raumöff- nenden Pass oder einen Torschuss folgen lassen.

#spielerporträt_özil

Drei seiner fünf Assists auf Schalke waren dem- entsprechend Flanken; die feinen Schnittstellen- pässe, die später sein Markenzeichen wurden, sah man auf Schalke kaum.

Ich finde es eine absolute Frechheit, es ist eine schmutzige Kampagne. Herr Müller hat sich nicht an die Ab- sprachen gehalten. [Mesut Özil über die Verhandlungen mit Schalke-Manager Andreas Müller]

Es kam, wie es kommen musste: Schalke und Özil trennten sich im Streit. Özils Berater poch- ten auf mehr Geld. Schalkes Führungsriege war irritiert von der Höhe des Gehalts, das Özils Manager forderte, Özils Entourage war irritiert, dass diese Forderung wenige Tage später in der Zeitung stand. Die Bild titelte in großen Lettern:

„Schalke-Profi (19) lehnt 1,52 Millionen Vertrag ab“. In den kommenden Wochen entluden die Boulevard-Blätter ihre Wut über die „Gehalts- Exzesse junger Spieler“ an Özil, selbst Politiker meldeten sich zu Wort. Diese Medienkampagne hat ihn geprägt. Bis heute steht Özil den Medien zurückhaltend bis skeptisch gegenüber.

Durchbruch bei Werder

Am Ende eines schlagzeilenreichen Januars einig- te man sich mit Werder Bremen auf einen Trans- fer. Für rund 4 Millionen Euro wechselte Özil 2008 an die Weser. Thomas Schaaf stellte Özil in seiner ersten Halbserie vor allem als Achter auf,

die Zehnerposition war durch Diego blockiert. Doch die zentralere Position brachte Özil näher dorthin, wo er hingehört: in die Engen des Zent- rums und in die Nähe des Strafraums. Er brauch- te ein halbes Jahr, um sich richtig zu akklima- tisieren, auch wenn sich früh Verbesserungen in seinem Spiel zeigten. Özil wurde zielstrebiger, die Dribblings seltener zum Selbstzweck. Einer Finte ließ er sofort einen Pass oder einen Schuss folgen.

Ihm half aber vor allem, dass er bei Werder we- sentlich zentraler spielen durfte als zumeist auf Schalke. Auf Schalke durfte er zwar auch ab und an auf der Achterposition ran, dort war das Team jedoch nicht so offensiv ausgerichtet und seine Defensivschwächen wurden nicht so stark tole- riert. Auch fehlte ihm ein kongenialer Mitspieler wie Diego. Das Zusammenspiel mit dem Brasi- lianer funktionierte nach und nach besser; Özil brachte seine neu gewonnene Zielstrebigkeit ein und schickte Diego auch schon mal in Richtung Tor. Wenn sich Diego fallen ließ, ging Özil nach vorne. In der Saison 2008/09 zeigte sich, wie stark das Duo offensiv ist. Zusammen standen sie in dieser Spielzeit 1093 Minuten auf dem Platz, also rund ein Drittel der möglichen Spielminu-

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ten. Werder erzielte 34 ihrer 64 Saisontreffer in dieser Zeit. Mit Özil und Diego kam Werder also auf eine Quote von 2,83 Toren pro 90 Minuten.

Wahr ist aber auch: Das Gebilde war defensiv we- nig stabil. Das Pressing war mit dem bemühten Pizarro und dem etwas weniger bemühten Almei- da ausbaufähig. Dahinter nahmen sich in Diego und Özil gleich zwei Akteure öfters mal Auszeiten in der Defensivarbeit. Özil hatte die Defensivar- beit schlicht nie gelernt, in seinen Jugendtagen im Käfig und als herausragender Spieler in Essen hat er sie nicht gebraucht. In guten Momenten war Werder ein Team, das schnell kontern und den Abschluss suchen konnte; in schlechten Zei- ten waren sie aber ebenso leicht auskonterbar. Die großen Spiele des Duos Özil-Diego waren demzufolge Spiele mit vielen Treffern: ein 5:2- Sieg in München mit einem blendenden Özil, ein 5:4-Torfestival gegen Hoffenheim wie auch ein 5:1-Triumph über Hertha BSC.

Schwieriger waren aber die Phasen, in denen ei- ner der beiden ausfiel. Wenn Özil nicht spielte, fehlte das Gegengewicht zu Diegos Abkippbewe- gungen. Den Ersatzmännern Hunt, Jensen oder

Tziolis fehlte das Raumgefühl und die Beweglich- keit eines Özils. Wenn Diego wiederum fehlte, konnte Özil die Position des „Ersatz-Zehners“ nicht ausfüllen. Niemand nutzte seine raumöff- nenden Bewegungen. Zudem agierte Özil höher als Diego, so manches Mal war die Anbindung zwischen den drei offensiven Spielern und dem Mittelfeld mangelhaft. Auch in Tornähe fehlte Diego; Özil war zu jener Zeit zwar schon stark im letzten Pass (15 Assists während der Saison!), allerdings fehlte ohne Diego der vorletzte. Wäh- rend der ersten sechs Rückrundenspiele standen beide Spieler nur einmal gemeinsam in der Star- telf, Werder gewann keins der Spiele. Am Ende landete das Team nur auf Platz zehn.

Dass die Saison dennoch versöhnlich endete, lag am Sieg im DFB-Pokal. Mesut Özil höchstper- sönlich erzielte das Siegtor mit einer für ihn zu jener Zeit typischen Aktion: Von der halblinken Achterposition aus sprintete er in den Strafraum. Diego, der alle Gegenspieler auf sich zog, bedien- te ihn mustergültig. Mit Wucht und Geschwin- digkeit schloss Özil ab.

Adler Friedrich Sinkiwiecz Castro Kadlec Almeida Pizarro Rolfes Vidal Diego Barnetta Augusto Özil Frings
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DFB-Pokalfinale 2009 zwischen Werder
Bremen und Bayer Leverkusen

#spielerporträt_özil

2009/10: Der Durchbruch auf der Zehn

Nachdem Diegos Abgang im Sommer 2009 fest- stand, entschieden sich die Bremer Verantwortli- chen, keinen Ersatz zu verpflichten. Man setzte voll und ganz auf Mesut Özil, auch wenn dieser in der Vorsaison als Zehner nicht immer zu über- zeugen wusste. Um ihn herum baute Schaaf ein Mittelfeld, das durch seine Flexibilität zu über- zeugen wusste: Mal agierte man mit Frings, Nie- meyer und Borowski in einer eher stabilen Aus- richtung, mal in einer offensiven Variante mit Hunt und/oder dem neu verpflichteten Marin.

te Saison als Profi, er kam auf neun Tore und sechs Assists. Die beste Phase hatte Werder in der Rückrunde. Nachdem das Team um den Jahres- wechsel herum fünf Niederlagen am Stück kas- sierte, ließ Schaaf von der Raute ab und schickte sein Team in einem 4-2-3-1 auf das Feld. Die of- fensive Dreierreihe Özil-Hunt-Marin brachte die richtige Mischung aus Kombinationsstärke und ansehnlichen Dribblings ein. Zudem stand man mit zwei Viererreihen defensiv sicherer als in den Wochen zuvor. Bremen wurde am Ende der Sai- son Dritter.

Internationaler Durchbruch: WM 2010

Özil lernte schnell, mit den neu gewonnenen Freiheiten umzugehen. Sein Spiel wurde varia- bler. Er brachte weiter seine Direktheit und die Läufe ohne Ball ein, aber konnte den Ball auch halten oder mit seinen Ausweichbewegungen auf die Flügel Räume für seine Kollegen schaffen. Er suchte oft das Zusammenspiel mit den Au- ßenspielern und den Achtern. Speziell mit Aaron Hunt entwickelten sich interessante Wechselwir- kungen. Durch Özil bekam Hunt eine Direktheit in sein Spiel, die ihm sonst oft in seiner Karriere fehlte. Für Hunt war es seine zweiterfolgreichs-

Während dieser Zeit wurde Özil auch zum Stammspieler in der Nationalmannschaft. Die DFB-Elf war damals noch weit von ihrem heu- tigen Status als internationale Spitzenmannschaft entfernt. Jogi Löw verbrachte die Jahre nach der WM 2006 damit, dem deutschen Fußball das Kontern beizubringen. Immer wieder predigte er, man müsse sich an der englischen Premier League orientieren, wo die Spieler wesentlich vertikaler spielen würden als hierzulande.

Mit Mesut Özil fand er den idealen Zehner für seine Spielidee. Die Nationalelf von 2010 war in ihrem Kern ein reaktives Team. Dies kam insbe- sondere in den Spielen gegen England und Ar- gentinien zum Tragen. Mesut Özil war ein wichti- ger Baustein, um die Lücken in der gegnerischen Formation auszunutzen. Das deutsche Team brillierte vor allem gegen gegnerische 4-4-2-For- mationen, wenn Özil und Müller sich so richtig zwischen den Linien austoben konnten.

In Südafrika überzeugte Özil vor allem mit sei- nem Raumgefühl. Instinktiv zog er Gegenspieler aus der Formation, um seinen Kollegen Räume zu öffnen. Sobald sich zwischen den gegnerischen Ketten kleinste Lücken auftaten, bewegte sich Özil dorthin und machte sich anspielbar. Zudem konnte er bei den schnellen Kontern seine hohe Sprintgeschwindigkeit einbringen.

Das Tor zum 4:1 gegen England steht sinnbild- lich für die Stärken Özils: Deutschland erobert den Ball am eigenen Sechzehner, Özil startet so- fort in den freien Raum und erhält einen etwas ungenauen Pass. Doch obwohl Özil vier, fünf Meter Rückstand auf Barry hat, ist er vor dem

#spielerporträt_özil

Romero Demichelis Burdisso Klose Otamendi Heinze Özil Podolski Müller Mascherano Rodriguez di Maria
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Tevez
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Higuain
Friedrich
Mertesacker
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Deutschlands 4:0-Erfolg gegen Argenti-
nien. Die Argentinier mit einer unkon-
ventionellen Formation, die jede Menge
Platz für Özil bot.

Engländer am Ball. Er dribbelt mit voller Ge- schwindigkeit in den gegnerischen Sechzehner und wartet, bis Ashley Cole bei ihm ist. Er warte- te bewusst auf den richtigen Moment und spielte den Pass durch Coles Beine auf den freien Müller. Eine Sekunde später und Cole hätte den Ball ge- habt, eine Sekunde früher und Müller hätte den Pass nicht erreicht. ARD-Experte Mehmet Scholl sagte nach dem Spiel, er habe Jahre gebraucht, um einen Pass so durch die Beine eines Gegners spielen zu können.

Allerdings zeigte sich in diesem Turnier auch Özils Schwäche, in großen Spielen unterzutauchen. Im Halbfinale bekam er gegen seinen Gegenspieler Sergio Busquets wenig zustande. Sobald das Mit- telfeld zu eng wird, der Gegner zu physisch spielt oder die Anspielwege zu ihm durch ein starkes Pressing gekappt werden, bekommt Özil Proble- me. Auch zeigten sich Özils Defizite im Pressing. Das DFB-Team konnte kaum Druck auf Spanien in der vordersten Linie ausüben, diese ließen den Ball laufen. Özil war in vorderster Linie überfor- dert, zusammen mit Klose den Ball zu gewinnen. Özils neuer Trainer war jedoch entschlossen, die- ses Problemen anzugehen.

Ronaldos Zuarbeiter

Einige Wochen nach der Weltmeisterschaft gab Özil bekannt, zu Real Madrid wechseln zu wol- len. Angeblich waren auch mehrere Premier- League-Klubs sowie der FC Barcelona an ihm interessiert. Er entschied sich, mit Jose Mourin- ho zusammenzuarbeiten. „The Special One“ war gerade von Mailand nach Madrid gewechselt und wollte dem krisengebeutelten Klub zurück in die europäische Spitze führen. Özils und auch Khe- diras Transfer nach Madrid wurden zu jener Zeit mit viel Häme bedacht. In den vergangenen Jah- ren hatten sich einige deutsche Spieler im Aus- land versucht, so richtig durchsetzen konnte sich aber keiner. Viele Beobachter sahen nur einen Antrieb für den Wechsel: Geld. Doch Özil zeig- te schnell, dass er sich auch bei einem Top-Klub durchsetzen kann.

Dies lag auch daran, dass Real Madrid und Me- sut Özil gut zueinanderpassten. Mourinho setzte in Madrid auf den für ihn typischen Fußball, der vor allem vom Umschaltmoment lebt. Einerseits konnte Madrid exzellent kontern, andererseits ließen sie auch oft den Ball zirkulieren, um dann

#spielerporträt_özil

plötzlich mit einer schnellen Verlagerung oder ei- nem Vertikalpass das Tempo zu verschärfen.

Bereits während Özils erster Saison bei Real zeig- te sich, dass besonders sein Zusammenspiel mit Ronaldo intuitiv funktioniert. Ronaldo ist ein eher ichbezogener Spieler, der oft zu Dribblings ansetzt und dabei offene Räume hinterlässt. Özil besetzte diese Räume uneigennützig. Er schaffte es aber auch, zahlreiche der Treffer von Ronal- do einzuleiten. Mit seinen Schnittstellenpässen schickte er den pfeilschnellen Ronaldo in Kon- tersituationen, mit seinen Flanken fütterte er Ro- naldos Kopfballstärke.

Özil kam in dieser Saison auf rund 60 Einsätze inkl. Länderspiele, wurde aber auch 38mal aus- und achtmal eingewechselt. Mourinho äußerte sich gerade in den ersten Monaten negativ über Özils Fitness und seine mangelhafte Defensivar- beit. Die öffentliche Kritik an einem Spieler ist für Mourinho auch ein Weg, um ihm zu sagen, wo er sich verbessern soll. Der wahre Grund für die häufigen Auswechslungen dürfte jedoch ge- wesen sein, dass Mourinho bei Führungen gerne einen offensiven Mittelfeldspieler durch einen

defensiven ersetzte und auf ein 4-3-3 umstellte.

Richtig ist aber auch, dass Özil weiterhin in gro- ßen Spielen untertauchte. Jose Mourinho setzte in diesen Spielen nicht konstant auf ihn. Gerade in den prestigeträchtigen Spielen gegen Barcelo- na wählte er häufig die defensivere Variante ohne Özil. In den fünf Clásicos der Saison spielte er nur 247 von 450 möglichen Minuten.

