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Plenarprotokoll 17/35

Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht

35. Sitzung

Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Inhalt:

Tagesordnungspunkt 23: Jan van Aken (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . 3325 A


a) Unterrichtung durch die Bundesregierung: Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3325 C
Bericht der Bundesregierung zum
Stand der Bemühungen um Abrüstung, Erich G. Fritz (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3325 C
Rüstungskontrolle und Nichtverbrei-
tung sowie über die Entwicklung der
Streitkräftepotenziale 2009 (Jahresab- Tagesordnungspunkt 24:
rüstungsbericht 2009) Antrag der Abgeordneten Dr. Konstantin von
(Drucksache 17/445) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3309 A Notz, Wolfgang Wieland, Jerzy Montag, wei-
b) Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND-
FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: NIS 90/DIE GRÜNEN: Keine Vorratsdaten-
Deutschland muss deutliche Zeichen für speicherungen über den Umweg Europa
eine Welt frei von Atomwaffen setzen (Drucksache 17/1168) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3327 B
(Drucksache 17/1159) . . . . . . . . . . . . . . . . 3309 B Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/
d) Antrag der Abgeordneten Katja Keul, DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3327 B
Dr. Frithjof Schmidt, Kerstin Andreae, Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU) . . . . . . 3328 C
weiterer Abgeordneter und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Rüstungs- Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
exportberichte zeitnah zum Jahresab- DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3329 C
rüstungsbericht vorlegen Christine Lambrecht (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 3331 B
(Drucksache 17/1167) . . . . . . . . . . . . . . . . 3309 B
Christian Ahrendt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 3332 C
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister
AA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3309 C Christine Lambrecht (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 3333 D
Uta Zapf (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3312 A Christian Ahrendt (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . 3333 D
Roderich Kiesewetter (CDU/CSU) . . . . . . . . 3313 C Jan Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3334 A
Inge Höger (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . 3315 D Ansgar Heveling (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . 3335 C
Agnes Malczak (BÜNDNIS 90/ Gerold Reichenbach (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 3337 C
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3316 D
Gisela Piltz (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3339 B
Elke Hoff (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3318 D
Jan Korte (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 3339 D
Dr. Rolf Mützenich (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . 3319 D
Gerold Reichenbach (SPD) . . . . . . . . . . . . 3340 D
Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU) . . . . . . . . . 3321 D
Petra Pau (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3342 A
Jan van Aken (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . 3322 D
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/
Philipp Mißfelder (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . 3324 A DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3343 A
II Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Michael Frieser (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3344 A Dr. Daniel Volk (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3366 C


Dr. Eva Högl (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3345 C Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3368 C
Clemens Binninger (CDU/CSU) . . . . . . . . . . 3347 A
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3347 C Tagesordnungspunkt 27:
Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/ a) Antrag der Abgeordneten Ute Vogt, Ulrich
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3348 B Kelber, Marco Bülow, weiterer Abgeord-
neter und der Fraktion der SPD: Keine
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/
Vorbereitungen für die Wiederauf-
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3349 C
nahme der Erkundung des Salzstocks in
Gorleben bis zum Abschluss der Arbeit
des 1. Parlamentarischen Untersu-
Tagesordnungspunkt 25:
chungsausschusses
a) Antrag der Fraktion der SPD: Fairness in (Drucksache 17/1161) . . . . . . . . . . . . . . . 3369 A
der Leiharbeit
b) Beschlussempfehlung und Bericht des
(Drucksache 17/1155) . . . . . . . . . . . . . . . . 3350 D Ausschusses für Wahlprüfung, Immunität
b) Unterrichtung durch die Bundesregierung: und Geschäftsordnung zu dem Antrag der
Elfter Bericht der Bundesregierung Abgeordneten Ulrich Kelber, Dr. Matthias
über Erfahrungen bei der Anwendung Miersch, Dorothée Menzner, Sylvia
des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes Kotting-Uhl und weiterer Abgeordneter:
(Drucksache 17/464) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3350 D Einsetzung eines Untersuchungsaus-
schusses
Anette Kramme (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3351 A (Drucksachen 17/888 (neu), 17/1250) . . . 3369 A
Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär
Ute Vogt (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3369 B
BMAS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3352 B
Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU) . . . . . . . . 3370 B
Jutta Krellmann (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . 3353 D
Ulrich Kelber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3371 C
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 3354 D
Dorothée Menzner (DIE LINKE) . . . . . . . . . 3372 C
Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3355 C Angelika Brunkhorst (FDP) . . . . . . . . . . . . . . 3373 B
Heike Brehmer (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3356 D Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3374 B
Gabriele Hiller-Ohm (SPD) . . . . . . . . . . . . . . 3358 C
Eckhard Pols (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3375 B
Pascal Kober (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3359 C
Sebastian Edathy (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . 3377 A
Ulrich Lange (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . 3360 B
Reinhard Grindel (CDU/CSU) . . . . . . . . . 3377 D
Marco Buschmann (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . 3379 C
Tagesordnungspunkt 26:
Antrag der Abgeordneten Dr. Barbara Höll,
Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3380 D
Dr. Axel Troost, Richard Pitterle, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE:
Den Kampf gegen Steuerhinterziehung
Anlage 1
nicht dem Zufall überlassen
(Drucksache 17/1149) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3361 C Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . . 3381 A
Dr. Barbara Höll (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . 3361 D
Manfred Kolbe (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . 3362 D Anlage 2
Martin Gerster (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3365 A Amtliche Mitteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3382 C
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3309

(A) (C)

Redetext

35. Sitzung

Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Beginn: 9.02 Uhr

Präsident Dr. Norbert Lammert: Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
Die Sitzung ist eröffnet. Nehmen Sie bitte Platz. die Aussprache 90 Minuten vorgesehen. Wünscht je-
mand dazu eine spontane streitige Debatte mit Kampf-
Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich abstimmung? – Auch das ist nicht der Fall. Wir steuern
habe heute Morgen vor Eintritt in die Tagesordnung offenkundig auf ein außerordentlich friedfertiges Wo-
nichts zu verkünden, was zur Förderung der Motivation chenende zu.
oder zur Behinderung der Tagesordnung geeignet sein
könnte. Dann eröffne ich die Aussprache. Das Wort erhält zu-
nächst Außenminister Dr. Guido Westerwelle.
Also kommen wir sofort zu den Tagesordnungspunk-
ten 23 a, b und d: (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
a) Unterrichtung durch die Bundesregierung
Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Aus-
Bericht der Bundesregierung zum Stand der wärtigen:
(B) (D)
Bemühungen um Abrüstung, Rüstungskon- Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
trolle und Nichtverbreitung sowie über die ren! Kolleginnen und Kollegen! Vor ziemlich genau ei-
Entwicklung der Streitkräftepotenziale 2009 nem Jahr hat Präsident Obama mit seiner berühmten Pra-
(Jahresabrüstungsbericht 2009) ger Rede ein wichtiges Signal für die weltweite
Abrüstung gegeben. Die unkontrollierte Weiterverbrei-
– Drucksache 17/445 – tung von atomaren Waffen ist wohl eine der größten
Überweisungsvorschlag: Bedrohungen unserer Sicherheit. Diese Gefahr einzu-
Auswärtiger Ausschuss (f) dämmen, ist eine Überlebensfrage. Deswegen sind Ab-
Verteidigungsausschuss rüstung und Rüstungskontrolle für die ganze Menschheit
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe von enormer Bedeutung. Es ist die große Menschheits-
Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und herausforderung.
Entwicklung
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie
b) Beratung des Antrags der Fraktionen CDU/CSU, der Abg. Uta Zapf [SPD])
SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Das Jahrzehnt hat gerade erst begonnen, und man darf
Deutschland muss deutliche Zeichen für eine an dieses Thema nicht zu gelassen herangehen. Wir ste-
Welt frei von Atomwaffen setzen hen am Beginn eines Jahrzehnts, bei dem sich noch ent-
– Drucksache 17/1159 – scheiden wird, ob es ein Jahrzehnt der Aufrüstung oder
der Abrüstung werden wird.
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Katja
Keul, Dr. Frithjof Schmidt, Kerstin Andreae, wei- (Wolfgang Gehrcke [DIE LINKE]: Da hat er
terer Abgeordneter und der Fraktion BÜND- leider recht!)
NIS 90/DIE GRÜNEN Die Bundesregierung stellt sich dieser Verantwortung.
Rüstungsexportberichte zeitnah zum Jahres- Deswegen war es mir wichtig, den Jahresabrüstungsbe-
abrüstungsbericht vorlegen richt der Bundesregierung gleich zu Jahresbeginn die-
sem Hohen Hause, dem Deutschen Bundestag, vorzule-
– Drucksache 17/1167 – gen.
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie (f)
Im Koalitionsvertrag haben wir festgeschrieben, dass
Auswärtiger Ausschuss (f) Abrüstung und Rüstungskontrolle zentrale Bausteine ei-
Federführung strittig ner globalen Sicherheitsarchitektur der Zukunft sind.
3310 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) Dies war für die Bundesregierung vom ersten Tag an den Weg für weitere Verhandlungen ebnen, die das (C)
Leitfaden ihrer Politik, und dies ist auch der Kompass Thema einer Reduzierung der Zahl der sogenannten tak-
für die kommenden Jahre. tischen Nuklearwaffen einschließen sollten.
Das nukleare Gleichgewicht des Schreckens, wie es Der Nichtverbreitungsvertrag schreibt drei elemen-
genannt wird, hat im letzten Jahrhundert dazu beigetra- tare Prinzipien fest: erstens die Verpflichtung zur Nicht-
gen, dass Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht verbreitung, zweitens das Gebot allgemeiner und voll-
noch einmal in Krieg und Zerstörung versunken ist. ständiger Abrüstung und drittens übrigens auch das
Aber einiges, was während des Kalten Krieges richtig unbestrittene Recht aller Staaten auf zivile Nutzung der
war, ist heute überholt. Kernenergie. Der Vertrag beruht auf einem gegenseiti-
(Uta Zapf [SPD]: Richtig!) gen Versprechen. Der Selbstverpflichtung zur Nichtver-
breitung steht die Selbstverpflichtung der Atomwaffen-
Die Abschreckungswirkung nuklearer Waffen wird zu- staaten zur Abrüstung gegenüber. Es sind zwei Seiten
nehmend von der wachsenden Gefahr der Verbreitung derselben Medaille.
nuklearer Waffen überschattet.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
der CDU/CSU)
Die Überprüfungskonferenz vor fünf Jahren – Sie
Wir laufen Gefahr, dass sich in zehn Jahren die Zahl der wissen es – scheiterte. Die Welt darf nicht noch einmal
nuklear bewaffneten Länder womöglich verdoppelt, da- fünf Jahre verstreichen lassen. Wir wollen einen Erfolg
runter Länder, die wir heute noch gar nicht auf dem bei der Überprüfungskonferenz im Mai in New York,
Schirm haben. Wir laufen Gefahr, dass nicht nur Staaten wir brauchen ein erneutes Bekenntnis aller Vertragsstaa-
Nuklearwaffen besitzen, sondern auch Terroristen. ten zu den Rechten und Pflichten des Vertrages, und wir
Abrüstung und Rüstungskontrolle sind keine Anlie- wollen einen Aktionsplan mit konkreten Schritten für
gen von gestern; sie sind drängende Aufgaben der Ge- eine Stärkung der drei Grundprinzipien des Vertrages,
genwart und der Zukunft. Abrüstung ist kein naiver die ich eben benannt habe. Dafür wird sich die Bundes-
Idealismus. Abrüstungspolitik ist auch nicht weltfremd; regierung einsetzen.
im Gegenteil: Es wäre weltfremd, Abrüstungspolitik Meine sehr geehrten Damen und Herren Kollegen, bis
jetzt zu unterlassen. heute hat der Iran den Nachweis nicht erbracht, dass
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) sein Nuklearprogramm ausschließlich friedliche Ziele
verfolgt. Ein nuklear bewaffneter Iran wäre nicht nur re-
(B) Es ist kein Zufall, dass sich heute auf beiden Seiten des gional wie ein Funken im berühmten Pulverfass. Ein nu- (D)
Atlantiks Außenpolitiker für nukleare Abrüstung und für klear bewaffneter Iran würde auch das gesamte globale
eine atomwaffenfreie Welt einsetzen, die in ihrer aktiven Nichtverbreitungsregime gefährden. Das können und
Zeit als Politiker und Staatsmänner mit guten Gründen das werden wir als Völkergemeinschaft nicht hinneh-
für die Abschreckung eingetreten sind. Helmut Schmidt, men.
Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Egon
Bahr fordern dasselbe wie Henry Kissinger, Sam Nunn, (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
George Shultz und William Perry. Alle Staaten, die außerhalb des Nichtverbreitungsver-
Im letzten September haben die Staats- und Regie- trages Atomwaffenfähigkeit erlangt haben, bleiben auf-
rungschefs im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen den gerufen, auf nukleare Bewaffnung zu verzichten und
Weg zu einer Welt ohne Atomwaffen vorgezeichnet. Ich dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten. Das Nicht-
erinnere an die Resolution 1887 vom 24. September verbreitungsregime wird durch jeden einzelnen Beitritt
2009. Sie haben in einer historischen Sitzung unter Lei- stärker.
tung von Präsident Obama allen Staaten ins Stammbuch Auf dem Weg zu einer nuklearwaffenfreien Welt
geschrieben, diesen Weg der Abrüstung jetzt entschlos-
brauchen wir aber mehr als den Nichtverbreitungsver-
sen zu gehen. Damit ist auch deutlich, dass Abrüstung trag. Beim Außenministertreffen der G 8 am kommen-
kein deutscher Sonderweg ist, sondern in die Politik der den Dienstag in Ottawa können wir dafür die Grundlage
Völkergemeinschaft eingebettet ist.
schaffen. Die G 8 vereinen mit den USA, mit Russland,
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Frankreich und Großbritannien vier der fünf ständigen
der CDU/CSU) Mitglieder des Sicherheitsrates. Das sind zugleich vier
der fünf anerkannten Atommächte. Ich werde mich in
Das Nachfolgeabkommen zum START-Vertrag Ottawa für eine gemeinsame Position der G 8 zur Abrüs-
zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und tung und zur Rüstungskontrolle einsetzen. Wenn die G 8
Russland ist jetzt zum Greifen nahe. Wir setzen darauf, mit einer Stimme sprechen, dann können wir für Abrüs-
dass die anstehenden ganz aktuellen Gespräche zu einem tung und Nichtverbreitung Beachtliches erreichen.
Ergebnis führen können, sodass in wenigen Tagen – wir
hoffen darauf – vielleicht auch ein Abschluss möglich Nötig ist auch ein weltweit verbindliches Vertrags-
wird. Ein erfolgreicher Abschluss wäre das Signal, dass regime, um waffenfähiges Material konsequent zu kon-
die beiden führenden Atommächte, die mehr als 90 Pro- trollieren, bevor es einer militärischen Verwendung zu-
zent aller Atomwaffen besitzen, ihre Abrüstungsver- geführt wird. Nur so können wir ausschließen, dass
pflichtung ernst nehmen. Das Abkommen könnte auch Nuklearmaterial in die falschen Hände gerät. Auf dem
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3311
Bundesminister Dr. Guido Westerwelle
(A) Nukleargipfel in Washington wird sich die Bundeskanz- fung taktischer Nuklearwaffen sprechen können und (C)
lerin dafür einsetzen. sprechen werden.
Wir brauchen Fortschritte aber auch beim Atom- (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
waffenteststopp-Abkommen. 182 Staaten haben dieses Wieso sprechen? Einfach machen!)
Abkommen unterzeichnet, 151 haben es ratifiziert. Ob- Das setzt einen Prozess voraus, der mit mehr Transpa-
wohl die überwältigende Mehrheit der Staatengemein- renz beginnt, Vertrauen aufbaut und in nachprüfbaren
schaft dieses Abkommen will, ist es bis heute nicht in vertraglichen Vereinbarungen münden kann und soll.
Kraft. Wir appellieren an die Staaten, deren Beitritt für Diese Waffen sind Relikte des Kalten Krieges, sie haben
das Inkrafttreten noch notwendig ist, dass sie diesen keinen militärischen Sinn mehr, sie schaffen keine Si-
längst überfälligen Schritt endlich tun. cherheit, und sie haben deshalb nach Auffassung der
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie Bundesregierung auch keine Zukunft.
bei Abgeordneten der SPD) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der
Abrüstung und Rüstungskontrolle, unsere Verteidi- CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)
gungsfähigkeit und eine verantwortungsvolle Rüstungs- Aber auch das muss klar hinzugefügt werden: Dass wir
exportpolitik sind unverzichtbare Bestandteile der über den Abzug der in Deutschland verbliebenen Atom-
umfassenden Sicherheits- und Friedenspolitik der Bun- waffen nur innerhalb des Bündnisses und mit unseren
desregierung. Das Nordatlantische Bündnis ist und Verbündeten gemeinsam entscheiden, ist eine Selbstver-
bleibt das Fundament unserer Sicherheit. Die zentrale ständlichkeit.
Aufgabe der NATO bleibt das gegenseitige Versprechen
aller Bündnispartner zu Beistand und zu gemeinsamer (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Verteidigung. Ich sage das ausdrücklich, weil das für Nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle sind das
viele Staaten von großem Interesse ist und weil sie auch Gebot unserer Zeit, weil diese Waffen mit ihrem Ver-
bei dieser Frage Sicherheit und ein klares Bekenntnis er- nichtungspotenzial die gesamte Menschheit bedrohen.
warten. Art. 5 des Washingtoner Vertrages ist auch in Es liegt aber auf der Hand, dass wir darüber die konven-
Zukunft Rückgrat des Bündnisses. tionelle Abrüstung nicht vernachlässigen dürfen. Nu-
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten kleare Abrüstung darf nicht dazu führen, dass konventio-
der CDU/CSU) nelle Kriege wieder leichter führbar werden. Deswegen
gehen nukleare Abrüstung und konventionelle Abrüs-
Die Zukunftsfähigkeit der NATO bestimmt aber auch tung nach Auffassung der Bundesregierung Hand in
(B) über die Zukunftsfähigkeit aller Bündnispartner. Daher Hand. (D)
ist es so wichtig, dass die NATO die richtigen Antworten (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
auf die veränderte globale Sicherheitssituation findet. der CDU/CSU)
Bis zum NATO-Gipfel in Lissabon im November erar-
beitet das Bündnis ein neues strategisches Konzept. Die Wir brauchen einen offenen Dialog zwischen der NATO
NATO muss wieder zu einem politischen Ort werden, an und Russland, um den Vertrag über Konventionelle
dem wir uns mit unseren Verbündeten über die gesamte Streitkräfte in Europa, den KSE-Vertrag, neu zu beleben
Bandbreite gemeinsamer Sicherheitspolitik verständi- und an die Erfordernisse unserer Zeit anzupassen.
gen. Abrüstung und Rüstungskontrolle gehören auch in
die NATO. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Dass die Stimme Deutschlands in den internationalen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Debatten zur Abrüstung gehört wird, ist auch der über
der CDU/CSU und der SPD) Jahrzehnte gewachsenen Glaubwürdigkeit deutscher
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Friedenspolitik zu verdanken. Mit diesem Pfund, das wir
Kollegen, ich habe gemeinsam mit meinen Kollegen aus uns in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland
den Niederlanden, aus Belgien, Luxemburg und Norwe- gemeinsam erarbeitet haben, können wir heute wuchern.
gen eine Debatte angestoßen, damit das entscheidende Ich mache mir keine Illusionen – ich weiß, dass Sie das
Zukunftsthema „Abrüstung und Rüstungskontrolle“ wie- genauso sehen –, dass der Weg einfach sein wird. Abrüs-
der zum festen Bestandteil der Bündnispolitik wird. Wir tung und vertragliche Rüstungskontrolle sind dicke Bret-
werden uns Ende April in Tallinn für diese Position im ter, die wir beharrlich bohren werden. Ich freue mich,
Bündnis einsetzen. dass die Bundesregierung dabei auf die breite Unterstüt-
zung dieses Hohen Hauses bauen kann. Ich danke allen
Ohne eine enge Partnerschaft mit Russland ist die Kolleginnen und Kollegen aus den Fraktionen der CDU/
europäische Sicherheitsarchitektur bestenfalls unvoll- CSU, der SPD, des Bündnisses 90/Die Grünen und na-
ständig. Deutschlands Sicherheit ist am besten gewähr- türlich auch den Kollegen meiner eigenen Fraktion, die
leistet, wenn es eine umfassende Sicherheit von Vancou- diesen Kurs deutscher Sicherheits- und Friedenspolitik
ver bis Wladiwostok gibt. Deswegen ist die Kooperation mit Rat und Tat unterstützen. Den interfraktionellen An-
mit Russland so wichtig. In der Frage der Raketenab- trag, der die überwältigende Mehrheit dieses Hohen
wehr sollten wir keine Mühe scheuen, gemeinsame und Hauses hinter sich vereint, verstehen wir in der Bundes-
kooperative Lösungen zu finden. Ich bin auch zuver- regierung als Auftrag und als Verpflichtung. Es ist gut
sichtlich, dass wir über die Reduzierung und Abschaf- und richtig – es ist auch wichtig für unsere Bürger, dies
3312 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Bundesminister Dr. Guido Westerwelle


