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Cassian († 430/35)

Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis


coenobiorum et de octo principalium vitiorum
remediis)
Generiert von der elektronischen BKV
von Gregor Emmenegger / Konrad Holzbauer
Text ohne Gewähr
Text aus: Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus : erster Band / aus dem
Urtexte übers. von Antonius Abt. (Bibliothek der Kirchenväter, 1 Serie, Band 59), Kempten
1879.
Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium
vitiorum remediis)
Erstes Buch: Von der Kleidung der Mönche.
1. Einleitung.
2. Der Gürtel.
3. Das Mönchsgewand.
4. Die Kapuze (cucullus) der Ägyptier.
5. Das Untergewand der ägyptischen Mönche.
6. Die Armschnüren (rebrachiatoria).
7. Das Schultergewand (mafors).
8. Das Ziegenfell.
9. Der Stab.
10. Die Fußbekleidung.
Zweites Buch: Die kanonischen Vorschriften über die nächtlichen Gebete und Psalmengesänge.
1.
2. Die Anzahl der Psalmen in den verschiedenen Provinzen.
3. Die einmüthige Regel, wie sie in ganz Aegypten beobachtet wird, und die Wahl der
Vorgesetzten.
4. Die Zwölfzahl der Psalmen, welche in ganz Aegypten und in der Tbebais festgehalten wird.
5. Die Zwölfzahl der Psalmen rührt von einem Engel her.
6. Der Gebrauch der zwölf Orationen.
7. Die Haltung beim Gebet.
8. Die auf den Psalm folgende Oration.
9. Die Beschaffenheit des Gebetes.
10. Die Stille und Kürze des Gebetes (der Orationen) bei den Aegyptiern.
11. Die Art und Weise, wie die Ägyvtier die Psalmen beten.
12. Warum die Mönche im Chore sitzen, und wie sie die Nachtwachen bis zum Morgen
ausfüllen.
13. Warum man nach Beendigung der nächtlichen Andacht nicht mehr schlafen soll.
14. Wie sie in ihren Zellen Handarbeit mit Gebet verbinden.
15. Die Bescheidenheit gebietet, daß ein Jeder nach Schluß des Gebetes in seine Zelle
zurückkehre, und wer anders handelt, setzt sich dem Tadel aus.
16. Keiner darf mit Einem beten, der vom Gebete ausgeschlossen ist.
17. Wer zum Gebete ruft, muß die Brüder zur gewohnten Stunde wecken.
18. Vom Samstag Abend bis zum Sonntag Abend kniet man nicht.
Drittes Buch: Von dem vorgeschriebenen Officium des Tages.
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1. Einleitung.
2. Von den Ägyptern wird das Gebet, ohne Unterschied der Stunden, beständig bei der
Handarbeit geübt.
3. Im ganzen Orient werden die Terz, Sert und Non schon nach drei Psalmen und Orationen
geschlossen. — Warum man gerade diese Stunden zur Abhaltung des betreffenden
Gottesdienstes wählte.
4. Die Matutin, welche wir Prim nennen, ist nicht durch alte Ueberlieferung eingeführt, sondern
zu unserer Zeit hinzugekommen.
5. Nach der Matutin (Prim) darf man nicht wieder schlafen gehen.
6. Durch Einführung der Matutin (Prim) wurde von den Obern Nichts an der alten Ordnung des
Psalmengebetes geändert.
7. Wer zum Gebet am Tage vor Schluß des ersten Psalmes nicht erschienen ist, darf das
Oratorium nicht mehr betreten; bei dem Nachtgebet aber wird eine Verspätung bis zum Schlusse
des zweiten Psalmes noch verziehen.
8. In welche Zeit die mit Samstag Abend beginnenden Nachtwachen fallen, und in welcher
Ordnung dieselben gehalten werden.
9. Warum wurden für den Samstag Vigilien verordnet, und warum tritt im Orient die Befreiung
vom Fasten schon am Samstag ein?
10. Ursprung der Samstagsfasten in der Stadt Rom.
11. Worin unterscheidet sich die Feier des Sonntags von der Lebensweise an den übrigen Tagen?
12. Regeln bezüglich des Tifchgebetes.
Viertes Buch: Regeln für die Novizen.
1. Einleitung.
2. Von der bis zum höchsten Alter andauernden Beharrlichkeit in den Klöstern.
3. Von der Prüfung der Aufzunehmenden.
4. Warum das Vermögen der Novizen nicht zum Nutzen des Klosters verwendet wird.
5. Warum die Novizen nach ihrem Eintritte in's Kloster ihre Kleider ablegen und vom Abte ihnen
andere angelegt werden.
6. Warum die Kleider der Novizen, mit denen sie in das Kloster eingetreten sind, von dem
Hausmeister aufbewahrt werden.
7. Den Novizen wird nicht sofort der Verkehr mit den Brüdern gestattet, sondern sie nehmen
zuvor ihren Aufenthalt in der Herberge.
8. Erste Übungen der Novizen zur Besiegung aller bösen Begierden.
9. Die Novizen dürfen ihrem Vorsteher keinen ihrer Gedanken vorenthalten.
10. Großer Gehorsam der Novizen auch bezüglich der natürlichen Bedürfnisse.
11. Die kostbarste Speise der Mönche.
12. Auf das Klopfen an die Thüre unterlassen die Mönche jegliche Arbeit und treten schnell zu
dem Ankommenden hin.
13. Es gilt für ein großes Vergehen, auch nur etwas ganz Werthloses sein zu nennen.
14. Trotz des aus der Handarbeit gewonnenen Geldes wagt doch Niemand die kärgliche
Genügsamkeit der Regel zu überschreiten.
15. Über die bei uns herrschende maßlose Habsucht.
16. Regeln über die verschiedenen Zurechtweisungen.
17. Ursprung der frommen Lesung bei Tisch und Beobachtung des Stillschweigens bei den
ägyptischen Mönchen.
18. Es ist verboten, ausser der gemeinsamen Mahlzeit Speise oder Trank zu genießen.
19. Tägliche Dienstleistungen der Brüder in Palästina und Mesopotamien.
20. Wie ein Hausmeister drei Linsenkörner fand.
21. Freiwillige Dienste der Brüder.
22. Regeln der ägyptischen Mönche bezüglich der täglichen Dienste.
23. Gehorsam des Abtes Johannes, der ihm sogar die Gabe der Prophezeihung verdiente.
24. Derselbe Abt Johannes begießt auf Befehl seines Obern ein dürres Holz, wie um es wieder zu
beleben.
25. Abt Johannes wirft auf seines Oberen Befehl das einzige Oelgefäß weg.

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26. Aus Gehorsam gegen seinen Vorgesetzten versucht der Abt Johannes einen mächtigen
Felsblock fortzuwälzen.
27. Demuth und Gehorsam des Abtes Mucius, der auf Befehl des Oberen sein eigenes Kind ohne
Zaudern in einen Bach warf.
28. Belobung und Belohnung des frommen Mucius.
29. Gehorsam jenes Bruders, der auf des Abtes Befehl zehn Weidenkörbe öffentlich feil bot und
verkaufte.
30. Große Demuth und Selbstverleugnung des Abtes Pynupius.
31. Abt Pynupius, in sein Kloster zurückgeführt, flieht nach kurzem Aufenthalte daselbst wieder
nach Syrien.
32. Ermahnungen, welche der Abt Pynupius an einen neu aufgenommenen Bruder richtete.
33. Fortsetzung.
34. Fortsetzung.
35. Fortsetzung.
36. Fortsetzung.
37. Fortsetzung.
38. Fortsetzung.
39. Fortsetzung.
40. Fortsetzung.
41. Fortsetzung.
42. Fortsetzung.
43. Schluß.
Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.
1. Übergang von den Ordensregeln zur Bekämpfung der acht Hauptsünden.
2. Obwohl alle Menschen die Ursachen ihrer Fehler in sich tragen, so sind doch nicht alle mit
denselben bekannt und bedürfen deßhalb zur Erkenntniß derselben göttlicher Hilfe.
3. Unser erster Kampf muß gegen den Geist der Gastrimargie d. h. der Gaumenlust gerichtet sein.
4. Nach dem Zeugnisse des Abtes Antonius muß man jede Tugend durch das Beispiel
Desßenigen sich aneignen, der sie in besonderem Maße besitzt.
5. Nicht Alle können eine einheitliche Fastenordnung beobachten.
6. Nicht bloß von Wein wird der Geist berauscht.
7. Die Schwäche des Fleisches kann nicht die Reinheit des Herzens verhindern.
8. Wie man Speisen begehren und genießen darf.
9. Maß der vorzunehmenden Abtödtungen und Mittel gegen schädliche Fasten.
10. Zur Erhaltung der Reinheit des Leibes und derSeele ist die Enthaltsamkeit von Speisen nicht
hinreichend.
11. Die Gelüste des Herzens können nur zugleich mit der gänzlichen Ausrottung der Laster
ertödtet werden.
12. Dem Kampfe gegen den Geist muß der Kampf gegen das Fleisch zum Vorbilde dienen.
13. Wenn wir von dem Laster der Unmäßigkeit nicht frei sind, können wir nimmer an die
Kämpfe gegen den inneren Menschen uns heranwagen.
14. Überwindung der Gaumenlust.
15. Stets muß der Mönch die Reinheit seines Herzens zu bewahren bestrebt sein.
16. Der Mönch kann, ähnlich der beim olympischen Wettkampfe üblichen Sitte, die geistlichen
Kämpfe nicht bestehen, wenn er im Kampfe wider das Fleisch nicht den Sieg davon getragen hat.
17. Die Grundlage des geistigen Kampfes beruht auf dem Kampfe gegen die Unmäßigkeit.
18. Durch wie viele Kämpfe und Siege der Apostel die Siegeskrone im höchsten Kampfe
errungen habe.
19. Der Kämpfer Christi verläßt nicht den Kampf, solang er im Körper weilt.
20. Der Mönch darf die Essenszeit nicht überschreiten, wenn er zu den Kämpfen mit dem innern
Feinde gelangen will.
21. Von dem inneren Frieden und der geistigen Enthaltsamkeit des Mönches.
22. Wir müssen die körperliche Enthaltsamkeit üben, um zur Nüchternheit des Geistes zu
gelangen.

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23. Wie die Kost eines Mönches beschaffen sein soll.
24. In Ägypten werden nach meiner eigenen Erfahrung bei der Ankunft eines Fremden die
täglichen Fasten stets gebrochen.
25. Enthaltsamkeit eines Greises, der nach sechsmaligem Genusse von Speisen noch hungerte.
26. Ein anderer Greis nahm in seiner Zelle niemals allein Speise zu sich.
27. Lob der Äbte Päsius und Johannes.
28. Des Abtes Johannes herrliche Lehre, gegeben auf dem Todesbette.
29. Abt Machetes schlief nie bei geistlichen Gesprächen, aber beim Anhören weltlicher
Geschichten versank er stets in Schlaf.
30. Des Abtes Machetes Vorschrift, über Niemanden zu urtheilen.
31. Strafrede desselben Greises gegen die Brüder, welche bei geistigen Gesprächen schliefen,
aber bei der Erzählung müßiger Geschichten aufwachten.
32. Wie Briefe vor dem Lesen verbrannt wurden.
33. Abt Theodor löst eine Frage mit Hilfe des Gebetes.
34. Welches Studium der Abt Theodor seinen Mönchen empfahl, um Kenntniß in der heiligen
Schrift zu erlangen.
35. Strafrede des Abtes Theodor, die er um Mitternacht in meiner Zelle hielt.
36. Beschreibung der Wüste Diolkus, in welcher Anachoreten leben.
37. Von der Nächstenliebe des Abtes Archebius.
38. Archebius bezahlt mit seiner Hände Arbeit die Schuld seiner Mutter.
39. Durch welchen Vorwand ein Greis dem Bruder Simeon. als er Nichts zu thun wußte,
Handarbeit verschaffte.
40. Knaben, welche einem entfernten Kranken Feigen bringen sollten, wollten lieber in der
Wüste verhungern, als dieselben genießen.
41. Nach des Abtes Makarius Ausspruch soll der Mönch die Enthaltsamkeit üben, möge er nun
ein langes Leben oder jeden Tag den Tod vor sich zu haben glauben.
Sechstes Buch: Von dem Geiste der Unreinheit.
1.
2. Von dem Hauptmittel gegen den Geist der Unkeuschheit.
3. Einfluß der Einsamkeit auf die Überwindung des Lasters der Unreinheit.
4. Welcher Unterschied ist zwischen der Keuschheit und Enthaltsamkeit, und ist man stets im
Besitze von beiden?
5. Die Versuchung zur Unkeuschheit kann nicht durch menschliche Anstrengung allein
überwunden werden.
6. Zur Erlangung der Keuschheit ist eine besondere Gnade Gottes nothwendig.
7. Ein nach dem Apostel dem weltlichen Kampfe entlehntes Gleichniß.
8. Die Keuschheit, verglichen mit der Reinigung Jener, die einen irdischen Kampf antreten
wollen.
9. Welch' großer Herzensreinheit wir uns stets in den Augen Gottes befleissen müssen.
10. Kennzeichen einer vollkommenen und unverletzten Reinheit.
11. Ursache der nächtlichen Beunruhigung.
12. Die Reinheit des Fleisches kann ohne die Reinheit des Herzens nicht erreicht werden.
13. Gleich bei ihrer ersten Regung müssen die fleischlichen Gedanken zurückgewiesen werden.
14. Wir sollen nicht so sehr einen Ruhmeskranz der Keuschheit zu flechten, als dieselbe wirklich
an uns darzustellen streben.
15. Die Tugend der Reinheit wird vom Apostel in besonderem Sinne Heiligkeit genannt.
16. Ein anderes Zeugniß des Apostels über die Heiligkeit.
17. Die Hoffnung auf einen erhabenen Lohn muß die Wachsamkeit für die Keuschheit
vermehren.
18. Die Grundlage der Keuschheit ist Demuth, Grundlage der Wissenschaft aber Keuschheit.
19. Ausspruch des heiligen Basilius über seine Jungfräulichkeit.
20. Woran man die vollkommene Reinheit des Herzens erkennt.
21. Mittel zur Bewahrung des Standes vollkommener Reinheit.

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22. Wie weit wir es in der Reinheit des Leibes bringen können, und woran man ein ganz rein
gewordenes Herz erkennen kann.
23. Mittel zur steten Bewahrung vollkommener Reinheit des Leibes und der Seele.
Siebentes Buch: Von dem Geiste der Habsucht.
1. Einleitung.
2. Verderblichkeit der Habsucht.
3. Ihrer Natur nach sind die Leidenschaften uns nützlich.
4. Ohne Gott zu beleidigen, können wir sagen, daß wir einige Fehler von Natur in uns haben.
5. Von den Fehlern, welche, abgesehen von den in unserer Natur liegenden Leidenschaften, durch
unsere eigene Schuld verursacht werden.
6. Einmal aufgenommen, ist die Krankheit der Habsucht schwer zu vertreiben.
7. Quellen und Folgen der Habsucht.
8. Die Habsucht verhindert alle Tugenden.
9. Ein Mönch, der Geld besitzt, kann nicht im Kloster bleiben.
10. Von den schlimmen Folgen, welche das Entlaufen aus dem Kloster nach sich zieht.
11. Um das Geld aufzubewahren, sucht man die Wohnungen von Frauen auf.
12. Beispiel eines lauen und in die Schlingen des Geizes verwickelten Mönches.
13. Die älteren Brüder sind den jüngeren bei >blegung ihrer Fehler behilflich.
14. Von der dreifachen Krankheit der Habsucht.
15. Unterschied zwischen einer schlechten und keiner Bekehrung.
16. Mit welchem falschen Zeugniß sich Jene zudecken suchen, die sich ihres Vermögens nicht
entledigen wollen.
17. Die Entsagung der Apostel und der ersten Kirche.
18. Wollen wir die Apostel nachahmen, so dürfen wir nicht nach unsern Anschauungen leben,
sondern müssen ihrem Beispiele folgen.
19. Ein Wort des heiligen Bischofs Basilius gegen Synkletikus.
20. Es ist eine große Schmach, sich von der Habsucht beherrschen zu lassen.
21. Von der Überwindung der Habsucht.
22. Auch ohne Geld zu besitzen kann Einer für einen Geizhals gelten.
23. Das Beispiel des Judas.
24. Nur durch gänzliche Entsagung kann die Habsucht besiegt werden.
25. Der Tod des Ananias, der Saphira und dea Judas als Strafe für ihre Habsucht.
26. Die Habsucht befleckt die Seele mit einem geistigen Aussatze.
27. Die heilige Schrift belehrt den Ordensmann, daß er Nichts von dem einmal aufgegebenen
Gute wieder an sich bringen darf.
28. Nur durch Selbstentäusserung ist der Sieg über die Habsucht möglich.
29. Worin die freiwillige klösterliche Armuth bestehe.
30. Heilmittel gegen die Krankheit der Habsucht.
31. Nur wer im Kloster ausharrt, kann die Habsucht besiegen.
Achtes Buch: Von dem Geiste des Zornes.
1. Einleitung.
2. Von der Behauptung: der Zorn, mit dem man Sündern zürne, sei nicht sündhaft, da man auch
von Gott sage, daß er zürne.
3. Von den Prädikaten, die Gott nach menschlichem Sprachgebrauch beigelegt werden.
4. Was von den menschlichen Gliedern und Affekten zu halten sei, die Gott, dem Unwandelbaren
und Körperlosen, nach der Schrift beigelegt werden.
5. Welche Versöhnlichkeit dem Mönche ziemt.
6. Von der ungerechten und gerechten Erregung des Zornes.
7. Einziger Fall der Notwendigkeit und Heilsamkeit des Zornes.
8. Von dem Zorne gegen uns selbst.
9. Welche Sonne soll nicht über unserem Zorne untergehen?
10. Von Jenen, deren Zorn nicht einmal der Sonnenuntergang ein Ziel setzt.

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11. Wer seinen Zorn verbirgt und verdeckt, sündigt dadurch nicht weniger, als wenn er ihn offen
zeigte.
12. Man darf den Zorn nicht einen Augenblick lang hegen.
13. Von der brüderlichen Versöhnung.
14. Auch der alte Bund verbietet den Zorn in der That wie den im Gedanken.
15. Tadel Derer, welche die Ursachen ihrer Ungeduld auf Andere werfen.
16. Die Ruhe unseres Herzens darf nicht in dem Willen eines Anderen, sondern nur in unserer
Gewalt liegen.
17. In welcher Absicht soll der Mönch die Einöde aufsuchen?
18. Ungeduldig und zornig sind oft auch Diejenigen, welche nicht von Andern dazu veranlaßt
werden.
19. Wie man nach dem Evangelium den Zorn ausrotten soll.
20. Muß man in der Stelle des Evangeliums: „Wer seinem Bruder zürnt etc.“ den Zusatz „ohne
Grund“ beibehalten?
21. Mittel zur Ausrottung des Zornes.
Neuntes Buch: Von dem Geiste der Betrübniß.
1. Einleitung.
2. Die Krankheit der Betrübniß muß man Vorsicht heilen.
3. Vergleichung einer von den Bissen der Traurigkeit angenagten Seele.
4. Von der Quelle der Betrübniß.
5. Nicht fremde, sondern unsere Schuld ruft die unordentlichen Regungen in uns hervor.
6. Niemand geht durch plötzlichen, sondern durch wiederholten Fall in die Sünden zu Grunde.
7. Zur Erlangung der Vollkommenheit muß man nicht den Umgang mit den Brüdern meiden,
sondern stets die Geduld üben.
8. Bei guten Sitten kann man sich mit Jedermann vertragen.
9. Von einer anderen Betrübniß, welche Verzweiflung am Heile herbeiführt.
10. Von dem Nutzen der Betrübniß.
11. Unterschied zwischen der nützlichen, von Gott kommenden und der verderblichen, vom
Teufel stammenden Betrübniß.
12. Ausser jener heilsamen, aus drei Quellen entspringenden Betrübniß muß jede andere, als
schädlich, vertrieben werden.
13. Mittel zur Entfernung der Traurigkeit.
Zehntes Buch: Von dem Geiste der Lauheit.
1. Einleitung.
2. Wie die Lauheit in das Herz des Mönches sich einschleicht und mit welchen Zerstreuungen sie
seinen Geist bestürmt.
3. Was ermöglicht der Lauheit den Sieg über den Mönch?
4. Der Überdruß verschließt das Auge des Geistes gegen jegliche heilsame Betrachtung.
5. Ein zweifacher Überdruß zeigt sich im geistigen Kampfe.
6. Von den verderblichen Wirkungen der Lauheit.
7. Zeugnisse des Apostels über den Geist der Lauheit.
8. Unruhig ist nothwendig Jeder, welcher in der Handarbeit keine Befriedigung finden will.
9. Nicht nur der Apostel, sondern auch seine Begleiter beschäftigten sich mit Handarbeit.
10. Der Apostel erwarb sich seinen Unterhalt mit seiner Hände Arbeit, um uns ein Beispiel zu
geben.
11. Durch sein Beispiel wie durch Worte ermahnt der Apostel zur Arbeit.
12. Der Apostel begnügt sich nicht mit der bloßen Mahnung, sondern bringt auch Autorität und
Gebot zur Anwendung.
13. Über die Worte: „Wir haben gehört, daß Einige unter euch sind, die einen unruhigen
Lebenswandel führen“.
14. Die Arbeit beseitigt viele Sünden.
15. Auch gegen die Müssigen und Nachläßigen muß man die Nächstenliebe üben.
16. Nicht aus Haß, sondern aus Liebe muß man die Fehlenden zurechtweisen.

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17. Verschiedene Zeugnisse des Apostels, in denen er die Arbeit gebietet und bezeugt, selbst
gearbeitet zu haben.
18. Soviel arbeitete der Apostel, als es ihm zur Befriedigung seiner und seiner Gefährten
Bedürfnisse hinzureichen schien.
19. Über den Sinn des Wortes: „Glückseliger ist es zu geben als zu empfangen.“
20. Von einem trägen Bruder, der Andere zum Austritte aus dem Kloster zu verlocken suchte.
21. Verschiedene Aussprüche Salomons gegen die Trägheit.
22. In Ägypten bestreiten die Brüder mit ihrer Handarbeit nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse,
sondern reichen auch den Gefangenen im Kerker Lebensmittel.
23. Der Müssiggang ist schuld, daß es im Abendlande fast keine Mönchsklöster gibt.
24. Wie der Abt Paulus jedes Jahr seine ganze Arbeit verbrannte.
25. Worte des Abtes Moses, die derselbe über die Mittel gegen die Lauheit an mich richtete.
Elftes Buch: Von dem Geiste der eitlen Ruhmsucht.
1. Einleitung.
2. Die Ruhmsucht plagt den Mönch nicht bloß nach seiner leiblichen, sondern auch nach seiner
geistigen Seite.
3. Die eitle Ruhmsucht ist vielgestaltig und vielfältig.
4. Die eitle Ruhmsucht bestürmt den Mönch von der rechten und von der linken Seite.
5. Ein Vergleich, der das Wesen der eitlen Ruhmsucht beleuchtet.
6. Die eitle Ruhmsucht weicht nicht ganz dem wohlthätigen Einflusse der Einsamkeit.
7. Einmal niedergeworfen erhebt sich die eitle Ruhmsucht mit größerer Heftigkeit wieder zum
Kampfe.
8. Weder durch die Einsamkeit noch durch das Alter verliert die eitle Ruhmsucht ihre Heftigkeit.
9. Noch größere Gefahren bereitet die eitle Ruhmsucht in Verbindung mit Tugenden.
10. Beispiel des Königs Ezechias, den der Pfeil eitler Ruhmsucht hingestreckt hat.
11. Beispiel des Königs Ozias, der von derselben verderblichen Krankheit überwunden wurde.
12. Verschiedene Zeugnisse gegen die eitle Ruhmsucht.
13. Wie die eitle Ruhmsucht den Mönch plagt.
14. Wie die Ehrsucht durch Einflüsterungen zur Erstrebung der priesterlichen Würde veranlaßt.
15. Die eitle Ruhmsucht berauscht den Geist.
16. Man kann diesen Fehler nur dadurch heilen, daß man seine Wurzeln und Ursachen kennen
lernt.
17. Der Mönch soll Weiber und Bischöfe meiden.
18. Mittel gegen das Übel der eitlen Ruhmsucht.
Zwölftes Buch: Von dem Geiste des Hochmuthes.
1. Einleitung.
2. Es gibt zwei Arten von Hochmuth.
3. Der Stolz vernichtet alle Tugenden.
4. Durch den Hochmuth wurde Lucifer aus einem Erzengel ein Teufel.
5. Aller Sünden Keim sproßt aus dem Stolz hervor.
6. Die Sünde des Stolzes ist in der Ordnung des Kampfes die letzte, jedoch der Zeit und dem
Ursprunge nach die erste.
7. So groß ist das Übel des Stolzes, daß es Gott selbst zum Widersacher zu haben verdient.
8. Gott hat den Stolz des Teufels durch die Tugend der Demuth ertödtet.
9. Auch wir vermögen den Stolz zu überwinden.
10. Niemand kann vollkommene Tugend noch die verheissene Glückseligkeit einzig aus eigener
Kraft erringen.
11. David's und des frommen Schächers Beispiel bestätigt diese Wahrheit.
12. Es gibt kein Leiden, das mit der verheissenen Glückseligkeit sich vergleichen lassen könnte.
13. Überlieferung der Väter über die Erlangung der Reinheit.
14. Denen, welche sich Mühe geben, wird Gottes Hilfe zu Theil.
15. Von wem sollen wir den Weg der Vollkommenheit lernen?

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16. Ohne Gottes Erbarmung und Erleuchtung können wir nicht einmal um die Erlangung der
Vollkommenheit uns bemühen.
17. Verschiedene Zeugnisse, nach denen wir in Dingen unseres Heiles ohne Gottes Hilfe Nichts
vollbringen können.
18. Nicht nur in der Ordnung der Natur, sondern auch der steten Vorsehung werden wir mit
Gottes Gnade bewaffnet.
19. Dieser Glaube von der Gnadenhilfe Gottes ist ein Erbe der Väter.
20. Von Einem, der wegen Gotteslästerung einem unreinen Geiste anheimfiel.
21. Was der König Joas von Juda durch seinen Hochmuth verdient hat.
22. Jede stolze Seele wird zu ihrer Beschämung den bösen Geistern unterworfen.
23. Nur durch die Tugend der Demuth läßt sich der Gipfel der Vollkommenheit erreichen
24. Wer von geistigem und wer von fleischlichem Hochmuthe geplagt wird.
25. Beschreibung des fleischlichen Hochmuthes.
26. Wer auf einen schlechten Grund baut, fällt täglich tiefer.
27. Schilderung der aus der Krankheit des Stolzes erzeugten Sünden.
28. Von dem Hochmuthe eines Bruders.
29. Zeichen, an denen man das Vorhandensein des fleischlichen Stolzes in der Seele erkennt.
30. Wer durch Hochmuth in Lauheit versunken ist, strebt auch darnach, Anderen sich zum Herrn
aufzuwerfen.
31. Wie man den Stolz besiegen und zur Demuth gelangen kann.
32. Wie man die Hoffart, die Verwüsterin aller Tugenden, durch wahre Demuth vernichten kann.
33. Mittel gegen die Krankheit der Hoffart.

Cassian († 430/35)
Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et
de octo principalium vitiorum remediis)

Erstes Buch: Von der Kleidung der Mönche.


1. Einleitung.
<s 17>Wenn wir es mit der Hilfe Gottes unternehmen, über die Einrichtungen und Regeln der
Klöster zu reden, so beginnen wir am zweckmäßigsten mit der Kleidung der Mönche. Die
innerliche Lebensweise derselben werden wir dann der Reihenfolge nach darlegen können, wenn
wir erst ihre äussere Ausstattung vor die Augen geführt haben.

2. Der Gürtel.
Der Mönch soll als Streiter Christi stets mit der Kriegsrüstung angethan sein und darum allezeit
mit gegürteten Lenden einhergehen. Die heilige Schrift bezeugt, daß auch jene Männer schon so
gekleidet gewesen seien, welche im alten Bunde den Grund zu dem klösterlichen Leben gelegt
haben, nämlich Elias und Elisäus; und ebenso wissen wir auch von den Fürsten und Vätern des
neuen Bundes, von Johannes. Petrus und Paulus und den übrigen Männern dieser Art. daß sie
sich desselben Kleidungsstückes bedient haben. Elias, der bereits im alten Bunde die
Jungfräulichkeit pflegte und als ein herrliches Vorbild der Keuschheit und<s 18> Enthaltsamkeit
dasteht, wurde einst vom Herrn beauftragt,1 gegen die Abgesandten des gottesräuberischen
Königs Ochozias von Israel zu eifern, weil dieser in einer Krankheit beschlossen batte,
Beelzebub, den Gott von Aklaron, über sein Aufkommen um Rath zu fragen. Als nun der Prophet

1
IV. Kön. 1.

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diesen entgegenging und ihnen sagte, daß der König von dem Lager, auf welches er gesunken
war, nicht mehr aufstehen werde, da erkannte ihn der Kranke aus der Beschreibung seiner
Kleidung. Er fragte nämlich die zurückgekehrten Gesandten, welche ihm des Propheten Urtheil
verkündeten, wie die Gestalt und die Kleidung des Mannes gewesen, der ihnen begegnet sei und
solches gesagt habe; und sie gaben zur Antwort: Es war ein haariqer Mann mit einem härenen
Gürtel um die Lenden. Aus dieser Schilderung schloß der König sogleich auf den Mann Gottes
und sprach: „Es ist Elias, der Thesbite.” Der Gürtel und der vernachläßigte Körper waren ihm
Zeichen, an welchen er den Propheten Gottes unzweifelhaft erkannte, und zwar deßwegen, weil
demselben, der doch unter so vielen Tausenden Israeliten lebte. Dieß gleichsam als ein
besonderes Kennzeichen feiner Lebensweise beständig anhaftete.
Auch von Johannes, der zwischen dem alten und neuen Bunde gleichsam als geheiligte
Grenzscheide, als Anfang und Ende dasteht, wissen wir aus der Erzählung des Evangelisten
Aehnliches: „Johannes aber hatte ein Kleid von Kameel-haaren und einen härenen Gürtel um
seine Lenden.”2 Dem Petrus, welcher von Herodes ins. Gefängniß geworfen worden war, und der
am folgenden Tage zum Tode geführt werden sollte, wird von dem Engel geboten: „Umgürte
dich und ziehe deine Schuhe an!”3 Hiezu hätte ihn der Engel Gottes gewiß nicht aufgefordert,
wenn er nicht gesehen halte, daß der Apostel, um die nächtliche Ruhe zu genießen, die müden
Glieder von der gewohnten Umgürtung ein wenig befreit<s 19> hatte. Als Paulus nach Jerusalem
reiste, wo ihn die Juden in Fesseln legen sollten, traf ihn der Prophet Agabus zu Cäsarea, nahm
den Gürtel desselben, band ihm die Hände und Füße damit, um anzudeuten, welche Unbilden ihm
widerfahren würden und sagte: „Dieß spricht der heilige Geist: Den Mann, welchem dieser
Gürtel gehört, werden die Juden zu Jerusalem also binden und in die Hände der Heiden
überliefern.”4 Dieß hätte der Prophet sicherlich nicht aussprechen und namentlich hätte er die
Worte nicht gebrauchen können: „der Mann, welchem dieser Gürtel gehört”, wenn nicht Paulus
die Gewohnheit gehabt hätte, einen solchen zu tragen.

3. Das Mönchsgewand.
Die Kleidung eines Mönches sei der Art, daß sie bloß den Körper deckt, die beschämende
Nacktheit bekleidet und die quälende Kälte entfernt, nicht aber diene sie der Eitelkeit und
Ueberhebung. Deßhalb mahnt der Apostel: „Wenn ihr Nahrung und Bedeckung habt, so seid
zufrieden!”5 Er sagt „Bedeckung”, nicht „Gewänder”, wie in einigen lateinischen Exemplaren
nicht ausdrücklich enthalten ist, und meint damit Kleider, welche den Leib bedecken, ohne durch
ihre Schönheit zu schmeicheln, so werthlos, daß sie weder durch auffallende Farben noch durch
kunstvollen Schnitt vor denen der übrigen Männer dieses Berufes sich auszeichnen, einerseits
fern von besonderer Sorgfalt, anderseits aber auch wieder nicht verunstaltet durch Schmutz, der
wie aus anscheinender Sorglosigkeit zur Schau getragen wird. Schließlich sollen sich die Kleider
der Mönche darin von denen der Weltleute unterscheiden, daß sie in ihrer Form stets unverändert
bleiben, und daß sie bei dem Einen genau dieselben sind wie bei den Anderen. Denn was immer
unter den Dienern Gottes Einer oder Wenige sich herausnehmen, was<s 20> nicht allgemein in
der ganzen Genossenschaft festgehalten wird, das ist entweder überflüssig oder übermütig und
darum für schädlich zu erachten, indem es mehr das Aussehen der Eitelkeit als der Tugend hat.
Und deßhalb müssen wir all diejenigen Einzelheiten als überflüssig und unnütz ausscheiden,
welche weder von jenen heiligen Alten auf uns gekommen sind, die den Grund zum Klosterleben
gelegt, noch von den Vätern unserer Zeit, welche die Einrichtungen jener in getreuer
Ueberlieferung jetzt noch befolgen. So haben sie das härene Bußgewand, wenn es Allen sichtbar
und offen getragen wurde, durchaus mißbilligt, weil es auf diese Welse dem Geiste nicht nur
keinen Vortheil bringen, sondern sogar der eitlen Überhebung zur Nahrung dienen kann, und weil
es ferner für die Ausübung der nothwendigen Handarbeit, zu welcher der Mönch stets bereit und

2
Matth. 3, 4.
3
Apostelgesch. 12, 8.
4
Apostelgesch. 21, 11.
5
I. Timoth. 6, 8.

9
ungehindert sein muß, untauglich und unschicklich ist. Wenn wir dennoch hören, daß Einzelne
sich dieses Gewandes bedient haben, ohne Mißbilligung zu erfahren, so dürfen wir daraus keine
Regel für die Klöster herleiten noch viel weniger an den alten Einrichtungen der Väter rütteln
wollen, weil wir glauben, einzelne Männer, welche besonderer Tugendübung wegen sich Dieß
herausnahmen, deßhalb nicht tadeln zu sollen, weil sie nicht nach der allgemein giltigen Regel
gehandelt haben. Denn einer allgemeinen, für Alle geltenden Vorschrift darf die Ansicht Weniger
nicht vorgezogen werten. Jenen Einrichtungen und Regeln müssen wir mit unbedingtem
Vertrauen und unerschütterlichem Gehorsame in allen Stücken anhangen, nicht welche der Wille
Weniger eingeführt, sondern welche durch die Länge der Zeit geheiligt und von so vielen
heiligen Vätern übereinstimmend bis in die Gegenwart festgehalten worden sind. Sicherlich darf
das für uns im gewöhnlichen Leben nicht maßgebend sein, wenn erzählt wird, daß ein gottloser
König von Israel, von den Schaaren der Feinde umlagert, ein härenes Gewand auf seinem Leibe
habe sichtbar werden lassen, als er seine Kleider zerriß, oder daß die Niniviten sich in raube
Bußgewänder hüllten, um das göttliche Strafgericht abzuwenden,<s 21> das der Prophet ihnen
verkündigt hatte; denn es ist offenbar, daß jener es verborgen unter seinen Kleidern trug, so daß
es von Niemand hätte gesehen werden können, wenn er sein Obergewand nicht zerrissen hätte;
diese aber trugen das Bußkleid zu einer Zeit offen, als Alle insgesammt über den bevorstehenden
Untergang der Stadt trauerten, und darum konnte Niemand auffällig erscheinen, indem Alle
dasselbe Gewand trugen. Das Aussergewöhnliche erregt nämlich nur dann Anstoß, wenn es aus
Ueberhebung hervorgeht.

4. Die Kapuze (cucullus) der Ägyptier.


Die Kleidung der ägyptischen Mönche hat einige Eigenthümlichkeiten, welche weniger die Sorge
für den Körper bezwecken, als vielmehr Spiegelbilder der Sitten sein sollen, um so die Einfalt
und Unschuld ihrer Lebensweise auch in der Kleidung beständig Tag und Nacht festzuhalten. Sie
tragen nämlich ganz kleine bis zum Nacken reichende Kapuzen, die nur das Haupt bedecken.
Dieß thun sie, damit, während sie die Kleidung der Kinder nachahmen, sie stets daran denken
sollen, auch die Unschuld und Einfalt der Kinder zu bewahren. Darum singen sie, zur Kindheit,
die Christus verlangt, zurückgekehrt, zu allen Stunden mit Inbrunst und Andacht: „Herr! Nicht ist
mein Herz stolz, noch sind meine Augen erhoben, noch habe ich gewandelt in Großem und
Wunderbarem, was über mir ist: fürwahr, demüthig ist mein Sinnen, und meine Seele erbeb' ich
nicht, wie das entwöhnte Kind ist bei der Mutter.”6

5. Das Untergewand der ägyptischen Mönche.

Sie ziehen ein leinenes Untergewand (colobium) mit Ärmeln an, welche kaum bis zu den
Ellenbogen herabreicken; im <s 22>Übrigen lassen sie die Arme unbedeckt. Der Umstand. daß
ihnen die Aermel gleichsam abgeschnitten sind, soll sie mahnen, für immer von den Händeln und
Wellen dieser Welt losgerissen zu bleiben; und das Linnengewand, das sie umhüllt, soll sie
erinnern, daß sie von allem irdischen Verkehr abgeschnitten sind, und auf diese Weise sollen sie
täglich auf den Apostel hören, der ihnen sagt: „Tödtet euere Glieder, welche über der Erde
sind!”7 Ferner soll ihnen diese Kleidung zurufen: „Ihr seid gestorben, und euer Leben ist
verborgen in Christo.”8 Und wiederum: „Ich lebe zwar, aber nicht ich, es lebt aber in mir
Christus; denn mir ist die Welt gekreuzigt, und ich der Welt.”9

6. Die Armschnüren (rebrachiatoria).

6
Ps. 130.
7
Kol. 3, 5.
8
Kol. 3, 5.
9
Gal. 2, 20.

10
Sie tragen auch zweifache Schnüren aus wollenem Faden gewoben, welche die Griechen
„ἀναβολαί”, wir aber Schurzgürtel oder Schlingen zum Aufziehen der Gewänder nennen
können. Dieselben laufen oben vom Nacken herab und am Halse nach den Seiten hin getheilt
schlingen sie sich um beide Hüften, schürzen die weiten und langen Gewänder herauf und
schließen dieselben enger an den Körper. Auf diese Weise werden die Arme frei, und die Mönche
können ungehindert ihre Handarbeit verrichten, wozu sie der Apostel mit den Worten ermahnt:
„Nicht bloß mir, sondern auch Denen, welche bei mir sind, haben diese Hände gedient, und wir
haben von Niemand Brod umsonst gegessen, sondern in Mühe und Beschwerde haben wir Tag
und Nacht gearbeitet, um Keinem zur Last zu fallen;”10 und: „Wer nicht arbeiten will, der soll
auch nicht essen.”11

7. Das Schultergewand (mafors).


Sodann bedecken sie Hals und Schultern mit einem<s 23> engen Mäntelchen, welches in unserer
wie in ihrer Sprache „mafors” heißt. Sie thun Dieß sowohl aus Bescheidenheit in der Kleidung
als aus Sparsamkeit; denn sie sparen hier durch die Ausgaben für die weiten und theuren Mäntel
und halten eben darum auch die Eitelkeit von sich fern.

8. Das Ziegenfell.
Als letztes Kleidungsstück ist zu erwähnen das Ziegenfell, welches „melotes vel pera“ genannt
wird, und ausserdem noch ein Stab. Solches tragen sie, um die Begründer des Klosterlebens im
alten Bunde nachzuahmen. Von diesen sagt bekanntlich der Apostel: „Sie wandelten umher in
Ziegenfellen, arm, bedrängt, verunglimpft; die Welt war ihrer nicht werth; sie irrten umher in den
Einöden, in Gebirgen und Schluchten, in den Höhlen der Erde.“12 Dieses Gewand aus Ziegenfell
bedeutet, daß sie ihre Glieder gegen alle fleischlichen Lüste abtödten und mit dem höchsten
Ernste sich in der Tugend befestigen sollen, und daß Nichts mehr von dem Ungestüm und der
Leidenschaft der Jugend und der früheren Wankelmüthigkeit an ihrem Leibe Platz haben darf.

9. Der Stab.
Daß jene Männer des alten Bundes einen Stab zu führen gewohnt waren, das zeigt uns z. B.
Elisäus. wenn er feinen Diener Giezi ausschickt, um den Sohn eines Weibes zum Leben zu
erwecken, und zu ihm spricht: „Nimm meinen Stab, geh' eilig hin und lege ihn auf das Angesicht
des Knaben, auf daß er lebe.“13 Er hätte Dieß gewiß nicht thun können, wenn er nicht die
Gewohnheit gehabt, den Stab in seiner Hand zu tragen. Das Führen des Stabes aber hat den
geistigen Sinn, daß die Mönche in so<s 24> vielen Versuchungen, welche sie wie Hunde
anbellen, und unter so viel geistiger Bosheit, welche sie gleich wilden Thieren unsichtbar
umlagert, niemals unbewaffnet erscheinen dürfen. Darauf nimmt der König David Bezug, wenn
er betet: „Gib o Herr, den wilden Thieren nicht preis die Seele, die dich bekennt!“14 Daher muß
ein Mönch auf dieselben losgeben, sie mit dem Zeichen des Kreuzes zurückweisen und weit von
sich treiben und durch die stete Erinnerung an das Leiden des Herrn und die Nachahmung seiner
Abtödtung sie verscheuchen, wenn sie auf ihn losstürmen.

10
Apostelgesch. 20, 34.
11
II Thess. 3, 10.
12
Hebr. 11, 37.
13
IV. Kön. 4, 29.
14
Ps. 73, 19.

11
10. Die Fußbekleidung.
Schuhe verschmähen sie im Allgemeinen, weil dieselben in gewissem Sinne im Evangelium
verboten seien. Nur wenn Krankheit, die Winterkälte am Morgen oder die Sommerhitze am
Mittage es nothwendig macht, bekleiden sie ihre Füße mit Sandalen. Sie legen Dieß so aus: durch
den Gebrauch derselben, den der Herr selbst gestattet habe, werde angedeutet, daß, wenn wir
auch, in dieser Welt lebend, uns der irdischen Sorgen nicht gänzlich entledigen und entäussern
können, wir uns doch nur oberflächlich und nur insoweit mit derselben einlassen dürfen, als
nöthig ist, um für die nothwendigen Leibesbedürfnisse Sorge zu tragen. Es sollen ferner die Füße
unseres Geistes stets bereit sein, die geistige Laufbahn zu vollenden und das Evangelium des
Friedens zu verkündigen; wir sollen mit ihnen dem Geruche der Salben Christi nachlaufen15 und
mit David sprechen: „Ich bin gelaufen im Durste“16 und mit Jeremias: „Ich bin nicht müde
geworden, dir zu folgen.“17 Darum dürfe man sich nicht in die todbringenden Sorgen dieser Welt
verwickeln, fondern nur darauf bedacht sein, die nöthigsten<s 25>Forderungen der Natur zu
befriedigen, nicht aber überflüssige und schädliche Vergnügungen zu suchen. Dieß wird man
aber dann erst erreichen, wenn man nach dem Gebote des Apostels18 nicht einmal in seinen
Wünschen sich irdische Sorgen macht. Wenn auch die Mönche erlaubter Weise sich der Sandalen
bedienen, da es ja der Herr gestattet hat, so lassen sie dieselben dennoch durchaus nicht an den
Füßen, so oft sie herantreten, um die heiligen Geheimnisse entweder zu feiern oder zu
empfangen; denn sie sind der Ansicht, daß man wörtlich beobachten müsse, was Gott dem Moses
und Jesu, dem Sohne Nave's, geboten: „Löse die Riemen deiner Schuhe, denn der Ort, wo du
stehst, ist heilige Erde.“19

Zweites Buch: Die kanonischen Vorschriften über die nächtlichen Gebete und
Psalmengesänge.
1.
<s 26> Der Streiter Christi, wie erwähnt, mit zweifachem Gürtel umgürtet, soll nun wissen,
welche Regeln in Betreff der kanonischen Gebete und Psalmen von den heiligen Vätern von
Alters her im Oriente festgestellt worden sind. Ueber die innerliche Beschaffenheit derselben, d.
h. über die Art und Weise, wie wir nach der Vorschrift des Apostels ohne Unterlaß beten können,
werden wir dann mit Gottes Gnade ausführlich reden, wenn wir seiner Zeit die Besprechungen
mit den Vätern aufzuzeichnen unternehmen.

2. Die Anzahl der Psalmen in den verschiedenen Provinzen.


Wir haben in Erfahrung gebracht, daß in verschiedenen Gegenden manche Mönche, welche, wie
der Apostel sagt, zwar den Eifer Gottes haben, aber ohne die Einsicht, nach ihrem Verstande der
eine diese, der andere jene Regeln aufgestellt haben. Einige sind der Meinung gewesen, man
müsse in jeder Nacht zwanzig oder dreissig Psalmen singen und diese <s 27>noch hinausdehnen
durch die Gesänge der Antiphonen und durch das Absingen gewisser anderer Gesangesweisen.
Andere haben es versucht, dieses Maß noch zu überschreiten, wieder Andere wollen hiegegen nur
achtzehn Psalmen. So bestehen denn, wie wir gesehen haben, an verschiedenen Orten
verschiedene Übungen. ja es gibt beinahe ebenso viele Regeln hierüber als Klöster und Zellen.
Manche sind sogar der Ansicht, daß in dem Offizium des Tages, nämlich in der Terz, Sext und

15
Hohes L. 1, 3.
16
Ps. 61, 5.
17
Jer. 17, 16.
18
Röm. 13.
19
II. Mos. 3, 5; Jos. 5, 15.

12
Non, ebenso viele Psalmen zu singen seien, als die Stunde bezeichnet, in der sie das Gebetsopfer
Gott darbringen. Andere wieder wollen bei jeder Gebetsversammlung des Tages sechs Psalmen
gebetet wissen. Deßwegen erachte ich es für nothwendig, die ursprüngliche Anordnung der Väter
hier auseinander zu setzen, wie sie noch heute in ganz Aegypten von den Dienern Gottes
beobachtet wird, damit so das neue Kloster, das noch in seiner Kindheit sich befindet, nur mit den
ältesten und ehrwürdigsten Einrichtungen der Väter vertraut gemacht wird.

3. Die einmüthige Regel, wie sie in ganz Aegypten beobachtet wird, und die Wahl der
Vorgesetzten.
Wir wissen mit Bestimmtheit, daß in ganz Ägypten und der Thebais die einzig richtige Weise in
den nächtlichen Versammlungen oder Vigilien zu beten bis jetzt beibehalten wird; denn dort
werden die Klöster nicht nach dem Gutdünken eines Jeden, der der Welt entsagen will,
eingerichtet, sondern nach den Ueberlieferungen der Vorfahren bestehen sie theils bis beute fort
oder werden auf dieser Grundlage errichtet. Es wird dort Keinem zugestanden, einer
Genossenschaft von Brüdern, ja nicht einmal sich selbst vorzustehen, bevor er sich nicht bloß
aller seiner Güter entäussert, sondern bevor er nicht auch hat einsehen gelernt, daß er nicht mehr
über sich selbst Herr ist. Wer dieser Welt, entsagen will und wenn er auch noch so viele
Reichthümer besitzt, der soll um die Aufnahme in das Kloster so nachsuchen, daß er sich<s 28>
weder auf das. was er zurückließ, noch auf das, was er in's Kloster gebracht bat, Etwas einbildet;
er muß in allen Stücken so gehorsam sein, wie es sich für Jene ziemt, die zum Kindesalter Jesu
Christi zurückkehren wollen; er darf Nichts vor den Übrigen voraus haben wollen, weder wegen
der Achtung, die er in der Welt genoß, noch wegen der größeren Zahl der Jahre, von denen er
denken soll, daß er sie in der Welt vergebens zugebracht und verloren habe. Weil er demnach
noch in den Anfängen steht und noch ein Neuling ist im Kriegsdienste, den er für Christus
übernommen hat, so soll er kein Bedenken tragen, auch einem Jüngeren sich unterzuordnen.
Auch wird Jedem Anleitung gegeben, sich an anstrengende Arbeit zu gewöhnen und nach des
Apostels Gebot mit seinen eigenen Händen den täglichen Lebensunterhalt zu verdienen, sowohl
für sich selbst, als auch für die Gäste und Fremdlinge, damit er durch die Mühe und Abtödtung,
welche die Arbeit mit sich bringt, dahin gelange, die Hoffart und Annehmlichkeiten des
vergangenen Lebens zu vergessen und sich die Demuth des Herzens zu erwerben. Deßhalb wird
Keiner zum Vorsteher einer Genossenschaft von Brüdern gewählt, der nicht vorher durch
Gehorsam das gelernt hat, was er später seinen Untergebenen befehlen muß, und der sich nicht
selbst erst durch Belehrung von Seiten der Aelteren Alles angeeignet hat, was er den jüngeren
Brüdern wieder überliefern soll. Denn gut Befehlen und gut Gehorchen, das, sagen sie, verrathe
Weisheit und sei eine sehr hohe Gabe und eine große Gnade des heiligen Geistes. Niemand
könne seinen Untergebenen wahrhaft heilsame Vorschriften ertheilen, wenn er nicht selbst zuvor
in allen Zweigen der Tugend unterrichtet sei, und ebenso wenig könne Jemand einem Aelteren
gut gehorchen, wenn er nicht in der Furcht Gottes befestigt und in der Tugend der Demuth
vollendet sei. Wenn wir darum sehen, daß in anderen Ländern Verschiedenheit in den Regeln und
Einrichtungen herrscht, so rührt Dieß daher, daß den Klöstern meist Männer vorstehen, welche
die Regel der Väter nicht kennen, und Äbte werden, bevor sie, wie es doch in der <s 29>Ordnung
wäre, sich als Schüler bekannt und bewährt hatten; solche sind eben leichter geneigt, auf die
Beobachtung ihrer eigenen Erfindungen zu dringen, als sich einfach an die bewährten Grundsätze
der Vorfahren zu halten. Doch während wir zeigen wollten, welche Gebetsweise festzuhalten sei,
haben wir uns im Eifer dazu hinreissen lassen, schon jetzt die Einrichtungen zu behandeln,
welche bei den Vätern bestanden, was wir jedoch an einem anderen Orte thun wollten. Kommen
wir deßhalb auf unseren eigentlichen Gegenstand wieder zurück!

4. Die Zwölfzahl der Psalmen, welche in ganz Aegypten und in der Tbebais festgehalten
wird.

13
Durch ganz Ägypten und die Thebais werden, wie bereits bemerkt, sowohl bei der abendlichen
als auch bei der nächtlichen Gottesdienstfeier übereinstimmend zwölf Psalmen gesungen, und
zwar so, daß darauf zwei Lesungen folgen, eine aus dem alten und eine aus dem neuen
Testamente. Diese uralte Einrichtung bat sich deßwegen so lange Zeit hindurch in allen Klöstern
dieser Länder unverändert forterbalten, weil sie, nach der Versicherung der Väter, nicht
menschliche Erfindung, sondern den Vätern durch einen Engel vom Himmel mitgetheilt worden
sei.

5. Die Zwölfzahl der Psalmen rührt von einem Engel her.


Die wenigen, aber sehr erprobten Männer, welche im Anfange des Christenthums unter dem
Namen „Mönche“ begriffen wurden, und welche unter Andern vom Evangelisten Markus seligen
Andenkens, dem ersten Bischöfe von Alexandrien, eine Regel erhielten, haben nicht bloß jene
großmüthigen Dinge beibehalten, welche, wie in der Apostelgeschichte zu lesen, Anfangs die
Kirche, d. h. die Menge der <s 30>Gläubigen, zu tbun gewohnt war.20 sondern sie gingen darüber
noch hinaus und übten noch Höheres. Sie zogen sich nämlich in die entlegeneren Vorstädte
zurück und führten ein Leben voll so großer Strenge und Abtödtung, daß sogar Diejenigen,
welche nicht der christlichen Religion angehörten, über eine so rauhe Lebensweise mit Staunen
erfüllt wurden. Denn mit einem so glühenden Eifer widmeten sie sich Tag und Nacht der Lesung
der heiligen Schriften, dem Gebete und der Handarbeit, daß sie nicht zu essen begehrten, ja nicht
einmal daran dachten, ausser um den zweiten oder dritten Tag; alsdann aber nahmen sie Speise
und Trank nicht als etwas Ersehntes, sondern als etwas zum Leben Notwendiges, und Dieß thaten
sie nicht eher, als kurz vor Sonnenuntergang, um so den Tag ganz der Betrachtung und Uebung
geistiger Dinge zu widmen und die Sorge für den Leib nur der Nacht vorzubehalten. Ausserdem
aber übten sie noch weit größere Vollkommenheiten, als wie hier erzählt wird; darüber kann sich
Jeder, der nicht weiter in persönlichen Beziehungen zu den Mönchen gestanden, durch die
Kirchengeschichte belehren lassen.
Zu jener Zeit nun, als die Vollkommenheit der ersten Kirche bei den Nachfolgern jener heiligen
Männer noch in frischem Andenken stand und unversehrt fortdauerte, und als der lebendige,
feurige Glaube sich noch nicht im ganzen Volke verbreitet hatte und darum noch nicht lau
geworden war, da kamen einst die ehrwürdigen Väter, beseelt von lebhafter Sorge für die
Nachfolgenden, zusammen, um sich zu verständigen, welche Regel für die tägliche Lebensweise
in <s 31>der klösterlichen Gemeinschaft festzustellen sei, um so ihren Nachfolgern ein Erbe der
Liebe und des Friedens zu hinterlassen, aus dem jede Erörterung gegentheiliger Meinungen
ausgeschlossen wäre. Sie befürchteten nämlich, es möchten verschiedene Ansichten, welche über
die täglichen Gottesdienstfeierlichkeiten unter Männern derselben Lebensweise entstünden, einst
die Veranlassung zu Irrthümern, Eifersucht oder gar Spaltungen werden. Während nun ein Jeder
nach Maßgabe seines Eifers und fremder Schwäche uneingedenk Vorschläge machte, welche er
in Anbetracht seines Glaubens und seiner Stärke für sehr leicht ausführbar hielt, erwog man nicht
hinlänglich, was für die große Masse der Brüder, in der sich nothwendig immer auch eine große
Anzahl von Schwachen befindet, möglich ist. So überboten sie sich denn gegenseitig im Gefühle
ihrer Seelenstärke, eine sehr große Anzahl von Psalmen aufzustellen; die Einen stimmten für
fünfzig, die Anderen für sechzig, wieder Andere, mit dieser Zahl nicht einmal zufrieden, glaubten
noch weiter gehen zu müssen, und es entstand bei der Aufstellung der Ordensregel
gewissermaßen ein heiliger Wettstreit, welcher sich bis zur Zeit der gemeinschaftlichen
Abendandacht hinzog. Sie schickten sich nun an, die gewöhnlichen Gebete zu verrichten. Einer
von ihnen erhob sich und trat in die Mitte, um dem Herrn Psalmen zu singen; alle Übrigen saßen
(wie es jetzt noch in Aegypten Sitte ist) und hielten ihre Herzen mit der größten Andacht auf die
Worte des Vorsängers gerichtet. Als dieser nun eilf durch eingeschobene Gebete von einander
getrennte Psalmen, und zwar einen Vers nach dem andern in gleichmäßigem Vortrage,

20
Die gläubige Menge war ein Herz und eine Seele: Niemand nannte Etwas von dem, was er besaß, sein Eiqenthum, sondern sie hatten Alles
gemeinschaftlich; soviel ihrer aber Besitzer von Aeckern und Häusern waren, vertauften dieselben, brachten den Erlös davon herbei und legten ihn
zu den Füßen der Apostel nieder; einem Jeden aber wurde zugetheilt, was er nöthig hatte.“ (Apostelg. 4)

14
abgesungen und den zwölften durch Hinzufügung von „Alleluja“ beendigt hatte, wurde er
plötzlich vor Aller Augen entrückt, und damit war sowohl der Gottesdienst beendigt als auch die
streitige Frage erledigt.

6. Der Gebrauch der zwölf Orationen.


Weil diese ehrwürdige Versammlung von Vätern <s 32>demnach durch einen Engel belehrt
worden war, daß hiedurch nicht ohne besondere Fügung Gottes eine allgemeine Regel für alle
klösterlichen Genossenschaften aufgestellt worden sei, so verordnete sie, daß die Zwölfzahl
sowohl bei der abendlichen als auch bei den nächtlichen Gebetsversammlungen beibehalten
werde. Hiezu fügten sie noch zwei Lesungen, die eine aus dem alten, die andere aus dem neuen
Testamente, aber nur als etwas von ihnen Angeordnetes und Aussergewöhnliches und nur für die,
welche es freiwillig thun wollten, und deren besonderes Streben darauf ging, die heiligen
Schriften ihrem Gedächtnisse einzuprägen. Am Sabbathe (d. b. am Sonntage) lesen sie beide aus
dem neuen Testamente, nämlich die eine aus den apostolischen Briefen oder der
Apostelgeschichte, die andere aus den Evangelien. Das Gleiche thun auch an allen Tagen der
Quinquagesima21 Diejenigen, welche dem Lesen oder Auswendiglernen der heiligen Schrift
besonders obliegen.

7. Die Haltung beim Gebet.


Die oben erwähnten Gebete beginnen und schließen sie derart, daß sie nach Beendigung eines
Psalmes nicht sogleich zur Kniebeugung gleichsam hinstürzen, wie wir es vielfach in dieser
Gegend thun, die wir nach kaum beendigtem Psalm eiligst zum Gebete niederfallen, um so
schnell als möglich zum Ende zu gelangen. Während wir auf der einen Seite das von den Vätern
ursprünglich festgesetzte Maß des Gebetes überschreiten, eilen wir auf der andern Seite, auf die
Zahl der noch übrigen Psalmen schauend, mit Hast zum Schlusse, indem wir mehr auf die
Erholung unseres müden Leibes als auf den Nutzen und die Vortheile des Gebetes bedacht sind.
Bei Jenen ist Dieß nicht so, sondern bevor sie die Knie beugen, beten sie ein wenig für sich und
bringen dann<s 33> längere Zeit stehend in lautem Gebete zu; hierauf machen sie eine kurze
Kniebeugung, wie um die göttliche Barmherzigkeit anzubeten, stehen dann sofort wieder auf und
verharren sodann wiederum stehend und mit ausgebreiteten Armen, wie auch vorher, in noch
inständigerem (leisen) Gebete. Sie behaupten nämlich, wer längere Zeit am Boden kniee, der
werde nicht bloß durch zerstreuende Gedanken, sondern auch durch Schlaf angefochten. Auch
wir wissen, daß Dieß wahr ist; wüßten wir es nur nicht aus eigener Erfahrung und täglicher
Gewohnheit, wir, die wir, zu Boden gcstreckt, diese gebeugte Lage des Körpers häufig nicht so
sehr des Gebetes als der Bequemlichkeit wegen allzu lange einzuuehmen wünschen! — Wenn
aber Derjenige, welcher das Gebet laut vorbetet, von der Erde aufsteht, so erheben sich sofort
Alle; Keiner kniet nieder, bevor Jener das Knie beugt, und Keiner wagt einen Augenblick zu
zögern, wenn Jener sich vom Boden erhebt, und es hat den Anschein, nicht als ob sie sich im
Gebete nach dem, der vorbetet, richteten, sondern als ob Jeder nur sein eigenes Gebet verrichtete.

8. Die auf den Psalm folgende Oration.

Jenen Gebrauch, den wir in dieser Gegend22 gefunden haben, daß, während Einer den Psalm bis
zu Ende singt, die Andern sich sodann alle erheben und laut im Chore singen: Ehre fei dem Vater
u. s. w., den haben wir im ganzen Morgenlande nirgends angetroffen; dort wird vielmehr von
dem Vorsänger am Ende eines jeden Psalmes, während alle Übrigen schweigen, eine Oration

21
Quinquagesima werden die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfingsten (Pentecoste) genannt.
22
Es ist die Gegend um das heutige Marseille (Marsilia) die damalige provincia Narbonnensis gemeint.

15
gesprochen. Mit dem erwähnten Lobspruch auf die heiligste Dreifaltigkeit pflegen nur die
Antiphonen geschlossen zu werden.

9. Die Beschaffenheit des Gebetes.


Indem wir die Einrichtungen der Klöster der Reihe nach <s 34>beschreiben, kommen wir
folgerichtig auch an die Art und Weise, wie die kanonischen Tageszeiten verrichtet werden
sollen, eine Sache, deren ausführlichere Erörterung wir uns für die „Besprechungen mit den
Vätern“ vorbehalten wollen; denn alsdann werden wir Dieß erschöpfender auseinandersetzen,
indem wir mit ihren eigenen Worten die Beschaffenheit und beständige Übung des Gebetes des
Näheren besprechen werden. Da sich indessen hier eine passende Gelegenheit bietet, so halte ich
es für geboten, an dieser Stelle Einiges davon zu berühren; denn wenn wir jetzt bei der
Beschreibung der Zustände des äusseren Menschen gewissermaßen auch zugleich die
Fundamente für das Gebet legen, so werden wir später, wenn wir uns anschicken, den Zustand
des inneren Menschen zu besprechen, den Ausbau des Gebetes leichter vollenden können. Vor
Allem aber wollen wir dafür Sorge tragen, daß, wenn uns ein vorzeitiges Ende an der Abfassung
jener Abhandlung, die wir mit Gottes Hilfe später in Angriff nehmen wollen, verhindern sollte,
wir euch wenigstens die Anfangsgründe eines so wichtigen Gegenstandes schon in diesem Werke
bieten, euch, denen es bei so vorzüglichem Eifer schon zu lange dauert, bis ihr das Ganze
erhaltet. Auf diese Weise werden wir, wenn uns auch noch Ausstand auf dieser Welt gewährt
wird, wenigstens einige wenige allgemeine Grundzüge des Gebetes geben, durch welche
Diejenigen hauptsächlich, welche in den Klöstern leben, sich einigermaßen zu unterrichten im
Stande sind. Dadurch erreichen wir auck, daß Jene, welchen vielleicht nur dieses Büchlein zu
Gesichte kommen wird, und die jenes andere nicht haben können, wenigstens zum Theil über die
Art und Weise des Gebetes sich belehren können, und daß, nachdem sie über Kleidung und
Haltung des äusseren Menschen unterrichtet worden, sie wenigstens darüber nicht ganz in
Unkenntniß bleiben, wie sie das geistige Opfer des Gebetes darbringen sollen. Diese Blätter
nämlich, welche wir mit Gottes Hilfe gegenwärtig abfassen, sollen mehr auf die äusseren
Uebungen und Einrichtungen der klösterlichen<s 35> Genossenschaften Bezug haben, während
jene anderen23 die Unterweisung im inneren Leben und die Vollkommenheit des Herzens, sowie
das Leben und die Lehren der Einsiedler zum Gegenstande haben werden.

10. Die Stille und Kürze des Gebetes (der Orationen) bei den Aegyptiern.

Wenn sie zu der genannten Gebetsfeier, welche sie „synaxis“24 nennen, sich versammeln, so
beobachten Alle ein so tiefes Schweigen, daß, während doch die Brüder in einer so zahlreichen
Schaar zusammenkommen, man glauben sollte, es sei ausser dem, welcher in der Mitte stehend
den Psalm absingt, kein Mensch sonst zugegen. Und Dieß gilt besonders von der Oration, welche
den Psalm schließt; hiebei wird kein Speichel ausgeworfen, kein Räuspern gehört, kein Husten,
kein schläfriges Aufsperren des Mundes läßt sich vernehmen, als ob Einer zerstreut oder schlecht
aufgelegt wäre oder gähnte, kein Seufzer wird ausgestoßen, welcher die Umstehenden etwa
stören könnte, keine Stimme ausser der des vorbetenden Priesters wird laut, es sei denn, daß eine
solche durch ein Ueberströmen des Geistes dem Munde entflieht und gleichsam unwillkürlich
dem Herzen entsteigt, dann nämlich, wenn es von übermäßiger und nicht überwältigender
Andachtsglut entzündet ist, so daß aus den verborgenen Tiefen der Brust gleichsam gewaltsam
hervorbricht, <s 36>was die entflammte Seele nicht mehr in sich zu verschließen im Stande ist.
Wer aber aus Lauigkeit des Geistes laut betet oder etwas Derartiges, wie oben erwähnt, von sich
gibt, von dem behaupten sie, daß er in zweifacher Hinsicht fehle. Er versündige sich erstens an

23
D. h. Colationes Patrum oder die Besprechungen mit den Vätern.
24
Das Wort synaxis (σύναξις), vom griechischen συνάγω, versammeln, hat in der Sprache der Väter eine doppelte Bedeutung: einmal, wie hier,
eine weitere, gottesdienstliche Versammlung überhaupt, dann eine engere, Versammlung zur Feier des heiltgsten Opfers, wobei in alter Zeit
gemeinsame Kommunion stattfand, weßhalb auch die Kommunion als σύναξις bezeichnet wird.

16
seinem eigenen Gebete, indem er es nämlich Gott nachläßig darbringe. Zweitens störe er auch
durch sein unordentliches Geräusch die Andacht der Anderen, welche vielleicht viel inbrünstiger
hätten beten können. Daher besteht die Vorschrift, daß das Gebet (die Oration) schnell beendigt
werde, damit nicht etwa, wenn man länger in demselben verharre, eine gewisse Lähmung des
Geistes eintrete, welche auf den Eifer nachtheilig einwirken könnte. Eben deßhalb soll das Gebet
auch, so lange es noch glüht, gleichsam dem Rachen des bösen Feindes entrissen werden. Denn
wenn dieser uns auch stets feindlich ist, so ist doch gerade dann seine Wuth um so größer, wenn
er sieht, daß wir uns im Gebete gegen ihn zu Gott wenden; er beeilt sich alsdann durch Erregung
von zerstreuenden Gedanken und fremdartigen Stimmungen unsern Geist von der Andacht des
Gebetes abzuziehen, und gibt sich alle Mühe, die anfängliche Glut des Herzens zu unterdrücken
und auszulöschen. Darum hält man kurze, aber häufig wiederholte Gebete für nützlicher; denn
wenn man oftmals den Herrn anruft, so bleibt man beständig mit ihm vereinigt. Betet man dabei
in gedrängter Kürze, so entgeht man dadurch auch den Nachstellungen des Teufels, der uns
gerade dann nachdrücklich zu verfolgen pflegt, wenn wir beten.

