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DIE

KLEINEN

TROMPETER

BÜCH

ER

DIE KLEINEN TROMPETER BÜCH ER • BAND 39

BAND

39

MAXIM GORKI / VALENTIN KATAJEW

BLÜMCHEN SIEBENBLATT

MAXIM GORKI / VALENTIN KATAJEW BLÜMCHEN SIEBENBLATT DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN

DER KINDERBUCHVERLAG

BERLIN

ILLUSTRATIONEN VON GITTA KETTNER

Alle Rechte vorbehalten Printed in the German Democratic Republic Lizenz-Nr. 304-270/149/69-(160) Gesamtherstellung:

Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden III-17-20 304620 5. Auflage ES 9 C • Preis 1,75

Die Übersetzungen von Margarete Mohnhaupt und Felix Loesch wurden mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlages Berlin und Weimar übernommen.

DAS SPÄTZLEIN

MAXIM GORKI

Bei den Spatzen ist es genauso wie bei den Menschen: Die erwachsenen Spatzen und Spätzinnen sind langweilige Piep­ mätze; sie reden über alles, wie es im Buche steht. Die Jugend aber, die lebt nach eigenem Ermessen. Es war einmal ein gelbschnäbliger Spatz, der hieß Pumpel und lebte über dem Fenster einer Badestube hinter dem ober­ sten Brett der Fensterverkleidung in einem warmen Nest aus Werg, Mooshälmchen und anderen weichen Sachen. Zu fliegen hatte er noch nicht versucht, doch schlug er schon mit den Flügeln und reckte sich ständig über den Nestrand hinaus: Er mußte doch so schnell wie möglich heraus-

bekommen, was denn die Welt eigentlich ist, und ob sie auch für ihn taugt. „Zu was, zu was?“ fragte ihn die Spätz- lein-Mutter. Er schüttelte die Flügel, musterte die Erde und schilpte: „Zu schwarz, viel zu schwarz!“ Der Papa brachte Pumpel allerhand Krabbeltiere und brüstete sich: „Sind sie nicht schick?“ Mama Spatz lobte ihn: „Schick, schick!“ Pumpel aber schluckte die Krabbeltiere und überlegte: Was ist schon dran? - Ein Wurm mit Füßen ‒ weiter nichts! Und wieder reckte er sich aus dem Nest und hatte seine Augen überall. „Spatzel, Spatzel, stürz nicht runter!“ schrie die Spätzin aufgeregt. „Zu was, zu was?“ fragte Pumpel. „Ach was, zu was? Stürzest hinunter, kommt die Katz ‒ schilp! ‒ bist schon

gefressen!“ erklärte der Vater und flog wieder aus auf Jagd.

So ging das immerzu. Die Flügel aber nahmen sich Zeit zum Wachsen. Einmal kam Wind auf. Pumpel fragte: „Zu was, zu was?“ „Der Wind, der pust’ dich an — schilp! — und bläst dich hinunter zur Katz!“ erklärte die Mutter. Das gefiel Pumpel nicht, und er sagte:

„Zu was schwanken die Zweige? Sollen “

still stehn, dann gibt’s keinen Wind Die Mutter versuchte es ihm klarzumachen, daß das nicht so sei. Er aber glaubte ihr nicht. Er zog es vor, alles so zu erklären, wie er es sich dachte. Ein Bauer kam an der Badestube vorbei und schlenkerte mit den Armen. „Zu sauber hat die Katze doch dem die Flügel gerupft“, meinte Pumpel, „bloß die Knöchlein hat sie ihm gelassen!“

„Das ist ein Mensch“, sagte die Spätzin, „die Menschen haben keine Flügel!“ „Wie das?“ „Das ist so ihr Stand, müssen flügellos leben, immerzu nur auf den Beinen hop­ sen, putzig!“ „Zu was das?“ „Hätten sie Flügel, würden sie genauso auf uns Jagd machen wie Papa und ich

auf die Mücken

„Quatsch!“ sagte Pumpel. „Quatsch, Ge­ quassel! Alles muß Flügel haben. Auf der Erde ist’s doch schlechter als in der

Bin ich erst groß, mach ich, daß

alle fliegen können.“ Pumpel glaubte der Mutter nicht. Er wußte noch nicht, daß es immer ein böses Ende nimmt, wenn man der Mutter nicht glaubt. Er saß auf dem äußersten Nestrand und sang aus vollem Halse den selbstgedich­ teten Vers:

!“

Luft

!

„Ach, du flügelloser Mensch, Kannst nur auf den Beinen staken. Bist an Wuchs du noch so groß, Fressen dich die Schnaken! Ich dagegen, so klein ich auch bin, Schluck die Schnaken, ob dick oder dünn.“ Er sang und sang und plumpste aus dem Nest. Die Spätzin stürzte ihm nach, die Katze aber — fuchsrot, mit grünen Augen — war auch schon da. Pumpel war nicht schlecht erschrocken. Er spreizte die Flügel, schwankte hilflos auf seinen grauen Beinen und schilpte: „Zu

viel Ehre, zu viel Ehre

Die Spätzin aber stieß ihn beiseite, sträubte die Federn — zum Fürchten sah sie aus in ihrem Todesmut — und, den

Schnabel weit aufgesperrt, zielte sie der Katze nach den Augen. „Scher dich fort, scher dich fort! Flieg, Pumpel, flieg! Flieg

aufs Fenster hinauf, flieg

.“

.“

Der Schreck hob das Spätzlein vom Boden, es hüpfte hoch, schlug zwei-, dreimal mit den Flügeln, und droben war es auf dem Fensterbrett! Da kam auch schon die Mama herauf­ geflogen, zwar ohne Schwanz, aber in großer Freude, Sie setzte sich neben Pumpel, pickte ihn ins Genick und schilpte:

„Zu was, zu was?“ „Zu was, zu was?“ gab Pumpel zurück. „Es lernt sich nicht alles zugleich!“ Unten auf der Erde aber saß die Katz ‒ fuchsrot, mit grünen Augen. Sie putzte sich die Spatzenfedern von den Pfoten und mauzte so recht mit Bedauern. „Ein mi-olliges Spätzlein, wie’n Mi-äuslein

Scha-ade

Und so war denn alles gut abgegangen, wenn man davon absieht, daß die Mama ohne Schwanz geblieben

.“

(Deutsch von Marg. Mohnhaupt)

