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Pornografie und Macht

Vortrag von Prof. Dr. Jakob Pastötter


anlässlich der Jugendmedienschutztagung
der NLM am 14.04.2010 in Hannover

Guten Tag.

Pornografie und kulturelles Verständnis unter besonderer Berücksichtigung


des Machtaspekts – das ist ein sehr sperriger Titel. Im Wesentlichen soll
damit ausgesagt werden, dass Pornografie im weiteren Sinn tatsächlich ein
kulturelles Produkt ist, ein kulturelles Produkt unserer westlichen post-
industriellen Gesellschaft nämlich; und dass es natürlich in erster Linie um
Sexualität geht, dass es aber in einer zweiten Linie immer auch um Macht
geht, um verschiedene Aspekte von Macht. Und wir wissen, dass diese Macht,
die vor allem von den Medien insgesamt und damit eben auch von der
Pornografie als einem Aspekt von Medium mit ausgeht, bereits sehr früh
anfängt. Wir hoffen mal, dass es nicht so früh anfängt; für die Amerikaner ist
es ja ein stehender Witz, dass eines der Herrschaftszeichen des modernen
Mannes tatsächlich die Fernbedienung ist, und man bereits sehr früh erkennt,
ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt: daran, ob die
Fernbedienung in der Hand ist.

Um welche Macht geht es denn bei der Macht der Pornografie? Zunächst
einmal können wir davon ausgehen, dass das Medium Pornografie eine
multidimensionale Macht ausübt, und zwar eine Definitionsmacht über zwei
Bereiche: Das ist einmal eine Definitionsmacht über Sexualität und dann zum
anderen eine Definitionsmacht über die Geschlechterbeziehungen.

Der zweite Machtaspekt ist derjenige der Masse. Das klingt zwar ein bisschen
vulgärdemokratisch, aber wird leider sowohl bei Erwachsenen als auch bei
Jugendlichen so wahrgenommen: Wer die Mehrheit hat, hat recht.
Demokratie ist Gott sei Dank ein bisschen komplizierter als das, aber die
Vorstellung ist: Masse ist gleich recht haben.

Als dritten Machtaspekt zu erwähnen gilt es ferner den: Macht durch


Information. Das Interessante bei diesem Aspekt ist: Die Macht durch
Information heißt nicht unbedingt, dass diese Information auch durch
effektives Wissen unterfüttert zu sein hat, sondern es reicht bereits, die
Informationskanäle zu besetzen.
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Und schließlich als vierten Bereich: die Macht durch Einfluss. Wir haben das
gerade in der Diskussion gemerkt, der ist in der Tat am schwersten
wissenschaftlich zu benennen. Aber es gibt doch ein paar Hinweise, dass
zumindest ein Teilbereich dessen, was unser Leben ausmacht, auch von den
Medien mit beeinflusst wird.

Was ist jetzt das Ergebnis, wenn wir mit so viel Macht konfrontiert werden bei
der Pornografie? Wenn man jetzt kulturpessimistisch wäre, dann müsste man
titeln: Diese Gesellschaft zerfällt in eine Ansammlung masturbierender
Monaden. Das scheint Gott sei Dank nicht der Fall zu sein. Aber ein bisschen
aufpassen schadet unter Umständen vielleicht doch nicht. Wir sehen hier sehr
schön, die "gelungene" Sozialisation durch Pornografie wäre im übertriebenen
Maße also die, dass bereits das Kind im Mutterleib mit der Fernbedienung
ausgestattet ist und sich dann zum Erwachsenen weiterentwickelt, der im
Fernsehsessel sitzt und an einer vaginaartigen Fernbedienung den Pornokanal
weiterhin bedient. Also, das ist ein Horrorbild; ich hoffe, diese Erfahrung
werden wir nicht machen.