(A) zu wissen und zu sehen –, dass wir in diesen Schicksals- dem vorliegenden Antrag den Appell an diese Staaten (C)
fragen ein gemeinsames Fundament in diesem Hohen formuliert, zumindest ihre Waffen nicht weiter aufzusto-
Hause haben. cken, die Produktion von Spaltmaterial zu beenden und
sich dem Atomteststoppvertrag anzuschließen. Wir wis-
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
sen, dass Präsident Obama den Atomteststoppvertrag in
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU sowie den USA ratifizieren lassen will. Wir wissen aber auch,
bei Abgeordneten der SPD) dass es da noch eines Stückes Arbeit bedarf. Wir werden
von uns aus ein bisschen Unterstützung leisten müssen,
Präsident Dr. Norbert Lammert: damit diese wichtige Ratifikation zustande kommt.
Das Wort erhält nun die Kollegin Uta Zapf für die Die Verhandlungen in Genf über einen Stopp der Pro-
SPD-Fraktion. duktion von Spaltmaterial stocken, weil sich Pakistan
(Beifall bei der SPD) dem entgegenstellt, obwohl ein fast fertig ausgearbeite-
ter Vertrag vorliegt, der sich schon seit Jahren in den
Schubladen befindet. Es wird eine ganz wichtige Auf-
Uta Zapf (SPD): gabe sein, das zu befördern. Wir sind dazu bereit.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
möchte als Allererstes einen ganz herzlichen Dank an In diesem Zusammenhang wird die Überprüfungs-
alle die, die bei diesem Antrag mitverhandelt haben, aus- konferenz zum Atomwaffensperrvertrag, die im Mai
sprechen. Ich danke, obwohl es ungewöhnlich ist, mei- stattfindet, ein ganz wichtiger Punkt sein. Dabei geht es
nem Kollegen Roderich Kiesewetter, der sich in der Tat um die Frage, wie es der Herr Minister formuliert hat:
bemüht hat, viele Hürden aus dem Weg zu schaffen. Wird es Aufrüstung geben, oder wird es Abrüstung ge-
Herzlichen Dank dafür! Herzlichen Dank aber auch an ben? Diese Überprüfungskonferenz sollte so ausfallen,
Frau Malczak, die mit dafür gesorgt hat, dass der eine dass sich die Teilnehmerstaaten auf ein wegweisendes
oder andere über seinen Schatten gesprungen ist. Ich Abschlussdokument einigen können, das das aufnimmt,
denke, das ist das Kennzeichen dieses Antrags. Wir sind was wir schon einmal erreicht hatten, liebe Freunde. Mit
einen großen Schritt in der parlamentarischen Meinungs- den 13 Schritten im Jahre 2000 hatten wir etwas erreicht,
bildung vorangekommen, und dies in einer schwierigen was wir heute wieder haben niederschreiben müssen.
Situation, in der es unterschiedliche Grade an Zustim-
In diesen 13 Schritten ist unter anderem ein ganz
mung zu dem gegeben hat, was der Herr Minister soeben
wichtiger Punkt enthalten. Dazu will ich ein paar Worte
ausgeführt hat. Wir haben es schwer gehabt. Ich habe ge-
sagen. Das betrifft nicht nur die Strategie der USA, son-
sagt, das ist gleichzeitig eine Zangen- und eine Steiß-
dern auch die der NATO und Russlands. Ich glaube, es
(B) geburt. Aber wir sind zu einem Ergebnis gekommen, wäre gut, wenn man partnerschaftlich dazu käme, im (D)
wenn auch in allerletzter Minute vor der Sitzung aller
Dialog zwischen Russland und den USA – mit dem
Fraktionen.
Signal, das von der Nuclear Posture Review ausgeht –
Ich bin sehr froh; denn bei allen Abstrichen oder Zu- das Richtige zu tun und auch Russland dazu zu bewegen,
geständnissen, die der eine oder andere hat machen müs- den Nuklearwaffen einen geringeren Stellenwert zuzu-
sen, ist es ein Antrag, der in der Tat dazu beitragen kann, schreiben. Das ist der Kernpunkt unserer Diskussion.
die Bundesregierung in der augenblicklichen Situation
Es wird die Zukunft der Abrüstung bestimmen, ob es
zu leiten. Ich sage ausdrücklich „zu leiten“, weil es auch
uns und auch der NATO gelingt, von der Atomwaffen-
da Unterschiede gab, wie sich in den Diskussionen ge-
strategie Abstand zu nehmen. Es geht nicht nur um die in
zeigt hat. Es ist ein gutes Zeichen, dass wir ganz wich-
Deutschland oder anderen europäischen Staaten gelager-
tige Punkte gemeinsam, über alle Fraktionen hinweg, be-
ten Atomwaffen, sondern es geht auch darum, ob sich
schließen können. Aus allen Fraktionen gab es Anträge.
die NATO bei der Verteidigung auf einen Mix aus Atom-
Diese werden im Unterausschuss Abrüstung, Rüstungs-
waffen und konventionellen Waffen stützt oder ob die
kontrolle und Nichtverbreitung beraten werden.
NATO bereit ist, den Stellenwert von Atomwaffen he-
Wir haben gerade am heutigen Tage das Glück, sagen rabzustufen. Bevor es überhaupt dazu kommt, auf Atom-
zu können: Jawohl, START steht kurz vor der Unter- waffen ganz zu verzichten, ist es wichtig, zu sagen, dass
zeichnung. Das ist ein ganz wichtiges Zeichen, auch die Atomwaffen nur noch der Abschreckung gegen Nu-
wenn es nur der erste Schritt in dem bedeutenden Pro- klearwaffen dienen, als Restposten sozusagen. Auch
zess der Abrüstung nuklearer Waffen ist. Wir wissen, Obama hat darauf hingewiesen: Solange es Nuklearwaf-
dass viele weitere Schritte folgen müssen, sei es bilateral fen gibt, werden wir Abschreckung noch brauchen. Aber
zwischen Russland und den USA, sei es ausgeweitet auf wenn es uns nicht gelingt, die Rolle von Atomwaffen in
andere Nuklearwaffenstaaten der P 5. Schon da fangen den Strategien zu minimieren, wird es nicht zu einem
gewisse Schwierigkeiten an. Wie wir von unserem direk- völligen Verzicht kommen. – Deshalb ist mein großer
ten Nachbarn Frankreich wissen, ist dies dort eine viel Appell an die Bundesregierung, ein solches Vorgehen
schwierigere Frage als bei uns. durch Verhandlungen in den NATO-Gremien zu unter-
stützen und voranzutreiben.
Diejenigen, die den Nichtverbreitungsvertrag nicht
unterzeichnet haben – der Minister hat es erwähnt –, Ich bin nicht ganz pessimistisch. Wir haben eine Un-
aber über Nuklearwaffen verfügen, müssen, wenn wir terrichtung von einem der zwölf Apostel bekommen, der
Global Zero, Abrüstung auf null, wirklich wollen, in der einer Gruppe angehört, die eine neue Strategie vorberei-
Endphase einbezogen werden. Deshalb haben wir in tet. Ich hatte den Eindruck, dass man auch in dieser Stra-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3313
Uta Zapf
(A) tegie empfehlen wird, das Ziel der völligen nuklearen friedlichen Lösung all jener Probleme, die ich angerissen (C)
Abrüstung festzuschreiben. Das hat – auch für die au- habe, beteiligen.
genblickliche Planung – Konsequenzen. Ich bitte herz-
lich darum, Taten folgen zu lassen. Nochmals herzlichen Dank an alle für die gute Ko-
operation. Das lässt mich für die Zukunft dieser Legisla-
Es gibt noch einen weiteren Punkt, um den wir gerun- turperiode hoffen.
gen haben. Vonseiten der nichtgebundenen Staaten wird
Herzlichen Dank.
die Drohung ausgesprochen, dass sie sich im Rahmen
der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrver- (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
trag einem Abschlussdokument verweigern werden, falls DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
es keine Resolution für eine atomwaffenfreie Zone im CDU/CSU und der FDP)
Nahen und Mittleren Osten geben sollte. Ich glaube
– auch dieser Punkt ist wichtig –, dass das Ziel, das mit
Präsident Dr. Norbert Lammert:
dieser Resolution angesteuert wird, eines der schwierigs-
ten ist, weil es sich hierbei, wenn es um Abrüstungsfra- Roderich Kiesewetter ist der nächste Redner für die
gen und um Sicherheit geht, um die allerschwierigste CDU/CSU-Fraktion.
Region handelt. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
Zu Recht ist darauf hingewiesen worden, dass es nicht
nur um die nukleare Abrüstung geht, sondern auch um
eine Verabredung zur Rolle der konventionellen Streit- Roderich Kiesewetter (CDU/CSU):
kräfte. Das betrifft nicht nur den KSE-Vertrag – wir wis- Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kolle-
sen es sehr zu schätzen, dass dieses Thema wieder auf gen! Wir debattieren hier heute nicht nur über den
den Tisch des Hauses gebracht wird –, sondern auch den Jahresabrüstungsbericht 2009 der Bundesregierung, son-
Nahen und Mittleren Osten. Das betrifft natürlich auch dern wir sprechen auch über einen fraktionsübergreifen-
die Regionen Indien und Pakistan, in denen die beiden den Antrag, der von vier Fraktionen dieses Hauses aus
Mächte derzeit derart aufrüsten, dass man das Schaudern fünf Parteien vorgelegt wird. Ich denke, das ist ein gutes
bekommen kann. Wenn wir generell über den Jahresab- Signal für die Öffentlichkeit, für unsere Bevölkerung.
rüstungsbericht sprechen, sollten wir das im Blick behal- Wir sind froh, dass wir heute – ich nenne es einmal so –
ten. Wir stehen auch in diesem Bereich in der Pflicht, auf diese Osterbotschaft senden können. Herzlichen Dank
weitere Abrüstung hinzuwirken. Das betrifft natürlich an alle Beteiligten, insbesondere an Frau Hoff, Frau Zapf
auch die eigenen Lieferungen, die nicht maßlos zur kon- und Frau Malczak! Wenn ich diese drei Namen nenne,
(B) ventionellen Aufrüstung beitragen sollten. könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass Abrüstung (D)
weiblich geworden ist. Aber ich denke, dass alle, auch
Lassen Sie mich einen letzten Punkt erwähnen. Die die Herren des Hauses, dahinterstehen.
Proliferationsgefahr, die mit der zivilen Nutzung von
Nukleartechnologie verbunden ist, ist uns bewusst. Wir setzen damit ein klares Zeichen für eine überlegte
Wenn man sich vorstellt, welche möglichen weiteren Abrüstung. Der fraktionsübergreifende sicherheits-
Gefahren durch die Verbreitung der Nukleartechnologie politische Antrag hat die beteiligten Fraktionen über
und durch das dadurch anfallende Nuklearmaterial – sei mehrere Monate hinweg an die Grenze des Auslotbaren
es Abfall, sei es Material zur Wiederverwertung – auch gebracht. Das zeigt aber auch, mit welcher Ernsthaftig-
in Bezug auf die illegale oder die terroristische Verwen- keit wir darüber gesprochen haben. Es ist gut, dass unser
dung entstehen, dann glaube ich, dass es höchste Zeit ist, Koalitionsvertrag bei einem Großteil des Parlaments für
dass wir darüber reflektieren, und zwar nicht nur in Be- Übereinstimmung und gemeinsames Handeln sorgt. Viele
zug auf die Sicherung dieser Materialien – demnächst Formulierungen finden sich im gemeinsamen Antrag
soll auf dem Gipfel in Washington darüber beraten wer- wieder. Das macht Mut für künftige sicherheitspolitische
den –, sondern auch in Bezug auf die Frage, wie wir im Initiativen, zum Beispiel für die G-8-Initiative „Globale
Zuge einer solchen Entwicklung gewährleisten können, Partnerschaft gegen die Verbreitung von Massenvernich-
dass eine sogenannte Fuel Bank etabliert wird. Es wird tungswaffen“.
nicht leicht sein, anderen Staaten zu sagen: Ihr dürft die- Bei aller Hoffnung und ohne die für Deutschland
ses Material, das ihr für die Reaktoren verwenden wollt, manchmal typische rosa Brille möchte ich aus Sicht der
nicht selbst herstellen; wir wollen das unter internationa- Union ein paar Punkte ansprechen.
ler Kontrolle machen. – Dies wäre aber ein wichtiger
Schritt. Wir kennen das aus den ganz schwierigen Dis- Bei Abrüstung geht es natürlich auch um unsere deut-
kussionen mit Iran. schen Interessen, um die Klärung unserer sicherheits-
politischen Interessen, einschließlich der Festigung der
Wenn ich noch ein Problem auftischen soll, das völlig transatlantischen Bindung und der europäischen Verwur-
ungelöst ist, muss ich an Nordkorea erinnern. Die zelung. Es geht um Grundwerte wie Freiheit und Demo-
Sechs-Parteien-Gespräche müssen von uns unterstützt kratie, Menschenrechte und Wohlfahrt. Es geht aber
werden. Es muss eine Lösung gefunden werden, damit auch um die Glaubwürdigkeit unserer Außen- und Si-
dieses Land, das sich aus dem Atomwaffensperrvertrag cherheitspolitik. Wir alle wissen, dass unsere heutige
quasi abgeseilt hat, in die Vertragsgemeinschaft zurück- Initiative nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einem
kehrt. Es muss eingebunden werden und sich an einer großen Ziel ist. Selbst Obama hat gesagt, dass es bis zu
3314 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Roderich Kiesewetter
(A) einer nuklearwaffenfreien Welt möglicherweise eine Ge- einer nuklearen Rückversicherung im strategischen Kon- (C)
neration dauern kann. zept der NATO. Warum? Solange es noch Atomwaffen
gibt, solange es noch andere Massenvernichtungswaffen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
auf der Welt gibt – das strategische Konzept enthält al-
der Abg. Uta Zapf [SPD])
lerdings ein deutliches Zeichen der Rückführung der Be-
Deshalb sollten wir bei allem Elan schon jetzt auch an deutung der Nuklearwaffen – und solange die Gefahr der
konventionelle Abrüstung und an Integration von kon- Proliferation nicht gebannt ist, brauchen wir als letzte
ventioneller und nuklearer Abrüstung denken. Die Er- Rückversicherung wenige Nuklearwaffen im Bündnis.
nennung von Victoria Nuland als US-Sonderbeauftragte Früher hieß das Abschreckung. Diese sollten wir erst
für konventionelle Abrüstung ist ein hoffnungsfrohes dann aufgeben, wenn keine Staaten mehr mit Atomwaf-
Zeichen dafür, wie ernst unser wichtigster Bündnispart- fen drohen können. Denn außerhalb Europas ist die Lage
ner auch die konventionelle Abrüstung nimmt. nicht sonderlich erquicklich.
Es ist Auffassung der Union, dass der politische Wenn wir den Blick in den Abrüstungsbericht wa-
Zweck der nichtstrategischen Atomwaffen in Europa ent- gen, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehen wir: Nord-
fallen ist. Aber wenn wir diese Abrüstung wollen, dann korea ist unberechenbar. Atommächte wie Pakistan und
muss sie im Bündnis abgestimmt sein, dann müssen wir Indien befinden sich nicht gerade in Friedensverhand-
schrittweise vorgehen – mit den USA, ohne einseitige lungen. Die Gefahr nuklearer Rüstung im Iran hat unab-
Vorleistungen –, dann muss das im Zuge der Überarbei- sehbare Konsequenzen, beispielsweise für das Bedro-
tung des strategischen Konzepts der NATO geschehen hungsgefühl Israels, Saudi-Arabiens und der Türkei.
– Frau Zapf hat das eben angesprochen – und unter Ein- Sicherheitspolitik hat nicht immer nur mit klaren Fakten
beziehung – das ist uns von der Union ganz besonders zu tun. Sicherheitspolitik hat viel mit Psychologie und
wichtig – aller nichtstrategischen Atomwaffen in Europa, Bedrohungswahrnehmung zu tun. Auch daran können
auch der russischen. wir arbeiten. Im Abrüstungsbericht ist davon die Rede,
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und dass in Syrien möglicherweise geheime nukleare Aktivi-
der FDP) täten aufwachsen. Die IAEO hat hierzu Überlegungen.
Wir Deutschen arbeiten intensiv an der Multilateralisie-
Nukleare und konventionelle Abrüstung unter Anpas- rung des Brennstoffkreislaufs. Es gibt also ganz viele
sung des KSE-Vertrags ist der Einstieg in eine koordi- Ansatzpunkte für Abrüstung, nicht nur im militärischen
nierte Abrüstung. Wir sollten dabei auch die Wahrneh- Bereich.
mung der baltischen Staaten und unseres polnischen
Nachbarn hinsichtlich der Bedrohungslage ernst neh- Wir werben für Transparenz und Kooperationsmaß-
(B) men. Die haben nämlich einen etwas anderen Bezug zur nahmen, für Verifikation für alle Massenvernichtungs- (D)
Geschichte. Deshalb müssen wir sie frühzeitig in unsere waffen. Deshalb sollten wir noch stärker auf einen Erfolg
Überlegungen einbeziehen. bei der Genfer Abrüstungskonferenz hinwirken. Unsere
Wertegemeinschaft gilt es gegen die Bedrohung durch
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Massenvernichtungswaffen zu schützen. Aber wie leis-
Wie stellen wir uns das konkret vor? Wir bleiben in ten wir das ohne Nuklearwaffen? Auch darüber sollten
der NATO und in der Europäischen Union fest veran- wir uns als Parlament Gedanken machen. Es gibt eine
kert. Beiden Wertegemeinschaften verdanken wir unsere Lösung; darüber werden wir debattieren müssen: Wir
Sicherheit, unseren Wohlstand, aber auch unser Gewicht sollten darauf hinarbeiten, dass die geplante Raketenab-
in der Welt. Die Einigung bei START, also hinsichtlich wehr der NATO gegen Massenvernichtungswaffen für
der Reduzierung der strategischen Atomwaffen, zwi- alle offen ist, die daran mitwirken wollen. Sie richtet sich
schen den USA und Russland, die wohl in den nächsten gegen unberechenbare Staaten im Mittleren und Fernen
14 Tagen bevorsteht, ist vielversprechend. Wir müssen Osten, Staaten, die sich nicht an den Nichtverbreitungs-
alle Kraft auf die Überprüfungskonferenz zum Nichtver- vertrag halten bzw. den Teststoppvertrag verletzen. Eine
breitungsvertrag im Mai setzen und in diesem Jahr ver- partnerschaftliche und nicht ausgrenzende Raketenab-
suchen, endlich die Ratifizierung des Teststoppvertrags wehr schafft Transparenz und Vertrauen, insbesondere
zu erreichen – es fehlt immer noch die Ratifizierung mit Blick auf Russland und China.
durch neun Staaten –, damit dieser Vertrag in Kraft tre- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
ten kann. neten der FDP)
Der Fahrplan des Abzugs nichtstrategischer Atom-
Wir sollten deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen,
waffen aus Deutschland und Europa hat abgestimmt im
intensiver über Sicherheitspolitik und sicherheitspoliti-
Bündnis zu erfolgen, auch mit den fünf Staaten, in denen
sche Architekturen nachdenken, weit über unsere natio-
sie zurzeit noch gelagert sind. Wenn diese Nuklearwaf-
nalen Befindlichkeiten hinaus. Wir brauchen die breite
fen keine militärische Rolle mehr spielen, sollten wir das
Debatte. Wir können es auch offen ansprechen: Wir ha-
auch in unsere Gespräche mit der Türkei einbeziehen. Es
ben es mit dem Ende des Kalten Krieges versäumt, diese
gibt ja auch schon Überlegungen, wie man diese Atom-
wertegeleitete Debatte in Deutschland mit Blick auf un-
waffen unter internationale Kontrolle stellen könnte. Ich
sere sicherheitspolitischen Interessen zu führen. Das
denke an die Vorschläge, die bei der IAEO vorliegen.
Weißbuch von 2006 ist gut, die Konzeption der Bundes-
Parallel zum Abrüstungsfahrplan brauchen wir – Frau wehr von 2004 auch. Aber wir haben das nicht in die Öf-
Zapf hat es vorhin angesprochen – die Aufrechterhaltung fentlichkeit getragen. Wir sollten weiter und breiter in
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3315
Roderich Kiesewetter
(A) der Öffentlichkeit darüber diskutieren. Der Anstoß kann Dennoch: Visionen schaffen keine Sicherheit. Aber sie (C)
von uns ausgehen. schaffen Zielmarken. Sie ermöglichen einen Fahrplan.
Aber der Fahrplan braucht Haltestellen. An diesen Halte-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) stellen sollten Meilensteine der Abrüstung stehen, nicht
Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir dürfen die De- auf Visionen beruhend, sondern auf klaren Fakten, or-
batte nicht blauäugig führen. Gutmenschentum ist in der dentlichen Verhandlungen, gegenseitigem Respekt. Das
Sicherheitspolitik fehl am Platz. Hier zählen Fakten, Be- ist möglich, wenn wir die Interessen unserer Nachbarn,
drohungswahrnehmungen, strategische Interessen, histo- auch die Befindlichkeiten unserer ferneren Nachbarn,
rische Zusammenhänge und psychologische Befindlich- und die historischen Zusammenhänge kennen. Wir brau-
keiten. Aber es geht auch um Glaubwürdigkeit und chen für glaubwürdige Abrüstung Vertrauen, Verlässlich-
verlässliche Stärke. Wir brauchen eine Analyse der si- keit und Transparenz.
cherheitspolitischen Herausforderungen und ihrer Ursa-
Abrüstung mit Frieden zu verwechseln, ist ein schwe-
chen mit Blick auf Terrorismus, Aufrüstung und unkon-
rer Fehler. Abrüstung ist wichtig. Aber die Geschichte
trollierte Verbreitung, also Proliferation. Es gilt der
lehrt, dass zumeist nicht Abrüstung zu Frieden führt,
Grundsatz: Je weniger Nuklearwaffen, desto geringer die
sondern dass friedliche Zusammenarbeit erst einmal zu
Gefahr, dass dieses Material in terroristische Hände fällt.
geringerem Misstrauen, dann zu weniger Angst und
Unsere heutige Abrüstungsinitiative ist dann sinnvoll dann zu Abrüstung führt. Das hat kein Geringerer als
und erfolgversprechend, wenn wir uns über unsere deut- Richard von Weizsäcker festgestellt.
schen Sicherheitsinteressen glaubwürdig und vor allem
Abrüstung führt dann zum Erfolg, wenn sie kein
auch für unsere Bündnispartner nachvollziehbar verstän-
Selbstzweck ist, sondern wenn sie überlegt, mit den Part-
digen. Das bezieht die Frage der transatlantischen Ab-
nern abgestimmt und mit einem klugen Plan erfolgt, im-
stimmung mit ein. Abrüstung kann somit nur gesamt-
mer mit Blick auf unsere eigenen Interessen, über die
europäisch wirksam sein, und sie muss für nukleare und
wir uns national, in Europa und im Bündnis sehr ordent-
konventionelle Waffen gelten. Wir sollten auch daran
lich verständigen müssen.
denken, mit Russland über die baldige Wiederaufnahme
der Verhandlungen über den KSE-Vertrag zu sprechen, Unser gemeinsamer Antrag ist ein richtiger und zügi-
pragmatisch und offen. ger Schritt. Entscheidend ist, liebe Kolleginnen und Kol-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) legen, dass unsere Abrüstungsziele mit unseren Interes-
sen zusammenpassen. Populismus ist fehl am Platz, aber
Als Rahmen bieten sich hierzu die NATO oder die harte Arbeit umso willkommener. Packen wir es an!
OSZE an. Wir berücksichtigen dabei auch die Sicher-
(B) heitsbedürfnisse unserer östlichen Nachbarn. Wir sollten Herzlichen Dank. (D)
Anreize für Abrüstung schaffen, nicht Misstrauen für (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
neue Aufrüstung. Abrüstung kostet viel Geld; darüber bei Abgeordneten der SPD)
müssen wir uns im Klaren sein. Erst langfristig schafft
sie freie Ressourcen, zum Beispiel für Bildung und For-
schung. Wir brauchen aber auch Mittel zur Sicherung Präsident Dr. Norbert Lammert:
der Nukleararsenale. Nächste Rednerin ist die Kollegin Inge Höger, Frak-
tion Die Linke.
Auf dem Weg zur Verwirklichung des langfristigen
Ziels Global Zero brauchen wir – ich glaube, da sind wir (Beifall bei der LINKEN)
uns einig – die Festlegung einer möglichst geringen An-
zahl von Kernwaffen als Restversicherung, und zwar Inge Höger (DIE LINKE):
möglichst außerhalb Europas. Wenn wir dies wollen,
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Täglich
auch als Parlament, müssen wir uns darüber im Klaren
sterben 500 Menschen weltweit in bewaffneten Konflik-
sein, was das im Hinblick auf die Mitbestimmung, die
ten. Das sind etwa 32 Menschen in den anderthalb Stun-
Teilhabe bedeutet. Auch das ist ein Punkt, über den zu
den, in denen wir heute über Abrüstung diskutieren.
diskutieren ist. Ein zügiges Wegverhandeln der nichtstra-
Nicht wenige von ihnen sterben durch deutsche Waffen,
tegischen Atomwaffen nach dem START-Folgeabkom-
durch Schusswaffen, die in Deutschland oder mit deut-
men ist sicherlich möglich. Mit diesem Vorschlag machen
scher Lizenz produziert wurden.
wir unsere deutschen Interessen klar – pragmatisch und
konstruktiv. Wir gehen im Bündnis Hand in Hand. Die Atommächte dieser Welt besitzen nach wie vor ein
Wir sehen, liebe Kolleginnen und Kollegen: Mit dem nukleares Potenzial, das ausreicht, die Menschheit mehr-
schlichten und euphorischen Ruf nach Abrüstung, nach fach zu vernichten. Trotzdem wird weiter aufgerüstet.
Abzug der Atomwaffen aus Deutschland ist es allein Weltweit wird die unglaubliche Summe von 1 500 Milliar-
nicht getan. Wenn wir ernsthafte Abrüstungsbemühun- den Dollar für Rüstung ausgegeben. Abrüstung ist dem-
gen wollen, die dauerhaft erfolgreich sind, stehen wir nach eine entscheidende Frage, eine Überlebensfrage für
erst am Anfang eines langwierigen und mühsamen Pro- die Menschen auf diesem Planten. Abrüstung ist eine
zesses. drängende politische Aufgabe, der wir uns alle stellen
müssen. Atomare und konventionelle Waffen müssen ab-
Unser Koalitionsvertrag weist den richtigen Weg. Wir gerüstet werden, ganz egal, ob es um Kleinwaffen oder
setzen ihn auch in der Sicherheitspolitik erfolgreich um. Großwaffensysteme geht.
3316 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Inge Höger
(A) (Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Agnes Griechenland als auch die Türkei, nahezu ausgewogen. (C)
Malczak [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]) Sie profitieren von den Spannungen zwischen diesen
beiden Nachbarstaaten. Auch Südafrika und Pakistan
Die Linke ist deshalb für Abrüstung und den Stopp von werden mit deutschen Rüstungsprodukten beliefert.
Rüstungsexporten. Diese Länder haben große ökonomische und soziale Pro-
(Beifall bei der LINKEN) bleme. Wenn Waffen gekauft werden, fehlt das Geld für
Bildung, für Gesundheit, für Soziales. Deutsche Waffen
Die Bundesregierung redet viel von Abrüstung. Herr gehen nach wie vor an Länder, die die Menschenrechte
Westerwelle hat gerade wieder den Beitrag Deutschlands systematisch missachten, zum Beispiel an Saudi-Ara-
für den Frieden in der Welt gelobt. Das ist völlig un- bien. Sie gehen an Länder, die in Kriege und Bürger-
glaubwürdig, solange die Bundeswehr immer mehr für kriege verwickelt sind, an Länder, die sich diese Waffen
Kriege aufrüstet. Es ist verlogen, solange Waffen in na- eigentlich gar nicht leisten können.
hezu alle Regionen dieser Welt geliefert werden. Abrüs-
tungspolitik sieht anders aus. Für Rüstungsunternehmen ist das in der Regel kein
Risiko; denn die Exporte werden mit staatlichen Her-
(Beifall bei der LINKEN) mesbürgschaften bestens abgesichert. Die Linke ist ge-
Auch im Lissabon-Vertrag wird die Doppelmoral gen öffentliche Garantien für Rüstungsgeschäfte.
bei der Rüstung hochgehalten. Der Vertrag regelt seit (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
dem letzten Dezember die rechtlichen Grundlagen auch [Berlin] [FDP]: Sagt das einmal den Arbeitern
für die Außenpolitik der Europäischen Union. In dem von Rheinmetall!)
Vertrag wird nur ein einziges Mal das Wort „Abrüstung“
erwähnt. In Art. 41 und in Art. 42 geht es um „Missio- Die Linke ist für Konversion. Die Linke ist gegen Ge-
nen außerhalb der Union“. Diese Missionen umfassen schäfte mit dem Tod. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist
– Art. 43 – sogenannte „Abrüstungsmaßnahmen“ in unsere Devise.
Drittstaaten, die mit militärischen Mitteln durchgeführt (Beifall bei der LINKEN – Dr. Martin Lindner
werden sollen. Gemeint ist also eine gewaltsame Abrüs- [Berlin] [FDP]: Super! – Wolfgang Gehrcke
tung anderer Länder. Im selben Vertrag verpflichtet die [DIE LINKE]: Da sitzt die Rüstungslobby!)
EU ihre Mitgliedstaaten zu weiterer Aufrüstung. Die EU
legt dabei auch fest, wie dies mit der Europäischen Ver-
teidigungsagentur abgewickelt wird. Hier wird schamlos Präsident Dr. Norbert Lammert:
europäische Machtpolitik betrieben. Abrüstung wird es Die Kollegin Agnes Malczak ist die nächste Rednerin
so nicht geben. für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
(B) (D)
(Beifall bei der LINKEN)
Agnes Malczak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Das schwedische Institut SIPRI hat gerade wieder Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der vor-
festgestellt: Das Volumen des Rüstungshandels ist in liegende Jahresabrüstungsbericht 2009 zeigt die helle
den letzten Jahren weltweit um 22 Prozent gewachsen. Seite der deutschen Außenpolitik. Doch es gibt auch
Zusammen exportieren alle EU-Staaten inzwischen min- eine ziemlich düstere: die der deutschen Rüstungs-
destens so viele Waffen wie die USA. Deutschland hat exporte. Den Rüstungsexportbericht legt die Bundesre-
daran einen ganz erheblichen Anteil: Deutschland hat gierung nicht gerne vor. Bisher liegt der Rüstungsexport-
seine Ausfuhren in diesem Bereich in den letzten fünf bericht weder für das Jahr 2009 noch für das Jahr 2008
Jahren verdoppelt. Deutschland ist damit Europameister vor. Das ist ein Skandal.
beim Handel mit dem Tod und liegt weltweit auf Platz 3.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(Dr. Martin Lindner [Berlin] [FDP]: Was Sie und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
machen, ist unglaublich!) der SPD)
Um wenigstens etwas Licht in die dunklen Rüstungs- Bevor ich auf diese dunkle Seite der deutschen Au-
geschäfte zu bringen, haben wir bereits im Dezember ßenpolitik zu sprechen komme, möchte ich mich zu-
2008 beantragt, dass der Rüstungsexportbericht spätes- nächst einem Lichtblick der deutschen Abrüstungspoli-
tens im zweiten Quartal des Folgejahres vorgelegt wird, tik widmen. Den Fraktionen der CDU/CSU, der SPD,
statt, wie es bisher häufig der Fall ist, erst über ein Jahr der FDP und der Grünen ist es gelungen, sich auf einen
später. gemeinsamen Antrag zur nuklearen Abrüstung zu ei-
(Beifall bei der LINKEN) nigen. Wir Abgeordnete führen in diesem Hohen Hause
leidenschaftliche, teilweise erbitterte Debatten zu allen
Parlamentarische Kontrolle und Debatte über Rüstungs- möglichen Themen, und häufig ist das auch gut so.
exporte sind ein wichtiger Beitrag zur Abrüstung. Trotzdem ist es wirklich einmalig, dass sich heute das
gesamte Parlament zu einem atomwaffenfreien Deutsch-
Rüstungsexporte sind ein doppeltes Problem: Zum ei- land und zu dem Ziel einer atomwaffenfreien Welt be-
nen schaffen Waffen keinen Frieden, zum anderen fehlt kennt.
das Geld, das für Waffen ausgegeben wird, an anderer
Stelle. So haben auch deutsche Waffenverkäufe ihren (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Anteil an dem gigantischen Staatsdefizit in Griechen- sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
land. Deutsche Rüstungsunternehmen beliefern sowohl SPD und der FDP)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3317
Agnes Malczak
(A) Die Entstehung des interfraktionellen Antrages kann wir uns keine Versäumnisse leisten können; denn es ist (C)
durchaus als schwierige Geburt bezeichnet werden. Des- höchste Zeit, zu handeln.
halb möchte ich mich bei Frau Zapf, bei Herrn
Kiesewetter und bei Frau Hoff, die sich immens bemüht (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
haben, dafür bedanken, dass wir dieses tolle Unterfangen Das starke Votum aus dem Parlament für den Abzug
auf die Beine gestellt haben. Mit diesem Antrag ist der der verbliebenen US-Atomwaffen in Büchel in Rhein-
Irrglaube aus dem Kalten Krieg, dass Atomwaffen für land-Pfalz und für eine Stärkung der nuklearen Abrüs-
die Sicherheit unerlässlich sind, endlich aus den Köpfen tung kommt gerade noch rechtzeitig; denn im Mai dieses
aller hier verbannt. Jahres findet die Überprüfungskonferenz des Atomwaf-
Doch für uns ist es nur ein Teilsieg der Vernunft. Dass fensperrvertrages statt. Sie darf nicht scheitern wie vor
bei der Ausarbeitung dieses Antrages nicht alle Fraktio- fünf Jahren.
nen beteiligt wurden, zeigt, dass die ideologischen und Ein Zusammenbruch des Nichtverbreitungsregimes
parteipolitischen Scheuklappen nicht ganz abgelegt wer- und der multilateralen Rüstungskontrolle würde ein
den konnten. Der Ausschluss der Linken, obwohl in der neues Zeitalter des Rüstungswettlaufes von mehr als nur
Sache eigentlich Konsens herrscht, ist aus Sicht der Grü- zwei Großmächten heraufbeschwören. Daher ist es ein
nen eine verpasste Chance. großer Schritt nach vorne, dass wir uns heute gemeinsam
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN für klare Vereinbarungen für weltweite nukleare Abrüs-
sowie bei Abgeordneten der FDP und der LIN- tung, für Rüstungskontrolle, für vertrauensbildende
KEN – Alexander Süßmair [DIE LINKE]: Maßnahmen und Transparenz aussprechen. Der gemein-
Eine Sauerei ist das!) same Antrag enthält wirklich umfassende Forderungen
zur Verwirklichung einer atomwaffenfreien Welt.
Wenn in einer so wichtigen Frage Einigkeit besteht, soll-
ten wir gesamtparlamentarisch Geschlossenheit demon- Für viele dieser Forderungen haben wir Grüne uns
strieren. schon seit Jahren stark gemacht. Das Parlament will,
dass die Bundesregierung für eine Verstärkung von Rüs-
Meine Damen und Herren, die Kanzlerin kann jetzt tungskontrolle und Abrüstung in der NATO eintritt, und
auf ihrer Reise zum Gipfel in die USA ebenso wie der zwar offensiv. Wir stimmen für die Offenlegung von
Außenminister auf seinen Reisen statt einer Kontroverse Plutoniumbeständen und für die Einrichtung eines Kern-
– das kommt häufig vor – einen Konsens mitnehmen, waffenregisters. Der Bundestag setzt sich für das welt-
der Ansporn und Mahnung ist. Abrüstung muss ein weite Inkrafttreten des Atomteststopp-Abkommens ein.
Grundpfeiler für die deutsche Außenpolitik im Dienste Wir erteilen dem Einsatz von Atomwaffen seitens der
des Friedens sein. Diese Außenpolitik darf sich nicht Atommächte gegenüber Nichtkernwaffenstaaten eine (D)
(B)
verstecken, weder vor den USA noch vor der NATO. klare Absage.
Deshalb sollten wir hier nicht zu vorsichtig sein und uns
nicht zu sehr wegducken. Sie sind doch auch sonst nicht Dass dieser Forderungskatalog von der Mehrheit die-
so kleinlaut, Herr Minister. Vertreten Sie diese Anliegen ses Hauses mitgetragen wird, ist ein erstaunlicher Fort-
doch noch offensiver, statt immer nur auf die Bündnis- schritt. Doch bei allem gerechtfertigten Lob und bei aller
verpflichtungen zu verweisen und die nukleare Abrüs- gerechtfertigten Freude über diesen Fortschritt dürfen
tung damit zu verknüpfen. wir uns auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wer glaubt, die nukleare Bedrohung habe sich mit Der interfraktionelle Antrag, so gut er auch ist, kann für
dem Ende des Kalten Krieges erledigt und sei nur noch uns Grüne als Minimalkonsens nur ein Grundstein sein,
ein gruseliges Kapitel in den Geschichtsbüchern, unter- auf dem wir weiter aufbauen müssen. Wer den Bauplan
liegt einem gefährlichen Irrtum. Die von Atomwaffen kennt, der weiß, dass es darüber hinaus noch viel zu tun
ausgehende Gefahr für den Frieden und die Sicherheit gibt.
in der Welt hat eine völlig neue, besorgniserregende Ich möchte drei Baustellen nennen, die für uns we-
Qualität erreicht. Derzeit existieren weltweit 23 000 ato- sentlich sind.
mare Sprengköpfe, von denen schätzungsweise 11 000
rund um die Uhr abschussbereit sind. Die erste Baustelle befindet sich in Deutschland. Wir
wollen auf die Beendigung der nuklearen Teilhabe nicht
Eine zunehmende Zahl von Staaten ist dabei, ihre nu- länger warten als nötig. Nukleare Abrüstung beginnt vor
kleare Enthaltsamkeit infrage zu stellen. Der Mythos, der eigenen Haustür. Deutschland kann und sollte sich
dass Atomwaffen ein Potenzmittel für mehr Macht und schon jetzt dafür einsetzen, dass die Ausbildung von
zugleich eine Immunspritze für mehr Sicherheit sind, Bundeswehrsoldaten und die Bereitstellung von Träger-
verleitet aufstrebende Mächte und jene, die es werden mitteln für den Abwurf von Atomwaffen eingestellt wer-
wollen, dazu, ihre Hände nach der vermeintlichen Wun- den, und damit dem Beispiel Kanadas und Griechen-
derwaffe auszustrecken. Tonnen von waffenfähigem Nu- lands folgen, die ihrerseits vor Jahren die nukleare
klearmaterial lagern teilweise an ungesicherten Orten, Teilhabe beendet haben.
oft nur geschützt durch Maschendrahtzaun. Mit dem
Wachstum von Information und Handel ist heute die Ex- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
pertise für den Bau von Atomwaffen viel leichter verfüg- und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
bar als jemals zuvor. Diese Bedrohungsskizze zeigt, dass der SPD)
3318 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Agnes Malczak
(A) Die zweite Baustelle betrifft die NATO. Auch was die cherheits- und Friedenspolitik und muss daher industrie- (C)
Rolle von Atomwaffen innerhalb der NATO angeht, ist politische Absichten übertrumpfen.
aus grüner Sicht mehr drin. Zur Überwindung einer Poli-
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
tik der nuklearen Abschreckung muss die Ersteinsatzop-
SES 90/DIE GRÜNEN – Wolfgang Gehrcke
tion für Atomschläge endlich abgeschafft werden.
[DIE LINKE]: Genau!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ich stimme dem Minister zu: Nukleare Abrüstung
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
darf nicht zu konventioneller Aufrüstung führen. Aber
der SPD)
gerade deshalb müssen wir auch an die Rüstungsexporte
In der neuen NATO-Strategie, die im Herbst dieses heran.
Jahres beschlossen wird, muss Abrüstung das Kernprin- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
zip eines Bündnisses werden, das für Frieden und und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
Sicherheit stehen will. Das Bündnis muss sich außerdem der SPD)
in Richtung atomwaffenfreies Europa bewegen und in
einem ersten Schritt den Abbau und vor allem auch die Mit anderen Worten: Konsequente und ehrliche Ab-
Verschrottung aller US-Atomwaffen in Europa einleiten. rüstungspolitik erfordert eine restriktive Rüstungs-
exportpolitik und effektive Rüstungskontrolle. Dazu ge-
Die dritte Baustelle ergibt sich aus der Problematik hört auch, dass der Bundestag im Vorfeld und nicht wie
der doppelten Verwendung von Nuklearmaterial, für die in der bisherigen Praxis unzulänglich und erst im Nach-
es nur eine grüne Lösung gibt. Die zunehmende Aus- hinein informiert wird. Wir fordern eine unverzügliche
breitung der zivilen Nutzung der Atomenergie steigert Vorlage der Rüstungsexportberichte für 2008 und 2009
auch die nukleare Gefahr, da immer mehr Staaten die Fä- und setzen uns für ein parlamentarisches Widerspruchs-
higkeiten zum Aufbau militärischer Nuklearprogramme recht ein.
erwerben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Zum Beispiel Brasilien!) Abschließend möchte ich festhalten: Unser heutiges
Bekenntnis für ein atomwaffenfreies Deutschland und
Deutschland muss sich national und weltweit für den eine atomwaffenfreie Welt ist ein erster wichtiger
Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Atomenergie ein- Schritt. Die Einigkeit in dieser Frage über die Par-
setzen und stattdessen die Nutzung erneuerbarer Ener- teigrenzen hinweg ist hierfür ein vielversprechender
gien in der Welt fördern. Lichtblick. Wir Grüne wollen eine nachhaltige Sicher-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN heits- und Friedenspolitik, zu der eine konsequente Ab-
(B)
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten rüstungspolitik untrennbar dazugehört. Und mehr grünes (D)
der SPD) Licht vertreibt auch die hier noch bestehenden Schatten.

Aber stattdessen fördert die Bundesregierung den Export Vielen Dank.


von Atomtechnologie durch die Vergabe von Hermes- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
bürgschaften wie unlängst für das Atomkraftwerk und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
Angra 3 in Brasilien. Wenn kurzfristiger Profit in Sicht der SPD)
ist und die Atomlobby nach neuen Absatzmärkten
lechzt, ist Schwarz-Gelb gegenüber Sicherheitsrisiken Präsident Dr. Norbert Lammert:
blind. Das Wort erhält die Kollegin Elke Hoff für die FDP-
Damit sind wir auch schon bei den düsteren Seiten Fraktion.
der deutschen Außenpolitik angelangt. Der vor kurzem (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
erschienene Bericht des renommierten schwedischen
Friedensforschungsinstituts SIPRI bescheinigt Deutsch-
land einen bitteren Exporterfolg, auf den auch in Zeiten Elke Hoff (FDP):
der Weltwirtschaftskrise niemand stolz sein kann. In den Sehr geehrter Herr Präsident! Meine lieben Kollegin-
vergangenen Jahren verdoppelte die deutsche Rüstungs- nen und Kollegen! Auch ich möchte an dieser Stelle
industrie ihre Exporte und baute ihren Weltmarktanteil meine große persönliche Freude darüber zum Ausdruck
von 6 auf 11 Prozent aus. Das ist ein trauriger Rekord. bringen, dass es den Frauen und Männern in den ver-
schiedenen Fraktionen gelungen ist, einen gemeinsamen
Dabei ist nicht nur erschreckend, wie viele Waffen Antrag für den Deutschen Bundestag auf den Weg zu
exportiert werden, sondern vor allem auch, wohin sie ex- bringen. Wir setzen damit ein starkes Signal, für das es
portiert werden. Denn die Bundesregierung betreibt ihre keinen besseren Zeitpunkt hätte geben können als das
offensive Rüstungsexportstrategie auch in Krisenregio- Vorfeld der Überprüfungskonferenz des nuklearen
nen. Eine Rüstungsexportpolitik, die sich der Rüs- Nichtverbreitungsvertrages und des Gipfels zur nuklea-
tungsindustrie derart unterwirft, unterminiert alle An- ren Sicherheit.
strengungen um Abrüstung. Sie verschließt die Augen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
vor den verheerenden Folgen der weltweiten Aufrüs-
der CDU/CSU)
tungsspirale für Sicherheit und Frieden in der Welt. Sie
ist unmoralisch und verantwortungslos. Abrüstung ist Der Deutsche Bundestag setzt hierdurch ein deutliches
ein unverzichtbarer Bestandteil einer nachhaltigen Si- Zeichen für eine Welt frei von Atomwaffen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3319
Elke Hoff
(A) Der gemeinsame Antrag ist deshalb auch ein starkes Die START-Nachfolge darf aber nicht der letzte (C)
Mandat für den Bundesaußenminister, der damit seinen Abrüstungsschritt bleiben. Gerade im Bereich der sub-
beherzten und zukunftsweisenden Kurs in der Abrüs- strategischen Atomwaffen müssen transparente und ve-
tungspolitik national wie international fortsetzen kann. rifizierbare Rüstungskontrollvereinbarungen gefunden
Er gibt der Bundesregierung und dem Außenminister die werden. Diese Kategorie von Atomwaffen stellt eine be-
wichtige Rückendeckung des deutschen Parlamentes. sondere Gefahr dar, in die Hände von Terroristen oder
Deutschland steht in den kommenden Monaten vor Proliferateuren zu fallen. Ein solches Risiko muss durch
wichtigen internationalen Verhandlungen. Wir Parla- neue Abrüstungsvereinbarungen zwischen den USA und
mentarier wollen, dass insbesondere die Überprüfungs- Russland minimiert werden.
konferenz des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages ein
Erfolg wird. Wir wollen auch, dass Deutschland hierbei Die Abrüstung der bestehenden Nukleararsenale ist
eine Vorreiterrolle übernimmt. Dies wird durch unseren aber nur eine Seite der Medaille, soll das Ziel einer
gemeinsamen Antrag sehr deutlich. atomwaffenfreien Welt erreicht werden. Mehr noch, die
internationale Gemeinschaft steht vor der schwierigen
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Aufgabe, die Entstehung neuer Kernwaffenstaaten zu
der CDU/CSU und der SPD – Burkhardt verhindern. Die Konflikte um das iranische und das
Müller-Sönksen [FDP]: Da können auch die nordkoreanische Atomprogramm zeigen, wie schwierig
Linken mitklatschen!) dies ist. Sowohl ein nuklearbewaffneter Iran als auch
ein dauerhaft nuklearbewaffnetes Nordkorea würden
Das Ziel einer Welt frei von Atomwaffen ist eine Her- eine erhebliche Gefährdung der internationalen Sicher-
kulesaufgabe. Kein Staat der internationalen Gemein- heit darstellen. Deshalb muss es oberstes Ziel der Welt-
schaft kann es allein erreichen. Aber mit der Prager Rede gemeinschaft bleiben, diese Konflikte durch eine politi-
von Präsident Barack Obama wurden Möglichkeiten er- sche Lösung nachhaltig beizulegen.
öffnet, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen dürfen.
Die verantwortungsvolle Politik deutscher Staatsmänner (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
wie Hans-Dietrich Genscher oder Helmut Schmidt wäh- der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS-
rend des Kalten Krieges hat maßgeblich dabei geholfen, SES 90/DIE GRÜNEN)
dass wir heute die Chance auf eine atomwaffenfreie Welt
nutzen können. Deutschland hat hierbei als Land, das Das Jahr 2010 wird ein weichenstellendes Jahr für das
während des Kalten Krieges ein potenzielles Feld für ei- Ziel einer Welt frei von Atomwaffen. Der Deutsche Bun-
nen Atomkrieg war, eine besondere Verantwortung. Des- destag bekennt sich zu diesem Ziel. Mit dem heute ein-
halb nutzen wir diese Chance gemeinsam mit der Bundes- gebrachten Antrag haben wir als Parlament hierfür ein
wichtiges Zeichen gesetzt. Ganz herzlichen Dank dafür
(B) regierung. Mit dem vorliegenden interfraktionellen an alle. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft auf diesem (D)
Antrag bekennt sich der Deutsche Bundestag zu dieser
gemeinsamen Verantwortung. Konsenswege eine vernünftige Abrüstungspolitik ma-
chen können.
Für unsere Abrüstungsziele müssen wir aber auch
endlich die überkommenen militärischen Kalkulationen Vielen Dank.
des Kalten Krieges über Bord werfen. Wir werden die (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Konflikte des 21. Jahrhunderts nicht mehr mit den Stra- der CDU/CSU und der SPD)
tegien des 20. Jahrhunderts bewältigen können.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Präsident Dr. Norbert Lammert:
CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS- Das Wort erhält nun der Kollege Rolf Mützenich für
SES 90/DIE GRÜNEN) die SPD-Fraktion.
Es ist deshalb richtig, dass die christlich-liberale Koali- (Beifall bei der SPD)
tion in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart hat, sich im
Rahmen der Ausarbeitung des neuen strategischen Kon-
zepts und in enger Zusammenarbeit und Absprache mit Dr. Rolf Mützenich (SPD):
unseren NATO-Verbündeten für einen Abzug der letz- Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
ten US-Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen. Kollegen! Auch ich freue mich über den gemeinsamen
Antrag der vier Fraktionen. Ich würde gern das Augen-
Das Ziel einer umfassenden Abrüstung wird nicht merk auf die Kolleginnen und Kollegen sowie die Mitar-
ohne neue Abkommen zu erreichen sein. Insbesondere beiter des Auswärtigen Amtes richten; denn sie haben
die USA und Russland sind hier in der Pflicht, da sich einen wichtigen Bericht über Abrüstung und Rüs-
der Großteil der noch bestehenden weltweiten Atomwaf- tungskontrolle vorgelegt. Ich finde, sie verdienen nicht
fenbestände im Besitz der amerikanischen und der russi- nur Aufmerksamkeit, sondern auch Respekt für die Ar-
schen Streitkräfte befindet. Es ist deshalb eine große Er- beit, die sie bei der Erstellung dieses Berichts geleistet
leichterung, dass es den Regierungen in Washington und haben. Ich freue mich, dass wir auf der Grundlage dieses
Moskau offensichtlich gelungen ist, den gordischen Berichtes in den nächsten Wochen und Monaten weiter
Knoten im Ringen um ein Nachfolgeabkommen zum diskutieren können.
START-Vertrag zu durchschlagen. Dies wäre auch ein
wichtiges Abrüstungssignal im Vorfeld der Überprü- (Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
fungskonferenz des NPT. und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
3320 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Rolf Mützenich


(A) Herr Außenminister, Sie haben zu Recht gesagt, wir des Kalten Krieges profitiert haben, sollten andere Re- (C)
hätten mit dem heutigen Tag einen guten Zeitpunkt ge- gionen ermutigen, das Instrument der Abrüstung und
wählt, weil wir uns offensichtlich in den nächsten Tagen Rüstungskontrolle zu nutzen, um die notwendigen Dia-
einem Vertrag über die Begrenzung der strategischen logstrukturen in den Regionen wirksam zu machen. Was
Atomwaffen näherten. Das ist ein wichtiger Schritt. beobachten wir? Um uns herum gibt es in der Welt die
Aber nun kommt auf den amerikanischen und den russi- größte Aufrüstung. Der SIPRI-Bericht hat darauf hinge-
schen Präsidenten die große Aufgabe zu, im amerikani- wiesen. Sie haben eben an den Doppelcharakter erinnert.
schen Senat und in der Duma um Zustimmung zu wer- Aber der entscheidende Aspekt wird sein, Abrüstung
ben. Ich appelliere an den Deutschen Bundestag und die und Rüstungskontrolle sozusagen zur politischen Leit-
Bundesregierung, zum Beispiel bei Gesprächen mit Se- kultur in den Regionen weltweit zu machen. Ich finde,
natoren in Washington für diesen Vertrag zu werben, um dazu hätten wir eine Menge beizutragen. Wir dürfen
deutlich zu machen, dass es im deutschen und im euro- nicht nur Empfehlungen geben.
päischen Interesse liegt, wenn die amerikanischen Kolle-
ginnen und Kollegen diesen Vertrag schnellstmöglich ra- Wenn wir über die Universalisierung von Abrüstungs-
tifizieren. Wir vom Deutschen Bundestag werden das verträgen sprechen, möchte ich daran erinnern, dass
tun. Es wäre gut, wenn die Bundesregierung dem folgte. noch nicht alle Staaten den wichtigen Vertrag über das
Verbot von Streubomben unterzeichnen haben. Dieser
(Beifall bei der SPD) Vertrag ist ein ganz wichtiger Meilenstein, den wir in
Ich habe in der bisherigen Debatte ein bisschen den den letzten Jahren erreicht haben. Ich ermutige Sie, an-
Beitrag Europas zu Abrüstung und Rüstungskontrolle dere Staaten darauf hinzuweisen. Es darf nämlich keine
vermisst. Ich finde, Europa kann eine Menge dazu lie- Ausnahmetatbestände im Bereich von Abrüstung und
fern. Ich wünsche mir – wahrscheinlich stehen die Ver- Rüstungskontrolle geben.
handlungen noch nicht vor dem Abschluss –, dass die (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
27 Mitglieder der Europäischen Union gemeinsam nach DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
New York fahren und dort eine gemeinsame Verabre- LINKEN)
dung zur Überprüfungskonferenz einbringen. Das wäre
ein wichtiges Signal; denn unter diesen Staaten wären Das gilt dann natürlich auch für andere Staaten, die
zwei Kernwaffenstaaten als ständige Mitglieder des Si- sich zum Beispiel das Recht herausnehmen, im Bereich
cherheitsrates. Das wäre ein entscheidender Beitrag Eu- der Urananreicherung eigene Rechte für sich zu rekla-
ropas, die Überprüfungskonferenz zum Erfolg zu führen. mieren. Auch das müssen wir hier ganz offen benennen.
Die Bundesregierung täte gut daran, bis zum Schluss in- Dazu zählt zum Beispiel Brasilien.
tensiv daran zu arbeiten.
(B) (Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie des (D)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) Abg. Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN])
Wir unterstützen Sie, Herr Bundesaußenminister,
wenn Sie sagen, dass wir eine Universalisierung des Es entsteht nach meinem Dafürhalten eine große Gefahr,
NPT-Vertrages brauchen. In der Tat fehlen noch immer wenn es nicht gelingt, diese Sonderrechte zu beseitigen.
Staaten in diesem Vertrag. Wir müssen alles daransetzen, Ich finde, dafür müsste auch die Bundesregierung zu-
auf der NPT-Konferenz die letzten Widerstände zu bre- sammen mit den europäischen Partnern eine Menge tun.
chen und diesen Vertrag zu einem Erfolg der internatio-
nalen Politik zu machen. Ich glaube, gerade die neue Be- Lassen Sie mich einen weiteren Punkt nennen, über
auftragte der Europäischen Union, Frau Ashton, sollte den wir zwar nicht so stark diskutiert haben, den ich aber
darüber nachdenken, ob sie der Abrüstung und Rüs- für höchstgefährlich halte. Die Volksrepublik China hat
tungskontrolle mit einer eigenen Organisationseinheit im dokumentiert, dass sie in der Lage und auch bereit ist,
Europäischen Auswärtigen Dienst eine stärkere Be- Satelliten abzuschießen. Sie denkt im Zusammenhang
deutung geben sollte. mit dem Weltraum auch die militärische Komponente.
Das ist eine große Gefahr und große Herausforderung.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten Ich weiß, dass andere Staaten – die USA und Russland –
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) den Weltraum natürlich auch bereits für das Militär ent-
Der Lissabon-Vertrag enthält Hinweise, dass das eine deckt haben, aber dass allein dieses Dokument gezeigt
oder andere im Bereich des Militärischen aufgegriffen worden ist, wonach auch die Volksrepublik China dazu
worden ist. Mir behagte es aber viel mehr, wenn dies bereit ist, gibt eine Menge zu denken. Ich glaube, wir
auch die Abrüstung und Rüstungskontrolle beträfe. sollten diese Besorgnis in Gesprächen auch mit der
Volksrepublik China immer wieder deutlich machen.
Ich möchte auf Rüstungskontrolle und Abrüstung als
Instrumentarium der Politik aufmerksam machen. Die- (Beifall der Abg. Uta Zapf [SPD])
ses Instrument ist kein Selbstzweck – darauf wurde Ich unterstütze das, was viele meiner Vorrednerinnen
schon hingewiesen –, sondern dient der Kooperation und und Vorredner gesagt haben. Die NATO muss wieder
dem Dialog. Wir haben dieses Instrument richtigerweise ein Forum für den Dialog über Abrüstung und Rüstungs-
und klugerweise auch während des Kalten Krieges ein- kontrolle werden.
gesetzt; denn es war sozusagen der erste Gesprächska-
nal, der sich zwischen den Blöcken entwickelt hat. Die (Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
europäischen Staaten, aber auch andere, die vom Ende NEN]: So ist es!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3321
Dr. Rolf Mützenich
(A) Das ist nicht die Erfindung dieser Bundesregierung, son- Ihnen dafür, dass Sie dies noch einmal ausdrücklich be- (C)
dern aller Bundesregierungen. Wir haben immer dafür tont haben.
plädiert – und ich bin damals froh darüber gewesen, dass
Ich will nur noch einmal daran erinnern: Wir dürfen
Frank-Walter Steinmeier und der norwegische Außen-
nicht alles, was in den letzten Tagen auch aus dem Iran
minister vorgeschlagen haben –, dieses Forum innerhalb
zu hören war, einfach beiseiteschieben. Ich finde schon,
der NATO zu entwickeln. Sie greifen das auf; ich finde
dass wir das, was Teheran auf den Tisch gelegt hat, noch
das richtig. Ich glaube, innerhalb des Bündnisses gibt es
einmal ernsthaft prüfen sollten.
dann auch eine Menge zu tun.
(Beifall des Abg. Jan van Aken [DIE LINKE])
Herr Bundesaußenminister, ja, wir unterstützen Sie
darin, die taktischen Atomwaffen aus Deutschland und Vielleicht sollte eine Eins-zu-eins-Begleitung dieses
auch aus den anderen Ländern zu bringen. Das muss Konzepts erfolgen. Es wäre fatal, wenn sich bei uns der
man gemeinsam tun. Das kann dieses Parlament mit die- Eindruck vermitteln würde, dass es hinsichtlich einer
sem wichtigen Antrag nicht allein, das kann man nur mit Verhandlungslösung jetzt sozusagen reicht. Wir brau-
den Partnern insgesamt erreichen. chen die Verhandlungslösung in Zukunft. Wir brauchen
eine politische Lösung und nicht nur eine Drohkulisse.
Ich bitte Sie, dann gleichzeitig auch eine Gefahr mit-
Deswegen glaube ich, Abrüstung und Rüstungskontrolle
zubenennen, die entsteht, wenn sich andere Staaten in
können uns bei der Lösung dieses Konfliktes helfen.
Europa melden und sagen: Na ja, dann nehmen wir diese
Waffen einmal in unsere Länder auf. Auch das müssen Die Errichtung atomwaffenfreier Zonen ist ange-
wir diskutieren. Ich hätte mir schon gewünscht, dass Sie sprochen worden.
zu den Plänen der US-Regierung, diese Waffen mögli-
Wenn wir darüber sprechen, wie man es schaffen
cherweise auch zu modernisieren, Stellung genommen
kann, dass die Welt in Zukunft ohne Atomwaffen aus-
hätten. Auch das ist nach meinem Dafürhalten eine He-
kommt, dann müssen wir – das will ich deutlich machen –
rausforderung für Ihre ambitionierte Politik, die takti-
auch einen entsprechenden Appell an Israel richten. Das
schen Atomwaffen aus Deutschland und aus Europa zu
zu sagen, gehört nach meinem Dafürhalten zu einer ehr-
bringen; denn die Herkulesaufgabe wird doch eigentlich
lichen Debatte dazu.
erst dann bewältigt sein, wenn es uns gelingt, auch Russ-
land zu überzeugen, die taktischen Atomwaffen einer (Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie
Verhandlungslösung zuzuführen. Das ist doch das große bei Abgeordneten der FDP)
Problem, und daran sollten wir gemeinsam arbeiten.
Ich glaube, wir sollten den Mut aufbringen, auch dies zu
(Beifall des Abg. Roderich Kiesewetter [CDU/ diskutieren. Die US-Administration hat es getan. Europa
(B) CSU]) könnte das auch tun. (D)
Damit komme ich zu einer weiteren Herausforderung Diese Abrüstungsdebatte ist gut. Die deutsche Außen-
in diesem Zusammenhang. Die Raketenabwehr lastet politik darf sich allerdings nicht in Abrüstung und Rüs-
sozusagen – das haben wir bei den Gesprächen zwischen tungskontrolle erschöpfen. Ich würde mir wünschen,
den USA und Russland doch gemerkt – wie ein Stein auf wenn mehr kommt. Wir haben Ihnen Angebote gemacht.
der Abrüstung und Rüstungskontrolle. Deswegen unter- Wir werden auch in Zukunft weiter über den richtigen
stützen wir nicht nur das, was Sie gesagt haben, nämlich Weg streiten.
die partnerschaftliche Öffnung hinsichtlich der Raketen-
Vielen Dank und alles Gute.
abwehr, sondern ich glaube, ein wichtiger Bestandteil
muss sein, die Raketenabwehr zu einem Teil von Abrüs- (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
tung und Rüstungskontrolle zu machen. des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
(Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Gemeinsam!) Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nächster Redner ist der Kollege Dr. Reinhard Brandl
Wir werden keinen ABM-Vertrag mehr erreichen, für die CDU/CSU-Fraktion.
aber ich finde, wir werden immerhin einen Dialog über
die Raketenabwehr eröffnen müssen, weil das, was wir (Beifall bei der CDU/CSU)
als defensiv betrachten, andere Staaten möglicherweise
als zusätzliche, begleitende Offensivoption ansehen. Dr. Reinhard Brandl (CDU/CSU):
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen!
(Beifall der Abg. Uta Zapf [SPD])
Abrüstung ist ein langer und ein beschwerlicher Weg. Es
Ich glaube, das ist die große Gefahr, der wir auch durch gibt auf diesem Weg meist nur kleine, oft kaum wahr-
Abrüstung und Rüstungskontrolle begegnen müssen. nehmbare Fortschritte und dazwischen immer wieder
schmerzhafte Rückschritte. Trotzdem lohnt es sich, die-
Ich komme zum Schluss. Der Iran hat hier in der Dis-
sen Weg zu gehen. Selbst wenn die Ziele aus heutiger
kussion immer wieder eine Rolle gespielt. Das, was dort
Sicht manchmal unerreichbar erscheinen, bedeutet schon
im Iran im Hinblick auf eine möglicherweise militäri-
jeder kleine Schritt in die richtige Richtung einen Zuge-
sche Nutzung der Atomenergie geschieht, ist in der Tat
winn an Sicherheit.
eine große Gefahr. Ich glaube, wir haben im Deutschen
Bundestag oft auch gemeinsam dafür appelliert, dass es Der vorliegende Bericht dokumentiert die vielen klei-
eine politische Lösung geben muss. Frau Hoff, ich danke nen Schritte und die großen Anstrengungen der Bundes-
3322 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Reinhard Brandl


(A) regierung für Abrüstung und Rüstungskontrolle im Den Risiken der Proliferation steht das legitime Inte- (C)
vergangenen Jahr 2009. Dafür möchte ich allen Regie- resse vieler Länder gegenüber, die Kernenergie zur
rungsorganisationen von ganzem Herzen danken. Ge- Energieversorgung zu nutzen. Ungeachtet der Diskus-
nauso danken möchte ich aber auch allen Nichtregie- sion in Deutschland ist die Kernenergie weltweit, aber
rungsorganisationen, die sich im vergangenen Jahr für gerade im Nahen Osten und in den dort angrenzenden
Frieden und Sicherheit in dieser Welt eingesetzt haben. Regionen, auf dem Vormarsch.
Abrüstung und Rüstungskontrolle ist ein Thema, das (Ulrich Kelber [SPD]: Mit europäischen
uns auch hier im Deutschen Bundestag fraktionsüber- Steuergeldern!)
greifend am Herzen liegt. Ich freue mich, dass es uns ge- Waffenfähiges Material kann entweder durch die
lungen ist, mit einem gemeinsamen Antrag ein deutli- Hochanreicherung von Uran oder in Wiederaufberei-
ches Signal aus diesem Parlament heraus für eine Welt tungsanlagen für Plutonium hergestellt werden. Es muss
frei von Atomwaffen zu senden. Und das ist ein wichti- deswegen gelingen, den Betrieb solcher Anlagen von
ges Signal; denn gerade was die Frage der atomaren Ab- dem Betrieb von Kernkraftwerken zu trennen. Auch
rüstung angeht, befinden wir uns momentan in einer Deutschland hat dazu einen Vorschlag eingebracht. Wir
Phase, in der die Weichen für die Zukunft gestellt wer- müssen jetzt international um die Akzeptanz der Multila-
den. teralisierung des Nuklearbrennstoffkreislaufs werben.
Präsident Obama – das ist schon mehrfach hier er- Die nukleare Abrüstung ist zwar die wichtigste, aber
wähnt worden – hat in seiner wegweisenden Rede am bei weitem nicht die einzige Aufgabe, der wir uns bei
5. April letzten Jahres in Prag ein Bekenntnis zum Fern- Abrüstung und Rüstungskontrolle stellen. Der Bericht
ziel einer atomwaffenfreien Welt abgegeben. Mit der der Bundesregierung listet auch zahlreiche Anstrengun-
Unterstützung der USA ist dieses Ziel ein ganzes Stück gen im Bereich der konventionellen Abrüstung auf. Ich
näher gerückt. Jetzt gilt es, alles daranzusetzen, dass es möchte in diesem Bereich vor allem auf die Erfolge bei
auf dem Weg dorthin Fortschritte und keine Rückschritte der Ächtung von Streumunition hinweisen, die auf-
mehr gibt. grund von zahlreichen Blindgängern über Jahrzehnte
hinweg eine Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellt.
Ein klarer Rückschritt war das Scheitern der Überprü- Ende 2008 haben wir dazu die sogenannte Oslo-Konven-
fungskonferenz für den Nuklearen Nichtverbreitungs- tion als einer der ersten mit unterzeichnet und im Juli
vertrag im Jahr 2005. Bei der nun anstehenden Überprü- 2009 als elfter Staat auch im Parlament ratifiziert. Im
fungskonferenz im Mai brauchen wir endlich einen Juni 2009 hat die Bundesregierung in Berlin eine Konfe-
Erfolg für den Atomwaffensperrvertrag. renz zur Zerstörung von Streumunition ausgerichtet.
(B) Aufgrund der überwältigenden Teilnahme hat sie dem (D)
Im Moment laufen auch die bilateralen Verhandlun- Prozess politische Dynamik verliehen und ganz prak-
gen zwischen den USA und Russland für ein START-I- tisch Wege zur technisch komplizierten Zerstörung die-
Nachfolgeabkommen. Ich würde mir wünschen, dass ser Munition aufgezeigt.
von diesen beiden Ländern, die gemeinsam über 90 Pro-
zent der weltweit verfügbaren Kernwaffen besitzen, mit Das war wieder ein kleiner Schritt. Wir brauchen in
Blick auf die Konferenz im Mai baldmöglichst positive Zukunft eine Vielzahl solcher Schritte auf dem Weg zu
Signale ausgehen. mehr Frieden und Sicherheit auf dieser unserer Welt.