IWANUSCHKA DER NARR

MAXIM GORKI

Es lebte mal ‒ es war einmal Iwanuschka der Narr. Von Angesicht war er ein hübscher Junge, doch konnte er tun und lassen, was er wollte, immer war es bei ihm zum Lachen und nicht wie bei anderen Leuten. Da hatt’ ihn mal ein Bauer in Dienst ge­ nommen und machte sich dann auf, mit der Bäuerin in die Stadt zu fahren; die Frau sagte zu Iwanuschka: „Wenn du jetzt mit den Kindern allein bist, schau auf sie, und gib ihnen zu essen!“ „Ja, was denn?“ fragte Iwanuschka. „Nimmst halt Wasser, Mehl, Kartoffeln, schneidest sie in Stücke und kochst Poch- lebka!“ Und der Bauer fügte hinzu: „Paß

auf die Tür auf, daß die Kinder nicht etwa in den Wald laufen.“ Der Bauer war mit seiner Frau fort­ gefahren. Iwanuschka stieg auf die Schlafpritsche hinauf, weckte die Kinder, schleppte sie auf den Fußboden herunter, setzte sich hinter sie und sprach: „So, jetzt schau ich auf euch!“ Eine Weile saßen die Kinder so auf dem Fußboden, dann verlangten sie zu essen. Iwanuschka schleppte einen Kübel mit Wasser in die Stube, schüttete einen hal­ ben Sack Mehl und ein Maß Kartoffeln hinein, rührte alles mit einem Tragholz um und überlegte laut: „Wen aber sollte ich in Stücke schneiden?“ Die Kinder hörten das ‒ und bekamen es mit der Angst: „Der wird uns noch kaputt­ schneiden!“ Und sie liefen leise zum Haus hinaus. Iwanuschka schaute ihnen nach, kratzte

sich den Hinterkopf und überlegte: „Wie soll ich jetzt auf sie schauen? Und die Tür hier ‒ auf die soll ich doch auch auf­ passen, daß sie nicht wegläuft!“ Er guckte in den Kübel und sprach: „Koch du hier solange, Pochlebka, ich aber will gehn, auf die Kinder schaun!“ Er hängte die Tür aus, nahm sie auf die Schulter und ging mit ihr dem Wald zu. Auf einmal kam ihm ein Bär entgegen­ getappt ‒ blieb verwundert stehen und brummte ihn an: „He du, warum trägst du Holz in den Wald?“ Iwanuschka erzählte, wie es ihm ergangen war. Der Bär setzte sich auf die Hinter­ pfoten und konnte sich kaum halten vor Lachen. „Was bist du doch für ein Närr­ chen! Dich muß ich doch gleich mal fressen!“ Iwanuschka aber sagte: „Friß lieber die Kinder, daß sie das nächste Mal auf Vater

und Mutter hören und nicht wieder in den Wald laufen!“ Der Bär mußte noch mehr lachen ‒ wälzte sich nur so auf der Erde vor lauter Lachen. „So was Dummes ist mir noch nicht be­ gegnet! Komm, ich will dich meiner Frau zeigen!“ Er führte ihn seiner Höhle zu. Iwanuschka ging hinter ihm und blieb mit seiner Tür immerzu an den Kiefern hängen. „Ja, so wirf sie doch nur ab!“ sagte der Bär. „Nein! Mein Wort, das halt ich. Hab’s versprochen, auf sie aufzupassen ‒ also paß ich auch auf!“ Sie kamen zur Höhle. Der Bär sagte zu seiner Frau: „Hier, Mascha, hab dir einen Narren mitgebracht! Zum Totlachen ist er!“ Iwanuschka aber fragte die Bärin: „Tante, hast du nicht ein paar Kinder gesehen?“

„Die meinen sind zu Hause, sie schlafen.“ „Zeig mal her, am Ende sind es meine?“ Die Bärin zeigte ihm drei Bärenjungen. Iwanuschka sagte: „Nein, die sind’s nicht, ich hatte zwei.“ Da sah auch die Bärin, daß er ein Dummer­ jan war, und auch sie mußte lachen: „Die deinen waren doch Menschenkinder!“ „Na, jaa“, meinte Iwanuschka, „wer will sich da auskennen, wenn sie klein sind, wem welche gehören!“ „Na, der ist gut!“ staunte die Bärin und sagte zu ihrem Mann: „Michailo Pato- pytsch, wir wollen ihn nicht fressen, laß ihn als Arbeiter bei uns wohnen.“ „Meinetwegen“, sagte der Bär, „er ist zwar ein Mensch, ist aber gar so harm­ los!“ Die Bärin gab Iwanuschka einen Spankorb: „Geh, hol Waldhimbeeren! Wenn meine Kinder aufwachen, will ich ihnen was Leckeres vorsetzen.“

„Gut, wird gemacht!“ sagte Iwanuschka. „Ihr aber paßt solange auf die Tür auf!“ Iwanuschka suchte sich einen Himbeer- schlag, pflückte dort seinen Spankorb voll Beeren, aß sich auch selber noch satt, ging zurück zu den Bären und sang aus vollem Halse:

„Die Marienkäferchen, oh, wie ungeschickt! Doch die Ameisen und die Eidechsen, davon bin ich ganz entzückt!“ Er kam zur Höhle und schrie: „Hier sind die Himbeeren!“ Die kleinen Bären stürzten über den Spankorb her, knurrten, stießen sich weg, purzelten übereinander und freuten sich. Iwanuschka schaute ihnen zu und sagte:

„Schade, daß ich kein Bär bin ‒ hättsonst wohl auch Kinder!“ Der Bär und seine Frau grölten vor Lachen.

„Oh, du meine Güte!“ knurrte der Bär. „Es ist unmöglich, mit dem zusammen zu leben, da stirbt man ja vor Lachen!“ „Hört mal zu“, sagte Iwanuschka, „paßt hier auf meine Tür auf, ich aber will gehn, die Kinder suchen, sonst krieg ich noch einen Denkzettel von meinem Herrn!“ Die Bärin aber bat ihren Mann: „Geh, Mischa, hilf ihm suchen!“ „Hast recht“, bestätigte der Bär, „man muß ihm helfen, er ist gar zu komisch!“ Der Bär suchte mit Iwanuschka die Wald­ pfade ab. Sie gingen dahin und unter­ hielten sich so recht kameradschaftlich miteinander. „Du bist aber auch wirklich erstaunlich dumm!“ meinte der Bär. „Na ‒ und du ‒ bist du klug?“ „Meinst du mich?“ „Na ja!“ „Das weiß ich nicht!“

„Ich weiß es auch nicht. Bist du ‒ bös­ artig?“ „Nein, warum?“ „Ich glaube auch, es sind die Bösartigen, die dumm sind. Ich bin auch nicht bösartig, also sind wir beide, du und ich, auch nicht dumm!“ „Da, schau her, wie fein du das heraus­ gefunden hast!“ sagte der Bär staunend. Auf einmal sahen sie unter einem Busch zwei Kinder sitzen. Sie waren einge­ schlafen. Der Bär fragte: „Sind das deine?“ „Weiß nicht“, meinte Iwanuschka, „man muß sie fragen. Die meinen wollten essen.“ Sie weckten die Kinder und fragten sie:

„Wollt ihr essen?“ Die Kinder schrien: „Schon lange wollen wir essen!“ „Na also“, sagte Iwanuschka, „es sind

die meinen! Ich bringe sie jetzt ins Dorf. Du aber, Onkelchen, sei so gut und bring die Tür, ich selber hab nämlich keine Zeit ‒ muß die Pochlebka noch kochen.“ „Schon gut“, sagte der Bär, „ich bring sie dir.“ Iwanuschka ging hinter den Kindern drein, schaute auf sie herunter, wie es ihm an­ befohlen, und sang dabei:

„Seht euch nur das Wunder an! Die Käfer jagen Hasen. Unterm Busche sitzt der Fuchs, rümpft darob die Nase!“ Er kam ins Haus. Die Bauersleute waren schon aus der Stadt zurückgekehrt: Mitten in der Stube sahen sie den Kübel stehen, bis an den Rand voll Wasser, Kartoffeln waren hineingeschüttet und auch Mehl, die Kinder aber waren weg, und auch die Tür war verschwunden. Sie setzten sich auf die Bank und weinten bitterlich.

