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Boston Medical Library,

K AUG 13

ENTA¥URF

zu EINER

PHYSIOLOGISCHEN ERKLÄRUNG

PSTCHISCHEN EESCHEIIÜIGEI

VON

D« SIGMUND EINER

O. Ö. PROFESSOR DER THYSIOLOGIE UND WIRKL. MITGLIED DER KAIS. XlvADEiMIE DER

WISSENSCHAFTEN ZU WIEN.

I. THETL.

Mit 63 Ahbi] düngen.

LEIPZIG UND WIEN.

F U A N Z

D E

1894.

IJ

T

I (J K E.

K. u. t. Hofbuchdi'uckerei Carl Fromme in Wi(

Vorwort.

Dem Bestreben, die Erscheinungen der Aussenwelt zu begreifen,

mögen sie der unorganischen Natur oder dem Leben der Pflanzen,

Thiere und Menschen angehören, dient in vorzüglicher Weise die

empirische Methode. Jede neugefundene Thatsache, und erschiene

sie von noch so untergeordneter Art^ bedeutet einen Fortschritt in unserer Erkenntniss.

Dieser Anschauung entspricht die Eichtung der modernen

Naturforschung.

Deshalb mag es auffallend erscheinen, dass der Verfasser des

vorliegenden Werkes, der sich als einen Vertreter dieser modernen

Richtung stets betrachtet hat, und wohl auch von den Fachgenossen als

solcher angesehen worden ist, mit einer Fülle von unbewiesenen,

hypothetischen Sätzen an die Oeifentlichkeit tritt.

Die Berechtigung hierzu und die Nützlichkeit eines solchen

Vorgehens findet er in dem Umstände, dass der Kreis der im Fol- genden der wissenschaftlichen Betrachtung unterworfenen Natur-

erscheinungen von vielen Grelehrten, ja von ganzen Grelehrtenschulen

als der empirischen Methode und der naturwissenschaftlichen For-

schungsweise gar nicht zugänglich erachtet wird, und dass anderer-

seits auch Jene, welche die Möglichkeit eines Erfolges zugeben, aus ganz divergirenden Richtungen und mit den verschiedensten

Mitteln versuchen, das dunkle Gebiet zu erschliessen. So vermag

jeder nur ein kleines Stückclien Weges vorwärts zu dringen, und von

A*

IV

Vorwort.

dem errungenen Standpunkte einen eng begrenzten Antlieil des Ge- sammtgebietes zu beleuchten und zu durchblicken.

Für das Gebiet der psychischen Erscheinungen war also in

überhaupt der natur-

wissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich oder derselben ewig

verschlossen sei. Hier genügt es, wenn diese Frage auch nur auf

Grund von Hypothesen bejaht werden kann, vorausgesetzt, dass diese

Hypothesen selbst sich der naturwissenschaftlichen Denkweise fügen,

und nicht etwa die psychischen Probleme selbst enthalten.

erster Linie

die Frage zu

erledigen, ob

es

Wenn ein psychisches Phänomen erklärt werden kann unter

Anerkennung der Hypothese, dass gewisse nervöse Verbindungen zwischen gegebenen Centralorganen bestehen, so erscheint das

Phänomen naturwissenschaftlicher Betrachtung zugänglich^ mag sich

die Hypothese später als richtig erweisen oder nicht.

In zweiter Linie galt es den Weg zu suchen, dessen Betretung

die Aussicht eröffnet, am Aveitesten im Verständnisse vorzudringen

von dem allgemein als fest

und sich dabei so wenig als möglich

begründet angesehenen Boden der Thatsachen zu entfernen.

