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SEX STATT ASPIRIN?

Interview mit Prof. Dr. Jakob Pastötter

Dr. Jakob Pastötter, ich grüße Sie!

Grüß Gott!

Ja, Herr Pastötter, wie finden Sie denn die Ansage des
brasilianischen Gesundheitsministers?

Na, sagen wir mal, ein ganz wenig einseitig, denn Sexualität ist keine
Einbahnstraße im Sinne von "Wer viel Sex hat, dem geht es gut und der
ist gesund". Vielmehr gibt es da eine Wechselwirkung: Wer gesund ist und
wem es gut geht, der hat auch viel Sex.

Dann steigen wir doch mal in die Thematik ein. Ich schlage vor, ich
nenne Ihnen ein paar Behauptungen, und Sie verraten mir, ob da
was dran ist. Beginnen wir mal mit dieser Trias "Sex macht schön,
Sex macht schlank, Sex macht schlau". Stimmt das alles?

(Lacht.) Wie gesagt, genau da fängt das Problem an. Wir müssen leider
davon ausgehen, dass zum Beispiel eben das Körperbild, das jemand hat,
sehr stark bestimmt, ob jemand auch Lust und Freude an der Sexualität
hat. Wenn Sie also sagen, dass Sex schön macht und dass Sex gesund
macht, dann wird vielleicht viel eher ein Schuh daraus, wenn Sie sagen,
jemand, der sich schön fühlt und jemand, der gesund ist, der hat auch
mehr Lust auf Sex.

Wie steht es denn um das Herz? Wie wird das beeinflusst?

Die bisherigen Studien sind sich da nicht ganz schlüssig, denn wir reden
so leicht davon, jemand hätte Sex. Aber Sexualität ist etwas unglaublich
Individuelles, und was bei dem einen eine Sache von vielleicht 2-3
Minuten ist, kann bei dem anderen 30 Minuten dauern. Wenn wir von den
30 Minuten ausgehen und einer relativ starken körperlichen Anstrengung
dabei, dann können wir natürlich sagen, dass Sexualität auch das Herz-
Kreislauf-System wunderbar trainiert. Wenn wir es dagegen mit
jemandem zu tun haben, der nach 2 Minuten bereits keine Lust und keine
Luft mehr hat, dann kann man davon ausgehen, dass der Trainingseffekt
durch Sex relativ gering ist.
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Also muss man es schon ein bisschen ausdehnen, um dem Herzen


was Gutes zu tun.

Man muss ausdehnen, und man muss sich schon wirklich richtig ins Zeug
legen, um einen wirklichen Gesundheitsaspekt dabei vorfinden zu können.

Sehr wichtig für die Gesundheit ist ja auch der Schlaf. Ist denn Sex
hier eher förderlich oder hinderlich?

Auch hier wird vielleicht eher umgekehrt ein Schuh daraus: Wer
unausgeschlafen ist, wer nicht erholt ist, der wird auch Probleme mit
seiner Sexualität bekommen. Denn Sexualität – darüber müssten wir uns
klar sein – braucht eigentlich erst einmal ziemlich viel Energie. Wer also
übermüdet ist, wer sich schlecht ernährt, wer zu wenig Sport treibt, der
wird an sich Schwierigkeiten haben, wirklich beim Sex sich voll und ganz
wiederfinden zu können.

Oft liest man ja auch, beim Sex werden Stresshormone abgebaut.


Da haben wir uns vorhin gefragt: Kann das nicht auch
andersherum laufen, dass Sex auch Stress auslöst?

(Lacht.) Da haben Sie absolut recht. Ja, Sex löst leider, leider mittlerweile
sogar sehr viel Stress aus. Das hat unter anderem auch wieder mit diesem
vorher erwähnten Körperbild zu tun. Vielen Menschen fällt es heute
schwer, sich einfach gehen zu lassen. Sexualität braucht ja ein paar
Ingredienzien, um wirklich gut zu sein. Ein Ingrediens ist zum Beispiel die
Spontaneität. Wenn die fehlt, wenn man immer wieder aufschiebt und
sagt, nein, jetzt ist erst noch das Buch wichtig, an dem ich arbeite, jetzt
muss ich mich erst noch mit der Kollegin unterhalten, jetzt sind die Kinder
erst einmal dran, und außerdem will ich zum Skiurlaub auch noch fahren,
dann fällt es relativ schwer, sich zu entspannen. Dann wird Sex tatsächlich
mehr ein zusätzlicher Stressfaktor, den man auch noch irgendwo
einschieben muss.