Eine Rekordsaison

Mourinhos System griff erst in der zweiten Sai- son so richtig. Die Abstimmung des Offensivtrios Ronaldo-Özil-di Maria wurde immer besser. Özil schuf mit seinen raumgreifenden Aktionen Platz für die beiden Dribbler auf den Außen. Vielleicht war es sogar der schönste Fußball, den Mourinho je spielen ließ. Wenn Xabi Alonso einen punktge- nauen Diagonalpass in den Fuß von Özil schlug und dieser daraufhin ein Dribbling nach rechts antäuschte, nur um dann doch den Schnittstel- lenpass auf Ronaldo zu spielen, vergaß man fast, dass Zyniker Mourinho das Team trainierte. An guten Tagen spielten sie den Gegner schwindelig, an schlechten hatten sie immer noch genug indi- viduelle Klasse, um das Spiel mit einem Schuss

Benzema/ Higuain Ronaldo Özil di Maria Khedira Xabi Alonso Marcelo/ Arbeloa Coentrao Pepe Ramos Casillas
Benzema/
Higuain
Ronaldo
Özil
di Maria
Khedira
Xabi Alonso
Marcelo/
Arbeloa
Coentrao
Pepe
Ramos
Casillas
spielverlagerung.de
Real Madrid 2011/12

#spielerporträt_özil

Benzema/ Higuain Özil Ronaldo Di Maria Alonso Khedira Coentrao Arbeloa Ramos Varane Casillas
Benzema/
Higuain
Özil
Ronaldo
Di Maria
Alonso
Khedira
Coentrao
Arbeloa
Ramos
Varane
Casillas
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Özils Rolle im 4-4-1-1-Pressing seines
Teams. Nach und nach entwickelte er ein
besseres Gespür für den Raum und seinen
Deckungsschatten.

von Cristiano Ronaldo oder einem genialen Pass von Özil oder di Maria zu entscheiden.

Auch Özil verbesserte sich stetig. Unter Mou- rinho ist er robuster und zäher geworden. Er trainierte nun häufiger im Kraftraum. Aus dem spindeldürren Jungspund wurde ein muskulöser Mann. Die größten Fortschritte machte er aber im Spiel gegen den Ball. Auch wenn Özil wei- terhin kein Spieler ist, der Gegner im Vollsprint verfolgt und umgrätscht, hat er doch sein Raum- gefühl in der Defensive wesentlich verbessert. Er beherrscht es mittlerweile, sich in einem 4-4-2 so zu verschieben, dass der Gegner keine vertikalen Passoptionen hat. Auch dreht er nun nicht mehr sofort genervt ab, wenn er einen Ball verloren hat, sondern erst, nachdem er kurz versucht hat, ihn zurückzugewinnen.

In der dritten Saison konnte Real das Niveau nicht mehr halten. Die Gegner stellten sich zu- nehmend auf das Spiel ein, zu dem Mourinho keine neuen Facetten mehr hinzufügen konn- te. Der Startrainer verlor zunehmend die Auto- rität, Führungsspieler wie Casillas und Ramos rebellierten gegen ihn. Verletzungen und Pech

im Abschluss kamen dazu und führten zu einer schwierigen Saison. An deren Ende hatten sich Fans und Öffentlichkeit auf Özil eingeschossen. Seine Marotten, der lustlose Gang und die hän- genden Schultern, machen aus ihm ein einfaches Opfer. Özil übernehme zu wenig Verantwortung, hieß es. Offizielle des Vereins lancierten Gerüch- te, nach denen Özil mehr feiern denn trainieren würde. Zudem nahm ihn die zunehmend Mou- rinho-kritische Anhängerschaft als Marionette des Trainers war.

Özil, das fehlende Puzzlestück

Als Mourinho am Ende der Saison gegangen wur- de, verschwand der letzte Fürsprecher Özils aus Madrid. Der Verein hatte in Isco einen Spieler geholt, der die Özil-Position spielen wollte und sollte. Für Özils Ausweichposition auf Rechtsau- ßen war man bereit, fast 100 Millionen Euro für Gareth Bale auszugeben. Schon im Juli standen die Zeichen auf Abschied. Özils Vater verhandel- te hart und lange mit mehreren Premier-League- Klubs. Am Ende ging er zu Arsenal.

Er brauchte nicht sehr lange, um dort seine Qualität zu beweisen. Bei Arsenal traf er auf ein

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Weidenfeller Subotic Hummels Giroud Großkreutz Schmelzer Özil Wilshere Sahin Bender Rosicky Blaszczykowski
Weidenfeller
Subotic
Hummels
Giroud
Großkreutz
Schmelzer
Özil
Wilshere
Sahin
Bender
Rosicky
Blaszczykowski
Reus
Ramsey
Arteta
Mkhitaryan
Gibbs
Sagna
Lewandowski
Koscielny
Mertesacker
Szczesny
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Özil im engen Mittelfeld gegen Borussia
Dortmund. Die Sechser und die Innenver-
teidiger bearbeiten ihn ständig, er kann
sich nicht entfalten.

Team, das sich vor allem über den Ballbesitz und kurze Kombinationen definiert. Schon ohne ihn war Arsenal ein veritables Team, dem allerdings im letzten Drittel die Direktheit fehlte. Die meis- ten Offensivspieler Arsenals sind alle großartige Techniker, ihnen fehlte aber in den entscheiden- den Momenten die Durchschlagskraft und Di- rektheit.

Özil fügte dem Arsenal-Spiel diese fehlenden Fa- cetten hinzu. Bald führte er die Assist-Rangliste der Premier League an. Im letzten Drittel setzte er seine Kollegen mit seinen Flanken und Schnitt- stellenpässen ein. Immer öfter driftet er nach rechts, um dort mit seinen Kollegen Überzahlen herzustellen. Ihm hilft zudem, dass viele Teams in der Premier League tief in zwei Viererketten stehen. So findet Özil einerseits freie Räume zwi- schen den Linien und kann andererseits nah am gegnerischen Tor operieren, was ihm mehr liegt als die strategische Rolle im Mittelfeld.

Dass ihm Teams mit starkem Mittelfeldpressing und guter Zwischenlinienarbeit immer noch Pro- bleme bereiten, zeigten die Partien gegen Borus- sia Dortmund und den SSC Neapel. In allen vier

Spielen konnte er wenig Akzente setzen. Anders als früher braucht er aber nicht mehr so viele Ballkontakte, um mit einer genialen Aktion ein Spiel zu drehen. Schon in der vergangenen Saison gelangen ihn gegen Dortmund drei Assists und ein Treffer, obwohl man ihn in allen vier Spielen praktisch nicht zu Gesicht bekam. Diese Saison erzielte er gegen Neapel und Dortmund ein Tor und bereitete zwei vor. Anfang des kommenden Jahres, wenn Arsenal u.a. gegen den FC Bayern antreten muss, wird sich zeigen, ob Özil mittler- weile auch ein Mann für die großen Spiele ist.

Özil, der Zidane unserer Zeit

Der Fußballer Özil ergibt sich aus der Summe seiner Erfahrungen. Auf den Bolzplätzen des Ruhrgebiets lernte er, sich mit seinen engen Dribblings durchzusetzen. Der schwierige Ab- schied bei Schalke zeigte ihm, dass Schweigen manchmal besser ist als Reden. Thomas Schaaf brachte ihm bei, sein überragendes Passspiel di- rekter und vertikaler zu nutzen, Jose Mourinho machte ihn härter und zäher. Heute bei Arsenal ist Özil ein Zehner, der seine Mitspieler einzuset- zen und sich selbst durchzusetzen weiß.

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Ob Özil aber jemals in den Olymp des Fußballs aufsteigen darf, ist eine andere Frage. Für indivi- duelle Auszeichnungen wie den Ballon d‘Or fehlt ihm die Eigensinnigkeit eines Ronaldos, die Ziel- strebigkeit eines Messis oder der Wahnsinn eines Ibrahimovic‘. Andererseits ist er auch kein Stra- tege. Sein Spiel gehört dem Moment. Niemand kann den letzten Pass derart zielgenau spielen, er war aber noch nie ein Mann für den vorletzten und erst recht nicht für den vorvorletzten Pass. Viele seiner Entscheidungen schaden dem Team mittelfristig eher als dass sie helfen. Er macht das Spiel schnell, wenn es langsam gemacht werden sollte, oder schlägt einen weiten Pass, wenn ein kurzer klüger wäre. Manches Mal geht es gut und Özil erhält seinen Assist – oft geht es aber auch schief und der Gegner erhält den Ball. Das unter- scheidet ihn von Strategen wie Xavi, Schweinstei- ger oder auch Chelseas Oscar.

Vielleicht sollte man Özil am besten mit seinem großen Vorbild Zinedine Zidane vergleichen. Zidane war ebenfalls ein individualtaktisch ex- zellenter Spieler, der alle Facetten des Offen- sivspiels beherrschte – schnelle Ablagen, feine

Schnittstellenpässe, Dribblings, bei denen der Ball an seinem Fuß klebte. Beide passen in ihre Zeit. Zidane profitierte von der sehr physischen Spielweise um die Jahrtausendwende, da er als so- wohl physischer als auch wendiger Spieler ideale Voraussetzungen für seine Dribblings fand. Özil profitiert von den Raumdeckungen, in denen er seine Freiräume suchen kann.

Genau wie Özil wählte Zidane aber nicht immer die strategisch richtige Entscheidung. Beiden Spielern fehlt außerdem die Konstanz, auf ein gutes Spiel folgt eines, in dem sie untertauchen. Özil mag der etwas konstantere der Beiden sein, er zeigt diese Konstanz allerdings an ungünsti- gen Zeitpunkten. Während Zidane stets in den wichtigen Spielen brillierte, in den K.O.-Spielen der Champions League etwa oder bei Weltmeis- terschaften, zeigt Özil seine stärksten Leistungen immer in den Herbstmonaten – eine Zeit, in der man Titel nur verlieren, nie aber gewinnen kann. In seinem Portfolio kann Özil eine Meisterschaft, zwei Pokalsiege und eine U21-Europameister- schaft vorweisen, aber auch fünf Halbfinal- und drei Finalniederlagen.

Trotzdem oder gerade deshalb macht mir das Zu- schauen bei keinem anderen Spieler mehr Spaß. Er hat wenig mit den deutschen Leistungsma- schinen gemeinsam, die mit Kraft und Konditi- on ihre Spieler gewinnen, die pünktlich wie eine Kuckucksuhr in den großen Spielen ihre Leis- tung abrufen. Özil verkörpert die Schönheit des Spiels, die Technik, das Raumgefühl und auch das Scheitern. Letzteren Makel kann er vielleicht noch ablegen. Für die Schönheit des Spiels werde ich ihn auf ewig feiern.

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PHILIPP PELKA

Andrea Pirlo:

Ich spiele, also bin ich

Was haben Xavi, Fernando Redondo, Paul Scholes und Pep Guardiola gemeinsam? Richtig, trotz überragender Leistungen gewann keiner von ihnen gewann in seiner Karriere je den Titel des Weltfußballers. Andrea Pirlo ist das gleiche Schicksal be- stimmt, dennoch ist er einer der besten und wichtigsten Spieler seiner Generation. Als eleganter Spielmacher vor der Abwehr eroberte er viele Titel – und Herzen.

#spielerporträt_pirlo

Was ich in meiner Amtszeit als Inter-Präsident bis heute am meisten bereue, ist der Verkauf von Pirlo an den AC Mailand. [Massimo Moratti]

Juventus Stadium. Flutlicht. Champions League. Langsam und etwas lustlos anmutend trabt der Mittelfeldspieler mit der Nummer 21 im Sech- serraum herum und scannt mit wenigen Blicken das Spielfeld. Plötzlich ein Richtungswechsel. Wie in Zeitlupe steuert er den rechten Halbraum hinter den heranstürmenden Gegnern Benzema und Cristiano Ronaldo an. Innenverteidiger Bo- nucci spielt scharf zwischen den Stürmern hin- durch. Ein letzter Schulterblick vor der Ballan- nahme. Einen sanften Streichler und eine halbe Drehung später hat Andrea Pirlo all das, was er will: Zeit. Raum. Und den Ball. Auch mit seinen 34 Jahren versetzt der elegante Lombarde gegne- rische Mannschaften in Angst und Schrecken. Technische und taktische Fähigkeiten wie die Seinen findet man auf der Sechserposition nur selten. Dabei hätte alles anders kommen können.

Karrierestart auf der Zehn

Pirlo galt in seinen jungen Jahren als neuer „tre- quartista“, also als klassischer Zehner hinter zwei Spitzen. Dementsprechend wurde er auch auf seinen ersten Stationen bei Brescia Calcio und Inter Mailand eingesetzt. Auch in der U21 Ita-

#spielerporträt_pirlo

liens agierte er als Zehner. Mit gerade einmal 16 Jahren und 2 Tagen debütierte Pirlo für Brescia in der Serie A. Nach vier Jahren des langsamen Her- anführens an den Profifußball – Pirlo absolvierte in dieser Zeit 47 Ligaspiele – verkaufte Brescia ihn an Inter Mailand. Im dortigen Starensemble tat sich der weitgehend unbekannte Pirlo erwar- tungsgemäß schwer und fand keinen festen Platz in der Mannschaft.

Weil man bei Inter nach einer Leihe zu Reggia im Jahre 2001 zum zweiten Mal keinen Platz für ihn fand, wurde Pirlo erneut verliehen. Bei seinem ersten Profiverein Bresica Calcio sollte er weitere Gelegenheiten bekommen, sich in der Serie A zu etablieren. Bei den Blau-Weißen spielte jedoch Nationalheld Roberto Baggio auf der Zehn. Fans wie Experten waren sich einig: Dieser dürre Bur- sche kann Divin Codino – das göttliche Zöpf- chen – niemals verdrängen.

Brescias Trainer Carlo Mazzone hatte jedoch ei- nen anderen Plan mit Pirlo. Nach einigen Expe- rimenten mit einer Doppelzehn setzte Mazzone seine Neuverpflichtung direkt vor die Abwehr. Als tiefster Mittelfeldspieler kurbelte er den Spielauf-

bau an und überwand das selten gut gestaffelte Mittelfeld mit langen Bällen in die Spitze. Pirlo machte sich langsam einen Ruf und deutete eine Vielzahl seiner wunderbaren Fähigkeiten an. Am Ende der Leihe sollte er planmäßig zu Inter zu- rückkehren. Doch Massimo Moratti beging den nach eigenen Aussagen „größten Fehler seiner Karriere“ und verkaufte den mittlerweile stark umworbenen Pirlo für knapp achtzehn Millionen Euro an den Stadtrivalen AC Mailand.

