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Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Institut für Politikwissenschaften


Dozent : Professor Dr. G. W. Wittkämper
Tutor : Marco Bünte
Semester : WS 1996/97
Datum : 14. März 1997

Die Vertragstheorie von Thomas Hobbes


unter besonderer Berücksichtigung der allgemeinen Relevanz
der staatsphilosophischen Vertragslehre

David Tepaße
Ulrichstraße 18
48147 Münster
0251/203406
oder 02871/30056
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Hobbes’ Naturzustand

3.1. Die Hobbes’sche Ethik

4. Hobbes’ Staatsvertrag

4.1. Der Hobbes’sche Radikalismus

4.2. Die Hobbes’schen Thesen

5. Die Symbolfunktion des Vertrages

6. Die Rolle des Vertragsschlusses in der Grundstruktur des Staates

1. Einleitung
Spätestens seit dem 16. Jahrhundert spielt die Vorstellung vom
staatsbegründenden Vertrag eine wesentliche Rolle. Mit dem
Aufkommen des Zeitalters der Aufklärung wird sie zur herrschenden
Lehre. Sie geht schließlich, so kann man wenigstens für das 18.
Jahrhundert behaupten, in das allgemeine politische Bewußtsein ein.
Sie ist „wesentlich mitbestimmend für die Staatsauffassung der
gebildeten Schichten in Europa und also auch für ihre praktische
Einstellung zum Staat“1. Heutzutage wird die staatsphilosophische
Vertragslehre, trotz ihrer großen geschichtlichen Bedeutung, nur noch
sehr selten ernst genommen. Mit dieser Arbeit möchte ich die
wirkliche Relevanz dieser Theorien (insbesondere der Hobbes’schen
Theorie) genauer ausarbeiten. Ich werde mich bei meinen
Ausführungen großenteils auf die von Richard Schottky verfaßten
Untersuchungen über die Geschichte der staatsphilosophischen
Vertragslehre im 17. Und 18. Jahrhundert stützen.

2. Biographie

Thomas Hobbes wurde im Jahre 1588 als Sohn eines armen


Landvikars in Westport geboren. Bereits mit 14 Jahren erhält er,
aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung, die Möglichkeit zum
Studium an der Universität in Oxford. Dort erwirbt er 1607 das
Baccalaureaut und die Lehrbefugnis für Logik. Hobbes wird Tutor
und Hofmeister in der einflußreichen Familie des Barons Cavendish
of Hardwick. Aufgrund dieser Stellung hat er die Möglichkeit zu
mehreren Reisen nach Frankreich und Italien. Diese Reisen führen ihn
mit den wichtigsten Begründern des neuzeitlichen Weltbildes
zusammen. Ihn verbindet eine besonders enge Freundschaft mit
Galileo Galilei. Im Jahre 1640 veröffentlicht er den ersten Entwurf

1
Schottky, Richard : Untersuchungen zur der staatsphilosophischen
Vertragstheorie im 17. Und 18. Jahrhundert. Amsterdam-Atlanta, Rodopi B. V.
1995, Seite 1.
seiner Staatsphilosophie. In diesem Entwurf unterstützt er den
absoluten Anspruch der Krone. Er flieht nach Paris, nachdem sich die
republikanischen Unruhen festigen. In Paris überarbeitet er seine
Version der Staatsphilosophie deren endgültige und auch bekannteste
Fassung den Titel Der Leviathan trägt. Nun sieht sich Hobbes der
Verfolgung durch die Royalisten ausgesetzt, und flieht zurück nach
London. Dort genießt er die Unterstützung seines früheren Schülers
König Karl II. Stuart. Hobbes wird erneut heftig attackiert,
zunehmend aus kirchlichen Kreisen, wo man ihn des Atheismus
bezichtigt. Als 1666 in London Pest und Brand ausbrechen, sucht der
Klerus in Hobbes den Schuldigen. Sein 1668 fertiggestelltes Werk
„Behemoth2“, eine kritische Geschichte des Englischen Bürgerkriegs,
kann infolgedessen nicht erscheinen. Im gleichen Jahr erscheint eine
Gesamtausgabe seiner philosophischen Schriften in Amsterdam. 1672
erscheint das maßgebliche Naturrechtskompendium der Neuzeit,
welches durchgehend von Hobbes beeinflußt ist. Im Jahre 1679 stirbt
er in Hardwick/Derbyshire. Vier Jahre später werden Hobbes
politische Schriften von der Universität Oxford verurteilt und
verbrannt. Er wird im wesentlichen von zwei Grunderlebnissen mit
völlig unterschiedlichem Charakter geprägt. Zum einen ist dort der
Bürgerkrieg in England und der 30 jährige Krieg auf dem Kontinent,
und zum andern ist dort Hobbes’ Begegnung mit den aufstrebenden
Naturwissenschaften.

