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#

005 Reader

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Raum
Editorial
von Zeitgenössische Kunst Rotterdam hat in Bezug auf eine zu seinen Fragen und Antworten rund um Kunst im

Der öffentliche Raum spiegelt


menschliches Verhalten
und die politische Kultur.
Marcel ausserhalb schützender Lebzeiten enorme Zunahme von verfügbaren sozialen Kontext positionieren und auf diesem
Henry musealer Räume zu zeigen, (antiken) Texten bemerkt, dass selbst ungesunde Feld vernetzend wirken. Ein erster Schritt
dieser Aufgabe stellt Lektüren jenen nicht schaden könnten, die Gift- in diese Richtung ist der vorliegende Reader,
sich das junge Kuratorenteam von Heilkräutern zu unterscheiden wüssten. der eine Reihe von Texten beinhaltet, die sich
ADB | Amici Di Borgo. Dieses Bild dürfte heute sinngemäss auf visuelle den aktuellen Bedingungen der künstlerischen
Ein Reader zu Kunst und Botschaften angewendet nichts von seiner Produktion in der nicht-musealen Öffentlichkeit
Öffentlichkeit. Gültigkeit verloren haben. In dieser Hinsicht kann widmen. Zudem wird der Fokus auf die
der Kunst, nebst dem, dass sie gelegentlich kuratorische Arbeit im öffentlichen Raum gelegt,
Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut, zum Schmunzeln Anlass gibt, eine bildende denn auch Kunst ausserhalb schützender
denn sobald sich das Interesse auf eine Sache Funktion zukommen. Was sie aber einfordert, Mauern bedarf der Unterstützung. So sind
richtet, entschwindet anderes dem Blickfeld. ist Wachsamkeit und der Wille, sich vorgängige Abklärungen in juristischen und
Umso wertvoller ist es daher, wenn es gelingt, darauf einzulassen. sicherheitstechnischen Belangen, regelmässige
die Aufmerksamkeit einer Person auf etwas Kontrollen und Pflege während der Laufzeit
Bestimmtes zu lenken. In den vergangenen Mit dem Projekt # 005 – Sie halten das der Interventionen und nicht zuletzt Mittel
Jahren hat die Anzahl künstlerischer Projekte, die Resultat in den Händen – will ADB | Amici Di zur Umsetzung erforderlich. Bekanntlich sind
ausserhalb institutioneller Räume stattfinden, Borgo in Form von Texten dem Phänomen ortsspezifische Werke nur selten kunstmarkt-
zugenommen. Auch wenn Kunst im öffentlichen des öffentlichen Raums und der darin verorteten konform und müssen daher andere Formen
Raum alles andere als ein neues Phänomen Kunst etwas näher kommen. Grundsätzlich der Finanzierung finden. Meist ist es dem Mut
ist, so erfährt sie gegenwärtig vielerorts eine will sich das Kollektiv neben der kuratorischen und dem Idealismus der Kunstschaffenden
Institutionalisierung. Vormals lag die Realisierung Arbeit im Strassenraum an wechselnden zu verdanken, dass dieser gesellschaftliche
von Projekten weitgehend in der Verantwortung Orten – seit seiner Gründung im Juni 2009 Mehrwert überhaupt entstehen kann.
der Kunstschaffenden selbst. Inzwischen waren es Interventionen in Basel (mit Heinrich Aufmerksamkeit ist der Lohn dafür.
haben gewisse Städte damit begonnen, spezielle Gartentor), Locarno / Bern (mit Ronny Hardliz /
Abteilungen zur Regelung und Umsetzung Jürg Schluep) und jüngst ist in Biel (mit Dieser Reader konnte
dank der Unterstützung der
von Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen. Simone Zaugg / Muriel Baumgartner / Domenico W. Gassmann AG
Daneben entdecken immer mehr Kunstmessen, Billari) – vermehrt auch als Plattform für in Biel realisiert werden.
dass sie mit für alle zugänglich positionierten
Werken ein breiteres Publikum anzusprechen
vermögen. Doch, wo Institutionalisierung
einsetzt, verschwindet oft auch ein Teil der
Spontaneität. Denn das sinnlich wahrnehmbare
Artefakt ist bei dieser Kunstform das Resultat
eines sozialen Prozesses, der von der ständigen
Suche nach pragmatischen Lösungen und
vom Gespräch mit nicht immer kunstnahen
Entscheidungsträgern geprägt wird. So werden
auch Gruppen involviert, deren Interesse für
Kultur im Allgemeinen gering ausfällt. Wem die
materialisierten künstlerischen Ideen in der
allen zugänglichen Welt schliesslich auffallen
und wer sich darauf einlässt, erlebt dank
der Kunst kurze, aber berührende Augenblicke.
Spielfeld
So ist es die Erzeugung jener wertvollen
Momente, die das junge Kuratorenkollektiv
ADB | Amici Di Borgo antreibt, an wechselnden
Orten Plattformen zu schaffen, die eine
ausserinstitutionelle Präsentation von Kunst
erlauben. Dem einzelnen unvoreingenommenen der Nebel, der Biel zur Uhrenweltmetropole
Passanten soll damit ein Erlebnis ermöglicht
werden, das er in seinem Alltagstrott als
Grusswort werden liess, weil Nebel das Bewusstsein
für Raum und Zeit verändert ?
ein Überraschungsmoment erlebt. Kunst ist
gelegentlich ein intensives Bauchgefühl, Die Intervention « Reservierte Plätze / Places
ein Musenkuss, eine Möglichkeit, die Welt etwas von Kunst unter freiem Himmel reservées » von Muriel Baumgartner regte
anders zu sehen. Und so fördert Kunst Hans zu zeigen, ist immer auch ein zum Nachdenken über Standorte von Kunst im
insbesondere in Zeiten der Schnelllebigkeit die Stöckli politischer Akt, denn damit Stadtraum an. Kunst in reservierten Plätzen
Wachsamkeit und vertieft die Bildkompetenz. wird ein Bewusstsein für die ist museal. Museale Kunst wird bewusst gesucht
Wer sein Umfeld zu lesen weiss, Hintergründe Öffentlichkeit geschaffen. und konsumiert. Das hat seine Berechtigung
zu erahnen vermag, der verfügt über die Der Bieler Stadtpräsident zu und Biel kann solche Formen von Kunst mit
nötige Differenziertheit, um existenzschädigende ADB | #004 | Spéculations/ seiner attraktiven Museumslandschaft bieten.
Strategien zu erkennen. Bereits Erasmus von Spekulationen. Doch muss auch Kunst im öffentlichen
Raum ihren Platz finden. Für eine Stadt ist
Spekulanten in Biel ! Überrascht ? Nun, dies insofern wichtig, als solche Kunst den
spekulieren lässt sich nicht nur an der öffentlichen Raum einbindet und dieser dadurch
Börse und nicht immer muss Gegenstand der selbst zum Betrachtungsgegenstand werden
Spekulation ein monetärer sein. Dies kann. Schliesslich lebt die demokratisch
illustrieren auch die im Juni durch ADB | Amici verfasste Stadt von der Reflexion ihrer
Di Borgo kuratierten Interventionen von Bürgerinnen und Bürger, nicht nur über den
Simone Zaugg und Muriel Baumgartner im öffentlichen Raum, sondern über das Öffentliche
