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Nr. 34 / 19.8.2017 Deutschland €4,90 Das wahre Gesicht des Donald Trump BeNeLux € dkr
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Nr. 34 / 19.8.2017

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Nr. 34 / 19.8.2017 Deutschland €4,90 Das wahre Gesicht des Donald Trump BeNeLux € dkr 5,50
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Hauptstadtflughafen BER

Made in Germany – die Geschichte eines deutschen Versagens

Rügen statt Rimini

Sommer 2017: Der Bau- und Touristenboom an der Ostsee

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Willkommen in der neuen S-Klasse.

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DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: BER,

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: BER, Marxloh, DEIN SPIEGEL, SPIEGEL WISSEN

ESPEN EICHHÖFER / DER SPIEGEL
ESPEN EICHHÖFER / DER SPIEGEL

Wassermann, Geyer, Fichtner

I m Südosten Berlins, in Schönefeld, wird seit elf Jahren an einem Flughafen gebaut, der

womöglich niemals eröffnet werden kann. Wohl noch nie zuvor ist ein staatliches Großprojekt derart entgleist, und daran tragen vorrangig die öffentlichen Bauherren die Schuld. So ver- wickelt ist der Fall BER, dass Ullrich Fichtner, Matthias Geyer und Andreas Wassermann, un- terstützt durch SPIEGEL-Dokumentar André Geicke, sieben Monate lang für ihre Recherchen benötigten. Tausende Seiten Akten waren zu sichten, Gerichtsurteile, Untersuchungsberichte, Lärmgutachten. Es galt, die Absonderlichkeiten

von Sprinkler-Anlagen und Entrauchungsmatri- zen zu verstehen und Dutzende Zeitzeugen zum BER zu befragen, darunter ehemalige und aktuelle Flughafenchefs, Bürgermeister und Minister. Heraus- gekommen ist eine Reportage, die von deutscher Überheblichkeit handelt – und

mit 20 Seiten so lang ist wie kaum eine SPIEGEL-Geschichte zuvor. Seite 64

A m Dienstag erklärte SPD-Kanzlerkandi- dat Martin Schulz Integration zu einer der

SPD-Kanzlerkandi- dat Martin Schulz Integration zu einer der Thimm (r.) in Marxloh wichtigen gesellschaftspolitischen

Thimm (r.) in Marxloh

wichtigen gesellschaftspolitischen Zukunftsauf- gaben Deutschlands. In Duisburg lässt sich bei- spielhaft beobachten, wie schwer es ist, sie zu lösen. Katja Thimm fühlte sich manchmal an Reisen in Schwellenländer erinnert, als sie nun im Stadtviertel Marxloh recherchierte, wo Mi- granten in der Überzahl sind. Sie besichtigte

Schrottimmobilien, in denen Armutszuwande- rer aus Osteuropa leben, oft gemeinsam mit Ratten. Sie erfuhr, dass es kaum eine Form der Kriminalität gibt, die in dem Viertel nicht gehäuft vorkommt. Dennoch gelangte sie am Ende zu dem Ergebnis, dass Marxlohs Ruf der No-go- Area, aus der sich sogar der Staat zurückgezogen habe, nicht angemessen ist. „Ordnungskräfte und Polizei sind in hohem Maße in Marxloh und anderen Problemvierteln präsent“, sagt Thimm, „und sie versuchen mit Null-Toleranz- Strategien, die Kontrolle wiederzugewinnen.“ Seite 44

S ie habe als Kind wahrscheinlich zu viel Milch getrunken, leide manchmal unter dröhnenden Ohren und würde in ihrem ungepflegten Garten gern

mehr Unkraut zupfen – es waren auch Informationen wie diese, die die beiden Kinderreporter Constantin und Cemre kürzlich von Angela Merkel erhielten. Das Interview, das die mächtigste Frau der Welt den beiden Elfjährigen gab, ist

in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL zu lesen, dem Nachrichten-Magazin für Kinder, das am Dienstag erscheint. Am gleichen Tag kommt die neue Ausgabe von SPIEGEL WISSEN heraus, die sich

dem Thema „Intelligenz“ widmet. Um zu ergründen, wie sich die Kraft des Geistes entwickelt und ob man sie trai- nieren kann, besuchten die Autoren un- ter anderem eine Kita, in der Vierjähri- ge ihre Gefühle analysieren. Außerdem ließen sie sich erklären, warum Femi- nismus nicht nur gut für den Geist, son- dern auch für den Sex ist.

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DER SPIEGEL 34 / 2017 9

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MARK WILSON / GETTY IMAGES

Great again USA Wie kein Präsident vor ihm stellte sich Donald Trump in diesen Tagen
Great again
USA Wie kein Präsident vor ihm stellte sich Donald
Trump in diesen Tagen schützend vor weiße
Nationalisten und Neonazis. Wirtschaftsführer,
hochrangige Militärs und Republikaner distanzierten
sich daraufhin erstmals seit Monaten eindeutig
von dem Rassisten im Weißen Haus. Seiten 16, 21, 22
von dem Rassisten im Weißen Haus. Seiten 16, 21, 22 Ein deutsches Versagen Mythen In Berlin

Ein deutsches Versagen

Mythen In Berlin wird seit elf Jahren an dem Flughafen BER gebaut. Die Pläne für das Aushängeschild der Hauptstadt waren ehrgeizig, die Architektur groß. Noch immer ist er eine Ruine, die täglich eine Million Euro kostet und von dem Kollaps deutscher Tugenden erzählt. Seite 64

Kollaps deutscher Tugenden erzählt. S e i t e 6 4 Der Ökoschwindel Automobile Als Konsequenz

Der Ökoschwindel

Automobile Als Konsequenz aus dem Die- selskandal fordern Politiker einen raschen Umstieg auf Elektrofahrzeuge. Doch die derzeit angebotenen Autos haben häufig noch eine erschreckende Ökobilanz – vor allem solche, deren Hersteller mit hoher Reichweite werben. Seite 118

mit hoher Reichweite werben. S e i t e 1 1 8 Und es war Sommer

Und es war Sommer

Ferien Der Sommer ist der Anarchist unter den Jahreszeiten. Für die meisten Men- schen in unseren Breitengraden bedeutet er aber einfach nur: Urlaub. Weil viele Deutsche einstmals beliebte Ziele wie die Türkei oder Tunesien meiden, erlebt die Ostsee einen Besucherboom. Seiten 88, 126

CHRISTIAN BURKERTJO

SVEN DOERING / DER SPIEGEL

SCHWARTZ

Titel

USA Donald Trump demaskiert sich selbst

16

Interview Der Schriftsteller Kurt Andersen über den Hang der Amerikaner zum Irrationalen

21

Rassismus Ein 60 Jahre altes Foto einer schwarzen Schülerin und seine Geschichte

22

Deutschland

Leitartikel Der Rassist im Weißen Haus

12

Meinung Kolumne: Der gesunde Menschenverstand / So gesehen:

Juhu, die Welt wird besser

14

Regierung will Investitionen aus China restriktiver regeln / Weiteres Gift in Desinfektionslösung für Hühnerställe entdeckt / Innenpolitiker der Union verabreden Law-and-Order-Wahlkampf

28

Karrieren Die Russlandjobs von Altkanzler Schröder bringen SPD-Chef Schulz in Bedrängnis

32

Parteien Warum sich die FDP vor einem Wahlsieg fürchtet

36

AfD Parteichefin Frauke Petry kündigt im SPIEGEL-Gespräch an, schärfer gegen Rechtsextreme in den eigenen Reihen vorgehen zu wollen

38

Ruhestand Die fragwürdigen Gehälter im Büro von Altbundespräsident Joachim Gauck

42

Integration Duisburg-Marxloh gilt als No-go- Area, doch der Stadtteil wandelt sich

44

Verkehr Die Bahnstrecke im Südwesten könnte noch wochenlang gesperrt bleiben

50

Religionen Wie Muslime damit umgehen, dass Attentate im Namen Gottes begangen werden

52

Gleichberechtigung Die Ökonomin

Iris Bohnet erklärt im SPIEGEL-Gespräch, warum eine Quote nicht das beste Mittel ist, um Frauen zu fördern

56

Gesellschaft

Früher war alles schlechter: Fußball

62

Eine Meldung und ihre Geschichte Warum

ein Baseballfan die Asche seines besten Freundes in Stadiontoiletten runterspült

63

Mythen Wie aus dem Projekt des Berliner Flughafens BER ein deutsches Debakel wurde

64

Kolumne Leitkultur

85

Wirtschaft

Gesetzliche Kassen mit Versichertenrekord / Google investiert massiv in Medizin- Start-ups / Weniger Bauern, mehr Gülle

86

Tourismus Der Besucherboom an der Ostsee hat einen Bauboom entfacht, der mancherorts auf Widerstand stößt

88

Finanzmärkte Bundesbankvorstand Andreas Dombret über die Chancen Frankfurts nach dem Brexit

91

Affären Ein Rufmörder vermarktet seine Kampagne gegen den Unternehmer Carsten Maschmeyer

92

Luftfahrt Wie die Lufthansa von der Air-Berlin-Pleite profitiert

94

Digitalisierung Das lahme Internet wird zum Wettbewerbsnachteil für die Wirtschaft

96

Ausland

Der Drogenkrieg erreicht Mexikos Hauptstadt und Urlaubsgebiete / Plant Moskau eine dauerhafte militärische Präsenz in Weißrussland?

98

Niger Die stille Tragödie – in der Sahara sterben mehr Flüchtlinge als im Mittelmeer

100

Terrorismus Der Anschlag von Barcelona

103

Korea Ein Besuch in der entmilitarisierten Zone an der Grenze

104

Nordirland Was wird aus der Unruheprovinz nach dem Brexit?

106

Sport

Reitsport: Exportland Deutschland / Magische Momente: Niklas Stoepel über die Faszination des Synchronschwimmens

109

Fußball Wie sich Bayern München seinen neuen Star James Rodríguez erkaufte

110

Mäzene SPIEGEL-Gespräch mit Klaus-Michael Kühne über seinen Kummer mit dem HSV

114

Wissenschaft

Methadon als angebliches Wundermittel gegen Krebs / Iberisches Silber half Rom beim Aufstieg zum Imperium / Glosse: Warum Rundumkameras nerven

116

Automobile Wie praxistauglich und umwelt- freundlich ist ein schneller Umstieg auf Elektroautos wirklich?

118

Hygiene So keimbelastet sind Küchen- schwämme – und was dagegen hilft

121

Gelehrte Die Gefühlsdenkerin – die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum will Zorn für positive Veränderungen nutzen

122

Kultur

Historienkrimi und Liebesdrama: der Film „Tulpenfieber“ / Eine Theatertruppe bewegt den Ruhrpott / Kolumne: Zur Zeit 124

Sommer Küsse und Kriege, Fanal und Fest – eine bedrohlich schöne Jahreszeit Autoren António Lobo Antunes erkundet in seinem Werk die Finsternis. Der Besuch eines Süchtigen in Lissabon Freizeitkritik Morbider Charme im einstigen DDR-Vergnügungspark „Kulti“

126

132

136

Bestseller

131

Impressum, Leserservice

138

Nachrufe

139

Personalien

140

Briefe

142

Hohlspiegel/Rückspiegel

144

Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

In diesem Heft

Informanten: www.spiegel.de/investigativ In diesem Heft Gerhard Schröder Er hat ein schwieriges Ver- hältnis zu

Gerhard Schröder

Er hat ein schwieriges Ver- hältnis zu seiner Partei, aber ein exzellentes zu Moskau:

Der Altkanzler soll Aufsichts- rat des russischen Erdöl- konzerns Rosneft werden. Die Kritik ist heftig – was treibt Schröder an? Seite 32

heftig – was treibt Schröder an? S e i t e 3 2 Frauke Petry Sie

Frauke Petry

Sie tauchte nach innerpartei- lichen Machtkämpfen und der Geburt ihres Babys monatelang ab. Nun meldet sich die AfD-Vorsitzende im SPIEGEL-Gespräch zurück und bekräftigt ihren Führungsanspruch. Seite 38

bekräftigt ihren Führungsanspruch. S e i t e 3 8 António Lobo Antunes Er kann, was

António Lobo Antunes

Er kann, was kaum ein anderer Schriftsteller kann:

mit seinem Blick und seiner Sprache einen eigenen Kosmos schaffen. Nun wird der Portugiese bald 75, es wird Zeit für den Nobelpreis. Ein Hausbesuch. Seite 132

HULTON-DEUTSCH COLLECTION / CORBIS

HULTON-DEUTSCH COLLECTION / CORBIS Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Der Rassist Präsident Donald Trump legt

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Der Rassist

Präsident Donald Trump legt Brände. Warum wird er noch immer verharmlost?

I m New Yorker Stadtteil Queens schlugen sich vor 90 Jahren rund tausend Anhänger des Ku-Klux-Klan mit der Polizei, Fred Trump zählte zu den Verhafteten.

Zum Prozess kam es nicht, so waren die Zeiten noch nicht. Fred Trump erzog seinen Sohn Donald in dem Bewusst- sein, zu einer weißen Elite zu gehören, und 2015 antwor- tete der Präsidentschaftsbewerber Donald Trump auf Fra- gen nach der hässlichen KKK-Episode: „Es ist nie passiert. Da es keine Anklage gab, sollte es niemals erwähnt wer-

den.“ Ist also nur wahr, was vor Gericht endet? 1973 wurde Donald Trump verklagt, weil er seine 14000

Apartments in New York lieber an Weiße als an Schwarze vermietete. Es war dokumentiert und bewiesen: Bewer- bungen wurden mit einem „C“ für „colored“ gekennzeich- net und aussortiert; Schwarze

wurden abgewiesen, Minuten später bekamen Weiße die Wohnung. In den Achtziger- jahren hielt der Kasinobetrei- ber Donald Trump schwarze Angestellte für fauler als wei- ße; die Schwarzen würden ihn beklauen, fürchtete er. Im April 1989 wurde die weiße Investmentbankerin Trisha Meili im Central Park verge- waltigt und ins Koma geschla- gen, vier Schwarze und ein Latino wurden verhaftet. Trump kaufte ganzseitige An- zeigen: „Bring back the death penalty!“ Die unschuldig Ver- urteilten kamen ins Gefängnis und viele Jahre später frei. Im November 2016 wählten die USA diesen Trump zu ih-

rem Präsidenten, jenen Mann, der Barack Obama als im Aus- land geborenen Muslim denunziert hatte und dessen Slo- gan „Make America Great Again“ lautet. Dieses „great again“ bedeutet in den sozialdarwinistischen USA: Ein- heimische herrschen wieder über Migranten, Heterosexu- elle über Homosexuelle; Weiß herrscht wieder über Schwarz, Mann über Frau. Man kann Trumps Slogan nicht anders deuten: Seine Reden, Dekrete und Personalent- scheidungen zeigen, wer er ist. Trump ist ein Rassist und ein Hetzer. Wer ihn nun als alten, etwas unsortierten, unpolierten Mann bezeichnet, der ja explizit kein glatter Politiker sein wolle, der ver- niedlicht ihn noch immer. „Trump testet Ideen auf Twitter, dann wiederholt und wiederholt er sie so oft, bis sie ge- lernt sind“, sagt die deutsche Sprachwissenschaftlerin Eli- sabeth Wehling, die Trump von Berkeley aus beobachtet.

Viele Amerikaner verstünden die Welt aggressiv, so Weh- ling, als Dichotomie von Gut und Böse, Trump spreche

punktgenau die Wahrheiten dieser Leute aus. In einer un- sicheren Zeit des Wandels benennt der Präsident die Sün- denböcke: die Migranten, die Eliten; und wenn es künftig zu Terroranschlägen komme, trügen jene liberalen Richter die Schuld, welche heute die Flüchtlinge ins Land ließen, das sagt prophylaktisch der Mann im Weißen Haus. Aus- gerechnet dort, wo die moralische Autorität der USA da- heim sein müsste, sitzt der Brandstifter. Rassismus, in seiner alltäglichen Version, funktioniert meist subtil. Normalerweise sind da erstens die Vorurteile und die Benachteiligungen: Jüdische Kinder werden mit Münzen beworfen, Schwarze öfter als Weiße von der Polizei kontrolliert. Zweitens gibt es Strippenzieher am dunklen Rand und drittens die Politiker im Licht, die mit Klischees spielen. All das

kann unabhängig voneinan- der geschehen. Dann aber, immer wieder, kommt es zu Phasen, in denen alle Akteu- re zur selben Zeit auf der Bühne stehen. Das war im Nationalsozialismus so, in der Apartheid, in Ungarn ist es seit einigen Jahren so und nun in Trumps Amerika. In diesen Phasen entfaltet der Rassismus seine Wucht, und die Grenzen fallen. In der DDR galt die Vertei- digung des Kapitalismus als überwundener Standpunkt. Zweifellos zu früh. In der westlichen Welt hatten wir ge- hofft, dass Misogynie, Homo- phobie, Antisemitismus und Rassismus weitgehend über- wundene Standpunkte seien. Zu früh. Das Ziel rassistischer Rhetorik liegt darin, Tabus ins Spektrum der Debatte zu- rückzuholen, Rassismus also wieder zu einem Standpunkt zu machen, der als ebenso legitim gilt wie die Toleranz. These und Antithese. Weil man ja nur seine Meinung sage. Weil die USA ja ein freies Land seien. David Duke, Führer der amerikanischen Rassisten, wusste, warum er sich bei Trump zu bedanken hatte. Wenn der Präsident der USA sagt, das Opfer sei genauso verantwortlich wie der Mörder, der Gegendemonstrant ebenso wie jener Nazi mit der Hakenkreuzflagge, der „Jews will not replace us“ brüllt; und wenn seine Partei Trump selbst jetzt noch nicht fallen lässt: Dann haben Duke und Trump ein wesentliches Ziel erreicht. Toleranz, Empathie, Güte, Meinungsvielfalt sind als politisch korrekt verunglimpft, alles andere ist sagbar, und wenn es sagbar ist, ist auch Gewalt wieder begründbar. Das Rad der Zivi-

lisation ist rückwärtsgedreht worden. Klaus Brinkbäumer

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Meinung

Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand

Armes Jamaika

Das einzige denkbare Bündnis (neben der Großen Koalition), welches in allen Um- fragen eine Mehrheit hätte, ist die soge- nannte Jamaika-Ko- alition. Sie heißt so, weil die Farben von FDP, Grünen und Union auch auf der Flagge der Karibikinsel Jamaika vertreten sind. Ich fände, rein habituell, ja Coburg-Koalition treffender, die Flagge des Landkreises Co- burg weist jedenfalls dieselben Farben auf. Aber vermutlich ist genau das der Gag bei Jamaika: die Anmutung einer Spießer-Ko- alition (funky Christian Lindner natürlich ausgenommen) mit einem Hauch Verwe- genheit zu würzen. Jamaika steht für Reggae und ungezügel- ten Marihuanakonsum. Letzteres passt im- merhin, denn man muss schon einige Tü- ten im Kopf haben, um Jamaika als Option für Deutschland zu wollen. Wer an halb- wegs stabilen Verhältnissen interessiert ist, käme nüchtern jedenfalls nicht darauf. Dauerstreit und Kämpfe wären program- miert, ähnlich chaotisch sind allenfalls die Prognosen für ein Bündnis aus FDP, Lin- ken und AfD, über das derzeit glücklicher- weise nicht diskutiert wird. Schon Zweier-Koalitionen haben Streit- potenzial, Dreier-Bündnisse sind äußerst heikel. Eine Vierer-Koalition aber wäre ein Hochsicherheitsrisiko, erst recht, wenn keiner der vier Beteiligten mit dem ande- ren klarkommt. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Grüne und FDP pfle- gen traditionell eine innige Feindschaft.

und FDP pfle- gen traditionell eine innige Feindschaft. Bis heute kann es sich kaum ein Liberaler

Bis heute kann es sich kaum ein Liberaler verkneifen, die Grünen als verpeilte Budd- ler von Krötentunneln zu verspotten. Die Feindschaft zwischen FDP und CSU ist spä- testens seit der letzten schwarz-gelben Ko- alition zwischen 2009 und 2013 legendär, als sich die Parteien gegenseitig als „Gur- kentruppe“ oder „Wildsau“ bezeichneten. Für die FDP waren diese Jahre ein trauma- tisches Erlebnis, eine Zeit der Demütigung, die manches Rachegelüst entfachte. Wie die Grünen und die CSU klarkom- men wollen, müsste auch noch geklärt wer- den. Eine Koalition mit Horst Seehofer, der Donald Trump für seine unkonventio- nelle Art zu sprechen lobte und der dem ungarischen Demokratiezerstörer Viktor Orbán den Hof macht, müsste der grünen Basis jedenfalls noch schmackhaft gemacht werden. Schwer gestört ist schließlich das Verhältnis zwischen CDU und CSU, auch wenn dies in Zeiten des Wahlkampfes er- folgreich vertuscht wird. Spätestens seit Seehofer die Flüchtlingspolitik der Kanzle- rin eine „Herrschaft des Unrechts“ nannte, befinden sich die beiden im Endspiel ihrer Zusammenarbeit. Zudem hat Seehofer mehrfach versprochen, die CSU werde kei- nen Koalitionsvertrag ohne eine feste Obergrenze für Flüchtlinge unterschreiben. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis die Regierung der Karibikinsel den Vor- wurf der Rufschädigung erhebt. Tatsächlich würde das echte Jamaika mit seinem Zwei- parteiensystem neben der gleichnamigen Koalition wie ein Hort der Stabilität wirken.