3. Hobbes’ Naturzustand

Die Rechtfertigung für seinen Staatsvertrag bezieht Hobbes aus dem


vorherrschenden Naturzustand. Unter Naturzustand versteht er die
2
erst 1889 wurde vom deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies eine vollständige
Fassung publiziert
Urform des menschlichen Zusammenlebens. Und genau diese Urform
leitet er ab aus den ihm bekannten Verhältnissen. (Wie schon in der
Biographie erörtert herrschte seinerzeit der Bürgerkrieg in England
und der 30 jährige Krieg auf dem Kontinent.) Es herrscht
grundsätzlich ein totaler Krieg aller gegen alle, in dem jedem alles
erlaubt ist. Jeder hat hier ein Recht auf alles : das Naturrecht. 3 Es
existiert zwar ein Katalog „natürlicher Gesetze“, deren Grundsatz
lautet „füge einem anderem nicht zu, was du nicht willst, daß man dir
zufüge“.4 Jedoch kommt diesen Gesetzen keine eigentliche praktische
Gültigkeit zu, denn der Mensch ist so beherrscht von Leidenschaften
und Mißtrauen gegenüber dem anderen, daß man von ihm nicht
erwarten kann, daß er sich an die natürlichen Gesetze halten wird. Die
einzig logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist, daß „man sich
seiner im voraus zu bemächtigen sucht, um seiner Unschädlichkeit
gewiß sein zu können“.5 Das Paradoxe, daß man nicht handeln soll,
wie man eigentlich handeln sollte, weil der andere wahrscheinlich
nicht handeln wird, wie er sollte wird verständlich bei der Reflexion
auf den radikal und konsequent egoistischen Grundcharakter der
Hobbes’schen Ethik. Der einzige wahre Grund den Frieden zu
suchen ist der, daß dieser die einzig sichere Gewähr für die Erhaltung
des eigenen Lebens bietet. Allerdings ist die Einhaltung dieser
sozialethischen Gesetze nur dort sinnvoll, wo auch die andern sie
erfüllen. Ein gerecht handelnder unter lauter Egoisten wäre ja eine Art
Selbstmörder. Ethisches Handeln setzt aber ein gewisses Vertrauen in
die anderen voraus und genau dieses Vertrauen ist, laut Hobbes, nicht
vorhanden. Richard Schottky drückt dieses treffend aus, indem er sagt
das Hobbes den Menschen durchschnittlich für so bösartig und asozial
hält, daß Vertrauen Dummheit wäre.6 Die logische Konsequenz
dessen besteht darin, daß man jemanden braucht, der auf die Erfüllung
des Friedens baut, denn Verträge sind im Naturzustand bloße Worte
ohne Kraft7.
3
vgl. Hobbes, Thomas : Leviathan. Neuwied-Berlin, Hermann Luchterhand Verlag
1966, Seite 110 ff.
4
Zit. Hobbes : Leviathan, Seite 120 f.
5
Zit. Schottky : Untersuchungen zur staatsphilosophischen Vertragstheorie, Seite
21
6
Zit. Schottky : Untersuchungen zur staatsphilosophischen Vertragstheorie, Seite
22 f.
7
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 131
4. Hobbes’ Staatsvertrag