11. Die Art und Weise, wie die Ägyvtier die Psalmen beten.
Darum legen sie auch nicht einmal Werth darauf, diejenigen Psalmen, welche sie
gemeinschaftlich absingen, ohne Unterbrechung zu Ende zu bringen, sondern sie theilen
dieselben je nach der Anzahl der Verse in drei oder vier Abschnitte, zwischen welche sie
Orationen einlegen, und welche sie als ein Ganzes behandeln. Denn sie sehen nicht so sehr <s
37>auf die Menge der Verse als auf das Verständniß und den Sinn derselben, indem sie vor
Allem jenes Wort der Schrift beherzigen: „Ich will singen mit dem Munde, ich will auch singen
mit dem Geiste.“25 Deßbalb erachten sie es für nützlicher, zehn Verse mit aufmerksamem
Verständnisse zu singen, als einen ganzen Psalm mit zerstreutem Geiste herunterzubeten. Die
Zerstreuung wird nämlich bisweilen durch die Eile des Vorbetenden erzeugt, wenn dieser im
Gedanken an die Länge und Zahl der noch übrigen Psalmen bestrebt ist, nicht langsam und für
die Zuhörer verständlich vorzutragen, sondern zum Ende des Gottesdienstes zu eilen. Wenn
schließlich einer von den jüngeren Brüdern, sei es aus allzu großem Eifer, sei es, weil er noch
nicht gehörig unterrichtet ist, das gewöhnliche Maß des Gesanges überschreitet, so wird er in
dieser Ausschreitung dadurch unterbrochen, daß der Vorsteher mit der Hand auf seinen Stuhl
schlägt, worauf alle zur Verrichtung der Oration sich erheben. Hiedurch soll verhütet werden, daß
in denen, die sitzen, durch die große Ausdehnung der Psalmen Ueberdruß erregt werde; denn
durch das zu lange Hinausdehnen würde der Vorsänger durch seine eigene Schuld die Frucht des
Verständnisses verlieren, und ebenso würde er Jenen Schaden zufügen, denen er durch das
Hinausziehen des Gottesdienstes Ueberdruß an demselben erregte.
Strenge wird bei ihnen auch beobachtet, daß kein Psalm mit der Antwort „Alleluja“ geschlossen
wird, welcher nicht auch mit diesem Titel „Allelnja“ überschrieben ist.26
Die zwölf Psalmen vertheilen sie so unter sich, daß, wenn nur zwei Brüder da sind, einer je
sechs, wenn drei, einer je vier, und wenn vier, einer je drei singt. Weniger<s 38> als drei singt
Keiner in der Versammlung vor, und wenn darum eine noch so große Menge versammelt ist, so
übernehmen niemals mehr als vier Brüder das Amt eines Vorsängers beim heiligen Dienste.

12. Warum die Mönche im Chore sitzen, und wie sie die Nachtwachen bis zum Morgen
ausfüllen.
Bei Abbetung der mehrfach genannten zwölf Psalmen gestatten sie ihrem Körper eine kleine
Erleichterung in der Art, daß, wenn sie ihre heiligen Gebetsversammlungen in gewöhnlicher
Weise abhalten, nur der Vorbetende in der Mitte steht, während alle Übrigen auf ganz niedrigen
Stühlen sitzen und der Stimme des Vorbeters mit aller Aufmerksamkeit und Andacht folgen.

25
I. Kor. 14, 15.
26
Es sind dieß der 104., 195., 106., 110., 111., 112., 113., 114., 115., 116., 117., 118., 134., 135., 145., 146., 147., 148., 149. und 150. Psalm.

17
Denn durch das viele Fasten, sowie durch die angestrengte Arbeit bei Tag und Nacht werden sie
so müde, daß sie nicht im Stande wären, auch nur diese zwölf Psalmen stehend zu Ende zu
bringen; darum erlauben sie sich diese Bequemlichkeit. Keinen Augenblick lassen sie ohne
irgend eine Beschäftigung vorübergehen; sie begnügen sich nicht damit, mit äusserster
Anstrengung zu arbeiten, so lange das Tageslicht es gestattet, sondern sie sind mit allem Fleisse
darauf bedacht, auch solche Werke zu verrichten, welche die Finsterniß der Nacht nicht zu
verhindern vermag; denn sie sind der Ansicht, daß man eine um so erhabenere Stufe der
Contemplation und eine um so reinere geistige Anschauung erlange, je anhaltender und eifriger
man der Arbeit obliege. Deßhalb sei auch, glauben sie, die Anzahl der kanonischen Gebete durch
göttliche Fügung auf ein so geringes Maß beschränkt worden, damit einerseits den Eifrigen Zeit
gegeben würde, unermüdlich auf der Bahn der Tugend weiter zu wandeln, und andererseits den
Schwachen und Kränklichen kein Ueberdruß erregt werde. Wenn nun die kanonischen Gebete in
der gewöhnlichen Weise vollendet sind, so begibt sich ein Jeder in seine Zelle zurück. Eine
solche Zelle darf in der Regel nur Einer allein oder höchstens<s 39> noch mit einem Andern
bewohnen, mit dem er entweder dieselbe Arbeit zu verrichten hat, oder den er unterrichten und
ins geistliche Leben einführen soll, oder der wenigstens in Gesinnungen und Tugenden ihm
ähnlich ist. In die Zelle zurückgekehrt beginnen sie wieder mit noch größerem Eifer zu beten, und
zwar aus persönlicher Andacht. Keiner von ihnen denkt daran, sich noch einmal zum Schlafe
niederzulegen. So folgt denn, wenn der Morgen anbricht, dem nächtlichen Werke und der
nächtlichen Betrachtung das Wert des neuen Tages.

13. Warum man nach Beendigung der nächtlichen Andacht nicht mehr schlafen soll.
Diese mühevollen Übungen verrichten sie mit aller Gewissenhaftigkeit einmal deßwegen, weil
sie glauben, mit allem Eifer das Opfer ihrer guten Werke Gott darbringen zu sollen, dann aber
hauptsächlich aus zwei weiteren Gründen; und wenn wir nach Vollkommenheit streben, so sollen
wir Dieß wohl beachten. Zunächst soll verhütet werden, daß der böse Feind die durch das
nächtliche Gebet erlangte Reinheit des Herzens durch irgend ein Traumbild beflecke; denn dieser
ist derselben stets neidisch und stellt vorzugsweise ihr unablässig nach. Wenn wir für unsere
Fehler und Nachlässigkeiten Genugthuung dargebracht und unter Thränen und Seufzern durch
unser Bekenntniß Verzeihung erlangt haben, so beeilt sich der Feind zur Zeit der Ruhe uns zu
beflecken und ist gerade dann vorzüglich bestrebt, unser Gottvertrauen zu erschüttern und zu
schwächen, wenn er sieht, daß wir uns mit größerer Glut durch die Reinheit unseres Gebetes zu
Gott hinwenden. So versucht er zuweilen Diejenigen, welche er während der ganzen Nacht nicht
verwunden konnte, in jener kurzen Stunde ihrer Tugend zu berauben. Der zweite Grund aber liegt
darin, daß, wenn auch kein solches Schreckbild des Teufels auftaucht, auch ein reiner Schlaf, der
sich einstellt, in dem Mönche, wenn er aufwacht, Trägheit und Schlaffheit des Geistes erzeugt,
für <s 40>den ganzen Tag seine Kraft lähmt, die Schärfe der Sinne abstumpft und ihm jene
geistige Salbung raubt, welche ihn den Tag über gegen alle Nachstellungen des Feindes mit
Vorsicht und Stärke zu waffnen im Stande ist. Deßhalb lassen sie auf die durch die Regel
gebotenen Nachtwachen besondere Wachen von ihrer Seite folgen und beobachten sie mit noch
größerer Gewissenhaftigkeit, damit Jene durch die Psalmen und Gebete erlangte Reinheit nicht
verloren gehe und zu gleicher Zeit auch die Zerstreuungen des Tages um fo eifriger vermieden
werden.

14. Wie sie in ihren Zellen Handarbeit mit Gebet verbinden.

Aus diesem Grunde füllen sie diese Nachtwachen mit Arbeit aus, damit nicht wie bei Müßigen
der Schlaf sich bei ihnen einschleichen könne. Denn wie sie sich fast keine Zeit zum Ausruhen
gestatten, so setzen sie auch der geistigen Betrachtung keine Grenze. Dadurch nämlich, daß sie
die Körper- und Geisteskräfte zugleich üben, gleichen sie die Pflichten des äusseren Menschen
mit den Anstrengungen des inneren in der Weise aus, daß sie an die flüchtigen Regungen des
Herzens und das unstäte Schwanken der Gedanken das Gewicht der Arbeiten wie einen starken

18
und unbeweglichen Anker legen; an diesen heften sie das zerstreute und unstäte Herz und
vermögen so dasselbe hinter den Riegel der Zelle wie im sichersten Hafen eingeschlossen zu
halten. Und so nur auf die geistige Betrachtung und die Bewachung der Gedanken gerichtet
verhütet dieser Anker nicht bloß, daß der wachsame Geist in eine böse Einflüsterung willige,
sondern bewahrt ihn auch vor allen überflüssigen und müßigen Gedanken, und man kann nicht
leicht entscheiden, woran er befestigt ist, d. h. ob die Mönche wegen der geistlichen Betrachtung
unablässig Handarbeit verrichten, oder ob sie wegen fortwährender Arbeit einen so herrlichen
Fortschritt des Geistes und das Licht der Erlenntnitz sich erwerben.

15. Die Bescheidenheit gebietet, daß ein Jeder nach Schluß des Gebetes in seine Zelle
zurückkehre, und wer anders handelt, setzt sich dem Tadel aus.
<s 41>Sind die Psalmen zu Ende, und ist die oben erwähnte tägliche Versammlung geschlossen,
so wagt es Keiner von ihnen, auch nur kurze Zeit zurückzubleiben oder mit einem Andern zu
reden; aber auch den ganzen Tag hindurch erlaubt sich Keiner seine Zelle oder seine Arbeit, die
er in derselben zu verrichten gewohnt ist, zu verlassen ausser Jenen, die zur pflichtgemäßen
Verrichtung irgend welcher nothwendigen Arbeit aufgefordert worden sind. Wenn sie diese
auswärts verrichten, so muß jede Unterredung zwischen ihnen unterbleiben; sie müssen aber das
aufgetragene Wert so verrichten, daß sie dabei einen Psalm oder eine Schriftstelle aus dem
Gedächtniß hersagen, auf daß nicht nur nicht zu schädlichen Komplotten und sündhaften Plänen,
sondern nicht einmal zu müßigen Gesprächen irgendwie Zeit oder Gelegenheit geboten sei,
indem Mund und Herz durch die geistliche Betrachtung in gleicher Weise stets beschäftigt sind.
Deßhalb wird mit der größten Strenge darauf geachtet, daß Keiner, besonders von den Jüngeren,
betroffen werde, wie er mit einem Anderen nur einen Augenblick zusammensteht oder irgend
wohin geht oder nur einen Händedruck wechselt. Wenn aber Einer sich irgendwie gegen diese
Regel vergangen hat, so wird er als hartnäckiger Uebertreter der Satzungen mit einer schweren
Schuld belastet erklärt und kann nicht ohne den Verdacht einer Verschwörung und boshafter
Pläne dastehen. Wenn er diese Schuld vor der ganzen Versammlung der Brüder durch öffentliche
Buße nicht tilgt, so wird ihm nicht mehr gestattet, an dem Gebete der Brüder Theil zu nehmen.

16. Keiner darf mit Einem beten, der vom Gebete ausgeschlossen ist.
Ja, wenn Einer für irgend ein Vergehen zeitweilig vom <s 42>Gebete ausgeschlossen ist, so ist es
Keinem gestattet, mit ihm zu beten, bevor nach demüthiger Bußübung seine Wiederaufnahme
gewährt und ihm sein Vergehen vor allen Brüdern öffentlich verziehen worden ist. Deßwegen
hält man sich mit einer solchen Strenge von der Gemeinschaft seines Gebetes fern, weil man
glaubt, Derjenige, welcher vom Gebete ausgeschlossen ist, werde nach dem Worte des Apostels
dem Teufel übergeben; und wenn Jemand aus unerleuchteter Frömmigkeit vor der
Wiederaufnahme desselben durch den Vorsteher an seinem Gebete Theil zu nehmen sich erlaubt,
so mache er sich theilhaftig seiner Verdammniß und überliefere sich selbst dem Satan, dem Jener
zum Zwecke der Besserung überliefert worden war; dadurch begehe man einen um so größeren
Fehler, weil man durch Gespräche oder gemeinschaftliches Gebet mit demselben ihn in seiner
Anmaßung bestärke und in seiner Hartnäckigkeit befestige. Nur zum Verderben gereicht ihm
dieser Trost, der nur sein Herz mehr und mehr verhärtet und ihm die Demütigungen erspart, um
derentwillen er von den Übrigen abgesondert war. Daher fruchtet der Tadel des Vorgesetzten
wenig bei ihm, und er denkt nicht aufrichtig an Genugthuung und Verzeihung.

17. Wer zum Gebete ruft, muß die Brüder zur gewohnten Stunde wecken.
Derjenige, welchem die Einladung zur Gebetsversammlung und die Sorge für deren
Zusammenberufung übertragen ist, wagt nicht, hie und da, wie es ihm gefällt, oder wie er gerade
in der Nacht aufwacht, oder wenn ihn etwa seine Schlaflosigkeit dazu treibt, die Brüder zu den

19
gewöhnlichen Nachtwachen zu wecken, sondern zur gewohnten Zeit erforscht er ängstlich und
wiederholt an dem Laufe der Gestirne die zur Versammlung bestimmte Stunde und ladet dann
erst die Brüder zur Verrichtung des Gebetes ein. Er sucht dadurch einen zweifachen Fehler zu
vermeiden: einmal die festgesetzte Stunde zu verschlafen und sodann dieselbe zu früh anzusagen,
um desto bälder wieder dem Schlafe sich überlassen <s 43>zu können; auf diese Weise würde er
weder für den heiligen Dienst, noch für die Ruhe der Brüder, sondern bloß für seine eigene
Bequemlichkeit Sorge tragen.

18. Vom Samstag Abend bis zum Sonntag Abend kniet man nicht.
Auch Das ist noch zu erwähnen, daß vom Samstag Abend, mit welchem gleichsam schon der
Sonntag anbricht, bis zum folgenden Abend bei den ägyptischen Mönchen die Kniee nicht
gebeugt werden; aber auch an allen Tagen zwischen Ostern und Pfingsten geschieht Dieß nicht,
sowie auch an diesen die gewöhnliche Fastenregel nicht beobachtet wird. Den Grund hiefür
werde ich in den Collationen seiner Zeit auseinandersetzen. Unsere jetzige Aufgabe ist, die
Verhältnisse in kurzer Aufzählung zu berühren, damit das Buch nichts den festgesetzten Umfang
überschreite und den Leser mit Uberdruß erfülle.

Drittes Buch: Von dem vorgeschriebenen Officium des Tages.


1. Einleitung.
<s 44>Von der Verrichtung des nächtlichen Psalmengebetes, wie sie in Aegypten gebräuchlich
ist, glaube ich, mit Gottes Hilfe und soweit es meine schwachen Kräfte vermochten, genügend
gesprochen zu haben; jetzt ist es meine Aufgabe, von der Feier der Terz, Sext und Non nach der
Uebung der Klöster in Palästina und Mesopotamien zu handeln, um so, wie ich in der Vorrede
gesagt habe. die Vollkommenheit der Aegyptier und die unnachahmliche Strenge ihrer Regel
durch die Gebräuche dieser Mönche zu mildern.

2. Von den Ägyptern wird das Gebet, ohne Unterschied der Stunden, beständig bei der
Handarbeit geübt.
Bei den ägyptischen Mönchen wird der Gebetsdienst, den wir zu gewissen Stunden, durch die
Mahnung des an die Thüre klopfenden Bruders veranlaßt, dem Herrn <s 45> darbringen, den
ganzen Tag hindurch in steter Verbindung mit Handarbeit freiwillig verrichtet. Sie widmen sich
nämlich in ihren Zellen der Arbeit beständig in der Weise, daß die Betrachtung über die Psalmen
und übrigen Theile der heiligen Schrift nie ganz ausgesetzt wird. Hiemit verbinden sie jeden
Augenblick Bitten und Gebete und bringen auf diese Weise den ganzen Tag mit Beten zu, was
wir nur zu bestimmten Stunden thun. Deßhalb wird, abgesehen vom abendlichen und nächtlichen
Gebete, des Tages über keine öffentliche Feierlichkeit bei ihnen gehalten; nur am Samstag und
Sonntag kommen sie um die dritte Stunde zusammen, um die heilige Kommunion zu empfangen.
Diese Art des Gebetes ist vollkommener: denn was unaufhörlich dargebracht wird, ist mehr als
Das, was in Zeitabschnitten verrichtet wird; und angenehmer ist eine freiwillige Gabe als die
Verrichtungen, zu welchen die Regel zwingt. Dieß preist schon der König David als etwas
Herrliches, wenn er singt: „Willig bringe ich dir das Opfer dar,“27 und: „Das willige Lob meines
Mundes möge dir wohlgefällig sein, o Herr!“28

27
Ps. 53, 8.
28
Ps. 118, 108.

20
3. Im ganzen Orient werden die Terz, Sert und Non schon nach drei Psalmen und
Orationen geschlossen. — Warum man gerade diese Stunden zur Abhaltung des
betreffenden Gottesdienstes wählte.
In den Klöstern Palästinas, Mesopotamiens und des ganzen Orients wird die Gebetsfeier der
genannten Stunden nach Abbetung von je drei Psalmen beendigt. Auf diese Weise wird zu den
festgesetzten Zeiten Gott ein immerwährendes Gebet dargebracht, und auch die nothwendig zu
verrichtenden Arbeiten werden, wenn den geistlichen Verpflichtungen in rechtem Maße genützt
ist, in leiner Weise gehindert. — Wir lesen, daß auch der Prophet Daniel29 zu diesen <s 46>drei
Zeiten täglich bei offenem Fenster im Speisesaal zum Herrn sein Gebet gesandt habe. Und nicht
mit Unrecht wurden gerade diese Zeiten für diesen heiligen Dienst bestimmt; denn in ihnen
wurden die größten Verheissungen erfüllt und unser Heil besiegelt. Die dritte Stunde erinnert
vorzugsweise an die Herabkunft des von den Propheten verheissenen heiligen Geistes über die im
Gebete begriffenen Apostel. Als nämlich über die vermittelst der Eingebung des heiligen Geistes
ihnen zu Theil gewordene Sprachengabe das ungläubige Judenvolk staunte und spottend
bemerkte, sie feien „voll des süßen Weines“, da trat Petrus in ihre Mitte und sprach:30 „Ihr
Männer von Israel und Alle, die ihr in Jerusalem wohnt, Dieß sei euch kund und vernehmet
meine Worte! Denn nicht sind diese, wie ihr vermuthet, trunken, - es ist ja die dritte Tagesstunde,
- vielmehr ist es Dieß, was gesagt worden ist durch den Propheten Joel: Es wird geschehen in den
letzten Tagen, spricht der Herr: Ich werde ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch, und
eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, und
euren Greisen werden Traumerscheinungen erscheinen.“ Dieß alles sehen wir um die dritte
Stunde erfüllt, wie auch die von den Propheten verkündete Ankunft des heiligen Geistes zu den
Aposteln um dieselbe Zeit stattfand. Um die sechste Stunde aber ist das unbefleckte Opfer, unser
Herr und Heiland, dem Vater dargebracht worden, und das Kreuz für das Heil der ganzen Welt
besteigend tilgte er die Sünden des menschlichen Geschlechtes und hat entwaffnet die
Fürstenthümer und Mächte und sie zur Schau gestellt, und uns alle, die wir der unbezahlbaren
Schuldverschreibung anheimgefallen waren, hat er befreit, indem er dieselbe tilgte und an das
Siegeszeichen seines Kreuzes heftete. Um die sechste Stunde wird ferner dem heiligen Petrus in
einer Verzückung die Berufung aller Völker durch das Herablassen des vom Himmel gesandten
<s 47>Tuches und die Reinheit aller in demselen befindlichen Thiere durch die Stimme vom
Himmel geoffenbart: „Steh' auf, Petrus schlachte und iß!“ Dieses an den vier Enden vom Himmel
herabgelassene Tuch bezeichnet offenbar nichts Anderes als das Evangelium. Scheint es nämlich,
als habe das durch die vierfache Aufzeichnung der Evangelisten unterschiedene Evangelium vier
Enden, so ist es doch nur ein Ganzes: denn es berichtet gleichmäßig desselben Christus Geburt
und Gottheit und enthält seine Wunder und Leiden. Schön aber nennt die heilige Schrift das Tuch
nicht ein „linnenes“, sondern ein „gleichsam linnenes“. Das Linnen nämlich ist das Zeichen der
Abtödtung. Weil also der Herr bei seinem Leiden nicht nach dem Gesetze der menschlichen
Natur, sondern nach seinem eigenen freien Willen sich dem Tode unterzogen hat, wird es ein
„gleichsam linnenes“ genannt. Denn er starb dem Fleische, nicht dem Geiste nach, weil weder
seine Seele in der Unterwelt verblieb noch sein Fleisch die Verwesung schaute. Und ferner sagt
er: „Niemand nimmt mein Leben weg von mir. sondern ich gebe es hin von mir selber aus. und
ich habe Macht, es hinzugeben und es wieder zu nehmen.“31 Auf diesem vom Himmel gesandten,
d. h. vom beiligen Geiste beschriebenen Tuche der Evangelien sollen alle Völker, die einst ausser
der Erfüllung des Gesetzes standen und daher für unrein galten, nach der Stimme des Herrn durch
Annahme des Glaubens sich versammeln; hier sollen sie sich zu ihrem Heile von dem
Götzendienste abwenden und zu der durch Petrus gereinigten gesunden Speise herankommen.
Um die neunte Stunde aber stieg der Heiland in die Unterwelt hinab, verscheuchte durch den
Glanz seiner Herrlichkeit die undurchdringliche Finsterniß der Vorhölle, erbrach ihre ehernen
Pforten, sprengte ihre eisernen Riegel und nahm die Gefangenschaft der Heiligen, welche ohne
Erbarmen in der Finsterniß der Unterwelt eingeschlossen gehalten wurden, nun zu ihrem Heile

29
Kap. 6.
30
Apostelgesch. 2.
31
Joh. 10, 18.

21
gefangen und führte sie <s 48>mit sich zum Himmel empor. Hier nahm er das flammende
Schwert hinweg und setzte den ehemaligen Bewohner des Paradieses zu Gottes Preis und Ehre
wieder in dasselbe ein. Zu derselben Stunde verharrte der Hauptmann Kornelius32 mit gewohnter
Andacht im Gebete und erkannte aus den Worten des Engels, der mit ihm redete, daß seine
Gebete und Almosen emporgestiegen waren zu einem Gedächtnisse vor Gott. Um die neunte
Stunde wird ihm das Geheimniß der Berufung der Heiden enthüllt, das dem Petrus in der
Verzückung um die sechste Munde geoffenbart worden war. An einer andern Stelle der
Apostelgeschichte33 wird bezüglich derselben Zeit berichtet: „Petrus aber und Johannes gingen
hinauf zum Tempel um die neunte Stunde des Gebetes.“ Hieraus erhellt klar, daß nicht mit
Unrecht von heiligen und apostolischen Männern diese Stunden dem beiligen Dienste geweiht
wurden und daher auch von uns in gleicher Weise eingehalten werden müssen. Denn wenn wir
nicht wie durch ein Gesetz dazu verpflichtet werden, diesen frommen Dienst wenigstens zur
bestimmten Zeit zu verrichten, so bringen wir, von Trägheit, Vergessenheit oder Beschäftigungen
in Anspruch genommen, den ganzen Tag hin ohne ein Gebet hier und da eingefügt zu haben.
Doch was soll ich von dem Abendopfer noch reden, dessen ununterbrochene Darbringung schon
im alten Testamente durch das mosaische Gesetz angeordnet wird? Denn daß Morgen- und
Abend-Opfer, wenn auch nur mit vorbildlichen Opferthieren, alle Tage im Tempel dargebracht
wurden, läßt sich schon aus dem Worte Davids34 beweisen: „Es schwinge mein Gebet sich auf,
gleich Rauchwerk, zu dir, meiner Hände Erbeben sei wie ein Abendopfer!“ Bei jener Stelle kann
man in heiligerer Auffassung auch an jenes wahre Abendopfer denken, das entweder am
Vorabend vom Herrn und Erlöser den Jüngern beim Abendmahle hingegeben wird und so die
Hochheiligen Geheimnisse der Kirche beginnt, oder an jenes<s 49> Opfer, in welchem der
Heiland am folgenden Tage und zwar am Schlusse der Tageszeiten, durch die Erhebung seiner
Hände als Abendopfer für das Heil der ganzen Welt sich dem Vater dargebracht hat. Dieses
Ausstrecken seiner Hände am Kreuze wird so recht eigentlich „Erhöhung“ genannt. Denn uns
alle, du wir der Hölle verfallen waren, erhob er zum Himmel nach dem Worte seiner
Verbeissung: „Wenn ich von der Erde erhöht sein werde, will ich Alles zu mir ziehen.“35 Ueber
die Feier der Matutin (Laudes) aber belehrt uns jene Stelle, die wir täglich in derselben zu singen
pflegen: „Gott, mein Gott, zu dir erwache ich am frühen Morgen“36 und: „Am Morgen noch ist
mein Sinnen in dir“37 und: „Ich komme früh am Morgen und rufe“38 und ferner: „Früh richten
sich meine Augen auf dich vor der Dämmerung, um zu betrachten über deine Aussprüche.“39 -
Um diese Stunden hat auch der Hausvater im Evangelium die Arbeiter für seinen Weinberg
gedungen. Denn es heißt auch von ihm daß er zuerst am Morgen gedungen habe, welche Zeit
unsere Matutin bezeichnet, dann um die dritte, hierauf um die sechste, darnach um die neunte,
zuletzt um die eilfte Stunde, womit die Abendstunde gemeint ist.

4. Die Matutin, welche wir Prim nennen, ist nicht durch alte Ueberlieferung eingeführt,
sondern zu unserer Zeit hinzugekommen.
Indessen muß man wissen, daß die Matutin, welche jetzt auch sogar in den meisten
abendländischen Provinzen gefeiert wird, als canonische Verrichtung erst zu unserer Zeit und
zuerst in unserem Kloster (zu Bethlehem) eingeführt wurde, wo unser Herr Jesus Christus, aus
der Jungfrau geboren, dem Wachsthum eines menschlichen Kindes zu unterziehen sich würdigte
und auch unsere in der Frömmigkeit <s 50>noch zarte und saugende Kindheit durch seine Gnade
befestigte. Wir finden nämlich, daß die Feier der Matutin (welche in den gallischen Klöstern

32
Apostelgesch. 10.
33
Apostelgesch. 3, 1 ff.
34
Ps. 140, 2.
35
Joh. 12, 32.
36
Ps. 62, 1.
37
Ps. 62, 7.
38
Ps. 118, 147.
39
Ps. 118, 148.

22
kurze Zeit nach Vollendung der nächtlichen Psalmen und Gebete gehalten zu werden pflegt) bis
zu jener Zeit (im Kloster zu Bethlehem) zugleich mit den täglichen Vigilien (Nocturnen)
vollendet wurde, und daß die übrigen Stunden von unseren Vorfahren für die Ruhe bestimmt
waren. Da jedoch die Nachlässigeren diese Nachsicht mißbrauchten und die Frist zum schlafen
zu weit ausdehnten, weil ja vor der dritten Stunde (Terz) keinerlei Zusammenkunft stattfand und
sie nöthigte, ihre Zellen zu verlassen und von ihren Lagerstätten sich zu erheben, und da sie dann
zum Nachtheil für die (Tages-) Arbeit auch unter Tags, wo man verschiedenen Geschäften sich
hingeben soll, in Folge des übermäßigen Schlafes als erschlafft sich erwiesen, zumal an jenen
Tagen, an welchen den vom Abend (Vesper) bis zum Nahen des Morgenrothes (Laudes)
Nachtwache (Nocturnen) eine gar lästige Ermattung zu erwachsen pflegt: so wurde dortselbst (in
Bethlehem), nachdem einige geisteseifrige Brüder, welchen solche Nachlässigkeit sehr mißfiel,
an die Oberen Klage gebracht halten, von diesen nach langer Erörterung und reiflicher
Ueberlegung Folgendes beschloßen: Bis Sonnenaufgang, wo man schon ohne Anstand die
Lesung halten oder eine Handarbeit vornehmen könne, solle dem müden Leibe Ruhe gegönnt,
hierauf, um dieser religiösen Uebung nachzukommen, sollen die Mönche geweckt werden und
alle zusammen aufstehen; nun sollten drei Psalmen und Gebete gesprochen werden nach der bei
der Feier der Terz, Sext und Non üblichen Weise; hierauf solle man mit dem Schlafe ein Ende
und mit der Arbeit in rechtem und billigem Maße einen Anfang machen. Scheint man auf diese
Anordnung auch nur aus Zufall gekommen zu sein und sie in jüngster Zeit aus dem erwähnten
Grunde getroffen zu haben; so ergänzt sie doch jene Zahl, die der selige David angibt. —
abgesehen davon, daß sie auch eine geistige Beziehung zuläßt, — dem Buchstaben nach ganz
deutlich: „Siebenmal am Tage <s 51>sage ich dir Lob wegen der Gerichte deiner
Gerechtigkeit.“40 Kommt nämlich noch dieses feierliche Gebet hinzu, so halten wir siebenmal
ohne Zweifel am Tage diese feierlichen Versammlungen, und es bestätigt sich, daß wir siebenmal
an demselben dem Herrn Lob singen. Obgleich übrigens dieser Gebrauch ursprünglich aus dem
Morgenland stammt und zu sehr großem Nutzen bis hierhin verbreitet wurde; so scheint er doch
bis jetzt in einigen der ältesten Klöster des Orients, die durchaus lein Abgehen von den Regeln
der Väter dulden, gar keinen Eingang gefunden zu haben.

5. Nach der Matutin (Prim) darf man nicht wieder schlafen gehen.
Manche, die nicht wissen, warum diese Gebetsfeier angeordnet wurde oder in unserem Lande in's
Leben trat, begaben sich nach Abbetung der Matutin wieder zur Ruhe und kommen somit
dennoch in jenen Fall, zu dessen Verhütung dieses Gebet von unseren Oberen eingeführt wurde.
Denn sie verrichten dasselbe schon um jene Stunde, in welcher den Nachläßigeren und weniger
Besorgten wieder Gelegenheit zum Schlafen gegeben ist. Dieß darf durchaus nicht geschehen,
wie wir im vorigen Buche ausführlicher nachgewiesen haben, in welchem wir die
Gebetsversammlungen der ägyptischen Mönche beschrieben. Denn in diesem Falle laufen wir
Gefahr, die durch demüthiges Bekenntniß und vor Tag verrichteten Gebete erlangte Reinheit
durch eine gewisse sich einstellende Fülle der natürlichen Flüssigkeit zu beflecken oder durch
Vorspiegelungen des bösen Feindes zu verlieren. Und selbst wenn die hierauf eintretende Ruhe
von einem reinen und einfachen Schlafe begleitet ist, so kann sie doch das Feuer unseres Geistes
dämpfen und uns, die wir durch die Erschlaffung des Schlafes lau geworden sind, alsdann den
ganzen Tag hindurch unthätig und träge <s 52>dahinschleppen. Damit Dieß den ägyptischen
Mönchen nicht begegne, so dehnen sie, da sie zu gewissen Zeiten schon vor dem Hahnenrufe
aufzustehen pflegen, nachdem die vorgeschriebene Gebetsversammlung (Officium nocturnum)
geschlossen ist, die Nachtwachen bis zum Tagesanbruche aus. So trifft sie der kommende Tag in
dieser Glut des Geistes an und erhält sie den ganzen Tag hindurch eifriger und sorgfältiger; denn
er überkommt dieselben vorbereitet zum Streite und zum täglichen Kampfe gegen den Teufel
durch die Uebung der Nachtwachen und die geistliche Betrachtung gestärkt.

40
Ps. 118, 164.

23
6. Durch Einführung der Matutin (Prim) wurde von den Obern Nichts an der alten
Ordnung des Psalmengebetes geändert.
Auch Das dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß unsere Oberen, welche eben diese Matutin dem
Gebete glaubten hinzufügen zu müssen, an dem alten Brauch des Psalmengebetes Nichts
geändert, sondern in derselben Ordnung wie früher in den nächtlichen Versammlungen stets die
Feier des Gebetes abgehalten haben. Denn die Lobpsalmen, welche sie in diesem Lande zu der
Matutin (=Laudes) ausgewählt haben, singt man äbnlich auch heute noch am Schlusse der
Nachtwachen, die man nach dem Hahnenruf vor Anbruch der Morgenröthe zu schließen pflegt.
Diese Gesänge sind folgende: der 148. Psalm, der mit den Worten beginnt: „Lobet den Herrn
vom Himmel her“, und die folgenden; der 50. Psalm aber, der 62. und der 89. sind, wie wir
wissen, für diese neue Andacht (Prim) bestimmt. Endlich wird in Italien noch heute nach
Absingung der Psalmen der Matutin der 50. Psalm in allen Kirchen gesungen, was ohne Zweifel
sich aus dieser Veränderung herleitet.

7. Wer zum Gebet am Tage vor Schluß des ersten Psalmes nicht erschienen ist, darf das
Oratorium nicht mehr betreten; bei dem Nachtgebet aber wird eine Verspätung bis zum
Schlusse des zweiten Psalmes noch verziehen.
<s 53>Wer in der Terz, Sext oder Non vor Schluß des begonnenen Psalmes nicht zum Gebete
erschienen ist, wagt das Oratorium nicht mehr zu betreten noch sich zu den Singenden zu
gesellen, sondern wartet vor der Thüre die Entlassung der Versammlung ab, um von allen
Herauskommenden durch fußfällige Buße Verzeihung seiner Nachläßigkeit und Langsamkeit zu
erlangen. Denn er weiß, daß er auf gar keine andere Weise die Schuld seiner Trägheit sühnen,
aber auch nicht einmal zu der drei Stunden darauf erfolgenden Andacht zugelassen werden kann,
wenn er nicht für die gegenwärtige Nachlässigkeit durch wahre Demuth eifrige Genugthuung zu
leisten sich beeilt. Bei den nächtlichen Versammlungen wird dem Säumigen eine Frist bis zum
zweiten Psalme gewährt; jedoch muß er vor dem Beginne der unmüttelbar auf diesen Psalm
folgenden Oration sich der Versammlung eiligst anschließen und beigesellen. Wenn er aber über
die festgesetzte Frist nur ein wenig zu spät kommt, so muß er zweifelsohne dem erwähnten Tadel
und der genannten Buße sich unterziehen.

8. In welche Zeit die mit Samstag Abend beginnenden Nachtwachen fallen, und in welcher
Ordnung dieselben gehalten werden.

Was indessen die Nachtwachen betrifft, die jede Woche mit Anbruch des Samstag-Abendes
gehalten werden, so dehnen die Vorstcher in den Klöstern zur Winterzeit, wann die Nächte länger
sind, dieselben nur bis zum vierten Hahnenrufe aus; und zwar geschieht Dieß, damit die welche
die ganze Nacht über gewacht, doch noch die übrigen zwei Stunden ihren Körper kräftigen
können und mit dieser kurzen Ruhe statt des Schlummers der ganzen Nachl sich begnügend nicht
den ganzen Tag über von Schlaftrunkenheit ermattet <s 54>seien. Diesen Brauch sollten auch wir
mit aller Gewissenbaftigkeit beobachten und uns begnügen mit dem Schlafe, der uns nach dem
Verlaufe der Nachtwachen bis zum Anbruche des Tages d. h. bis zu den Psalmen der Matutin
(Prim) gestattet ist, und hierauf den Tag in der Verrichtung unserer Arbeiten und
Dienstleistungen verbringen; denn sonst möchte die Ermüdung in Folge der Nachtwachen und
unsere Schwachheit uns verleiten, den Schlaf, den wir der Nacht entzogen, während des Tages
wieder zu beanspruchen, und es könnte den Anschein haben, als ob wir nicht so sehr dem Körper
Ruhe entzogen als die Zeit der Ruhe und nächtlichen Erquickung nur vertauscht hätten. Denn
unmöglich kann das gebrechliche Fleisch so der ganzen Nachtruhe entbehren, daß es den ganzen
folgenden Tag ohne Schläfrigkeit und geistige Erschlaffung in unerschütterlicher Wachsamkeit
sich aufrecht erhalten kann. Die Körperträfte werden eher dadurch geschädigt als gefördert
werden, wenn der Leib nicht nach Beendigung der Nachtwachen nicht wenigstens etwas Schlaf
genießt. Und wenn deßbalb wenigstens ein einstündiger Schlaf, wie schon erwähnt wurde, vor

24
Tagesanbruch gestattet wird, so werden wir, die wir die Nacht im Gebete zugebracht, von allen
Stunden der Nachtwachen Gewinn haben. Auf diese Weise geben wir der Natur, was ihr
zukommt, und haben nicht nothwendig, das am Tage wieder zu beanspruchen, was wir der Nacht
entzogen haben. Denn Alles wird Jeder diesem Fleische zurückgeben, der ihm nicht vernünftiger
Weise einen Theil zu entziehen, sondern, das Ganze zu versagen sucht, der, besser gesagt, nicht
das Überflüssige, sondern das Nothwendige wegschneiden will. Deßhalb muß man mit großem
Schaden die Nachtwachen entgelten, wenn man sie ohne vernünftige Ueberlegung bis zum
Tagesanbruch übermäßig ausdehnt. Ferner gibt man deßwegen den Nachtwachen eine
Abwechslung durch die Dreiteilung des Gebetsdienstes, damit die Anstrengung durch diesen
Wechsel gleichsam getheilt und so durch eine gewisse Annehmlichkeit die körperliche
Erfchöpfung beseitigt wird. Haben nämlich die Brüder die drei <s 55>Antiphonen stehend
gesungen, so respondiren sie alsdann, auf dem Boden oder ganz niedrigen Sitzbänken sitzend,
während einer (versweise) vorsingt, drei Psalmen, welche einzeln von den einzelnen Brüdern in
wechselnder Abfolge der andern dargeboten (vorgesungen) werden; und an diese reihen sie in
derselben ruhenden Lage drei Lektionen. So vermindern sie die körperliche Anstrengung und
führen ihre Nachtwachen mit größerer Aufmerksamkeit aus.

9. Warum wurden für den Samstag Vigilien verordnet, und warum tritt im Orient die
Befreiung vom Fasten schon am Samstag ein?
Von der Zeit der apostolischen Predigt an, als die christliche Religion gestiftet wurde, verordnete
man im ganzen Orient die Feier von Vigilien von Freitag Abend an; und zwar geschah Dieß aus
dem Grunde, weil nach der Kreuzigung unfers Herrn und Heilandes am sechsten Tage der Woche
die über dessen kaum geendigtes Leiden tiefbetrübten Jünger die ganze Nacht wachend
ausharrten, ohne ihren Augen irgend welchen Schlaf zu gönnen. Deßhalb wird von dieser Zeit an
die für diese Nacht angeordnete Feier der Vigilien bis auf den heutigen Tag im ganzen Orient
gleichmäßig beobachtet. Und daher wurde ebenfalls von Männern, die zur Zeit der Apostel
lebten, nach den anstrengenden Vigilien für den Samstag die Unterlassung des Fastens verordnet.
Nicht mit Unrecht hält man sich an diese Sitte in allen Kirchen des Orients und glaubt sich auch
nach einem Ausspruche des Ekllesiastes dazu berechtigt, der zwar noch einen mystischen Sinn
hat, jedoch auch den Sinn nicht ausschließt, nach welchem uns geboten wird, beiden Tagen, dem
siebenten sowohl wie dem achten, den gleichen Antheil zu widmen. Er sagt nämlich:41 „Gib
Antheil an <s 56>Sieben, wohl auch an Achten!“ Es kann nämlich dieses Aussetzen des Fastens
doch nicht auf die Gemeinschaft mit dem Festtage der Juden bezogen werden, als ob die Christen
gleich den Juden den Sabbath feierten; am wenigsten konnte Dieß von Jenen geschehen, die sich
jeglichem jüdischen Aberglauben unzugänglich zeigen. Nein, das Fasten wird nur ausgesetzt aus
Rücksicht auf die erwähnte Erholung des ermüdeten Leibes, der leicht müde und erschöpft
würde, wenn er jede Woche des ganzen Jahres fünf Tage fasten und dazwischen nicht wenigstens
an zwei Tagen sich erquicken würde.

10. Ursprung der Samstagsfasten in der Stadt Rom.


Unbekannt mit dem Grund dieser Milderung glauben Manche in einigen abendländischen Städten
und besonders in der Stadt Rom, man dürfe deßbalb das Einstellen des Fastens am Samstage
nicht gebieten, weil, wie sie sagen, der Apostel Petrus gerade an diesem Tage vor feinem Streite
mit Simon (Magus) gefastet habe. Hieraus erhellt noch deutlicher, daß er Dieß nicht nach der
herkömmlichen Gewöhnheit, sondern vielmehr gezwungen durch den gegenwärtigen Streit
gethan habe. Es scheint nämlich auch hier Petrus eben für diese Angelegenheit seine Jünger nicht
zu einem allgemeinen, sondern zu einem besonderen Fasten Eingeladen zu haben. Dieß hätte er
sicher nicht gethan, wenn er gewußt hätte, daß man nach herkömmlicher Gewohnheit das Fasten
zu beobachten pflege. Ja, ohne Zweifel wäre er bereit gewesen, auch am Sonntage dazu
41
Ekkl. 11, 2.

25
aufzufordern, wenn die Gelegenheit eines Kampfes ihn gedrängt hätte. Keineswegs aber brauchte
diese Aufforderung als eine bindende Fastenregel verkündet zu werden; denn nicht ein allgemein
beobachteter Brauch hatte sie festgestellt, fondern das Gebot der Noth für einmal dringend
gefordert.

11. Worin unterscheidet sich die Feier des Sonntags von der Lebensweise an den übrigen
Tagen?
Auch darüber darf man nicht in Unwissenheit bleiben, daß am Sonntage nur eine
gottesdienstliche Versammlung vor der Mahlzeit gehalten wird, in welcher die Mönche die
Psalmen, Orationen und Lektionen aus Ehrfurcht vor der sonntäglichen Versammlung oder
Kommunion mit größerer Feierlichkeit und Bereitwilligkeit beten und hierin auch Terz und Sext
sich persolvirt denken. Auf diefe Weise wird Nichts an dem pflichtschuldigen Gebet abgekürzt,
weil nämlich noch Lektionen beigefügt werden. Trotzdem zeigt sich hier scheinbar ein
Unterschied und wird den Brüdern aus Ehrfurcht gegen die Auferstehung des Herrn im Vergleich
zu der übrigen Zeit eine Erleichterung gewährt, welche ein Doppeltes bezweckt: einmal mildert
sie die Strenge der ganzen Woche42 und dann veranlaßt die mit ihr verbundene Abwechslung die
Mönche, diesen Tag als einen Festtag wieder in einer gehobeneren Stimmung zu erwarten, und
läßt sie durch die Erwartung dieses Tages die Fasten der kommenden Woche weniger fühlen.
Denn immer erträgt man mit größerem Gleichmuth jegliche Ermüdung und verwendet
unverdrossene Anstrengung auf ein Werk, wenn zuweilen eine gewisse Abwechslung oder irgend
welche Veränderung in der Arbeit darauf folgt.

12. Regeln bezüglich des Tifchgebetes.


An eben diesen Tagen, d. h. am Samstag und Sonntag oder den Festtagen, an welchen den
Brüdern Mittags- sowohl wie Abendessen gereicht wird, wird am Abende der <s 58>Psalm nicht
gebetet, d. h. weder vor noch nach der Abendmahlzeit, während es bei festlicher Mittagsmahlzeit
und bei der kanonischen Erfrischung an Fasttagen geschieht, welcher gewohnheitsgemäß
Psalmen vorausgehen und folgen. Vielmehr setzt man sich nach einem einfachen Gebet zur
Abend-Mahlzeit und beschließt dieselbe bloß mit einem Gebete. Denn diese Mahlzeit gilt bei den
Mönchen für eine aussergewohnliche; auch sind nicht alle zur Tbeilnahme an derselben
verpflichtet; nur fremde Brüder, die gerade kommen, oder solche, die eine leibliche Krankheit
oder der eigene Wille dazu einladet, nehmen daran Theil.43

Viertes Buch: Regeln für die Novizen.


1. Einleitung.
<s 59>Von der also geregelten Gebetsweise, wie sie bei den täglichen Versammlungen in den
Klöstern beobachtet werden muß, gehen wir in der durch die Form der Erzählung uns gebotenen
Ordnung zur Belehrung Derjenigen über, welche dieser Welt entsagt haben. Dabei werden wir
bemüht sein, in gedrängter Kürze die Bedingungen anzugeben, unter denen Jene, die sich zum
Herrn bekehren wollen, in das Kloster aufgenommen werden. Zu diesem Zwecke werden wir

42
An den Wochentagen wurde nämlich die Mahlzelt (prandium) nicht schon Mittags (nach der Sext) sondern erst nach der Non (also gegen
Abend) genommen und bis dahin gefastet.
43
Noch gegenwärtig spricht man an Fasttagen vor und nach dem Abendessen, das nicht coena (diese findet dann Mittags statt), sondern bloß
refectio ist, nur im Stillen ein Gebet (Pater noster) und fällt das Tischgebet mit Psalmengesang aus; das „Memoriam fecit etc.“ wird dann Mittags
gebetet, und das „Confiteantur etc.“ gar nicht, weil kein eigentliches prandium stattfindet, daher der Vers:
„Confiteantur“ amo, quia coenam vespers clamo;
Odi „Memoriam“, quia tollit vespere coeuam.

26
Einiges aus der Regel der ägyptischen und Einiges aus der Regel der tabenensischen44 Mönche
anführen. Diese letzteren haben ein Kloster in der Thebais, in welchem ein um so strengerer
Wandel geführt wird, je bevölkerter dasselbe ist. Es stehen nämlich dort über fünftausend Brüder
unter der Leitung eines Abtes. Diese so große Anzahl von Mönchen unterwirft sich zu jeder Zeit
dem Oberen mit einem solchen <s 60>Gehorsam, wie ihn bei uns nur für kurze Zeit weder ein
Untergebener einem Vorgesetzten zu leisten noch ein Vorgesetzter durchzuführen vermag.

2. Von der bis zum höchsten Alter andauernden Beharrlichkeit in den Klöstern.
Vor Allem glauben wir kurz berühren zu müssen, wie bei diesen Mönchen eine so stete
Beharrlichkeit. Demuth und Unterwürfigkeit, die ihnen das Ausharren im Kloster bis zum
gebeugten Greisenalter ermöglicht, so lange andauern kann, sowie durch welches Verfahren sie
zu derselben angeleitet werden. Sie (die Demuth. Unterwürfigkeit) sind so groß, daß, soweit
unsere Erinnerung zurückreicht, Niemand nach dem Eintritt in unsere Klöster auch nur ein
ganzes Jahr sie festgehalten hätte, daß man aber auch nur die Anfänge solcher Selbstverleugnung
wahrzunehmen braucht, um daraus schließen zu können, daß über dem Fundamente eines solchen
Anfanges das Gebäude der Vollkommenheit bis zur höchsten Spitze sich erheben würde.

3. Von der Prüfung der Aufzunehmenden.


Wer in die klösterliche Genossenschaft aufgenommen zu werden verlangt, wird nicht eher ganz
zugelassen, als bis er zehn Tage lang oder noch länger an der Pforte stehend eine Probe seiner
Beharrlichkeit und seines Verlangens, sowie seiner Demuth und Geduld abgelegt hat. Und wenn
er alle vorübergehenden Brüder auf den Knieen angefleht, von allen aber nur absichtlich
Zurückweisung und Verachtung erfahren hat. gleichsam als ob er nicht um ein gottgeweihtes
Leben zu führen, sondern um der Noth zu entgehen, in das Kloster einzutreten wünschte, wenn er
überdies viele Beleidigungen und Schmähungen erlitten und so Proben seiner Standhaftigkeit und
seines künftigen Verhaltens bei Versuchungen durch das willige Ertragen von Schmähungen an
<s 61>den Tag gelegt hat; so wird er, weil man sich von seinem glühenden Eifer hinlänglich
überzeugt hat, aufgenommen und alsdann mit peinlicher Sorgfalt befragt, ob ihm von seinem
früheren Vermögen auch nicht ein Heller mehr anklebe. Denn man weiß, daß der nicht lange im
Ordensstande verbleiben kann, geschweige denn die Tugend der Demuth oder des Gehorsams
erringen und mit der klösterlichen Armuth und Einschränkung zufrieden sein werde, in dessen
Gewissen eine, wenn auch noch so kleine Geldsumme versteckt ist. Vielmehr wird er, wenn bei
irgend einem Anlasse, sich eine Leidenschaft regt, voll Vertrauen auf jene Kleinigkeit aus dem
Kloster wie ein Stein aus einer geschwungenen Schleuder entfliehen.

4. Warum das Vermögen der Novizen nicht zum Nutzen des Klosters verwendet wird.
Die Mönche wagen nicht einmal zum Nutzen des Klosters von den Eintretenden Geld
anzunehmen, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, damit ein Solcher, voll stolzen
Vertrauens auf seine Schenkung, es nicht ganz unter seiner Würde halte, sich den ärmeren
Brüdern gleich zu stellen; zweitens will man dadurch verhüten, daß derselbe, der ob einer solchen
Ueberhebung zur Demuth Christi sich nicht herabzulassen vermag, in der klösterlichen Zucht
nicht ausharre, sondern später austrete und, lau geworden, das, was er im Anfang seiner
Bekehrung aus Eifer hereingebracht batte, später nicht ohne Urrecht gegen das Kloster mit
sakrilegischer Gesinnung zurückzufordern oder gar zu erzwingen sich erkühne. Wie nothwendig
die allseitige Beobachtung dieser Regel sei, wissen die Brüder hinlänglich aus eigener Erfahrung.
Denn Einige, die in anderen minder vorsichtigen Klöstern ohne irgend einen Anstand

44
Tabennä ist eine Nilinsel, wo Pachomius den Grund zum Klosterleben gelegt hat.

27
aufgenommen wurden, haben mit entsetzlicher Gotteslästerung die Rückerstattung der von ihnen
gebrachten und zum Dienste Gottes verwendeten Gaben zu fordern gewagt.

5. Warum die Novizen nach ihrem Eintritte in's Kloster ihre Kleider ablegen und vom Abte
ihnen andere angelegt werden.
<s 62>Nach der Aufnahme wird jeder Novize seiner ganzen ehemaligen Habe entblößt und ihm
selbst der Besitz des Kleides, das er trägt, fernerhin nicht gestattet, fondern, mitten unter die
versammelten Brüder geführt, zieht er seine Kleider aus und empfängt aus den Händen des Abtes
die Ordenskleidung. Dieser Akt soll ihm zum Bewußtsein bringen, daß er Allem, was ihm in
seinem seitherigen Leben theuer war, entsagt und frei von allem weltlichen Hochmuthe zu Christi
Armuth und Niedrigkeit sich erniedrigt habe, daß er von nun an nicht in den durch Weltklugheit
erworbenen und ehedem aus Mangel an gläubigem Vertrauen zurückgelegten Reichthümern
seinen Unterhalt suchen solle, sondern von den frommen und milden Gaben deS Klosters den
Sold für seinen Kriegsdienst empfangen werde. Er soll inne werden, daß er nur von diesen Gaben
in Zukunft sich kleiden und nähren müsse, ohne etwas Anderes noch zu besitzen. Und dennoch
soll er nach dem Worte des Evangeliums45 lernen, unbesorgt zu sein um den folgenden Tag; und
nicht soll er sich schämen, den Armen d. h. allen Brüdern insgesammt sich gleichzustellen, denen
zugezählt zu werden und deren Bruder sich zu nennen Christus sich nicht schämte: ja, er soll sich
sogar rühmen, ein Mitglied der Familie Christi geworden zu sein.

6. Warum die Kleider der Novizen, mit denen sie in das Kloster eingetreten sind, von dem
Hausmeister aufbewahrt werden.
Jene Kleider aber, die der Novize ablegt, werden vom Oekonomen aufgezeichnet und so lange
aufbewahrt, bis man bei ihm Fortschritt in der Tugend sowohl aus seinem Wandel <s 63>als auch
aus der geduldigen Ertragung der verschiedenen Versuchungen und Prüfungen unzweideutig
erkennt. Sieht man nun, daß der Novize in der Zukunft auszuhalten vermag und bei dem Eifer,
mit dem er begonnen, stehen bleibt, so werden die Kleider an die Armen verschenkt. Wenn man
aber bemerkt, daß sich bei ihm irgend eine Unzufriedenheit zeigt oder auch nur ein
unbedeutender Fehler gegen den Gehorsam um sich gegriffen hat, so zieht man ihm das
Ordenskleid, das er trägt, aus, bekleidet ihn mit seinen alten eigens hiezu aufbewahrten Kleidern
und schickt ihn fort. Keiner nämlich darf mit den vom Kloster empfangenen Kleidern weggehen,
noch darf sie Einer tragen, der einmal offenkundig aus Lauheit die Ordensregel verletzt hat.
Daher wird auch durchaus Niemandem gestattet, heimlich sich zu entfernen, ausser wenn er, wie
ein flüchtiger Sklave in des Waldes Dickicht eilend, entflieht. Sonst soll er ohne Gnade in der
angegebenen Weise des Ordenslebens für unwürdig erklärt, mit Schimpf und Schande in
Gegenwart aller Brüder ihm das Ordenskleid ausgezogen und er ausgewiesen werden.

7. Den Novizen wird nicht sofort der Verkehr mit den Brüdern gestattet, sondern sie
nehmen zuvor ihren Aufenthalt in der Herberge.
Ist nun Einer aufgenommen und in der mehrfach erwähnten Beharrlichkeit erprobt, hat er seine
weltlichen Kleider abgelegt und das Ordenskleid empfangen, so darf er nicht sofort sich den
Brüdern beigesellen, sondern wird unter die Aufsicht eines älteren Bruders gestellt. Dieser hat,
getrennt von den Uebrigen, in der Nähe des Klostervorhofes seine Wohnung; ihm ist die Sorge
für die Fremden und Reisenden übertragen, denen er mit aller Sorgfalt eine freundliche
Aufnahme und liebevolle Pflege angedeihen läßt. Wenn hier der Novize ein ganzes Jahr ohne
jegliche Klage dem Dienste der Fremden sich gewidmet und so die erste Schule der Demuth
durchgemacht und durch diefe lange Uebung <s 64>einen Vorgeschmack von dem Orbensleben
45
Matth. 6, 34.

28
erhalten hat, so darf er diesen Aufenthalt verlassen und in der Gesellschaft der Brüder leben. Nun
wird er der Leitung eines anderen älteren Bruders unterstellt. Dieser ist über zehn Novizen
gesetzt, die der Abt ihm anvertraut hat, und die er unterweist und leitet gemäß jener von Moses
im Exodus46 getroffenen Anordnung.

8. Erste Übungen der Novizen zur Besiegung aller bösen Begierden.


Dieser ältere Bruder hat nun die Pflicht, den jungen eben eingeführten Novizen hauptsächlich
darüber zu belehren, wie er seinen Eigenwillen vollständig besiegen kann. Denn dieser Sieg
allein befähigt ihn, von Stufe zu Stufe bis zum höchsten Gipfel der Vollkommenheit
emporzuklimmen. Bei dieser eifrigen und sorgfältigen Uebung wird der Novizenmeister seinem
Schüler absichtlich immer Solches zu befehlen bemüht sein, was nach seiner Beobachtung dessen
Sinnesart nicht zusagt. Denn im Besitze einer reichen Erfahrung halten die Brüder an dem
Grundsatze fest, daß die Mönche, zumal die jüngeren, die Lust ihrer bösen Begierlichkeit nicht zu
zügeln im Stande sind, wenn sie nicht zuvor ihren Eigenwillen durch Gehorsam abzulegen
gelernt haben. Daher ist es ihre ausgesprochene Überzeugung, daß man unmöglich den Zorn oder
die Traurigkeit oder den Geist der Unreinigkeit unterdrücken, geschweige denn eine wahre
Demuth des Herzens, stete brüderliche Einigkeit und eine feste und dauernde Eintracht bewahren
oder auch nur länger im Kloster verbleiben könne, wenn man nicht zuvor seinen Eigenwillen zu
überwinden gelernt habe.

9. Die Novizen dürfen ihrem Vorsteher keinen ihrer Gedanken vorenthalten.


<s 65>Vermittelst dieser Anordnungen ist man bestrebt, gleichsam von Buchstabe zu Buchstabe
und von Silbe zu Silbe die Novizen in der Vollkommenheit zu unterweisen und zu derselben
heranzubilden. Denn so kann man leicht unterscheiden, ob dieselben in einer falschen und
eingebildeten oder wahren Demuth begründet sind. Um leichter zu diesem Ziele gelangen zu
können, leitet man sie allmälig an, durchaus keinen Gedanken, der ihr Herz beunruhigt, aus
verderblicher falscher Scham zu verheimlichen, sondern, sobald ein solcher aufsteigt, ihn sofort
dem Oberen zu offenbaren. Das Urtheil, über einen solchen Gedanken aber sollen sie nicht dem
eigenen Ermessen anheimstellen, sondern das für gut und bös halten, was der Obere nach
sorgfältiger Prüfung als solches erkannt und erklärt hat. Auf diese Weise gelingt es der Schlauheit
des bösen Feindes niemals, den Jüngling wie einen Unerfahrenen und Unwissenden zu
umstricken. Denn schon im Voraus sieht er ihn nicht durch seine, sondern des Vorstehers
Klugheit gewappnet, sieht seinen teuflischen Rath, alle Einflüsterungen, die er brennenden
Pfeilen gleich in des Jünglings Herz schleudert, seinen Oberen zu verheimlichen, vereitelt. Nur
dann, wenn es dem schlauen Satan gelingt, den Novizen entweder aus Stolz oder aus Scham zum
Verschweigen seiner Gedanken zu verlocken, wird er ihn zu täuschen und zum Falle zu bringen
vermögen. Man hält es nämlich für ein allgemeines und unzweideutiges Zeichen eines vom
Teufel eingegebenen Gedankens, wenn man ihn dem Vorsteher zu entdecken sich schämt.

10. Großer Gehorsam der Novizen auch bezüglich der natürlichen Bedürfnisse.
Ferner wird mit solcher Strenge die Regel des Gehorsams eingehalten, daß die Novizen ohne
Wissen und Willen des Vorgesetzten nicht nur nicht ihre Zellen zu verlassen, <s 66>sondern
nicht einmal dem. was allgemein und von Natur nothwendig ist, ohne seine Erlaubniß zu genügen
wagen. Alle Befehle der Oberen sehen sie fast an als von Gott gegeben und beeilen sich,
dieselben ohne alle Erörterung zu vollziehen. Nicht selten nehmen sie sogar unmöglich
auszuführende Befehle mit einem so demüthigen Vertrauen bin, daß sie aus allen Kräften und

46
Exodus (= II. Mos.) 18. 25 f. „Nachdem er Moses) aus ganz Israel rechtliche Männer ausgewählt hatte, setzte er diese als Vorsteher des Volkes
ein, über tausend, hundert, fünfzig und zehn. Diese sprachen Recht dem Volke jeder Zeit.“

29
ohne jegliches innere Widerstreben dieselben zu verrichten bestrebt sind. Ja nicht einmal über die
Unausführbarkeit des Befohlenen denken sie nach: so groß ist ihre Ehrfurcht vor ihrem Oberen.
Ich unterlasse es, jetzt über den Gehorsam der Novizen im Einzelnen zu reden; denn nach der von
mir getroffenen Eintheilung des Stoffes werde ich bald am betreffenden Orte ihn mit Beispielen
beleuchten, wenn Gott mir auf euer Gebet Leben und Gesundheit schenkt. Jetzt will ich. wie in
der Vorrede ich es versprochen habe, über die übrigen Anordnungen berichten und dabei das
weglassen, was in unserm Lande den Klöstern nicht zugemuthet und von ihnen nicht beobachtet
weiden kann. z. B. daß sie keine wollene, sondern linnene Gewänder und diese nicht doppelt
tragen, daß jeder Dekan seiner Dekanie Kleider zum Umkleiden besorgt, sobald er merkt, daß die
von den Mönchen getragenen schmutzig geworden sind.

11. Die kostbarste Speise der Mönche.


Ebenso übergebe ich nebst vielem Andern auch ihre ungemein strenge und großartige
Enthaltsamkeit, bei welcher man es für den größten Leckerbissen hält, wenn ein mit Salz
gewürztes und im Wasser erweichtes Kraut, Lapsanium47 genannt, den Brüdern vorgesetzt wird.
Solches läßt in unserem Lande weder die klimatische Beschaffenheit noch <s 67>unser
schwacher Körperbau zu. Nur das will ich anführen, was keine Schwäche des Fleisches, keine
ungünstige Ortsbeschaffenheit hindern kann, wenn nicht die Schwäche der Seele und die Lauheit
des Geistes es verbietet.

12. Auf das Klopfen an die Thüre unterlassen die Mönche jegliche Arbeit und treten schnell
zu dem Ankommenden hin.
Wenn die Mönche, in ihren Zellen gleichmäßig eifrig mit Arbeit und Betrachtung beschäftigt, das
Klopfen an die Thüre und an die verschiedenen Zellen vernehmen, um zum Gebet oder zur
Arbeit gerufen zu werden, so eilt um die Wette Jeder aus seiner Zelle. Ja, ist Jemand mit
Abschreiben beschäftigt, so wagt er nicht den Buchstaben zu vollenden, über dessen Anfang man
ihn traf, sondern in demselben Augenblicke, in welchem das Klopfen sein Ohr erreichte, springt
er mit der größten Behendigkeit auf und säumt nicht einmal so lange, um den begonnenen Punkt
zu vollenden, sondern läßt die angefangenen Schriftzüge unvollendet. Denn nicht so sehr ist es
der Gewinn und Vortheil seiner Arbeit, worauf er bedacht ist, als die Tugend des Gehorsams, die
er mit allem Eifer zu üben bestrebt ist. Diese Tugend ziehen die Mönche nicht nur der Handarbeit
oder Lektüre oder der ruhigen Stille der Zelle, sondern auch allen anderen Tugenden so sehr vor,
daß sie derselben Alles nachsetzen zu müssen glauben und jeglichen Verlust zu erleiden sich
gefallen lassen, wenn sie sich nur bewußt sind, dieses Gut in keinem Punkte verletzt zu haben.

13. Es gilt für ein großes Vergehen, auch nur etwas ganz Werthloses sein zu nennen.
Ich halte es für überflüssig, unter ihren übrigen Regeln jene Tugend der Armuth auch nur zu
erwähnen, vermöge welcher Keiner ein Kästchen, Keiner ein besonderes Körbchen <s
68>besitzen darf noch sonst etwas Dergleichen, das er wie sein Eigentbum behalten oder mit
seinem Zeichen48 versehen dürfte. Die Brüder sind bekanntlich von Allem so entblößt, daß sie
ausser dem Kolobium (Unterkleid), dem Schultertuche, den Schuhen, dem Pelzmantel und der
Matraze Nichts weiter besitzen. Auch in anderen Klöstern, wo in mancher Beziehung eine minder
große Strenge herrscht, sehen wir diese Regel bis zur Gegenwart mit der größten Strenge
gehandhabt. Hier wagt Keiner auch nur mit einem Wort Etwas sein zu nennen, und das Wort aus
eines Mönches Munde: „Mein Buch, meine Tafeln, meine Feder, mein Mantel, meine Schuhe“ ist

47
Lapsanium ist wohl identisch mit lapsana, dessen Plinius hist. nat. XX. 9. erwähnt, einer in die Familie der Compositen gehörigen, kohlartigen
Pflanze.
48
Verg. hieüber unten S. 69 die Anmerkung in Kap. 15.

30
ein großes Vergehen, für das er eine entsprechende Buße übernehmen muß, selbst wenn heimlich
und ohne sein Wissen ein solches Wort seinem Munde entschlüpft ist.

14. Trotz des aus der Handarbeit gewonnenen Geldes wagt doch Niemand die kärgliche
Genügsamkeit der Regel zu überschreiten.
Obgleich jeder Mönch aus seiner eigenen mühevollen Arbeit täglich dem Kloster solche
Einkünfte zuwendet, daß es davon nicht nur die Ausgaben für den kärglichen Unterhalt der
Brüder bestreiten, sondern auch den Bedürfnissen vieler Anderen reichlich abhelfen kann, so regt
sich doch in Keinem die Eitelkeit, und Keiner schmeichelt sich mit dem so großen, mühevoll aus
seiner Arbeit errungenen Gewinn; vielmehr beansprucht jeder nur zwei kleine Brode, die man
dort für höchstens drei Denare verkauft. Bei ihnen —- ich schäme mich fast, es zu sagen, da es,
wie wir nur zu gut wissen, in unsern Klöstern leider geschieht, — bei ihnen wird von Keinem
eine Arbeit für eigenen Gewinn, ich will nicht sagen in Wirklichleit, sondern nicht einmal in
Gedanken gesucht. — Wohl hält jeder Mönch das ganze Vermögen des Klosters für sein
Eigenthum und verwendet, wie ein Eigenthümer, auf alle Dinge <s 69>alle mögliche Sorgfalt;
allein um die Tugend der freiwilligen Armuth zu bewahren, die er bis an sein Ende vollkommen
und unverletzt zu beobachten beflissen ist, erachtet er sich selbst gegen Alles dermaßen fremd
und abgeneigt, daß er wie ein fremder Bewohner dieser Welt auftritt und sich eher für einen
Zögling und Diener des Klosters hält, als sich zum Herrn über irgend eine Sache aufwirft.

15. Über die bei uns herrschende maßlose Habsucht.


Was sollen wir Beklagenswerthe zu dieser Vollkommenheit sagen, die wir, im Kloster weilend
und unter die sorgende Obhut des Abtes gestellt, dennoch besondere Schlüssel führen und, alle
Ehrfurcht und Scheu vor unserm Stande mit Füßen tretend, sogar Ringe zur Verschließung
geheimer Dinge ohne Scham offen an den Fingern tragen!49 Ja. nicht nur begnügen wir uns nicht
mit Kistchen und Körbchen, sondern nicht einmal mit Kasten und Schränken, um Das
aufzubewahren, was wir zusammenscharren oder beim Verlassen der Welt zurückbehalten haben.
Dergestalt lassen wir uns zuweilen sogar für ganz werthlose und nichtige Gegenstände
einnehmen, die wir gerade wie unsere eigenen verkaufen, daß wir gegen den, der Etwas davon
auch nur mit dem Finger zu berühren wagt, von solchem Zorne entbrennen, daß wir unsere innere
Aufregung nicht einmal von den Lippen und der ganzen Entrüstung verrathenden Haltung des
Körpers zurückzuhalten vermögen. Doch gehen wir über unsere Fehler hinweg und schweigen
wir von dem, was keiner Erwähnung werth ist gemäß dem Worte:50 „Nicht spreche <s 70>mein
Mund von den Fehlern der Menschen,“ vielmehr von den Tugenden, die bei ihnen sich finden.
Fahren wir daher in der begonnenen Form der Erzählung mit Dem fort, was auch wir mit allem
Eifer erstreben müssen, und führen wir nunmehr in kurzem Ueberblicke die Regeln und
Grundzüge an, und gehen wir hierauf zu einigen Thaten und Werken der Vorgesetzten über, die
wir gemäß unseres Vorhabens dem Gedächtnisse unserer Leser einprägen wollen. Auf diese
Weise bekräftigen wir unsere Erörterungen mit den stärksten Zeugnissen; denn alles bis jetzt
Gesagte erhärten wir durch Beispiele und die Gewährschaft, welche das Leben der Mönche
bietet.