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

Kittihawk

Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Drei Fliegen, eine Klappe So gesehen Die Welt wird
Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Drei Fliegen, eine Klappe So gesehen Die Welt wird

Drei Fliegen, eine Klappe

So gesehen Die Welt wird besser. Freiwillig und im Affenzahn.

In dieser Woche gab es zwei gute Nachrichten. Die erste:

Scheidungskosten sind steu- erlich ab sofort nicht mehr absetzbar, da sie nicht als außergewöhnliche Belastun- gen gelten. Die deutschen Behörden betrachten die Treue in personaler Ewig- keit folglich als Ausnahme, die Republik wird auch fis- kalisch boheme. Wenige Wochen nach dem parla- mentarischen Willkommen der Ehe für beinahe alle ist das ein beherzter Schritt in die Moderne mit all ihrem erotischen und progressiven Reichtum. Dies gilt erst recht für die zweite gute Nachricht der Woche: Der Anteil von Frauen in den Vorständen von Deutschlands börsenno- tierten Unternehmen ist bin- nen eines Jahres um einen halben Prozentpunkt gestie- gen; wir nähern uns der Sechs-Prozent-Marke. Und das ohne Druck und Quote, ganz von selbst. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, sind wir nach gut 21 Jahren, nämlich 2038, am erklärten Ziel des Familienministe- riums, ein Drittel der Vor- standsposten weiblich be- setzt zu sehen. Das wäre, nach rund 5000 Jahren Patri- archat, praktisch in einer Viertelstunde. Es könnte sein, dass die- ses Tempo manche klugen, verantwortungsbewussten Männer in Führungspositio- nen überfordert. Die großen Unternehmen sollten ent- sprechende Erleichterungen vorbereiten – Selbsthilfe- gruppen, Anti-Stress-Semi- nare, kommunikative Fortbildung. Für all das gibt es jetzt schon steuer- liche Vorteile. Elke Schmitter

Wir fahren schon mal vor. Der StreetScooter: Für die Umwelt, für die Menschen. Ein innovatives

Wir fahren schon mal vor.

Der StreetScooter:

Für die Umwelt, für die Menschen.

Ein innovatives Elektrofahrzeug, das Maßstäbe setzt. Von der Deutschen Post selbst entwickelt, selbst gebaut, in Rekordzeit auf die Straße gebracht. Jetzt schon mit 2.500 Exemplaren und bald bundesweit emissionsfrei unterwegs. Vor drei Jahren nur eine kühne Idee. Heute das größte E-Mobilitätsprojekt Deutschlands.

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Jahren nur eine kühne Idee. Heute das größte E-Mobilitätsprojekt Deutschlands. deutschepost.de Innovativ seit 1490
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Innovativ seit 1490

EDEL RODRIGUEZ FÜR DEN SPIEGEL

Titel

Wer Wut sät

USA Einen Präsidenten, der Neonazis verharmlost, hat es noch nicht gegeben. Für viele Republikaner ist Donald Trump zu weit gegangen. Die Absetzbewegungen werden deutlicher, sie bringen Trump in Bedrängnis wie nie zuvor.

Die Absetzbewegungen werden deutlicher, sie bringen Trump in Bedrängnis wie nie zuvor. 16 DER SPIEGEL 34

A m Ende eines blutigen Wochen- endes, als eine Frau tot ist und vie- le weitere Menschen verletzt sind,

sitzt Christopher Cantwell in einem Ho- telzimmer und sagt: „Das war es wert.“ Cantwell ist einer der Organisatoren des „Unite the Right“-Marsches in Charlottes- ville, ein Neonazi, der gegen Schwarze, Juden, Einwanderer hetzt. Er war vorige Woche nach Virginia gereist, um gegen den Abriss einer Statue aus dem amerika- nischen Bürgerkrieg zu protestieren. Ihm ging es ums Prinzip. Einige von Cantwells Kameraden trugen Stahlhelme und selbst gebaute Schutzschilde aus Holz und Plas- tik, wie eine Armee von Billigsöldnern. Cantwell wirkt aufgekratzt, als er einer Reporterin von „Vice News“ die Waffen zeigt, die er bei sich trägt, vor laufender Kamera. Ein Schnellfeuergewehr, zwei Pis- tolen im Gürtel, eine weitere am Waden- halter, ein Messer, ach ja, und da hinten, Cantwell zeigt auf eine schwarze Tasche, „noch eine AK. Man verliert ja schnell den Überblick über seine Knarren“. Wer Zweifel daran hegt, wie gewaltbe- reit und fanatisch die Rechten in den USA geworden sind, sollte sich den „Vice“-Film ansehen. Weiße Nationalisten sind da am Vorabend der Demonstration mit Fackeln zu sehen. Privatmilizen in Tarnuniform, offenbar mit automatischen Schusswaffen ausgestattet, Männer mit Hakenkreuzflag- gen, Juden- und Schwulenhasser, Faschis- ten aus sämtlichen Teilen des Landes. Sie alle strömten in das liberale Universitäts- städtchen im ländlichen Virginia. Es war ein dröhnender, brüllender Auf- marsch der Rechten, 500 Leute, die größte Versammlung von Nationalisten seit Jah- ren in den USA. Eine Demonstration des Hasses, so eindeutig, dass es keine Zweifel daran geben konnte, wer da durch die Stra- ßen zog. Und dann rast noch ein Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten, ge- steuert von einem Anhänger der Rechten. Eine Frau stirbt, die Rechtsanwaltsgehilfin Heather Heyer aus Charlottesville, 19 Men- schen werden verletzt. So offensichtlich sind der Fanatismus und die Gewalt, dass kein Politiker lange darüber nachdenken muss, den rechten Horror zu verurteilen und sich davon zu distanzieren, eigentlich. Aber was macht Donald Trump, der Prä- sident? Er spricht am Samstag in seinem Golfklub in Bedminster davon, dass „viele Seiten“ verantwortlich für die Eskalation seien. Nicht nur die Nazis, auch die Ge- gendemonstranten hätten zur Gewalt bei- getragen, so sieht das Trump. Er stellt Rechtsradikale und deren Gegner auf die- selbe moralische Ebene. Was in Charlottes- ville geschah, war eine Katastrophe, doch Trump macht daraus einen politischen Skandal, eine Blamage für sein Amt. Er brauchte bis Montag, um ein offenbar vorformuliertes Statement zu verlesen, in

dem er Hass, Fanatismus und Gewalt ver- urteilte, über die Gleichheit aller vor dem Gesetz und Gott sprach, über die Liebe und Treue aller Amerikaner zueinander. Vor allem aber verurteilte er namentlich den Ku-Klux-Klan, Neonazis und weiße Nationalisten. Sein neuer Stabschef John Kelly hatte ihn dazu offenbar überreden müssen. Doch schon einen Tag später nahm er all das zurück und machte es noch schlimmer. Seither sind sich Demokraten und Re- publikaner einig, dass Trump zu weit ge- gangen sei. Ein Präsident, der die Gewalt von Nazis relativiert, der wissentlich und absichtlich den Schulterschluss mit dem rechten Rand sucht, ist eine nationale Schande. Selbst Trumps engstes Umfeld ist schockiert. Die Absetzbewegungen un- ter Konservativen sind nun so deutlich und konkret wie noch nie seit seinem Amtsan- tritt. Und all das, weil sich Trump dazu hinreißen ließ, spontan eine Pressekonfe- renz abzuhalten.

Ein traumatisiertes Land hat zurzeit niemanden im Weißen Haus, der Trost spendet.

Als er am Dienstag ins Foyer seines Trump Tower in New York trat, war nur eine Präsentation seiner Pläne zur Infra- struktur geplant. Ein kurzes Statement, so hatten es seine Berater angekündigt. Doch Trump wirkte aufgewühlt, zuvor hatten et- liche Journalisten die Lustlosigkeit bemän- gelt, mit der er den Ku-Klux-Klan und wei- ße Nationalisten verurteilt hatte. Der „New Yorker“ schrieb spöttisch, Trump habe gewirkt wie das Opfer in einem Geiselvideo, als er sein Statement vom Teleprompter las. Trump war also wü- tend auf die Presse, die seine Bemühungen nicht schätzte. „Die ,Fake News‘-Medien werden nie zufrieden sein. Wirklich schlechte Leute“, hatte er zuvor getwittert. In seinen folgenden Antworten auf Fra- gen der Reporter, eher ein Wutausbruch, beschuldigte er dann kurzerhand die „Alt- Left“, die alternative Linke, die ebenso schlimm sei wie die „Alt-Right“, die alter- native Rechte. Er machte damit nicht nur die Gegendemonstranten schlecht, son- dern verharmloste die Gewalt der Nazis. Trump sprach von der Verantwortung „bei- der Seiten“, als meinte er, dass neben den Hassbrüllern und Antisemiten brave Kon- servative mitmarschierten, die da zufällig hineingeraten waren. Etwas mehr als 20 Minuten dauerte die Pressekonferenz, am Ende war klar, dass der Präsident tatsäch- lich die Taten von Nazis herunterspielte.

Die beiden früheren Präsidenten George Bush und George W. Bush verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung den Hass „in allen Formen“. Fünf hochrangige Mili- tärs sahen sich gezwungen, gegen Rassis- mus Stellung zu nehmen, im direkten Wi- derspruch zu ihrem Oberbefehlshaber. Der ehemalige CIA-Chef John Brennan nannte Trumps Worte „jämmerlich“, „hässlich“ und „gefährlich“. Der republi- kanische Abgeordnete Scott Taylor aus Vir- ginia sprach von einem „Versagen an Füh- rung, das an der Spitze beginnt, mit ihm“. Der republikanische Senator Tim Scott aus South Carolina sagte, Trumps „moralische Autorität“ sei beschädigt. Selbst abgebrühte Fernsehjournalisten reagierten mit Fassungslosigkeit. „Wow“, stöhnte Jake Tapper auf CNN, sein Kolle- ge bei MSNBC sagte, es sei ihm eiskalt den Rücken heruntergelaufen, als er Trump zugehört habe. Selbst auf Fox News, Trumps Lieblingssender, gab es Stimmen, die von einem „moralischen Bankrott“ sprachen. Trump ist der erste Präsident, der sich schützend vor Rechtsextreme stellt. Die Fähigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden, ist ihm entglitten, vielleicht war sie auch nie da. Auch bei anderen Politikern wäre das ungeheuerlich, aber ein amerikani- scher Präsident ist mehr als ein Staatschef. Er hat eine Vorbildfunktion in der Welt und sollte mit gutem Beispiel vorangehen, wenn es um die Bekämpfung von Hass und Fanatismus im eigenen Land geht. Kein Politiker darf sich damit schwertun, Gewalt von rechts zu verurteilen, vor al- lem dann nicht, wenn Menschen sterben. Wie es aussieht, hat ein traumatisiertes Land zurzeit niemanden im Weißen Haus, der Trost spendet, es hat aber einen Ex- präsidenten. Barack Obama twitterte nach den Ereig- nissen von Charlottesville ein Zitat von Nelson Mandela, eine direkte Reaktion auf Trumps Worte: „Niemand wird geboren, um einen anderen Menschen wegen des- sen Hautfarbe, Herkunft oder Religion zu hassen.“ Dazu stellte Obama ein Foto von sich und lachenden Kindern. Über vier Millionen Nutzer klickten auf „gefällt mir“, ein Rekord. Die Amerikaner haben nicht vergessen, wie Obama vor gut zwei Jahren nach einer Schießerei in einer Kirche von Charleston reagierte. Neun Menschen starben damals, als ein weißer Nationalist das Feuer auf schwarze Gemeindemitglieder eröffnete, noch so eine nationale Katastrophe. Oba- ma sprach von Gnade, von grace , machte eine kurze Pause und fing dann einfach an zu singen: „Amazing Grace“. Ein be- rührender Moment, das auch, aber vor al- lem die Botschaft an sein Volk, dass in Mo- menten des Schocks niemand allein ist und alle beisammenstehen. Eine Geste, wie sie

RYAN M. KELLY / AP

Titel

RYAN M. KELLY / AP Titel Anschlag in Charlottesville am 12. August: Kein Politiker darf sich

Anschlag in Charlottesville am 12. August: Kein Politiker darf sich damit schwertun, Gewalt zu verurteilen

Amerikaner von ihrem Präsidenten erwar- ten, eine Umarmung, ein Trost. Trump hat genau das Gegenteil getan, er sät den Hass, statt zu versöhnen. Weil er wütend war. Weil er sich missverstan- den fühlte. Weil er seinen Gegnern ein lau- tes „Fuck you“ zurufen wollte, vor allem den Journalisten, die ihn, so sieht er das, immer nur kritisieren. Der mächtigste Mann der Welt drückte sich wie ein Nazi- Apologet darum herum, das Übel beim Namen zu nennen – in dem Land, das da- bei half, Hitler zu besiegen. So etwas ist beispiellos in Amerika, das zu Recht stolz auf seine Rolle im Zweiten Weltkrieg ist. Brauchte es einen Beleg dafür, dass der Rassismus mehr als 150 Jahre nach Ab- schaffung der Sklaverei so gefährlich und gegenwärtig ist wie ein Krebsgeschwür – Trump lieferte ihn am Dienstag. Die Span- nung zwischen der weißen und der schwar- zen Bevölkerung spitzt sich unter diesem Präsidenten zu wie lange nicht. Die Diskriminierung von Afroamerika- nern ist immer noch allgegenwärtig, Schwar- ze werden häufiger Opfer von Polizeigewalt als Weiße und sitzen überproportional oft im Gefängnis. Rassismus ist der große Schat-

ten, der über den Vereinigten Staaten liegt, auch fast 50 Jahre nach dem Tod von Martin Luther King (siehe Seite 22). Und es ist nicht nur der historische Ras- sismus, sondern ein Hass auf alle Minder- heiten, den Trump in seinem Wahlkampf entfesselt hat und dessen böse Saat jetzt aufgeht. Seit 2015 hat sich die Zahl explizit antimuslimischer Gruppen verdreifacht, laut einer Statistik des Southern Poverty Law Center, einer Bürgerrechtsorganisa- tion; antisemitische Übergriffe haben zu- genommen, genau wie Attacken gegen Muslime und Moscheen. Dabei fängt die Debatte über Standbil- der von Bürgerkriegshelden erst an. Über 700 solcher Denkmäler stehen verteilt im ganzen Land, sie sind zu Symbolen für die Jahrhunderte der Sklaverei geworden, die nie gründlich genug aufgearbeitet wurde und für die sich niemand je entschuldigt hat. Viele Städte haben inzwischen Angst vor Auseinandersetzungen wie in Char- lottesville. Baltimore ließ diese Woche in einer nächtlichen Aktion überstürzt vier Denkmäler abtransportieren. Die dunkle Sklavenhalterzeit kracht gerade mit großer Wucht in die Gegenwart der Trump-Ära.

