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Coverfoto Ulrike Kirsch

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Rolf Kirsch

Die Instanz

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1. Verhandlungstag

Instanz: "Angeklagter Bredenberg, Sie wurden


vorgeladen, weil es - ich will es mal so sagen -
ein günstiger Zeitpunkt ist, um sich mit Ihnen zu
beschäftigen. Ich eröffne also das Verfahren. Es
ist bei uns der Brauch, Sie zu fragen, ob Sie diese
Instanz anerkennen."

Bredenberg: "Ob ich diese Instanz anerkenne?


Ich hatte keine Ahnung, dass ich diese Instanz
auch ablehnen kann. Mit anderen Worten, dass
ich ablehnen kann, sich mit mir zu befassen, gün-
stiger Zeitpunkt hin oder her."

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Instanz: "Es handelt sich um eine formale Frage.
Selbstverständlich können Sie die Instanz ableh-
nen. Sie gibt es aber dennoch. Sie als Einwohner
des christlich geprägten Abendlandes sind rund-
herum von dieser Instanz umgeben. Sie tragen sie
sogar in sich, auch wenn Sie es nicht wahrhaben
wollen. Sie werden seit Ihrer Geburt von anderen
Menschen nach Instanzmaßstäben gewertet und
beurteilt. Ihnen sind diese Instanzmaßstäbe täg-
lich und in immer anderen Zusammenhängen be-
kannt gemacht worden. Sie können gar keine an-
deren Maßstäbe mehr denken als unsere Instanz-
maßstäbe.
Also, Bredenberg, machen Sie keine Schwierig-
keiten. Wir würden das Verfahren gerne eröff-
nen."

Bredenberg: "Was ist, wenn ich ablehne?"

Instanz: "Wir raten Ihnen nicht dazu. Es ist auch


in Ihrem Interesse, wenn wir uns nach mehr als
sechzig Jahren mal ganz intensiv mit Ihnen befas-
sen. Vielleicht ist ja nicht alles schlecht, was
zutage kommt. Gut, ein Risiko ist dabei. Oder
scheuen Sie das Risiko, Bredenberg?"
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Bredenberg: "Nun, im Alter wird man vorsich-
tiger."

Instanz: "Hört man immer wieder. Aber wir be-


fassen uns selten mit jungen Angeklagten. Wissen
Sie, dieser Personenkreis liefert noch zu wenig
Material. In der Jugend- und Erwachsenenzeit
werden unbedacht jene Missstände produziert, die
bei älteren Angeklagten endlich zu Instanzange-
legenheiten werden. Also, was ist, Bredenberg?"

Bredenberg: "Ich möchte noch einige Tage über-


legen."

Instanz: "Gut, Bredenberg, das Verfahren wird


einstweilen nicht eröffnet, noch nicht. Sie erhal-
ten in einigen Tagen Nachricht von uns. Sie kön-
nen gehen, Bredenberg."

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2. Verhandlungstag

Instanz: "Freut uns, Bredenberg, dass Sie unserer


Einladung gefolgt sind."

Bredenberg: "Einladung? Es klang wie eine Auf-


forderung."

Instanz: "Wir haben uns in Ihrem Inneren so sehr


festgesetzt, dass Sie jede kleine Bitte von uns als
Aufforderung verstehen müssen. Sie können einer
Bitte von uns nicht widerstehen. So kommt es,
dass Sie eine Bitte von uns als Aufforderung auf-
fassen. Schließlich sind wir Ihre persönliche In-
stanz, Ihr Gewissen sozusagen."

Bredenberg: "Verstehe, verstehe. Aber wie haben


Sie das gemacht, dass ich Ihren Bitten nicht wi-
derstehen kann?"

Instanz: "Wir haben früh damit angefangen.


Wenn Sie als kleiner Mensch Ihrer ... sagen wir
Ihrer Mutter einen kleinen Gefallen verweigert
haben, war Ihre Mutter beleidigt undsoweiter
undsoweiter. Jedenfalls hat sie ihr Verhalten ge-
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genüber Ihnen, Bredenberg, so verändert, dass Sie
Ihr Bredenberg-Verhalten überprüfen mussten.
Denn schließlich waren Sie von Ihrer Mutter ab-
hängig. Ohne sie wären Sie verhungert, Breden-
berg. Das haben Sie nicht vergessen. Hier begann
Ihre Instanz, Bredenberg. Die Bitte Ihrer Mutter
wurde zur Aufforderung. Ihre Mutter - übrigens
nicht nur sie - hat dafür gesorgt, dass es eine In-
stanz für Sie gibt."

