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Seminar 56-055 (LASt)/Ethnosoziol. Ansätze – Cristian Alvarado

Rationalität und Kultur auf der Börse

Ethnosoziologische Ansätze

„In both simple and industrial societies there are extensive patterns of normative, non- rational, non-utilitarian behaviour which play crucial parts in the distribution, maintenance and exercise of power“ (Cohen, 1976)

„They (Substantivists) insist that it is vital to study the ways in which even the most sophisticated market economies are firmly embedded in specific social and cultural conventions“ (Hann, 2014)

Martin Gubsch - 6946791

martin.gubsch@googlemail.com

Es ist eine Grundannahme vieler Wirtschaftstheorien, dass sie sich irgendwie über oder unabhängig vom Menschen entwickeln. Neoklassizismus und Neoliberalismus gehen von einem rationalen Akteur aus, dessen individuelle Strategien Ergebnisse produzieren, die sich mit dem Handeln des Einzelnen nicht erklären lassen. Hierbei wird häufig übergangen, dass auch die noch so globalsten abstraktesten Wirtschaftsbeziehungen an konkreten Gruppen und Menschen hängen und sich keineswegs magisch über einen machtfreien, kulturlosen und asozialen Raum evozieren. Wenn Cohen (1976) sagt „Classes are the figment of imagination“ und die interne Diversität von Klassen und allen anderen imaginierten Kategorien hervorhebt. wenn er sagt es gibt nur Interessensgruppen, dann meint er genau das, was in der Wirtschaft passiert, wenn man sagt die Wirtschaft. Die Vereinfachung auf ein großes „Empire“ (Hardt & Negrio, 2015), das omnipotent auf alle wirkt und sie steuert verliert dadurch um einiges an Stärke. Es gibt also auch nicht die Finanzinstitutionen oder eine vereinte globale Bourgeoisie, die die Armen am Kragen gepackt hat. Sogar in der (zumindest global) vergleichsweise kleinen Gruppe der Banker und Händler sehen wir Zwang, Macht und Abhängigkeit. ethnosoziologisch gilt es sich die Frage nach den Menschen zu stellen und wie sie in ihre Umwelt eingebettet sind. Um globale Abhängigkeiten zu verstehen und ethnosoziologische Ansätze in die Analyse zu bringen müssen wir also das Feld konkretisieren. Es müssen aus den großen Zahltafeln der Shopfloors in New York, London, Frankfurt und allen großen Handelszentren Menschen gemacht werden. Es gilt zu verstehen wie die informellen Beziehungen innerhalb der Institutionen gestaltet sind und wie sie sich emisch ihre Position vorstellen. Ich möchte anhand von Ethnographien über Börsenmärkte zeigen, in welchen konkreten Situationen die Menschen agieren, die das so genannte Weltwirtschaftssystem produzieren. Dafür möchte ich ethnosoziologische Ansätze mit ökonomischen spiegeln und zeigen was das in den konkreten Fallbeispielen für die Analyse bedeutet.

that the science of economics takes as given, that is to say, the ensemble

of dispositions of the economic agent which underpin the illusion of the ahistorical universality of the categories and concepts that this science uses, is in fact the product of a long collective history, and it has to be acquired in the course of individual history, in and ”

through a labour of conversion which can only succeed in certain conditions

(Bourdieu,

2000)

everything „

Weltsysteme

Thurnwald und Mühlmann wollen eine Gesellschaftstheorie aufstellen, sie sprechen über aufsteigende und absteigende Individuen und interethnische Systeme. Ihrer Idee nach bewegen sich diese Gruppen aufgrund naturgesetzähnlicher Prinzipien. Sie bewegen sich in ihrem Erkenntnisinteresse über den individuellen Motivationen und Strategien der Menschen. Demnach können sich bei Thurnwald Menschen ohne ihr eigenes Zutun wie automatisch in Machtpositionen befinden. Die Siebungsfaktoren können sich zwar ändern, aber nur durch äußere Einflüsse und historische Ereignisse, wie

Kriege, Dürren, Katastrophen, etc, aber dies geschieht nicht aufgrund der Handlungen eines Einzelnen. Beide Theorien können damit keine Agency erklären und können sozialen Wandel nicht aus der Gruppe selbst heraus erklären. Das Individuum ist hier fix, verändert seine Position nur marginal und wenn dann drastisch. Das liegt natürlich in ihrem Erkenntnisinteresse zum einen und Menschenbild zum Anderen begründet.