Trump bleibt sich mit seinen Äußerun- gen treu. Schon Anfang der Siebzigerjahre wurden er und sein Vater vom Justizmi- nisterium verklagt, weil sie in New York nicht an schwarze Bewerber vermieteten. Als 1989 vier Schwarze und ein Latino ver- dächtigt wurden, im Central Park eine wei- ße Joggerin vergewaltigt zu haben, gab Trump 85000 Dollar für Zeitungsanzeigen aus und forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe. Er war immer schon aggressiv und vor- urteilsbeladen, und das offener als die meisten Amerikaner. In den Achtzigerjah- ren, als Trump Kasinos in Atlantic City be- trieb, mussten sich schwarze Bedienstete angeblich vor ihrem Boss verstecken, so- bald er die Spielhalle betrat, so erzählte es ein Angestellter. „Schwarze Typen, die mein Geld zählen! Ich hasse das“, soll er damals gesagt haben. Und später dann: Trumps leidenschaft- licher Hass auf Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten, sein Furor, mit dem er behauptete, Obama sei im Ausland geboren und damit illegitim im Weißen Haus. Als er selbst kandidierte, lavierte er herum bei der Frage, ob er sich vom Ku-

PABLO MARTINEZ MONSIVAIS / AP

Klux-Klan distanziere. Seine Aussagen von dieser Woche passen in das Bild eines Mannes, der sich in der Gesellschaft von rechten Verschwörungstheoretikern, Ras- sisten und Antisemiten wohler fühlt als un- ter seinen eigenen Parteifreunden. Nach einer Umfrage halten nur 27 Pro- zent der Amerikaner Trumps Umgang mit Charlottesville für angemessen. Zur Wahr- heit gehört aber auch, dass 59 Prozent der Republikaner gut fanden, wie er sich auf- führte. Trumps Basis ist beeindruckt. David Duke, der Exchef des Ku-Klux- Klan, twitterte nach der verheerenden Pressekonferenz vom Dienstag: „Danke, Präsident Trump, für die Ehrlichkeit und den Mut, die Wahrheit über Charlottesville zu sagen und linke Terroristen zu verur- teilen.“ Der rechtsradikale Einpeitscher Richard Spencer schrieb: „Bin wirklich stolz auf ihn.“ Auch die Anhänger der Alt- Right-Szene sind froh, dass ihr Präsident die verhassten Linken angreift. „Das hat seine Basis elektrisiert“, sagt Mike Cerno- vich, ein Twitter-Star der neuen Rechten. Selten wurde deutlicher, wie überfordert und hilflos Trump in seinem Amt agiert. Der Präsident, der in Zeiten von Katastro- phen das Land vereinen muss, hat eine hypernervöse, verunsicherte Gesellschaft noch tiefer gespalten, das ist die Bilanz dieser Woche. Seine Irrfahrt hat politische Folgen. In Washington glaubt kaum noch jemand an ein gutes Ende. Die Nähe zum Präsidenten gilt vielen als riskant bis toxisch. Am Mitt- wochmorgen suchten die US-Fernsehsen- der vergebens nach Parteifreunden, die ihn verteidigen wollten. Die Vorstände großer US-Firmen von Merck bis Campbell Soup verließen ein von Trump gegründetes Beratergremium, auch weil das Risiko zu groß geworden war, dass Trump dem Geschäft schadet. „Angeber“, twitterte Trump. Für jeden, der seinen Wirtschaftsrat verlasse, schrieb er, habe er mehrere im Ärmel, die nachfolgen wollen. Als am Mittwoch weitere Vorstän- de absprangen, kündigte Trump die Foren kurzerhand per Twitter auf. Auch der Graben zwischen ihm und dem republikanischen Mainstream wird tiefer. Verbündete sind fassungslos, wie ihr Präsident gewaltbereite Rassisten in Schutz nehmen kann. Viele zweifeln, ob sie für diesen Präsidenten weiter arbeiten wollen. Gary Cohn, der jüdische Wirt- schaftsberater Trumps, sei von dessen Aus- sagen angeekelt und erschüttert gewesen, heißt es, ähnlich wie etliche andere. Mächtige Republikaner von Mitt Rom- ney bis Paul Ryan kritisierten Trump. Sein Ausfall verprellt auch all jene, die er bald dringend braucht, wenn er seinen Haus- haltsentwurf durch den Kongress bringen muss und Großprojekte wie die Steuerre- form angehen will.

Das Problem ist, dass niemand bei den Konservativen einen Ausweg aus dem faus- tischen Pakt findet, den sie mit Trump ein- gegangen sind. Wenn sie ihn fallen lassen, haben sie bei den Zwischenwahlen nächs- tes Jahr kaum Chancen. Die Partei fürchtet sich inzwischen vor einem Präsidenten, der sich niemals kontrollieren lässt, selbst durch John Kelly nicht. Kelly arbeitet seit drei Wochen im Weißen Haus und genießt als ehemaliger Viersternegeneral den Ruf eines strengen, unabhängigen Aufräumers,

Lassen die Republikaner Trump fallen, haben sie bei den Zwischenwahlen 2018 keine Chance.

der selbst unter chaotischen Bedingungen für Disziplin sorgt. Allerdings druckte die- se Woche das „Time“-Magazin ein Foto von ihm auf dem Titel, mit der Zeile „Trumps letzte beste Hoffnung“. Das ist in Trumps Kosmos gefährlich für Kelly, weil nur einem gestattet ist, auf Titeln zu erscheinen: dem Boss selbst. Kelly hat die wohl schwerste Aufgabe seiner Karriere vor sich. Während Trumps Pressekonferenz stand er mit verschränk- ten Armen und gesenktem Haupt einige Schritte vom Präsidenten entfernt wie ein Mann, dem gerade bewusst wird, welches Risiko er eingegangen ist, als er vom Hei- matschutzministerium ins Weiße Haus wechselte. In der Lobby des Trump Tower wirkte der General wie unter Schock, er- starrt, fassungslos. Angeblich hatten meh- rere Berater versucht, Trump davon abzu-

bringen, sich Reportern zu stellen. Jeder im Weißen Haus weiß, wie gefährlich der Präsident sein kann, wenn er in Rage ist und ohne Manuskript spricht. Nicht einmal seine Tochter Ivanka und deren Mann Jared Kushner, die in all dem Chaos noch als halbwegs vernünftig gelten, konnten offenbar Einfluss auf ihn ausüben. Dabei hatte sich Ivanka Trump am Sonntag als Erste in der Familie von den Rassisten und Neonazis in Charlottesville distanziert. Enttäuscht sind nun wieder einmal diejeni- gen, die gehofft hatten, das jüdische Vor- zeigepaar aus New York könnte den Präsi- denten wenigstens in dieser Frage zähmen. Nur einer freut sich offenbar: Stephen Bannon, der Chefstratege des Präsidenten. Jener Mann, der Trump dabei half, ins Oval Office einzuziehen. Bannon platzte am Dienstag fast vor Glück, als sich sein Boss der Masse brüllender Reporter ent- gegenstemmte. Er teilt Trumps Sicht, dass beide Seiten in Charlottesville zur Verant- wortung gezogen werden müssten, nicht nur die Rechten. Bannon findet, Trump hätte in dieser Woche gar nicht besser agie- ren können. Der „New York Times“ sagte er, er warte nur darauf, dass linke Aktivis- ten noch mehr Bürgerkriegsstatuen stürz- ten. „Ich kann davon gar nicht genug krie- gen.“ Trump werde siegen. Wer Trumps zunehmende Radikalisie- rung verstehen will, muss zurückgehen ins Jahr 2011, als er Bannon zum ersten Mal begegnete. Bannon war damals ein wenig bekannter rechter Aktivist und Filmema- cher, Trump ein im Politikbetrieb unerfah- rener Immobilienunternehmer und Fern- sehstar, dessen Quoten langsam sanken. Ein gemeinsamer Bekannter stellte die bei- den einander in New York vor. „Der Funke sprang sofort über“, schreibt der Journalist

„Der Funke sprang sofort über“, schreibt der Journalist Präsident Trump auf der Pressekonferenz in New York:

Präsident Trump auf der Pressekonferenz in New York: Eher ein Wutausbruch als Antworten

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Geheimnisse des Fußballbusiness enttarnten. www.dva.de Trauernde in Charlottesville: „Sie haben versucht, mein

Trauernde in Charlottesville: „Sie haben versucht, mein Kind zum Schweigen zu bringen“

Joshua Green in seinem gerade erschiene- nen Buch „Devil’s Bargain“, das den Auf- stieg Bannons zum Chefideologen im Wei- ßen Haus nachzeichnet. Green beschreibt die Verbindung der beiden als perfekt, zumindest am Anfang. Der düstere Stratege und der begnadete Populist. Bannon steuerte Trump zwar nie – Trump ist unsteuerbar –, aber er zeig- te ihm, dass seine Überzeugungen, in kon- krete Politik gegossen, ein großes Publi- kum finden könnten. Bannon impfte Trump mit Ideen. „Er stattete Trump mit einem vollständig ge- formten, in sich kohärenten Weltbild aus, das sich mit Trumps eigenen Gefühlen zu Welthandel und ausländischen Bedrohun- gen überschnitt“, schreibt Green. Der Stra- tege öffnete dem Populisten ein Univer- sum neuer Angriffsfelder. Bannon war es auch, der Trump die The- men schmackhaft machte, die zu seinen Hits im Wahlkampf wurden: den Einreise- stopp für Muslime, die Mauer zu Mexiko, die Gefahr durch illegale Einwanderer, den Handelskrieg mit China. All das harmo- nierte mit Trumps Instinkten.

Trotzdem, oder vielleicht genau deshalb gab es immer wieder Gerüchte, Trump wolle seinen Berater loswerden. Bannon wurde mächtiger, als es Trump lieb war. Inzwischen hält der Präsident seinen alten Gefährten für einen narzissistischen In- triganten, von dem es heißt, er würde In- sider-Informationen aus dem Weißen Haus an Journalisten durchstechen. Ganz falsch liegt der Präsident damit nicht. Diese Woche sprach Bannon mit dem „American Prospect“-Magazin über Kollegen im Weißen Haus und erzählte,

wen er im Außenministerium gerade los- werden wolle. Die liberalen Globalisten in der Regierung machten Druck auf ihn we- gen des Handelskriegs, den er mit China anzetteln will, Gary Cohn verachtet ihn, das Finanzministerium ebenso, Bannon weiß das. „Die machen sich alle in die Hose“, sagt er. Auch Trump hat offenbar wieder gute Laune. Nach seiner Pressekonferenz am Dienstag schien er mit sich im Reinen zu sein. Er habe heiter gewirkt, fast befreit, erzählten seine Berater später. Ein Mann verschaffte sich Luft. Sein Interesse galt ihm selbst, nicht der Nation, die er mit sei- nen Worten aufwühlte. Am Donnerstag twitterte er über die „wunderschönen“ Sta- tuen und Denkmäler aus der Bürgerkriegs- zeit, die in Amerika stünden und die man nicht entfernen dürfe. Die Versöhnung der Nation fällt nun an- deren zu, Susan Bro zum Beispiel, der Mut- ter von Heather Heyer, dem Nazi-Opfer von Charlottesville. „Sie haben versucht, durch den Tod mein Kind zum Schweigen zu bringen. Aber ihr habt sie dadurch nur noch größer gemacht“, sagte Bro am Mitt- woch bei der Trauerfeier für Heather. In ihrer Stimme lag keine Bitterkeit, kein Hass, es schien, als sei Susan Bro in diesen Tagen die Einzige, die den passenden Ton fand. Nicht der Präsident, sondern eine Mutter, die um ihre Tochter trauert.

sondern eine Mutter, die um ihre Tochter trauert. Christoph Scheuermann Twitter: @chrischeuermann Video: Die

Christoph Scheuermann

Twitter: @chrischeuermann

Video:

Die Alt-Right-Bewegung

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oder in der App DER SPIEGEL

20 DER SPIEGEL 34 / 2017

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„Lieber Fiktion als Fakten“

Interview Der amerikanische Schriftsteller Kurt Andersen über das lange Sterben von Realitätssinn und Vernunft in der Republikanischen Partei und die Zeit nach Donald Trump

der Republikanischen Partei und die Zeit nach Donald Trump Andersen, 62, lebt als Roman- autor und

Andersen, 62, lebt als Roman- autor und Essayist in New York. In seinem neuen Buch „Fantasyland“ entwirft er eine Ideengeschichte der USA, in der die irrationalen und religiös- esoterischen Strömungen der amerikanischen Gesellschaft

das Erbe der Aufklärung ver- drängen – eine Entwicklung, die für Andersen im Wahlsieg Donald Trumps, des Verfechters „alternativer Fakten“, kulminiert.

SPIEGEL: Ist Donald Trump der Präsident, den das heutige Amerika verdient hat? Andersen: Das klingt furchtbar, und so wür- de ich es nicht formulieren. Aber zugleich halte ich es für fast logisch, dass er der Prä- sident ist. Viele Amerikaner begreifen all- mählich, dass er kein Freak aus einer frem- den Sphäre ist. SPIEGEL: Sondern? Andersen: Er gehört zu einer Partei, die seit mindestens einem Jahrzehnt Ideen prokla- miert, die mit der Realität nichts zu tun haben – dass der Klimawandel eine Erfin- dung sei oder dass uns die Einführung der Scharia drohe, wenn der muslimische Ein- fluss zu groß wird. SPIEGEL: Das erklärt aber noch nicht Trumps Verteidigung der rechtsextremen Demonstranten von Charlottesville. Andersen: Wenn er sich auf die Seite derer stellt, die dort gegen die Entfernung einer Statue des Südstaatengenerals Robert E. Lee protestiert haben, zapft Trump einen ame- rikanischen Mythos an, den es spätestens seit dem Bürgerkrieg gibt: die Fantasie vom guten alten Süden, in dem die privile- gierte Stellung der Weißen noch nicht in- frage stand. Diesen Mythos gibt es bis heu- te, gerade die Republikaner haben ihn befeuert, und Donald Trump spricht die Verbitterung über den Untergang des Sü- dens jetzt auf eine Weise aus, die man so nicht für möglich gehalten hätte. SPIEGEL: Ist er das Sprachrohr eines unter- drückten amerikanischen Unbewussten? Andersen: Er ist zumindest sehr gut darin, das Unaussprechliche auszusprechen. Und zugleich verkörpert er den Politiker als Showbusiness-Figur. Hollywood hat zwei- fellos dazu beigetragen, dass wir lieber Fik- tion als Fakten konsumieren. Wir Ameri- kaner tauchen tiefer als andere ein in die erfundenen Welten der Filmindustrie, denn wir haben diese Industrie aus der Taufe gehoben. Und auch das trägt dazu bei, dass bei uns die gesellschaftlichen

Grenzen zwischen Wahrheit und Erfin- dung verschwimmen. SPIEGEL: Ist Amerika besonders anfällig für eine irrationale Weltsicht? Andersen: Wir sind nicht einzigartig, aber extrem in unseren Ansichten. Ich weiß nicht, ob andere Länder uns folgen wer- den – hoffentlich nicht! Dass Amerika so unglaublich religiös ist, viel stärker als alle anderen westlichen Gesellschaften, hat sehr zur gegenwärtigen Entwicklung bei- getragen. Die christliche Rechte hat die Evolutionslehre derart in Misskredit ge- bracht, dass nur ein einziger republikani- scher Kandidat sich bei der letzten Präsi- dentschaftswahl dazu bekannt hat. Statt der wissenschaftlichen Sichtweise auf die Welt befördert sie eine abstruse „kreatio- nistische“ Entstehungslehre. Die Republi- kaner sind heute überwiegend eine Partei weißer Protestanten, und die extreme Or- thodoxie ihres Glaubens korrespondiert meiner Meinung nach mit der extremen Faktenfeindlichkeit unter der Trump-An- hängerschaft. SPIEGEL: Das bedeutet, überzeugte Trump- Anhänger lassen sich weder durch Skan- dale noch Lügen beirren? Andersen: Das ist für mich und viele andere die entmutigendste Beobachtung. Seit sie- ben Monaten versuchen wir uns damit zu trösten, dass die Trump-Wähler sich nur noch nicht eingestehen wollen, dass sie für einen monströsen Trottel gestimmt haben.

Aber selbst wenn die Trump-Präsident- schaft vorbei sein wird, heißt das ja nicht, dass die Amerikaner wieder zur Vernunft zurückkehren werden. Ich glaube nicht, dass nach Trump alles wieder so sein wird wie früher. Es gibt eine neue Normalität, einen neuen Status quo, und wir, die wir an Fakten, Vernunft und eine objektive Wirklichkeit glauben, müssen dafür arbei- ten, dass sich die Lage nicht weiter ver- schlimmert. Zum Glück ist Trump derart bizarr, dass man ihn nicht so leicht kopie- ren kann. SPIEGEL: Ist Trump ein Rassist? Andersen: Nach den vergangenen Tagen fällt es einem schwer zu sagen, dass er kei- ner ist. Denn wenn er keiner ist, wer dann? Trump war ganz offensichtlich mit dem Herzen dabei, als er die Demonstranten von Charlottesville verteidigte, und das waren Anhänger der alten rassistischen Strukturen des Südens. SPIEGEL: Kann er das politisch überstehen? Andersen: Bis jetzt war Rassismus das töd- liche Minenfeld der amerikanischen Poli- tik – man konnte einen Fehltritt eigentlich nicht überleben. Aber wir kennen Trump jetzt schon zwei Jahre lang als Politiker, der alle erdenklichen Skandale überstan- den hat. Wenn er darüber stürzte, wäre das gut, denn es zeigte: Es gibt immer noch eine Grenze, die man in einer anständigen Gesellschaft nicht überschreiten darf.