Beginnen wir mit der multidimensionalen Macht der Pornografie, die im


Wesentlichen eine Definitionsmacht ist. Es ist eine Macht über die Sexualität.
Und weshalb kann Pornografie überhaupt eine Macht ausüben? Denn erst
einmal muss man sagen, Pornografie ist ja eine ziemliche Krücke. Wir wissen
alle, das, was Pornografie von der realen Sexualität unterscheidet, ist, dass
es eine sehr eingeschränkte Sexualität ist, nämlich nur zweidimensional.
Pornografie kann nur wahrgenommen werden über die Augen, über die
Ohren. Das, was für uns Menschen aber Sexualität so reizvoll macht, ist, dass
sie ja alle Sinne anspricht, und nicht nur alle unsere Sinne anspricht, sondern
auch unsere gesamte Persönlichkeit. Nur, wir lernen tatsächlich sehr wenig
darüber. Wir leben – wie übrigens fast alle Kulturen der Menschheits-
geschichte – in einer Kultur, die sexuelles Wissen nicht über das Zuschauen
vermittelt. Fast alle anderen Lebensbereiche lernt der Mensch in erster Linie
[dadurch], dass er jemandem zuschaut, wie der das macht. Bei der
Sexualität ist das aber nicht der Fall.

Dann fällt auf, wenn Pornografie schon eine üble Krücke ist für Sexualität,
dann ist es Sexualaufklärung in einem gewissen Sinn noch viel mehr, weil die
Sexualaufklärung sogar noch auf die Bilder verzichten muss. Und das ist
wieder genau der Grund, was Pornografie so unglaublich attraktiv für Kinder
und Jugendliche macht: Da muss ich nicht zuhören, da muss ich nicht lesen,
da muss ich nicht abstrahierend über Worte mir ein Bild machen, sondern da
sehe ich vermeintlich, wie es wirklich ist. Und das ist mit dem letzten Zitat
gemeint, Sie kennen das alle: Bilder sind stärker als Worte. Das ist ein
medialer Kalauer schon fast, aber er stimmt natürlich. Für uns Menschen ist
ein Bild immer interessanter, spannender, aussagekräftiger als ein Text oder
eine vorgetragene Rede. Und daran krankt dann natürlich auch die
Sexualaufklärung, die muss immer viele Dinge unausgesprochen bzw. auch
ungezeigt lassen. Die Pornografie braucht sich um derlei Hindernisse
überhaupt nicht zu kümmern.

Die Macht der Pornografie erstreckt sich aber nicht nur auf die Sexualität, sie
erstreckt sich auch auf die Geschlechterbeziehungen. Frau Professor Grimm
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hat das so schön den Gegensatz zwischen "Schlampe" und "coolem Checker"
genannt. Das ist keine Erfindung jetzt unserer Pornografiediskurse, das
wissen wir seit etwa zwanzig Jahren: Unserer Gesellschaft gehen zunehmend
die Väter aus. Und mit "Vater" ist nicht der biologische Vater gemeint,
sondern sind väterliche Vorbilder gemeint. Praktisch nur noch die Medien
erfüllen die Aufgabe, Jungs zu zeigen, wie man sich – vor allem auch
gegenüber Frauen – in der Umwelt verhält. Und so bizarr das erscheinen mag
auf den ersten Blick: Auch die Pornografie mit ihren wenigen Skripts zeigt ein
sehr klares, sehr einfach strukturiertes, und damit für Kinder und Jugendliche
(und leider auch für einige Erwachsene) sehr attraktives Männerbild. Der
Mann ist nämlich derjenige, der immer die Kontrolle hat, der weiß, wo es
langgeht, der den Frauen sagt, wie sie sich zu benehmen haben. Ich kann
hier natürlich jetzt nicht näher auf dieses große Thema "vaterlose Gesell-
schaft" eingehen, aber wir sollten das im Hinterkopf behalten: Pornografie
wäre gleich viel weniger machtvoll für unsere Vorstellungen von Welt, wenn
wir mehr männliche Vorbilder in der Gesellschaft hätten.