Die von Carlo Ancelotti trainierten Rossoneri er- lebten jedoch eine schwierige Saison, in der sie weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Der Druck auf den Trainer wuchs. Wohl auch deshalb verzichtete Ancelotti auf den Einbau des Neuzu- gangs und setzte auf bewährte Kräfte wie Alber- tini und Ambrosini. Pirlo kam auf magere sieben Startelfeinsätze in der Liga, insgesamt spielte er nur 784 Minuten. Abermals wurden Stimmen laut, die einen Abgesang auf Pirlo anstimmten. Mit dem Beginn der Saison 2002/03 veränderte sich jedoch alles – und Pirlo übernahm das Zep- ter.

Welteroberung auf der Sechs

Carlo Ancelotti setzte nun auf ein asymmetri- sches 4-3-1-2, das schnell zu einem 4-2-2-2 wer- den konnte. Clarence Seedorf, der wie Pirlo vom Rivalen Inter kam, spielte dabei auf der halblin- ken Seite deutlich höher als Gennaro Gattuso halbrechts. Weil Milan zu dieser Zeit stets mit zwei Stürmern agierte und Seedorf praktisch wie ein zweiter Zehner neben den nominellen Spiel- macher Rui Costa rückte, wurden die Gegner regelmäßig weit zurückgedrängt. Sie verteidigten tief mit zwei Viererketten – und verloren jegli- chen Zugriff auf Milans Sechser. Hier kristalli- sierte sich mit Pirlo und Gattuso ein gut funktio- nierendes Paar heraus.

Während Gattuso mit seiner Laufstärke und Physis die Verbindungen zu den höheren Spie- lern herstellte, ins Gegenpressing ging oder si- tuativ die aufrückenden Außenverteidiger absi- cherte, konnte Pirlo aus einem großen Freiraum heraus dirigieren. Er verschob immer wieder in die Halbräume, um eine sichere Rückpassoption zu geben. Wegen der hohen individuellen Klasse der Mailänder Offensivkräfte um Shevchenko,

#spielerporträt_pirlo

Inzaghi Shevchenko Rui Costa/ Kaka Seedorf Gattuso Pirlo Cafu Maldini Nesta Stam Dida spielverlagerung.de
Inzaghi
Shevchenko
Rui Costa/
Kaka
Seedorf
Gattuso
Pirlo
Cafu
Maldini
Nesta
Stam
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Milan 2002/03

Inzaghi oder Rui Costa verteidigten nahezu alle Gegner sehr eng. Dies öffnete Räume auf den Flügeln, die Pirlo wie ein Quarterback mit lan- gen Pässen bedienen konnte. Gerade der extrem offensive Rechtsverteidiger Cafu profitierte von diesen Bällen. Pirlo wurde zum Dreh- und An- gelpunkt und lieferte Woche für Woche Topleis- tungen ab.

Unter Pirlos Regie holte der AC Mailand zwei Meisterschaften, zwei Titel in der Champions League und einen Triumph bei der Klub-WM. Trainer Carlo Ancelotti in trieb in dieser Ära sei- ne Affinität für Spielmacher auf die Spitze und stellte nach der Verpflichtung von Kaka immer wieder auf ein 4-3-2-1 um. Hier bot er mit See- dorf, Rui Costa, Kaka und eben Pirlo teilweise vier Spielmacher gleichzeitig auf, die durch die unzähligen Läufe von Gattuso und dem aufrü- ckenden Rechtsverteidiger Cafu entlastet wur- den. Durch die höhere Konzentration an Spiel- machern zogen sich die Gegner von Milan noch weiter zurück, Pirlo wurde als tiefster Spieler oft vernachlässigt – mit fatalen Folgen.

Pirlo spielverlagerung.de Milan drängt den Gegner zurück, Pirlo erhält dadurch den nötigen Raum.
Pirlo
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Milan drängt den Gegner zurück, Pirlo
erhält dadurch den nötigen Raum.

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Gestattest du Pirlo zu viel, verlierst du

In einer Zeit, in der Zwei-Stürmer-Systeme noch der internationale Standard waren, hatte Pirlo nur selten einen direkten Gegenspieler. Gegne- rische Trainer wiesen ihre Stürmer zwar immer wieder an, ein Auge auf ihn zu haben, in der Pra- xis beschränkte sich dies aber meistens auf ein sehr situatives Nutzen des Deckungsschattens, was Pirlo jedoch keine Schwierigkeiten bereite- te. Der Stratege ist nämlich enorm geschickt, was das Anlaufen von freien Räumen betrifft. Pirlo ist mit der Gabe gesegnet, sich hervorragend in das Sichtfeld seiner Mitspieler hineinzudenken. Dadurch kann er immer regelmäßig genau den richtigen Passweg zu ihm antizipieren und sich dementsprechend positionieren.

Besonders gegen das klassische 4-4-2 vermag Pir- lo zu glänzen. Im Finale der Champions League 2005 lag der FC Liverpool gegen den AC Milan scheinbar aussichtslos mit 0:3 zurück. Haupt- grund dafür war, dass es eine zu klare Trennung zwischen den Mannschaftsteilen gab. Pirlo konn- te so den großen Raum zwischen den Linien do- minieren und war dort nicht greifbar.

Auch zwölf Jahre später gab es ein prominentes Beispiel dafür, wie man nicht gegen eine Mann- schaft mit Andrea Pirlo spielen sollte. Die eng- lische Nationalmannschaft traf bei der Europa- meisterschaft in Polen und der Ukraine auf die Squadra Azzurra. Vor dem Spiel war man auf allen Seiten von einem 4-4-1-1 der Engländer ausgegangen, doch Wayne Rooney agierte wie ein klarer Stürmer statt als Wachhund Pirlos. Die Folge: Pirlo dominierte nach Belieben und war hauptverantwortlich für Italiens Übergewicht. Weil die Italiener im letzten Drittel jedoch zu kompliziert agierten und Abschlusspech hatten, rettete England sich ins Elfmeterschießen.

Auch hier stahl Pirlo mal wieder allen die Show:

Mit einem wunderbar lässigen Elfmetertor im Pa- nenka-Stil ebnete er den Weg zu Italiens Erfolg. Nach dem Spiel sagte Pirlo, er wollte den Eng- ländern mit so einem Schuss den letzten Glauben nehmen, das Spiel noch gewinnen zu können. Natürlich verlor England und Pirlo konnte wei- ter glänzen und verpasste den Titel des Spielers des Turniers wohl nur wegen Spaniens Gesamtt- riumph. Kaum ein Spieler hatte so viel Einfluss auf sein Team wie der Lombarde.

Er lässt seine Füße sprechen. Und diese Füße haben einiges zu erzäh- len. Wer Pirlo zuschaut, lernt, den Fußball zu lieben. Seine Pässe, für den Gegner fast immer überraschend, sind Kunstwerke [Marcello Lippi]

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Die Europameisterschaft 2012 stand ein Stück weit symbolisch für Pirlos Karriere: Er verzeich- nete in hoher Regelmäßigkeit die meisten Ball- kontakte seines Teams und bestimmte das Tem- po. Letzteres gelingt dem Architetto genannten Mittelfeldspieler nicht nur durch seine brillante Positionierung. Durch kleine technische Manö- ver bringt er neue Rhythmen ins Spiel oder be- freit sich aus engen Situationen.

Direktes Spiel und Dribbling ohne Ball

Was Pirlo von anderen aus der Tiefe agierenden Spielmachern wie zum Beispiel Xabi Alonso un- terscheidet, ist seine ausgeprägte Vorliebe für das Direktspiel. Während viele Sechser im Passspiel zuerst auf Sicherheit bedacht sind und den Ball in der Regel erst einmal annehmen und ihr Sicht- feld zur Ballsicherung zum eigenen Tor drehen, denkt Pirlo offensiver.

Durch sein permanentes Umsehen kann er Spielzüge bereits planen, bevor der Ball zu ihm kommt. Seine makellose Technik erlaubt es ihm, immer wieder direkte lange Bälle einzustreuen. Dies bringt oft einen entscheidenden Geschwin- digkeitsvorteil für die lauernden Angreifer gegen-

über der Abwehr, die noch in der Verschiebebe- wegung ist. Diese Spielweise ist selbstverständlich deutlich riskanter als das Passspiel anderer defen- siver Mittelfeldspieler, die als Durchlaufstation dienen. Dass Pirlos Passquote vergleichsweise selten über 90% liegt, ist aufgrund der vielen Ri- sikopässe also wenig überraschend. Anders hinge- gen seine Dribblings.

Pirlo und dribbeln? Der Italiener entspricht mit seinem eher schwachen Antritt und der allgemein eher ruhigen Spielweise nicht dem typischen Bild, das man gemeinhin mit einem Dribbler verbindet. Neben seiner Fähigkeit, den Ball mit kleinen Haken oder Drehungen zu sichern kann Pirlo trotz Geschwindigkeitsdefiziten auch offen- sive Dribblings mit Raumgewinn zeigen. Dabei berührt er den Ball kurioserweise äußerst selten und arbeitet stattdessen fast ausschließlich mit Körpertäuschungen.

Das sieht in der Praxis meist folgendermaßen aus: Pirlo steht mit dem Ball am Fuß im Halb- raum oder sogar am Flügel und hat keine ver- nünftigen Passoptionen. Wenn sich der Gegner nähert, stellt er sich mit dem Rücken zum gegne-

rischen Tor und deutet mit einem langen Schritt an, Richtung eigene Hälfte zu dribbeln. Durch sein offenbar stark ausgeprägtes peripheres Sehen merkt er, von welcher Seite aus der Verteidiger seiner Bewegung folgt.

Pirlo dreht sich dementsprechend in die andere Richtung. Normalerweise merkt der attackieren- de Spieler erst jetzt, dass Pirlo den Ball einfach an Ort und Stelle liegen gelassen hatte. Pirlo nimmt den Ball nun einfach ein paar Meter mit nach vorne und lässt ihn sich mit fairen Mitteln nicht abnehmen. Durch geschicktes Kreuzen des Laufwegs verdammt Pirlo seinen Verfolger zum Abbremsen oder zum – oft taktischen – Foul. Letzteres ist ab gewissen Distanzen jedoch nicht gerade ratsam, denn Pirlo ist ein genialer Frei- stoßschütze.

Meister des ruhenden Balls

Es gibt und gab viele Freistoßkünstler in der Ge- schichte des Fußballs und jeder hatte seine Ei- genheit. Während Roberto Carlos mit Gewalt und starkem Effet zum Erfolg kam, lupfte Franz Beckenbauer den Ball auch mal mit seiner kaiser- lichen Lässigkeit per Außenrist aus kurzen Dis-

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Pirlo und der Freistoßrekord

Andrea Pirlo gehört aktuell zu den besten Freistoßschützen der Welt. In der Serie A versenkte er bereits 24 Freistöße direkt und liegt damit auf Platz 2 der ewigen Freistoßtorschützenliste – noch. So sieht die Rangliste der direkten Freistoßtore in der Serie A aktuell aus:

1. Sinisa Mihajlovic 30 Tore

2. Andrea Pirlo 24 Tore

3. Alessandro del Piero 22 Tore

4. Roberto Baggio 22 Tore

5. Gianfranco Zola 20 Tore

In der laufenden Saison traf er in 14 Spie- len bereits drei Mal, was einem Schnitt von gut 0,21 Freistoßtoren pro Spiel ent- spricht. Hält Pirlo diesen Schnitt, käme er am Ende der Saison auf 8 Tore, womit er insgesamt bei 28 Freistoßtoren liegen würde.

tanzen über die Mauer. Cristiano Ronaldo hin- gegen setzt auf den Faktor Glück und versucht, die Torhüter mit seinen unberechenbaren Flatter- bällen zu bezwingen. Natürlich hat auch Andrea Pirlo seine ganz eigene Technik, einen Freistoß zu versenken.

Pirlos Freistöße werden in der Serie A Fahrstuhl genannt. Die Flugkurve des Balls ähnelt einem Fahrstuhl, der eben erst nach oben und dann nach unten fährt. Das klingt nicht nur unspektakulär, sondern ist es auch. Pirlo schießt nicht besonders hart oder mit sehr viel Effet. Seine große Stärke liegt darin, Distanz, die Position der Mauer und die Position des Torwarts perfekt einzuschätzen.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal seiner direkten Freistöße ist die Tatsache, dass er nicht auf eine bestimmte Entfernung festgelegt ist. Pirlo kann Freistöße aus 35 Metern mit viel Kraft treten und dabei genauso präzise platzieren wie aus 17 Metern. Dabei hat Pirlo zwei grundsätzliche Schusstypen im Repertoire: Schießt er an der Mauer vorbei aufs Torwarteck, erreicht der Ball erst beim Einschlag den höchsten Punkt. Schießt er über die Mauer, gibt er dem Ball einen Effet,

sodass dieser sich erst kurz vorm Tor senkt und dort im Optimalfall im Winkel landet.

Pirlo kann Freistöße jedoch nicht nur direkt ver- senken, sondern beherrscht auch Freistoßflanken nahezu perfekt. Auch hier gibt es zwei unter- schiedliche Muster, wie er die Freistöße tritt. Bei einstudierten Laufwegen, die einen oder mehre- re bestimmte Spieler befreien sollen, flankt Pirlo mit recht wenig Effet in den Zielraum, um den Teamkollegen das Köpfen zu erleichtern. Da ein Profiteam natürlich nicht jeden Freistoß gleich angeht, gibt es noch eine weitere Variante. Hier bringt Pirlo den Ball mit viel Tempo und Effet in Richtung des langen Pfostens. Bei dieser Va- riante, die häufig bei Freistößen aus dem linken Halbfeld eingesetzt wird, setzt Pirlo auf den Fak- tor Zufall. Der Ball kann unberührt am langen Pfosten einschlagen, ein Abwehrspieler kann unglücklich abfälschen oder der eigene Stürmer verlängert ins Tor.