„Warum weint ihr?“ fragte da plötzlich Iwanuschka. Sie schauten auf, sahen die Kinder, umarmten sie voller Freude, und auf den Kübel zeigend, fragten sie Iwanuschka: „Was hast du denn da zusammengerührt?“ „Die Pochlebka.“ „Ja, aber so macht man das doch nicht!“ „Wie denn sonst?“ „Und wo ist denn die Tür hingekommen?“ „Wird gleich gebracht ‒ da ist sie schon!“ Sie schauten zum Fenster hinaus. Da stapfte ein Bär die Straße entlang und brachte die Tür angeschleppt. Die Leute nahmen Reißaus vor ihm, kletterten auf Dächer und Bäume. Die Hunde blieben vor Schreck in den Zäunen und unter den Toren stecken; nur ein fuchsroter Gockel stand verwegen auf der Straße und krähte den Bären an: „Ich knick dir’s Gni-i-ck “

(Deutsch von Marg. Mohnhaupt)

WAS JEWSEJKA PASSIERTE

MAXIM GORKI

Eines Tages saß der kleine Jewsejka, ein guter Junge, am Meeresufer und angelte. Das ist nun etwas sehr Langweiliges. Außerdem war es heiß. Da duselte Jew­ sejka ein, und ‒ plumps! fiel er ins Wasser. Aber das war ja halb so schlimm ‒ er bekam gar keinen Schreck und schwamm ruhig ein Stück, da tauchte er ein biß­ chen und kam auch gleich auf dem Grund an. Er setzte sich auf einen Stein, der weich mit rötlichen Wasserpflanzen ge­ polstert war, und sah sich um - herrlich war es hier! Gemächlich kriecht ein purpurroter See­

langsam schreiten bärtige Lan-

stern,

gusten über die Steine, eine Krabbe bewegt sich seitlich fort, überall sind wie große Kirschen über den Steinen See­ anemonen ausgestreut, und weit und breit gibt es die merkwürdigsten Dinge zu sehen. Da blühen und schaukeln Wasserlilien, wie Fliegen blitzen die flinken Garnelen auf, dort schleppt sich eine Seeschildkröte hin, und über ihrem schweren Panzer spielen zwei kleine grüne Fischlein wie Schmetterlinge in der Luft, und hier führt ein Einsiedlerkrebs seine Muschel über die weißen Steine spazieren. Bei seinem Anblick erinnert sich Jewsejka gleich an den Vers:

Ein Haus und keinen Wagen hat Großpapa Jakow Und plötzlich ertönt über seinem Kopf eine ganz feine Stimme wie das Piepsen einer Klarinette: „Wer sind Sie denn?“

Als er hinsieht, steht ein riesiger Fisch im

graublau silbernen Schuppenkleid und mit ganz großen Augen über ihm, der die Zähne zeigt und freundlich lächelt, als ob er schon gebraten und auf einer Platte auf dem Tisch läge. „Haben Sie eben gesprochen?“ fragte Jewsej. „Ja-a.“ Jewsejka wundert sich und fragt zornig:

„Wie können Sie denn? Fische sind doch stumm!“ Gleichzeitg denkt er aber: Sieh einmal an! Französisch kann ich nicht ver­ stehen, aber die Sprache der Fische so­ fort! Da soll mal einer was gegen mich sagen! Er blickt sich selbstbewußt um und sieht ein verspieltes buntes Fischlein um sich herumschwimmen, das lachend in die Worte ausbricht: „Nun guckt doch bloß, was da für ein Untier hergeschwommen ist ‒ mit zwei Schwänzen!“

„Und keine Schuppen ‒ pfui!“ „Und nur zwei Flossen!“ Ein paar ganz Mutige schwimmen ihm direkt vor die Nase und ziehen ihn auf:

„Ätsch ‒ ätsch!“ Jewsejka ist gekränkt: Das ist doch ge­ mein von ihnen! Als ob sie nicht verstün­ den, daß sie einen richtigen Menschen vor sich haben Er will sie greifen, aber sie schwimmen ihm unter den Händen weg, tummeln sich, stoßen einander mit den Nasen in die Seite und singen im Chor ein Spottlied auf den großen Krebs:

„Unter Steinen liegt ein Hummer, der an einem Fischschwanz leckt, trockner Fischschwanz macht ihm Kummer, weiß nicht, wie die Fliege schmeckt!“ Der Krebs bewegt wütend seinen Schnurr­

brabbelt, die Scheren ausge-

bart

und

streckt: „Wenn ich euch kriege, schneide ich euch die Zunge ab!“ Das ist ein ganz Böser, denkt Jewsejka. Der große Fisch fängt noch einmal an zu fragen: „Woher haben Sie denn das, daß die Fische stumm seien?“ „Das hat mein Papa gesagt.“ „Was ist denn das ‒ Papa?“ „Nun, so etwa wie ich, bloß größer, und mit einem Schnurrbart. Und wenn er nicht ärgerlich ist, dann ist er sehr gut.“ „Und ißt er Fische?“ Jetzt bekam Jewsejka einen Schreck: Er konnte doch nicht zugeben, daß er welche aß! Er blickte nach oben und sah durch das Wasser einen trübgrünen Him­ mel und eine gelbe Sonne darin wie ein rundes Tablett aus Messing; der Junge überlegte einen Augenblick und sagte die Unwahrheit: „Nein, Fische ißt er nicht, die haben ihm zuviel Gräten.“

„Das ist doch stark!“ schrie der Fisch be­ leidigt. „Wir haben doch nicht alle viel

Gräten! Meine Familie zum Beispiel

Wir müssen das Gesprächsthema wech­ seln, dachte Jewsejka und fragte höflich:

„Sind Sie auch manchmal bei uns oben?“ „Ich bedanke mich bestens!“ stieß der Fisch zornig aus. „Da bekommt man ja keine Luft.“

„Aber schöne Fliegen gibt es dafür.“ Der Fisch schwamm um ihn herum, hielt direkt vor seiner Nase an und sagte plötzlich: „Flie-gen! Und warum sind Sie hierhergeschwommen?“ So, jetzt geht es los! dachte Jewsejka. Jetzt frißt mich der Tölpel! So harmlos wie möglich antwortete er: „Bloß so, ein bißchen spazieren.“ „Hm?“ fauchte wieder der Fisch. „Viel­ leicht sind Sie auch schon ertrunken?“

noch schöner!“ rief der

„Das

.“

wäre

ja

Junge beleidigt. „Unter keinen Umstän­

den ! Ich stehe jetzt auf

Aber es gelang ihm nicht. Als ob er in eine feste Decke eingehüllt wäre — nicht drehen und nicht rühren konnte er sich! Schon wollte er zu weinen anfangen, da fiel ihm ein, daß im Wasser ja keine Trä­ nen zu sehen sind, also lohnte es sich nicht ‒ vielleicht würde es auf irgend­ eine andere Weise gelingen, aus dieser unangenehmen Geschichte herauszu­ kommen. Inzwischen hatten sich um ihn herum ‒ du lieber Himmel! die verschieden­ sten Meeresbewohner angesammelt. Gar nicht zu zählen. An seinem Bein hat sich eine Holothurie heraufgearbeitet, die wie ein schlecht gezeichnetes Ferkel aussieht, und zischt:

„Ich möchte mit Ihnen näher bekannt werden!“

.“

Vor seiner Nase zittert eine Seeschnecke, pustet sich auf, schnauft und macht sich über Jewsejka lustig: „Ätsch ‒ ätsch! Weder Krebs noch Fisch noch Molluske ‒ ai ‒ jai ‒ jai!“ „Wartet nur ab, vielleicht bin ich sogar ein Flieger“, sagt Jewsejka zu ihr. Inzwi­ schen ist ihm eine Languste auf die Knie gekrochen und fragt höflich mit hin und her wandernden Stielaugen: „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“ Ein Tintenfisch schwimmt vorüber wie ein nasses Taschentuch; überall tauchen Quallen auf wie Glaskugeln, in dem einen Ohr kitzelt ihn eine Garnele, das andere wird auch von einem neugierigen Wesen befühlt, sogar über den Kopf kriechen ihm ganz kleine Krebse, ver­ wirren sich in seinen Haaren und zer­ zausen sie.