Interview: Susanne Weingarten

nicht überschreiten darf. Interview: Susanne Weingarten Rechtsradikale in Charlottesville: „Wenn Trump kein

Rechtsradikale in Charlottesville: „Wenn Trump kein Rassist ist, wer dann?“

DOUGLAS MARTIN / BETTMANN ARCHIVE

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Auf dem Weg in die Schande

Rassismus Vor fast 60 Jahren wurde Dorothy Counts auf dem Weg zur Highschool von einem weißen Mob drangsaliert. Was hat sich seitdem geändert? Von Philipp Oehmke

Was hat sich seitdem geändert? Von Philipp Oehmke Schülerin Counts 1957: Egal was passiert, halte deinen

Schülerin Counts 1957: Egal was passiert, halte deinen Kopf hoch, hatte ihr Vater ihr gesagt

TRAVIS DOVE / DER SPIEGEL

E s ist ein Dokument von offenkundi- gem Rassismus, ein Schwarz-Weiß- Foto, fast auf den Tag 60 Jahre alt,

es sieht aus, als käme es aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Amerika. Es zeigt die damals 15-jährige Dorothy Counts. Sie ist auf dem Weg zur Schule, ihr erster Tag an der Harding Highschool, Dorothy soll die erste schwarze Schülerin werden. Doch als ihr Vater Dorothy vor der Schule absetzt, warten dort Hunderte ihrer neuen Mitschüler auf sie, weiße Jun- gen und Mädchen, die meisten zwischen 15 und 17 Jahre alt. Sie machen Grimassen, sie beschimpfen, bespucken und bewerfen Dorothy. Ein Fotograf der Lokalzeitung hielt die widerwärtigen Szenen fest, eine seiner Aufnahmen wurde als World Press Photo 1957 ausgezeichnet. Das Foto ging um die Welt, in Paris sah es der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin auf den Titel- seiten und beschloss daraufhin, Frankreich nach neun Jahren wieder zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren. Sie brauchten ihn dort. Die Abscheulichkeiten auf dem Bild zeigten deutlich, das Land war moralisch in Not. Und heute? Wieder gehen Fotos aus Amerika um die Welt. Wieder geht es um Rassismus. Fackelzüge, Nazisymbole, Schlagstöcke und ein Auto, gelenkt von einem 20-jähri- gen Weißen, das in eine Menge aus Men- schen rast, die gekommen sind, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Und dann gibt es das Bild eines Präsi- denten in der Marmorlobby seines eigenen Luxustowers in New York, der sich auf einer Pressekonferenz weigert oder ob sei- ner moralischen Ausstattung nicht in der Lage ist, Neonazis und Rassisten klar als Schuldige zu benennen – und somit der Nation jenen Seelenfrieden verwehrt, für den ein Präsident in den USA vor allem gewählt wird. Welche Entwicklung liegt zwischen die- sen Bildern, was wurde erreicht in all den Jahrzehnten, all den Generationen seit den Fünfzigerjahren? Dorothy Counts ist in diesen Tagen ein wenig ratlos. Es ist ja auch ihr Leben, das sich zwi- schen diesen beiden Ereignissen abgespielt hat. Soll alles umsonst gewesen sein? Zwei Tage nach Charlottesville, am ver- gangenen Montag, steht sie wieder vor ih- rer alten Schule. Sie ist heute 75 Jahre alt, das Schulgebäude am Rande von Char- lottes Innenstadt hat sich kaum verändert, auch nicht die Straße, an deren Ende es steht. In dem Gebäude ist heute eine Grundschule untergebracht. Counts sagt, es sehe alles aus wie früher. Aber sonst, was hat sich verändert? „Damals haben die Leute zu mir gesagt:

Wir wollen dich hier nicht. Geh nach Hau-

se. Heute sagen sie zu mir: Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich keinerlei Vorur- teile gegenüber Ihrer Hautfarbe habe.“ Sie denkt kurz nach. „Was ist schlimmer?“ Seit Donald Trump Präsident ist, hat sie zum ersten Mal Angst. Sie sagt, sie habe gewusst, dass sie in einer nach Hautfarben getrennten Welt lebt, seit sie zehn Jahre alt ist. Doch sie wusste immer damit um- zugehen. Die Dinge würden eher besser als schlechter, das war ihr Gefühl. Doch jetzt, spätestens seit der verheerenden Re- aktion des Präsidenten, befürchtet sie, dass

Eine Frau vom White Citizens Council rief:

„Spuckt sie an, Mädels, spuckt sie an!“

die Stimmung gegenüber der farbigen Be- völkerung wieder und endgültig kippen könnte. Es erinnert sie an jenen Tag, als sie 1957 auf ihre neue Schule zulief. Insgesamt vier Tage lang hatte sie dort durchgehalten, dann nahm ihr Vater sie herunter. Das Projekt, dass eine einzige schwarze Schülerin an einer weißen Schule aufgenommen wurde, war gescheitert. Am dritten Tag war Counts in der Mensa an- gegriffen worden, am vierten hatte einer die Heckscheibe des Autos eingeschmissen, als ihr Bruder sie abholen wollte. Dorothy Counts nennt sich heute Dot Counts-Scoggins, aber sie wird immer die junge Frau von dem Foto bleiben. Es hat

sie wird immer die junge Frau von dem Foto bleiben. Es hat Seniorin Counts vor ihrer

Seniorin Counts vor ihrer alten Schule 2017 Zum ersten Mal Angst

den weiteren Verlauf ihres Lebens be- stimmt, sie ist Lehrerin geworden, hat spä- ter beim Schulamt gearbeitet, sich dafür eingesetzt, dass Kinder verschiedener Eth- nien und sozialer Schichten gemeinsam lernen. Eine Zeit lang, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, war ihre Stadt dabei erfolgreich, sogar landesweit führend. Heu- te sind die meisten Schulen wieder eth- nisch getrennt, weil jeder Schüler dort zur Schule gehen soll, wo er wohnt – und die Wohngegenden sich immer noch nach Hautfarben trennen. Auf dem Foto von 1957 ist unter all den Menschen eine einzige Person zu sehen, die Würde ausstrahlt, deren Schönheit in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Abscheulichen der Szene steht, das ist Dorothy Counts. Sie war damals schon 1,78 Meter groß, das rote Kleid mit der lan- gen, gelben Schleife hatte ihre Großmutter eigens für den ersten Schultag genäht. Die Polizei hatte die Straße gesperrt, der Vater konnte nicht bis an die Schule heranfahren, Dorothy musste die letzten hundert Meter zu Fuß gehen. Ihr Vater, ein Professor für Theologie, sagte ihr zum Abschied: Dorothy, egal was passiert, halte immer deinen Kopf hoch, und das hatte sie getan. Er sagte ihr nicht, dass es schon Drohanrufe gegeben hatte und Autos ums Haus herumfuhren, nachts, wenn Dorothy schlief. Drei Jahre zuvor hatte der Supreme Court die Rassentrennung an Schulen ver- boten. Doch hier im Süden der USA, in North Carolina, hatte niemand daran ge- dacht, die Anordnung des Gerichts aus Wa- shington zu befolgen. Dorothy und drei weitere Schüler waren die ersten vier Schwarzen, die auf eine bisher weiße Schu- le gehen sollten, jeder von ihnen auf eine andere. Der Vater hatte Dorothy für das Pilotprojekt angemeldet. Eigentlich sollten es 20 Schüler sein, doch 16 hatte das Schul- amt unter fadenscheinigen Gründen abge- lehnt. Dorothy wurde genommen. Als sie aus dem Auto stieg und all die Menschen sah, verstand sie nicht sofort, dass die Menge da draußen ihr galt. Die Sommerferien hatte sie in einem Ferien- camp in Iowa verbracht. Sie teilte das Zim- mer mit einem anderen Mädchen, der ers- ten Weißen, die sie richtig kennenlernte, sie waren Freundinnen geworden. Dorothy machte sich keine Sorgen. Ihr Vater schon. Er hatte einen Freund mitgenommen, der Dorothy auf dem Weg begleiten sollte. Er läuft auf dem Foto ne- ben ihr, zu zweit gingen sie auf die Menge zu, da erst begriff Dorothy, dass die Schü- ler nur auf sie warteten. Eine Frau vom White Citizens Council, einer Rassisten- organisation, rief: „Spuckt sie an, Mädels, spuckt sie an!“ Die Polizisten am Ende der Straße taten nichts. Kein Lehrer war zu sehen, auch der

DON STURKEY / UNIV. OF N.C. LIBRARY AT CHAPEL HILL

TRAVIS DOVE / DER SPIEGEL

Titel

Schuldirektor ließ sich nicht blicken. Die Jungs riefen: „Geh zurück nach Afrika!“ Einer von ihnen war Marty Wilson. Auf einem Foto ist er in der ersten Reihe ganz links zu sehen, kurzärmliges Hemd, Baum- wollhose, die rechte Hand vor der Brust. Er scheint Spaß zu haben. Heute sagt Marty Wilson zu Beginn des Gesprächs, er werde über jenen Morgen vor 60 Jahren Auskunft geben, aber er wol- le bitte nicht als Rassist dargestellt werden. Ja, aber geht das? Rassismus ist nicht einfach eine politische Ansicht. Rassismus ist möglicherweise eher ein Gefühl. Tief empfunden und stark verankert in den Nie- derungen des Bewusstseins. Es sei eine andere Zeit gewesen damals, sagt Marty. Für ihn als 15-Jährigen fühlte es sich falsch und nahezu unvorstellbar an, dass eine „person of color“, wie er heute sagt, an seine Schule kommen wollte. Schwarze mussten in Bussen hinten sitzen, Schwarze mussten in bestimmte Restau- rants gehen. Sie hatten ihre eigenen Was- serspender, aus denen sie tranken, ihre eigenen Toiletten. „Das war die Welt, die wir kannten.“ Wie diese Welt ausgesehen hat, lässt sich in Raoul Pecks neuer Dokumentation „I Am Not Your Negro“ über James Baldwin auf schmerzhafte Weise nacherleben. Marty empfängt in einer Mercedes-Nie- derlassung etwas außerhalb von Charlotte. Er trägt ein hellblaues Polohemd mit dem Mercedesstern auf der Brust, dazu eine Anzughose und lederne Bommelslipper, sein Schnurrbart ist penibel auf schmal ge- trimmt, Goldschmuck an Handgelenk und Fingern. Er sieht aus, wie Amerikaner in den Achtzigerjahren bei „Dallas“ ausgese- hen haben. Seit Marty als Handelsreisender für Schleifmaschinen vor zehn Jahren in Rente ging, arbeitete er hier bei Mercedes als Mädchen für alles. Man muss sagen, dass Marty einer der wenigen auf dem Foto ist, die später bereit waren, über ihr Ver- halten an jenem Tag vor 60 Jahren zu spre- chen. Bei einer Veranstaltung zum 50. Jahres- tags des Fotos kam er spontan auf die Büh- ne und entschuldigte sich bei Dorothy Counts. Er hatte damals auch andere ge- fragt, die 1957 dabei gewesen waren, ob sie mitkommen wollten. Keiner wollte. Ei- ner war inzwischen Captain bei der Polizei. Er erklärte Marty, er könne es sich nicht leisten, dass sein Verhalten von damals öf- fentlich werde. Er fürchtete um seinen Job als Polizist. Das hat Marty schockiert. Natürlich war unser Verhalten aus heu- tiger Sicht falsch, sagt er. Aber damals habe eben jeder so gefühlt wie er. Es ist eine Position des fast dialektischen Relativismus, auf die er sich zurückzieht und nach der ein und dasselbe Verhalten

beides sein kann, richtig und falsch: aus damaliger Sicht richtig, oder zumindest schlüssig, während es aus heutiger Betrach- tung falsch erscheint. Er habe persönlich nichts gegen Doro- thy Counts gehabt, sagt Marty, er kannte sie ja gar nicht. Aber sie habe ihm auch nicht leidgetan. Er habe sich damals nicht geschämt, weil es niemanden gab, der es anders gesehen hätte, seine Eltern nicht, genauso wenig die Freunde. Kam es ihm wirklich nicht in den Sinn, dem Mädchen beizustehen? Marty schaut einen an. „Oh, das wäre ganz furchtbar gewesen. Niemand hätte mich mehr gemocht.“ Als Dorothy nach vier Tagen wieder weg war, habe sich das wie ein Sieg angefühlt. Der Zweite Weltkrieg war damals erst zwölf Jahre vorbei, Amerika hatte die Welt von den Nazis befreit, jetzt boomte die Wirtschaft, die Autos und ihre Motoren wurden immer größer, der Rock ’n’ Roll kam und wurde von einer schwarzen zu einer weißen Kultur, abends wurde Twist getanzt oder im Autokino geknutscht.

abends wurde Twist getanzt oder im Autokino geknutscht. Mitschüler Wilson 1957, 2017 „Das war die Welt,
abends wurde Twist getanzt oder im Autokino geknutscht. Mitschüler Wilson 1957, 2017 „Das war die Welt,

Mitschüler Wilson 1957, 2017 „Das war die Welt, die wir kannten“

Es war ein Aufbruch nicht nur in wirt- schaftliche Glückseligkeit, sondern auch in ein freies, offenes Amerika. Prohibition, Depression, McCarthy-Ära schienen über- wunden, in wenigen Jahren würde ein jun- ger, optimistischer Präsident das Land re- gieren. Nur der Rassismus blieb, was er war seit den Tagen der Sklaverei, der dunkle Fleck der Nation, der nie aufgearbeitet wurde. Der nach und nach durch Gesetze verbo- ten werden sollte, der aber die Köpfe man- cher Menschen nie verließ. Und immer wenn die Umstände es zuließen, wenn eine Umgebung geschaffen war, in der der Rassismus sich sicher fühlte, kroch er wie- der hervor aus dem Bewusstsein. Marty Wilson sagt, damals habe es einen Gruppenzwang gegeben, dem er sich nicht entziehen konnte. Das ist die negative For- mulierung. Positiv ausgedrückt, könnte man es einen Zustand der immanenten Zustimmung nennen: Was wir tun, näm- lich ein schutzloses 15-jähriges Mädchen zu Hunderten zu drangsalieren, ist okay, weil es keine relevante Autorität gibt, die das Verhalten sanktioniert. Der Rassismus im Menschen hat sich wahrscheinlich bis heute allenfalls graduell verändert. Es kommt bloß auf die Umstän- de an, ob er sich entfaltet oder nicht. Mar- ty sagt, dass er, als das Foto überall er- schien, sogar ein bisschen stolz gewesen sei. Etwas Ähnliches ist am vergangenen Wochenende in Charlottesville eingetre- ten. Nach sieben Monaten Trump hat sich in den USA ein Gefühl moralischer Zer- mürbung eingestellt. Eine Grundstimmung, die es jungen Menschen ermöglicht, mit Motorradhelmen, Nazifahnen und Fanta- sie-Schutzschilden durch die Straßen zu ziehen und sich dabei im Recht zu wähnen. Seit dem Tag von Trumps Amtsübernah- me fühlen sich amerikanische Rechtsradi- kale im Aufwind. Antifeministen, Einwan- derungsgegner, Libertäre, Nationalisten, Rassisten bis hin zu Neonazis, allesamt oft unter dem Begriff Alt-Right zusammen- gefasst, haben nicht immer viel gemein – außer der Tatsache, dass sie Trump für ihren Präsidenten halten. Die Pressekonferenz am vergangenen Dienstag, bei der Trump die rassistischen Demonstranten in Schutz nahm, hat sie in dieser Annahme bestätigt. Richard Spen- cer, der Neonazi-Anführer, und David Duke, der ehemalige Ku-Klux-Klan-Chef, bedankten sich beide auf Twitter beim Prä- sidenten für seine „Wahrhaftigkeit“ bezie- hungsweise seine „Courage“. Schließlich waren sie es, so die Über- zeugung innerhalb der Alt-Right-Bewe- gung, die Trump überhaupt ins Amt ver- holfen haben. Stephen Bannon, ehemals Chef der rechtsradikalen Website Breitbart und heute einer der engsten Berater des

EDU BAYER / THE NEW YORK TIMES / LAIF

EDU BAYER / THE NEW YORK TIMES / LAIF Alt-Right-Demonstranten in Charlottesville: Sie vereint nicht viel,

Alt-Right-Demonstranten in Charlottesville: Sie vereint nicht viel, außer dass sie alle Trump für ihren Präsidenten halten

Präsidenten, ist der Alt-Right-Statthalter im Weißen Haus. Bannon, so hatte es Milo Yiannopoulos, eine der schillernden Figu- ren von Alt-Right, berichtet, habe immer gesagt, Trump sei zwar nicht das perfekte, aber das einzige Vehikel, das der nationa- len Bewegung zur Verfügung stehe: Man müsse auf ihn setzen. Was denn „Alt-Right“ überhaupt sein solle, fragte Trump wütend die Journalis- ten am Dienstag, als sie ihn mit der Bewe- gung konfrontierten. Der Präsident benutz- te damit exakt die gleiche rhetorische Figur der Ahnungslosigkeit, auf die auch die Alt- Right-Protagonisten zurückgreifen, wenn sie Farbe bekennen sollen. Alt-Right, das sind stets die anderen. Tatsächlich ist der Begriff unscharf und trägt nur zur weiteren Verwirrung bei. Doch die Alt-Right-Welt verbindet die krude Überzeugung, dass die Eliten des Landes, darunter die führenden Medien gemeinsam mit den akademischen Institu- tionen und dem Silicon Valley, daran ar- beiten, die amerikanische Gesellschaft in eine Diktatur des guten Geschmacks und der Minderheitenrechte umzubauen. In ein Land also, das seine Denkmäler abbaut, wie das des Südstaaten-Generals Robert

Lee in Charlottesville, weil sie nicht mehr in die Zeit passen. Weil sie an etwas erin- nern, das zur dunklen Vergangenheit des Landes gehört. Die Alt-Right-Aktivisten glauben, dass ihnen damit etwas genommen werde. Sie fühlen sich nicht nur von Einwanderern bedroht, sondern auch von einem politisch korrekten, linksliberalen Justemilieu. Die- ser vermeintlich asymmetrische Kampf, in dem die Rechte von vornherein benach- teiligt ist, dient ihnen als Rechtfertigung für ihre schrillen Auftritte und für die Ge- walt. Auch dies ist ein ur-rechter, aber auch ur-amerikanischer Topos: aus der Position des Underdogs das System zu attackieren, sich Uniformen überzustreifen, sich zu bewaffnen und das Land zurückzu- erobern. Während sich die Gewalt von Alt-Right in den ersten Jahren vor allem auf Internet-Trolling beschränkte, sieht es nun so aus, als wären die Trolle dem Netz entstiegen. Da standen sie mitten in Char- lottesville mit ihren hässlichen Fratzen und Flaggen von „Kekistan“, einem fa- schistischen Fantasieland. Sie nannten sich „Proud Boys“ oder „Southern Natio- nalists“.

Marty Wilson will mit den Rassisten von heute nichts zu tun haben. Andererseits fragt er sich schon, warum in Charlottes- ville das Reiterdenkmal eines Südstaaten- generals, das bald hundert Jahre lang dort gestanden hat, nun auf einmal abgebaut werden müsse. Aber er sei eben nicht schwarz und könne sich da vielleicht nicht hineinversetzen. Die Zeiten hätten sich geändert, das müssten die Rassisten begreifen, sagt er. „Afroamerikaner genießen heute kom- plette Freiheit und sind gleichgestellt. Sie können tun und lassen, was sie wollen.“ Marty sagt diese Sätze, als erwartete er für sie jeden Moment den Friedensnobel- preis. Als er vor zehn Jahren Dorothy Counts zum ersten Mal seit dem Tag 1957 traf, umarmte er sie. Dabei musste er anfangen zu weinen. Heute habe er sogar schwarze Freunde, sagt er. Das, so wird es Dorothy Counts später an diesem Nachmittag sagen, sei der an- dere Satz neben „Seien Sie versichert, ich habe keine Vorurteile“, den sie von laten- ten Rassisten immer wieder zu hören be- komme.

Twitter: @oehmke

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Die smarte Abendzeitung um 17 Uhr

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XINHUA / DDP IMAGES

Zypries beim Treffen mit Ministerpräsident Li Keqiang (2. v. r.) im Mai in Peking Firmenkäufe

Zypries beim Treffen mit Ministerpräsident Li Keqiang (2. v. r.) im Mai in Peking

Firmenkäufe

Schutz vor Investoren aus China

Regierung soll problematische Unternehmensaufkäufe leichter untersagen können.

