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Sieben Fragen an Anja Shortland

„Piraterie ist nicht nur für die Somalier ein


gutes Geschäft“

Frau Dr. Shortland, die Piraterie am Horn von Afri­ Wo liegen die größten
ka hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Hindernisse bei der
Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden, der da­ Bekämpfung der Piraten?
durch verursacht wird? Ein großes Problem ist, dass die Piraterie nicht nur für
Natürlich erleiden die Schiffseigner wirtschaftliche die Somalier ein gutes Geschäft ist. Die Versicherer Dr. Anja Shortland,
Schäden, andererseits profitieren zum Beispiel die machen gute Gewinne und verlangen deshalb von Wissenschaftliche
Werften, die die Reparaturen durchführen, die Si- den Schiffseignern keine Sicherheitsvorkehrungen, ­Mitarbeiterin,
cherheitskräfte, die Versicherungen und natürlich die die Kaperungen schwieriger machen würden. Man Abteilung Weltwirtschaft
Somalier. Abgesehen von den Militäreinsätzen flie- darf nicht erwarten, dass die Versicherungen an dem am DIW Berlin und
ßen von den Kosten, die die Piraterie verursacht, nur Ast sägen, der Ihnen diesen Versicherungsmarkt Senior Lecturer in
20 Prozent nach Somalia. Der Rest bleibt in unserem möglich macht. Economics and Finance,
Wirtschaftskreislauf. Brunel University, London
Sollten die Militäreinsätze ausgeweitet werden?
Wie groß ist der Profit der Piraten? Die Militäreinsätze wären effektiver, wenn die Besat-
Die Lösegelder bewegen sich wahrscheinlich in ei- zungen den Piraten mehr Widerstand entgegensetz-
nem Rahmen von einer bis fünf Millionen US-Dollar ten und die Marine etwas mehr Zeit hätte, am Ort des
Geschehens einzutreffen. Das Problem dabei ist, dass
pro Schiff. Das ist meist nur ein kleiner Bruchteil des
Werts der Schiffsladung. Die Piraten verfügen nicht es nicht im Interesse der Besatzungen ist, das Schiff
über die Infrastruktur, um die Ladung eines Frachterszu verteidigen, weil Piraten gefügige Geiseln besser
zu löschen. behandeln. Eine Ausweitung
der Militäreinsätze stünde je-
Liegen die Ursachen des Pro­ Eine Ausweitung der doch in keinem Verhältnis zu
blems ausschließlich in der wirt­ Militäreinsätze stünde den Kosten, die die Piraterie in
schaftlichen Not der Somalier?
Nein, es gibt auch andere arme
» in keinem Verhältnis «Somalia verursacht.

Länder an den Küsten Afrikas.


zu den Kosten, die die Welche Optionen hat die inter­
Das Problem liegt im Zusam- Piraterie verursacht. nationale Staatengemeinschaft
menbruch der staatlichen Au- noch?
torität in Somalia. In einem Die internationale Raubfische-
Rechtsstaat kann man nicht einfach gekaperte Schif- rei und die organisierte Entsorgung von Giftmüll vor
fe über Monate vor der Küste verankern, während der Küste Somalias hat den Küstenbewohnern ihre
Lösegelder verhandelt werden. Lebensgrundlage entzogen. Daher glaube ich, dass
Somalia eine Küstenwache braucht, die das Land vor
Was bewirken die Marineeinsätze vor der Küste von diesen Eindringlingen schützt. Im Gegenzug könnte
Somalia? sie die internationale Seefahrt vor Piraterie schüt-
Die Piraten investieren ihre Gewinne immer wieder zen, denn eine somalische Küstenwache könnte die
in ihr Geschäft. Wenn die Marine eine Kaperung Piraten bis in ihre Heimathäfen verfolgen. Die inter-
verhindert, können die Piraten ihre Flotte nicht er- nationale Staatengemeinschaft müsste jedoch für
weitern. Ein Marineeinsatz kann also das Problem die Kosten aufkommen, um sich die Loyalität einer
eindämmen. Andererseits sind die Einsätze nicht be- solchen Küstenwache zu sichern. Auch den Haus-
sonders abschreckend, denn die Piraten warten am halten, die jetzt von der Piraterie leben, müssten
Transitkorridor weiterhin auf Beute. Seitdem jedoch alternative Arbeitsplätze geschaffen werden, zum
die Marine im Golf von Aden und im Transitkorridor Beispiel in der Herstellung von Fischprodukten. Das Gespräch führte
die Sicherheit verbessert hat, sind deutlich mehr Pira- Erich Wittenberg.
ten im Somalibecken unterwegs. Die Ressourcen, die Das vollständige
man bräuchte, um das gesamte Seegebiet zu kontrol- ­Interview zum Anhören
lieren, wären aber nicht zu rechtfertigen. finden Sie auf
www.diw.de/interview

Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 29/2010 7


Wochenbericht Nr. 29/2010 vom 21. Juli 2010

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