Das Buch ist, wie der erste Blick lehren Avird, nicht für Laien

geschrieben. Die anatomischen Vorbemerkungen können von jedem Anatomen und Physiologen überschlagen werden; ich habe dieselben

in der Hoffnung geschrieben, dass auch mancher Psycholog von Fach

das Buch zur Hand nehmen wird. Auch das zweite Capitel enthält nichts neues, kann aber, abgesehen von gewissen, den speciellen

Zwecken des Buches dienenden Ausführungen als ein erster Entwurf

einer „allgemeinen Physiologie des Centralnervensystemes" betrachtet werden, und dürfte als solcher vielleicht manchen Physiologen inter- essiren. Auffallenderweise verfügen wir über eine Eeihe von vor-

trefflichen Zusammenstellungen der „allgemeinen Physiologie der peri-

pheren Nerven," aber noch niemand hat dieselbe Arbeit für die Nerven-

centren durchgeführt. Dem naturwissenschaftlicher Forschung Ferner-

stehenden, wird dieses Capitel eine Eeihe von Thatsachen mittheilen,

und ihn zugleich in die physiologische Anschauungsweise einführen.

Den psychischen Erscheinungen pflegt man heute noch ähnlich

gegenüber zu stehen, wie man vor einigen Jahrtausenden der Be-

Vorwort.

V

wegung der Sterne gegenüber gestanden ist; ehe zum erstenmale der

Gredanke ausgesprochen wurde: diese Bewegung könne auch eine scheinbare, durch die Bewegung der Erde bedingte sein. Aehnlich

war es, als sich der Lehrsatz allgemeine Geltung erkämpfen sollte,

dass die Farbe nicht eine der Oberfläche der Körper anhaftende Eigen-

schaft sei, sondern

dass

sie als

Farbe nur

im

sehenden Subjecte

existirt, ausserhalb desselben aber eine durch die Molecularstructur

der Körper alterirbare Wellenbewegung ist. Es erforderte eine geistige Durcharbeitung, ein sich Hineindenken in die neue Auffassung. In diesem Sinne, hoffe ich, wird dieses Capitel, sowie die sich an- schliessenden geeignet sein, einen Standpunkt zu schaffen, von dem

aus die psychischen Erscheinungen ihre Sonderstellung unter den

Xaturphänomenen verlieren.

Wien, Pfingstsonntag 1894.

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in 2010 with funding from

Open Knowledge Commons and Harvard Medical School

http://www.archive.org/details/entwurfzueinerphOOexne

Vorwort

Einleitung

Inhalt.

I. Capitel.

Anatomische Vorbemerkungen

Seite

III

1

5

1.

Das Kückenmark

 

6

2.

Der Hirnstamm

12

3.

Die Grosshirnrinde und ihre Verbindungen

26

 

IL Capitel.

Die physiologischen Grundphänomene

 

37

1.

Die Leitung der Erregung im Nerven

37

2.

Der centrale Umsatz

41

a)

Die Keflexbewegung

AA

 

a) Die Eeflexzeit

45

h) Die Suramation der Eeize

49

c) Der Reflex als Auslösungsprocess

51

d)

Theorie der Leitung in der grauen Substanz

53

e) Die grauen Kerne

 

60

 

ß) Die Mitempfindungen

66

3.

Die centrale Hemmung und Bahnung

69

a)

Hemmung motorischer Impulse

69

ß) Hemmung sensorischer Impulse

71

y) Die Bahnung

76

4.

Wechselwirkung der Erregungen in der grauen Substanz

82

a) Die tetanische Reflexaction

93

ß) Vereinigung des Schemas für den Sprung mit dem der tetanischen Reflex-

 

action

99

 

y) Successive Bcwegungscombinationen

-,

102

VIII

Inhalt.

III. Capitel.

Die willkürlichen Bewegungen

1.

Combinationen der willkürlichen Bewegungen

a)

Geniischt-Avillkürliche Bewegungen

^) Die rein-willkürlichen Bewegungen

2.

Der zeitliche Verlauf der willkürlichen Bewegungen

Die Aufmerksamkeit

IV. Capitel.

Seite

141

142

142

146

155

168

Die Empfindungen

V. Capitel.

1. Vorbemerkungen 2. Primäre und secundäre Empfindungen

.