Gerade auch die Sexualaufklärung argumentiert dann gerne: Ja, aber in der
Sexualität ist doch alles erlaubt – wenn es nur verhandelt wird! Dafür gibt es
den Begriff Verhandlungsmoral. Für die Verhandlungsmoral brauche ich aber
zwei Dinge: Ich muss gelernt haben zu verhandeln, und ich brauche
tatsächlich Moral. Und Moral heißt in dem Fall nicht wie auch immer geartete
christliche Wertvorstellungen, sondern es heißt: Vorstellungen, wie wir
Menschen uns verhalten. Die Pornografie aber wiederum leistet gerade das
nicht, ist aber attraktiv, weil sie Mann und Frau – daher ja auch diese
biologistische Reduktion – auf das reduziert, was Männer und Frauen am
sichtbarsten voneinander unterscheidet.

Bisher habe ich von Macht als etwas relativ Unproblematischem gesprochen,
wir müssen aber davon ausgehen, dass Macht immer natürlich auch
problematische Aspekte hat. Und die sind im Bereich der Pornografie... -
machen Sie sich mal die Mühe, schauen Sie sich mal die Clips wirklich an,
und zwar nicht nur einmal. Beim ersten Mal da rauschen die so an einem
vorbei. Aber schauen Sie sich mal einen Clip einmal an, zweimal, dreimal,
viermal, fünfmal – so lange, bis er Ihnen zu den Ohren rauskommt, und dann
achten Sie mal nicht auf die sexuellen Reize, die davon ausgehen, sondern
was da so zwischen den Zeilen, zwischen den Akteuren passiert. Gott sei
Dank nicht bei jedem Clip, aber doch bei sehr vielen der Filme, finden Sie
dann Feindseligkeiten, Demütigungen, Rachegelüste, die nonverbal auch zum
Ausdruck kommen. Und das Interessante bei der Pornografie ist, dass aber
unter dem Strich natürlich nie – es sei denn, es handelt sich um ein hoch-
artifizielles sadomasochistisches Spiel – das Opfer als Opfer überhaupt
sichtbar wird. Denn auch das Opfer wird immer dadurch gekennzeichnet sein,
dass es in den höchsten Wonnen der Lust schwelgt. Und damit negiert es
eigentlich diese Opferrolle.

Wir kommen zu einem etwas leichter verdaulichen Machtaspekt, nämlich dem


der Macht der Masse. Ich habe hier nur eine einzige Statistik aufgeführt:
Wir sehen hier die Pornoproduktion in den USA; bis etwa Anfang der 90er
Jahre hat sich die in engen Grenzen gehalten, obwohl damals bereits an die
zweitausend Filme pro Jahr produziert wurden. Mitte der 90er hat sich das
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dann plötzlich vervierfacht, ist auf achttausend, ist auf zehntausend hoch-
geschnellt, bis dann 2005/2006 ein Höhepunkt erreicht worden ist mit etwa
13.000 neuen spielfilmlangen Videos. Seitdem gibt es keine Zahlen mehr,
denn das Internet hat auch die kommerzielle Pornoproduktion, die sich vor
allem auf die DVDs verlassen hat, stark beeinträchtigt. Heute haben wir
andere Zahlen. Für Deutschland sei nur erwähnt, dass wir in Deutschland
lange Zeit der Porno-Konsummarkt Nr. 2 weltweit waren. Interessant, dass
Pornografie natürlich auch ein weltweites Geschäft ist; interessanterweise
wird in China mit fast 30 Milliarden Dollar der stärkste Markt zu verzeichnen
sein – noch vor den USA oder dann, relativ weit abgeschlagen, Deutschland.
Diese Zahl - insgesamt fast 100 Milliarden im Jahr 2006 – leider, neuere
Zahlen sind nicht verfügbar. Aber man merkt: Sex sells.

Das gilt eben auch für den Konsum. Aussagekräftiger als die nackten
Produktions- oder Umsatzzahlen ist natürlich, wieviel Prozent des Gesamt-
medienmarktes an Pornografie geht. Und für das Jahr 2003 betrug der
Prozentsatz 38 Prozent.