(Beifall bei der CDU/CSU) Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
Positive Signale aus den USA gab es auch, was den
neten der FDP)
Vertrag über das umfassende Verbot von Nuklearversu-
chen angeht. Die US-Regierung hat angekündigt, dessen
Ratifizierung im Senat voranzutreiben. Das würde den Präsident Dr. Norbert Lammert:
Druck auf diejenigen Länder, die diesen Vertrag noch Das Wort hat der Kollege van Aken für die Fraktion
nicht unterschrieben bzw. ratifiziert haben, weiter erhö- Die Linke.
hen.
(Beifall bei der LINKEN)
Aber die besten Verträge nutzen nichts, wenn sie nicht
eingehalten und überprüft werden. Nehmen wir als Bei- Jan van Aken (DIE LINKE):
spiel Syrien – das wurde heute noch nicht genannt –: Es Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Her-
gibt klare Hinweise darauf, dass die von Israel im Jahr ren! Abrüstung muss doch zu Hause anfangen. Nehmen
2007 zerstörte Einrichtung ein noch im Bau befindlicher wir die Waffenexporte. Ich finde es grauenhaft, dass
Kernreaktor war. Syrien kooperiert immer noch nicht in kein anderes Land in Europa so viel Waffen exportiert
so genügendem Maße mit der IAEO, dass diese Vor- wie Deutschland. Es ist kein totes Metall, das da ver-
würfe ausgeräumt werden konnten. Wenn die Vorwürfe kauft wird, sondern diese Waffen töten, jeden Tag. In
stimmen, dann wäre das ein klarer Verstoß gegen den praktisch jedem Krieg und in jedem Bürgerkrieg auf der
Atomwaffensperrvertrag. Ich weiß nicht, was beunruhi- Welt werden deutsche Maschinengewehre eingesetzt,
gender ist: die Existenz eines geheimen syrischen Nukle- manchmal auf beiden Seiten. Es ist verlogen, hier über
arprogramms an sich oder dass es über Jahre hinweg un- Abrüstung zu reden und gleichzeitig für viele Milliarden
entdeckt geblieben ist. Euro andere Länder aufzurüsten.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3323
Jan van Aken
(A) (Beifall bei der LINKEN – Karin Strenz bracht. Dann haben Sie von den anderen vier Fraktionen (C)
[CDU/CSU]: Das ist Sicherheitspolitik! – Elke sich zusammengesetzt, ohne mit uns zu reden. Ich finde
Hoff [FDP]: Haben Sie schon mal was von das ziemlich kleinkariert, aber das ist Ihr gutes Recht.
Verteidigungspolitik gehört?) Wenn ich jetzt diesen peinlichen Fehler in dem Antrag
sehe, muss ich sagen: Ein bisschen mehr Expertise hätte
Wenn jemand sagt, an den Waffenexporten hingen
Ihnen gutgetan.
viele Arbeitsplätze, dann kann ich nur sagen: Wir wollen
Arbeit schaffen ohne Waffen. (Beifall bei der LINKEN)
(Beifall bei der LINKEN) Wenn ich den Antrag genau lese, komme ich zu dem
Wir haben noch eine Vision. Wir haben die Vision einer Schluss, dass Sie darin den engsten Verbündeten der
Welt, die frei ist von Waffen. Wir haben die Vision einer Bundesrepublik – England, Frankreich und den USA –
Welt, die frei ist von Atomwaffen und Kriegen. mit Sanktionen drohen. Dazu muss man eines wissen
– Herr Westerwelle hat es vorhin erklärt –: Der Atom-
(Ingo Gädechens [CDU/CSU]: Die haben wir waffensperrvertrag kennt zwei Ländergruppen. Die ei-
auch!) nen haben Atomwaffen; die anderen haben keine Atom-
waffen. Die einen haben sich verpflichtet, abzurüsten;
Helmut Schmidt soll einmal gesagt haben: Wer Visionen
die anderen haben sich verpflichtet, überhaupt keine
hat, soll zum Arzt gehen. – Ich weiß nicht, ob er das
Atomwaffen zu erwerben.
wirklich ernst gemeint hat; falsch ist es auf jeden Fall.
Ich sage: Wenn jemand Visionen hat, dann soll er nicht Es gibt fünf Länder, von denen wir ganz sicher wis-
zum Arzt gehen, sondern auf die Straße, sen, dass sie ihre Verpflichtungen nach dem Atomwaf-
(Beifall bei der LINKEN) fensperrvertrag nicht erfüllt haben. Das sind die fünf of-
fiziellen Atomwaffenstaaten China, Russland, England,
jetzt zum Ostermarsch und jeden Tag, immer wieder, bis Frankreich und die USA. Seit Jahren tun sie nichts, aber
wir endlich eine Welt ohne Atomwaffen und frei von auch gar nichts für die atomare Abrüstung. Alle Exper-
Kriegen haben. ten in der Welt sind sich einig, dass das eine gravierende
(Beifall bei der LINKEN) Verletzung des Atomwaffensperrvertrages ist.

Damit komme ich zu Ihrem Antrag zur atomaren Ab- Jetzt fordern Sie in Ihrem Antrag unter der Nr. 10
rüstung. Erst einmal muss ich sagen: Ich finde ihn wirk- Sanktionen gegen alle Länder, die den Atomwaffen-
lich bemerkenswert. sperrvertrag verletzt haben.

(Karin Strenz [CDU/CSU]: Ach nein!) (Uta Zapf [SPD]: Ach Kerlchen! – Heiterkeit
(B) bei der FDP) (D)
Ich freue mich ganz aufrichtig, dass auch die CDU/CSU
jetzt die Forderung nach atomwaffenfreien Zonen unter- Ich weiß nicht, wie das in London, Paris und Washington
stützt. Besonders freue ich mich, dass nun alle fünf Frak- aufgenommen wird.
tionen im Bundestag dafür eintreten, dass endlich die (Beifall bei der LINKEN)
letzten US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutsch-
land abgezogen werden. Sie werden natürlich sagen: Die sind gar nicht ge-
meint. Wir meinen nur die Länder, die noch gar keine
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Atomwaffen haben, die erst welche erwerben wollen. –
Dr. Hermann Ott [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Dazu muss ich Ihnen sagen: Diesen Unterschied kennt
NEN]) das Völkerrecht nicht. Vor dem Völkerrecht sind alle
Aber da Sie selbst regieren, frage ich Sie: Wann? Verpflichtungen gleich. Danach haben die Atomwaffen-
Wenn Sie es wirklich wollen, kann das doch innerhalb staaten nun einmal die Verpflichtung, abzurüsten, und
kürzester Zeit passieren. Nennen Sie ein konkretes Da- die haben sie gebrochen.
tum: Abzug aller amerikanischen Atombomben noch in Das ist auch der Grund dafür, dass wir diesem Antrag
diesem Jahr. Punkt. Denn Abrüstung kann doch nur – ich muss sagen: leider – nicht zustimmen können.
funktionieren, wenn sie ganz konkret und ganz verbind-
lich ist. (Zurufe von der CDU/CSU und der FDP:
Och!)
Einiges in dem Antrag finde ich gut, sogar sehr gut;
anderes finde ich aber eher bedenklich. Sie wollen im- Ich hätte es gern gesehen, dass wir als gesamter Bundes-
mer noch nicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen tag diesem Antrag zustimmen. Aber mit diesem Punkt
verzichten. Wie kann das zusammengehen, wenn Sie ei- zu den Sanktionen geht das nicht.
nerseits eine atomwaffenfreie Welt fordern und anderer-
Sie meinen mit den Sanktionen natürlich den Iran.
seits immer noch daran festhalten, anderen Ländern mit
Ich sage Ihnen: Da gehen Sie einen ganz gefährlichen
dem Ersteinsatz von Atomwaffen zu drohen? Das passt
Weg. Wer jetzt immer mehr Sanktionen gegen den Iran
nicht zusammen.
fordert, der kommt in eine Eskalation, die er nicht mehr
In einem Punkt hat sich ein richtig kapitaler Fehler in stoppen kann. Das Ganze erinnert mich fatal an das Jahr
den Antrag eingeschlichen. Da kann ich nur sagen: Hät- 2002. Damals wurden die Drohungen gegen den Irak
ten Sie mal mit uns geredet! Wir haben vor fünf Mona- immer mehr verschärft, und am Ende hatten wir einen
ten den ersten Antrag zur atomaren Abrüstung einge- Krieg, den keiner hier mehr stoppen konnte. Ich sage Ih-
3324 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Jan van Aken


(A) nen als jemand, der jahrelang auf dem Gebiet der Abrüs- – Ich rede ja gerade mit Ihnen. – (C)
tung gearbeitet hat, auch bei den Vereinten Nationen:
Hören Sie auf, mit Sanktionen zu drohen, und kehren Sie (Jan van Aken [DIE LINKE]: Ja, ja!)
an den Verhandlungstisch zurück! Wir haben einen breiten Konsens hergestellt.
(Beifall bei der LINKEN)
Sie haben einen Punkt herausgegriffen bzw. konstru-
Eine atomwaffenfreie Welt werden Sie nie, aber auch nie iert, damit Sie wenigstens einen Grund, dagegenzustim-
mit Sanktionen und Drohungen durchsetzen, sondern men, für Ihre Ablehnung vorweisen können. Ich fordere
nur mit Verhandlungen. Sie auf: Geben Sie sich einen Ruck und stimmen Sie die-
sem Zeichen für Abrüstung zu! Gerade heute, vor den
Ich bedanke mich.
anstehenden Konferenzen, ist es wichtig, dass wir deut-
(Beifall bei der LINKEN) lich machen, dass auch der Deutsche Bundestag ein kla-
res Zeichen für Abrüstung in der Welt setzt. Stimmen Sie
Präsident Dr. Norbert Lammert: deshalb bitte zu.
Das Wort erhält der Kollege Philipp Mißfelder für die (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
CDU/CSU-Fraktion.
Wir dürfen natürlich nicht außer Acht lassen, dass es
(Beifall bei der CDU/CSU)
trotz allen Bemühens – an dieser Stelle komme ich auf
Iran und Nordkorea zu sprechen – unterschiedliche Ent-
Philipp Mißfelder (CDU/CSU): wicklungen gibt:
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Herr van Aken, es trifft sich gut, dass wir In der westlichen Welt wird intensiv darüber disku-
direkt nacheinander reden. Ich möchte Ihnen erst einmal tiert, wie es mit den Nuklearwaffen weitergehen soll; das
entschieden widersprechen, was Ihre Einschätzung zum ist auch richtig so. In Amerika gibt es die Global-Zero-
Verhalten gegenüber dem Iran angeht. Ich bin wirklich Initiative, die auch von deutscher Seite begleitet wird,
der festen Überzeugung, dass jetzt eine klare Sprache beispielsweise durch die Initiativen des Bundesaußen-
und klare Handlungen gegenüber dem Iran notwendig ministers. Auch der frühere Bundesaußenminister
sind. Genscher hat dies immer wieder angesprochen. Das alles
ist sehr wichtig und zeigt eine Vision von einer nuklear-
(Beifall bei der CDU/CSU) waffenfreien Welt, die sicherlich sehr wünschenswert
Es ist sehr viel Zeit verstrichen, die der Iran genutzt ist.
(B) hat, um sein Nuklearprogramm voranzutreiben und Daneben stellen wir fest, dass Länder wie Iran und (D)
gleichzeitig auch noch weitere Trägersysteme zu entwi-
Nordkorea davon nichts wissen wollen, sondern weiter-
ckeln. Vor dem Hintergrund sind die Weltgemeinschaft
hin im Verborgenen daran arbeiten, ein Nuklearpro-
und natürlich auch der Deutsche Bundestag gefordert,
gramm voranzutreiben. Dass dies eines Tages auch eine
klarzumachen, dass es uns nicht möglich ist, zu akzeptie-
realistische Bedrohung für uns werden könnte, zeigen
ren – so hat es der Minister schon gesagt –, dass der Iran
Erkenntnisse darüber, dass die Trägertechnologien, die
Nuklearwaffen besitzt.
im Iran erarbeitet werden, in fünf bis zehn Jahren eine
(Zuruf von der FDP: Sehr richtig!) Reichweite von etwa 3 000 Kilometern haben könnten.
Wenn man sich überlegt, dass München nur rund
Deshalb stemmen wir uns auch dagegen. 2 700 Kilometer vom Iran entfernt ist, dann wird klar:
Wenn Sie denken, dass es einen einfacheren Weg gibt, Dieses Programm stellt unter strategischen Gesichts-
der nur Dialog beinhaltet, machen Sie es sich zu einfach. punkten selbstverständlich auch für uns eine Bedrohung
Wir müssen die Option auf Sanktionen selbstverständ- dar. Der Iran entwickelt dieses Programm nicht, um
lich realistisch vorantreiben, weil wir uns sonst von Deutschland heute einen Nuklearschlag anzudrohen,
vornherein um alle Handlungsoptionen bringen. Dage- sondern um strategisch in die Vorhand zu kommen und
gen würde ich mich entschieden wehren. Reden allein damit die westliche Welt als Schutzmacht Israels auszu-
wird den Iran nicht überzeugen. Das haben wir schon in hebeln.
den vergangenen Jahren gesehen. Israel macht sich zu
Recht sehr große Sorgen um seine Sicherheit. Das kön- Vor diesem Hintergrund muss man trotz allen Wohl-
nen wir vor dem Hintergrund unserer eigenen Ge- wollens in unserer heutigen Debatte berücksichtigen,
schichte auf keinen Fall akzeptieren. dass sich andere Staaten ganz anders verhalten. Deshalb
gehört zu dieser Diskussion trotz aller Visionen eine ge-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) hörige Portion Realismus. Daraus muss man in den
nächsten Wochen konkrete Schlussfolgerungen ziehen.
Ich bin froh darüber, dass wir in diesem Haus in ei-
Ich werbe erneut dafür, dass der UN-Sicherheitsrat – am
nem breiten Konsens über das Thema Abrüstung disku-
besten gemeinsam mit China und Russland; denn nur
tiert haben. Herr van Aken, geben Sie sich einen Ruck
dann wird man effektiv und effizient sein – den Iran stär-
und stimmen Sie diesem wirklich vernünftigen Antrag
ker unter Druck setzt. Ich glaube, dass es vor allem dann
zu, der auf einem breiten Konsens fußt.
gelingen kann, unsere Partner in China und in Russland
(Jan van Aken [DIE LINKE]: Warum haben für dieses Projekt zu gewinnen, wenn wir an anderer
Sie nicht mit uns geredet?) Stelle Ernst machen und sie in größerem Maße – Herr
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3325
Philipp Mißfelder
(A) Kollege Mützenich hat es gerade gesagt – in die Debatte Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
um die Nuklearwaffen einbeziehen. Zu einer kurzen Replik erhält der Kollege Mißfelder
jetzt Gelegenheit.
Erfolgreich werden wir nur mit der NATO, also zu-
sammen mit unseren Bündnispartnern, sein. Außerdem
müssen wir gemeinsam mit Russland einen vernünftigen Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
Weg finden, über die Nuklearwaffen zu diskutieren. Ich Ich möchte mich kurzfassen, Herr Präsident. – Herr
bin der festen Überzeugung, dass das der richtige Weg van Aken, wir haben hier die Gelegenheit, das öffent-
ist. Welches das richtige Diskussionsforum ist, das lasse lich, transparent, sogar im Fernsehen und in Anwesen-
ich offen. heit vieler Zuschauer auf den Rängen zu diskutieren.
Das heißt, wir gehen hier vernünftig miteinander um.
Damit verknüpft ist die Frage, wie man in den nächs- Wozu Sie uns jedoch nicht zwingen können, ist, mit der
ten Wochen, Monaten und Jahren verantwortungsbe- SED-Nachfolgepartei gemeinsame Initiativen einzubrin-
wusst Außenpolitik gestalten kann. Ich halte die im gen.
Raume stehende Vision für richtig. Ich halte auch den
(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe von der
angestoßenen Prozess für richtig. Er muss gemeinsam
LINKEN: Oh!)
mit der NATO, mit unseren Verbündeten und darüber hi-
naus mit Russland fortgeführt werden, um Erfolge erzie- Das wollen wir einfach nicht. Das ist der Grund, warum
len und eine emotionale Bindung an dieses Projekt errei- wir mit Ihnen bei diesen wichtigen Themen nicht zusam-
chen zu können. menarbeiten wollen. Ich kann hier offen bekennen: Mit
Ihnen nicht!
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Präsident Dr. Norbert Lammert: Letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt ist der
Zu einer Kurzintervention erhält Herr Kollege van Kollege Erich Fritz für die CDU/CSU-Fraktion.
Aken das Wort.
Erich G. Fritz (CDU/CSU):
Jan van Aken (DIE LINKE):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
und Kollegen! Vielleicht wäre es im Zusammenhang mit
Herr Mißfelder, Sie haben gerade gesagt, wir hätten der Debatte über Abrüstung sinnvoll, wenn der eine oder
(B) nach einem Haar in der Suppe gesucht. Das lasse ich andere in diesem Haus auch sprachlich ein wenig abrüs- (D)
nicht auf mir sitzen. Seit Jahren arbeite ich im Bereich ten würde; denn all diese Themen eignen sich gar nicht
der Abrüstung – an der Universität, in NGOs, bei den zu überwiegend emotionaler und polemischer Auseinan-
Vereinten Nationen. Sie können versichert sein, dass uns dersetzung. Dafür sind sie zu ernst, und dafür sind sie in
die Abrüstung über alles geht. Ich habe lange nach ei- vieler Hinsicht auch viel zu kompliziert.
nem Weg gesucht, wie wir diesem Antrag zustimmen
können. Eines ist klar: In Washington und überall auf der Ich möchte mich jetzt mit dem Antrag der Grünen
Welt wird dieser Antrag völlig anders wahrgenommen, auseinandersetzen. Mir ist der Widerspruch in der Rede
wenn der gesamte Bundestag zugestimmt hat. Diese der Kollegin vom Bündnis 90/Die Grünen aufgefallen,
Stärke hätte ich diesem Antrag gerne verliehen. die, was Rüstungsexporte angeht, in alte Muster zurück-
gefallen ist, während sie in der Abrüstungsdebatte sehr
Wenn Sie sich hier hinstellen und sagen, wir sollten sachlich und zukunftsorientiert argumentiert hat. Die
uns einen Ruck geben, dann kann ich nur sagen: Sie von Tatsache, dass wir als Bundestag die offiziellen Zahlen
der CDU/CSU-Fraktion waren diejenigen, die darauf be- bekommen, lange nachdem SIPRI sie schon veröffent-
standen haben, dass die Linke bei der Ausarbeitung des licht hat, GKKE uns die Stellungnahme zugeschickt hat
Antrags nicht dabei ist. und Zahlen aus allen möglichen Himmelsrichtungen ge-
liefert worden sind, ist unbefriedigend – das wissen auch
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]: Sie selbst, Herr Außenminister –; aber das hat mit dem
Nehmen Sie sich mal nicht so wichtig!) Verfahren zu tun, mit dem gearbeitet wird. Ich bin sicher,
Jetzt fällt Ihnen das auf die Füße. Sie haben diesen An- dass die Zahlen über Exporte Deutschlands, die SIPRI in
trag geschwächt. diesem Jahr veröffentlicht hat, vermutlich wieder nicht
stimmen und dass sich die Schlagzeilen, auf die so heftig
(Beifall bei der LINKEN) reagiert worden ist, relativieren werden. Es wird sich
weder die Verdoppelung der Zahlen herausstellen – da-
Lassen Sie uns beim nächsten Mal zu fünft zusam- von gehe ich aus –, noch werden wir auf der Rangstufe
mensetzen. Gemeinsam bringen wir etwas zustande. Das sein, die man uns jetzt bescheinigt.
wird ein Signal an die Welt sein, das die Abrüstung
wirklich voranbringt. Das, was Sie jetzt machen, ist par- Was geschieht tatsächlich? Tatsächlich gibt es eine
teipolitisches Schmierentheater. Dafür bin ich nicht zu große Kontinuität in der deutschen Rüstungsexportpoli-
haben. Mir geht es um die Abrüstung. tik, die sich an den sehr restriktiven Regelungen des
Jahres 2002 orientiert. Vieles von dem, was in den
(Beifall bei der LINKEN) nächsten Berichten stehen wird, ist im Übrigen auf Ver-
3326 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Erich G. Fritz
(A) träge zurückzuführen, die geschlossen worden sind, als Ich wünsche mir auch, dass alle, die hier auftreten (C)
diese Regierung noch längst nicht im Amt war. und sich öffentlich zur Rüstungsexportpraxis melden,
dann, wenn der Bericht in den zuständigen Ausschüssen
(Beifall des Abg. Dr. Rainer Stinner [FDP]) behandelt wird, über ihn debattieren, konkret über seine
Einzelheiten sprechen und wirklich einen Dialog mit der
Es sind sogar Verträge dabei, die schon die vorherge- Regierung führen. In den vergangenen Jahren haben wir
hende Regierung geerbt hat. immer wieder Folgendes erlebt: Im Ausschuss wurde der
Es empfiehlt sich, das Ganze sehr nüchtern zu be- Bericht durchgewinkt, und im Plenum fanden große De-
trachten. Der EU-Standpunkt, der zu einer gemeinsamen batten statt. Das ist vor dem Hintergrund der Artikula-
Rüstungsexportpolitik in Europa führt, hat einen weite- tionsfunktion des Parlaments zwar zu rechtfertigen; aber
ren Fortschritt gebracht. Er hat die europäischen Exporte mit sachlicher Arbeit, damit, wie wir mit dieser Frage
zwar noch nicht deutlich reduziert, aber wir haben eine umgehen und wie wir zu einer weiteren restriktiven Pra-
Vergleichbarkeit, eine größere Transparenz. Der EU- xis kommen, die mit unserer und der europäischen Au-
Standpunkt trägt außerdem dazu bei, dass sich die Rüs- ßenpolitik übereinstimmt, hat dies nichts zu tun. Das ist
tungswirtschaft in Europa stärker auf gemeinsame Ziele zu wenig.
fokussiert. Das sieht man an der deutschen Rüstungsex- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
portpolitik: Rüstungsgüter gehen in der Regel an Mit-
gliedstaaten der EU und der NATO. Selbst SIPRI und Meine Damen und Herren, ich sage Ihnen für die
andere kritische Beobachter bestätigen, dass Deutsch- CDU/CSU-Fraktion zu: Wir werden einen solchen An-
land beim Export in Staaten, die nicht Mitglieder der EU trag gemeinsam mit Ihnen einbringen, wenn die Bundes-
oder der NATO sind, äußerst restriktiv ist. Auch das soll- regierung nicht einhält, was sie für dieses Jahr verspro-
ten wir einmal sagen. Wir müssen doch nicht so tun, als chen hat. Aber ich bin sicher, dass sie ihre Versprechen
wären wir da überhaupt nicht vorangekommen. Über die einhält.
Jahre hat sich die Transparenz immer weiter erhöht. Dieses Thema eignet sich nicht für Aufregungen. In
der Koalitionsvereinbarung steht, dass Abrüstung und
Die Verabschiedung des Antrags, der jetzt einge- Rüstungskontrolle wichtig sind und dass dies ein zentra-
bracht wurde, würde dazu führen, dass der Jahresabrüs- ler Baustein einer globalen Sicherheitsarchitektur ist.
tungsbericht – das erkennt, wer genau hinschaut und Wir können aufgrund der jetzt in Bewegung geratenen
weiß, wie ein solcher Bericht zustande kommt – in Zu- internationalen Abrüstungsdiskussionen davon ausge-
kunft später vorgelegt wird. Denn es gibt einen bestimm- hen, –
ten Vorlauf für die Vorlage des Rüstungsexportberichts,
(B) den man nicht einfach auflösen kann. Da gibt es einmal Präsident Dr. Norbert Lammert: (D)
die Genehmigungen; sie kann man ziemlich früh erfas-
sen, weil das BAFA sie laufend ermittelt. Dann gibt es Herr Kollege!
die tatsächlichen Exporte. Die kann man erst im Nach-
hinein erfassen. Dazu benötigt man die abgeschlossenen Erich G. Fritz (CDU/CSU):
Dateien des Statistischen Bundesamtes. Sie auszuwer- – dass es demnächst wieder Abrüstungsberichte gibt,
ten, dauert ein bisschen länger; sie können eigentlich die keine Regierungsprosa enthalten nach dem Motto:
nicht vor Mitte des Jahres vorliegen. Ein weiterer Aspekt „Wir haben etwas aus den laufenden Prozessen, die wir
im Zusammenhang mit dem Rüstungsexportbericht ist beobachten, zu berichten“, sondern substanzielle Fort-
die Pflicht zur Meldung an das UN-Waffenregister. Auch schritte vorweisen, über die zu debattieren wir mit gro-
damit ist ein zeitliches Auseinanderfallen verbunden. ßer Freude hier zusammenkommen werden.

Natürlich geht es nicht, dass wir zwei, drei Jahre hin- Vielen Dank.
terherhinken. Die Bundesregierung hat zugesagt, dass (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
der Bericht 2008, dessen Vorlage sich durch den Regie- bei Abgeordneten der SPD und des BÜND-
rungswechsel verzögert hat – so etwas ist schon früher NISSES 90/DIE GRÜNEN)
vorgekommen –, jetzt an das Kabinett geht und uns an-
schließend zügig vorgelegt wird. Nach der Sommer-
Präsident Dr. Norbert Lammert:
pause, im dritten, spätestens im vierten Quartal, werden
Ich schließe die Aussprache.
wir auch den Bericht von 2009 vorgelegt bekommen. Ich
glaube, das ist richtig. Spätestens im Herbst des Folge- Interfraktionell wird die Überweisung der Vorlage auf
jahres – das ist, wenn man alle Abläufe betrachtet, mach- der Drucksache 17/445 an die in der Tagesordnung auf-
bar – muss der Rüstungsexportbericht vorliegen. geführten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit
einverstanden? – Das ist offensichtlich der Fall. Dann ist
Noch etwas kommt hinzu: Wir alle sollten bei den die Überweisung so beschlossen.
Parlamentsdebatten darauf achten, dass nicht alles und
jedes auf die Tagesordnung kommt und wichtige Punkte Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der
nicht im Stapel der Dinge, die nicht abgearbeitet werden Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die
können, weil die Zeit nicht ausreicht, untergehen. Grünen auf der Drucksache 17/1159 mit dem Titel
„Deutschland muss deutliche Zeichen für eine Welt frei
(Beifall des Abg. Omid Nouripour [BÜNDNIS 90/ von Atomwaffen setzen“. Wer stimmt für diesen Antrag? –
DIE GRÜNEN]) Wer stimmt dagegen? – Wer enthält sich? – Damit ist
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3327
Präsident Dr. Norbert Lammert
(A) dieser Antrag mit den Stimmen der einbringenden Frak- desrepublik in europäischen und internationalen (C)
tionen gegen die Stimmen der Fraktion Die Linke mit Zusammenhängen einsetzen muss.
breiter Mehrheit angenommen. So das Bundesverfassungsgericht am 2. März dieses Jah-
Wir kommen zum Tagesordnungspunkt 23 d. Hier res. Das sind wahre Worte.
wird interfraktionell vorgeschlagen, die Vorlage auf der (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Drucksache 17/1167 an die in der Tagesordnung aufge-
führten Ausschüsse zu überweisen. Dabei ist allerdings Das Gericht hat mit seinem Urteil die sogenannte Vor-
die Federführung strittig. Die Fraktionen der CDU/CSU ratsdatenspeicherung für nichtig erklärt und damit der
und der FDP wünschen die Federführung beim Aus- Verfassungsbeschwerde einer breiten Bürgerrechtsbewe-
schuss für Wirtschaft und Technologie, die Fraktion gung, die über 34 000 Menschen umfasst – viele darun-
Bündnis 90/Die Grünen wünscht Federführung beim ter aus meiner Fraktion –, stattgegeben.
Auswärtigen Ausschuss. Als Konsequenz aus diesem Urteil fordern meine
Fraktion und ich zwei Dinge.
Ich lasse zuerst über den Überweisungsvorschlag der
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, dem Auswärtigen Aus- Erstens. Die Bundesregierung muss sich auf der euro-
schuss die Federführung zu übertragen, abstimmen. Wer päischen Ebene für eine vollständige Aufhebung der be-
stimmt für diesen Überweisungsvorschlag? – Wer stimmt treffenden Richtlinie einsetzen.
dagegen? – Wer enthält sich der Stimme? – Die Gegen- Zweitens. Darüber hinaus muss sie allen weiteren
stimmen sind erkennbar die Mehrheit. Damit ist dieser Vorhaben, die eine Vorratsdatenspeicherung vorsehen,
Überweisungsvorschlag abgelehnt. entschieden entgegentreten.
Ich lasse nun über den anderen Überweisungsvor- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
schlag, die Federführung beim Ausschuss für Wirtschaft sowie des Abg. Jan Korte [DIE LINKE])
und Technologie anzusiedeln, abstimmen. Wer stimmt
diesem Überweisungsvorschlag zu? – Wer stimmt dage- Schon in der mündlichen Verhandlung am 15. De-
gen? – Wer enthält sich? – Dieses Mal waren die Stim- zember letzten Jahres, zu der sich in Karlsruhe – das
men für den Überweisungsvorschlag in der Mehrheit, kann ich Ihnen an dieser Stelle erneut nicht ersparen –
kein einziger Befürworter des Gesetzes eingefunden
und damit ist die Federführung beim Ausschuss für
hatte, wurde deutlich: Die anlasslose, massenhafte Spei-
Wirtschaft und Technologie beschlossen.
cherung individueller Kommunikationsdaten ist ein tie-
Wir kommen nun zum Tagesordnungspunkt 24: fer Eingriff in die Privatsphäre aller Bürgerinnen und
Bürger. Die Speicherung – so das Gericht – sei geeignet,
Beratung des Antrags der Abgeordneten „ein diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetseins her-
(B) Dr. Konstantin von Notz, Wolfgang Wieland, vorzurufen“ und könne „eine unbefangene Wahrneh- (D)
Jerzy Montag, weiterer Abgeordneter und der mung der Grundrechte in vielen Bereichen beeinträchti-
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gen“. Wenn sich selbst Sie, liebe Kolleginnen und
Keine Vorratsdatenspeicherungen über den Kollegen der Union, gegen eine flächendeckende Kame-
Umweg Europa raüberwachung des öffentlichen Raumes aussprechen
und wie Frau Aigner lauthals gegen Google Street View
– Drucksache 17/1168 – zu Felde ziehen, dann können Sie doch nicht allen Erns-
Überweisungsvorschlag: tes für eine flächendeckende und anlasslose Datenerfas-
Rechtsausschuss (f) sung im Internet sein. Das ist ein echter Wertungswider-
Innenausschuss spruch.
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union sowie des Abg. Jan Korte [DIE LINKE])
Ausschuss für Kultur und Medien
Die jüngsten Erhebungen der Stiftung Warentest ma-
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für chen erneut deutlich: Wir haben nicht zu viel Daten-
diese Aussprache wiederum 90 Minuten vorgesehen. – schutz, sondern wir haben viel zu wenig Datenschutz.
Ich höre keinen Widerspruch. Wir können so verfahren. Eine Regierung, die sich über die Datenskandale bei
Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort zu- Lidl, Google und der Deutschen Bahn echauffiert, aber
nächst dem Kollegen Konstantin von Notz für die Frak- selbst Vorratsdatenspeicherung propagiert, ist unglaub-
würdig und handelt datenschutzrechtlich schizophren.
tion Bündnis 90/Die Grünen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Das gilt leider auch für den Innenminister. Seine Bemü-
NEN): hungen, nach den Ministern Schily und Schäuble eher
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! bürgerrechtlich wahrgenommen zu werden, sind un-
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Vorweg ein glaubwürdig. Den Datenbrief im Munde führen, aber ein
Zitat: Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung in der Tasche tra-
gen, das passt einfach nicht zusammen.
Dass die Freiheitswahrnehmung der Bürger nicht
total erfasst und registriert werden darf, gehört zur (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
verfassungsrechtlichen Identität der Bundesrepu- sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Jan
blik Deutschland, für deren Wahrung sich die Bun- Korte [DIE LINKE]: Das stimmt!)
3328 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Konstantin von Notz