.

.

a) Die örtlich secundären Empfindungen

§) Die zeitlich secundären Empfindungen

y) Die zeitlich und örtlich secundären Empfindungen

3. Die Gefühle

.

.

.

4.

Lust- und ünlustgefühle

Die Bewegungscombinationen und secundären Empfindungen in ihrer Beziehung zur Vererbung

172

172

179

181

185

190

202

205

216

Die Wahrnehmungen

VI. Capitel.

1.

Die Erregungen im Organe des Bewusstseins

2.

Die primären Wahrnehmungen

3.

Die secundären Wahrnehmungen

a) Die Localeindrücke

^) Das Princip des Wiedererkennens

y) Die Localzeichen

224

225

233

235

235

239

243

VII. Capitel.

Die Vorstellungen

1. Das Bewusstsein

2.

3.

4.

5.

268

274

Die Vorstellungen in ihren Beziehungen zu den willkürlichen Bewegungen . 280

Die Vorstellungen in ihren Beziehungen zu Empfindungen und Wahrnehmungen 285

292

Beziehungen der Vorstellungen zu einander

Das Wachrufen der Vorstellungen durch Worte und der Effect des Nach-

305

einander von Empfindungen überhaupt

VIII. Capitel.

Die Erscheinungen der Intelligenz

1. Die Denkformen

a) Begriff", Urtheil, Schluss

§) Das Nachdenken und der Entschluss

2. Die Instinctgefühle und das Denken

a) Die Instincte

/?; Die Instinctgefühle zum Schutze des Individuums

y) Die Instinctgefühle zum Vortheile der directen Nachkommenschaft

8) Die Instinctgefühle zum Schutze der Societät

3. Das causale Denken und der freie Wille

.

.

.

315

315

315

323

332

333

337

342

346

362

EINLEITUNG.

Das naclistehende Werk stellt sich die Aufgabe, die Erklär- barkeit der psychischen Erscheinungen zu erweisen. Es soll das dadurch geschehen, dass gezeigt wird, wie sich die psychischen Phänomene auf G-rund unserer physiologischen Kenntnisse thatsäch-

lich erklären lassen; ob die Erklärung immer die richtige ist, wird allerdings zweifelhaft bleiben. Man hat zur Erklärung der Vorgänge

des Pflanzenlebens so lange eine Lebenskraft angenommen, als man

an der Erklärbarkeit in anderer Weise verzweifelte. Jetzt hat sich

die üeberzeugung von der Erklärbarkeit dieser Lebensvorgänge auf Grund von chemischen und physikalischen Vorgängen Bahn gebrochen,

obwohl man durchaus noch nicht im Stande ist, alle einschlägigen Erscheinungen in dieser Weise wirklich zu erklären. Die LTeberzeugung beruht auf den erfolgreichen Bestrebungen von Erklärungsversuchen

dieser Art, welche in so vielen Einzelfällen die Annahme der Lebens- kraft überflüssig erscheinen Hess, dass man mit Eecht an ihre voll-

kommene Ueberflüssigkeit glaubt. Ganz ebenso geschah es in Bezug

auf die Lebensvorgänge im thierischen Körper. Nur eine Gruppe der-

selben bewahrte sich eine Ausnahmsstellung, die sogenannten seelischen Erscheinungen; für sie blieb eine Art Lebenskraft als Annahme der

meisten Naturforscher bestehen unter dem Namen Seele. Die Annahme einer derartigen Kraft ist imme]- gleichbedeutend

mit dem Verzicht auf die weitere Erklärung der Erscheinungen. Selbst wenn wir ein physikalisches Phänomen, wie wir zu sagen pflegen,

vollständig erklärt haben, indem wir es auf die gegenseitige An-

ziehungskraft zweier Massen zurückzuführen vermochten, so bleiben

wir in dem Begreifen bei dei- Anziehungski-aft stehen. Wir begnügen

uns vorläufig mit der Anziehungskraft als Eiklärungsgrund, sind uns

aber allerdings bewusst, dass wir Demjenigen sehr dankbar sein

werden, der uns etwa jene molecularen Bewegungen in der Umgebung

E X n c r ü., KrklUninj imyciliisclicr Krscliciiiim^'cu.