Und eben auf einer zweiten Linie ist das Problem: Viele Leute beobachten
sich bei der Sexualität. Die lassen sich nicht gehen, die lassen sich nicht
fallen, sondern die denken sich, wie sehe ich denn nur wieder aus? Es gibt
da einige Studien in den letzten Jahren, die ganz deutlich gezeigt haben:
Wer ein schlechtes Körperbild hat, wer sich selbst für nicht so attraktiv
hält, der betrachtet Sexualität in der Tat viel häufiger als einen
Stressfaktor.

Und – Sie haben vorher den Schlaf erwähnt – auch da haben die Studien
der letzten Jahre gezeigt, die meisten Leute ziehen tatsächlich eine gute
Nachtruhe der sexuellen Aktivität jederzeit vor.
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Jetzt mal von der anderen Seite herangefragt – und ich meine das
rein gesundheitlich: Kann man es auch übertreiben?

Da würde die westliche Medizin sagen, nein, denn Sexualität ist ein
selbstregulierendes System. Das heißt, wenn man keine Lust mehr hat,
dann meldet sich der Körper in einer positiven Art und Weise, und man
bekommt als Mann keine Erektion mehr bzw. als Frau empfindet man
einfach auch den Koitus nicht mehr als sehr angenehm.

Anders sieht es aus, wenn wir uns zum Beispiel die chinesische Medizin
ansehen, die im Wesentlichen gar nicht so unterschiedlich ist von dem,
was man in der Antike als Medizin definiert hat. Da geht man davon aus,
dass sich im Laufe des Lebens auch die Frequenz der Sexualität eher
etwas reduzieren sollte. Das heißt, das, was manche Jugendliche noch
prahlerisch angeben und sagen: "Oh, ich kann vier, fünf, sechs Mal am
Tag!", da sollte man im Alter vielleicht vorsichtiger sein und auch dann es
vielleicht bei einem Mal belassen. Das hat einfach damit zu tun, dass Sex
für den Körper auch eine Art hormoneller Ausnahmezustand ist. Das heißt,
hier werden sehr viele Funktionen des Körpers in Anspruch genommen,
und wenn man meint, man müsse im Alter eventuell auch noch mit Viagra
& Co. zu sexuellen Hochleistungen auflaufen wie ein Fünfzehnjähriger,
dann müssen wir sogar davon ausgehen, dass Sex dem Körper Schaden
zufügen kann.

Herr Pastötter, abschließende Frage: Oft ist es ja genau die


Gesundheit, die uns die Lust am Sex raubt. Ich nenne hier mal den
Stress oder die berühmten Kopfschmerzen. Wer gewinnt nun
eigentlich – der Sex gegen den Kopfschmerz oder der Kopfschmerz
gegen den Sex?

(Lacht.) Obwohl es tatsächlich viele Frauen gibt - bei Männern ist das
seltener beobachtet worden - die sagen, ein Orgasmus ist ein ganz
wunderbares Mittel, um Kopfschmerzen zu vertreiben (einfach weil das
den Körper so herrlich entspannt), müssen wir davon ausgehen, dass in
der Regel diese Alarmsignale des Körpers (und etwas anderes ist ja
Schmerz nicht) doch dazu führen, dass wir uns eher darauf konzentrieren
– sprich, auf die unangenehmen Gefühle – als auf die mögliche Lust, die
uns die Sexualität bereitet.

Der brasilianische Gesundheitsminister fordert seine Landsleute


auf, mehr Sex zu haben, um chronischen Krankheiten
vorzubeugen. Wie gesund Sex wirklich ist, das haben wir den
Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für
Sozialwissenschaftliche Sexualforschung gefragt. Herr Pastötter,
herzlichen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank. Auf Wiederhören.


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Quelle: http://detektor.fm/kultur/sex-statt-aspirin

Literatur:

Pastötter, Jakob: Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozeß.


Analyse des postindustriellen Phänomens Hardcore-Pornographie.
Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2003