(A) Noch einmal: Das Internet war nie ein rechtsfreier Präsident Dr. Norbert Lammert: (C)
Raum, und es ist auch durch das jüngste Urteil nicht Das Wort hat nun der Kollege Michael Grosse-
dazu geworden. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik, Brömer für die CDU/CSU-Fraktion.
PKS, aus dem Jahr 2007 – also vor der Vorratsdatenspei-
cherung erstellt – weist für alle in Deutschland erfassten (Beifall bei der CDU/CSU)
Straftaten eine Aufklärungsquote von 55 Prozent aus.
Bei Straftaten mit dem Tatmittel Internet kommt es – wie Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU):
gesagt: ohne Vorratsdatenspeicherung – zu der spektaku- Sehr geehrter Herr Präsident! Meine lieben Kollegin-
lär guten Aufklärungsrate von 83 Prozent. So viel zu der nen und Kollegen! Wir diskutieren heute über einen
Mär vom rechtsfreien Raum Internet. Antrag der Fraktion der Grünen zur Vorratsdatenspei-
Nur als Randbemerkung: Die PKS weist für 2008, cherung. Dort steht, man möge ihr entschlossen entge-
also für das erste Jahr mit Vorratsdatenspeicherung, bei gentreten.
Internetstraftaten eine Aufklärungsrate von 79,8 Prozent (Jan Korte [DIE LINKE]: Richtig!)
aus. Das ist immer noch gut, aber schlechter als in dem
Jahr vor Einführung der Vorratsdatenspeicherung. Herr von Notz, ich glaube, Sie sind sogar Jurist.
(Ansgar Heveling [CDU/CSU]: Welche Straf- (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
taten sind denn da überhaupt erfasst? – NEN]: Was heißt denn das? Haben Sie das
Clemens Binninger [CDU/CSU]: Ein tollküh- nicht gemerkt, Herr Kollege?)
ner Schluss!) – Ich komme jetzt dazu. Ich erkläre das. Mich hat das
Diese Zahlen können nicht verwundern, Herr Binninger; verwundert, weil Sie immer nur Zitate gebracht haben
denn aus einer Studie des Max-Planck-Instituts ergibt und dann eklatant falsche Schlüsse daraus gezogen ha-
sich, ben.
(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Von 2006 (Beifall bei der CDU/CSU)
ist die Studie!)
Was die von Ihnen angesprochene Nichtigkeit betrifft
dass die Vorratsdatenspeicherung bestenfalls bei 0,01 Pro- – Sie tun immer so, als sei das alles eine eindeutige Ge-
zent aller Straftaten von Nutzen sein kann. Auf gut schichte gewesen –:
Deutsch heißt das, dass die Vorratsdatenspeicherung für
(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Vier zu
mindestens 99,9 Prozent aller Straftaten absolut nutzlos
vier!)
ist.
(B)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Das Bundesverfassungsgericht hat mit vier zu vier ent- (D)
sowie bei Abgeordneten der LINKEN – schieden. Nun zu sagen, die Richter hätten übereinstim-
Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sie hätten mend die Bedenken der Grünen geteilt, ist völlig abwe-
Buchhalter werden sollen und kein Politiker!) gig. Da gab es eine Entscheidung, die überhaupt nicht
eindeutig war, sondern offensichtlich sehr geteilt. Damit
Dafür wollen Sie, meine Damen und Herren von der beginnt es. Ich kann nur raten: Hören Sie einmal auf den
Union, die verfassungsrechtliche Identität der Bundesre- von mir sehr geschätzten Kollegen Wieland. Er hat bei
publik Deutschland – so sagt das Bundesverfassungsge- der letzten Debatte zu dem Thema gesagt: Bevor man
richt – aufbohren. Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst über das Urteil spricht, sollte man es sehr genau lesen.
sein.
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN GRÜNEN]: Habe ich getan!)
sowie des Abg. Jan Korte [DIE LINKE])
Ich kann Ihnen sagen: Hören Sie auf die Ratschläge Ihrer
Das Internet ist ein grundrechtlich geschützter Frei- älteren Kollegen.
heitsraum. Wir alle hier sind deswegen primär in der
Pflicht, diese grundrechtlichen Freiheiten zu schützen, (Beifall bei der CDU/CSU – Wolfgang
unter anderem Art. 10 des Grundgesetzes. Wir fordern Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das
Sie deswegen auf: Schluss mit der Eskalationsrhetorik! war ein Rat an Sie, Herr Kollege!)
(Ansgar Heveling [CDU/CSU]: Wer hat denn Natürlich haben wir von der CDU/CSU gehofft, dass
damit angefangen? Wie hieß denn damals der Sie auch einmal bei Themen wie Antidiskriminierung
Innenminister?) Sensibilität, was Umwege über Europa betrifft, an den
Tag legen. Wir haben hier eines festzustellen: In Europa
Ziehen Sie die bürgerrechtlichen Konsequenzen aus dem gibt es eine Mehrheit für die Vorratsdatenspeicherung;
Urteil und lassen Sie die verfassungsrechtliche Identität das Europäische Parlament hat nämlich so entschieden.
unseres Landes unberührt! Beerdigen Sie Ihre Pläne zur
Vorratsdatenspeicherung auf nationaler und auf europäi- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
scher Ebene!
Auch da gibt es offensichtlich keine Mehrheit für die
Herzlichen Dank. von Ihnen vertretene Auffassung.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
und bei der LINKEN) GRÜNEN]: Das werden wir sehen!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3329
Michael Grosse-Brömer
(A) Ich will noch eines sagen: Falsch ist auch die von Ih- spiel genannt: Ein Teil der 145 Mitglieder eines Internet- (C)
nen gezogene Schlussfolgerung, das Gericht habe die boards, wo kinderpornografisches Bild- und Filmmaterial
Vorratsdatenspeicherung für nichtig erklärt. Die Vorrats- ausgetauscht wurde – das ist schwerste Kriminalität –,
datenspeicherung ist – so steht es ausdrücklich in dem konnten identifiziert werden. Über die erhobenen Ver-
Urteil – sogar per se geeignet und auch notwendig zur kehrsdaten, etwa die E-Mail-Adressen, konnten 20 Mit-
Bekämpfung schwerster Verbrechen. Das steht in dem glieder – Kinderschänder und damit Schwerverbrecher –
Urteil. identifiziert werden.
(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sehr Ich sage Ihnen: Wir brauchen die Vorratsdatenspei-
richtig!) cherung, um effizient gegen solche Leute vorzugehen.
Angesetzt wird da, wo es um die Umsetzung, wo es um (Beifall bei der CDU/CSU)
die Datensicherung und um die Datenverarbeitung geht.
Das nehmen wir mit Respekt zur Kenntnis. Aber hören
Sie auf, falsche Wahrheiten zu verbreiten. Präsident Dr. Norbert Lammert:
Herr Kollege Grosse-Brömer, darf der Kollege
(Beifall bei der CDU/CSU) Montag Ihnen eine Zwischenfrage stellen?
Die Vorratsdatenspeicherung wurde vom Gericht nicht
für verfassungswidrig erklärt. Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU):
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Ja, gerne.
NEN]: Dieser Art!)
Es ist festzustellen, dass auch der Schutz der Bürger Präsident Dr. Norbert Lammert:
ein Wert ist. Ich glaube, wir alle sind der Auffassung – es Bitte schön.
ist sogar verfassungsrechtlich abzuleiten –, dass es wich-
tig ist, den Schutz der Bürger vor schweren Straftaten si- Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
cherzustellen. Danke, Herr Präsident. – Lieber Kollege Grosse-
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE Brömer, Sie haben Fachleute auf dem Gebiet der Be-
GRÜNEN]: Dazu hilft das Gesetz nicht!) kämpfung von Straftaten zitiert, Kriminalbeamte und
insbesondere den BKA-Präsidenten Ziercke. Würden
Wenn das Bundesverfassungsgericht in dem von Ihnen Sie mir recht geben, dass die Autorität des BKA und
mehrfach zitierten Urteil feststellt, dass die Vorratsdaten- auch die von Herrn Ziercke – bisher habe ich sie, so wie
speicherung ein wichtiges Instrument ist, um schwerste Sie, als hoch angesehen – schwer angekratzt ist, nach- (D)
(B)
Straftaten, um Terrorismus und organisierte Kriminalität dem es gerade das BKA und Herr Ziercke waren, die uns
zu bekämpfen, dann ist das für uns als CDU/CSU ein allen hier im letzten Jahr im Brustton der Überzeugung
ganz wichtiger Aspekt. Wir sagen: Daran muss man fest- gesagt haben, wir müssten unbedingt und sofort – das sei
halten. Die Bürger in diesem Land haben einen An- äußerst effektiv – Internetsperren zur Bekämpfung von
spruch auf effektive Strafverfolgung. Kinderpornografie einführen. Er hat Sie und die Union
(Beifall bei der CDU/CSU) sozusagen davon überzeugt. Inzwischen ist allgemein
klar – alle Fachleute sagen das; die Industrie sagt das –,
Es geht noch weiter. Es gibt Spezialisten, teilweise in dass das von Anfang an ein völlig sinnloses und zweck-
Ihrer Fraktion, in größerem Maße in meiner Fraktion. loses Mittel war, weil jede Sperre innerhalb von einigen
(Lachen des Abg. Jerzy Montag [BÜND- Sekunden von jedem einfachen User umgangen werden
NIS 90/DIE GRÜNEN]) kann. Stimmen Sie mir zu, dass es bei den jetzigen Aus-
sagen des Herrn Ziercke, man brauche die Vorratsdaten-
– Ja. speicherung dringend, angebracht ist, Vorsicht walten zu
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- lassen?
NEN]: Wir dürfen doch einmal lachen!)
(Beifall des Abg. Volker Beck [Köln] [BÜND-
– Ja, es gibt ja nichts Schöneres, als Ihnen eine Freude NIS 90/DIE GRÜNEN] – Zuruf von der CDU/
zu machen, und das an diesem Vormittag. CSU: Abwegige Argumentation!)
(Gisela Piltz [FDP]: Jetzt bin ich persönlich
beleidigt!) Michael Grosse-Brömer (CDU/CSU):
Lieber Herr Kollege Montag, ich bin Ihnen für diese
– Ich werde manches nachholen.
Frage sehr dankbar. Zu dieser Feststellung gibt es von
Die Personen, die sich beruflich mit effizienter Straf- mir nicht einmal einen Hauch von Zustimmung. Ich
verfolgung beschäftigen, zum Beispiel der Präsident des kann Ihnen das erklären. Wir, die CDU/CSU-Fraktion,
Bundeskriminalamtes, die Mitglieder des Bundes Deut- haben eine Veranstaltung zur Effizienz bei der Bekämp-
scher Kriminalbeamter – wir müssen ihnen dankbar sein, fung von Kinderpornografie durchgeführt. Ich gebe Ih-
dass sie das tun –, sagen: Bitte begeht nicht den Fehler nen recht, dass das Löschen im Zweifel effizienter ist als
und verzichtet auf die Vorratsdatenspeicherung; denn wir das Sperren – wenn man es denn kann und dazu die Ge-
brauchen sie. Herr Ziercke, der Präsident des BKA, hat legenheit hat. Ein Problem ist nämlich, dass die Seiten
vor dem Bundesverfassungsgericht ein deutliches Bei- mit diesen perversen Inhalten wöchentlich wechseln.
3330 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Michael Grosse-Brömer
(A) Die Auffassung meiner Fraktion ist, dass das Sperren, sen –, ist der Bezug auf dieses diffuse Gefühl des Be- (C)
wenn man das Löschen nicht schafft, immer noch nicht obachtetseins.
die perfekte Möglichkeit ist, jeglichen Zugriff auf be-
stimmte Seiten zu verhindern. Aber es ist immerhin (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
möglich – das zeigen ganz konkrete Erfahrungen aus GRÜNEN]: Ja!)
Norwegen –, die Anzahl der Zugriffe auf die entspre- Ich kann das gut nachvollziehen. Dabei geht es nämlich
chenden Seiten um bis zu 40 Prozent zu reduzieren. Der nicht um die Einzelmaßnahmen. Schließlich ist es nicht
Präsident des Bundeskriminalamtes hat recht, wenn er so, dass wir grundsätzlich der Auffassung sind: Alles
sagt: Wir können nicht darauf verzichten, zumindest die läuft bestens, und wir können ohne Ende Daten erheben.
hinter dieser Zahl stehenden Personen davon abzuhalten,
diese perversen Seiten anzusehen. Ich kann, wie gesagt, nachvollziehen, dass man dieses
Gefühl hat. Ich glaube, meine Tochter, die mittlerweile
(Beifall bei der CDU/CSU) zwölf Jahre alt ist, hat vom Internet schon mehr Ahnung
Insofern hat er für mich immer noch ein hohes Ansehen. als ich. Deswegen macht sie sich vielleicht auch weniger
Ich hoffe, auch Sie kommen irgendwann zu dieser Er- Sorgen. Auch Sie sind schon eine andere Generation. Ich
kenntnis. nehme Ihre Argumente ernst. Was mich aber immer wie-
der wundert, ist, dass dieses diffuse Gefühl des Beobach-
Wenn ich daran gleich anknüpfen darf: Es ist aus mei- tetseins, wenn es um Google oder Facebook geht, über-
ner Sicht und für meine Fraktion sehr wichtig, dass die haupt keine Rolle spielt.
Menschen, die sich fachlich permanent und intensiv mit
der Bekämpfung schwerster Kriminalität beschäftigen, (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
nicht aus durchschaubaren politischen Gründen diskredi- GRÜNEN]: Doch! Da auch! Dieses Thema
tiert werden, servieren wir Ihnen doch jede Woche!)

(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Vor kurzem hat Herr Schirrmacher im Frühstücks-
NEN]: Das tun wir nicht! Nein, nein!) fernsehen eine spannende Frage gestellt: Wer kontrol-
liert eigentlich Google?
nur weil die Erkenntnisse der großen Polizeidienststellen
und der Verbände, in denen sich jeden Tag viele Beamte (Gisela Piltz [FDP]: Ja! Sehr spannende Fra-
mit der Bekämpfung von Kriminalität befassen, nicht in ge! – Christine Lambrecht [SPD]: Die Staats-
das eigene politische Konzept passen. Sie sollten so früh anwälte!)
wie möglich damit aufhören, diese Personen zu diskredi- Diese Frage werden wir hier und heute nicht beantwor-
tieren. Das ist der falsche Weg, in Deutschland für eine ten können. Aber es wäre schön, wenn Sie aufhören wür-
(B) effiziente Strafverfolgung zu sorgen. den, dem Staat in dieser Debatte grundsätzlich ein Aus- (D)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. forschungs- und Aushorchungsinteresse zu unterstellen,
Patrick Döring [FDP]) aber dann, wenn es um Google und Facebook geht, die
Freiheit des Internet zu betonen, die sie gerade denen ge-
Ich halte es in der Tat für arrogant und leichtfertig, zu währen wollen, die über mehr Daten verfügen, als der
versuchen, diese Leute sozusagen hintenherum und mit Staat jemals bekommen kann.
wenig argumentativer Überzeugungskraft in eine be-
stimmte Ecke zu stellen. (Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das tun wir doch gar nicht!)
(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Das haben Sie doch selbst getan!) Ich finde, das ist ein Fehler in Ihrer Argumentation.
Warum fordern diese Personen wohl eine zügige neue (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
gesetzliche Grundlage? Glauben Sie, die hätten davon in neten der FDP – Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/
irgendeiner Form persönliche Vorteile? Nein, die ma- DIE GRÜNEN]: Ein Popanz!)
chen sich Sorgen um die Situation in Deutschland. Sie
– Herr Kollege Montag, wenn Sie von Popanz reden,
machen sich Sorgen, dass Schutzlücken bestehen, wenn
scheint meine Rede gut gewesen zu sein; denn dann sind
die Vorratsdatenspeicherung nicht mehr zur Verfügung
Sie ein bisschen unruhig. Das freut mich.
steht. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis: Die Bürger in
Deutschland haben einen Anspruch auf effiziente Straf- Wenn wir über die Datenspeicherung diskutieren,
verfolgung und auf Schutz durch den Staat. müssen wir ein erhöhtes Problembewusstsein an den
(Beifall bei der CDU/CSU) Tag legen; hier sind wir mit Ihnen einer Auffassung.
Auch meine Fraktion wird sensibel vorgehen und darauf
Ich finde, wenn die Beamten, die mit diesem Thema achten, was für den Staat möglich sein muss und was
zu tun haben, die Vorratsdatenspeicherung als wirksames nicht. Das ist doch gar keine Frage. Dafür sitzen wir hier.
Instrument in Anspruch nehmen, dann ist es unser Job, Was den konkreten Fall, die Vorratsdatenspeicherung,
ihnen dieses Instrument auch zur Verfügung zu stellen. angeht, können wir aber nicht behaupten, sie sei ein In-
strument, das für den Bürger auf keinen Fall erträglich
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
ist. Ich glaube sogar, es ist umgekehrt: Die Bürger erwar-
GRÜNEN]: Ja! Aber verfassungsgemäß!)
ten, dass man, wenn man wirksame Instrumente zur Ver-
– Herr Kollege von Notz, was ich bei Ihrer Argumenta- fügung hat, diese auch nutzt, um sie vor Gewalttaten zu
tion ganz spannend finde – auch ich habe das Urteil gele- schützen; dafür gibt es viele Beispiele. Ich jedenfalls
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3331
Michael Grosse-Brömer
(A) glaube den Leuten, die mit diesem Thema täglich zu tun hen! – Gisela Piltz [FDP]: Was Sie sagen, (C)
haben. zeigt, dass Sie sich damit in den letzten zehn
Jahren nicht beschäftigt haben!)
Die Regierungskoalition analysiert derzeit das Urteil
des Bundesverfassungsgerichts. Auf europäischer Ebene – Man weiß es sehr wohl; denn man selbst entscheidet,
tut man das auch. Die CDU/CSU hat vor dieser Debatte was man über sich preisgibt. Zumindest ist es ein gewal-
Rücksprache mit einigen Kollegen aus dem Europäi- tiger Unterschied dazu, dass anlasslos die Telekommuni-
schen Parlament gehalten. Wir können feststellen: Das kationsverbindungen Hunderttausender Menschen er-
Schutzniveau, das auf europäischer Ebene geschaffen fasst werden. Natürlich muss man die Menschen dazu
wird, wird – ungeachtet der Bemühungen der Justizkom- aufrufen, mit ihren persönlichen Daten sorgfältig umzu-
missarin – nicht höher sein als das Schutzniveau, das uns gehen, sie nicht leichtfertig irgendwo einzuspeisen.
vom Bundesverfassungsgericht vorgegeben wurde. Es
wird in Europa keine strengeren Maßstäbe geben, als sie (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Jetzt
in Deutschland nach der Entscheidung des Bundesver- sind wir wieder einer Meinung!)
fassungsgerichtes gelten. Aber das ist ein anderer Punkt. Bei der Vorratsdatenspei-
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- cherung hat man diese Möglichkeit nicht.
NEN]: Woher wollen Sie das wissen?) Das ist ja das, was das Bundesverfassungsgericht der
– Weil gar nichts anderes in der Debatte ist. Bundesregierung mit seinem Urteil ins Stammbuch ge-
schrieben hat: Es hat nicht gesagt, dass eine Vorratsda-
Unsere Koalition arbeitet nach dem Motto: So sorg- tenspeicherung per se unmöglich sei; aber es hat sehr
fältig wie nötig, aber so zügig wie möglich müssen hohe Hürden benannt. Diese Hürden müssen bei der
Schutzlücken geschlossen werden. Umsetzung berücksichtigt werden.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Clemens Binninger [CDU/CSU]: Sind Sie
NEN]: Hat Ihre Fraktion da die absolute Mehr- dazu bereit?)
heit?)
Es gibt Hürden bei der Verwendung der Daten, bei der
Das wird beim Arbeitstempo zu berücksichtigen sein. Sicherheit der Speicherung sowie bei der Transparenz.
Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass die Frist für Es muss darüber informiert werden, für was und warum
die Umsetzung dieser Richtlinie bereits abgelaufen ist. diese Daten erhoben werden. Vor allen Dingen muss der-
Was Europa uns vorgibt, ist also zu berücksichtigen, und jenige, dessen Daten verwendet werden, darüber infor-
zwar in dem Rahmen, den das Bundesverfassungsgericht miert werden. So weit gehen wir, glaube ich, d’accord.
vorgegeben hat. Ein schönes Datenschutzkorsett ist ge-
(B)
richtlicherseits vorgegeben. Wir werden es nun gesetz- Sie haben zu Recht angesprochen, Herr Grosse- (D)
geberisch auffüllen und damit wahrscheinlich sehr er- Brömer, dass eine Ursache für die Einführung einer
folgreich sein. gesetzlichen Regelung zur Vorratsdatenspeicherung
Attentate in europäischen Großstädten wie in Madrid
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. waren. Anhand von aufgefundenen Handys konnte da-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) mals festgestellt werden, mit wem die Attentäter telefo-
niert hatten. So konnten Rückschlüsse auf entsprechende
Verbindungstäter gezogen werden.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Das Wort hat nun Christine Lambrecht für die SPD- (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Sie se-
Fraktion. hen, wie effektiv die ganze Sache ist!)
(Beifall bei Abgeordneten der SPD) Jetzt muss es darum gehen, die Vorratsdatenspeiche-
rung gerichtsfest, verfassungsfest umzusetzen.
Christine Lambrecht (SPD): (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Sehr
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! richtig!)
Wie so oft reizt die Rede des Kollegen Grosse-Brömer
dazu, einiges klarzustellen. Da Sie selbst einräumen, Da haben Sie eine große Aufgabe vor sich.
vom Internet wenig zu verstehen, haben Sie zumindest (Gisela Piltz [FDP]: An der Sie gescheitert
diese These klar belegt. Bei allem Respekt für eine Ver- sind! – Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]:
teidigungshaltung: Wenn jemand bei Google Daten über Wir werden diese Aufgabe lösen!)
sich freigibt, wenn die jüngere Generation in verschie-
densten sozialen Netzwerken persönliche Daten freigibt, Wir werden das gespannt beobachten.
kann man diese Daten doch nicht in einen Zusammen- Ich rate aber, in der Öffentlichkeit nicht so zu tun, als
hang stellen mit Daten, die bei einer anlasslosen Vorrats- ob momentan eine gewaltige Sicherheitslücke ent-
datenspeicherung erfasst werden. Das eine hat mit dem stünde, als ob man – wie Sie es beschrieben haben –
anderen wenig zu tun. Bei den Daten, die bei Google Kinderschänder derzeit nicht verfolgen könne.
gesammelt werden, erklären sich die Nutzer einverstan-
den, wissen, was mit den Daten passiert. (Zuruf von der CDU/CSU: So ist es leider!)
(Michael Frieser [CDU/CSU]: Eben nicht! Sie Zur Aufklärung solch schwerster Verbrechen gibt es die
wissen es nicht! Sie können es auch nicht se- Möglichkeit der Telefonüberwachung.
3332 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Christine Lambrecht
(A) (Michael Frieser [CDU/CSU]: Sie wissen aber (Zuruf von der CDU/CSU: Wir machen das (C)
nicht, wann! – Clemens Binninger [CDU/ gemeinsam!)
CSU]: Dazu müssen Sie ihn erst einmal ken-
nen!) Aber, wie gesagt, momentan ist in dieser Koalition alles
denkbar.
Sie können doch nicht behaupten, dass gegen Kinder- (Gisela Piltz [FDP]: Das unterscheidet uns von
schändernetzwerke derzeit in keiner Weise vorgegangen Ihnen! – Jan Korte [DIE LINKE]: Nur nichts
werden könne, dass man solche Verbrechen nicht ahnden Gutes!)
könne, weil keine anderen Maßnahmen zur Verfügung
stünden. Von daher kann ich der FDP anbieten, mit uns konstruk-
tiv zusammenzuarbeiten. Aber, wie gesagt, wir sind ge-
(Michael Frieser [CDU/CSU]: Realitäts- spannt, wer sich durchsetzt.
verdrängung!)
Vielen Dank.
Schüren Sie nicht Ängste! Selbstverständlich sind wir
uns darin einig, dass organisierte Kriminalität, schwerste (Beifall bei der SPD)
Verbrechen verfolgt werden müssen. So zu tun, als ob
man dazu momentan keinerlei Mittel habe, verwirrt. Das Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
ist der Sache nicht dienlich. Das Wort hat nun Christian Ahrendt für die FDP-
Fraktion.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Wir werden beobachten, wie Sie mit dieser großen der CDU/CSU)
Aufgabe umgehen. Wir haben im Vorfeld ja schon eini-
ges gehört: Die Ministerin – die selbst gegen die Vorrats-
Christian Ahrendt (FDP):
datenspeicherung geklagt hat – hat erklärt, sie wird das
Verfahren jetzt erst einmal aussetzen und abwarten, was Liebe Frau Kollegin Lambrecht, seien Sie versichert:
in Europa passiert. Die zuständige EU-Kommissarin, Wir werden die Fahne der Freiheit weiter hochhalten.
Justizkommissarin Reding, hat gesagt, dass sie diese (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Richtlinien auf den Prüfstand stellen will. Diese Über-
prüfung will Frau Leutheusser-Schnarrenberger abwar- Ich habe gerade festgestellt, dass Sie eine solche Fahne
ten. Aus der Fraktion der CDU/CSU habe ich anderes gar nicht im Schrank haben.
gehört. Da will man ganz schnell eine Lösung, die sofort (Beifall bei der FDP)
(B) umgesetzt wird, damit keine Lücken entstehen. (D)
Um Ihre Gedächtnislücken etwas zu schließen: Sie
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: haben, glaube ich, am 9. November 2007 in der nament-
Genau!) lichen Abstimmung zur Vorratsdatenspeicherung dafür
gestimmt.
Ich bin gespannt, wie sich bei diesem Thema die Mehr-
heitsverhältnisse entwickeln. Wir werden beobachten, (Christine Lambrecht [SPD]: Ja, das habe ich
wer sich hier durchsetzt: nie bestritten!)
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Wir Ich habe auch gesehen, dass Sie noch nicht einmal eine
verstehen uns gut! Wir kriegen das hin!) Erklärung zu Protokoll gegeben haben.

die Ministerin, die gegen die Vorratsdatenspeicherung (Christine Lambrecht [SPD]: Das muss man
geklagt hat und recht bekommen hat, oder die CDU/ auch nicht!)
CSU, die eine ganz andere Position vertritt, nämlich jetzt Es ist sehr schön, von Leuten belehrt zu werden, wie
sofort eine Lösung zu finden, weil sonst Lücken entstün- man mit einem Thema umzugehen habe, die zu keiner
den. Ich war eben schon ein bisschen perplex, dass Sie Zeit in der Lage waren, dieses Thema auch nur annä-
sich hier wechselseitig beklatschen. Ich bin gespannt, hernd sorgfältig zu bearbeiten.
was der Kollege von der FDP dazu sagen wird.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
(Zuruf von der FDP: Machen Sie Schluss! der CDU/CSU)
Dann hören Sie es! – Michael Grosse-Brömer
[CDU/CSU]: Machen Sie sich keine Sorgen!) Schauen wir uns einmal an, wie das gelaufen ist, weil
das jetzt ein Stück weit Vergangenheitsbewältigung ist.
Vielleicht vertritt auch er die Position, dass sofort etwas Ihre Parteifreundin, Frau Zypries, war Justizministerin.
gemacht wird und nicht abgewartet wird, was auf euro- Sie hat es auf EU-Ebene nicht geschafft, die Richtlinie
päischer Ebene passieren wird. Davon rate ich Ihnen ab. aufzuhalten. Sie war als zuständige Justizministerin für
Aber ich gehe davon aus, dass die FDP in dieser Frage die Umsetzung der Richtlinie verantwortlich. Insofern
die Fahne der Freiheitsrechte der Bürger ganz klar hoch- erinnerte mich das Haus Zypries ein bisschen an eine
hält, so wie sie das in allen Wahlkampfslogans vertreten Rudi-Carrell-Show. An diese Show erinnert man sich
hat. Wir werden sehen, wer sich am Ende durchsetzt. Ich eher, wenn man so eine Frisur wie ich hat. Die Show
hoffe, es wird die FDP mit ihrer Ministerin, Frau hieß „Am laufenden Band“. Das, was an Gesetzen aus
Leutheusser-Schnarrenberger, sein. dem Hause Zypries kam, ist am laufenden Band vom
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3333
Christian Ahrendt
(A) Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe aufgehoben wor- dann stellen wir fest, dass es derzeit gar keine Veranlas- (C)
den, Frau Kollegin Lambrecht. sung gibt, in Hektik zu verfallen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
der CDU/CSU) NEN]: Den Eindruck machen Sie auch nicht! –
Gisela Piltz [FDP]: Das ist ja auch der Sinn der
Sache!)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage der Die Berichte werden im September 2010 vorliegen, und
Kollegin Lambrecht? wir werden das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes
sorgfältig auswerten.
Christian Ahrendt (FDP): Es besteht auch keine Sicherheitslücke. Durch die
Nein. einstweilige Verfügung wurde die Regelung zur Vorrats-
datenspeicherung schon vorzeitig suspendiert. Die Fest-
(Zurufe von der SPD: Oh! – Wolfgang stellung des Bundesverfassungsgerichts, dass die Richtli-
Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr nie zur Vorratsdatenspeicherung in Deutschland zunächst
souverän!) keine Anwendung findet, hat dem Sicherheitsgefühl in
Sie können gerne eine Kurzintervention machen, Frau Deutschland keinen Abbruch getan. Insofern ist es in der
Kollegin. Ich werde jetzt zum Thema kommen. Das aktuellen Situation nicht unbedingt erforderlich, übereilt
Thema ist – der Kollege Notz hat es angesprochen, das eine Richtlinie umzusetzen, die ohnehin auf dem Prüf-
ist, glaube ich, ein Kernsatz der Entscheidung des Bun- stand steht. Vor diesem Hintergrund bedarf es derzeit des
desverfassungsgerichtes – die Freiheitswahrnehmung. etwas populistischen Antrages der Grünen nicht.
Mit der Freiheitswahrnehmung nicht vereinbar ist, dass (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
alltägliche Daten erfasst, gesammelt und gespeichert NEN]: Doch!)
werden und dadurch ein Gefühl der Überwachung ent-
steht. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Deswegen werden wird dem Antrag auch nicht zustim-
Entscheidung deutlich gesagt, dass es Aufgabe der Bun- men.
desregierung ist, diese Freiheitswahrnehmung auf euro- Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
päischer Ebene und auch auf internationaler Ebene zu
verteidigen. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Wolfgang Wieland [BÜND-
Weil ich weiß, dass die Justizministerin selber Kläge- NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das habe ich nicht
(B) rin gegen diese Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung verstanden!) (D)
bzw. das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung war, brau-
chen wir Ihren Antrag nicht, weil Frau Leutheusser-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Schnarrenberger persönlich dafür steht, dass die Frei-
heitsrechte, so wie es das Bundesverfassungsgericht vor- Das Wort zu einer Kurzintervention erteile ich Kolle-
gegeben hat, auf europäischer Ebene gewahrt werden. gin Lambrecht.

(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Christine Lambrecht (SPD):


NEN]: Doppelt genäht hält besser!) Da der Kollege Ahrendt keine Zwischenfrage zulas-
Das Entscheidende ist, dass auch auf europäischer sen wollte, nutze ich die Möglichkeit der Kurzinterven-
Ebene schon ein Umdenken eingesetzt hat. Die Justiz- tion und weise darauf hin, dass es die SPD-Justizminis-
kommissarin Reding hat angekündigt, dass sie die euro- terin Brigitte Zypries war, die darauf hingewirkt hat,
päische Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung evaluie- dass die in der Richtlinie ursprünglich vorgesehene
ren will. Die Innenkommissarin, Frau Malmström, hat Dauer der Speicherung von 36 Monaten auf EU-Ebene
hinterfragt, ob es noch ein ausreichendes Gleichgewicht auf sechs bis 24 Monate gekürzt wurde und dass in dem
zwischen Terrorismusbekämpfung auf der einen Seite entsprechenden Umsetzungsgesetz in Deutschland nur
und den privaten Freiheitsrechten auf der anderen Seite noch eine Dauer von sechs Monaten vorgesehen war.
gibt. Auch von dort ist also zu erwarten, dass man die Frau Zypries hat diese EU-Richtlinie in ihrer Eigen-
Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung auf EU-Ebene schaft als Justizministerin also nicht einfach durchlaufen
evaluiert. Auch eine dritte Frage wird in diesem Zusam- lassen, sondern sie hat entscheidenden Einfluss darauf
menhang geklärt werden, nämlich ob diese Richtlinie genommen, dass es nicht zu unverhältnismäßig langen
noch mit der EU-Grundrechtecharta vereinbar ist, die Speicherungsdauern gekommen ist.
zusammen mit dem Lissabon-Vertrag in Kraft getreten (Zuruf von der FDP: Zu wenig offenbar!)
ist.
(Beifall bei der FDP und dem BÜNDNIS 90/ Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
DIE GRÜNEN) Kollege Ahrendt.
Wenn wir uns das alles sorgfältig anschauen,
Christian Ahrendt (FDP):
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Verehrte Frau Kollegin, dieser Sachverhalt ist be-
NEN]: Dann?) kannt.
3334 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Christian Ahrendt
(A) (Christine Lambrecht [SPD]: Anscheinend überhaupt braucht. Das hat diese Bundesregierung aber (C)
nicht!) nicht getan.
Aber wir kennen auch den Satz: „Wer immer strebend (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Wir
sich bemüht, den können wir erlösen.“ Frau Zypries sind ja gerade dabei! – Zuruf von der FDP:
konnte bei dem wenigen Bemühen, das sie an den Tag Das machen wir doch gerade!)
gelegt hat, nicht erlöst werden. Denn wir haben immer Der Bundesinnenminister und die CDU sagen: Wir müs-
gesagt, dass wir diese Richtlinie in Deutschland gar sen unbedingt vor der Sommerpause noch irgendetwas
nicht wollen. unternehmen. – Die Bundesjustizministerin dagegen
(Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/DIE sagt – und dabei unterstütze ich sie sehr –: Am besten
GRÜNEN]: Aber jetzt wollen Sie sie doch?) machen wir erst einmal gar nichts; denn gar nichts zu
tun, ist besser, als das Falsche zu tun.
Es wäre also eigentlich ihre Aufgabe gewesen, die (Beifall bei der LINKEN – Zurufe von der
Richtlinie auf europäischer Ebene zu verhindern. Das FDP: Das hat sie nicht gesagt! Lesen Sie doch
hat sie nicht geschafft, daran muss sie sich messen las- mal Zeitung!)
sen. Deswegen können wir Ihnen das Argument der ge-
ringen Fristverkürzung auch nicht durchgehen lassen. Deshalb wissen wir bis heute nicht, was die Meinung der
Koalition ist.
(Beifall bei der FDP – Christine Lambrecht
[SPD]: Jetzt wird es spannend, was Ihre Minis- (Gisela Piltz [FDP]: Herr Korte, wenn Sie die
terin macht!) Ministerin zitieren, zitieren Sie sie bitte rich-
tig!)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Ich denke, wir sollten zur Kenntnis nehmen, dass das
Das Wort hat nun Jan Korte für die Fraktion Die Bundesverfassungsgericht abermals etwas kassiert hat,
Linke. und einen Richtungswechsel vornehmen. An dieser Stelle
stellt sich die berühmte Frage: Was tun?
(Beifall bei der LINKEN)
Um noch einmal auf das Problem zurückzukommen:
Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es darum – das
Jan Korte (DIE LINKE): ist der Unterschied zu Google, Facebook und anderen –,
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der dass ohne Anlass und ohne Verdacht das Kommunika-
FDP traue ich nun wirklich alles Schlechte dieser Welt tionsverhalten von 80 Millionen Bundesbürgern kom-
plett registriert wird. Das ist das Kernproblem, über das
(B) zu, (D)
wir hier diskutieren. Es geht also sozusagen um eine To-
(Gisela Piltz [FDP]: Ja, endlich! – Michael talprotokollierung von menschlichem Kommunikations-
Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das ist wahr- verhalten, und zwar anlasslos.
scheinlich wechselseitig!)
Daraus ergeben sich in einer Demokratie grundle-
aber in diesem Falle, liebe Kolleginnen und Kollegen gende Fragen. Denn Datenschutz und das Wissen, unbe-
von der SPD, war es in der Tat maßgeblich Brigitte obachtet und unangepasst kommunizieren zu können, ist
Zypries, die diese Richtlinie auf europäischer Ebene und eine entscheidende Grundlage demokratischen Engage-
im Bundestag durchgesetzt hat. Das muss man der Fair- ments. Dies wird durch die Vorratsdatenspeicherung be-
ness halber einmal sagen. Deswegen hätte mich interes- hindert und infrage gestellt. Denn klar ist – darauf wird
siert, welche Meinung die SPD jetzt zu dieser Richtlinie auch in dem Urteil hingewiesen –, das jemand, der sich
hat und wie Sie gedenken, mit dem Antrag der Grünen ständig beobachtet und registriert fühlt, automatisch,
umzugehen. Aber vielleicht geht ja der zweite Redner vielleicht sogar unbewusst, anfängt, sein Kommunika-
aus Ihrer Fraktion darauf ein. tionsverhalten zu ändern. Man fängt an, angepasst zu
kommunizieren. Das will zumindest die Linke nicht. Wir
Vor dem Hintergrund welcher Situation diskutieren wollen eine unangepasste Kommunikation in diesem
wir heute? – Abermals ist vom Bundesverfassungsgericht Land.
ein sogenanntes Sicherheitsgesetz kassiert worden – ver-
bunden mit recht drastischen Ermahnungen. Die damali- (Beifall bei der LINKEN)
gen Oppositionsparteien FDP, Grüne und Linke haben Wer sich ständig beobachtet fühlt, passt sich an. Das
schon damals gesagt, dass das so kommen wird und dass mag jemandem mit einem autoritären Weltbild wie Ih-
Ihre Entscheidung auch politisch falsch ist. Darauf woll- nen vielleicht sinnvoll erscheinen.
ten Sie aus ideologischen Gründen nicht hören, und jetzt
haben wir sozusagen den Salat. (Lachen bei der CDU/CSU – Michael Grosse-
Brömer [CDU/CSU]: In welchem System gab
Wenn das höchste deutsche Gericht urteilt, dass ein es denn die Stasi? Keine Belehrung von De-
Gesetz oder eine Richtlinie fachlich falsch ist, dass das mokraten!)
alles so nicht geht, dass man das neu regeln müsste, dann
Wir wollen das aber nicht. Wir wollen unangepasst sein,
denkt man als Bürger ja, die erste Reaktion darauf
und wir wollen den aufrechten Gang. Deswegen lehnen
müsste eigentlich sein, zur Ruhe zu kommen, in sich zu
wir das politisch ab.
gehen und zu prüfen, wie man es besser und grund-
rechtskonform machen könnte bzw. ob man das Ganze (Zuruf von der CDU/CSU)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3335
Jan Korte
(A) – Da haben Sie allerdings recht, um kurz vor Ostern (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten (C)
auch einmal etwas Persönliches zu sagen. Das Bundes- des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
verfassungsgericht hat nicht gesagt, es sei völlig unmög-
Es ist eine traurige Entwicklung, die Sie durchlaufen.
lich, die Richtlinie umzusetzen. Das ist in der Tat richtig.
Deswegen ist jetzt die politische Auseinandersetzung zu
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Aha!) führen. Wir müssen die Vorratsdatenspeicherung weder
als Bundestag noch als Bundesregierung mittragen.
– Ja, ich will schließlich, dass wir eine differenzierte De-
batte führen. – Man muss aber deutlich sagen – das ist (Georg Schirmbeck [CDU/CSU]: Oh doch!
die Aufgabe des Bundestages –: Nicht alles, was juris- Vor Ostern sollten Sie ein bisschen milder
tisch und technisch möglich ist, muss man auch machen. sein!)
Darum geht es in der politischen Auseinandersetzung.
Man könnte erst einmal in sich gehen und über Ostern
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND- nachdenken. Dann könnten wir auf die Vorratsdatenspei-
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordne- cherung verzichten und hätten damit einen wichtigen
ten der SPD) Beitrag zur Stärkung der Demokratie in diesem Land ge-
Deswegen unterstützt meine Fraktion ganz klar den leistet. Die Linke macht mit.
Antrag der Grünen, auf europäischer Ebene darum zu Schönen Dank.
kämpfen, dass die Richtlinie außer Kraft gesetzt wird.
Auch in anderen europäischen Ländern gibt es entspre- (Beifall bei der LINKEN)
chende Ansätze. Wir sind also nicht alleine, wie es die
große Sorge der Bundesregierung ist. Man könnte auf Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
europäischer Ebene etwas für die Grundrechte tun. Es Das Wort hat nun Ansgar Heveling für die Fraktion
wäre auch klasse, wenn eine Bundesregierung auf euro- der CDU/CSU.
päischer Ebene in der Frage von Datenschutz und Bür-
gerrechten positiv auffallen würde. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Die FDP hat in der Frage komplett versagt. Sie sind
schon kurz nach Ihrer Vereidigung beim SWIFT-Ab- Ansgar Heveling (CDU/CSU):
kommen vom Innenminister vorgeführt worden. Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im-
(Gisela Piltz [FDP]: Herr Korte! – Michael merhin wissen wir jetzt schon seit gut 14 Stunden, wel-
Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Die Nachfolge- ches Anliegen die Grünen unter der Überschrift „Keine
partei der SED redet über Bürgerrechte! Ganz Vorratsdatenspeicherungen über den Umweg Europa“
(B)
toll!) bewegt. Sie haben uns lange darüber im Unklaren gelas- (D)
sen, was Sie auf dem Umweg über Europa nicht wollen.
Wir sind gespannt, wie es bei der FDP weitergehen wird. Aber die viele Zeit, die sich die Grünen für die Formu-
Die Linke wird auf jeden Fall die FDP in ihrem lierung des Antrags gelassen haben, hat offensichtlich
Kampf gegen den eigenen Koalitionspartner unterstüt- nicht gereicht, um einen ausgewogenen und vollständi-
zen, gen Antrag vorzulegen. Zwar wird Bezug auf eine Bun-
destagsdrucksache aus dem Jahr 2004 genommen. Aber
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeord- dann sind Aussagen zu dem Zeitraum zwischen 2004
neten der SPD) und 2006 in dem Antragstext doch merkwürdig lücken-
wenn Sie bereit sind, die Richtlinie zur Vorratsdatenspei- haft. Sollte das Zufall sein, oder hat es etwas damit zu
cherung insgesamt zu Fall zu bringen. Dabei haben Sie tun, dass die Grünen bis 2005 in der Regierung waren,
uns an Ihrer Seite. oder sogar damit, dass in dieser Zeit in Europa die we-
sentlichen Entscheidungen zur Vorratsdatenspeicherung
Die Linke unterstützt selbstverständlich auch weiter getroffen wurden,
das außerparlamentarische Engagement. Im Rahmen
der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung ist erstma- (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
lig seit Jahren in der Bundesrepublik über die Frage von NEN]: Das ist doch falsch!)
Grundrechten, Demokratie und Rechtsstaat relevant dis- und zwar unter tatkräftiger Mitwirkung einer rot-grünen
kutiert worden. Das ist doch etwas Gutes, wenn Men- Bundesregierung?
schen auf die Straße gehen und sich organisieren.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
(Gisela Piltz [FDP]: Genau! Es wäre schön, NEN]: Falsch!)
wenn es das in der DDR gegeben hätte, Herr
Korte!) Gerne helfe ich Ihrer Erinnerung auf die Sprünge.
– Ich erinnere mich, Kollegin Piltz: Es war eine gute Sa- Es ist interessant, sich die Entwicklung um das Jahr
che, als wir alle auf der Demo „Freiheit statt Angst“ wa- 2005 genauer anzusehen. Ihre Reaktionen zeigen, dass
ren, die FDP-Fahnen Seite an Seite mit den roten Fahnen ich richtig liege. Wenn man sich die Geschichte der
der Linken. Die Grünen waren auch dabei. Das war eine Vorratsdatenspeicherung anschaut, trifft man auf ein
gute Sache. Ich bin gespannt, ob Sie im Herbst wieder Phänomen; ich nenne es das Chamäleonphänomen.
demonstrieren werden. Ich schätze, nicht; denn auf Sie Beim Blick zurück stößt man nicht nur auf eine rot-
kann man sich in dieser Frage nicht verlassen. grüne Bundesregierung, nein, man stößt auch auf einen
3336 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Ansgar Heveling
(A) Bundesinnenminister, der einmal grün war, irgendwann Die Süddeutsche Zeitung hätte Ihnen damals doch mit (C)
zu den Roten wechselte, um dann in einer rot-grünen dieser passenden Formulierung eine Steilvorlage gelie-
Bundesregierung den schwarzen Sheriff zu geben. fert.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
der FDP) NEN]: Sie hatten Tomaten in den Ohren!)
Es war dieser rot-grüne bzw. grün-rote Innenminister Aber nein, Sie haben geschwiegen. Wären die Grünen
Schily, der genau das mit initiiert hat, was die Grünen doch besser auch heute kleinlaut geblieben!
nun mit dem Antrag „Keine Vorratsdatenspeicherungen
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
über den Umweg Europa“ so vehement von sich weisen
Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
wollen.
NEN]: Unsinn!)
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: So ist
Denn es ist unredlich, was Sie heute machen. Es ist Hel-
es!)
dentum nach Ladenschluss, nichts anderes. Es soll
Ich darf dazu aus der Süddeutschen Zeitung vom schamhaft vergessen machen, dass damals die entschei-
13. März 2005 zitieren, kurz vor der Implosion der letz- denden Weichen durch Rot-Grün selbst gestellt wurden.
ten rot-grünen Bundesregierung: Nochmals im Klartext: Die Innen- und Justizminister
Über den Umweg Brüssel in der EU haben damals eifrig einen Rahmenbeschluss
zur Vorratsdatenspeicherung vorbereitet, einen Rahmen-
– das passt wie die Faust aufs Auge – beschluss, der tiefere Eingriffe in die Grundrechte vor-
will Otto Schily seine im vergangenen Jahr auf sehen sollte als die schließlich erlassene Richtlinie. Mit-
Bundesebene abgelehnten Pläne zur Datenspeiche- tendrin, nein, vorneweg ein Innenminister Schily! Erst
rung doch noch durchsetzen. als ein Rahmenbeschluss an der Einstimmigkeit zu
scheitern drohte, wurde umgeschwenkt. Wir sehen also:
Weiter heißt es: Schon das Fundament des Antrags ist rissig. Es ist vor
allem auf Selbsttäuschung und Unglaubwürdigkeit auf-
Dabei gehe es darum, einen Rahmenbeschluss für gebaut.
die Europäische Union … vorzubereiten, der den
Behörden im Kampf gegen Terror und Kriminalität Es wird nicht besser mit dem Antrag. Es ist schon
helfen soll. abenteuerlich, das Bundesverfassungsgericht zum Kron-
zeugen für einen Antrag zu machen, auf europäischer
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und Ebene loszulegen und die Richtlinie aufzuheben; denn (D)
(B)
der FDP) das Bundesverfassungsgericht hat gerade nicht die Not-
Lassen wir uns das doch einmal auf der Zunge zergehen. wendigkeit gesehen, einen Umweg über Europa zu ma-
Das ist doch die Wahrheit. chen. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Klar
und deutlich wird im Urteil dargestellt, dass die anste-
henden Fragen bezüglich der Vorratsdatenspeicherung
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: auf der Ebene des nationalen Rechts zu beantworten sind
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des und auch dort gelöst werden können. Dementsprechend
Kollegen Wieland? hat sich das Bundesverfassungsgericht bewusst entschie-
den, den Europäischen Gerichtshof nicht einzuschalten,
Ansgar Heveling (CDU/CSU): und auch, dass es keine Fragen gibt, die dem EuGH vor-
Danke, es reicht schon, dass wir über diesen Antrag zulegen sind. Insofern ist zumindest die Überschrift des
diskutieren. Ich möchte diesen schönen Gedanken fort- Antrags gar nicht so falsch; denn wenn das Bundesver-
führen. fassungsgericht keinen Umweg über Europa braucht,
dann brauchen wir ihn allemal auch nicht.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Feigling! – Dr. Konstantin von Notz (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schwach!) der FDP)