Au, au! ruft Jewsejka für sich aus

und

versucht zu allem ein harmloses und freundliches Gesicht zu machen wie Papa, wenn er ein schlechtes Gewissen hat und Mama auf ihn böse ist.

Um ihn herum im Wasser schwebt alles von Fischen ‒ leise bewegen sie die Flos­ sen und reißen vor dem Jungen ihre runden Augen auf, die langweilig sind wie Algebra. „Wie kann er ohne Barthaare und Schuppen überhaupt existieren?“ mur­ meln sie. „Könnten wir Fische wohl unsere Schwänze verdoppeln? Er ist weder einem Krebs ähnlich noch uns! Ist dieses Ungeheuer vielleicht mit dem ungestalten Achtfüßer verwandt?“ Dummköpfe! denkt Jewsejka gekränkt. Wo ich im vorigen Jahr in Russisch zwei

Zweien gekriegt habe

er überhaupt nichts, und will sogar un-

Er tut, als hörte

bekümmert anfangen zu pfeifen, aber,

siehe da, es geht nicht ‒ das Wasser ver­ schließt ihm den Mund wie ein Korken. Ein geschwätziger Fisch fragt ihn immer­ zu: „Gefällt es Ihnen bei uns?“

das heißt ‒ ja, es gefällt mir

ist es auch sehr

schön“, antwortet er und bekommt einen neuen Schreck: Himmel, was rede ich

nur?! Womöglich wird er böse, und dann

fangen sie an, mich zu fressen

sagt er nur: „Wollen wir nicht ein biß­ chen spielen, sonst ist es doch lang­ weilig.“ Das gefiel dem geschwätzigen Fisch sehr, er lachte, macht sein rundes Maul auf, daß die rosa Kiemen und die scharfen Zähne zu sehen waren. Er wedelte mit dem Schwanz und schrie mit einer Alt­ weiberstimme: „Das ist fein — spielen! Sehr fein — spielen!“

Laut

„Nein

bei mir zu Hause

„Wollen wir einmal an die Oberfläche schwimmen?“ schlug Jewsejka vor. „Warum?“ fragte der Fisch. „Hier unten geht es doch nicht! Und oben gibt es Fliegen.“

„Flie-gen! Lieben Sie die?“ Jewsejka liebte nur Mama, Papa und Ge­ frorenes, antwortete aber: „Ja.“

schwimmen wir los!“ sagte

der Fisch und stellte sich mit dem Kopf nach oben. Jewsej griff sofort nach seinen

Kiemen und schrie: „Ich bin bereit!“ „Halt! Sie Untier können doch mit Ihren Pfoten nicht in meine Kiemen hinein­ fassen!“ „Da ist doch nichts dabei!“ „Was heißt ‒ nichts dabei? Ein anstän­ diger Fisch kann nicht leben, ohne zu atmen.“ „Du lieber Himmel!“ schrie der Junge. „Was Sie nur immer zu streiten haben!

„Na schön

Spielen wir nun oder nicht?“ Bei sich aber dachte er: Wenn er mich nur ein Stückchen in die Höhe brächte ‒ dann werde ich schon wieder auftauchen. Der Fisch schwamm los wie im Tanz und sang aus Leibekräften dazu:

„Fische mit den Augen glotzen, Karpfen mit den Flossen protzen, ohne Mittag ist es schlecht — schon die Zähne fletscht der Hecht!“ Die kleinen Fische kreisten um sie her­ um und sangen im Chor:

„Hecht und Karpfen, eins, zwei, drei — lachend schwimmt davon der Blei:

Tut uns auch der Hunger weh, Wasser ist doch schön, juchhe!“ Sie schwammen und schwammen. Je höher sie kamen, desto schneller und leichter ging es, und plötzlich fühlte Jew- sejka, daß sein Kopf an der Luft war. „Oi!“

Er blickt um sich — heller, lichter Tag, die Sonne spielte auf dem Wasser, das grün ans Ufer schlägt, rauscht und singt, Jew- sejkas Angel schwimmt weit draußen auf der See, er selber sitzt auf demselben Stein, von dem er heruntergefallen war, und ist schon wieder ganz trocken. „Ach“, sagt er und lächelt der Sonne zu, „da bin ich ja wieder aufgetaucht!“

(Deutsch von Felix Loesch)

BLÜMCHEN SIEBENBLATT

VALENTIN KATAJEW

Es war einmal ein Mädchen namens Genia, das wurde von seiner Mutter zum Kaufmann geschickt, um Kringel zu kau­ fen ‒ sieben Stück: zwei mit Kümmel für den Papa, zwei mit Mohn für die Mama, zwei mit Zuckerguß für sich selber und ein kleines, rosafarbenes Kringelchen für das Brüderchen Paul. Genia nahm das mit einem Bastfaden zu­ sammengebundene kleine Bündel und machte sich auf den Heimweg. Unter­ wegs schaute sie neugierig nach allen Seiten, las alle Aushängeschilder und zählte die Raben und Krähen. Unter­ dessen schlich sich von hinten ein fremder Hund an sie heran und fraß alle Kringel

auf; erst Papas Kümmelkringel, dann Mamas Mohnkringel und schließlich Genias Zuckerkringel. Als Genia merkte, daß ihr kleines Bündel immer leichter wurde, drehte sie sich um. Doch da war es schon zu spät. Das Bast- fädchen baumelte leer an ihrem Arm, und der Hund fraß gerade das letzte, rosa­ farbene, für den kleinen Bruder Paul be­ stimmte Kringelchen auf, leckte sich dann die Schnauze und nahm Reißaus. „Oh, du Bösewicht!“ rief Genia und rannte hinter dem Ausreißer her. Sie lief und lief, den Hund holte sie nicht ein, sie selber aber verirrte sich. Sie sah sich um ‒ die Gegend war ihr auf ein­ mal gänzlich unbekannt; keine großen Häuser mehr, sondern nur lauter kleine Hütten ringsum. Da bekam Genia einen Schreck und fing an zu weinen.

Plötzlich ‒

keiner weiß, woher es ge-

kommen sein mochte — stand ein altes gebücktes Weiblein vor ihr. „Kind, aber Kind! Warum weinst du?“ Unter Tränen erzählte Genia alles, was sich ereignet hatte. Da tröstete die Alte das Mädchen, führte es zu ihrem Gärtchen und sprach: „Macht nichts, mein Kind, weine nicht. Ich werde dir helfen. Freilich, Kringel habe ich keine und Geld auch nicht, aber dafür wächst in meinem Garten ein Blümchen, das heißt das Blümchen Siebenblatt, das kann alles. Du bist, das weiß ich, ein braves Kind, wenn du dich auch gern nach allen Seiten neugierig umschaust. Ich schenke dir dieses Blümchen, es wird alles wieder in Ordnung bringen.“ Mit diesen Worten pflückte die alte Frau von einem Beet eine sehr schöne kleine Blume, die wie eine Kamille aussah, und gab sie dem Mädchen.