Kommen wir zum dritten Machtaspekt, dem der Macht durch Information.
Wie gesagt, es setzt nicht unbedingt Wissen voraus - es reicht, die
Kommunikationskanäle zu kontrollieren. Auch das ist jetzt keine
Verschwörungstheorie: Durch die Verbreitung echter oder falscher
Informationen wird der Informationsempfänger beeinflusst. Diese Seite wollte
ich zeigen, weil wir vorher die Zahl der 13.000 neu produzierten Videos
hatten. Das vermutlich größte Pornoportal weltweit ist xvideos.com. Am
Wochenende – Sie sehen die Zahl kurz vor der Werbung – waren [es]
278.637 Clips und Filme. Da ist alles dabei von zwei Minuten Länge bis zu
neunzig Minuten Länge auf xvideos kostenlos, ohne irgendeine Zugangs-
beschränkung, verfügbar. Täglich, gibt xvideos an, werden tausend neue
Clips hochgeladen.

Wissen ist nicht unbedingt eine Voraussetzung für die Macht der Information,
aber Pornografie verfügt natürlich in der Tat über ein Spezialwissen. Wir
haben hier einen sadomasochistischen Clip vor uns. Sadomasochismus ist
eine Spielart der Sexualität, die für relativ wenige Menschen von Interesse
ist, weil sie hochartifiziell ist, weil es oft jahrelanges Einüben mit dem Partner
bedingt. Hier wird aber ein anderer Eindruck erweckt, hier wird nämlich der
Eindruck erweckt, einfach durch diese leichte Informationszugänglichkeit,
durch das Besetzen der Informationskanäle, als wäre das nichts Artifizielles,
als wäre das nichts, was man sich in Monaten oder Jahren mit einem Partner
an sexueller Varianz erarbeiten müsste, sondern als wäre das etwas, das
buchstäblich nur einen Klick weit entfernt wäre.

Einen ähnlichen Videoausschnitt hatten wir vorher schon. Auch diese


Reduzierung – ich meine hier damit die visuelle oder audiovisuelle
Reduzierung – einer Frau oder eines Mannes allein auf die Genitalzone ist
natürlich für sich genommen problematisch. Man muss keinen feministischen
Ansatz dazu haben, um hier von einer Reduktion zu sprechen. Auch hier
haben wir ein weiteres Beispiel für sogenannte Fetisch-Sexualität. Das ist
Sexualität, die im "Real Life", wie das heute so schön heißt, von einem
kleinen Prozentsatz der Menschen – vermutlich im 0,5/0,6%-Bereich
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praktiziert wird. Auch hier wieder – eigentlich jedem einleuchtend, klar


verständlich: Wer hat diese Anzüge? Wer nimmt sich tatsächlich Zeit,
Sexualität über Stunden so zu praktizieren? Aber über die Besetzung der
Informationskanäle erscheint das so, als würden das die Nachbarn um die
Ecke machen. Was sie vielleicht auch tun, nur nicht in der Öffentlichkeit.

Ein bisschen gruselig fand ich das, obwohl es relativ harmlos ausschaut: Der
buchstäblich mörderischste Aspekt, den Fetisch-Sexualität haben kann, ist
der, sexuelles Erleben mit Luftabschnürung zu verbinden. Was physiologisch
abläuft, ist hochkompliziert, mündet aber auch bei guter Kontrolle nicht
selten in den Tod. Wir wissen das aus den Medien: Fast immer, wenn ein
Prominenter nackt und erhängt in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde,
handelt es sich darum, dass er sich noch einen letzten Kick verschaffen
wollte. Das zu normalisieren einfach dadurch, dass es zugänglich gemacht ist,
ist wirklich problematisch. Und, wie gesagt, das sind keine Spezialportale, wo
ich nur über Zugangscodes die Möglichkeit habe, mir die Sachen anzusehen,
sondern das ist buchstäblich nur einen Mausklick weit entfernt.