1

2

Einleitung.

einer Masse nachweisen wird, deren Effect die Annäherung derselben

an eine benachbarte Masse ist. Vorläufig aber verfolgt unsere Er-

klärung die Erscheinung nur bis zu jener Kraft. Es ist deshalb im

Gange der menschlichen Erkenntniss durchaus begründet und begreif- lich, dass man eine Lebenskraft annahm, ebenso dass man jene Kräfte

annahm, als deren Träger die Seele gilt, es liegt aber andererseits

ebenso im Gange aller menschlichen Erkenntniss, dass diese Kräfte

der fortschreitenden Erforschung der Natur allmählich w^eicheu

müssen. Derartige Erwägungen bestimmten mich, schon vor fast fünfund-

zwanzig Jahren der Erklärbarkeit der psychischen Vorgänge im

genannten Sinne nachzugehen und diese bis auf den heutigen Tag

stets im Auge zu behalten. Der grösste Theil der von mir veröffent-

lichten wissenschaftlichen Untersuchungen, deren innerer Zusammen-

hang freilich nicht erkenntlich ist, entsprang den Fragen, die bei der Verfolgung meiner Bestrebungen auftauchten; und immer deutlicher sah

ich im Laufe der beiden letzten Decennien, dass der Versuch einer

Erklärung der psychischen Erscheinungen sich mehr und mehr zu

meiner Lebensaufgabe gestalte. Einzelne der folgenden Capitel sind

vor zehn und mehr Jahren in ihrer ersten Form niedergeschrieben,

und das mag als Entschuldigung dienen, wenn sie heute noch Spuren

ihres Alters zeigen.

Es sind in dieser Zeit vielfach Richtungen in der Physiologie

des Gehirns und in der Psychologie zu Tage getreten, die Aehnlich.

keit haben mit der von mir eingeschlagenen, es sind Erklärungen

psychischer Erscheinungen gegeben worden, die mit meinen über-

einstimmen, und die ich sofort acceptiren konnte: der eigentlichen

Schwierigkeit der Aufgabe aber, alle psychischen Erscheinungen

widerspruchslos zu erklären, hat sich meines Wissens Niemand

unterzogen. Es ist eine ganz andere Sache, eine einzelne Erscheinung

oder eine Gruppe derselben auf Grund von physiologisch-anatomischen

Thatsachen zu erklären, eine andere, das Gesammtgebiet in den Kreis der Erklärung zu fassen. Im ersten Falle können Annahmen und Voraus-

setzungen gemacht werden, um deren Einklang mit ganz anderen,

oft weit entlegenen psychischen Erscheinungen man sich nicht

kümmert und nicht zu kümmern braucht, im zweiten Falle muss

jede Voraussetzung mit dem Ganzen im Einklänge stehen.

Unter einer Erklärung der psychischen Erscheinungen verstehe ich eine Zurückführung derselben auf uns anderweitig bekannte

physiologische Vorgänge im Centralnervensystem. Die Erklärbarkeit aber glaube ich dann dargethan zu haben, wenn ich die psychischen

Einleitung.

3

Erscheinungen auf solche phj-siologische Vorgänge zurückgeführt

habe,

Bekanntem in Widerspruch zu gerathen, angenommen w^erden kann.