Das Blümchen hatte sieben durchsichtige Blütenblätter, jedes von einer anderen Farbe: gelb, rot, dunkelblau, grün, orange, violett und himmelblau. „Dieses Blümchen“, sagte dazu das alte Weiblein, „ist keine gewöhnliche Pflanze, sondern eine ganz besondere. Sie kann dir nämlich jeden Wunsch erfüllen. Dazu brauchst du bloß eines der Blättchen ab­ zuzupfen, es in die Luft zu werfen und zu sagen:

,Flieg, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort!‘ Hast du dieses Sprüchlein aufgesagt, so befiehl: Ich will dies, oder ich will das, und es wird sofort geschehen.“

Genia

bedankte

sich

höflich

bei

dem

alten Weiblein, ging zur Gartentür hin­ aus, und da erst fiel ihr ein, daß sie ja den Heimweg nicht wußte. Was sollte sie tun? Nach alter Gewohn­ heit wollte Genia schon wieder in Tränen ausbrechen, die Nase hatte sie bereits wie eine Ziehharmonika in Falten gelegt. Da fiel ihr plötzlich das Blümchen ein. „Nun, wir werden ja gleich sehen, was für eine Bewandtnis es damit hat“, sagte sie zu sich selbst. Flink zupfte Genia das gelbe Blütenblatt ab, warf’s in die Luft und sprach den Vers, den das alte Weiblein sie gelehrt hatte:

„Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort!

Und ich will, daß ich sogleich mitsamt den Kringeln wieder daheim bin!“ Sie hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als sie sich schon zu Hause befand, und in den Händen hielt sie tatsächlich das kleine Bündel mit den sieben Kringeln. Genia gab die Kringel ihrer Mutter, bei sich selber aber dachte sie: Das ist wirk­ lich ein merkwürdiges Blümchen. Das muß man unbedingt in die allerschönste Vase stecken. Nun war Genia noch ein recht kleines Mädchen, darum kletterte sie auf einen Stuhl, stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte sich, um die Lieblingsvase ihrer Mutter vom obersten Wandbrett herunterzulangen. In diesem Augenblick flog draußen vor dem Fenster ein Krähenschwarm vorüber. Selbstverständ­ lich wollte Genia ganz genau wissen,

es waren ‒ ob sieben oder

wie

viele

acht. Sie öffnete den Mund und begann zu zählen, wobei sie ihre Finger krampf­ haft zusammenpreßte. Natürlich purzelte die Vase herunter und zersprang ‒ par­ dauz! ‒ in lauter kleine Stücke. „Hast du schon wieder was zerbrochen?“ rief die Mutter aus der Küche. „Doch nicht etwa meine Lieblingsvase?“ „Nein, aber nein, Mama, ich habe nichts zerbrochen!“ rief Genia zurück und zupfte ganz schnell das rote Blütenblatt von ihrer Blume ab, warf es in die Luft und murmelte hastig ihr Sprüchlein:

„Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Und ich will, daß Mamas Lieblingsvase

auf

der Stelle wieder heil ist!“ Kaum

hatte sie ihr Sprüchlein aufgesagt, als die Scherben sich von ganz allein wieder zusammenfügten. Als die Mama nun von der Küche herbei­ gelaufen kam, sieh an! ‒ da stand ihre Lieblingsvase, als ob gar nichts gewesen wäre, heil und unversehrt auf ihrem ge­ wohnten Platz. Die Mama drohte auf alle Fälle ihrer Tochter mit dem Finger und schickte sie zum Spielen hinaus auf den Hof. Dort saßen die Jungen aus der Nachbar­ schaft auf alten Brettern; sie hatten eine Fahne in den Sand gesteckt und spielten Polarforscher. „Laßt mich doch bitte, bitte mitspielen!“ bettelte Genia. „Was willst du? Mitspielen? Siehst du denn nicht, du dumme Suse, daß das der Nordpol ist? Da nehmen wir doch keine Mädel mit hin.“

„Wie kann denn das der Nordpol sein, wenn es bloß Bretter sind?“ „Das sind doch keine Bretter, sondern Eisschollen. Mach, daß du fortkommst! Stör uns nicht, bei uns ist grade Packeis­ druck.“ „Ihr wollt mich also nicht mitspielen lassen?“ „Nein.“ „Ist auch gar nicht nötig“, tröstete sich da Genia. „Ich werde auch ohne euch gleich am Nordpol sein. Aber nicht bloß so zum Schein, sondern richtig. Und euch bleibt nur der Katzenschwanz!“ Genia trat beiseite unter den Torweg, holte ihr Blümlein Siebenblatt hervor, zupfte das dunkelblaue Blütenblättchen ab, warf’s in die Luft und flüsterte:

„Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord.

Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß ich sogleich am Nordpol bin!“ Sie hatte noch nicht zu Ende ge­ sprochen, da erhob sich ein Wirbelwind. Die Sonne verschwand, es wurde stock­ finstere Nacht, und die Erde drehte sich wie ein Brummkreisel unter Genias Füßen. Und Genia ‒ so wie sie war, im dünnen Sommerkleidchen und barfüßig ‒ be­ fand sich auf einmal am Nordpol, aber die Kälte war dort schauerlich. Das Ther­ mometer hätte gewiß viele, viele Grad unter Null gezeigt. „O weh, o weh! Mama, Mama, ich er­ friere!“ jammerte Genia und brach in Tränen aus; aber die Tränen verwandel­ ten sich sofort in Eiszapfen und hingen ihr an der Nase wie an einer Regen­ traufe.

Im selben Augenblick kamen über die Eisschollen sieben Eisbären daher, schnur­ stracks auf das Mädchen zu ‒ einer im­ mer größer und furchterregender als der andere; der erste plump und täppisch, der zweite zornig brummend, der dritte noch böser und wilder als der zweite, der vierte mit aufgesperrtem Rachen, der fünfte triefend vor Nässe, der sechste rauh und zottig, und der siebente ‒ der war der größte und schrecklichste von allen. „Hilfe, Hilfe!“ kreischte Genia und wußte vor Furcht nicht mehr aus noch ein. Sie er­ griff mit klammen Fingern ihr Blümchen Siebenblatt, zupfte das grüne Blüten­ blättchen ab, warf’s in die Luft und schrie aus vollem Halse, so laut sie konnte:

„Fliege, mein Blättlein, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord.

Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß ich gleich wieder auf unserem Hof bin!“ Und im selben Augenblick befand sie sich wieder daheim auf dem Hof. Und die Jungen sahen sie an und lachten:

„Na, Genia, wo ist denn dein Nordpol?“ „Ich war eben dort.“ „Aber davon haben wir gar nichts ge­ sehen. Das mußt du uns erst beweisen.“ „Da, seht nur, an meiner Nase hängt ja noch ein Eiszapfen.“ „Das ist doch kein Eiszapfen, das ist der Katzenschwanz!“ spotteten sie. Tief gekränkt beschloß Genia, sich nicht mehr mit den Jungen abzugeben. Sie ging nach dem Nachbarhof. Dort saßen die Mädchen mit ihren Spiel­ sachen. Eins hatte einen Puppenwagen,

ein anderes einen Ball, ein drittes ein Springseil, ein viertes ein Dreirad und eines sogar eine große Puppe, die sprechen konnte und auf dem Kopf einen Strohhut und an den Füßen Galoschen hatte. Genia verdroß das, und sie wurde vor Neid richtig gelb und grün. Nun, dachte sie, ich werde euch gleich zeigen, wer die meisten Spielsachen hat. Sie zog das Blümchen Siebenblatt her­ vor, zupfte das orangefarbene Blüten­ blättchen ab, warf’s in die Luft und sagte:

„Fliege, mein Blättchen, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Ich will, daß alles Spielzeug der ganzen Welt mir gehört!“

Und augenblicklich, noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, strömte von allen Seiten Spielzeug auf Genia ein. Als erste kamen natürlich Puppen an­ getrippelt, lauter Puppen, die mit den Augen klappern konnten und ohne Unter­ laß „Papa, Mama! Papa, Mama!“ quäk­ ten. Zuerst freute sich Genia unbändig, dann aber wurden es so viele, daß sie all­ mählich den ganzen Hof füllten und die Gasse und die nächste Straße und den halben Marktplatz. Es war unmöglich, noch einen Schritt zu tun, ohne auf eine Puppe zu treten. Ringsum war nichts weiter zu hören als das Geplärr der quäkenden Puppen. Könnt ihr euch vor­ stellen, welchen Lärm fünf Millionen Pup­ pen vollführen? Und es waren bestimmt nicht weniger. Sogar Genia kriegte einen rechten Schreck.

Doch das war erst der Anfang. Hinter den Puppen kamen die dazugehörigen Pup­ penwagen angerollt und Bälle und Mur­ meln und Dreiräder und Roller. Spring­ seile hopsten über den Boden, gerieten den Puppen zwischen die Beine und ver- anlaßten sie, noch lauter zu quäken. Und durch die Luft kamen Millionen von Spielzeugfliegern angesurrt ‒ Doppel­ decker und Eindecker ‒ und Papier­ drachen in allen Formen, Farben und Größen, und viele blieben in den Dräh­ ten der Telefonleitungen und im Geäst

der Bäume hängen. Die Bewegung in der Luft, das Surren und Schwirren wollte kein Ende nehmen. Die Schutzleute waren auf ihre Türme mit den Verkehrsampeln geklettert und wußten nicht, was sie von der ganzen Sache denken und was sie tun sollten.

genug!“ rief Genia und faßte

„Genug,

sich entsetzt an den Kopf. „Soviel Spiel­ zeug brauche ich gar nicht! Ich habe ja bloß Spaß gemacht! Ich fürchte mich Aber das half alles nichts. Mehr und immer mehr Spielsachen ström­ ten herbei. Schon war die ganze Stadt bis zu den höchsten Dachfirsten unter all dem Spiel­ zeug begraben. Genia rannte die Treppe hinauf ‒ die Spielsachen hinter ihr her; sie lief auf den Balkon - die Spielsachen ihr nach; sie rettete sich mit einem Sprung auf das Dach, zupfte rasch das violette Blatt des Blümchens ab und rief:

„Fliege, mein Blättchen, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort!

Und ich will, daß alle Spielsachen schleu­ nigst wieder in ihre Läden zurückkehren!“ Im Handumdrehen waren da alle Spiel­ sachen verschwunden. Genia betrachtete nun ihr Blümlein und sah, daß von den sieben Blättern nur noch ein einziges übrig war. Das ist ja reizend! dachte sie. Sechse habe ich schon vertan und kein bißchen Vergnügen davon gehabt, nicht das ge­ ringste. Nun, macht nichts! Künftig werd ich klüger sein. Sie ging hinunter auf die Straße, und im Gehen überlegte sie: Was soll ich mir eigentlich noch wünschen! Vielleicht zwei Dutzend Eiswaffeln? Nein, lieber zwei Pfund Bonbons! Dazu noch eine Stange Marzipan und eine Tüte Nüsse. Und für den kleinen Paul noch ein Kringelchen. Doch das wird alles schnell aufgegessen

sein, und was dann

.? Nichts wird da-

von übrigbleiben

ich mir doch lieber was Dauerhafteres ‒

ein Dreirad zum Beispiel. Aber was soll

Doch

dann werden die Jungen kommen und es mir wegnehmen und es kaputt machen. Nein, da wünsche ich mir doch lieber ein Kinobillett oder eine Eintrittskarte für den

ich damit? Na ja, darauf fahren

Ach nein, da wünsche

Zirkus. Dort gibt’s wenigstens Spaß. Oder vielleicht sollte ich mir ein Paar rote Schuhe wünschen. Das wäre auch nicht schlechter als eine Zirkus- oder Kinovorstellung. Aber genaugenommen, was hätte das

für einen Sinn: rote

.? Nein, ich

muß mir etwas viel Besseres wünschen,

etwas viel, viel Besseres nichts übereilen!

Während Genia so ihren Gedanken nachhing, sah sie einen netten, kleinen Jungen, der unter einem Torweg auf

einem

Hauptsache:

Bänkchen

saß.

Der

Junge

gefiel

ihr auf den ersten Blick; man sah sofort, daß er kein Raufbold und kein Krakeeler war. Gar zu gern hätte Genia gewußt, wer das war. Ohne Scheu trat sie an ihn heran, so nahe, daß sie in jeder seiner Pupillen ganz deutlich ihr eigenes Gesicht mit den beiden auf die Schultern herabfallenden Zöpfen erkennen konnte. „Sag, wie heißt du?“ „Viktor. Und du?“ „Genia. Wollen wir Haschen spielen?“ „Ich kann nicht laufen.“ „Wie schade“, sagte sie. Ich mag dich gern. Ich wäre mit dem größten Ver­ gnügen mit dir um die Wette gerannt.“ Und Genia sah, daß der eine seiner Füße in einem unförmigen Stiefel mit sehr dicker Sohle und hohem Absatz steckte. „Ich mag dich auch“, antwortete der Junge. „Und ich wäre so gern mit dir her-

umgetollt. Aber leider geht das nicht mit meinem Bein. Da kann man nichts machen.

Das ist fürs ganze Leben

.“

„Was redest du für einen Unsinn!“ rief Genia und zog das Blümchen Siebenblatt aus ihrer Tasche. „Wart nur! Paß mal auf!“ Und bei diesen Worten zupfte sie das letzte, das himmelblaue Blütenblatt ab, hielt es dem Jungen ein Weilchen vor die Augen, öffnete ihre Finger und sang mit dünnem, vor Glück bebendem Stimm- chen:

„Fliege, mein Blättchen, fliege fort, flieg im Hui von Ost nach Süd, weiter dann nach West und Nord. Fliege, flieg in weitem Kreise, kehrst du heim von deiner Reise, so gehorche mir aufs Wort! Und ich will, daß Viktor auf der Stelle ge­ sund wird!“

Da sprang der Junge von seinem Bänk­ chen auf und konnte hüpfen und springen und mit Genia Haschen spielen. Und er lief so gut, daß sie ihn nicht einholen konnte, sosehr sie sich auch anstrengte.