Das Erkenntnisinteresse von Thurnwald und Mühlmann lag in Gruppen und Gemeinschaften. Mühlmann stellt eine Theorie interethnischer Systeme auf, da ihn die Interaktionen zwischen Ethnien interessierten. Ganz im Stile des Diffusionismus (Schmidt) wird dabei ein Gefälle postuliert bei dem in eine Richtung Kultur und Ideen hinabfließen und Menschen hinaufließen. Wie magisch werden diese versteckten Mechanismen von Mühlmann aufgedeckt. Da es sie nicht interessiert, was der Einzelne tut haben sie auch keine Erklärung dafür. Sie postulieren nicht, dass Menschen sich an Siebungsfaktoren, oder Gefälle anpassen oder Strategien entwickeln diese zu überwinden. Ihr Interesse richtet sich an eine synchrone Analyse des Ist-Zustands von Ethnien und diese agieren entlang von Strukturen die sich über dem Handeln evozieren.

Da ihnen aber der Mensch als Individuum egal ist, können sie bestimmte Bewegungen und Muster erfassen, die vielleicht bei einer zu detaillierten Analyse verloren gehen. Bei Systemen globaler Abhängigkeit ist das durchaus hilfreich. Wenn bestimmte Institutionen z.B. nur über Medien in Kontakt stehen oder nur mittelbar zugänglich sind. In diesem Sinne würden der Assimilationsdruck in den Machtzentren, wie den USA, China und Europa liegen. Und auch darin wieder gestaffelt nach Einfluss und den Fluss von Ideen in den Satelliten der jeweiligen Länder. Das dies nicht ganz der Komplexität der Verbreitung von Ideen entspricht versteht sich von selbst. Der Gradient drückt sich nach Mühlmann durch „Macht, Größe, Aktivität und Expansionslust- und kraft“ (Mühlmann, 1956, p. 193) aus. Mühlmann geht dabei aber nicht von führenden Individuen aus, sondern sieht die Führung in offenen, wenn auch klar abgrenzbaren, Ethnien. Thurnwald sucht dahingegen nach den Individuen, die innerhalb einer Ethnie nach oben kommen. Wenn wir uns jetzt also die USA ansehen könnte Thurnwald den Charakter und das Wesen des Präsidenten Donald Trump als Indikator für die Eigenschaften nehmen, die in der Gesellschaft anerkannt und erfolgreich sind. Diese angesichts des Verhaltens des Präsidenten für uns vielleicht zynisch wirkende Aussage wird sicherlich ebenso der Komplexität des Phänomens nicht gerecht. Ebenso könnte man mit Thurnwald Wall Street und den Finanzsektor als solchen als erfolgreich und positiv wahrnehmen. Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr dieses Denken die Wissenschaft komplett verlassen kann, wenn es doch als Folkmodel (Shore, 1996, p. 45) noch so stark präsent ist. Man könnte mit den beiden Theoretikern eventuell sogar ein System zwischen verschiedenen erfolgreichen Sektoren der Wirtschaft, Finanzwelt und Politik konstruieren, die sich in einem gegenseitigen Austausch gegenüber den unter ihnen stehenden Gruppen befinden.

So kann man denke ich also auch Kapitalismus als solches Siebungssystem, bzw. respektive interethnisches System mit globalem Maßstab, zu verstehen. Tatsächlich läuft