Die Regierungen Deutschlands, Frankreichs und Italiens haben ihren Vorschlag konkretisiert, problematische Firmen- beteiligungen von Investoren aus staatskapitalistischen Ländern wie China zu beschränken. Das geht aus einem Schreiben von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hervor. Danach sollen die Mitgliedstaaten Unternehmenskäufe un- tersagen oder an Auflagen binden können, wenn die Investi- tion staatlich angeregt, von der Heimatregierung subventio- niert oder zu unrealistischen Preisen abgewickelt wird. Zwar sei der Zufluss von ausländischem Kapital grundsätzlich „eine positive Entwicklung“, schreibt Zypries. Doch sei „seit einiger Zeit eine einseitige Konzentration auf Unternehmen der Hoch- und Schlüsseltechnologie zu beobachten“, die zu-

dem „deutlich Bezüge zur Strategie China 2025“ der Pekin- ger Regierung aufweise. Zugleich bleibe „der chinesische Markt europäischen Investoren in vielen Bereichen ver- schlossen“. Deshalb müssten die EU-Staaten zusätzliche Eingriffsrechte bekommen. Die Beteiligungen chinesischer Firmen in Deutsch- land haben nach Erkenntnissen von Zypries’ Beamten zuletzt stark zugenommen. Bis August dieses Jahres gab es demnach 21 Fälle, die dem Bundeswirtschaftsministerium angezeigt wurden, mehr als doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. EU-Kommissionspräsident Juncker hatte in- tern angekündigt, in einer Grundsatzrede im September Vor- schläge für die schärfere Überprüfung von ausländischen Fir- menbeteiligungen in Europa präsentieren zu wollen. msa

Union

Wahlkampf im Innenministerium

Kurz vor der Bundestagswahl wollen die Unionsminister für Inneres und Justiz ihre Ämter als Wahlkampfhilfe nutzen. Auf einer gemeinsa- men Veranstaltung am 1. Sep- tember in Berlin wollen sich die 19 Minister von CDU und

CSU als Garanten für Sicher- heit und Ordnung präsentie- ren. Als Tagungsort haben sie das Bundesinnenministe- rium ausgewählt. Nach einer zweistündigen „Aussprache zu aktuellen innen- und rechtspolitischen Themen“ wollen die Minister eine so- genannte Berliner Erklärung verabschieden. Inhaltlich soll es bei dem Treffen unter an-

derem um eine härtere Linie gegen Linksextremismus gehen, mit der die Union nach den Gewaltexzessen im Umfeld des G-20-Gipfels in Hamburg punkten will. Der bayerische Justizminister Winfried Bausback, der die Zusammenkunft mit organi- siert, will dem Vernehmen nach außerdem über höhere Strafen bei Beleidigungen im

Netz und mehr Befugnisse für Ermittler bei Wohnungs- einbrüchen reden. Damit der Konferenzraum im Ministerium von Thomas de Maizière (CDU) über- haupt ausreicht, ist die Teilnehmerzahl begrenzt:

In der Einladung werden die Politiker gebeten, „Ihre Be- gleitung auf eine Person zu beschränken“. ama, wow

STEFAN HOYER / INTERTOPICS / PA

PHOTOTHEK / IMAGO

Elektromobilität

Bundesregierung bremst in Europa

Die Bundesregierung hinter- treibt auf europäischer Ebene Bemühungen der EU-Kom- mission, möglichst viele Park- plätze von öffentlichen und privaten Gebäuden mit Lade- station für Elektroautos aus- zustatten. Beim Energieminis- terrat am 26. Juni in Luxem- burg sprach sich der deutsche Vertreter, Wirtschaftsstaatsse- kretär Rainer Baake, gegen entsprechende weitreichende Vorschläge der Kommission aus. Die Kommission hatte vorgeschlagen, dass bei kom- merziell genutzten Gebäuden mit mehr als zehn Parkplät- zen jeder zehnte Parkplatz mit einer Ladesäule ausge- stattet werden sollte. Bei al- len Wohngebäuden mit mehr als zehn Parkplätzen sollte danach sogar jeder Parkplatz

mit einer Vorverkabelung versehen werden. Dies wurde jedoch „von Deutschland wie von einer großen Mehrheit der Mit- gliedstaaten als zu weitge- hend abgelehnt“, heißt es in einem Sachstandsbericht für den Rat. Nun soll es bei Nichtwohngebäuden mit mehr als zehn Parkplätzen insgesamt nur eine Ladesäule geben. Bei Wohngebäuden ist überhaupt keine Vorverkabe- lung mehr vorgesehen, statt- dessen sollen lediglich Leer- röhren verlegt werden. Die Bundesregierung hatte argu- mentiert, dass die von der EU verpflichtend vorgeschla- genen Elektrotankstellen zu „einer Kostenexplosion für dringend benötigten neuen Wohnraum geführt“ hätten. Das Verhalten Deutschlands steht im Widerspruch zu den Äußerungen von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem so-

Deutschland

zialdemokratischen Heraus- forderer Martin Schulz, die sich im Wahlkampf beide für die Elektromobilität stark ma- chen. Merkel will sich An- fang September mit Vertre- tern von Städten und Ge-

meinden treffen, um, wie sie sagt, zu klären, wie die Lade- Infrastruktur für Elektroauto- mobile verbessert werden könne. mp Lesen Sie auch Seite 118: Automobile

könne. m p Lesen Sie auch Seite 118: Automobile Ladestation für Elektroautos in Hamburg Kohlekraftwerke

Ladestation für Elektroautos in Hamburg

Kohlekraftwerke

Länder wollen Klage gegen Brüssel

Vier Bundesländer fordern aus Sorge um ihre Industrie- standorte das Bundeswirt- schaftsministerium auf, gegen die strengen Umweltauflagen der EU für Braunkohlekraft- werke zu klagen. In einem Brief an Ministerin Brigitte Zypries (SPD) mahnt Sach- sens Ministerpräsident Sta- nislaw Tillich (CDU) auch im Namen seiner Amtskollegen in Brandenburg, Nordrhein- Westfalen und Sachsen- Anhalt, „alle politischen und rechtlichen Mittel auszu-

schöpfen“. Hintergrund sind neue EU-Grenzwerte für Quecksilber und Stickoxid, die für die Großkraftwerke kaum zu erreichen seien. Die Kanzlei Freshfields kam in ei- nem Gutachten für den Deut- schen Braunkohlen-Industrie- Verein zu dem Schluss, dass die Grenzwerte für Quecksil- ber einer fehlerhaften Daten- basis entspringen. US-Grenz- werte seien falsch umgerech- net worden. Die neuen Werte für Stickoxid wiederum seien technisch und wirtschaftlich nicht vertretbar zu erreichen. Tillich fordert eine Nichtig- keitsklage Deutschlands ge- gen die EU-Kommission. stw

keitsklage Deutschlands ge- gen die EU-Kommission. s t w Braunkohlekraftwerk im sächsischen Boxberg Eierskandal

Braunkohlekraftwerk im sächsischen Boxberg

Eierskandal

Weiterer Giftstoff entdeckt

Die Desinfektionslösung „Dega 16“, die als Auslöser des Skandals um Millionen verseuchte Hühnereier gilt, enthielt offenbar nicht nur das Kontaktgift Fipronil, son- dern auch einen weiteren ge- fährlichen Wirkstoff: das Pes- tizid Amitraz. Das geht aus einem vertraulichen Lagebe- richt des Bundesamts für Ver- braucherschutz und Lebens- mittelsicherheit (BVL) hervor. Demnach stießen belgische Behörden bei der Untersu- chung von sichergestellten „Dega 16“-Kanistern auf Amitraz-Spuren. Den brisan- ten Fund meldeten die Bel- gier bereits im Juli über das europäische Lebensmittel- Schnellwarnsystem an die üb- rigen EU-Staaten. Amitraz ist ein Gift, das gegen Insekten und Milben eingesetzt wird, etwa bei Hunden. Als Pflan- zenschutzmittel ist es seit 2008 EU-weit nicht mehr zu- gelassen, bei Menschen kann Amitraz zu Sprachstörungen, niedrigem Blutdruck und Des-

orientiertheit führen. Ob und inwieweit das Gift in die Eier gelangte, wird derzeit offen- bar noch geprüft. Nach Anga- ben des BVL führe die nieder- ländische Verbraucherschutz- behörde NVWA entsprechen- de Untersuchungen durch, habe aber „bis jetzt nichts ge- funden“. Die NVWA ließ eine Anfrage bis Redaktions- schluss unbeantwortet. In Deutschland gab es offenbar noch keine größere Überprü- fung auf Amitraz. Die belgi- sche Lebensmittelaufsicht FASNK bestätigte Amitraz- Funde in zwei „Dega 16“-Pro- ben. Für Konsumenten habe jedoch „zu keinem Moment eine Gefährdung“ bestanden, sagte FASNK-Sprecher Jean- Sébastien Walhin. Die belgi- sche Justiz ermittelt derzeit gegen den Lieferanten von „Dega 16“, das offenbar nie von einer Behörde zugelassen wurde. In den Niederlanden sitzen zwei Chefs eines Stall- reinigungsbetriebs in Untersu- chungshaft, die „Dega 16“ als angebliches Wundermittel ge- gen Parasiten in vielen Hüh- nerställen versprüht haben (SPIEGEL 33/2017). mp, red, srö

WOLFGANG KUMM / DPA

Deutschland

WOLFGANG KUMM / DPA Deutschland Merkel mit „YouTubern“ (Drotschmann 2. v. l.) Wahlkampf „Die Kanzlerin verdient

Merkel mit „YouTubern“ (Drotschmann 2. v. l.)

Wahlkampf

„Die Kanzlerin verdient Respekt“

MrWissen2go, 31, mit bürger- lichem Namen Mirko Drotsch- mann, interviewte diese Wo- che mit anderen „YouTubern“ Angela Merkel und steht nun in der Kritik, dabei zu brav gewesen zu sein.

SPIEGEL: Herr Drotschmann, nicht nur in der „Bild“-Zei- tung wird Ihnen und Ihren Kollegen vorgeworfen, beim YouTube-Interview mit der Kanzlerin zu harmlos gewe- sen zu sein. War Angela Mer- kel eine Nummer zu groß für Sie?

MrWissen2go: Wir hätten es

nie allen recht machen kön- nen. Hätten wir rebellische Fragen gestellt, hätten uns wieder andere vorgeworfen, unseriös zu sein. Meistens kommt so eine Kritik von Menschen jenseits der 50, die eine bestimmte Idee von dem haben, was jung und flippig ist. SPIEGEL: Aber ging es nicht genau darum: ein Interview

mal jung und flippig zu füh- ren? MrWissen2go: Unser Ziel war es, jungen Leuten Politik nä- herzubringen, damit sie wäh- len gehen. Die Kanzlerin sollte man schon mit Res- pekt behandeln. Dennoch wollten wir kritisch nachfra- gen, nicht einfach Fragen ab- spulen. Manchem mag das zu wenig ausgeflippt gewe- sen sein, aber ganz ehrlich:

Wir wollten ein authenti- sches Interview – mit den Fragen, die uns und unsere Zuschauer bewegen. SPIEGEL: Also hat sie es ge- schafft, Sie einzulullen?

MrWissen2go: Wir haben uns

vorgenommen, dass wir uns keinen Maulkorb verpassen. Viele aus meiner Communi- ty haben nicht gedacht, dass ich sie tatsächlich frage, ob sie die Angst vor der Islami- sierung in Teilen der Bevöl- kerung nachvollziehen kann. Habe ich aber dann trotz- dem gemacht. Sie war außer- dem überhaupt nicht begeis- tert, als ich sie an manchen Stellen gebeten habe, kurz zu antworten. red

Disziplinprobleme

KSK-Vizechef

abgesetzt

Im Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr gibt es neue Hinweise auf Fehl- verhalten in der Führung. Die Bundeswehr will nach internen Ermittlungen den stellvertretenden Komman- deur der Elite-Einheit abset- zen. Eine zivile Angestellte der Einheit, die im baden- württembergischen Calw sta- tioniert ist, hatte sich wegen verbaler Entgleisungen, Dro- hungen und frauenfeindli- cher Sprüche über Oberst Thomas B. beschwert. Nach einer Prüfung durch den Wehrdisziplinaranwalt ent- schied die Militärführung, den Vize-Kommandeur aus dem KSK zu versetzen. Er macht zurzeit eine Kur. Das KSK, eine Einheit von rund 1100 Mann, soll deutsche Geiseln im Ausland befreien oder Terroristen gefangen

nehmen. Die Bundeswehr betont, der Fall von Oberst B. habe nichts mit Vorwür- fen zu tun, die ebenfalls die- se Woche bekannt wurden:

dass KSK-Soldaten im April eine entgleiste Party für ei- nen scheidenden Kompanie- Chef ausrichteten. Auf der Feier bei Sindelfingen sollen laut einer Zeugin rechts- extreme Lieder gespielt und der Hitler-Gruß gezeigt wor- den sein. Für ihren Kompa- niechef hatten die Soldaten eine Art Rundlauf aufgebaut, mit Bogenschießen, einer Kletterwand und einem Weit- wurfwettbewerb mit Köpfen von toten Schweinen. Die Bundeswehr vernahm Dut- zende Teilnehmer und stellte fest, dass es den Parcours gab. Laut den Soldaten seien jedoch weder rechtsextreme Lieder gespielt noch der Hit- ler-Gruß gezeigt worden, so das Kommando des Heeres. Geschmacklos sei die Feier aber schon gewesen. mgb

Geheimdienste

Ex-BND-Chef berät Flüchtlingsmanager

Der ehemalige Chef des Bun- desnachrichtendiensts (BND) Gerhard Schindler berät den Flüchtlingsbeauftragten der Bundesregierung, Frank- Jürgen Weise. Schindlers Expertise sei hinzugezogen worden, um „Sicherheits- aspekte im Asylverfahren“ zu verbessern, teilte Weises Sprecherin mit. So habe der Ex-BND-Chef bereits Hin- weise gegeben, wie die Iden- titätsprüfung von Asylbe- werbern modernisiert wer- den könne. Zudem nutze Schindler seine Kontakte,

um die Schnittstellen zwi- schen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und den Sicherheits- behörden zu verbessern. Bereits seit April liefere Schindler auf Stundenbasis seine Expertise, so die Spre- cherin. Die Vergütung be- wege sich „in dem üblichen Rahmen für solche Leistun- gen“, eine Summe nannte sie nicht. Weise war bis Anfang des Jahres Leiter des Bamf, seitdem ist er „Beauftragter für Flüchtlingsmanagement“. Als solcher soll er die Ab- läufe zwischen den vielen Behörden optimieren, die in Deutschland mit Asylbewer- bern zu tun haben. kno, wow

AfD

Warnung vor Russlandkontakten

Die Kontakte von AfD-Ab- geordneten nach Russland alarmieren Innenpolitiker und Verfassungsschützer. „Diese Leute machen sich

zum Handlanger Russlands, das ein Interesse daran hat, Europa zu destabilisieren“, sagt Baden-Württembergs In- nenminister Thomas Strobl (CDU). AfD-Landtagsabge- ordnete waren zu angebli- chen „Wahlbeobachtermis- sionen“ in von Russland be-

einflusste Gebiete gereist und hatten fragwürdige Ab- stimmungen als fair darge- stellt. Nach Medienberichten steht ein Mann, zu dem AfD- Funktionäre in Verbindung standen, im Verdacht, vom russischen Geheimdienst fi- nanziert zu werden. Er sitzt

derzeit in Polen in Untersu- chungshaft. Thüringens Ver- fassungsschutzchef Stephan J. Kramer sieht es als Aufga- be der Sicherheitsbehörden an, eine mögliche Einfluss- nahme aus Russland auf das AfD-Umfeld weiter aufzu- klären. ama, wow

BLOOMBERG / GETTY IMAGES

Deutschland

„Was kostet die Welt?“

Karrieren Gerhard Schröders Aufstieg im Firmenreich des Kreml bringt SPD-Kandidat Martin Schulz in Bedrängnis. Muss sich die Partei von ihrem Altkanzler lossagen?

E s war nur ein kurzes Gespräch, und es war nicht erfreulich. Am vergan- genen Dienstag, mitten im Trubel

des Wahlkampfes, griff SPD-Chef Martin Schulz zum Telefon, um seinen Amtsvor- gänger Gerhard Schröder anzurufen: jenen Mann also, dem es als bislang letztem So- zialdemokraten gelungen war, ins Kanz- leramt einzuziehen. Kurz zuvor hatte der ehemalige Regie- rungschef seinem Nachfolger bestätigt, dass tatsächlich stimmt, was seit Tagen in den Zeitungen steht: dass er ins Aufsichts- gremium des russischen Staatskonzerns Rosneft einziehen wolle. Jetzt, eine durch- grübelte Nacht später, wollte Schulz sei- nem prominenten Parteifreund mitteilen, was er von der Idee hielt: wenig bis nichts. „Ich finde das falsch“, sagte er zu Schröder, der gerade in China unterwegs war. „Man muss nicht jeden Job annehmen.“ Schulz hat es nicht leicht in diesen Tagen. Seit Wochen liegt seine Partei in den Um- fragen deutlich hinter der Union zurück; nun muss der Kanzlerkandidat einen wei- teren Tiefschlag aus den eigenen Reihen hinnehmen: Schröders Absicht, für ein 500000-Dollar-Honorar einen weiteren Job in einer russischen Staatsfirma anzuneh- men, stellt Schulz und seine verunsicherte Truppe vor eine neue Grundsatzfrage: Müs- sen sich die Genossen von ihrem Altkanz- ler distanzieren – und, wenn ja, wie weit? Schlimmer hätte es für Schulz kaum kommen können. Gerade mal sechs Wo- chen ist es her, dass Schröder seinen Sozi- aldemokraten unter dem Jubel des jüngs- ten Parteitages zurief, sie könnten es noch schaffen, im Herbst „zur stärksten Partei zu werden“. Nun wird der vermeintliche Wahlkampfhelfer für die Genossen selbst zur schweren Belastung. Schon sein Posten beim russischen Pipe- line-Unternehmen Nord Stream hatte die Partei in Erklärungsnot gebracht. Dass er nun auch noch in das Direktorium des Öl- konzerns Rosneft einziehen will, steigert ihre Verlegenheit. Schließlich ist der Kon- zern nicht irgendein Unternehmen im verzweigten Firmenreich des Kreml. Ros- neft ist ein Staatskonzern im Zentrum der Macht, der mit Syriens Alleinherrscher Baschar al-Assad Geschäfte macht oder

Kredite an Venezuelas Machthaber Nico- lás Maduro vergibt. Nimmt Schröder wie angekündigt den Job an, wäre er nicht einfach nur ein Manager von Moskaus

Gnaden, er wäre in die obersten Entschei- dungszirkel Russlands eingebunden und würde noch näher an Wladimir Putin rü- cken. Wird die SPD von ihrem ehemaligen Vorsitzenden also künftig für die Interes- sen des Kreml eingespannt? So lautet die Frage, die nun überall gestellt wird und die so ungefähr die letzte ist, die Schulz gebrauchen kann. Sie lenkt ab von der Ge- rechtigkeitsdebatte, die der Sozialdemo- krat im Wahlkampf gern führen würde. Sie kostet Zeit, die die Partei nicht hat. Und sie ist Wasser auf die Mühlen all jener Wähler, die glauben, die Politik sei am Ende eben doch nur ein Selbstbedienungs-

die Politik sei am Ende eben doch nur ein Selbstbedienungs- Rosneft-Logo in St. Petersburg Konzern im

Rosneft-Logo in St. Petersburg Konzern im Zentrum der Macht

laden. Das Engagement biete „viele An- griffsflächen, nicht zuletzt vor dem Hin- tergrund der Ukrainekrise“, sagt die frü- here SPD-Präsidentschaftskandidatin Ge- sine Schwan. Und viele Genossen fragen sich, warum der Altkanzler ausgerechnet jetzt mit der Nachricht kommt. „Sechs Wo- chen vor der Wahl – wie kann das sein?“ Die Antwort geben sie gleich selbst:

Schröder ist eben Schröder, und Schröder ist unberechenbar. Schon immer übte die Welt der Reichen und Einflussreichen eine besondere Faszi- nation auf den Mann aus, der es von ganz unten nach ganz oben schaffte. In ärm- lichen Verhältnissen aufgewachsen, liebte Schröder die lässige Attitüde des „Was kos- tet die Welt?“ genauso wie die Insignien des großspurigen Lebenswandels, den er zu führen pflegte: die teuren Zigarren, die schweren Rotweine, die Brioni-Anzüge.