Stadtraum von Biel. generell. Dadurch gewinnt Kunst im öffentlichen
Raum eine eminent politische Bedeutung.
Immerhin, dem Stadtpräsidenten sei es
gestattet, vornehmlich über allfällige Bezüge der Gewiss, « Art » kann auch nur « pour l’Art »
Interventionen zu seiner Stadt zu spekulieren. und zur Unterhaltung ihre Berechtigung haben.
Doch es sind vornehmlich Gründe wie
Die Intervention « Nebelfelder / Champs die geschilderten, weshalb Formen von Kunst,
de brouillard » von Simone Zaugg verleitete etwa wie sie etwa im Rahmen der Schweizerischen
zur Assoziation, der Ruf Biels als Nebelloch Plastikausstellungen Biel oder eben im
müsse ein Klischee sein. Wie anders wäre sonst Rahmen der Interventionen # 004 von ADB zu
erklärbar, dass der Nebel nun bereits im sehen waren, von der Stadt willkommen
Frühsommer künstlich, beziehungsweise geheissen werden. Doch wann und wo
künstlerisch hergestellt werden muss ? Oder die nächste Intervention im öffentlichen Raume
etwas tiefgründiger : Ist es etwa gerade Biels stattfindet : lassen Sie uns spekulieren…
sich bereits mit der anderen Arbeit am Bahnhof zeichneten sich beide Ansätze durch die
Spekulation auseinandergesetzt hatten. Passanten hatten
von zwei Seiten Einsicht in eine verglaste
Ortsspezifik und die Ausrichtung auf die
Öffentlichkeit aus. Die Arbeit ausserhalb des
SBB-Zelle auf dem Perron der Geleise 2 / 3. institutionalisierten Kunstbetriebs verlangt nach
Darin waren Objekte positioniert, in denen veränderten Strategien der Raumbesetzung.
von Dem unfreiwillig zum unter anderem massstabsfremde Stühle zu Die Werke müssen sich in einer Umgebung
Sonja Kunstbetrachter gewordenen erkennen waren. Die Grundlage für Muriel behaupten, in der ein Übermass an Reizen
Gasser Passanten bleiben zur Deutung Baumgartners Arbeit bildete eine vorgefundene aus kommerziellen und anderen Botschaften
& unbekannter Erscheinungen nur Kritzelei auf einem Gruppenreiseformular, vorhanden ist. Ein kaum beachteter Ort kann
Marcel Vermutungen. Kunst und ihre die ein SBB-Mitarbeiter im Disponentenbüro durch das Hinzufügen einer künstlerischen
Henry Einbindung in den öffentlichen zurückgelassen hatte. In der angrenzenden Idee zu einem Ort des Interesses werden. Die
Raum rückblickend auf die Zelle präsentierte die Künstlerin Artefakte, die Kunstschaffenden, die unter freiem Himmel
ADB-Intervention in Biel. sie den gedankenverloren skizzierten Formen arbeiten, stehen also vor der Herausforderung,
nachgebildet hatte. Dazu verwendete sie ihre Position der Situation unterzuordnen und
Ausserhalb des institutionellen Materialien, die sie der winzigen, aber vormals sich gleichzeitig vom Bekannten abzuheben.
Ausstellungsraums muss die Kunst Wege suchen, überstellten Abstellkammer entnahm, die zum
wie sie ohne die vier Wände zurechtkommt. selben Baukörper gehört wie das von der Bahn Dank der Umsetzung der künstlerischen
Anlässlich von « Spéculations / Spekulationen » noch verwendete Disponentenbüro und der Ideen, die bekannte Sachverhalte aufgriffen,
sind in Biel zwei Arbeiten entstanden, die kleine Ausstellungsraum. Die Gegenüberstellung wurde dem unvoreingenommenen Passanten
unterschiedliche Strategien aufzeigen, wie mit von Originalzeichnung und Installation liess ein Zugang zu den Werken ermöglicht. Dennoch
dieser Situation umgegangen werden kann : den künstlerischen Transfer nachvollziehen blieben viele Fragen offen, auf die er allenfalls
Muriel Baumgartner bevorzugte für « Reservierte und reinterpretieren. mit Spekulationen mögliche Antworten fand.
Plätze / Places reservées » die Beschränkung Die kuratorische Arbeit stellte dem Individuum
auf eine leer stehende Zelle auf dem Perron am Statt sich mit vorgefundenem Material Hilfsmittel zur Verfügung, um mit der
Bahnhof Biel, während Simone Zaugg mit auseinanderzusetzen, befasste sich Simone konfrontierten Situation konstruktiv umzugehen.
« Nebelfelder / Champs de brouillard » bewusst Zaugg mit den meteorologischen Eigenheiten Statt die Rezeption dem Zufall zu überlassen,
auf die Grenzenlosigkeit setzte, die im Freien der Region. Biel ist dafür bekannt, von war bei « Spéculations / Spekulationen »
herrscht. Weithin sichtbar stieg in regelmässigen September bis Dezember im Nebel zu versinken. das Konzept so angelegt, dass die Plakatständer
Abständen eine Nebelwolke aus der Böschung Künstlich erzeugter Nebel reproduzierte dieses auf Plätzen und an Strassen mit sinnhaften
zwischen dem Westende des Geleises 1 Phänomen im Sommer. Gerade die zeitliche Phrasen auf die Eingriffe verwiesen. Die Sätze
und dem Lokal.int auf. Vom Bahnhof aus war die Verschiebung rückte die für die Stadt typische waren so formuliert, dass der Einzelne zu
künstliche Wettererscheinung in der Ferne klar Winterwetterlage ins Bewusstsein. Verhindert eigenem Assoziieren angeregt wurde, um ihn
sichtbar, während auf der Strasse die Fahrzeuge Nebel die freie Sicht, werden zur Orientierung auf die Irritationen einzustimmen. Auf diese
zeitweise von dichten Schwaden eingehüllt akustische Hilfsmittel notwendig. Darauf Weise wurde im Bieler Stadtraum ein Rahmen
wurden. Ähnlich verwirrend waren die sinnfälligen nahm das weiche, aber weithin hörbare, von der geschaffen, der das poetische Weiterdenken
Sprüche, die auf Plakatständern im Stadtgebiet Schifffahrt her bekannte Nebelhorn Bezug, künstlerischer Ideen anregen wollte.
verteilt waren. « Verstört dichter Nebel Ihre dessen Klang im Linienbus beim Vorbeifahren
Sicht oder hat ein Nebelhorn Ihre Ohren betört ? » ertönte. Die Arbeit, die auf verschiedenen
stand beispielsweise zu lesen. Jene, denen Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven
bereits die eine oder andere Veränderung in wahrzunehmen war, eröffnete – durch
ihrem Umfeld aufgefallen war, erfuhren über die die künstlerisch getätigte Verschiebung von
ADB-Plakate, dass es sich um eine künstlerische allgemein bekannten regionalen Erscheinungen –
Intervention handelte. Die anderen wurden ein Feld für individuelle Assoziationen. Beide
darauf aufmerksam gemacht, nach den Werken Künstlerinnen schufen Werke, an denen zufällig
Ausschau zu halten. Der Sinn von « Die Über- Vorübergehende teilhaben konnten.
setzung einer Skizze von flüchtigen Gedanken
in die Realität. » erschloss sich nur jenen, die
Trotz der unterschiedlichen Charakteristiken
der künstlerisch besetzten Schauplätze
Biel / Bienne