16. Regeln über die verschiedenen Zurechtweisungen.

49
Nach dem Zeugnisse des Plinius (Naturgesch. 33. 1) und des Clemena von Alerandrien (Pädag. 3, 2) trugen die Alten Siegelringe nicht bloß zum
Versiegeln von Briefen und sonstigen Schriften, sondern bedienten sich auch ähnlicher Ringe zur Schließung des Hauses, von Schränken, Kisten,
Schatullen u. dgl.
50
Ps. 16, 4.

31
Wenn ein Bruder ein gewisses irdenes Gefäß, ein sog. Βαυκάλιον,51 zufällig zerbricht, so kann
er nur durch öffentliche Buße seine Nachlässigkeit wieder gut machen. Vor der ganzen
Versammlung der Brüder zur Erde hingeworfen muß er so lange um Gnade bitten, bis das
feierliche Gebet beendet ist, und diese wird ihm zu Theil, wenn nach des Abtes Ermessen ihm der
Befehl zum Aufstehen gegeben wird. Auf dieselbe Weise muß Einer Genugthuung leisten, der zu
einer Arbeit oder zur gewohnten Versammlung nicht eilig genug erscheint oder beim
Psalmengesang nur ein wenig stottert. Dieselbe Strafe erleidet ein Mönch, wenn er eine zu
weitläufige, harte oder trotzige Antwort gibt, wenn er einige Nachlässigkeit in der Beobachtung
des von ihm verlangten Gehorsams zeigt, wenn er nur leise murrt, wenn er die Lesung der
Handarbeit oder dem Gehorsam vorzieht und die festgesetzten Dienstleistungen zu säumig
verrichtet, ferner<s 71> wenn er nach Entlassung der Versammlung sich nicht eilig in seine Zelle
begibt, wenn er bei einem andern Mönche nur kurze Zeit sich aufhält oder auf einen Augenblick
sich irgendwohin entfernt, wenn er einen Andern bei der Hand nimmt, wenn er mit Einem, der
nicht dieselbe Zelle mit ihm bewohnt, auch nur ganz wenige Worte zu sprechen wagt, wenn er
mit Einem betet, der vom Gebete ausgeschlossen ist, wenn er einen seiner Verwandten oder
Freunde aus der Welt her zu besuchen wünscht oder ohne seines Vorgesetzten Erlaubnis sich mit
ihnen unterhält, wenn er endlich ohne Erlaubniß des Abtes von irgend Jemandem einen Brief zu
empfangen oder zu beantworten sich erkühnt. So weit geht das geistliche Strafverfahren und wird
in solcher Weise unter Anwendung ähnlicher Mittel gehandbabt. Die übrigen Fehler aber, die bei
uns allenthalben vorkommen und von uns, freilich zu unserem gerechten Tadel, geduldet werden,
nämlich offene Schimpfreden, offenkundige Verachtung, hochmüthige Gegenreden, freier,
unbeschränkter Ausgang, vertrauter Verkehr mit Frauen, Zorn, Streit, Zank, Schelten, Anspruch
auf Eigen-Arbeit, Verlangen nach überflüssigen Dingen, welche die übrigen Brüder nicht
besitzen, und wirklicher Besitz derselben, aussergewöhnliches und heimliches Essen und
ähnliche Fehler werden nicht mit der erwähnten geistigen Strafe geahndet, sondern mit
körperlicher Züchtigung zu bessern versucht oder durch Ausweisung der Fehlenden gesühnt.

17. Ursprung der frommen Lesung bei Tisch und Beobachtung des Stillschweigens bei den
ägyptischen Mönchen.
Die Sitte der Tischlektüre in den Klöstern stammt unseres Wissens nicht von den Agyptiern,
sondern von den Kappadoziern. Diese Letzteren haben ohne Zweifel nicht so sehr zum Zwecke
der geistlichen Uebung diese Einrichtung getroffen, als vielmehr zur Einschränkung des
überflüssigen und müßten Geplauders und besonders zur Verhütung von Streitigkeiten, die beim
Essen nicht selten entstehen: denn <s 72>sie lebten der Überzeugung, diese Mißstände durch kein
anderes Mittel verhüten zu können. Es herrscht aber bei den ägyptischen, noch mehr jedoch bei
den tabenensischen Mönchen in solchem Grade allgemeines Schweigen, daß, wenn die so
zahlreiche Genossenschaft vereint sich zum Mahle niedergelassen hat, ausser dem Vorsteher der
Dekanie Keiner auch nur zu nicken wagt. Und wenn er bemerkt, daß Etwas auf- oder abgetragen
werden muß, macht er dennoch lieber durch ein Geräusch, als mit der Stimme darauf
aufmerksam. Ja eine solche Strenge wird bezüglich des Stillschweigens beim Essen beobachtet,
daß die Mönche einen Schirm über die Augenlider herablassen, damit der freie Blick nicht zu
neugierig herumschweifen kann. Dieser Schirm gewährt ihnen nur den Blick auf den Tisch und
die auf demselben ihnen vorgesetzten und von ihnen zu genießenden Speisen, so daß Keiner
bemerkt, wie und wie viel der Andere ißt.

18. Es ist verboten, ausser der gemeinsamen Mahlzeit Speise oder Trank zu genießen.
Vor und nach der festgefetzten Mahlzeit hütet man sich mit ängstlicher Sorgfalt, etwas Speise
überhaupt zum Munde zu bringen. Wohl kommt es oft vor, daß beim Spaziergang durch den

51
Βαυκάλιον (Baukalion), lateinisch: gillo oder gello, ist ein irdenes, enghalsiges Gefäß, das beim Anfüllen mit Wasser einen glucksenden Ton
gab.

32
Obstgarten hier und da das verführerisch von den Bäumen herabhängende Obst sich gegen die
Brust der Vorüberwandelnben kehrt und auf dem Boden herumliegend sich den Füßen zum
Zertreten darbietet und so zum Sammeln reizt. So könnte es durch seinen Anblick die Mönche
zur Einwilligung in die Begierlichkeit verlocken und durch die bequeme Lage und große Menge
bei den noch so sehr anderweitig beschäftigten und enthaltsamen Brüdern Verlangen darnach
erwecken. Allein es gilt nicht nur für einen Raub am Heiligen, Etwas davon zu kosten, sondern
auch es nur mit der Hand zu berühren, ausgenommen Das, was öffentlich zur gemeinsamen
Mahlzeit der Brüder verwendet wird und der Oekonom den Brüdern unter dem Gehorsam zu
pflücken befiehlt.

19. Tägliche Dienstleistungen der Brüder in Palästina und Mesopotamien.


<s 73>Um Nichts von den Einrichtungen der Klöster zu übergehen, glaube ich auch die täglichen
Dienstleistungen der Brüder in andern Ländern erwähnen zu müssen. Nämlich in ganz
Mesopotamien, Palästina, Kappadozien, kurz im ganzen Orient lösen sich die Brüder wöchentlich
zur Uebernahme dieser Dienste gegenseitig ab, so daß nach der Zahl der Mönche auch die Zahl
der Dienenden bestimmt wird. Diese Dienste beeilen sie sich mit solcher Ergebung und Demuth
zu verrichten, wie kein Diener den grausamsten und mächtigsten Herrn bedient. Ja, nicht
zufrieden mit der Verrichtung dieser nach den Regeln zu leistenden Dienste stehen sie sogar
Nachts auf, um Jenen, denen die Besorgung desselben eigens obliegt, durch ihre eifrige Hilfe eine
Erleichterung zu gewähren. Heimlich kommen sie ihren Brüdern hierin zuvor. Die wöchentlichen
Dienste, die Jeder übernimmt, verrichtet er bis zur Abendmahlzeit des Sonntags. Nach
Beendigung derselben wird der Dienst der ganzen Woche in der Weise abgeschlossen, daß, wenn
die Brüder versammelt sind, um in gewohnter Weise vor dem Schlafengehen die Psalmen zu
singen, Diejenigen, welche nun folgen sollen, Allen der Reihe nach die Füße waschen. Dabei
erbitten sie in ihrer Herzenseinfalt als Lohn ihren Segen für die Arbeit der ganzen Woche, damit
bei der Erfüllung der Vorschrift Christi52 das gemeinsame Gebet aller Brüder sie begleite, für die
in ihrem Dienste vorkommenden Unwissenheits- und Schwachheits-Sünden Abbitte leiste und
ihre demüthigen Dienste Gott als ein wohlgefälliges Opfer empfehle.
<s 74>Am zweiten Wochentag (Montag) nach der Matutin bezeichnen sie ihren Nachfolgern die
Geräthe und Gefäße, womit sie gedient. Auf diese achten die Nachfolgenden mit solch'
ängstlicher Sorgfalt, um ja Nichts an denselben zu verderben, daß sie für alle, auch die kleinsten
Gefäße, als wären sie zum heiligen Dienste bestimmt, nicht nur dem sichtbar gegenwärtigen
Hausmeister, sondern auch Gott Rechenschaft zu schulden glauben, wenn Etwas durch ihre
Nachläßigkeit an ihnen verdorben worden ist. Mit welch' gewissenhafter Vorsicht diese Regel
gehandhabt wird, werdet ihr aus einem Zeugnisse, das ich beispielsweise anführen will,
erkennen. Denn einerseits sind wir euere Wißbegierde zu befriedigen bestrebt, mit welcher ihr
eine vollständige Kenntniß aller Dinge verlangt und auch Das, was ihr bereits sehr wohl wißt, in
diesem Buche wiederholt wissen wollt: andererseits fürchten wir zu weitläufig zu werden.

20. Wie ein Hausmeister drei Linsenkörner fand.


Als ein Bruder bei seinem Wochendienste Linsen zum Essen bereitete, fielen ihm in der Eile mit
dem Wasser, womit sie abgespült wurden, drei Körner zur Erde. Kaum sah der Oekonom im
Vorbeigehen dieselben auf der Erde liegen, als er den Abt sofort darüber zu Rathe zog. Dieser
erklärte Jenen für einen Verschleuderer und Verächter des heiligen Gutes und untersagte ihm die
Theilnahme am Gebete. Die Schuld seiner Nachläßigkeit wurde ihm erst nach Uebernahme einer
öffentlichen Buße erlassen. Wie nämlich die Mönche ihre Person nicht mehr als ihr Eigenthum
betrachten, so glauben sie auch alles Ihrige dem Herrn geweiht. Wenn daher einmal Etwas in's
Kloster gebracht ist, so muß es nach ihren Regeln als Gott geweiht mit aller Ehrfurcht behandelt

52
Dieses Gebot des Heilandes heißt: „Wenn nun Ich eure Füße gewaschen habe, euer Herr und Meister, sollt auch ihr Einer dem Andern die Füße
waschen“ (Joh. 13, 14). und: „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich bedienen lasse, sondern daß er diene“ (Mark. 10, 45).

33
werden. Und mit solcher Gewissenhaftigkeit besorgen und ordnen sie Alles, daß, wenn sie auch
das für verächtlich und gering Geltende von seiner Stelle wegbringen oder ihm eine passende
Lage geben, wenn sie den Krug mit Wasser <s 75>füllen und Jemandem daraus zu trinken geben,
wenn sie ein Grashälmchen aus dem Oratorium oder der Zelle entfernen, sie für alle diese
Kleinigkeiten mit fester Zuversicht vom Herrn einen Lohn erwarten.

21. Freiwillige Dienste der Brüder.


Es tritt bisweilen in den Klöstern ein solcher Holzmangel ein. daß man gar Nichts hat, um die
Speisen für die Brüder zu bereiten, und daher die Brüder mit roher Kost, der sog. xerophagia sich
begnügen müssen, bis man wieder Holz hat kaufen und hereinbringen können. Obwohl es nun
des Abtes Befehl und der Brüder einmüthiger Beschluß ist, daß unter solchen Umständen Keiner
irgend ein gekochtes Gericht erwarten könne, so glauben doch, wie uns berichtet wurde, die in
der betreffenden Woche dienenden Brüder sich um den Lohn ihrer Mühe und ihres Gehorsams
betrogen, wenn sie während ihrer Dienstzeit den Brüdern die Speisen nicht der Gewohnheit
gemäß bereitet hätten. Daher legen sie sich aus freien Stücken die mühevolle Arbeit auf, in jenen
dürren und unfruchtbaren Gegenden, in denen man nur Holz haben kann, wenn man es von den
Fruchtbäumen herunterhaut, weil sich dort keine Waldbäume befinden wie bei uns, durch weite
unwegsame Strecken zu streifen und die am todten Meere gelegene Wüste aufzusuchen. Dort
sammeln sie spärliche Grashalmen und Dornreiser, die der Wind hierhin und dortbin verjagt hat,
um so durch ihre freiwilligen Dienste die Speisen ganz in der gewöhnlichen Weise zu bereiten.
So lassen sie an den gewöhnlichen Leistungen Nichts fehlen, indem sie mit solchem Vertrauen
ihren Brüdern diese Dienste erweisen, daß sie, durch den Holzmangel und den Befehl des Abtes
hinreichend entschuldigt, dennoch von dieser Erlaubniß keinen Gebrauch machen wollen, um nur
nicht ihres Verdienstes und Lohnes verlustig zu gehen.

22. Regeln der ägyptischen Mönche bezüglich der täglichen Dienste.


<s 76>Was wir eben berichtet, ist eine im ganzen Oriente herrschende Gewohnheit. Diese Regel
mußte unsers Erachtens nothwendig auch in den Klöstern unseres Landes eingehalten werden.
Übrigens besteht bei den ägyptischen Mönchen, die sich hauptsächlich mit Handarbeit
beschäftigen, nicht eine gegenseitige Ablösung in den Wochendiensten, da eine solche
Einrichtung sie an der durch die Regel gebotenen Arbeit hindern könnte; vielmehr wird dort ein
besonderes erprobter Bruder mit der Sorge für Küche und Keller betraut, der fortwährend, so
lange es Kraft und Alter erlauben, jenes Amt zu versehen hat. Dieser wird nicht durch zu große
Arbeit ermüdet, weil bei ihnen keine große Sorgfalt auf das Zubereiten und Kochen der Speisen
verwendet wird. Man begnügt sich nämlich oft mit rohen und ungekochten Speisen; und Blätter
von Lauch, für je einen Monat geschnitten, Lapsania. kleingeriebenes Salz, Oliven, gesalzene
Fischlein, von ihnen maenidia53 genannt, gelten den Brüdern für die größten Leckerbissen.

23. Gehorsam des Abtes Johannes, der ihm sogar die Gabe der Prophezeihung verdiente.
Weil einmal dieses Buch von der Unterweisung des von der Welt Losgesagten handelt, durch die
er, zur wahren Demuth und zum wahren Gehorsam geführt, auch den Gipfel der übrigen <s
77>Tugenden zu erreichen befähigt ist. so halte ich es für nothwendig, gemäß meines
Versprechens, beispielsweise von einigen Tbaten der Oberen zu reden, durch die sie in dieser
Tugend sich ausgezeichnet haben. Aus den vielen werden wir nur wenige auswählen, damit bei
unserem Streben nach höherer Vollkommenheit sowohl eine Anregung zu einem vollkommenen

53
Die meisten Handschriften haben menominia, ein der ganzen Latinität unbekanntes Wort. Dafür hat Ciaconius die gewiß ursprüngliche Lesart
maenidia hergestellt. Das Griechische heißt: µαινίδιον ein Diminutivum von µαινίς (lateinisch: maena oder mana), welches einen gewissen
gewöhnlich halec genannten Seefisch bezeichnet.

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Leben, als auch ein wirksamer Vorsatz uns daraus erwachse. Daher mögen wegen der gedrängten
Form unseres Buches von der unermeßlichen Zahl von Vätern nur die Beispiele von zweien oder
dreien hier eine Stelle finden. Zuerst sei der Abt Johannes erwähnt, der in der Nähe von Lykon,
einer Stadt der Thebais, wohnte. Dieser, ob der Tugend des Gehorsams sogar der Gabe der
Prophezie gewürdigt, erlangte eine so allgemeine Berühmtheit, daß er sogar bei den Königen
dieser Welt mit Recht in hohen Ehren stand. Denn obwohl er, wie gesagt, in den entlegensten
Theilen der Thebais wohnte, wagte doch der Kaiser Theodosius nicht eher in den Krieg gegen
sehr mächtige Tyrannen zu ziehen, bis er durch dessen Weissagungen und Antworten dazu
ermuthigt worden war. Im Vertrauen auf diesen wie vom Himmel ihm gewordenen Bescheid trug
er in dem Kriege, an dessen glücklichem Ausgang er bereits verzweifelte, einen glänzenden Sieg
über die Feinde davon.

24. Derselbe Abt Johannes begießt auf Befehl seines Obern ein dürres Holz, wie um es
wieder zu beleben.
Auch diente der selige Johannes von seiner Jugend bis zu seinem Mannesalter seinem Obern, so
lange er mit ihm verkehrte, und befolgte mit solcher Demuth dessen Befehle, daß sein Gehorsam
selbst dem greisen Vorsteher die höchste Bewunderung abnöthigte. Letzterer wollte sich einmal
genau davon überzeugen, ob diese seine Tugend wahrem Glauben und echter Herzenseinfalt
entspringe oder mehr eine erheuchelte und gewissermaßen gezwungene sei und sich nur nach<s
78>der Miene des Befehlenden richte. Er trug ihm deßbalb möglichst viele überflüssige und
weniger notwendige, ja selbst öfter unmögliche Handlungen auf. Nur drei seien hier angeführt,
wodurch die wißbegierigen Leser von der Reinheit seiner Gesinnung und Unterwürfigkeit sich
überzeugen können. Es nahm nämlich der Greis aus seinem Holzkasten ein ehemals abgehauenes
und zum Herdfeuer bestimmtes Reis hervor. Da das Kochen zuweilen lange unterbleibt, so war
dasselbe nicht bloß dürr, sondern wegen der Länge der Zeit fast verfault. Dieses steckte er vor
des Johannes Augen in die Erbe und befahl ihm, Wasser zu holen und das Reis täglich zweimal
zu begießen, damit es durch die tägliche Bewässerung Wurzel schlage und, wieder zum Baume
erstehend, durch seine ausgebreiteten Aste den Augen einen freundlichen Anblick und den bei
glühender Sonnenhitze unter ihm Lagernden Schatten gewähre. Diesen Befehl nahm der Jüngling
mit gewohnter Ehrfurcht ohne irgend welches Nachdenken über seine Unmöglichkeit auf und
führte ihn alltäglich aus. Ununterbrochen trug er aus einer Entfernung von zwei Millien Wasser
herbei und bewässerte das Holz. Das ganze Jahr hindurch konnte ihn weder Krankheit noch die
Feier eines Festes noch eine notwendige Beschäftigung, die ihn wegen der Unterlassung des
Auftrages hätte entschuldigen können, noch endlich die eintretende Strenge des Winters an der
Ausführung des Befehles hindern. Schweigend und heimlich vergewisserte sich der Greis jeden
Tag dieses emsigen Eifers und sah, wie der junge Mann mit großer Herzenseinfalt seinen
Auftrag, wie von Gott gegeben, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ihn mit Vernunftgründen zu
erwägen, ausführte. So hatte er Gelegenheit, seinen aufrichtigen und demütigen Gehorsam zu
erproben; doch bemitleidete er ihn auch wegen seiner so langen Mühe, die er ein ganzes Jahr auf
die Uebung der Demuth verwandt hatte trat an das dürre Reis und sagte: „Nun, Johannes, hat der
Baum Wurzeln angesetzt oder nicht?“ Auf die Antwort, er wisse es nicht, ging der Greis, als ob
er die Wahrheit Aussage erforschen und nachsehen wolle, ob das Reis <s 79>schon Wurzeln
habe, zu demselben hin und riß es in Johannes' Gegenwart mit geringer Anstrengung aus, warf es
weg und befahl ihm, es in Zukunft nicht mehr zu begießen.

25. Abt Johannes wirft auf seines Oberen Befehl das einzige Oelgefäß weg.

In der Schule derartiger Übungen täglich gebildet machte der Jüngling in der Tugend der
Folgsamkeit große Fortschritte, die Gabe der Demuth umstrahlte ihn mit wunderbarem Glanze
und der liebliche Duft seines Gehorsams verbreitete sich in allen Klöstern. Als nun einige Brüder
zum Vorsteher kamen und voll Verwunderung über dessen gerühmte Unterwürfigkeit sich
äusserten, rief derselbe, theils um Johannes zu prüfen, theils um jene zu erbauen, diesen plötzlich

35
herbei, nahm das Oelfläschchen, aus dem allein in der Wüste zu ihrem und der Gäste Gebrauch
die feine, fette Flüssigkeit gegossen wurde, und sprach zu ihm: „Geh' hinauf und wirf Das durch's
Fenster hinab!“ Johannes eilte unverzüglich auf das obere Stockwerk und warf das Fläschchen
durch das Fenster zur Erde, daß es zerbrach. Nicht zögerte er, nicht dachte er nach über den
unsinnigen Befehl, nicht über die tägliche Noth oder die vorkommenden Krankheiten, nicht über
die beschränkten und schwierigen Verhältnisse in der armen Einöde, in der man trotz
hinreichenden Geldes das nun zerbrochene Geräth weder kaufen noch wiederherstellen konnte.

26. Aus Gehorsam gegen seinen Vorgesetzten versucht der Abt Johannes einen mächtigen
Felsblock fortzuwälzen.
Als Andere wieder an dem Beispiel eines solchen Gehorsams sich zu erbauen wünschten, rief ihn
sein Vorgesetzter und sprach zu ihm: „Lauf' hin, Johannes, und wälze so schnell als möglich
diesen Stein hieher!“ Sofort beeilte er <s 80>sich, den ungeheuern Felsblock, den viele
Menschenschaaren nicht einmal zu bewegen vermochten, bald mit dem Nacken, bald mit dem
ganzen Körper unter solcher Kraftanstrengung vorwärts zu wälzen, daß der aus allen seinen
Gliedern hervorbrechende Schweiß sein ganzes Kleid durchnäßte und selbst der Fels von dem
Schweiße seines Nackens benetzt ward. Dabei dachte er wenig nach über die Unmöglichkeit des
Befehles oder der befohlenen Handlung: so groß war seine Ehrfurcht vor dem Vorgesetzten und
so aufrichtig die Einfalt aeines Gehorsams, kraft welcher er überzeugt war, daß der Obere nichts
Eitles und Vernunftwidriges vorschreiben könne.

27. Demuth und Gehorsam des Abtes Mucius, der auf Befehl des Oberen sein eigenes Kind
ohne Zaudern in einen Bach warf.
Das Wenige, was ich bis jetzt von dem Abte Johannes erzählt, möge genügen. Jetzt will ich eine
merkwürdige That des Abtes Mucius kurz berichten. Dieser nämlich, voll Verlangen der Welt zu
entsagen, harrte so lange an den Pforten des Klosters, bis er durch seine unwandelbare
Beharrlichkeit gegen alle Gewohnheit der Klöster seine und seines achtjährigen Söhnchens
Aufnahme durchsetzte. Nach ihrer Aufnahme erhielten sie verschiedene Vorgesetzte, sowie
verschiedene Zellen zur Wohnung angewiesen. Diese Maßregel sollte in dem Vater den durch
den beständigen Anblick des Kleinen geweckten Gedanken ertödten, daß von seiner ganzen Habe
und seinen fleischlichen Neigungen, denen er gänzlich entsagt, wenigstens der Sohn übrig
geblieben sei; sie sollte ihn ferner mit dem Gedanken vertraut machen, daß er, wie er sich nicht
mehr reich wisse, so auch sich nicht mehr als Vater wisse. Um nun gründlicher zu erforschen, ob
er mehr nach der Neigung seines Blutes und nach der Liebe zu seinem eigenen Fleisch und Blut
handle, als nach dem von <s 81>Abtödtung begleiteten Gehorsam Christi, den jeder Ordensmann
jener Liebe vorziehen muß, wurde der Knabe absichtlich vernachlässigt. Er war eher mit Lumpen
umhüllt, als mit Kleidern angethan, und so voller Schmutz, daß er des Vaters Auge mehr zu
beleidigen als zu ergötzen geeignet war, so oft er ihn anschaute. Auch Backenstreichen und
Schlägen von verschiedenen Seiten war der Knabe ausgesetzt, die gewöhnlich vor den Augen des
Vaters dem unschuldigen Kinde gegeben wurden, so daß er dessen Wangen nur mit schmutzigen
Thränenspuren befleckt sah. Und obwohl man täglich unter seinen Augen so mit seinem Kinde
verfuhr, blieb doch um der Liebe Christi und der Tugend des Gehorsams willen sein Inneres starr
und unbewegt. Denn er betrachtete den Sohn nicht mehr als sein Eigenthum, seitdem er ihn
zugleich mit sich Christo dargebracht hatte. Auch war er nicht bekümmert über die ihm in seiner
Gegenwart zugefügten Unbilden, sondern frohlockte vielmehr darüber, weil er sich überzeugt
hatte, daß die Ertraqung derselben ihm stets reiche Früchte eintrug. Dabei war er weniger auf des
Kindes Thränen als auf seine eigene Demuth und Vollkommenheit bedacht. Der Vorsteher des
Klosters durchschaute seine innere Abtödtung und seine unwandelbare Strenge gegen sich,
wünschte jedoch eine gründliche Probe seiner Standhaftigkeit. Als er daher einst das Kind wieder
weinen sah, befahl er, als sei er gegen dasselbe aufgebracht, dem Vater, es zu ergreifen und in
den Fluß zu werfen. Gleichsam als hätte er von Gott diesen Befehl erhalten, ergriff er sofort

36
eiligst sein Kind und trug es mit eigenen Armen an den Fluß, um es hineinzuwerfen. Dieß wäre
vielleicht bei der Glut seines Vertrauens und Gehorsams geschehen, wenn man nicht absichtlich
zur Vorsorge Brüder beauftragt hätte, die besorgt am Ufer standen, um den in den Fluß
geworfenen und von seinen Wellen beinahe verschlungenen Knaben herauszuziehen, wodurch sie
die gänzliche Ausführung des Befehles, die bei dem demüthigen Gehorsam des Vaters sicher zu
erwarten stand, schließlich verhinderten.

28. Belobung und Belohnung des frommen Mucius.


<s 82>Des Mucius Glaube und Demuth war Gott so wohlgefällig, daß er dieselben sofort durch
sein eigenes Zeugnis billigte. Es wurde nämlich sofort dem Vorsteher geoffenbart. Jener habe
durch seinen Gehorsam das Werk des Patriarchen Abraham vollbracht. Und als nach kurzer Zeit
eben dieser Abt aus dieser Welt zum Herrn hinüberwandelte, setzte er Mucius über alle Brüder
und hinterließ ihn als seinen Nachfolger und als Abt des Klosters.

29. Gehorsam jenes Bruders, der auf des Abtes Befehl zehn Weidenkörbe öffentlich feil bot
und verkaufte.
Nicht wollen wir einen uns ebenfalls bekannten Bruder mit Stillschweigen übergehen, der einer
nach der Ordnung dieser Welt sehr hohen Familie angehörte. Sein Vater war nämlich ein
Komes54 und sehr reich; auch hatte er selbst eine ausgezeichnete gelehrte Bildung genossen.
Doch hatte er Vater und Mutter verlassen und war in's Kloster geeilt. Um seine Demuth und
seinen lebendigen Glauben zu prüfen, wurde ihm sofort von feinem Oberen befohlen, zehn
Weidenkörbe, die man keineswegs zu verkaufen nöthig hatte, auf seinen Schultern in den Straßen
feil zu bieten. Daran war eine Bedingung geknüpft, die ihn bei diesem Dienste länger aufhielt,
nämlich die, daß er Keinem, der sie alle zusammen kaufen wollte, willfahren, sondern den
Kauflustigen sie einzeln ablassen solle. Dieß führte er in aller Demuth aus: er trat jede Furcht vor
Beschämung um des Namens und der Liebe Christi willen mit Füßen, lud die Weidenkörbe <s
83>auf seine Schultern, verkaufte sie um den festgesetzten Preis und brachte das Geld zum
Kloster, ohne sich durch die Neuheit des niedrigen und ungewohnten Dienstes abschrecken zu
lassen, ohne auf die beschämende Handlung, den Glanz seiner Geburt und die Unbilden beim
Verkaufe zu achten; denn es war sein Wunsch, Christi Demuth, welche der wahre Adel ist, durch
die Gnade des Gehorsams zu erlangen.

30. Große Demuth und Selbstverleugnung des Abtes Pynupius.

Es zwingen uns die engen Grenzen dieses Buches, zum Schlusse zu eilen; doch das hohe Gut des
Gehorsams, der unter den übrigen Tugenden die erste Stelle einnimmt, läßt nicht zu, daß wir die
Thaten jener Männer ganz verschweigen, die durch ihn berühmt geworden sind. Deßwegen
wollen wir Beides passend vereinigen, d. h. sowohl der Kürze uns befleissen, als auch dem
Wunsche und Vortheile der Wißbegierigen dienen und nur noch ein Beispiel der Demuth
anführen, das nicht von einem Anfänger, sondern von einem vollkommenen Manne, und zwar
von einem Abte geliefert wurde und daher, nicht nur die Jüngeren zu unterrichten, sondern auch
die Älteren beim Lesen desselben zur vollkommenen Tugend des Gehorsams anzuspornen
geeignet ist.
Wir kannten nämlich den Abt Pynupius, welcher Vorsteher eines sehr großen Klosters in
Aegypten, nicht weit von der Stadt Panephysis, war und wegen der Ehrfurcht, die man für sein
frommes Leben, sein Alter und seine priesterliche Würde hegte, bei Allen in hoher Achtung und
Verehrung stand. Als er nun sah, daß gerade dieser Umstand seinem heissen Verlangen nach

54
Komes (lateinisch: Comes = Begleiter) war im römisch-byzantinischen Reiche der Titel der kaiserlichen Hofbeamten und sonstiger hoher
Würdenträger.

37
Demuth entgegenstand und er keine Gelegenheit fand, die von ihm sehnlichst gewünschte
Unterwürfigkeit zu bethätigen, floh er heimlich und allein aus dem Kloster und kam in die
entlegensten Gegenden der Thebais. Dort legte er sein Mönchsgewand ab, zog ein weltliches
Kleid an und suchte ein Kloster der tabennensischen<s 84> Mönche auf, das er als das strengste
von allen kannte. Hier hoffte er wegen der großen Entfernung des Ortes unbekannt zu bleiben
oder wegen der Größe des Klosters und großen Anzahl der Brüder sich verborgen halten zu
können. Lange harrte er an der Klosterpforte, warf sich allen Brüdern zu Füßen und bat sie
flehentlich um Aufnahme. Diese verfehlten nicht, ihm eine vielfach verächtliche Behandlung zu
Theil werden zu lassen. Sie warfen ihm vor, er wolle als abgelebter Greis, der sein ganzes Leben
in der Welt zugebracht, am Ende seines Lebens in das Kloster treten, und auch das beabsichtigte
er nicht um eines frommen Lebens willen, sondern gezwungen durch Hunger und Armuth. Doch
nahmen sie ihn endlich auf und überließen ihm, als einem zu jeder Arbeit unbrauchbaren Greise,
die Pflege und Bewachung des Gartens. Unter der Leitung eines jüngeren Bruders, dessen
Führung man ihn anvertraut hatte, unterzog er sich dieser Aufgabe und pflegte mit solchem
Gehorsam die von ihm erstrebte Tugend der Demuth, daß er nicht nur die zur Pflege und
Bewahrung des Gartens erforderlichen, sondern auch alle jene Dienste, welche den übrigen
Brüdern als schwierig oder beschämend oder als ein Gegenstand des Abscheues galten, täglich
mit der größten Emsigkeit verrichtete. Viele verrichtete er auch, Nachts aufstehend, so heimlich
ohne irgend Jemandes Beisein und Wissen unter dem Schutze der Finsterniß, daß gar Niemand
den Urheber der Arbeit zu erkennen vermochte. Als er während seiner dortigen dreijährigen
Verborgenheit von Brüdern, die man über ganz Aegypten ausgesandt, überall gesucht wurde,
ward endlich ein aus Aegypten gekommener Bruder seiner ansichtig. Doch vermochte dieser ihn
wegen seiner demüthigen Kleidung und seines niedrigen Dienstes kaum zu erkennen. Denn zur
Erde gebeugt lockerte er mit der Hacke den Boden für Kohl, dann brachte er auf seinen Schultern
Dünger herbei und legte ihn an die Wurzeln des Kohles. Obwohl der Bruder bei diesem Anblicke
lange in Zweifel war, ob er in ihm seinen Abt wieder erkenne, trat er doch zuletzt näher heran,
erforschte <s 85>sorgfältig seine Gesichtszüge und den Ton seiner Stimme und warf sich ihm
dann zu Füßen. Anfangs zwar versetzte er alle Anwesenden in Staunen darüber, daß er solche
Ehrfurcht Dem bezeige, der bei ihnen für einen Novizen und, weil er erst vor Kurzem die Welt
verlassen habe, für den letzten Bruder galt. Bald jedoch dünkte ihnen die Sache noch
wunderbarer, als der Bruder sofort seinen Namen verrieth, der auch bei ihnen in hohem Rufe
stand. Alle Brüder baten ihn um Verzeihung wegen der früheren Unwissenheit, in der sie ihn so
lange unter die Jüngeren und Einfältigen gezählt hätten, während er voll Unwillen weinte, weil er
durch den Neid des Teufels um den ihm geziemenden demüthigen Wandel betrogen sei, den er so
lange ersehnt und endlich zu seiner Freude gefunden habe, und weil er nicht verdient habe, in der
von ihm erstrebten Unterwürfigkeit zu leben. Hierauf führte man ihn in sein Kloster zurück und
bewachte ihn mit der größten Sorgfalt, damit er nicht wieder auch von dort irgend wohin
entfliehe.

31. Abt Pynupius, in sein Kloster zurückgeführt, flieht nach kurzem Aufenthalte daselbst
wieder nach Syrien.
Nach kurzem Aufenthalte im Kloster verzehrte ihn wiederum jene glühende Sehnsucht nach
Demuth, und die nächtliche Stille wahrnehmend entfloh er, eilte aber mcht in eine benachbarte
Provinz, sondern in unbekannte, fremde und ferne Gegenden. Er bestieg nämlich ein Schiff und
fuhr nach Palästina, indem er sich sicher wähnte, wenn er solche Orte betrete, in denen man nicht
einmal seinen Namen vernommen habe. Dort angelangt eilte er in unser Kloster,55 das nicht weit
von der Grotte gelegen ist, in der unser Herr<s 86> Jesus Christus von der Jungfrau geboren zu
werden sich würdigte. Hier lebte er kurze Seit unbekannt, konnte jedoch gleich einer nach dem
Worte des Herrn auf dem Berge gelegenen Stadt sich nicht länger verborgen halten. Denn alsbald
hatten ihn einige Brüder, die zum Besuche der beiligen Orte aus Ägypten gekommen waren,
erkannt und riefen ihn durch ihr inständiges Bitten in ihr Kloster zurück.
55
Hier brachte der heilige Cassian die Zeit seines Noviziates zu und legte die Ordensgelübde ab. Vergl. die Kollation 17 Kap. 5.

38
32. Ermahnungen, welche der Abt Pynupius an einen neu aufgenommenen Bruder richtete.
Weil ich selbst mit diesem greisen Abte während seines Aufenthaltes in unserem Kloster in
einem sehr vertrauten Verhältnisse stand und ihn auch später in Ägypten sehr oft besuchte,
beabsichtigte ich, die Ermahnungsrede, die er an einen bei meiner Anwesenheit in das Kloster
aufgenommenen Bruder hielt, in mein Werk einzufügen, weil ich einige Belehrung aus derselben
hoffen darf.
„Du weißt,“ sprach er. „wie viele Tage du an den Pforten geharrt, bis du heute Aufnahme
erhalten hast. Die Ursache, weßhalb deine Aufnahme schwer hielt, mußt du gründlich wissen;
denn auf dem Wege, den du jetzt zu betreten wünschest, kann es dir von großem Nutzen sein,
wenn du diesen Grund kennst, bevor du geziemend und würdig in den Dienst Christi trittst.“

33. Fortsetzung.
„Wie nämlich Denen, die Gott treu dienen und nach den Regeln unserer Genossenschaft ihm
anhangen, unermeßliche Seligkeit für die Ewigkeit in Aussicht gestellt wird, so werden die
schwersten Strafen Denen bereitet, welche der Regel lau und nachläßig nachkommen, und die es
versäumen, als Diener Gottes, für die sie sich ausgeben und die Leute sie halten, würdige Früchte
der Heiligkeit zu tragen. Denn <s 87>„besser ist“, nach der heiligen Schrift,56 „nicht geloben, als
geloben und nicht halten“, und „verflucht, der das Werk Gottes nachläßig vollbringt“.57 Deßhalb
haben wir dich so lange zurückgewiesen, nicht als ob wir dein und Aller Heil nicht mit ganzer
Sehnsucht zu sichern und Denen, die sich zu Christus bekehren wollen, sogar von Weitem
entgegen zu gehen wünschten, sondern damit wir nicht durch eine leichtfertige Aufnahme uns
des Leichtsinnes bei Gott schuldig machen und dir eine größere Strafe zuziehen, wenn du jetzt
ohne Mühe aufgenommen wirst und, unbekannt mit den Pflichten dieses Ordens, nachher sie
vernachläßigst oder lau erfüllest. Deßhalb mußt du zuerst erkennen, warum du der Welt entsagt
hast; dann mußt du, durch die Erkenntniß dieses Grundes bewogen, tiefer in das Studium dessen
eingehen, was zu thun sich für dich schickt.“

34. Fortsetzung.
„Entsagung ist nichts Anderes, als das Zeichen des Kreuzes und der Abtödtung. Deßhalb mögest
du am heutigen Tage erkennen, daß du dieser Welt und ihren Werten und Gelüsten abgestorben
bist und nach dem Apostel58 du dieser Welt und diese Welt dir gekreuzigt ist. Erwäge das Leben
des Kreuzes, unter dessen Fahne du von nun an kämpfen mußt; denn nicht mehr du selbst,
sondern Er lebt in dir, der für dich gekreuzigt ist.59 In dieser Haltung und Gestalt also, in der
Christus für uns am Kreuze hing, müssen auch wir in diesem Leben wandeln und nach dem
Ausspruche Davids60 unser Fleisch aus Gottesfurcht kreuzigend alle unsere Wünsche und Gelüste
nicht in die Knechtschaft unserer bösen Begierlichkeit verstrickt, sondern aus die Abtödtung
dieser Begierlichkeit gerichtet halten. Denn so erfüllen <s 88>wir das Wort des Herrn:61 „Wer
nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht werth.“ Doch du sagst
vielleicht: Wie kann der Mensch sein Kreuz immer tragen, oder wie kann der leben, der
gekreuzigt ist? Vernimm kurz den Sinn dieser Worte!“

56
Ekkl. 5, 4.
57
Jerem. 48, 10.
58
Galat. 6, 14.
59
Galat. 2, 20.
60
Ps. 118, 120.
61
Matth. 10, 38.

39
35. Fortsetzung.
„Unser Kreuz ist die Furcht des Herrn. Wie nämlich ein Gekreuzigter nicht mehr nach seiner
Willkür seine Glieder irgend wohin zu bewegen oder zu richten vermag, so müssen auch wir
unsere Wünsche und Begierden nicht nach Dem, was uns angenehm ist und für den Augenblick
ergötzt, sondern nach dem Gesetze des Herrn richten, nach welcher Richtung uns dasselbe auch
immer bindet. Und wie der Gekreuzigte nicht mehr das Gegenwärtige betrachtet noch an seine
Neigungen denkt, nicht durch Bekümmerniß und Sorge für den folgenden Tag zerstreut, nicht
von Habsucht getrieben, nicht von Stolz, Streit und Eifersucht entflammt wird, keine Klagen über
die gegenwärtigen Unbilden laut werden läßt, der vergangenen nicht mehr gedenkt und während
seines Lebens schon dem Leibe nach allen Elementen abgestorben zu sein glaubt und dahin das
Auge des Geistes voraussendet, wohin er unzweifelhaft sofort hinüberwandeln wird: so müssen
auch wir aus Gottesfurcht allen diesen Dingen gekreuzigt sein, d. h. nicht nur den Sünden des
Fleisches, sondern auch allem Dem abgestorben sein, woraus dieselben hervorgehen, und müssen
dahin den Blick unseres Geistes gerichtet halten, wohin wir zufolge unserer Hoffnung jeden
Augenblick wandern. Auf diese Weise können wir alle unsere Gelüste und fleischlichen
Begierden in der Abtödtung erhalten.“

36. Fortsetzung.
<s 89>„Hüte dich also, dich je wieder mit Etwas von Dem zu befassen, was du durch freiwillige
Entsagung aufgegeben hast. Hüte dich, den Acker der evangelischen Thätigkeit zu verlassen und
als ein Solcher befunden zu werden, der gegen das Verbot des Herrn62 das Kleid, das er einmal
abgelegt hat, wieder anzieht. Stürze dich nicht wieder in den Strudel der niedrigen und irdischen
Gelüste und Bestrebungen dieser Welt, steige nicht gegen das Verbot Christi63 vom Dache der
Vollkommenheit, um Etwas von dem vermessentlich aufzuheben, dem du entsagt hast! Denke
nur nicht mehr an deine Verwandten und deine frühere Neigung zu ihnen, damit du nicht, den
Sorgen und Bekümmernissen dieser Welt zurückgegeben, während du nach dem Worte des
Heilandes64 die Hand auf den Pflug legst und rückwärts schaust, des Himmelreiches unwürdig
sein mögest. Hüte dich, den Stolz, den du jetzt im Beginne deines Ordenslebens durch feurigen
Glauben und vollkommene Demuth niedergetreten hast, durch einige Kenntniß der Psalmen und
unseres Ordens allmählig eitel geworden, je wieder anzunehmen und nach des Apostels Wort
durch „Wiedererbauung dessen, was du zerstört, dich selbst zum Übertreter des Gesetzes zu
machen. Harre vielmehr bis zum Ende dieser Entblößung aus. die du vor Gott und seinen Engeln
gelobt hast. Auch sollst du in der Demuth und Geduld, mit der du zehn Tage lang vor den Pforten
harrend unter vielen Thränen um Aufnahme in das Kloster gefleht hast, nicht nur beharren,
sondern auch Fortschritte machen und wachsen. Denn es ist traurig genug, während man von den
ersten Versuchen und Anfängen weitergehen und zur Vollkommenheit streben sollte, von diesen
sogar zu Niedrigem zurückzufallen. Nicht, wer Dieß begonnen, sondern wer darin ausharrt bis
an's Ende, der wird selig sein.“

37. Fortsetzung.
<s 90>„Die listige Schlange stellt immer unserer Ferse nach, d. h. sie lauert immer auf unsern
Ausgang aus dieser Welt, und bis zum Ende unsers Lebens sucht sie uns zum Falle zu bringen.
Daher nützt es Nichts, einen guten Anfang gemacht und mit glühendem Eifer einen festen Grund
zu seiner Weltentsagung gelegt zu haben, wenn diesen nicht ein würdiger Beschluß sichert und
krönt und du Christi Demuth, die du jetzt vor ihm gelobt und dir angeeignet hast, nicht bis an

62
Matth. 24, 18.
63
Mark. 13, 15.
64
Luk. 9, 62.

40
dein Lebensende unversehrt bewahrst. Um Dieß erreichen zu können, habe allzeit Acht auf den
Kopf der Schlange, d. h. auf ihre ersten Einflüsterungen; hinterbringe sie alsbald deinem
Vorgesetzten! Denn so lernst du ihre verderblichen Anschläge vereiteln, wenn du jeden derselben
deinem Vorsteher ohne Scham offenbarst.“

38. Fortsetzung.

„Deßhalb verlasse die Welt, um dem Herrn zu dienen, und verharre, nach der heiligen Schrift,65
in der Furcht Gottes und bereite deine Seele nicht zur Ruhe, nicht zur Sicherheit, nicht zur
Freude, sondern zu Versuchungen und Trübsalen. Denn „durch viele Trübsale müssen wir
eingehen in das Reich Gottes“.66 und „eng ist die Pforte und schmal der Weg. der zum Leben
führt, und Wenige, die ihn wandeln“.67 Betrachte dich also als einen von den wenigen
Auserwählten und erkalte nicht wieder ob des bösen Beispiels und der Lauheit der großen
Menge, sondern lebe wie die Wenigen, damit du mit den Wenigen im Reiche Gottes gefunden zu
werden verdienest: „Denn Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt.“68 und klein ist die
Heerde, der ein <s 91>Erbe zu geben es dem Vater gefallen hat.69 Deßhalb wisse, daß es keine
geringe Sünde ist. wenn Einer, der zur Vollkommenheit berufen ist, nach dem Unvollkommenen
strebt. Zu diesem Stande der Vollkommenheit gelangt man auf folgenden Stufen und in folgender
Ordnung.“

39. Fortsetzung.
„Der Anfang und zugleich die Sicherung unseres Heiles ist. wie ich sagte, die Furcht des Herrn.
Denn durch sie erlangen Jene, welche den Weg der Vollkommenheit wandeln wollen, den
Anfang der Bekehrung, die Reinigung von Sünden und die Bewahrung ihrer Tugenden. Wenn sie
den Geist des Menschen durchdrungen, erzeugt sie die Verachtung aller Dinge, läßt die
Verwandten vergessen und erfüllt mit Schauder vor der Welt. In der Verachtung aber und
freiwilligen Entsagung aller Dinge wurzelt die Demuth. Die Demuth aber bewährt sich an diesen
Zeichen: erstens, wenn man alle Neigungen in sich ertödtet hat; zweitens, wenn man nicht nur
keines seiner Werke, sondern auch keinen seiner Gedanken dem Oberen verheimlicht; drittens,
wenn man Nichts der eigenen Entscheidung, sondern Alles dem Urtheil des Oberen anheim gibt
und seine Ermahnung begierig und gerne aufnimmt; viertens, wenn man in Allem den Gehorsam,
die Sanftmuth und beharrliche Geduld bewahrt: fünftens, wenn man nicht nur Keinem Unrecht
zufügt, sondern auch nicht einmal über das von einem Andern erlittene klagt und sich betrübt;
sechstens, wenn man Nichts thut und Nichts verlangt, wozu nicht die gemeinsame Regel oder die
Beispiele der Vorfahren auffordern: siebentens, wenn man mit jeglichem werthlosen Dinge
zufrieden ist und bei Allem, was befohlen wird, sich für einen schlechten und unwürdigen
Arbeiter hält; achtens, wenn man nicht obenhin mit den Lippen, sondern im Grunde des Herzens
sich für<s 92>geringer als Alle hält; neuntens, wenn man seine Zunge beherrscht und nicht laut
im Reden ist; zehntens, wenn man nicht leicht geneigt zum Lachen ist. An diesen und ähnlichen
Zeichen erkennt man die wahre Demuth. Wenn du sie in Wahrheit besitzest, wird sie dich sofort
zu einer höheren Stufe, zur Liebe emporführen, welche keine Furcht kennt, und durch die du
Alles, was du früher nicht ohne peinliche Furcht beobachtet hast, ohne alle Mühe, als ob es dir so
angeboren wäre, beobachten wirst; und nicht mehr die Erwägung der Strafe oder die Furcht vor
derselben, sondern die Liebe zum Guten und die Freude an der Tugend wird bei deinem Thun
und Lassen der wirksamste Beweggrund sein.“

65
Ekkl. 2, 1.
66
Apostelgesch. 14, 21.
67
Matth. 7, 14.
68
Matth. 20, 16; 22, 4.
69
Luk. 12, 32.

41
40. Fortsetzung.
„Um leichter zu diesem Ziele gelangen zu können, mußt du während deines Verweilens in der
Genossenschaft der Brüder Beispiele zur Nachahmung eines vollkommenen Lebens an Wenigen,
ja nur an Einem oder Zweien, nicht aber an Mehreren nehmen. Denn abgesehen davon, daß ein
erprobtes und geläutertes Leben nur bei Wenigen sich findet, hat man auch noch den Nutzen
davon, daß zur vollkommenen Ausführung dieses Vorhabens d. h. des klösterlichen Lebens man
an dem Beispiele eines Mannes mit großer Sorgfalt sich heranbildet.“

41. Fortsetzung.
„Um Dieß erreichen und allzeit unter diesen geistlichen Regeln ausharren zu können, mußt du
folgende drei Dinge in der Genossenschaft nothwendig beobachten. Nach dem Ausspruch des
Psalmisten:70 „Ich aber, wie ein Tauber, hörte nicht und bin wie ein Stummer, der nicht öffnet
seinen Mund; und bin geworden wie ein Mann, der nicht höret <s 93>und nicht hat in seinem
Munde Widerrede.“ sollst auch du wie ein Tauber, Blinder und Stummer einhergehen, damit du,
abgesehen von der Betrachtung des von dir zum Vorbild in der Vollkommenheit mit Recht
Erwählten, Alles, was du weniger Erbauliches siehst, wie ein Blinder nicht sehest; damit du nicht
durch das Ansehen und die Lebensweise Jener, die Solches thun, ermuthigt zu Schlechterem und
zu Solchem, was du früher verdammt hast, dich irre leiten lassest. Wenn du hörst, daß Einer
ungehorsam und hartnäckig ist, Andern die Ehre abschneidet oder sonst etwas Anderes begeht,
als man dich lehrte, so nimm keinen Anstoß daran noch laß dich durch ein solches Beispiel zur
Nachahmung desselben bestimmen; sondern gehe darüber hinweg, als ob du es gleich einem
Tauben gar nicht hörtest. Wenn du oder sonst Jemand Scheltworte und Beleidigungen zu erleiden
hast, bleibe unerschütterlich, und auf die Erwiderung eines Solchen höre wie ein Stummer, und
sprich dabei stets in deinem Herzen die Verse des Psalmisten:71 „Wahren will ich meinen Weg,
damit ich nicht sündige mit meiner Zunge. Ich verstummte und beugte mich und schwieg.“ Aber
auch diesen vierten Punkte übe vor Allem, der die drei eben genannten zieren und empfehlen soll,
daß du nämlich nach des Apostels Wort72 dich zu einem Thoren in dieser Welt machest, um
weise zu sein. Darum unterziehe Nichts von dem, was dir befohlen wird, einer Erwägung und
Veurtheilung. sondern mit aller Einfalt und ganzem Vertrauen führe die Befehle aus, und halte
nur Das für heilig, nützlich und weise, was dir das Gesetz Gottes oder die Prüfung der
Vorgesetzten auferlegt. In dieser Lehre begründet wirst du unter der Zucht des Klosters allzeit zu
verharren vermögen und durch keine Versuchungen des Feindes, durch keine Parteiungen dich
aus dem Kloster verdrängen lassen.“

42. Fortsetzung.
„Daher darfst du deine Geduld nicht von der Demuth <s 94>Anderer hoffen, d. h. hoffen, daß du
sie dann besitzest, wenn du von Niemandem gereizt wirst — was nicht in deiner Macht steht —,
sondern von der Demuth und Langmuth, die von deinem freien Willen abhängt.“

43. Schluß.
Und damit du alles in ausführlicher Rede Dargelegte in deinem Gedächtnisse leichter einprägest
und es in deinem Geiste recht festsitze, will ich aus diesen Ermahnungen einen kurzen Abriß
zusammenstellen, dessen kurzer Inhalt dich alle meine Ermahnungen leichter behalten läßt.

70
Ps. 87, 14.
71
Ps. 38, 2.
72
I. Kor. 3, 18.

42
Vernimm also kurz die Ordnung, in welcher du ohne alle Mübe und Schwierigkeit zum Gipfel
der Vollkommenheit emporsteigen kannst. Der Anfang unseres Heiles und unserer Weisheit ist
nach der heiligen Schrift die Furcht des Herrn. Aus der Furcht des Herrn entspringt die heilsame
Zerknirschung. Aus der Zerknirschung des Herzens geht die Entsagung hervor, d. h. die
gänzliche Lostrennung von allen Gütern und die Verachtung derselben. Die Trennung von den
irdischen Gütern führt zur Demuth. Aus der Demuth entspringt die Abtödtung der Begierden.
Durch diese Abtödtung werden alle Fehler gründlich ausgetilgt. Aus dem Keim dieser Tugend
sproßt die Herzensreinheit hervor. Mit der Reinheit des Herzens besitzt man die Vollkommenheit
der apostolischen Liebe.

Fünftes Buch: Von dem Geiste der Unmäßigkeit.


<s 95>1. Übergang von den Ordensregeln zur Bekämpfung der acht Hauptsünden.73
Mit Gottes Hilfe beginnen wir nun das fünfte Buch. Nach den vier Büchern, welche von den
Einrichtungen der Klöster handelten, lassen wir jetzt, so Gott uns durch euer Gebet Kraft verleiht,
den Kampf gegen die acht Hauptsünden folgen. Es sind folgende:
erstens: die Gastrimargie, was Gaumenlust bedeutet.
zweitens: die Unkeuschheit,<s 96>
drittens: die Philargyrie, worunter man die Habsucht, genauer die Liebe zum Gelde versteht;
viertens: der Zorn;
fünftens: die Traurigkeit;
sechstens: die Acedie, d. h. Beängstigung, innerer Ueberdruß;
siebentens: die Kenodoxie. d. i. die eitle oder nichtige Ruhmsucht;
achtens: der Stolz.
Beim Beginne dieses Kampfes bedürfen wir dein Gebet, o frömmster Vater Kastor74 jetzt noch
in weit höherem Maße, damit wir im Stande seien, zuerst das so verborgene und dunkle Wesen
der einzelnen Fehler gebührend zu erforschen, dann ihre Ursachen hinreichend darzulegen und
drittens geeignete Heilmittel gegen dieselben anzuwenden.

2. Obwohl alle Menschen die Ursachen ihrer Fehler in sich tragen, so sind doch nicht alle
mit denselben bekannt und bedürfen deßhalb zur Erkenntniß derselben göttlicher Hilfe.
So bekannt uns allen nach der Unterweisung der Vorgesetzten die Ursachen dieser
Leidenschaften sind, so unbekannt sind sie uns allen, bevor man sie uns aufdecke, trotzdem daß
wir alle von ihnen beunruhigt werden und sie uns innewohnen. Jedoch hoffen wir zuversichtlich,
sie wenigstens einigermaßen darlegen zu können, wenn durch eure Fürbitte jenes an Isaias
gerichtete Wort des Herrn auch zu mir gesprochen würde: „Ich werde vor dir hergehen und die
Mächtigen der Erde demüthigen. (ich werde) eherne Pforten sprengen und eiserne Riegel
zerbrechen; ich öffne dir versteckte Wissenschaft und Geheimnisse der Verstecke.“75 So möge
das Wort des Herrn auch vor uns hergehen und zuerst <s 97>die Mächtigen unserer Erde
demüthigen, d.h. eben diese schädlichen Leidenschaften, die wir niederzukämpfen wünschen,
welche die grausamste Herrschaft und Tyrannei in unserem sterblichen Leibe sich anmaßen; es
möge dieselben zwingen, sich von uns erforschen und schildern zu lassen; es möge die Pforten

73
Bezüglich der Überschriften ist Folgendes zu bemerken: die vier ersten Bücher führen stets den gemeinsamen Titel: De Institutis Coenobiorum,
d. h. „Von den Ordensregeln“; die acht folgenden handeln von den acht Hauptsünden und sind zuweilen überschrieben: De capitalibus vitiis, d. i.
„Von den Hauptsünden“, öfter jedoch umfaßt die erste Ueberschrift alle zwölf Bücher zur Unterscheidung von den Collationes Patrum, d. h. den
„Unterredungen mit den Vätern.“ Hierin den Orientalen folgend zahlt Cassian acht Haupt- oder Wurzelsünden, während man im Abendlande nach
dem Vorgang Gregor des Großen (moral. 31, 45) deren sieben unterschied. Vergl. des Näheren Zezschwitz, System der Katechetik II. Bd. S. 208
ff.
74
Bischof (papa) Kastor von Apt (in der Provence), welcher Cassian zur Abfassung dieser Schrift veranlaßt hatte. Die praefatio ad Castorem
werden wir am Schluß der ganzen Schrift mittheilen.
75
Is. 45, 7.

43
unserer Unwissenheit sprengen und die Riegel der uns die wahre Wlssenschaft verschließenden
Laster zerbrechen, möge uns hinführen zu den Geheimnissen unserer Verstecke und nach des
Apostels Wort76 uns das Verborgene der Finsterniß erhellen und offenbar machen die Absichten
der Herzen. Wenn wir so in die häßliche Finsterniß der Sünde mit den reinsten Augen des Geistes
eindringen, können wir dle Leidenschaften offenbar machen und an's Tageslicht bringen, können
lhre Ursachen und ihr Wesen Jenen erklären die von ihnen frei oder gebunden sind. So werden
wir nach dem Propheten77 durch das Feuer der Laster wandeln, das unsere Seele so grausam
brennt, und zugleich auch durch das Wasser der die Laster auslöschenden Tugenden unverletzt
hindurchgehen, und von dem Thau der geistigen Heilmittel erfrischt verdienen wir zur
Erquickung der Vollkommenheit geführt zu werden.

3. Unser erster Kampf muß gegen den Geist der Gastrimargie d. h. der Gaumenlust
gerichtet sein.
Zuerst müssen wir den Kampf gegen die Gastrimargie beginnen, die wir Gaumenlust genannt
haben. Indem wir hier hauptsächlich von der Art und Weise des Fastens und der Beschaffenheit
der Speisen zu sprechen beabsichtigen, werden wir wiederum auf die Ueberlieferungen und
Regeln der ägyptischen Mönche zurückkommen, die bekanntlich eine höhere Strenge in der
Enthaltsamkeit und eine große Unterscheidungsgabe besitzen.

4. Nach dem Zeugnisse des Abtes Antonius muß man jede Tugend durch das Beispiel
Desßenigen sich aneignen, der sie in besonderem Maße besitzt.
<s 98>Alt und bewunderungswürdig ist folgender Ausspruch des seligen Antonius: Hat ein
Mönch, sagt derselbe, der nach dem Zwecke des Klosters den Gipfel der höheren
Vollkommenheit zu erreichen strebt, seine eigene Klugheit zu Rathe gezogen, und fühlt er sich
nach seinem eigenen Urtheile mächtig genug, zur Höhe des beschaulichen Lebens zu gelangen,
so soll er an einem, wenn auch noch so vortrefflichen Mönche keineswegs alle Tugenden zu
lernen suchen. Denn den Einen zieren die Blumen der Wissenschaft, eines Andern Stärke besteht
in einer ungewöhnlichen Urteilskraft, die eines Dritten in einer ausserordentlich großen Geduld.
Der Eine zeichnet sich durch die Tugend der Demuth, der Andere durch die der Enthaltsamkeit
aus; wieder einen Andern schmückt die Gabe der Einfalt, Dieser überragt Alle durch die Uebung
der Großmuth, Jener durch die Übung der barmherzigen Nächstenliebe, Dieser durch die Uebung
der Nachtwachen, Dieser durch die Uebung des Schweigens, Jener endlich durch seinen Eifer bei
der Arbeit. Deßhalb müsse ein Mönch, der geistigen Honig zu sammeln wünsche, wie eine kluge
Biene jede Tugend bei Jenen holen, die sie im besonderen Grade besitzen, und dann in dem
Gefäße seines Herzens sorgfältig verschließen. Nicht solle er auf etwas Geringeres achten,
sondern nur die Tugend, die Einer besitzt, solle er betrachten und mit Eifer sich zu eigen machen.
Denn wenn man alle Tugenden von Einem entlehnen wollte, so würde man schwerlich oder gar
nie passende Beispiele zur Nachahmung finden. Denn wenn wir auch wissen, daß selbst Christus
nach des Apostels Ausspruch78 nicht Alles in Allen geworden ist, so können wir ihn doch auf
diese<s 99>Weise d. h. theilweise in Allen finden. Denn von ihm heißt es:79 „Welcher uns
geworden ist Weisheit aus Gott und Rechtfertigung und Heiligung und Erlösung.“ Während also
in dem Einen Weisheit, in dem Andern Gerechtigkeit, in dem Andern Heiligkeit, in Diesem
Sanftmuth, in Jenem Keuschheit, in Einem Demuth, in einem Andern Geduld sich findet, ist
Christus jetzt noch gliedweise in jedem einzelnen Heiligen veitheilt. Indem aber Alle zusammen
zur Einheit des Glaubens und der Tugend streben, erwächst er zum vollkommenen Mann, die
Vollendung seines Leibes in der Zusammensetzung und Eigenthümlichkeit der einzelnen Glieder

76
I. Kor. 4, 5.
77
Ps. 65, 19.
78
Kol. 3, 11.
79
I. Kor. 1, 30.

44
erreichend. Bis also jene Zeit kommt, in der Gott Alles in Allen ist, kann im gegenwärtigen
Leben auf die angegebene Weise, d. h. durch Vertheilung der Tugend Gott in Allen sein, wenn er
auch noch nicht vermöge der Fülle der Tugenden Alles in Allen ist. Denn wenn es auch nur ein
Ziel unseres Ordens gibt, so gibt es doch verschiedene Beschäftigungen innerhalb desselben, in
denen wir uns zu Gott hinwenden können, wie das auch in den „Kollationen“ ausführlich
dargelegt werden soll. Daher müssen wir das Ideal der Verschwiegenheit und Enthaltsamkeit
vornehmlich bei Jenen aufsuchen, in welchen wir diese Tugenden vermöge der Gabe des heiligen
Geistes in besonders hohem Maße bethätigt sehen. Damit soll nicht gesagt sein, daß Einer Das,
was in Vielen vertheilt sich findet, allein erwerben könnte, sondern es geschieht nur in der
Absicht, daß wir uns bei Aneignung des Guten auf die Nachahmung Jener verlegen sollen, die
dasselbe in vorzüglichem Grade erlangt haben.

5. Nicht Alle können eine einheitliche Fastenordnung beobachten.


Was das Fasten angeht, so kann nicht leicht eine <s 100>gleichförmige Regel in Anwendung
kommen, weil nicht Alle dieselbe Körperkraft besitzen und die Tugend des Fastens nichts wie die
übrigen Tugenden, bloß durch die Strenge des Geistes erlangt wird. Und gerade weil das Fasten
nicht lediglich in der geistigen Kraft wurzelt, sondern teilweise auch durch die Tauglichkeit des
Körpers bedingt ist, haben wir nach der Ueberlieferung folgenden Begriff von demselben
überkommen: Zeit. Maß und Beschaffenheit des Essens ist zwar verschieden nach der ungleichen
Körperbeschaffenbeit, nach Alter und Geschlecht; was jedoch die geistige Enthaltsamkeit und die
innere Tugend angebt, so besteht für Alle nur eine Regel der Abtödtung. Denn nicht Alle
vermögen eine ganze Woche zu fasten, ja noch nicht einmal zwei oder drei Tage sich der Speise
zu enthalten. Viele, durch Krankheit und besonders durch Altersschwäche entkräftet, können
nicht einmal bis Sonnenuntergang ohne große Beschwerde das Fasten einhalten. Nicht Alle
können den Genuß kraftloser (bloß) eingeweichter Gemüse ertragen, nicht Allen ist der spärliche
Genuß von bloßem Kohl zuträglich, und nicht Alle dürfen sich den kärglichen Genuß von
trockenem Brode auferlegen. Der Eine fühlt nach dem Genusse von zwei Pfund keine Sättigung,
der Andere ist vollständig satt. wenn er ein Pfund oder gar nur sechs Unzen genossen hat; doch
herrscht hier überall ein Ziel der Enthaltsamkeit, welches darin besteht, daß Keiner nach dem
Maße dessen, was er zu fassen vermag, sich übersättige. Denn nicht nur die Beschaffenheit,
sondern auch die Menge der Speisen stumpft das Herz ab und facht, wenn der Geist zugleich mit
dem Leibe gleichsam fett wird, den schädlichen Zündstoff der Sünde an.

6. Nicht bloß von Wein wird der Geist berauscht.

Jede beliebige Speise, die der Magen aufnimmt, kann den Samen der Schwelgerei erzeugen, und
der Geist kann das Steuer der Vernunft nicht lenken, wenn er durch die Last der Speisen
gehemmt ist. Denn nicht bloß die <s 101>Berauschung mit Wein pflegt den Geist trunken zu
machen, sondern auch der übermäßige Genuß aller sonstigen Speise bringt ihn zum Wanken und
zieht ihn von jeglicher lauteren und reinen Kontemplation ab. Bei den Sodomiten war nicht
Berauschung mit Wein, sondern übermäßiger Brodgenuß Ursache ihres Sittenverderbnisses und
ihrer Ausschweifung. Vernimm, welchen Vorwurf der Herr durch den Propheten80 Jerusalem
macht: „Was war die Sünde der Schwester Sodoma Anders, als daß sie ihr Brod in
Uebersättigung und Ueberfluß aß?“81 Und weil die Sodomiten in Folge des Ueberflusses an Brod
von dem unauslöschlichen Feuer der Fleischeslust entbrannt waren, wurden sie durch Gottes
Gericht mit Feuer und Schwefel vom Himmel verbrannt. Wenn jene einzig Überfluß an Brod und
sündhafte Übersättigung damit in den jähen Abgrund der schändlichsten Sünden stürzte, was soll
man von Jenen halten, welche bei frischem und gesundem Körper den Genuß von Fleisch und

80
Ezech. 16, 49.
81
Hier, wie öfters, citirt Cassian nach der Septuaginta. Der Text der Vulgata an dieser Stelle lautet: „Sieh', dieß war die Schuld Sodoma's, deiner
Schwester: Hochmuth, Genüge an Brod und Müßiggang.“

45
Wein in maßloser Fülle sich erlauben und nicht der Förderung der Schwachheit, sondern den
Einflüsterungen der Begierlichkeit nachgeben?