Wir verfaliren ja in allen exacten Wissenschaften beim Aufsuchen

von Erklärungen in dieser Weise. Es geht aus letzterem hervor,

dass die nachstehenden Capitel vielfach Hj'pothetisches enthalten, doch glaube ich mich nicht zu täuschen, wenn ich vermuthe, dass die

Mehrzahl der Leser weniger davon finden w'erden, als sie nach der gestellten Aufgabe erwarten werden. Und dies, obwohl wir nicht

viel mehr wissen, als dass es Nervenfasern und Nervencentren gibt, die beide entweder im Euhezustand oder in einem Erregungszustand

von verschiedenem Grade sein können. Unsere Kenntnisse erstrecken

sich auf die umstände, unter denen einer dieser Zustände in den

anderen übergeht, und auf die äusserlich nachweisbaren Effecte

deren Bestand zwar

nicht nachgewiesen, aber ohne mit

derselben.

Ich betrachtete es

also

als

meine Aufgabe,

die

wichtigsten psychischen Erscheinungen auf die Abstu-

fungen von Erregungszuständen der Nerven und Nerren- centren, demnach alles, was uns im Bewusstsein als Mannig-

faltigkeit erscheint, auf quantitative Verhältnisse und auf

die Verschiedenheit der centralen Verbindungen von sonst

wesentlich gleichartigen Nerven und Centren zurückzu-

führen.

I. CAPITEL.

Anatomische Vorbemerkungen.

Fast jede Lebeusäusserung-, die wir an einem raensclüiclien

oder thierischen Organismus beobachten, beruht auf einer Muskel-

action. Alles, was wir von unserem Nebenmenschen, sei es durch

sein Benehmen in verschiedenen Lebenslagen, sei es durch das, was

w., erfahren

er spricht, durch die Aeusserung von Affecten u.

s.

können, geht durch das Medium activer Bewegung. Die Muskeln

aber sind in all diesen Fällen in ihrer Action vollkommen abhängig

von den zu ihnen verlaufenden motorischen Nerven und der Er-

regungszustand dieser ist wieder bedingt durch den Zustand der

Nervencentren, aus denen sie entspringen. Der Ursprung einer motorischen Nervenfaser ist stets eine

Ganglienzelle. Ob diese selbst als das nächste Centralorgan der

Faser zu betrachten ist, oder ob als solches anderweitige Anhänge

der Zelle oder der Faser aufzufassen sind, das wissen wir heute noch nicht bestimmt. Welche Form aber immer das Centralorgan

andere nervöse

habe,

es

liegt in seinem Begriffe,

dass

es

durch

Organe beeinflusst werden kann. Sein Zustand, soferne er Er-

regung oder Ruhe betrifft, und somit auch der von ihm abhängige Erregungszustand der peripheren Nervenfaser und der zugehörigen

Muskelfasei-n ist nun im Allgemeinen von

dem Zustande einer

sehr grossen Anzahl anderer, im Centralnervensystem gelegener,

nervöser Leitungsbahnen und Centralorgane bedingt. Dieselben lassen

sich in drei Gruppen theilen, die physiologisch und anatomisch, wenn

auch nicht durch ganz scharfe Grenzen, unterschieden sind. Man kann

demnach sagen, dass die Lebensäusserungen des thierischen Orga-

nismus in dreierlei Weise regulirt werden. Diese Regulirung bewirkt im Allgemeinen, dass die Lebensäusserungen im Sinne der Erhaltung

des Individuums, der Nachkommenschaft und der Genossenschaft

zweckmässige sind.

6

I. Anatomische Vorbemerliuiigen.

Die drei Arten der Regulirung sind:

1. Die Regulirnng durch sensorische Eindrücke, welche un

mittelbar die Bewegung entweder hervorrufen oder beeinflussen;

sie ist theilweise vom Willen vollkommen unabhängig, theilweise

durch denselben beeinflussbar (Reflexbewegungen). Diese Regulirung

findet statt im Rückenmarke und in jenen Theilen des Gehirnstammes^

welche dem Rückenmarke analog sind.