Hobbes’ Staatsvertrag hat eine gewaltige Aufgabe zu lösen. Das


absolute Chaos, der Krieg aller gegen alle, soll verwandelt werden in
einen funktionierenden Kosmos des staatlichen Zusammenlebens. Er
erreicht dies, indem er konventionell eine absolut empirische Quelle
geltenden Rechts setzt, die ihre Normen zugleich gegen jeden
Widerstand in der Realität durchsetzen kann. Dieses Recht bildet erst
den Boden für ein friedliches gesellschaftliches Leben, für
Zusammenarbeit, für die Kultur und für die Gültigkeit ethischer
Begriffe. Es ist bei Hobbes ganz wesentliche Voraussetzung, daß
jeder Mensch von Natur her, frei sei und rechtsgleich mit allen
anderen; daß es keinen vernünftigen Grund dafür gebe, daß irgendein
Mensch von vornherein, vor irgendwelchen Rechtshandlungen einem
anderen Gehorsam schuldet bzw. einer vorgegebenen Autorität
unterworfen sein sollte.8 Die Folge dieser unbedingten souveränen
Herrschaft des einzelnen bedeutet, daß legitime Befehlsgewalt, wie sie
Hobbes bedingungslos fordert, nur daher rühren kann, daß sich die
Menschen ihr selbst unterstellt haben. Sie übertragen hiermit einen
Teil ihres absoluten Selbstbestimmungsrechts auf eine andere
Instanz.9 Die Ursprüngliche Freiheit des Einzelnen ist Grundlage aller
Vertragstheorie. Die staatliche Autorität beruht auf der Zustimmung
der Untergebenen. Insofern ist Hobbes’ Staatstheorie extrem
individualistisch. Nur durch freiwillige Unterwerfung kann legitime
Autorität für den Menschen entstehen.10 „Hierin liegt das Wesen des
Staates, der, um eine Definition zu geben, eine Person ist, bei der sich
jeder einzelne einer großen Menge durch gegenseitigen Vertrag eines
jeden mit jedem zum Autor ihrer Handlungen gemacht hat, zu dem
Zweck, daß die Stärke und Hilfsmittel aller so, wie sie es für

8
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 203 ff.
9
Zit. Hobbes : Leviathan, Seite 134
10
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 136 ff.
zweckmäßig hält, für den Frieden und die gemeinsame Verteidigung
einsetzt. Wer diese Person verkörpert, wird Souverän genannt, und
besitzt, wie man sagt, höchste Gewalt, und jeder andere daneben ist
sein Untertan.“11 Diese Gewalt kann auf zwei Wegen erlangt werden.
Beim ersten Weg spricht Hobbes vom „Staat durch Einsetzung“ oder
auch vom „politischen Staat“ und beim zweiten Weg spricht er vom
„Staat durch Aneignung“.12 Er spricht bei dem Staat durch Einsetzung
von einer vertraglichen Übereinkunft zwischen einer Menge von
Menschen, die ihre Selbstbestimmungsrechte, zum Zwecke eines
friedlichen Zusammenlebens und zum Schutz vor anderen Menschen,
an einen Souverän abtritt.13 Erklärungsgrund des faktischen
Gehorsams ist der Vertrag an sich, denn zur Vertragserfüllung
motiviert derselbe Grund, der schon zum Vertragsabschluß veranlaßte
- das nackte Überleben. Diese Art der Staatsgründung ist also nichts
anderes als ein nüchterner Rechtshandel zwischen Geschäftsleuten, sie
hat nicht mit menschlichen Sympathiegefühlen, noch mit höheren
Ideen oder Idealen etwas zu tun. Es handelt sich, ganz ausschließlich,
um die Herstellung einer Willensbildung zwischen Individuen, der
wie ein Mechanismus funktioniert, und für jeden etwas abwirft.
Hobbes’ Staat durch Aneignung beruht auf der natürlichen Kraft. Der
Bürger gehorcht, wenn nicht aus anderen Gründen, dann aus Furcht
vor Bestrafung. Die Macht des Staates, insbesondere sein
Gewaltpotential, begründet Hobbes aber eben durch den oben
erläuterten „politischen Staat“. Wenn ich als einzelner Bürger einen
staatsfeindlichen Akt begehe, so kann ich mir sicher sein, daß dem
Herrscher zu meiner Bestrafung ein großer Teil der anderen Bürger
zur Verfügung stehen wird, mindestens diejenigen, denen nichts an
mir und meinem Interesse gelegen ist. Gerade mein Egoismus, meine
Furcht vor dem Gehorsam der andern - und deren Furcht vor meinem
Gehorsam, hindert mich am Vertragsbruch. Nur sobald ich dem
Herrscher gehorche, kann ich mit Sicherheit in Frieden leben. Der
Herrscher hat die sowohl die Legislative, als auch die Richterliche, als
auch die Strafgewalt in sich vereint. Er ist nicht an Gesetze gebunden,