diese Vorstellung nicht unzufälligerweise äußerst parallel zur Vorstellung vieler Entwicklungspolitiken. Wenn Truman 1949 seine zweite Amtsperiode einleitet indem er feststellt, dass das technische Wissen den primitiven stagnierenden Weltregionen zur Verfügung gestellt werden muss, da sie eine Gefahr für sich selbst und wohlhabende Gebiete darstellen (Escobar, 1995), dann drückt er damit die Idee aus, dass sich die auf der unteren Stufe stehenden Ethnien dem Assimilationsdruck beugen sollen und er erhöht diesen Druck indem er Geld in diese Länder fließen lässt. Diese Logik entspricht dem was Mühlmann für natürlich und quasi automatisch gehalten hat. Tatsächlich entspricht es auch einiger Globalisierungstheorien über McDonationalization oder Cocacolonisation (Hannerz, 1990), die von einer zunehmenden Homogenisierung der Welt ausgehen spiegeln in einigen Aspekten die Ideen die Mühlmann andeutet. Nun ist es aber eher so, dass die Globalisierung und der Druck starker Ideen, mediatisierter Narrative und wirtschaftlicher Kontakte auch große Regionalisierung erzeugt hat. Viele Dinge die global zur Verfügung stehen produzieren also auch stark widerstand, werden angeeignet und verändert (Carrier, 1996). Wallstreet kann also zwar wirtschaftliche Ideale anbieten und sie mit Druck hinterlegen, trifft aber lokal auf kulturellen und sozialen Widerstand und eine Vielzahl an lokalen Bewegungen, die dem widersprechen. So bieten globale narrative zwar den Kontext und das Setting für die Produktion des lokalen, aber die lokalen kulturellen Reproduktionszyklen haben durchaus genug Agency um nicht zuzulassen, dass globale Narrative deterministisch werden (Friedman, 2007). Nicht zu Letzt ist der momentane Nationalismus- und Populismustrend meiner Meinung nach ein Indikativ für Agency den Menschen haben. Wie intelligent die Strategien der Menschen dabei sind, könnte zwar ein weiteres Argument gegen den rationalen Akteur sein, aber man kann auch in den vielen Ausprägungen der Occupy-Bewegung in der ganzen Welt eine solche Art von Widerstand gegen wirtschaftliche Logik sehen (Sparke, 2013).

Das Informelle im Formellen

Cohen sagt, dass Verteilung, Erhalt und Ausübung von Macht in symbolischen Mustern organisiert ist. Diese symbolischen Strukturen wohnen jeder Handlung inne und bilden einen essenziellen Teil der Konstruktion von Wirklichkeit. Das jede Handlung politisch ist, gilt für Cohen schon als gegeben und er geht noch einen Schritt weiter und postuliert, dass jede Handlung symbolisch ist (Cohen, 1976). Er fügt dem Political Man einen Symbolic Man hinzu, doch was ist mit dem immer wieder beschriebenen Economic Man(Akteur)?

Cohen möchte informelle Strukturen aufdecken und zeigen, wie in jeder symbolischen Handlung wichtige soziale Elemente reproduziert werden. Innerhalb einer jeden

formalisierten Struktur existieren demnach informelle Interessensgruppen, die auf unterschiedlichen Leveln politische Bedeutung erlangen. Er erklärt das ganze anhand des Londoner Karnevals, der sich durch verschiedenste Interessensgruppen durch die Zeit gewandelt hat augehend von einem an vermeintlich traditionellen Werten orientierten englischer Folkloremarktes hin zu einem Kosmopolitischen Fest das Vielfalt feiert und

platz für Widerstand bietet

Je nach Epoche haben verschiedene ethnische Gruppen

andere kulturelle Techniken angewendet um das Ritual des Karnevals für sich zu interpretieren und sich dieses Event anzueignen.

Ich denke seine Theorie ist in erster Linie als Kritik geschrieben und er verwendet viel Zeit darauf sich vor allem mit der Soziologie, bzw. allgemein Sozialwissenschaft und ihrer Beziehung zum Symbolischen auseinanderzusetzen. Dennoch geht es ihm letztlich um die Prozesse die Gruppen kreieren und reproduzieren, um Rituale und Momente in dem neue Kultur entsteht und wie diese dann weiter tradiert wird. Sein Ziel ist es eine Grundlage für systematische Symbolanalyse zu kreieren und diese in den Rang der Wissenschaftlichkeit zu heben. Er kritisiert die fehlende Betrachtung von Symbolen und deren kognitive Bedeutung in der Soziologie, da sie sich gerne als exakte Wissenschaft versteht und Symbolen der Charakter von ungenauen Elementen anhaftet. Er sagt aber auch, dass der sublime Charakter von Symbolen absolut notwendig ist für das Funktionieren von Gesellschaft. Wenn Symbole bewusst reflektiert werden, kann es passieren, dass sie Wirksamkeit verlieren.

Strategien

Wenn wir das ganze praxeologisch betrachten bekommen wir zunächst ein Problem mit der Felddefinition. Wer gehört zum Feld? Welche Habitus spielen eine Rolle, welche strukturierende Struktur wirkt?