Bredenberg: "Heute bin ich alt. Heute hätte ich


die Wahl, eine Instanz abzulehnen."

Instanz: "Machen Sie sich keine Illusionen, Bre-


denberg. Sie können uns vertagen, aber nicht
vollends ablehnen. Neben Ihren Erfahrungen aus
frühester Kindheit haben wir ja zusätzlich theo-
retische Arbeit geliefert, zum Beispiel Kinder-
gottesdienste, Poesie-Album-Verse undsoweiter
undsoweiter.
Wir haben mit allen Mitteln gearbeitet, damit
auch Sie eine Instanz haben, die Ihnen sagt, was
aus unserer Sicht erlaubt ist oder nicht."

Bredenberg: "Was ist, wenn Ihre Sicht einer


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Überprüfung bedarf?"

Instanz: "So weit wollen wir nicht gehen. Die Sit-


zung wird vertagt. Sie werden erneut geladen,
Bredenberg."

3. Verhandlungstag

Instanz: "Die Sitzung ist eröffnet."

Bredenberg: "Ich schließe hiermit die Sitzung."

Instanz: "Diese Renitenz, Bredenberg, kennen


wir schon. Wir wissen auch, woher dieser Wider-
standsgeist kommt. Sie denken und denken und
denken. Das ist weiter nicht schlimm. Sie denken
allerdings immer, was wäre, wenn alles anders
wäre. Sie akzeptieren nicht die Wirklichkeit, wie
sie ist. Immer wollen Sie es anders haben."

Bredenberg: "Sie kennen mich gut."


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Instanz: "Kein Wunder, wir beschäftigen uns seit
der Geburt mit Ihnen, Bredenberg, übrigens nicht
immer zu unserer Freude. Die Sitzung ist wieder
eröffnet."

Bredenberg: "Hiermit schließe ich die Sitzung.


Zunächst muss geklärt werden, nach welchen
Maßstäben hier geurteilt werden soll."

Instanz: "Wir dachten, dass die Maßstäbe klar


sind. Sie sind Mitglied des christlichen Abend-
landes. Wir haben durch Erziehung und durch
theoretische Untermauerung in allen Ihren Le-
bensphasen Maßstäbe gesetzt. Das sind unsere
Maßstäbe. Unsere gemeinsamen Maßstäbe. Wir
eröffnen die Sitzung erneut."

Bredenberg: "Ich schließe die Sitzung für heute.


Ich bin aber bereit, mich in der nächsten Sitzung
versuchsweise - das heißt unter Vorbehalt - auf
die Ihnen bekannten Maßstäbe einzulassen. Unter
Vorbehalt."

Instanz: "Wir sind Ihr Gewissen, Bredenberg,


hören Sie doch, Ihr Gewissen, Ihre Instanz. Freu-
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en Sie sich, dass Sie eine Instanz haben. Sie
sollten sich freuen."

Bredenberg: "Ich hatte die Sitzung geschlossen."

Instanz: "Sie hören von uns."

4. Verhandlungstag

Instanz: "Schön, Sie wiederzusehen, Breden-


berg."

Bredenberg: "Nun, ich denke, wir können uns


jetzt öfter begegnen, nachdem Augenhöhe be-
steht."

Instanz: "Wie bitte?"

Bredenberg: "Sie haben während der letzten Sit-


zung erfahren müssen, dass ich in der Lage bin,
eine Sitzung zu beenden."
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Instanz: "Bredenberg, wir sind Ihre Instanz. Wir
bestimmen, wann wir uns melden und wir be-
stimmen die Maßstäbe Ihrer Beurteilung."

Bredenberg: "Ersparen Sie mir erneute Tests. Wir


wollen weiterkommen. Wenden wir uns den
Maßstäben zu, nach denen Sie mich verurteilen
wollen."

Instanz: "Nicht so voreilig, Bredenberg. Nicht die


Maßstäbe sind es, über die wir zu Gericht sitzen,
sondern Sie sind es, Bredenberg, über den die
Verhandlung eröffnet wurde."