7. Die Schwäche des Fleisches kann nicht die Reinheit des Herzens verhindern.
Die Schwäche des Fleisches steht der Reinheit des Herzens nicht im Wege, wenn man nur Das
beansprucht, was die Schwäche des Fleisches, nicht was die böse Begierlichkeit verlangt. Wir
haben erlebt, wie Diejenigen, die von kräftigeren Speisen, die man doch gewöhnlich für die
notwendigsten Bedürfnisse in mäßigem Umfange reicht, sich <s 102>enthielten und sich
dieselben aus Liebe zur Enthaltsamkeit ganz versagten, leichter unterlagen als Solche, die bei
Gelegenheit einer Krankheit dieselben genoßen, ohne dabei das Maß der Genügsamkeit zu
überschreiten. Denn die Körperschwäche besitzt die Palme der Enthaltsamkeit, wenn sie dem
kranken Leibe wohl die nöthigen Speisen gibt, sich aber doch beim Essen Abbruch thut und nur
soviel Nahrung sich gönnt, als nach dem strengen Urtheil der Klugheit zum gewöhnlichen Leben
hinreicht, nicht aber was die Begierlichkeit verlangt. Wenn eßbarere Speisen, die der Gesundheit
des Leibes förderlich sind, mäßig genossen werden, so benehmen sie damit noch nicht den Glanz
der Reinheit. Denn was davon zur Stärkung genossen wird, verzehrt sich durch das Leiden und
die Entkräftung, welche die Krankheit mit sich bringt. Daher kann man keinem Zustande die
Tugend der Genügsamkeit, noch weniger aber eine vollendete Reinheit absprechen.

8. Wie man Speisen begehren und genießen darf.


Es ist deßbalb eine durchaus wahre und erprobte Meinung der Väter, daß die Art und Weise des
Fastens nur in der Genügsamkeit und Abtödtung bestehe, und daß im Allgemeinen das für Alle
der Zweck der Tugend sei, schon beim Begehren der Speisen, die man zur Erhaltung des
leiblichen Lebens nothwendig zu nehmen gezwungen ist, Enthaltsamkeit zu üben. Mag auch
Einer körperlich noch so schwach sein, so besitzt er doch in allen Dingen eine ebenso
vollkommene Tugend, wie die Starken und Gesunden, wenn er die Begierden, deren
Befriedigung die leibliche Gebrechlichkeit nicht nothwendig erheischt, durch geistige Strenge im
Zaume hält. Denn der Apostel sagt:82 „Pfleget nicht das Fleisch aus Begierlichkeit!“ Also hat er
nicht die Sorge um dasselbe gänzlich untersagt, sondern dieselbe <s 103>nur bezüglich der
Begierden verboten. Die aus der bösen Lust hervorgehende Sorgfalt für das Fleisch verbannt er,
die nothwendige Sorge für das Leben schließt er nicht aus. So entrinnen wir sowohl der Gefahr,
durch Nachgiebigkeit gegen das Fleisch der Herrschaft der bösen Gelüste zu verfallen, als auch
durch unsere Verschuldung unsern Leib zu schwächen und zur Verrichtung der nothwendigen
geistigen Thätigkeiten untauglich zu machen.

9. Maß der vorzunehmenden Abtödtungen und Mittel gegen schädliche Fasten.


Das, worauf es bei der Enthaltsamkeit hauptsächlich ankommt, ist nicht allein nach der Zeit noch
einzig nach der Beschaffenheit der Speisen, sondern vor Allem nach dem Urtheile des Gewissens
zu ermessen. Denn ein Jeder muß wenigstens soviel Genügsamkeit sich aneignen, als der Kampf
bei der Auflehnung des Körpers gegen den Geist erfordert. Nützlich zwar und in jeder Beziehung
zu beobachten ist die durch die Kanones festgestellte Fastenordnung; aber wenn auf dieses so
geordnete Fasten nicht eine förderliche Erquickung mit Speisen folgt, dann vermag es seinen
Zweck nicht vollkommen zu erreichen. Denn wenn auf langes Fasten vollständige Sättigung
folgt, bewirkt dasselbe eher Mattigkeit des Leibes als unversehrte Keuschheit; hängt ja doch die
geistige Gesundheit mit dem Fasten des Magens zusammen. Derjenige kann beständige,
unversehrte Keuschheit nicht besitzen, der nicht fortwährende Gleichmäßigkeit in der
Enthaltsamkeit einzuhalten bestrebt ist. Folgt auf noch so strenge Fasten eine übermäßige
82
Röm. 13, 14.

46
Nachgiebigkeit, so sind dieselben unnütz und verkehren sich fofort in das Laster der Völlerei;
besser ist eine tägliche, mäßige und vernünftige Erquickung, als ein zeitweises strenges und lang
anhaltendes Fasten. Denn ein übermäßiges Enthalten von Speisen kann nicht nur die geistige
Standhaftigkeit zum Wanken bringen, sondern auch die Wirksamkeit des Gebetes in Folge der
körperlichen Ermüdung lähmen.

10. Zur Erhaltung der Reinheit des Leibes und derSeele ist die Enthaltsamkeit von Speisen
nicht hinreichend.
<s 104>Zur Erhaltung der Reinheit des Leibes und der Seele reicht die Enthaltsamkeit von
Speisen allein nicht hin, wenn nicht auch die übrigen Tugenden der Seele mit ihr verbunden sind.
Allererst muß daher die Demuth durch die Tugend des Gehorsams, durch die Zerknirschung des
Herzens und körperliche Ermüdung erlernt werden. Nicht nur der Besitz von Geld ist zu
vermeiden, sondern auch das Verlangen darnach ist mit der Wurzel auszurotten. Denn nicht
genügt es, dasselbe nicht zu besitzen, wozu man sich auch meistens aus Noth verstehen muß,
sondern selbst wenn es Einem angeboten wurde, darf man den Willen nach demselben nicht
aufkommen lassen. Die Zorneswuth muß ertödtet, die niederschlagende Traurigkeit überwunden,
die Cenodoxie d. i. die eitle Ruhmsucht verachtet, der Stolz mit Füßen getreten, die
unbeständigen und unstäten Zerstreuungen des Geistes durch den beständigen Gedanken an Gott
gezügelt werden. So oft müssen wir die schlüpfrige Ausschweifung unseres Herzens zur
Betrachtung Gottes verweisen, als der schlaue Feind bei seinem Versuche, unsern Geist dieser
Betrachtung zu entziehen, sich in die Verirrungen unseres Herzens einschleicht.

11. Die Gelüste des Herzens können nur zugleich mit der gänzlichen Ausrottung der Laster
ertödtet werden.
Es ist unmöglich, die brennenden Reize des Körpers zu ersticken, ehe auch der Zündstoff zu den
übrigen Hauptsünden von Grund aus vernichtet ist. Ueber letztere werden wir im Einzelnen in je
einem Buche an geeigneter Stelle mit Gottes Hilfe reden. Unsere jetzige Aufgabe besteht darin,
von der Gastrimargie d. i. von der Gaumenlust zu reden, gegen die wir den ersten Kampf zu
bestehen haben.
<p 105>Nimmer wird Einer den Stachel der brennenden Lust niederzuhalten vermögen, der die
Gelüste des Gaumens nicht zu zügeln vermag. Die Reinheit des innern Menschen erkennt man an
der vollkommenen Uebung dieser Tugend. Denn glaube nicht, daß Der jemals mit stärkeren
Feinden zu kämpfen im Stande ist, den du in leichterem Kampfe von geringeren Feinden
überwunden sähest. Aller Tugenden Wesen ist ja Eins, wenn sie auch in viele Arten und
Benennungen getheilt werden, wie auch das Wesen des Goldes Eines ist, obwohl es in vielen und
mannigfaltigen Arten von Geschmeiden nach der Erfindung und dem Willen des Künstlers
getheilt erscheint. Daher wird es sich zeigen, daß man keine Tugend vollkommen besitzt, wenn
man sich aus dem Besitze eines Theils der Tugend verdrängt findet. Denn wie kann man glauben,
daß die brennende Gluth der Begierlichkeit, die nicht allein durch die Anreizung des Leibes,
sondern auch durch die Versündigung des Geistes entflammt wird, Derjenige löschen werde, der
den Stachel des Zornes nicht zurückzudrängen vermochte, obwohl dieser lediglich aus Mangel an
innerer Selbstbeherrschung hervorbricht? Oder wie mag Derjenige die üppigen Reize des
Fleisches und Geistes dämpfen, der die einfache Sünde des Stolzes nicht zu besiegen vermag?
Oder wie soll Einer die dem Fleische angeborene Ueppigkeit ertödten, der einem ausser uns und
unserer Natur liegenden Verlangen nach Gold nicht zu entsagen vermag? Keine Stadt ist so sehr
durch hohe Mauern und festverschlossene Thore befestigt, daß sie nicht durch die verrätherische
Uebergabe eines einzigen noch so kleinen Hinterpförtchens zerstört werden könnte. Denn
welcher Unterschied ist es, ob über die Mauern und durch die breiten Breschen an den Thoren
oder durch das Versteck einer engen Mine der verderbliche Feind in das Innere der Stadt
eindringt?

47
12. Dem Kampfe gegen den Geist muß der Kampf gegen das Fleisch zum Vorbilde dienen.
Wer im Wettkampfe streitet, wird nur gekrönt, wenn er <s 106>rechtmäßig gestritten hat. Wer
die natürlichen Gelüste des Fleisches ausrotten will, muß die ausserhalb seiner Natur liegenden
Fehler zuerst zu besiegen sich beeilen. Wollen wir nämlich die Bedeutung der Worte des
Apostels erforschen, so müssen wir zuerst die Gesetze und Ordnung beim irdischen Wettstreit
kennen lernen, damit wir dann auf diese Weise durch Vergleichung mit diesem lernen können,
worüber uns beim geistigen Kampf der selige Apostel durch Anwendung dieses Beispieles
belehren wollte. Bei jenen Kämpfen, welche, wie gleichfalls der Apostel sagt, den Siegern eine
vergängliche Krone einbringen, herrscht die Sitte, daß Derjenige, welcher die mit dem Vorrechte
der Steuerfreiheit geschmückte Krone zu erringen strebt und sich den vollkommenen Arten des
Wettkampfes unterziehen will, vorher in den olympischen und pythischen Wettkämpfen seine
angeborene Jugendkraft und eine Probe seiner Körperstärke zeige. Ferner wird hiebei sowohl das
Urtheil des Vorsitzenden als des ganzen Volkes eingeholt, um festzustellen, ob die jungen Leute,
welche sich zu diesem Kampfe gemeldet haben, auch dessen würdig sind und zugelassen werden
dürfen. Findet man nach sorgfältiger Prüfung, daß erstens seinem Rufe keine Makel anklebt;
zweitens daß das Joch der Sklaverei ihn nicht verunehrt, welches ihn dieses Wettstreites und
jedes Kampfes mit ehrlichen Gegnern unwürdig machen würde; drittens daß er würdige Proben
seiner Kunst und Tapferkeit aufzuweisen und im Kampfe mit jungen Altersgenossen Erfahrung
und jugendliche Kraft gezeigt hat; viertens daß er. fortschreitend von den Ringübungen mit
Jünglingen, auf die Erlaubniß des Vorsitzenden hin schon mit volljährigen und durch reife
Erfahrung erprobten Männern gerungen hat und im ganzen Verlaufe des Ringkampfes sich ihrer
Tüchtigkeit nicht nur gewachsen gezeigt, sondern auch häufig unter ihnen die Siegespalme
errungen hat: dann erst wird er für würdig gehalten, zu den ruhmreichen Wettkämpfen zu
schreiten, bei denen nur Siegern, und zwar mit vielen Kronen geschmückten, die Erlaubniß zum
Kämpfen ertheilt wird. — Haben wir uns nun mit dem weltlichen Kampfe, der uns <s 107>als
Beispiel dienen soll, bekannt gemacht, so müssen wir auch die Regeln und Ordnung, in welcher
der geistige Kampf sich vollzieht, durch Vergleichung mit jenen kennen lernen.

13. Wenn wir von dem Laster der Unmäßigkeit nicht frei sind, können wir nimmer an die
Kämpfe gegen den inneren Menschen uns heranwagen.
Zunächst müssen wir unsere Freiheit bekunden durch Unterwerfung unseres Fleisches. Denn
„von wem Einer besiegt wird, dessen Knecht ist er auch;“83 und „Jeder, der Sünde thut, ist der
Sünde Knecht.“84 Wenn uns nun die Prüfung des Kampfvorstehers mit keiner Makel einer
schändlichen Begierde befleckt findet und wir von ihm nicht als Knechte des Fleisches und als
Unedle und des olympischen Ringkampfs gegen die Sünden unwürdig erachtet sind, dann werden
wir im Stande sein, gegen unsere Altersgenossen d. h. gegen die Begierlichleit und die Regungen
unseres Fleisches und unsere Leidenschaften in den Kampf zu ziehen. Denn unmöglich kann ein
gesättigter Magen Kämpfe gegen den inneren Menschen bestehen, noch paßt es sich für Einen, in
heftigem Gefechte angegriffen zu werden, der bei einem leichteren Zusammenstoß
niedergeworfen werden kann.

14. Überwindung der Gaumenlust.


Zuerst also müssen wir die Gaumenlust niederkämpfen und den Geist nicht bloß durch Fasten,
sondern auch durch Nachtwachen, Lesung und häufige Zerknirschung des Herzens
gewissermaßen mürbe machen. Bei diesen Beschäftigungen gedenkt er vielleicht seiner
Verhöhnung und Besiegung, seufzt bald vor Entsetzen über seine Sünden, bald verzehrt ihn die

83
II. Petr. 2, 19.
84
Joh. 8, 34.

48
Sehnsucht nach Vollkommenheit und Reinheit, bis er. in <s 108>derartige Sorgen und
Betrachtungen ganz versenkt, in dem Genusse der Speisen nicht so sehr ein Zugeständniß an die
angenehme Empfindung als eine ihm auferlegte Last erkennt und ihn mehr als ein dem Leibe
geschuldetes Bedürfniß, denn als eine dem Geiste wünschenswerte Annehmlichkeit fühlt. Durch
diese geistige Anstrengung und beständige Zerknirschung niedergehalten werden wir die
Üppigkeit des Fleisches, das unter dem Einflusse der Speisen noch viel übermüthiger wird, sowie
seine schädlichen Reize abstumpfen. Sie wird uns in den Stand setzen, den Feuerofen unseres
Leibes durch reiche Thränen und vieles Weinen zu ersticken, den Feuerofen. zu dessen Heizung
der König von Babylon die Gelegenheiten zur Sünde und die Leidenschaften herbeischafft, die
uns deftiger als Naphta und Pech brennen. Schließlich jedoch wird dann durch Gottes Gnade die
Frische des Thaues, den der heilige Geist in unsere Herzen träufelt, die Gluten der fleischlichen
Begierlichleit vollends auslöschen.85 Das ist also unser erster Kampf; darin besteht gleichsam
unsere erste Prüfung in den olympischen Wettkämpfen, daß wir die Begierde des Gaumens und
Bruches durch das Verlangen nach Vollkommenheit ersticken. Deßhalb muß nicht nur das
überflüssige Verlangen nach Speise durch die Betrachtung der Tugenden ertödtet, sondern auch
selbst die notwendigen Forderungen der Natur, gleichsam als seien sie unserer Reinheit feindlich,
nicht ohne innere Bekümmerniß befriedigt werden. Und so müssen wir endlich unsern
Lebenslauf einrichten, daß wir uns zu keiner Zeit von den geistigen Uebungen mehr abgezogen
fühlen, als wann uns die körperliche Gebrechlichkeit zwingt, uns zur nothwendigen Sorge für den
Leib zu bequemen. Wenn wir uns zur Befriedigung dieses<s 109> notwendigen Bedürfnisses
herbeilassen, mehr den Anforderungen des Lebens als dem Wunsche des Geistes dienend, so
müssen wir möglichst schnell uns von diesem Bedürfnisse loszumachen eilen, als von einer
Sache, die uns von den heilsamen Beschäftigungen abzieht. Denn nimmer werden wir im Stande
sein, das Vergnügen an den vorhandenen Speisen zu verachten, wenn nicht der in göttliche
Betrachtung versenkte Geist eher an der Liebe zur Tugend und der Schönheit himmlischer Dinge
seine Freude findet. Und so wird man alles Irdische als vergänglich verachten, wenn man auf das
Unwandelbare und Ewige unverwandt den geistigen Blick gefesselt hält und, obwohl im Fleische
wandelnd, die Glückseligkeit der künftigen Heimath durch die innere Beschauung schon genießt.

15. Stets muß der Mönch die Reinheit seines Herzens zu bewahren bestrebt sein.
Will Jemand den unermeßlichen, nur durch kleine Merkmale kenntlich gemachten Tugendpreis
in der Höhe erreichen, so muß er mit dem durchdringendsten und mit dem Fluge des Pfeiles
wetteifernden Blicke nach demselben zielen: denn er muß wissen, daß die unvergleichliche
Ruhmespalme und lohnende Auszeichnung ihm nur dann wird, wenn er sie beständig im Auge
behält. Daher muß er das Auge von jeglichem anderen Anblicke wegwenden und dahin richten,
wo er den höchsten Lohn und die größte Auszeichnung ausgesetzt sieht. Denn ohne Zweifel wird
er der Siegespalme und des Lohnes seiner Tugend verlustig gehen, wenn sein Blick nur ein wenig
vom Ziele abschweift.

16. Der Mönch kann, ähnlich der beim olympischen Wettkampfe üblichen Sitte, die
geistlichen Kämpfe nicht bestehen, wenn er im Kampfe wider das Fleisch nicht den Sieg
davon getragen hat.
Ist nun durch den Hinblick auf die ewige Belohnung <s 110>die Begierlichkeit des Bauches und
die Gaumenlust überwunden, so daß wir weder als Sklaven des Fleisches noch mit dem Zeichen
der Laster gebrandmarkt erscheinen, so wird man uns auch der Uebernahme größerer Kämpfe für
würdig erachten. Haben wir zuvor Proben unserer Tapferkeit abgelegt, so wird man uns zutrauen,
auch zum Kampfe gegen die schlimmen Eigenschaften unseres Geistes fähig zu sein, obwohl nur
Sieger, und zwar solche, die im Kampfe wider den Geist zu streiten verdienen, ihrer Bekämpfung

85
Der Verfasser spielt hier auf den von Nabuchodonosor König von Babylon, erbauten und zur Verbrennung Jener bestimmten Feuerofen an,
welche der neu errichteten Baalsstatue die göttliche Verehrung verweigerten. Unter dem „Könige von Babylon“ versteht Cassian hier den Satan.

49
für würdig erachtet werden. Denn das ist die festeste Grundlage aller Kämpfe, daß zuvor die
Reize der fleischlichen Gelüste ertödtet werden. Bevor nämlich nicht das eigene Fleisch besiegt
ist, kann Niemand rechtmäßig kämpfen. Und wer nicht rechtmäßig kämpft, kann ohne Zweifel
sich weder an einem Kampfe beteiligen noch die Auszeichnung einer Krone und den Siegeslohn
verdienen. Wenn wir nun in diesem Kampfe überwunden worden sind, so werden wir als
erwiesene Knechte der Fleischeslust, und deßbalb weder das Abzeichen der Freiheit noch der
Kraft tragend, als Sklaven und Unwürdige von dem Kampfe mit den Gelüsten des Geistes mit
Schimpf und Schande davon gejagt werden. Denn „Jeder, der Sünde thut, ist der Sünde
Knecht“.86 Auch wird man zu uns gleich Jenen, unter denen die Unzucht genannt wird, mit dem
Apostel sagen:87 „Versuchung befällt euch nicht, ausser menschliche.“ Denn nach Erprobung
unserer geistigen Kraft wird man uns nicht für würdig halten, schwerere Kämpfe gegen die
Nichtswürdigkeit der bösen Engel zu bestehen, da wir das gebrechliche Fleisch bei seinem
Widerstande gegen den Geist nicht zu unterjochen vermochten. Einige, welche das Wort des
Apostels nicht verstanden, haben statt des Indicativs den Optativ gesetzt, also: „Versuchung
befalle euch nicht, ausser menschliche“. Allein Dieß ist offenbar vom Apostel nicht so sehr im
Tone des Wunsches als des Gebetes und Vorwurfes gesagt.

17. Die Grundlage des geistigen Kampfes beruht auf dem Kampfe gegen die Unmäßigkeit.
<s 111>Willst du einen wahren Kämpfer Christi hören der in rechtmäßigem Kampfe streitet?
„Ich laufe so“, sagt derselbe.88 „nickt wie in's Unbestimmte; ich kämpfe so und mache keine
Lufthiebe, vielmehr kasteie ich meinen Leib und bringe ihn in Abhängigkeit, damit ich nicht,
indem ich Andern predige, selbst verworfen werde.“ Siehst du, wie er auf sich selbst, auf sein
Fleisch, wie auf die festeste Grundlage den ganzen Kampf gründet und einen Fortschritt im
Kampfe einzig von der Abtödtung des Fleisches und der Unterwerfung seines Leibes hofft? Also
„so laufe ich nicht wie in's Unbestimmte“. Nicht läuft in's Unbestimmte, wer, nach dem
himmlischen Jerusalem schauend, einen festen Punkt hat, wohin er seines Herzens
ungeschwächte Schnelligkeit richten muß. Nicht läuft in's Unbestimmte, wer vergißt, was hinter
ihm liegt, und auf das gerichtet ist, was vor ihm liegt, wer das bestimmte Ziel der durch Gott in
Christo Jesu an ihn ergangenen höheren Berufung verfolgt und den Blick seines Geistes auf
Christus gerichtet hält, auf den die ganze Bildung seines Herzens abzielt, was er mit den
vertrauensvollen Worten bekundet:89 „Ich habe einen guten Kampf gekämpft, meinen Lauf
vollendet, den Glauben bewahrt.“ Und weil er sich bewußt war, daß er nach dem Wohlgeruche
der Salben Cbristi in eiliger Hingebung seines Gewissens unermüdlich gelaufen ist und im
Kampfe gegen den Geist durch die Kreuzigung des Fleisches den Sieg davon getragen hat. tritt er
mit Vertrauen zu ihm bin und spricht:90 „Im Uebrigen ist mir die Krone der Gerechtigkeit
hinterlegt, die mir der Herr als gerechter Richter an jenem Tage verleihen wird.“ Und um auch
uns gleiche Aussicht auf Vergeltung zu eröffnen, wenn wir ihm in diesem Wettlaufe <s
112>nachahmen wollten, fügt er bei: „aber nicht allein mir, sondern auch Allen, die seine
Ankunft lieben.“ Damit bezeichnet er uns als einstige Theilnehmer an seiner Krone am Tage des
Gerichtes, wenn wir die Ankunft Christi lieben, nicht nur jene, die wir auch wider unsern Willen
erfahren werden, sondern auch diejenige Ankunft, durch welche er täglich die frommen Seelen
heimsucht und uns befähigt, aus Liebe zu ihm durch Züchtigung unseres Leibes den Sieg im
Kampfe zu erringen. Von dieser Ankunft sagt der Heiland im Evangelium:91 „Ich und mein Vater
werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ und wiederum:92 „Siehe, ich stehe an

86
Joh. 8, 34.
87
I. Kor. 10, 13.
88
I. Kor. 9, 26. 27.
89
II. Timoth. 4, 7.
90
II. Timoth. 4, 8.
91
Joh. 14, 28.
92
Apok. 3, 20.

50
der Thüre und klopfe an; wenn Jemand meine Stimme hört und die Thüre aufmacht, so will ich
zu ihm eingeben und Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.“

18. Durch wie viele Kämpfe und Siege der Apostel die Siegeskrone im höchsten Kampfe
errungen habe.
Und doch beschreibt der Apostel noch nicht die Vollendung seines Kampfes, wenn er sagt: „So
laufe ich, nicht wie in's Unbestimmte.“ Dieses bezieht sich im Besondern auf die Richtung seines
Herzens und den glühenden Eifer seines Geistes, in Folge dessen er Christum mit der ganzen
Gluth seiner Liebe folgte, mit der Braut im hohen Liede93 sprechend: „Wir wollen dir nachlaufen,
dem Geruche deiner Salben nach“ und wiederum: „Es hanget meine Seele an dir.“94 Aber auch in
einer andern Art des Kampfes bezeugt er gesiegt zu haben, indem er spricht: „So kämpfe ich.
nicht gleichsam die Luft peitschend, sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn zur
Dienstbarkeit.“ Tiefes bezieht sich zunächst auf die schmerzvolle Enthaltsamkeit und das
körperliche <s 113>Fasten und die Kreuzigung des Fleisches; durch diese letztere ist er nach
seiner Schilderung ein rüstiger Kämpfer gegen sein Fleisch. Und nicht vergebens, wie er sagt,
führte er gegen dasselbe die Schläge der Enthaltsamkeit, sondern er triumphirte in diesem
Kampfe durch die Abtödtung seines Leibes. Nachdem dieser durch die Schläge der
Enthaltsamkeit gezüchtigt und mit dem Riemen des Fastens tüchtig gepeitscht worden war,
verlieh der Richter dem siegreichen Geiste die Krone der Unsterblichkeit und die Palme der
Unverweslichkeit. Hier siehst du die rechtmäßige Ordnung des Kampfes und den Ausgang im
geistigen Kriege. Hat nämlich der Kämpfer Christi über das aufrührerische Fleisch den Sieg
erlangt, so tritt er es gleichsam mit Füßen, und wie ein stolzer Triumphator fährt er über dasselbe
dahin. —- Und deßhalb läuft er nicht in's Unbestimmte, weil er des festen Vertrauens war, daß er
in die heilige Stadt, das himmlische Jerusalem, sofort einziehen werde. So kämpfe er, durch
Fasten und Bändigung des Fleisches, nicht gleichsam die Luft peitschend, d. h. vergeblich die
Streiche der Enthaltsamkeit führend, durch die er nicht die leere Luft, sondern jene Geister, die in
ihr sind, durch Züchtigung seines Leibes peitschte. Denn wer sagt: „nicht gleichsam die Luft
peitschend.“ gibt zu erkennen, daß er nicht die leere und nichtige Luft, wohl aber Jemanden in
der Luft schlage. Und weil er in diesem Kampfe Sieger geblieben ist und zum Lohne dafür mit
vielen Kränzen geschmückt einherging, beginnt er nicht mit Unrecht Kämpfe mit stärkeren
Feinden, und nach dem Triumphe über die früheren Nebenbuhler ruft er voll Vertrauen aus:95
„Nun haben wir nicht mehr den Kampf zu bestehen gegen Fleisch und Blut, sondern gegen
Fürstenthümer und Mächte, gegen die Beherrscher dieser Welt der Finsterniß. gegen die bösen
Geister in der Luft.“

19. Der Kämpfer Christi verläßt nicht den Kampf, solang er im Körper weilt.
<s 114>Solange der Streiter Christi im Körper weilt, fehlt ihm nie die Palme des Kampfes,
sondern je mehr er durch Triumphe und Erfolge gestiegen ist, ein um so stärkerer Kampf tritt
jedesmal an ihn heran. Ist das Fleisch unterjocht und besiegt, welche Schaaren von Gegnern,
welche Heereszüge von Feinden, aufgestachelt von seinen Triumphen, erheben sich dann gegen
den siegreichen Streiter Christi! Denn er könnte sonst durch die Muße des Friedens erschlaffen,
seiner rühmlich durchgefochtenen Kämpfe vergessen und durch die Unthätigkeit, zu der ihn seine
Sicherheit verleitet, um den Lohn und das Verdienst seiner Triumphe betrogen werden. Wollen
wir daher zu den Stufen des Triumphes durch Voranschreiten in der Tugend emporsteigen, so
müssen wir auch in dieser Ordnung die Kämpfe beginnen und zuerst mit dem Apostel sprechen:
„So fechte ich, nicht gleichsam die Luft peitschend, ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in
Dienstbarteit;“ und haben wir diesen Kampf siegreich bestanden, so können wir wiederum mit

93
Hohes L. 1, 3.
94
Ps. 62, 9.
95
Ephes. 6, 12.

51
ihm sagen: „Nicht haben wir zu kämpfen gegen Fleisch und Blut, sondern gegen Fürstenthümer
und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser Welt der Finsterniß, gegen die bösen Geister in der
Luft.“ Anders nämlich können wir auf keine Weise in den Kampf mit ihnen treten, und wir
werden nicht würdig befunden werden, uns im Kampfe mit den Geistern zu messen, wenn wir im
Streite mit dem Fleische unterlegen und im Kampfe gegen den Bauch geschlagen sind. Mit Recht
wird man uns dann des Apostels Wort zum Vorwurfe machen: „Versuchung befällt euch nicht,
ausser menschliche.“

20. Der Mönch darf die Essenszeit nicht überschreiten, wenn er zu den Kämpfen mit dem
innern Feinde gelangen will.
Will der Mönch zum Kampfe mit dem innern Feinde<s 115> gelangen, so muß er vor Allem die
Vorsichtsmaßregel anwenden, daß er durch keine Lust an Speise und Trank sich verleiten lasse,
vor der festgesetzten Zeit und der Stunde der gemeinsamen Mahlzeit Etwas ausser Tisch zu
genießen; aber auch nach Beendigung der Mahlzeit soll er sich nicht erlauben, die geringste
Speise zu nehmen. Ebenso soll er auch die festgesetzte Zeit und das bestimmte Maß des Schlafes
einhalten. Denn mit demselben Eifer muß man die Auswüchse des Geistes abschneiden, mit dem
man das Laster der Unzucht wegschneiden muß. Wer aber die ungeordneten Begierden des
Gaumens nicht zu zügeln vermochte, wie wird der die Gluthen der Fleischeslust auslöschen
können? Und wer die kleinen und offen zu Tage liegenden Leidenschaften nicht bändigen
konnte, wie wird er die verborgenen und von Jedermann unbemerkt ihn quälenden
Leidenschaften mit Einsicht und Klugheit bekämpfen können? Und deßhalb bewährt sich bei den
einzelnen Regungen und in jedwedem Verlangen die Kraft des Geistes. Wenn nun Einer bei sehr
kleinen und offenkundigen Leidenschaften überwunden wird, was er dann bei sehr großen,
starken und verborgenen auszuhalten vermag, das sagt ihm sein eigenes Bewußtsein.

21. Von dem inneren Frieden und der geistigen Enthaltsamkeit des Mönches.
Nicht brauchen wir die Feinde von aussen zu fürchten; in uns selbst ist der Feind eingeschlossen.
Ein innerer Krieg wird täglich in uns geführt. Ist dieser ausgekämpft, so wird Alles, was sich
ausserbalb findet, schwach und dem Streiter Christi vollständig unterworfen sein. Nicht werden
wir den Feind von aussen zu fürchten haben, wenn Alles, was in uns ist, sich besiegt dem Geiste
unterwirft. Glauben wir ja nicht, daß die Enthaltung von sichtbarer Speise allein zur geistigen
Vollkommenheit und leidlichen Reinheit hinreichen könne, wenn nicht damit auch das Fasten des
Geistes verbunden ist. Denn auch er hat seine schädlichen Speisen, und ist er durch diese fett
geworden, so rollt er, auch ohne <s 116>Überfluß an Speisen, an den Abgrund der Üppigteit.
Zerstreuung ist seine Speise, und zwar eine sehr angenehme, Zorn ist auch eine Speise für ihn,
wenn auch keine sehr leichte, der jedoch zu Zeiten ihm einen höchst verhängnißvollen
Geschmack bereitet, und deren Genuß ihn ebenfalls tödtlich trifft. Neid ist eine Speise für den
Geist, der ihn mit giftigen Säften verdirbt und nicht abläßt, ihn durch das Glück und den Erfolg
des Nächsten fortwährend qualvoll zu martern. Cenodoxie. d. i. eitle Ruhmsucht, ist ihm eine
Speise, deren ergötzlicher Genuß ihn eine Zeit lang beruhigt, dann aber entblößt, aller Tugenden
beraubt und nackt macht und ihn jeglicher geistigen Frucht baar entläßt. Diese Speise bewirkt
nicht bloß den Verlust der durch die überaus großen Mühen erworbenen Verdienste, sondern
bereitet auch noch größere Qualen. Alle Begierlichkeit und alles unstäte Herumschweifen des
Geistes ist eine Nahrung der Seele, welche sie mit schädlichen Speisen nährt, aber den, der das
Himmelsbrod und eine gediegene Speise nicht kostet, nachmals verläßt. Wenn wir uns also,
soviel in unserer Macht liegt, dieser Speisen durch ein besonders geheiligtes Fasten enthalten,
werden wir mit Nutzen und Bequemlichkeit das körperliche Fasten beobachten können. Denn ein
abgetödteter Leib, verbunden mit einem zerknirschten Geiste, wird ein Gott sehr angenehmes
Opfer und eine würdige Wohnstätte der Heiligkeit mit reinen und makellosen Zufluchtsstätten
darstellen. Uebrigens, wenn wir trotz des körperlichen Fastens in die verderblichsten Sünden des
Geistes verstrickt sind, wird uns die Züchtigung des Fleisches Nichts nützen, da wir an einem viel

52
kostbareren Theile befleckt und an jener wesentlichen Seite fehlerhaft sind, durch welche wir die
Wohnung des heiligen Geistes werden. Denn nicht so sehr das verwesliche Fleisch als ein reines
Herz wird die Wohnung Gottes und der Tempel des heiligen Geistes. Es muß also, während der
äussere Mensch fastet, auch der innere in ähnlicher Weise sich der schädlichen Speisen enthalten;
vorzüglich muß er sich rein halten für Gott, damit er Christum als Gast in sich aufzunehmen
verdiene. Dazu mahnt der <s 117>Apostel mit den Worten.96 es möge im inneren Menschen
Christus wohnen, durch den Glauben in unseren Herzen.

22. Wir müssen die körperliche Enthaltsamkeit üben, um zur Nüchternheit des Geistes zu
gelangen.
Seien wir also überzeugt, daß wir deßhalb unsere Mühe auf die körperliche Enthaltsamkeit
verwenden müssen, um durch dieses Fasten zur Reinheit des Herzens gelangen zu können.
Uebrigens wenden wir diese Mühe vergebens an, wenn wir zwar dieselbe durch die Betrachtung
des Zieles unermüdlich ertragen, das Ziel selbst aber, wegen dessen wir so große Mühsalen
ertragen haben, nicht zu erreichen vermögen. Ja, es wäre besser gewesen, die verbotenen Speisen
der Seele gemieden zu haben, als in Bezug auf freigestellte und weniger schädliche Speisen
körperlich gefastet zu haben. Denn hier ist es der einfache und unschädliche Genuß eines
Geschöpfes Gottes, der an und für sich nichts Sündhaftes an sich trägt; dort ist es aber in erster
Linie ein verderbliches Verschlingen der Brüder, von dem es heißt: „Liebe nicht die
Verläumdung. damit du nicht mit der Wurzel ausgerissen werdest.“97 Und vom Zorn und Neid
sagt der selige Job:98 „Einen Thoren bringt der Jähzorn um, und einen Einfältigen tödtet der
Neid.“ Zugleich sei bemerkt, daß der. welcher zürnt, für einen Thoren, und wer neidisch ist, für
einen Einfältigen gilt. Denn nicht mit Unrecht gilt Jener für thöricht, da er von dem Stachel des
Zornes gereizt sich freiwillig den Tod zuzieht; und Dieser beweist sich als einen <s
118>einfältigen und unfähigen Menschen dadurch, daß er vor Neid gelb wird. Denn durch seinen
Neid bezeugt er, daß Derjenige größer ist, über dessen Glück er sich quält.

23. Wie die Kost eines Mönches beschaffen sein soll.


Man muß also nicht bloß eine Kost wählen, welche die Gluth der brennenden Begierlichkeit
dämpft oder weniger entflammt, sondern eine solche, die auch leicht zu bereiten ist und neben
dem Vortheil des zweckmäßigen Genusses auch den der Wohlfeilheit bietet und endlich der
gemeinsamen Lebensweise der Brüder entspricht. Denn dreifach ist die Natur der Gaumenlust:
erstens dringt sie darauf, der bestimmten Essensstunde vorzugreifen; zweitens findet sie nur Lust
an dem Vollpfropfen des Magens und an der Uebersättigung mit jedweder Speise; drittens setzt
sie ihr Vergnügen in feinere und schmackhaftere Mahlzeiten. Deßhalb muß auch der Mönch
gegen dieselbe eine dreifache Wachsamkeit üben: nämlich erstens die festgesetzte Zeit abwarten,
die ihn vom Fasten erlöst; zweitens dem Verlangen nach Sättigung nicht nachgeben; drittens mit
allen beliebigen, auch geringeren Speisen vorlieb nehmen. Was man sich aber neben dem
gewohnten und allgemeinen Gebrauche herausnimmt, brandmarkt eine sehr alte Ueberlieferung
der Väter als von der Krankheit der Eitelkeit, Ruhmsucht und Prahlerei angefressen, und noch nie
haben wir erfahren, daß Solche, die sich, wie uns bekannt, ein glänzendes Verdienst in der
Wissenschaft und Schärfe des Urtheils erworben haben, oder welche die Gnade Christi Allen als
überaus glänzende Lichter zur Nachahmung hingestellt hat, daß Diese sich den Genuß des
Brodes, das bei ihnen billig und leicht zu haben ist, versagt hätten. Und niemals haben wir
gesehen, daß Einer von Denen, die von dieser Regel abgingen, den Genuß des Brodes unterließen
und dem von Gemüse oder Obst sich ergaben, unter die besonders Tugendhaften gezählt worden

96
Ephes. 3, 17.
97
Das Citat ist nach der griechischen Bibelübersetzung, der sog. Septuaginta (Sprüchw. 20, 3), während die lateinische Uebersetzung (Vulgata) die
Worte hat: „Liebe nicht den Schlaf, damit dich nicht Armuth befalle.“
98
Job 5, 4.

53
sei, geschweige denn die Tugend der Klugheit oder Wissenschaft <s 119> erlangt habe. Denn
nach der Väter Ansicht soll der Mönch nicht nach Speisen verlangen, welche die übrigen nicht
gewohnt sind. Hierdurch wird nur sein Wandel gleichsam in's Freie vor Aller Augen ausgestellt
als ein eitler und nichtiger, und er selbst stirbt an der Krankheit der Ruhmsucht dahin. Ja, die
Väter gingen noch weiter und behaupteten. nicht einmal die allgemeine Züchtigung vermittelst
Fasten dürfe der Einzelne leichthin zur Schau tragen, sondern soviel es möglich sei, müsse man
sie bedecken und verbergen. Man hielt es aber für rathsamer. einem besuchenden Bruder mehr
die Tugend der Nächstenliebe entgegenzubringen, als die Strenge der Enthaltsamkeit und den
Ernst des täglich gefaßten Vorsatzes zu offenbaren. Denn man war nicht so sehr auf das bedacht,
was unser Wille und Nutzen verlangt, als bemüht, dem Ankömmling Dasjenige vor Augen zu
stellen, was seine Ruhe oder Schwachheit erheischt, und führte Dieß alles mit freundlicher Miene
aus.

24. In Ägypten werden nach meiner eigenen Erfahrung bei der Ankunft eines Fremden die
täglichen Fasten stets gebrochen.
Als ich. von dem Verlangen beseelt, die Anordnungen der Oberen kennen zu lernen, aus Syrien
in die Provmz Aegypten gereist war. verwunderte ich mich über die herzliche Freude, mit der ich
aufgenommen wurde. Ja. diese Freude war so groß, daß gar keine Regel in Bezug auf die
Mahlzeit eingehalten wurde, wie ich sie in den Klöstern Palästinas kennen gelernt hatte. Dort
nämlich mußte man warten bis zu der Stunde, welche durch die Fastenordnung im Voraus
bestimmt war; aber hier wurde, mit Ausnahme der durch die Kirchengesetze angeordneten Fasten
am Mittwoch und Freitag, überall, wohin wir kamen, das tägliche Fasten gebrochen. Als ich
einen Vorsteher fragte, warum man bei ihnen so ohne Unterschied über die täglichen Fasten sich
hinaussetze, erhielt ich folgende Antwort: „Das Fasten ist immerdar bei mir; dich aber, den ich
wieder eentlassen muß,<s 120> kann ich nicht immer bei mir behalten. Und das Fasten, so
nützlich und stets nothwendig es ist, ist doch die Darbringung eines freiwilligen Geschenkes;
aber das Werk der Liebe zu erfüllen, fordert das Gebot; deßhalb muß ich in dir Christum
aufnehmen und speisen; habe ich dich aber entlassen, so kann ich die Nächstenliebe, die ich um
seinetwillen dir erzeigt habe, durch ein strengeres Fasten an mir aufwägen. Denn die Begleiter
des Bräutigams können nicht fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist; wenn er aber
hinweggegangen sein wird, dann werden sie fasten.“

25. Enthaltsamkeit eines Greises, der nach sechsmaligem Genusse von Speisen noch
hungerte.

Als mich beim Essen ein Vorsteher aufforderte, noch ein wenig zu essen, und ich sagte, ich
könne nicht mehr, erwiderte er: „Ich habe schon sechsmal zu verschiedenen Zeiten
ankommenden Brüdern den Tisch gedeckt und, um Jeden zum Essen aufzumuntern, mit Allen
Speise genossen und hungere noch; und du, der du jetzt das erste Mal issest, sagst, du könnest
nicht mehr!“

26. Ein anderer Greis nahm in seiner Zelle niemals allein Speise zu sich.
Ich sah einen Anderen in der Einsamkeit wohnen, der bezeugte, niemals sich allein sein Essen
gegönnt zu haben; sondern, wenn auch fünf Tage lang kein Bruder zu seiner Zelle gekommen
wäre, habe er immer seine Mahlzeit aufgeschoben, bis er am Samstag oder Sonntag, um sich an
der Gebetsversammlung zu erbauen, zur Kirche gegangen sei und auf dem Wege einen Fremden
gefunden habe. Diesen habe er auf seinem Rückwege zu seiner Zelle mitgenommen, wo er in
Gemeinschaft mit ihm nicht so sehr zur Befriedigung seiner Bedürfnisse als aus Nächstenliebe
und des Bruders wegen das Essen verzehrte. - Wie daher die <s 121>Mönche bei der Ankunft
von Brüdern unterschiedslos die Fasten zu brechen wissen, so ersetzen sie nach ihrem Weggange

54
die ihretwegen genossene Mahlzeit durch eine größere Enthaltsamkeit. Denn sie fordern den
Genuß der geringsten Speisen nicht bloß durch eine strenge Abtödtung beim Genusse von Brod,
sondern sogar durch Verkürzung des Schlafes mit wahrer Härte zurück.

27. Lob der Äbte Päsius und Johannes.


Zum greisen Päsius, der in einer sehr öden Wüste wohnte, kam einst der greise Johannes, der
Obere eines Klosters und einer zahlreichen Brüderschaar, und fragte ihn als seinen ältesten
Genossen, was er denn die vollen vierzig Jahre gethan habe, die er, von ihm getrennt und nicht
im Geringsten von den Brüdern gestört, in der Einsamkeit verlebt babe. „Niemals“, sagte Dieser,
„sah mich die Sonne essen.“99 Und Jener sprach: „Und mich nie erzürnt.“

28. Des Abtes Johannes herrliche Lehre, gegeben auf dem Todesbette.
Freudig, als wandelte er in seine Heimath, lag dieser Greis (der Abt Johannes) in den letzten
Zügen. Aengstlich umstanden ihn die Brüder und baten ihn flehentlich, er möge ihnen ein
denkwürdiges Gebot als Vermächtnis hinterlassen, durch das sie leichter wegen seiner Kürze zum
Gipfel der Vollkommenheit gelangen könnten. Seufzend sprach er: „Niemals habe ich meinen
eigenen Willen gethan noch Jemanden Etwas gelehrt, das ich nicht selbst vorher gethan.“

29. Abt Machetes schlief nie bei geistlichen Gesprächen, aber beim Anhören weltlicher
Geschichten versank er stets in Schlaf.
<s 122>Ich kannte einen Greis, mit Namen Machetes, der fern von den Brüdern lebte. Dieser
hatte durch tägliches Gebet von Gott die Gnade erhalten, daß er, so oft bei Tag oder bei Nacht
eine geistliche Unterhaltung geführt wurde, nie ganz dem Schlafe in die Arme sank. Wenn aber
Jemand ein zerstreuendes oder müßiges Wort anzubringen versuchte, fiel er sofort in Schlaf, als
ob das Gift des Widerspruches nicht einmal bis zur Befleckung seiner Ohren vordringen könnte.

30. Des Abtes Machetes Vorschrift, über Niemanden zu urtheilen.


Als dieser Greis die Lehre vortrug, daß wir Niemanden richten sollten, sagte er, drei Stücke habe
er mit den Brüdern besprochen oder vielmehr an ihnen getadelt: weil sie sich das Zäpfchen100
abschneiden ließen, weil sie in den Zellen ein Tuch halten, und weil sie Öl segneten und es den
Weltleuten auf Verlangen gäben. Dieß alles sei ihm, wie er sagte, hernach selbst widerfahren.
Denn als ich, so erzählte er, an der Entzündung des Zäpfchens litt, welkte ich in Folge dieses
Leidens so lange hin, bis ich sowohl vom Schmerze überwältigt, als durch dte Aufforderung aller
Obern gedrängt, es abschneiden ließ. In Folge dieser Krankheit war ich auch genöthigt, ein Tuch
zu tragen. Auch mußte <s 123>ich Öl segnen und es den Leuten, die darum baten, reichen, was
ich über Alles verwünschte, da es nach meiner Ueberzeugung von großer Vermessenheit
herrührte. Ich sah mich indessen plötzlich von vielen Weltleuten umgeben, die mich so gefangen
hielten, daß ich auf keine Weise entrinnen konnte, bis sie mich mit Gewalt und Bitten dazu
vermochten, auf das dargereichte Gefäß mit Öl das Kreuzzeichen zu machen und meine Hand zu
legen. Im Glauben nun, geweihtes Oel empfangen zu haben, ließen sie mich endlich los. Durch
diese Vorfälle wurde mir klar, daß ein Mönch in dieselben Händel und Fehler verwickelt wird,
worüber er sich ein Urtheil an Anderen erlaubt. Es muß also ein Jeder nur sich selbst richten und

99
D. h. ich aß täglich nur einmal, und zwar erst nach Sonnenuntergang.
100
Das Zäpfchen, ein in Form einer kleinen Säule am Ende des Gaumens hängendes Stückchen Fleisch, schwillt bei Entzündungen, die bei den
Mönchen vielleicht von dem zu häufigen Genusse kalten Wassers herrührten, sehr stark an, wodurch es die Form einer Traube erhält und auch so
von den Griechen (σταφυλή) und Lateinern (uva) genannt wurde.

55
umsichtig und vorsichtig auf sich Acht geben, nicht aber den Lebenswandel Anderer einer Kritik
unterziehen nach dem Gebote des Apostels:101 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Seinem
Herrn steht oder fällt er.“ und (nach des Heilandes102 Wort): „Richtet nicht, damit ihr nicht
gerichtet werdet; denn mit welchem Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“
Ausser der genannten Ursache ist es auch deßhalb gefährlich zu urtheilen, weil wir nicht die
Noth oder den Grund kennen, der die Menschen in dem, worin wir sie fehlen sehen, vor Gott
recht oder wenigstens verzeihlich handeln läßt. Deßhalb können wir als vermessene Richter
befunden werden und so eine nicht geringe Sünde begehen, wenn wir etwas Unziemliches von
unsern Brüdern denken.

31. Strafrede desselben Greises gegen die Brüder, welche bei geistigen Gesprächen
schliefen, aber bei der Erzählung müßiger Geschichten aufwachten.
Ebenso behauptete dieser Greis, der Teufel begünstige die <s 124>müßigen Erzählungen und
trete allzeit als Bekämpfer geistlicher Gespräche auf: eine Behauptung, welche der Abt auf
folgende Beobachtung stützte. Wenn er mit einigen Brüdern von geistigen Dingen redete und sie
dabei in einen todtenähnlichen Schlaf versenkt sah, dessen Last sie nicht von ihren Augen zu
wälzen vermochten, so flocht er plötzlich eine müßige Erzählung in die geistige Unterhaltung ein.
Sah er sie dann sofort vor Freude hierüber erwachen und aufmerksam werden, so sprach er
seufzend: „Bis jetzt sprachen wir von himmlischen Dingen, und euer aller Augen wurden von
tiefem Schlafe gefesselt; aber nachdem eine müßige Erzählung eingestreut ist, sind wir alle
aufgewacht und haben die Betäubung des uns beherrschenden Schlafes von uns geschüttelt.
Jedoch erwägt hieraus, wer denn der Bekämpfer jener geistlichen Unterhaltung gewesen ist, und
wer die Freude an dieser unnützen und sinnlichen Unterhaltung eingibt. Denn ganz offen liegt es
hier auf der Hand, daß es Derjenige ist, welcher aus Freude am Bösen diese Ergötzung stets
begünstigte und jene Freude an der geistlichen Unterhaltung unaufhörlich bekämpft.“

32. Wie Briefe vor dem Lesen verbrannt wurden.


Für nicht minder nothwendig halte ich auch die Erwähnung folgender That eines um die Reinheit
seines Herzens bemühten und auf die göttliche Betrachtung eifrig bedachten Bruders. Als ihm
nach fünfzehn Jahren von seinen Eltern und vielen Freunden aus der Provinz Pontus mehrere
Briefe gebracht worden waren, nahm er das große Packet Briefe, besann sich eine Weile und
sprach endlich: „Welche Gedanken wird mir das Lesen dieser Briefe verursachen? Entweder
werden sie zu eitler Freude oder zu nutzloser Betrübniß mich hinreissen. Wie viele Tage werden
sie, durch die Erinnerung an Jene, die sie geschrieben, mein Herz von der erstrebten
Beschaulichkeit abziehen! Nach wie langer Zeit werde ich diese Verwirrung. die sich meines
Geistes<s 125> dann bemächtigt, wieder zu regeln vermögen, welche Mühe wird die
Wiederherstellung dieses ruhigen Zustandes erfordern, wenn ich einmal durch die
Gemüthsbewegung, welche das Lesen der Briefe in mir hervorgerufen, aufgeregt bin, wenn ich
die Reden und Mienen Derer an meinem Geiste vorüberziehen lasse, die ich so lange verlassen
habe, und dadurch anfange, sie im Geiste zu besuchen, bei ihnen zu weilen! Sie dem Leibe nach
verlassen zu haben, wird in der That Nichts nützen, wenn ich sie im Geiste anzublicken beginne
und die Erinnerungen, die jeder Ordensmann wie ein Todter aufgegeben hat, wieder aufleben und
in meinem Herzen Platz greifen lasse.“ Nachdem er Dieß erwogen, faßte er den Entschluß, nicht
nur keinen Brief zu öffnen, sondern nicht einmal das Päckchen zu erschließen, damit er nicht die
Namen Derer, die sie geschrieben, durchzugehen oder ihres Aussehens sich zu erinnern genöthigt
sei, was ihn von der himmlischen Richtung seines Geistes abziehen würde. Gebunden, wie er es
empfangen hatte, gab er daher das Päckchen dem Feuer zum Verbrennen hin mit den Worten:

101
Röm. 14, 4; vergl. I. Kor. 4, 5.
102
Matth. 7, 1.

56
„Fort mit euch, ihr Gedanken an die Heimath, verbrennet ebenso, damit ihr fernerhin nicht
versuchet, mich dahin zurückzurufen, von wo ich geflohen bin.“

33. Abt Theodor löst eine Frage mit Hilfe des Gebetes.
Ich kannte auch den Abt Theodor, einen Mann von großer Heiligkeit und Wissenschaft. Er
zeichnete sich nicht nur durch ein thätiges Leben, sondern auch durch Kenntniß der heiligen
Schriften aus, welche ihm nicht so sehr weltliches Studium, als vielmehr einzig die Reinheit
seines Herzens verschafft hatte; konnte er ja doch von der griechischen Sprache nur wenige
Worte verstehen und aussprechen. Als er einst Aufklärung in einer sehr dunklen Frage suchte,
verharrte er sieben Tage und Nächte unermüdlich im Gebete, bis ihm vermittelst göttlicher
Offenbarung die Lösung der vorliegenden Frage klar wurde.

34. Welches Studium der Abt Theodor seinen Mönchen empfahl, um Kenntniß in der
heiligen Schrift zu erlangen.
<s 126>Als einige Brüder das hell glänzende Licht seiner (des Abtes) Wissenschaft bewunderten
und ihn nach dem Sinn einiger Stellen der heiligen Schrift fragten, gab er zur Antwort, ein
Mönch, der in die Kenntniß der heiligen Schriften eindringen wolle, dürfe keineswegs seine
Mühe auf das Studium der Kommentare verwenden, sondern vielmehr seinen ganzen geistigen
Fleiß und seine ganze innere angestrengte Thätiakeit auf die Reinigung von den Sünden des
Fleisches hinlenken. Sind diese vertrieben, und ist die Decke der Leidenschaften
hinweggenommen, so werden die Augen des Geistes die heiligen Schriften gleichsam
naturgemäß zu schauen beginnen. Denn nicht um uns dunkel und unbekannt zu bleiben, sind sie
uns durch die Gnade des heiligen Geistes geoffenbart worden, sondern durch unsere Schuld
verhüllt die Decke der Sünden die Augen des Geistes und macht uns die Geheimnisse dunkel;
sind diese Augen nun wieder der natürlichen Gesundheit zurückgegeben, so reicht schon das
Lesen der heiligen Schriften allein vollständig bin, um einzudringen in die wahre Wissenschaft,
und man bedarf nicht der Belehrung eines Kommentars, wie auch die leiblichen Augen keine
Belehrung nöthig haben, wenn sie nur vom Staar und dem Nebel der Blindheit frei sind. Daber
sind denn auch unter den Auslegern selbst so große Meinungsverschiedenheiten und Irrthümer
entstanden, weil die meisten, ohne den geringsten Fleiß auf die geistige Reinigung verwandt zu
haben, zur Auslegung derselben eilen. Denn in Folge der Ueppigkeit und Unreinheit ihres
Herzens bilden sie sich Meinungen, die vom Glauben abweichen oder ihm gar entgegengesetzt
sind und ihren eigenen Behauptungen widersprechen. Daher kommt es, daß sie das Licht der
Wahrheit nicht zu finden vermögen.

35. Strafrede des Abtes Theodor, die er um Mitternacht in meiner Zelle hielt.
<s 127>Unversehens kam einst um Mitternacht ebenfalls der Abt Theodor an meine Zelle,
erkundigte sich heimlich mit väterlicher Besorgniß, was ich noch unerfahrener Einsiedler mache,
und als er fand, daß ich sofort nach dem feierlichen Nachtgebete den müden Leib schon zur Ruhe
gebracht und auf der Decke dalag, stieß er aus dem Grunde seines Herzens Seufzer aus, und mich
beim Namen nennend sprach er: „Johannes, wie Viele reden zu dieser Stunde mit Gott und
umfangen und behalten ihn in ihrem Herzen, und du läßt dich um diese Erleuchtung betrügen,
vom trägen Schlafe dahin gestreckt!“
Weil ich nun einmal, durch die Tugenden und Gnadengaben der Väter veranlaßt, zu solchen
Erzählungen abgeschweift bin, so halte ich es für nothwendig. das merkwürdige Liebeswerk, das
ich von Seiten des vortrefflichen Archebius an mir erfahren habe, in diesem Buche zu empfehlen,
damit die Reinheit der Enthaltsamkeit mit der Uebung der Liebe verbunden und durch schöne
Mannigfaltigkeit ausgezeichnet um so heller erglänze. Denn nur dann wird das Fasten ein Gott
wohlgefälliges Geschenk, wenn es durch die Früchte der Liebe seine Vollendung erhalten hat.

57
36. Beschreibung der Wüste Diolkus, in welcher Anachoreten leben.
Als ich, noch ein Neuling, von den Klöstern Palästina's nach einer ägyptischen Stadt, mit Namen
Diolkus, gekommen war. fand ich daselbst eine sehr große Genossenschaft, welche durch die
Klosterzucht eng verbunden und durch eine vortreffliche und zwar die erste Mönchsregel
wunderbar eingerichtet war. Doch durch allseitige Lobsprüche begierig gemacht beeilte ich mich,
auch eine andere Genossenschaft, welche noch viel trefflicher gilt, nämlich die der Anachoreten,
<s 128>besonders genau kennen zu lernen. Diese verweilen nämlich zuerst sehr lange in den
Klöstern, wo sie sich allseitig in der Geduld und Weisheit unterweisen lassen und sich die
Tugend der Demuth wie der Entsagung aneignen und bis auf den letzten Grund alle Fehler
ausrotten, um sich auf die härtesten Kämpfe gegen die bösen Geister vorzubereiten. Hierauf
ziehen sie sich in die Verborgenheit der Wüste zurück. Um diesen ihren Vorsatz auszuführen,
leben diese Männer, wie ich in Erfahrung brachte, an den Ufern des Nil, an einem Orte, der, auf
der einen Seite vom Nil selbst, auf der anderen vom weiten Meere umflossen, eine Insel, bildet,
welche nur von solchen Mönchen bewohnt wird, welche die Verborgenheit suchen. Denn der
trügerische Boden und die unfruchtbare Sandfläche machen ihn jeder Bebauung unfähig. Zu
diesen eilte ich, und ich bewunderte die übermäßigen Beschwerden, die sie in heiliger
Beschaulichkeit und aus Liebe zur Einsamkeit ertragen. Denn selbst an Wasser leiden sie großen
Mangel und vertheilen dasselbe mit solcher Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, mit der auch nicht
der genügsamste Mensch den kostbarsten Wein in Acht nimmt und schont. Denn drei Meilen
weit oder noch weiter holen sie es aus dem Bette des genannten Flusses zu ihren notwendigen
Bedürfnissen. Die übergroße Schwierigkeit, mit welcher die auf dieser weiten Strecke gelegenen
Sandberge überschritten werden müssen, machen diese Anstrengung doppelt groß.

37. Von der Nächstenliebe des Abtes Archebius.


Der Anblick dieser Anachoreten entflammte mich zur Nachahmung derselben. Als der genannte
Archebius, der tugendhafteste unter ihnen, diesen meinen Wunsch erfahren, führte er mich, um
an mir seine Nächstenliebe auszuüben, in seine Zelle und stellte sich, als wolle er diesen Ort
verlassen und aus seiner Zelle ausziehen, um mir dieselbe zu überlassen. Zugleich versicherte er
mir, daß er Dieß thun würde, wenn ich auch nicht da wäre. Von dem Verlangen <s 129>beseelt,
dort zu bleiben, und den Versicherungen eines so großen Mannes unbezweifelten Glauben
schenkend ging ich gern auf diesen Vorschlag ein und übernahm die Zelle sammt ihrer
Ausstattung. Nachdem ihm so dieser fromme Fang gelungen war, verließ er wenige Tage
nachher, innerhalb welcher er das zur Erbauung einer Zelle nochwendige Material herbeischaffte,
den Ort und erbaute sich nach seiner Rückkehr unter sehr großen Anstrengungen eine andere
Zelle. Als kurz darauf wieder andere Brüder dahin kamen und ebenfalls den Wunsch äusserten,
dort zu wohnen, fing er sie durch eine von der Liebe eingegebene Lüge und übergab ihnen diese
Zelle mit allen Geräthschaften. Er selbst aber, in Werken der Liebe unermüdlich ausdauernd,
erbaute sich eine dritte Zelle, um darin zu wohnen.

38. Archebius bezahlt mit seiner Hände Arbeit die Schuld seiner Mutter.
Es lohnt sich wohl der Mühe, auch ein anderes Liebeswerk dieses Mannes aufzuzeichnen, an
welchem die Mönche unseres Landes nicht bloß die Strenge der Enthaltsamkeit, sondern auch die
aufrichtigste Liebe durch das Beispiel eines und desselben Mannes beobachten lernen sollen.
Obwohl nämlich Archebius aus einer edlen Familie stammte, verachtete er doch die Neigung zu
dieser Welt und floh schon in seinem Knabenalter in das Kloster, welches von Diolkus ungefähr
vier Stunden entfernt ist. Während der vollen fünfzig Jahre, die er dort lebte, betrat er nicht bloß
nicht sein Geburtsdorf, sondern erblickte nicht einmal das Antlitz einer Frau, selbst nicht das
seiner Mutter. Unterdessen wurde sein Vater vom Tode ereilt und hinterließ eine Schuld von

58
hundert Silberlingen. Obwohl er nun jeder Beunruhigung überhoben war, weil er auf das ganze
väterliche Vermögen verzichtet hatte, erfuhr er doch, daß seine Mutter von ihren Gläubigern arg
gedrängt werde. Nun milderte er aus Kindesliebe jene evangelische Strenge, mit der er so lange
seine Eltern noch in günstigen Verhältnissen lebten,<s 130>sich so betrug, als habe er weder
Vater noch Mutter gehabt. Jetzt gedachte er wieder seiner Mutter und beeilte sich, in ihrer
Bedrängniß ihr beizustehen: dabei wich er jedoch von der Strenge, die er sich zum Ziele gesetzt,
in Nichts ab. Er hielt sich nämlich im Kloster eingeschlossen und bat, daß man die ihm
angewiesene Handarbeit verdreifachen möge. Hier mühte er sich ein ganzes Jahr Tag und Nacht
unter Schweiß ab und bezahlte mit dem durch seine mühsame Arbeit erworbenen Gelde den
Betrag der Schuld an die Gläubiger und befreite so seine Mutter von jeder ungerechten
Beunruhigung. Also befreite er die Mutter von der Schuldenlast, ohne daß er an der Strenge
seiner Lebensweise mit Rücksicht auf die Noth seiner Mutter die geringste Verminderung
duldete, und behielt die gewohnte strenge Lebensweise bei, ohne jedoch das Werk der
Kindesliebe seiner Mutter zu versagen und um aus Liebe zu Christus Die wieder anzuerkennen,
die er um seiner Liebe willen früher unbeachtet gelassen hatte.

39. Durch welchen Vorwand ein Greis dem Bruder Simeon. als er Nichts zu thun wußte,
Handarbeit verschaffte.
Als ein mir sehr theurer Bruder, Namens Simeon, der griechischen Sprache ganz unkundig, aus
Italien gekommen war, wollte ein Vorsteher an ihm, als einem Fremden, ein Liebeswerk gegen
irgend eine scheinbare Wiedervergeltung üben, fragte ihn daher, warum er müßig in seiner Zelle
sitze, und machte ihm klar, daß er sowohl wegen seines müßigen Herumschweifens als wegen
Mangels am Notwendigen nicht länger in derselben verweilen könne. Denn er sei der festen
Ueberzeugung. daß nur Derjenige die Anfechtungen der Einsamkeit aushalten könne, der sich
herbeiläßt, seinen Lebensunterhalt mit eigenen Händen zu erwerben. Jener antwortete, er wisse
Nichts und verstehe keine von den bei den Brüdern üblichen Arbeiten ausser dem
Bücherabschreiben. Wenn daher in Aegypten Jemand einen lateinischen Kodex<s 131>nöthig
haben sollte, dachte der Vorsteher, dann habe er eine Gelegenheit gefunden, das von ihm
gewünschte Liebeswerk (nämlich der Aufnahme und Verpflegung des Bruders Simeon)
gleichsam durch eine Art scheinbare Wiedervergeltung zu erkaufen. Durch Gottes Fügung, sagte
er hierauf, ist diese Gelegenheit gefunden. Denn ich suchte Jemanden, der mir den Apostel
(Paulus) in lateinischer Sprache abschreiben könnte. Ich habe nämlich einen in die Schlingen des
Kriegsdienstes verwickelten und des Lateinischen vorzüglich mächtigen Bruder, dem ich Etwas
aus der heiligen Schrift zum Lesen und zu seiner Erbauung überschicken möchte. So nahm
Simeon diese Gelegenheit, wie von Gott ihm geboten, dankbar an; aber auch der Greis ging auf
diesen Vorschlag, unter dessen Vorwand er ein Liebeswerk ungehindert ausüben konnte, noch
lieber ein und reichte ihm nicht nur Alles, was er das ganze Jahr hindurch bedurfte, als Lohn für
seine Arbeit, sondern brachte ihm auch Pergament und sonstige Schreibmaterialien und empfing
zuletzt den Kodex. Dieser war jedoch bei der gänzlichen Unkenntniß des Lateinischen in
Ägypten zu keinem anderen Zwecke geschrieben und sollte keinen anderen Nutzen haben, als
daß er durch diesen feinen Kunstgriff und mit größeren Kosten angekauft wurde. Ausserdem
erhielt Simeon, ohne sich schämen zu müssen, für das Verdienst seiner Mühe und Arbeit seinen
notwendigen Lebensunterhalt, und der Vorsteher konnte seine liebevolle Freigebigkeit, wie zur
Abtragung einer Schuld, bethätigen. Dabei nahm er einen um so reicheren Lohn für sich in
Anspruch, in je größerem Umfange er dem fremden Bruder nicht nur den notwendigen
Lebensunterhalt, sondern auch die Werkzeuge sowie die Gelegenheit zur Arbeit verschafft hatte.

40. Knaben, welche einem entfernten Kranken Feigen bringen sollten, wollten lieber in der
Wüste verhungern, als dieselben genießen.
Weil an der Stelle, wo ich von der Strenge des Fastens <s 132>und der Enthaltsamkeit Etwas zu
sagen mir vorgenommen habe, Gesinnungen und Werke der Liebe eingestreut erscheinen, will

59
ich wieder zu meinem vorgesteckten Ziele zurückkehren und in dieses Werk eine merkwürdige
That einflechten, verrichtet von Solchen, die zwar dem Alter, doch nicht der Gesinnung nach
Knaben waren. Zur größten allgemeinen Verwunderung hatte einst Jemand Feigen aus dem
mareotischen Libyen dem Hausmeister in der scythischen Wüste gebracht, welcher die
Verwaltung des Klosters von dem seligen Priester Paphnutius überkommen hatte und sie noch zu
dessen Lebzeiten in Händen hatte. Dieser schickte die Feigen durch zwei Knaben sofort zu einem
Greis, der im Innern der Wüste an einer bösartigen Krankheit litt. Der Kranke aber wohnte
achtzehn Meilen weit von dem Kloster entfernt. Die Knaben nahmen das Obst in Empfang und
gingen auf die Zelle des Alten zu; plötzlich jedoch entsteht ein dichter Nebel, und sie verlieren
den rechten Weg. was dort sehr leicht auch älteren Leuten zu begegnen pflegt. Den ganzen Tag
und die ganze Nacht laufen sie in der weiten unwegsamen Wüste umher und können des Kranken
Zelle nicht finden. Von der Ermüdung des Weges, wie von Hunger und Durst erschöpft fallen sie
auf die Kniee nieder und geben betend dem Herrn ihre Seele zurück. Später verfolgte man lange
und genau ihre Spuren., die in jenen Sandgegenden wie in Schnee gedrückt erscheinen, bis der
schon bei leisem Windeshauch zerstiebende feine Sand sie wieder bedeckt. Da fand man, daß sie
die Feigen unberührt, wie sie dieselben empfangen, aufbewahrt hatten; denn sie wollten lieber ihr
Leben als das ihnen anvertraute Gut preisgeben und lieber das zeitliche Leben verlieren, als des
Vorstehers Gebot verletzen.