Es gibt laut Bourdieu einen kulturellen Code, der sozialisiert ist und in den Menschen geschrieben. Er nennt es eine Art Geheimschrift, die über richtig und falsch, guten und schlechten Geschmack zu Urteilen vermag. Diese Schrift können wir unterbewusst lesen und verabsolutieren sie zu unserem Weltbild. Mit dieser Schrift ist unsere Wahrheit geschrieben und ihre Muster erkennen wir in allen Dingen. Diese Wahrheit ist aber immer gebunden an das Feld indem wir sozialisiert werden und daher ist unser vielleicht klar scheinender Blick auf die Welt eben nur eine „geschichtliche Erfindung“ (Bourdieu, 2001) Es gibt dabei eine ständige Wechselwirkung zwischen Wahrnehmung, Handeln und Produktion von Habitus. Habitus oder Dispositionen konstituieren das Denken des Akteurs und stehen in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum Feld. Auch Cohens (1976) Unterscheidung zwischen cultural action und political action spielt hier eine Rolle. Er spricht politische Aktionen intendierten Charakter zu, während kulturelle unbewusst stattfinden. Kultur als menschliches Bedürfnis schafft eine Weltordnung aus der wir unseren gesunden Menschenverstand ableiten. Genau wie Bourdieus Habitus strukturieren kulturelle Handlungen unsere Wahrnehmung.

Mit Bourdieu lässt sich meiner Meinung nach durchaus eine klare Maximierung von Kapital durch relativ-rationale Strategien im Feld argumentieren. Er stellt sich das Individuum als rational und strategisch vor. Die Frage ist, wie erfolgreich bestimmte Menschen im Feld sein können, sind Strategien rational, wenn sie scheitern? Je nach Regeln der Kapitaltransformation versucht ein jeder Akteur sein Kapital zu vermehren. Dabei gibt es verschiedene Dinge und Objekte die Ziel einer solchen Strategie sein

können. So könnte es sein, dass man soziales Kapital maximieren kann durch kulturelles Kapital in Form von Wissen über Kunst, aber auch das Wissen um bestimmte wirtschaftliche Prozesse kann in soziales und ökonomisches Kapital umgewandelt werden. (Bourdieu, 2000)

Es gibt eine klassische Debatte in der ökonomischen Anthropologie über die Motivation und das Ziel der Handlungen des Menschen. Diese Debatte zwischen Formalisten und Substantivisten wollte genau klären, ob der Mensch vorhersagbar bestimmte Werte maximiert, oder ob Verhalten innerhalb der eigenen kulturellen Kontexte immer rational ist und wenn überhaupt Maximierung nur in komplexen Bahnen verläuft (Hann, 2014). Die Seite der Substantivisten wurde am prominentesten durch Karl Polanyi vertreten. Er sagt, dass ein universalistisches Modell rationaler Akteure unfug sei, da die agency eines jeden Akteurs immer eingebettet in ein Netz aus sozialen und kulturellen Faktoren ist. Auch Bourdieu stimmt dem zu, wenn er sagt: „… to verify that strictly economic logic is not independent of the logic of the social relations in which it is immersed, or ‚embedded‘“ (Bourdieu, 2000). Er spricht also sehr explizit von der Formierung eines ökonomischen Habitus der in soziale Beziehungen eingebettet ist.

Es kann also kaum davon ausgegangen werden, dass ökonomisches Handeln losgelöst von anderen Aktivitäten verläuft, nur weil die interagierenden Partner eventuell unbekannt sind, oder weil die Logik hinter der Transaktion sich auf Geld bezieht. Weiterhin sehen wir, dass Handlungsmuster und Ideen sich in Feldern bilden und Strategien kulturelle Derivate sind.

Locating the Market

„the fetishization of hard work that fosters an internalized sense of hyperefficiency and extreme responsiveness to the demands of the market, an emphasis on instant action and performance that is bolstered by banks’ approaches to compensation not only truncate and tighten bankers’ temporal registers but also demand a total “real-time” identification with financial markets.“ (Ho, 2009)

Caitlin Zaloom (2003, 2005) schreibt über Arbeitsweise und Ausbildung von Aktienhändlern in London und die Technologien des Handelns in Chicago mit London. Sie beschreibt eine spezifische Art und Weise, wie in den Köpfen dieser Menschen bestimmte symbolische Realitäten konstruiert werden. Ho (2005, 2009) hat auf ähnliche Weise Wallstreet Händler in kulturelle und soziale Kontexte eingebettet und ihre Diskurse analysiert.