Pirlos direkte und indirekte Freistöße sind kei- nesfalls spektakulär, dafür jedoch extrem effek- tiv und vor allem konstant. Nicht vergessen darf man jedoch, dass sich gerade bei den Freistoß-

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Ich glaube, es war der Wechsel des Jahrzehnts. Jetzt, wo ich ihn täglich sehe, muss ich feststellen: Gott exis- tiert. Seine fußballerische Bravour stellt die meisten bloß. [Gigi Buffon über den Pirlo-Transfer]

flanken bemerkbar machte, dass Pirlo seine ganze Karriere lang bei kopfballstarken Teams spielte. Beim AC Mailand konnte er Nesta, Stam, Cre- spo, Inzaghi und Co. suchen, in der National- mannschaft kamen noch Kopfballspezialisten wie Materrazzi und Cannavaro dazu. Auch auf seiner aktuellen Karrierestation kann Pirlo seine Stärke bei Standards perfekt ausspielen. Doch nicht nur deswegen war der Transfer zu Juventus Turin für beide Seiten ein Glücksgriff.

Alter Mann trifft Alte Dame

Nach je zwei Erfolgen in der Champions League der Serie A fand man beim AC Mailand nach der Saison 2010/11 keinen Gefallen an der Idee, mit Pirlo zu verlängern. Der seit Jahren geforderte Umbruch war mehr als nötig, dennoch ist er re- gelmäßig verpasst worden. Klubchef Berlusconi wollte Pirlo nur ein weiteres Vertragsjahr anbie- ten, zudem plante der auf Carlo Ancelotti folgen- de Trainer Allegri mit Mark van Bommel auf der Sechs.

Pirlo solle sich an eine andere Position gewöhnen. „Nach diesem Gespräch merkte ich, dass für mich kein Bedarf mehr bestand und ich sagte ‚Nein

Danke!‘“, schreibt Pirlo in seiner Autobiografie Penso quindo gioci (Ich spiele, also bin ich). Ob- wohl der zu Chelsea abgewanderte Ancelotti alles versuchte, um Pirlo auf die Insel zu locken, blieb er in Italien und schloss sich Juventus Turin an.

Gleich in seiner Debütsaison zeigte Pirlo sei- ne Qualität. Am Ende hatte Pirlo einen großen Anteil am Meistertitel, den die Bianconeri ohne eine einzige Niederlage gewannen. Bei der Alten Dame agierte Pirlo als einziger Spieler vor einer Dreierkette, die je nach Ausrichtung der Flü- gelverteidiger jedoch auch zu einer pendelnden Viererkette werden konnte. Er profitierte enorm von den dynamischen Achtern, die vor ihm im 3-1-4-2 spielten. Claudio Marchisio und Arturo Vidal bilden zusammen mit Pirlo seit nunmehr drei Jahren eines der besten Mittelfeld-Trios der Welt. Die beiden athletischen Achter sorgen mit ihren vielen Vertikalläufen dafür, dass er Gegner im Mittelfeld stets beschäftigt ist und tief in die eigene Hälfte gedrückt wird.

In den dadurch frei werdenden Räumen agiert Pirlo als Spitze einer Raute, die sich aus dem zentralen Innenverteidiger und den beiden äu-

#spielerporträt_pirlo

Buffon Bonucci Barzagli Chiellini Robinho Emanuelson Pato Lichtsteiner Pirlo Estigaribbia Marchisio Muntari
Buffon
Bonucci
Barzagli
Chiellini
Robinho
Emanuelson Pato
Lichtsteiner
Pirlo
Estigaribbia
Marchisio
Muntari
Nocerino
Vidal
van Bommel
Quagliarella
Antonini
Abate
Boriello
Thiago Silva
Mexes
Abbiati
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Juventus im Spiel gegen Milan

ßeren Akteuren der Dreierkette zusammensetzt. Ein Zweiersturm kann in dieser Anordnung leicht umspielt werden, bei Systemen mit drei Stürmern orientieren sich die gegnerischen Au- ßenstürmer in der Regel an Juves Flügelläufern, sodass im Zentrum nur ein Stürmer umspielt werden muss. Bekommt Pirlo einen mannori- entierten Bewacher, weicht er häufig in den ball- fernen Halbraum aus und öffnet dem sehr spiel- starken zentralen Innenverteidiger Bonucci große Räume. Bonucci dribbelt diese Räume problem- los an und baut das Spiel auf, während die beiden verbliebenen Abwehrspieler absichern.

Doch nicht nur durch das situative Ausweichen für die Mitspieler zeigt Pirlo seine Anpassungs- fähigkeit. Bei Juve stellte Pirlo sein Spiel näm- lich sogar nochmal ein bisschen um und spielte deutlich mehr lange Bälle, als eigentlich nötig waren. Gab es vorne zu wenige gute Anspielsta- tionen, spielte er lange Bälle hinter die gegneri- schen Außenverteidiger. Selbstverständlich gab Pirlo den Pässen einen Effet, sodass sie nicht ins Aus gingen. Stattdessen sah sich der gegnerische Außenverteidiger auf einmal dem von der Seite kommenden Stürmer, dem ballnahen Achter und

dem Flügelläufer Juves gegenüber. Dieses Prinzip eines vermeintlich toten langen Balls als Einlei- tung des Gegenpressings nutzt zum Beispiel auch Borussia Dortmund.

International zeigte Juve zwar immer wieder star- ke Auftritte, für den ganz großen Wurf reichte es jedoch nicht. Der FC Bayern lieferte in der vergangenen Saison ein Musterbeispiel dafür, wie man Pirlo aus dem Spiel nehmen kann, ohne die mannschaftliche Balance zu verlieren. Die von Jupp Heynckes trainierte Mannschaft wich gegen Juve vom gewohnten 4-4-2-Pressing ab und lief die Turiner im 4-3-3 an. Dabei gingen sie eher unkonventionell vor, denn sie spielten extrem mannorientiert. Toni Kroos spielte eine ziemlich klare Manndeckung gegen Pirlo, während Marti- nez und Schweinsteiger sich um Vidal und Mar- chisio kümmerten. Der Dreiersturm der Bayern ließ die Turiner Dreierkette im Aufbau in tiefen Zonen ungestört, setzte dann aber immer wieder kurze Phasen des Angriffspressings ein.

So zerstörten sie Juves Rhythmus, hielten Pirlo aus dem Aufbau heraus und drückten seine Pas- squote im Rückspiel sogar auf 78%. Nachdem

#spielerporträt_pirlo

Neuer van Buyten Dante Lahm Matri Quagliarella Gustavo Alaba Schweinsteiger Peluso Marchisio Vidal Kroos
Neuer
van Buyten
Dante
Lahm
Matri
Quagliarella
Gustavo
Alaba
Schweinsteiger
Peluso
Marchisio
Vidal
Kroos
Lichtsteiner
Müller
Ribéry
Pirlo
Mandzukic
Chiellini
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Juventus Turin - Bayern München

der FC Bayern im Viertelfinale zweimal binnen einer Woche Juventus Turin mit 2:0 besiegt hat- te, begannen wieder einmal die Diskussionen, ob die Zeit des Andrea Pirlo nicht abgelaufen sei; Schweinsteiger verkörpere doch die viel moder- nere Version eines Sechsers. Dies muss man je- doch differenziert betrachten.

Pirlo und die Modernität

Natürlich ist Pirlo kein Allrounder wie zum Bei- spiel Bastian Schweinsteiger, der viel läuft, in den Strafraum geht, Kopfballgefahr ausstrahlt und lautstark Kommandos gibt. Doch ist Pirlo deswe- gen nicht mehr modern? Egal ob beim AC Milan, bei Juve oder in der Nationalmannschaft: Spiel- systeme wurden und werden um Andrea Pirlo herum aufgebaut. „Modern spielt der, der Erfolg hat“, gehört zu den Klassikern unter Otto Reh- hagels Weisheiten. Und Pirlo hatte überall Erfolg und sorgte mit seiner Ästhetik für Begeisterung.

Dass es bald nur noch Allrounder wie Schwein- steiger im zentralen Mittelfeld geben wird, ist nicht anzunehmen. Dafür ist der taktische Spiel- raum, den Experten wie Pirlo bieten, viel zu groß. Auch die Annahme, dass es kaum noch

Spieler wie Pirlo gibt, ist schlichtweg falsch. Xabi Alonso besitzt für Real Madrid seit Jahren einen vergleichbaren Wert wie Pirlo für seine Mann- schaften. Ein Daniel Baier bringt beim FC Augs- burg viele Pirlo-eske Elemente ein, Italien hat mit Marco Verratti von Paris St. Germain einen po- tentiellen Nachfolger für Pirlo gefunden.

Im Sommer läuft sein Vertrag bei Juventus aus. Während Pirlo bereits vor einiger Zeit angekün- digt hatte, seine Nationalmannschaftskarriere nach der WM 2014 zu beenden, war von Rück- tritt auf Vereinsebene noch kein Wort zu hören. Pirlo, der sich nach seiner aktiven Karriere eine Trainerlaufbahn vorstellen kann, dürfte trotz seines Alters im Sommer einer der ganz großen Fische im Transferteich sein. Die Turiner werden sicherlich versuchen, den coolsten Bartträger seit Chuck Norris für mindestens eine weitere Saison zu binden, doch wer weiß, wohin es l´architetto verschlägt?

Lässt er seine Karriere bei Brescia ausklingen, wo er einst den Durchbruch schaffte? Sucht er ein letztes Abenteuer in einem exotischen Land? Oder wählt er für seine Abschiedstournee die

#spielerporträt_pirlo

ganz große Bühne? In der Premier League, die seit Jahren Defizite im Pressing aufweist, könnte Pirlo sich zwischen den Linien noch einmal so richtig austoben. Nebenbei würde er durch sei- ne langen Bälle das Gegenpressing auf der Insel forcieren und etablieren, bevor er sich auf sein Weingut zurückzieht und sich Gedanken über seine Zeit als Italiens Nationaltrainer in den 2020ern macht.

Auch wenn seine Entscheidung aktuell so unvor- hersehbar ist wie seine Pässe, ist eines jedoch si- cher: Andrea Pirlos Abgang von der Fußballbüh- ne wird ein stilvoller sein.

Is he the best player of his generation? Not quite, but he is the most important. [Michael Cox]

#spielerporträt_ibrahimovic

RENE MARIC

Zlatan Ibrahimovic:

Der Meister der Individualtaktik

Über Zlatan Ibrahimovic haben wir schon eine kleine Leis- tungsanalyse und ein eher philosophisches Porträt verfasst. In diesem Heft geben wir dieser Miniserie einen kleinen Ab- schluss: Mit einer grundlegenden Analyse seiner Fähigkeiten und seines Spielertyps.

#spielerporträt_ibrahimovic

Jahrelang stand Zlatan Ibrahimovic im Schatten von anderen, obwohl er ja nach eigenem Selbst- verständnis eigentlich den längsten werfen müss- te. Immerhin ist er Zlatan Ibrahimovic. Eine wirkliche Rolle im internationalen Fußball hat er dennoch nicht gespielt. Seine Unfähigkeit, in der K.O.-Phase der Champions-League zu treffen, legte er erst in der Saison 2009/10 ab. Messi und Cristiano Ronaldo dominierten über die Jahre hinweg das Rennen um den Ballon d‘Or, wo nur phasenweise die Wunderzwerge des spanischen Mittelfelds mitmischen durften.

In dieser Saison war Ibrahimovic plötzlich der Geheimfavorit. Er schaffte es zwar nicht auf die Shortlist, doch alleine schon die Diskussionen zeigten, dass der Abstand nach oben – zumindest auf Messi – dieses Jahr stark geschmolzen ist. Im zarten Alter von 32 Jahren war der lange Schwede zumindest medial erstmals in der näheren Ver- losung für den Titel.Eigentlich eine Schande für einen Spieler Ibrahimovic. Doch wieso hat er erst in diesem Jahr die verdiente mediale Wertschät- zung erhalten? Was hat er dieses Jahr anders ge- macht? Eigentlich nichts. Er ist wie immer Zla- tan; Zlatan, der Herr der Individualtaktik.

Das Problem der Zlatan’schen Einbildung

So gut Ibrahimovic individuell auch sein mag, so hat er auch viele Schwächen im Mannschafts- und Kollektivspiel. Zwar findet er oft gute Laufwege, hat sehr effiziente Bewegungen und ist durch- aus kombinationsstark, doch seine Lösungen für taktisch komplexe Situationen sind bisweilen be- grenzt. Das Gespür, das er für den Ball hat, fehlt ihm bei strategischen Entscheidungen und auch in mannschafts- und gruppentaktischen Dingen.

Ein Beispiel hierfür ist das Kombinationsspiel. Dreht sich das Spiel quasi um ihn herum und er kann aus einer statischen Position Anspiele zie- hen, ist er hervorragend. Er ist toll in der Ballbe- hauptung, kreativ und passstark. Immer wieder kann er mit seiner individuellen Qualität und seiner Pressingresistenz für geniale Momente sor- gen. Sobald er sich aber für diese Kombinationen bewegen muss, wird er klar schwächer. Sein Ti- ming im Bewegungsspiel und seine Positionsfin- dung sind mangelhaft. Bei schnellen Vorstößen oder in schwer überschaubaren und komplexen Situationen verliert sich der Schwede. Oft kommt er einen Schritt zu spät oder kann sich für seine

Mitspieler nicht freilaufen, wodurch den Kom- binationen etwas die Dynamik genommen wird.

Seine präsentesten und dominantesten Partien im Trikot der schwedischen Nationalmannschaft oder auch im Klubfußball hatte er darum meis- tens in Partien, wo er als fixer Ablagepunkt und Ballverteiler bei relativ einfachen Kontern agier- te oder er gegen tiefere Mannschaften als hoher spielmachender Neuner spielen konnte. Die Highlight-Videos von Ibrahimovic, die es zuhauf auf YouTube gibt, zeichnen ein ähnliches Bild:

Dribblings, Weitschusstore, verrücktes Nutzen seiner Physis und Technik, Kreativität, Einfalls- reichtum. Kombinationen mit einem Kontakt, Doppelpässe im Sprint durch Abwehrreihen hin- durch oder diagonale Läufe zum spielerischen Wechsel von Zonen findet man hingegen relativ selten.

Um diesem womöglich etwas abstrakten Beispiel etwas mehr „Pep“ zu geben (dieses Wortspiel darf bei keinem Ibrahimovic-Artikel fehlen, habe ich mir sagen lassen), gibt es einen kleinen Vergleich. Wer stellt die absolute Antithese zu Zlatan Ib- rahimovic dar? Natürlich. Kevin Großkreutz.