Zugleich war Schröder ein Politiker der Provokation, der Konflikten nicht auswich und gern Tabus verletzte. Als SPD-Kanz- ler reformierte er den Sozialstaat, er hielt Deutschland gegen den Willen der USA aus dem Irakkrieg und verstand es als Akt seines Rebellentums, sich nach Ende sei- ner Dienstzeit ohne lange Schonfrist vom russischen Energieriesen Gazprom anheu- ern zu lassen. Rechtlich gab es daran nichts auszusetzen. Den Regeln des guten Geschmacks entsprach es trotzdem nicht, zumal Schröder noch als Kanzler Ent- scheidungen zugunsten der Firma getrof- fen hatte. Ein Elder Statesman wie Helmut Schmidt – weise, allwissend, weihevoll – wollte Schröder nie sein. Schon den Titel Altkanzler hasste er, weil das für ihn wie „halb tot“ klang. Lieber wollte er nach sei- nem Machtverlust die großen Geschäfte machen – oder sie zumindest anbahnen. So soll Schröder etwa beim Verkauf mehrerer maroder Werften in Wismar und Rostock im Hintergrund mitgewirkt haben, die sich vor einigen Jahren der russische Geschäftsmann Witali Jussufow sicherte, der Leiter des Moskauer Nord-Stream-Bü- ros. Der damals 29-jährige Jungmanager, der stets Protokoll führte, wenn Schröder und Gazprom-Chef Alexej Miller in der Firmenzentrale verhandelten, legte für die Schiffsbetriebe rund 46 Millionen Euro auf den Tisch. Im März 2016 stieß er die Fabri- ken ab – für mehr als 230 Millionen Euro. Mehr als fünfmal so viel, wie er bezahlt hatte, kein schlechtes Geschäft. Auch Schröders Nord-Stream-Engage- ment wurde zum Erfolg, zumindest für die beteiligten Firmen aus der Bundesrepublik und Russland. Durch die Pipelines ihres Konsortiums fließen demnächst fast 60 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases – obwohl die Leitung in Europa einflussreiche Gegner hat, wie die Regie- rungen Italiens und nahezu sämtliche EU- Mitglieder in Osteuropa. Doch der Altkanzler verstand es bes- tens, die wachsende Kritik an dem Projekt auszubremsen. Mal traf sich Schröder mit deutschen Wirtschaftspolitikern in Berliner Nobelrestaurants, mal umgarnte er in Brüs- sel Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker oder den zuständigen EU-Kom- missar Arias Cañete. Vor allem aber gelang es ihm, sich die Rückendeckung der Bundesregierung zu

ARMIN SMAILOVIC / AG FOCUS

ARMIN SMAILOVIC / AG FOCUS Energiemanager Schröder: Ein Elder Statesman wollte er nie sein DER SPIEGEL

Energiemanager Schröder: Ein Elder Statesman wollte er nie sein

DANIEL PILAR / LAIF

Deutschland

sichern, nicht zuletzt mithilfe seiner alten Freunde aus der SPD. „Nord Stream liegt im deutschen Interesse“, pflegte etwa Sig- mar Gabriel schon in seiner Zeit als Wirt- schaftsminister zu sagen, „da bin ich mir mit der Bundeskanzlerin einig.“ Kein Wunder, dass Kreml-Potentat Pu- tin den deutschen Altkanzler seitdem hofierte und als „Mann mit Ausdauer“ lobt. Als einen echten Kerl, den nichts an- ficht, Kritik an seiner Duzfreundschaft mit dem mächtigen Mann in Moskau einge- schlossen. Entsprechend hat Schröders jüngste Be- förderung in Russland niemanden über- rascht. Schon im Mai hatte sich der Ex- kanzler mit Rosneft-Chef Igor Setschin bei der Eröffnung der neuen Konzernvertre- tung in Berlin-Mitte gezeigt. Es gab Küsse und Umarmungen für den Geschäftsfreund und Austern für alle Gäste. „Bereits da war zu sehen, wie eng die Verbindung ist“, sagt einer, der dabei war. Rosneft will in den deutschen Raffinerie- und Tankstellenmarkt einsteigen und im Laufe der kommenden fünf Jahre rund 600 Millionen Euro investieren, nicht zuletzt in die Ölpipeline Druschba („Freund- schaft“), die in Süddeutschland geplant ist. Gerhard Schröder soll dabei helfen, und er soll sich mit seinem weltweiten Netz- werk politischer Kontakte vor allem für Konzernchef Setschin nützlich machen, der nach Wladimir Putin als zweitmäch- tigster Mann in Russland gilt. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten Silowiki, jener Vertrauten aus Armee und Geheimdiensten, die mit dem ehemaligen KGB-Agenten Putin an die Staatsspitze kamen. Setschin gilt als rücksichtslos. In Mos- kau nennen sie ihn Darth Vader, den „Fürsten der Finsternis“ aus der Filmserie „Star Wars“. Er hat Rosneft zum weltgröß- ten börsennotierten Erdölproduzenten ge- macht, indem er sich die wichtigsten Teile des Jukos-Konzerns einverleibte. Das Fir- menimperium des früheren Oligarchen Mi- chail Chodorkowski war gerade günstig zu haben, nachdem dieser verhaftet und enteignet worden war. Zuletzt sorgte Setschin wieder für Schlagzeilen, weil er an einer raffiniert ein- gefädelten Intrige beteiligt gewesen sein soll, um den früheren Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew aus dem Amt zu drän- gen. Der Mann hatte es gewagt, einen mil- lionenschweren Firmendeal des Rosneft- Konzerns infrage zu stellen. Dass sich Altkanzler Schröder nun ei- nem Unternehmer mit solch zwielichtigem Ruf andient, gilt selbst unter deutschen In- dustriellen als Fehler. Schröder tue sich keinen Gefallen, heißt es, sich an einen derart politisierten Konzern zu binden. Das Engagement werde ihn in Deutschland viel Reputation kosten.

Auch viele Genossen sind fassungslos. Die Parteiführung weiß, dass sie für Schrö- ders fragwürdige Kreml-Connection in Mit- haftung genommen wird, wenn sie sich nicht von ihm distanziert. Gleichzeitig ahnt sie, dass ein offener Bruch der Partei mehr schaden als nutzen würde. Und so stellte Schulz Anfang der Woche klar, dass er selbst dem Beispiel des Alt- kanzlers nie folgen würde, das Engage- ment ansonsten aber „Schröders Privat- sache“ sei. Weiter wollte Schulz zu diesem Zeitpunkt nicht gehen. Das hatte den Vorteil, dass er dem früheren Bundes- kanzler immer noch in die Augen schauen

früheren Bundes- kanzler immer noch in die Augen schauen Freunde Schröder, Putin 2010 „Mann mit Ausdauer“

Freunde Schröder, Putin 2010 „Mann mit Ausdauer“

JONAS GÜTTLER / DPA
JONAS GÜTTLER / DPA

Genossen Schröder, Schulz „Man muss nicht jeden Job annehmen“

kann. Und den Nachteil, dass er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, Schröders problematische Verquickung mit Putins Machtapparat nicht deutlich genug zu kri- tisieren. Das besorgen nun Unionspolitiker wie der Außenexperte Norbert Röttgen, der Schulz in der Causa Schröder „Führungs- schwäche“ vorwirft. Oder der Fraktions- chef der EVP im Europaparlament, Man- fred Weber (CSU). Schröders Engagement, sagt er, solle auch „dem letzten Zweifler zeigen, dass Nord Stream und Rosneft nicht einfach nur Wirtschaftsunternehmen sind, sondern Unternehmen, die das politische Geschäft

des Kreml besorgen“. Der Parlamentari- sche Staatssekretär beim Bundesinnenmi- nister, Günter Krings (CDU), sagt: „Keine Karenzzeit kann lang genug sein, um es zu rechtfertigen, sich in das anrüchige Sys- tem Putin einbinden zu lassen; solche An- gebote schlägt man einfach aus.“ Die Genossen dagegen tun sich schwer, ihren einstigen Anführer zu kritisieren. Zwar findet die SPD-Außenexpertin Dag- mar Freitag es „in diesen schwierigen Zei- ten gut, wenn jemand noch einen belast- baren Draht zu Putin hat“. Allerdings müs- se man „dafür sicher keinen weiteren Job in einem der wichtigsten russischen Staats- konzerne annehmen“, sagt sie. Die deutlichste Kritik an Schröder kommt von der SPD-Politikerin Gesine Schwan. „Ich kann das überhaupt nicht verstehen“, sagt die Frau, die Schröder einst zur Präsidentschaftskandidatin der Sozialdemokraten gemacht hatte. „Ich hät- te mir sehr gewünscht, dass er diese Auf- gabe nicht macht.“ Aus ethischen Gründen sei es „immer problematisch, als Politiker nach der Karriere in die Wirtschaft zu ge- hen“, sagt Schwan. „Schon seine Aufgabe bei Nord Stream war ein fragwürdiger Ge- brauch politischer Macht.“ Zugleich beschreibt sie das Dilemma ih- rer Partei: „Wir können uns nicht einfach lossagen von ihm“, sagt Schwan. „Das ist so, als wenn man versuchte, einen Teil seiner Vergangenheit zu streichen. Das klappt nie.“ Inzwischen hat auch Schulz seine Kritik an Schröders Russlandgeschäften ver- schärft. Dem SPD-Chef ist klar geworden, dass ihn Schröder in eine unmögliche Si- tuation gebracht hat. Aber nicht nur ihn, auch andere Sozialdemokraten. Sigmar Gabriel beispielsweise, der sich erst vor ein paar Wochen gemeinsam mit Schröder und Putin in der Residenz des russischen Präsidenten an der Ostsee zum Abend- essen traf. Kann Gabriel Schröders Moskau-Kontakte nun noch so unbeschwert nutzen wie bisher? Auch die sozialdemokratischen Bundes- tagskandidaten, bei denen Schröder im Wahlkampf auftreten will, befinden sich jetzt in einer unangenehmen Lage. Ende August tritt Schröder im niedersächsischen Rotenburg mit dem Abgeordneten Lars Klingbeil auf, wenig später ist er bei der früheren Generalsekretärin Yasmin Fahimi in Hannover zu Gast. Das Problem: Sagen die Wahlkämpfer Schröders Auftritt ab, würden sie die Debatte noch vergrößern. Kommt er, dürfte seine Rosneft-Nominie- rung alles überlagern. SPD-Kandidat Klingbeil blickt dem Ter- min trotzdem offen entgegen. „Ich freue mich auf den Besuch“, sagt er. „Wir wer- den über alles reden.“

Melanie Amann, Christina Hebel, Gunter Latsch, Veit Medick, Peter Müller, Michael Sauga

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HENNING GROSS / BUSINESS PUNK

Deutschland

Angst vor der Macht

Parteien Gut möglich, dass die FDP an der nächsten Regierung beteiligt sein wird. Doch die Aussicht auf eine Koalition mit Merkels Union beunruhigt die Liberalen – und die Kanzlerin.

W ie man sich einrichtet, so wird

man gesehen. Das weiß auch

Trauma, das die Koalition mit der Union bei den Liberalen hinterlassen hat, sitzt tief. „Wir sind vom letzten Mal Schwarz- Gelb gebranntes Kind“, sagt der FDP-Eu- ropapolitiker Alexander Graf Lambsdorff. „Wenn eine Regierungsbeteiligung mög- lich wäre, könnten wir uns nicht per se verweigern“, sagt Parteivize Wolfgang Ku- bicki. Begeisterung klingt anders. Ein anderer führender FDP-Mann sieht in der Partei eine große Skepsis, „ob wir Schwarz-Gelb überhaupt machen sollen“. Umso mehr würde das für Jamaika gelten. Ohnehin werde es „sehr anstrengend“ als Newcomer im Parlament, heißt es. Ein Teil der Bedenken mag taktisch sein. Nicht zu siegesgewiss auftreten, keine überzogenen Erwartungen wecken, der

Union misstrauen. Das sind die Lehren, die die Liberalen aus dem Fehlstart von Schwarz-Gelb 2009 gezogen haben. Damals sei man viel zu euphorisch ge- wesen, man habe um jeden Preis regieren wollen, so konnte die Union Parteichef Guido Westerwelle bei den Koalitionsver- handlungen über den Tisch ziehen. „Poli- tik ist ein nüchternes Geschäft“, sagt Bun- desgeschäftsführer Buschmann, früher habe die FDP Koalitionsfragen bisweilen mit emotionalem Überschwang betrachtet. Das habe sich nicht bewährt. Eine weitere Lehre lautet, dass es den Liberalen zum Verhängnis wurde, wie Spitzenkandidat Rainer Brüderle 2013 im Wahlkampf um die Zweitstimmen der Uni- onswähler barmte. Parteichef Lindner pocht deshalb auf die Eigen-

ständigkeit der Partei: „Wenn es in Umfragen teilweise auch eine schwarz-gelbe Mehrheit gibt, ändert das nichts an un- serem völlig eigenständigen Wahlkampf“, sagt er. „Es gibt keine natürlichen Koalitions- partner mehr“, sagt Lambs- dorff. Doch das Zögern der Frei- demokraten, die Machtoption in den Blick zu nehmen, ist nicht nur Attitüde. Der Wille zur Macht, sagt ein führender Liberaler, sei im Moment nicht besonders ausgeprägt. „Man will noch gar nicht da- ran denken, dass man an die Macht kommen kann.“ Der forsche Auftritt von Lindner täuscht darüber hinweg, dass die Partei erst dabei ist zu ver- stehen, dass sie überlebt hat. Es ist wie bei einem Schwer- kranken, der gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist und der nun schon wieder Leistungssport treiben soll. Zuallererst fehlt der FDP erfahrenes Spitzenpersonal (SPIEGEL 25/2017). Nur ein ein- ziger Liberaler mit Aussicht auf ein Bundestagsmandat ver- fügt überhaupt über Regie- rungserfahrung im Bund: Mi- chael Link saß von Anfang 2012 bis Ende 2013 für knapp zwei Jahre am erweiterten Ka- binettstisch, als Staatsminister im Auswärtigen Amt.

Marco Buschmann. Als FDP-

Chef Christian Lindner den Juristen bald nach der verheerenden Niederlage der Li- beralen bei der letzten Bundestagswahl zum Bundesgeschäftsführer der Partei ge- macht hatte, besorgte Buschmann erst ein- mal neue Möbel für sein Büro in der Ber- liner Parteizentrale. Die gediegene alte Ei- che seiner Vorgänger flog raus. Stattdessen kaufte Buschmann ein paar schlichte weiße

Regale: Ikea. Seine Message: Die FDP hat sich neu erfunden, sie ist nicht mehr arri- viert und protzig, sondern nüchtern und bescheiden. Ganz neu. Für die Wand hinter seinem Schreibtisch wählte Buschmann ein Kunstwerk von „fjbaur“: ein Gefieder aus

Dreiecken in Blau, Gelb und Magenta mit dem Titel „Phoe- nix“. Das ist bekanntlich der Vogel, der aus der Asche wie- derauferstand. Ganz neu. Der Wunschtraum hat sich erfüllt. Die FDP ist wieder- auferstanden, ihr wird mit größter Wahrscheinlichkeit im September die Rückkehr in den Bundestag gelingen. Und mit einiger Wahrschein- lichkeit könnten FDP-Minis- ter am Kabinettstisch sitzen. Für ein Jamaika-Bündnis mit den Grünen dürfte es reichen, mitunter geben die Umfragen auch eine Neuauflage von Schwarz-Gelb her. Für die Liberalen ist das nicht unbedingt eine gute Aussicht. Die FDP ist weder personell noch inhaltlich aufs Regieren vorbereitet. Nicht einmal Parteichef Christian Lindner verfügt über Regie- rungserfahrung. Mag die FDP auch nicht mehr die alte sein, die 2013 aus dem Bundestag flog: Wofür sie stattdessen steht, ist unklar. Viele Liberale sehen selbst, dass die FDP so kurz nach ih- rer Nahtoderfahrung eigent- lich noch gar nicht reif ist zum Regieren. Seit den Fünfziger- jahren ist keine Partei von der außerparlamentarischen Op- position direkt auf die Regie- rungsbank gezogen. Und das

position direkt auf die Regie- rungsbank gezogen. Und das FDP-Chef Lindner: Keine überzogenen Erwartungen wecken 36

FDP-Chef Lindner: Keine überzogenen Erwartungen wecken

Auch das inhaltliche Profil ist vage. Die FDP, so die zentrale Botschaft, ist nicht mehr die alte, sie hat sich in der Krise neu erfunden. Aber was ist sie jetzt? An einer anderen Wand im Büro von Bundesgeschäftsführer Buschmann hängt ein Schaubild: „Strategie 2.0“ steht da. Auf der Suche nach ihrer Identität haben sich die Liberalen von einer Agentur be- raten lassen; gemeinsam wurde überlegt, wo die Partei im politischen System zu verorten ist. Man verabschiedete sich vom bekannten politischen Koordinatensystem; statt mit rechts und links, autoritär und li- beral operiert man nun mit Begriffen wie Gruppe versus Individuum, Fortschritt ver- sus Bewahrung. Die FDP hat sich wenig überraschend mittig zwischen Fortschritt