Intervention
Mitspieler
von Auslöser zu #004 war ein hätten. Solche Interventionen schaffen es, im übermässig gemassregelt, selbst wenn man
an ein breitgefächertes Publikum.
Im öffentlichen Raum richten sich
künstlerische Interventionen

Marcel Gespräch mit Chri Frautschi Alltag eine Spannung aufzubauen und können eigentlich für jeden Gartentisch auf dem
Henry vom Lokal.int. Im Interview schliesslich für ein Schmunzeln bei den Gehsteig eine Bewilligung bräuchte – ganz zu
erläutert er, was die unter Passanten sorgen. schweigen von Trottoir-Konzerten.
ADB entstandenen Arbeiten
ausgelöst haben und wie er MH Eine zentrale Rolle im Projekt, das MH Was unterscheidet deiner Meinung nach
das Verhältnis von Kunst und insgesamt vier Wochen dauerte, spielte auch die Machart von Kunst im öffentlichen von
Öffentlichkeit sieht. die Zelle auf dem Perron der Geleise 2 / 3 derjenigen im musealen Raum ?
am Bahnhof Biel, die das Lokal.int schon seit CF Museale Räume interessieren mich nicht.
MH Chri Frautschi, das ADB Projekt # 004 | mehreren Jahren betreibt. Du hast ADB Kunst sollte idealerweise immer in der
Spéculations / Spekulationen hat sich einerseits das Räumchen zur Verfügung gestellt. Öffentlichkeit stattfinden. Man kann sich dann
bei dir, andererseits in deiner unmittelbaren Wie bist du zu dieser SBB-Zelle an bester fragen, wie man den öffentlichen Raum definiert.
Nachbarschaft auf SBB-Grund abgespielt. Hast Lage gekommen ? Jedenfalls denke ich : Kunst braucht keine
du die Nähe zu Bahn und Strasse früher CF Ursprünglich war es die Idee des Bieler Sakralbauten.
auch schon genutzt, um Kunstwerke zu zeigen ? Künstlers René Zäch, diese verglaste Zelle
CF Der Nähe zu Strasse und Schiene sind künstlerisch zu nutzen. Mit ihm spreche ich mich MH Ist es deiner Meinung nach legitim, wenn
wir uns selbstverständlich bewusst. Die auch immer ab, bevor darin etwas geschieht. die Stadt Biel die alle fünf Jahre stattfindende
meisten künstlerischen Interventionen der Allerdings ist es uns aus zeitlichen Gründen nicht Skulpturenausstellung als Element des
Vergangenheit spielten sich allerdings im Lokal. möglich, dieses Räumchen häufiger zu nutzen. Stadtmarketings nutzen würde oder gibt es
int ab. Ausnahmen sind vielleicht die Fahne So dient es in erster Linie als Schaufenster einen Zielkonflikt zwischen kulturellen Idealen
von Nayla Dabaij und Ziad Bitar sowie der fürs Lokal.int und als Display für unsere www- und allfälliger wirtschaftlicher Ausnutzung ?
Schriftzug über dem Off-Space « Der… wird Adresse. Eine intensivere Nutzung ist so oder CF Ich denke, dass in Biel die Tendenz zur
kommen » von Andrea Hagenbach. so nicht möglich, da dort offiziell keine Leute Kulturförderung als Aspekt des Stadtmarketings
versammelt werden dürfen – aus Gründen zu begreifen noch nicht wirklich angekommen
MH Hast du Reaktionen von Passanten der Sicherheit. ist. Die Hamburger können da ein anderes Lied
vernommen oder haben die Buschauffeure singen. Ich empfehle diesbezüglich den Besuch
der Bieler Verkehrsbetriebe ihre Fahrt dem MH Unsere Zusammenarbeit mit den SBB folgender Webseite : www.buback.de / nion.
Rhythmus am Standort der Nebelfelder und den Bieler Verkehrsbetrieben hat es ADB Ganz allgemein bin ich der Meinung, dass sich
angepasst ? erleichtert, für jeden Eingriff auf öffentlichem Kultur und Wirtschaft nicht mögen, nicht mögen
CF Ich habe festgestellt, dass die Leute auf Grund eine Bewilligung einzuholen. Mit sollten. Kultur hat nichts mit Wirtschaften zu tun.
solche Irritationen positiv reagieren. Vielleicht ist welchen rechtlichen Schwierigkeiten ist aber Diejenigen, die etwas anderes behaupten, sollen
es auch nur Einbildung oder Wunschdenken, zu rechnen, wenn Kunst in Biel ohne offizielle sich das Musical « Cats » anschauen gehen.
aber ich meine, dass die Buspassagiere ihre Erlaubnis im Strassenraum gezeigt wird ?
Blicke neugierig auf den gelegentlich CF Man sagt, Biel sei in dieser Hinsicht MH Herzlichen Dank für das Gespräch und die
erscheinenden, künstlichen Nebel gerichtet relativ tolerant. Auch das Lokal.int wird nicht spannende Zusammenarbeit.
mitbedingende Umwelt und meine ergänzenden Individualität von empfindungsbasierten

Kunstschaffende decken
soziale Regelwerke auf und
greifen darin ein.
Respekt Mitmenschen. Kunst und ihre Werke,
Projekte und Prozesse erscheinen mir in ihrer
Erfahrungen, die Einzigartigkeit von sinnlichen
Erlebnissen ist wohl unbestritten. Darin
Wahrnehmbarkeit exemplarisch für diese manifestiert sich für mich, dass sich künstlerisches
expandierend verstandene Auseinandersetzung Tun gegen meinen trägen Erstanspruch über
von Wer Freiräume nutzt, beschäf- in Respekt – soweit die These. meine primären Erwartungen hinwegsetzen
Konstantin tigt sich mit den Grenzen muss, um quasi aus einer gewissen Distanz zu
Adamopoulos seiner Freiheit. Künstlerische KünstlerInnen erleben, meiner Erfahrung mir als Publikum zu wirken. Anders gesagt, wäre
Verantwortung funktioniert nach, in der immer von Neuem vorangetriebenen mir schon alles klar, bliebe mir nur Zynik oder
in der Öffentlichkeit Selbstverantwortung ihres künstlerischen Tuns, Mitleid im Umgang mit meiner Umwelt. Auf der
in zwei Richtungen. Ein grosse Teile ihre Selbstmotivation. Darin keimt horizontalen Ebene würde das zu meiner
Beschreibungsversuch. eine ordentliche Portion Selbstermächtigung Stagnation führen. Vertikal bleiben Besserwisserei
und also Anarchie. Es geht folglich doch um als auch Mitempfinden meine menschlichen
Wie es sein kann als Einzelne, als Einzelner die Überwindung des eigenen Schweinehundes, Herausforderungen. Mir bieten Kunst und ihre
in Gemeinschaft, das bleibt die komplexe die Überwindung der als willkürlich erlebten Werke, Projekte, Prozesse die transformierende
Formfrage der Kunst, besonders der im urbanen Grenzen jeglicher « Couleur » verkrusteter Beschäftigung mit dem, was jeder für sich als
Raum. Kunst bricht nicht zwangsläufig öffentlich Verhaltensmuster. Wir als Publikum unterbieten bedeutsam gelten lassen möchte. Diese
festgelegte Regeln. Sicher hinterfragen in unseren liebgewordenen Ansprüchen universelle Definition verbindet mich mit
KünstlerInnen Regeln, meist und unbemerkt manchmal diese Latte. Würde uns allerdings im anderen zum teilhabenden Publikum. Unsere
ihre eigenen. Sie zeichnen sich allerdings Selbstanspruch das uns Vorhersehbare und Verantwortung liegt also darin, ins Gespräch
auch darin aus, auf die Wirkungen von Regeln das uns Vorhersagbare schon genügen, müsste zu kommen mit uns selbst und mit den anderen
explizit hinzuweisen. Wer das dann als uns das selbst alarmieren. KünstlerInnen um uns. Die Verantwortung der KünstlerInnen
Belästigung oder Einschränkung erlebt, macht arbeiten eigentlich weniger so, auch wenn sie läge dann darin, den freien interpretatorischen
den Boten zum Schuldigen. Unsere Aufgabe als sich des Öfteren mit dieser Art « Anspruch » Zugang nicht zu verunmöglichen. Verantwortung
BetrachterInnen kann also einem konstruktiven auf einschränkender Plan- und Machbarkeit und gälte es gegenüber der Frage zu üben, in wie
Abgleich unserer mehr oder weniger bewussten geforderter Vorwegnahme des Prozesses, fern Kunst im öffentlichen Raum Menschen zur
Werte gleichkommen. Die Frage nach der gerade bei Kunst im öffentlichen Raum, Vergewisserung ihrer selbst dienen kann –
Verantwortung für diesen, wohl gut gemeinten, konfrontiert sehen. KünstlerInnen wollen mehr in Auseinandersetzungen um ihre Werte, nicht in
Vorgang, will dieser kleine Essay anregen. als das, was sie schon gut können, wollen blasser Eventbestätigung. Beides fordert und
mehr riskieren als das, was sie schon erklären fördert starke Persönlichkeiten. Kinder haben
Möchte ich an einem Werteabgleich via können. KünstlerInnen sprechen und schreiben Freude am Leben, an der Auseinandersetzung mit
Kunst teilnehmen und werde ich auf bezwingend dabei über « Kunst », auch über ihre eigene, sich, den Dingen und den Mitmenschen – wenn
interessante Weise darin involviert, erübrigt doch unterscheidet sich das in der Regel von wir Erwachsene ihre Grenzen überwindende
sich die Frage nach Verantwortung nur scheinbar. dem, was sie selbst als ihre künstlerische Neugierde nicht einfangen, in unserer Angst um
Fühle ich mich belästigt und zwangsrekrutiert, Arbeit werten. Selbst LiteratInnen betiteln nicht Grenzen. Kunst im öffentlichen Raum kann
sollte die Frage nach meiner eigenen automatisch ihre Aussagen über Literatur sich dann verwehren als Marotte einzelner auf
Mitverantwortung für einen positiven Ausgang als Literatur. Es gibt Kunstvermittlung und es Kosten der Gemeinschaft deklassiert zu werden,
sich nicht allzu billig erübrigen. gibt « Kunst ». Eine Binsenweisheit, die aus sondern bietet ästhetische Erfahrungsangebote,
einem eventuellen Dilemma folgen kann, lautet : allerdings mit gewünschter Rückmeldung.
Verantwortung möchte ich am Beispiel « Kunst ist schon ihre eigene Vermittlung ». Die Wirklichkeit der Kunst im öffentlichen Raum
Kunst als sinnvolles wechselseitiges Verhältnis Die zusätzliche Vermittlung fokussiert einzelne würde Anreize setzen gemeinsam etwas
thematisieren. Mir geht es anhand des Begriffs Themen und stellt weitere mögliche innere zu schaffen, aus der Kompetenz der Einzelnen.
Verantwortung um die Erweiterung meiner Haltungen der komplexen künstlerischen Das bleibt in der Kunst selbst geformtes
Wahrnehmung auf mein eigenes zukünftiges, Arbeit hinzu. Die Vermittlungsarbeit von Musik Angebot – Utopie. Das ist die Schule
noch in mir steckendes Potential, meine mich kann hier ein Beispiel abgeben. Die singuläre der Vorstellungskraft und der Verantwortung.