An erster Stelle steht in der Ausbildung der Londoner Händler „Disziplin“ als entmenschlichter robotisch-rationaler Narrativ, der es den Händlern erlauben soll ohne Einfluss ihrer störenden sozialen und kulturellen Eigenschaften einzig Zahlen zu analysieren. Es wird ihnen eingeredet, dass sie eine Art von „unobstructed perception“ (Zaloom 2005, S.254) entwickeln können und Verluste und Fehler in ihrem Handeln werden einzig auf fehlende Disziplin zurückgeführt. Disziplin bedeutet hierbei menschliche

Fehler abzulegen und mit Konzentration einzig den Markt wahrzunehmen. Die Konstruktion dieser "unobstructed perception" ist der Ausdruck einer epistemologischen Konstante in den Leben der Händler und nichts weiter, als das was Bourdieu als die „Fähigkeit des Sehens“ (Bourdieu, 2001, S. 19), welche am Wissen gemessen wird, bezeichnet. Die erfolgreichen Dealer glauben durch Disziplin den Willen des Marktes richtig lesen zu können. Leider ist es hier nicht so, wie bei der von Bourdieu in diesem Zitat gemeinten Kunst, dass es nur von Interesse ist für die, die den Code besitzen, sondern auf einem globalen Maßstab wirkt. Eine der ersten Lektionen ist interessanterweise das eigene Handeln zu reflektieren um bestimmte unerwünschte menschliche Eigenheiten auszumerzen. Das produziert allerdings nur dass sie alle Handlungen auf ihre vermeintlich rationale Komponente reduzieren und die kulturellen und sozialen Komponenten ausblenden, sowie ihre eigentlichen Handlungen auf dem Floor ignorieren. Das Interessante hierbei ist, dass einige der Symbole aus dem „Alltag“ bewusst gemacht und reflektiert werden, aber das neue gelernte Wissen absolut behandelt wird ohne zu Fragen ob diese „Disziplin“ tatsächlich auf so neutralen Füßen steht, genau wie Cohen (1976) meint handelt es sich hier denke ich um die manipulierten Symbole von Interessengruppen. Und es handelt sich daher keineswegs, wie auch Bourdieu sagt um einen „reinen“ Blick auf die Dinge. Dieser als positivistisch verkleidete Prozess verschleiert dabei Kontexte und sie werden absolut trainiert um die reale Bedeutung ihres Handelns nicht mehr zu erkennen. Die Absolutheit dieser Wahrheit formt die Illusion, dass das nicht nur eine Händler Technik ist, sondern auch der wirklichen sozialen und kulturellen Einbettung ihres Handelns entspricht. Dabei handelt es sich um eine geschichtliche Erfindung (Bourdieu, 2000).

Der Mensch an der Börse wird so zur Maschine. Es gibt menschliche Fehler und durch Talent kann man die maskieren und überdecken. Jeder Fehlschlag ist allerdings ein Zeichen dafür, dass man diese Menschlichkeit nicht abgelegt hat, den Markt missverstanden hat (Zaloom, 2003). Die vermeintliche Rationalität, die in die institutionelle Kultur der Börse eingeschrieben ist hat allerdings entgegen der vom Neoliberalismus postulierten rationalen Akteure keineswegs das Beste für die Wirtschaft im Sinn, sondern orientiert sich, so Ho (2009), vielmehr an Idealen, die ich Heuschreckenkapitalismus nennen würde. Sie beschreibt einen von Absolutismen geprägtes Feld, dass aus einem präsentistischen Verständnis heraus nicht in die Zukunft schaut und daher auch keine Rücksicht auf die menschlichen und sozialen Verluste und Konsequenzen nimmt. Sie machen „as many deals as the market will bear“ (Ho, 2009). Die Logik dahinter ist eine destruktive Idee von Kapitalismus, in dem der höchste Wert Akkumulation ist (Harvey, 2004). Dabei spielt es keine Rolle, ob es sozialen, kulturellen oder symbolischen Sinn ergibt oder Mehrwerte erzeugt, die nicht im Bereich des Marktes liegen. Ho sagt weiter, dass der Erklärungsdiskurs der angewendet wird teilweise der Realität nicht entspricht. So wird downsizing mit Marktschwankungen erklärt und der Verlust eigener Positionen so ertragbar gemacht. Tatsächlich sagt sie aber, werden komplett unabhängig davon, ob die Firma gerade Gewinn macht oder nicht, also ob der Markt gut steht oder nicht. Der