41. Nach des Abtes Makarius Ausspruch soll der Mönch die Enthaltsamkeit üben, möge er
nun ein langes Leben oder jeden Tag den Tod vor sich zu haben glauben.
Noch ein Gebot des seligen Makarius sei hier erwähnt, <s 133>und möge der Ausspruch eines so
großen Mannes das Buch über Fasten und Enthaltsamkeit schließen. „So,“ sprach er. „muß der
Mönch der Fasten sich befleissen. als ob er hundert Jahre im Leibe verweilen würde; so muß er
die Gemüthsbewegungen zügeln, die Beleidigungen vergessen, die Traurigkeit und Schmerzen
verachten und die Verluste gering schätzen, als ob er jeden Tag sterben würde. Denn im ersten
Falle leitet den Mönch eine nützliche und kluge Einsicht, die ihn immer in gleichmäßiger Strenge
wandeln läßt und bei keiner Gelegenheit der Schwäche des Körpers erlaubt, ihn von dem
höchsten Gipfel der Tugend in den tiefsten Abgrund der verderblichsten Laster zu stürzen. Im
zweiten Falle aber beseelt ihn eine heilsame Großmuth, welche nicht nur das scheinbare Glück
dieser Welt zu verachten vermag, sondern auch durch Unglück und Mißgeschick nicht gebeugt
werden kann, es vielmehr für klein und nichtig erachtet und stets dahin den geistigen Blick
gerichtet hält, wohin man jeden Tag und jeden Augenblick glaubt abberufen werden zu können.

Sechstes Buch: Von dem Geiste der Unreinheit.


1.
<s 134>Den zweiten Kampf haben wir nach der Überlieferung der Väter gegen den Geist der
Unreinheit zu bestehen, - einen Kampf, länger als die übrigen und täglich entbrennend und nur
von Wenigen vollkommen gewonnen, einen überaus großen Krieg, der schon mit den ersten
Jahren der Jugendreife das Menschengeschlecht anzugreifen beginnt und nicht eher erlischt, als
bis die übrigen Laster überwunden sind. Denn ein zweifacher Angriff ist es, der, mit einem
doppelten Laster bewaffnet, sich zum Streite erhebt, weßhalb man ihm auch auf ähnliche Weise
mit einer zweifachen Schlachtlinie Widerstand leisten muß. Wie nämlich nach überstandener
Krankheit Leib und Seele in ihrer gegenseitigen Verbindung wieder Kräfte erlangen, so kann nur,
wenn beide zusammen kämpfen, dieser Streit ausgefochten werden. Denn nicht das körperliche
Fasten allein genügt, um die Reinheit vollkommener Keuschheit zu erwerben oder zu besitzen,
wenn nicht Zerknirschung des Herzens und beharrliches Gebet gegen diesen unreinen Gesit,
verbunden mit Betrachtung der heiligen Schrift und göttlicher <s 135>Wissenschaft, sowie
Handarbeit vorausgeht, welche die unstäten Zerstreuungen zügelt und zur Pflicht ruft, und wenn

60
nicht vor Allem der feste Grund wahrer Demuth gelegt ist, ohne welche man über gar keine
Sünde jemals einen Triumph erringen kann.

2. Von dem Hauptmittel gegen den Geist der Unkeuschheit.


Im Grunde genommen geht die Besserung bezüglich dieses Lasters aus von der Vollkommenheit
des Herzens, aus welchem auch nach dem Worte des Herrn das Gift dieser Krankheit entspringt.
„Aus dem Herzen heraus gehen,“ sagt er103 „böse Anschläge, Mordthaten, Ehebrüche,
Buhlschaften, Diebstähle, falsche Zeugnisse u. s. w.“ Das also muß zuerst von Sünden gereinigt
werden, was man als die Quelle des Todes erkennt, nach dem Ausspruche Salomons:104 „Mit
aller Vorsicht bewahre dein Herz, denn aus ihm geht das Leben hervor.“ Denn das Fleisch dient
seinem (des Herzens) Willen und Befehl. Man muß deßhalb mit dem größten Eifer auf strenges
Fasten bedacht sein, damit nicht das Fleisch, bis zum Ueberflusse mit Speisen angefüllt, den
heilsamen Vorschriften des Geistes zuwiderhandle und die Seele, seine Lenkerin, voll Uebermuth
zum Falle bringe. Wenn wir übrigens unsere ganze Sorge nur auf die Züchtigung des Leibes
verwenden, ohne daß die Seele in ähnlicher Weise, wie der Leib der Speisen, so der übrigen
Fehler sich enthält, und ohne daß sie mit der Betrachtung göttlicher Dinge und mit geistlichen
Übungen beschäftigt ist, so werden wir nimmer zu jenem erhabenen Gipfel der wahren und
vollkommenen Reinheit emporzusteigen vermögen; denn gerade der vorzüglichere Theil unseres
Wesens feindet die Reinheit unseres Leibes an. Wir müssen daher nach dem Worte<s 136> des
Herrn die Innenseite des Bechers und der Schüssel zu reinigen suchen, damit auch die
Aussenseite rein werde.

3. Einfluß der Einsamkeit auf die Überwindung des Lasters der Unreinheit.
Die übrigen Fehler werden gewöhnlich schon durch den Umgang mit Andern und die tägliche
Gewohnheit getilgt und gewissermaßen durch das Hervortreten des Falles selbst geheilt. So wird
die Krankheit des Zornes, der Traurigkeit, der Ungeduld durch die innere Betrachtung und
rastlose Wachsamkeit, auch durch häufigen Umgang mit den Brüdern und beständige
Herausforderung zum Kampfe mit denselben geheilt. Und je öfter diese Regungen sich zeigen,
und je häufiger sie getadelt werden, um so eher stellt sie ihre Heilung ein. Diese Krankheit aber
bedarf neben der Züchtigung des Leibes und der Zerknirschung des Herzens auch der Einsamkeit
und Zurückgezogenheit, um nach Beseitigung der verderblichen Fieberhitze zum vollkommenen
Gesundheitszustande gelangen zu können. Wie es für Leute, die an einer bestimmten Krankheit
leiden, nützlich ist, schädliche Speisen sogar von ihrem Auge fern zu halten, damit nicht beim
Anblicke derselben in ihnen ein todesgefährliches Verlangen nach denselben entstehe, so trägt
zur Vertreibung dieser besonderen Krankheit sehr viel die Ruhe und Einsamkeit bei. Denn hier
wird der kranke Geist nicht durch verschiedenartige Eindrücke gestört und kann zu einem
reineren Blicke der Beschaulichkeit gelangen und den verderblichen Zündstoff der bösen Lust
leichter ersticken.

4. Welcher Unterschied ist zwischen der Keuschheit und Enthaltsamkeit, und ist man stets
im Besitze von beiden?
Indessen komme Niemand auf den Gedanken, wir wollten in Abrede stellen, daß auch die in
Gemeinschaft lebenden Brüder als enthaltsam befunden werden könnten. Dieß<s 137>räumen
wir sehr gerne ein. Denn etwas Anderes ist es, enthaltsam, d. i. εγκρατής, etwas Anderes, keusch
zu sein und, um mich so auszudrücken, sich in eine unversehrte und unverdorbene Gesinnung zu
versetzen, was man mit αγνός bezeichnet. Diese Tugend wird meistens nur Jenen zugeschrieben,

103
Matth. 15, 19.
104
Sprichw. 4, 23.

61
die der Gesinnung wie dem Fleische nach jungfräulich sind, wie es beide Johannes im neuen
Testament und im alten Elias, Jeremias und Daniel bekanntlich gewesen sind. Auf gleiche Stufe
mit ihnen werden nicht mit Unrecht auch Jene gestellt, die wohl ihre Jungfräulichkeit eingebüßt,
jedoch zu einem ähnlichen Stande der Reinheit vermittelst rastloser Mühe und Anstrengung
durch die Reinheit ihres Leibes und ihrer Seele gelangt sind und den Stachel ihres Fleisches nicht
so sehr durch die Bekämpfung der schändlichen Lust, als nur durch die natürliche Regung fühlen.
Dieser Stand, sage ich, wird am schwersten von den gewöhnlichen Menschen begriffen. Ob er
aber auch unmöglich sei, das erwarte Niemand aus meinen Worten entnehmen zu können,
sondern erforsche es aus der Prüfung seines eigenen Gewissens. Uebrigens gibt es zweifelsohne
viele Enthaltsame, welche die Anfechtung des Fleisches theils selten, theils täglich auszuhalten
haben, sie aber dennoch, sei es durch Furcht vor der Hölle, sei es aus Verlangen nach dem
Himmel unterdrücken und bezwingen. Solche Leute, sagen die Oberen, könnten wohl von den
Lockungen des Lasters nicht ganz gefangen werden, vermöchten jedoch nicht immer
unverwundbar und sicher dazustehen. Denn es muß ein Jeder, der im Kampfe steht, so oft er auch
seinen Gegner besiegt und überwindet, doch auch einmal in's Gedränge kommen.

5. Die Versuchung zur Unkeuschheit kann nicht durch menschliche Anstrengung allein
überwunden werden.
Wohl müssen wir darauf bedacht sein, einen geistigen Kampf, wie der Apostel, rechtmäßig zu
kämpfen, um diesen <s 138>unreinen Geist mit aller geistigen Anstrengung zu überwinden;
jedoch nicht im Vertrauen auf unsere Kraft (denn das vermag menschlicher Eifer nicht zu
vollbringen), sondern gestützt auf Gottes Hilfe müssen wir zu diesem Kampfe eilen. Denn so
lange muß von diesem Laster unsere Seele angefochten werden, bis sie sich bewußt wird, daß sie
über ihre Kräfte hinaus Krieg führt, und daß sie durch eigene Mühe und Anstrengung den Sieg zu
erringen nicht im Stande ist, wenn sie nicht durch des Herrn Hilfe und Schutz gestützt wird.

6. Zur Erlangung der Keuschheit ist eine besondere Gnade Gottes nothwendig.
Zwar ist in Wirklichkeit zu jedem Fortschritt in der Tugend und zur Belämpfung aller Laster die
siegreiche Gnade des Herrn erforderlich; aber gerade in diesem Punkte ist eine eigene Gabe
Gottes und ein besonderes Gnadengeschenk nothwendig. Dieß geht sowohl aus dem, was man bei
seiner Rechtfertigung selbst erfahren, als auch aus dem Zeugnisse der Väter ganz deutlich hervor,
welche diese Tugend zu besitzen verdienten. Denn wie es gewissermaßen in der Natur des
Fleisches liegt, daß Der, welcher einen Leib bewohnt, denselben wieder verläßt, ebenso
übernatürlich ist es, daß ein mit einem gebrechlichen Leibe Umkleideter den Stachel des
Fleisches nicht fühle. Und gerade deßhalb ist es dem Menschen unmöglich, so zu sagen, auf
seinen eigenen Fittigen zu einem so erhabenen, himmlischen Lohne emporzufliegen, wenn ihn
nicht die Gnade des Herrn von dem Schmutze der Erde durch die Gabe der Keuschheit
emporhebt. Denn durch keine Tugend werden die fleischlichen Menschen den englischen
Geistern in ihrem Wandel im eigentlichen Sinne ähnlich, als durch das Verdienst und die Gnade
der Reinheit, durch welche sie, noch auf Erden weilend, nach dem Apostel105 <s 139>ihre
Wohnung im Himmel haben. Was den Heiligen nach Ablegung dieser fleischlichen Verderbniß
für das Jenseits versprochen wird, das besitzen sie schon hier in gebrechlichem Fleische.

7. Ein nach dem Apostel dem weltlichen Kampfe entlehntes Gleichniß.

Höre, was der Apostel106 sagt: „Jeder, der im Kampfe streitet, enthält sich von Allem!“ Was er
unter diesem „von Allem“ versteht, das wollen wir zu ermitteln suchen, damit wir vermittelst

105
Phil. 3, 20.
106
I. Kor. 9, 25.

62
Vergleichung mit dem weltlichen Kampfe uns eine Kenntniß von dem geistigen zu verschaffen
vermögen. Jene nämlich, die in diesem sichtbaren Kampfe rechtmäßig streiten wollen, dürfen
nicht alle Speisen genießen, nach denen sie gerade Lust haben, sondern nur solche, welche die
betreffende Kampfesordnung vorschreibt. Nicht nur verbotener Speisen, jeglicher Trinkgelage
und Schmausereien müssen sich die Kämpfer enthalten, sondern auch aller Unthätigkeit, Trägheit
und alles Müßiggangs, so daß durch tägliche Uebung und beständiges Nachsinnen ihre Kraft
wachsen kann. Auch von aller Sorge. Bekümmerniß, Traurigkeit und weltlichen Geschäften und
ebenso von jeder Empfindung und Handlung, welche die Ehe betrifft, halten sie sich dergestalt
fern, daß ausser der Einübung des Kampfes sie mit Nichts bekannt sich machen und sich in gar
keine weltlichen Sorgen verwickeln. Denn nur von dem Kampfesrichter hoffen sie ihren
täglichen Lebensunterhalt sowie die Ehrenkrone und eine der Ehre des Sieges angemessene
Belohnung. Ja, so sehr bewahren sie sich vor jeder Befleckung des Beischlafes, daß sie bei den
Vorbereitungen zum Kampfe, ans Furcht, sie möchten vielleicht, durch trügerische Traumbilder
getäuscht, die in langer Zeit erworbenen Kräfte schwächen, mit Bleiplatten die Nierenstellen
bedecken, weil sie durch die Härte dieses auf<s 140> die Zeugungsglieder wirkenden Metalls den
Samen einhalten können. Denn sie sehen ein, daß sie ohne Zweifel besiegt werden müssen und
nicht den bevorstehenden Wettstreit gewinnen können, wenn ihre Kräfte dadurch geschwunden
sind, daß das trügerische Bild der schädlichen Wollust die durch Bewahrung der Schamhaftigkeit
erworbene Festigkeit untergraben hat.

8. Die Keuschheit, verglichen mit der Reinigung Jener, die einen irdischen Kampf antreten
wollen.
Wenn wir nun die beim weltlichen Kampfe eingehaltene Ordnung kennen gelernt haben, durch
welchen wie durch ein Beispiel der selige Apostel uns belehren wollte, indem er zeigte, welche
Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Wachsamkeit bei demselben herrscht: was wird uns zu thun
zukommen, mit welcher Reinheit werden wir die Keuschheit unseres Leibes und unserer Seele
hüten müssen, die wir täglich das hochheilige Fleisch des Lammes genießen sollen, das kein
Unreiner nach der Vorschrift des Gesetzes auch nur berühren darf! Im Levitikus nämlich wird
das Gebot gegeben: „Jeder, der rein ist, esse Fleisch, und jede Seele, in der Unreinheit ist, und die
doch von dem Fleische des Friedopfers ißt, das dem Herrn gehört, wird zu Grunde gehen vor dem
Herrn.“107 Ein wie großes Erforderniß ist also die Reinheit, ohne welche sogar Jene, die unter
dem Gesetze des alten Bundes standen, an den vorbildlichen Opfern nicht Theil nehmen konnten;
wer daher die vergängliche Krone dieser Welt erringen will, kann nicht gekrönt werden.

9. Welch' großer Herzensreinheit wir uns stets in den Augen Gottes befleissen müssen.

<s 141>Wir müssen daher mit aller Wachsamkeit alle Falten unseres Herzens gründlich von
jeglicher Sünde reinigen. Denn was jene Streiter im irdischen Kampfe durch die Reinheit des
Leibes zu erreichen streben, das müssen wir auch im Innern unsers Gewissens besitzen, in
welchem der Herr als Richter und Preisvertheiler thront und immerdar auf unsern Wettlauf und
Wettkampf schaut. Nur dann werden wir verhüten können, daß Das. was wir im Aeusserlichen
verabscheuen, innerlich durch einen unvorsichtigen Gedanken erstarke und durch geheime
Einwilligung in solche Versuchungen uns beflecke, die, wenn sie zur Kenntniß der Menschen
gelangten, uns beschämen würden. Kann auch diese geheime Einwilligung der Kenntniß der
Menschen entgehen, dem Wissen der heiligen Engel und des allmächtigen Gottes selbst, dem
keine Geheimnisse sich entziehen, wird sie nicht verborgen bleiben können.

10. Kennzeichen einer vollkommenen und unverletzten Reinheit.

107
Levit. (III. Mos.) 7. 20 nach der griechischen Bibelübersetzung Septuaginta. Wenig davon verschieden ist der Text der Vulgata: „Wer
verunreinigt ist und von dem Fleische eines Friedopfers ißt, welches dem Herrn dargebracht wurde, werde vertilgt aus seinem Volke.“

63
Das wird das untrügliche Kennzeichen und der vollständige Beweis dieser Keuschheit sein, wenn
uns während der Ruhe und des Schlafes kein Trugbild vor die Seele tritt oder, falls uns dennoch
ein solches stört, es wenigstens nicht die Regungen der Wollust zu wecken vermag. Wenn auch
eine solche Regung keineswegs für eine volle Sünde gilt, so ist es doch das Zeichen eines noch
nicht vollkommenen Geistes und eines noch nicht ganz ausgerotteten Fehlers, solange durch
derartige Trugbilder die Täuschung thätig ist.

11. Ursache der nächtlichen Beunruhigung.


Die Beschaffenheit der Gedanken, welche wegen der <s 142>Zerstreuungen am Tage nicht
sorgfältig genug bewacht werden, zeigt sich in der Nachtruhe. Wenn daher eine derartige
Vorspiegelung eintritt, muß man sie nicht dem Schlafe zur Last legen, sondern der
Unachtsamkeit in der vorausgegangenen Zeit; man muß sie für das Kennzeichen einer im Inneren
verborgenen Krankheit halten, welche die Stunde der Nacht nicht erst geboren, sondern aus der
Verborgenheit in den innersten Fasern der Seele durch die Erquickung des Schlafes an die
Oberfläche hervorgezogen hat. So bringt sie die verborgene Fieberhitze an den Tag, die wir, den
ganzen Tag hindurch mit schädlichen Gedanken uns nährend, in uns gesammelt haben, wie auch
der Stoff zu körperlichen Krankheiten gewöhnlich nicht zu der Zeit sich sammelt, in welcher man
dieselben auftauchen sieht, sondern durch die Unachtsamkeit früherer Zeiten zugezogen ist, in
welchen man durch unvorsichtigen Genuß ungesunder Speisen schädliche und tödtliche Säfte in
sich aufgenommen hat.

12. Die Reinheit des Fleisches kann ohne die Reinheit des Herzens nicht erreicht werden.
Gott, der Schöpfer und Urheber des Menschengeschlechtes, kannte vor Allen die Natur seines
Werkes sowie die Art und Weise seiner Verbesserung und war deßhalb auf die Heilung jenes
Gegenstandes bedacht, den er als die Hauptquelle der Krankheit erkannte. „Wer immer“, sagt
er108 „ein Weib anschaut, um sie zu begehren, hat im Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen.“
Indem der Heiland die vorwitzigen Augen tadelte, hat er nicht so sehr <em>sie</em> angeklagt,
als jenen <em>inneren</em> Sinn, der ihre Sehkraft mißbraucht. Denn das <em>Herz</em> ist
krank und vom Pfeile der Wollust verwundet, das schaut, um Verbotenes zu begehren. Die
Wohlthat des Sehens, die der Schöpfer dem Auge in rechter Weise <s 143>verliehen, mißbraucht
das Herz in seiner Verdorbenheit zur Ausführung böser Werke und weckt die in sich
schlummernde Krankheit der Wollust durch das Anschauen. Deßhalb ergeht das heilsame Gebot
an das Herz, aus dessen Verdorbenheit die gar schlimme Krankheit bei dem verbotenen Blicke
hervorgeht. Denn nicht heißt es: „Mit aller Wachsamkeit bewahre deine Augen,“ die man gewiß
zu allererst bewachen müßte, wenn aus ihnen die Wollust hervorginge und sie nicht der Seele nur
den einfachen Dienst des Sehens leisteten, sondern es heißt:109 „Mit aller Wachsamkeit bewahre
dein Herz!“ Darum wird ihm das Heilmittel verordnet, weil es überall den Dienst der Augen
mißbrauchen kann.

13. Gleich bei ihrer ersten Regung müssen die fleischlichen Gedanken zurückgewiesen
werden.
Wenn der Teufel unsere Gedanken auf das weibliche Geschlecht gelenkt hat, indem er in schlauer
Weise uns zunächst unsere Mutter, Schwester, Verwandten oder andere fromme Personen vor die
Seele führt, so muß es unsere vorzügliche Sorge sein, diese Gedanken aus dem Sinne zu
schlagen. Denn wenn wir uns länger bei solchen Gedanken aufhalten, möchte durch die einmal in

108
Matth. 5, 28.
109
Sprichw. 4, 23.

64
den Geist aufgenommene Vorstellung von dem weiblichen Geschlechte der Verführer alsdann
den Geist zu solchen Personen, durch die er die schädlichen Gedanken einflößen kann, geschickt
hindrängen und ihn zum Falle bringen. Deßhalb müssen wir stets des Gebotes eingedenk sein:110
„Mit aller Wachsamkeit bewahre dein Herz,“ und nach Gottes erstem Gebote emsig auf das
verderbliche Haupt der Schlange, d. h. auf den Anfang der bösen Gedanken Acht haben, durch
die der Teufel sich in unsere Seele einzuschleichen versucht. Wenn nämlich der Kopf der
Schlange in Folge unserer Nachläßigteit in unser <s 144>Herz eingedrungen ist, dann könnte
leicht auch ihr übriger Leib d. i. die Zustimmung zur bösen Lust hereinfallen. Ist nämlich der
Kopf einmal hereingelassen, so wird er unfehlbar den gefangenen Geist mit giftigem Bisse
tödten. Wir müssen auch die auf unserm Felde aufsprossenden Sünden, nämlich unsere
fleischlichen Gesinnungen und Gefühle am Morgen ihrer Geburt vernichten und die Söhne
Babylons, so lange sie noch klein sind, am Felsen zerschmettern.111 Wenn sie nicht gleichsam in
ihrer zarten Kindheit getödtet werden, werden sie heranwachsen und mit größerer Stärke sich zu
unserm Verderben erheben oder sicher nicht ohne große Betrübniß und Anstrengung besiegt
werden. Denn so lang unser Geist, stark und mit Waffen gerüstet, sein Haus bewacht112 und die
Winkel seines Herzens mit der Furcht Gottes verschließt, wird seine ganze Habe, die Erfolge
feiner Anstrengungen und die während langer Zeit erworbenen Tugenden in Frieden sein.113
Wenn aber der Stärkere kommt und ihn besiegt,114 d. h. der Feind in Folge der Einwilligung in
die bösen Gedanken ihn überwindet, wird er ihm die Waffen abnehmen, auf die er sein Vertrauen
setzte, nämlich die Erinnerung an die beiligen Schriften und die Furcht Gottes, und wird seine
Rüstung vertheilen, indem er die Verdienste seiner Tugend unter die entgegengesetzlen Laster
zerstreut.

14. Wir sollen nicht so sehr einen Ruhmeskranz der Keuschheit zu flechten, als dieselbe
wirklich an uns darzustellen streben.
Da es nicht meine Aufgabe ist, einen Ruhmeskranz der <s 145>Keuschheit zu flechten, sondern
über ihr Wesen und die Art und Weise, wie man sie erlangt und bewahrt, sowie über ihren Zweck
nach den Überlieferungen der Väter mich auszusprechen: so übergehe ich alle Lobsprüche, die
über diese Tugend in die beiligen Schriften verwoben sind. Doch kann ich nicht jene Stelle des
heiligen Apostels Paulus unerwähnt lassen, aus welcher erhellt, wie er sie allen Tugenden
voranstellt, indem er sie im Briefe an die Thessalonicher mit so edlen und erhabenen Worten
empfiehlt.

15. Die Tugend der Reinheit wird vom Apostel in besonderem Sinne Heiligkeit genannt.

„Das ist der Wille Gottes.“ sagt der Apostel.115 „eure Heiligung.“ Und um uns nicht im Zweifel
und Unklaren zu lassen, was er denn unter Heiligung verstanden wissen wolle, ob Gerechtigkeit
oder Liebe, ob Demuth oder Geduld (denn durch alle die Tugenden erlangt man nach dem
Glauben Heiligung), sagt und bezeichnet er es deutlich, was er eigentlich unter Heiligkeit
verstehe. Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung: „daß ihr euch enthaltet,“ fährt er fort, „von
Unzucht, daß ein Jeder von euch wisse sein Gefäß (seinen Leib) unbefleckt und in Ehren zu
erhalten, nicht in der Lüste Trieb, wie die Heiden, welche Gott nicht kennen.“ Sieh', mit welchen
Lobsprüchen er die Keuschheit ehrt: „Ehre des Gefäßes“ d. h. unseres Leibes und „Heiligung“

110
Sprichw. 4, 23.
111
Anspielung auf den Racheruf Israels gegen Babylon in dem wahrscheinlich von Jeremias verfaßten Psalm 136 (V. 8 und 9): „Tochter Babylon,
unselige! Wohl ihm, der dir entgelten wird deinen Enlgelt. den du entgelten ließest uns! Wohl ihm, der fasset und hinschmettert deine Kleinen an
den Fels!“
112
Luk. 11, 21.
113
Luk. 11, 22.
114
Luk. 11, 23 f.
115
I. Thess. 4, 3.

65
nennt er sie! Wer demnach umgekehrt in leidenschaftlicher Begierde sich befindet, ist in
Schmach und Unreinheit und wandelt ferne von der Heiligkeit. Kurz darauf116 führt er sie zum
dritten Male an und nennt sie wieder Heiligkeit: „Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit,
sondern zur Heiligkeit. Wer daher Dieß verachtet, verachtet nicht einen Menschen, sondern Gott,
der auch seinen heiligen Geist in uns gegeben hat.“ Mit seinem Gebot verbindet der Apostel <s
146>eine unverletzliche Autorität, indem er sagt: „Wer Dieses verachtet.“ d. h. was ich eben von
der Heiligkeit gesagt habe, „verachtet nicht einen Menschen.“ d. h. mich, der ich dieses Gebot
gebe, „sondern Gott,“ der in mir redet: denn er hat seinem heiligen Geiste unser Herz zur
Wohnung bestimmt. Du siehst also aus diesen einfachen und nackten Worten, mit welchen
Lobsprüchen der Apostel die Keuschheit gepriesen hat. Denn erstens setzt er in diese Tugend die
Heiligkeit; zweitens sagt er, durch sie müsse das Gefäß unseres Leibes von Unreinheit befreit
werden; drittens lehrt er (und das ist ihr größtes und vollkommenstes Lob und ihr seligster Lohn),
daß durch sie der heilige Geist seine Wohnung in unsern Herzen aufschlagen werde.

16. Ein anderes Zeugniß des Apostels über die Heiligkeit.


Obwohl ich zum Ende dieses Buches eile, will ich doch zuvor noch ein anderes, diesem ähnliches
Zeugniß des Apostels anführen. Im Briefe an die Hebräer117 sagt er nämlich: „Strebet nach
Frieden mit Allen und nach Heiligkeit, ohne welche Niemand Gott schauen wird.“ Auch hier
spricht er es offen aus, daß ohne Heiligkeit, unter welcher er gewöhnlich Reinheit des Leibes und
der Seele versteht, Gott nimmer geschaut werden könne. Denn um denselben Sinn hineinzulegen,
fügt er bei: „Keiner sei ein Unzüchtiger oder Unheiliger wie Esau.“

17. Die Hoffnung auf einen erhabenen Lohn muß die Wachsamkeit für die Keuschheit
vermehren.
Je erhabener nun und himmlischer der Lohn der Keuschheit ist. mit um so heftigeren
Nachstellungen wird sie von <s 147>ihren Feinden verfolgt. Deßhalb müssen wir um so eifriger
nicht nur der Enthaltsamkeit des Leibes, sondern auch der Zerknirschung des Herzens unter
beharrlichem und inbrünstigem Gebete uns befleissen. damit der Feuerofen unseres Fleisches,
den der König von Babylon (d. i. der Teufel) durch die Lockungen und Reizungen des Fleisches
fortwährend anfacht, durch den Thau des beiligen Geistes, der in unsere Herzen herniedersteigt,
ausgelöscht werde.118

18. Die Grundlage der Keuschheit ist Demuth, Grundlage der Wissenschaft aber
Keuschheit.
Wie man nach der Lehre der Väter die Tugend der Reinheit nicht erlangen kann, wenn nicht
zuvor im Herzen das Fundament der Demuth gelegt ist, so kann man nach ihrer Ansicht auch
nicht zur Quelle wahrer Wissenschaft gelangen, so lange die Wurzel des Lasters der Unreinheit in
unserer Seele haftet. Man könne wohl, sagen sie, die Keuschheit ohne die Gabe der Wissenschaft
antreffen, unmöglich aber könne man die geistige Wissenschaft ohne die Heiligkeit der
Keuschheit besitzen. Denn es gibt verschiedene Gaben, und nicht Allen wird dieselbe Gabe des
heiligen Geistes mitgetbeilt, sondern eben jene, für welche man durch Eifer und Anstrengung
sich würdig und tauglich erwiesen hat. Wohl besaßen endlich, wie man annehmen kann, alle
Apostel die Tugend vollkommener Reinheit; aber die Gabe der Wissenschaft in ganz besonders
reicher Fülle besaß nur Paulus; denn er hat sich zu derselben durch strebsamen Eifer und Fleiß
vorbereitet und befähigt.

116
I. Thess. 4, 7.
117
Hebr. 12, 14.
118
Vergl. oben Buch 5 Kap. 14.

66
19. Ausspruch des heiligen Basilius über seine Jungfräulichkeit.
Bekannt ist der kurze Ausspruch des heiligen Basilius, <s 148>Bischofs von Cäsarea: „Ich
erkenne kein Weib und bin doch keine jungfräuliche Seele.“ In solchem Grade setzte er die
Keuschheit des Leibes nicht so sehr in die Enthaltung vom Weibe, als in die Reinheit des
Herzens, welche die Heiligkeit des Leibes aus Gottesfurcht und aus Liebe zur Keuschheit für
immer wahrhaft unversehrt bewahrt.

20. Woran man die vollkommene Reinheit des Herzens erkennt.


Das muß als die Vollendung und vollkommene Bewährung der Keuschheit gelten, wenn uns
während der Ruhe kein Reiz der Wollust berührt und die durch die Gesetze der Natur bedingten
Ausscheidungen unreiner Stoffe ohne unser Wissen vor sich gehen. Derartige unfreiwillige
Samenergießungen gänzlich und für immer zu beseitigen, geht zwar über die Natur hinaus; sie
jedoch auf das unvermeidlichste und seltenste Maß zu beschränken, so daß es Einen nur alle zwei
Monate anzuwandeln pflegt, verräth eine sehr hohe Tugend. Indessen möge Dieß nach meiner
eigenen Erfahrung gesagt sein, nicht nach der Meinung der Väter,119 welche auch die erwähnte
Zeitdauer noch für kurz halten; sonst könnte man glauben, wenn ich sie in der von ihnen
überlieferten Weise hätte angeben wollen, ich hätte vielleicht für die, welche in Folge ihrer
Nachläßigkeit oder aus Mangel an Eifer von solcher Reinigkeit noch wenig Erfahrung haben, gar
Unmögliches niederschreiben wollen.

21. Mittel zur Bewahrung des Standes vollkommener Reinheit.


Diesen Zustand werden wir beständig so beibehalten können, ohne jemals das natürliche Maß
noch die oben angegebene Zeit zu überschreiten, wenn wir von dem Gedanken <s 149>beseelt
sind, daß Gott nicht nur unsere verborgenen Handlungen, sondern auch alle unsere Gedanken bei
Tag und bei Nacht sieht und weiß; wenn uns der lebendige Glaube durchdringt, daß wir für Alles,
was in unsern Herzen vorgeht, gerade so, wie für unsere Handlungen und Worte, Rechenschaft
geben müssen.

22. Wie weit wir es in der Reinheit des Leibes bringen können, und woran man ein ganz
rein gewordenes Herz erkennen kann.

Dahin also müssen wir streben und so lange gegen die Leidenschaften und Lockungen des
Fleisches ankämpfen, bis dieser leibliche Vorgang nur eine Forderung der Natur befriedigt, ohne
auch die Lust zu wecken, und die überflüssigen Stoffe ohne die Empfindung irgend einer Lust,
ohne Schaden und ohne für die Keuschheit einen Kampf hervorzurufen, ausscheidet. So lange
übrigens der Geist im Schlafe noch von Traumbildern umgaukelt wird, kann er erkennen, daß er
noch nicht zur lauteren Vollkommenheit sündenloser Reinheit gelangt ist.

23. Mittel zur steten Bewahrung vollkommener Reinheit des Leibes und der Seele.
Damit nun solche Trugbilder im Schlafe sich bei uns nicht einzustellen vermögen, muß man stets
gleichmäßiges und vernünftiges Fasten beobachten. Denn wer das Maß der Strenge überschreitet,
ist auch das Maß der Abspannung zu überschreiten genöthigt. Diese Ungleichmäßigkeit, in der er
sich befindet, verdrängt ihn ohne Zweifel aua diesem ungetrübten Zustand der Ruhe. Bald fällt er
119
Vergl. die 22. Kollation.

67
zusammen vor allzu großer Leere, bald schwillt er an von allzu vielem Essen. Tritt nämlich eine
Aenderung in unserm Essen ein, so zieht sie nothwendig auch eine Veränderung in unserer
Reinheit nach sich. Ausserdem muß man beständige Demuth, und innere Geduld üben und sein
Augenmerk auf den Zorn <s 150>und die übrigen Leidenschaften gerichtet halten. Denn wo das
Gift der Wuth sitzt, dahin muß auch das Feuer der Wollust dringen. Vor Allem aber ist eine
wachsame Sorge während der Nacht notwendig. Denn wie die Reinheit und Wachsamkeit bei
Tage eine Vorbereitung auf die Reinheit bei Nacht ist, so verleihen im Voraus die Nachtwachen
dem Herzen sowie der Wachsamkeit am Tage eine gar feste und starke Stütze.

Siebentes Buch: Von dem Geiste der Habsucht.


1. Einleitung.
<s 151>Den dritten Karmpf haben wir gegen die Philargyrie zu bestehen, die wir Liebe zum
Gelde nennen können. Sie ist ein auswärtiger Feind und ausserhalb unserer Natur entbrennender
Streit, der im Mönche lediglich seinen Anfang nimmt mit der Feigheit eines verdorbenen und
hartnäckigen Sinnes und gewöhnlich mit einem schlechten und nur auf laue Gottesliebe
gegründeten Anfang der Bekehrung. Denn die Reize zu den übrigen Lastern sind der
menschlichen Natur eingepflanzt, und wir scheinen sie als etwas Angeborenes in uns zu haben;
gewissermaßen mit unserm Fleische verwachsen und beinahe so alt wie wir selbst gehen sie der
Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem voraus. Und wenn sie auch den Menschen zuerst in
Anspruch nehmen, werden sie doch durch lange Anstrengung besiegt.

2. Verderblichkeit der Habsucht.


Weil diese Krankheit erst später hereinbricht und von aussen an die Seele herantritt, kann man
sich um so leichter<s 152>vor ihr hüten und sie zurückweisen. Allein wenn man sie nicht
beachtet und einmal in das Herz eindringen läßt, so wird sie verderblicher als alle andern und ist
äusserst schwer zu vertreiben. Denn sie wird zur Wurzel alles Bösen und erzeugt reichen
Zündstoff zu Sünden.

3. Ihrer Natur nach sind die Leidenschaften uns nützlich.


So sehen wir zum Beispiel die einfachen Regungen des Fleisches nicht nur bei Knaben, in denen
noch die Unschuld der Erkenntniß des Guten und Bösen vorausgeht, sondern auch an Kindern
und Säuglingen. Obwohl sie nicht einmal den Anfang einer bösen Lust in sich tragen, zeigen sie
doch, daß die Regungen des Fleisches für sie zum natürlichen Reize da sind. Sehen wir nicht
ebenfalls den Stachel wilden Zornes schon im kleinen Knaben sich zeigen, und sehen wir sie
nicht, lange bevor sie die Tugend der Geduld kennen, bei Beleidigungen erregt? Und fehlt ihnen
auch bisweilen die Kraft, so doch nie der Wille zur Rache, wenn der Zorn sie dazu aufstachelt.
Nicht sage ich Dieß. als wollte ich der Natur die Schuld von diesem Zustande geben, sondern um
zu zeigen, daß diese Regungen, die in uns aufsteigen, theils zu unserm Nutzen in uns gelegt sind,
theils aber durch sündhafte Nachläßigkeit und bedachtsamen bösen Willen von aussen her in uns
einziehen. Denn die oben erwähnten fleischlichen Regungen sind zur Fortpflanzung des
Menschengeschlechts und zur Erweckung von Nachkommenschaft von Gottes Vorsehung in
unsern Leib gelegt, nicht aber zur Verübung schmählicher Entehrungen und Ehebrüche, die auch
das Ansehen des Gesetzes verwirft. Und wenn wir etwas tiefer blicken, ist nicht auch der Stachel
des Zornes uns recht zum Heile verliehen, damit wir, gegen unsere Fehler und Irrthümer von
Zorn entbrannt, uns vielmehr der Tugend und frommen Uebungen befleissen, Gott alle Liebe
erweisen und Geduld an unsern Brüdern üben? Wir wissen auch, welchen Nutzen die Traurigkeit
hat; und doch wird sie<s 153>zu den Hauptsünden gezählt, wenn sie sich in die entgegengesetzte
Stimmung umkehrt. Denn insofern sie sich nach der Furcht Gottes richtet, ist sie sehr
68
nothwendig, sehr verderblich aber, wenn sie sich nach der Welt richtet; so lehrt der Apostel,
wenn er sagt: „Die Traurigkeit, welche nach Gott ist, thut Buße, die das Heil sichert; aber die
Traurigkeit der Welt bewirkt den Tod.“120

4. Ohne Gott zu beleidigen, können wir sagen, daß wir einige Fehler von Natur in uns
haben.
Wenn wir also sagen, daß diese Leidenschaften vom Schöpfer in uns gelegt sind, so erscheint
dieser offenbar dann nicht die Schuld zu tragen, wenn wir dieselben mißbrauchen und es
vorziehen, sie lieber in den Dienst der Sünde zu nehmen, wenn wir z. B. wegen fruchtlosen
weltlichen Gewinnes, nicht aber behufs heilsamer Buße und Besserung uns betrüben, oder wenn
wir nicht zu unserm eigenen Nutzen uns selbst, sondern gegen Gottes Verbot unserm Bruder
zürnen. Denn wollte Einer das zum nothwendigen und nützlichen Gebrauch bestimmte Eisen zur
Ermordung Unschuldiger mißbrauchen, so kann er wohl nicht den Schöpfer dieses Stoffes
beschuldigen, wenn er von dem, was der Schöpfer zu des Lebens Bedürfniß und Bequemlichkeit
verliehen hat, einen schädlichen Gebrauch macht.

5. Von den Fehlern, welche, abgesehen von den in unserer Natur liegenden Leidenschaften,
durch unsere eigene Schuld verursacht werden.
Doch behaupten wir. daß einige Fehler entstehen, ohne daß irgend eine von der Natur gegebene
Veranlassung ihnen<s 154>vorausgeht; vielmehr wurzeln dieselben lediglich in dem verdorbenen
und bösen Willen, wie Neid und eben die Habsucht, welche, ohne in unserer Naturanlage ihren
Grund zu haben, ihre Veranlassung von aussen erhalten. So leicht nun diese zu verhüten und so
bequem sie abzuwenden sind, so groß ist das Unglück, das sie in einem ganz von ihnen in Besitz
genommenen Geiste anrichten, weil sie demselben kaum gestatten, gesunde Heilmittel
anzuwenden: mögen nun Diejenigen keine schnelle Heilung verdienen, die sich von Dem
überwinden ließen, das sie unbeachtet gelassen und doch sehr leicht hätten vermeiden oder
besiegen können, oder mögen Die, welche einen schlechten Grund gelegt haben, nicht würdig
sein, das Gebäude der Tugenden bis zur Spitze der Vollkommenheit emporzuführen.

6. Einmal aufgenommen, ist die Krankheit der Habsucht schwer zu vertreiben.


Deßhalb erscheine Keinem diese Krankheit geringfügig und der Beachtung unwerth. Wenn sie
auch leicht abgehalten werden kann, so läßt sie doch Jeden, den sie einmal in Besitz genommen,
kaum wieder zur Genesung gelangen. Sie ist nämlich ein Schlupfwinkel der Leidenschaften und
die Wurzel aller Uebel und wird zum untilgbaren Zündstoffe der Gottlosigkeit. Denn der Apostel
sagt:121 „Die Wurzel alles Bösen ist die Philargyrie, d. h. die Liebe zum Gelde.“

7. Quellen und Folgen der Habsucht.


Hat diese Leidenschaft einmal von dem schlaffen und lauen Geiste Besitz genommen, so macht
sie ihn zuerst nur um eine geringe Summe besorgt und stellt ihm etliche gar vernünftig
scheinende Gründe vor, aus welchen er sich etwas<s 155> Geld zurücklegen oder erwerben
dürfe. Denn er klagt, daß das im Kloster ihm Gereichte nicht hinreiche, und daß es damit für
einen gesunden und starken Körper kaum auszuhalten sei. Was sei zu thun, wenn eine Krankheit
auftauche und nicht etwas Geld aufgehoben sei, um während derselben leben zu können? Was
das Kloster reiche, sei zu gering, und es herrsche eine große Nachläßigkeit gegen die Kranken.

120
II. Kor. 7, 10.
121
I. Timoth. 6, 10.

69
Wenn man nicht etwas Eigenthum habe, womit man den Leib pflegen und heilen könne, müsse
man elend sterben. Selbst das Kleid, das man erhalte, reiche nicht aus. wenn man nicht für Etwas
gesorgt habe, wovon man sich ein anderes anschaffen könne. Endlich könne man nicht an
demselben Orte oder Kloster bleiben, und wenn man sich nicht für Wegzehrung und
Ueberfahrtsgeld gesorgt habe, könne man mit dem besten Willen nicht reisen, und eingeschränkt
durch den Mangel am Notwendigsten würde man stets ein beschwerliches und elendes Leben zu
ertragen haben und es nie zu Etwas bringen. In seiner Armuth und Entblößung könne man nie
ohne Vorwürfe und Beschämung von fremdem Gute leben. — Und hat nun der Mönch seinen
Geist von derartigen Gedanken umstricken lassen, so überlegt er. wie er wenigstens einen Zehner
sich verschaffen kann. Dann sieht er sich voll Besorgniß nach einer Arbeit um, an der er ohne des
Abtes Wissen arbeitet. Diese verkauft er nun heimlich, und endlich im Besitze der gewünschten
Münze plagt er sich noch viel ärger mit dem Gedanken, wie er sie verdoppeln könnte, noch im
Zweifel, wohin er sie legen oder wem er sie anvertrauen soll. Dann quält ihn noch mehr die
Sorge, was er mit ihr kaufen und mit welchem Geschäfte er sie verdoppeln könne. Und ist ihm
das nach Wunsch gelungen, so wächst sein Heißhunger nach Gold noch mehr und wird um so
heftiger gereizt, je größer die Summe ist. die vor ihm liegt. Denn mit dem Anwachsen des Geldes
wächst auch die rasende Gier nach demselben. Schließlich verspricht er sich ein langes Leben,
ein ungebeugtes Greisenalter und verschiedene langwierige Krankheiten, die er im Alter nicht
ertragen könne, wenn er nicht in der Jugend für eine größere <s 156>Geldsumme gesorgt habe.
So geht die unglückliche, von den Windungen der Schlange umstrickte Seele zu Grunde, indem
sie den sündhaft zusammengerafften Besitz mit noch nichtswürdigerer Sorge zu vermehren
begehrt. Das verderbliche Feuer, dessen Flammen immer grausamer an ihr nagen, selbst
erzeugend und von dem Gedanken an Gewinn ganz eingenommen hält sie ihren Blick auf nichts
Anderes gerichtet, als woher sie Geld gewinnen könne, um vermittelst desselben der Zucht des
Klosters möglichst bald zu entfliehen. Denn Glaube und Vertrauen werden da über Bord
geworfen, wo die Hoffnung auf ein Geldstück aufleuchtet. Diese Hoffnung läßt den Mönch nicht
vor Lüge und Meineid, nicht vor Diebstahl und Treubruch, nicht vor der sündigen Wuth des
Jähzornes zurückschaudern. Wenn er, von der Hoffnung auf Gewinn verlockt, in eine Sünde
gefallen ist, fürchtet er nicht das Maß der Ehrbarkeit und Demuth zu überschreiten, und in Allem
wird ihm, wie Andern der Bauch, das Geld und die Hoffnung auf Gewinn zum Gott. Daher hat
der heilige Paulus, im Hinblick auf das schädliche Gift dieser Krankheit, sie nicht nur die Wurzel
aller Uebel, sondern auch Götzendienst genannt, indem er sagt: „Und die Habsucht, welche
Götzendienst ist“. Du siehst also, zu welchem Verderben diese Wuth allmählig anwächst, so daß
sie sogar Idololatrie oder Götzendienst vom Apostel genannt wird, weil sie Gottes Bild und
Gleichniß. das der Mensch durch treuen Dienst gegen Gott unversehrt in sich hätte bewahren
sollen, mißachtet und lieber in Gold geformte Götzenbilder als Gott lieben und bewahren will.

8. Die Habsucht verhindert alle Tugenden.


Auf dieser abschüssigen Bahn mit aller Schnelligkeit dem Schlechten zueilend ist der
Habsüchtige, ich will nicht sagen die Tugend, fondern nicht einmal den Schatten von Demuth,
Liebe und Gehorsam zu bewahren bestrebt, sondern entrüstet sich bei jeder Gelegenheit, murrt
und seufzt bei jeder Arbeit. Und sich über alle Scham hinwegsetzend stürzt er wie ein <s
157>halsstarriges, ungezügeltes Pferd in den Abgrund des Verderbens. Nicht zufrieden mit der
täglichen Nahrung und gewöhnlichen Kleidung äussert er sich in der Weise, als werde er Dieß
nicht länger mehr aushalten. Auch sagt er, Gott sei nicht bloß dort, und sein Heil sei nicht einzig
an diesen Ort gebunden. Wenn er daher nicht bald sich anderswohin begebe, werde er, so klagt er
seufzend und stöhnend, bald zu Grunde gehen.

9. Ein Mönch, der Geld besitzt, kann nicht im Kloster bleiben.


Ein Mönch, der in den Münzen, durch die er sich geschützt und gleichsam mit Flügeln versehen
wähnt, ein Reisegeld besitzt und schon zum Fortziehen bereit ist, gibt auf alle Befehle eine

70
trotzige Antwort, gebahrt sich wie ein Fremder und Auswärtiger und vernachläßigt und verachtet
Alles, was er als der Verbesserung bedürftig erkennt. Und obgleich er heimlich verborgenes Geld
besitzt, beklagt er sich, daß er nicht einmal Schuhe und Kleider habe, und entrüstet sich darüber,
daß solche ihm zu säumig gereicht würden. Und wenn einmal nach Anordnung des Vorstehers
Einem, der offenbar gar Nichts hat. etwas Derartiges früher gegeben wird, flammt das Feuer des
Zornes noch mehr in ihm auf, und er wähnt sich wie einen Fremden verachtet, und nicht Willens,
seine Hände zu einer Arbeit zu bequemen, tadelt er Alles, dessen nothwendige Ausführung der
Nutzen des Klosters erheischt. Dann sucht er sorgsam Gelegenheiten, sich beleidigt und erzürnt
stellen zu können, damit es nicht den Anschein habe, als verlasse er nur aus einer geringfügigen
Veranlassung die klösterliche Zucht. Und obendrein nicht zufrieden, allein auszuwandern, damit
man nicht glaube, als sei er aus eigener Schuld fahnenflüchtig geworden, sucht er unablässig
durch heimliche Einflüsterungen möglichst Viele zu verderben. Wenn auch schlechtes Wetter die
Ausführung einer Land- oder Seereise vereitelt, hört er, während dieser ganzen Zeit von
Ungewißheit und Angst gequält, doch nicht <s 158>auf, Überdruß zu säen und zu wecken, in
dem Wahn, einzig durch den üblen Ruf des Klosters sich über seinen Austritt trösten und seinen
Leichtsinn entschuldigen zu können.

10. Von den schlimmen Folgen, welche das Entlaufen aus dem Kloster nach sich zieht.
Gleich einer Fackel brennt sein Geld den Mönch immer mehr und läßt, einmal in seinen Besitz
gelangt, ihn nimmermehr im Kloster bleiben und unter der Ordensregel leben. Wenn es ihn dann,
gleich einem wilden Thiere, von der Heerde weggerissen und, fern von den Brüdern, ihn zur
Beute gemacht, des Obdachs beraubt und dem Rachen der Raubthiere überliefert hat, zwingt es
ihn, der es früher unter seiner Würde hielt, die leichten Arbeiten im Kloster zu verrichten, Tag
und Nacht für Gelderwerb unermüdlich zu arbeiten. Dieses Geld erlaubt ihm weder das
regelmäßige Gebet noch die Fasten noch die Nachtwachen zu beobachten, nicht läßt es ihn die
Pflicht heilsamer Fürbitten erfüllen, wenn er nur die Wuth seines Geizes stillen und die täglichen
Bedürfnisse befriedigen kann. Denn während er das Feuer der Begierde durch stetes Erwerben zu
ersticken wähnt, facht er dasselbe nur immer mehr an.

11. Um das Geld aufzubewahren, sucht man die Wohnungen von Frauen auf.
Einige, die so in das jähe Verderben gefallen sind, stürzen sich in unaufhaltsamem Sturze in den
Tod. Nicht zufrieden, das Geld, das sie einst gehabt oder aus sündhaften Beweggründen
zurückgelegt hatten, zu besitzen, suchen sie die Wohnungen von Frauen auf, welche das sündhaft
Erworbene oder Zurückbehaltene aufbewahren sollen. In Folge davon kommen sie zu so
gefährlichen und verderblichen Beschäftigungen. daß sie in die Tiefe der Hölle hinabrollen; und
<s 159>anstatt das Wort des Apostels122 zu befolgen, man solle mit Nahrung und Kleidung sich
begnügen, welcher Vorschrift auch die klösterliche Genügsamkeit nachkommt, wollen sie reich
werden und fallen so in die Versuchungen und Schlingen des Teufels und in viele unnütze und
schädliche Begierden, welche den Menschen in Untergang und Verderben stürzen.

12. Beispiel eines lauen und in die Schlingen des Geizes verwickelten Mönches.
Ich kenne Jemanden, der sich selbst für einen Mönch hält und, was noch schlimmer ist, sich mit
dem Besitze vollkommener Tugend schmeichelt. Bei seiner Aufnahme in's Kloster ermahnte ihn
der Abt, nicht in Das zurückzufallen, dem er eben entsagt habe; besonders solle er sich von der
Wurzel alles Uebels. dem Geize, und den Schlingen der Welt frei halten. Und als ob er lieber von
den früheren Leidenschaften sich reinigen wolle, von denen ihn der Abt jeden Augenblick sehr
heftig bedrängt sah, und als ob er aufhöre nach den Gütern zu streben, die er vorher gar nicht
122
I. Timoth. 6, 8.

71
besessen, deren Besitz ihn aber stets gefangen halten und ihn ohne Zweifel an der Austilgung
seiner Fehler hindern könnte, scheute er sich nicht, dem Abte mit trotziger Miene zu entgegnen:
„Wenn du die Mittel hast, gar Viele zu ernähren, willst du mich hindern, sie ebenfalls zu
besitzen?“

13. Die älteren Brüder sind den jüngeren bei >blegung ihrer Fehler behilflich.
Das Vorausgegangene aber erscheine Keinem überflüssig oder lästig. Denn wenn nicht vorher die
verschiedenen Arten von Wunden auseinandergesetzt und die Ursachen und Quellen der
Krankheiten aufgesucht sind, kann man weder den Kranken die passenden Arzneien reichen,
noch können die Gesunden <s 160>ihre Gesundheit vollständig schützen. Dieß und noch viel
mehr pflegen die Vorsteher, die unzählige Mal den Fall und Sturz verschiedener Mönche erlebt
haben, zur Belehrung der Jüngeren in Gesprächen darzulegen. Vieles davon fanden wir dann in
uns selbst wieder, und indem es so die Vorsteher darlegten und offenbarten, als wenn sie selbst
von denselben Leidenschaften geplagt würden, wurden wir ohne Beschämung von ihnen geheilt;
denn wir lernten sowohl die Ursachen als auch die Mittel gegen die uns anfeindenden Fehler
schweigend kennen, die wir sonst aus Scheu vor den Brüdern verborgen oder verschwiegen
hätten. Aber wenn dieß Buch etwa Solchen in die Hände fallen sollte, die in diesem Punkte
weniger unterrichtet scheinen, so soll es die Unerfahrenen über Das belehren, was nur Denen
bekannt sein dürfte, welche mit Mühe und Anstrengung den Gipfel der Vollkommenheit zu
erreichen streben.

14. Von der dreifachen Krankheit der Habsucht.


Dreifach ist diese Krankheit, die von allen Vätern gleichmäßig verwünscht und verdammt wird.
Die eine ist jene, deren Verderben wir oben beschrieben, welche die Unglücklichen täuscht und
überredet, Solches zusammen zu scharren, was sie nicht einmal früher besaßen, als sie noch in
der Welt lebten. Die zweite drängt ihre Opfer zu dem Wunsche, Dasjenige, dem sie im Anfange
ihrer Bekehrung entsagt hatten, später wieder an sich zu ziehen und wieder zu begehren. Die
dritte Krankheit, die man sich in Folge eines schlimmen und sündhaften Anfanges seiner
Bekehrung zugezogen hat, und die mit der Unvollkommenheit ihren Anfang nimmt, flößt Denen,
welche sie einmal in diese Geisteserschlaffung versetzt hat, Furcht und Schrecken vor der
Armuth, sowie Mißtrauen ein und läßt nicht zu, daß sich dieselben aller irdischen Güter
berauben. Diejenigen aber, welche Geld und sonstige Gegenstände, denen sie durchaus hatten
entsagen müssen, behalten, läßt diese Krankheit nimmermehr<s 161> zur evangelischen
Vollkommenheit gelangen. Wie dieser dreifache Fall gar schwer bestraft wurde, davon finden wir
auch Beispiele in der heiligen Schrift. Giezi,123 der Das erlangen wollte, was er selbst vorher
nicht besessen, wurde nicht bloß der Gabe der Prophezie unwürdig erachtet, die er wie durch
erbliche Nachfolge von seinem Meister hätte empfangen können, sondern er wurde im
Gegentheil auf die Verfluchung des heiligen Elisäus hin von unheilbarem Aussatze übergossen.
Judas124 aber, welcher das Geld wieder an sich ziehen wollte, dem er vorher, als er Christo sich
anschloß, entsagt hatte, fiel nicht nur so tief, daß er seinen Herrn verrieth und der Würde des
Apostolates verlustig ging. sondern verlor auch die Gnade, eines natürlichen Todes zu sterben,
und beschloß sein Leben mit einem zweifachen Morde. Ananias und Saphira125 endlich, welche
einen Theil von ihrem früheren Besitzthume zurückbehielten, vernahmen aus des Apostels
Munde ihr Todesurtheil.

15. Unterschied zwischen einer schlechten und keiner Bekehrung.

123
IV. Kön. 5, 20 ff.
124
Matth. 26, 14.
125
Apostelg. 5, 4 ff.

72
Es gibt Leute, welche trotz ihrer Behauptung, der Welt entsagt zu haben, und trotz des Aufgebens
ihrer irdischen Schätze doch aus Mangel an Vertrauen wieder in Furcht gerathen. Ihnen wird im
Deuteronomium126 die mystische Vorschrift ertheilt: „Ist ein Mann furchtsam und verzagten
Herzens, so ziehe er nicht in den Krieg; er gehe und kehre zurück in sein Haus, daß er nicht
zaghaft mache die Herzen seiner Brüder, sowie er selbst von Furcht ergriffen ist.“ Was ist
deutlicher als dieses Wort? Will nicht offenbar die heilige Schrift lieber, daß dieselben diesen
Stand weder antreten noch den Namen desselben sich beilegen sollen, als daß sie durch übel
angebrachte Ermahnungen und böses <s 162>Beispiel auch Andere von der evangelischen
Vollkommenheit abziehen und durch Mißtrauen und Schrecken zaghaft machen? Es wird ihnen
daher befohlen, den Krieg zu verlassen und in ihre Heimath zurückzukehren, weil Keiner mit
getheiltem Herzen die Kämpfe des Herrn kämpfen kann. „Denn ein doppelsinniger Mann ist
unbeständig in allen seinen Wegen;“127 und von der Parabel im Evangeliums128 ausgehend, daß
Derjenige, welcher mit zehntausend Mann heranzieht, mit Jenem, der mit zwanzigtausend
heranrückt, sich nicht schlagen kann, mögen sie, wenn der Feind auch noch so weit entfernt ist,
um Frieden bitten d. h. lieber gar keinen Anfang mit der Weltentsagung machen, als durch eine
laue Betätigung derselben sich in noch größeres Unglück stürzen. „Denn besser ist nicht geloben
als geloben und nicht geben.“129 Schön aber wird von dem Einen gesagt,130 er komme mit
zehntausend, und von dem Andern, er komme mit zwanzigtausend Mann. Denn größer ist die
Zahl der uns angreifenden Sünden als die Zahl der für uns streitenden Tugenden. Niemand aber
kann Gott dienen und dem Mammon.131 und „wer immer seine Hand auf den Pflug legt und
hinter sich schaut, ist nicht tauglich für das Reich Gottes.“132

16. Mit welchem falschen Zeugniß sich Jene zudecken suchen, die sich ihres Vermögens
nicht entledigen wollen.
Solche Leute nun wagen es, ihre ehemalige Habsucht bei irgend einer Veranlassung wieder in
sich aufzunehmen und gar durch das Ansehen der heiligen Schrift zu stützen. Vermittelst einer
durchaus fehlerhaften Auslegung sind sie bedacht, das Wort des Apostels, ja des Herrn zu
fälschen und nach ihren Gelüsten zu entstellen. Denn nicht ihren Lebenswandel und ihre Einsicht
richten sie nach der <s 163>heiligen Schrift, sondern umgekehrt thun sie, wie es ihre
Leidenschaft erfordert, den Schriften Gewalt an und wollen, daß dieselben mit ihren Meinungen
übereinstimmen, und behaupten, es sei geschrieben:133 „Glückseliger ist es zu geben als zu
nehmen.“ Durch diese ganz gottlose Auslegung glauben sie das Wort des Herrn entkräftet zu
haben, worin gesagt wird: „Wenn du vollkommen sein willst, so gebe hin und verkaufe Alles,
was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Dann komme,
und folge mir nach!“134 Sie glauben, wegen dieses vermeintlichen Zeugnisses dürften sie nicht
allen ihren Reichthümern entsagen, da sie ja sich selbst für glückseliger halten, wenn sie, gestützt
auf ihr früheres Vermögen, auch Andern ihren Ueberfluß mittheilen. Und während sie sich
schämen, für Christus mit dem Apostel die freiwillige Entsagung auf sich zu nehmen, wollen sie
weder mit der Arbeit ihrer Hände noch mit den spärlichen Mitteln des Klosters sich begnügen.
Diesen bleibt nur übrig, entweder einzusehen, daß sie sich selbst getäuscht und keineswegs dieser
Welt entsagt haben, da sie ihre früheren Reichthümer nicht aufgeben, oder, wenn sie ein
Mönchsleben in der That und Wahrheit führen wollen, Alles auszutheilen und von sich zu werfen

126
Deuteron. 20, 8.
127
Jak. 1, 8.
128
Luk. 14, 31.
129
Pred. 5, 4.
130
Luk. 14, 31.
131
Matth. 6, 24.
132
Luk. 9, 62.
133
Apostelg. 20, 35.
134
Matth. 19, 21.

73
und, ohne Etwas von Dem, welchem sie entsagt haben, zurückzubehalten, sich mit dem Apostel
zu rühmen in Hunger und Durst, in Kälte und Entblößung.

17. Die Entsagung der Apostel und der ersten Kirche.


Hätte nicht auch der heilige Apostel. wenn er es als einen leichteren Weg zur Vollkommenheit
erkannt hätte, von seinem früheren Vermögen leben können? er, der nach seinem eigenen
Zeugnisse auch in der Rangordnung dieser Welt keine geringe Stufe einnahm; versichert er ja
doch, er sei <s 164>von Geburt mit der Würde eines römischen Bürgers ausgezeichnet.135 Oder
hätten Jene, die zu Jerusalem Aecker und Häuser besaßen, aber Alles verkauften und, ohne Etwas
für sich zu behalten, den Erlös dafür brachten und zu den Füßen der Apostel legten, nicht ihre
leiblichen Bedürfnisse aus ihren eigenen Mitteln bestreiten können, wenn Dieß nach dem Urtheil
der Apostel vollkommener und nach ihrem eigenen Ermessen nützlicher gewesen wäre? Aber
allen Dingen entsagend wollten sie lieber von ihrer Arbeit oder von dem Almosen der Gemeinde
leben. Im Briefe an die Römer,136 wo der heilige Apostel von ihren Gaben schreibt und von der
Verpflichtung spricht, die er ihnen gegenüber auf sich geladen, und wo er die römischen Christen
auf eine geschickte Weise zu dieser Sammlung auffordert, sagt er: „Jetzt aber reise ich nach
Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. Denn für gut haben erachtet Macedonien und Achaia eine
Sammlung zu veranstalten für die Armen der Heiligen, die in Jerusalem sind. Sie erachteten es
für gut und sind ihre Schuldner. Denn wenn ihres Geistes theilhaftig geworden sind die Heiden
(indem sie Christen wurden gleich den Judenchristen in Jerusalem), schulden sie (die bekehrten
Heiden) auch, in dem Leiblichen ihnen zu dienen.“ Auch bei den Korinthiern für sie Sorge
tragend ermahnt er dieselben (die Korinthier), vor seiner Ankunft mit aller Sorgfalt eine
Beisteuer aufzubringen, die er zu ihrem Besten ihnen schicken ließ. „Was die Sammlung für die
Heiligen betrifft.“ schreibt er, „wie ich es angeordnet habe bei den Kirchen Galatiens, also
machet es auch ihr! Je am ersten Wochentage lege Jeder von euch bei sich zurück, aufsparend,
was ihm leicht ankommt, damit nicht, wenn ich komme, erst dann Sammlungen veranstaltet
werden. Wenn ich aber anwesend bin, will ich Die, so ihr durch Briefe begutachten werdet,
abschicken, um eure Liebesgaben zu überbringen nach Jerusalem.“ Um sie zu noch reicherer
Sammlung <s 165>aufzumuntern, fügt er bei: „Wenn es werth ist, daß ich selber gehe, werden sie
mit mir gehen,“137 d. h. wenn euere Sammlung so ausfällt, daß sie es verdient, unter meinem
Geleite überbracht zu werden. Im Briefe an die Galater138 sagt er, obwohl er das Predigtamt mit
den Aposteln theilte, so sei er doch mit Petrus, Jakobus und Johannes übereingekommen, zwar
die Predigt unter den Heiden zu übernehmen, jedoch die Bekümmerniß und Sorge um die Armen
zu Jerusalem keineswegs aufzugeben, die, um Christi Willen Allem entsagend, freiwillige
Armuth auf sich genommen hätten. „Als Jakobus.Kephas und Johannes die Gnade Gottes sahen,“
sagt er. „die mir gegeben ist, reichten sie mir und dem Barnabas aus der Versammlung die Hand
(mit dem Wunsche), wir sollten unter den Heiden predigen, sie aber bei der Beschneidung[?]; nur
sollten wir der Armen eingedenk sein.“ Daß er diesen Auftrag mit der großen Gewissenhaftigkeit
ausgeführt hat, bezeugt er selbst mit den Worten: „Und ich war auch besorgt, gerade Dieses zu
thun.“ Welche sind nun glückseliger, Jene, die vor Kurzem aus der Zahl der Heiden sich
sammelten und, nicht im Stande, sich zur evangelischen Vollkommenheit zu erheben, noch an
ihrem Eigenthume hängen, bei denen der Apostel eine große Frucht zu ernten glaubte, wenn sie
wenigstens von dem Götzendienste, der Unzucht und dem Genüsse des Blutes und Erstickten
sich enthielten und den Glauben Christi mit ihren Reichthümern annähmen, oder Jene, welche,
dem Gebote im Evangelium folgend das Kreuz des Herrn täglich tragen und Nichts von ihrem
Eigenthum für sich behalten wollen? Und als der selige Apostel, in Kerker und Banden
schmachtend und durch die Bedrängniß auf der Reise gehindert, keine Gelegenheit fand, seinen
täglichen Lebensunterhalt, wie er es gewohnt war. mit seinen Händen zu erwerben, da hat er nach

135
Apostelg. 22, 29.
136
Röm. 15, 25 - 27.
137
I. Kor. 16, 1 ff.
138
Gal. 2, 9.

74
seiner Aussage von den aus Macedonien gekommenen Brüdern eine Unterstützung erhalten; denn
er schreibt:139 „Denn was mir mangelte, <s 166>reichten mir die Brüder, die aus Macedonien
gekommen waren.“ Und an die Philipper140 berichtet er: „Ihr wisset denn auch, Philipper, daß im
Anfange der Verkündigung des Evangeliums, als ich von Macedonien wegreiste, keine Kirche
mir eine Gabe mitgetheilt hat als ihr allein; denn auch nach Thessalonich sandtet ihr mir ein und
das andere Mal zu meinem Bedarf.“ — Werden nach ihrer Meinung, die sie in ihrem lauen
Herzen gebildet haben, auch Jene glückseliger sein als der Apostel, die ihm von ihrem Vermögen
mitgetheilt haben? Niemand wird so wahnsinnig sein, Dieß behaupten zu wollen.

18. Wollen wir die Apostel nachahmen, so dürfen wir nicht nach unsern Anschauungen
leben, sondern müssen ihrem Beispiele folgen.
Wollen wir also der Vorschrift des Evangeliums nachkommen und uns erweisen als Nachahmer
des Apostels der ganzen ersten Christenheit oder der Väter, welche zu unsern Zeiten das Erbe
ihrer Tugenden und Vollkommenheiten angetreten haben, so dürfen wir nicht bei unseren
beschränkten Ansichten stehen bleiben und uns von diesem lauen und elenden Stande die
evangelische Vollkommenheit versprechen; sondern wir müssen in ihre Fußtapfen treten und uns
ganz besonders vor Selbsttäuschung hüten. So müssen wir uns der klösterlichen Zucht und
Ordnung befleissen. daß wir in Wahrheit dieser Welt entsagen, daß wir uns nicht durch Mangel
an Vertrauen verleiten lassen, Etwas von den Gütern zurückzubehalten, die wir verachtet haben,
daß wir endlich unsern täglichen Lebensunterhalt nicht durch heimliches Geld, sondern durch
eigene Arbeit erwerben.