Die Macht der Pornografie ist die Macht durch Information. Um die
Informationskanäle besetzen zu können, braucht es natürlich auch den
Empfänger. Das ist die neueste Studie, die wurde im Januar dieses Jahres in
den USA produziert. Sollte man noch Zweifel darüber haben, dass die Macht
durch Information eine sehr reale Macht ist, dann kann man sich hier
vergegenwärtigen, dass innerhalb von fünf Jahren der an sich schon
erstaunlich hohe Medienkonsum von 8 1/2 Stunden bei Kindern und
Jugendlichen auf mittlerweile fast 11 Stunden angestiegen ist. Ich weiß nicht,
wie es Ihnen geht, aber das hat mit dem, wie wir medial aufgewachsen sind,
wirklich nichts mehr zu tun. Das ist natürlich sehr viel auch multimediale
Nutzung, d. h. man sitzt am Computer und hört gleichzeitig Musik und schaut
gleichzeitig noch ein Video an, aber es heißt doch, dass offensichtlich der
realweltliche Einfluss auf unser Leben extrem abgenommen hat.

Vor einigen Jahren hat ein japanischer Fotograf, der sich vorgenommen
hatte, Kinderspiele in den Straßen von Japans Dörfern und Städten zu
dokumentieren, aufgegeben, weil er gesagt hat: Kinder spielen heute nicht
mehr auf der Straße, Kinder sitzen heute daheim und konsumieren Medien.

Kommen wir zur letzten Macht. Die Macht der Pornografie ist auch eine
Macht durch Einfluss auf die Selbstwahrnehmung. Der Wirtschafts-
wissenschaftler I. C. Macmillan hat das gesagt: Einfluss ist das Vermögen,
nicht nur die Informationskanäle, sondern eben auch die Wahrnehmung
anderer zu kontrollieren und zu verändern.

Wir haben das bei unserer Sexualitätsstudie 2008 an einem relativ kleinen
Anteil sehr gut und meines Erachtens das erste Mal überhaupt statistisch
erhärten können. Frauen, die täglich Pornografie konsumieren, von denen
glauben 37,3%, dass sich ihr Partner von ihnen Genitalien wünscht, wie sie
auch in den pornografischen Filmen überwiegend zu sehen sind. Sie können
mich gerne hinterher fragen, was die berühmte "Porno-Vagina" ausmacht. Bei
den Männern ist erstaunlicherweise der Einfluss geringer, aber auch bei den
Frauen, die noch wöchentlich Pornografie konsumieren, heißt es, dass jede
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fünfte Frau offensichtlich von dieser doch sehr harten Kausalität – nämlich
Pornokonsum und Vorstellung, dass auch die eigenen Genitalien
entsprechend aussehen sollten, beeinflusst ist.

Und ein zweites Beispiel möchte ich noch nennen, das ist aus der Praxis der
Sexualberater: Auch die Einstellung zum Analverkehr hat sich in den letzten
Jahrzehnten drastisch verändert. Für die meisten kaum vorstellbar, aber als
Kinsey seine Studien in den 40er Jahren gemacht hat, haben nicht einmal
homosexuelle Männer häufiger Analsex praktiziert. Das hat sich im Laufe der
70er Jahre zuerst in der Homosexuellenszene geändert und dann, vor allem
unter dem Einfluss der sog. Gonzo-Pornografie, auch in der heterosexuellen
Vorstellung. Plötzlich ist Analsex zu einer Variante geworden, die gang und
gäbe zu sein scheint. Und dementsprechend haben uns Sexualberater
berichtet, dass es vor gar nicht so langer Zeit erst die ersten Jungs waren,
die kamen: "Wie kann ich denn meine Freundin zu Analsex überreden?", dass
dann ein paar Jahre später die ersten Mädchen kamen: "Wie kann ich das
denn meinem Freund ausreden?", und dass jetzt die Mädchen kommen und
die Sexualberater fragen: "Welche Tabletten kann ich denn nehmen, damit es
nicht so höllisch weh tut?" Und das in einem Zeitraum von nur fünfzehn
Jahren und mit dem gleichzeitigen Beginn des Analsexes als Verkehr à la
mode in der Pornografie, nämlich seit etwa Mitte der 90er Jahre.