2. Die Regulirnng durch angeborene Verbindungen zahlreicher

Centralorgane; sie bewirkt, dass ganze Muskelgruppen coordinirte Contractionen oder in bestimmter Zeitfolge aneinandergereihte Actionen

ausführen. Auch diese Bewegungscombinationen und -Successionen

sind sensorisch beeinflusst. Der Ort, an welchem diese Regulationen

stattfinden, ist das Gebiet der Stammganglien und des Kleinhirns

reicht aber, wenigstens bei vielen Thieren, bis ins Rückenmark hinab,

3. Die Regulirnng durch sensorische Eindrücke, welche nicht unmittelbar, sondern lange vor der auszuführenden Bewegung ein- gewirkt haben. Sie bilden den im Gedächtniss angehäuften Schatz,

der Erfahrungen, nachdem sie in die Form von Vorstellungen, Begriffen

und Urtheilen gebracht worden sind. Auch diese Regulirnng wird

sensorisch beeinflusst, nicht nur durch unmittelbare Sinneseindrücke,, sondern auch durch die Instinctgefühle verschiedener Art. Der Orty

an dem diese Regulirungen stattfinden, ist die Hirnrinde.

Es sollen nun die genannten Theile des Centralnervensystemes kurz anatomisch beschrieben werden.

1. Das Rückenmark,

Das Rückenmark bildet einen, oben mit dem Gehirn zusammen-

hängenden Strang, der den grössten Theil des Wirbele anales ausfüllt^

und der seiner Lage wegen von den ältesten Forschern für Knochenmark

gehalten wurde. Es ist nicht im ganzen Verlaufe von gleicher Dicke,

sondern zeigt zwei Anschwellungen. Die obere derselben (Cervical- anschwellung) entspricht jenen Theilen, aus denen die mächtigen Nerven der oberen Extremität ihren Ursprung nehmen, die untere (Lumbalanschwellung) dem Ursprungsgebiete der Nerven für die untere

Extremität. Das Ende des Rückenmarkes ist konisch.

Beiderseits von der Medianebene sieht man in zwei Längsfurchen

zahlreiche Nervenbündeln austreten, und zwar an der vorderen und an der hinteren Fläche des Rückenmarkes. Sie bilden die Wurzeln

der Rückenmarknerven (s. Fig. 1). Sowohl die hinteren als auch die

vorderen sammeln sich in Stämme, die zusammentreten und die

Rückenmarksnerven bilden ; die vorderen Wurzeln enthalten die centri-

1. Das Eückenniark.

fugal leitenden motorischen Nerven, die hinteren die centripetal

leitenden sensorischen (abgesehen

noch nicht ganz aufgeklärten, von

deren Reizung merkwürdigerweise eine Erweiterung der Gefässe in

dem betreifenden Körpergebiete her-

vorruft). Diese letzteren sind noch

dadurch ausgezeichnet, dass sie, ehe

sie mit den motorischen Fasern

verschmelzen, in ein Ganglion (das

Spinalganglion) übergehen, und zwar

scheint jede Nervenfaser mit einer

Ganglienzelle in Verbindung zu

treten. Schneidet man das Rücken-

mark quer durch,

so

sieht

man,

dass es

aus zwei verschieden ge-

färbten Massen zusammengesetzt

Im Inneren liegt

graue Substanz", welche die Form

zweier Schmetterlingsflügel hat, die durch eine schmale, die Median-

ebene übersetzende Brücke mitein-

ist

(s.

Fig.

2).

ander verbunden sind.

Aussen

von gewissen ihrer Natur nach S. Stricker entdeckten Fasern,

davon liegt „weisse Substanz". Das Flächenverhältniss dieser beiden,

sowie die Gestalt der grauen und

der

weissen Fläche ist in verschiedenen

Abschnitten des Rückenmarkes ein

ziemlich ungleiches.

Die „graue Substanz" ist hier, wie überall im Centralnervensystem

in geringerem Grade

auch

eigentliche

centrale

Masse,

sie

Fig. 1. Cervicalanschwellung des Kiicken-

markes von der dorsalen Seite. Nat. Grösse.