19. Ein Wort des heiligen Bischofs Basilius gegen Synkletikus.


<s 167>Man erzählt sich ein Wort des heiligen Basilius, Bischofs von Cäsarea, das er an einen
gewissen Synkletikus richtete, einen vor Lauheit ganz erstarrten Mann. Obwohl dieser
behauptete, der Welt entsagt zu haben, behielt er doch Einiges von seinem Vermögen zurück;
denn er wollte sich nicht von seiner Hände Arbeit nähren noch die wahre Demuth durch
Entblößung durch Bußwerke und Unterwerfung unter die Satzungen des Klosters erwerben.
Allein der Bischof sprach zu ihm: „Den Senator hast du ausgezogen, den Mönch aber nicht
angezogen.“

20. Es ist eine große Schmach, sich von der Habsucht beherrschen zu lassen.
Wenn wir also die Geisteskämpfe rechtmäßig kämpfen wollen, müssen wir auch diesen
verderblichen Feind aus unserem Herzen verdrängen. Je weniger tugendhaft es ist, ihn zu
überwinden, um so schmählicher und schändlicher ist es. von ihm besiegt zu werden. Denn wird
man von einem Mächtigen aus dem Felde geschlagen, so ist die Niederlage wohl schmerzlich,
und der Verlust des Sieges bereitet Kummer; allein es fließt aus der Stärke des Feindes dem
Besiegten ein gewisser Trost zu. Ist aber der Feind machtlos, und erfordert der Kampf keine
besondere Kraftanstrenaung, so tritt zu dem Schmerze der Niederlage eine schimpfliche
Beschämung und eine Schande, die den Besiegten mehr niederdrückt als der Verlust selbst.

21. Von der Überwindung der Habsucht.


Der größte Sieg und beständige Triumph über dieses Laster besteht darin, daß der Mönch, so zu
sagen, auch nicht mit der kleinsten Münze sein Gewissen beflecke. Denn es kann nicht

139
II. Kor. 11, 9.
140
Phil. 4, 15.

75
ausbleiben, daß Derjenige, welcher, im Kleinen<s 168>überwunden, einmal die Wurzel der
Begierde in sein Herz aufgenommen hat, auch bald von dem Feuer größeren Verlangens
entbrenne. Denn so lange wird der Kämpfer Christi siegreich, frei und gegen jegliche Anfechtung
der Begierden sicher sein, solange nicht der böse Geist den Samen der Begierde in sein Herz
gesät hat. Wie man daher bei allen Sünden im Allgemeinen sich vor dem Kopfe der Schlange
hüten muß, so muß man besonders bei diesem Fehler sich sorgfältig vor ihm in Acht nehmen. Ist
er einmal eingelassen, so nimmt er an Ausdehnung zu und gibt dem Feuer der Begierde immer
mehr Nahrung. Darum muß man sich nicht bloß vor dem Besitze des Geldes in Acht nehmen,
sondern auch das Verlangen darnach aus seinem Herzen gänzlich verbannen. Man muß nämlich
nicht so sehr die Wirkung der Habsucht vermeiden, als vielmehr die Neigung zu derselben mit
der Wurzel ausreissen. Denn Nichts nützt es, kein Geld zu besitzen, wenn man doch den Willen
hat, solches zu besitzen.

22. Auch ohne Geld zu besitzen kann Einer für einen Geizhals gelten.
Es ist möglich, daß Einer, wenn er auch kein Geld besitzt, dennoch nicht von der Krankheit des
Geizes frei ist und ihm das Gelübde der Armuth Nichts nützt, weil er die unordentliche Begierde
nicht auszurotten vermochte. Ein Solcher erfreut sich wohl des Standes der Armuth. nicht aber
der Tugend und des Verdienstes derselben; nicht ohne inneren Schmerz erträgt er die Bürde der
Noth. Denn wie das Evangelium von Solchen redet, die, ohne den Leib befleckt zu haben, im
Herzen die Ehe gebrochen haben, ebenso ist es möglich, daß Solche, welche in keiner Weise mit
der Last des Geldes beladen sind, vermöge ihrer inneren Neigung demselben Urtheile wie die
Habsüchtigen verfallen. Denn ihnen fehlte zum Besitze die Gelegenheit, nicht aber der Wille, der
stets bei Gott mehr belohnt wird als die Nöthigung. Deßhalb müssen wir dahin zielen, daß das
Verdienst <s 169>unserer Mühen nicht elend zu Grunde gehe. Denn beklagenswerth ist es, wenn
man Armuth und Entblößung bis an's Ende ertragen, die daraus erwachsenden Früchte aber durch
einen verkehrten Willen vereitelt und zu Grunde gerichtet hat.

23. Das Beispiel des Judas.


Willst du die unheilvollen und schädlichen Früchte kennen lernen, welche dieser Keim (der
habsüchtige Wille) zum Verderben Desjenigen hervorbringt, der ihn in sich aufgenommen hat,
und willst du wissen, in welche Laster der verschiedensten Arten er sich verzweigt, so schaue auf
Judas, der unter die Zahl der Apostel gesetzt war. Weil er nicht den tödtlichen Kopf dieser
Schlange zertreten wollte, hat sie ihn mit ihrem Gifte getödtet. Nachdem sie ihn in die Schlingen
der Habgier verwickelt, hat sie ihn in den Abgrund eines so ruchlosen Verbrechens gestürzt, daß
sie ihn dazu verleitete, den Erlöser der Welt und den Urheber des Heiles der Menschheit um
dreissig Silberlinge zu verkaufen. Er wäre gewiß nimmer zu dieser so verbrecherischen That des
Verrathes gekommen, wenn er nicht von der Krankheit der Habsucht angesteckt gewesen wäre,
und er hätte nicht die gottesräuberische Schuld am Tode des Herrn auf sich geladen. wenn er
nicht früher die Gewohnheit gehabt hätte, die ihm anvertraute Kasse zu plündern.

24. Nur durch gänzliche Entsagung kann die Habsucht besiegt werden.
Dieß ist in der That ein erschreckliches und schlagendes Beispiel der Tyrannei der Habsucht,
welche die einmal gefangene Seele keine Regel der Wohlanständigkeit mehr beobachten, an
keiner Vermehrung des Gewinnes Sättigung finden läßt. Denn das Ende dieser rasenden Gier
erreicht man nicht durch Reichthümer, sondern durch gänzliche Entsagung. Wohl hätte nämlich
Judas, dem die zur Vertheilung<s 170> an die Armen bestimmte Kasse anvertraut war, soviel
erreichen können, daß er durch die Menge des Geldes seine Habgier hätte stillen und ihr ein Ziel
setzen können; allein der Zündstoff der Begierde griff ob der Menge des Geldes so sehr um sich,

76
daß er nicht mehr die Kasse heimlich bestehlen, sondern lieber den Herrn selbst verkaufen wollte.
Denn diese rasende Begierde geht weit über alle Haufen von Schätzen hinaus.

25. Der Tod des Ananias, der Saphira und dea Judas als Strafe für ihre Habsucht.
Durch die oben genannten Beispiele belehrt hegte auch der Fürst der Apostel die Überzeugung,
daß Der, welcher Etwas besitzt, die Zügel der Regierung nicht führen könne, und daß es
schließlich nicht auf die Größe der Summe, sondern einzig auf die Tugend der
Selbstentäusserung ankomme. Deßhalb bestrafte er Ananias und Saphira, von denen oben schon
die Rede war, mit dem Tode, weil sie Etwas von ihrem Vermögen zurückbehalten hatten. So
erlitten Diese den Tod als Strafe für die von ihrer Habsucht eingegebene Lüge; Judas aber that
ihn sich freiwillig an, gleichsam zur Sühne der durch den Verrath des Herrn auf sich geladenen
Schuld. Welcher Ähnlichkeit in der Frevelthat und Strafe begegnen wir hier! Dort folgte auf die
Habsucht der Verrath, hier die Täuschung. Dort wird die Wahrheit verrathen, hier die Sünde der
Lüge begangen. Erscheint auch die Wirkung beider Thaten unähnlich, so wird doch Beiden
dasselbe Ende zu Theil. Denn um der Armuth zu entgehen, begehrte Jener Das wieder an sich zu
bringen, dem er entsagt hatte; um nicht arm zu werden, wagten Diese, von ihrem Vermögen, das
sie entweder dem Apostel vertrauensvoll entgegen bringen oder ganz unter die Brüder hätten
verteilen sollen, Etwas zurückzubehalten. Und deßhalb folgt auch in beiden Fällen die
Verurtheilung zum Tode, weil beide Verbrechen aus der Wurzel der Habsucht emporgesproßt
sind. Wenn daher über Diejenigen, die nicht <s 171> fremde Güter begehrten, sondern die
eigenen zu schonen suchten und sie nicht erwerben, sondern nur behalten wollten, ein so strenges
Urtheil gefällt wurde: was soll man von Denen halten, die niemals besessenes Geld
zusammenzuscharren begehren und, indem sie die Armuth vor den Menschen zur Schau tragen,
vermöge ihrer habsüchtigen Gesinnung vor Gott als reich gelten?

26. Die Habsucht befleckt die Seele mit einem geistigen Aussatze.
Gleich Giezi, der ob des Verlangens nach den hinfälligen Gütern dieser Welt von der Ansteckung
des unreinen Aussatzes befleckt wurde, erscheint auch am Geiste und Herzen der Habsüchtigen
ein Aussatz. Jenes Ereigniß zeigt uns klar und deutlich, daß jede mit der Makel der Habgier
befleckte Seele von dem geistigen Aussatze der Sünden übergossen wird und als unrein vor Gott
dem Fluche verfällt.

27. Die heilige Schrift belehrt den Ordensmann, daß er Nichts von dem einmal
aufgegebenen Gute wieder an sich bringen darf.
Wenn du also aus Verlangen nach Vollkommenheit Alles verlassen hast und Christo gefolgt bist,
der zu dir spricht:141 „Gehe bin, und verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen, und du
wirst einen Schatz im Himmel haben.“ und: „Dann komme und folge mir nach“; warum legst du
dann die Hand auf den Pflug und schaust hinter dich, so daß du, wie der Herr wiederum sagt, des
Himmelreiches unwürdig erachtet wirst?142 Warum steigst du von dem Dache der evangelischen
Vollkommenheit herab, um <s 172>Etwas aus deinem Hause zu holen.143 d. h. von Dem, was du
ehemals verachtet hast? Stehest du auf dem Arbeitsfelde der Tugenden, warum willst du dich
wieder mit den Gütern der Welt umkleiden, deren du dich freiwillig beraubt hast? Wenn dir aber
die Armuth zuvorgekommen ist, so daß du Nichts zu verlassen hattest, so darfst du noch viel
weniger erstreben, was du vorher nicht besessen hast. Denn deßwegen erhieltest du durch die
Güte des Herrn eine solche Vorbereitung, damit du um so freier ihm entgegen eilen solltest, da

141
Matth. 19, 21.
142
Luk. 9, 62.
143
Luk. 17, 31.

77
dich keine Schlingen des Geldes hinderten. Jedoch lasse Keiner den Muth sinken, wenn er auch
hierin arm ist. Denn es gibt Niemanden, der nicht Etwas zu verlassen habe. Allen Gütern der
Welt hat nur Der entsagt, der auch die Neigung zum Besitze derselben mit der Wurzel ausgerottet
hat.

28. Nur durch Selbstentäusserung ist der Sieg über die Habsucht möglich.
Darin besteht also der vollkommene Sieg über die Habsucht, daß wir auch nicht einen Funken
von Verlangen nach irgend einem noch so geringfügigen Gegenstande in unserem Herzen dulden.
Denn es steht fest, daß wir nicht mehr im Stande sein werden, ihn auszulöschen, wenn wir einen
noch so kleinen Stoff dieses Fünkleins in uns nähren.

29. Worin die freiwillige klösterliche Armuth bestehe.


Diese Tugend unverletzt zu bewahren werden wir nur dann im Stande sein, wenn wir während
unseres Aufenthaltes im Kloster mit Nahrung und Kleidung uns zufrieden geben.

30. Heilmittel gegen die Krankheit der Habsucht.


<s 173>Behalten wir das Urtheil über Ananias und Saphira im Gedächtniß und scheuen wir uns,
Etwas von Dem zu behalten, auf was wir freiwillig zu verzichten gelobt haben. Fürchten wir auch
das Beispiel des Giezi, der wegen Versündigung durch Geiz mit ewigem Aussatze bestraft wird,
und hüten wir uns, Etwas von unserem ehemaligen Besitzthum wieder an uns zu bringen.
Betrachten wir auch das anfängliche Verdienst des Judas und fürchten wir sein Ende, um mit
allen Kräften es zu vermeiden. Etwas von dem Gelde wieder zu nehmen, das wir einmal von uns
geworfen haben. Aber mehr als alles Dieses sollte die Betrachtung unserer unstäten und
schwachen Natur uns antreiben, darauf Acht zu haben, daß nicht der Tag des Herrn wie ein Dieb
in der Nacht uns überrasche144 und unser Gewissen auch nur mit einem einzigen Obolen befleckt
finde; denn ein solcher würde alle Früchte unserer Weltentsagung werthlos machen und schuld
sein, daß nach dem Ausspruche des Herrn auch an uns das Wort ergeht, welches im
Evangelium145 zu dem Reichen gesprochen wurde: „Du Thor, diese Nacht wird man deine Seele
von dir fordern. Was du aber gesammelt hast, wessen wird es sein?“ Ohne an den morgigen Tag
zu denken, wollen wir uns niemals von der klösterlichen Zucht losreissen.

31. Nur wer im Kloster ausharrt, kann die Habsucht besiegen.


Niemals ohne Zweifel wird es uns vergönnt sein, Dieß zu erfüllen, selbst nicht einmal nach der
klösterlichen Regel<s 174> zu leben, wenn nicht zuvor die Tugend der Geduld, welche aus
keiner anderen Quelle als aus der Demuth entspringt, in uns einen festen Grund gelegt hat. Denn
jene weiß keine Aufregungen zu verursachen, diese weiß die ihr verursachten großmüthig zu
ertragen.

Achtes Buch: Von dem Geiste des Zornes.


1. Einleitung.

144
I. Thess. 5, 2.
145
Luk. 12, 20.

78
<s 175>Im vierten Kampfe müssen wir das tödtliche Gift des Zornes aus den Winkeln unserer
Seele gründlich entfernen. Denn wenn dieser in unserem Herzen wohnt und das Auge mit
schädlicher Finsterniß blendet, können wir weder ein richtiges und klares Unheil erlangen, noch
den Blick einer guten Betrachtung, noch die Reife des Rathes besitzen, noch des Lebens
theilhaftig werden, noch an der Gerechtigkeit festhalten, noch auch das geistige und wahrhaftige
Licht in uns aufnehmen. „Denn getrübt ist vor Zorn mein Auge,“ sagt der Psalmist.146 Auch der
Weisheit können wir nicht theilhaftig werden, obwohl man uns allgemein für weise zu halten
scheint; denn „der Zorn ruht im Busen der Thörichten.“147 Aber auch nicht einmal das Leben der
Unsterblichkeit werden wir erlangen können, wie weise wir auch nach dem Begriffe der
Menschen zu gelten scheinen; denn „der <s 176>Zorn richtet auch die Klugen zu Grunde.“148
Auch die Zügel der Gerechtigkeit werden wir nicht mit durchdringendem Urtheile zu lenken im
Stande sein, möge man uns auch allgemein für vollkommen und heilig halten; denn „des Mannes
Zorn vollbringt nicht Gottes Gerechtigkeit“.149 Selbst die Würde der Ehrbarkeit, die auch den
Leuten dieser Welt eigen zu sein pflegt, werden wir nimmer besitzen können, mögen wir auch
vermöge des Privilegiums unserer Geburt für edel und ehrbar gelten; denn „ein jähzorniger Mann
ist ehrlos.“150 Auch die Reife des Rathes werden wir in keiner Hinsicht uns anzueignen wissen,
wie ernst und hochgelehrt wir auch scheinen mögen; denn „ein zorniger Mann handelt ohne
Rath.“151 Aber wir werden auch weder von schädlichen Leidenschaften unbehelligt noch von
Sünden frei sein können, wenn wir auch gar keine Beunruhigungen von Andern zu erleiden
haben; denn „ein ungestümer Mann erzeugt Zänkereien, und ein zorniger ruft Sünde hervor.“152

2. Von der Behauptung: der Zorn, mit dem man Sündern zürne, sei nicht sündhaft, da man
auch von Gott sage, daß er zürne.
Ich hörte, wie Einige diese der Seele so verderbliche Krankheit in der Weise zu entschuldigen
versuchten, daß sie dieselbe durch eine sehr ruchlose Deutung der heiligen Schrift
abzuschwächen beflissen waren. Sie sagten nämlich, es sei nicht sündhaft, gegen fehlende Brüder
zu zürnen, da man ja auch von Gott aussage, er wüthe und zürne gegen Jene, die ihn mit oder
ohne ihr Wissen verachten, wie an jener Stelle:153 „Und es entbrannte der Herr in Zorn gegen sein
Volk.“ oder wenn der Prophet154 betet: „O Herr, nicht in <s 177>deinem Grimme strafe mich,
und nicht in deinem Zorne züchtige mich!“ Aber sie sehen nicht ein, daß, während sie den
Menschen die Möglichkeit des verderblichen Fehlers einräumen wollen, sie der Unermeßlichkeit
Gottes, der Quelle aller Reinheit, die Schmach einer fleischlichen Leidenschaft beimischen.

3. Von den Prädikaten, die Gott nach menschlichem Sprachgebrauch beigelegt werden.
Wenn man diese Aussagen von Gott im fleischlichen, groben und buchstäblichen Sinne nehmen
muß, so schläft also auch Gott, wenn es155 heißt: „Erhebe dich; warum schläfst du, o Herr?“ und
wenn an einer andern Stelle156 gesagt wird: „Sieh', er schlummert nicht, er schläft nicht, der Israel
hütet.“ Und er steht und sitzt, wenn er157 sagt: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde aber der

146
Ps. 6, 8.
147
Pred. 7, 10.
148
Sprichw. 15, 1 nach der Septuag.
149
Jak. 1, 20.
150
Sprichw. 11, 17 nach der Septuag.
151
Sprichw. 14 nach der Septuag.
152
Sprichw. Kap. 15 und 29 nach der Septuag.
153
Ps. 105, 48.
154
Ps. 6, 1.
155
Ps. 34, 23.
156
Ps. 120, 8.
157
Is. 66, 1.

79
Schemel meiner Füße;“ und doch „mißt er den Himmel mit seiner Hand und umschließt die Erde
mit seiner hohlen Hand.“158 Und er wird vom Weine berauscht, wenn es heißt:159 „Und es
erwachte wie ein Schlafender der Herr, wie ein Held, trunken vom Wein.“ er. „der allein
Unsterblichkeit besitzt und in unzugänglichem Lichte wohnt.“160 Ich übergehe das Nichtwissen
und Vergessen, das wir an verschiedenen Stellen der heiligen Schrift oft von ihm ausgesagt
finden, ferner die Gestalt der Glieder, die gleichsam von einem Menschen mit körperlicher Form
und Zusammensetzung hergenommen ist, nämlich von den Haaren, dem Haupte, der Nase, den
Augen, dem Antlitze, von den Händen und Armen und Fingern, dem Schooße und den Füßen.
Wenn wir Dieß alles in dem gewöhnlichen buchstäblichen Sinne nehmen wollten, müßte man —
was auszusprechen ein Frevel ist <s 178>und uns ferne liegt — meinen, Gott sei aus Gliedern
und einer körperlichen Gestalt zusammengesetzt.

4. Was von den menschlichen Gliedern und Affekten zu halten sei, die Gott, dem
Unwandelbaren und Körperlosen, nach der Schrift beigelegt werden.
Wie man also Dieß ohne ruchlosen Gottesraub nicht im buchstäblichen Sinne von Dem verstehen
kann, der als unsichtbar, unaussprechlich, unbegreiflich, unschätzbar, einfach und nicht
zusammengesetzt durch die unfehlbare Stimme der heiligen Schrift bezeichnet wird, so kann man
seiner unwandelbaren Natur auch nicht einmal die Aufregung des Zorns und Grimmes ohne
entsetzliche Gotteslästerung beilegen. Denn unter einer derartigen Bezeichnung von Gliedern
müssen wir Gottes unendliche Wirksamkeit und unermeßliche Werke verstehen, die wir uns
vermittelst dieses gebräuchlichen Ausdruckes „Glieder“ aufzufassen vermögen. So sollen wir z.
B. unter „Mund“ seine Einsprechungen verstehen, die er in die verborgenen Sinne der Seele
gnädig einströmen läßt. Auch sollen wir hieraus erkennen, daß er zu unsern Vätern und den
Propheten geredet hat. In den „Augen“ ist die Unermeßlichkeit seines Blickes ausgesprochen, mit
dem er Alles durchschaut und erkennt, sowie die Wahrheit, daß ihm Nichts verborgen bleibt von
Dem, was jetzt oder künftig von uns gethan oder gedacht wird. Das Wort „Hände“ läßt uns seine
Vorsehung und Wirksamkeit erkennen, vermöge derer er Schöpfer und Lenker der Welt ist. Auch
der Arm ist ein Zeichen seiner Macht und Regierung, mit der er Alles erhält, leitet und regiert.
Und um vom Übrigen zu schweigen, auf was Anderes deutet das weisse Haupthaar hin als auf die
lange Dauer und das Alter der Gottheit, kraft welcher er ohne Anfang und vor allen Zeiten ist und
alle Kreaturen überdauert? Wenn wir also auch vom Zorne und Grimme Gottes lesen, so müssen
wir das nicht ανθρωποπαθικος d. h. nicht nach der Niedrigkeit menschlicher <s
179>Leidenschaft, sondern Gottes würdig verstehen, dem jede Leidenschaft fremd ist. Durch
diese Bezeichnung können wir ihn als Richter und Bestrafer alles Bösen, das in der Welt
geschieht, kennen lernen, und sollen wir durch diese Worte die Furcht vor diesem furchtbaren
Vergelter unserer Werke in uns erwecken und uns scheuen, Etwas gegen seinen Willen zu
begehen. Denn die menschliche Natur fürchtet jene Personen, die sie entrüstet weiß und zu
beleidigen fürchtet, wie bei manchen sehr billigen Richtern Diejenigen, welche von den
Gewissensbissen einer Schuld geplagt werden, ihren rächenden Zorn zu fürchten pflegen: nicht
als ob dieser Zorn in der Seele der gerechten Richter als Leidenschaft sich fände, sondern weil sie
in ihrer Seele eine Gemüthsstimmung empfinden, wie sie aus der Furcht vor der Handhabung der
Gesetze, vor dem Verhöre und dem Urtheile hervorgehen muß. Wird das Urtheil auch mit einer
noch so großen Sanftmuth und Milde gesprochen, so wird es doch von Jenen, die mit vollem
Rechte bestraft werden, als ein Ausfluß heftigen Grimmes und grausamen Zornes empfunden. Es
wäre zu weitläufig und nicht dem Zwecke des vorliegenden Werkes entsprechend, wollten wir
uns über Alles verbreiten, was in menschlicher und figürlicher Ausdrucksweise in der heiligen
Schrift von Gott ausgesagt ist. Für jetzt möge es genügen. Das berührt zu haben, was die Sünde
des Zornes angeht, damit Keiner aus Unwissenheit eine Veranlassung zu Krankheit und ewigem

158
Is. 40, 12.
159
Ps. 77, 65.
160
I. Timoth. 6, 16.

80
Tode daher nehme, wo man Heiligkeit und Unsterblichkeit des Lebens und heilsame Heilmittel
sucht.

5. Welche Versöhnlichkeit dem Mönche ziemt.


Der Mönch, welcher nach Vollkommenheit strebt und den Kampf des Geistes rechtmäßig
kämpfen will, muß frei sein von jeglicher Sünde des Zornes und Grimmes und beherzigen, was
das Gefäß der Auserwählung (der heilige Paulus) ihm befiehlt. „JederZorn.“ sagt er.161 „und
Groll,<s 180> jede Zänkerei und Lästerung sei ferne von euch sammt jeglicher Bosheit.“ Wenn
er sagt: „Jeder Zorn sei fern von euch,“ so nimmt er gar keinen davon aus. der uns gleichsam
nothwendig oder nützlich wäre. Einen fehlenden Bruder soll er nötigenfalls in der Weise zu
heilen bestrebt sein, daß, während er einem vielleicht an einem leichten Fieber Leidenden die
Arznei zu reichen bemüht ist, er selbst sich durch Zorn nicht in die schlimme Krankheit der
Blindheit stürze. Denn wer eines Anderen Wunde heilen will, muß von jeder schmerzlichen
Krankheit frei und gesund sein, damit nicht das Wort des Evangeliums ihn treffe: „Arzt, heile
dich selbst!“162 und er wohl den Splitter in seines Bruders Auge, nicht aber den Balken in seinem
eigenen Auge sehe.163 Oder wird Derjenige wohl den Splitter aus seines Bruders Auge ziehen
können, der den Balken des Zornes im eigenen Auge trägt?

6. Von der ungerechten und gerechten Erregung des Zornes.


Jede Erregung des Zornes, aus welcher Ursache immer sie aufwallen möge, blendet die Augen
des Herzens, legt auf die Schärfe des Gesichtes den verderblichen Balken einer gar schweren
Krankheit und benimmt ihr den Blick auf die Sonne der Gerechtigkeit. Es ist gleichgültig, ob
Platten von Gold oder von Blei oder einem sonstigen Metalle auf die Augen gelegt werden. Der
Werth der Metalle macht keinen Unterschied in der Blindheit der Augen. In uns selbst freilich
leistet der Zorn uns einen recht guten und geeigneten Dienst; und nur zu diesem Dienste
zugelassen ist er heilsam und nützlich. Dieser besteht darin, daß wir gegen die ausschweifenden
Regungen unferes Herzens voll Entrüstung knirschen und über Das, was wir vor den Menschen
zu thun oder zu reden uns schämen, und was sich deßhalb in <s 181>die Winkel unserer Brust
verkrochen hat, entrüstet sind, fürchtend und zitternd vor der Gegenwart der Engel und Gottes
selbst, der überall eindringt und Alles durchschaut, vor dessen Auge keine Geheimnisse unsers
Gewissens verborgen bleiben können.

7. Einziger Fall der Notwendigkeit und Heilsamkeit des Zornes.


Wenn wir gerade darüber erregt werden, daß wir von Zorn gegen einen Bruder angewandelt
werden, so stoßen wir ganz gewiß in diesem unsern Zorne die Einflüsterungen jenes Zornes von
uns und gönnen ihm keine verderblichen Schlupfwinkel im Innern unseres Herzens. Auf diese
Weise zu zürnen lehrt uns auch der Prophet (David), der den Zorn in dem Maße aus seinem
Gefühle verdrängt hatte, daß er nicht einmal seinen eigenen und noch dazu von Gott in seine
Hände gegebenen Feinden Vergeltung angedeihen lassen wollte, indem er164 spricht: „Zürnet,
doch sündiget nicht!“ Als er nämlich Wasser aus der Cisterne von Bethlehem gewünscht hatte
und es ihm von tapferen Männern mitten durch die Schaaren der Feinde gebracht worden war,
goß er es sofort zur Erde. So gegen die wollüstige Leidenschaft seiner Begierde zürnend erstickte
er dieselbe, brachte das Wasser Gott dar und erfüllte nicht das Verlangen seiner Lust, indem er
sprach: „Der Herr sei mir gnädig, daß ich Das nicht thue. Sollte ich das Blut der Männer trinken,

161
Ephes. 4, 31.
162
Luk. 4, 23.
163
Matth. 7, 3.
164
Ps. 4, 5.

81
die hingehen auf die Gefahr ihres Lebens?“ Ferner als Semei165 gegen den König David, so daß
er es hörte, vor seinem ganzen Gefolge Steine und Fluchworte schleuderte und Abisai, Sarvia's
Sohn, der Heerführer, die Beschimpfung des Königs durch jenes Mannes Enthauptung rächen
wollte, ergriff den frommen König eine heilige Entrüstung gegen dessen grausamen Vorschlag,
und maßvolle Demuth <s 182>mit Geduld wie Strenge mit unwandelbarer Sanftmuth verbindend
rief er aus: „Was habe ich mit euch zu schaffen, Sarvia's Söhne? — Lasset ihn, er mag lästern;
denn der Herr hieß ihn den David lästern. Und wer ist, der es wage zu fragen, warum er Dieß
gethan? Sieh', mein Sohn, der leiblich von mir abstammt, strebt mir nach dem Leben, wie viel
mehr nun ein Sohn des Iemini? Lasset ihn. daß er lästere nach des Herrn Geheiß; vielleicht sieht
an der Herr meine Bedrängniß und gibt mir Gutes für diese heutige Lästerung.“

8. Von dem Zorne gegen uns selbst.


Wir sollen also zu unserm Heile zürnen, und zwar gegen uns selbst und die an uns herantretenden
bösen Einflüsterungen; dabei sollen wir nicht sündigen, d. h. diese Einflüsterungen zu keiner
sündhaften Wirkung gelangen lassen. Eben diesen Sinn erklärt auch der folgende Vers166 noch
deutlicher: „Was ihr in euren Herzen sprechet, bereuet auf euren Lagerstätten,“ d. h. was ihr
immer in euren Herzen durch plötzlich sich herandrängende verführerische Anreizungen denken
möget, verdränget durch weisen Rath allen Lärm und alle Verwirrung des Zornes, als läget ihr
auf einem Ruhebette, und bessert diese bösen Gedanken gründlich durch eine recht heilsame
Zerknirschung. Endlich beruft sich der heilige Apostel auf diesen Vers, indem er den Worten:
„Zürnet, doch sündiget nicht.“ jene beifügt: „Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorne, noch
gebet Raum dem Teufel!“167 Wenn es sündhaft ist. daß über unserm Zorne die Sonne der
Gerechtigkeit untergehe, und wir durch unsern Zorn sofort dem Teufel Raum in unserm Herzen
geben, wie kann er weiter oben uns zürnen heissen, indem er spricht: „Zürnet, doch sündigt
nicht“? Sagt er damit nicht offenbar: „Seid erzürnt auf eure Sünden und euren Zorn, damit <s
183>nicht in Folge euerer Nachsicht gegen dieselbe die Sonne der Gerechtigkeit, Christus, für
euren durch Zorn verdunkelten Geist unterzugehen anfange und, wenn sie scheidet, ihr dem
Teufel Raum in euren Herzen gebet“?

9. Welche Sonne soll nicht über unserem Zorne untergehen?

Von dieser Sonne spricht Gott offenbar zu dem Propheten168 mit den Worten: „Denen aber, die
meinen Namen fürchten, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und Heilung an ihren
Flügeln.“ Von ihr heißt es ferner, daß sie den Sündern und falschen Propheten und Denen,
welche zürnen, untergehe mitten am Tage, indem der Prophet169 sagt: „Unter geht ihnen die
Sonne am Mittage.“ Ganz gewiß soll in übertragenem Sinne der Verstand, d. i. der νους oder die
Vernunft, welche dazu bestimmt ist, alle Gedanken und Entschließungen des Herzens zu
erleuchten, und deßhalb mit Recht Same genannt wird, nicht erlöschen. Denn sonst würde nach
ihrem Untergange die Finsternis der Leidenschaft mit ihrem Urheber, dem Teufel, alle Sinne
unseres Herzens in Besitz nehmen, und wir, von der Finsterniß des Zornes umfangen, würden,
wie in finsterer Nacht, nicht wissen, was wir thun sollen. In diesem Sinne lebt das genannte Wort
des Apostels in den Regeln der Väter fort. Diesen Sinn haben wir etwas weitläufig dargelegt, weil
es vonnöthen war, zu wissen, was Diejenigen von dem Zorne hielten, die ihm nicht einen
Augenblick den Eintritt in ihr Herz gestatten; beherzigen sie ja doch in seinem ganzen Umfang
das Wort des Evangeliums:170 „Wer seinem Bruder zürnt, wird des Gerichtes schuldig sein.“

165
II. Kön. Kap. 19.
166
Ps. 4, 6.
167
Ephes. 4, 26 f.
168
Malach. 4, 2.
169
Amos 8, 9.
170
Matth. 5, 22.

82
Wenn man übrigens bis Sonnenuntergang zürnen dürfte, so würden gewiß eher die sündhaften
Leidenschaften den Ingrimm und die Regung des rachedürstigen Zornes bis zur Sättigung <s
184>stillen, als bis die Sonne sich zu dem Orte ihres Unterganges neigt.

10. Von Jenen, deren Zorn nicht einmal der Sonnenuntergang ein Ziel setzt.
Was soll ich aber von Jenen sagen (nicht ohne meine Beschämung spreche ich es aus), deren
Unversöhnlichkeit nicht einmal der Untergang dieser Sonne eine Grenze seht, sondern welche
dieselbe von Tag zu Tag mehr ausdehnen; die Jenen gegenüber, gegen die sie aufgebracht waren,
den alten Groll bewahren; die wohl mit dem Munde versichern, sie seien nicht gereizt, in der
That und Wahrheit aber sich als sehr heftig erzürnt erweisen? Denn sie reden dieselben weder mit
geziemenden Worten an, noch sprechen sie zu ihnen mit der gewöhnlichen Freundlichkeit, und
glauben darin am meisten zu fehlen, daß sie nicht Rache nehmen für die ihnen verursachte
Erregung. Weil sie ihre Rache aber offen zu zeigen und auszuüben weder wagen noch vermögen,
verwenden sie das Gift des Zornes zu ihrem eigenen Verderben, kochen es schweigend in ihrem
Herzen und verzehren es still bei sich selbst. Die Bitterkeit der Betrübniß verjagen sie nicht sofort
durch die Kraft des Geistes, sondern lassen dieselbe von Tag zu Tag sich abschwächen, um sie
schließlich je nach Zeit und Umständen zu mildern.

11. Wer seinen Zorn verbirgt und verdeckt, sündigt dadurch nicht weniger, als wenn er ihn
offen zeigte.
Wie. es scheint, ist das für einen Jeden das Ziel seiner Wünsche und glaubt Jeder seinem
Ingrimm und seiner Mißstimmung reichlich genug gethan zu haben, wenn er Das. was in seinen
Kräften steht und der Zorn ihm eingibt, ganz ausgeführt habe. Allein Dasselbe gilt auch von
Jenen, die nicht aus Verlangen nach Versöhnung, sondern wegen Unvermögens, sich zu rächen,
die Regungen ihres <s 185>Zornes zurückhalten. Denn sie können Denen, auf die sie erzürnt
sind, Nichts mehr anthun, ausser daß sie gar nicht mehr mit der gewohnten Freundlichkeit mit
ihnen reden. Oder müßte man nur bei dem Vollzug einer Handlung den Zorn mäßigen und nicht
vielmehr ihn aus den geheimen Winkeln seiner Brust verbannen? Denn blendet uns die Finsterniß
des Zornes, so können wir nicht das Licht weisen Rathes noch das der Wissenschaft in uns
aufnehmen, und wohnt in uns der Geist des Zornes, so können wir nimmer ein Tempel des
heiligen Geistes sein. Der im Herzen verborgene Grimm beleidigt zwar nicht unsere
Mitmenschen, aber er schließt ebenso, als wenn er sich auch nach aussen zeigte, das hell
leuchtende Licht des heiligen Geistes aus.

12. Man darf den Zorn nicht einen Augenblick lang hegen.
Wie sollte ferner der Herr dulden, daß wir den Zorn nur einen Augenblick behalten, da er uns ja
nicht einmal die Darbringung des geistigen Opfers des Gebetes gestattet, wenn wir finden, daß
Einer gegen den Andern irgend einen Groll hegt? Denn er spricht:171 „Wenn du deine Gabe zum
Altare bringst und dort dich erinnerst, daß dein Bruder Etwas gegen dich hat, so lasse deine Gabe
am Altare, und gehe hin, und versöhne dich erst mit deinem Bruder, und dann komme und bringe
deine Gabe dar!“ Wie sollte es uns also gestattet sein, ich will nicht sagen bis zum Verlaufe
mehrerer Tage, sondern nur bis zum Sonnenuntergang gegen unsere Brüder eine Mißstimmung
zu hegen? Können wir ja nur dann Gott unsere Gebete darbringen, wenn gar Niemand Etwas
gegen uns hat, und mahnt uns auch der Apostel:172 „Betet ohne Unterlaß!“ und:173 „An jedem
Orte erhebt die reinen Hände sonder Zorn und Zweifelhaftigkeit!“ Es bleibt also nur noch übrig,

171
Matth. 5, 23.
172
Thess. 5, 17.
173
I. Timoth. 2, 8.

83
entweder nie zu beten, wenn <s 186>wir ein solches Gift in unserm Herzen behalten wollen, und
somit zu sündigen gegen dieses Gebot des Apostels und des Evangeliums, das uns befiehlt,
unaufhörlich und überall zu beten; oder in unserer Selbsttäuschung ein Gebet gegen sein Gebot
zu verrichten, wodurch wir, wie unser Gewissen uns sagt, dem Herrn nicht ein Gebet, sondern im
Geist der Auflehnung ihm eine Schmach entgegenbringen.

13. Von der brüderlichen Versöhnung.


Weil wir gewöhnlich die von uns verletzten und betrübten Brüder verachten oder wenigstens mit
der Behauptung, sie seien nicht durch unsere Schuld beleidigt worden, verächtlich über sie
hinwegsehen, deßhalb will der Seelenarzt, der alles Verborgene kennt, die Veranlassungen zum
Zorne mit der Wurzel aus unserm Herzen reissen. Er gebietet uns, wenn wir beleidigt worden
sind, nicht nur zu verzeihen und uns mit unserm Bruder zu versöhnen, ohne ferner des Unrechtes
und der Beleidigungen gegen uns zu gedenken, sondern auch wenn wir wissen, daß sie, mit Recht
oder Unrecht, Etwas gegen uns haben, sollen wir nach seinem Gebote unsere Gabe zurücklassen,
d. h. einhalten mit unserm Gebete und zuvor zu ihrer Versöhnung die Hand zu reichen eilen.
Wenn so des Bruders Heilung vorher stattgefunden hat, dann sollen wir das reine Opfer unseres
Gebetes darbringen. Denn nicht findet Gott, der gemeinsame Herr Aller, Gefallen an unserm
Dienste, wenn er wegen des herrschenden Unfriedens Das, was er bei dem Einen empfängt, bei
dem Andern verliert. Mag nämlich Schaden nehmen, wer da will, so erleidet Der stets einen
Verlust, der auf gleiche Weise aller seiner Diener Heil erwartet und verlangt. Und wenn deßbalb
ein Bruder Etwas gegen uns hat, so wird unser Gebet ebenso unwirksam sein, als wenn wir in
dem vor Zorn gleichsam schwellenden Geiste die Bitterkeit des Unwillens gegen ihn bewahren.

14. Auch der alte Bund verbietet den Zorn in der That wie den im Gedanken.
<s 187>Doch wozu bleiben wir noch länger bei den Vorschriften des Evangeliums und der
Apostel stehen, da auch der alte Bund, der minder strenge Anforderungen zu stellen scheint.
Ebendasselbe mit den Worten verbietet:174 „Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen“, und
wiederum:175 „Sei nicht eingedenk der Beleidigungen deiner Mitbürger.“ und ferner:176 „Die
Wege Derer, die das Andenken einer Beleidigung bewahren, führen zum Tode“ ? Du siehst, daß
auch hier die Sünde nicht nur im Werke, sondern auch in den geheimen Gedanken streng
verboten wird, da der Haß und nicht nur die Vergeltung der Beleidigung, sondern auch schon der
Gedanke daran mit der Wurzel aus dem Herzen gerissen weiden soll.

15. Tadel Derer, welche die Ursachen ihrer Ungeduld auf Andere werfen.
Wenn wir, die der Stolz und die Ungeduld zuweilen überwunden, unsere unordentlichen und
regellosen Sitten bessern wollen, so sehnen wir uns unter Klagen in die Einsamkeit, als ob wir
daselbst, wo uns Niemand reizt, sofort die Tugend der Geduld finden würden. Auch
entschuldigen wir unsere Unachtsamkeit mit der Behauptung, daß die Ursachen unserer
Aufregung nicht an unserer Ungeduld, sondern an der Verschuldung der Brüder lägen. Während
wir so den Grund unserer Verirrung auf Andere ablenken, werden wir nie zum Ziele der Geduld
und Vollkommenheit gelangen können.

16. Die Ruhe unseres Herzens darf nicht in dem Willen eines Anderen, sondern nur in
unserer Gewalt liegen.

174
III. Mos. 19, 17.
175
III. Mos. 19, 18.
176
Sprichw. 12, 28 nach der Septuag.

84
<s 188>Unsere ganze Besserung und innere Ruhe dürfen wir nicht auf den Willen eines Anderen
bauen wollen, der durchaus nicht unserer Macht unterworfen ist, sondern sie muß vielmehr in
unserer eigenen Gemüthsverfassung ihren Bestand haben. Daß wir daher nicht zürnen, soll nicht
das Verdienst fremder Vollkommenheit, sondern eigener Tugend sein, die nicht durch fremde
Geduld, fondern durch eigene Langmuth errungen wird.

17. In welcher Absicht soll der Mönch die Einöde aufsuchen?


Fernerhin müssen die vollkommenen und von jeder Sünde gereinigten Mönche in die Einsamkeit
wandern, und haben sie im Umgang mit den Brüdern ihre Fehler gründlich beseitigt, so müssen
sie die Einsamkeit erwählen. Aber zu diesem Vorhaben soll sie nicht der Wunsch bestimmen,
einen Zufluchtsort für ihren Kleinmuth zu haben, sondern die Aussicht, dort einen erhabenen
Blick in die Betrachtung göttlicher Dinge thun zu können, der nur den Vollkommenen und zwar
nur in der Einsamkeit möglich ist. Denn alle Fehler, die wir ungeheilt in die Einöde mitbringen,
werden wir in uns verborgen, nicht aber getilgt fühlen. Wie nämlich die Einsamkeit den Mönchen
mit gebesserten Sitten die reinste Kontemplation zu erschließen und den lautersten Blick ln die
Wissenschaft der heiligen Geheimnisse zu eröffnen weiß, so pflegt sie die Fehler derjenigen,
welche weniger gebessert sind, nicht nur zu behalten, sondern zu vergrößern und zu
vervielfachen. So lange wird immer Einer in seinen Augen geduldig und demüthig sein, als er in
keines Menschen Gesellschaft kommt. Doch wird er bald zu seiner früheren Natur zurückkehren,
wenn die Gelegenheit zu irgend einer Erregung sich einstellt. Es tauchen dann sofort die in ihm
<s 189>verborgenen Fehler empor, und gleich ungezügelten Pferden durch längere Muße genährt
stürzen sie noch hitziger und wilder zum Verderben des eigenen Wagenlenkers um die Wette aus
ihren Schranken hervor. Denn sind die Fehler vorher nicht ganz abgelegt, so werden sie in uns
nur noch wilder, wenn der Verkehr und Umgang mit Menschen aufhört. Ja selbst den Schatten
der Geduld, den wir im Verkehr mit den Brüdern mit Rücksicht auf die ihnen gebührende
Ehrfurcht und aus Furcht vor öffentlicher Beschämung in unserer Einbildung zu besitzen
glaubten, verlieren wir durch die Unthätigteit, welche uns nur in eine falsche Sicherheit
einschläfert.

18. Ungeduldig und zornig sind oft auch Diejenigen, welche nicht von Andern dazu
veranlaßt werden.
Sollten nicht alle Arten giftiger Schlangen und sonstiger wilden Thiere. wenn sie in der Einöde
und ihren Lagerstätten sich aufhalten, unschädlich sein? Und doch kann man sie deßwegen nicht
unschädlich nennen, weil sie Keinem schaden. Das liegt nicht an der guten Gesinnung, sondern
an der Einsamkeit, die sie dazu nöthigt: denn finden sie Gelegenheit, Jemanden zu verletzen, so
zeigen sie das in ihrem Innern verborgene Gift und bethätigen ihre wilde Sinnesart. — Und
deßhalb ist es für die nach Vollkommenheit Strebenden nicht genug, gegen einen Menschen nicht
zu zürnen. Ich erinnere mich nämlich aus der Zeit, wo ich in der Einsamkeit lebte, daß damals
gegen die Schreibfeder, deren Dicke oder Dünne mir mißfiel, gegen das Messer, wenn es die zu
schneidenden Gegenstände wegen der stumpfen Schneide zu langsam schnitt, gegen den
Feuerstein, wenn einmal der Feuerfunke zu langsam aufleuchtete und wir Eile zur Lesung hatten,
eine solche Regung des Unwillens mich anwandelte, daß ich nicht anders als durch
Verwünschungen gegen die unempfindlichen Stoffe oder gar gegen den Teufel der Aufregung
meines Geistes ihre Stärke benehmen und Luft <s 190>machen konnte. Deßwegen wird der
Vollkommenheit, soll sie vernünftig sein, die Abwesenheit der Menschen, gegen die der Zorn
sich regen könnte, nicht sonderlich nützen. Denn hat man sich nicht vorher die Geduld
angeeignet, so kann auch gegen stumme Wesen und geringfügige Gegenstände die zornige
Stimmung ebenfalls zum Ausdrucke gelangen, die in unserm Innern herrscht und uns weder eine
ausdauernde Ruhe noch die Freiheit von den übrigen Sünden gönnt; wir müßten denn etwa
wähnen, darin für unsere leidenschaftlichen Erregungen einen Gewinn oder ein Heilmittel zu

85
finden, daß auf unsere Verwünschungen und Zornausbrüche die leblosen und stummen Dinge
keine Antwort gäben und den Ungestüm unseres Herzens keineswegs so reizten, daß die
Zornesgluth noch höhere Flammen schlage.

19. Wie man nach dem Evangelium den Zorn ausrotten soll.

Wollen wir daher den Gipfel jenes göttlichen Lohnes erreichen, von dem es heißt:177 „Selig, die
reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ so muß diese Leidenschaft nicht nur aus
unsern Handlungen gleichsam herausgeschnitten, sondern auch aus dem innersten Grunde
unserer Seele mit der Wurzel ausgerottet werden. Denn es wird von nicht allzu großem Nutzen
sein, die Zorneswuth im Reden zu zähmen und sie nicht zur That gelangen zu lassen, wenn Gott,
dem die Geheimnisse des Herzens nicht verborgen sind, sie tief in unserer Brust geborgen siebt.
Auch das Evangelium befiehlt, lieber die Wurzel auszureissen als die Frucht, die ohne Zweifel
nach Entfernung des Nahrungsstoffes nicht weiter fortwachsen wird. Und so wird der Geist
allzeit in jeglicher Geduld und Heiligkeit verharren können, wenn diese Leidenschaft nicht von
der Oberfläche der Werke und Handlungen, sondern aus dem geheimen <s 191>Gemache der
Gedanken verdrängt ist. Und damit deßhalb kein Mord verübt werden möge, wird Zorn und Haß
verbannt ohne welche das Verbrechen des Mordes unmöglich ist. Denn „wer seinem Bruder
zürnt, ist des Gerichtes schuldig.“178 und „wer seinen Bruder haßt, ist ein Mörder;“179 und zwar
ist er es dadurch, daß er im Herzen den Untergang Dessen wünscht, dessen Blut er mit eigener
Hand oder einer Waffe nach menschlicher Wahrnehmung nicht vergossen hat, dessen Mörder er
aber ist vermöge der Gesinnung des Zornes und nach dem Ausspruche des Herrn, der nicht nur
nach der Wirkung der That, sondern auch nach dem Gelüsten des Willens und Verlangens Jedem
Lohn oder Strafe geben wird; denn er spricht selbst durch den Propheten:180 „Ich aber komme ob
ihrer Worte und Gedanken, um zu sammeln alle Völker und Zungen;“ und der Apostel181 sagt:
„Die Gedanken werden sich gegenseitig anklagen oder (auch) lossprechen am Tage, da Gott
richten wird das Verborgene der Menschen.“

20. Muß man in der Stelle des Evangeliums: „Wer seinem Bruder zürnt etc.“ den Zusatz
„ohne Grund“ beibehalten?
Indessen muß man wissen, daß in der Stelle: „Wer seinem Bruder zürnet „ohne Grund“, wird des
Gerichtes schuldig sein.“ wie sie sich in einigen Exemplaren findet, die Worte „ohne Grund“
überflüssig sind. Denn sie sind von Einigen hinzugesetzt worden, die durchaus nicht die Ansicht
theilten, man müsse den Zorn für eine gerechte Sache aufgeben, da überhaupt Keiner, möge er
auch ganz und gar ohne vernünftige Ursache erregt sein, behaupte, daß er ohne Grund zürne. Es
hat deßhalb den Anschein, als sei der Zusatz <s 192>von Denen gemacht, welche die vorliegende
Stelle der heiligen Schrift nicht verstanden, die darauf hinzielt, den Zündstoff des Zornes ganz
und gar zu vertilgen und gar keine Veranlassung zum Groll mehr zu behalten, damit, während
man uns mit Grund zürnen hieße, auch die Gelegenheit, ohne Grund zu zürnen, bei uns keinen
Eingang finde. Denn der Zweck der Geduld ist nicht ein gerechtes Zürnen, sondern ein
vollständiges Nichtzürnen. Wohl weiß ich, daß Einige das „ohne Grund“ so auslegen, daß
Derjenige ohne Grund zürne, der in seinem Zorne seine Rache nicht stillen kann; doch ist es
vorzuziehen, an unserer Erklärung festzuhalten, wie auch in vielen neueren Exemplaren und in
allen älteren geschrieben steht.

177
Matth. 5, 8.
178
Matth. 5, 22.
179
I. Joh. 3, 15.
180
Is. 66, 18.
181
Röm. 2, 15.

86
21. Mittel zur Ausrottung des Zornes.
Der rechtmäßig streitende Kämpfer Christi muß die Regungen des Zornes mit der Wurzel
ausreissen. Eine vollkommene Arznei für diese Krankheit wird darin bestehen, daß wir festhalten
an dem Glauben, nimmer, weder aus gerechten noch ungerechten Gründen, zürnen zu dürfen;
wissen wir ja doch, daß wir das Licht der Weisheit und die Festigkeit des rechten Rathes, selbst
unsere ehrenhafte Gesinnung und das Maß der Gerechtigkeit sofort verlieren werden, wenn das
Hauptlicht unseres Herzens durch die Finsterniß des Zornes verdunkelt ist. Ein ferneres
Heilmittel ist der Gedanke, daß die Reinheit unserer Seele bald getrübt werden muß und dieselbe
nicht mehr ein Tempel des heiligen Geistes werden kann, wenn der Geist des Zornes in uns
wohnt. Das dritte Heilmittel ist das Bewußtsein, daß wir im Zorne unsere Gebete vor Gott nicht
ausgießen dürfen. Halten wir uns vor Allem die Ungewißheit des menschlichen Schicksals vor
Augen und erwecken wir täglich den Glauben, daß wir unsern Leib verlassen werden und uns
Nichts die enthaltsame Keuschheit, Nichts die Verzichtleistung auf alle <s 193>Güter, Nichts die
Verachtung des Reichthums, Nichts Beschwerden des Fastens und der Nachtwachen nützen
werden, wenn uns ganz allein wegen des Zornes und Hasses vom Richter der Welt die ewigen
Strafen angedroht sind!

Neuntes Buch: Von dem Geiste der Betrübniß.


1. Einleitung.
<s 194>Im fünften Kampfe müssen wir die Stacheln der nagenden Betrübniß abstumpfen. Wenn
nämlich diese Gemüthsstimmung hier und da durch einzelne Angriffe und durch unsichere und
mannigfaltige Zufälle Gelegenheit gefunden hat, von unserm Geiste Besitz zu nehmen, so
verschließt sie uns jeden Augenblick jeglichen Einblick in die Betrachtung göttlicher Dinge,
verdrängt die Seele aus jeglichem Zustande der Reinheit, schwächt sie gänzlich und drückt sie
darnieder. Sie gestattet nicht, daß das Gebet die Seele mit der gewohnten inneren Heiterkeit
erfülle, sie läßt nicht das Heilmittel frommer Lesung anwenden, duldet nicht, daß der
Ordensmann ruhig und mild gegen seine Mitbrüder auftritt, und macht ihn bei allen
pflichtschuldigen Arbeiten und religiösen Übungen ungeduldig und mürrisch. Sie vereitelt jeden
heilsamen Rath, untergräbt die innere Standhaftigkeit und macht den Geist gleichsam wahnsinnig
und trunken, bricht ihn und stürzt ihn in sträfliche Verzweiflung.

2. Die Krankheit der Betrübniß muß man Vorsicht heilen.


<s 195>Wollen wir daher die verschiedenen Kämpfe des geistigen Streites rechtmäßig
auskämpfen, so müssen wir mit nicht geringerer Bedachtsamkeit auch diese Krankheit zu heilen
suchen. „Denn wie der Rost dem Kleide und der Wurm dem Holze, also schadet die Traurigkeit
dem Herzen des Mannes.“182 Recht anschaulich und eigentümlich hat hiermit der heilige Geist
die Macht dieses schädlichen und verderblichen Fehlers geschildert.

3. Vergleichung einer von den Bissen der Traurigkeit angenagten Seele.


Ein von den Motten angefressenes Kleid ist Nichts mehr und kann anständiger Weise im
Verkehre mit Menschen nicht mehr getragen werden. Ebenso verdient ein von Würmern
durchfurchtes Holz nicht mehr zum Schmucke eines nur mittelmäßigen Gebäudes, sondern nur
zur Nahrung des Feuers bestimmt zu werden. So wird also auch die Seele, welche von den
überaus gefräßigen Bissen der Betrübniß zernagt wird, zu jenem hohepriesterlichen Kleide Nichts

182
Sprichw. 25, 20.

87
taugen, welches das vom Himmel herabträufewde Salböl des heiligen Geistes, nachdem es
Aarons Bart gesalbt, in seinen Saum aufnimmt, wie der heilige Prophet David183 weissagt: „Wie
Salböl auf dem Haupte, das herniedelfließt auf den Bart Aarons, das herniederfließt auf den Saum
seines Kleides.“ Aber eine solche Seele wird auch Nichts taugen zum Bau und zur Zierde jenes
geistigen Tempels, dessen Fundamente jener weise Baumeister, der heilige Paulus gelegt hat,
indem er spricht: „Ihr seid Tempel Gottes. und der heilige Geist wohnt in euch.“184 Die
Beschaffenheit des Holzes aber beschreibt die Braut im hohen Liede: „Unser Getäfel.“ sagt <s
196>sie. „sind Cypressen, das Gebälk unseres Hauses Cedern.“185 Und deßhalb werden zum
Tempel Gottes solche Holzarten gewählt, welche wohlriechend und unverweslich sind, und
welche weder dem Verderbniß des Alters noch dem Zahn der Würmer anheimfallen können.

4. Von der Quelle der Betrübniß.


Zuweilen pflegt die Betrübniß aus der vorausgehenden Sünde des Zornes zu folgen oder aus der
Begierde nach einem verfehlten Gewinne zu entstehen, wenn man sich in der Hoffnung, die man
sich auf diese und jene Dinge gemacht hatte, getäuscht sieht. Zuweilen aber werden wir, ohne
daß solche Ursachen vorhanden sind, durch die wir uns in dieses Verderben zu stürzen veranlaßt
würden, durch Anreizung des schlauen bösen Feindes plötzlich von einem solchen Kummer
befallen, daß wir nicht einmal die Ankunft unserer liebsten Freunde und nächsten Verwandten
mit der gewohnten Freundlichkeit entgegennehmen können und Alles, was sie in einer
angemessenen Unterhaltung reden, für ungelegen und überflüssig halten. Ja nicht einmal einer
freundlichen Antwort würdigen wir sie: so sehr nimmt die Galle der Bitterkeit alle Winkel
unseres Herzens ein.

5. Nicht fremde, sondern unsere Schuld ruft die unordentlichen Regungen in uns hervor.
Hieraus geht ganz deutlich hervor, daß die Stacheln der Leidenschaften nicht immer durch
fremde Schuld sich in uns regen, sondern vielmehr durch unsere. Denn wir tragen selbst in uns
die Ursache und den Samen der Sünden, der, befeuchtet von dem Regen der Versuchungen,
sofort emporsproßt und Früchte zur Reife bringt.

6. Niemand geht durch plötzlichen, sondern durch wiederholten Fall in die Sünden zu
Grunde.
<s 197>Niemals wird Einer, der durch eines Anderen Schuld gereizt wird, zum Sündigen
gedrängt, wenn er den Stoff zum Sündigen nicht im eigenen Herzen aufbewahrt. Und es darf sich
dann Jemand nicht für plötzlich gefangen halten, wenn er durch den Anblick eines schönen
Weibes in den Abgrund der schändlichen Wollust gefallen ist, sondern bedenken, daß vielmehr
die im Innern versteckten und verborgenen Krankheiten nur bei Gelegenheit des Anblickes
damals an die Oberfläche getreten sind.

7. Zur Erlangung der Vollkommenheit muß man nicht den Umgang mit den Brüdern
meiden, sondern stets die Geduld üben.
Sowohl aus dem angeführten Grunde als auch deßwegen, weil nicht in Andern, sondern in uns
selbst die Wurzeln und Ursachen der Beleidigungen vorhanden sind, hat der Schöpfer aller
Dinge, der sein Geschöpf besser als Alle zu heilen weiß, nicht befohlen, die Gesellschaft der

183
Ps. 132, 2.
184
I. Kor. 3, 16.
185
Hohesl. 1, 16.

88
Mitbrüder zu verlassen, noch Diejenigen, die sich von uns verletzt oder von denen wir uns
beleidigt glauben, zu meiden, sondern zu besänftigen. Denn er weiß, daß man die innere
Vollkommenheit nicht durch Trennung von den Menschen, sondern durch die Tugend der Geduld
erlangt. Wie nämlich diese Tugend, einmal in unserm festen Besitz, uns auch im Frieden mit
Jenen zu erhalten vermag, die den Frieden hassen, so bringt der Mangel derselben uns auch mit
Denen, welche uns an Vollkommenheit überragen, fortwährend in Streit. Denn nie werden im
Umgange mit Menschen die Veranlassungen zu den Erregungen fehlen, um derentwillen wir
Diejenigen zu verlassen eilen, mit denen wir zusammenleben. Deßhalb entgehen wir nicht den <s
198>Ursachen der Betrübniß, wenn wir uns von ihnen trennen, sondern wir ändern sie nur.

8. Bei guten Sitten kann man sich mit Jedermann vertragen.


Daher müssen wir dafür sorgen, daß wir zuvor uns von Fehlern frei zu machen und unsere Sitten
zu bessern bestrebt sind. Denn sind die Fehler einmal sicher beseitigt, so werden wir uns, ich will
nicht sagen mit Menschen, sondern sogar mit wilden Thieren ganz leicht vertragen, wie es im
Buche186 heißt: „Denn die Thiere des Feldes sind im Frieden mit dir.“ Von aussen kommende
kleine Beleidigungen werden wir ja nicht fürchten, noch wird uns kaum ein Anstoß von aussen
gegeben werden, wenn in unserm eigenen Innern die Wurzeln zu einem solchen nicht
aufgenommen und eingepflanzt sind: „denn großer Friede ist Allen, die dein Gesetz lieben, und
nicht ist ihnen ein Anstoß.“187

9. Von einer anderen Betrübniß, welche Verzweiflung am Heile herbeiführt.


Es gibt auch eine andere verabscheuungswürdigere Art von Traurigkeit, welche nicht die
Besserung des Lebenswandels, nicht die Ausrottung der Fehler, sondern der Seele die
verderblichste Verzweiflung eingibt. Diese ließ weder Kain Buße thun nach dem Brudermorde
noch den Judas nach dem Verrath zu dem Mittel der Genugthuung eilen, sondern trieb ihn durch
ihre Verzweiflung dazu, sich mit einem Stricke zu erhängen.

10. Von dem Nutzen der Betrübniß.


<s 199>Darum dürfen wir nur in einer Beziehung die Betrübniß für nützlich erachten, wenn wir
sie entweder aus Reue über unsere Sünden oder aus Verlangen nach Vollkommenheit oder durch
die Betrachtung der künftigen Glückseligkeit erstreben. Von ihr sagt auch der Apostel:188 „Die
Betrübniß, welche nach Gott ist, wirket Buße zu dauerhafter Seligkeit. Die Betrübniß der Welt
aber wirket Tod.“

11. Unterschied zwischen der nützlichen, von Gott kommenden und der verderblichen, vom
Teufel stammenden Betrübniß.
Jene Betrübniß, welche Buße zu dauerhafter Seligkeit wirkt, ist gehorsam, freundlich, demüthig,
mild, sanft und geduldig, da sie ja aus der Liebe zu Gott kommt. Aus Verlangen nach
Vollkommenheit steigert sie sich zu jeglichem körperlichen Schmerze und jeglicher geistigen
Zerknirschung. Gewissermaßen freudig und voll Hoffnung auf ihren Fortschritt sproßt sie empor,
behält so alle Anmuth der Freundlichkeit und Langmuth, in sich selbst aber besitzt sie alle
Früchte des heiligen Geistes, die gleichfalls der Apostel aufzählt:189 „Die Frucht des Geistes aber

186
Joh. 5, 24.
187
Ps. 118, 165.
188
II. Kor. 7, 10.
189
Gal. 5, 22.

89
ist Liebe, Freude, Friede, Langmuth, Güte, Gütigkeit, Treue, Milde, Enthaltsamkeit.“ Die
Betrübniß der Welt aber, ganz ungefällig, ungeduldig, hart, voll Grolles und unnützen Kummers
und sträflicher Verzweiflung, zieht Den, welchen sie umschlungen hat, von der Thätigkeit und
dem heilsamen Schmerze gewaltsam ab; denn sie ist ja unvernünftig und untergräbt nicht nur die
Wirksamkeit des Gebetes, sondern vereitelt auch alle genannten Früchte des Geistes, die jene zu
spenden weiß.

12. Ausser jener heilsamen, aus drei Quellen entspringenden Betrübniß muß jede andere,
als schädlich, vertrieben werden.
<s 200>Ausser jener Betrübniß, der man sich entweder um heilsamer Buße willen oder aus
Streben nach Vollkommenheit oder aus Verlangen nach der künftigen Seligkeit hingibt, müssen
wir jede andere Betrübniß, als der Welt angehörend und geistigen Tod bringend, gerade so
zurückweisen, wie wir den Geist der Unkeuschheit, des Geizes und des Zornes aus unserm
Herzen gänzlich verstoßen müssen.

13. Mittel zur Entfernung der Traurigkeit.


Diese verderbliche Leidenschaft werden wir nur dadurch von uns auszutreiben vermögen, daß
wir unsern Geist beständig mit Betrachtung geistlicher Dinge beschäftigen und durch die
Hoffnung auf das Jenseits und die Betrachtung der verheissenen Glückseligkeit aufrichten. Auf
diese Weise werden wir alle Arten von Betrübniß zu überwinden im Stande sein, mögen sie nun
vorausgebendem Zorne entspringen oder durch das Entgehen eines Gewinnes oder durch einen
erlittenen Schaden an uns herantreten, mögen sie erlittenem Unrechte oder unvernünftiger
Geistesverwirrung ihre Entstehung verdanken oder uns in todbringende Verzweiflung stürzen.
Darum müssen wir im Hinblick auf die Ewigkeit stets freudig und unwandelbar ausharren, uns
weder durch die gegenwärtigen Unfälle niederdrücken noch durch das Glück zum Uebermuth
verleiten lassen und Beides als hinfällig und bald vorübergehend ansehen.

Zehntes Buch: Von dem Geiste der Lauheit.


1. Einleitung.
<s 201>Den sechsten Kampf haben wir gegen die Sünde zu bestehen, welche die Griechen
ακηδία190 nennen, was wir mit <s 202>„Überdruß“ oder „Angst des Herzens“ übersetzen
können. Sie ist verwandt mit der Betrübniß und hauptsächlich mehr den wandernden Mönchen
und Einsiedlern bekannt. Sie tritt für die in der Wüste Lebenden als ein ziemlich heftiger und
häufiger Feind auf, der besonders um die sechste Stunde den Mönch beunruhigt und, wie ein zur
vorherbestimmten Zeit auftretendes Fieber, die brennendste Glut ihrer Anfälle zur gewohnten
und bestimmten Stunde in die kranke Seele schleudert. Ja. einige Greise sagen, es sei der Teufel
am Mittag, von dem im neunzigsten Psalm191 die Rede ist.

190
ακηδία, im Lateinischen taedium, (vergl. Ps. 118, 28: dormitavit anima mea, prae taedio [εν ακηδίας Septuag.], wird neben der Betrübniß
(tristitia) als eine ihr verwandte Hauptsünde aufgeführt, und versteht man darunter den Ueberdruß, die Trägheit und Lauheit im Dienste Gottes.
Der heilige Gregor der Große definirt (in I. Kön, 1, 14) dieselbe als : „Entmuthigung und Erschlaffung beider Menschen (des inneren nämlich, d.
i. der Seele, und des äusseren, d. i. des Leibes) in der löblichen Uebung der Tugend.“ Der heilige Bernard nennt sie „Erschlaffung des Geistes, der
weder das Gute beginnen noch das begonnene vollenden mag.“ Bezüglich der Schuld, welche sie involvirt, bemerkt der heilige Thomas von
Aquin. der sich über dieselbe ausführlich verbreitet (Summa, tbeol. I., II. quaest. 35. orat. 3). Folgendes: „Sie gilt als eine Todsünde, weil sie das
Leben der Seele ertödtet, welches aus der Liebe stammt, vermöge welcher Gott in uns wohnt. Darum ist diese Sünde ihrer Gattung nach eine
Todsünde. denn an sich und kraft ihres eigentümlichen Wesens widerstrebt sie der Liebe.“
191
Ps. 90, 6.