Bredenberg: "Wenn Sie so weitermachen, bin ich


gehalten, die Sitzung vorerst wieder zu schlie-
ßen."

Instanz: "Wir sehen, Bredenberg, dass Sie ein


Querkopf sind. Unter gewissen Umständen wol-
len wir Ihnen gerecht werden. Sie sollen ja zum
Schluss der Verhandlung das über Sie verhängte
Urteil nachvollziehen können. Also werden wir
uns zunächst mit den von Ihnen in Frage ge-
stellten Maßstäben befassen. Allerdings denken
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wir, dass Sie auf Zeit spielen wollen."

Bredenberg: "Mir geht es eher darum, dass Sie


begreifen, dass Ihre Maßstäbe, die Maßstäbe Ih-
res christlichen Abendlandes nichts weiter sein
könnten als Einbildungen. Wenn Sie zu dieser
Einsicht Zeit brauchen, ist sie gut genutzt."

Instanz: "Treiben Sie es nicht zu weit, Breden-


berg. Die Sitzung ist unterbrochen. Sie dürfen
nun gehen."

5. Verhandlungstag

Bredenberg: "Hiermit eröffne ich die Sitzung."

Instanz: "Bredenberg, bitte, das ist unsere


Aufgabe."

Bredenberg: "Ich dachte, dass Sie begriffen ha-


ben, dass Sie eine abgeleitete Größe sind, sozu-
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sagen eine Funktion von mir."

Instanz: "Wir verstehen nicht."

Bredenberg: "Einfach gesagt: wenn es mich nicht


gäbe, gäbe es keine Instanz. Oder noch einfacher:
Kein Bredenberg - kein Bredenberg-Gewissen."

Instanz: "Nun wissen wir, was Sie meinen. Diese


Bemerkung gibt uns die Gelegenheit zu einer
kleinen Belehrung. Lieber Bredenberg, wenn es
Sie nicht gäbe, gäbe es doch die anderen Men-
schen, für die eine Instanz Grundlage und Rich-
tung wäre. Da Sie sich aber den anderen Men-
schen angeschlossen haben oder den anderen
Menschen angeschlossen wurden, gibt es auch für
Sie eine Instanz."

Bredenberg: "Aber ..."

Instanz: "Allenfalls wäre richtig, wenn es gar


keine Menschen gäbe, dass auf eine Instanz ver-
zichtet werden müsste."

Bredenberg: "Heißt das, dass ...?"


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Instanz: "Das heißt, dass Sie im Verbund mit der
Menschheit an sich stehen, dass diese von dieser
Menschheit bewirkte Instanz - weil es sich aus
ihrem Zusammenleben und aus ihrem derzeitigen
Wissen um die Dinge so ergibt - auch eine In-
stanz ist, die sich ebenfalls in Ihrem Gehirn nie-
dergelassen hat. Mit anderen Worten: Das, was
alle Menschen im großen Ganzen für richtig oder
falsch halten, ist der derzeitige Maßstab auch für
Sie, ob Sie nun wollen oder nicht."

Bredenberg: "Also sind Sie doch eine abgeleitete


Größe, eine von der Menschheit abgeleitete Grö-
ße, die sich in mein Gehirn gefressen hat."

Instanz: "Das ist etwas drastisch formuliert. Seien


Sie doch froh, dass Sie nicht allein sind. Wir ma-
chen in der nächsten Woche weiter. Die Sitzung
ist geschlossen."

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6. Verhandlungstag

Bredenberg: "Da bin ich wieder."

Instanz: "Schön, dass wir Sie nicht mehr rufen


müssen und Sie ein Interesse an uns gefunden
haben."

Bredenberg: "Nun, da Sie sich mittlerweile als


abgeleitete Funktion verstehen, also als etwas,
was es nur gibt, weil es uns Menschen gibt, macht
dieses meinen Umgang mit Ihnen leichter.
Schließlich traten Sie zu Beginn der Verhandlung
so auf, als hätten Sie uns erfunden. Dabei ist es
genau umgekehrt."

Instanz: "Jubilieren Sie nicht voreilig, Breden-


berg. Unsere Abhängigkeit von der Existenz der
Menschheit ist uns voll bewusst. Diese Einsicht
ändert jedoch nichts daran, dass wir zwar eine ab-
geleitete Funktion der Menschheit sind, Ihnen
persönlich als Individuum aber unabhängig
gegenüberstehen.