11
Zit. Hobbes : Leviathan, Seite 134 f.
12
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 135
13
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 136 ff.
seine Befehle können per Definition nie Unrecht gegenüber dem
Untertan sein. Laut Vertragsinhalt werden ja all seine Handlungen als
die ihren anerkannt. Nur die Stellung eines totalen Repräsentanten mit
unbegrenzter Vollmacht nennt Hobbes’ Souveränität. Daraus läßt sich
der Hobbes’sche Radikalismus ableiten : besteht in einem Staat
keine volle Souveränität, so ist letzten Endes jeder sein eigener
Richter, also hat sich gegenüber dem Naturzustand nichts
wesentliches geändert.14 „Wer soll sich außerdem auf den Schutz
eines Staates verlassen, wenn dessen Autorität und damit auch dessen
Macht rechtlich vom Rechtsurteil bzw. vom Belieben der Untertanen
abhängt? Wenn der Staat nicht mehr schützen kann, hat er aber nach
Hobbes keinen wahren Gehorsamsanspruch, denn nur um der
Sicherheit willen ist er ja da,- also hat nie ein Staat bestanden.“ 15 Ein
Staat ohne volle Souveränität ist nicht vom Naturzustand zu
unterscheiden, also kein Staat. Es muß also einen absoluten Souverän
geben. Diese Souveränität ist das eigentliche Wesen der Staatlichkeit.
Ein ganz besonders wichtiges Moment an diesem Vertrag ist, daß er
nicht zwischen Untertan und Herrscher geschlossen wird - wie in
anderen Herrschaftsverträgen notwendig - sondern ganz
ausschließlich zwischen den Untertanen und nur zugunsten des
Herrschers. Aufgrund dieser Einseitigkeit des Vertrages entfällt jede
Möglichkeit, den Herrscher seinen Untertanen gegenüber
verantwortlich zu machen. Des Herrschers Wille allein ist hier der
volonté général. Der Herrscher ist der Staat. Hobbes’ Rechtfertigung
für diesen Radikalismus greift wieder auf den von ihm als grauenhaft
beschriebenen Naturzustand zurück. Allgemeiner ideologischer Krieg
um das wahre Recht ist schlimmer, als ein paar autokratische
Übergriffe hier und da.16 „Hobbes liebt den Frieden mehr als die
Wahrheit.“17 Er hält das „Recht an sich“ für absolut ungeeignet als
letzte Ordnungsinstanz menschlichen Zusammenlebens, laut seiner
Auffassung ist es zu Subjektiv. Es kann Meinung gegen Meinung
stehen, in diesem Zustand ist für jeden sein eigener Standpunkt
14
vgl. Hobbes : Leviathan, Seite 155 ff.
15
Zit. Schottky : Untersuchungen zur staatsphilosophischen Vertragstheorie, Seite
25
16
vgl. Thomas Hobbes : Leviathan, Seite 155ff.
17
Zit. Bernhard Willms : Die Antwort des Leviathan, Seite 22
„Recht“. Also muß das Recht gleichgesetzt werden mit dem Befehl
des Souverän, der ja laut Hobbes die göttliche Instanz widerspiegelt.
Es kommt nun darauf an, einen Zustand zu schaffen, in dem das Recht
immer über unüberbietbare Macht verfügt. Also wird das Recht mit
einer Zwangsmacht ausgerüstet - der schon oben beschriebenen
Furcht. Eigentlich ist das Recht die verbindliche Ordnungsnorm des
Gemeinschaftslebens, es wird aber inhaltlich zu fast beliebiger Norm,
deren Wert nur darauf liegt, daß sie eindeutig, einheitlich und
empirisch sicher feststellbar ist und wegen ihrer Verbindung mit der
Macht von allen befolgt wird. Von hier aus läßt sich nun am ehesten
Verstehen, warum die Existenz wahrer Souveränität für ihn das
Wesen aller Staatlichkeit ausmacht. Die oben beschriebene absolute
und empirische Rechtsquelle ist ja gerade das, was Hobbes Souverän
nennt. Nur durch eine solche Repräsentation, in der die Reservatrechte
des einzelnen ausdrücklich abgelehnt werden, kann nach Hobbes eine
wahre Einheit zwischen vielen zustande kommen. Zur Verdeutlichung