Bühne Mechanik
von Der Schritt aus den
Fehlt der Anspruch auf ewige

die Erinnerung daran.


Existenz, zählt der Moment und

Nathalie Kulturinstitutionen hinaus in die


Ritter Öffentlichkeit unter den freien
Himmel interessiert zahlreiche
Kunstschaffende. Einer davon
ist Domenico Billari. Er tritt
Freiluft
im Rahmen der #004-Finissage
am 27. Juni 2010 auf.

Die Orte seiner Performances wählt präsenten Öffentlichkeit die Szenerie. Die Domenico Billaris Performances testen die
Domenico Billari (*1977, CH / I) gezielt aus. Erwartung der Anwesenden im Publikum wird Möglichkeiten der Kunst im öffentlichen
Er liebt spektakuläre Kulissen wie die spürbar : Wird der Künstler durch den Raum Raum und bringen variierbare und ungeahnte
ausladend gespannte Kuppeldecke der Basler schweben, davon fliegen ? Macht er das Erwartete Grenzbereiche ins Spiel. Der Künstler setzt
Markthalle und Unorte wie etwa die Freifläche möglich ? Domenico Billari lässt die Spannung seine Gedankenwelt, seine Geschichten und
am Basler Ostquai. Dass er dabei oftmals den steigen und hebt – während er spricht – mit seine Träume in spielerische Bilder um.
geschützten Rahmen des Museums verlässt, Leichtigkeit ab. Das Spekulative, verstanden als philosophische
stellt zwar eine Herausforderung dar, bietet aber Denkweise, die durch neue Wege über
gleichzeitig den Reiz des Ungewissen. Die Basel, Ostquai die praktische Erfahrung hinausgeht, um zu
Performances von Domenico Billari spekulieren 07.06.2007 Erkenntnissen zu gelangen, kann hier
mit dem Unerwarteten und greifen in der — nachvollzogen werden. Zudem eröffnet das
Unmittelbarkeit des Moments Ungeahntes auf. Ein schwarz gekleideter Motorradfahrer auf Spekulative die Möglichkeit, mit dem Publikum
einem schwarzen Motorrad fährt Domenico direkt zu interagieren, es zum Mitspieler,
Basel, Markthalle Billari über die freie Fläche am Ostquai. Er setzt zur Reflektions- und Reaktionsebene werden
02.09.2008 ihn vor dem Publikum ab und fährt davon. Der zu lassen. Durch die Performances teilen
— Künstler spricht während zwanzig Minuten zu den sich Künstler und Publikum eine Erfahrung
Mit grossen, an seinen Körper gebundenen, Anwesenden. Wasser in all seinen Facetten und entdecken, dass das Spekulative auch
heliumgefüllten Ballonen empfängt Domenico und Varianten wird erläutert. Erneut fährt das eine Möglichkeit zur Wahrnehmung der Welt
Billari sein Publikum. Es scheint, als ob er die Motorrad vor, holt Domenico Billari wieder ab und sein kann.
« Bodenhaftung » demnächst verlieren würde. setzt ihn in der Mitte des Platzes ab. Was war
Mit wenigen durch seinen italo-englischen das ? Was kommt jetzt ? Das Publikum spekuliert Impressionen zu den im Text
Sprachenmix gefärbten Worten spricht er über über das Gehörte. Spannungsvoll wird das erwähnten Arbeiten :
www.domenicobillari.com
Freiheiten im Alltag und in der Kunst. Das weitere Geschehen erwartet. Ein Helikopter nähert
Leben wie die Kunst haben die Möglichkeit, mit sich, verlangsamt und bleibt über dem Künstler Bilder zur Performance
der « Leichtigkeit des Seins » zu spielen. Die in der Luft stehen. Ein mit 500 Litern gefüllter von Domenico Billari anlässlich
der ADB # 004 Finissage
Gedanken des Künstlers und die Möglichkeit, Wasserbehälter wird über den mit ausgestreckten vom 27. Juni 2010 in Biel / Bienne :
dass er « abhebt », füllt in Abhängigkeit einer Armen dastehenden Künstler entleert. www.amicidiborgo.com
Massnahmen war. Die Broken-Windows- Keizer schloss den Eingang des Parkplatzes
Theorie war nämlich damals eine weitgehend eines Krankenhauses mit einem mobilen
unüberprüfte und darüber hinaus ziemlich Gitter, so dass nur noch ein Durchgang von 50
allgemein gehaltene Theorie. Es gab kaum Zentimetern blieb. Am Gitter befestigte er zwei
saubere wissenschaftliche Untersuchungen, Verbotstafeln : « Keine Fahrräder anketten » und
und niemand wusste, was man unter den « Kein Durchgang, bitte Nebeneingang benutzen ».
vermeintlich harmlosen Übertretungen genau Und wieder führte die Verletzung der ersten
zu verstehen hatte und wie stark und wie schnell Regel zur Verletzung der zweiten. Wenn Keizer
sie sich auf das Verhalten anderer Menschen vier Fahrräder am Gitter ankettete, drängten
auswirkten. Genau deshalb stand Kees Keizer 82 Prozent der Passanten durch den verbotenen
in jener Nacht mit pochendem Herzen in der schmalen Durchgang. Wenn er die vier Räder
Tingtanggasse und sprayte zum allerersten Mal nur abstellte, aber nicht ankettete, waren es nur
in seinem Leben mit zittriger Hand ein R, ein B 27 Prozent – dreimal weniger. In weiteren
und ein paar Schlangenlinien an die Hauswand. Experimenten fanden Keizer, Lindenberg und Steg
Den einzigen Anspruch, den Keizer an die heraus, dass selbst Regeln, die von Privaten
Motive stellte, war, dass sie nichtssagend genug aufgestellt wurden, demselben Effekt unterworfen
waren, um nicht als Kunst wahrgenommen waren und dass sich auch nicht visuell wahr-
zu werden. nehmbare Normverletzungen auf dieselbe Weise
fortpflanzen : Wenn Fahrradbesitzer hörten,
Ein paar Wochen zuvor war er schon dass in der Nähe des Fahrradparkplatzes jemand
einmal nachts in der Tingtanggasse unterwegs verbotenerweise Feuerwerk abbrannte, warfen
gewesen. Damals hätte die Polizei noch mehr sie den Flyer 30 Prozent häufiger weg, als wenn
gestaunt : Keizer strich nämlich mitten in keine Regelverletzung wahrnehmbar war.
der Nacht die ganze Gasse in Grau. Dann stellte
er ein Verbotsschild für Grafitti auf jener Seite Als Keizer sich daranmachte, die letzte und
der Gasse hin, die von einem Fahrradparkplatz wichtigste Frage zu klären, war er unter den
eingenommen wurde. Am nächsten Tag hängte Obdachlosen von Groningen bereits gut bekannt.
Keizer an den Lenker jedes dort abgestellten « Sie grüssten mich regelmässig. Da ich tagelang
Fahrrads einen Flyer eines nicht existierenden auf der Strasse herumstand, um die Leute zu
Verhalten Sportgeschäfts mit der Aufschrift « Wir wünschen
allen frohe Festtage » und beobachtete, was
beobachten, nahmen sie zweifellos an, ich sei
einer von ihnen. » Die wichtigste Frage war : Kann
geschah, als die Besitzer der Räder auftauchten. eine harmlose Regelverletzung auch auf eine
Da es in der Nähe keinen Abfalleimer gab, viel bedeutendere Norm überspringen ? Geht
von Bis die erste Sprayerei hatten sie nur die Wahl, den Flyer entweder in der Effekt so weit, dass eine zahme Übertretung