egoistische Menschentypus wird absolut naturalisiert indem alle Dinge auf den Markt und die robotischen Individuen, die in ihm agieren zurückgeführt wird (Hann, 2014). Ho geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, dass die institutionellen Modelle tatsächlich nur durch die wiederholten Käufe und Verkäufe begründet durch die selbe Marktlogik, die Wirtschaft verformen und im Endprodukt sie so dasteht, wie sie gedacht wird. Der Habitus der Händler selbst produziert also ein Feld in dem der Habitus funktioniert. Ihre Strategien und Handlungen, sowie der rigorose Ausbildungsprozess diszipliniert nicht nur die Händler und Financiers selbst, sondern kreiert ein Feld in dem der Markt zu funktionieren scheint. Da sie reale Wirtschaft in ihren Büros gestalten wirkt sich das wiederum auf eine Vielzahl an Menschen auf der ganzen Welt aus (Ho, 2005).

Disziplin ist wie ein Zauberwort, dass alle „menschlichen“ Fehler maskieren kann. Tatsächlich ist Spekulation aber eine hochgradig soziale Tätigkeit. Zaloom (2005) kann das sehr gut in ihrer Analyse der Technologien zeigen. Sie beschreibt wie das unruhige Chaos auf den Börsenmärkten früher (und auch heute noch) aussah. Es ist chaotisch und es wird geschrien, man muss sich dabei gegenseitig überbieten, sehen, wie die anderen reagieren und aktiv sein, laufen. Wenn in vielen modernen Büros nun von dem open- outcry pit“ zu „trading screen“ - Computerarbeitsplätzen ersetzt wird, dann entwickeln die Händler kleine Eigenheiten um das „Chaos“ zu kompensieren. Sie programmieren individuelle Sounds in die Software und interpretieren in zufällige Marktbewegungen narrative und persönliche Motivationen. Auf den Bühnen des offenen Bietens gibt es Anspannung und physische Bewegung. Die Menschen reagieren und sind immer Wenn wir uns dem aus ethnosoziologischer Perspektive annähern wird dadurch einmal erkennbar, dass Menschen innerhalb ihres Arbeitsumfeldes sozialisiert werden und das nicht immer entlang der Linien die sie aussprechen, ähnlich dem was Cohen über die Elite postuliert stellen sie eigene Verhaltensweisen, Sprache und Codes zur Schau. Ebenso finden wir von Cohen hier wieder, dass symbolische Handlungen in komplexen Gesellschaften maskiert werden, sie verschwinden hinter der Vielzahl an Interaktionen, Handlungen und Rechtfertigungsdiskursen und lassen sich nur schwer aus ihrem Feld rauslösen. Genauso werden die Machtpositionen, in denen sich die Spekulanten bewegen, komplett verdeckt und mit ominösen religiösen Termini beschrieben. Dies ist allerdings keine bewusste Handlung. Es ist keine Machtstrategie und es findet keine Art der Interaktion zwischen den Betroffenen und den Orten der Dominanz statt. Mit Bourdieu können wir sagen, dass die Händler in ihrem Feld Strategien für die Maximierung aller Kapitalsorten anwenden. Offensichtlich ökonomisches Kapital, aber ganz klar auch soziales Kapital indem sie versuchen Kontakte zu knüpfen. Ho (2009) beschreibt ihre Netzwerke, die auch nachdem sie gefeuert wurde stabil blieben als wichtigen Teil ihres Forschungsdesigns. Diese semi-stabilen Netzwerke erhalten die kulturellen Codes und Narrative.

Aber was ist nun eigentlich der Markt? Es ist der imaginierte Ort an dem Preise festgelegt werden und der die Wirtschaft steuert. Er scheint, wie ein omnipotentes unantastbares Ding. Der Markt hat auch Persönlichkeit und kann bestrafen, belohnen,

aber auch ruhig sein, aufgeregt und nervös. Der Markt wird wie ein Gott behandelt. Jeder Verlust wird auf ein Missverstehen des Willens des Marktes interpretiert, der einzig die