seines Wechselverhältnisses zwischen Macht und Recht möchte ich
nun die bisher mißachteten Hobbes’schen Thesen18 anführen. Die
erste These besagt, daß der Bürger doch ein gewisses
Widerstandsrecht behält. Das mag nun Anhand der oben
beschriebenen Aufgabe der eigenen Souveränität wie ein Widerspruch
klingen, ist aber keiner. Es ist eher eine Einschränkung. Hobbes
bezeichnet es als unveräußerliche Reservatrechte.19 Diese besagen im
wesentlichen, daß der Mensch nichts tun braucht, was unmittelbar
seinen Tod nach sich zöge. Auf dieses Recht kann definitiv nicht
verzichtet werden, denn der eigentliche Grund des Gehorsams ist nun
mal die Sicherheit des Gehorchenden. Und diese ist nicht mehr
gewährleistet, sobald die Tat seinen Tod nach sich zieht. Er wird
tatsächlich nicht so handeln, denn laut Hobbes wird die unmittelbare
Todesfurcht immer stärker sein als jeder andere Antrieb. Der einzige
Sinn der Naturgesetze besteht nun einmal darin, durch ihre Erfüllung
die Selbsterhaltung des Einzelnen möglichst effektvoll zu fördern.
„Wo das Gegenteil die Folge der Gebotserfüllung wäre, gelten die
Gebote nicht, es sind eben nur Zweckmäßigkeitsregeln, im Hinblick
18
vgl. Thomas Hobbes : Leviathan, Seite 203ff.
19
vgl. Thomas Hobbes : Leviathan, Seite 203ff.
auf die Selbsterhaltung als das höchste Gut und absolute theologische
Prinzip in Hobbes’ praktischer Philosophie.“20 Dieses
Widerstandsrecht ist allerdings politisch unbedeutend, denn man darf
gegen die Tötung eines anderen, - das ergibt sich aus seiner Definition
- sei sie auch ungerecht, keinen Widerstand leisten, falls es sich nicht
um einen nahen Verwandten handelt. Politischer Widerstand größerer
Gruppen ist also durchaus verboten, und der Herrscher wird immer
genug Macht haben, den Widerstand des Betroffenen zu brechen. Die
zweite These besagt, daß die Verpflichtung des Untertan dem
Souverän gegenüber nicht länger dauert, als dessen Macht, den
Untertan zu schützen. Die Begründung dieser These lauft parallel zu
der eben skizzierten für das Widerstandsrecht : nur um des Schutzes
willen kann man sich ja unterwerfen. Die beiden eben skizzierten
„Freiheiten“ des Untertan weisen aber auch auf die schwache Seite
der Hobbes’schen Staatsmaschine hin : sie kann auf keinerlei
Aufopferung der Staatsmitglieder für das Ganze rechnen. Die dritte
Hobbes’sche These besagt, daß auch erzwungene Verträge gültig sind.
Es gibt also eine zweite legitime Möglichkeit der Staatsgründung : ein
starker Mann kann sich durch kriegerische Überwindung vieler
Einzelner und Gruppen einen souveränen Staat schaffen. Daß das
privatrechtliche Sklavenverhältnis hier ganz ausdrücklich und
unbefangen identisch gesetzt wird mit der Beziehung zwischen Bürger
und Souverän, wirft übrigens noch einmal ein bezeichnendes Licht
auf den politischen Charakter des Staates, er kann kaum - trotz
Tönnies21 - als Rechtsstaat oder verfassungsmäßige Monarchie
bezeichnet werden. Diese zweite Art der Staatsgründung hat aber nur
dann rechtlichen Bestand, wenn dieser starke Mann auch wirklich so
handelt, daß das Endziel - der Frieden - erreicht ist. Mit näherer
Betrachtung der ersten These könnte man zu der Auffassung kommen,
daß der Mensch immer das für seine Selbsterhaltung zweckmäßigste
tut. Dann wäre alles Reden von Recht und Pflicht und
Vertragsbindung total überflüssig. Entweder der Staatskern ist so
stark, daß ich Schutz von ihm erwarten kann, - dann gehorche ich auf
Zit. Richard Schottky : Untersuchungen zur staatsphilosophischen
20