90
2. Wie die Lauheit in das Herz des Mönches sich einschleicht und mit welchen
Zerstreuungen sie seinen Geist bestürmt.
Hat dieser Geist einmal von der unglücklichen Seele Besitz genommen, „so erzeugt er in ihr
Schauder gegen den Aufenthaltsort, Überdruß an der Zelle, veranlaßt den Einsiedler, die nur aus
der Ferne mit ihm verkehrenden Brüder zu vernachläßigen und zu verachten, als seien sie
nachläßig und weniger auf das Geistige gerichtet. Ferner macht dieser Geist der Lauheit den
Mönch zu jeder Arbeit innerhalb der Umzäunung seines Schlafgemaches träge und ungeschickt.
Denn er läßt ihn nicht in der Zelle bleiben noch Mühe auf die Lesung verwenden und seufzt
öfters, daß er Nichts vorwärts bringe, wenn er so lange Zeit in derselben Zelle wohne, und klagt,
daß er keine geistige Frucht erziele, solange er an jene Genossenschaft gebunden sei, daß er jedes
geistigen Gewinnes entbehre und an diesem Orte unfruchtbar sei. Denn obwohl er auch Andere
leiten und gar Vielen nützen könne, habe er noch Niemanden erbaut, und noch Keiner habe aus<s
203>seiner Unterweisung und Belehrung Nutzen gezogen. Entfernte und weit wegliegende
Klöster rühmt er und schildert jene Orte als zum geistigen Fortschritte nützlicher und dem
Seelenheile zuträglicher; auch malt er sich die Gemeinschaft mit den dortigen Brüdern als gar
lieblich und voll geistlicher Unterhaltung aus. Dagegen sei Alles, was man vor sich habe,
unfreundlich, und man finde nicht nur keine Erbauung in den am gegenwärtigen Orte weilenden
Brüdern, sondern nicht einmal die Nahrung des Leibes verschaffe man sich ohne übergroße
Anstrengung. Zuletzt wähnt er sein Heil zu verlieren, wenn er an diesem Orte bliebe und sich
nicht so schnell als möglich aus der Zelle wegbegäbe, in der er bei längerem Aufenthaltern
Grunde gehen würde. Und dann ruft dieser Geist des Überdrusses eine solche körperliche
Ermüdung und ein solches Verlangen nach Speise um die sechste oder fünfte Stunde hervor, daß
es dem armen Mönche vorkommt, als sei er von einer sehr langen Reise oder einer überaus
schweren Arbeit erschöpft und ermüdet, oder als habe er das Essen durch zwei- oder dreitägiges
Fasten hinausgeschoben. Dazu blickt er ängstlich bald hierhin, bald dorthin und klagt, daß gar
kein Mitbruder zu ihm komme, geht öfter aus der Zelle und wieder hinein und schaut häufig nach
der Sonne, als ob sie zu langsam dem Untergange zueile. Und so lagert sich, wie auf die Erde der
Nebel, über seinen Geist gewissermaßen eine vernunftlose Verwirrung. Er wird zu jedem
frommen Werke träge und unfähig, so daß er in nichts Anderem gegen eine solche Anfechtung
ein Schutzmittel zu finden weiß als in dem Besuche eines Bruders und dem einzigen Troste des
Schlafes. Dann sucht diese Krankheit ihn zu überzeugen, es erfordere der Anstand, die Brüder zu
grüßen und die Kranken in der Ferne und Solche, die schon länger krank liegen, zu besuchen.
Auch legt sie gewisse fromme und religiöse Pflichten auf, wie: diese oder jene Verwandten
aufzusuchen und öfter hinzueilen, um sie zu begrüßen; jene fromme und gottgeweihte Frau, die
jeglichen Schutzes und hauptsächlich des Schutzes ihrer Verwandten beraubt sei, öfters zu
besuchen, sei ein großes Werk der Frömmigkeit;<s 204>und wenn eine solche Frau Etwas nöthig
habe, die von den eigenen Eltern vernachläßigt und verachtet werde, so sei es ein sehr frommes
Werk, es ihr zu besorgen, und auf diese Angelegenheiten müsse man mehr Mühe und
Frömmigkeit verwenden, als fruchtlos und ohne allen Fortschritt in der Zelle sitzen.

3. Was ermöglicht der Lauheit den Sieg über den Mönch?


So ist es um die unglückliche, durch solche Anschläge der Feinde gefangene Seele geschehen, so
lange sie von dem Geiste des Ueberdrusses, wie von einem gar starken Widder, ermüdet
entweder in den Schlaf sinken lernt oder, aus den Schranken ihrer Zelle geschleudert, bei dieser
Anfechtung Trost in dem Besuche eines Mitbruders zu suchen gewohnt ist. Denn gerade das
Heilmittel, dessen sie sich für jetzt bedient, wird sie gar bald noch kränker machen. Häufiger
nämlich und heftiger wird der Feind Den angreifen, von dem er weiß, daß er schon beim Beginne
des Kampfes und von ferne die Flucht ergreifen wird, und den er nicht von dem Siege noch von
dem Kampfe, sondern von der Flucht Heil hoffen sieht. Zuletzt läßt sich der Unglückliche nach
und nach aus seiner Zelle ziehen und fängt an, seine Standespflichten zu vergessen, die nichts
Anderes sind als das geistige Schauen und Betrachten jener himmlischen und über Alles
erhabenen Reinheit. Und obwohl er weiß, daß er dieselbe nur in der Stille, durch fortwährendes

91
Verharren in der Zelle und durch Betrachtung erlangen kann, wird er doch schließlich aus einem
Streiter Christi ein Fahnenflüchtiger, mischt sich in weltliche Händel und verscherzt das
Wohlgefallen Dessen, dem er sich geweiht.

4. Der Überdruß verschließt das Auge des Geistes gegen jegliche heilsame Betrachtung.
Alle Nachtheile dieser Krankheit hat schon der heilige <s 205>David in einem Verse
zusammengefaßt: „Es schlief meine Seele vor Ueberdruß“. Sehr eigenthümlich sagt er nicht vom
Leibe, sondern von der Seele, daß sie geschlafen habe. Denn in Wahrheit liegt die Seele in einem
gegen jegliche tugendhafte Betrachtung und jeglichen Blick des geistigen Auges
unempfindlichen Schlafe, wenn sie von dem Pfeile dieser Leidenschaft verwundet ist.

5. Ein zweifacher Überdruß zeigt sich im geistigen Kampfe.


Darum muß der wahre Streiter Christi, der den Kampf der Vollkommenheit rechtmäßig kämpfen
will, diese Krankheit auch aus den geheimsten Winkeln seiner Seele eiligst vertreiben und gegen
diesen nichtswürdigen Geist des Ueberdrusses in diesen beiden Beziehungen kämpfen, daß er
weder, von den Pfeilen des Schlafes getroffen, hinsinke noch aus den Schranken des Klosters
sich vertreiben lasse und, unter welchem scheinbaren Vorwand es auch immer sein möge, es als
Flüchtling verlasse.

6. Von den verderblichen Wirkungen der Lauheit.


Wen und in welcher Hinsicht auch immer dieser Fehler zu überwinden begonnen hat, den wird er
entweder als einen Trägen und Unthätigen ohne allen Fortschritt im geistlichen Leben bei sich in
der Zelle zurückhalten oder, wenn er ihn daraus vertrieben, ihn alsdann flüchtig und unstät und zu
jeder Arbeit träge machen und ihn veranlassen, beständig die Zellen der Brüder und die Klöster
zu besuchen und sich um nichts Anderes zu kümmern, als wo und unter welchem Vorwande er
eine Gelegenheit zu einer baldigen Mahlzeit sich verschaffen könne. Denn der Geist des Müßigen
weiß an nichts Anderes zu denken als an Essen und den Bauch, bis er einmal die Gesellschaft
eines in gleiche Lauheit versunkenen Mannes oder einer Frau gefunden hat, in deren <s
206>Angelegenheiten und Bedürfnisse er sich eindrängt. So allmählig in sündhafte
Beschäftigungen verstrickt wird er gleichsam von Schlangenwindungen umschlungen, aus denen
er sich nimmermehr zur ehemaligen Vollkommenheit seines Standes entwirren kann.

7. Zeugnisse des Apostels über den Geist der Lauheit.


Diese Krankheit, welche aus dem Geiste der Lauheit hervorgeht, sah der heilige Apostel Paulus
als wahrer Seelenarzt schon damals heranschleichen, und durch Offenbarung des heiligen Geistes
wurde ihm im Voraus gezeigt, wie sie unter den Mönchen emportauchen würde; darum eilte er,
ihr durch die heilsamen Arzneien seiner Vorschriften vorzubeugen. Im Briefe an die
Thessalonicher pflegte er zuerst, wie ein kundiger und vollendeter Arzt, die Krankheit der
Neuaufgenommenen durch die sanfte und milde Heilmethode des Wortes, und mit der Liebe
beginnend lobt er sie in diesem Stücke, bis die durch ein sanfteres Mittel gelinderte tödlliche
Wunde die Geschwulst der Entrüstung verloren hat und nun leichter strengere Mittel erträgt; denn
er schreibt:192„Ueber die brüderliche Liebe haben wir nicht nöthig, euch zu schreiben; denn ihr
selbst seid von Gott belehrt, euch einander zu lieben. Denn ihr erweiset ja Solches gegen alle
Brüder in ganz Macedonien.“ Er schickt die Linderungsmittel des Lobes voraus, macht ihre

192
I. Thess. 14, 9 f.

92
Ohren zur Heilung durch das heilsame Wort ruhig und bereit. Wiederum sagt er:193 „Wir bitten
euch aber, Brüder, daß ihr darin noch mehr zunehmet.“ Noch schmeichelt er ihnen mit der
sanften Linderung der Worte, um sie nicht etwa noch ungeeignet zur Annahme vollkommener
Heilung zu finden. Warum bittest du, o Apostel, daß sie darin noch mehr zunehmen sollen, in der
Liebe nämlich, von der du oben sagtest: „Ueber<s 207>die Bruderliebe aber bedarf es nicht, daß
wir euch schreiben“ ? Und was brauchst du zu sagen: „Wir bitten euch aber, daß ihr noch mehr
zunehmet,“ da sie nicht einmal nöthig haben daß ihnen hierüber Etwas geschrieben werde, zumal
da du auch den Grund angibst, warum sie dessen nicht bedürfen indem du sagst: „Denn ihr selbst
seid von Gott gelehrt, euch einander zu lieben.“ und als dritten noch stärkeren Grund beifügst,
daß sie nicht nur von Gott belehrt seien, sondern auch im Werke diese Lehre betätigten? Denn ihr
erweiset Das ja, sagst du, nicht an einem oder zweien Brüdern, sondern gegen alle Brüder, nicht
nur gegen eure Mitbürger und Bekannten, sondern gegen die Brüder in ganz Macedonien. Sag'
also endlich, warum schickst du Dieses so angelegentlich voraus? - Wieder sagt er: „Wir bitten
euch aber, Brüder, daß ihr noch mehr darin zunehmet.“ Und mit Mühe bricht er endlich mit Dem
hervor, was er zuvor so sehr milderte: „Und daß ihr euch bemühet, ein ruhiges Leben zu
führen.“194Die erste Ursache hat er eben genannt. Nun gibt er die zweite an: „Und daß ihr euren
eigenen Geschäften oblieget.“ Auch die dritte: „Und euch nähret mit eurer Hände Arbeit, wie ich
euch befohlen habe;“195 die vierte: „Daß ihr einen anständigen Wandel führet vor Denen, welche
draussen sind;“196 die fünfte: „Und daß ihr Niemandes bedürfet.“197 Ja, hier erkennt man den
Grund jenes Zögerns. das den Apostel veranlaßte. vermittelst solcher einleitenden Bemerkungen
Das hinauszuschieben, was er mit Schmerzen in seiner Brust barg. „Und bemühet euch, ein
ruhiges Leben zu führen.“ d. b. bleibet in euren Zellen und laßt euch nicht beunruhigen durch
verschiedene Gerüchte, welche aus den Wünschen und dem Gerede der Müssiggänger
hervorgehen; aber bereitet auch Andern keine Beunruhigungen. „Und daß ihr euren eigenen
Geschäften oblieget;“ daß ihr euch nicht aus Neugierde um die Werke der Welt kümmern<s
208>möget und. indem ihr die Unterhaltungen verschiedener Leute erforschet, eure eigene
Thätigkeit auf eure Besserung und die Pflege der Tugend, nicht aber auf die Verleumdung der
Brüder richten möget. „Und ernähret euch mit eurer Hände Arbeit, wie ich euch befohlen habe:“
damit nicht Das eintreffe, wovor er oben gewarnt hatte, nämlich damit sie sich nicht der Unruhe
überließen und sich um fremde Angelegenheiten kümmerten, noch einen unanständigen Wandel
führten vor Denen, welche draussen sind, noch Jemandes bedürften; darum fügt er jetzt noch bei:
„und daß ihr arbeitet mit euren Händen, wie ich euch befohlen habe.“ Denn damit bezeichnet er
den Müssiggang als die Ursache, weßhalb Das geschehe, was er oben getadelt hat. Keiner
nämlich kann weder der Unruhe sich überlassen noch sich um fremde Angelegenheiten
kümmern, es sei denn, daß er sich nicht dazu bequeme, bei seiner Hände Arbeit auszuharren.
Noch eine vierte Krankheit führt er an, die dem Müssiggange entsproßt, nämlich den
ungeziemenden Lebenswandel, indem er sagt: „Und daß ihr einen wohlanständigen Wandel
führet vor Denen, welche draussen sind.“ Denn nimmermehr, auch nicht vor Weltleuten kann
Derjenige anständig auftreten, der nicht seine Zufriedenheit darin findet, hinter dem Riegel seiner
Zelle bei der Arbeit seiner Hände zu verharren; sondern er ist nothwendig jeder
Wohlanständigkeit bar, indem er seinen Lebensunterhalt erbettelt. Er befleißt sich auch der
Schmeichelei, jagt nach Neuigkeiten, sucht Veranlassungen zu Plaudereien und Erzählungen,
durch die er sich Zugang und die Möglichkeit verschafft, in verschiedener Leute Häuser
einzudringen. „Und daß ihr Niemandes bedürfet.“ Es kann nicht ausbleiben, daß Der nach
Anderer Gaben und Geschenken verlangt, der an der frommen und ruhigen Arbeit seines
Handwerkes kein Gefallen findet, wodurch er sich seinen täglichen Lebensunterhalt erwerben
soll. - Seht ihr, wie so viele, so verderbliche und schimpfliche Dinge aus dem Schmutze des
Müssiggangs hervorgehen? wie der Apostel gerade Diejenigen, an denen er in seinem ersten
Briefe die mildernde und gleichsam streichelnde Heilmethode vermittelst des Wortes <s

193
Ebend., V.10.
194
I. Thess. 14, 10.
195
Ebend. V. 11.
196
Ebend.
197
Ebend.

93
209>versucht hatte, im zweiten Briefe, gleichsam als hätten sie bei leichteren Heilmitteln keine
Fortschritte gemacht gewissermaßen mit schärferen und einschneidenden Mitteln zu heilen sich
anschickt? Nun schickt er kein Linderungsmittel sanfter Worte mehr voraus, keine zarten und
einschmeichelnden Reden, wie dort: „Wir bitten euch aber, Brüder.“ sondern: „Wir befehlen euch
im Namen unsers Herrn Jesu Christi daß ihr euch fern haltet von jedem Bruder, der einen
unordentlichen Wandel führt.“198 Dort bittet, hier befiehlt er; dort spricht die Stimme des
Liebkosenden, hier der Ernst des Beschwörenden und Drohenden: „Wir gebieten euch, Brüder!“
Weil ihr ehedem auf Bitten zu hören verschmähet habt, so gehorchet jetzt den Befehlen! Und
diesen Befehl spricht er jetzt nicht mit nackten Worten aus. sondern begleitet ihn mit der
furchtbaren Beschwörung des Namens unsers Herrn Jesu Christi, aus Furcht, sie möchten diesen
Befehl als den einfachen Ausspruch eines Menschen wieder verachten und auf seine Vollziehung
keinen großen Werth legen. Und wie ein geschickter Arzt schickt er sich alsbald an. die
ungesunden Glieder, denen er kein gelindes Heilmittel beibringen konnte, durch die Anwendung
des geistigen Messers zu heilen, indem er spricht: „Haltet euch fern von jedem Bruder, der einen
unordentlichen Lebenswandel führt und nicht wandelt nach der Ueberlieferung, die sie von uns
empfangen haben.“ Er befiehlt also, sich fern zu halten von Denen, die nicht der Arbeit obliegen
wollen, und die durch die Fäulniß des Müssiggangs verdorbenen Glieder wegzuschneiden, damit
nicht die Krankheit der Trägheit wie eine todbringende Ansteckung auch die gesunden Glieder
durch den an sie herandringenden Eiter verderbe. Vernehmet nun, wo er von Denen reden will,
welche nicht mit ihren Händen arbeiten und ihr Brod in der Stille essen wollen, und von denen er
ebenfalls sich ferne zu halten gebietet, mit welchen Vorwürfen er Diese gleich im Anfang
gleichsam brandmarkt! <s 210>Zuerst nennt er sie ungeordnet und sagt, sie wandelten nicht nach
seiner Überlieferung, mit andern Worten: er bezeichnet sie als hartnäckig, da sie nicht nach seiner
Unterweisung wandeln wollten, und als unanständig, d. h. als Solche, die weder für einen
Ausgang, noch für einen Besuch, noch für ein Gespräch eine passende und geziemende
Gelegenheit wahrten. Allen diesen Fehlern unterliegt nothwendig jeder Unordentliche. — „Und
nicht nach der Überlieferung, die sie von uns empfangen.“ Hiermit brandmarkt er sie
gewissermaßen als Empörer und Verächter, da sie die von ihm empfangene Überlieferung zu
beobachten verschmähten und Das nicht nachahmen wollten, was, wie sie sich erinnerten, ihr
Meister nicht bloß gelehrt, sondern auch, wie sie wußten, in der That vollbracht habe. „Denn ihr
wisset selbst, wie ihr uns nachahmen sollt.“199 Einen unermeßlichen Haufen von Tadel schüttet er
auf, indem er behauptet, daß sie Das nicht beobachten, was in ihrem Gedächtnisse eingeprägt sei,
und daß sie nicht nur durch das Wort, das sie in der Nachahmung unterweise, gelernt, sondern
auch durch die Ermunterung des thatsächlichen Beispieles überkommen hätten.

8. Unruhig ist nothwendig Jeder, welcher in der Handarbeit keine Befriedigung finden will.

„Wir (der Apostel und seine Begleiter) lebten nicht in Unruhe unter euch.“200 Dadurch, daß er
gearbeitet, will der Apostel beweisen, daß er kein unruhiges Leben unter ihnen geführt habe.
Hiedurch gibt er deutlich zu verstehen, daß Diejenigen, welche nicht arbeiten wollen, in Folge
des Müssiggangs stets in Unruhe seien. „Und nicht haben wir umsonst Brod bei Jemandem
gegessen.“201 Mit jedem einzelnen Worte erweitert der Völkerapostel seine Auslegung. Nicht
umsonst habe er Brod bei Jemandem gegessen, sagt <s 211>der Verkünder des Evangeliums, der
doch des Herrn Gebot kennt, daß, wer das Evangelium verkünde, auch von dem Evangelium
leben solle,202 und jenes andere Wort: „Werth ist der Arbeiter seines Unterhaltes.“203 Wenn also
der Verkündiger des Evangeliums bei der Ausübung eines so erhabenen und geistigen Werkes
keinen Anspruch auf freiwillige Spendung des Unterhaltes machte, obwohl er, gestützt auf des

198
II. Thess. 3, 6.
199
II. Thess. 3, 7.
200
II. Thess. 3, 7.
201
II. Thess. 3, 8.
202
I. Kor. 9, 14.
203
Matth. 10, 10.

94
Herrn Gebot, es gekonnt hätte: was werden wir thun müssen, die wir nicht mit der Verkündigung
des Evangeliums betraut sind, sondern einzig nur für unser Seelenbeil besorgt sein sollen? Mit
welcher Zuversicht werden wir mit müßigen Händen und umsonst das Brod zu essen wagen,
welches das Gefäß der Auserwählung (der heilige Paulus), obwohl mit der Sorge und Predigt des
Evangeliums beschäftigt, ohne es mit seiner Hände Arbeit erworben zu haben, nicht zu essen
wagt? „Vielmehr unter Anstrengung und Ermüdung.“ sagt er, „waren wir Tag und Nacht thätig,
um Keinem von euch lästig zu sein.“ Er treibt seine Züchtigung noch viel weiter. Denn nicht sagt
er einfach: „nicht essen wir Brod umsonst von euch,“ um hierbei stehen zu bleiben. Es konnte
nämlich den Anschein haben, als habe er von seinen eigenen und zwar nicht durch Arbeit
errungenen Mitteln und von verborgenem Gelde oder auch von Beiträgen und Geschenken
Anderer, wenn auch nicht gerade dieser Christen gelebt. „Vielmehr unter Anstrengung und
Ermüdung,“ sagt er. „waren wir Tag und Nacht thätig,“ d. h. wir lebten im eigentlichen Sinne von
unserer Arbeit. Und Das, sagt er, vollbrachten wir nicht nach unserm eigenen Willen und zur
Erholung, wie es das Bedürfniß nach Ruhe und die körperliche Anstrengung wünschte, sondern
wie die Noth und der Mangel an Lebensmitteln nicht ohne große körperliche Ermüdung uns dazu
drängte. Denn nicht nur den ganzen Tag hindurch, sondern auch zur Nachtzeit, die der Ruhe des
Leibes gewidmet scheint, betrieben wir unaufhörlich<s 212> diese Arbeit zur Beschaffung
unseres Lebensunterhaltes.

9. Nicht nur der Apostel, sondern auch seine Begleiter beschäftigten sich mit Handarbeit.
Wie der Apostel bezeugt, führte er nicht allein unter ihnen eine solche Lebensweise; denn wenn
es nur durch des Apostels Beispiel überliefert wäre, würde dieses Vorbild nicht so groß und
allgemein dastehen. Nein, auch Diejenigen, die mit ihm zum Dienste des Evangeliums bestimmt
waren, nämlich Silvanus und Timotheus, die das Obige (im Briefe an die Thessalonicher) mit
ihm schreiben, haben nach seiner Versicherung sich gleicher Arbeit unterzogen. Auch dadurch,
daß er sagt: „Damit wir Niemandem von euch zur Last fallen.“ flößt er ihnen eine große
Ehrfurcht ein. Denn wenn der Verkündiger des Evangeliums, der dasselbe zugleich durch seine
Würde und Tugenden empfiehlt, „um Niemandem zur Last zu fallen.“ sein Brod nicht umsonst
zu essen wagt, wie sollen Jene sich selbst zu belästigen glauben, die dasselbe täglich trotz
Müssiggang und Unthätigleit beanspruchen?

10. Der Apostel erwarb sich seinen Unterhalt mit seiner Hände Arbeit, um uns ein Beispiel
zu geben.

„Nicht als ob wir keine Macht gehabt hätten, sondern um uns euch als Vorbild hinzustellen,
damit ihr uns nachahmt.“204 Hiermit legte er die Ursache dar, weßhalb er sich so viele Arbeit
auferlegt habe. „Um euch.“ sagt er. „ein Vorbild zu geben, um uns nachzuahmen,“ damit, wenn
ihr vielleicht die oft zu euren Ohren gedrungene, vermittelst Worten vorgetragene Lehre
vergessen solltet, ihr wenigstens <s 213>die in unserem Wandel euch vor Augen tretenden
Beispiele wohl im Gedächtnisse behalten möget. Kein geringer Tadel für sie liegt auch in der
Bemerkung, daß er nur des Beispiels wegen dieser körperlichen Ermüdung und Beschwerde sich
Tag und Nacht unterzogen habe, und daß nichtsdestoweniger Jene sich nicht belehren lassen
wollten, derentwegen, ohne es nöthig zu haben, er sich zu einer solchen Ermüdung veurtheilte.
Ja, sagt er, obwohl wir Macht besaßen und uns euer aller Mittel und Vermögen zu Gebote stand
und die Erlaubniß des Herrn, davon Gebrauch zu machen, mir recht wohl bekannt war, habe ich
doch diese Gewalt nicht angewandt, damit nicht Das, was von mir in guter und erlaubter Weise
geschähe, Andern ein Beispiel sündhaften Müssiggangs böte. Und deßhalb zog ich es vor, bei der
Verkündigung des Evangeliums mich mit der Arbeit meiner Hände zu nähren, um auch euch, die
ihr die Bahn der Tugend wandeln wollet, den Weg der Vollkommenheit zu bahnen und durch
meine beschwerliche Arbeit ein Vorbild gottgefälligen Wandels vor Augen zu stellen.
204
II. Thess. 3, 9.

95
11. Durch sein Beispiel wie durch Worte ermahnt der Apostel zur Arbeit.
Aber damit es nicht den Anschein habe, als wolle er sie bloß durch schweigende Arbeit und
durch Beispiele belehren, ohne sie durch Ermahnungen und Vorschriften unterwiesen zu haben,
fügt er bei: „Denn auch als wir bei euch waren, geboten wir euch Dieß; denn wer nicht arbeiten
will, der soll auch nicht essen.“205 Noch mehr hebt er die Trägheit Jener hervor, die ihn zwar als
einen guten Lehrer kennen, der nur um der Lehre und Unterweisung willen mit seinen Händen
arbeite, ihn aber dennoch nachzuahmen verschmähen. Ebenso betont er seine Sorgfalt und
Behutsamkeit, indem er sagt, daß er nicht bloß bei seiner Anwesenheit <s 214>ihnen dieses
Beispiel gegeben, sondern auch stets mit Worten gepredigt habe, daß, wer nicht arbeiten wolle,
auch nicht essen solle.

12. Der Apostel begnügt sich nicht mit der bloßen Mahnung, sondern bringt auch Autorität
und Gebot zur Anwendung.
Nun läßt er sich ihnen gegenüber nicht mehr von dem Rathe des Lehrers und Arztes leiten,
sondern mit der Strenge eines richterlichen Ausspruches zieht er gegen sie los; und nachdem er
die apostolische Gewalt wieder an sich gezogen, spricht er, wie vom Richterstuhle herab, gegen
die Verächter seines Wortes das Urtheil aus, und zwar mit jener Gewalt, von der er in seinem
drohenden Schreiben an die Korinther behauptet, daß er sie von Gott empfangen, wo er sie, die in
Sünden gefallen waren, mahnt, sich vor seiner Ankunft eiligst zu bessern, und folgendes Gebot
gibt:206 „Ich bitte euch, lasset nicht zu, daß ich bei meiner Ankunft gegen Einige vorzugehen
gezwungen werde, mit jener Gewalt, die mir über euch gegeben worden ist.“ Und wiederum:207
„Wenn ich mich in Etwas der Gewalt rühmen sollte, die mir der Herr gegeben hat zu eurer
Erbauung, nicht zu eurer Zerstörung, so würde ich mich nicht schämen.“ Mit jener Gewalt, sage
ich, befiehlt er: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.“ Dazu verpflichtet er sie nicht
mit einem irdischen Schwerte, sondern kraft des Ansehens des heiligen Geistes untersagt er ihnen
den Unterhalt dieses Lebens, damit, wenn sie etwa gar nicht an die Strafen des ewigen Todes
denken und aus Liebe zum Müssiggang gar noch hartnäckig bleiben sollten, sie wenigstens durch
die Forderung der Natur und die Furcht vor zeitlichem Untergang gezwungen, heilsame
Vorschriften anzunehmen sich genöthigt sähen.

13. Über die Worte: „Wir haben gehört, daß Einige unter euch sind, die einen unruhigen
Lebenswandel führen“.
<s 215>Nach einem so strengen evangelischen Richterspruche legt er nunmehr die Ursache dar,
weßhalb er Dieß alles vorausgeschickt habe: „Wir haben nämlich gehört, daß Einige unter euch
sind, die einen unruhigen Lebenswandel führen. Nichts arbeiten, sondern aus Neugierde
handeln.“ Nirgends begnügt er sich, die Arbeitsscheuen als Solche zu bezeichnen, die nur durch
eine Krankheit verdorben sind. Denn im ersten Briefe nennt er sie „ungeordnet“ und sagt, sie
wandelten nicht nach der Überlieferung, die sie von ihm empfangen hatten; auch bezeichnet er
sie als „Unruhige“ und sagt, sie aßen ihr Brod umsonst. Wiederum sagt er hier: „Wir haben
gehört, daß Einige unter euch einen unruhigen Lebenswandel führen.“ Und er fügt sofort die
zweite Krankheit bei, welche die Wurzel dieser Unruhe ist; er sagt: „Die Nichts arbeiten;“ auch
die dritte Krankheit, die aus dieser wie ein Zweig hervorwächst: „sondern die aus Neugierde
handeln.“

205
II. Thess. 3, 10.
206
II. Kor. 10, 2.
207
Ebend. V. 8.

96
14. Die Arbeit beseitigt viele Sünden.
Daher beeilt sich der Apostel, jetzt ein dem Zündstoffe so großer Fehler angemessenes
Besserungsmittel anzuwenden. Nachdem er die kurz vorher angewandte apostolische Macht
niedergelegt, kehrt er wiederum zur Gesinnung eines gütigen Vaters und milden Arztes zurück
und reicht den jungen Christen, wie seinen Söhnen und Gästen, vermittelst heilsamen Rathes die
Heilmittel zur Gesundheit, indem er spricht:208 „Denen aber, welche so sind, befehlen wir und
beschwören sie im Herrn Jesu, daß sie stille arbeitend ihr Brod essen.“ Die Ursache so großer
Geschwüre, welche aus der <s 216>Wurzel des Müssiggangs emporschießen, heilte er, wie ein
kundiger Arzt, ganz allein durch das heilsame Gebot der Arbeit. Denn er weiß, daß die übrigen
auf demselben Rasen emporsprossenden Krankheiten alsbald verschwinden müssen, wenn der
Ursprung der Hauptkrankheit beseitigt ist.

15. Auch gegen die Müssigen und Nachläßigen muß man die Nächstenliebe üben.
Nichts destoweniger will der heilige Paulus, wie ein überaus scharfsichtiger und besorgter Arzt,
nicht bloß die Wunden des Kranken, sondern auch die Gesunden heilen. Um ihre Gesundheit
dauernd bewahren zu können, empfiehlt er ihnen auf gleiche Weise entsprechende Vorschriften
mit den Worten:209 „Ihr aber wollet nicht ablassen. Gutes zu thun.“ Ihr, die ihr uns d. i. unserm
Wandel folgend den euch hinterlassenen Beispielen durch gleiche Uebung der Arbeit
nachkommet und keineswegs der Trägheit und Unthätigkeit Jener folget, „wollet nicht ablassen.
Gutes zu thun.“ d. h. eure Nächstenliebe unbeirrt an denselben auszuüben, wenn sie auch
vielleicht unsere Worte zu beobachten versäumt haben. — Wie er also Jene, die krank waren,
geheilt hat, damit sie nicht, durch Müssiggang erschlafft, der Unruhe und Neugierde sich
hingäben, so ermahnt er die Gesunden im Voraus, ihre Nächstenliebe, die wir nach des Herrn
Gebot Guten und Bösen erweisen sollen, falls einige Böse sich zur gesunden Lehre bekehren
wollten, denselben nicht zu entziehen, sondern nicht aufzuhören, ihnen wohlzuthun und sie zu
pflegen sowohl durch tröstende und zurechtweisende Reden, als durch die gewohnten
Wohlthaten und Liebe.

16. Nicht aus Haß, sondern aus Liebe muß man die Fehlenden zurechtweisen.
<s 217>Aus Furcht, es möchten Einige durch seine Milde veranlaßt werden, seinen Geboten den
Gehorsam zu verweigern, verbindet er wiederum apostolische Strenge mit ihr: „Wenn aber
Jemand meinem Worte nicht gehorcht, so gebt ihn mir in einem Briefe an und verkehrt nicht mit
ihm, damit er beschämt werde.“ Bei der Ehrfurcht gegen ihn und bei dem Wohle Aller ermahnt er
seine Schüler an ihre Pflichten und schärft ihnen ein, mit welcher Behutsamkeit sie die Gebote
der Apostel beobachten müssen. Doch mit dieser nachdrücklichen Strenge verbindet er sofort die
Milde eines ganz nachsichtigen Vaters und belehrt sie wie Söhne, welche Gesinnungen sie gegen
die oben Bezeichneten um der Liebe Christi willen hegen müßten. „Jedoch erachtet ihn nicht als
Feind, sondern weiset ihn zurecht als Bruder!“210 Mit der Strenge des Richters vereinigte er die
Milde des Vaters, und den mit apostolischer Strenge gesprochenen Richterspruch mäßigte er mit
gütiger Milde. Denn er befiehlt sogar Denjenigen zu bezeichnen, der seinen Geboten den
Gehorsam verweigert habe, und den Umgang mit demselben zu meiden; und doch gebietet er,
daß Dieß nicht aus Haß geschehen solle, sondern aus brüderlicher Liebe und zu seiner Besserung.
„Gehet nicht mit ihm um.“ sagt er, „damit er beschämt werde“ — auf daß er, wenn er nicht durch
meine Gebote sich bessern ließ, wenigstens durch gänzliche öffentliche Abgeschiedenheit von
eurer Seite beschämt endlich zum Wege des Heils zurückzukehren beginne.

208
II. Kor. 10, 12.
209
II. Kor. 10, 13.
210
II. Kor. 10, 15.

97
17. Verschiedene Zeugnisse des Apostels, in denen er die Arbeit gebietet und bezeugt, selbst
gearbeitet zu haben.

Auch im Briefe an die Ephesier211 gibt der Apostel <s 218>ebenfalls bezüglich der Arbeit
folgendes Gebot: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, vielmehr arbeite er angestrengt mit
seinen Händen, was gut ist, damit er habe, wovon er den Nothleidenden mittheilen kann.“
Ähnlich finden wir auch in der Apostelgeschichte,212 daß er gerade Dasselbe nicht bloß gelehrt,
sondern auch thatsächlich vollbracht habe. Denn als er nach Korinth gekommen war, nimmt er
nur bei Aquila und Priscilla seinen Aufenthalt, und zwar deßhalb, weil sie in demselben Gewerbe
arbeiteten, welches er zu betreiben gewohnt war. Denn so heißt es: „Hierauf verließ Paulus Athen
und kam nach Korinth, und als er daselbst einen Juden fand, Namens Aquila. einen Patier von
Geburt, und dessen Gattin Priscilla, ging er zu ihnen, weil sie dasselbe Gewerbe betrieben,
wohnte bei ihnen und arbeitete. Sie waren nämlich Zeltmacher.“

18. Soviel arbeitete der Apostel, als es ihm zur Befriedigung seiner und seiner Gefährten
Bedürfnisse hinzureichen schien.
Hierauf ging er nach Milet, schickte von da nach Ephesus, berief die Priester der Kirche von
Ephesus zu sich, gab ihnen Befehle, wie sie in seiner Abwesenheit die Kirche regieren sollten,
und sprach:213 „Gold und Silber habe ich von Keinem begehrt; ihr selbst wisset, daß Alles, was
ich und meine Genossen nöthig hatten, mir diese meine Hände verschafft haben. In Allem habe
ich gezeigt, daß man, also arbeitend, sich müsse der Schwachen annehmen und eingedenk sein
der Worte des Herrn Jesu, da er selber gesprochen: Seliger ist es zu geben als zu empfangen.“ Ein
großes Beispiel gottgefälligen Wandels hinterließ er uns, indem er bezeugt durch seine Arbeit
nicht bloß Das erworben zu haben, was zur Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse, sondern
auch derer seiner Genossen diente, jener nämlich, die täglich mit <s 219>nothwendigen Arbeiten
beschäftigt keine Gelegenheit fanden, auf gleiche Weise mit ihrer Hände Arbeit dasselbe sich zu
verschaffen. Und wie er in seinem (zweiten) Briefe an die Thessalonicher versichert, gearbeitet
zu haben, um ihnen ein Vorbild zu geben, das sie nachahmen sollten, so deutet er auch hier etwas
Derartiges an. indem spricht: „In Allem habe ich gezeigt, daß man, also arbeitend, sich müsse der
Schwachen annehmen,“ nämlich sowohl der leiblich als auch der geistig Schwachen, d. h. daß
man lieber mit seiner Arbeit und mit den durch den Schweiß seiner Arbeit erworbenen Mitteln als
von dem Haufen des Ueberflusses und von zurückgelegtem Gelde oder gar mit fremder
Freigebigkeit und fremdem Gute dieselben unterstützen soll.

19. Über den Sinn des Wortes: „Glückseliger ist es zu geben als zu empfangen.“
Und geradezu nennt er Dieß des Herrn Gebot: „Denn,“ sagt er. „er selbst, nämlich der Herr Jesus,
sprach: Seliger ist es zu geben als zu empfangen.“ Das heißt: Seliger ist die Freigebigkeit des
Schenkenden als der Mangel des Empfangenden, wenn erstere nicht mit Geld, das man aus
Unglauben und Mißtrauen zurückgelegt hat, geübt wird, sondern aus der Frucht eigener Arbeit
und frommer Anstrengung hervorgeht. Und deßhalb ist es seliger zu geben als zu empfangen;
denn obgleich, welcher gibt, die Armuth Desjenigen besitzt, welcher empfängt, so beeilt er sich
dennoch, mit der eigenen Arbeit nicht nur seine eigenen Bedürfnisse zu bestreiten, sondern auch
Das, was er dem Dürftigen schenkt, mit frommer Besorgniß zu erwerben. Ihn ziert eine doppelte
Gnade: erstens, weil er die vollkommene Armuth Christi besitzt, da er sich aller seiner Güter
beraubt: zweitens, weil er die Freigebigkeit eines Reichen übt durch seine Arbeit und Gesinnung.

211
Ephes. 4, 28.
212
Apostelg. 18, 1.
213
Apostelg. 20, 33 ff.

98
Dieser ehrt Gott mit seinem frommen Werke und opfert ihm von den Früchten seiner
Gerechtigkeit; Jener aber, in die Erstarrung des Müssiggangs und der Unthätigteit versunken,
erweiset sich nach des Apostels <s 220>Ausspruch auch der Speise des Brodes unwürdig; denn
gegen des Apostels Verbot dem Müssiggange stöhnend kann er ohne Sündenschuld und Schmach
auf dieselbe keinen Anspruch machen.

20. Von einem trägen Bruder, der Andere zum Austritte aus dem Kloster zu verlocken
suchte.
Ich kenne einen Bruder, dessen Namen ich auch nennen würde, wenn Dieß zur größeren
Belehrung beitragen würde. Als dieser im Kloster weilte und sich genöthigt sah, die ihm
aufgegebene Arbeit täglich an den Oekonomen abzuliefern, bemerkte er einen jüngst in's Kloster
eingetretenen Bruder, der, voll Eifer und Vertrauen, sich zu noch mehr Arbeit anheischig machen
wollte. Um nun nicht durch dessen Beispiel, da er eifriger arbeitete, zu einem nach größeren
Maße von Arbeit gedrängt und beschämt zu werden, suchte er, falls es ihm gar nicht gelingen
sollte, ihn durch heimliches Zureden von diesem Vorhaben abzubringen, ihn durch schlechte
Rathschlüsse und Einflüsterungen zu überreden, von diesem Orte wegzuwandern. Und um ihn
noch leichter zu entfernen, stellte er sich, als wolle auch er wegen ehemaliger vielfältiger
Beleidigungen weggehen, wenn er einen tröstenden Begleiter für den Weg gefunden habe. Und
als er durch heimliche Verläumdungen des Klosters ihm die Einwilligung entlockt hatte, gab er
ihm die Stunde, zu welcher er das Kloster verlassen, und den Ort an, wohin er ihm vorausgehen
solle, um ihn zu erwarten, während er selbst dort blieb unter dem Anscheine, als wolle er ihm
gleich folgen. Während nun Jener aus Scham nicht mehr in's Kloster zurückzukehren wagte, aus
dem er entflohen war, blieb der Urheber seiner Flucht ruhig im Kloster sitzen. Dieses eine
Beispiel von einer solchen Menschenklasse mag hinreichen zur Warnung der Anfänger, auf daß
man es noch deutlicher erkenne, wie viele Uebel der Müssiggang nach dem Worte der heiligen
Schrift im Herzen <s 221>des Ordensmannes erzeugt, und wie sehr böse Gesellschaften gute
Sitten verderben.

21. Verschiedene Aussprüche Salomons gegen die Trägheit.


Dieses Laster des Müssiggangs brandmarkt vielfach und ganz offen auch der weise König
Salomon, indem er spricht:214 „Wer dem Müsstggange nachgeht, wird mit Armuth erfüllt
werden,“ mit leiblicher nämlich und mit geistiger, die jeden Trägen und in verschiedene andere
Laster versunkenen Menschen erfassen muß und ihn fernhält von der Betrachtung Gottes und den
geistigen Reichthümern, von denen der heilige Apostel sagt:215 „Denn in Allem wurdet ihr reich
in ihm, in jeglichem Worte und jeglicher Erkenntniß.“ Von dieser Armuth des Müssigen aber
heißt es auch an einer andern Stelle:216 „Und es wird bekleidet werden mit einem zerlumpten und
zerrissenen Tuche jeder Schläfrige.“ Denn ohne Zweifel wird er nicht mit jenem unversehrten
Kleide geschmückt zu werden verdienen, bezüglich dessen der Apostel befiehlt:217 „Ziehet den
Herrn Jesum Christum an;“ und wiederum:218 „Bekleidet mit dem Panzer der Gerechtigkeit und
Liebe,“ und von dem der Herr zu Jerusalem durch den Propheten219 spricht: „Erhebe dich, erhebe
dich, Jerusalem, ziehe an die Kleider deiner Herrlichkeit!“ Wer immer, von dem Schlafe des
Müssiggangs und der Trägheit überwältigt, nicht mit dem Werke seines Fleisses, sondern lieber
mit den Lumpen der Trägheit sich bedecken will, die er abreißt von der vollkommenen Fülle und
dem Leibe der heiligen Schriften, der begehrt nicht das Kleid der Herrlichkeit und Zierde,

214
Sprichw. 28, 19.
215
I. Kor. 1, 5.
216
Sprichw. 23, 21 nach der Septuag.
217
Röm. 13, 14.
218
I. Thess. 5, 8.
219
Is. 52, 1.

99
sondern die schmähliche Hülle der Entschuldigung für seine Trägheit. Denn Diejenigen, welche,
durch diese Trägheit erschlafft, sich nicht von <s 222>der Arbeit ihrer Hände nähren wollen, was
doch der Apostel that und uns zu thun befahl, bedienen sich stets einiger Stellen der heiligen
Schrift, vermittelst welcher sie einen Schleier über ihre Trägheit werfen, indem sie sagen, es sei
geschrieben:220 „Bemühet euch nicht um eine vergängliche Speise. sondern um jene, die bleibt
für's ewige Leben;“ und:221 „Meine Speise ist, daß ich den Willen meines Vaters thue.“ Allein
Das sind nur einige Lappen von der Fülle des Evangeliums, die man zu diesem Zwecke anlegt,
um damit mehr die Schmach seines Müssigganges und seiner Schande zu bedecken, als um sich
zu erwärmen und zu schmücken mit jenem kostbaren und vollkommenen Gewände der
Tugenden, welches in den Sprichwörtern222 jene kluge mit Stärke und Ruhm bekleidete Frau
nach der dort von ihr entworfenen Schilderung sich und ihrem Manne gemacht hat, von der es
auch weiter heißt: „Mit Stärke und Ruhm ist sie bekleidet, und sie freute sich in ihren letzten
Tagen.“ - Dieser Krankheit der Faulheit gedenkt Salomon wiederum in folgender Weise223 „Die
Wege Derer, welche Nichts thun. sind mit Dornen bestreut,“ d. h. mit jenen und ähnlichen
Sünden, welche, wie der Apostel in den angeführten Stellen sagt, aus dem Müssiggange
emporsprossen. Und wiederum224 sagt Salomon: „In Gelüsten ist jeglicher Müssiggänger.“ Diese
Gelüste erwähnt der Apostel225 mit den Worten: „Und daß ihr von Niemandem Etwas begehrt:“
und zuletzt:226 „Vieles Böse hat der Müssiggang gelehrt,“ Klar hat Dieses der Apostel in unserer
obigen Auseinandersetzung227 also aufgezählt: „Nichts arbeitend, sondern aus Neugierde
handelnd.“ An diesen Fehler reihte er noch einen andern: „Und befleisset euch eines ruhigen
Lebenswandels;“ und dann: „Verrichtet eure Geschäfte und führet einen wohlanständigen
Wandel vor Denen, welche draussen sind, und <s 223>wollet von Niemandem Etwas begehren!“
Er bezeichnet sie als Ungeordnete und Empörer, indem er allen Fleissigen befiehlt, sich von
ihnen zu trennen: „Haltet euch fern.“ sagt er, „von jeglichem Bruder, der einen unordentlichen
und der von uns empfangenen Überlieferung nicht entsprechenden Wandel führt!“

22. In Ägypten bestreiten die Brüder mit ihrer Handarbeit nicht nur ihre eigenen
Bedürfnisse, sondern reichen auch den Gefangenen im Kerker Lebensmittel.
Durch diese Beispiele belehrt dulden die Väter in Ägypten durchaus keinen Müssiggang unter
den Mönchen, besonders unter den jungen; denn sie bemessen das Geistesleben und den
Fortschritt in der Geduld und Demuth nach dem Eifer bei der Arbeit. Ferner dulden sie nicht nur
nicht, daß man von Jemandem irgend Etwas zu seinem Lebensunterhalte annehme, sondern sie
bewirthen sogar von dem Ertrage ihrer Arbeit nicht bloß ankommende und fremde Brüder,
sondern sie sammeln sogar große Massen von Lebensmitteln und vertheilen sie in den Ländern
Libyens (Afrika's), die durch Unfruchtbarkeit und Hungersnoth zu leiden haben, sowie in den
Städten an die in schmutzigen Kerkern schmachtenden Gefangenen; denn sie glauben durch eine
solche Gabe mit der Frucht ihrer Handarbeit dem Herrn ein vernünftiges und wahres Opfer
darzubringen.

23. Der Müssiggang ist schuld, daß es im Abendlande fast keine Mönchsklöster gibt.
Daß wir in unsern Ländern keine durch eine so große Anzahl von Brüdern festbegründete Klöster
finden, kommt daher, daß die Mönche sich nicht auf den Ertrag ihrer Handarbeit verlassen, um

220
Joh. 6, 27.
221
Ebend. 4, 34.
222
Sprichw. 31, 25.
223
Ebend.15, 19.
224
Ebend. 21, 5.
225
I. Thess. 4, 11.
226
Pred. 33, 29.
227
Vergl. Kap. 18.

100
für immer in den Klöstern ausharren zu können, und, wenn auch die durch fremde Freigebigkeit
gespendeten Lebensmittel vollständig ausreichen sollten, jedoch <s 224>die Freude an der Muße
und die Zerstreuung des Geistes sie nicht im Kloster ausharren läßt. Aus diesem Grunde ist in den
ägyptischen Klöstern folgender von Alters her von den Vätern aufgestellte Grundsatz in Geltung:
„Der arbeitende Mönch wird von einem, der müssige aber von unzähligen Teufeln geplagt.“

24. Wie der Abt Paulus jedes Jahr seine ganze Arbeit verbrannte.
Schließlich sei noch des Abtes Paulus, des berühmtesten aller Väter erwähnt. Dieser lebte in einer
ausgedehnten Wüste mit Namen Porphyrio. Durch Palmenfrucht und ein Gärtchen sicher gestellt
besaß er hinreichenden Vorrath an Nahrungs- und Lebensmitteln. Auch konnte er keine andere
Arbeit verrichten, um davon zu leben, weil von den Städten und dem bewohnbaren Lande seine
Wohnung in der Wüste über sieben Tagreisen entfernt lag und man mehr für die Fracht verlangte,
als der Preis für die mühsame Arbeit betragen konnte. Deßhalb sammelte er Palmenblätter. und
als ob er davon leben müßte, legte er jeden Tag sich selbst ein bestimmtes Maß von Arbeit auf.
Und wenn von der Arbeit des ganzen Jahres seine Grotte angefüllt war, legte er unter den Haufen
Laub, um welchen er mit emsiger Sorge sich abgemüht hatte, jedes Jahr Feuer und verbrannte
ihn. Sein Streben, zu zeigen, daß ohne Handarbeit ein Mönch weder auf seinem Posten ausharren
noch den Gipfel der Vollkommenheit jemals erreichen könne, ging so weit, daß, obwohl das
Bedürfniß nach Lebensmitteln die Arbeit gar nicht erforderte, er sie dennoch zur Läuterung des
Herzens und Beständigkeit der Gedanken, sowie zum Ausharren in der Zelle und zur
Bekämpfung und Besiegung der Trägheit insbesondere vollbrachte.

25. Worte des Abtes Moses, die derselbe über die Mittel gegen die Lauheit an mich richtete.
Als ich einst bei meinem ersten Aufenthalte in der Einöde<s 225> zu dem Abte Moses, einem der
heiligsten Männer sagte, seit dem Tage vorher habe mich die Krankheit der Lauheit gar heftig
erfaßt, und ich habe mich nicht anders davon befreien können, als daß ich sofort zum Abte Paulus
geeilt sei, gab derselbe mir zur Antwort: „Nicht hast du dich derselben entledigt, sondern dich
derselben noch mehr ergeben und unterworfen erwiesen. Denn als einen Ausreisser und
Flüchtling wird der böse Feind dich auch in Zukunft anfechten, da er dich als überwunden aus
dem Kampfe sofort entfliehen sah. Darum mußt du bei künftig entbrennendem Kampfe nicht
durch das Verlassen deiner Zelle oder die Schlaffheit des Schlafes seine dich bestürmenden
Gluthen für den Augenblick verrauchen lassen, sondern vielmehr durch Ausdauer und Kampf
triumphiren lernen.“ So lehrt die Erfahrung, daß man den Andrang des Ueberdrusses nicht durch
Ausweichen fliehen, sondern durch Widerstand überwinden muß.

Elftes Buch: Von dem Geiste der eitlen Ruhmsucht.


1. Einleitung.
<s 226>Den siebenten Kampf haben wir gegen den Geist der Cenodoxie zu bestehen, welches
Wort wir mit „eitler oder nichtiger Ruhmsucht“ wiedergeben können. Dieser schlaue Geist tritt in
so vielen und mannigfaltigen Gestalten auf, daß man auch mit den schärfsten Augen ihn kaum
durchschauen und entdecken, geschweige denn ihm entgehen kann.

2. Die Ruhmsucht plagt den Mönch nicht bloß nach seiner leiblichen, sondern auch nach
seiner geistigen Seite.
Dieses Laster plagt den Mönch nicht allein nach seiner fleischlichen Seite, wie die übrigen
Sünden, sondern auch <s 227>nach seiner geistigen Seite bin, da es sich mit viel schlauerer
101
Bosheit in den Geist eindrängt. Die Folge davon ist, daß Solche, welche nicht durch
Fleischessünden konnten getäuscht werden, um so stärker durch den Erfolg der Geistessünden
verwundet wurden. Und um so verderblicher für den Kampf ist diese Sünde, je mehr sie durch
ihre Verstecktheit die Achtsamkeit erschwert. Denn mit allen Fehlern ist der Kampf
handgreiflicher und offener, und bei einem jeden dieser Kämpfe wird der durch einen
unbeugsamen Widerspruch zurückgewiesene Anreizer schwächer abziehen und der aus dem
Felde geschlagene Gegner gegen seinen Besieger in Zukunft einen schwächeren Angriff machen.
Allein, diese Krankheit plagt zuerst den Geist, um ihn zur eitlen Überhebung in äusseren und
offenkundigen Dingen zu versuchen, und wenn sie durch den Schild der Entsagung
zurückgeschlagen ist, so wechselt sie wiederum, wie eine so zu sagen vielgestaltige Bosheit, die
frühere Kleidung und das frühere Aussehen und sucht unter der Truggestalt der Tugenden den
Sieger zu werfen und zu erdrosseln.

3. Die eitle Ruhmsucht ist vielgestaltig und vielfältig.


Man sagt von den übrigen Fehlern oder Leidenschaften, sie seien einfach und träten in einer
Gestalt auf; allein diese Leidenschaft ist vielfältig, vielgestaltig und mannigfach und tritt überall
dem Kämpfer und von allen Seiten dem Sieger entgegen. Denn sowohl in der Kleidung wie in der
Haltung, im Gange und der Stimme, in den Nachtwachen, den Fasten und im Gebete, in der
Zurückgezogenheit, der Lesung und der Wissenschaft, im Stillschweigen, dem Gehorsam, der
Demuth und Langmuth, in Allem versucht dieses Laster den Streiter Christi zu verwunden, und
wie eine überaus verderbliche durch schwellende Wogen verdeckte Klippe stürzt es die mit
günstigem Winde Fahrenden, während <s 228>sie nicht auf der Hut sind und sich nicht vorsehen,
in einen unvorhergesehenen und jammervollen Schiffbruch.

4. Die eitle Ruhmsucht bestürmt den Mönch von der rechten und von der linken Seite.
Wer daher wandeln will auf dem königlichen Wege durch die Waffen der Gerechtigkeit, welche
zur Rechten und zur Linken aufgestellt sind, muß nach des Apostels Lehre228 hindurchwandeln
bei Ehre und Schmach, bei schlechtem und bei gutem Ruf, und muß mit solcher Behutsamkeit
zwischen den anschwellenden Fluthen der Versuchung hin, unter dem Steuerruder der Klugheit
und unter dem Wehen des Geistes des Herrn die Bahn der Tugend also verfolgen, daß wir uns
bewußt sind, wenn wir zur Rechten und zur Linken ein wenig abbiegen, müssen wir bald an
verderblichen Riffen zerschellt werden. Und deßhalb werden wir auch von dem weisen
Salomon229 gewarnt: „Lenke nicht ab weder zur Rechten noch zur Linken“ d. h. schmeichle dir
nicht mit Tugenden und laß dich nicht durch rechte und geistige Erfolge zur Selbsterhebung
verleiten, damit du nicht, abbiegend zum linken Pfade der Sünden, aus denselben dir Ruhm in
deiner Beschämung bereitest. Denn wem der Teufel in der Hülle eines aufgeschürzten und
glänzenden Gewandes die eitle Ruhmsucht nicht hervorrufen kann, dem sucht er sie in einem
schmutzigen, ungeordneten und werthlosen Gewände einzuschmuggeln. Wen er nicht durch
Ehrfurcht stürzen kann, den stößt er durch Demuth um. Wen er nicht durch den Schmuck der
Wissenschaft und Beredsamkeit zum Stolz zu verleiten vermag, den erdrückt er durch den Ernst
des Schweigens. Fastet der Mönch offen, so wird er von der eitlen Ruhmsucht geplagt; wenn er
es, um die Ruhmsucht zu vermeiden, verheimlicht, so versetzt ihm <s 229>wieder die
Selbstüberhebung Schläge. Um nicht von der eitlen Ruhmsucht angesteckt zu werden, vermeidet
er es, lange Gebete in der Gegenwart der Brüder zu verrichten, und doch entgeht er dem Stachel
der Eitelkeit nicht, wenn er sie im Verborgenen verrichtet und keine Zeugen seines Handelns bat.

5. Ein Vergleich, der das Wesen der eitlen Ruhmsucht beleuchtet.

228
II. Kor. 6, 8.
229
Sprichw. 4, 27.

102
Schön schildern unsere Vorsteher das Wesen dieser Krankheit durch den Vergleich mit einer
Zwiebel und ähnlichen Knollengewächsen, die man einer Hülle entkleidet und doch wieder mit
einer andern umschlossen findet, und die man so oft verhüllt antrifft, als man sie enthüllt.

6. Die eitle Ruhmsucht weicht nicht ganz dem wohlthätigen Einflusse der Einsamkeit.
Auch wenn Jemand, um der Ruhmsucht zu entgehen, in der Einsamkeit die Gemeinschaft mit
allen Sterblichen flieht, so läßt sie doch nicht ab, ihn zu verfolgen. Und je mehr Einer die ganze
Welt meidet, um so heftiger bedrängt sie ihn. Den Einen versucht sie zur Selbstüberhebung, weil
er Arbeit und Beschwerden so geduldig erträgt, den Andern, weil er zum Gehorsam so bereit ist,
den Andern, weil er die Übrigen an Demuth übertrifft. Der Eine wird durch den Reichthum seines
Wissens, der Andere durch seinen Eifer in der geistlichen Lesung, der Andere durch die Länge
der Nachtwachen versucht. Und gerade durch die eigenen Tugenden, welche zusammen die
Pflichten des Lebens ausmachen, strebt diese Krankheit uns zu verwunden, indem sie in ihnen
kleine Anstöße zu unserm Verderben sucht. Wer nämlich den Weg der Frömmigkeit wandeln
will, dem stellen die Feinde gerade nur auf dem Wege nach, den er wandelt, <s 230>und
verbergen die Schlingen des Truges nach jenem Spruche Davids:230 „Auf dem Wege, den ich
wandelte, verbargen sie mir die Schlinge.“ Denn gerade auf diesem Wege der Tugenden, den wir
wandeln, um zum Ziele höherer Vollkommenheit zu eilen, werden wir durch unsere Erfolge stolz
gemacht, straucheln und verwickeln uns in die Schlingen der eitlen Ruhmsucht, lassen die Füße
unserer Seele binden und fallen um. Und so kommt es, daß wir, die wir in dem Kampfe mit den
Gegnern nicht überwunden werden konnten, durch die Höhe unseres Triumphes besiegt werden,
oder, was eine andere Art Täuschung ist, daß wir wenigstens das Maß unserer Enthaltsamkeit und
unsere Kräfte überschreiten und die Beharrlichkeit in unserem Berufe durch bald eintretende
Körperschwäche verlieren.

7. Einmal niedergeworfen erhebt sich die eitle Ruhmsucht mit größerer Heftigkeit wieder
zum Kampfe.
Alle Fehler ermatten, wenn sie überwunden sind, und werden von Tag zu Tag schwächer, wenn
sie besiegt sind, und je nach dem Orte und der Zeit verringern sie sich und nehmen ab, oder sie
werden wenigstens, weil sie mit entgegenstehenden Tugenden im Widerspruche stehen, leichter
verhütet und vermieden; allein dieses Laster, einmal niedergeworfen, erhebt sich um so heftiger
zum Kampfe, und wenn man es vernichtet glaubt, lebt es durch seinen Tod stärker wieder auf.
Die übrigen Fehler pflegen nur Diejenigen anzufechten, die im Streite mit ihnen gefallen sind;
dieser Feind aber fällt seine Besieger nur noch heftiger an, und je mächtiger er aus dem Felde
geschlagen wurde, um so hitziger beginnt er wieder den Kampf durch den Stolz über den
errungenen Sieg selbst. Und darin besteht die feine <s 231>Schlauheit des Feindes, daß er den
Streiter Christi seinen eigenen Waffen unterliegen läßt, nachdem er ihn durch feindliche Waffen
nicht zu bewältigen vermochte.

8. Weder durch die Einsamkeit noch durch das Alter verliert die eitle Ruhmsucht ihre
Heftigkeit.
Andere Fehler kommen, wie wir bemerkten, zuweilen durch den wohlthätigen Einfluß von
Örtlichkeiten zur Ruhe oder Pflegen, wenn der Stoff oder die Gelegenheit und Veranlassung zur
Sünde entfernt ist, sich zu lindern und zu mindern; allein dieser dringt mit den Fliehenden in die
Wüste und läßt sich weder von einem Orte ausschließen, noch will er nach Entfernung der
äusseren Materie (der Dinge, welche Gelegenheit zur Sünde geben) ermatten. Denn er wird
230
Ps. 141, 4.

103
einzig nur durch die über ihn errungenen Erfolge in den von ihm angefochtenen Tugenden
ermuthigt. Die übrigen Fehler mildern sich und schwinden, wie wir oben sahen, zuweilen auch
mit dem Fortschritte der Zeit; diesem aber wirkt das Alter, sofern es nicht in regem Fleisse und
weiser Klugheit fest gegründet ist, nicht nur nicht entgegen sondern weiß demselben noch mehr
Nahrung der Eitelkeit zuzuführen.

9. Noch größere Gefahren bereitet die eitle Ruhmsucht in Verbindung mit Tugenden.
Weil die übrigen Leidenschaften mit den entgegengesetzten Tugenden im Widerspruch stehen
und offen wie am hellen Tage kämpfen, werden sie leichter überwunden und verhütet; allein
diese Leidenschaft reiht sich unter die Tugenden, drängt sich in deren Schlachtlinie ein, und auf
diese Weise gleichsam in dunkler Nacht kämpfend täuscht sie um so schrecklicher die Nichts
ahnenden und unvorsichtigen Feinde.

10. Beispiel des Königs Ezechias, den der Pfeil eitler Ruhmsucht hingestreckt hat.
<s 232>Von Ezechias, dem Könige von Juda. einem Manne von einer in jeder Beziehung
vollendeten Gerechtigkeit und als solcher anerkannt durch das Zeugniß der heiligen Schrift, lesen
wir,231 daß derselbe nach unzähligen ruhmwürdigen und frommen Thaten von dem Pfeil der
Eitelkeit niedergeworfen worden sei; und er, der die Vernichtung von fünfundachtzig Tausend
Mann aus dem Heere der Assyrer durch die Hand des während der Nacht verheerenden Engels
durch ein einziges Gebet zu erbitten vermochte, läßt sich durch eitles Rühmen überwinden. Um
das so lange Verzeichniß seiner Tugenden zu übergehen, welches aufzuschlagen mich zu weit
führen würde, will ich nur eines erwähnen. Nachdem ihm sein Lebensende angesagt und sein
Todestag durch einen Ausspruch des Herrn vorausverkündet worden war, verdiente er durch ein
Gebet, um fünfzehn Jahre die Grenze seines Lebens zu überschreiten, wobei die Sonne um zehn
Stufen, welche sie, ihrem Untergange zueilend, schon erleuchtet hatte, wieder zurückkehrte und
die Stunden, welche in Folge ihres Falles der nachrückende Schatten eingenommen hatte, durch
ihre Rückkehr verscheuchte und so durch ein unerhörtes Wunder gegen die feststehenden
Naturgesetze für den ganzen Erdkreis einen doppelten Tag schuf. Wie er nach so großen und
unglaublichen Zeichen, nach so ausserordentlichen Beweisen von Tugenden durch seine eigenen
glücklichen Erfolge besiegt wurde, darüber vernimm die Erzählung der heiligen Schrift. „In jenen
Tagen.“ sagt sie,232 „erkrankte Ezechias auf den Tod; da bat er den Herrn, und der erhörte ihn und
gab ihm ein Zeichen.“ jenes nämlich von der Rückkehr der Sonne, welches durch den Propheten
Isaias gegeben wurde, wie wir im vierten Buche der Könige lesen; aber <s 233>nicht, sagt sie
weiter, hat er nach den Wohlthaten. die er empfangen, vergolten, denn „es erhob sich sein Herz,
und los brach Gottes Zorn gegen ihn, sowie gegen Juda und Jerusalem. Doch er verdemüthigte
sich nachher darüber, daß sich sein Herz erhoben habe, sowohl er als die Bewohner Jerusalems,
und deßhalb kam nicht über sie der Zorn des Herrn in den Tagen des Ezechias.“ Wie verderblich,
wie heftig ist die Krankheit der Selbstüberhebung! Eine solche Gerechtigkeit, solche Tugenden,
ein solches Vertrauen, eine solche Hingebung, welche sogar die Natur und die Gesetze des
Weltalls zu ändern verdienten, gehen durch eine einzige Sünde der Eitelkeit zu Grunde, so daß
Ezechias, nachdem alle seine Tugenden wie ein Nichts der Vergessenheit anheimgefallen waren,
den Zorn des Herrn sofort erfahren hätte, wenn er ihn nicht durch die wiedererworbene Demuth
versöhnt hätte. So konnte er, der von einer so erhabenen Stufe der Verdienste, getrieben von der
Eitelkeit, herabgefallen war, nur auf denselben Stufen der Demuth zu der verlorenen Höhe wieder
emporsteigen. - Vernimm noch ein anderes Beispiel eines ähnlichen Sturzes.

231
IV. Kön. 19.
232
Ebend. 20

104
11. Beispiel des Königs Ozias, der von derselben verderblichen Krankheit überwunden
wurde.
Höre, auf welche Weise Ozias. des Ezechias Urgroßvater, ebenfalls von der heiligen Schrift in
jeder Beziehung gelobt, nach seinen ungewöhnlichen und gefeierten Heldenthaten, nach
unzähligen Triumphen, die er durch das Verdienst seiner Hingebung und seines Vertrauens
errungen hatte, in Folge eitler Ueberhebung aus Ruhmsucht gestürzt wurde. „Und des Ozias
Name.“ heißt es233 „verbreitete sich weithin, weil <s 234>ihm der Herr half und ihn stark machte.
Als er aber mächtig geworden, da erhob sich sein Herz zu seinem Verderben, und er verließ den
Herrn seinen Gott.“ Hier erblickst du ein anderes Beispiel eines gar jähen Sturzes und siehst zwei
Männer vor dir, beide so gerecht und vollkommen in ihren Triumphen und beide durch ihre Siege
zu Grunde gerichtet. Daraus erseht, wie verderblich die Erfolge im Glücke zu sein pflegen.
Diejenigen, welche das Unglück nicht brechen konnte, erdrückt um so grausamer das Glück, das
sie unvorsichtig gemacht, und Jene, welche in Kampf und Schlacht der Todesgefahr entronnen
sind, erliegen durch ihre eigenen Siege und Trimphe.

12. Verschiedene Zeugnisse gegen die eitle Ruhmsucht.

Deßhalb warnt der Apostel:234 „Wollet nicht eitler Ehre nachtrachten.“ Und der Herr, die
Pharisäer zurechtweisend, spricht:235 „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet
und nicht suchet die Ehre, die von Gott allein ist?“ Gegen diese Sünde spricht auch der König
David die drohenden Worte:236 „Zerstreut hat Gott die Gebeine Derer, welche den Menschen
gefallen.“

13. Wie die eitle Ruhmsucht den Mönch plagt.


Es pflegt dieses Laster auch den Geist der Anfänger und Solcher, die noch weniger Fortschritte in
Tugend und Frömmigkeit gemacht haben, mitunter durch den leeren Schall eines Wortes zur
Eitelkeit zu verleiten, z. B. daß sie <s 235>wohlklingender sängen, daß sie abgemagertes Fleisch
oder einen stattlichen Körper besäßen, daß sie reiche und vornehme Eltern hätten, daß sie
Kriegsdienst und Ehrenstellen verachtet hätten. Zuweilen sucht diese Sünde Einem auch
einzureden, daß die Würden und Reichthümer. die man wohl überhaupt gar niemals hätte
erlangen können, ihm sehr leicht zugefallen wären, wenn er in der Welt geblieben wäre. So bläht
sie ihn sogar durch die eitle Hoffnung auf Ungewisses und niemals Besessenes auf, indem sie ihn
zu der Eitelkeit verleitet, als habe er Dieses verachtet.

14. Wie die Ehrsucht durch Einflüsterungen zur Erstrebung der priesterlichen Würde
veranlaßt.
Zuweilen aber flößt diese Leidenschaft dem Mönche das Verlangen nach der geistlichen Würde
und den Wunsch nach der Priesterweihe oder dem Diakonate ein. Wenn er es sogar gegen seinen
Willen erhalten hat, so entwirft er ein solches Bild von der Heiligkeit und Strenge, womit er
dieses Amt ausüben will, daß er auch den übrigen Priestern Beispiele der Heiligkeit geben könne.
Dann glaubt er Viele nicht durch das Vorbild seines Wandels, sondern auch durch seine Lehre
und Predigt zu gewinnen. Er läßt sich, wenn er in der Einöde oder Zelle weilt, im Geiste und in
der Vorstellung die Wohnungen verschiedener Brüder und verschiedener Klöster besuchen und
die Bekehrung gar vieler Leute durch seine eingebildeten Ermahnungsreden erwirken. So ist es

233
II. Chron. 26, 8. 16.
234
Gal. 5, 26.
235
Joh. 5, 44.
236
Ps. 52, 6.

105
nun um die unglückliche Seele geschehen, die durch eine solche Eitelkeit gleichsam in den
tiefsten Schlaf gesunken ist und gewöhnlich durch die Anmuth derartiger Einbildungen verlockt
und mit solchen Bildern erfüllt nicht einmal auf ihr gegenwärtiges Thun und ihre Mitbrüder ihr
Auge zu richten vermag, während sie ihre Freude darin findet, sich in die Gedanken, von denen
sie in ihrer Zerstreuung mit<s 236> offenen Augen träumt, wie in wirkliche und wahre zu
vertiefen.