Werte produziert. Ho schreibt: „a manager at the London dealing firm (LDF)

view that the market acts as an instrument of the divine. ‚We don’t know value. Only God knows value.‘“ Der Markt ist Ausrede und Erklärungsmodell, er ist die fehlende Letztbegründung für absolut alles. Eine Informantin von Karen Ho wird bei Lehman Brothers gefeuert und als Begründung stottert sie ihr nur ein Wort entgegen: „Market“ (Ho, 2009). Eine ganze Reihe von Fällen in Hos Beschreibung führen alles immer auf den magischen Markt zurück. Ihre Religion ist Markt und sie unterwerfen sich bestimmter Prinzipien. Wenn der Händler versagt, dann ist er vom Markt verlassen, gleichzeitig sehen sie ihre Tätigkeit als benevolent. In ihrer Rechtfertigung steuern sie außer Kontrolle geratene Manager und führen sie zu ihrem rechtschaffenen Handeln, der Erhöhung des Marktwertes der Firma, zurück. „Investment bankers use shareholder value as a kind of moral idealism and self-justifying ideology to rationalize their contradictory actions.“ (Ho, 2009). Die Abstraktion geht sogar noch einen Schritt weiter. In einem Interview fragt Ho einen Kollegen, ob es Widersprüche gibt, wenn man versucht den Marktwert über das Wohl der Firma zu setzen. Als Antwort bekam sie, dass dies keinen Sinn ergibt, da theoretisch alles was gut für den Marktwert ist, auch gut für die Firma ist, da die Firma den Teilhabern entspricht. Er sieht also nicht, dass eine Firma Dinge produziert. Er sieht nicht, dass eine Firma eine Realität besitzt die außerhalb des Marktes liegt. Er sieht nicht einmal die Angestellten und nicht mal die Managementebene. Wenn wir uns also auf der anderen Seite die Beziehungen zwischen Markt und Produzenten Seite anschauen sehen wir, dass das ganze noch absurder ist. Die durch finanzielle Machtmittel, wie Kredite und Entwicklungsgeld vielen Ländern aufgezwungenen Strukturreformen des IMF und Weltbank hat sie Finanzinstitutionen ausgeliefert. Der Markt steuert Wert und Preise und kann somit über Nacht ganze Existenzen vernichten. Was hier ethnosoziologisch interessant ist, wie die Positionen der Händler und die Konsequenzen ihrer Handlungen mystifiziert wird und den sozialen Raum verlässt. Es wird überdeckt, dass nicht nur der Markt, sondern auch die Händler selbst den Preis steuern und dass auch das Angebot und der Wert von Produzenten verhandelt wird. Der Markt evoziert sich nicht über einem abstraktes Rationalitätsmodell der Disziplin, wie es in den Schulen der Londoner Wertpapiermärkte gerne vermittelt wird, sondern über tatsächlichen Handlungen und Entscheidungen von Menschen anhand von frei festgelegten Kriterien. Dieser Widerspruch zwischen Produktivität und Marktwert zeigt eine Mystifizierung der realen Bedingungen. Es ist wie in einer Untersuchung von Burawoy (2012) in einer polnischen Fabrik. Er stellt dort fest, dass durch verschiedene Spiele und Zielsetzungen für die Arbeiter eine Unternehmenskultur geschaffen wird, die so mächtig ist, dass die Arbeiter dabei nicht in der Lage sind zu erkennen, dass ihr Mehrwert abgeschöpft wird. Er erkennt das als eine der Säulen, die die kapitalistische Ausbeutung aufrecht erhalten:

Mystifizierung. Wir erkennen hier hervorragend die Bedeutung von informellen und symbolischen Handeln in der Reproduktion von Machtverhältnissen, wie sie Cohen im Londoner Karneval erkennt. Genau wie verschiedene Musik und Rebellennarrative

stated his

bestimmten Gruppen dazu dienen gehört zu werden, schafft es der Marktdiskurs Machtpositionen zu erhalten. Und das nicht durch formelle Macht oder einzig durch ein höheres symbolisches oder soziales Kapital, sondern durch Mystifizierung der realen Umstände hinter einer quasi-religiösen Marktkonstruktion

