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KANZLEI NICKERT

WIR DENKEN SCHON MAL VOR.

Matthias Kühne

Haftungstatbestände des GmbH-Geschäftsführers in der Unter- nehmenskrise

Die Krise eines Unternehmens stellt den GmbH-Geschäftsführer

vor besondere Herausforderungen.

Zwar haftet im Grundsatz nur das Vermögen der Gesellschaft für Verbindlichkeiten, die durch diese begründet sind. Dieser Grund-

satz wird jedoch gerade in Krisensituationen durch zahlreiche per-

sönliche Haftungstatbestände des Geschäftsführers durchbrochen.

Diese erhöhten Haftungsgefahren sind gerade im Zusammenspiel

mit der grundsätzlichen Haftungsbeschränkung auf das Gesell- schaftsvermögen zu beachten.

Der GmbH-Geschäftsführer wird in der Unternehmenskrise vers-

tärkt in die Pflicht genommen. Es soll die Situation verhindert wer-

den, dass der Geschäftsführer vor dem Hintergrund der bestehen-

den Haftungsabschirmung auf Kosten der Gläubiger spekuliert.

Gerade die Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit zeigen,

dass die Gläubiger einer Gesellschaft nicht mehr gewillt sind, im

Falle der Insolvenz der Gesellschaft den wirtschaftlichen Schaden,

der sich in vielen Fällen faktisch als Totalausfall darstellt, tadellos

hinzunehmen. Im Insolvenzfalle der Gesellschaft rückt der GmbH- Geschäftsführer als potenzieller Haftungsschuldner in den Mittel-

punkt der Betrachtung.

Die Zielrichtungen potenzieller Haftungstatbestände gegen den

GmbH-Geschäftsführer in der Unternehmenskrise sind auf mehre-

ren Ebenen gelagert.

Zum einen trifft den GmbH-Geschäftsführer das Risiko einer In-

nenhaftung gegenüber der Gesellschaft. Darüber hinaus besteht

das Risiko einer Außenhaftung gegenüber den Gläubigern der Ge-

sellschaft.

Die einzelnen Haftungstatbestände sollen im Folgenden, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, beleuchtet werden.

Whitepaper, 9. August 2010

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1. Innenhaftung des Geschäftsführers gegenüber der Gesellschaft.

Gemäß § 43 Abs. 1 GmbHG hat der Geschäftsführer in den eigenen

Angelegenheiten der Gesellschaft die Sorgfalt eines ordentlichen

Geschäftsmannes anzuwenden. Für den Fall, dass der Geschäfts- führer seine Pflichten schuldhaft verletzt und der Gesellschaft da-

durch ein konkreter Schaden entstanden ist, haftet er der Gesell-

schaft gegenüber auf Schadenersatz (§ 43 Abs. 2 GmbHG).

Grundlage für eine ordnungsgemäße Unternehmensführung ist

die Einrichtung eines betrieblichen Rechnungswesens. Dadurch wird die erforderliche Transparenz geschaffen, die wirtschaftlichen

Belange des Unternehmens stets zu überwachen. Die Einrichtung

eines betrieblichen Rechnungswesens ist Voraussetzung für eine

rechtzeitige Erkennung einer Unternehmenskrise. Da das betriebli-

che Rechnungswesen grundsätzlich vergangenheitsbezogen ist, besteht für einen GmbH-Geschäftsführer analog § 91 Abs. 2 AktG

die Verpflichtung, ein (zukunftsbezogenes) Risikomanagementsys-

tem einzurichten. Dadurch sollen die den Bestand der Gesellschaft

gefährdenden Entwicklungen frühzeitig erkannt werden. Verletzt

der GmbH-Geschäftsführer diese Pflichten und entsteht der Gesell- schaft dadurch ein konkreter Schaden, haftet er der Gesellschaft

gegenüber auf Schadenersatz. Hierbei kann sich der Geschäftsfüh-

rer grundsätzlich nicht auf eine Ressortaufteilung berufen. In der

Unternehmenskrise ist jeder Geschäftsführer, unabhängig von der

Aufgabenzuteilung, für die Erfüllung der Pflichten in der Krise ver- antwortlich. Auf eine abweichende Aufgabenverteilung kann er

sich nicht berufen.