(Deutsch von Horst Wolf)

SCHALMEI UND KRÜGLEIN

VALENTIN KATAJEW

Im Wald reiften die Erdbeeren. Da nahm der Vater einen Krug, die Mutter eine Tasse, Genia ein Krüglein, und dem kleinen Paul gab man ein Schüsselchen. Dann gingen alle zusam­ men in den Wald und begannen um die Wette zu pflücken: Wer würde wohl zuerst sein Gefäß voll haben? Die Mutter suchte für Genia die beste Lichtung aus und sagte: „Hier, Töchter- chen, ist ein ausgezeichnetes Fleckchen, wo viele Erdbeeren wachsen. Nun pflücke fleißig.“ Genia wischte ihr Krüglein mit einem Klettenblatt aus und machte sich ans Werk.

Sie ging und ging, guckte und guckte ‒ aber nirgends fand sie eine Beere und kehrte mit leerem Krüglein zurück. Da sah sie: Alle hatten Erdbeeren. Papas Krug war zu einem Viertel voll, Mamas Tasse halbvoll, sogar der kleine Paul

hatte zwei Beeren in seinem Schüssel- chen. „Mama, ach Mama, warum habt ihr alle welche und ich keine einzige? Du hast mir wirklich den schlechtesten Platz ausgesucht!“ „Hast du denn auch richtig gesucht?“ „Ganz richtig. Doch dort gibt es keine einzige Beere, bloß lauter Blätter.“ „Und hast du auch unter die Blätter ge­ schaut?“ „Nein, das freilich nicht.“ „Das ist es ja eben. Man muß drunter­ schauen.“ „Warum schaut denn Paulchen nicht drunter?“

„Paulchen ist noch klein, fast genau so klein wie eine Erdbeerpflanze; er braucht nicht erst drunterzuschaun. Aber du, Mädchen, bist doch schon ziemlich groß.“ Und der Vater sagte: „Die Erdbeeren sind schlau, sie verstecken sich immer. Man muß es verstehen, sie zu finden. Gib acht, wie ich es mache.“ Dabei kauerte er sich nieder, schaute unter die Blätter und fing an, Beere um Beere her­ vorzuholen. Dabei sagte er: „Die eine nehme ich, nach der anderen schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte ge­ wahre ich gerade noch.“ „Schön“, sagte Genia, „ich danke dir, Papachen, ich werde es ebenso machen.“ Damit lief sie auf ihre Lichtung zurück, kauerte sich hin, beugte sich ganz dicht zur Erde nieder und lugte unter die Blätter. Unter manchen Blättern waren Beeren, unter manchen keine. Genia ließ

ihre Augen umherwandern, dann be­ gann sie zu pflücken und die gepflückten Beeren in ihr Krüglein zu werfen. Dabei sprach sie: „Die eine nehme ich, nach der andern schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte gewahre ich gerade noch.“ Aber bald wurde es Genia langweilig, so dazuhocken. Für mich reicht es, ich habe wirklich schon genug gepflückt, dachte sie und richtete sich auf. Doch als sie in ihr Krüglein sah, lagen ganze vier Beeren darin. „Das sind zuwenig, damit ist nichts an­ zufangen. Da muß man sich noch mal hin­ hocken.“ Sie kauerte sich abermals nieder, pflückte und sagte dabei: „Die eine nehme ich, nach der anderen schaue ich, die dritte erspähe ich, und die vierte gewahre ich gerade noch.“

Dann schaute sie in ihr Krüglein, aber darin lagen alles in allem acht Beeren, nicht einmal der Boden war ganz be­ deckt. Nun, dachte sie, das Pflücken ge­ fällt mir ganz und gar nicht, die ganze Zeit über hockt man da, bückt und bückt sich, guckt sich die Augen aus, bis man müde davon wird. Ich werde mir lieber eine andere Lichtung suchen. Und sie lief davon, um eine andere Lich­ tung zu suchen, wo sich die Erdbeeren nicht unter den Blättern versteckten, son­ dern einem von selber vor die Augen kamen und ins Krüglein sprangen. Sie lief und lief, aber eine solche Lich­ tung konnte sie nicht finden. Sie wurde müde und setzte sich auf einen Baum­ stumpf, um auszuruhen. Und wie sie so saß, nahm sie vor lauter Nichtstun eine Beere nach der anderen aus dem Krüg­

lein und steckte sie in

den Mund, bis sie

alle acht gegessen hatte. Dann schaute sie in das leere Krüglein. Was soll ich jetzt tun? Wenn mir doch jemand helfen könnte! Kaum hatte sie das gedacht, als das Moos sich bewegte, die Hälmchen schoben sich auseinander, und unter dem Baumstumpf hervor kroch ein kleines Männlein: weißer Mantel, taubengrauer Bart, Samthut, und quer über dem Hut ein vertrocknetes Grashälmchen. „Guten Tag, Mädchen“, sagte das Männchen. „Guten Tag, Onkelchen“. „Ich bin kein Onkelchen, sondern ein Großväterchen. Hast du mich nicht er­ kannt? Ich bin doch das Steinpilz- und Wurzelmännchen, das Oberhaupt aller Pilze und Beeren. Warum hast du ge­ seufzt? Was bekümmert dich? Wer hat dich gekränkt?“ „Die Beeren haben mich gekränkt. Groß­ väterchen.“

„Meine Beeren? Na, ich weiß nicht, bei mir sind sie immer brav und artig. Wo­ durch haben sie dich denn gekränkt?“ „Sie wollen sich nicht finden lassen und verstecken sich immer unter den Blättern. Von oben sind sie einfach nicht zu sehen. Man muß sich bücken und bücken. Ehe man sein Krüglein voll hat, ist man tod­ müde.“ Da strich sich das Pilz- und Wurzelmänn­ chen seinen taubengrauen Bart und sagte lächelnd: „Kleinigkeit! Für solche Fälle habe ich eine Schalmei. Sobald die spielt, gucken alle Beeren unter ihren Blättern hervor und zeigen sich“. Bei diesen Worten zog das Pilz- und Wurzelmännchen aus seiner Tasche eine Schalmei und sprach: „Spiele, Schalmei!“ Und die Schalmei begann von ganz allein zu spielen, und kaum hatte sie zu spielen angefangen, da schauten überall

unter den Blättern die Beeren hervor.

„Hör auf, Schalmei!“ Die Schalmei hörte auf zu spielen, und die Beeren versteckten sich wieder. Da freute sich Genia. „Großväterchen, Großväterchen, schenk mir diese Schal- mei!“ „Schenken kann ich sie dir nicht, aber laß uns tauschen: Ich gebe dir meine Schalmei, und du gibst mir dein Krüglein, denn es gefällt mir sehr.“ „Topp, abgemacht! Mit dem größten Vergnügen!“ Und Genia gab dem Männlein ihr Krüg­ lein und nahm dafür von ihm die Schal­ mei; schnurstracks lief sie auf ihre Lich­ tung, stellte sich dort in der Mitte hin und rief: „Spiele, Schalmei!“ Die Schalmei begann zu spielen, und im selben Augenblick bewegten sich auf der Lichtung alle Blätterchen und drehten sich

langsam um, als ob der Wind darüber hinstriche. Zuerst guckten unter den Blättern die allerjüngsten, noch ganz grünen Beeren hervor, die am neugierigsten waren. Nach ihnen streckten die etwas älteren ihre Köpfchen hervor, deren eine Wange schon einen rosigen Hauch hatte, wäh­ rend die andere noch weiß war. Darauf schauten auch die völlig reifen, dicken und roten hervor, und schließlich, von ganz unten her, zeigten sich die allerältesten Beeren, die stark duftenden, die schon ganz schwarz und matschig und mit gel­ ben Samenkörnchen bedeckt waren. Die ganze Lichtung um Genia herum war besät mit lauter Beeren, die hell in der Sonne schimmerten. Es war, als würden sie von der Schalmei angezogen. „Spiele, Schalmei!“ rief Genia. „Spiel schneller!“