#spielerporträt_ibrahimovic

Großkreutz ist in statischen Situationen und in Aspekten, die seine individuellen Fähigkeiten be- tonen, eher ein Durchschnittsspieler; zumindest im Vergleich mit Ibrahimovic.

Sobald der Angriff aber dynamisch, komplex und auf Kombinationen ausgelegt wird, ist Groß- kreutz in seinem Element. Er bewegt sich intuitiv richtig, besitzt ein hervorragendes Timing und Gespür für sich entwickelnde Situationen. Ob im Konterspiel, bei Schnellangriffen oder schnel- len Durchbruchversuchen in überladenden Räu- men, bei Großkreutz kann man trotz seiner nur überdurchschnittlichen individualtaktischen Be- gabung zumindest vom indirekten Erzeugen ge- fährlicher Situationen ausgehen.

Ibrahimovic hingegen kann nicht so einfach ein- gebunden werden. Er verlangt, dass das Spiel um ihn aufgebaut wird, baut aber das Spiel dann nicht auf. Er ist zwar Spielgestalter und Passge- ber, aber kein Stratege und Rhythmuskontrol- leur. Seine Spielweise ist statisch und gleichzeitig überaus vertikal, dafür benötigt er ein sehr dyna- misches Umfeld um ihn herum, welches wieder- um die richtigen Bewegungen braucht, um seiner

Mischung aus Kreativität und Torgefahr eine pas- sende Plattform zu geben.

Besonders deutlich zeigten sich diese komple- xen Wechselwirkungen beim FC Barcelona. Sein Scheitern bei den Katalanen lag nicht an mangelnder Technik, begrenzten Fähigkeiten in engen Räumen oder Lauffaulheit. Neben Prob- lemen im Mannschaftsgefüge und –klima waren es sein Spielrhythmus und die Komplexität der Einbindung in die Spielstrategie, welche Syner- gien unmöglich machten. Wenn Barcelona mit schnellen Kombinationen Fahrt aufnahm, hiet Ibrahimovic den Ball und suchte nach einem raumgreifenderen Pass. Wenn Barcelona das Spiel entspannen und den Ball zirkulieren lassen woll- te, versuchte Ibrahimovic Raumgewinn und Ver- tikalität zu erzeugen. Suchte Barcelona nach einer strategisch guten Ausgangsposition für spätere Angriffe, positionierte sich Zlatan geflissentlich in engen, aber potenziell sofort durchschlagskräf- tigen Räumen. Im Verbund mit seinen bis heute suboptimalen Defensivausflügen war diese Bezie- hung zum Scheitern verurteilt.

Doch trotz dieser Mängel schafft er es seit Jahren zur Weltklasse zu gehören. Die Erklärung liegt auf der Hand: Er ist einfach ein Wahnsinnsfuß- baller.

Die Allzweckwunderwaffe

Wer braucht schon eine Mannschaft, wenn er Zlatan hat? Dieser Satz könnte von Ibrahimovic selbst kommen. So egoistisch er sich aus Image- gründen manchmal in Interviews gibt, so spielt er lustigerweise auch. Seine mannschafts- und gruppentaktischen Mängel haben wir schon hin- reichend ausgeführt, aber dies macht er mit sei- nen Fähigkeiten in der Individualtaktik wett.

Womöglich ist Ibrahimovic vielleicht der kom- pletteste Mittelstürmer der Welt. Lange Bäl- le holt er sich aus der Luft fast schon mühelos herunter, seine Balltechnik ist nahezu makellos und ob physisch oder spielerisch, ihm kann in jeder Situation die eine Lösung einfallen, um zu einem Torerfolg zu gelangen. Er vermischt mit seiner hervorragenden Koordination und Ruhe Spektakel mit Durchschlagskraft, was zu großer Effektivität führt.

#spielerporträt_ibrahimovic

Noch faszinierender werden seine Fähigkeiten aber bei Betrachtung der Nutzung seiner indi- viduellen Überlegenheit. Viele herausragende Spieler können ihre Fähigkeiten nicht ordent- lich einsetzen. Beispielsweise werden körperlich starke Stürmer als Zielspieler eingesetzt, obwohl sie wegen mangelhafter Umsetzung dafür wenig taugen. Das wirklich Besondere an Ibrahimovic ist seine Fähigkeit zur individuellen Entfaltung seines Potenzials.

Um beim Beispiel mit den langen Bällen zu blei- ben: Eine technisch hochwertige Ballverarbei- tung von hohen Bällen ist kaum ein Problem. Jeder kennt auch Spieler in der Kreisklasse, die sich solche Bälle teilweise atemberaubend herun- terpflücken können. Allerdings muss man dies auch unter Bedrängnis und in Bewegung schaf- fen. Sprintet man zum Ball und wird nicht blind von einem Gegenspieler verfolgt, sondern weicht aus einer besseren Position jemand mit schöne- rem Sichtfeld und besserem Laufweg geradeaus auf den Ball nach vorne, sieht es schon anders aus. Währenddessen die Flugkurve zu antizipie- ren, sich ordentlich zu postieren und den Gegner auf Abstand zu halten, ist überaus schwierig.

Ibrahimovic schafft dies relativ konstant. Seine individualtaktischen Fähigkeiten nutzt er hierbei fast perfekt. Er antizipiert schnell und erkennt, wohin der Ball gehen wird. Dann positioniert er sich bewusst weiter weg, damit er Spielraum hat. Selbst wenn der Gegner gut herausrückt und auf den Ball geht, kommt es gar nicht zu einem wirk- lichen Luftzweikampf. Anders gesagt findet der Zweikampf schon zuvor statt. Ibrahimovic lässt den Gegner auf sich prallen, gibt Widerstand und kann sogar dessen Bewegung nutzen, um wieder näher zum Ball zu kommen.

Immer wieder muss er darum nicht Bälle mit dem Kopf weiterleiten, sondern kann ihn sich mit Brust und Fuß annehmen. Ähnliches tut er bei flachen Zuspielen. Er „legt“ sich in den Geg- ner rein, setzt seinen Körper an und kann trotz suboptimaler Position in puncto Gleichgewicht mit seiner hervorragenden Technik den Ball ver- arbeiten. Was danach folgt, ist aber fast immer pure Kreativität und Improvisation. Ibrahimovic tut nahezu alles im Stand, erzeugt jedoch in die- sen kurzzeitig eigentlich ruhenden Situationen sehr explosiv Dynamik. Auch hier nutzt er wie- der Technik und Athletik. Manchmal spielt er

geschickte Pässe oder startet einfach mit schnel- len Dribblings, in anderen Situationen wieder- um schließt er einfach aus dem Stand oder einer unscheinbaren Stellung direkt ab. Der Überra- schungsmoment ist dabei sein größter Freund.

Bei seinen Distanztoren, wo ein Abschluss ei- gentlich unwahrscheinlich aussieht, sind oftmals Gegenspieler und Torwart nicht ordentlich posi- tioniert. Ibrahimovic ist dann der wohl einzige Spieler der Welt, der die Fähigkeiten hat, um

• so schnell zum Abschluss zu kommen, dass davor eine Reaktion kaum möglich ist.

• so qualitativ gut abzuschließen, dass der Schuss oder die Aktion auch präzise ge- nug ist.

• so kräftig abzuschließen, dass danach eine Reaktion kaum möglich ist und der Schuss bei Ankunft im Tor noch ausrei- chend Wucht hat.

Taktikpsychologisch gibt es ebenfalls interes- sante Wechselwirkungen. Da diese Situationen manchmal so wirken, als ob just in diesem Mo-

#spielerporträt_ibrahimovic

ment keine Gefahr herrscht oder das Spiel gerade langsamer wird, sind die Positionierungen und Staffelungen der Gegenspieler oftmals etwas un- präzise. Die Gegenspieler warten auf die nächste Situation und wollen sich daran orientieren.

Und genau davon nährt sich Ibrahimovic. Er lebt von diesen kleinen Fehlpositionierungen, den minimalen Löchern und Problemen des Gegners. Die klischeehaften Strafraumstürmer-Phantome warteten immer auf diese eine klare Chance, um diese zu nutzen. Ibrahimovic wartet auf die Viel- zahl kleiner Chancen, um diese zu nutzen.

Weltfußballer als Ehrung eines paradoxen Ge- samtkunstwerks?

Er ändert die Ausrichtung seines Körpers mini- mal und sucht sich eine bessere Positionierung. Und falls sie sich verschlechtert, bespielt er sie einfach trotzdem bestmöglich. Er verändert oft die Ballposition und seine eigene, um Winkel minimal zu verändern – der Gegner merkt es gar nicht, doch ein kleiner kräftiger Schubser Ibra- himovic‘ oder ein feinfühliger Stupser des Balles geben ihm die Möglichkeit zur durchschlagen- den Erfolgssituation.

Dabei verbindet er seine koordinativen Stärken, seine schnellen Fußwechsel, mit Körper- und Balltäuschungen. Diese wieder interagieren mit seiner Physis und seiner Technik, wodurch er nicht nur 50:50-Situationen gewinnt, sondern einfach konstant 30:70-Situationen erzeugen kann, um diese mit seiner Qualität zu lösen.

Bei diesen Situationen lebt er natürlich davon, dass er individualtaktisch fern jeglicher Kritik ist. Ballannahmen, Dribblings, Präzision, Ab- schlüsse, Nutzung seines Körpers, selbst banalste Sachen wie die Fußhaltung bei Distanzschüssen sind Marke Ibrahimovic. Leider Gottes kann er diese Fähigkeiten nicht immer ideal einbinden oder in eine kollektive Spielstrategie anpassen. Dafür spielt der lange Schwede wohl auch einen zu eigenen Fußball, in dem sein Individualismus den Teamgedanken nicht untergräbt, aber ihn sehr wohl versklavt. Ibrahimovic müsste in einer Mannschaft spielen, in der jeder eine ähnliche Begabung und Spielweise wie er hat.

Abgabe des Ballbesitzes oder keiner kohärenten Spielidee. Aber sie würden sich interessanterweise eben deswegen perfekt ergänzen, konstant Ein- zelduelle jeglicher Art gewinnen, wenig strate- gisch spielen und eben diese mangelnde Strategie zu ihrem Vorteil nutzen.

Ibrahimovic ist in gewisser Weise der parado- xeste Fußballer. Er passt in kein Team der Welt perfekt, aber ein Team voller Ibrahimovic‘ wür- de wohl perfekt passen. Der Herrscher der Indi- vidualtaktik ist ein Sklave des Teamsports. Und irgendwo ist das doch auch der ganze Sinn bei der Wahl zum Weltfußballerwahl. Wer ist trotz Mannschaftsleistungen der beste Individua- list der Welt? Extrahiert man die Komponente Mannschaftssport, dann ist Ibrahimovic ein ganz heißer Tipp.

Dieses Team könnte wohl ohne die Nutzung von vielen taktischen Basissachen Partien dominieren – trotz mangelnder Defensivarbeit, willkürlicher

Analyse_Problemanalyse_Barcelona

III #theorie

#theorie_flügelspieler

TIM RIEKE

Die Gesichter der Flügelspieler

Immer wieder werden die Flügelstürmer als die entscheidenden und spektakulären Akteure einer Mannschaft gefeiert. So sind viele von ihnen auch bei der aktuellen Weltfußballerwahl unter den Favoriten. Doch wird dabei zu sehr auf den individu- ellen Aspekt geschaut - es gibt auch andere Arten von Flügelspielern, die diverse Rollen und Funktionen innerhalb eines Teams bekleiden können. Ein Abriss über die verschiedenen Typen von Flügelspielern, über besondere Einzelbeispiele und die Wichtigkeit ihrer kollektiven Einbindung.

#theorie_flügelspieler

Als der Brasilianer Garrincha 1962 bei der Welt- meisterschaft in Chile zum besten Spieler des Tur- niers gewählt wurde, befand sich der extravagante Dribbler mit den krummen Beinen auf dem Hö- hepunkt seiner internationalen Popularität. Fast nahtlos anknüpfend an die scheinbar unendliche Karriere des gefeierten Engländers Sir Stanley Matthews war Garrincha der nächste, der dem trickreichen und flankenstarken Flügeldribbler die Hochachtung der Presse einbrachte. Nicht wenige fußballhistorisch bewanderte Beobachter sind heute der Meinung, dass dieses Erlebnis für lange Zeit eines der letzten großen „Hurras“ der Flügelstürmer gewesen sein soll, was häufig und gerne an der englischen Weltmeistermannschaft von 1966 festgemacht wird.

Speziell in den 80er- und 90er-Jahren fehlten sol- che Spieler tatsächlich immer häufiger, was mit der hohen Popularität der in neuer Form aufkom- menden Dreierkette und den daraus resultieren- den Zwei-Stürmer-Formationen zusammenhing, wodurch sich Johan Cruijff gar veranlasst sah, von einem „Tod des Fußballs“ zu sprechen. Mittler- weile hat sich diese Entwicklung allerdings wie- der gelegt und gerade in der unmittelbaren Ver-

gangenheit zog der Flügelspieler in der Offensive neu ins Bewusstsein der Zuschauer ein, weshalb er sich häufig als einer der wichtigsten Akteure seiner Mannschaft feiern lassen darf. Gerade die Mischung aus trickreichen, unberechenbaren und kraftvollen Dribblings, Schnelligkeit, Torge- fahr und einzelnen überraschenden Pässen zieht Aufmerksamkeit, Bewunderung oder kontroverse Diskussionen auf sich – unter anderem darüber, welcher Flügelspieler denn nun eigentlich der „Bessere“ sei. Auf diesen Positionen, so sagt man, seien neben den Zehnern und den Torjägern im Sturmzentrum die Topstars beheimatet, die Be- sonderen, die Spektakulären, die Aufregenden – und häufig auch die Fixpunkte ihres Teams.

Zuarbeiten für den Starspieler

So werden viele Mannschaften gerne in besonde- rem Maße über ihre Außenspieler definiert und betrachtet. Dazu tragen diese beiden Parteien in- sofern ebenfalls bei, als dass die taktischen Kon- zepte und Ausrichtungen nicht selten tatsächlich auf diese besonderen Akteure fokussiert sind. Ein wichtiges Mittel dazu ist die konsequente Unter- stützung der Teamkollegen, deren Bewegungs-

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Wegziehende Raumöffnungen und Bewegungen

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Nah unterstützende Bewegungsmuster

muster und Rollen genau auf die Aufgaben der Flügeldribbler zugeschnitten werden. Im Detail gibt es dafür aber unterschiedliche Wege der Rea- lisierung. Einerseits ist es möglich, sich vor allem auf das Raumschaffen zu konzentrieren, um dem jeweiligen „Starspieler“ freie Bereiche zu erschlie- ßen und Gegner auf diverse Arten vom Leibe zu halten – etwa durch ausweichende Läufe oder ab- blockende Aktionen.