Nach Eintritt der Insolvenzreife ist der Geschäftsführer gemäß § 15

a InsO verpflichtet, unverzüglich, spätestens jedoch innerhalb von

3 Wochen den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen. Kommt der Geschäftsführer seiner Verpflichtung zur recht-

zeitigen Stellung des Insolvenzantrags nicht nach, so haftet er der

Gesellschaft gegenüber auf Ersatz aller nach Eintritt der Insolvenz-

reife geleisteten Zahlungen (§ 64 Satz 1 GmbHG). Die Haftung be-

trifft auch alle Zahlungen an Gesellschafter, soweit diese zur Zah-

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lungsunfähigkeit der Gesellschaft führen mussten. Neben dem

bestellten Geschäftsführer ist auch der faktische Geschäftsführer Adressat des Haftungstatbestandes. Eine Haftung des Geschäfts-

führers ist dann ausgeschlossen, wenn die Zahlungen mit der Sorg-

falt eines ordentlichen Geschäftsmannes vereinbart waren (§ 64

Satz 2 GmbHG. Der Geschäftsführer trägt die Beweislast, diese

Voraussetzungen im Streitfall nachzuweisen.

2. Außenhaftung des Geschäftsführers gegenüber Dritten

a) Deliktische Haftungstatbestände

Eine persönliche Haftung des Geschäftsführers gegenüber Gesell-

schaftsgläubigern kann sich in der Krise der Gesellschaft insbeson-

dere aus einer deliktischen Haftung in Verbindung mit der Verlet-

zung eines Schutzgesetzes ergeben. In der Praxis sind folgende

Haftungstatbestände relevant:

b) Haftung wegen Verletzung der Insolvenzantragspflicht

Der Geschäftsführer, der im Fall eingetretener Zahlungsunfähig-

keit und / oder Überschuldung die Pflicht zur rechtzeitigen Insol-

venzantragstellung verletzt, haftet gegenüber sämtlichen Gläubi-

gern, die nach dem Zeitpunkt der Insolvenzreife mit der Gesell-

schaft in vertragliche Beziehungen getreten sind, persönlich auf Ersatz eingetretener Schäden. Nach dem Grundsatzurteil des BGH

vom 6.6.1994 hat der Geschäftsführer diesen Neugläubigern den

gesamten entstandenen Schaden zu ersetzen.

c) Haftung wegen Verletzung der Pflicht zur Abführung der

Sozialversicherungsbeiträge

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, die von seinen Arbeitnehmern zu

entrichtenden Beiträge an die Sozialversicherung abzuführen. Der Geschäftsführer macht sich zum einen strafbar, wenn er die Sozi-

alversicherungsbeiträge nicht rechtzeitig abführt (§ 266 a StGB).

Die Verletzung der Verpflichtung zur Abführung der Sozialversi-

cherungsbeiträge führt aber auch zu einem zivilrechtlichen Haf-

tungstatbestand. Der Geschäftsführer ist persönlich verpflichtet, Schadenersatz wegen nicht abgeführter Sozialversicherungsbei-

träge zu leisten.

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d) Haftung wegen vorsätzlich sittenwidriger Schädigung, Eingehungsbetrug