Kunst begreift den öffentlichen


Raum als Versuchsfeld
für soziale Experimente.
Reto U. auf dem neuen Beton erscheint, die Tasche zu stecken oder ihn auf den Boden einer sozialen Norm eine Kettenreaktion auslösen
Schneider dauert es meist eine Weile. zu werfen, was 33 Prozent von ihnen taten (ihn kann, die mit einer kriminellen Handlung endet ?
Weitere folgen in immer am Lenker zu belassen, hätte sie beim Fahren Um das herauszufinden, wollten die drei Forscher
kürzeren Abständen. Die Broken- behindert). Nachdem Keizer die Wand in die Leute zum Stehlen verleiten. Keizer steckte
Windows-Theorie erklärt der Nacht mit seinen Graffiti verschandelt hatte, einen Briefumschlag mit einem gut sichtbaren
einen dynamischen Prozess hängte er am Tag darauf wieder Flyer an Fünf-Euro-Schein im Sichtfenster zur Hälfte
in der Gesellschaft. die Lenker. Jetzt waren es plötzlich 69 Prozent, in einen Briefkasten der niederländischen Post,
die sie wegwarfen. Ein paar unansehnliche so dass der Geldschein gut zu sehen war. Den
Es war eine kalte Dezembernacht im Jahr Graffiti, und die Leute vergassen ihre gute Briefkasten versah er im ersten Fall mit Graffiti, im
2005, als Kees Keizer mit drei Spraydosen Kinderstube. Nicht nur die Wucht des Effekts war zweiten verstreute er etwas Abfall in seiner
in der Tasche zur Tingtanggasse schlich und dort erstaunlich – die Zahl der Übertretungen hatte Umgebung, im dritten war alles sauber. Wieder
innerhalb einer Viertelstunde die Hauswände sich mehr als verdoppelt –, sondern auch, dass waren die Resultate eindeutig : Wenn der
mit Graffiti verunstaltete. Keizer hatte sich die Verletzung einer Norm (hier darf nicht Briefkasten sauber war, stahlen 13 Prozent der
lange überlegt, was er der Polizei gesagt hätte, gesprayt werden) die Verletzung einer anderen Passanten das Geld, in den beiden anderen
wenn er erwischt worden wäre, aber ihm Norm (man wirft Abfall nicht einfach auf den Fällen doppelt so viele.
war beim besten Willen nichts Gescheites Boden) begünstigte. Offenbar wirkte die
eingefallen : « Das ist Teil meiner Doktorarbeit Normverletzung wie eine Infektion, die andere Selbst alte Mütterchen
an der Universität Groningen. – Ich spraye Normen befallen konnte. stahlen
für ein psychologisches Experiment. – Ich habe —
die Tingtanggasse zuvor selber gestrichen. » Obdachlose grüssten « Was ich sah, liess mich an der Menschheit
Obwohl all das stimmte, machte sich Kees den Forscher zweifeln », sagt Keizer heute. Selbst alte
Keizer keine Illusionen über die Glaubwürdigkeit — Mütterchen wurden unter dem Eindruck des
dieser Antworten. « Es wäre sehr schwierig Dieses Resultat hatten der Soziologe verdreckten Briefkastens zu Diebinnen. Zu Hause
gewesen, den Groninger Polizisten die Sache Siegwart Lindenberg und die Psychologin Linda müssen sie dann enttäuscht gewesen sein : Der
zu erklären », sagt der Doktorand der Steg nicht anders erwartet. Sie waren vermeintliche Geldschein war bloss eine Kopie.
Sozialwissenschaften rückblickend, denn dazu Kees Keizers wissenschaftliche Begleiter Nachdem die drei ihre Resultate im Herbst 2008
hätte er ihnen eine lange Geschichte erzählen und hatten die sogenannte Goal-Framing- veröffentlicht und damit den Beweis für die
müssen, die 1969 begann. In jenem Jahr Theorie entwickelt, die das Verhalten Broken-Windows-Theorie erbracht hatten,
parkierte der Psychologe Philip Zimbardo einen der Leute in der Tingtanggasse erklären erhielten sie Hunderte von Reaktionen. Nicht
alten Oldsmobile am Strassenrand gegenüber konnte. Ihre Theorie besagt, dass die Ziele, alle davon positiv. Eine Grossstadt ohne Graffiti
der New York University, entfernte die die das menschliche Verhalten steuern, in drei sei keine Grossstadt, hiess es aus der Sprayer-
Nummernschilder und öffnete die Motorhaube. Kategorien fallen : szene. Als Lindenberg vorschlug, in Amsterdam
Danach beobachtete er aus der Ferne, Wände zum legalen Sprayen freizugeben,
wie Plünderer und Vandalen das Auto innerhalb 1. Normorientiert : Ich verhalte mich, wie es reagierten die Sprayer empört : Erst die Illegalität
von 26 Stunden zu einem Wrack machten. sich gehört. erzeuge die Spannung, die eine künstlerische
Als er das Experiment in der kalifornischen 2. Genussorientiert : Ich tue, was sich gut Entwicklung erlaube. Beeinflusst von der Studie,
Universitätsstadt Palo Alto wiederholte, geschah anfühlt, zum Beispiel was nicht hat die Gemeinde Amsterdam mittlerweile ein
erst gar nichts. Doch als Zimbardo zu einem anstrengend ist. Gesetz verabschiedet, nach dem jedes neue
Vorschlaghammer griff und kurz auf das 3. Gewinnorientiert : Ich tue, was meine Graffito sofort entfernt werden muss. Siegwart
Auto einschlug, war auch der schlummernde materielle Stellung verbessert. Lindenberg warnt allerdings davor, zu glauben,
Vandalismus in Palo Alto geweckt : Passanten ein heruntergekommenes Wohnviertel könne
zerstörten das Auto in kurzer Zeit. Zimbardo Oft stehen diese Ziele in Konkurrenz wieder aufblühen, nur indem man Scheiben
vermutete, dass Anzeichen des Verfalls zueinander, und die Prioritäten können durch flickt und Wände streicht. « Wenn schon alles
die Bereitschaft zu destruktivem Verhalten nicht äussere Vorgänge verschoben werden. Der verludert ist, hilft es nichts mehr, wenn man
nur bei seinen Abbruchautos erhöhten, Blick auf die verbotenen Graffiti schwächte zum nur aufräumt », sagt der Soziologe. Die Norm-
sondern auch sonst überall, wo sie zutage Beispiel das Ziel der Radfahrer, sich überhaupt verletzungen seien dann längst auf Bereiche
treten. Aus diesen Erkenntnissen entwickelten an Verhaltensnormen zu halten. Nach der übergesprungen, die öffentlich nicht mehr
der Kriminologe George L. Kelling und Theorie musste dieser Effekt auch auftreten, sichtbar seien und bei denen es wenig helfe, nur
der Politikwissenschafter James Q. Wilson wenn es nicht um eine Normverletzung geht, die physische Ordnung wiederherzustellen.
später eine Theorie über die schrittweise sondern um eine Weisung der Polizei. Dafür
Verslumung von Stadtteilen, die sie 1982 in der dachten sich Keizer, Lindenberg und Steg Copyright : NZZ Folio,
Zeitschrift « Atlantic Monthly » unter dem Titel ein zweites Experiment aus. www.nzzfolio.ch
« Broken Windows » beschrieben.