Eine direktere und weniger aktionsorientierte Art der Unterstützung ist eine Hilfestellung, bei der die übrigen Akteure sich gerade nicht raum- öffnend verhalten und Platz verschaffen wollen, sondern sich im besonderen Maße zum Fokus- spieler hinbewegen, um diesem unmittelbare und direkte Unterstützung zu liefern. Beispielsweise kann sich der Achter oder Zehner als zusätzlicher Kombinationspartner einschalten, der Außenver- teidiger sehr offensiv – meistens hinterlaufend – agieren oder der Stürmer zur Seite schieben, um dort eine weitere Option darzustellen. Einzelne raumschaffende Bewegungen sind als Ergänzung solcher Aktionen ebenfalls wichtig und sinnvoll.

Die Unterschiede von Verhältnissen

Die unterstützenden Aktionen sind auch umge- kehrt möglich, sodass also dieser Akteur genau derartige Aufgaben für die Mannschaft erfüllt. Solche Rollen werden nicht immer von einem außergewöhnlich starken oder besonders be- kannten Individualisten besetzt, sondern bilden allgemein eine Alternative zum individuellen Fokus auf dieser Position. Allerdings kann die Spielweise auch so aussehen, dass beispielswei- se der gefeierte „Superstar“ eines Teams einfach durch seine Präsenz als solcher Gegner auf der einen Seite bindet und damit entscheidend dabei hilft, den oder die Kollegen für die Seitenverlage- rungen frei zu bekommen.

Wenn nach Seitenwechseln vor allem zur Grund- linie durchgebrochen und der Ball anschließend wieder in den Strafraum gebracht wird, kann der ursprünglich zuliefernde Starspieler letztlich doch wieder zum Verwerter werden, der nach diesen Hereingaben aus dem Rücken der Abwehr mit seiner Klasse nachstößt, die Tore erzielt und dadurch auffällt. Genauso ist es möglich, dass be- reits die Verlagerungen direkt auf ihn kommen

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(gelb) oder erhält sie (blau).

sollen, damit er in Dribblings oder andere direkte Aktionen gehen kann – dann wäre er allerdings nicht mehr auf der stärker besetzten Seite pos- tiert, der als ballferner Akteur mit seinen Kolle- gen ein wechselseitiges Raumschaffen aufziehen würde.

Insgesamt ist es wichtig zu betonen, dass die so- genannten offensiven Flügelspieler aber keines- wegs nur auf den Flügel beschränkt sind. Nicht zwingend müssen diese Akteure entweder ihre Mehrzahl der Aktionen von dort starten, bevor sie sich auf den Weg in Räume in der Mitte ma- chen, und genauso wenig ist festgelegt, dass sie – abgesehen von ihrer ursprünglichen defensiven Grundposition gegen den Ball – irgendeinen Be- zug zu diesen Bereichen entwickeln.

Hochschiebende Flügel

Unter den fast unzähligen Varianten, wie man Flügelspieler im Detail einsetzen und ausrich- ten kann, gehört die Oberkategorie des hoch- schiebenden Offensivmannes, der sich weit nach vorne orientiert und immer wieder in die letzte Linie zieht, zu den interessantesten Möglichkei- ten. Solche Akteure können wiederum in ihrer

genauen Ausrichtungen mehrere Funktionen erfüllen, was noch dadurch beeinflusst wird, ob eventuell eine Dominanz eines Flügels im Offen- sivspiel vorhanden ist. Agiert ein Spieler eher auf der dominanten Seite, muss er vor allem Raum hinter sich aufmachen und die Verteidiger in der Kette binden, damit diese nicht antizipativ oder überraschend auf die kombinierenden Kollegen herausrücken können. Ein Beispiel hierfür ist Dortmunds Neuzugang Aubameyang, der mit geschickten Bewegungen und Positionierungen die Gegner auf seiner rechten Seite festhält, die dann mit Hilfe des herüber kommenden Reus und Mkhitaryan überladen werden kann.

Die andere Möglichkeit sähe dann so aus, dass der Flügelspieler vor allem von der ballfernen Seite viel in die Spitze arbeitet und dort für den even- tuell ausweichenden Mittelstürmer den zentralen Bereich übernimmt sowie mit entscheidenden Diagonalläufen für Durchschlagskraft sorgt. Eine solche Rolle könnte Aubameyang ebenfalls über- nehmen, was auch auf Akteure wie beispielsweise den in die Spitze gehenden Theo Walcott zutrifft. Aufgrund historischer Besonderheiten sind in der brasilianischen Fußballgeschichte über die Jahre

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FC Bayern Hinrunde 2011/12 Gómez Müller Ribéry Kroos Schweinsteiger L. Gustavo Lahm Rafinha Badstuber
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hinweg viele Akteure zu finden, die vor allem die- ser letzteren Variante gerecht werden, aus hoch- geschobenen Flügelpositionen gerne ballfern blieben und dann diagonal reinzogen – ob der in den 80er- und 90er-Jahren sehr bekannte Müller oder gar Adriano in Ansätzen bei der WM 2006. In Bayerns starker Hinrunde der 2011/12er- Spielzeit verkörperte Thomas Müller von rechts einen solchen Akteur, der als Ausgleich zur fluid überladenden linken Seite immer wieder nach vorne schob und diverse Aufgaben als zuarbeiten- der oder balancierender Körper erfüllte.

Neue Sichtweisen auf das Toreschießen

Diese beiden Aspekte zeigen auf , dass die Flü- gelspieler viel mehr sein können als die spekta- kulären Fixpunkte auf den Außenbahnen. Es gibt in diesem Bereich Stars, die das Spiel ihrer Mannschaft entscheidend bestimmen, aber auch das genaue Gegenteil: zuarbeitende Flügelspieler, die von dort ihre zentral aufgebotenen Kollegen unterstützten und sich dafür aufopfern, um diese effektiv in die Partie zu bringen.

In den meisten seiner zahlreichen Rollen konnte Thomas Müller dies eindrucksvoll unter Beweis

stellen. Dessen Raumdeuten besitzt keineswegs eine allein ausnutzende Ebene, sondern ist eben- so für diverse Verknüpfungen oder balancierende Bewegungen zuständig ist, da diese Fähigkeit in vielerlei Hinsichten mit dem Raum „spielt“. Ob im bereits erwähnten System des Herbst 2011 oder als zentraler und universeller Bewegungsan- ker in seiner Anfangszeit der Profikarriere unter Louis van Gaal – wenngleich hier meistens zent- ral aufgeboten. Immer wurde sein Profil sowohl von diversen zuarbeitenden Aufgaben für die Kollegen – mal die typische Flügelzange der Bay- ern, mal die Mechanismen auf der rechten Seite um Robben oder die Überladungen auf links – als auch dadurch geprägt, dass er immer wieder entscheidend für die Torgefahr und Effektivität im Strafraumbereich zuständig war, die er mit seinen unberechenbaren und intuitiven Läufen liefern konnte.

Auch an der erfolgreichen Mannschaft des FC Barcelona aus dem Jahr 2011, als sie unter Pep Guardiola die Champions League gewannen, wird diese Verbindung durchaus ersichtlich, wenn man sich die Rollen von Pedro und Villa anschaut, deren Flügelpositionen aus dem ur-

#theorie_flügelspieler

sprünglichen 4-3-3 der Katalanen erwuchsen, die aber so eingeschoben agierten, dass sie kaum noch wie Flügel wirkten, sondern eher wie Hy- bridstürmer. Zum einen waren sie eindeutig für zuarbeitende Aufgaben eingeteilt, indem sie die gegnerische Viererkette beschäftigten, wodurch die meisten Gegner unter Mithilfe der Außen- verteidiger recht widerstandslos in Ansätze einer Sechserabwehr gedrückt werden konnten.

Zum anderen wird sich aber sicherlich jeder Be- obachter dieses Teams noch sehr gut daran erin- nern, wie die beiden auch immer wieder in die Schnittstellen gingen und mit ihren diagonalen Läufen äußerst gefährlich hinter die gegneri- sche Abwehr durchbrachen, wo sie meistens von Messis tödlichen Pässen bedient wurden. Neben dem Argentinier selbst und den brutalen Vorstö- ßen von Dani Alves auf der rechten Seite waren diese beiden Angreifer in ihren Halbpositionen die wichtigsten „Durchbrecher“ – aber in zu- arbeitender Funktion. Eine der am meisten re- zipierten Begegnungen der Katalanen aus jener Saison war das furiose 5:0 im Clásico gegen Real Madrid, bei dem Villas Doppelpack nach zwei Schnittstellenpässen von Messi auch ein wenig

Symbolcharakter für diese Arbeitsweise des Sys- tems entwickelte.

Es zeigt sich, dass das taktische Zuarbeiten und die Aufgabe des Toreschießens sehr eng miteinan- der zusammenhängen (können) und eine wichti- ge Verbindung formen, was sich an solchen Bei- spielen wie Müller, Pedro oder Villa – bei diesem vor allem bei der WM 2010 – festmachen lässt. Häufig kann es dann eben dazu kommen, dass dieser enge, zu wenig beachtete Zusammenhang tatsächlich in einer Verschmelzung liegt. Bei manchen Systemen besteht das Zuarbeiten gera- de darin, Tore zu machen und Durchschlagskraft herzustellen, bzw. auch umgekehrt.

Balancespieler unter dem Radar

Wie es Thomas Müller häufig praktiziert, über- nimmt auch Pedro balancierende Aufgaben, wenn er sich auf seiner rechten Seite in den Po- sitionierungen herausragend an die Bewegungen der Kollegen anpasste und speziell für Lionel Messi als eine Art assistierender Schatten wirkte. Allerdings sind Balancerollen für offensive Flü- gelspieler keineswegs auf diese hochgeschobenen Akteure begrenzt – viel eher ist es so, dass we-

der diese noch tiefer postierte Pendants als solche wahrgenommen werden, also generell der wichti- ge Aspekt des Balancegebens übersehen wird.

Stattdessen ist der Begriff des „Balancespielers“ vor allem für die zentralen Mittelfeldzonen be- kannt, wo einige Fußballer in diesem grundsätz- lichen Sinne auftreten, aber oft nur als absichern- de Akteure gesehen werden – ob der junge Baske Asier Illarramendi oder als enorm prominentes Beispiel Philipp Lahm in einer Reihe von Partien, die er diese Saison unter Pep Guardiola bestritt. Dabei führt diese Verbindung zwischen den tie- fen Mittelfeldbereichen und der Begrifflichkeit in die richtige Richtung, da es weiter hinten deut- lich mehr Möglichkeiten und Anwendungsberei- che für das Balancieren gibt. So sind nominelle Flügelspieler, die eine solche Rolle einnehmen, meistens etwas eingerückt und leicht zurückgezo- gen aufgeboten. An Akteuren, die im Laufe ihrer Karriere beispielsweise die Wandlung vom Balan- cespieler als eingerückter Flügel zu einem solchen im zentralen Mittelfeld vollzogen, lässt sich diese Nähe anschaulich nachvollziehen – wie bei Luka Modric, der in seiner Heimat und der Anfangs- zeit in England auf links spielte, ehe irgendwann

#theorie_flügelspieler

der Zeitpunkt kam, als er nur noch im Zentrum aufgeboten wurde.

Die unzähligen Beispiele reichen dabei von James Milner über Ángel di María, Per Skjelbred und Jakub Blazsczykowski bis hin zu Dennis Aogo oder Ramires, auf die dies zumindest in be- stimmten Fällen zutrifft. Bei Blaszczykowski ist es dabei so, dass er vor allem hinsichtlich der Absicherung und der Raumbesetzung balancie- rend wirkt. In gewisser Weise gilt ähnliches für Milner, der sich vor allem an die Offensivbewe- gungen der Kollegen anpasst und noch stärker auf das Herstellen von Verbindungen achtet. Als Gegenbeispiel wäre Jarchinio Antonia vom nie- derländischen Aufsteiger Go Ahead Eagles zu nennen, der besonders für die Dynamik in den Spielzügen und das Raumschaffen in Freiraum- angriffen verantwortlich zeichnet. Bei ihm geht es vor allem um Passwege und Raumöffnen, bei Milner dagegen beispielsweise um die Besetzung bestimmter Räume. Bei der U21-EM im ver- gangenen Sommer verkörperte auch Alessandro Florenzi bei der italienischen Mannschaft eine kaum beachtete Balancerolle. Zu dieser vielfälti- gen Liste könnte man aus historischer Sicht unter

anderem auch Mário Zagallo – sogenannter „fal- scher Flügelstürmer“ in der brasilianischen Na- tionalmannschaft beim Gewinn des WM-Titels 1958 – hinzufügen, der eine Art Gegengewicht zum eingangs erwähnten Garrincha bildete und das Mittelfeld unterstützte.

Die Wichtigkeit des Einrückens

Das klassische und traditionelle Bild eines Au- ßenstürmers, wie es ihn den alten Formatio- nen mit ihrer breiten Sturmreihe zu Anfang der Fußballgeschichte gab, hat sich im Großen und Ganzen bis heute durchgezogen und auf die heutigen offensiven Außenspieler ein Stück weit übertragen. Es ist daher ein Blick vor allem auf die individuellen Fähigkeiten der Akteure, denen in der aktuellen Zeit häufig die bereits mehrfach erwähnte herausgehobene Position im Mann- schaftskonstrukt zugeschrieben wird.