Vor allem: Wo war damals der Aufschrei der Grünen? Das europäische Recht steht, und wir brauchen Europa
an dieser Stelle gar nicht zu strapazieren.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Den haben Sie nicht gehört? Der kam Es gibt eine geltende Richtlinie, bei der es im Übrigen
täglich!) für den Europäischen Gerichtshof keinen Anlass zur Be-
anstandung gegeben hat. Damit haben wir eine europa-
Wo war der Antrag damals? Warum haben die Grünen rechtliche Grundlage. Sie gilt nach wie vor. Wir wer-
nicht am 24. März 2005 beantragt „Keine Vorratsdaten- den uns daher mit dem Thema Vorratsdatenspeicherung
speicherungen über den Umweg Europa“? Warum nicht auch deshalb weiter befassen, weil es nach wie vor die
damals? Verpflichtung gibt, die europäische Richtlinie in nationa-
les Recht umzusetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
NEN]: Sie weichen ja sogar einer Frage aus!) GRÜNEN]: Das steht überhaupt nicht fest!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3337
Ansgar Heveling
(A) Diesem Handlungsauftrag können und werden wir uns Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
nicht entziehen. Hierbei ist zu bemerken, dass die Richt- Das Wort hat nun Kollege Gerold Reichenbach für die
linie ohne Zweifel dem nationalen Gesetzgeber einen SPD-Fraktion.
weiten Gestaltungsspielraum einräumt. Diesen Spiel-
raum werden wir ausfüllen. Hierzu ist es zunächst erfor- Gerold Reichenbach (SPD):
derlich, sich genau anzusehen, welche Anforderungen an
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
eine verfassungsfeste Regelung zur Vorratsdatenspeiche-
Damen und Herren Kollegen! Sehr geehrte Zuschauerin-
rung zu stellen sind.
nen und Zuschauer! Die Debatte vonseiten der Koalition
Es ist festzuhalten, dass das Bundesverfassungsge- erinnert mich ein bisschen an den Pfadfinder, der sich
richt die Speicherung und Nutzung von Vorratsdaten beharrlich weigert, zu sagen, wo er hin will, weil er es
nicht schlechterdings untersagt hat. Im Gegenteil: Es gar nicht weiß, und stattdessen den Betroffenen ständig
zieht sich wie ein roter Faden durch das Urteil, dass erklärt, wer sich wie und wo woanders auch schon ein-
grundsätzlich eine grundrechtsgerechte Ausgestaltung mal verlaufen hat.
der Vorratsdatenspeicherung möglich ist. (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Ihr An-
trag erinnert mich an einen, der falsch abgebo-
Nun geht es also darum, sorgfältig und natürlich unter gen ist! – Ansgar Heveling [CDU/CSU]: Ich
Berücksichtigung der grundgesetzlichen und grundrecht- war Ministrant und kein Pfadfinder! – Manuel
lichen Anforderungen eine neue gesetzliche Ausgestal- Höferlin [FDP]: Wir haben wenigstens einen
tung für die Vorratsdatenspeicherung zu entwickeln. Kompass!)
Dementsprechend ist die gebotene Sorgfalt der entschei-
dende Maßstab auch für den Zeitplan. Lassen Sie mich festhalten: Die SPD-Bundestagsfrak-
tion begrüßt die Entscheidung des Bundesverfassungs-
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Sehr gerichts zur Vorratsdatenspeicherung, in der dem Ge-
richtig!) setzgeber jetzt klare Grenzen für einen derartig schweren
Eingriff in die Rechte der Bürger aufgezeigt wurden.
Durch diese notwendige Sorgfalt wird auch ausrei-
chend Raum gegeben, positiv weiter über den Sinn der Die SPD hat – und dazu stehen wir – die vom Bun-
Vorratsdatenspeicherung zu debattieren. Ja, ich habe die desverfassungsgericht monierte Regelung in der Großen
Hoffnung, dass dieser Raum auch dazu dienen kann, Koalition mit verabschiedet. Wir ducken uns hier nicht
Fehlentwicklungen in den Debatten – ich betone: in weg.
den Debatten und nicht in der Sache – zur Vorratsdaten- (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]:
(B) speicherung zu beseitigen, deren Wurzeln auch ganz am (D)
Sehr gut!)
Anfang der Diskussion liegen und die wiederum eng mit
dem Auftreten und dem Vorgehen der damaligen rot- Wir haben uns in den schwierigen Abwägungsprozess
grünen Bundesregierung verknüpft sind. Damals ist das zwischen Sicherheit und Freiheit begeben, als damals
Thema virulent geworden, damals sind die grundlegen- noch – das ist erwähnt worden – die Anschläge von
den Entscheidungen auf europäischer Ebene getroffen Madrid und die Anschlagsvorbereitungen in Deutsch-
worden. land in den Köpfen der Bevölkerung und der Entschei-
denden präsent waren.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vor-
ratsdatenspeicherung war nicht der Endpunkt einer Dis- (Marco Buschmann [FDP]: Also
kussion. Im Gegenteil: Es ist der Auftakt für eine neue Opportunismus!)
Debatte entlang der durch das Urteil formulierten Krite- Es war uns allen klar, dass diese Abwägung zwischen
rien für die Zulässigkeit der Vorratsdatenspeicherung. Sicherheit und Freiheitsrechten in einem freiheitlich-
Hinter dieser Zulässigkeit steht im Kern, dem Staat ef- demokratischen Staat sehr schwierig sein wird. Wir ha-
fektive Möglichkeiten zur Verfolgung schwerer Strafta- ben uns dieser Verantwortung gestellt, und wir werden
ten an die Hand zu geben. Auch durch die aktuellen uns auch weiter dieser Verantwortung stellen und uns
Fälle wird die Notwendigkeit dafür gezeigt. nicht wegducken,
Diesen Weg werden wir gehen, und wir brauchen hier (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das
keine Umwege über Europa. Wir gehen den geraden bleibt abzuwarten!)
Weg: hier in diesem Parlament mit dieser Regierungsko-
gerade auch vor dem Hintergrund, dass uns das Bundes-
alition. Ich bin mir sicher: Wir werden unsere Schlüsse verfassungsgericht an dieser Stelle klar gesagt hat: Ihr
aus dem Bundesverfassungsgerichtsurteil gemeinsam habt dort Fehler gemacht.
ziehen und gemeinsam unsere Vorschläge dazu unter-
breiten. (Marco Buschmann [FDP]: Da zeigt sich, wer
nicht weiß, wohin!)
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP, es ist
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – immer einfacher, zu sagen, was man nicht will, als eine
Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Jetzt Debatte durchzustehen und für ein Gesetz in die Verant-
wisst ihr es! So geht es!) wortung genommen zu werden. Jetzt stehen aber Sie in
3338 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Gerold Reichenbach
(A) der Regierungskoalition in der Verantwortung, und Sie Motto: Weil wir uns gerade nicht einigen können, lassen (C)
müssen sich positionieren. wir die anderen europäischen Länder entscheiden und
schauen dann, was bei uns herauskommt?
(Christian Ahrendt [FDP]: Das haben wir doch
gemacht!) Sie müssen sich übrigens nicht nur bei diesem Thema
der Debatte und der Abwägung stellen. Ich habe mir hier
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil
in der Parlamentsdebatte die Redner von CDU/CSU und
nicht nur gesagt, welche zentralen Rahmenbedingungen
FDP angehört – Frau Piltz wird das wahrscheinlich fort-
zum Schutz der Freiheitsrechte, zum Schutz der Freizü-
führen und mit dem Finger auf andere zeigen –
gigkeit und zum Schutz der Freiheit bei einem solchen
Eingriff für die Bürger gewahrt bleiben müssen, sondern (Gisela Piltz [FDP]: Und das ja wohl zu
es hat auch den Spielraum für Regelungen eröffnet, mit Recht!)
denen dem Sicherheitsbedürfnis entgegengekommen
wird. und dabei gemerkt, dass das Spiel immer das gleiche ist:
CDU gegen FDP; FDP gegen CSU. Ansonsten verweist
(Manuel Höferlin [FDP]: Schön, dass Sie es die FDP auf das, was in der Vergangenheit passiert ist,
gelesen haben!) sagt aber nicht, was sie in Zukunft machen will. The
Eine unverhältnismäßige, anlasslose Datenspeicherung same procedure as every day.
auf Vorrat wird abgelehnt. Herr Staatssekretär und Frau (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Was
Bundesjustizministerin, Sie müssen aber eingestehen, sagen Sie denn dazu?)
dass es für den Gesetzgeber durchaus Regelungsmög-
lichkeiten gibt. Dabei müssen natürlich die fundamenta- Sie müssen sich aber auch bei einem anderen Thema
len Freiheitsinteressen berücksichtigt und gewährleistet der geforderten Abwägung der Verhältnismäßigkeit des
werden, aber auch Sicherheitsinteressen abgedeckt wer- Eingriffs in die Grundrechte stellen, um notwendige Re-
den. gelungen treffen zu können, die die Sicherheitsbedürf-
nisse und die Bürgerfreiheiten wahren.
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]:
Genau!) (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das ist
die Aufgabe! Genau!)
Sie werden sich also schon die Mühe machen müssen,
Regelungen zu finden, die den Anforderungen der Frei- Ich nenne das Beispiel SWIFT. Auch hier geht es um
heitsprinzipien unseres Grundgesetzes und der inneren die Weitergabe von zunächst einmal anlasslos gespei-
Sicherheit genügen. cherten Daten.
(B) (Sebastian Blumenthal [FDP]: Das wussten (Sebastian Blumenthal [FDP]: Deswegen (D)
wir auch vorher!) haben wir es ja auch gestoppt!)
Sie scheinen sich aber wegducken zu wollen. Die – Sie haben es gestoppt? – Wie verhielt es sich bei dem
Hinhaltetaktik, die die Bundesregierung momentan vom Europäischen Parlament kassierten SWIFT-Ab-
fährt, ist weder für die Gegner der Vorratsdatenspeiche- kommen? Wir erinnern uns. Sie sagt: „Ich halte das auch
rung noch für die Sicherheitsexperten nachvollziehbar. aus datenschutzrechtlicher Sicht für extrem bedenklich.“
Wie zu vernehmen ist, wollen Sie jetzt darauf warten, zu
welchem Ergebnis die Überprüfung der Richtlinie (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Und
durch die Europäische Union kommt. Damit können Sie was sagt er?)
sich nicht herausreden. Sie müssen sich positionieren; Er sagt: Durchwinken!
denn auch die Bundesregierung muss bei der Überprü-
fung der Richtlinie auf europäischer Ebene ihre Position (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Und
einbringen. Da frage ich mich eben nur, welche. was sagen Sie?)
Ich darf die Äußerungen der Bundesjustizministerin Das ist wieder das Gleiche: Es gibt nur Nachrichten von
und des Bundesinnenministers zitieren. Sie sagt: „Ich der schwarz-gelben Zankstelle, aber keinen Hinweis da-
freue mich über das Urteil.“ Er sagt: „Bei dem Urteils- rauf, wie Sie sich in Zukunft bei diesem Thema positio-
spruch ist keine Freude aufgekommen.“ Sie sagt: „Wir nieren wollen.
dürfen die Bedeutung der Vorratsdaten für die Terrorab-
(Beifall bei der SPD – Sebastian Blumenthal
wehr nicht überbewerten.“ Er sagt: „Wir müssen die Si-
[FDP]: Sie haben ja gar nichts zu sagen!)
cherheitslücke klug, maßvoll und zügig schließen.“ Sie
sagt: „Es ist nicht der Zeitpunkt für nationale Schnell- Das Bundesverfassungsgericht fordert eindeutig und
schüsse.“ Er sagt, man müsse „klug und schnell han- klar, dass die gesetzliche Ausgestaltung einer Datenspei-
deln.“ Ich sage: Ja, was denn nun? cherung dem besonderen Gewicht des mit der Speiche-
rung verbundenen Grundrechtseingriffs Rechnung tra-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
gen muss. Es ist die Aufgabe der Bundesregierung, dafür
DIE GRÜNEN – Michael Grosse-Brömer
zu sorgen, dem auch auf europäischer Ebene Geltung zu
[CDU/CSU]: Halten Sie sich da raus! Sie kön-
verschaffen. Das gilt sowohl für die Überprüfung der
nen sich da nicht einfach einmischen!)
Vorratsdatenspeicherung als auch für das jetzige Mandat
Welche Position wollen Sie denn bei der Überprüfung für die Verhandlungen über ein zukünftiges SWIFT-Ab-
der Richtlinie einbringen? Oder läuft das nach dem kommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3339
Gerold Reichenbach
(A) Sie müssen sich im Parlament der Verantwortung (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (C)
stellen, Freiheit und Sicherheit, Schutz der Bürgerrechte NEN]: Wer nicht fragt, bleibt dumm!)
und der Bürger nach den Vorgaben unserer Verfassung
die SPD verkauft uns hier für dumm.
auszutarieren. Es reicht nicht mehr – das werden wir
wahrscheinlich anschließend wieder bei Ihnen, Frau (Beifall bei der FDP – Christine Lambrecht
Piltz, erleben –, zu sagen, was man nicht will, und an- [SPD]: Ist das das neue Niveau der Koalition –
sonsten mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. das Niveau der Sesamstraße?)
(Beifall bei der SPD) Etwas anderes kann ich Ihnen heute angesichts dessen,
was Sie hier gemacht haben, nicht sagen. Stehen Sie ein-
Sie sind in der Regierungsverantwortung. Sie müssen fach einmal zu Ihrer Verantwortung!
sich dem stellen.
Herr Korte, abschließend zu Ihnen. So eine Rede von
Wir werden eigene Anträge einbringen, in denen wir ihnen – ich meine „ihnen“ kleingeschrieben, nicht groß-
deutlich machen, was nach unserer Vorstellung die Um- geschrieben; denn dafür sind Sie zu jung –, also von Ih-
setzung der Entscheidung des Bundesverfassungsgerich- rer Partei hätte ich mir vor 40 Jahren in der Volkskam-
tes auch für die europäische Ebene bedeutet. Ich freue mer gewünscht.
mich auf die Debatte und darauf, dass Sie endlich einmal
sagen, was Sie wollen, (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Zurufe von Abgeordneten der
(Sebastian Blumenthal [FDP]: Was Sie nicht LINKEN: Oh!)
gemacht haben!)
Nennen Sie mir einen sozialistischen Staat, der seine
und nicht, was andere gemacht haben; denn das wissen Bürger nicht mehr oder weniger überwacht. Was Sie hier
wir. machen, ist wirklich sehr durchsichtig.
(Beifall bei der SPD) (Christine Lambrecht [SPD]: Jetzt kommen
Sie mal zur Sache, oder?)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, als
Das Wort hat nun Gisela Piltz für die FDP-Fraktion. eine der erfolgreichen Klägerinnen vor dem Bundesver-
fassungsgericht – Sie wissen das, weil wir uns da getrof-
(Beifall bei der FDP – Christian Lange [Back-
fen haben – gegen die Vorratsdatenspeicherung brauche
nang] [SPD]: Die Latte ist hoch gelegt!)
ich von Ihnen keine Nachhilfe und muss mir von Ihnen
(B) das Urteil auch nicht erklären lassen. (D)
Gisela Piltz (FDP):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Ehrlich gesagt: Wenn Sie meinen, das war hoch gelegt, Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
dann haben Sie vom Sport keine Ahnung. Kollegen Korte?
(Beifall bei der FDP)
Gisela Piltz (FDP):
Es ist schön, wenn man zu einem späteren Zeitpunkt
Ja, gerne.
in der Debatte reden darf; denn dann kann man auch auf
die Kollegen eingehen. Herr Reichenbach, wie Sie hier
zu SWIFT und zur Vorratsdatenspeicherung sprechen, Jan Korte (DIE LINKE):
macht deutlich, dass die SPD nach wie vor an politischer Liebe Kollegin Piltz, Ihr Vorwurf war wirklich total
Amnesie leidet. Denn Sie sind diejenigen, die entweder originell. Aber davon einmal abgesehen: Ich habe nicht
nichts gemacht haben oder die Gesetze verabschiedet ha- einmal im Zonenrandgebiet gewohnt. Das ist also völlig
ben, nicht wir. absurd.
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE Aber jetzt einmal ganz ernsthaft. In der Tat finde ich
GRÜNEN]: Sie hätten es stoppen können!) es richtig, sich immer wieder mit der Vergangenheit
auseinanderzusetzen. Das gilt dann jedoch für alle. Des-
Sie tragen die politische Verantwortung für das, was Sie wegen nur eine Frage: Hat denn insbesondere die FDP in
gemacht haben. Auch das ist etwas, dem man sich stellen Nordrhein-Westfalen einmal substanziell ihre Vergan-
muss. Wenn Sie hier so tun, als ob Sie nicht elf Jahre die- genheit aufgearbeitet, insbesondere in Bezug auf das
ses Land regiert hätten, ist das ein billiges Gerede, hat Personal in den 50er- und 60er-Jahren? Darüber sollten
aber mit Politik nichts mehr zu tun. Sie einmal diskutieren, und mich würde das Ergebnis
(Beifall bei der FDP) sehr interessieren. Sie kommen ja aus Nordrhein-Westfa-
len,
Wofür Ihre Abwägung von Freiheit und Sicherheit
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
steht, das sehen wir an dem, was in Karlsruhe gescheitert
NEN]: Was hat denn die LDPD in der Volks-
ist. Frau Lambrecht, Sie haben ja öfter gefragt: Wieso,
kammer gemacht?)
weshalb, warum? Dazu ist mir eigentlich nur ein Satz
eingefallen – Christian Ahrendt und ich sind heute ziem- und da waren reichlich führende Nazis in der FDP unter-
lich fernsehbezogen –: Wieso, weshalb, warum, wegs.
3340 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Jan Korte
(A) (Beifall bei Abgeordneten der LINKEN – – Jetzt wundert mich aber, dass die Kollegen von der (C)
Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- CDU/CSU gar nicht klatschen, wenn ich ihren Minister
NEN]: LDPD!) zitiere.
(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der
Gisela Piltz (FDP): CDU/CSU)
Herr Korte, ich persönlich finde das, was Sie jetzt ma-
chen, wirklich geschmacklos. Bei der Frage, ob und wie weit der Zugriff auf Tele-
kommunikationsverbindungsdaten zur Gefahrenabwehr
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten und Strafverfolgung im Internet notwendig ist, geht es
der CDU/CSU – Lachen bei der LINKEN) genau darum. Das Bundesverfassungsgericht hat da of-
fensichtlich auf überzeugendere Argumente gewartet
Sie sprechen hier für eine Fraktion bzw. für eine Partei, und solche auch immer angefordert; die Bundesregie-
(Manuel Höferlin [FDP]: Die Rechts- rung hat sie leider nicht liefern können, weil – das muss
nachfolger ist!) man hier auch einmal sagen dürfen – viele Beispiele, die
in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, an den Haaren
die Leute, die aus ihrem Land fliehen wollten, an der herbeigezogen sind. Deshalb lautet meine Bitte: Wenn
Grenze erschossen hat. Dafür ist niemand aus Nord- man Beispiele ins Feld führt, dann bitte solche, die wirk-
rhein-Westfalen und niemand aus der FDP verantwort- lich treffend sind!
lich. Die Vergleiche, die Sie hier ziehen, sind wirklich
Zu hören ist etwa, dass man Lawinenopfer jetzt nicht
billig. Wenn Sie sich endlich einmal dazu bekennen wür-
mehr finden kann.
den, dass Sie die Nachnachnachfolger der SED sind,
(Clemens Binninger [CDU/CSU]: Was?)
(Jan Korte [DIE LINKE]: Das haben wir nie
bestritten!) – Der Kollege Herrmann aus Bayern hat von Lawinen-
opfern gesprochen. – Es wäre ein Armutszeugnis, wenn
dann könnten Sie sich hier so äußern. Solange Sie das wir dafür die Vorratsdatenspeicherung bräuchten. Das
nicht tun, haben Sie kein Recht, hier mit dem Finger auf macht man mit dem GPS-Signal, damit man ein solches
andere zu zeigen. Opfer hoffentlich noch lebend findet und nicht erst nach
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten sechs Monaten weiß, wo die Leiche ist. Das wäre ein
der CDU/CSU) bisschen spät für die Rettung.

Das Bundesverfassungsgericht hat – das ist ja der An- Zu hören ist ferner, dass Stalking und Phishing nicht
lass – die nationale Umsetzung der Richtlinie für verfas- mehr verfolgt werden könnten. Auch das ist ein Beispiel,
(B) sungswidrig erklärt. Es hat uns damit deutlich vor Augen das sehr gern gebracht worden ist. Mir ist neu, dass diese (D)
geführt, dass bei der Umsetzung europarechtlicher Taten Katalogstraftaten nach § 100 a StPO sind. Es war
Vorgaben genau dieselbe Abwägung in Bezug auf die bis heute nicht möglich, in solchen Fällen auf diese Da-
ten zuzugreifen. Insofern ist es unredlich, so zu tun, als
Verhältnismäßigkeit zu treffen ist wie bei Fragen natio-
ob das jetzt zum Problem würde.
naler Gesetzgebung. Der Gesetzgeber darf nicht einfach
sagen: Das kommt aus Europa, Augen zu und durch! –
Dessen ist sich diese christlich-liberale Koalition sehr Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
bewusst. Frau Kollegin, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Kollegen Reichenbach?
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Das klang aber mal anders!)
Gisela Piltz (FDP):
Der Gesetzgeber muss – auch dessen sind wir uns be- Wenn er Spaß daran hat.
wusst – bei jedem Gesetz die gleiche Sorgfalt walten las-
sen. Ich möchte den Bundesinnenminister zitieren, der Gerold Reichenbach (SPD):
bei einer Veranstaltung in dieser Woche gesagt hat: Ins- Frau Kollegin Piltz, ich mutmaße, Ihre Redezeit neigt
gesamt ist diese Gesellschaft bislang ganz gut damit ge- sich so langsam dem Ende zu.
fahren, dass der Gesetzgeber sich Zeit gelassen hat. Das
hat auch etwas Freiheitliches. – Da sind wir einer Mei-
Gisela Piltz (FDP):
nung mit ihm.
Sie verlängern die Redezeit. Dafür bin ich Ihnen auch
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE sehr dankbar.
GRÜNEN]: Wenn das der gemeinsame Nen-
ner ist!) Gerold Reichenbach (SPD):
Der Bundesinnenminister sagte weiter, dass mit man- Ja, eben; deswegen meine Zwischenfrage. – Nachdem
chen Einzeleingriffen das Vertrauen zwischen Gesetzge- Sie nun ausreichend erklärt haben, was alle in der Ver-
ber und Anwendern gefährdet werden könne, wenn das gangenheit gemacht oder auch nicht gemacht haben,
Recht nicht systematisch und passend zur technischen frage ich Sie: Wären Sie bereit, diesem Parlament noch
Entwicklung entwickelt wird. – Auch da sind wir einer vor Ende Ihrer Redezeit zu sagen, ob Sie der Auffassung
Meinung. sind, dass die Bundesregierung noch vor der Sommer-
pause, also noch vor einer Revision der EU-Richtlinie
(Beifall bei der FDP) zur Vorratsdatenspeicherung, den Entwurf eines Geset-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3341
Gerold Reichenbach
(A) zes zur Änderung der Regelungen zur Vorratsdatenspei- Ich denke, das beantwortet Ihre Frage ganz klar. (C)
cherung in den Bundestag einbringen oder auf diese Re-
vision warten oder ganz auf die Vorlage eines (Anhaltende Unruhe)
Gesetzentwurfs verzichten soll? – Eigentlich dachte ich, dass man sich sachlich damit
auseinandersetzt.
Gisela Piltz (FDP):
Geschätzter Herr Kollege Reichenbach, so wie ich (Wolfgang Gunkel [SPD]: Beginnen Sie doch
oder auch Sie wissen wir alle hier, dass wir gezwungen mal damit!)
sind, europäisches Recht in nationales Recht umzuset- – Bei Ihnen gab es leider nichts, mit dem ich mich sach-
zen. lich hätte auseinandersetzen können. Deshalb wollte ich
(Wolfgang Gunkel [SPD]: Eben haben Sie über die Beispiele reden, die da immer so durch die Ge-
noch ganz was anderes gesagt!) gend wabern.
– Nein, das habe ich nicht. Wenn Sie hier sind, hören Sie Ich komme zu dem Beispiel mit den Flatrates. Wenn
mir bitte richtig zu oder lassen Sie solche Zwischenrufe! jemand im Internet unterwegs ist, dann kann man ihn
Das muss ich einfach einmal sagen. selbstverständlich auch bekommen; denn wenn jemand
immer zur gleichen Zeit im Internet unterwegs ist, kann
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
man diese Daten heute selbstverständlich im Quick-
NEN]: Ein bisschen höflicher!)
freeze-Verfahren einfrieren. Das wäre im wirklichen
– Nein. Warum? Die gehen auch nicht höflich mit mir Leben so, als wenn jemand sagen würde, dass er um elf
um. Uhr jedes Mal dieselbe Bank überfällt und die Polizei an
(Zuruf: Das hat auch einen Grund!) der nächsten Ecke steht.

– Das mag sein. Dass wir alles schuld sind, obwohl Sie Wir müssen sehr sorgfältig aufpassen, dass wir uns
hier elf Jahre regiert haben, kann ich, ehrlich gesagt, mit solchen Beispielen nicht politisch zu Tode reden. Es
nicht mehr hören. Das muss man Ihnen auch einmal sa- kommt darauf an, dass man sieht, was notwendig ist und
gen dürfen. was man tun muss, mehr aber auch nicht.
(Beifall bei der FDP – Ulrich Kelber [SPD]: An dieser Stelle komme ich auf das Zitat des Bundes-
Wir fragen nur, was Sie vorhaben! Was ist da- innenministers zurück, das ich eingangs schon einmal
ran unhöflich?) bemüht habe: Wir brauchen keine Einzeleingriffsbefug-
nisse, sondern einen vernünftigen und systematischen
Das war ein Gesetz, das Ihre Ministerin gemacht hat. Sie Ansatz, der der Technik entspricht. – Wir glauben, dass (D)
(B) – nicht wir – haben es verabschiedet. Das sage ich Ihnen
das Quick-freeze-Verfahren ein solcher Ansatz ist.
so oft, wie Sie es hören wollen oder auch nicht hören
wollen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir im Internet eine
(Ulrich Kelber [SPD]: Was haben Sie jetzt Aufklärungsquote von 80 Prozent haben. Die Aufklä-
vor?) rungsquote im Internet ist übrigens viel höher als außer-
halb des Internets, wo sie bei nur 55 Prozent liegt.
Ich bin es leid, dass Sie hier keine Verantwortung für das
übernehmen, was Sie gemacht haben. Im Internet muss weiter ermittelt werden, aber tat-
angemessen, lageangemessen und technikangemessen.
(Beifall des Abg. Christian Ahrendt [FDP]) Dazu gehören aus unserer Sicht zum Beispiel auch In-
Aber es ist schön, dass ich das noch einmal sagen durfte. ternetwachen, die auf direktem Wege ansprechbar sind.
Selber schuld! Zudem können bei diesen in den Ländern die Kompeten-
zen gebündelt werden.
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Was machen Sie, Frau Piltz?) Wenn es aber nur in sieben von 15 Landeskriminal-
ämtern eigene Internetabteilungen gibt, dann gibt es si-
– Wir analysieren das Urteil in aller Ruhe. cherlich noch Verbesserungsmöglichkeiten auf der
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE durchführenden Ebene, die wir ausschöpfen müssen und
GRÜNEN]: Wunderbar! – Wolfgang Wieland die wir ausschöpfen werden, um Kriminalität zu be-
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben Ih- kämpfen.
nen dabei geholfen! Das haben Sie eben noch
zurückgewiesen!) Für uns ist wichtig, dass wir in Europa die Evaluie-
rung begleiten, um zu sehen, ob das, was Europa ge-
Dann werden wir, die Fraktionen und die Regierung, das macht hat, wirklich sinnvoll ist. Ich glaube, das steht je-
tun, was wir für notwendig halten. dem gut zu Gesicht. Man muss auch berücksichtigen,
(Unruhe bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ dass das noch nicht in jedem Mitgliedstaat umgesetzt ist.
DIE GRÜNEN) Ich bin mir mit dem Kollegen Grosse-Brömer einig: Wir
werden das so sorgfältig wie möglich und so schnell wie
Wir werden Sie darüber rechtzeitig in Kenntnis setzen. nötig machen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten Vielen Dank.
der CDU/CSU – Manuel Höferlin [FDP]:
Gründlichkeit ist das Prinzip!) (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
3342 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Füßen, bis die EU-Kommission die Vorratsdatenspeiche- (C)
Das Wort hat nun Kollegin Petra Pau für die Fraktion rung verfügte, und zwar verbindlich für alle EU-Mit-
die Linke. gliedstaaten. Das war 2006.
(Beifall bei der LINKEN) Kapitel 3 ist genauso schnell erzählt. Die damalige
Regierungskoalition, wieder bestehend aus CDU/CSU
Petra Pau (DIE LINKE): und SPD, beschloss 2007 im Bundestag die noch kurz
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! zuvor einhellig abgelehnte Vorratsdatenspeicherung.
Vorweg ein Satz an Sie, Kollegin Piltz: Richtig ist, der Man berief sich dabei auf die Europäische Union, quasi
Kollege Korte war nicht Mitglied der SED, aber ich war auf einen höheren Notstand.
Mitglied der SED. Kapitel 4 und 5 waren von der CDU/CSU und von der
(Gisela Piltz [FDP]: Ich habe gesagt: „ihnen“, SPD so nicht erwartet worden. Erst formierte sich unter
klein, nicht „Ihnen“, groß!) dem Kürzel „Vorratsdatenspeicherung“ eine bundes-
weite Bürgerrechtsbewegung. Sie drohte obendrein mit
Aus einem schmerzhaften Auseinandersetzungspro- Massenklagen beim Bundesverfassungsgericht. Dann
zess mit der verfehlten Politik der SED, mit dem Schei- entschied das Bundesverfassungsgericht nach einer
tern des realen Sozialismus und auch aufgrund persönli- Klage gegen den EU-Vertrag von Lissabon, dass EU-
cher Verantwortung, die ich in der DDR getragen habe, Recht mitnichten deutsches Recht breche, jedenfalls
bin ich zu der festen Überzeugung gekommen: Eine so- nicht, wenn dies gegen das Grundgesetz verstoße. Das
zialistische Partei ist nur dann eine linke Partei, wenn sie war 2009. Erfolgreich geklagt hatte übrigens die Linke.
Bürgerrechte und Demokratie verteidigt und sich dafür
einsetzt. Das kann der Kollege Korte genauso für sich in Kapitel 6 fand am 2. März 2010 ein vorläufiges Ende.
Anspruch nehmen, wie die Kollegin Jelpke und jeder an- In seinem Urteil erklärte das Bundesverfassungsgericht
dere Kollege aus der Fraktion Die Linke das für sich in die praktizierte Vorratsdatenspeicherung aller Telekom-
Anspruch nehmen kann. munikationsdaten für verfassungswidrig und das ent-
sprechende Gesetz für null und nichtig.
(Beifall bei der LINKEN – Michael Grosse-
Brömer [CDU/CSU]: Warum haben Sie sich Umgehend folgte Kapitel 7. Während die einen das
dann nicht neu gegründet? Dann hätten Sie ei- Urteil des Verfassungsgerichts als Erfolg für den Rechts-
nen schönen Schlussstrich gezogen!) staat priesen, bliesen die anderen sofort zur nächsten At-
– Das könnte Ihnen so passen, dass wir einen neuen Na- tacke. Und wieder droht der Trick aus Kapitel 2, nämlich
der Umweg über die EU-Instanzen.
(B) men wählen und uns neu gründen, aber nicht den Ruck- (D)
sack der Geschichte tragen. Nein, mit diesem Rucksack Deshalb möchte ich anmerken: Wer unentwegt nach
der Geschichte nehme ich mir heute das Recht, mich mit Wegen sucht, verbriefte Bürgerrechte auszuhebeln, der
politischen Tendenzen auseinanderzusetzen, die aus mei-
missachtet die Bürgerinnen und Bürger, gefährdet die
ner Sicht falsch sind.
Demokratie und lanciert die Europäische Union in eine
Damit kommen wir jetzt einmal zum Thema. Das zwielichtige, bürgerferne Ecke. Ich halte das für gefähr-
Bundesverfassungsgericht hat die praktizierte Vorratsda- lich.
tenspeicherung aller Telekommunikationsdaten für ver-
fassungswidrig erklärt. Das war gut für den Datenschutz (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
und wichtig für den Rechtsstaat. des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Das ist aber nicht das Ende der Geschichte, und das Nun fordert der Antrag von Bündnis 90/Die Grünen
erleben wir heute. Die Begehrlichkeiten nach immer – ich zitiere: –
mehr persönlichen Daten sind ungebrochen. Das zeigen
die ersten Stellungnahmen nach dem Bundesverfas- Die Bundesregierung möge auf der europäischen
sungsgerichtsurteil, zum Beispiel die Stellungnahme von Ebene Vorhaben, die Vorratsdatenspeicherungen
Bundesinnenminister Thomas de Maizière. vorsehen, energisch … entgegentreten.

Deshalb will Bündnis 90/Die Grünen mit dem aktuel- Ich hätte in diesem Antrag gern ein Wörtchen mehr,
len Antrag verhindern, dass die gerade gestoppte Vor- nämlich „alle“ Vorhaben. Stichworte wie ELENA, elek-
ratsdatenspeicherung durch die EU-Hintertür wieder ein- tronischer Personalausweis oder elektronische Gesund-
geführt und sogar noch ausgeweitet wird. Die Gefahr ist heitskarte gehören dazu. Deshalb fordert die Linke im
real, und deshalb unterstützt die Linke den grünen An- Übrigen immer noch ein Moratorium für all diese elek-
trag. tronischen Großprojekte.
Zu alledem muss man die Vorgeschichte kennen. Vor Danke.
sechs Jahren debattierte der Bundestag erstmals über die
Vorratsdatenspeicherung aller Telekommunikationsver- (Beifall bei der LINKEN)
bindungsdaten. Der Bundestag lehnte seinerzeit, also
2004, dieses Ansinnen mit klarer Mehrheit ab. Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Dann begann Kapitel 2 der Geschichte. Die damalige Das Wort hat nun Wolfgang Wieland für die Fraktion
Bundesregierung stampfte in Brüssel so lange mit den Bündnis 90/Die Grünen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3343