Ist dem Geschäftsführer die Insolvenzreife der Gesellschaft be-

kannt und begründet er weiterhin für die Gesellschaft Verbindlich- keiten, die nicht mehr bezahlt werden können, so haftet der Ge-

schäftsführer den Gläubigern der Gesellschaft persönlich auf Scha-

denersatz. Der Haftungstatbestand kommt nicht nur dann in Be-

tracht, wenn der Geschäftsführer die Solvenz der Gesellschaft wi-

der besseren Wissen vorspiegelt. Eine Haftung des Geschäftsfüh- rers ist unter Umständen auch dann möglich, wenn er die Vermö-

genslage der Gesellschaft schlicht verschweigt. Ein möglicher Haf-

tungstatbestand ist stets eine Frage des Einzelfalls. Es gilt aller-

dings der Grundsatz, dass der Geschäftsführer, der für die Gesell-

schaft weiterhin Verbindlichkeiten begründet, zumindest durch schlüssiges Verhalten zu verstehen gibt, dass die Gesellschaft auch

zur Erfüllung der begründeten Verbindlichkeiten in der Lage ist. Ein

weitergehender Täuschungstatbestand ist deshalb grundsätzlich

nicht erforderlich.

3. Haftungstatbestände gegenüber den Finanzbehörden

Der Geschäftsführer ist grundsätzlich verpflichtet, die steuerlichen Pflichten der Gesellschaft zu erfüllen (§ 34 AO). Der Geschäftsfüh-

rer einer Gesellschaft, der seine Pflichten verletzt, haftet dem Fis-

kus gegenüber persönlich für entstandene Steuerausfälle. Im Be-

reich der Lohnsteuer gilt der Grundsatz, dass diese grundsätzlich

vorrangig zu bedienen sind. Die Lohnsteuer ist im gleichen Ver- hältnis wie die Nettolöhne zu befriedigen. Reichen die der Gesell-

schaft zur Verfügung stehenden Mittel nicht aus, Nettolöhne und

Lohnsteuer insgesamt zu bedienen, hat der Geschäftsführer die

Nettolöhne anteilig zu kürzen, um eine persönliche Haftung zu

vermeiden.

Außerhalb der Lohnsteuer besteht der Grundsatz der anteiligen

Tilgung. Eine Haftung gegenüber dem Fiskus besteht in dem Maße,

als dass dieser gegenüber der Gesamtheit der Gläubiger schlechter

gestellt wurde. Hierbei sind die Tilgungsquoten der Gesamtgläubi-

gerschaft im Verhältnis zum Finanzamt innerhalb eines Haftungs- zeitraumes zu prüfen.

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4. Fazit:

Die dargestellten Haftungstatbestände veranschaulichen, dass die

Haftungstatbestände gerade in der Unternehmenskrise für den Geschäftsführer sehr weitreichend sind. Die Tendenz in der Praxis

geht dahin, dass die Gläubiger einer insolventen Gesellschaft die

Möglichkeiten für einen Haftungsdurchgriff auf den Geschäftsfüh-

rer zunehmend nutzen. Die Geschäftsführer sind deshalb gut bera-

ten, die erforderlichen Vorkehrungen für die Einhaltung ihrer Pflichten zu treffen.

Offenburg, 9.August.2010

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Über KANZLEI NICKERT, Offenburg:

KANZLEI NICKERT ist eine Unternehmerkanzlei im besten Sinne: Sie bietet in den Bereichen Rechtsberatung, Steuerberatung und

betriebswirtschaftliche Beratung all diejenigen Dienstleistungen an, die ein Unternehmen / Unternehmer klassischerweise benö-

tigt. Zudem hat sie Kompetenzzentren für die Bereiche Bau, Sanierungsberatung sowie Personalwesen eingerichtet. Rechtsanwäl- te, Fachanwälte für Steuerrecht und Steuerberater arbeiten dabei Hand in Hand.

KANZLEI NICKERT ist seit März 2009 zertifiziert nach ISO 9001:2008 und für die Steuerberatung zusätzlich nach dem DStV-Quali-

tätssiegel, dem Qualitätsstandard des Deutschen Steuerberaterverbandes. 2009 wurde die Kanzlei von FOCUS MONEY in die Liste

der TOP-Steuerberater aufgenommen.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.kanzlei-nickert.de

Disclaimer:

Alle Angaben sind sorgfältig geprüft. Durch Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verordnungen sowie Zeitablauf ergeben sich

zwangsläufig Änderungen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir für die Richtigkeit und Vollständigkeit des Inhalts keine

Haftung übernehmen.

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