Dabei haben die Flügelspieler gerade im Hin- blick auf das Kombinationsspiel in den verbrei- teten 4-2-3-1-Formationen eine ganz besondere Bedeutung. Mit einrückenden Bewegungen kön- nen sie die zentralen Köpfe beim Bespielen der wichtigen offensiven Halbräume sein und daher

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Die Flügelspieler bei Brasilien 1958

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vor allem für die funktionierenden Verbindun- gen eines Teams im Angriffsspiel verantwortlich zeichnen. Machen sie es schlecht, wird das kol- lektive Interaktionspotential dadurch bereits er- heblich geschwächt. Natürlich rücken auch in- dividuell denkende Akteure immer mal wieder ein, wenn sie beispielsweise mit Ball in Richtung Tor ziehen, doch besteht ein deutlicher Unter- schied hinsichtlich Intention und Intensität. Auf die konstanter einrückenden Flügelspieler kann sich ebenso der Fokus der restlichen Mannschaft richten, doch sie sind alles in allem eher dyna- mische Teile eines Systems von ineinandergrei- fenden Verschiebebewegungen – gerade darin besteht wiederum ihre Wichtigkeit. So sind Lo- renzo Insigne, Swanseas Álex Pozuelo oder auch Nicola Sansone von Parma zwar individuell gut (und selbst dort unterschätzt), aber am besten und wirkungsvollsten im Zusammenspiel. Auch bekanntere Namen wie David Silva, Samir Nasri, Santi Cazorla, wobei dieser häufig auch vor allem balancierend eingesetzt wird, und Mario Götze könnte man in diese grob angelegte Liste einfü- gen.

Bei all der Bedeutung, die solchen Bewegungen von Flügelspielern in kombinativ ausgerichteten Teams und generell für die Verbindungen einer Mannschaft zukommt, darf dies jedoch nicht zu einer Verallgemeinerung dieses Mittels führen. Bloßes Einrücken und engere Positionierungen von Außenspieler für erhöhte Nähe zu den Kol- legen und das Herstellen von Offensivkompakt- heit sollten zunächst als Grundmechanismen und Basis-Vorgehensweisen betrachtet werden. Diese Dinge allein können nicht als Allheilmittel oder allgemeine Vorgaben gelten, da sie in sich noch differenziert und an verschiedene Aspekte ange- passt werden müssen.

Timing und Aktivität

Mit anderen Worten: Einrücken ist nicht gleich Einrücken. Stattdessen müssen unter Betrach- tung der eigenen Akteure, der Synergien zwischen ihnen, der äußeren Umstände wie Fitness und Form sowie natürlich der jeweiligen gegnerischen Mannschaft eine Reihe von Fragen beantwortet und strategische Punkte entschieden werden. Zu welchem Zeitpunkt sollen die letztlichen Kom- binationsverbindungen aufgebaut werden, wann

rücken die Flügelspieler die entscheidende Dis- tanz ins Zentrum ein und wer wirkt am stärks- ten antreibend? So gibt es die Möglichkeit, dass man erst kollektiv aufrückt und den Gegner nach hinten zurückdrängt, um dann mit viel Ruhe im letzten Drittel die Angriffe geduldig vorzuberei- ten – hierbei würden die Flügelspieler eher nicht früh einrücken. Sie können anfangs gar besonders breit bleiben, um für ein konsequenteres Auffä- chern zu sorgen, so dass ein sehr raumgreifendes, breites Ballbesitz- und Positionsspiel ermöglicht wird, das dem Gegner das Pressing und vor allem den Zugriff erschwert.

Eine andere Option ist, die Flügelspieler bereits sehr früh einrücken zu lassen und sie schon in zentralen Zwischenräumen zu bedienen, wenn der Gegner noch mittelhoch positioniert steht. In diesen Fällen suchen die einrückenden Außen den freien Raum zwischen den Linien, werden meistens von direkten Vertikalpässen der In- nenverteidiger (oder seltener der Sechser) dort bedient und ziehen dann mit weniger Unterstüt- zung der tieferen Kollegen etwas direkter zum Tor (siehe Grafiken nächste Seite).

#theorie_flügelspieler

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Einrückende Flügelspieler bei zurück- geschobenem Gegner. Flügel selbst als Strippenzieher

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Einrückende Flügelspieler bei mittelho- hem Gegner. Innenverteidiger als Strip- penzieher.

An dieser Stelle würde die Frage nach dem Zeit- punkt und der Art des Einrückens auch mitbe- stimmen, wer die Rolle des Strippenziehers in den Angriffen übernimmt – einmal die Offensivspie- ler selbst, wenn sie die Aktionen aus dem Zent- rum gegen den zurückgefallenen und massierter stehenden Gegner selbst starten, und einmal die Innenverteidiger mit ihren einleitenden Pässen, bei denen die einrückenden Außen sich mehr auf das Weiterspielen konzentrieren und den Rhyth- mus weniger vorgeben bzw. kontrollieren kön- nen, sondern durch das Timing der zuliefernden Pässe und die teilweise von hinten kommenden Gegner ein wenig beschränkt werden.

Daneben könnte man beim Einrücken noch ei- nige Unterpunkte oder leicht abgewandelte As- pekte nennen. Ein solcher wäre beispielsweise der Nadelspieler, den man ansonsten meistens in den Achterräumen oder auf den Zehnerpositionen findet. Einrückende Außenspieler – wie Andrés Iniesta es häufig bei der spanischen National- mannschaft praktizierte – ziehen Gegner auf sich, stellen Engen um sich her und ermöglichen da- mit ihren Kollegen Raumgewinn. Während der Welt- und Europameister dies vor allem für Ball-

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kontrolle, Aufrücken und strategische Aspekte nutzt, können direkter orientierte Mannschaften über einen vom Flügel einrückenden Nadelspie- ler auch versuchen, mit dessen Hilfe die Kollegen freizuspielen, um dann das schnelle Durchspielen zu ermöglichen – damit wäre man dann wieder beim Raumschaffen.

Strategische Fragen und generelle Wertungen

Konkret muss die Planung und Festlegung sol- cher Strategien bezüglich der Art und des Zeit- punktes des Einrückens immer an den gegneri- schen Eigenheiten und den eigenen Fähigkeiten ausgerichtet werden. Gegen eine Mannschaft, die in der letzten Linie mannorientiert agiert, wäre es beispielsweise nicht die beste Idee, einen mittelmäßig pressingresistenten Flügelspieler sehr früh einrücken und aus der Innenverteidi- gung bedienen zu lassen. Im Duell mit der ag- gressiven Spielweise des Gegners würde dies zu vielen Ballverlusten und misslungenen Aktionen führen, was gegen ein positionsorientiertes Team nicht in dem Maße aufträte. Dann rücken Fra- gen des Timings und des Rhythmus stärker in den Vordergrund, um mit den Zuspielen in die

Zwischenräume nicht an einer gegnerischen For- mationslinie hängen zu bleiben.

Bei all diesen grundsätzlichen Unterteilungen und Beispielen handelt es sich allerdings nur um grobe Darstellungen. Die Einzelbeispiele können nur für einen Teil des Ganzen stehen und es gibt stets diverse Zwischenformen und Mischvarian- ten. Wichtig ist, dass sowohl die einzelnen Ak- teure als auch die gesamten Teams gut genug un- terschieden werden – in ihren grundsätzlichen Rollen und ihren spezifischen Aufgaben, wann sie was machen und wie dominant sie dabei auf- treten. So können sich sehr viele Präzisierungen in Beschreibungen ergeben und Muster in den Strukturen oder teilweise den Angriffsabläufen festgestellt werden. Eine etwas allgemeinere und grundsätzliche Feststellung lässt sich aber generell treffen, die auf eine Reihe von Flügelspielern und ihre Teams anzuwenden ist: Häufig fungieren die offensiven Außen, so sie denn einrücken, auf- grund der erwähnten Wichtigkeit im 4-2-3-1 als jene Akteure, an denen sich der eminent wichti- ge Übergang ins letzte Drittel aufhängt, in seiner Dynamik entzündet und beschleunigt.

Die geheimen Facetten von „Robbery“

Im Zuge der erheblichen Bedeutung des Einrü- ckens der Flügelspieler für die offensiven Mög- lichkeiten einer Mannschaft hat sich in den letzten Jahren zudem eine extreme Version die- ser Bewegungen langsam in den Fokus gerückt. Schließlich können diese Akteure nicht nur in den tornahen Bereichen oder schon den hohen Zonen des zweiten Drittels den Weg in die Mit- te suchen, sondern auch schon viel früher und tiefer sich dort einschalten – einige Flügelspieler unterstützten mit dem Zurückfallen in den tiefen Halbraum den Aufbau ihrer Mannschaften.

Meistens wird diese Weiterentwicklung des Ein- rückens aber nur von ballbesitzorientierten Teams konstant praktiziert, da hier die Sicherheit gege- ben ist, dass man sich durch die Dominanz und Spielkontrolle genügend Zeit für das Aufbauen von Verbindungen und das Zurechtschieben von Mustern nehmen kann, was auch bedeutet, dass ein zurückgefallener Flügelspieler nicht Gefahr läuft, bei den späteren Angriffsphasen weiter vor- ne zu fehlen. Trotz der aktuellen Seltenheit dieser Erscheinungen sind solche Phänomene höchst

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effektiv, können zu mehr Sicherheit in tiefen Zo- nen führen und vor allem fluide Verschiebungen, Rochaden oder ganze Kreiselkollektive in Gang setzen.

Eine der beeindruckendsten Demonstrationen in dieser Hinsicht stellte eine Partie der Münchener Bayern in der Champions-League-Gruppenpha- se der vergangenen Titelsaison dar, als die Mün- chener die ansonsten solide Defensive Lilles vor heimischem Publikum zerlegten. Wenngleich die Durchschlagskraft meistens über die Flügel – ins- besondere durch Hereingaben von Lahm auf Pi- zarro – erzeugt wurde, hatten diese Endstadien der Angriffe doch nur selten etwas Lineares, weil sie aus sehr freien und fluiden Aufbaustrukturen entstanden. Diese waren entscheidend davon geprägt, dass Arjen Robben und Franck Ribéry mit ihrem Zurückfallen in den tiefen Halbraum weitreichende Umformungen und mannschaftli- che Prozesse in Gang setzen.

Überhaupt können die beiden Starspieler der Bayern, die als Flügelzange bekannt wurden, auch mehreren bereits beschriebenen Kategorien – sowohl dem Starspieler im Fokus als auch den

kollektiv einrückenden Akteuren – zugerechnet werden und sind zwei der wichtigsten Vertre- ter dieser Spielweise. Praktisch seit ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im roten Dress leben sie dieses Vorgehen aus und haben es in den vergan- genen vier Jahren häufig auf den Platz gebracht. Als Würdigung für zwei große Künstler, die die diversen Facetten des Flügelspielers so repräsen- tativ wie sonst kaum möglich vereinen und die darüber hinaus unter anderem zu den Kandida- ten bzw. gar Favoriten für die baldige Wahl zum Weltfußballer gehören, folgen nun beispielhaf- te Szenen dieses Zurückfallens, wie man sie seit 2009 bestaunen konnte.

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4. Minute Weidenfeller Bor. Dortmund - FC Bayern 1:5 (12-09-2009) Subotic Santana Ow0moyela Gomez Dedé
4. Minute
Weidenfeller
Bor. Dortmund -
FC Bayern 1:5
(12-09-2009)
Subotic
Santana
Ow0moyela
Gomez
Dedé
Olić
Hummels
Rangelov
Tinga
Altintop
Sahin
Lahm
Kuba
Schweinsteiger
Tymoshchuk
Zidan
Braafheid
Robben
Badstuber
van Buyten
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Butt
34. Minute Lloris FC Bayern - Oly. Lyon 1:0 (21-04-2010) Cris Toulalan Cissokho Rèveíllere Olić
34. Minute
Lloris
FC Bayern -
Oly. Lyon 1:0
(21-04-2010)
Cris
Toulalan
Cissokho
Rèveíllere
Olić
Ederson
Kallström
Lahm
Ribéry
Gonalons
Müller
Pjanić
Robben
Delgado
Contento
Pranjić
Schweinsteiger
van Buyten
Lisandro
Demichelis
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31. Minute Ulreich VfB Stuttgart - FC Bayern 3:6 (22-12-2010) Tasci Molinaro Klose Delpierre Boulahrouz
31. Minute
Ulreich
VfB Stuttgart -
FC Bayern 3:6
(22-12-2010)
Tasci
Molinaro
Klose
Delpierre
Boulahrouz
Müller
Schweinsteiger
Harnik
Gentner
Pranjić
Träsch
van Bommel
Boka
Ribéry
Ottl
Cacau
Lahm
Pogrebnyak
Breno
Tymoshchuk
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Butt

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14. Minute Júlio César FC Bayern - Inter 2:3 (15-03-2011) Ranocchia Maicon Lúcio Chivu Gomez
14. Minute
Júlio César
FC Bayern -
Inter 2:3
(15-03-2011)
Ranocchia
Maicon Lúcio
Chivu
Gomez
Motta
Schweinsteiger
Robben
Sneijder
Pandev
Stanković
Cambiasso
Müller
Pranjić
Eto´o
Lahm
Ribéry
Gustavo
Breno
van Buyten
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Kraft
14. Minute Landreau FC Bayern - Lille LOSC 6:1 (07-11-2012) Basa Chedjou Debuchy Rozehnal Béria
14. Minute
Landreau
FC Bayern -
Lille LOSC 6:1
(07-11-2012)
Basa
Chedjou
Debuchy
Rozehnal
Béria
Pizarro
Müller
Lahm
Ribéry
Balmont
Pedretti
Kalou
Payet
Schweinsteiger
Robben
Alaba
Martínez
Boateng
Dante
Roux
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55. Minute Benaglio FC Bayern - VfL Wolfsburg 1:0 (28-09-2013) Knoche Naldo Rodríguez Mandzukic Träsch
55. Minute
Benaglio
FC Bayern -
VfL Wolfsburg 1:0
(28-09-2013)
Knoche
Naldo
Rodríguez
Mandzukic
Träsch
Alaba
Müller
Gustavo
Robben
Koo
Polak
Schäfer
Ribéry
Diego
Rafinha
Schweinsteiger
Olić
Lahm
Boateng
Dante
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#theorie_langweiliger_ballbesitz

RENE MARIC

Der langweilige Ballbesitz

In den letzten Jahren erhebt sich eine immer größer werdende Fraktion von Fuß- ballfans gegen das Tiqui Taca und richtet sich dabei insbesondere gegen die Versi- on der spanischen Nationalmannschaft. Als „Takanaccio“ wird dann gerne jener Stil bezeichnet, der sich durch Ballbesitz und langwierige Ballzirkulation eher auf das Verhindern von Angriffsmöglichkeiten des Gegners konzentriert, anstatt die eigenen Angriffsmöglichkeiten und –varianten zu erhöhen. Dennoch wird der Fußball des FC Barcelona – oftmals auch von Kritikern der spanischen Nationalmannschaft – weitge- hend positiv gesehen. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

#theorie_langweiliger_ballbesitz

Der Zauber des Ballbesitzspiels liegt in der Höhe. Einen Unterschied kann man wohl auch als Laie erkennen; die Zonen, wo der Ballbesitz prakti- ziert wird, spielen eine wichtige Rolle. Kommen nur Querpässe an der Mittellinie von der einen Seite zur anderen, auf den Flügel kurz nach vor- ne und wieder zurück, wird dann bei geringstem Pressing des Gegners nach hinten zum Torwart gespielt, um damit den Gegner herauszulocken, dann ist es eine überaus langweilige Umsetzung von Ballbesitzfußball.