Die Broken-Windows-Theorie, wie sie schon


bald genannt wurde, besagt, dass harmlose
Übertretungen wie Graffiti, Vandalenakte und
Liegenlassen von Abfall den Boden für
weit schlimmere Taten bereiteten – weil sie
das Gefühl erzeugten, die Situation sei ausser
Kontrolle geraten und niemand werde für

Theorie
irgendetwas zur Rechenschaft gezogen. Als der
New Yorker Polizeichef Bill Bratton in den
1990 er Jahren in seiner Stadt die sogenannte
Nulltoleranzpolitik einführte, bei der selbst
kleine Verstösse sofort geahndet wurden, berief
er sich auf die Theorie von Kelling und Wilson.
Obwohl die Kriminalität in New York in der Folge
tatsächlich stark zurückging, blieb umstritten,
ob das wirklich eine Folge von Brattons
Wirtschaft attraktiv macht. Was in den 1960 er
Botschaft Jahren im Bereich der bildenden Kunst die
Pop-Art mit ihrer Konzentration auf die
alltäglichen Konsumgüter eingeleitet hatte
(Andy Warhol mit seinen Konservendosen zum
von Das Plakat hat sich im Beispiel), wird Jahrzehnte später von den
Christoph Aussenraum einen sicheren Platz Megapostern im städtischen Raum vollendet.
Bignens ergattert. Speziellen Diese Poster bringen ausserdem ein
Regelungen unterliegen riesige ansehnliches Quantum bunter Farbe in die
Reklamewände. Vom Megaposter weitgehend aus Grau- und Brauntönen
zurück zum Bildersturm. bestehende Stadtarchitektur. Angesichts dieser

Sprache
Eigenschaften erstaunt es nicht, dass die
Schon in der Pionierzeit der Aussenwerbung Stadt Zürich die Zahl der Megaposter limitiert.
gab es an Brandmauern « Riesengemälde als Ihr Gesamtkonzept Aussenwerbung
Reklame » und Kritiker, die konstatierten : « Sie knüpft deren Platzierung an strenge zeitliche,
[diese Gemälde] wirken aufdringlich und örtliche und ästhetische Bedingungen.
verwischen jede Proportion in der benachbarten Die schweizerische Wirtschaftsmetropole geht
Hausarchitektur ». Megaposter sind trotzdem aber immer noch grosszügiger mit diesem
eine neuere Erscheinung. Die Stadt Zürich Reklameträger um als andere europäische
verfügt seit Jahren über ein Konzept, wie mit Städte. Diese Toleranz gegenüber
diesem Werbeträger im Stadtbild umzugehen ist. verführerischen Bildbotschaften ist in der Zürcher
Megaposter haben andere Eigenschaften als Stadtgeschichte keineswegs angelegt.
die in grossen Auflagen auf Papier gedruckten Denn vor 485 Jahren hatte der reformatorische
Plakate. […] Sie vollbringen mit ihren Bildersturm eine grosse Anzahl Bilder
riesigen und oft gestochen scharf wirkenden so gründlich aus der Stadt gefegt, dass diese
Bildmotiven im kleinteiligen Stadtgefüge einst heftige Auflehnung gegen jegliche
gewaltige Massstabssprünge. Vor manchem Prachtentfaltung noch lange nachwirkte.
Grossplakat kommt man sich wie im Land
Auszug aus der Broschüre
der Riesen vor. Es ist diese Aufsehen erregende « Reklame im Stadtbild »
Neuartigkeit, die das Grossformat für die (ISBN : 978-3-90538- 411-6).

hat sich sozusagen « weggebeamt », ist zwar öffentlichen Raum befindlichen wird erschwert.

Durch die ortsentbundene


Verfügbarkeit beginnt sich das Private
ins Öffentliche zu verschieben.
Mobilität körperlich anwesend, geistig-seelisch allerdings
an einem anderen Ort. Der Telefonierer schafft
Kann man im öffentlichen Raum noch flirten,
kann man im öffentlichen Raum noch auf
sich im öffentlichen Raum ein kleines privates jemanden treffen, der nichts zu tun hat, weil er
Feld, das durch die Lautstärke seiner Stimme auf den Bus wartet oder weil er sitzen gelassen
von Die Mobiltelefonie und das begrenzt wird. Er hat sich, wie der Autofahrer, eine wurde ? Wohl schwer, weil man per Handy sofort
Peter Internet haben die private Kapsel geschaffen, mit der er sich Abhilfe schaffen kann und sich in sein virtuelles
Arlt Kommunikation revolutioniert. durch den öffentlichen Raum bewegt und sich Bekanntennetzwerk zurückziehen kann. Warten
Eine kritische Betrachtung zugleich vor ihm schützt. oder frei und offen sein für überraschendes
zum Wandel der Öffentlichkeit setzt einen seinem aktuellen (unbekannten)
und zu den fliessenden Grenzen So ist es auch zu erklären, dass die Umfeld aus und ist Zeichen von Schwäche : man
zwischen dem Öffentlichen Möglichkeit des öffentlichen Raums zur hat nur diese eine Welt und ist ihr ausgeliefert.
und dem Privaten. Anonymität, das Verschwinden können in der So wird auch verständlich, dass die Mehrheit der
Masse, die durch permanente Erreichbarkeit Obdachlosen ein Handy besitzt. Weniger
Der Kunstdiskurs zum öffentlichen Raum eigentlich ausgehebelt wird, niemanden zu weil man damit seine Bedeutung demonstrieren
hat sich festgefahren. Seit Jahren wird stören scheint. Der Anrufer ist ja (körperlich) bzw. seine Bedeutungslosigkeit kaschieren
gebetsmühlenartig der Verlust des öffentlichen auch nicht da. Man befindet sich in zwei möchte, als vielmehr wegen der Möglichkeit in
Raums heraufbeschworen : Privatisierung verschiedenen Raumwelten, die sich Notfällen Hilfe zu holen. (Und auch weil man
und Ökonomisierung, verstärkte Kontrolle und je nach Bedarf aktivieren lassen. In diesem dadurch wieder erreichbar wird – quasi eine
Überwachung führen zu sozialer Segmentierung Zusammenhang sind die Anfangssätze Adresse bekommt.)
und zum Ausschluss randständiger und nicht- eines Handygesprächs bemerkenswert : wie
kaufkräftiger Schichten. In den « bereinigten » wenn ein Code einzugeben wäre – weil Sinn Man könnte nun all die damit verbundenen
Innenstädten wird mittels Events und macht es in den wenigsten Fällen – fragt Veränderungen im öffentlichen Raum
Musealisierung öffentlicher Raum nur noch der Anrufer zuallererst nach dem Standort des beklagen und wäre dann wieder im Kreis der
simuliert. All diese Entwicklungen und deren Mobiltelefonisten. Erst nach dessen Verortung konservativen Kulturpessimisten gelandet.
Auswirkungen auf den öffentlichen Raum bzw. nach der gegenseitigen Verortung kann Bevor man aber das Ende des öffentlichen
sind nicht zu leugnen. Es ist aber dem man mit dem eigentlichen Gespräch beginnen. Raums heraufbeschwört, sollte man zuallererst
kulturpessimistischen Grundton entgegenzutreten, Das ist deswegen interessant und auch vorurteilsfrei und genau diese Phänomene
der in diesen Entwicklungen das Ende anachronistisch, weil Mobiltelefonierer sich vom beschreiben. Es könnte sich dann auch
des öffentlichen Raums sehen möchte. Dahinter physisch-realen Ort losgelöst haben und herausstellen, dass in diesen Praxen auch
steckt ein konservativ-bürgerliches Konzept sich im virtuellen Raum aufhalten. Aber offenbar Möglichkeiten zur Neunutzung des öffentlichen
des öffentlichen Raums, der seine Funktion ein trauen sie ihrer virtuellen Existenz noch Raums stecken, die uns vielleicht noch
für alle Mal festzuschreiben versucht und nicht vollständig, und es bricht auch in diesem verborgen sind oder die sich erst entwickeln.
nicht den Wandel als konstitutives Element Fall die « Antiquiertheit des Menschen »
des öffentlichen Raums begreift. Der Diskurs (Günther Anders) durch. Noch antiquierter sind Dieser Text ist im Zuge
der Vor- und Nachbereitungen
ist zudem auch auf die offensichtlichen allerdings diejenigen Mobiltelefonisten, denen zum Symposium « Okkupation »
Interventionen von Staat und Kapital fixiert und Überwachungskameras ein Dorn im Auge sind, (März 2004) entstanden.
übersieht dabei subtilere Formen, die aber – denen aber der freiwillige Selbstanschluss www.peterarlt.at