Ausser der Cervicalanschwellung (Je) ist

noch der sich anschliessende Theil des

Dorsalmarkes (Md) sichtbar; rechts sind

alle hinteren Wurzeln entfernt, links die

hintere 6. und 7. Cervicalwurzel (E^pc 6,

Epc 7)

und die 3. Dorsalwurzel (Ejpd S)

bis zu den Spinalganglien (Osjy) erhalten.

Fslx^ Fissura longitudinalis post., Spd Sul-

cus paraniedianus dorsalis. Shl Sulcus

besteht, abgesehen von Blutge-

fässen und Stützgevvebe (Neuroglia)

aus einem dichten Filz meistens recht dünner markhaltiger und

markloser Nervenfasern, sowie deren ICndverzweigungen und Ganglien-

zellen. Die weisse Substanz des Centralnervensystemes, speciell auch

des Rückenmarkes besteht aus vorwiegend dicken, in parallelen

Bündeln angeordneten markhaltigen Nervenfasein; sie bilden die

lateralis dorsalis, Fnp Funiculus posterior,

Fnl Funiculus lateralis, Fng Funiculus

gracilis, Fnc Funiculus cuneatus (nach

Obersteiner).

I. Anatomische Vorberaerkun<ren

Leitungsbahnen, welche verschiedene, weiter voneinander entfernte Abschnitte des Centralnervensystemes miteinander verknüpfen. Selbst-

verständlich enthält auch sie Stützgewebe und Blutgefässe.

Die in der grauen Substanz vorkommenden Ganglienzellen zeigen sich an Querschnitten grossentheils in Gruppen angeordnet. Die

grössten Zellen liegen im vordersten Theile der grauen Substanz, also in den beiden sj-mmetrischen „Vorderhöruern" (Fig. 3 zeigt eine

solche Zelle isolirt). Sie haben zahl- reiche Fortsätze, von denen sich

einer durch sein Aussehen und Ver-

halten auszeichnet. Es ist der Axen-

cylinderfortsatz" im Gegensatze zu

er

wird, indem er sich mit einer Mark-

scheide umgibt, zu einer weissen

Faser und pflegt in die motorische

Wurzel zu treten. Er verlässt, an-

den

„Protoplasmafortsätzeu";

'-^%[ Cm

gereiht an

andere

ebenso ent-

springende

Fasern,

die

graue

Substanz, durchsetzt in horizontalem oder schrägem Verlauf die weisse

Substanz und verlässt als Wiirzel-

faser das Rückenmark. Auch an der hinteren Fläche des Rückenmarkes

der

findet sich beiderseits

von

Medianlinie eine Längsfurche, in welcher die zu Bündeln angeordneten

Fasern der hinteren Wurzeln das

Rückenmark verlassen. Sie nehmen

ihren Ursprung nicht, wie die Fasern

der vorderen Wurzeln, aus Ganglien-

_^

-^ß

J'naj \\

Fsla

des

dritten Cervicalnerven. Cg Conimissura

grisea, Ap Apex, Ca Commissura albfi,

Cc Centralcanal, Cm Commissura meduUae

spinahs, Cr« Vorderhorn, C'rp Hinterhorn,

Fna Vorderstrang, FnB Burdach'scher

Strang,i^?2(? G o 1 l'scher Strang, i^nZSeiten-

strang,-FÄZaFissuralongitudinalis anterior,

Fslp Fissura longitudinalis

Fig.

2.

Querschnitt in der Höhe

posterior.

Je Eespirationsbündel von Krause, Pr Pro-

cessus reticularis,

Ba ßadix

anterior,

Rp Eadix posterior, Sg Substantia gelati-

nosaEolandi, Sld Sulcus lateralis dorsalis,

Sind Septum medianum dorsale, Spd

Septum paramedianum dorsale, 7'«7Tractus

intermedio-lateralis (nach Ob er st ein er).

zellen der grauen Substanz.