Ich bin fast am Ende angelangt. Wir haben uns kurz darüber unterhalten:
Was macht denn Männer zu Männern, was macht denn Frauen zu Frauen?
Wenn es um Pornografie geht, gibt es nicht nur bei Kindern und
Jugendlichen, sondern insgesamt einen großen Unterschied: Frauen sind
mehr am Chatten interessiert, Männer an den Bildern. Das hat unter anderem
damit zu tun – eine neue kanadische Studie hat das sehr schön zeigen
können – Männer interessieren an Pornografie tatsächlich sexuelle Stimuli,
die erregen. Frauen, das wissen Sie vielleicht noch von den Studien von
Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch aus den 70er Jahren, werden
physiologisch tatsächlich auch von Pornografie in Erregung versetzt, obwohl
sie bei Befragung angeben, dass sie Ekel dabei empfinden. Tatsächlich ist es
so, dass sie auch nicht von sexuellen Stimuli erregt werden, die werden
weder vom berühmten knackigen Männerhintern erregt noch von der Größe
des männlichen Genitals noch von den Reaktionen der weiblichen Darsteller.
Frauen scheinen generell – physiologisch wohlgemerkt – auf Pornografie zu
reagieren, wenn es um Bewegung geht. Das heißt, der Akt des Koitus ist in
dem Fall das Entscheidende. Es gibt verschiedene Interpretationen dazu, aber
wir können feststellen: Ja, Männer reagieren anders auf Pornografie,
reagieren auf andere Reize in der Pornografie als die Frauen.

Insgesamt können wir aber davon ausgehen, dass das Belohnungszentrum


des Gehirns extrem stark erregt wird, das haben neurophysiologische Studien
klar gezeigt. Bei Pornografie verbinden sich aber mindestens zwei Stimuli. Sie
haben das vielleicht bemerkt, als wir die Clips gesehen haben vorhin oder
vielleicht auch, als ich die wenigen Bilder gezeigt habe - Pornografie ist nicht
einfach nur Sexualität. Pornografie ist immer, da es sich um ein Medium
handelt, eine "künstlerisch" - in Anführungsstrichen – eine "künstlerisch"
verfremdete Sexualität. Die arbeitet nicht einfach damit, dass eine Kamera
auf ein sich liebendes Paar zeigt – da sieht man nämlich meistens gar nicht
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so viel, weil, wie ich vorhin schon erwähnt habe, das meiste in der Sexualität
selbst bei geschlossenen Augen ganz gut funktioniert. Sondern sie benutzt
bestimmte Stilelemente, und diese Stilelemente die wirken hier im
öffentlichen Rahmen viel stärker als privat um halb drei Uhr nachts vor dem
Computer. Das ist das Stilelement der sexuellen Schocks. Sachen, die man
nie selbst tun würde, Sachen, von denen man noch nicht mal möchte, dass
sie der Partner tut, die werden einem gezeigt. Und das führt zu einer
besonders starken Stimulation der Dopaminausschüttung.

Insgesamt - und auch das sollten wir uns einfach mal vor Augen halten, wenn
wir sagen: Das kann doch nichts so weiter groß Bedeutsames sein – was man
an einem einzigen Abend, halbe Stunde, Stunde, zwei Stunden, vor
pornografischen Videos zu sehen bekommt, das entspricht der audiovisuellen
sexuellen Stimulanz von dem, was Menschen selbst in Kulturen, in denen
man freizügig mit Sexualität umgeht, ihr ganzes Leben lang nicht bekommen.
Natürlich reduziert auf das Audiovisuelle, aber trotzdem - ist es nicht ein
merkwürdiges Missverhältnis?