meines Erachtens – das Verhalten im öffentlichen an das Überwachungsnetz – mittels Handy oder
Raum und den öffentlichen Raum selbst Internet – keinerlei Beschwerden verursacht,
entscheidender verändern. Sie werden vermutlich obwohl dessen Auswirkungen bedeutend mehr
auch deswegen gerne ausgeklammert, weil in die Privatsphäre eingreifen. Weniger Probleme
dabei die « Gefahr » in einem selbst liegt. Am als der Raum bereitet uns die Zeit. Jederzeit
Beispiel des Mobiltelefons soll das im folgenden an(ge)rufen (werden) und alles andere dabei
verdeutlicht werden. sofort sein zu lassen, schaffen wir mühelos. Kaum
jemand fragt, ob man denn auch Zeit hätte für

Bild
Laut vor sich Hinsprechende – früher ein ein Gespräch und niemand antwortet, er könne
Fall für die Psychiatrie – gehören heute zum jetzt gerade nicht, weil er sich im öffentlichen
alltäglichen Strassenbild. Man hat sich an diese Raum mit vielen anderen Menschen befinde. So
Praxis genauso gewöhnt wie man sie auch etwas kann man sich nur noch in einem Film
selbst ausführt. Lediglich in geschlossenen von Achternbusch vorstellen.
öffentlichen Räumen – beim Zugfahren oder in
Cafés – gibt es noch keinen gesellschaftlichen Stand der öffentliche Raum auch für das
Konsens. […] Man hat sich auch genauso gedankenverlorene Bewegen und für die
daran gewöhnt, private Gespräche mitzuhören, Möglichkeit, auf Unvorbereitetes und Zufälliges
wie andere bei den eigenen Gesprächen zu stossen, also für eine unverplante offene
mithören zu lassen. Der andere, der Mithörende, Zeit, so hat das Handy diese « Leerzeiten »
ist für den Telefonierer eigentlich gar nicht da, zunehmend eliminiert. Sobald die « Gefahr » der
darum kann er auch alles hören, weil man Langeweile aufkommt, bietet das Handy
miteinander gar nichts zu tun hat. Man kennt ihn Abwechslung und ersetzt diesbezüglich den
nicht, will ihn auch gar nicht kennen lernen im öffentlichen Raum fehlenden eigenen
und rechnet auch nicht damit, irgendwann später Fernseher. Man zappt sich durch die Nummern
auf ihn wiederzutreffen. Umgekehrt existiert der Bekannten, bleibt beim einen oder anderen
der Telefonierende für die Mithörer auch nicht. hängen, telefoniert oder schickt eine SMS. Die
Man hört ihn reden, hört aber nicht zu. Er Kontaktaufnahme zu anderen im selben real-
urbanen Raum, das Einnehmen von Territorien ein dynamisches und kreatives Gefüge, das

Künstlerische Interventionen im
öffentlichen Raum erfordern
gründliche Abklärungen.
Umsetzung durch Kunstwerke von unterschiedlichsten
Kunstschaffenden, ins Zentrum der Ausstellung.
eine neue, innovationsfördernde Form der
Kunstvermittlung darstellt. » Bei ADB, einem
jungen Kuratorium unter der Leitung von Marcel
Nicht die nahe liegende urbane Bühne Henry, wird dementsprechend Kunstvermittlung
von Innovative KuratorInnen wurde als Schauplatz für « Wanderziel Kunst » nicht nur über die üblichen Wege, das heisst in
Dominik ermöglichen, dass KünstlerInnen gewählt, sondern fünf SAC-Hütten im Form von Flyern, Plakaten und Ähnlichem
Imhof in neue Gebiete vordringen Hochgebirge. Bereits mehrmals veranstaltete betrieben, sondern beispielsweise auch mit
können. Sie schaffen die Basis der SAC Ausstellungen. 2009 wurde das Handy-Applikationen. ADB schafft seine Präsenz
für künstlerische Experimente Projekt unter Andreas Fiedler in Zusammenarbeit insbesondere über eine mediale Öffentlichkeit,
im Labor der Öffentlichkeit. mit dem Schweizerischen Kunstverein einerseits durch die klassischen Medien,
durchgeführt. Die Auseinandersetzung mit der andererseits über ihre Plattform im Internet.
Verschiedene aktuelle Projekte zeigen besonderen Umgebung auf über 2500 Metern Gleichzeitig versteht sich ADB nicht als ein
das Interesse und die Vielfältigkeit der Kunst über Meer rund um die Berghütten in den vier Projekt, das an einen Standort gebunden ist.
im öffentlichen Raum und unterschiedliche Sprachregionen der Schweiz stand im Zentrum, Zuerst ist jeweils ein interessanter (Un-) Ort.
Ansätze, wie mit ihr umgegangen werden kann. womit eine vollkommen andere Öffentlichkeit Dafür werden Kunstschaffende gesucht, die
Exemplarisch sind einerseits Grossausstellungen angesprochen wurde : Für einmal konnte nicht darauf reagieren können.
wie die « Schweizerische Plastikausstellung » nur ausserhalb des institutionellen Rahmens,
in Biel, die 2009 unter dem Titel « Utopics » sondern auch ausserhalb des urbanen Raums Auf ganz andere Art und Weise ist die
durchgeführt wurde oder das 2009 realisierte Kunst betrachtet werden. Im Projekt « Wanderziel Streetart im öffentlichen Raum präsent. Sie
Projekt « Wanderziel Kunst : Ein- und Aussichten » Kunst » wurde der Versuch unternommen, fand zwar seit den 1980 er Jahren Eingang in die
mit Kunstwerken in luftiger Berghöhe zu nennen. neue und andere Schichten von Betrachtern Kunstinstitutionen und wird inzwischen ebenso
Andererseits setzen sich kleinere Projekte von zu erreichen. vom Kunstmarkt in Beschlag genommen, doch
Künstlern und Kuratoren, wie NOMAD oder ADB ist sie grösstenteils immer noch mit dem Flair
an verschiedenen Austragungsorten, eingehend Der Berner Künstler Alain Jenzer zeichnet des Underground behaftet und am Rande der
mit dem öffentlichen Raum auseinander. verantwortlich für die Ausstellungsreihe Legalität angesiedelt. Dies führt auch dazu, dass
Schliesslich zählt auch die Streetart zur Kunst NOMAD, die er wie folgt definiert : « In der sie zwar gesehen, aber kaum wahrgenommen
im öffentlichen Raum, sogar als Kunstform, Schweiz und im Ausland organisiert NOMAD wird. Gleichzeitig ist die Streetart – wie der
die dort geboren wurde. Experimentier- und Ausstellungsplattformen für Begriff bereits zeigt – Kunst der Strasse und
Kunstschaffende aus dem In- und Ausland. ausschliesslich für diesen öffentlichen Ort
Gerade der städtische Raum ist ein beliebter NOMAD-Interventionen finden an ständig produziert. Die Streetart ist demnach keine Kunst,
Tummelplatz für Kunstprojekte. Viele Kunst- wechselnden, unkonventionellen Orten statt. » die aus ihrem traditionellen Rahmen erst an
schaffende finden dort ideale Bedingungen für Bisher konnten drei Ausstellungen in Bern die Öffentlichkeit befördert werden muss,
ihre Eingriffe vor, einerseits weil sich in einem und je eine in Rom, Prag und Basel durchgeführt sondern sie findet per se im öffentlichen Raum
städtischen Gefüge immer wieder Freiräume werden. Das Nomadische wird damit zu statt. Dass Streetart mehr sein kann als simple
öffnen, andererseits weil das Publikum einem Konzept der Ausstellungsreihe. Mit den Tags von anonymen Sprayern, ist eigentlich
schon anwesend ist. Seit 1954 findet zirka alle Ausstellungen soll auf die unterschiedlichen längst klar, doch als Kunstform des öffentlichen
fünf Jahre in Biel die « Schweizerische und spezifischen Qualitäten der gewählten Raums wird sie dennoch kaum wahrgenommen.
Plastikausstellung » (SPA) statt. Anfangs galt öffentlichen Orte aufmerksam gemacht und neue
die Ausstellung als Plattform für Skulpturen- Perspektiven auf den städtischen Raum
schaffende unter freiem Himmel und der erste eröffnet werden.
Leiter hoffte, damit « das Publikum für die
Skulptur zu begeistern, da sie öffentlich sichtbar Das Nomadische ist auch im Konzept des
auf Fassaden und öffentlichen Plätzen in Kuratoriums ADB | Amici Di Borgo angelegt,
Erscheinung tritt ». Inzwischen ist mit « Utopics » jedoch rückt hier die Vermittlung der Kunst bereits
die SPA in ihrer elften Ausgabe zu einer in ihrem Programm in den Vordergrund :
Schau der Gegenwartskunst im urbanen Raum « Es handelt sich um ein informelles Netzwerk,
geworden, bei der über fünfzig Arbeiten über das sich im Kunst- und Kulturbereich formiert
die gesamte Stadt Biel verteilt zu sehen waren.
Simon Lamunière stellte das Intervenieren im
und durch persönliche Kontakte sowie die neuen
Medien aktiv betrieben wird. Daraus ergibt sich
Einsatz