(A) Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Meine Damen und Herren von der Union, Sie haben (C)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach der leider noch nicht gelernt – da sind Sie in gewisser Weise
Haushaltsdebatte vergangene Woche wurde ich aus den unbelehrbar –, dass es nicht nur Sicherheit durch den
Reihen der Union von den Kollegen Brandt und Staat, sondern auch Sicherheit vor dem Staat geben
Binninger kritisiert: Immer nur auf die FDP einschlagen muss. Bei Ihnen geht es immer nur in Richtung Ver-
– wo bleiben eigentlich wir? – Das war offenbar eine ge- schärfung. Es gibt keine Sättigungsgrenzen bei Ihren
fühlte Missachtung durch Nichterwähnung. Ich will sie Kampagnen mit der Angst und der inneren Sicherheit.
heute wieder gutmachen. Weil uns die Kollegin Piltz zur Sesamstraße geführt hat,
sage ich Ihnen: Wie das Krümelmonster nach Keksen
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ruft, so rufen Sie ständig nach neuen Gesetzen. Das ist
sowie bei Abgeordneten der SPD) unersättlich, das ist unerträglich. Das waren die wahren
In der Tradition meiner Fraktionsvorsitzenden, die Worte zur CDU/CSU, die Sie angefordert hatten.
diese Woche schon Richard von Weizsäcker gelobt hat, (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
will ich herausragende Konservative loben. Da ist zum sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
einen Ernst Benda, seinerzeit Bundesinnenminister und KEN)
von mir noch Bunker-Benda genannt, weil es die Zeit
der Notstandsgesetzgebung war. Später hat er uns als Wir geben natürlich zu, Frau Kollegin Piltz, dass man
Präsident des Bundesverfassungsgerichts alle mit dem es mit diesem Koalitionspartner schwer hat. Aber es war
wegweisenden Volkszählungsurteil überrascht, das das doch Ihre Traumhochzeit. Sie wussten doch aus der Nah-
Recht auf informationelle Selbstbestimmung erstmals beobachtung über Jahre, mit wem Sie da zusammenge-
festgeschrieben hat und den schönen Satz enthielt, dass hen.
es keine Vorratsdatensammlungen ins Blaue geben
dürfe. Wir bleiben bei diesem Satz. Das ist unsere grund- (Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Wir
sätzliche Haltung geblieben. Das war so unter Rot-Grün, sind sehr glücklich zusammen!)
Herr Kollege Heveling. Otto Schily hat sich unter Rot- Dennoch haben Sie keinen Ehevertrag mit Nägel und
Grün nicht durchgesetzt. Deswegen haben wir die Be- Köpfen gemacht, sondern eine völlig schwammige Ver-
schlüsse, die die Kollegin Pau zitiert hat, hier im Plenum einbarung getroffen, die so war, dass der Innenminister
mit Mehrheit gefasst. Wir wollen keine Vorratsdaten- – gerade 14 Tage im Amt – auf der Herbsttagung des
speicherung. Aus eigenem Erleben sagen wir: Wir wol- BKA erklärte – ich zitiere den Behörden Spiegel, der nun
len sie erst recht nicht auf dem Umweg über Brüssel. wirklich kein linksradikales Blatt ist –:
Dabei bleibt es.
(B) Das Wichtigste fürs BKA kam zum Schluss. Die (D)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Neuregelung des BKA-Gesetzes bleibt in allen
Aber es gibt noch mehr Persönlichkeiten. Roman Punkten bestehen. Damit kriege die Polizei, so
Herzog schuf als Gerichtspräsident die Brokdorf-Ent- de Maizière, was sie brauche.
scheidung, und last, but not least hat Hans-Jürgen Papier Ich stelle fest: Es gibt 100 Prüfaufträge in Ihrer Koali-
das gemacht, was Jutta Limbach die permanente „verfas- tionsvereinbarung und einen Minister, der sagt: „Das al-
sungsgerichtliche Nachhilfe“ nennt. Das bezog sich auf les gilt überhaupt nicht.“ Letzte Woche wurde hier eine
die Rasterfahndung, den großen Lauschangriff, Evaluierung angekündigt. Die Evaluierungscrew rings
(Dr. Max Stadler, Parl. Staatssekretär: Online- um Eckart Werthebach wurde auf dieser Tagung des
durchsuchung!) BKA offenbar spontan zusammengestellt. Keine bürger-
rechtliche Komponente und keine Wissenschaftskompo-
die Onlinedurchsuchung – danke, Herr Kollege Stadler. nente sind vorgesehen. Dies alles, auch die Evaluierung,
Wir waren immer dagegen. ist doch eine Farce. Auch wie Sie sich hier behandeln
lassen, ist eine Farce.
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: So
geht es nicht!) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Es ist doch nett, wenn ein Parlamentarischer Staats- sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
sekretär an seine gute Vergangenheit als Bürgerrechtler Sie, liebe Frau Piltz, sind – das wissen wir – ein gro-
auch dann denkt, wenn er auf der Regierungsbank ist. – ßer Fan von Düsseldorfer Vereinen. Deswegen sage ich
Zum Schluss ist die Vorratsdatenspeicherung zu nennen. in der Sprache der Fans: Wir erwarten nicht viel; aber
Sie haben nicht etwa gesagt, das seien starke Urteile wir wollen Sie wenigstens kämpfen sehen.
durch starke Richterpersönlichkeiten, sondern Sie haben
gestöhnt und den Untergang der Rechtsordnung und das (Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE
Ende der Strafverfolgung vorausgesagt – so auch beim GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)
letzten Urteil; Beispiele wurden genannt. Der Innenaus-
Das Gleiche gilt für das Gesetz zu Internetsperren im
schussvorsitzende Bosbach hat sogar behauptet, Stalking
Zusammenhang mit Kinderpornografie.
könne nun nicht mehr verfolgt werden. Dies ist ein abso-
luter Unsinn. Das ist Ihre Methode. (Zuruf der Abg. Gisela Piltz [FDP])
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Hören Sie doch mal zu. – Sie schreiben in Ihrer Koali-
und bei der LINKEN) tionsvereinbarung, das Gesetz werde ein Jahr lang aus-
3344 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Wolfgang Wieland
(A) gesetzt. Im Januar dieses Jahres schreibt das Haus Leider Gottes muss man immer wieder das Prinzip (C)
de Maizière im Zusammenhang mit dem Haushalt 2010 der pädagogischen Wiederholung anwenden. Man muss
an das Parlament – ich zitiere –: folgende Tatsche immer wieder betonen – ich hoffe, wir
können wenigstens das festhalten –: Das Bundesverfas-
Aufgrund der besonderen Bedeutung des Internets sungsgericht hat die Vorratsdatenspeicherung nicht
in diesem Deliktsbereich beschreitet das BKA in gänzlich für verfassungswidrig erklärt. Das ist der erste
der Umsetzung des sogenannten Access Blocking Punkt, den wir festhalten müssen.
einen in Deutschland bislang nicht verfolgten Be-
kämpfungsansatz. Beim zweiten Punkt müssen wir etwas genauer hinse-
hen. Sie versuchen immer wieder, den Eindruck zu er-
Das heißt, im BKA und im Innenministerium ist nicht wecken – Herr Wieland, das nehme ich Ihnen fast per-
angekommen, dass Sie das Gesetz angeblich gestoppt sönlich übel –,
haben. Schon die zweite Reihe der Abgeordneten – Kol-
lege Wellenreuther oder wer auch immer – sagt, ein Jahr (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
sei Ruhe, dann wolle man es aufs Neue haben. Von daher NEN]: Na!)
sage ich: Sie kannten Ihren schwierigen Partner. Sie hät- der Staat würde diese Daten sammeln.
ten ganz anders mit ihm verhandeln müssen. Dann hät-
ten Sie ganz andere Dinge vorzuweisen als das, was bis- (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
her vorgelegt wurde. NEN]: Der moderne Staat lässt sammeln! Das
macht er nicht selbst!)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Dieser Eindruck ist nicht nur falsch, sondern Sie behaup-
Herr Kollege, Sie müssen zum Schluss kommen. ten das wider besseres Wissen. Diese Daten werden
nicht vom Staat gesammelt. Sie fallen ohnehin an. Das
muss man deutlich sagen.
Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Ein Letztes, Herr Präsident. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Sie wollen ja keine Ratschläge hören, wie Sie vorhin Von daher ist der Denkansatz im Antrag der Grünen ver-
gesagt haben. Ich gebe Ihnen dennoch einen; so nett bin kehrt, weil davon ausgegangen wird, dass alle Menschen
ich. Mein Rat zum Schluss: Speichern Sie auf Vorrat Be- unter Generalverdacht gestellt werden. Das ist definitiv
sonnenheit und Vernunft. Aber hören Sie auf mit der nicht der Fall.
Vorratsdatenspeicherung. (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
(B) Vielen Dank. Diese Daten sind ohnehin vorhanden. Es geht also nicht (D)
darum, die Menschen unter Verdacht zu stellen. Ich bitte
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sie, das zur Kenntnis zu nehmen.
sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Über den Umgang mit Sicherheitslücken haben wir
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: uns schon ausgetauscht. Ich glaube, man sollte das eine
oder andere Beispiel noch einmal anführen. Frau Kolle-
Das Wort hat nun Michael Frieser für die CDU/CSU-
gin Piltz, in einer Koalition kann man gerne auch mal
Fraktion.
unterschiedlicher Auffassung sein, beispielsweise bei
(Beifall bei der CDU/CSU) der Frage des dringenden Bedarfs. In dieser Hinsicht
brauchen wir von der SPD keine Nachhilfe. Denn das,
was die Koalition aufgrund dieses Diskurses aushalten
Michael Frieser (CDU/CSU):
muss, erlebt die SPD innerhalb ihrer eigenen Reihen. Ihr
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen braucht also keinen anderen dazu, um etwas aushalten zu
und Kollegen! Der Kollegin Piltz kann ich nach eigenem müssen.
Bekunden nicht nur in der Ausschussdiskussion, sondern
auch sonst im Parlament sehr wohl bestätigen, dass sie Reden Sie mit dem BKA, dann wissen Sie, um wel-
zum Kämpfen nicht nur bereit ist, sondern dies auch tut, che Beispiele es geht. Es geht beispielsweise darum,
wenn es um ihre Themen und ihre Ansätze geht. dass sich Pädophile im Chat damit brüsten, dass sie Wo-
chenende für Wochenende ihre minderjährigen Kinder
(Beifall bei der FDP) missbrauchen. Unter der Woche ist das BKA nicht in der
Insofern, Herr Wieland, besteht auch an dieser Stelle Lage, auf die Daten zurückzugreifen, um dagegen einzu-
keine Notwendigkeit zur Nachhilfe. schreiten, weil die Daten nicht mehr vorhanden sind.
Dem wollen wir einen Riegel vorschieben. Deshalb
Wenn man allein den Titel des Antrages „Keine Vor- brauchen wir eine verfassungsgemäße Umsetzung der
ratsdatenspeicherungen über den Umweg Europa“ liest, Vorratsdatenspeicherung. Ich bin der Überzeugung, wir
dann wird klar, dass wir noch eine Flut von Anträgen aus können und werden das auch tun. Es ist nun einmal eine
dieser Ecke zu erwarten haben. Ich warte noch immer Tatsache, dass eine Sicherheitslücke besteht.
gespannt auf einen Antrag „Keine Sozialistische Interna-
(Beifall bei der CDU/CSU)
tionale auf dem Umweg über Europa“ und bin gespannt,
zu sehen, wie die Grünen einen solchen Antrag begrün- Ich bin schon immer ein Verfechter eines gesunden
den werden. Misstrauens gegenüber dem Staat gewesen. Natürlich
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3345
Michael Frieser
(A) gibt es in dieser Hinsicht Sorgen und Ängste; denn wir (Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE (C)
haben eine lange Tradition. Ich spiele damit zum Bei- GRÜNEN]: Ein hanebüchenes Beispiel!)
spiel auf die Tradition der SED an. Seit Metternich mit
seinem Bespitzelungsstaat bis hin zur dunkelsten Ge- Im Ergebnis kann ich nur sagen: Wir haben den Auf-
schichte der DDR gilt: Es ist richtig, vorsichtig zu sein trag, das zu tun, was in unserer Macht steht, damit wir
und ein gesundes Misstrauen gegenüber dem Staat zu solchen Straftaten begegnen können. Das ist bei der
haben und sich zu fragen, ob er eventuell zu viel Infor- Frage der Sperrung und bei der Frage der Vorratsdaten-
mationen hat und wofür er sie eigentlich braucht. speicherung so. Wir wollen den Staat nicht in die Lage
versetzen, alles und jeden zu überwachen, im Gegenteil.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Aber dort, wo Daten ohnehin anfallen, sollten wir sie ef-
NEN]: Hört! Hört!) fektiv ausnutzen.
Im Ergebnis geht es darum, die Interessen abzuwä- Vielen Dank.
gen, nämlich die Wahrnehmung von Strafverfolgung auf
(Beifall bei der CDU/CSU – Michael Grosse-
der einen Seite und der Garantiepflicht des Staates auf
Brömer [CDU/CSU]: Sehr gut! Genau das!)
der anderen Seite.
(Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
NEN]: Bei Ihnen geht immer der Staat vor!) Das Wort hat nun Eva Högl für die Fraktion der SPD.
Der Bürger hat einen Anspruch darauf, dass der Staat ihn
bestmöglich schützt. Deshalb kommt es darauf an, dass Dr. Eva Högl (SPD):
wir bei dieser Frage mit Augenmaß, aber auch zügig Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
handeln. Wir können auf den Innenminister verweisen. Frau Piltz, Sie haben Ihre Redezeit mit Beschimpfungen
Er will entsprechende Regelungen zeitnah auf den Weg und alten Hüten gefüllt. Wir wollten aber von Ihnen hö-
bringen und umsetzen. Ich bitte dringend darum, dass ren, was Sie zu tun gedenken,
wir nicht dieses diffuse Gefühl der Überwachung und
der ständigen Sammelwut des Staates bedienen, nur weil (Beifall der Abg. Brigitte Pothmer [BÜND-
es im Augenblick ins parteipolitische Kalkül passt. Das NIS 90/DIE GRÜNEN])
ist der falsche Weg. was Sie in Sachen Vorratsdatenspeicherung vertreten.
(Beifall bei der CDU/CSU – Jerzy Montag Frau Kollegin, dazu habe ich leider, obwohl Sie sehr
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das Bundes- lange gesprochen haben, kein einziges Wort gehört.
verfassungsgericht sagt das!) (Beifall bei der SPD – Gisela Piltz [FDP]: Da
(B) (D)
müssen Sie durch!)
– Herr Montag, zu Ihnen komme ich noch, keine Angst.
– Da muss ich durch, sagen Sie. Das finde ich einiger-
Gemäß dem pädagogischen Prinzip der Wiederholung
maßen interessant. Sie regieren, und ich muss da durch,
stelle ich Folgendes fest: Wir haben Sicherheitslücken.
dass Sie keine Konzepte haben.
Ich bitte Sie, es nicht nur dem BKA, sondern auch den
jeweiligen Fraktionen zu überlassen, sich mit dieser (Jan Korte [DIE LINKE]: Da müssen wir alle
Frage zügig zu beschäftigen, damit die Defizite behoben durch! Leider! Das ist das Problem!)
werden können.
– Da müssen wir alle durch. Auch die Bürgerinnen und
Es reizt mich, noch eine Bemerkung zum Thema Bürger in Deutschland und in Europa müssen da durch,
„Sperren und Löschen“ zu machen. Herr Kollege dass Sie keine Konzepte haben.
Montag, Sie sagen, dass man dem BKA-Präsidenten des-
halb nicht trauen darf, weil er sich früher für das Sperren Frau Kollegin, Sie haben gesagt, Sie analysieren erst
von Internetseiten ausgesprochen hat. Für die Union einmal und warten ab, was aus Europa kommt.
kann ich sagen: Weil es um kinderpornografische Seiten, (Gisela Piltz [FDP]: Das habe ich nicht gesagt!
um Straftaten höchsten Ausmaßes geht, werden wir alles Da haben Sie leider nicht richtig zugehört!)
tun, was in unserer Macht steht, um solche Straftaten zu
verhindern, egal auf welchem Weg. Das ist zu wenig. Wir wollen hier in Deutschland über
Ihre Konzepte diskutieren. Das Bundesverfassungsge-
(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: richt hat im Übrigen über ein deutsches Gesetz geurteilt.
Nur das Falsche! Das ist das Problem!) Sie haben dagegen geklagt, und deswegen sind Sie jetzt
gefordert.
Wenn das durch eine Sperre erreicht werden kann, dann
sperren wir eben. Wenn wir das durch Löschen errei- Trotz des desaströsen Auftretens der Koalition bin ich
chen, dann löschen wir. eine Optimistin; das will ich hier einmal zum Ausdruck
bringen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, aber
Herr Montag, Sie sagen, Sie wollen nicht sperren. Das auch die Gesamtlage in Europa bieten eine Chance, dass
erinnert mich an das Beispiel der roten Ampel. Eine rote Datenschutz und Bürgerrechte wieder eine größere Rolle
Ampel kann man auch überfahren. Sie soll aber davor spielen.
warnen, dass man, wenn man sie überfährt, eine Ord-
nungswidrigkeit, eine Straftat begeht. Ich halte diesen (Gisela Piltz [FDP]: Genau! Mehr als bei
Vergleich für absolut stichhaltig. Ihnen!)
3346 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Eva Högl


(A) Ich finde, wir sollten diese Chance jetzt ergreifen. Dass ropa von den Bürgerinnen und Bürgern besser akzeptiert (C)
es sie gibt, meine ich sehr ernst. wird, dass es positiv bewertet wird, weil auf der europäi-
schen Ebene Bürgerrechte nicht wie ein Stiefkind behan-
(Gisela Piltz [FDP]: Mehr als in Ihrer Zeit!) delt werden, sondern der zentrale Maßstab für unsere
Ich bin sehr dankbar dafür, dass das unermüdliche Politik sind.
Engagement von Datenschützerinnen und Datenschüt- Ich sage es noch einmal: Jetzt ist die Bundesregierung
zern, von engagierten Parlamentarierinnen und Parla- gefragt. Ich habe eben schon gesagt, dass ich Optimistin
mentariern, aber auch von den Gerichten – Sie, Herr bin, dass es jetzt ein Zeitfenster und eine Chance für
Kollege Wieland, haben auch Konservative genannt, die mehr Bürgerrechte gibt. Ich bin aber keinesfalls optimis-
dabei waren – dazu beiträgt, dass Gesetze überprüft wer- tisch, wenn ich auf die Politik der Koalitionsfraktionen
den und wir zu einer guten Balance zwischen Bürger- und der Bundesregierung schaue. Da bin ich sehr skep-
rechten und den notwendigen Sicherheitsgesetzen kom- tisch.
men.
Die Bundesjustizministerin – Sie ist heute leider nicht
Ich will auf die Internetsperren und SWIFT zu spre- da –
chen kommen. Wir haben gezeigt, wie mit einer enga-
gierten Auseinandersetzung die richtigen Akzente ge- (Dr. Max Stadler, Parl. Staatssekretär: Sie ist
setzt werden können und die notwendige Balance im Bundesrat!)
zwischen den Maßnahmen und der Wahrung der Bürger- – genau, das ist auch richtig; Herr Staatssekretär, Sie sind
rechte geschaffen werden kann. Das führt dazu, dass ich ja da – betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie
optimistisch bin. wichtig ihr Bürgerrechte sind. Aber wir brauchen Taten.
(Gisela Piltz [FDP]: Was haben Sie denn bei Wir lesen Sonntagsreden und Presseerklärungen, aber Ta-
SWIFT getan? – Dr. Konstantin von Notz ten haben wir bisher nicht gesehen. Ich sehe nicht – auch
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was ist mit das muss ich sagen –, dass sich die Justizministerin in der
ELENA?) Koalition durchsetzen kann. Kollege Reichenbach hat
dargelegt, was die FDP und die Justizministerin vertreten
Es gibt noch einen anderen Grund, nämlich Europa. bzw. was CDU/CSU und der Innenminister vertreten. Das
Auch Europa fordert eine Neubewertung dieser Gesetze. passt nicht zusammen; das konnten wir heute in der De-
Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, zu einer Neubewer- batte wieder sehen. Sie haben sich ja sogar beklagt, dass
tung zu kommen. Der Vertrag von Lissabon ist eine wei- Ihr Koalitionspartner nicht applaudiert, wenn Sie zu dem
tere Chance; denn er bietet eine hervorragende Grund- Thema reden und sogar den Minister zitieren.
(B) lage für mehr Grundrechte und mehr Datenschutz. (D)
(Gisela Piltz [FDP]: Wenigstens meine Frak-
Wir haben die Grundrechtecharta. Darüber wird viel tion hat geklatscht, was bei Ihrer nicht der Fall
zu wenig diskutiert, und sie wird viel zu wenig beachtet. ist!)
Die Grundrechtecharta ermöglicht es, dass wir unsere
Gesetze und eben auch die Richtlinie zur Vorratsdaten- Wir konnten auch beim SWIFT-Abkommen beobach-
speicherung noch einmal überprüfen und vielleicht zu ei- ten, dass sich die Justizministerin leider nicht durchset-
ner neuen Abwägung kommen. zen konnte und dass Bürgerrechte nicht großgeschrieben
werden.
Frau Kollegin Piltz und liebe Kolleginnen und Kolle-
(Gisela Piltz [FDP]: Wo klatscht jetzt Ihre
gen von den Koalitionsfraktionen, Europa läuft nicht
eigene Fraktion?)
von selbst. Auch eine Überprüfung durch die Europäi-
sche Kommission läuft nicht von selbst. Man muss sich Wir werden Sie an Ihren Taten messen. Herr Kollege
positionieren. Man muss Europa gestalten und sagen, Ahrendt, Sie haben gesagt – ich sehe ihn gerade nicht,
was man möchte. Man kann nicht einfach bis zum ich weiß nicht, ob er noch anwesend ist –: Wir haben die
Herbst warten und schauen, was aus Richtung Europa Richtlinie nicht gewollt. Sie haben gegen das deutsche
kommt. Wir erwarten von Ihnen und der Bundesregie- Gesetz geklagt. Sie haben jetzt die Chance, zu handeln.
rung, dass Sie sagen, was Sie in Europa gestalten wollen. Wir werden ganz gespannt verfolgen, wie Sie handeln.
Wir werden auch hier im Deutschen Bundestag weiter
Ich will in diesem Zusammenhang noch einen Satz zu engagiert darüber diskutieren.
Europa und zu den Parlamenten sagen – auch das halte
ich für wichtig –: Der Vertrag von Lissabon stärkt die (Gisela Piltz [FDP]: Darauf freuen wir uns!)
Parlamente. Darüber haben wir hier im Deutschen Bun-
destag schon öfter diskutiert. Darüber sind wir auch sehr Wir als SPD werden Sorge dafür tragen, dass Bürger-
froh. Das Europäische Parlament hat uns vorgemacht, rechte und Datenschutz großgeschrieben werden, und
nämlich bei der Abstimmung über SWIFT, wie man die das nicht nur in Deutschland, sondern auch auf der euro-
Rechte des Parlaments nutzt, wie man sich deutlich äu- päischen Ebene.
ßert und klar Position bezieht. Daran können wir uns Vielen Dank.
hier im Deutschen Bundestag ein Beispiel nehmen. Ich
finde – das sage ich als Europapolitikerin –, wenn wir (Beifall bei der SPD – Gisela Piltz [FDP]: Sie
klare Akzente bei Bürgerrechten, Datenschutz und waren offensichtlich in den letzten Jahren im
Grundrechten setzen, dann tragen wir dazu bei, dass Eu- Dramatikkurs!)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3347

(A) Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: (C)
Das Wort hat nun Clemens Binninger für die CDU/ Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
CSU-Fraktion. Kollegen Montag?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Clemens Binninger (CDU/CSU):
Clemens Binninger (CDU/CSU): Jederzeit. Ich hatte eigentlich mit Kollegen Wieland
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! gerechnet, aber ich akzeptiere auch Zwischenfragen von
Am Ende der Debatte kann man feststellen – das wird anderen Grünen.
niemanden überraschen –, dass zwischen uns, zwischen
den einzelnen Fraktionen, große Unterschiede und zwi-
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
schen den Regierungsfraktionen vielleicht kleine Unter-
schiede bestehen. Das ist aber nichts Neues. Eines würde Danke sehr, Herr Präsident, und Dank auch an Sie,
ich mir für die Zukunft wünschen: Bei diesem Thema Herr Kollege Binninger. – Sie haben hier zu Recht ange-
– kein Redner der Opposition hat sie in dieser Debatte sprochen, dass die Daten nicht beim Staat gespeichert
auch nur einmal erwähnt – müssen wir auch über die Op- werden; das hat auch nie jemand behauptet. Wir sagen
fer reden, um die es geht, wenn wir Straftaten aufklären immer: Der Staat lässt speichern. Dem werden Sie ja
und verhindern wollen. Sie haben unsere Aufmerksam- nicht widersprechen.
keit verdient. Wir müssen auch sie betrachten und dürfen
Sie haben gerade gesagt, bei der Vorratsdatenspeiche-
nicht so tun, als ob es sie nicht gibt.
rung seien sowieso nur die Daten gespeichert worden,
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- die angefallen sind. In dem Zusammenhang frage ich
neten der FDP – Wolfgang Wieland [BÜND- Sie, ob Sie bereit sind, zur Kenntnis zu nehmen, dass es
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das tun wir auch!) im Rahmen der Beratungen eines Gesetzentwurfs in der
letzten Legislaturperiode – auch da waren Sie in Regie-
Die Freiheit im Internet und auch alles andere Posi-
tive, was das Internet bietet, sind wichtig. Sie tun gerade rungsverantwortung – um die Frage ging: Wie regeln wir
so, als ob die Vorratsdatenspeicherung ein Selbstzweck die Kosten, die die Unternehmen durch die Vorratsdaten-
wäre. Das ist sie nicht. Ich will darauf hinweisen, dass speicherung haben? Dazu hatte der Rechtsausschuss eine
große Teile der Bevölkerung von Ihnen ein Stück weit Sachverständigenanhörung durchgeführt. Dabei waren
verunsichert werden Vertreter aller großen, aber auch kleinerer Firmen, die
zur Speicherung von Daten verpflichtet sind. Ich habe
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: sie alle persönlich gefragt: Stimmt die Behauptung, dass
So ist es!) Sie jetzt verpflichtet sind, die Daten, die sowieso bei Ih-
(B) (D)
mit der unterschwelligen Mutmaßung, dass der Staat nen anfallen, zu speichern? – Alle haben mir gesagt
diese Daten speichert. Der Staat speichert überhaupt – das steht auch so im Protokoll –: Das ist falsch. Wir
keine Daten. müssen nach den Regelungen zur Vorratsdatenspeiche-
rung viel mehr Daten und viel länger speichern, sogar
(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- solche Daten, die bei uns überhaupt nicht anfallen wür-
NEN]: Das wissen wir!) den, wenn wir keine entsprechenden Routinen und Pro-
Diese Daten fallen, ob mit oder ohne Gesetz, bei den Te- gramme einführen würden.
lefonanbietern und bei den Internetprovidern an. Sie fal- (Ingo Wellenreuther [CDU/CSU]: Das ist doch
len in jedem Fall, auch heute ohne Gesetz, an. In dem ein Widerspruch in sich!)
entsprechenden Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung war
vorgesehen, die Anbieter zu verpflichten, die Daten ein- Ich frage Sie: Sind Sie bereit, zur Kenntnis zu neh-
heitlich zu speichern men, dass der Bundestag längst darüber informiert ist,
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE dass es nicht stimmt, dass nur die Daten, die sowieso an-
GRÜNEN]: In verfassungswidriger Art und gefallen sind, gespeichert worden sind?
Weise!) (Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
und nicht nach einem Tag, einer Woche oder drei Mona- SES 90/DIE GRÜNEN)
ten zu löschen, wie es in der Vergangenheit der Fall war.
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE Clemens Binninger (CDU/CSU):
GRÜNEN]: Aber es war verfassungswidrig!) Herr Kollege Montag, ich bin nicht bereit, das zur
Kenntnis zu nehmen. Ich habe gesagt – wenn Sie mir ge-
Nur bei Vorliegen von konkreten Anhaltspunkten für nau zugehört hätten, wüssten Sie das –: Daten, die beim
Straftaten und Gefahren darf der Staat unter Hinzuzie-
Betrieb anfallen. Es ist richtig, dass viele Provider ange-
hung eines Richters auf die Daten zugreifen.
sichts der technischen Entwicklungen und auch der Ein-
(Dr. Konstantin von Notz [BÜNDNIS 90/DIE führung von Flatrates gesagt haben: Daten, die wir früher
GRÜNEN]: Aber es war verfassungswidrig!) gebraucht haben, zum Beispiel für Rechnungen – damals
hat sich übrigens niemand gestört oder verfolgt gefühlt,
Ich finde, das ist ein kolossaler Unterschied zu dem Bild,
dass alle möglichen Daten für drei, vier, fünf, sechs Mo-
das Sie hier zeichnen.
nate zur Ermittlung von Tarifmodellen gespeichert wur-
(Beifall bei der CDU/CSU) den –,
3348 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Clemens Binninger
(A) (Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- der realen Welt auf eine effektivere Strafverfolgung hin- (C)
NEN]: Das war ja auch nicht in staatlichem zuwirken?
Auftrag!)
Wir Grüne wünschen uns auch in der realen Welt eine
brauchen wir heute zum Teil nicht mehr, weil wir Flatra- effektivere Strafverfolgung. Da Sie gerade von einem
tes eingeführt haben. – Beim Betrieb fallen diese Daten Tatraum Internet gesprochen haben, muss ich Ihnen sa-
trotzdem an, auch wenn sie von vielen Providern sofort gen: Die Verfolgung von Straftaten, die im Internet be-
gelöscht werden. gangen wurden, ist hochgradig effektiv. Das würden wir
uns auch für die reale Welt wünschen.
Insofern ist das für uns keine Veranlassung, zu sagen:
Ihr müsst jetzt neue Daten, die beim Betrieb nicht anfal-
len würden, generieren und uns bereitstellen. Hier geht Clemens Binninger (CDU/CSU):
es um Daten, die beim Betrieb von Telekommunika- Herr Kollege von Notz, ich halte nichts davon, die
tionsnetzen, bei der Nutzung von E-Mail und Internet Strafverfolgung in der realen Welt und ihre Aufklärungs-
anfallen. Ich bestreite nicht, dass viele Provider sagen: quote sowie die Strafverfolgung im Internet und ihre Auf-
„Wir brauchen diese Daten nicht“ und sie sofort löschen. klärungsquote gegeneinander aufzurechnen. Ich halte es
Aber beim Betrieb fallen diese Daten, wie gesagt, an. auch für einen denkbar schlechten Ansatz, im Hinblick
auf die Schwere von Straftaten Rechtsprinzipien wie Ver-
Was wir in diesem Hause brauchen, ist ein gemeinsa- hältnismäßigkeit und Ermessensreduzierung auf null, die
mes Verständnis. Die Internettechnologie schreitet immer es im Polizeirecht gibt, mit betriebswirtschaftlichen
weiter voran, und jeder von uns hat einen Bezug zu die- Kennzahlen – wie 80 und 55 Prozent – auszuhebeln. Ich
sem Medium. Dennoch müssen wir zur Kenntnis neh- finde, das ist die falsche Auffassung.
men, dass das Internet – trotz all seiner positiven Eigen-
schaften und bei der Freiheit im Internet, die wir wollen – Wir müssen die Straftaten, die geschehen, analysieren.
leider auch ein Tatraum ist, in dem bestimmte Straftaten Wenn wir zur Kenntnis nehmen müssen – ich komme
begangen werden. nachher darauf zurück und nenne Ihnen dann ein ganz
konkretes Beispiel –, dass im Internet schwere Straftaten
Da wir für die Arbeit der Sicherheitsbehörden verant- geschehen, die, weil die geeigneten Instrumente fehlen,
wortlich sind, müssen wir ihnen die Instrumente an die nicht mehr aufgeklärt werden können, dann darf uns
Hand geben, die sie brauchen, um bei schweren Strafta- diese Erkenntnis nicht ruhen lassen, egal ob es um 5, 10
ten im Internet zu ermitteln. Das muss der Konsens sein, oder 15 Prozent der Straftaten geht. Das ist unsere Auf-
auf dessen Grundlage wir über dieses Thema diskutie- fassung.
ren. Das ist der Ausgangspunkt unserer Überlegungen.
(B) (Beifall bei der CDU/CSU) (D)
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, bei allem Dissens
sollten wir uns in dieser Diskussion von zwei Fakten lei-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
ten lassen. Fakt eins: Das Bundesverfassungsgericht hat
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des nicht die Vorratsdatenspeicherung per se für verfas-
Kollegen von Notz? sungswidrig erklärt; es hat lediglich kritisiert, dass die
konkrete Ausgestaltung verfassungswidrig ist. Fakt zwei:
Clemens Binninger (CDU/CSU): Im Zeitalter des Internets und angesichts mehr Handy-
Es ist leider immer noch nicht der Kollege Wieland, anschlüssen in Deutschland als Einwohnern und einer
aber ich gestatte auch dem Kollegen von Notz eine Zwi- zunehmenden Verbreitung des Internets ist die Vorrats-
schenfrage. datenspeicherung eine Ermittlungsmethode, auf die die
Polizei, auf die die Sicherheitsbehörden nicht verzichten
(Heiterkeit bei Abgeordneten der CDU/CSU können. Das sind die beiden Fakten, an denen wir uns
und der FDP – Wolfgang Wieland [BÜND- orientieren sollten.
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie werden ja regel-
recht verschmäht!) (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Jetzt zwei Sätze zu dem Urteil des Bundesverfas-
Dr. Konstantin von Notz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- sungsgerichts. Wir haben dieses Urteil zu akzeptieren
NEN): und zu respektieren. Es ist unsere Pflicht, dieses Urteil
Herrn Wieland heben wir uns bis ganz zum Schluss umzusetzen. Man darf aber gegenüber der Öffentlichkeit
auf. – Vielen Dank, Herr Präsident. darauf hinweisen, dass dieses Urteil nicht so einig gefällt
wurde, wie es uns die Gegner der Vorratsdatenspeiche-
Herr Kollege Binninger, was sagen Sie zu den bemer- rung gern glauben machen würden: Zwei der acht Rich-
kenswerten Zahlen der Kriminalitätsstatistik, die bele- ter hatten ein abweichendes Votum, waren der Auffas-
gen, dass Straftaten im Internet zu über 80 Prozent auf- sung des Gesetzgebers.
geklärt werden, während Straftaten in der realen Welt
– so nenne ich sie einmal – nur zu 55 Prozent aufgeklärt In der Frage, ob das Gesetz für einen Übergangszeit-
werden? Da Kindesmissbrauch – weil dieses Beispiel raum noch angewandt werden soll oder vielmehr sofort
gleich bestimmt wieder angeführt wird, füge ich das außer Kraft zu setzen ist, inklusive einer Löschung der
hinzu – in der realen Welt stattfindet, frage ich Sie: Wa- gespeicherten Daten, ging die Abstimmung denkbar
rum verspüren Sie nicht einen enormen Antrieb, auch in knapp aus: Vier Richter waren dafür, das Gesetz für ei-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3349
Clemens Binninger
(A) nen Übergangszeitraum bestehen zu lassen, vier Richter Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): (C)
waren dagegen. Das muss man bei der Diskussion be- Herr Kollege Binninger, schon um mir nicht wieder
rücksichtigen. Man muss anerkennen, dass dieses Thema den Missachtungsvorwurf einzuhandeln oder Ihnen gar
zu schwierig ist, als dass auch nur eine Fraktion hier be- das Osterfest zu vermiesen, –
haupten könnte, der Weisheit letzten Schluss zu haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Clemens Binninger (CDU/CSU):
Das würden Sie nicht schaffen.
Wenn wir das berücksichtigen, müssen wir uns fragen,
welche Auswirkungen das Urteil – das ist der Auftrag Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
für den Gesetzgeber – für die Praxis hat. – frage ich jetzt: Ist Ihnen denn entgangen, dass ich
Wir können noch lange Gefechte führen, wer unter mir bei meiner Frage – der Kollege Uhl war schon weg;
Rot-Grün für alles zu haben war, was an Sicherheitsmaß- der Kollege Grosse-Brömer brachte aber dasselbe Bei-
spiel – sozusagen den Kopf der Sicherheitsseite zerbro-
nahmen beschlossen wurde. Ich bedanke mich, Kollege
chen habe?
Reichenbach, dass Sie zu dem, was wir in der Großen
Koalition beschlossen haben, stehen. Dass wir in der Sie haben zu Recht gesagt, dass die Entscheidung
christlich-liberalen Koalition jetzt eine Aufgabe haben, beim Bundesverfassungsgericht mit vier zu vier in dieser
die wir zu erfüllen haben, gehört auch dazu. Frage sehr umstritten war. Man muss aber auch einmal
sehen, dass immerhin die Hälfte der Richter die Art, wie
Wir sollten uns, wie schon gesagt, Gedanken machen, die Vorratsdatenspeicherung eingerichtet war – was an
was für Auswirkungen dieses Urteil in der Praxis hat. Vorratsdaten gesammelt wurde und wie diese gespei-
Der Kollege Uhl hat hier letzte Woche in der Haushalts- chert wurden –, so daneben fand, dass sie den gravieren-
debatte einen dramatischen Fall von Kindesmissbrauch den Schritt gemacht haben, diese Regelung nicht einmal
geschildert. Da man die IP-Adressen jetzt nicht mehr er- für eine Übergangszeit in Kraft zu lassen.
mitteln kann, hat die Polizei keine Handhabe gegen den
Täter, der sich im Internet mit dieser schrecklichen Tat In Ziffer 4 des Tenors des Urteils steht ausdrücklich:
brüstet. An dieser Stelle haben Sie, Herr Kollege Zu löschen sind die Telekommunikationsverkehrsdaten.
Wieland – ich bekomme meine Zwischenfrage schon In der Begründung des Urteils wird aber ausführlich be-
noch –, schrieben, dass nach Ansicht des Gerichtes die IP-
Adressen nicht die Telekommunikationsverkehrsdaten
(Gerold Reichenbach [SPD]: Stellst du deine selbst seien. Ich gebe zu, das ist juristisch ein bisschen
Zwischenfragen jetzt selbst?) schwierig. Ich gebe auch zu, dass mein Kollege Montag
(B) (D)
das spontan nicht so sieht, wie ich es sehe.
dazwischengerufen, dass beim Internet solche Möglich-
keiten noch bestehen und dass wir das Urteil genau lesen Aber warum sperren Sie sich dagegen, dass man das
sollten. einmal abklopft – in der Spitze des BKA sitzen schließ-
lich keine Juristen; die Juristen sitzen woanders und soll-
Da ich weiß, dass Sie selten aus der Hüfte schießen, ten auch hinzugezogen werden – und die Analyse durch-
habe ich das Urteil zu diesem Punkt noch einmal gele- geführt hat, die die Kollegin Piltz angesprochen hat?
sen. Aber auch für diesen Teil des Gesetzes zur Vorrats- Man könnte ja mit den Diensteanbietern eventuell zu
datenspeicherung gilt die Nichtigkeit. Das heißt, alle ge- dem Ergebnis zu kommen: Nicht alles muss gelöscht
speicherten Daten sind zu löschen, und es sind keine werden. Die IP-Adressen kann man davon ausnehmen. –
Daten mehr zu speichern. Ich habe daraufhin bei einem Warum, so frage ich mich, wird das von Ihnen abge-
Praktiker angerufen und ihn gebeten, mir den Sachver- wehrt?
halt zu schildern.
Clemens Binninger (CDU/CSU):
(Abg. Wolfgang Wieland [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN] meldet sich zu einer Zwischen- Wir sperren uns überhaupt nicht dagegen. Aber ich
frage) will deutlich machen, dass es nach dem Urteil eine wirk-
lich große Sicherheitslücke in diesem Bereich gibt. Ich
– Sie dürfen, auch wenn der Präsident mir noch nichts will – Sie dürfen sich gerne setzen, weil ich das sowieso
zugeflüstert hat. gebracht hätte – ein praktisches Beispiel schildern. Bei
aller juristischen Auslegung hilft es nichts, wenn es in
(Heiterkeit – Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das der Praxis anders aussieht. Ich habe in dieser Woche mit
entscheidet der Präsident, Herr Kollege einem Kollegen von der Polizei telefoniert, der speziel-
Binninger!) ler Internetermittler ist, und ihn gefragt: Welche Auswir-
kungen hat das Urteil für Sie konkret in der Praxis? – Er
hat mir folgenden Fall geschildert und Auszüge aus Ant-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
worten der Provider vorgelesen. Dieses Beispiel muss
Ich wollte, dass Sie genießen können, wie Herr uns alle zutiefst erschrecken.
Wieland aufsteht und auf Sie reagiert. – Bitte schön,
Kollege Wieland. Er hat erzählt – dabei geht es gar nicht um Home-
pages –: Ein Straftäter, dessen Identität nicht bekannt ist,
(Heiterkeit) stellt eine Datei mit kinderpornografischem Inhalt in ei-
3350 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Clemens Binninger
(A) ner Tauschbörse ins Netz. Diese Datei wird von anderen Daten, die man gespeichert hat, ausreichend, oder müs- (C)
Straftätern heruntergeladen. Von dieser Person ist nur die sen es mehr oder weniger sein? Das ist jetzt meine Inter-
IP-Adresse bekannt. Daraufhin wendet sich die Polizei pretation. Ist die Dauer der Speicherung, mindestens
an den Provider und sagt: Wir möchten wissen, wer zu sechs Monate, höchstens zwei Jahre, ausreichend, oder
dem Zeitpunkt, als diese Datei mit kinderpornografi- müsste sie anders sein?
schem Inhalt eingestellt wurde, unter dieser IP-Adresse
All das ist im Lichte der technischen Entwicklung zu
angemeldet war. – Von allen Providern kam unisono die
prüfen; denn diese schreitet voran. Daher können die
Antwort: Diese Daten haben wir schon gelöscht. Oder:
Anforderungen eher höher geschraubt werden. Wir sind
Wir sind nicht mehr verpflichtet, diese Daten zu spei-
gut beraten, uns in diesem Hause mit diesem Thema zu
chern.
befassen, mit dem speziellen Problem der IP-Adressen
Es geht sogar noch weiter. Er sagte mir: Selbst wenn bei laufenden Ermittlungen vielleicht sogar noch vor der
Sie das Glück haben, dass diese Datei entdeckt wird, Erarbeitung eines Gesetzentwurfs.
während der Täter online ist, und damit in sehr kurzer
Ich will für mich und für meine Fraktion sagen: Wir
Zeit beim Provider anrufen und sagen können: „Der
nehmen die Kritik der Gegner der Vorratsdatenspeiche-
Mann ist noch online. Wer verbirgt sich hinter dieser
rung bzw. des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung
Adresse?“, hängt es vom Zufall oder vom Goodwill der
– es sind heute mehr Gegner als Befürworter im Saal –
Provider ab, ob es heißt: „Jawohl, diese Daten geben wir
ernst. Aber ich halte es nach wie vor für möglich, dass
Ihnen, weil das keine Speicherung ist“ oder ob es heißt:
wir zu einer Annäherung kommen, weil Freiheit und Si-
„Wir haben keinerlei Pflicht, hier Auskünfte zu geben.“
cherheit nicht zwei sich ausschließende Punkte sind,
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Das sondern sich gegenseitig bedingen. Es muss aber auch
kann ja nicht sein!) für beide Punkte Bedingungen geben. Deshalb sollten
wir, meine ich, die Gespräche nicht nur innerhalb der
Diesen Zustand können wir so nicht akzeptieren. Koalition führen, sondern auch mit all denen, die
(Beifall bei der CDU/CSU) Beschwerde geführt haben, damit wir zu einem vernünf-
tigen Ergebnis kommen. Wir sind dazu bereit; das An-
Herr Kollege Wieland, ich hoffe auf den Konsens al- gebot steht. Insofern hoffe ich, dass wir zügig voran-
ler Fraktionen, kommen.
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]: Zu Herzlichen Dank.
Recht!)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
(B) dass wir gemeinsam sagen: Bei allem Dissens in der (D)
grundsätzlichen Auffassung – Sie wollen gar keine Vor-
ratsdatenspeicherung, auch nicht mit einer strengen Reg- Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
lementierung, wir aber wollen sie und halten sie für not- Ich schließe die Aussprache.
wendig – sind wir uns darin einig,
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf
(Christine Lambrecht [SPD]: Ihr seid doch gar Drucksache 17/1168 an die in der Tagesordnung aufge-
keine Koalition!) führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
dass, wenn diese Information der einzige Ansatzpunkt verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung
für die Polizei ist, einen Straftäter zu ermitteln, so beschlossen.

(Gerold Reichenbach [SPD]: Sind Sie jetzt auf Ich rufe nun die Tagesordnungspunkte 25 a und 25 b
der Suche nach einem Koalitionspartner?) auf:
a) Beratung des Antrags der Fraktion der SPD
die Provider die Daten nicht einfach löschen dürfen, so-
dass die Polizei kein wirksames Instrument in der Hand Fairness in der Leiharbeit
hat. Das ist für unser aller Rechtsstaatsempfinden nicht
akzeptabel. – Drucksache 17/1155 –
Überweisungsvorschlag:
(Beifall bei der CDU/CSU – Christine Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
Lambrecht [SPD]: Da klatscht die FDP aber Rechtsausschuss
überhaupt nicht!) Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
Jetzt noch ein Satz zu Europa. Tenor Ihres Antrages b) Unterrichtung durch die Bundesregierung
ist es, dass Sie nichts auf der europäischen Ebene regeln
lassen wollen bzw. möglichen europäischen Regelungen Elfter Bericht der Bundesregierung über Er-
vorbeugen wollen. Andere weisen darauf hin, dass man fahrungen bei der Anwendung des Arbeitneh-
vielleicht die Bewertung auf europäischer Ebene abwar- merüberlassungsgesetzes
ten sollte. Ich warne die Gegner einer Vorratsdatenspei- – Drucksache 17/464 –
cherung davor, darin zu hohe Erwartungen zu setzen. In
Überweisungsvorschlag:
der Richtlinie steht schon – daher ist das nicht überra- Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
schend –, dass sie im September 2010 zu überprüfen ist. Rechtsausschuss
Das gilt besonders für zwei Gesichtspunkte: Sind die Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3351
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse
(A) Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die Tarifvertrag verwiesen werden. Das hat der CGZP, die- (C)
Aussprache eine Dreiviertelstunde vorgesehen. – Ich ser vermeintlichen Gewerkschaft, Leben eingehaucht.
höre dazu keinen Widerspruch. Dann ist das so beschlos- Dort sind Tarifverträge abgeschlossen worden, die nur
sen. Arbeitgeber glücklich machen – und das ist kein Wun-
der. Wenn auf Arbeitnehmerinteressen und auf Gewerk-
Ich eröffne die Aussprache und erteile der Kollegin
schaftsmitglieder keine Rücksicht genommen werden
Anette Kramme von der SPD-Fraktion das Wort.
muss, dann kommt so etwas dabei heraus.
Ich bitte aber vorher darum, liebe Kolleginnen und
Kollegen, die Gespräche hier vorne einzustellen. Kol- (Max Straubinger [CDU/CSU]: Weil die Ge-
lege Ahrendt, hallo! Könnten Sie die Gespräche ir- werkschaften erst nachziehen müssen, Frau
gendwo weiter hinten im Plenarsaal fortsetzen? Kollegin!)