Eine andere Gruppe von Gan-

glienzellen findet sich in gewissen

Abschnitten des Rückenmarkes am Uebergang des Hinterhornes in

die Commissur. Es sind das die „Clarke'schen Zellen". Ferner kommen

kleine und verschieden gestaltete Ganglienzellen im Hinterhorn vor.

Diese am Querschnitte in Gruppen erscheinenden Zellen bilden

natürlich in ihrer Gesammtheit Stränge oder Säulen, welche theils

durch das ganze Rückenmark ziehen, theils nur in kürzeren Strecken

auftreten.

1. Das Rückenmark.

9

Die weisse Substanz des Eückeumarkes führt ihre Leitungs- bahnen zu sehr verschiedenen Zielen. Dieser Verschiedenheit ent-

sprechend, sind sie auch local getrennt, wenn diese Trennung auch

keine sehr scharfe ist. Ehe man die verschiedenen Bündel weisser

Substanz functionell zu unterscheiden verstand, hat man nur die drei

durch graue Substanz, Oberfläche des Eückenmarkes und die aus-

tretenden vorderen und hinteren Wurzelbündel begrenzten Ab-

theilungen unterschieden, und dieselben Vorder-, Seiten- und Hinter- strang benannt. Diese Eintheilung hat sich iu der Nomenclatur

erhalten, doch sind noch weitere Untertheilungen nothwendig geworden,

und zwar auch da, wo anato- mische Abgrenzungen nicht

vorhanden sind.

Fig. 4 zeigt schema-

tisch die Eintheilung der weissen Substanz am Quer-

schnitt. Es ist zu dem der

Zeichnung beigegebenen

Text noch

zu

bemerken,

dass

man in

der weissen

Substanz desEückenmarkes

zwischen langen und kurzen

Bahnen unterscheidet. Er-

.stere reichen bis an das verlängerte Mark oder noch

weiter hinauf; letztere ver-

binden nur verschiedene

Antheile der grauen Sub-

stanz des Rückenmarkes

miteinander.

Wohl bekannte lauge Bahnen sind der Pyramidenvorderstrang

und der P3Tamidenseitenstrang (in der Fig. 4 schraffirt). Beide reichen bis in die Hirnrinde. Der massigere Pyramidenseitenstrang

tritt am oberen Ende des Bückenmarkes über die Mittellinie auf die

andere Seite, indem er daselbst die sogenannte Pyramidenkreuzung bildet. Der Pyramidenvorderstrang wird von Fasern gebildet, welche

die Pyramidenkreuzung nicht mitmachen. Doch sind sie im Rücken-

i Pigraenthäufchen. Vergr. 150 (nach Obersteiner)-

marke des Menschen, a Axencylinderfortsatz, bei

Fig. 3. Eine Yorderhornzelle

aus dem Eücken-

marke successive aut die andere Seite getreten,

indem sie in der

vorderen Commissur die Mittellinie passirten. Beide Bahnen führen

Fasern, welche zu den motorischen Ganglienzellen der Vorderhörner

in fimctionelle Beziehung treten.

10

I. Anatomische Vorbenierkuncren.

Fig.

Eine weitere lange Bahn ist der Kleiüliirnseiteustrang (K S der

der Namen bezeichnet, und das

4),

dessen oberes Ende

Growers'sche Bündel {G der Fig. 4), welches wahrscheinlich mit

sensorischen Wurzelfasern in functionelle Verbindung tritt und deren

Erregungen zum Grosshirn leitet.

Endlich liegen im Hinter- strange lange Bahnen, und zwar

zu einem geschlossenen Bündel vereinigt als Goll'scher Strang

{GS der Fig. 4) und mit anderen

Fasern untermischt im Hinter-

der

stranggrundbündel

{H G

Fig.

4),

auch Burdach 'scher

oder Keilstrang genannt. Diese

Bahnen nehmen nach oben hin