von
Simon
Strategien
Er hat 2009 die Bieler
Skulpturenausstellung «Utopics»
Steilpass
Lamunière kuratiert und kennt die Arbeit
mit Kunst im öffentlichen
Raum bestens. Der Genfer
Kurator über verschiedene
Realitätsebenen und wie
Künstler darauf reagieren.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts einfordern oder aneignen, schaffen sie neue Makroebene ab. Sie können mikroskopisch
hat sich die Stellung des Individuums in der Tatsachen oder stellen die Weichen für klein und lokal begrenzt sein und dennoch von
Gesellschaft erheblich verändert. Neue neue Verhaltensweisen. umfassender Tragweite. Ein Einzelner kann
Technologien haben neue Territorien erschlossen den öffentlichen Raum infiltrieren wie ein Virus,
und spürbar wirkt sich die Präsenz der Medien Die Menschheit hat sich dank immer neuer wenn er es richtig angeht. Das Bild, das er
und deren Nutzung auf die Selbstwahrnehmung Entdeckungen, dank Nomadentum, erzeugt, sein Avatar, kann sich ausbreiten und
des Individuums und die Wahrnehmung Eroberungen und Kolonialisierung unaufhörlich im Extremfall einen Angriff auf die globalisierte
der Umwelt aus. Computer und Mobiltelefon ausgebreitet und so die Grenzen der physischen Welt starten.
garantieren durch die ständige Anbindung Welt immer weiter zurückgeschoben.
an drahtlose Netzwerke die stete Erreichbarkeit Heute regeln und beherrschen die bestehenden Angesichts der globalisierten Welt, in
der Individuen und über GPS-Systeme deren politischen Systeme praktisch den gesamten der vieles reguliert und verplant ist, scheinen
Lokalisierbarkeit. Der physische Raum Globus und die unbesetzten Zonen werden Kunstwerke, die sich im öffentlichen Raum
ist in einem nie dagewesenen Masse (virtuell) immer kleiner. Selbst wenn Gebiete abspielen, tatsächlich als Alternativen zur
erweitert worden und der Mensch richtet vorübergehend keiner Regulierung unterworfen herrschenden Ordnung anzubieten.
sich nach dieser neue Realität. sind und anscheinend ungeregelt neu besetzt Die künstlerischen Stimmen, die sich Gehör zu
werden, gibt es nur noch wenig vollkommen verschaffen wissen, bilden einen Kontrapunkt
Die zunehmend fliessenden Grenzen unberührtes Land. Nicht anders verhält zur verbreiteten Denk- und Sichtweise. Es
zwischen verschiedenen Realitätsebenen es sich mit dem bereits stark strukturierten wird immer Individuen oder Gruppierungen
wissen die Künstlerinnen und Künstler in ihrer und überladenen öffentlichen Raum : Die geben, die etablierte Wertsysteme hinterfragen,
Arbeit zu nutzen. Sie entwickeln Strategien Handlungsspielräume werden immer enger. neue Sichtweisen vorschlagen und neue
der Raumbesetzung, die diesen Ungewissheiten Forschungsfelder erschliessen. Wir sehen uns
und Ungenauigkeiten Rechnung tragen. Sie Globalisierung und Medialisierung haben mit originellen Projekten konfrontiert, die auf
schleusen ihre Denkweisen an der Peripherie Distanzen und Massstäbe verschoben. Die aktuelle Phänomene Bezug nehmen und uns
ins System ein oder infiltrieren das ganze künstlerischen beziehungsweise politischen und zum Nachdenken anregen.
System mit ihren Gedanken. Oft arbeiten gesellschaftlichen Aktivitäten haben sich dieser
Künstler mit minimalen Verschiebungen, die Entwicklung entsprechend verändert und spielen Nach Absprache mit dem Autor leicht
veränderter Auszug aus :
aber gelegentlich grosse Wirkung entfalten. sich – wie bei der Verbreitung von Viren – Utopics, Systems and Landmarks,
Indem sie andersartige Territorien erfinden, gleichzeitig auf der Mikro- wie auf der JRP-Ringier, 2009.
Redaktion : Marcel Henry
Lektorat : Sonja Gasser
Korrektorat : Nadja Wagner
Grafik : Notter + Vigne
Druck : W. Gassmann AG
ADB | Amici Di Borgo
www.amicidiborgo.com
mail@ amicidiborgo.com
ADB © 2010

Pedro Wirz, Was ich sehe, Basel, 2009.

Domenico Billari, o.T., Basel, 2007.

Ronny Hardliz / Jürg Schluep, Annunciazione, Locarno-Muralto, 2009.

Jan Philip Scheibe, Waldparkplatz, Berlin, 2007.

Biel, Oberer Quai / Jurastrasse, 13. September 2009 (15 : 50)

Biel, Bahnhof, 22. Mai 2009 (08 : 48)

Simone Zaugg, Nebelfelder / Champs de brouillard, Biel, 2010.

Muriel Baumgartner, Reservierte Plätze / Places réservées, Biel, 2010.

Ronny Hardliz / Jürg Schluep, Denunciazione, Bern, 2009.

Domenico Billari, Love, Basel, 2007.