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und Individuum eingeordnet. Am nächs- ten bei ihnen liegen neben der Union die Grünen. Fragt man die Liberalen, was sie sein wollen, so erfährt man vor allem, was sie nicht sein wollen: Mehrheitsbeschaffer, nützliche Idioten, Wurmfortsatz der Uni- on, Teil eines politischen Lagers. Sie wollen keine Klientelpartei mehr sein. Deshalb betonen sie dauernd, dass die FDP die Apotheker nicht bei ihrer For- derung unterstützte, den Versandhandel im Internet zu verbieten. Sie wollen keine Steuersenkungspartei sein, weshalb sie das Wort „Steuersen- kung“ konsequent vermeiden. Auch als wirtschaftsliberales Korrektiv zu einer nach links gerückten Union sieht sich die FDP nicht wirklich. Gefragt, ob er sich als marktliberal oder wirtschaftsli- beral verstehe, sagte Lindner in einem In- terview, er könne „mit diesen Adjektiven

nichts anfangen“. Und neoliberal sei er schon gar nicht. Klassische Bürgerrechtsthemen wie Vor- ratsdatenspeicherung und Staatstrojaner hat die FDP zwar im Angebot, stellt sie aber weit nach hinten. Sie bringen zu we- nig. Nach Einschätzung eines Liberalen sind sie „für höchstens ein Prozent der Bürger wahlentscheidend“. Aber was dann? Man habe, heißt es, ein- zelne Projekte, Baustellen, die man ange- hen müsste. „Weltbeste Bildung für alle“ und „Digitalisierung“ werden immer zu- erst genannt. Das sind ohne Zweifel popu- läre Forderungen. Ein Kleiner Parteitag am Sonntag vor der Bundestagswahl soll zehn Punkte iden- tifizieren, mit denen die FDP in Koaliti-

te Finanzminister Wolfgang Schäuble Ende Juni. Er freue sich auf Schwarz- Gelb. Doch von Bundeskanzlerin Angela Mer- kel wird man dergleichen nicht hören. Sie machte in der vergangenen Woche deut- lich, dass es für sie außer der bayerischen Schwesterpartei CSU „keine natürlichen Koalitionspartner“ gibt – eine deutliche Absage an die Liberalen. Nach Angaben von Vertrauten sieht Merkel eine Neuauflage von Schwarz- Gelb mit großer Skepsis. In ihren Augen paart sich bei den Liberalen mangelnde politische Erfahrung mit Klientelpolitik. Im Grunde halte sie die FDP für unbere- chenbar und windig. Zudem habe die Kanzlerin die letzte schwarz-gelbe Re-

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AG, Theodor-Heuss-Allee 72, 60486 Frankfurt am Main. onsverhandlungen gehen würde. Rote Li- nien soll es nicht

onsverhandlungen gehen würde. Rote Li- nien soll es nicht geben. Innere Sicherheit figuriert prominent, das hat sich im Wahlkampf in Nordrhein- Westfalen bewährt. Aber die Forderung nach besserer Ausstattung für Polizei und Justiz ist weder klassisch liberal noch Al- leinstellungsmerkmal der FDP. Wenn überhaupt sieht sich die FDP als „Fortschrittspartei“, als „Partei der Moder- nisierung“. Aber eigentlich gehe es heut- zutage nicht mehr um ideologische Ver- ortung, die Leute wählten ein Lebens- gefühl: jung, dynamisch, hip. Für eine Regierung mit der Union gibt es weder bei den Liberalen noch in Mer- kels Partei ein Projekt oder eine Idee. Sie wäre ein reines Zweckbündnis. Zwar halten noch einige versprengte Konserva- tive den Liberalen die Stange: „Ich habe die FDP immer als bevorzugten Koa- litionspartner der Union angesehen“, sag-

gierungszusammenarbeit in schlimmer Er- innerung. Und dieses Mal hätte sie es mit einer noch unerfahreneren Truppe zu tun. Nach ihrer Einschätzung würden die Li- beralen mindestens zwei Jahre brauchen, um sich wieder im Bundestag zurecht- zufinden. Geschweige denn in der Regie- rung. Das klingt, zusammengefasst, verdäch- tig nach einem Begriff, den einst der da- malige CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt für die Liberalen prägte: „Gur- kentruppe“. Nach einer Basis für Regie- rungszusammenarbeit klingt es nicht. „Dann sollen sie eben Schwarz-Grün ma- chen“, heißt es in der FDP.

Christiane Hoffmann, Ann-Katrin Müller

es in der FDP. Christiane Hoffmann, Ann-Katrin Müller Video: Christian Lindners Karriere spiegel.de/sp342017fdp

Video:

Christian Lindners Karriere

spiegel.de/sp342017fdp

oder in der App DER SPIEGEL

Deutschland

„Wer soll es sonst machen?“

SPIEGEL-Gespräch AfD-Chefin Frauke Petry will im internen Machtkampf der Partei nicht klein beigeben, warnt vor rechtsextremem Gedankengut und verteidigt das Wahlplakat mit ihrem Baby.

Petry, 42, betritt die winzige Geschäftsstel- le der AfD in Leipzig mit ihrem drei Mo- nate alten Sohn Ferdinand, mit dem sie bereits für ein Wahlplakat posierte. Ferdi- nand wird schnell dem Landesgeneralse- kretär Uwe Wurlitzer in den Arm gedrückt, der ins Nebenzimmer verschwindet.

SPIEGEL: Frau Petry, sind Sie tatsächlich noch Chefin der AfD? Petry: Daran kann es – glaube ich – keinen Zweifel geben. Wenn Sie schauen, wer mit der AfD in der Öffentlichkeit in Verbin- dung gebracht wird, wie stark die Partei letztlich Repräsentationsfiguren braucht und wie sehr ich mich in den zurücklie- genden viereinhalb Jahren eingesetzt habe, dann ist Ihre Frage wohl eher rhetorisch gemeint. SPIEGEL: Faktisch läuft der Wahlkampf ohne Sie, seit Monaten sind Sie abgetaucht, so- gar Hinterbänkler greifen Sie an. Haben Sie in der AfD echt noch was zu melden? Petry: Sie lesen wohl keine Zeitung? Wich- tig ist nicht die Zahl der Auftritte, sondern ihre Wirkung bei den Wählern. Wie Sie wissen, ist mein jüngster Sohn gerade mal knapp drei Monate alt. In einer Familien- partei wie der AfD kann ich auf das Ver- ständnis der Mitglieder zählen, wenn ich für mein Baby etwas kürzertrete. SPIEGEL: Auf dem Kölner Parteitag ließen Ihre Parteifreunde Sie eiskalt auflaufen, Ihre Anträge fielen durch. Nachdem Sie vor zwei Jahren Bernd Lucke gestürzt ha- ben – droht Ihnen nun dasselbe Schicksal? Petry: Sie zeichnen wie so oft ein Schwarz- Weiß-Bild. Ich stehe für eine Partei, die dem Wähler konkrete Ideen und deren realpolitische Umsetzung anbietet. Das wünschen sich viele Mitglieder. Deshalb gibt es für diesen Kurs auch weiter große Unterstützung in der AfD. Reibereien un- ter Funktionären gibt es in jeder Partei. SPIEGEL: Ihr Kovorsitzender Jörg Meuthen sagt öffentlich, dass er nicht mehr mit Ih- nen zusammenarbeiten will. So chaotische Zustände gibt es in keiner anderen Partei. Petry: Ich habe immer gesagt, dass interne Konflikte in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben. Die AfD darf kein Selbst- zweck sein, sondern ein Instrument für den Willen der Wähler, die sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. SPIEGEL: Sie haben schon auf der Bühne ge- weint. Setzt Ihnen das Mobbing so zu? Petry: Natürlich habe ich da gelitten, aber von Mobbing kann keine Rede sein. Im Übrigen bin ich ein Mensch wie jeder an-

dere, und in manchen Situationen zeige ich eben Gefühle. Wer mich kennt, weiß aber auch, dass ich nicht so leicht aufgebe. Wir haben die AfD 2015 aus einem exis- tenzbedrohenden Umfragetief geführt und 2016 glänzende Erfolge eingefahren. Sol- che Erfahrungen geben Kraft. SPIEGEL: Welchen Anteil haben Sie selbst an der verkorksten Situation der AfD? Petry: Eine Partei zu führen ist eine span- nende Aufgabe. Hat man es zuvor noch nie getan, passieren zwangsläufig Fehler, auch mir. Viele in der AfD sehen bis heute nicht die Notwendigkeit, dass die AfD politikfähig werden und den Wählern real- politische Angebote machen muss, will sie nicht wieder von der Bildfläche verschwin- den. Mir ist das seit 2015 klar. Schnelligkeit in der Analyse wird im politischen Tages- geschäft aber nicht immer belohnt. SPIEGEL: Um Bernd Lucke zu stürzen, pak- tierten Sie mit Björn Höcke, dem Rechts- außen Ihrer Partei. Heute wollen Sie ihn rauswerfen. Haben Sie ihn unterschätzt? Petry: Björn Höcke war nie mein Verbün- deter, im Gegenteil. Schon 2015 war ab- sehbar, dass es durch seine Vorgehenswei- se Konflikte geben würde. Die Mehrheit im Bundesvorstand konnte sich leider erst Anfang dieses Jahres zu einer klaren Kan- te, dem Antrag auf Parteiausschluss, durch- ringen. Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät für das Ansehen der AfD. SPIEGEL: Moment mal, haben Sie nach Ihrer Wahl zur Parteichefin nicht persönlich ein Ordnungsverfahren gegen Höcke einge- stellt und ihn damit geschützt? Petry: Ganz ehrlich? Uns war damals klar, dass das Verfahren gegen ihn keinerlei Aus- sicht auf Erfolg hatte. Das war der einzige Grund. Seither hat Björn Höcke genügend Anlässe für ein neues, Erfolg versprechen- des Ausschlussverfahren geliefert. SPIEGEL: In Ihren Reden und Interviews klangen Sie selbst mitunter wie Höcke. Etwa als Sie forderten, den Begriff völkisch „wieder positiv zu besetzen“. Petry: Ich habe mich sehr geärgert, was aus dieser Äußerung gemacht wurde. Mir ging es nur darum, dass die Begriffe „Volk“ und „Nation“ nicht tabuisiert werden sollen, wenn es um das eigene Land geht. SPIEGEL: Es geht nicht um „Nation“ oder „Volk“, sondern um „völkisch“. Finden Sie den Begriff nun positiv oder nicht? Petry: Wie Sie sehr wohl wissen, habe ich diesen Begriff selbst nie benutzt und werde ihn auch nicht benutzen, denn er ist zu- mindest in Deutschland verbrannt. Aber

ich bin jemand, der für die Möglichkeit der freien Rede viel übrig hat. Sprechver- bote gehen mir gegen den Strich. SPIEGEL: Vokabeln, die so eng mit der Ideo- logie des Nationalsozialismus verbunden sind, darf man eben nicht verwenden. Petry: Wo steht das geschrieben? Machen Sie diese Gesetze bei sich in Ihrer Redak- tionsstube? Eine freie, demokratische Ge- sellschaft braucht keine Sprechverbote. Dank der AfD können wir seit 2013 offener und kontroverser diskutieren, da hat un- sere Partei Deutschland und seiner Diskus- sionskultur einen großen Dienst erwiesen. SPIEGEL: Wir erkennen eher einen Beitrag zur Verrohung der Sprache: Die AfD müs- se Deutschland „buchstäblich zurücker- obern“, sagten Sie. Flüchtlinge seien das „Lumpenproletariat der afro-arabischen Welt“. Klingt so eine bürgerliche Partei? Petry: Manchmal sind provokante Töne not- wendig, um einen Sachverhalt zu verdeut- lichen. Dass nicht jede Überspitzung funk- tioniert, dass man die Wirkung auf den Hörer vielleicht überschätzt, gebe ich gern zu. Aber lügen nicht viele etablierte Poli- tiker die Bürger schlicht an, wenn sie uns weismachen wollen, dass die Massen an il- legalen Migranten lauter Fachkräfte sind, die unsere Gesellschaft bereichern? Tat- sächlich sind die meisten Migranten doch eine Belastung, sie destabilisieren unsere Gesellschaft. Es ist unser Privileg als Op- position, diese Diskrepanz mit deutlichen Worten zu schildern. SPIEGEL: Ist es Ihnen rückblickend peinlich, mit europaweit gefürchteten Hetzern wie Marine Le Pen oder Geert Wilders eine Konferenz abgehalten zu haben? Oder fällt das für Sie auch unter „realpolitischer Kurs“? Petry: Es wäre schön, wenn in Ihrer Frage nicht schon die Vorverurteilung steckte. Die Politiker, mit denen wir in Koblenz auf der Bühne standen, sind sicher umstrit- ten, aber insbesondere Geert Wilders hat früh die Probleme der Massenmigration und der Islamisierung Europas erkannt und vertritt außerdem einen wirtschafts- liberalen Kurs. Warum bauen Sie das nicht in Ihre Frage ein? SPIEGEL: Sie müssen damit leben, dass wir Ihre Mitstreiter anders bewerten als Sie. Petry: Offensichtlich beherrschen Sie nicht die Kunst, neutrale Fragen zu stellen. Ich rate davon ab, demokratisch gewählte Politiker zu verunglimpfen. Die Teilneh- mer des Kongresses waren sich einig, dass die Freiheit der Nationalstaaten einen we-

SVEN DOERING / DER SPIEGEL

SVEN DOERING / DER SPIEGEL AfD-Chefin Petry: „Es passieren zwangsläufig Fehler“ sentlichen Anteil an einem freien

AfD-Chefin Petry: „Es passieren zwangsläufig Fehler“

sentlichen Anteil an einem freien Europa hat, in dem wir leben. Im Unterschied zu einem zentralisierten Superstaat namens EU ist das eine positive Vision von Europa. SPIEGEL: Sie sagen uns immer wieder, wel- che Fragen wir stellen sollen. Kann es sein, dass Sie ein grundsätzliches Problem mit kritischem Journalismus haben? Petry: Ich bin keiner Frage ausgewichen, was wollen Sie überhaupt? Allerdings er- laube ich mir, darauf hinzuweisen, wenn Fragen von vornherein Unterstellungen beinhalten, weil sonst der Leser einen fal- schen Eindruck bekommt. SPIEGEL: Und wie kommt es, dass der Kol- legin Amann und anderen Journalisten zu gewissen Veranstaltungen der AfD gezielt der Zutritt verweigert wurde?

Petry: Sie spielen auf die Konferenz mit Wilders und Le Pen an. Da waren über 370 Journalisten akkreditiert, es gab eine große Pressekonferenz, bei der alle zuge- lassen waren. Und dann gab es einen nicht öffentlichen Teil. SPIEGEL: Zu dem einige Journalisten Zugang hatten, unliebsame jedoch nicht. Petry: Das war die Entscheidung des Ver- anstalters. Außerdem sitzen wir ja heute hier und reden miteinander. SPIEGEL: Also noch mal: Sie haben in der Vergangenheit anders geredet und gehan- delt als heute, da Sie sich als Protagonistin einer bürgerlich-konservativen Partei in- szenieren wollen. Wollen Sie wirklich be- haupten, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen der vermeintlich bürgerlichen

Frauke Petry von heute und jener Frau, die von Ausländern als „bunter Kompost- haufen“ sprach?

Schlechte Stimmung. Petry möchte das In- terview anhalten, die Fragen gefallen ihr nicht. Es folgt eine kurze Unterredung „un- ter 3“, sprich: Man darf nicht daraus zitie- ren. Am Ende will Petry sich doch zur Fra- ge äußern, ob sie sich gewandelt hat.

Petry: Ich habe 2015 eine zutiefst verunsi- cherte Partei übernommen, die kurz davor war, von der Bildfläche zu verschwinden. Der Ansatz war, diese Partei zu einen. Den Vorwurf, dass für die Öffentlichkeit nicht klar sichtbar war, wo ich bereits im Jahr 2015 gestanden habe, lasse ich mir gefallen. Diese Position, da gebe ich Ihnen recht, ist 2017 wesentlich besser erkennbar. Aber ich habe 2015 inhaltlich an der gleichen Stelle gestanden, wo ich jetzt stehe. SPIEGEL: Worin bestanden nun Ihre Fehler? Petry: Eines muss ich mir sicherlich vorhal- ten lassen: Ich sage heute lauter und deut- licher, dass einige Positionen und Indivi- duen nicht zur Partei gehören. Das kann man gern als Entwicklung bezeichnen. Ich will auch zugeben, dass nicht jede meiner Reden, nicht jede meiner Vokabeln immer passend gewesen sind. SPIEGEL: Auf der jüngsten Russland-Konfe- renz der AfD in Magdeburg wurde die Waffen-SS gelobt. In Chatgruppen schwär- men AfD-Mitglieder von der „Machtüber- nahme“ oder der „Erweiterung der Au- ßengrenze“. Was ist das anderes als rechts- extrem? Petry: Solche Leute haben in der AfD nichts zu suchen. Jedenfalls nicht in der AfD, die wir gegründet haben, und nicht in einer AfD, die beim Wähler erfolgreich sein kann. Wenn sich der Verfassungsschutz be- reits zu einigen Personen in der AfD ge- äußert hat, muss das für alle in der Partei ein Alarmsignal sein. Es wird ein hartes Stück Arbeit, das nach der Bundestags- wahl anzugehen. SPIEGEL: Sind nicht Teile der AfD längst un- rettbar in den Extremismus verstrickt? Petry: Das werden wir nach der Wahl klä- ren müssen. Es gibt da eine Eigendynamik, die durch zu langes Zuwarten in Gang ge- setzt worden ist. Dieser entgegenzuwirken, bedarf es einer starken Führung. SPIEGEL: Unklar ist auch der Kurs der AfD in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sind Sie eine „alternative Arbeiterpartei“ der kleinen Leute oder die Stimme der Erben, Besserverdienenden und Unternehmer? Petry: Weder noch. Die AfD soll für breite bürgerliche Schichten wählbar sein. Wir wollen Konservativen das bieten, was die CDU schon lange nicht mehr bieten kann. Wir möchten den Leistungsträgern unserer Gesellschaft eine Perspektive bieten, ohne die sogenannten kleinen Leute auszublen-

SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Deutschland

den. Ich habe den klaren Anspruch und das Ziel, die AfD koalitions- und regie- rungsfähig zu machen. Und Kanzler in die- sem Land wurden immer von bürgerlichen Mehrheiten gewählt. Für mich persönlich ist die Idee einer sozialen Arbeiterpartei namens AfD eine Sackgasse. Im linken Spektrum tummeln sich in diesem Land schon genügend Anbieter!

Aus dem Flur dringt lautes Babygeschrei, eine Mitarbeiterin trägt Petrys Sohn Fer- dinand ins Zimmer. „Sie haben doch nichts dagegen?“, fragt Petry und schaut die Re- porter an. Sie öffnet Ihre Bluse und stillt.

SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass der Kleine seiner Mutter eines Tages übel neh- men könnte, dass Sie ihn für eine AfD- Wahlkampagne instrumentalisiert haben? Petry: Also ehrlicher, als ich es mit diesem Foto gemacht habe, kann man Politik doch wohl nicht machen. Meine vier Kinder wa- ren 2013 eine wesentliche Motivation für mich, in die Politik zu gehen. Wir brau- chen dringend mehr Politiker, die über ihre eigenen Lebenshorizonte und die nächste Legislatur hinausschauen. SPIEGEL: Mag sein. Aber vielleicht wird Ihr Sohn später mal ein glühender EU-Anhän- ger, Genderforscher oder Multikultifreund und schämt sich für das Plakat.

oder Multikultifreund und schämt sich für das Plakat. Petry, SPIEGEL-Redakteure* „Die Kunst, neutrale Fragen zu

Petry, SPIEGEL-Redakteure* „Die Kunst, neutrale Fragen zu stellen“

Petry: Ich glaube, er würde sich eher schä- men, wenn ich nicht versucht hätte zu ver- hindern, dass er als Fremder unter Frem- den in einem Niemandsland aufwachsen muss. Mein Mann und ich haben übrigens zusammen neun Kinder. Wir wissen sehr genau, dass aus jedem Kind eine eigene Persönlichkeit wird. SPIEGEL: Während Sie in einer Art Neun- Kinder-Patchwork-Familie leben, propa- giert das Wahlprogramm der AfD die heile Heteroehe. Kommt es einem nicht ko- misch vor, Modelle zu promoten, die man selber nicht hinbekommen hat? Petry: Ganz und gar nicht. Wenn wir davon überzeugt sind, dass die traditionelle Fa- milie, also das Zusammenleben von Kin- dern mit Vater und Mutter, eine stabile Umgebung zum Aufwachsen der Kinder

* Melanie Amann und Markus Feldenkirchen in Leipzig.

schafft, dann lässt das durchaus zu, dass man an diesem Ideal immer mal wieder scheitert. In der AfD finden Sie aber, nicht überraschend, viele Mitglieder, die große Familien haben, weil sie kinderlieb sind. SPIEGEL: Ab wie vielen Kindern macht sich eine Frau für Sie denn richtig verdient um die deutsche Gesellschaft? Petry: Was für eine drollige Formulierung. Ich habe schon 2014 die Drei-Kinder-Fa- milie propagiert, übrigens nach einer nüch- ternen Berechnung: Deutschland hat zu wenig Kinder, wir haben nach wie vor eine sehr niedrige Geburtenrate. Es lässt sich leicht ausrechnen, dass wir mehr als zwei Kinder im Schnitt brauchen, damit wir als Bevölkerung nicht weiter schrumpfen. Aber wollten wir nicht über Politik reden? SPIEGEL: Bis heute weiß die AfD nicht, ob sie für oder gegen den Mindestlohn ist. Wissen Sie es? Petry: Ich halte den Mindestlohn für eine aktuelle Krücke, die die AfD bejaht. Im Grunde brauchen wir eine Sozialreform, die dann den Mindestlohn hoffentlich un- nötig macht. Uns fehlt ein Lohnabstands- gebot zwischen Hartz-IV-Empfängern und Teilzeitkräften. Das recht verkorkste staat- liche Zuwendungssystem möchten wir durch ein transparenteres Steuersystem und ein aktivierendes Grundeinkommen wieder vom Kopf auf die Füße stellen.

Immer Ärger mit Darlehen

Justiz Alles spricht für eine Anklage wegen Meineid gegen Frauke Petry. Sie soll in zwei Punkten die Unwahrheit gesagt haben.

F rauke Petry, Abgeordnete im

sächsischen Landtag, soll ihre Im-

munität verlieren. Das empfahl

der zuständige Ausschuss des Landtags am Donnerstag, die Staatsanwaltschaft Dresden hatte es so beantragt. Was aber haben die Strafverfolger heraus- gefunden? Und was haben sie vor? Aus einem Schreiben an den sächsi- schen Landtagspräsidenten ergibt sich:

Die Ermittler hätten „den hinreichen- den Verdacht“, dass die Politikerin „als Zeugin vorsätzlich unrichtige Angaben machte“. Und man beabsichtige, öf- fentliche Klage wegen Meineid zu er- heben. Das Strafgesetzbuch sieht im Fall einer Verurteilung eine Freiheits- strafe nicht unter einem Jahr vor. Die Vorwürfe beziehen sich auf Aus- sagen Petrys vor dem Wahlprüfungs- ausschuss des Landtags (SPIEGEL

42/2016). Dieser sollte untersuchen, ob es bei der Aufstellung der AfD-Kand-

daten für die Wahl 2014 mit rechten Dingen zugegangen war. Es gab die Vermutung, dass ein Kandidat von der Landesliste gestrichen wurde, weil er der Partei kein Darlehen geben wollte. Die Staatsanwaltschaft wirft Petry vor, in zwei Punkten vor dem Aus- schuss gelogen zu haben. Der erste betrifft die Frage, was aus den bis zu 3000 Euro hohen Darlehen der AfD- Kandidaten an die Partei nach der Wahl eigentlich werden sollte. Petry sagte, das Darlehen sollte sich „gege- benenfalls in eine Spende umwandeln, sofern der Kandidat das wollte und ein Landtagsmandat errungen hat“. Die Ermittler sichteten die Verträge und kamen zu einem anderen Ergeb- nis. Demnach mussten die Bewerber in den Kontrakten erklären, mit An- nahme eines Landtagsmandats „auf die Rückzahlung des Darlehens zu ver- zichten“. Petry, so die Staatsanwalt-

schaft, habe ihre Aussage auch dann nicht berichtigt, nachdem sie in einer Ausschusspause einen Vertrag hatte einsehen können. Der zweite Vorwurf trifft die Politi- kerin persönlich. Es ging um die Frage, ob sie selbst der Partei ein Darlehen gewährt habe. Sie sagte Nein; ihr da- maliger Mann habe für sie gespendet. Allerdings fanden die Ermittler doch einen Darlehensvertrag Petrys, datiert auf den 26. April 2014. Es hätte durchaus noch mehr Wider- sprüche in den Aussagen der AfD-Poli- tikerin vor dem Wahlprüfungsausschuss gegeben, doch weitere Tatvorwürfe, so heißt es in dem Brief an den Landtag, fielen „für die zu erwartende Strafe nicht beträchtlich ins Gewicht“. Dass Frauke Petry nun vermutlich vor Gericht stehen wird, ist vor allem auf die Linke im Landtag zurückzu- führen. Deren Vertreter hatte im Aus- schuss gefordert, Petrys Aussagen zu beeidigen. So schwor die Politikerin, „nach bestem Wissen die Wahrheit ge- sagt und nichts verschwiegen“ zu ha- ben. Und später stellte der Linken-Ab- geordnete André Schollbach Strafanzei- ge wegen Verdacht des Meineids.

Steffen Winter

SPIEGEL: Trump sagt „America first“, sagt die AfD auch „Deutschland first“? Petry: In Deutschland wird so getan, als wäre der Titel Exportweltmeister für Deutschland etwas Positives. Es ist schlicht nicht wahr, dass wir mit dem Exportüber- schuss tatsächlich der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, den Arbeitnehmern und Steuerzahlern helfen. Es wäre viel besser, wir hätten eine ausgeglichene Handelsbi- lanz, denn im Grunde verschenken wir der- zeit einen Teil unserer Wirtschaftsleistung. SPIEGEL: Ihre Parteibasis hat traditionell eine große Affinität zu Russland. Ist auch für Sie Putins Moskau ein stärkerer Ver- bündeten als Trumps Washington? Petry: Da kann es kein Entweder-oder ge- ben, wir brauchen ganz klar beide Partner. Die Blockpolitik des Kalten Krieges ist vor- bei. Die AfD propagiert schon lange eine Freihandelszone von Wladiwostok bis nach Lissabon, denn der Austausch mit Russland macht ganz Europa stark. Das heißt nicht, dass wir mit allen geopoliti- schen Aktivitäten Moskaus oder Washing- tons konform gehen. SPIEGEL: Auf dem jüngsten Russlandkon- gress der AfD wurde Putins Ukrainepolitik als legitime Interessenvertretung gefeiert. Sehen Sie das auch so? Petry: Dass die Annexion der Krim völker- rechtswidrig war, darüber müssen wir uns nicht streiten. SPIEGEL: Glauben Sie, dass es die AfD in fünf Jahren noch geben wird? Petry: Und ob! Letztlich ist die Frage, ob die Partei bereit ist, sich – klug und beson- nen – führen zu lassen. Das ist der sprin- gende Punkt. Den Wählern sind interne Konflikte herzlich egal. Ich für meinen Teil bin fähig und willens, menschliche Befind- lichkeiten beiseitezulassen und mich auf die Sache zu konzentrieren. Ich freue mich, dass sich endlich die gemäßigten Partei- kreise in Foren wie der „Alternativen Mit- te“ organisieren, da sie nicht länger das Feld den Radikalinskis überlassen wollen. SPIEGEL: Ihre Immunität wird aufgehoben, Ihnen droht eine Anklage wegen Meineids. Ist das kein Grund zurückzutreten? Petry: Warum sollte es? An der Sache ist nichts dran. Ich begrüße die Entscheidung ausdrücklich. Sollte es in der Folge tatsäch- lich zu einem Verfahren kommen, kann ich zu den im Raum stehenden Vorwürfen endlich öffentlich Stellung nehmen. SPIEGEL: Sehen Sie sich auch in einem Jahr noch als Vorsitzende der AfD? Petry: Na, da frage ich ganz salopp zurück:

Wer soll es denn sonst machen? SPIEGEL: Frau Petry, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Frau Petry, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Video: Frauke Petry im Profil spiegel.de/sp342017petry oder

Video:

Frauke Petry im Profil

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DER SPIEGEL 34 / 2017 41

oder in der App DER SPIEGEL DER SPIEGEL 34 / 2017 41 DER SPIEGEL im Gespräch

DER SPIEGEL im Gespräch mit mit Trump-Illustrator Edel Rodriguez: live

Gespräch mit mit Trump-Illustrator Edel Rodriguez: live Deborah Fein g old Edel Rodriguez Rodri g uez/DER
Deborah Fein g old
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Edel Rodriguez

Rodri g uez/DER SPIEGEL
Rodri g uez/DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 46/2016

Michael B. Rehder s
Michael B. Rehder s

Klaus Brinkbäumer

Radikal, provokant, kontrovers – die von dem preisgekrönten kubanisch-amerikanischen Künstler Edel Rodriguez gezeichneten SPIEGEL-Titelbilder sorgten weltweit für viel Gesprächsstoff. Rodriguez spricht im SPIEGEL-Haus über seine Einwanderung in die USA, seine Einflüsse und Arbeitsweisen und diskutiert mit SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über Trump, Demokratie und politische Protestkunst.

Freitag, 25. August 2017, 18.00 Uhr, SPIEGEL-Haus, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Veranstaltung in englischer Sprache. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung bis 23.8. unter info@spiegelgruppe-veranstaltungen.de ist erforderlich. Weitere Informationen unter www.spiegel-live.de. Einlass ab 17.00 Uhr. Änderungen vorbehalten.

ist erforderlich. Weitere Informationen unter www.spiegel-live.de. Einlass ab 17.00 Uhr. Änderungen vorbehalten.

ROMAN BABIRAD / BABIRADPICTURE - ABP

SVEN BECKER / DER SPIEGEL

Deutschland

Operation Ehrensold

Ruhestand Nach der Kreditaffäre um Christian Wulff wollte der Bundestag die Amtsausstattung ehemaliger Präsidenten deckeln – stattdessen steigen die Kosten weiter.

B evor der neue Nachbar einzog, ka- men die Handwerker. Neun Büros im ersten Stock des Bundestagsge-

bäudes in der Berliner Dorotheenstraße 93 richteten die Arbeiter her, insgesamt 197 Quadratmeter. Besondere Beachtung fand der Umbau des Kopierraums in Zim- mer 162: Warum bloß wurde dort eine neue Toilette installiert, so fragten sich vie- le Abgeordnete und deren Mitarbeiter, wo

doch nur eine Tür weiter ein Gemein- schaftsklo zur Verfügung steht? Der Flurfunk hatte schnell herausgefun- den, wer der Urheber dieser besonderen Modernisierungsmaßnahmen war: In die geräumige Büroflucht zogen im Frühjahr Joachim Gauck und seine Entourage ein, ausgerechnet der Mann, der sich in seiner Amtszeit gern als „Bürgerpräsident“ be- zeichnete und nicht selten betonte, dass er „von unten“ komme. Teure Umbauten, hoch dotierte Mitar- beiter und die Frage, welcher Job neben dem Ehrensold in Höhe von derzeit jähr- lich rund 250000 Euro erlaubt sein soll: Spä- testens seit Christian Wulff wegen der Af- färe um sein kreditfinanziertes Eigenheim in Großburgwedel zurücktreten musste, er- regt die Frage, was Bundespräsidenten a.D. die Steuerzahler kosten, die Republik. Erst kürzlich musste sich Wulff neue Vorwürfe

gefallen lassen, weil er trotz einträglicher Ruhebezüge nun als Anwalt mit Prokura für eine türkische Modefirma arbeitet. Politiker wie der damalige SPD-Frak- tionschef und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatten gleich nach Wulffs Rücktritt gefordert, die Regeln für die Altpräsidenten zu überarbeiten. Doch die Sache ging ganz anders aus, als es sich die Initiatoren und wohl auch viele Bürger vorgestellt hatten. Das zeigt sich nun ausgerechnet an dem Mann, der An- stand und Würde in das Präsidentenamt zurückbringen sollte – Joachim Gauck. Zwar beschloss der Haushaltsausschuss vor fünf Jahren erstmals eine Art Leitlinie, wie Bundespräsidenten nach ihrem Aus- scheiden aus dem Amt auszustatten sind. Die SPD wollte Personal- und Bürokosten von der geleisteten Amtszeit abhängig ma- chen und bei jährlich 300000 Euro deckeln. Doch Union und FDP setzten durch, dass Altkanzler und Altpräsidenten künftig gleich behandelt werden sollen, das heißt:

gleich üppig. Seitdem ist etwa festgelegt, dass frühere Staatsoberhäupter einen Büroleiter mit der Bezahlung B 6 einstellen dürfen, das sind immerhin fast 10000 Euro monatlich, eine Besoldungsstufe, die gewöhnlich altgedien- ten Spitzenbeamten zusteht. Dazu kommt

altgedien- ten Spitzenbeamten zusteht. Dazu kommt ein weiterer Mitarbeiter „der Wertigkeit B 3“, wie es

ein weiterer Mitarbeiter „der Wertigkeit B 3“, wie es in dem Beschluss heißt, auch das ein Monatsgehalt von rund 8000 Euro. Die Sache wurde im Ausschuss mit Dringlichkeit behandelt, immerhin war die Wulff-Debatte noch allen frisch im Ge- dächtnis. Der entscheidende Beschluss fiel in der sogenannten Bereinigungssitzung im November 2012; ein zehnstündiger Mammuttermin, bei dem alle noch offenen Fragen zum Haushalt des kommenden Jah- res geklärt werden sollten. Erwünschter Nebeneffekt: Wegen der gedrängten Agen- da und der späten Stunde fand die Opera- tion Ehrensold weitgehend unter Aus- schluss der Öffentlichkeit statt. Nun zeigen sich die Probleme der neuen Regelung bereits bei ihrem ersten Anwen- dungsfall, der Causa Gauck. Das einstige Staatsoberhaupt brachte ein eingespieltes Team mit in seine Bundestagsbüros, an sich kein ungewöhnlicher Vorgang. So steht nun Gaucks junger Büroleiter aus dem Präsidialamt dem Büro des Altbun- despräsidenten vor, nicht gerade der stres- sigste Job im politischen Berlin. Der Mann kümmert sich um Gaucks Termine, ent- wirft Reden und erledigt die Post. Doch obwohl die Bedeutung seiner neu- en Aufgabe kaum an die frühere Verwen- dung im Schloss Bellevue heranreicht, darf sich der Büroleiter über ein üppiges Ge- haltsplus freuen – er stieg vom Ministe- rialrat zum Ministerialdirigenten auf, also in die Besoldungsgruppe B 6. Der Mann verdient als Büroleiter des Altpräsidenten monatlich nun mindestens 1500 Euro mehr als zu Gaucks aktiver Zeit, ein eher frag- würdiger Fall von Beförderung. Ähnlich verhält es sich mit Gaucks stellvertreten- dem Büroleiter, ebenfalls ein junger Mann.

stellvertreten- dem Büroleiter, ebenfalls ein junger Mann. Altpräsident Gauck bei den Salzburger Festspielen,

Altpräsident Gauck bei den Salzburger Festspielen, Präsidententrakt im Bundestag: „Zugang nur für Berechtigte“

Während Wulff in seinen Büros im Bun- destagsgebäude Unter den Linden zwei Leute beschäftigt, sitzen in Gaucks Zim- merfluchten nun vier Mitarbeiter: neben den beiden Büroleitern eine weitere Refe- rentin sowie Gaucks Sekretärin – damit reizt der Präsident a.D. den Rahmen der Haushälter voll aus. Rechnet man Gaucks persönlichen Fah- rer hinzu, ergeben sich allein schon Perso- nalkosten von 385 000 Euro im Jahr – zusätzlich zum Ehrensold. Im Bundesprä- sidialamt, aus dessen Etat die Altpräsiden- ten alimentiert werden, runzeln viele Beamte die Stirn über die üppige Versor- gung ihrer ausgezogenen Kollegen. Zuletzt lag der Personalrat bereits mit Gaucks Nachfolger Steinmeier im Streit, weil dieser viele Mitarbeiter von außen mitgebracht und auf gut dotierte Posten befördert hatte. Auch die Tatsache, dass Gauck in den Räumen des Bundestags residiert, ist dem Beschluss der Haushälter von 2012 geschul- det. Um Mietkosten zu sparen, verfügten sie, dass Altbundespräsidenten Parlaments- büros beziehen sollen. Allerdings war auch diese Idee nicht ganz zu Ende gedacht, je- denfalls sind Büros, die für Abgeordnete taugen, nicht automatisch gut genug für Altpräsidenten. An beiden Eingängen zu Gaucks Flur wurden Glastüren mit milchiger Sichtblen- de installiert („Zugang nur für Berechtig- te“). Wer zu Gauck in Zimmer 112 vorge- lassen werden will, muss klingeln und an den Personenschützern vom Bundeskrimi- nalamt vorbei. Kenner der Parlamentsver- waltung zweifeln, ob die strengen Vorkeh- rungen nötig sind. Immerhin wird bereits der Eingang des ehemaligen Reichsinnen- ministeriums eine Etage tiefer überwacht. Sicherheitspersonal durchleuchtet die Be- sucher wie am Flughafen. „Offenbar gelten wir jetzt schon als Gefährder“, sagt ein Abgeordnetenmitarbeiter. Ganz falsch liegt er damit nicht. Auf An- frage erklärt das Bundespräsidialamt, der Einbau der Glastüren diene der „Vertrau- lichkeit und Abgrenzung, damit nicht jeder ungehindert den Bürobereich betreten kann“. Und das abschließbare Präsiden- tenklo werde aus „Sicherheitsgründen“ vorgehalten. Kostenpu