Die Schalmei spielte schneller, und die Beeren streckten sich noch weiter hervor, so weit, daß die Blätter unter ihnen gar nicht mehr zu sehen waren. Aber Genia konnte nicht genug bekom­ men. „Noch schneller, Schalmei, noch schneller!“ Die Schalmei spielte immer schneller, und der ganze Wald füllte sich mit ihren angenehmen, rasch und immer rascher aufeinanderfolgenden Tönen so, daß es schon kein Wald mehr war, sondern die reinste Spieldose. Die Bienen hörten auf, die Schmetterlinge von den Blüten und Blumen wegzustoßen; die Schmetterlinge klappten ihre Flügel zu wie ein Buch, die kleinen, noch nicht flüggen Vöglein schaute aus ihrem leichten Nest, das sich in den Zweigen eines Holunder­ busches schaukelte, und sperrten vor Ent­

zücken

ihre

gelben Schnäbel auf. Die

Pilze stellten sich auf die Zehenspitzen, damit ihnen ja kein Ton verlorenginge, und sogar die alte großäugige Libelle, die wegen ihres zanksüchtigen Charak­ ters berüchtigt war, verweilte in der Luft bei dieser in die Tiefen der Seele drin­ genden wunderbaren Musik. Und jetzt werde ich anfangen zu pflük- ken, dachte Genia und wollte schon die Hand nach der größten und rötesten Beere ausstrecken, als ihr einfiel, daß sie ja ihr Krüglein gegen die Schalmei ver­ tauscht hatte und nun nichts besaß, wo­ hinein sie die Beeren hätte tun können. „Och, du dumme Schalmei!“ rief das Mädchen ärgerlich. „Ich habe nichts, um die Beeren hineinzutun, und du spielst und spielst in einem fort.“ Und sie lief zurück zum Pilz- und Wurzel­ männchen und bat: „Großväterchen, Großväterchen, bitte gib mir mein Krüg-

lein wieder, ich habe nichts, um die Beeren hineinzutun.“ „Gut“, antwortete das Männchen, „ich werde dir dein Krüglein wiedergeben, aber nur, wenn du mir auch meine Schal­ mei wiedergibst.“ Also gab Genia dem Pilz- und Wurzel­ männchen die Schalmei zurück, nahm ihr Krüglein in Empfang und lief schnell wie­ der auf die Lichtung. Doch als sie dort ankam, war keine einzige Beere mehr zu sehen, bloß lauter Blätter. Was für ein Unglück! Hat man die Schalmei, dann fehlt einem das Krüglein; hat man das Krüglein, dann fehlt einem die Schalmei. Was soll man da bloß machen, dachte Genia. Sie dachte nach, und nach langem überlegen beschloß sie, noch einmal zum Pilz- und Wurzelmännchen hinzulaufen. Das tat sie auch und bat: „Großväter­ chen, gib mir die Schalmei wieder!“

„Gut, aber nur, wenn du mir dein Krüg- lein dafür gibst.“ „Nein, das tu ich nicht. Ich brauche es ja, um die Beeren hineinzutun.“ „Ei, so gebe ich dir auch meine Schalmei nicht.“ Genia flehte: „Großväterchen, wie soll ich denn die Beeren in mein Krüglein sammeln, wenn sie ohne deine Schalmei alle unter den Blättern bleiben und über­ haupt nicht hervorgucken. Ich brauche un­ bedingt Krüglein und Schalmei!“ „Sieh mal einer an, was für ein schlaues Mädchen! Beides will sie haben! Behilf dich ohne Schalmei, allein mit dem Krüg- lein. „Nein, ich kann mich doch nicht behelfen, Großväterchen.“ „Und wie machen es denn die anderen Leute?“ „Die kauern sich hin, lugen von der Seite

her unter die Blätter und pflücken Beere um Beere. Die eine nehmen sie, nach der anderen schauen sie, die dritte erspähen sie, und die vierte gewahren sie gerade noch. Aber so Beeren zu pflücken, das gefällt mir ganz und gar nicht. Immerfort sich bücken und bücken. Ehe man sein Krüglein voll hat, ist man schon tod­ müde.“ „Ei, sieh mal an“, sagte das Männchen und wurde so zornig, daß sich sein taubengrauer Bart schwarz färbte. „Du bist, wie mir scheint, ganz einfach ein Faulpelz. Nimm dein Krüglein und pack dich! Die Schalmei bekommst du nicht.“ Bei diesen Worten stampfte das Männ­ chen mit den Fuße auf und verschwand unter dem Baumstumpf. Genia starrte in ihr leeres Krüglein. Dann erinnerte sie sich, daß Papa, Mama und der kleine Paul auf sie warteten; rasch lief sie auf ihre

Lichtung, hockte sich hin, lugte unter die Blätter und pflückte geschwind Beere um Beere. Die eine nahm sie, nach der an­ deren schaute sie, die dritte erspähte sie, und die vierte gewahrte sie gerade noch. Bald hatte Genia ihr Krüglein bis zum Rande gefüllt und kehrte zu Papa, Mama und dem Brüderchen zurück. „Da ist ja Genia“, rief der Vater. „Und ihr Krüglein ist randvoll. Da wird sie wohl recht müde sein.“ „Durchaus nicht, Papa, es war beinahe, als ob das Krüglein mitgepflückt hätte.“ Und dann gingen sie alle miteinander heim: der Vater mit vollem Krug, die Mutter mit der vollen Tasse, Genia mit dem vollen Krüglein und der kleine Paul mit dem vollen Schüsselchen. Doch von der Schalmei hat Genia nie­ mandem ein Sterbenswörtchen erzählt.

(Deutsch von Horst Wolf)

MAXIM GORKI

INHALT

DAS

SPÄTZLEIN

3

MAXIM GORKI

IWANUSCHKA

DER

NARR

13

MAXIM GORKI

WAS

JEWSEJKA

PASSIERTE

26

VALENTIN KATAJEW

BLÜMCHEN

SIEBENBLATT

42

VALENTIN KATAJEW

SCHALMEI

UND

KRÜGLEIN

68

Rudi Strahl

ROBINSON

IM

MÜGGELWALD

Wie

einsam

und

abenteuerlich

es

in

einem

Wald

ganz

in

der

Nähe

einer

von

pulsierendem

Leben

erfüllten

Großstadt

sein

kann,

das

erfahren

zwei

Berliner

Jungen,

die

nichts

weiter

wollten

als

baden

gehen.

Robert

und

Kai

finden

in

einer

Schonung

ein

verletztes

Reh,

und

sie

tun

alles,

um

das

Tier

zu Bosso nach besten Kräften.

retten.

Dabei

hilft

ihnen

der

Bernhardinerhund

Mit zweifarbigen Illustrationen

von Eberhard Binder-Staßfurt

Etwa 80 Seiten • Pappband mit Folie • etwa 4,80 M

Für Leser von 8 Jahren an

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