Das, was die Menschheit als Moral und Ethik ent-


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wickelt und zur Überwachung uns als Instanz
übergeben hat, hat für Sie Bedeutung."

Bredenberg: "Welche?"

Instanz: "Da Sie mit anderen Menschen auskom-


men wollen, haben die erfundenen Regeln auch
Bedeutung für Sie. Die Instanz in Ihrem Gehirn,
die wir haben entstehen lassen, ist eine abgelei-
tete Funktion aller Instanzen in den anderen Ge-
hirnen, ist eine abgeleitete Funktion des durch die
Menschheit gebildeten Regelwerks. Damit Sie
das tun und lassen, was sie tun und lassen sollen,
bevor Sie es tun oder lassen, haben wir uns in
Ihrem Gehirn eingenistet, als Vorsichtsmaßnahme
sozusagen."

Bredenberg: "Es hat nicht immer funktioniert."

Instanz: "Das haben wir auch festgestellt. Und


genau deswegen gibt es diesen Prozess."

Bredenberg: "Was nützt es, wenn man sich nach-


träglich mit Verstößen gegen das Regelwerk be-
fasst? Der Verstoß ist geschehen und nicht mehr
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rückgängig zu machen."

Instanz: "Die nachträgliche Befassung macht Ih-


ren Umgang mit Ihrer Instanz etwas sensibler, für
die Zukunft."

Bredenberg: "Ich komme wieder."

7. Verhandlungstag

Instanz: "Nun, Bredenberg, wir setzen die Ver-


handlung fort, wenn Sie gestatten."

Bredenberg: "...mit der gemeinsam gefundenen


Grundlage, dass der Maßstab relativ ist, bezogen
auf die gesamte Menschheit, aber dennoch zur
Beurteilung des einzelnen Individuums tauglich
ist ..."

Instanz: "So ist es, Bredenberg."

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Bredenberg: "...und sofern beachtet wird, dass
der Maßstab auch hinsichtlich der Zeit und des
Ortes relativ ist."

Instanz: "Sie geben wohl nie auf, Bredenberg?"

Bredenberg: "Nun, ich halte es für bedeutsam,


festzustellen, dass der Maßstab zur Beurteilung
von Gut und Böse in der Antike oder im Mittel-
alter ein anderer war ..."

Instanz: "Gewiss, Bredenberg, aber ..."

Bredenberg: "... und der Maßstab in Indien oder


in Japan ebenfalls nicht der mitteleuropäische
Maßstab ist ..."

Instanz: "Zweifellos, Bredenberg, aber ..."

Bredenberg: "... und die Verknüpfung beider


Ausgangspunkte, nämlich Zeit und Ort, einen
Maßstab erzeugt, der mit unserem überhaupt
nicht mehr zu vergleichen ist. Nehmen wir zum
Beispiel die Azteken ..."

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Instanz: "Bredenberg, Bredenberg, hören Sie auf.
Wir befinden uns in Europa im 21. Jahrhundert.
Die derzeitige Auffassung von Gut und Böse ist
der Maßstab, an welchem Ihr Verhalten gemessen
werden wird. Können wir das Verfahren nun fort-
setzen?"

Bredenberg: "Wir können das Verfahren fortset-


zen, wenn es der Instanz deutlich geworden ist,
auf welch schwankendem Boden sie sich befin-
det."

Instanz: "Zu allen Zeiten war die Lüge eine Lüge


und die Wahrheit die Wahrheit. Der Boden ist
nicht so schwankend, wie Sie ihn darzustellen
versuchen, Bredenberg."

Bredenberg: "Ich will nur, dass das Folgende


deutlich wird: So wie mein Verhalten Gegenstand
eines Verfahrens ist, in welchem ein nur relativ
richtiger Maßstab angelegt wird, so kann dieser
Maßstab gerade wegen seiner Relativität in einem
anderen Verfahren selbst Gegenstand einer Ver-
handlung werden."

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Instanz: "Wir vertagen uns, bevor die Frage nach
dem Maßstab für diese Verhandlung in Ihrem
Gehirn Platz greift."

Bredenberg: "Schon geschehen ..."

Instanz: "Oh Gott ..."

Bredenberg: "Darauf sollten wir auch noch zu


sprechen kommen."

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