Zaloom (2005) schreibt, dass der Gott-Markt und die Disziplin als Frömmigkeit in einem surrealen religiösen Umfeld alle ethischen Bedenken zerstreuen kann. Zuboff (2009) geht in einem sehr polemischen Zeitungsartikel sogar so weit die Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuprangern und vergleicht Wallstreet-Schreibtischtäter mit dem „administrative massacre“ von Kalibern eines Adolf Eichmann. Wenn ich es auch für reichlich übertrieben halte den Holocaust in Spekulationsverbrechen reinzulesen, ist die Ähnlichkeit der Art und Weise, wie die Menschen ihr Handeln normalisieren innerhalb eines klaren Regelapparats doch erschreckend. Für die ethnosoziologische Analyse ist es problematisch, wenn tatsächlich keine soziale und kulturelle Beziehung zwischen den untersuchten Gruppen existiert, dennoch aber eine ökonomische. Für Thurnwald und Mühlmann würde das gar kein Problem darstellen, da die tatsächliche Interaktion denke ich für sie kein Kriterium der Siebung darstellt. Es geht immer nur um den Assimilationsdruck und der kann durchaus auch anonym sein. Bei Bourdieu hingegen wird diese Art der Nicht-Beziehung um einiges komplizierter. Wir haben eine vorgestellte soziale Logik deren Konsequenzen keine sozialen Bindungen zerstört. Sie können quasi frei kulturelles in ökonomisches Kapital umwandeln, indem sie ihr Wissen auf den Markt anwenden auf Kosten von Menschen, die sie nicht kennen und mit denen sie nie reden werden. Sie üben dabei in ihrer ökonomischen Rationalität eine unglaubliche Macht aus. Doch das alles ist versteckt hinter einem Bildschirm oder den rationalisierten Zahlen des Pits. Die intensive Auseinandersetzung mitUnd es zerstreut nicht nur die ethischen Gefahren, sondern verhindert auch jegliche Möglichkeit einer sozialen Beziehung zu den Betroffenen, sei sie auch nur imaginär. Diese Anonymisierung und Mystifizierung institutionalisiert Macht in formellen Strukturen.

Cohen sagt, dass jede Beziehung eine Machtbeziehung ist. Doch was machen wir, wenn keine Beziehung existiert? Die einzige soziale Beziehung zwischen Wallstreet und einem kolumbianischen Bauern ist imaginiert.

Vielleicht könnte die internationale Politikwissenschaft erklären, wie Macht indirekt ausgeübt wird, für die Ethnosoziologie wäre es von Bedeutung die imaginierte Beziehung zwischen Wallstreet und den Menschen über den Weg des Marktes zu kartographieren. Wir sehen, dass alles in der Sozialisierung der Händler sie zu anonymen vermeintlich rationalen Maschinen macht, deren ethisches Bewusstsein zerstreut und reale Kontexte mystifiziert werden. Die Fragen danach, wer Zugang zu Finanzinstitutionen hat und wo die von den Finanzinstitutionen betroffenen Menschen sind, kann man sich nur sinnvoll stellen, wenn wir hinterfragen, wo diese situiert sind. Reuter und Villa (2010) wollen Soziologie provinzialisieren und was ich hier versuche ist es die globalen Finanzmärkte zu provinzialisieren. Das selbe Dominanzdenken, dass Reuter und Villa in der Soziologie

finden, können wir auch in den Finanzmärkten wiederentdecken. Sie denken ihre Lebensweise als globalen Narrativ, sie glauben ihre Wirtschaftslogik sei universell gültig, obwohl sie doch nur auf europäisch-universalistischem gewachsen sind und tatsächlich, wie Ho (2009) schreibt, selber mit für ihre Universalität verantwortlich, da durch die konsequente Praxis ihre Daten sich immer mehr dem Modell annähern.

Ich denke man sollte immer kritisch hinterfragen, wer ökonomische Modelle produziert und wo diese Personen stehen und wo die „Opfer“ des ganzen situiert sind. Man findet schnell Probleme mit Ernteausfallversicherungen in den USA mit denen spekuliert wird und es gibt viele Bücher und Sonderausgaben zur Immobilienblase und ganz klar spürt man es wenn mal wieder ein Ölscheich etwas auf dem Markt durchdrücken möchte. Doch hört man schon weniger, wenn der Kaffeepreis mal wieder sinkt über die Strukturprobleme in Kolumbien, oder die Auswirkungen von Lebensmittelpreisen in Afrika, oder bestimmte exportorientierte Länder, deren komplette Wirtschaft ins Wanken gerät, weil ein bestimmtes Produkt gerade auf dem Weltmarkt billig ist oder bestimmte Multinationale gerade wieder am downsizen sind.

Die zentrierte Wissensproduktion von Wallstreet ist eine Herrschaftsgeste auch wenn wir keine tatsächliche Beziehung zwischen Händlern. Hier erdet sich im lokalen ein globaler Narrativ, der in den informellen Praktiken von Wallstreet produziert wird.

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