15. Die eitle Ruhmsucht berauscht den Geist.


Von meinem Aufenthalte in der scythschen Wüste her erinnere ich mich eines Greises, der einst
zu der Zelle eines Bruders kam, um ihn zu besuchen. Als er sich nun der Thüre genähert hatte
und ihn drinnen Etwas murmeln hörte, blieb er ein wenig stehen, um zu erfahren, was er denn in
der heiligen Schrift lese, oder was er, wie es Sitte ist, bei seiner Arbeit auswendig hersage.
Alsdann hielt der fromme Kundschafter sein Ohr behutsam hin, um aufmerksamer zu horchen.
Da fand er den Bruder dergestalt von dem Geiste der Eitelkeit verführt, daß er wähnte, in der
Kirche an das Volk eine Ermahnungsrede zu halten. Der Greis blieb stehen, bis er das Ende der
Rede vernahm. Hierauf wechselt jener seine Rolle und feiert, wie ein Diakon, die
Katechumenenmesse. Erst jetzt klopft der Greis an die Thüre, worauf der Bruder heraustrat und
ihm mit der gewohnten Ehrfurcht entgegenging. Während er ihn hineinführte, bekam er jedoch
Gewissensbisse über seine Gedanken und fragte ihn deßhalb, wie lange er schon da sei; denn er
fürchtete, der Greis möchte durch längeres Stehen an der Thüre Unannehmlichkeiten ertragen
haben. Allein scherzend und freundlich erwiderte der Greis: „Eben bin ich gekommen, als du die
Katechumenenmesse feiertest.“

16. Man kann diesen Fehler nur dadurch heilen, daß man seine Wurzeln und Ursachen
kennen lernt.
Diesen Vorfall glaubte ich deßhalb in mein Werk einfügen zu müssen, damit wir über die Gewalt
der Anfechtungen und die Reihe von Sünden, von denen die unglückliche<s 237> Seele
zerfleischt wird, nicht nur theoretisch, sondern auch durch Beispiele belehrt werden und auf die
Vermeidung der von dem Feinde gestellten Schlingen und Fallen mehr Vorsicht verwenden
könnten. Denn die ägyptischen Väter befolgen hierin jene Uebung, daß sie die Kämpfe gegen alle
Fehler, sowohl jene, welche die Jüngeren bereits bestehen, als jene, welche sie noch zu bestehen
haben, durch ihre Erzählung. gleichsam als ob sie dieselben noch zu kämpfen hätten, vor ihnen
enthüllen und bloßlegen. So dringen alle Anfänger und Brauseköpfe in die Geheimnisse ihrer
Kämpfe ein, hier schauen sie dieselben wie in einem Spiegel, werden über die Ursachen der sie
plagenden Fehler und über die Mittel gegen dieselben belehrt, sowie über die Kampfesart bei
künftigen Kämpfen, bevor dieselben hereinbrechen, unterrichtet und angeleitet, wie sie diesen
zuvorkommen oder entgegenrücken und sich mit ihnen schlagen sollen. Wie die geschicktesten
Ärzte nicht bloß die gegenwärtigen Krankheiten zu heilen, sondern auch den künftigen mit
scharfsinniger Erfahrung zu begegnen und ihnen mit heilsamen Vorschriften und Arzneien
zuvorzukommen pflegen, so ertödten auch diese wahren Seelenärzte die auftauchenden
Krankheiten des Herzens durch geistige Vorträge, wie durch ein himmlisches Gegengift, und
lassen sie nicht in dem Geiste der Jüngeren erstarken, indem sie ihnen die Ursachen der
drohenden Leidenschaften und die Mittel zur Erhaltung der Gesundheit offenbaren.

17. Der Mönch soll Weiber und Bischöfe meiden.


Es ist eine von Alters her bis jetzt bestehende Ansicht der Väter, die ich nicht ohne meine eigene
Beschämung aussprechen kann, da ich weder meine Schwester meiden noch den Händen meines
Bischofs entrinnen konnte, die Ansicht nämlich, daß der Mönch Weiber und Bischöfe durchaus
fliehen müsse. <s 238>Denn weder die Einen noch die Andern lassen Den, welchen sie in den

106
Kreis ihrer Freundschaft gezogen haben, ferner der Ruhe der Zelle sich hingeben, noch gestatten
sie ihnen, durch die Betrachtung heiliger Dinge auf die göttliche Lehre den Blick eines ganz
reinen Auges zu richten.

18. Mittel gegen das Übel der eitlen Ruhmsucht.


Darum muß der Streiter Christi, der den wahren geistigen Kampf rechtmäßig kämpfen will,
dieses vielgestaltige und veränderliche Unthier auf jede Weise zu überwinden eilen. Dieser von
allen Seiten uns entgegentretenden, so zu sagen vielfältigen Bosheit werden wir nur dadurch
entrinnen können, daß wir an jenen Ausspruch Davids237 denken: „Der Herr zerstreut die Gebeine
Derer, welche Menschen gefallen.“ Dann seien wir bestrebt, Das, was wir durch einen guten
Beginn gewirkt haben, mit gleicher Wachsamkeit zu hüten, damit nicht alle Früchte unserer
Mühen nachher die schleichende Krankheit der Eitelkeit werthlos mache. Auch Alles, was im
Wandel der Brüder nicht im allgemeinen Brauch und in der Uebung ist. müssen wir mit allem
Eifer als Etwas, was der Prahlsucht dient, von uns weisen und Alles vermeiden, was uns bei den
Anderen bemerkenswerth machen und anscheinend nur allein uns das Lob der Menschen
einbringen könnte. Denn vorzüglich an solchen Zeichen erkennt man, daß wir von der tödtlichen
Krankheit der Ehrsucht angesteckt sind. Dieser aber werden wir sehr leicht entfliehen können,
wenn wir bedenken, daß wir nicht nur der Frucht unserer mühevollen Arbeiten, die wir auch
immer aus Eitelkeit verrichtet haben, gänzlich verlustig gehen, sondern auch, mit einer großen
Sündenschuld beladen, als Gottesschänder ewige Strafen leiden werden; denn wir wollen, und
darin <s 239>liegt die schwere Beleidigung Gottes, das Werk. das wir um seinetwillen hätten
verrichten sollen, lieber um der Menschen willen üben und sind von Gott, der das Verborgene
kennt, überführt, die Menschen und die Ehre der Welt der Ehre des Herrn vorgezogen zu haben.

Zwölftes Buch: Von dem Geiste des Hochmuthes.


1. Einleitung.
<s 240>Den achten und letzten Kampf haben wir gegen den Geist des Hochmuthes zu führen.
Obwohl die Krankheit im Kampfe mit den Lastern die letzte ist und in der Reihenfolge an letzter
Stelle erscheint, so ist sie doch dem Ursprunge und der Zeit nach die erste, das grausamste
Unthier und unbändiger als alle früheren, das selbst die Vollkommenen anficht und die schon in
der Vollendung der Tugend Stehenden mit gar grausamem Bisse verwundet.

2. Es gibt zwei Arten von Hochmuth.


Von dieser Sünde gibt es zwei Arten: die eine ist diejenige, von der, wie wir sagten, geistig
gesinnte und vollkommene<s 241> Männer geplagt werden, die andere umstrickt auch die
Anfänger und die fleischlich gesinnten Menschen. Und obwohl beide Gattungen des Stolzes eine
sündhafte Auflehnung sowohl gegen Gott wie gegen die Menschen einflößen, so ist doch die
erste besonders gegen Gott gerichtet, die zweite erstreckt sich eigentlich mehr auf die Menschen!
Ueber den Ursprung dieser letzten Gattung und über die Mittel gegen dieselbe werden wir später,
soweit es uns mit Gottes Hilfe möglich ist, ausführlich handeln. Jetzt ist es unsere Absicht, über
die erste Gattung, von der die Vollkommenen vorzüglich versucht werden, einiges Wenige zu
sagen.

3. Der Stolz vernichtet alle Tugenden.

237
Ps. 52, 6.

107
Es gibt kein anderes Laster, das so alle Tugenden zu Grunde richtet und den Menschen aller
Gerechtigkeit und Heiligkeit gänzlich beraubt, als das Übel des Stolzes; denn es gleicht einer
allgemeinen und verderblichen Krankheit, welche, nicht zufrieden ein Glied oder einen Theil
desselben zu lähmen, den ganzen Leib todbringendem Verderben anheimgibt. Keine Sünde
versucht so die schon auf dem Gipfel der Tugenden Stehenden in den gräßlichsten Abgrund zu
stürzen und zu tödten wie diese. Denn jedes andere Laster ist auf sein Gebiet und seine Grenzen
beschränkt, und mag es auch mehr oder weniger alle Tugenden verdunkeln, so ist es doch
hauptsächlich gegen eine Tugend gerichtet, die es besonders bekämpft und zu unterdrücken
sucht. Und um das Gesagte klarer einzusehen: die Gaumenlust verdirbt die Strenge der
Enthaltsamkeit; die Wollust hingegen befleckt die Keuscheit; der Zorn verwüstet die Geduld.
Darum wird Jemand, der nur einer Sünde sich hingegeben hat, nicht ganz von den übrigen
Tugenden verlassen; ja, wenn nur jene Tugend ertödtet ist, welche im Kampfe mit dem ihr gerade
<s 242>entgegengesetzten Laster unterliegt, kann er die übrigen Tugenden wenigstens theilweise
behalten. Wenn aber diese Sünde den unglücklichen Geist in Besitz genommen hat, so stürzt und
zerstört sie gleich einem grausamen Tyrannen nach der Einnahme der hochgelegenen Veste der
Tugenden von Grund aus die ganze Stadt. Die einst so hohen Mauern der Heiligkeit bricht sie
und macht sie dem Boden der Laster gleich und läßt fürderhin der von ihr unterworfenen Seele
keinen Schein von Freiheit mehr übrig. Und je reicher sie dieselbe angetreten, ein um so
drückenderes Joch der Knechtschaft legt sie ihr auf durch die grausame Plünderung und
Entblößung von allen Reichthümern der Tugend.

4. Durch den Hochmuth wurde Lucifer aus einem Erzengel ein Teufel.
Damit wir die Macht dieser überaus grausamen Tyrannei erkennen mögen, lesen wir von jenem
Engel, der wegen der Fülle seines Glanzes und seiner Zierde Luzifer genannt wurde, daß er um
keiner andern als um dieser Sünde willen vom Himmel herabgestürzt wurde und, durch den Pfeil
des Stolzes verwundet, von jenem glückseligen und erhabenen Sitze der Engel in den Abgrund
der Hölle hinabgefallen ist. Wenn also eine so hohe und mit der Auszeichnung einer so großen
Macht gezierte Tugend eine einzige stolze Ueberhebung des Geistes vom Himmel zur Erde zu
stürzen vermochte, mit welcher Wachsamkeit müssen dann wir, die wir mit gebrechlichem
Fleische umkleidet sind, vor derselben auf der Hut sein! Dieß zeigt uns die Größe dieses Sturzes.
Wie wir aber das so verderbliche Gift dieser Krankheit vermeiden sollen, darüber werden wir uns
belehren können, wenn wir den Grund und den Ursprung des Falles selbst verfolgen. Denn
niemals kann ein Gebrechen geheilt noch ein Mittel<s 243>gegen eine Krankheit mit Erfolg
angewandt werden, wenn man nicht vorher durch eine scharfsinnige Untersuchung den Ursprung
und die Ursachen derselben aufzufinden sucht. Luzifer nämlich, mit himmlischem Glanze
umkleidet und unter den übrigen höheren Mächten in dem Reichthume des Schöpfers strahlend,
glaubte den Glanz der Weisheit und die Schönheit der Tugend, womit ihn die Gnade des
Schöpfers geziert hatte, kraft seiner Natur, nicht durch Gottes gnädige Freigebigkeit zu besitzen.
Und darüber stolz geworden, als ob er, um in dieser Klarheit zu verharren, Gottes Hilfe nicht
bedürfe, erachtete er sich Gott gleich, da er ja gleich Gott Niemandes bedürfe; denn er vertraute
auf die Kraft seines freien Willens, durch die, wie er glaubte, ihm reichlich Alles zufließen
würde, was zur Vollendung in den Tugenden und zur Ewigkeit der höchsten Glückseligkeit
gehöre. Dieser eine Gedanke wurde ihm zum ersten Falle. Wegen dieses Gedankens von Gott
verlassen, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, wurde er plötzlich unstät und wankend, und
die Schwäche seiner eigenen Natur gründlich fühlend verlor er die Glückseligkeit, die er durch
Gottes Gnade genoß. Und weil er die Worte des Sturzes geliebt hatte, indem er gesprochen:238 „In
den Himmel will ich steigen,“ und eine trügerische Zunge, mit der er sowohl von sich sagte:239
„Gleich will ich dem Allerhöchsten sein.“ als auch zu Adam und Eva sprach:240 „Ihr werdet sein

238
Is. 14, 13.
239
Is. 14, 14.
240
I. Mos. 3, 5.

108
wie Götter.“ deßhalb hat Gott ihn auf immer verdorben, ihn hinweggerafft und ihn gerissen aus
seinem Zelte und seine Wurzeln aus dem Lande der Lebendigen.241 Sehen werden dann seinen
Sturz die Gerechten und sich fürchten und über ihn lachen und sagen:242 „Siehe da der Mann,
welcher Gott nicht gemacht zu seinem<s 244>Helfer, sondern vertraut hat auf seines Reichthums
Fülle und übermächtig war in seinem Aberwitze.“

5. Aller Sünden Keim sproßt aus dem Stolz hervor.


Dieser Gedanke ist die erste Ursache des Sturzes und der Hauptursprung der Krankheit. Diese
hinwiederum ging durch Den, der sich selbst gestürzt hatte, auf den ersten Menschen über und
erzeugte so die Krankheit und den Stoff zu allen Sünden. Denn indem er die Herrlichkeit der
Gottheit in Folge der Freiheit seines Willens und durch seine eigene Thätigkeit erlangen zu
können glaubte, verlor er auch jene Herrlichkeit, die ihm des Schöpfers Gnade verliehen hatte.

6. Die Sünde des Stolzes ist in der Ordnung des Kampfes die letzte, jedoch der Zeit und
dem Ursprunge nach die erste.
Es erhellt aus den Beispielen und Zeugnissen der heiligen Schrift ganz deutlich, daß die Sünde
des Stolzes wohl in der Reihe der Kämpfe zuletzt steht, jedoch dem Ursprunge nach früher zu
stehen kommt, da sie aller Sünden und Laster Anfang ist, und daß sie ferner nicht, wie die
übrigen Sünden, bloß die ihr entgegenstehende Tugend, nämlich nur die Demuth vernichtet,
sondern daß sie auch die Mörderin aller Tugenden zumal ist, und endlich nicht nur Diejenigen
versucht, die nur geringe oder mittelmäßige Fortschritte in der Tugend gemacht haben, sondern
hauptsächlich jene, die auf dem Gipfel der Tugend stehen. Denn also spricht von diesem Geiste
der Prophet:243 „Seine Speise ist<s 245>ausgewählt.“ Und obwohl der selige David die geheimen
Gedanken seines Herzens mit solcher Umsicht bewachte daß er zu Dem, welchem die
Geheimnisse seines Gewissens nicht verborgen waren, rufen konnte:244 „Herr, nicht hat sich
erhoben mein Herz, und nicht sind stolz geworden meine Augen, und nicht erging ich mich in
großen, in wunderbaren Sachen über mir; fürwahr, demüthig dacht' ich;“ und ferner:245 „Nicht
soll wohnen inmitten meines Hauses, wer Übermuth verübt“: so war er sich doch bewußt, wie
schwierig auch für die Vollkommenen die Wachsamkeit in dieser Beziehung sei. Darum wagt er
sie nicht von seinen eigenen Bemühungen zu hoffen, sondern fleht im Gebete die Hilfe Gottes an,
daß es ihm vergönnt sei, unverwundet dem Geschoße dieses Feindes zu entrinnen, indem er
spricht:246 „Nicht trete auf mich der Fuß des Übermuthes.“ Denn er fürchtet der Strafe zu
verfallen, welche den Hochmüthigen angedroht ist mit den Worten:247 „Gott widersteht den
Stolzen;“ und ferner:248 „Unrein ist vor Gott Jeder, der sein Herz erhebt.“

7. So groß ist das Übel des Stolzes, daß es Gott selbst zum Widersacher zu haben verdient.
Wie groß muß das Übel des Hochmuthes sein, da es nicht einen Engel, nicht andere Tugenden
zum Gegner, sondern Gott selbst zum Widersacher zu haben verdient! Man muß nämlich darauf
Acht haben, daß es keineswegs von Jenen, die in die übrigen Laster verstrickt sind, heißt, Gott
widerstehe ihnen, z. B. Gott widerstehe den Bauchdienern, den <s 246>Unzüchtigen, den

241
Ps. 51, 7.
242
Ps. 51, 7. 8.
243
Habak. 1, 16.
244
Ps. 103, 1 f.
245
Ps. 100, 7.
246
Ps. 33, 12.
247
Jak. 4, 6.
248
Sprichw. 16, 5 nach der Septuag.

109
Zornigen, den Geizigen, sondern nur den Stolzen. Denn jene Sünden kehren sich entweder nur
gegen jeden betreffenden Sünder, oder sie scheinen gegen Die, welche daran Theil haben. d. h.
gegen andere Menschen begangen zu werden; diese aber richtet sich im eigentlichen Sinne gegen
Gott und verdient deßhalb ihn in besonderer Weise zum Gegner zu haben.

8. Gott hat den Stolz des Teufels durch die Tugend der Demuth ertödtet.
Deßhalb war Gott, der Schöpfer und Heiland der Welt, der in dem Stolze die Ursache und den
Anfang aller Krankheiten erkannte, Entgegengesetztes mit Entgegengesetztem zu heilen besorgt,
damit Das, was durch den Stolz gefallen war. durch die Demuth sich wieder erheben solle. Denn
Jener (Luzifer) sprach:249 „Zum Himmel will ich hinaufsteigen.“ Dieser (der Heiland) durch den
Mund des Psalmisten:250 „Gebeugt zur Erde ist meine Seele.“ Jener sagt:251 „Dem Höchsten will
ich gleich sein;“ als Dieser in der Gestalt Gottes war, entäusserte er sich selbst und nahm die
Gestalt des Knechtes an, erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode.252 Jener
spricht:253 „Ueber die Sterne des Himmels will ich meinen Thron erhöhen;“ Dieser:254 „Lernet
von mir, denn ich bin demüthig und sanftmüthig von Herzen.“ Jener sagt:255 „Ich kenne keinen
Herrn und werde Israel nicht entlassen;“ Dieser sagt:256 „Wenn ich sagen würde, ich kenne ihn
nicht, so wäre ich gleich euch ein Lügner; aber ich kenne ihn und halte seine Gebote.“ Jener <s
247>rühmt sich:257 „Mein sind die Flüsse, und ich machte sie;“ Dieser spricht:258 „Ich kann aus
mir selbst Nichts thun sondern mein Vater, der in mir wohnt, er thut die Werke.“ Jener spricht:259
„Mein sind alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit, und wem ich will, dem gebe ich sie;“
Dieser aber ist arm geworden, obwohl er reich war. damit wir durch seine Dürftigkeit reich
würden. Jener prahlt:260 „Wie man die übriggelassenen Eier sammelt, so habe ich alle Länder
gesammelt, und es war Niemand, der, wie ein Vogel, nur eine Feder bewegte, der seinen Mund
öffnete und athmete.“ Dieser spricht:261 „Dem Pelikan in der Wüste bin ich ähnlich geworden, ich
habe gewacht und bin geworden wie die Eule, einsam im Bauwerke.“ Jener sagt: „Ich habe mit
dem Tritte meines Fußes alle Bäche ausgetrocknet;“ Dieser:262 „Könnte ich nicht meinen Vater
bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel senden?“ Wenn wir die
Ursache des ersten Falles und zugleich die Grundlage unseres Heiles erwägen, wenn wir
bedenken, was den Teufel veranlaßte, sich zu rühmen, und Christus, demüthig zu reden, so
werden wir durch den Fall des ersteren und das Beispiel des Letzteren belehrt werden, wie wir
dem jähen Tode entgehen können, den uns der Hochmuth bereiten will.

9. Auch wir vermögen den Stolz zu überwinden.


Darum werden wir dieser Schlinge des verruchtesten aller Geister nur dann zu entrinnen im
Stande sein, wenn wir bei jedem einzelnen Fortschritte, den wir nach unserer <s
248>Beobachtung in der Tugend machen, mit dem Apostel sprechen:263 „Nicht ich, sondern die

249
Is. 14, 13.
250
Ps. 43, 25.
251
Is. 14, 14.
252
Phil. 2, 8.
253
Is. 14, 13.
254
Matth. 11, 29.
255
Exod. 5, 2.
256
Joh. 8, 55.
257
Ezech. 29, 9.
258
Joh. 5, 30.
259
Luk. 14, 6.
260
Is. 10, 14.
261
Ps. 101, 7.
262
Matth. 26, 53.
263
I. Kor. 15, 10.

110
Gnade Gottes mit mir.“ und:264 „Gott ist es, der in uns wirket das Wollen und das Vollbringen
nach seinem Wohlgefallen;“ sagt ja doch auch der Urheber unseres Heiles:265 „Wer in mir bleibt
und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr Nichts thun;“ und:266 „Wenn
der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute umsonst; wenn der Herr die Stadt nicht
bewacht, wacht der Wächter umsonst;“ und: „Vergeblich ist's, vor Tagesanbruch aufzustehen:“
„denn nicht ist es Sache des Wollenden noch des Laufenden, sondern des erbarmenden
Gottes.“267

10. Niemand kann vollkommene Tugend noch die verheissene Glückseligkeit einzig aus
eigener Kraft erringen.
Niemandes Wille und Lauf, mag er noch so sehr wollen und laufen, kann so geschickt sein, daß
er, umkleidet mit dem Fleische, das dem Geiste widerstrebt, einen solchen Preis der
Vollkommenheit und eine solche Palme der Reinheit und Unbeflecktheit erreichen kann, daß er
zu dem Ziele, das er eifrig will, und zu dem er hineilt, zu gelangen verdient, wenn ihn Gottes
gnadenreiche Erbarmung nicht stützt. Denn „alle gute Gabe und jegliches vollkommene
Geschenk kommt von oben, kommt vom Vater des Lichtes;“268 „denn was hast du, das du nicht
empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als ob du es nicht
empfangen hättest?“269

11. David's und des frommen Schächers Beispiel bestätigt diese Wahrheit.
<s 249>Wenn wir jenen Schächer, der einzig wegen seines Bekenntnisses in das Paradies
aufgenommen wurde, uns vor die Seele führen, so müssen wir erkennen, daß er nicht durch das
Verdienst seines Laufes eine solche Glückseligkeit erlangt habe, sondern daß sie ihm durch die
Gnade des erbarmenden Gottes zu Theil geworden sei. Oder wenn wir uns erinnern, daß des
Königs David zwei so schwere und große Verbrechen durch ein einziges Reuegebet getilgt
wurden, so werden wir sehen, daß auch bei David die Verdienste seines Leidens nicht
hinreichten, um die Verzeihung einer so großen Sünde zu erlangen, sondern daß Gottes Gnade
überschwänglich war, die in Verbindung mit einer wahren Reue diese großen Sünden bei dem in
einem Worte Alles umfassenden Bekenntnisse tilgte.
Betrachten wir auch den Anfang der Berufung und Rettung des Menschen, welche uns nicht aus
uns noch aus unsern Werken, wie der Apostel sagt, sondern durch Gottes Güte und Gnade zu
Theil wurde, so können wir klar erkennen, wie die Höhe der Vollkommenheit nicht Sache des
Wollenden noch des Laufenden, sondern des begnadigenden Gottes ist, der, ohne das Verdienst
unserer Arbeiten und unseres Laufes abzuwägen, uns über die Sünden Sieger sein läßt und, ohne
das Streben unseres Willens strenge anzurechnen, uns unser Fleisch unterwerfen und den Gipfel
der Heiligkeit ersteigen läßt. Denn kein körperliches Leiden und keine Zerknirschung des
Herzens besitzt einen zur Erlangung jener wahren Reinheit des inneren Menschen hinreichenden
Werth, so daß der Mensch eine so große nur den Engeln angeborene Tugend der Keuschheit und
den Besitz der himmlischen Heimatb bloß durch menschliche Anstrengung o. h. ohne göttliche
Hilfe zu erlangen im Stande <s 250>wäre. Denn das Wirken eines jeden guten Werkes fließt aus
der Gnade Dessen, der eine solche ewige Glückseligkeit und unermeßliche Herrlichkeit unserem
geringen guten Willen und unserem kurzen und kleinen Laufe in grenzenloser Freigebigkeit
geschenkt hat.

264
Phil. 2, 13.
265
Joh. 15, 5.
266
Ps. 126, 1. 2.
267
Röm. 9, 16.
268
Jak. 1, 17.
269
I. Kor. 4, 7.

111
12. Es gibt kein Leiden, das mit der verheissenen Glückseligkeit sich vergleichen lassen
könnte.
Auch das längste Menschenleben verschwindet, wenn man die Ewigkeit der künftigen
Herrlichkeit betrachtet; und alle Schmerzen entfliehen bei der Betrachtung jener unendlichen
Glückseligkeit, und sie zerfließen, wie Rauch zu einem Nichts verduftet, und gleich der Asche
erscheinen sie nirgends.

13. Überlieferung der Väter über die Erlangung der Reinheit.


Doch es ist Zeit, daß wir die Lehre der Väter gerade mit den Worten, mit denen sie dieselbe
überliefern, anführen, und zwar die Lehre jener Väter, die den Weg der Vollkommenheit und
seine Beschaffenheit nicht mit Wortschwall dargestellt, sondern vielmehr im Werke und in der
Tugend besessen und ihn durch ihre eigene Erfahrungen und ganz zuverläßige Beispiele gelehrt
haben. Sie behaupten also, nicht könne Einer gründlich sich von den Fleischessünden rein
machen, wenn er nicht einsehe, daß alle seine Mühe und Anstrengung zum Zwecke einer so
großen Vollkommenheit nicht ausreichen könnte, und wenn er, nicht so sehr durch die Anleitung
eines Lehrers, als durch die eigene Neigung, <s 251>Kraft und Erfahrung belehrt, nicht erkenne,
daß man dieselbe nur durch Gottes Hilfe und Erbarmung erlangen kann. Denn welche
Anstrengung des Fastens, der Nachtwachen, der Lesung, Einsamkeit und Zurückgezogenheit man
auch auf die Erreichung so herrlicher und erhabener Preise der Reinheit und Heiligkeit
verwenden mag, niemals wird man die Kraft besitzen, durch das Verdienst eigener Thätigkeit und
Anstrengung dieselbe zu erlangen. Denn nimmer wird die eigene Anstrengung und menschliches
Bemühen Gottes Gabe aufwiegen, es sei denn dem Verlangen des Menschen durch die Gnade
Gottes so verliehen.

14. Denen, welche sich Mühe geben, wird Gottes Hilfe zu Theil.
Nicht sage ich Dieß, um den menschlichen Bemühungen allen Werth abzusprechen und so
Jemanden von dem Eifer und dem Vorsatze mühevoller Anstrengung abziehen zu wollen;
sondern standhaft nicht bei meiner, sondern bei der Väter Ansicht beharrend behaupte ich, daß
die Vollkommenheit ohne diese menschlichen Anstrengungen sich überhaupt gar nicht erreichen
lasse, daß sie aber durch dieselbe allein ohne Gottes Gnade von Niemandem zu Stande gebracht
werden könne. Denn wie wir behaupten, daß menschliche Bemühungen ohne Gottes Gnade,
durch sich selbst, die Vollkommenheit nicht erreichen könnten, so erklären wir auch, daß nur
Jenen, die sich anstrengen und abmühen, die Erbarmung und Gnade Gottes zu Theil werde und,
um mit dem Apostel zu reden, den Wollenden und Laufenden geschenkt werde nach jenem
Worte des achtundachtzigsten Psalmes, das Gott in den Mund gelegt wird: «Geliehen habe ich
Beistand einem Helden und erhöhet einen Erkorenen aus meinem Volke.“ Auch sagen wir nach
den Worten des Erlösers,270 <s 252>daß gegeben werde den Bittenden, aufgethan werde den
Anklopfenden, gefunden werde von den Suchenden; aber unser Bitten, Suchen und Anklopfen
hat kein Verdienst, wenn nicht die Barmherzigkeit Gottes Das gibt, um was wir bitten, und
öffnet, wo wir anklopfen, und Das, was wir suchen, uns auch finden läßt. Denn er ist bereit, Dieß
alles zu gewähren, wenn ihm nur von uns die Gelegenheit des guten Willens geboten wird. Denn
mehr als wir erwartet und ersehnt er unsere Vervollkommnung und Heiligung. Und so sehr war
der fromme David davon überzeugt, daß ein Erfolg seines Wirkens und seiner Bemühung durch
seine eigene Anstrengung nicht erzielt werden könne, daß er von dem Herrn die Leitung seiner
Werke in wiederholtem Gebet mit den Worten begehrte:271 „Und unserer Hände Werk leite über

270
Matth. 7, 8.
271
Ps. 89, 17.

112
uns, und das Werk unserer Hände leite;“ und:272 „Bekräftige das, o Gott, was du in uns gewirkt
hast!“

15. Von wem sollen wir den Weg der Vollkommenheit lernen?
Wenn wir daher zur wahren Vollendung der Tugenden in Wirklichkeit und in der That gelangen
wollen, so müssen wir auf jene Lehrer und Führer hören, die nicht in eitler Rede von ihr träumen,
sondern sie in der That und Übung erfassen und darum auch uns dieselbe lehren und uns zu ihr
hinführen und den Weg. auf dem wir zu ihr gelangen, auf sicherem Pfade zeigen können;
bezeugten sie ja doch, mehr durch vertrauensvolle Hingabe an Gott als durch das Verdienst ihrer
Werke zur Vollkommenheit gelangt zu sein. <s 253>Ihnen verlieh auch die Reinheit ihres
Herzens diesen Vorzug mehr und mehr zu erkennen, daß sie von ihren Sünden niedergedrückt
würden. Denn in dem Maße mehrte sich in ihnen täglich der Schmerz über ihre Vergehen, als die
Reinheit des Herzens Fortschritte machte und stets aus der Tiefe ihres Herzens Seufzer
emporstiegen, weil sie fühlten, wie sie nicht selbst die Brandmale und Flecken der Sünden zu
meiden im Stande seien, welche ihnen durch vielfache kleinliche Gedanken eingebrannt wurden.
Und deßwegen hofften sie den Lohn des künftigen Lebens nicht von dem Verdienste ihrer
Werke, sondern von Gottes Barmherzigkeit. Im Gegensatz zu Andern legten sie auf die innere
Wachsamkeit gar kein so großes Gewicht, da sie ja auch diese nicht ihrer Bemühung, sondern
Gottes Gnade zuschrieben; und nicht huldigten sie der Nachläßigkeit der Niederen und Lauen,
sondern suchten vielmehr aus der Betrachtung Jener, die sie wahrhaft von Sünden frei und im
Himmelreich schon im Genusse der ewigen Glückseligkeit wußten, beständige Demuth, und
wandten sie durch diese Betrachtung sowohl den Sturz des Hochmuthes ab, wie sie auch immer
ein Ziel ihres Strebens und einen Grund zur Betrübniß fanden; denn sie erkannten, daß sie zur
ersehnten Herzensreinheit bei dem Widerstand, den die Last des Fleisches leistet, nicht selbst
gelangen könnten.

16. Ohne Gottes Erbarmung und Erleuchtung können wir nicht einmal um die Erlangung
der Vollkommenheit uns bemühen.
Also müssen wir nach den Überlieferungen und Belehrungen der Väter auf diese Weise nach
Erlangung der Vollkommenheit streben und uns der Fasten, der Nachtwachen, des Gebetes, der
leiblichen und geistigen Zerknirschung befleissen, damit wir Dieß alles durch den Einfluß
dieser<s 254>Krankheit nicht seines Werthes berauben. Denn nicht nur müssen wir in dem
Glauben leben, daß wir die Vollkommenheit an sich nicht durch unser Bemühen erlangen
können, sondern nicht einmal Das, was wir mit Rücksicht auf dieselbe üben, nämlich unsere
Anstrengungen, Versuche und Bestrebungen ohne die Hilfe des göttlichen Schutzes und die
Gnade seiner Eingebungen, Züchtigung und Ermahnung nicht vollbringen können; und diese
pflegt er entweder durch einen Andern oder selbst, durch seine eigene Heimsuchung in unsere
Herzen gnädig einzugießen.

17. Verschiedene Zeugnisse, nach denen wir in Dingen unseres Heiles ohne Gottes Hilfe
Nichts vollbringen können.
Zuletzt belehrt uns der Urheber unseres Heiles nicht nur, welche Gesinnung wir bei jedem
einzelnen Werke, das wir verrichten, haben müssen, sondern auch, was wir dabei bekennen
sollen. „Nicht kann ich.“ sagt er273 „Etwas aus mir selbst thun: der Vater aber, der in mir wohnt,
er thut die Werke.“ Er sagt seiner angenommenen Menschennatur nach, daß er aus sich selbst
Nichts thun könne: und wir, Staub und Asche, wähnen in dem, was unser Heil betrifft, Gottes

272
Ps. 67, 29.
273
Joh. 14, 10.

113
Hilfe nicht zu bedürfen! Lernen wir daher in dem Gefühl unserer Schwäche in allen Dingen und
zugleich im Vertrauen auf seine Hilfe täglich mit den Heiligen ausrufen:274 „Gedrängt, gestoßen
ward ich, daß ich fallen sollte, aber der Herr nahm mich auf. Meine Stärke und mein Lob ist der
Herr, und er ward mir zum Heile;“ und:275 „Wenn nicht der Herr mir geholfen, hätte schier
wohnen müssen im <s 255>Todtenreich meine Seele. Sprach ich: „Es wankt mein Fuß.“ da half,
Herr, dein Erbarmen mir. Bei der Menge meiner Sorgen in meinem Herzen erfreuen deine
Tröstungen meine Seele.“ Sehen wir auch unser Herz in der Furcht Gottes und Geduld befestigt,
so laßt uns sprechen:276 „Und es ward der Herr meine Veste und führte mich heraus in's Weite.“
Erkennen wir, daß sich auch unser Wissen durch einen guten Fortschritt unserer Arbeiten mehret,
so laßt uns sagen:277 „Denn du, o Herr, machest licht meine Leuchte, mein Gott, erhelle meine
Finsterniß; denn durch dich ward ich entrissen aus Versuchung, und mit meinem Gotte
überspring' ich Mauern.“ Bemerken wir ferner, daß auch wir Kraft im Ertragen errungen haben
und uns auf dem Pfade der Tugenden leichter und ohne Mühe leiten lassen, so laßt uns
sprechen:278 „Gott, der du mich umgürtet hast mit Kraft und makellos gemacht hast meinen Weg,
der du geschaffen hast meine Füße wie die eines Hirsches und mich auf Höhen gestellt hast, der
unterwiesen meine Hände zu dem Kriege.“ Haben wir auch Klugheit erlangt, durch die gestärkt
wir unsere Feinde aus dem Felde schlagen können, so rufen wir zu Gott:279 „Und deine Führung
lenkt mich bis zu Ende, und deine Führung, sie belehret mich. Raum gabst du meinen Schritten
unter mir, und nicht wankten meine Tritte.“ Und weil ich so durch deine Weisheit und Kraft
gestärkt bin, will ich mit Vertrauen auch die folgenden Worte sprechen:280 „Ich verfolgte meine
Feinde und ergriff sie und kehrte nicht um, bis sie erlagen. Ich schmetterte sie nieder, und sie
konnten nicht erstehen, hin stürzten sie unter meine Füße.“ Wieder unserer Schwäche eingedenk
und im Bewußtsein, daß wir, mit gebrechlichem Leibe umkleidet, die Sünden, jene heftigen
Feinde, ohne Gottes Hilfe nicht <s 256>überwinden können, laßt uns sprechen:281 „Durch dich
werfen wir unsere Feinde mit dem Horn, und in deinem Namen verachten wir Die, so sich
erheben wider uns. Denn nicht auf meinen Bogen werd' ich hoffen, und mein Schwert wird mir
nicht Heil verschaffen. Denn du schaffest uns Heil vor unsern Drängern und machest zu
Schanden, die uns hassen.“ „Aber auch mit Kraft gürtetest du mich zum Kriege und warfst, die
wider mich gestanden, unter mich: und gabst mir meiner Feinde Rücken preis, und die mich
hassen, sie vertilgtest du.“282 Aber wenn wir auch bedenken, daß wir nicht mit unseren Waffen
siegen können, so wollen wir sprechen:283 „Ergreife Wehr und Schild, erhebe dich, mir zur
Hilfe.“ „Du hast festgemacht wie eherne Bogen meine Arme und gabest mir die Schutzwehr
deines Heiles, und deine Rechte stützet mich.“284 „Denn nicht durch ihr Schwert nahmen unsere
Väter das Land in Besitz, und ihr Arm half ihnen nicht; sondern deine Rechte, und dein Arm, und
deines Antlitzes Licht, weil du Gefallen gehabt an ihnen.“285 Lassen wir zuletzt alle seine
Wohlthaten an unserm bekümmerten Geiste vorüberziehen, zugleich ihm Dank sagend für alles
Dieß, daß wir gestritten und Erleuchtung in der Weisheit und Unterweisung in der Klugheit von
ihm erhalten haben, und daß er uns mit seinen Waffen ausgerüstet und mit dem Gürtel der
Tugend bewahrt hat und uns den Rücken unserer Feinde preisgegeben und die Kraft verliehen
hat, sie zu zerstreuen, wie den Staub vor dem Angesichte des Windes, so rufen wir zu ihm mit
dem innigsten Gefühle unseres Herzens:286 „Lieben will ich dich, Herr, meine Stärke. Herr,

274
Ps. 117, 13.
275
Ps. 93, 17.
276
Ps. 17, 3.
277
Ps. 17, 29 f.
278
Ps. 17, 33 f.
279
Ps. 17, 36, 37.
280
Ps. 17, 38. 39.
281
Ps. 43, 6 ff.
282
Ps. 17, 40. 41.
283
Ps. 34, 2. 3.
284
Ps. 17, 35. 36.
285
Ps. 43, 4.
286
Ps. 17, 2 f.

114
meine Veste und meine Zuflucht und mein Erretter, mein Gott, mein Helfer, und ich vertraue auf
ihn. Mein Schirmherr<s 257>, meines Heiles Horn, der mich aufnimmt! Lobpreisend rufe den
Herrn ich an, und von meinen Feinden bin ich erlöset.“

18. Nicht nur in der Ordnung der Natur, sondern auch der steten Vorsehung werden wir
mit Gottes Gnade bewaffnet.
Nicht bloß dafür müssen wir uns gegen Gott dankbar erweisen, daß er uns als vernünftige Wesen
geschaffen, uns mit der Macht des freien Willens ausgestattet, die Gnade der Taufe geschenkt
und uns die Kenntniß des Gesetzes und Beistand verliehen hat, sondern auch für Das, was uns,
Dank seiner steten Fürsorge für uns, zu Theil wird: nämlich daß er uns von feindlichen
Nachstellungen befreit, daß er mit uns wirkt, damit wir die Sünden des Fleisches überwinden
können, daß er auch ohne unser Wissen uns vor Gefahren schützt, daß er uns gegen den Fall in
die Sünde stärkt, daß er uns Hilfe und Erleuchtung spendet, damit wir seine Hilfe (unter der
Einige nur das Gesetz verstehen wollen) zu verstehen und zu erkennen vermögen, daß wir für
unsere Nachläßigkeiten und Vergehen in Folge seiner Einsprechung unzweifelhafte Reue und
Zerknirschung fühlen, daß er sich würdigt, uns heimzusuchen und uns eine recht heilsame
Züchtigung angedeihen zu lassen, daß wir von ihm zuweilen gleichsam wider unsern Willen zum
Heile gezogen werden, weil er endlich gar unsern freien Willen, der gar leicht zu Sünden
herabsinkt, zu einer besseren Frucht lenket und durch die Heimsuchung seiner Einsprechungen
zum Wege der Tugend hinwendet.

19. Dieser Glaube von der Gnadenhilfe Gottes ist ein Erbe der Väter.
Das eigentlich ist Demuth gegen Gott, das der reine <s 258>Glaube der ältesten Väter, der bei
ihren Nachkommen unversehrt bis beute fortdauert. Diesem Glauben geben die apostolischen
Tugenden, welche oft an den Vätern sich gezeigt haben, nicht allein bei uns, sondern auch bei
den Ungläubigen unbezweifeltes Zeugniß. Diese mit ihrem einfältigen Glauben im einfältigen
Herzen nahmen ihn nicht durch dialektische Vernunftschlüsse oder tullianische Beredsamkeit in
einen weltlich gesinnten Geist auf, sondern fanden aus augenfälligen Zeichen, daß in einem
reinen Lebenswandel, einer lauteren Handlungsweise und in der Besserung von Sünden und,
besser gesagt, in diesem Glauben selbst das Wesen der Vollkommenheit enthalten sei, ohne
welche man weder Gottesliebe noch Sündenreinheit, noch Besserung der Sitten, noch Vollendung
der Tugenden erreichen kann.

20. Von Einem, der wegen Gotteslästerung einem unreinen Geiste anheimfiel.
Ich kenne einen Bruder, den ich gar nicht zu kennen wünschte; dieser ließ sich nämlich später
denselben Grad der Weihe aufbürden, mit dem ich bekleidet war. Er bekannte einem sehr
erprobten Oberen, daß er von der Sünde des Fleisches auf das Heftigste angefochten werde; denn
gegen die Gewohnheit der Natur von dem Verlangen ergriffen, eher Schmach zu dulden als
zuzufügen, wurde er von einer unerträglichen Gluth der Wollust verzehrt. Sofort durchschaute
der Abt als wahrer Seelenarzt die innere Ursache und den Ursprung dieser Krankheit. Denn
schwer seufzend sprach er: „Keineswegs hätte dich Gott einem so verruchten Geiste anheimfallen
lassen, wenn du nicht irgendwie gegen ihn gelästert hättest.“ Kaum hatte er Dieß gehört, so warf
er sich vor dessen Füßen zur Erde nieder, und von der höchsten Verwunderung ergriffen, als sähe
er von Gott die Geheimnisse seiner Brust aufgedeckt, bekannte er, gegen Gottes Sohn mit
frevelhaftem Gedanken gelästert zu haben. Hieraus <s 259>erhellt deutlich, daß der, den der
Geist des Stolzes in Besitz hat oder der gegen Gott lästert und Demjenigen gleichsam em Unrecht
zur Last legt, von dem er die Gabe der Reinheit zu hoffen hat, die unverletzte Vollkommenheit
und Heiligkeit der Keuschheit nicht verdient.

115
21. Was der König Joas von Juda durch seinen Hochmuth verdient hat.
Etwas Ähnliches lesen wir im Buche Paralipomenon. Nämlich Joas, der König von Juda, wurde
im siebenten Lebensjahre von dem Hohenpriester Jojada zur Regierung gezogen und, solange der
erwähnte Hohepriester lebte, in allen Dingen von dem heiligen Geiste gelobt. Höre, was nach des
Jojada Tode die heilige Schrift von ihm erzählt, und wie er, vom Stolze aufgeblasen, einer
schmählichen Leidenschaft anheim fiel. „Als aber Jojada gestorben war, kamen die Fürsten von
Juda, verehrten den König, und erweicht durch ihre Bitten gab er ihnen nach. Und sie verließen
den Tempel des Herrn, des Gottes ihrer Väter, und dienten Hainen und Schnitzbildern; und Zorn
entstand über Juda und Jerusalem ob dieser Sünde.“287 Und bald darauf heißt es:288 „Und als ein
Jahr abgelaufen war, da zog heran gegen ihn ein Heer von Syrien und kam nach Juda und
Jerusalem und tödtete alle Fürsten des Volkes; und sie schickten die ganze Beute dem Könige
nach Damaskus. Und sicherlich, da eine sehr mäßige Zahl Syrer gekommen war, gab der Herr die
unzählige Menge in ihre Hände, dafür, daß sie verlassen hatten den Herrn, den Gott ihrer Väter;
auch an Joas hatten sie geübt schmähliches Gericht. Und als sie abzogen, verließen sie ihn in
großen Leiden.“ <s 260> Du siehst hier, welch' schändlichen und schmutzigen Leidenschaften
der Stolz anheim zu fallen verdient. Denn wer vom Hochmuth aufgeblasen sich wie Gott
verehren läßt, wird nach dem Apostel schandbaren Leidenschaften und einem verworfenen Sinne
dahingegeben, damit er Solches leide, was sich nicht ziemt. Und weil nach dem Worte der
heiligen Schrift unrein vor Gott Jeder ist, der sein Herz erhebt, wird Derjenige, der von stolzer
Erhebung des Herzens sich aufblähen ließ, zu seiner Beschämung der schmachvollsten
Verwirrung preisgegeben, damit er, also gedemüthigt, fühle, daß er durch Unreinheit des
Fleisches oder durch das Bewußtsein einer unlauteren Leidenschaft unrein sei, was er wegen der
Erhebung seines Herzens nicht fühlen wollte; und damit die schmähliche Krankheit des Fleisches
die verborgene Unreinheit des Herzens offenbare, die er sich durch das Uebel des Stolzes
zugezogen hatte, und durch die äussere Befleckung seines Leibes Jener unrein befunden werde,
der in Folge der Ueberhebung seines Geistes nicht merkte, daß er unrein geworden war.

22. Jede stolze Seele wird zu ihrer Beschämung den bösen Geistern unterworfen.
Die obige Erzählung beweist klar, daß jede von dem Dünkel des Stolzes in Besitz genommene
Seele syrischen Geistern d. h. bösen Geistern überliefert und in die Leidenschaften des Fleisches
verstrickt wird, damit sie wenigstens, durch gemeine Sünden gedemüthigt, sich fleischlich unrein
und befleckt erkenne, sie, die vorher wegen Geisteslauheit sich nicht aufrichten und wegen
Geisteserhebung nicht erkennen konnte, daß sie in Gottes Augen unrein geworden sei. Auf diese
Weise gedemüthigt, fühlt sich der Mensch mächtig genug, die frühere Lauheit aufzugeben, und
durch die Schande fleischlicher Leidenschaften gestürzt und beschämt kann er in <s 261>Zukunft
um so feuriger dem Eifer eines geistigen Lebens sich hinzugeben bestrebt sein.

23. Nur durch die Tugend der Demuth läßt sich der Gipfel der Vollkommenheit erreichen
So ist es also klar erwiesen, daß man das Ziel der Vollkommenheit und Reinheit nur durch wahre
Demuth erreichen kann, die man hauptsächlich gegen die Mitbrüder betätigen und auch Gott im
Innern des Herzens erweisen soll, beseelt von dem Glauben, daß man ohne Gottes Schutz und
stete Hilfe die Vollkommenheit, die man erstrebt, und zu der man mit großer Anstrengung hineilt,
gar nicht erlangen kann.

24. Wer von geistigem und wer von fleischlichem Hochmuthe geplagt wird.

287
II, Paralip. 24. 17 f.
288
A. a. O. V. 23 f.

116
Was wir bisher, soweit es unsere geringen Geistesgaben vermochten, von dem geistigen
Hochmuthe gesagt haben, von dem, wie bemerkt, nur die Vollkommenen geplagt werden, das
mag genügen. Diese Art Hochmuth ist von Vielen gar nicht gekannt, weil auch nicht gar Viele
die vollkommene Reinheit des Herzens zu erreichen streben, um zu dieser Stufe des Kampfes
gelangen zu können, noch auch um eine gründliche Reinigung von den vorausgehenden Sünden
sich bemühen, deren Wesen und Heilmittel wir in einzelnen Abhandlungen vorausgeschickt
haben; vielmehr pflegt dieser Hochmuth nur Diejenigen zu Plagen, die nach Besiegung der
früheren Fehler beinahe auf dem Gipfel der Tugenden stehen. Weil Solche der schlaue Feind
nicht durch einen Fall in Fleischessünden besiegen konnte, versucht er sie durch einen geistigen
Sturz zum Falle zu bringen und will durch diesen Sturz sie aller mit vieler Mühe erworbener
Verdienste der früheren guten Werke berauben. Uebrigens würdigt er uns, <s 262>die wir noch
in niederen Leidenschaften verstrickt sind, keineswegs dieser Art Versuchung, sondern bringt uns
durch eine grobe und, so zu sagen, fleischliche Hoffart zum Falle. Und deswegen halte ich es für
nothwendig, über diesen Hochmuth, von dem hauptsächlich wir und Leute von unserer
Beschaffenheit und vorzüglich der Geist der Jüngeren und Anfänger im geistigen Leben
gefährdet zu sein pflegten, gemäß unseres Versprechens Einiges zu sagen.

25. Beschreibung des fleischlichen Hochmuthes.


Hat also dieser fleischliche Hochmuth, wie wir ihn genannt haben, bei einem lauen und zum
Unglücke in eiliger Hast gemachten Anfange der Bekehrung im Geiste des Mönches sich
eingenistet, so läßt er ihn von der ehemaligen weltlichen Aufgeblasenheit nicht zur wahren
Demuth Christi herabsteigen und macht ihn zuerst ungehorsam und mürrisch, und dann läßt er
ihn nicht milde und freundlich sein. Auf Gleichheit und Gemeinschaft mit den Brüdern zu sehen,
erlaubt er ihm nicht; auch duldet er nicht, daß er nach dem Gebote Gottes und unseres Erlösers
sich der irdischen Reichthümer gänzlich beraube. Und obwohl die Entsagung nichts Anderes ist
als das Kennzeichen der Abtödtung und des Kreuzes und auf keiner anderen Grundlage gründen
und sich erheben kann, als daß man sich für die Werte dieser Welt geistig getödtet weiß und auch
täglich dem Leibe nach sterben zu können glaubt, so läßt dagegen dieser Hochmuth den
Menschen auf ein langes Leben hoffen, hält ihm lange und viele Krankheiten vor und flößt ihm
Bestürzung und Scham ein. Wenn er, von Allem entblößt, von fremden und nicht von den
eigenen Mitteln zu leben begonnen hat, so redet dieser Hochmuth ihm zu, daß es viel besser sei,
wenn er sich Nahrung und Kleidung eher mit seinem als mit fremdem Vermögen verschaffe, und
zwar nach jenem biblischen Worte, dessen Sinn in Folge eines solchen Stumpfsinnes und <s
263>einer solchen Lauheit des Herzens man gar nimmer zu verstehen vermag: „Glückseliger ist
es zu geben als zu empfangen.“

26. Wer auf einen schlechten Grund baut, fällt täglich tiefer.
Von solchem inneren Mißtrauen erfüllt und von dem Funken des Glaubens, von dem sie im
Anfange ihrer Bekehrung entzündet schienen, durch den Unglauben des Teufels weggezogen
beginnen sie, das Geld, das sie zuvor auszugeben angefangen hatten, sorgfältiger zu hüten, und
als ob es, einmal beseitigt, nicht mehr zu erlangen sei, bewahren sie es mit noch ärgerer Habsucht
auf, oder, was noch schlimmer ist, Das, was sie früher weggegeben hatten, ziehen sie wieder an
sich, oder, was die dritte und schlimmste Art von Bosheit ist, sie scharren gar Solches, was sie
nicht einmal vorher besessen hatten, zusammen und beweisen dadurch, daß sie nach ihrem
Austritt aus der Welt Nichts als den Namen eines Mönches angenommen haben. Ueber diesen
schlecht und fehlerhaft gelegten Grundlagen nun muß sich dann das ganze Gebäude der Sünden
erheben, und Nichts läßt sich über einem so schlechten Fundamente aufbauen, ohne daß es der
unglücklichen Seele einen noch kläglicheren Sturz bereite.

117
27. Schilderung der aus der Krankheit des Stolzes erzeugten Sünden.
Durch solche Leidenschaften verhärtet und mit einer solchen Lauheit beginnend macht die Seele
notwendig täglich Fortschritte im Schlechten und beschließt ihr übriges Leben mit einem noch
schlimmeren Ende; und indem sie an den früheren Leidenschaften Gefallen findet und, wie der
Apostel sagt, von der gottesräuberischen Habsucht sich <s 264>besiegen läßt, von welcher
gleichfalls der Apostel sagt:289 „Welche ist Bilder- oder Götzendienst.“ und ferner sagt:290 „Denn
die Wurzel aller Uebel ist die Habsucht,“ kann sie nimmer die einfältige und wahre Demuth
Christi in sich aufnehmen. Denn er brüstet sich entweder mit dem Adel seiner Geburt oder läßt
sich aufblähen von einer ehemals in der Welt bekleideten Würde und bekundet dadurch, daß er
sie bloß dem Leibe, nicht aber dem Geiste nach verlassen hat, oder er wird stolz auf das Geld, das
er zu seinem Verderben zurückbehalten. Dieß alles wird ihm die Ertragung des klösterlichen
Joches und die Belehrung durch einen Anderen gründlich verleiden. Denn wer immer von der
Krankheit des Stolzes beherrscht wird, hält es nicht nur unter seiner Würde, irgend eine Regel der
Unterordnung und des Gehorsams zu erfüllen, sondern leiht nicht einmal der Lehre der
Vollkommenheit sein Ohr; und dergestalt wächst in seinem Herzen der Ueberdruß am geistigen
Worte, daß, wenn einmal eine solche Unterhaltung begonnen hat, sein Blick nicht an einem Orte
zu verweilen weiß, sondern hierhin und dorthin der stumpfsinnige Blick schweift, nach dieser
und jener Seite hin die Augen sich wenden. Statt heilsamer Seufzer kommt Speichel aus
trockenem Halse, auch Verwünschungen werden ausgestoßen, ohne irgendwie den Auswurf des
Schleimes zu unterbrechen; die Finger spielen, und gleichsam als schrieben sie Etwas, fliegen sie
hin und her und malen. So drehen sich alle Glieder des Leibes hin und her, daß er während eines
geistigen Vortrages auf einem Haufen Würmer oder auf spitzen Pfählen zu sitzen meint und, was
der einfache Vortrag zur Erbauung der Brüder vorbringt, zu seiner Beschämung gesagt wähnt.
Und in der ganzen Zeit, in welcher eine Prüfung des geistigen Lebens vorgenommen wird, mit
seinen Verdächtigungen beschäftigt sieht er nicht darauf, was er von jetzt an zu seinem
Fortschritte ergreifen muß, sondern <s 265>ängstlich forscht er nach den Gründen, weßhalb
Jegliches geredet sei; oder schweigend bei sich überlegend grübelt er darüber nach, was er jedem
einzelnen Punkte entgegenstellen könne, so daß er von Dem, was zu seinem wahren Heile
dargelegt wurde, Nichts ganz zu erfassen oder sich dadurch in irgend einem Punkte zu bessern
vermag. Und so kommt es, daß der geistige Vortrag ihm nicht nur in keinem Punkte Etwas nützt,
sondern sogar noch mehr Schaden verursacht und ihm Ursache zu größerer Sünde wird. Denn
indem er in seinem Gewissen argwöhnt, das sei alles gegen ihn gesprochen, verhärtet er sich in
einer engeren inneren Hartnäckigkeit und wird heftiger von dem Stachel des Zornes gereizt;
hierauf hochfahrende Reden, abstoßende Unterhaltung, bittere und verwirrte Antwort,
hochaufgerichteter und flüchtiger Gang, geläufige Zunge, freche Beschwerde, niemals
freundliche Verschwiegenheit, ausser wenn er gegen einen Bruder Groll im Herzen hegt. Sein
Schweigen wird nicht ein Zeichen der Zerknirschung nach der Demuth, sondern des Stolzes und
des Zornes, so daß sich nicht leicht unterscheiden läßt, was an ihm verabscheuungswürdiger ist:
ob jene ausgelassene und freche Fröhlichkeit oder diese heftige und giftige Schweigsamkeit.
Denn in jener herrscht eine ungeziemende Sprache, ein leichtsinniges und albernes Lachen,
zügel- und zuchtlose Erhebung des Herzens vor; in dieser aber ein zorniges und giftiges
Schweigen, das man nur deßhalb annimmt, um den Groll gegen einen Bruder durch
Verschwiegenheit bewahren und die Aussöhnung noch weiter hinausschieben zu können. Und da
er, selbst vom Hochmuthsdünkel eingenommen, Andern leicht Verdrießlichkeiten bereitet und es
unter seiner Würde hält, sich zur Genugthuung gegen einen beleidigten Bruder herbeizulassen,
weist er auch die angebotene mit Verachtung zurück. Und nicht nur wird er durch die
Genugthuung eines Bruders nicht erschüttert, sondern geräth in noch größeren Zorn darüber, daß
jener ihm in der Demuth zuvorgekommen ist. Und eine heilsame Demüthigung und
Genugthuung, die sonst den <s 266>Versuchungen des Teufels ein Ende zu machen pflegt, wird
ihm zur Ursache eines noch heftigeren Brandes.

289
Kol. 3, 5.
290
I. Tim. 6, 10.

118
28. Von dem Hochmuthe eines Bruders.
Ich hörte gerade in unserem Lande (mit Schauder nur und Scham kann ich es erzählen) von
einem Novizen, welcher auf die Frage seines Abtes, warum er die Schranke der Demuth, die er
nach seiner Aufnahme nur sehr kurze Zeit eingehalten, zu überschreiten wage und sich von
teuflischem Stolze aufblähen lasse, ganz trotzig antwortete: „Hab' ich vielleicht deßhalb eine Zeit
lang mich verdemüthigt, um immer unterthan zu sein?“ Bei seiner so frechen und frevelhaften
Antwort wurde der Vorsteher, gleichsam als habe er vom alten Lucifer selbst, nicht von einem
Menschen diese Worte sprechen hören, dermaßen bestürzt und stockte seine ganze Rede, daß
gegen diese so große Frechheit sein Mund keine Worte hervorbringen, sondern sein Herz nur
Seufzer und Stöhnen hervorstoßen konnte. Er erwog nur das schweigend bei sich, was von
unserm Heilande gesagt wird:291 „Als er in der Gestalt Gottes war, demüthigte er sich und wurde
gehorsam (nicht, wie Jener, vom teuflischen Geiste der Hoffart eingenommen, sagte, „eine Zeit
lang,“ sondern) bis zum Tode.“

29. Zeichen, an denen man das Vorhandensein des fleischlichen Stolzes in der Seele
erkennt.
Um alles über diese Art Hochmuth bis jetzt Gesagte kurz zusammenzufassen, wollen wir. soweit
Dieß uns möglich<s 267> ist, einige Kennzeichen desselben zusammenstellen, um für
Diejenigen, welche nach Belehrung in der Vollkommenheit dürsten, gewissermaßen die
Grundzüge desselben aus den Regungen des äusseren Menschen darzustellen. Zu diesem Zwecke
halte ich es für notdwendig, gerade Dieses in Wenigen Worten zu enthüllen, damit wir um so
vollständiger zu erkennen vermögen, an welchen Merkmalen wir den Stolz kennen lernen und
erfassen können. Sind die Wurzeln dieser Leidenschaft bloßgelegt, an die Oberfläche gezogen,
mit Augen wahrgenommen und geschaut, so kann man denselben leichter ausreissen oder
vermeiden. Dann nämlich wird man dieser schädlichen Krankheit ganz aus dem Wege gehen
können, wenn man gegen ihre verderbliche Fieberhitze und ihre schädlichen Anfälle nicht zu
spät, wann sie schon zu herrschen beginnt, seine Wachsamkeit richtet, sondern wenn wir sofort,
sobald wir, so zu sagen, die ihr vorausgehenden Schatten bemerken, mit fürsorglicher und weiser
Klugheit ihr zuvorkommen. Denn aus der äusseren Haltung des Menschen erkennt man den
inneren Zustand desselben. An folgenden Merkmalen läßt sich klar der fleischliche Stolz, wie wir
ihn vorhin nannten, erkennen: Vorherrschend ist in seinem Reden das Schreien, in seinem
Schweigen das Abstoßende, in seiner Freude das stolze und ausgelassene Lachen, im Ernste eine
unvernünftige Trauer, in der Antwort Zorn, häufiges Schwätzen und oft plötzlich
hervorbrechende gehaltlose Worte. Geduld geht ihm ab, Liebe ist ihm fremd, er ist verwegen im
Schmähen, demüthig im Ertragen von Schmähungen, schwierig im Gehorchen, ausser wenn
dabei ihm seine Wünsche und seine Einsicht zuvorkommen, unversöhnlich beim Anhören einer
Ermahnung, schwach, wo es gilt, seinem Willen Abbruch zu thun, ganz unbeugsam, wenn er
Andern sich unterordnen soll, und stets bestrebt, seine Behauptungen aufrecht zu erhalten, ohne
seinerseits sich dazu zu verstehen, den Ansichten eines Anderen zu weichen. So wird er auch zur
Annahme eines heilsamen <s 268>Rathes unfähig und glaubt in Allem lieber seinem als der
Vorgesetzten Urtheil.

30. Wer durch Hochmuth in Lauheit versunken ist, strebt auch darnach, Anderen sich zum
Herrn aufzuwerfen.
Wen der Stolz einmal in Besitz genommen und auf dieser abschüssigen Bahn von Stufe zu Stufe
herabgestürzt hat, dem ist alsdann überhaupt die Klosterregel zuwider, und als ob er durch das
Zusammenleben mit den Brüdern von der Übung der Vollkommenheit abgezogen würde und die
291
Phil. 2, 6 f.

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Tugend der Geduld und Demuth ihm erschwert oder entzogen würde, wünscht er in einer
einsamen Zelle zu wohnen oder gar, in der Hoffnung, mehrere Andere zu gewinnen, ein neues
Kloster zu bauen; er beeilt sich, Leute um sich zu schaaren, um sie zu belehren und zu
unterweisen, und wird so aus einem unbrauchbaren Schüler ein viel verderblicherer Lehrer. Denn
obwohl er durch eine solche Erhebung seines Herzens in die verderblichste und schädlichste
Lauheit gesunken und weder ein ächter Mönch noch Laie geworden ist, verspricht er sich, was
noch schlimmer ist, von diesem unseligen Zustande und Wandel gar noch Vollkommenheit.

31. Wie man den Stolz besiegen und zur Demuth gelangen kann.
Wollen wir daher, daß sich die Zinne unseres Gebäudes als eine vollkommene und Gott
wohlgefällige erheben soll, so laßt uns eilen, sein Fundament nicht nach dem Willen unserer
Begierde, sondern nach der Zucht evangelischer Strenge zu legen. Dieß aber kann kein anderes
sein als Gottesfurcht und Demuth, welche aus der Sanftmuth und Einfalt des Herzens entspringt.
Die Demuth aber kann nimmer ohne gänzliche Entsagung erlangt werden. <s 269>Wohnt diese
nicht in uns, so werden wir weder das Gut des Gehorsams noch die Kraft der Geduld noch die
Vollkommenheit der Liebe je erreichen können. Ohne diese Tugenden kann unser Herz durchaus
kein Tempel des heiligen Geistes sein; denn also spricht der Herr durch den Propheten:292 „Auf
wem wird mein Geist ruhen, wenn nicht auf dem Demüthigen und Ruhigen, welcher zittert vor
meinen Worten?“ oder nach den Ausgaben, welche den hebräischen Text wiedergeben: „Auf wen
werde ich schauen, wenn nicht auf den Armen und im Geiste Gebeugten und auf Den, welcher
vor meinen Worten zittert?“

32. Wie man die Hoffart, die Verwüsterin aller Tugenden, durch wahre Demuth vernichten
kann.
Darum strebe der Streiter Christi, der den geistigen Kampf rechtmäßig zu kämpfen und vom
Herrn gekrönt zu werden verlangt, auch dieses gar wilde, alle Tugenden verschlingende Unthier
auf alle Weise zu tödten; denn er kann sicher erwarten, daß, solange dieses in seiner Brust wohnt,
er nicht bloß von keiner Sünde frei sein kann, sondern, wenn er auch einige Tugend zu besitzen
scheint, dieselbe durch dieses Unthieres Gift zu Grunde geht. Denn unmöglich kann in unserer
Seele das Gebäude der Tugenden sich erheben, wenn nicht vorher in unserm Herzen das
Fundament einer wahren Demuth gelegt worden ist, das, gehörig befestigt, die Spitze der
Vollkommenheit und Liebe zu stützen vermag, so zwar, daß wir vor Allem gegen unsere
Mitbrüder eine wahre, in dem innigsten Gefühle unseres Herzens begründete Demuth hegen,
indem wir uns nie erlauben, sie irgendwie zu betrüben oder zu verletzen. Allein Dieß <s
270>werden wir nimmer zu erfüllen im Stande sein, wenn nicht eine wahre Entsagung, die in der
gänzlichen Losschälung von allen irdischen Gütern besteht, durch die Liebe Christi in uns
begründet ist und wir dann das Joch des Gehorsams und der Unterwerfung mit einfältigem
Herzen und ohne alle Verstellung auf uns genommen haben, so daß ausser dem Befehle des
Abtes gar kein Wille mehr in uns lebt. Dieß aber kann nur von Jenem beobachtet werden, der sich
nicht nur dieser Welt abgestorben glaubt, sondern sich auch für unklug und thöricht hält, der
Alles, was ihm die Vorgesetzten auftragen, ohne je darüber nachzudenken, verrichtet und es
geheiligt und von Gott selbst befohlen glaubt.

33. Mittel gegen die Krankheit der Hoffart.


Sind wir in einer solchen Verfassung, so wird ohne Zweifel jener wahrhaft ruhige und
unwandelbare Zustand der Demuth bald folgen. Er besteht aber darin, daß wir uns geringer
achten als Alle, daß wir Alles, was man uns zufügt, sei es auch beleidigend, unangenehm und
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Is. 66, 2.

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schädlich, gleichsam von unsern Vorgesetzten uns angethan mit der größten Geduld ertragen.
Doch Dieß werden wir nicht nur ganz leicht ertragen, sondern auch für gering erachten, wenn wir
stets mit frommer Verehrung der Leiden unseres Herrn und aller Heiligen gedenken und
erwägen, daß wir von um so geringeren Beleidigungen heimgesucht werden, je weiter wir von
ihren Verdiensten und ihrem Wandel entfernt sind, und wenn uns endlich auch der Gedanke
vorschwebt, daß wir nach kurzer Zeit aus dieser Welt wandern werden, um nach dem bald
eintretenden Schlusse dieses Lebens ihre Genossen zu werden. Diese Betrachtung ist geeignet,
nicht nur den Hochmuth, sondern auch alle übrigen Sünden zu tilgen. Alsdann wollen wir auch
eben diese Demuth gegen Gott auf's Festeste bewahren. Das aber werden wir nur so <s
271>erfüllen, daß wir inne werden, wie wir aus uns selbst nichts auf die vollkommene Uebung
der Tugend Bezügliches ohne seine Gnadenhilfe vollbringen können, daß wir aber auch in
Wahrheit glauben, eben Dieses, daß wir es einzusehen verdient haben, sei seine Gabe.

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