Wenn aber der Ball in engen Zonen und unter Druck noch spielerisch behauptet wird, ist es an- sehnlich. Dies liegt daran, dass ersteres so gut wie jede Mannschaft kann. Sich auf einem großen Raum ohne Gegner den Ball zu zuspielen, ist kein Problem. Die Pässe müssen nicht einmal genau sein, die Laufarbeit ist größer als die technische Qualität, die man für diese Spielweise benötigt. Dennoch gibt es kaum kleine Mannschaften, die so spielen können.

Bei ihnen wird der Gegner nicht aus Angst vor Löchern in der Abwehr oder tödlichen Pässen über 30 Meter hinter die Abwehr tief bleiben,

sondern nach vorne rücken und Pressing spie- len. Bei fast allen kleinen Mannschaften – außer Swansea City natürlich – kommt dann früher oder später der lange Ball. Dann geht es schnell nach vorne, es entsteht (oftmals interessantes) Chaos, aus dem man sich wiederum befreien oder gegen eine desorganisierte Abwehr (beidsei- tig) nach Balleroberungen angreifen kann.

Das macht die Kritik aber noch schärfer. Wieso spielt eine Mannschaft wie die spanische Natio- nalmannschaft, der FC Barcelona oder der FC Bayern hinten herum, bei all der individuellen Qualität, die sie besitzen? Fakt ist natürlich: Das tun sie nur in einzelnen Partien. Und in der Viel- zahl dieser Spiele liegt das aber nicht nur an einer defensiven Interpretation des Ballbesitzes, son- dern an fehlenden Mechanismen im Spiel nach vorne unter besonderen Umständen; z.B. noch nicht eingeübtem Bewegungsspiel gegen überaus kompakte oder extrem tiefe Gegner, der die sons- tigen Rhythmen nicht zulässt. Dann entsteht aus dem offensiven und schönen Ballbesitzfußball plötzlich „Angsthasenfußball“. Das zeigt aber auch, dass nicht nur die Höhe entscheidend ist, sondern auch der Gegner eine bedeutende Rolle

spielt. Würden die Gegner das langweilige Team genau dann pressen, wenn sie eben Probleme ha- ben, würde sich eine hochinteressante Partie ent- wickeln.

Oder aber die Gegner könnten gar aus Prinzip nach vorne rücken und pressen, wenn der Ball- besitz defensiv interpretiert wird. Dann wür- den sich die „defensiven Ballmonopolisten“ zu- rückziehen und müssten in der eigenen Hälfte das Ballbesitzspiel praktizieren, aber nun unter Druck und in Engen. Das würde nicht nur für Gefahr sorgen, sondern auch Spektakel versprü- hen. Das man das aber nicht so praktiziert, darf man den Gegnern des FC Barcelona oder des FC Bayern natürlich nicht prinzipiell vorwerfen – es ist aufgrund Stabilitätsgründen verständlich, wie- so das nur selten gegen so starke Kollektive mit so durchschlagskräftigen Individualisten praktiziert wird.

Irgendwo liegt es in der Natur der Sache, dass der Ballbesitzfußball eine gewisse Auffälligkeit für Langeweile hat. Kaum eine Mannschaft kann ihn sehr gut praktizieren, ohne sehr gute Ergeb- nisse einzufahren. Kaum eine Mannschaft spielt

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spielphilosophisch so, wenn sie nicht individuell sehr gut besetzt ist. Und wenn diese zwei Voraus- setzungen erfüllt sind, dann lässt sich eben auch kaum ein Gegner auf hohes Pressing ein; wenn die Ballbesitzmannschaft dann nicht den Mut aufbringt hohes Risiko gegen einen gut stehen- den Gegner zu gehen, entstehen teilweise dröge und träge Phasen.

Druck und Enge sind also spielentscheidende As- pekte. In der Mitte gibt es mehr Gegenspieler, es entstehen mehr Drucksituationen, welche dazu führen, dass wir den Atem anhalten: Erobern sie den Ball? Können sie kontern? Und wir sind dann erstaunt, wenn sich eine Mannschaft mit vier Direktpässen befreit oder gar ein Dribbling àla Iniesta oder Messi nutzt, um sich aus diesen Zonen zu befreien.

Für den Taktiker bedeutet das Kombinationsspiel in der Höhe und Enge außerdem mehr Bewe- gung, mehr Freilaufen und eine benötigte höhere Präzision in der Gruppentaktik. Das wiederum ist taktisch interessanter zu beobachten, teilwei- se entstehen enorm komplexe Bewegungen und Kettenreaktionen im Positionsspiel; auch für den

taktisch orientierten Ballbesitzfan ist der hohe Ballbesitz der einzig wahre.

Aber nicht nur die Vermeidung von Engen kann den Ballbesitzfußball hässlicher wirken lassen. Viele Fans konzentrieren sich in der Spielbetrach- tung fast nur auf Torraumszenen, auf Abschlüsse und das Beenden von Angriffen.

Der Eindruck des ereignislosen Spiels

Wenn man zur Spielbewertung nur Szenen nimmt, wo der Ball aufs Tor abgefeuert wird, ist man beim Ballbesitzfußball falsch; hier wird die qualitative Chance gesucht, der Ball wird über mehrere Stationen aufgebaut und spektakulä- re Abschlüsse aus der Distanz sind wegen dem fast sicher folgenden Ballverlust unwahrschein- lich. Die Bayern zurzeit sind diesbezüglich zwar nicht so stark darauf fokussiert, wie Guardiolas Barcelona, aber bei den meisten Ballbesitzteams zeigt sich dieser Trend. Zusätzlich zu diesem As- pekt hat der Gegner weniger Torchancen, da er weniger Ballbesitz und natürlich / insbesondere weniger Umschaltmomente besitzt.

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Ein Beispiel: Heynckes‘ Münchner in der Vorsai- son ließen 280 Schüsse in 34 Spielen zu, schlos- sen 584mal ab, davon 255mal aufs Tor, und kamen auf 63,6% Ballbesitz. Bei einem Durch- schnittswert von 50% eigenem Ballbesitz hätten die Heynckes’schen Bayern diese Werte pro Spiel (in Klammern stehen die echten Werte ohne kor- rigierten Ballbesitz):

Ballnah Ausgabe Fünf

Die fünfte und letzte Ausgabe für diese Saison wird im März erscheinen. Wir lösen auf, wie es mit dem BVB nach der ersten Meisterschaft weitergeht, und blicken auf die K.O.-Spiele der Champions League.

• 13,5 Abschlüsse (absolut: 17,18)

• 5,9 Torschüsse (absolut: 7,5)

• 11,01 zugelassene Abschlüsse bei 50% gegnerischem Ballbesitz (absolut: 8,24)

Der Inbegriff des Ballbesitzfußballs, Barcelona 2010/11, hatte folgende Werte:

• 10,89 Abschlüsse (absolut: 15,82)

• 5,04 Torschüsse (absolut: 7,32)

• 13,5 zugelassene Abschlüsse(absolut: 7,4)

Das Barcelona der vergangenen Saison, 2012/13, sah so aus:

• 10,05 Abschlüsse (absolut: 13,87)

• 4,58 Torschüsse (absolut: 6,32)

• 21,62 zugelassene Abschlüsse (absolut: 9)

Die Bayern dieser Saison, die ich wegen der ge- ringen Anzahl von Spielen und gewissen Unter- schieden in der Spielweise zu beiden Teams (trotz 70,8% Ballbesitz) nicht als Vergleichswert neh- men würde, erreichen in dieser Saison übrigens folgende Werte pro Spiel:

• 12,9 Abschlüsse (absolut: 18,33)

• 5,2 Torschüsse (absolut: 7,47)

• 14,7 zugelassene Abschlüsse(absolut: 8,3)

Schön zu sehen ist, wie viele Torchancen die je- weiligen Teams zulassen würden, wenn ihr Geg- ner 50% Ballbesitz hätte. Das zeugt von der re- lativen Defensivinstabilität. Heynckes‘ Bayern wären sonst souveräner Spitzenreiter. Sie sind die einzige Mannschaft, die auch bei 50% Ballbesitz mehr Abschlüsse hätte als der Gegner.

#theorie_langweiliger_ballbesitz

Durch den hohen Ballbesitz aber kommen die Katalanen in den absoluten Zahlen – und die- se entscheiden bekanntlich die Ergebnisse – auf ähnliche Werte wie die Heynckes-Bayern. Sie ge- ben dem Gegner schlicht weniger Möglichkeiten, diese Instabilität zu bespielen und sind dadurch defensiv nahezu gleich stark. Die Ursachen der Instabilität – hohes Aufrücken, aggressives Spiel nach vorne – sorgen aber für den Ballbesitz und die Torchancen. Dieses Gesamtpaket wirkt sich auch auf den Eindruck aus.

Die aktuellen Bayern sind beispielsweise in abso- luten Zahlen in der Defensive besser als vergan- gene Saison, wirken aber für viele Fans dennoch instabiler. Der Grund ist ein einfacher: Wie die obigen Zahlen zeigen, erarbeiten sich die Geg- ner bei ihrem Ballbesitz deutlich produktiver die Chancen als früher. Die Abwehr wirkt also instabil und wäre es auch, wenn man nicht so viel Ballbesitz hätte, aber so offensiv spielen und stehen würde. Das offensivere Stehen ermöglicht aber mehr Durchschlagskraft in der Endphase der Angriffe. Ähnliches kann man in der Offensi- ve sehen. Hier haben die 2012/13er-Bayern mehr Abschlüsse und mehr Torschüsse, als der FC Bar-

celona aus den zwei Vergleichssaisons. Aber im Vergleich mit sich selbst in dieser Saison – was in dem Fall aussagekräftiger ist, da es keinen Mes- si beim FC Bayern gibt – sind sie offensiv fast gleich produktiv geblieben (pro Minute in Ball- besitz), aber haben schlicht und ergreifend öfter die Chance anzugreifen, wodurch der absolute Wert größer ist.

Für den Fan wirkt es aber anders. Barcelona hat zum Beispiel deutlich weniger Torabschlüsse bei den 50% und Guardiolas Bayern sind auch nicht pro Minute in Ballbesitz produktiver als die Heynckes-Elf, weswegen der Ballbesitzfuß- ball auch etwas träger wirkt – er ist es schlicht und ergreifend auch, da er nicht so effizient in der Abschlusserzeugung ist, obwohl er in absolu- ten Zahlen die gleiche oder mehr Effektivität bei weniger benötigter defensiver Stabilität erzeugt.

Das Gefühl der defensiven Instabilität sorgt also für Kritik bei den Fans, während die längere An- griffserzeugung oft als Schwäche und Mangel kreativer offensiver Gefahr ausgelegt wird – in absoluten Zahlen sieht es dann anders aus. Nicht umsonst reagierten viele Bayern-Fans erstaunt, als

sie nach den viel kritisierten ersten fünf Saison- spielen feststellten, dass man weniger Torchan- cen zugelassen und mehr Schüsse herausgespielt hatte, als in der Rekordsaison des Vorjahres. Sie hätten doch schwören können, dass es anders sei; wäre es auch, wenn Fußball ein kürzer dauernder Sport mit begrenzten Angriffsintervallen wäre.

Theoriefrage: Wie hätten die Amerikaner auf Ballbesitzbasketball in der NBA reagiert, wenn es regeltechnisch möglich wäre?

Eine Theorie kann nicht langweilig sein

Es bleibt dabei: Das Abdrehen bei Halbchancen wird nicht als lobender Verzicht auf eine spekta- kuläre, aber ineffiziente und teilweise kontrapro- duktive Aktion gelobt, sondern ist ein Abturner, weil man ja auf eine Torchance verzichtet habe. Das ist letztlich der Hauptgrund für die teilweise geäußerte Kritik an Ballbesitzmannschaften.

Die mangelnde Reflexion der Erfolgschance bei solchen Abschlüssen sorgt für Frustration bei der Bewertung des bewussten Verzichts eines solchen Ballverlusts mit einer Erfolgschance von viel- leicht 10%, obwohl er gegen einen neuen Angriff

#theorie_langweiliger_ballbesitz

mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit von (hypo- thetisch natürlich) 30% getauscht wird.

Eventuell sollte also die Betrachtung des Spiels ge- ändert werden. Will ich, dass mein Team ab und zu ein sensationelles Distanztor erzielt, dafür aber öfter Gegentore zu- und Tore liegen lässt – oder verzichte ich auf das Spektakel zugunsten eines einfachen, vielleicht aber sogar schön herausge- spielten Tores? Sehe ich es vielleicht sogar positiv, dass Ballbesitz defensive Schwächen kaschieren kann und dadurch eine erhöhte Nutzung tech- nisch versierter Fußballer erlaubt? Und fordere ich eine Abkehr vom Ballbesitz oder dürste ich nur nach der dynamischen Umsetzung in der gegnerischen Hälfte mit technischen Highlights, schönem Kombinationsspiel und vielen Toren?

Gleichzeitig ist der nicht penetrierende und ab- warten Ballbesitz auch nur die Vorbereitung für einen Spielzug oder ein taktischer Aspekt, bei- spielsweise das Herausziehen des Gegners aus sei- ner Position oder dem Versuch, Ballungsräume um den Ball zu erzeugen und dadurch Räume zu öffnen. Die Kritik „Warum nicht gleich so?“ ist dann logischerweise ein Schuss in den Ofen. Wo-

möglich fehlte es sogar nur an den Mechanismen, die gerade in minutiöser Trainingsarbeit aufge- baut und in den nächsten Wochen und Monaten sichtbar werden.

Darum sollte eventuell die Kritik an Teams wie Barcelona, Spanien oder dem FC Bayern der ers- ten Saisonspiele neu formuliert werden. Wird nämlich der Defensivfokus des Ballbesitzes als wichtigstes Dogma kritisiert, haben die Kritiker Recht. Mit einer Pauschalkritik macht man es sich aber zu einfach.

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