Vertragstheorie, Seite 36
21
Ferdinand Tönnis : Thomas Hobbes (2. Auflage 1922), Seite 180f.
jeden Fall - oder er ist es nicht - dann gehorche ich auf keinen Fall. In
diesem Fall wird alles bestimmt durch eine Automatik von Macht und
Furcht. Dem ist aber eben nicht so, denn der Mensch handelt laut
Hobbes faktisch nicht so, wie es seiner Selbsterhaltung am besten
dienen würde. Die nahe, unter Umständen nicht so große Gefahr wird
mehr gefürchtet als die weiter entfernte aber unter Umständen
Schlimmere. Aus diesem Grunde wird Hobbes’ Staatsvertrag
notwendig.

5. Die Symbolfunktion des Vertrages

Laut Hobbes hat der Vertrag an sich eine Symbolfunktion. Der


Gehorsam gegenüber dem Staat entspringt nicht nur aus Furcht vor
der Strafe, sondern der Verständige weiß sich schon abgesehen von
dieser Furcht zu ihm verpflichtet. Aus selbständiger Entscheidung
leistet er ihn, motiviert wird er hierbei durch selbständiges
Zweckmäßigkeitsdenken. Genau das ist das Element von
Selbstbindung, von freier Anerkennung der Autorität, in Hobbes’
Theorie. Ein Vertragsschluß an sich ist nicht notwendig. Wenn der
Staat - wie schon oben erläutert - als Machtinstanz da ist, die Schutz
und Strafe garantieren kann, dann ist die Pflicht zum Gehorsam eh
gegeben. Wohl aber hat das schon immer bestehende Verhältnis der
Einzelnen zum Staat etwas vom Charakter eines bestehenden
Vertragsverhälnisses oder von der Situation eines immer neuen
Vertragsschlusses an sich.

6. Die Rolle des Vertragsschusses in der Grundstruktur des


Staates