Die Frage ist zum Schluss: Was bleibt zu tun? Wo es Macht gibt, gibt es
notgedrungen auch immer Ohnmacht. Wir haben vorhin von Frau Professor
Grimm gehört, wie sehr sich gerade auch Kinder und Jugendliche echt Mühe
geben zu verstehen, was Pornografie ist. Die schlucken das nicht einfach nur,
die versuchen wirklich zu verarbeiten, was begegnet ihnen denn da? Und ich
glaube, wir als Erwachsene müssen das auch tun. Wir müssen uns Gedanken
darüber machen, was begegnet uns denn da? Und dann entsprechend
handeln. Denn eines ist klar: Weder ein Kapitulieren vor den unglaublich
starken Machtaspekten der Pornografie kann in Frage kommen, aber eben
auch nicht ein Sich-in-Ohnmacht-Ergeben. Denn beides, die Macht der
anderen und die eigene Ohnmacht, die machen dumm. Und wir wollen doch
immer noch handlungsfähige Menschen bleiben.

Vielen Dank.

(Der Referent, Professor an der American Academy of Clinical Sexologists, Florida, ist
Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung.)

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Quelle: http://www.mediaculture-online.de/Porno-im-Web-2-0.1714.0.html

Weiterführende Literatur:

Jakob Pastötter, Erotic Home Entertainment und Zivilisationsprozeß. Analyse des


postindustriellen Phänomens Hardcore-Pornographie. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-
Verlag 2003.

Veröffentlichungen:

Guest Editor: The Legacy of Alfred Charles Kinsey. Sexuality and Culture 10th
Anniversary Issue (1/2006).
8

Alfred C. Kinsey: A Much Discussed Scientist of Our Time. Sexuality and Culture 10th
Anniversary Issues (1/2006), pp. 5-14.

Robert T. Francoeur, Ray J. Noonan, and Jakob Pastoetter, Female Sexuality and Health
Today: Challenges to Cultural Repression. CrossCurrents (A quarterly devoted to science,
culture and religion; CrossCurrents Forum, Columbia University, New York), 54 (3/2004).

Associate Editor: The Continuum Complete International Encyclopedia of Sexuality, New


York and London: Continuum International 2004.

Germany. In: Robert T. Francoeur and Raymond J. Noonan, ed., The Continuum
Complete International Encyclopedia of Sexuality. New York and London: Continuum
International 2004, S. 450-466 (together with Rüdiger Lautmann and Kurt Starke).

Germans. In: Carol R. and Melvin Ember, ed., Encyclopedia of Sex and Gender. Men and
Women in the World’s Cultures vol. I. New York: Kluwer Academic/Plenum 2004, S. 400-
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Needle to p6. Sexualmedizin 25 (12/2003), p. 257.

Love and Eroticism: Addition or Contradiction? Journal of Sex and Marital Therapy 28
(3/2002): pp. 280–282.

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Encyclopedia of Sexuality, vol. IV, pp. 639–691. New York and London: Continuum
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Tourism and Sex: Conceptualising of Foreign Countries as (S)exotic. Sexuality and


Culture 5 (2/2001): pp. 107–110.

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the Problematic Field of Research Pornography. Sexualmedizin 22 (9/2000): pp. 247-
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152). Burglengenfeld 1995.

Öffentliche Vorträge:

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True Love – Sexuality in Media. Adult Education Center Olching (3.5.2005).

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(27.6.2004).

Trafficking and Political Reactions in the USA and Europe. Hanns-Seidel-Stiftung,


München (8.3.2004).

The Postindustrial Phenomenon of Erotic Home Entertainment and the Civilizing Process.
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Socioeconomic Functions of Pornography, or: Why Business with Taboo is Booming? XVth
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The Institute for Advanced Study of Human Sexuality and the Kinsey Institute for
Research in Sex, Gender, and Reproduction: Agendas, History, Relationship. Kinsey
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Institute, Bloomington, IN (24.3.1999).

Differing Perceptions of Sexuality in Europe and the USA: Conception, Construction,


Consumption. Kinsey Institute, Bloomington, IN (14.12.1998).