Kollegin Kramme, jetzt haben Sie hoffentlich Gehör. Dass sich der einzelne Leiharbeitnehmer nicht gegen die
Tarifvertragsgeltung per Arbeitsvertrag wehren kann, ist
(Beifall bei der SPD) klar, insbesondere wenn man weiß, dass im Bereich der
Leiharbeit vor allem Niedrigqualifizierte tätig sind. Ich
Anette Kramme (SPD): denke, wir alle hoffen in diesem Punkt auf das BAG. Wir
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und alle hoffen, dass der CGZP zumindest vorübergehend
Kollegen! Wir wissen nicht erst seit dem Fall Schlecker, das Handwerk gelegt wird, dass sie keine Handlungs-
dass Leiharbeit kein Zuckerschlecken ist: Da gibt es un- möglichkeiten mehr hat.
erträgliche Niedriglöhne. In Forchheim arbeitet ein
Leiharbeitnehmer für 3,60 Euro brutto pro Stunde. Hel- Aber die Union war nicht nur bei diesem Gesichts-
fer verdienen 45 Prozent weniger als in anderen Bran- punkt blind für die Probleme in der Leiharbeit. Die
chen. Die Branche wird durch SGB-II-Zahlungen an Union hat sich leider auch gegen Mindestlöhne in der
Leiharbeitnehmer in einer Größenordnung von 500 Mil- Leiharbeit gestemmt. Jeder wusste, dass mit den Christ-
lionen Euro dauersubventioniert. lichen Gewerkschaften etwas nicht stimmt. Trotzdem hat
in den Verhandlungen der Mindestlohn-Kommission ein
Wir beobachten auch ständige Verstöße gegen das Ar- Herr Brauksiepe süffisant erklärt, wir bräuchten keine
beitsrecht: Da wird Urlaub nicht ordnungsgemäß geneh- Mindestlöhne, die tarifvertragliche Absicherung sei
migt, da wird nicht ordnungsgemäß eingruppiert, da doch ganz wunderbar, man setze auf Tarifautonomie –
werden Kündigungsfristen fehlerhaft berechnet. Vor al- und das bei Tarifverträgen, die Löhne in Höhe von
lem werden Stammarbeitsplätze vernichtet, indem statt- 4,50 Euro und Ähnliches vorsehen.
dessen Leiharbeitnehmer eingesetzt werden. Und die
(B) Servicegesellschaften haben letztlich nur eine Funktion: Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, uns geht es (D)
Tarifflucht und Lohndrückerei. vor allen Dingen um Folgendes: Wir wollen die Leihar-
beit nicht abschaffen, aber wir wollen sie auf ihre Kern-
Darüber hinaus mussten wir feststellen, dass die Leih- funktionen zurückführen. Es geht darum, Auftragsspit-
arbeit leider nur einen sehr eingeschränkten Beitrag zur zen abzudecken. Wenn Arbeitnehmer fehlen, soll
Reintegration von Arbeitslosen leistet. Die Arbeitsver- Leiharbeit möglich sein. Dabei ist eines essenziell: Der
hältnisse in der Leiharbeit dauern im Regelfall nicht län- Grundsatz des Equal Pay muss uneingeschränkt gelten.
ger als drei Monate. Der „Klebeeffekt“ wird durch das
IAB auf circa 15 Prozent geschätzt. (Beifall bei der SPD)
(Zuruf von der FDP: Das ist viel!) Wir verhindern damit das Interesse an Ausgliederung
von Beschäftigten in eine Entleihfirma. Warum sollte
Auf den Punkt gebracht: Die Reform des Jahres 2003
man Beschäftigte ausgliedern, wenn die Arbeit dort ge-
hat sich nicht bewährt.
nauso teuer ist? Außerdem erreichen wir damit eine faire
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Also haben Sie Bezahlung und tragen zur Verbesserung des Betriebsfrie-
es falsch gemacht!) dens bei. In Bayreuth zum Beispiel arbeitet gegenwärtig
eine Krankenschwester nach dem Tarifvertrag des öf-
– Herr Kolb, der denkende Menschen ändert seine Mei- fentlichen Dienstes, während eine andere Kranken-
nung. schwester am selben Arbeitsplatz auf derselben Station
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Ich habe das doch weniger verdient, weil sie nach einem Tarifvertrag für
nicht gemacht! Sie haben es gemacht!) Leiharbeit bezahlt wird. Dass die eine auf die andere
sauer ist, ist gut nachvollziehbar.
Vielleicht sollte das Herr Westerwelle auch im Hinblick
auf seine Reisepartner tun. Darüber hinaus brauchen wir einen Mindestlohn, der
entleihfreie Zeiten absichert. Wir wollen den Betriebsrä-
(Zuruf von der CDU/CSU: Unverschämtheit!)
ten ein echtes Mitbestimmungsrecht einräumen. Das
Der Geburtsfehler dieser Leiharbeitsreform besteht, Mitbestimmungsrecht soll den Umfang der Leiharbeit,
denke ich, vor allem in einem Punkt: Die Union hat ge- die Dauer des Einsatzes und die Einsatzbereiche regeln.
gen Rot-Grün durchgesetzt, dass in einem individuellen Wenn sich Betriebsrat und Arbeitgeber nicht einigen
Arbeitsvertrag durch eine arbeitsvertragliche Bezug- können, dann entscheidet die Einigungsstelle. Ich bin der
nahme auf einen Tarifvertrag vom Grundsatz Equal Pay festen Überzeugung, dass das zu betriebsnahen und indi-
abgewichen werden darf. Es darf auf einen x-beliebigen viduellen Regelungen führt, die den Interessen sowohl
3352 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Anette Kramme
(A) des Arbeitgebers als auch der Arbeitnehmer des Entleih- Lassen Sie mich deswegen im Sinne der geschichtlichen (C)
betriebes gerecht werden. Wahrheit darauf hinweisen, was Sie auch im Elften Be-
richt der Bundesregierung zum Arbeitnehmerüberlas-
Der Niedriglohnsektor in der Bundesrepublik sungsgesetz nachlesen können. Die Regelungen, die die
Deutschland ist mittlerweile zu einem riesigen Problem Zeitarbeit betreffen, sind im Ersten Gesetz für moderne
geworden, zu einem Problem, das Folgen für die soziale Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 23. Dezember
Sicherheit in der Bundesrepublik und das gesamte so- 2002 festgelegt worden. Dieses Gesetz war im Bundes-
ziale System hat. Wir brauchen nicht nur Regelungen zur rat nicht zustimmungspflichtig. Es hat auch unsere Zu-
Eindämmung der Leiharbeit; notwendig sind auch Rege- stimmung nicht gefunden.
lungen, die sich darauf beziehen, wie man mit der befris-
teten Arbeit, Praktikumsverhältnissen und Ähnlichem (Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Es ging Ihnen
umgeht. nicht weit genug! Das ist die Wahrheit!)
Wir müssen uns vor allem auch damit befassen, ob Das Zweite Gesetz ist ebenso wie das Vierte Gesetz für
wir die Tarifvertragsparteien nicht dadurch stärken kön- moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt mit unserer
nen, dass wir Allgemeinverbindlichkeitserklärungen er- Zustimmung im Bundesrat beschlossen worden.
leichtern, sodass nicht eine Seite – in diesem Fall die Ar- Das Erste Gesetz war nicht zustimmungspflichtig.
beitgeberseite – immer wieder blockieren kann. Das haben Sie ganz allein gemacht. Der Bundesrat hat
In dem Sinne bedanke ich mich ganz herzlich. Ich Ihnen die Bedingungen nicht diktiert. Sie sollten wenigs-
hoffe, auch Sie kommen zu der Erkenntnis, dass in Sa- tens zu dem stehen, was Sie ganz allein gemacht haben.
chen Leiharbeit essenziell etwas zu tun ist. Prüfen reicht Man wird hier doch wohl über Fakten berichten können.
nicht; Handeln ist erforderlich. (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
neten der FDP)
Herzlichen Dank.
Wer sich vorurteilsfrei mit der Branche der Zeitarbeit
(Beifall bei der SPD) auseinandersetzt, wird feststellen: Es gibt ein differen-
ziertes Bild. Im Bericht der Bundesregierung wird deut-
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: lich, dass der Aufbau von Zeitarbeit insbesondere in
Das Wort hat nun der Parlamentarische Staatssekretär Großbetrieben häufig mit einem Aufbau von Stammbe-
Ralf Brauksiepe. schäftigten oder zumindest mit einer konstanten Zahl
von Stammbeschäftigten einhergegangen ist. Die Be-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) hauptung, dass es zu einem massiven Abbau von Ar-
(B) beitsplätzen bei der Stammbelegschaft gekommen ist, ist (D)
Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär bei der in Bezug auf die gesamte Branche sicherlich so nicht
Bundesministerin für Arbeit und Soziales: richtig.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Wir sollten uns auch vor Augen führen, über welche
Fähigkeit zur Selbstkritik steht uns Politikern sicherlich Dimensionen wir hier eigentlich reden. Ich sage das vor
gut an. Aber wenn es dazu führt, dass man das, was man dem Hintergrund dessen, was hier schon angeführt
einst selbst in eigener Verantwortung eingeführt hat, auf wurde.
einmal in Bausch und Bogen verdammt, obwohl sich ein
differenziertes Bild der Beurteilung anböte, dann schießt Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
das sicherlich weit über das Ziel hinaus. Das ist ein Pro-
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
blem, das Sie, Frau Kollegin Kramme, glaube ich, deut-
Kollegen Heil?
lich gemacht haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär bei der
Widerspruch bei der SPD) Bundesministerin für Arbeit und Soziales:
Nein, heute mal nicht, Herr Präsident.
Die Zeitarbeit bietet Chancen und Risiken.
(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Ich dachte, Sie
(René Röspel [SPD]: Mehr Risiken als Chan- sind für Fakten, Herr Kollege!)
cen! – Dr. Barbara Hendricks [SPD]: Uns geht
es um die Chancen! – Weiterer Zuruf von der Ich finde es wichtig, den Zusammenhang darzustel-
SPD: Missbrauch gibt es!) len. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Zeitarbeit weit
davon entfernt ist, zu einem prägenden Element unserer
Sie ist nicht in Bausch und Bogen zu verdammen. Arbeitswelt zu werden. Wir hatten in der Spitze rund
Frau Kollegin Kramme, Sie müssten seit der letzten 800 000 Zeitarbeitnehmer. Diese Zahl ist in der Krise zu-
Ausschusssitzung wissen, dass jemand, der sich zu weit rückgegangen. Wir sind froh, dass die Zeitarbeit schon
von der Wahrheit entfernt, befürchten muss, dass ich ihm mit dem Beschäftigungsaufbau wieder begonnen hat.
mit den Fakten komme. Wir hoffen, dass alle anderen Branchen bald nachziehen
werden. Es gehört zu den Fakten, dass etwa 1,25 Pro-
(Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE mille der insgesamt Erwerbstätigen in der Zeitarbeit
GRÜNEN]: Das waren im Ausschuss aber sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und zusätz-
keine Fakten! Das war Polemik!) lich Arbeitslosengeld II bekommen. Es gibt rund
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3353
Parl. Staatssekretär Dr. Ralf Brauksiepe
(A) 600 000 Beschäftigte in der Branche. Knapp 10 Prozent (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – (C)
davon erhalten aufstockende Leistungen. Das heißt, rund Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Wie denn? Wo
50 000 Beschäftigte, darunter sehr viele Teilzeitkräfte, denn?)
die zumeist aufgrund persönlicher Lebensumstände
Wir setzen aber weiterhin in erster Linie auf die Tarifver-
nicht länger arbeiten können oder wollen, bekommen
tragsparteien.
zusätzlich Arbeitslosengeld II. Ich habe es schon an an-
derer Stelle gesagt: In manchen Lebenssituationen sind (René Röspel [SPD]: Auf welche denn?)
1,25 Promille eine Menge und auch zu viel. Aber nie-
Die Entwicklung, die wir jetzt haben, ist doch gut und
mand wird sagen können, dass eine solche Zahl die Ar-
richtig. Der Christliche Gewerkschaftsbund hat vor we-
beitswelt in Deutschland prägt. Davon kann keine Rede
nigen Wochen mit seinem Tarifpartner einen Tarifvertrag
sein.
abgeschlossen, der alle vom DGB in diesem Bereich ab-
(Beifall bei der CDU/CSU) geschlossenen Tarifverträge übertrifft. Mittlerweile hat
der DGB mit seinem Tarifpartner nachgezogen. Ich sage
Es macht Sinn, in diesem Zusammenhang über grö- ausdrücklich für die Bundesregierung: Diese Entwick-
ßere Zahlen zu reden. Wie gesagt, 1,25 Promille der lung begrüßen wir. Wir wollen keine Lohnspirale nach
rund 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland – zum unten. Es ist gut, wenn sich die Tarifvertragsparteien bei
Teil in Teilzeitarbeit – bekommen aufstockendes den Löhnen nach oben überbieten.
Arbeitslosengeld II in der Zeitarbeit. Es waren nie mehr
als 2,6 Prozent aller Beschäftigten in der Zeitarbeits- (Beifall bei der CDU/CSU)
branche tätig. Ich möchte auf Folgendes hinweisen: Mit diesem Trend hat der Christliche Gewerkschafts-
60,6 Prozent der Zeitarbeitnehmer waren zuvor entwe- bund begonnen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat
der länger als zwölf Monate nicht beschäftigt oder kurz- nachgezogen. Das begrüßen wir ausdrücklich. Wir
fristig nicht beschäftigt oder noch nie beschäftigt. Das schließen nicht aus, als Gesetzgeber zu handeln, wenn es
heißt, über 60 Prozent der Menschen, die in Zeitarbeits- notwendig ist. Aber der Vorrang von tariflichen Lösun-
unternehmen Beschäftigung finden, waren vorher kurz- gen gilt auch hier. Ich begrüße, dass wir bei den tarifli-
fristig nicht, lange nicht oder noch nie beschäftigt. Der chen Lösungen auf einem guten Weg sind.
überwiegende Teil der ehemaligen Zeitarbeitnehmerin-
nen und Zeitarbeitnehmer befindet sich mittelfristig wei- Herzlichen Dank.
terhin in Beschäftigung und nicht in Arbeitslosigkeit. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auch das gehört zur Realität in Deutschland. Auch das
gehört zu den Chancen, die die Zeitarbeit bietet. Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
(B) Das Wort hat nun Jutta Krellmann für die Fraktion (D)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Die Linke.
Herr Kollege, es gibt einen weiteren Wunsch nach ei- (Beifall bei der LINKEN)
ner Zwischenfrage, diesmal von der Fraktion Die Linke.
Jutta Krellmann (DIE LINKE):
Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär bei der Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren!
Bundesministerin für Arbeit und Soziales: Liebe Kolleginnen und Kollegen! Heute ist „Equal Pay
Es wäre seltsam, wenn ich diese Zwischenfrage zu- Day“, und von daher passt dieses Thema genau zu die-
ließe, nachdem ich eine Zwischenfrage der SPD nicht sem Tag, weil es auch hier um gleichen Lohn für gleiche
zugelassen habe. Arbeit geht.
(Beifall bei der LINKEN – Dr. Heinrich L.
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse: Kolb [FDP]: Da freuen sich die Mitarbeiter bei
Okay. der Frankfurter Rundschau!)
Ich persönlich finde es toll, dass die SPD mittlerweile
Dr. Ralf Brauksiepe, Parl. Staatssekretär bei der wieder von „Leiharbeit“ und nicht von „Zeitarbeit“
Bundesministerin für Arbeit und Soziales: spricht, wie die Zeitarbeitsbranche das gerne hätte. Der
Betriebszweck von einem Leiharbeitsunternehmen ist
Ich bringe lieber meine Argumentation zu Ende. das Verleihen von Menschen, um selbst Gewinne zu ma-
(Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Er lässt sich chen. In Zeiten spätrömischer Dekadenz
nicht stören, der Herr Staatssekretär! – Zuruf (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Schwer
von der LINKEN: Fangen Sie doch überhaupt auszusprechen!)
erst mal an!)
war das Sklavenarbeit, im Feudalismus war das Leib-
Ich will deutlich sagen: Da, wo Missbrauch vorliegt eigenschaft, und im Kapitalismus ist das Leiharbeit.
– Missbrauchsfälle gibt es; darüber wurde bereits disku-
Leiharbeit ist kein Problem, wenn sie gut bezahlt ist:
tiert; die Bundesarbeitministerin hat sich dazu deutlich
mit gleichem Geld für gleiche Arbeit und bei gleichen
geäußert –, muss er bekämpft werden. Diese Bundes-
Arbeitsbedingungen.
regierung wird sich bei der Bekämpfung von Missbrauch
von niemandem überbieten lassen. (Hubertus Heil [Peine] [SPD]: Subbotnik!)
3354 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Jutta Krellmann
(A) Zudem darf sie wirklich nur für Auftragsspitzen genutzt In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (C)
werden. Das hat die SPD nach sieben Jahren nun endlich steht in Art. 23 Abs. 2 eindeutig:
als Geburtsfehler ihrer Reformpolitik erkannt. Herz-
Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen
lichen Glückwunsch!
Lohn für gleiche Arbeit.
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)
In einer von der CDU – nicht von irgendjemandem, Das ist der Maßstab der Linken.
sondern vom CDU-Arbeitsminister Laumann – in Auf-
trag gegebenen Studie wird für Nordrhein-Westfalen ge- Die schwarz-gelbe Politik schlägt dem Fass in diesem
sagt: Zusammenhang aus meiner Sicht den Boden aus. Sie
kennen nämlich nur Vorzüge der Leiharbeit. Die ver-
(Paul Lehrieder [CDU/CSU]: Guter Mann!) sprochene Prüfung des Lohndumpings – Fall Schlecker –
Ein Viertel der Entleihbetriebe nutze Leiharbeitnehmer zieht sich nunmehr schon seit Monaten hin. Handlungs-
zur Verdrängung von Stammbelegschaften. Der Einkom- bedarf sieht die Regierung nur bei anderen. Sollen die
mensunterschied betrage bis zu 45 Prozent. – Ein Ein- Gewerkschaften doch mit den Arbeitgebern eine Lösung
stieg für Arbeitslose in Beschäftigung – das ist der soge- verhandeln! Damit sagt Schwarz-Gelb nichts anderes
nannte Klebeeffekt – ist die Leiharbeit auch nicht: als: „Lohndumping durch Leiharbeit: Weiter so!“; denn
einmal Leiharbeitnehmer, immer Leiharbeitnehmer. durch das Gesetz wird Lohndumping legal. Das muss
geändert werden.
Wer leiharbeitet, ist mit einem Bruttolohn von
(Beifall bei der LINKEN)
6,65 Euro im Osten und 7,60 Euro im Westen, wie dies
gerade für diesen Bereich in einem Tarifvertrag be- Die Linke will: gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und
schlossen wurde, oftmals arm trotz Arbeit. das vom ersten Tag an, Begrenzung der Überlassungs-
höchstdauer auf drei Monate, starke betriebliche Mit-
(Ute Kumpf [SPD]: Da erzählen die Kollegen bestimmung bei Leiharbeit und Bezahlung der Leih-
von Daimler aber eine andere Geschichte!) arbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer mit einer
Durch die Leiharbeit wird gute und faire Arbeit vernich- Flexibilitätsprämie von 10 Prozent.
tet. (Beifall bei der LINKEN)
(Ute Kumpf [SPD]: Quatsch!) Der Antrag der SPD ist zwar ein Schritt in die richtige
Dies wurde durch die rot-grünen Hartz-Gesetze möglich. Richtung, aber eben nicht genug. Seien Sie sicher: Wir
werden versuchen, auch weiterhin Druck zu machen.
(B) (D)
Okay, man muss sich ja darüber freuen, dass die SPD
(Beifall bei der LINKEN)
an dieser Stelle auch wieder zur Vernunft gekommen ist.
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Das ist doch Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
auch schon einmal etwas!) Das Wort hat nun Heinrich Kolb für die FDP-Frak-
So fordern Sie beim Einsatz von Leiharbeit die Auswei- tion.
tung der Mitbestimmung durch Betriebsräte über Dauer (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
und Umfang. Die Linke fordert dagegen ein zwingendes der CDU/CSU)
Mitbestimmungsrecht über die Dauer, den Umfang und
das Ob der Leiharbeit. Dr. Heinrich L. Kolb (FDP):
(Beifall bei der LINKEN) Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
Kollegin Kramme hat in ihrer Rede gesagt: Der den-
Das Ob und die Möglichkeit, bei Nichteinigung die Eini- kende Mensch ändert seine Meinung.
gungsstelle anzurufen, sind entscheidend.
(Anette Kramme [SPD]: Nietzsche!)
Nichts Konkretes sagt die SPD zur Einsatzdauer in ei-
nem Betrieb. Die Linke sagt dagegen: höchstens drei Frau Kollegin Kramme, das halte ich nicht für zwingend.
Monate, wie es früher im Gesetz stand. Um Auftrags- Man kann ja auch nachdenken und zu dem Ergebnis
spitzen abzudecken, sind drei Monate genug. kommen, dass man bisher schon das Richtige gedacht
hat. Sehen Sie, so ist es mir bei der Vorbereitung meiner
Der entscheidende Knackpunkt liegt bei der Equal- Rede für den heutigen Tagesordnungspunkt gegangen.
Pay-Forderung. Die SPD fordert, den Grundsatz „Glei-
Deswegen will ich Ihnen noch einmal in Erinnerung
ches Geld für gleiche Arbeit“ wieder ohne Ausnahme
rufen, welche Positionen die FDP in der aktuellen Dis-
gelten zu lassen. Die Gefahr einer Abweichung durch
kussion um die Zeitarbeit vertritt:
Tarifverträge wäre also gebannt. Das wäre auch gut so.
Was macht aber die SPD jetzt nach sieben Jahren mit fa- Erstens. Zeitarbeit ist das wichtigste und erfolg-
talen Ausnahmen? Sie fordert eine neue Ausnahme. Das reichste Arbeitsmarktinstrument, das wir haben. Mit kei-
ist im Grunde unglaublich. So heißt es in dem Antrag, nem anderen Instrument ist es gelungen, so vielen Men-
dass der Grundsatz „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ schen, die zuvor langzeitarbeitslos waren, zu einem
erst nach einer kurzen Einarbeitungszeit gelten soll. Ich neuen Arbeitsplatz zu verhelfen. Das sollten wir hier
frage Sie: Was ist kurz? doch einmal deutlich festhalten.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3355
Dr. Heinrich L. Kolb
(A) (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE entsandt werden. Das heißt, würde ein Zeitarbeiter in (C)
GRÜNEN]: Zu einem Arbeitsplatz in der Zeit- Deutschland im Bereich der Abfallwirtschaft eingesetzt,
arbeit!) würde der Mindestlohn Abfallwirtschaft notwendig zur
Anwendung kommen. Deswegen rate ich uns allen dazu,
Weil das so ist, werden wir alles daransetzen, das Instru- so wie es auch der Präsident der Bundesvereinigung der
ment der Zeitarbeit auch künftig nutzbar zu machen und Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, getan
zu halten. hat, hier ohne Zorn und Eifer ans Werk zu gehen und zu
(Beifall bei der FDP) beobachten, ob hier tatsächlich Verwerfungen auftreten.
Zweitens. Die FDP-Fraktion ist gemeinsam mit den Ich glaube auch mit Blick auf das, was wir heute an
Kollegen der Union entschlossen, dem Missbrauch der Zahlen vorweisen können oder aktuell registrieren, zum
Zeitarbeit entgegenzutreten. Das haben wir, Herr Kol- Beispiel die Aktivitäten polnischer Zeitarbeitsunterneh-
lege Schiewerling und ich, auch unverzüglich zu Beginn men in Deutschland oder den sehr geringen Anteil aus-
des Jahres, als der Fall Schlecker bekannt wurde, getan, ländischer Leiharbeiter, sagen zu können, dass sich die
ohne Wenn und Aber. Es ist nicht akzeptabel, wenn Welt am 1. Mai 2011 nicht grundlegend verändern wird.
Stammbelegschaften von Konzernen in Leihgesellschaf-
ten, wo die Konditionen günstiger sind, ausgelagert wer- In diesem Sinne freue ich mich, Ihnen mitteilen zu
den. Das wollen wir ausdrücklich nicht. können: Das waren bisher meine Gedanken, das sind sie
weiterhin. Auch in künftigen Diskussionen werde ich
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) nicht anstehen, diese Position hier ein drittes, viertes
oder fünftes Mal zu vertreten.
Deswegen begrüßen wir drittens, dass es jetzt tarif-
vertragliche Regelungen gibt, mit denen genau dieses Vielen Dank.
ausgeschlossen wird, nämlich dass man von dem im
AÜG verankerten Grundsatz des Equal Pay abweichen (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
kann, wenn es sich um Unternehmen im Konzernver-
bund handelt. Der Tarifvertrag, den AMP jetzt geschlos- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
sen hat, geht genau in diese Richtung. Das halte ich für Als nächste Rednerin hat das Wort die Kollegin Beate
richtungsweisend. Die Tarifpartner können zu dieser De- Müller-Gemmeke von Bündnis 90/Die Grünen.
batte auch einen wichtigen Beitrag leisten, auf den wir
nicht verzichten sollten.
Beate Müller-Gemmeke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Viertens. Das Ministerium prüft – das ist auch eine NEN):
(B) Folge der Debatte zu Beginn des Jahres – derzeit, wie Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kollegin- (D)
die Situation ist, wie viele Missbrauchsfälle es gibt und nen und Kollegen! Jetzt hat auch die SPD endlich einen
was getan werden muss, um diese Missbräuche gegebe- Antrag zur Leiharbeit vorgelegt. Rot-Grün hat die Libe-
nenfalls über das hinaus, was tarifvertraglich geregelt ist, ralisierung in der Zeitarbeit zu verantworten; das wissen
zu verhindern. Diesem Bericht sehen wir mit Interesse wir. Schon lange fordern wir Grünen, dass die Fehler
entgegen. Wir werden dann gemeinsam mit den Kolle- korrigiert werden. Herr Brauksiepe, Selbstkritik gehört
gen der Union überlegen, wo gegebenenfalls gesetzge- für mich selbstverständlich auch in die Politik; denn sie
berisches Handeln erforderlich ist. ist ein wichtiger Wert.
Ich will Ihnen fünftens meine Position zum Mindest- Die Leiharbeit muss endlich wieder zu einem verträg-
lohn in der Zeitarbeitsbranche hier nicht verschweigen. lichen Instrument werden, das der Abfederung von Auf-
Ich glaube, dass es in einer Branche, in der der Grund- tragsspitzen dient, nicht mehr und nicht weniger. Der
satz des Equal Pay gilt, von dem nur durch tarifvertragli- Antrag zeigt, dass auch die SPD mit der Vergangenheits-
che Regelungen abgewichen werden kann, in der es also bewältigung begonnen hat. Er ist zwar an einigen Stellen
eine hundertprozentige Tarifbindung gibt, keinen Sinn etwas vage, und er geht mir auch nicht weit genug, aber
macht, einen Mindestlohn einzuführen. zumindest stimmt die Richtung, und das ist gut so.
(Zuruf der Abg. Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
DIE GRÜNEN])
sowie bei Abgeordneten der SPD und der LIN-
Das ist mein Argument zumindest hinsichtlich der aktu- KEN)
ellen Lage.
Der Elfte Bericht der Bundesregierung zur Leiharbeit
Dann gibt es diejenigen, die schon vorauseilend sa- sollte eigentlich die Entwicklung in der Zeitarbeit be-
gen: Das könnte alles ganz schlimm werden, wenn ab schreiben und soziale und beschäftigungspolitische Pro-
dem 1. Mai nächsten Jahres Freizügigkeit herrscht. – Ich bleme aufdecken. Aber Fehlanzeige: Die Fakten werden
möchte für uns alle noch einmal darauf hinweisen, dass verharmlost; der wichtige IAB-Forschungsbericht, die
die Branchen, in denen offensichtlich ein besonderer Laumann-Studie sowie kritische Stellungnahmen der
Lohndruck besteht, im letzten Jahr Gelegenheit hatten, Agentur für Arbeit wurden in weiten Teilen gar nicht erst
sich für die Einführung von Mindestlöhnen starkzuma- aufgenommen. – Aber diese Fakten sind wichtig. Nur
chen. In einer Reihe von Branchen wurden ja auch schon 8 Prozent der Erwerbslosen erhalten durch die Leih-
Mindestlohnregelungen eingeführt, die auch unmittel- arbeit eine reguläre Beschäftigung. Das IAB spricht so-
bar gelten würden, wenn Zeitarbeiter in diese Branchen gar davon, dass die Zeitarbeit eher eine Brücke in die
3356 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Beate Müller-Gemmeke
(A) Zeitarbeit ist. Im Bericht der Bundesregierung steht – ich Gibt es dafür ein einziges plausibles Argument? Meinen (C)
zitiere –: Sie wirklich, dass Zeitarbeitskräfte grundsätzlich weni-
ger wert sind? Mein Grundsatz ist, dass es keine Be-
Der überwiegende Teil der ehemaligen Zeitarbeit-
schäftigten erster und zweiter Klasse geben darf.
nehmerinnen und Zeitarbeitnehmer befindet sich
auch mittelfristig weiterhin in Beschäftigung und (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
nicht in Arbeitslosigkeit. und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
der SPD)
Das stimmt einfach nicht. Das zeigt die zweifelhafte
Qualität des Berichts der Regierung. Machen Sie endlich Politik für alle Bürgerinnen und
Bürger und sorgen Sie dafür, dass für alle Beschäftigten
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ihr Spruch gilt: Arbeit muss sich wieder lohnen.
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Vor der Krise waren fast 800 000 Menschen in der
Die konzerninterne Arbeitnehmerüberlassung hat zu-
Zeitarbeit beschäftigt, obwohl jeder Achte zusätzlich
genommen. Sogar die Bundesagentur für Arbeit warnt,
staatliche Leistung beantragen musste. Die Agentur für
dass Dauerarbeitsplätze mit Zeitarbeitskräften besetzt
Arbeit zahlt bereits eine halbe Milliarde Euro für Löhne
werden. Ein Blinder mit Krückstock sieht also, dass es
in der Zeitarbeit. Spätestens bei dieser Zahl, die aus dem
einen offensichtlichen Missbrauch in der Zeitarbeit gibt.
Arbeitsministerium stammt, müssten bei den Regie-
Herr Brauksiepe, es geht hier nicht nur um 2,6 Prozent
rungsfraktionen alle Alarmglocken läuten.
der Beschäftigten, sondern um Menschen. Ich finde, je-
der einzelne Mensch muss wichtig sein. Wollen Sie wirklich weiterhin Unternehmen auf die-
sem Weg subventionieren, obwohl sich die Zeitarbeit in
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
keinerlei Weise als arbeitsmarktpolitisches Instrument
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
bewährt hat? Ich appelliere an die Regierungsfraktionen:
der SPD)
Schauen Sie nicht weg! Wenn Sie nicht wollen, dass die
Seit Wochen höre ich aus dem Bundesministerium für Zeitarbeit für bisher fair bezahltes Stammpersonal zum
Arbeit und Soziales aber nur, dass Gespräche geführt Schleudersitz in den Hungerlohn und für Zeitarbeits-
werden und dass die Prüfung der Leiharbeitsbranche an- kräfte zur Einbahnstraße in eine dauerhafte Niedriglohn-
dauert. Ich frage mich: Wie viele Gespräche sind noch falle wird, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, zügig zu
nötig? Wie lange wollen Sie eigentlich noch prüfen? handeln, statt ewig zu prüfen.
Wenn Sie dem IAB nicht glauben, dann reden Sie doch
Vielen Dank.
einmal mit Ihrem CDU-Kollegen Laumann aus NRW.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(B) Am Wochenende hat die Ministerin die Branche auf- (D)
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
gefordert, die Probleme endlich aus eigener Kraft zu lö-
LINKEN)
sen. Ich meine, gegen den Missbrauch in der Zeitarbeit
muss gesetzlich vorgegangen werden und nicht durch
die Branche selbst. Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat die Kollegin Heike Brehmer von der
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN CDU/CSU-Fraktion.
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
LINKEN) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Fangen Sie endlich an, zu regieren! Notwendig ist, dass
Heike Brehmer (CDU/CSU):
der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ durch-
Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
gesetzt wird, ebenso ein Mindestlohn für verleihfreie
Zeiten. Vor allem muss die konzerninterne Arbeitneh- Herr, die Not ist groß!
merüberlassung verhindert werden. Das wäre verantwor- Die ich rief, die Geister,
tungsbewusste Politik und eine klare Reaktion auf den Werd ich nun nicht los.
Missbrauch in der Zeitarbeit.
So rief der Zauberlehrling bei Goethe entsetzt im Ange-
Aber vielleicht steckt die Regierung auch den Kopf in sicht der Kräfte, die er entfesselt hatte. An diesen Zau-
den Sand, weil es wieder einmal Streit mit der FDP gibt. berlehrling erinnern Sie mich, liebe Kolleginnen und
Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die FDP bei diesem Kollegen der SPD. Erschrocken weichen Sie vor dem
Thema auf der Bremse steht, weil sie den Niedriglohn- zurück, was Sie im Jahr 2002 gemeinsam mit den Grü-
sektor weiter ausbauen möchte. Dazu passen auch Ihre nen bei der Zeitarbeit auf den Weg gebracht haben. Aber
Äußerungen, Herr Kolb, dass Zeitarbeitskräfte grund- für Erschrecken und Entsetzen besteht kein Anlass; denn
sätzlich weniger verdienen sollten als das Stammperso- Sie haben Ihr Gesellenstück abgeliefert.
nal.
Ein Blick zurück: 2002 hatte der rot-grüne Zauber-
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Was?) lehrling unter Anleitung seines Meisters Peter Hartz
große Pläne für den Arbeitsmarkt. Millionen neuer Ar-
Das haben Sie im Februar in einem Zeitungsinterview
beitsplätze sollten entstehen. Das Herzstück war die Fle-
gesagt.
xibilisierung der Zeitarbeit. So sollte eine Brücke aus
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das würde ich Arbeitslosigkeit in Beschäftigung gebaut werden. So
gern mal sehen!) sollten insbesondere Geringqualifizierte eine Chance be-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3357
Heike Brehmer
(A) kommen. So sollten Unternehmen wettbewerbsfähiger (Steffen-Claudio Lemme [SPD]: Das ist (C)
werden. Das, meine Damen und Herren von der SPD gelogen!)
und von den Grünen, waren Ihre Ziele – gute Ziele.
Tatsache ist aber, dass mehr als die Hälfte aller beende-
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜND- ten Zeitarbeitsverhältnisse weniger als drei Monate dau-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Das hat aber nicht erte. Laut Bericht der Bundesregierung war nur jeder
funktioniert!) Zehnte ohne Unterbrechung das ganze Jahr lang in der
Wenn wir heute Bilanz ziehen, können wir gemein- Arbeitnehmerüberlassung tätig.
sam feststellen: Die Ziele von damals sind erreicht wor- Sie behaupten: Zeitarbeit ist eine Variante prekärer
den. Beschäftigung. Tatsache ist aber, dass in Deutschland
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) knapp 800 000 Zeitarbeitnehmer sozialversicherungs-
pflichtig beschäftigt sind, die Mehrheit von ihnen unbe-
Im letzten Aufschwung sind laut dem Institut der deutschen fristet.
Wirtschaft Köln über 1,4 Millionen neue Jobs entstanden,
davon übrigens 1,3 Millionen neue sozialversicherungs- (Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/
pflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Dieses deutsche Ar- DIE GRÜNEN]: Aber zu welchem Lohn?)
beitsmarktwunder hat zwar nicht ausschließlich, aber doch – Ich betone es: sozialversicherungspflichtig und unbe-
auch mit den Reformen der Agenda 2010 zu tun. Dabei fristet beschäftigt. – Dabei handelt es sich im Übrigen
hat Hartz I die Fesseln für die Zeitarbeit gelöst. Allein überwiegend um Arbeitskräfte, die vor Beginn des Zeit-
hier hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig arbeitsverhältnisses nicht unmittelbar oder überhaupt
Beschäftigten seit 2004 auf knapp 800 000 im Jahr 2008 nicht beschäftigt waren.
fast verdoppelt. Ich finde das beachtlich. Das ist ein Be-
leg für erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, bitte
erkennen Sie an, dass Zeitarbeit neue Jobs schafft, dass
Liebe Kolleginnen und Kollegen von Rot-Grün, Sie sie Brücken in Arbeit baut und alles andere als prekär ist.
sollten den Mut haben, sich darüber auch zu freuen. Of-
fenbar aber genießt das Reformwerk bei Ihnen nicht das
höchste Ansehen. Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Frau Kollegin Brehmer, erlauben Sie eine Zwischen-
(Katja Mast [SPD]: Wir reden mit den frage der Kollegin Müller-Gemmeke?
Leuten!)
Das gilt wohl vor allem für die Arbeitnehmerüberlas- Heike Brehmer (CDU/CSU):
(B) sung. Sie fürchten sogar, die Reformen hätten die Lage Nein. – Wenn Sie in Ihrem Antrag also Fairness for- (D)
auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert. So weit wie bei dern, dann gehen Sie doch bitte mit gutem Beispiel vo-
kaum einem anderen Thema liegen bei der Zeitarbeit ran. Beweisen Sie selbst Fairness, Fairness für die Zeit-
Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinander; ich muss arbeit.
feststellen: leider auch bei Ihnen.
Zu dieser Fairness gehört, zu sagen, dass der Fall
Sie behaupten: Stammbelegschaften werden durch Schlecker und die Zeitarbeit nichts, aber auch gar nichts
Leiharbeitnehmer ersetzt. miteinander zu tun haben. Das Gebaren von Schlecker
(Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE und Konsorten ist ein Skandal. Da gibt es nichts zu be-
GRÜNEN]: Das sagt die Bundesagentur für schönigen. Diese Leute betreiben Missbrauch auf dem
Arbeit!) Rücken einer ganzen Zeitarbeitsbranche.
Tatsache ist aber, dass die Hälfte der Einsatzbetriebe das (Steffen-Claudio Lemme [SPD]: Das ist nur
Beschäftigungsniveau nicht verändert hat. die Spitze des Eisbergs!)
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ Ich bin deshalb froh, dass die Zeitarbeitsbranche inzwi-
DIE GRÜNEN]: Das ist gar kein Argument!) schen reagiert hat. Sowohl der Bundesverband Zeitarbeit
Personal-Dienstleistungen, BZA, als auch der Arbeitge-
34 Prozent haben Beschäftigung aufgebaut, und nur berverband Mittelständischer Personaldienstleister, AMP,
16 Prozent haben Beschäftigung abgebaut. haben gemeinsam mit den Gewerkschaften Anti-
(Paul Lehrieder [CDU/CSU]: So ist es! – Schlecker-Klauseln vereinbart. Der Fall Schlecker wird
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ sich deshalb nicht wiederholen.
DIE GRÜNEN]: Aber das sagt doch gar nichts (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
aus!)
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der SPD, in Ih-
Entscheidend ist: Nur 2 Prozent der Betriebe haben
rem Antrag behaupten Sie zwar, die Zeitarbeit nicht
gleichzeitig Beschäftigung abgebaut und Zeitarbeit auf-
abschaffen zu wollen. Würden wir die von Ihnen vorge-
gebaut. Das ist laut einem Bericht der Bundesregierung
schlagenen Änderungen allerdings umsetzen, würde ge-
so.
nau dies geschehen. Durch neue Beschränkungen der
Sie behaupten: Zeitarbeit wird immer weniger als In- Zeitarbeit würden den Unternehmen die notwendigen
strument zur Abdeckung kurzfristiger Auftragsspitzen Flexibilitätsreserven genommen und der Beschäfti-
benutzt. gungsmotor Zeitarbeit abgewürgt.
3358 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Heike Brehmer
(A) (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE Gabriele Hiller-Ohm (SPD): (C)
GRÜNEN]: Das ist einfach nicht wahr!) Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber
Am Ende hätten Sie damit nicht der Branche geschadet, Herr Kollege Kolb, Frau Brehmer, wir lernen aus Erfah-
sondern dem Wirtschaftsstandort Deutschland insge- rungen und ziehen die richtigen politischen Schlüsse für
samt. Das wäre nicht nur nicht fair, sondern auch völlig die Beschäftigten. Das kann man leider nicht von allen
falsch. in diesem Haus sagen.

(Steffen-Claudio Lemme [SPD]: Deshalb (Beifall bei der SPD)


hauen die aus Sachsen-Anhalt alle ab!) Frau Ministerin von der Leyen hat der Leiharbeits-
Untauglich sind die in der Debatte immer wieder an- branche vor wenigen Tagen ein Ultimatum gesetzt,
geführten Vergleiche mit anderen Ländern. Das Arbeits- Missbrauch aus eigener Kraft zu unterbinden. Toll, die
recht funktioniert eben nicht nach dem Cafeteria- vielen schwarzen Schafe sollen sich also selbst weißwa-
Prinzip, bei dem Sie sich mal hier und mal da eine Klei- schen. Falls sie das nicht in einigen Wochen oder Mona-
nigkeit nehmen. Deshalb können Sie das französische ten – da bleibt die Ministerin ein bisschen unbestimmt –
Agenturprinzip nicht mit dem deutschen Zeitarbeitsver- schaffen, will die Ministerin zum Gesetzesknüppel grei-
hältnis vergleichen. Bei uns besteht zwischen Zeit- fen. Die Auswüchse bei der Leiharbeit sind allerdings
arbeitsunternehmen und Zeitarbeitnehmer ein vollwerti- nicht erst in diesen Tagen vom Himmel gefallen. Es gab
ges sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis mit sie schon lange vor dem Skandal der Drogeriekette
allen Schutzrechten wie Kündigungsschutz, Schlecker, über den wir bereits im Januar hier debattiert
(Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE haben. Jetzt den Finger zu heben, den Tarifparteien zu
GRÜNEN]: Zu Dumpinglöhnen! 35 bis 40 Pro- drohen und auf Freiwilligkeit zu setzen, ist nicht sehr
zent weniger!) überzeugend. Wir fordern die Ministerin auf: Warten Sie
nicht länger! Raus aus der Abwartstarre! Legen Sie ein
Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsansprü- Gesetz vor!
chen etc., von allen anderen arbeitsrechtlichen Regelun-
gen ganz zu schweigen. (Beifall bei der SPD)
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- In unserem Antrag zeigen wir, wo es langgehen muss.
neten der FDP – Thomas Oppermann [SPD]: Wir haben unter Rot-Grün in Übereinstimmung mit
Kommen Sie mal zum Schluss!) den Gewerkschaften 2003 das Arbeitnehmerüberlas-
Nur aus einem Anlass werden wir das Arbeitnehmer- sungsgesetz reformiert. Wir haben damals auf Fairness
überlassungsgesetz in diesem Jahr noch einmal in den der Arbeitgeber gesetzt. Dieser Schuss ging bedauerli-
(B) Blick nehmen, und zwar vor dem Hintergrund der Her- cherweise nach hinten los. Wir haben gelernt: Fairness (D)
stellung der vollen Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus ohne Regeln funktioniert nicht. Deshalb brauchen wir
den neuen EU-Mitgliedstaaten Mittel- und Osteuropas klare Gesetze.
ab Mai 2011. Diese Freizügigkeit darf nicht dazu führen,
dass durch den Einsatz ausländischer Zeitarbeitnehmer (Beifall bei der SPD)
die Zeitarbeitsbranche in Deutschland diskreditiert wird Diese bittere Erfahrung sollte auch die Ministerin zur
und es zu sozialen Verwerfungen kommt. Kenntnis nehmen. Die Ministerin hat ihre Betroffenheit
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜND- über die unhaltbaren Zustände in der Leiharbeitsbranche
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Wenn das Deutsche zum Ausdruck gebracht. Ob dahinter aber tatsächlich der
machen, ist das okay, oder was?) Wille und vor allem die Kraft stecken, auch etwas für die
Menschen zu verbessern, wage ich zu bezweifeln.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (Beifall bei der SPD)
Frau Kollegin, kommen Sie bitte zum Schluss.
Gelegenheit dazu bestand bereits in der Großen Ko-
alition, als wir gemeinsam regiert haben.
Heike Brehmer (CDU/CSU):
Dies zu verhindern, ist der Zweck des Arbeitnehmer- (Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Und?
Entsendegesetzes. Deshalb kommt für uns auch eine Fehlanzeige!)
Aufnahme der Zeitarbeit in das Gesetz in Betracht. Vo-
raussetzung dafür ist ein Mindestlohntarifvertrag der Was haben Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der
Branche. CDU/CSU, damals getan? Sie haben so auf der Bremse
gestanden, dass Ihnen heute noch die Füße wehtun müs-
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. sen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- (Beifall bei der SPD)
neten der FDP)
Ich bin mir sicher: Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-
Westfalen werden wir in den Medien eine Ministerin se-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
hen, die die Missstände in der Leiharbeitsbranche be-
Die nächste Rednerin ist die Kollegin Gabriele Hiller-
klagt und tüchtig mit dem Finger droht. Dann kommt der
Ohm von der SPD-Fraktion.
ganz große Katzenjammer. Warum, so frage ich Sie,
(Beifall bei der SPD) sollte die Union ausgerechnet mit einer marktradikalen
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3359
Gabriele Hiller-Ohm
(A) FDP an ihrer Seite Arbeitnehmerrechte verbessern, Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (C)
wenn sie es noch nicht einmal mit uns getan hat? Das Wort hat der Kollege Pascal Kober von der FDP-
Fraktion.
(Beifall bei der SPD)
Die Ministerin hat die Katze bereits aus dem Sack gelas- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
sen. Sie will den Arbeitgebern ein tolles Geschenk ma- der CDU/CSU)
chen und den Kündigungsschutz schleifen.
Pascal Kober (FDP):
(Karl Schiewerling [CDU/CSU]: Wer will den Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
schleifen?) Sehr geehrte Frau Hiller-Ohm, ich habe mit großen Oh-
Als wenn wir nicht schon genug prekäre Beschäftigung ren vernommen,
in Deutschland hätten. Nein, nun soll es noch mehr ge-
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Sie haben aber
ben, und zwar durch die Ausweitung befristeter Arbeits-
nur kleine!)
verhältnisse.
wie konsequent Sie in Ihrer Rede von Leiharbeit statt
(Karl Schiewerling [CDU/CSU]: Im Koali-
von Zeitarbeit gesprochen haben.
tionsvertrag steht etwas völlig anderes, Frau
Kollegin!) (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Im Gesetz steht „Leiharbeit“!)
Das haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
nun wirklich nicht verdient. Der Sinn ist klar: Sie möchten ein Arbeitsverhältnis dis-
(Beifall bei der SPD – Karl Schiewerling kreditieren, das für viele Menschen hilfreich war und ein
[CDU/CSU]: Ich weiß nicht, wo Sie das gele- Segen geworden ist.
sen haben!) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Zurück zur Leiharbeit. Schön, dass das Ministerium der CDU/CSU – Gabriele Hiller-Ohm [SPD]:
dem Parlament nun endlich auch den Bericht über die Lesen Sie unseren Antrag!)
Erfahrungen mit der Arbeitnehmerüberlassung für den – Ich habe Ihre Rede sehr aufmerksam verfolgt, in der
Zeitraum 2005 bis 2008 vorgelegt hat. Leider ver- Sie konsequent von der Leiharbeit gesprochen haben. –
schweigt der Bericht wichtige Fakten, die die tatsächli- Dieses Arbeitsverhältnis war für diejenigen Menschen
che Situation der Beschäftigten in der Leiharbeit be- hilfreich – die christlich-liberale Koalition will diese
schreiben, Fakten, die zum Beispiel im IAB- Menschen nicht aus dem Blick verlieren –, die bisher au-
(B) Forschungsbericht zum Thema Arbeitnehmerüberlas- ßerhalb des Arbeitsprozesses waren und für die die Zeit- (D)
sung zu finden sind, oder Erfahrungen, die die Bundes- arbeit eine Möglichkeit ist, in ein Arbeitsverhältnis zu
agentur für Arbeit gesammelt hat. Wichtige Daten des gelangen.
Statistischen Bundesamtes finden ebenfalls keine Be-
rücksichtigung. Der Deutsche Gewerkschaftsbund kriti- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
siert diese Art der Berichterstattung zu Recht. Solange der CDU/CSU)
die Probleme in der Leiharbeitsbranche von der Bundes- Wir wissen, dass 62,2 Prozent der Menschen, die in Zeit-
regierung dermaßen verharmlost werden, wird man auf arbeitsverhältnissen arbeiten, zuvor nicht beschäftigt
tiefgreifende Änderungen vergeblich warten. waren. Wir wissen, dass 11,4 Prozent davor überhaupt
Aber zum Glück gibt es unseren Antrag. Wir wollen noch nie beschäftigt waren. Das zeigt deutlich, dass Zeit-
gute Arbeit und faire Arbeitsbedingungen für die Leihar- arbeit den Menschen eine Chance bietet, wieder in die
beit. Dazu gehören gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Arbeitswelt integriert zu werden.
Mindestlohn, Begrenzung konzerninterner Verleihung, (René Röspel [SPD]: Das beweist gar nichts!)
Stärkung der Mitbestimmungsrechte und Synchronisa-
tionsverbot. Damit können wir es schaffen, Leiharbeit Auf diesen positiven Effekt für die betroffenen Men-
auf ihre ursprüngliche Funktion, nämlich Auftragsspit- schen wollen wir nicht verzichten.
zen zu bewältigen, zurückzuführen und für die Beschäf- (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
tigten in der Leiharbeit faire Arbeitsbedingungen sicher- der CDU/CSU – Gabriele Hiller-Ohm [SPD]:
zustellen. Wir auch nicht!)
Die Forderungen in unserem Antrag sind im Übrigen Wir werden nicht zulassen, dass dieses Arbeitsverhältnis
nicht neu. Bereits im Frühjahr 2008 haben die SPD-Bun- diskreditiert wird, sei es auch nur in der Wortwahl.
destagsabgeordneten aus meinem Bundesland Schles-
wig-Holstein gemeinsam mit der IG Metall Küste einen (Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Missbräuche sol-
umfassenden Forderungskatalog zur Leiharbeit verab- len abgeschafft werden!)
schiedet. Die Umsetzung ist allerdings bislang an der
Was wir auch noch in den Vordergrund rücken wol-
Lernunfähigkeit der Union gescheitert. Das ist wirklich
len, ist der sogenannte Klebeeffekt. Dies ist kein schönes
schade für die mittlerweile über 600 000 Leiharbeitneh-
Wort; aber der Sachverhalt, der dahintersteckt, ist klar.
merinnen und Leiharbeitnehmer in Deutschland. Aber
Nun hat Frau Kramme in diesem Zusammenhang eine
man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.
Studie zitiert, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass
(Beifall bei der SPD) 15 Prozent der Menschen ein dauerhaftes Arbeitsver-
3360 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Pascal Kober
(A) hältnis in den Betrieben erhalten. Es gibt eine andere (Anette Kramme [SPD]: Das wird allenfalls (C)
Studie – sie stammt vom Institut der deutschen Wirt- ein Purzelbaum!)
schaft –, die von 25 Prozent spricht.
– Es wird ein Salto mortale. Ihr ehemaliger Arbeits- und
(Anette Kramme [SPD]: Das ist überhaupt Wirtschaftsminister Clement hat das damals als „Hartzer
keine wissenschaftliche Evaluierung!) Rolle rückwärts“ bezeichnet.
Irgendwo dazwischen wird vielleicht die Wahrheit lie- (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE
gen; wir müssen uns da nicht festlegen. Aber auf genau GRÜNEN]: Sagen Sie doch mal was zum In-
diesen Effekt wollen wir im Sinne der betroffenen Men- halt!)
schen nicht verzichten.
Das ist ein Salto mortale rückwärts, um ganz links zu
Ich füge hinzu: Es gibt darüber hinaus den Effekt, landen; das hat man gemerkt. Aber das schaffen Sie
dass Menschen, die in Zeitarbeitsverhältnissen gearbei- nicht.
tet haben, zwar nicht in dem entleihenden Unternehmen
tätig geworden sind, aber in einem anderen. Es gibt Stu- (René Röspel [SPD]: Beim Salto mortale lan-
dien, die davon ausgehen, dass dies in 20 Prozent der det man genau da, wo man gestartet ist!)
Fälle so ist. Ich sage für die christlich-liberale Koalition: Das hat Ihnen die Kollegin Krellmann gerade vorge-
Auf diesen positiven Effekt wollen wir nicht verzichten. macht. Sie springen nach links,
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE
Anette Kramme [SPD]: Schauen Sie doch mal GRÜNEN]: Reden Sie zur Sache!)
in den Bericht aus Nordrhein-Westfalen!)
und in der Zwischenzeit springen die Linken noch ein
Frau Kramme, wir gestehen Ihnen zu, dass Sie dazu- Stück weiter.
lernen wollen. Sie sollten allerdings nicht den Eindruck
erwecken, dass dieses Dazulernen erst nach dem (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
28. September 2009 eingesetzt hat,
Sie kommen nicht hinterher. Lesen Sie das Lafontaine’sche
(Anette Kramme [SPD]: Das ist doch Blöd- Manifest. Dann wissen Sie, was los ist.
sinn! Schauen Sie sich die alten Beschlüsse
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
der Parteitage an! Das ist doch lächerlich! –
Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: Das gefällt
Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/
mir!)
DIE GRÜNEN]: Besser spät als nie!)
(B) letztlich koalitionstaktisch motiviert ist und nicht der Sa- – Es ist einfach so. Die heutige Debatte kann man nicht (D)
anders bewerten.
che entspricht.
Vielen Dank. Ich möchte Sie nicht nur schelten; denn in seiner
Grundidee ist das AÜG richtig.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
(Thomas Oppermann [SPD]: Jetzt kommen
Sie mal zur Sache, Herr Kollege!)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Als letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt hat Die jetzt vorgelegte Unterrichtung ist nichts anderes als
das Wort der Kollege Ulrich Lange von der CDU/CSU- eine Bilanz des Arbeitsministers Olaf Scholz.
Fraktion. (Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE
(Beifall bei der CDU/CSU) GRÜNEN]: Sind Sie jetzt wieder bei dem
Thema? Können Sie mal was zur Leiharbeit
sagen?)
Ulrich Lange (CDU/CSU):
Herr Präsident! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! – Es nützt Ihnen nichts. Sie müssen sich das anhören. –
Meine Damen und Herren von der SPD, Ihr heutiger An- Auf die positiven Effekte hat der Kollege Kober eben
trag ist die Demonstration des späten schlechten Gewis- hingewiesen. Auch ich habe sie mir noch einmal aufge-
sens. Wie Sie selber sagen: In der Regierung haben Sie schrieben: Die Leih- bzw. Zeitarbeit – ich verwende
Fehler gemacht. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Sie das beide Begriffe, damit Sie zufrieden sind – ist ein wichti-
heute so sehen. In der Opposition haben Sie, nachdem ger Faktor auf dem deutschen Arbeitsmarkt geworden.
Sie elf Jahre das Arbeitsministerium innehatten, diese Wir wollen diesen wichtigen Faktor erhalten. Zeitarbeit
Erkenntnis. Wir können Ihnen nur wünschen: Bleiben schafft Perspektiven. Sie ist die Brücke in den ersten Ar-
Sie in der Opposition! beitsmarkt, die wir so dringend brauchen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – (Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/
Steffen-Claudio Lemme [SPD]: Sie wollten DIE GRÜNEN]: Das ist völliger Unsinn! Das
nicht mitmachen!) stimmt überhaupt nicht! Leiharbeit ist eine
Sackgasse!)
Jetzt versuchen Sie krampfhaft die Rolle rückwärts
aus der – wie ich es das letzte Mal vor acht Wochen ge- Außerdem handelt es sich um voll sozialversicherungs-
nannt habe – Populismusfalle. pflichtige Beschäftigungsverhältnisse.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3361
Ulrich Lange
(A) Frau Kollegin Kramme, in einem Punkt kann ich Ih- trag der BZA-DGB-Tarifgemeinschaft an. Es sind 3 Cent (C)
nen nicht recht geben. Bei der Zeitarbeit gelten die glei- mehr als bei den christlichen Gewerkschaften. Ich würde
chen Arbeitnehmerschutzrechte wie in anderen Arbeits- vorschlagen, dass Sie die Kirche im Dorf lassen.
verhältnissen. Sie behaupten, das stimme weder beim
Wir sagen Nein zum Missbrauch. Das haben Angela
Urlaub noch beim Kündigungsschutz.
Merkel und Ursula von der Leyen deutlich gemacht. Ge-
(Anette Kramme [SPD]: Wenn Sie zugehört ben Sie den Menschen durch die Zeitarbeit die Chance,
hätten, wüssten Sie, dass ich das nicht behaup- auf den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren.
tet habe!)
Herzlichen Dank und frohe Ostern.
Das ist nicht richtig. Ich gehe davon aus, dass Sie das als
Rechtskundige wissen, auch wenn Sie einen anderen (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Eindruck vermitteln wollen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
(Anette Kramme [SPD]: Wenn Sie zugehört
Ich schließe die Aussprache.
hätten, würden Sie keine so dämliche Behaup-
tung aufstellen!) Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 17/1155 und 17/464 an die in der Ta-
– Ich habe zugehört. – Ich nenne Ihnen noch einen Punkt,
gesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen.
wo Sie die Linke nicht einholen werden – Sie gehen nur
Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der Fall. Dann
ein bisschen auf sie zu; die Linke geht viel weiter –: Wir
sind die Überweisungen so beschlossen.
wollen keine zusätzlichen Mitbestimmungsrechte in der
Zeitarbeit. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 26 auf:
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/ Beratung des Antrags der Abgeordneten
DIE GRÜNEN]: Haben sie nun die gleichen Dr. Barbara Höll, Dr. Axel Troost, Richard
Rechte oder nicht?) Pitterle, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
Es wäre das Ende der Zeitarbeit, wenn wir versuchen DIE LINKE
würden, das über Einigungsstellen zu regeln. Den Kampf gegen Steuerhinterziehung nicht
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) dem Zufall überlassen

Das funktioniert nicht. Das kann ich Ihnen aus der Praxis – Drucksache 17/1149 –
berichten. Überweisungsvorschlag:
Finanzausschuss (f)
(B) Frau Kollegin Hiller-Ohm, Sie haben auf die Kritik Auswärtiger Ausschuss (D)
des DGB Bezug genommen. Ich habe mir das extra aus Rechtsausschuss
Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union
meinen Unterlagen herausgesucht. Schon wieder kann
man sehen, wie nahe Sie an der Linken dran sind; denn Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
die DGB-Kritik bezieht sich auf eine Kleine Anfrage der Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. Gibt es Wi-
Linken aus der letzten Legislaturperiode, auf Drucksa- derspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist das so be-
che 16/9410. Nennen Sie doch gleich Ross und Reiter. schlossen.
Sagen Sie, wohin Sie wollen. Setzen Sie sich in einer
vereinigten Linken zusammen. Dann ist das in Ordnung; Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Red-
aber führen Sie keine solchen Debatten. nerin das Wort der Kollegin Dr. Barbara Höll von der
Fraktion Die Linke.
(Burkhard Lischka [SPD]: Kommen Sie zum
Thema! – Der Abg. Steffen-Claudio Lemme (Beifall bei der LINKEN)
[SPD] meldet sich zu einer Zwischenfrage.)
Dr. Barbara Höll (DIE LINKE):
– Nein. Wenn Sie reden wollen, dann lassen Sie sich auf
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
die Rednerliste setzen. Ansonsten rede heute ich.
Kollegen! Die Bekämpfung von Steuerflucht funktio-
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – niert in Deutschland letztendlich nur noch über den An-
Beate Müller-Gemmeke [BÜNDNIS 90/DIE kauf von illegal beschafften Steuersünder-CDs. Damit
GRÜNEN]: Sie sagen überhaupt nichts!) wird offenkundig der Teufel mit dem Beelzebub ausge-
trieben. Sich auf kriminelle Machenschaften zu stützen,
Die christlich-liberale Koalition steht zur seriösen
ist dem Anspruch eines Rechtsstaates nach Meinung der
und soliden Zeitarbeit. Wir sagen klar Nein zum Lohn-
Linken nicht nur unwürdig, sondern auch ungerecht und
dumping und zum Drehtüreffekt.
uneffektiv, da rein willkürlich und zufällig.
(Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn [BÜNDNIS 90/
Die Ergebnisse der internationalen Verhandlungen zur
DIE GRÜNEN]: Aber wo sind denn die Maß-
Bekämpfung von Steuerflucht sind bescheiden, sofern
nahmen? Einfach Nein zu sagen, reicht nicht
überhaupt welche erreicht werden; denn etliche Steuer-
aus!)
paradiese spielen ganz offenkundig auf Zeit. Aufgrund
In meiner letzten Rede habe ich das bereits ausgeführt. bloßer Absichtserklärungen, ohne auch nur einen Deut
Wir glauben an die Tarifvertragsparteien und möchten ih- verändert zu haben, werden sie von der OECD nicht
nen das überlassen. Schauen Sie sich den neuen Tarifver- mehr als Steueroasen betrachtet.
3362 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Barbara Höll


(A) Das Beispiel Frankreich zeigt allerdings, dass man Auf EU-Ebene bleibt die Neugestaltung der EU-Zins- (C)
sich von der Definitionsmacht der OECD nicht abhängig richtlinie vorrangig. Diese muss endlich alle Kapitalein-
machen muss. Frankreich hat eigene Kriterien entwi- künfte erfassen und auch für Kapitalgesellschaften gel-
ckelt. Auf deren Grundlage kann Frankreich seit Februar ten.
18 Länder eindeutig als Steueroasen bestimmen, und
Noch eine grundsätzliche Forderung: Schaffen Sie
Frankreich hat es getan. Demgegenüber kennt die Bun-
endlich die ungerechte und hinterziehungsanfällige Ab-
desregierung bis heute keine einzige Steueroase. Würden
geltungsteuer ab. Kapitaleinkommen gehören genauso
wir jedoch die französischen Kriterien anwenden, so wä-
wie Lohneinkommen dem persönlichen Steuersatz un-
ren auch bei uns mindestens 10 der 18 Steueroasen als
terworfen.
solche einzuordnen.
(Beifall bei der LINKEN)
Wir brauchen also einfach eine eindeutige Definition.
Deshalb schlagen wir Ihnen vor, dass alle Staaten, die Dies wäre ein wichtiger erster Schritt zur Eindämmung
nicht bis zum 30. Juni dieses Jahres die folgenden beiden des internationalen Steuerwettbewerbs, der Steuerhinter-
Bedingungen erfüllen, als Steueroasen gelten und als ziehung überhaupt erst attraktiv macht.
solche behandelt werden:
(Beifall bei der LINKEN) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Kommen Sie bitte zum Schluss, Frau Kollegin.
Erstens. Es muss ein Abkommen mit Deutschland
über den Informationsaustausch in Steuersachen nach Dr. Barbara Höll (DIE LINKE):
dem OECD-Standard nicht nur angekündigt, sondern Die Linke meint: Die Bekämpfung der Steuerhinter-
auch umgesetzt sein. ziehung darf nicht dem Zufall überlassen werden. Des-
Zweitens. Es muss eine Verpflichtung dieser Staaten halb haben wir unsere Vorschläge hier zur ersten Bera-
vorliegen, die zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung tung vorgelegt.
notwendigen Informationen auch zu erheben; Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN) (Beifall bei der LINKEN)
denn ohne die entsprechenden Informationen läuft jedes
Auskunftsersuchen offenkundig ins Leere. Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat der Kollege Manfred Kolbe von der
Als erste Maßnahme sind vorhandene Doppelbesteue- CDU/CSU-Fraktion.
(B) rungsabkommen mit den Steueroasen zu kündigen. Die (D)
eindeutige Identifikation dieser ermöglicht sodann wirk- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
same Maßnahmen auf nationaler Ebene. Hierzu schlagen
wir Ihnen vor: Dividenden, Zinsen und Lizenzabgaben, Manfred Kolbe (CDU/CSU):
die in Steueroasen fließen, müssen mit einer spürbaren Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Quellensteuer von 50 Prozent belegt werden. Kollegen! Ich begrüße insbesondere die beiden Mitglie-
(Beifall bei der LINKEN) der meiner Arbeitsgruppe, Patricia Lips und Mathias
Middelberg, die zu dieser Debatte erschienen sind.
Die Quellensteuerbefreiung für Personen mit Wohnsitz
in Steueroasen muss natürlich aufgehoben werden. Ähn- (Jan Korte [DIE LINKE]: Dann können wir ja
liches hat Frankreich bereits umgesetzt. Banken, die sofort die Abstimmung machen!)
Filialen oder gar ihren Sitz in Steueroasen haben, muss die Die unionsgeführte Bundesregierung, Frau Höll, hat
Geschäftsgenehmigung entzogen werden. Ich glaube, das nicht nur gefordert, sie hat bei der Bekämpfung der
ist ein sehr wirksames Mittel. Die zur Besteuerung rele- Steuerhinterziehung auch gehandelt.
vanten Informationen müssen über eine Meldepflicht für
Vermögenstransfers über 100 000 Euro ins Ausland be- (Thomas Oppermann [SPD]: Erstens fordert
schafft werden. Das sind drei ganz konkrete Maßnah- sie nicht, und zweitens handelt sie nicht!)
men, die wir relativ schnell umsetzen könnten. Unsere Bilanz seit 2005 ist eindrucksvoll. Da könnten
Die Bekämpfung von Steuerhinterziehung ist aber auch Sie von der SPD klatschen; Sie waren ja einige
nicht zuletzt auch eine Frage der Personalausstattung der Jahre dabei.
Steuerverwaltungen. Hier liegt in Deutschland aufgrund Wir haben den verfassungsrechtlich problematischen
der föderalen Gestaltung sehr viel im Argen. Man muss § 370 a der Abgabenordnung abgeschafft und verfas-
einfach feststellen, dass es sich für die Bundesländer gar sungsfest durch § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 5 der Abgaben-
nicht lohnt, Investitionen in die Steuerverwaltung zu tä- ordnung ersetzt, durch den eine bandenmäßige Hinter-
tigen, da ihnen daraus resultierende Mehreinnahmen ziehung von Umsatz- und Verbrauchsteuern qualifiziert
über den Länderfinanzausgleich gleich wieder abgenom- bestraft wird.
men werden. Auch fehlt ein verbindlicher Standard bei
der Ermittlung des Personalbedarfs. Hier besteht drin- Wir haben mit dem Gesetz zur Neuregelung der Tele-
gender Änderungsbedarf. kommunikationsüberwachung die bandenmäßige Hin-
terziehung von Umsatz- und Verbrauchsteuer in den Ka-
(Beifall bei der LINKEN) talog des § 100 a Strafprozessordnung aufgenommen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3363
Manfred Kolbe
(A) Damit ermöglichen wir erstmals eine Telekommunika- rige rechtliche Frage ist, die eine Abwägung erfordert, (C)
tionsüberwachung bei Steuerhinterziehungstaten. Das hat sich die Bundeskanzlerin klar positioniert. Am
hat es vorher nicht gegeben. 1. Februar dieses Jahres hat sie gesagt: Vom Ziel her
sollten wir, wenn diese Daten relevant sind, auch in ih-
Wir haben im Rahmen des Jahressteuergesetzes 2009 ren Besitz kommen. Jeder vernünftige Mensch weiß,
die Verjährungsfrist für besonders schwere Fälle der dass Steuerhinterziehung geahndet werden muss. – Das
Steuerhinterziehung auf zehn Jahre verlängert. war von Anfang an keine Moderation, sondern eine klare
Neben unseren gesetzgeberischen Aktivitäten arbeitet Positionierung, und das auf einem schwierigen Rechts-
auch die Steuerfahndung in Deutschland erfolgreich. gebiet.
Jahr für Jahr gibt es 40 000 Verfahren, 17 000 Strafver-
Es geht um einen Konflikt, der sämtliche Rechtsord-
fahren und Mehreinnahmen in Milliardenhöhe.
nungen seit Jahrhunderten durchzieht: Man möchte die
Sehr zu begrüßen ist auch, dass der Bundesgerichts- materielle Wahrheit erforschen, darf dabei aber nicht alle
hof jüngst die Strafzumessungsregeln bei Steuerhinter- denkbaren Mittel anwenden, muss also prozessual ein-
ziehung präzisiert hat. Der Strafrahmen von bis zu zehn wandfrei vorgehen. Hier sind in allen Rechtsordnungen
Jahren Freiheitsstrafe ist durchaus ausreichend, aber immer wieder schwierige Abgrenzungen vorzunehmen.
man hatte manchmal, wenn man die Urteile gelesen hat, Die Frage ist: Liegt ein Beweisverwertungsverbot vor,
den Eindruck, dass er nicht immer voll ausgeschöpft wenn Beweismittel, wie im Falle der Steuer-CD offen-
wurde. Deshalb hat der Bundesgerichtshof jetzt ent- kundig, rechtswidrig erlangt worden sind?
schieden, dass Freiheitsstrafen künftig schon bei einem
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Dazu liegt
Steuerschaden von mehr als 50 000 Euro möglich und ab
bisher aber noch kein Urteil vor!)
100 000 Euro, jedenfalls bei Wiederholungstätern, uner-
lässlich sind. Bei Hinterziehung in Millionenhöhe ist Diese Abwägung haben wir durchgeführt und sind zu
auch bei Ersttätern grundsätzlich eine Freiheitsstrafe ge- einem eindeutigen Ergebnis gekommen.
boten. Wer künftig Steuern in Millionenhöhe hinterzieht,
wird also tatsächlich im Gefängnis sitzen. Das ist richtig (Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Ja!)
so. Die Koalition verfolgt nicht nur die Steuerhinterziehung
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) energisch, sondern wahrt dabei auch die rechtsstaatli-
chen Grundsätze.
Schließlich haben wir den Koalitionsantrag „Steuer-
hinterziehung bekämpfen“ beschlossen, in dem insbe- (Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
sondere eine umfassende Überarbeitung und Erwei- der FDP – Martin Gerster [SPD]: Zarter Ap-
(B) terung der EU-Richtlinie zur Zinsbesteuerung und ein plaus! – Manfred Zöllmer [SPD]: Das ist ja be- (D)
verbesserter Informationsaustausch auf internationaler eindruckend!)
Ebene gefordert werden. Dies haben wir im Laufe des
Unsere Politik ist erfolgreich. Seit Beginn dieses Jah-
letzten Jahres erreicht. Wir haben jetzt mit allen großen
res sind bei deutschen Finanzämtern über 10 000 Selbst-
Industriestaaten einen Informationsaustausch, der den
anzeigen eingegangen. Wir erzielen möglicherweise
OECD-Standards entspricht. Derzeit laufen letzte Ver-
Steuermehreinnahmen in Milliardenhöhe. Dies zeigt,
handlungen. Beispielsweise wird heute Bundesfinanz-
dass wir erfolgreich sind und dass man sehr vorsichtig
minister Schäuble seinen Schweizer Amtskollegen tref-
sein muss, ehe man die vollständige Abschaffung des
fen; auch hier werden wir zu einem erfolgreichen
§ 371 Abgabenordnung fordert.
Abschluss gekommen.
In Brüssel liegt auch ein Abkommen der EU mit (Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: So ist es!)
Liechtenstein unterschriftsreif vor. Man höre und staune Dieser Schuss kann auch leicht nach hinten losgehen.
– im Ausschuss am Mittwoch waren wir alle etwas er-
staunt –: Das wird von Luxemburg und Österreich blo- (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
ckiert, weil sie weniger einschneidende Maßnahmen bei neten der FDP)
der EU-Richtlinie zur Zinsbesteuerung fordern. Das ist Abschließend will ich noch zu dem Antrag der Lin-
in der Tat unerhört. Die Sozialdemokraten haben letztes ken kommen. Frau Höll, einige Punkte Ihres Antrags
Jahr den Einsatz der Kavallerie gefordert. sind wirklich bemerkenswert,
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: So ist das!)
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Das finden
Jetzt könnten Sie zumindest zum Telefonhörer greifen wir auch!)
und mit dem österreichischen Bundeskanzler sprechen,
selbst dann, wenn man berücksichtigt, welches Niveau
damit er eine etwas konstruktivere Haltung einnimmt.
die Anträge, die die Linken sonst einbringen, haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zum Teil ist das, was Sie fordern – wenn dieser Aus-
Manfred Zöllmer [SPD]: Hat Angela Merkel druck nicht unparlamentarisch ist, Herr Präsident –,
das denn schon gemacht?) wirklich abwegig.
Wir haben auch gerade in den letzten Wochen bewie- (Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Na, na, na! –
sen, dass wir Steuerhinterziehung energisch bekämpfen, Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Herr Kollege,
Stichwort „Steuersünder-CD“. Obwohl das eine schwie- das ist aber noch sanft ausgedrückt! – Heiter-
3364 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Manfred Kolbe
(A) keit bei Abgeordneten der CDU/CSU und der (Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Herr Sarkozy (C)
FDP) ist kein Linker, aber der hat es gekonnt!)
Erstens. Sie fordern, dass Deutschland auf dem Ge- Was Ihre dritte Forderung betrifft, möchten Sie, dass
biet der internationalen Steuerhinterziehung einen natio- sie bis zum 30. Juni 2010 erfüllt wird. Dieses Datum
nalen Alleingang unternimmt. Die Bundesregierung soll muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Zu Ihrer
hierzu einen Gesetzentwurf vorlegen. Information: Heute ist der 26. März 2010.
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Was Frank- (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Ja, genau! Das
reich kann, können wir doch wohl auch, oder sind noch dreieinhalb Monate!)
nicht?)
Selbst wenn Ihr Antrag eine Mehrheit fände und der
Das Problem der internationalen Steuerhinterziehung Bundestag ihm zustimmen würde, wäre es April oder
können wir möglicherweise noch nicht einmal auf euro- Mai, ehe die Bundesregierung tätig würde.
päischer Ebene alleine lösen, sondern das ist nur global
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Wir können
möglich. Aber Sie fordern die Bundesregierung auf, ein
doch sofort eine Abstimmung machen! Noch
nationales Gesetz zu diesem sehr komplizierten Gebiet
heute!)
vorzulegen.
Sie fordern die Bundesregierung auf, bis zum 30. Juni
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Natürlich!)
2010 alle Doppelbesteuerungsabkommen, die Deutsch-
Das ist doch kompletter Unsinn. Das wird zu keinem Er- land geschlossen hat, zu kündigen,
gebnis führen.
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Nein! Nur die mit
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – nicht kooperativen Staaten! Lesen!)
Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Andere können
wenn sich der jeweils andere Staat nicht kooperativ ver-
das! Da soll die Bundesregierung aktiv wer-
hält. Das ist eine Forderung, die den deutschen Interes-
den! – Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: In
sen massiv schaden würde.
Frankreich war das kein Problem!)
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Mit diesen
Zweitens. Sie möchten, dass Deutschland eine Liste
Staaten?)
„nicht kooperativer Staaten“ aufstellt.
– Herr Kollege Troost, Deutschland als international
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Ja! – Dr. Barbara
agierender Staat hat ein großes Interesse an Doppelbe-
Höll [DIE LINKE]: Für sich! Ja!)
steuerungsabkommen.
(B) Wollen Sie allen Ernstes, dass die Bundesregierung eine (D)
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Mit Steuer-
Liste „nicht kooperativer Staaten“ aufstellt?
oasen?)
(Alexander Süßmair [DIE LINKE]: Ja! Jetzt
– Es geht ja um alle Doppelbesteuerungsabkommen.
glauben Sie es doch endlich!)
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Nein!)
Das ist doch nationale Kanonenbootpolitik. Das geht
nach hinten los. – Mit Steueroasen schließen wir gar keine Doppel-
besteuerungsabkommen; das sollten Sie wissen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Leo
Dautzenberg [CDU/CSU], an die LINKE ge- (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Das Problem ist
wandt: Denunziantentum kanntet ihr ja schon aber, dass ein Teil der Länder das macht!)
immer!)
Doppelbesteuerungsabkommen werden nur mit wirt-
Wegen der Äußerungen des ehemaligen Bundes- schaftlich tätigen Ländern geschlossen.
finanzministers Steinbrück hatten wir schon genug Pro-
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Die machen dann
bleme;
eine eigene Steueroasenverwaltung!)
(Katja Kipping [DIE LINKE]: Wollen Sie
Wir haben doch beide selber erlebt, wozu die Kündigung
Steueroasen abschaffen oder nicht?)
eines Doppelbesteuerungsabkommens führt: Das scha-
damals war von Indianern, von der Kavallerie und von det der deutschen Wirtschaft, das schadet den deutschen
Ouagadougou die Rede. Kulturschaffenden vor Ort. Eine Kündigung ist Unsinn.
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Sie waren (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Da geht es um
aber sehr wirksam!) andere Länder!)
Jetzt soll die Bundesrepublik Deutschland eine Liste – Dann fordern Sie doch so etwas nicht in einem Antrag!
nicht kooperationswilliger Staaten aufstellen, Bis zum 30. Juni 2010 alle Doppelbesteuerungsabkom-
men zu kündigen, das ist einfach ein Eigentor.
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Daran ist doch
nichts Besonderes! – Leo Dautzenberg [CDU/ (Zuruf von der LINKEN: Nein, nur mit Steuer-
CSU]: Das macht die OECD doch sowieso!) oasen!)
an der OECD und der EU vorbei. Das ist wirklich hane- Ich sage abschließend: Ersparen Sie uns die Beratung
büchener Unsinn. dieses Antrages im Ausschuss!
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3365
Manfred Kolbe
(A) (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Nein! – Finanzminister Stächele sagt: Wir wollen sie kaufen. Der (C)
Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Das könnte neue Ministerpräsident, Stefan Mappus, sagt: Wir kaufen
Ihnen so passen!) sie lieber nicht. – Andernfalls wäre nämlich seine Wahl
gefährdet gewesen. Das ist doch kein effizienter Kampf
Ziehen Sie den Antrag in Ihrem eigenen Interesse zu- gegen Steuerhinterziehung. Baden-Württemberg hätte
rück! diese CD kaufen müssen. Dann hätten Sie Ihren eigenen
Danke. Minister, Bundesfinanzminister Schäuble, nicht in die
missliche Situation gebracht, dass er letztendlich von
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Bundesland zu Bundesland laufen und jemanden suchen
Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Im Gegenteil, musste, der sich bereit erklärt, diese Steuer-CD zu kaufen.
wir werden eine Anhörung dazu beantragen!)
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Haben Sie zur
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Kenntnis genommen, dass NRW diese CD
Das Wort hat der Kollege Martin Gerster von der längst erworben hat, Herr Kollege?)
SPD-Fraktion. – In NRW hat man diese CD jetzt gekauft. Die Frage
(Beifall bei der SPD) bleibt: Ist das eigentlich ein nachhaltiger und guter An-
satz, um Steuerhinterziehung zu bekämpfen? Sie sind
doch ganz unterschiedlich unterwegs: Hier sagen Sie Ja,
Martin Gerster (SPD): dort sagen Sie Nein.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als
ich zu Beginn dieser Woche erfahren habe, dass das (Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Zufall!)
Thema Steuerhinterziehung einmal mehr auf der Tages-
So sieht ein effektiver Kampf gegen Steuerhinterziehung
ordnung des Deutschen Bundestages steht, war ich zu-
jedenfalls nicht aus.
nächst erfreut. Schon als ich den Titel Ihres Antrags ge-
lesen hatte, dachte ich allerdings: Das ist offensichtlich (Beifall bei der SPD)
ein mit heißer Nadel gestrickter, unausgegorener Antrag.
Der Titel „Den Kampf gegen Steuerhinterziehung nicht Ich will deutlich machen, dass es hier nicht um ir-
dem Zufall überlassen“ passt nicht. Der Faktor Zufall ist gendein Thema geht. Die Steuerhinterziehung hat eine
nicht das, was wir angehen müssen. In Bezug auf die gigantische Dimension angenommen, ein unglaubliches
Steuerhinterziehung haben wir doch ein ganz anderes Ausmaß: 11 000 Selbstanzeigen – davon, vielleicht auch
Problem: dass es mancher politischen Partei in Deutsch- kein Zufall, 3 000 in Baden-Württemberg – sprechen für
land an dem Willen fehlt, Steuerhinterziehung wirksam sich.
(B) und nachhaltig zu bekämpfen. (D)
Es wäre notwendig, dass Schwarz-Gelb überall dort,
(Beifall bei der SPD – Dr. Barbara Höll [DIE wo man in den Ländern Verantwortung trägt, sagt: An-
LINKE]: Was sagen Sie zum Kauf von Steuer- gesichts der Verfahren, die jetzt eingeleitet werden, muss
sünder-CDs?) die Steuerfahndung personell besser ausgestattet werden.
Kollege Manfred Kolbe, ich schätze Sie persönlich (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: So ist es!)
sehr. Sie haben hier von einer eindrucksvollen Bilanz ge-
Was passiert in den Ländern, in denen Sie regieren? Gar
sprochen. Was wir in der Großen Koalition auf den Weg
nichts.
gebracht haben, kann sich, denke ich, sehen lassen. Aber
wer war eigentlich der Motor, wer war die Triebfeder für (Dr. Mathias Middelberg [CDU/CSU]: Doch!)
all das, was wir gemacht haben? Das war doch nicht die
Unionsfraktion, das war doch nicht die Kanzlerin. Es Das zeigt: Es ist kein Zufall, es hat System. Es fehlt an
war Finanzminister Peer Steinbrück von der SPD, der dem politischen Willen, tatsächlich intensiv gegen Steu-
das Ganze angeregt und angetrieben hat. erhinterziehung vorzugehen.
(Beifall bei der SPD – Dr. Daniel Volk [FDP]: (Dr. Mathias Middelberg [CDU/CSU]: Da, wo
Genau! Mit seiner Kavallerie! – Leo wir verantwortlich sind, sind die CDs erwor-
Dautzenberg [CDU/CSU]: Wie weit sind Sie ben worden!)
beim § 370 Abgabenordnung?)
Das zeigt, dass wir sinnvolle, nachhaltige Maßnahmen
Das gehört doch auch zur Wahrheit: Wir mussten Sie brauchen, um der systematischen Hinterziehung von
zum Jagen tragen, damit wir am Schluss nach quälenden Geldern entgegenzuwirken. Das sind im Übrigen Gelder,
Diskussionen und Monaten des Verschiebens überhaupt die wir für öffentliche Leistungen dringend brauchen.
etwas auf den Weg bringen konnten. Ich erinnere nur an die Haushaltsberatungen der letzten
Woche oder auch an jeden einzelnen Tagesordnungs-
Wenn ich hier höre, dass Schwarz-Gelb die Steuerhin- punkt hier im Plenum, den wir diskutieren. Überall stellt
terziehung tatsächlich zum großen Thema mache, will ich sich die Frage: Woher soll das Geld kommen? Sie wären
sagen: Ich habe den Eindruck, dass Schwarz-Gelb keine gut beraten, die Maßnahmen in Sachen Steuerhinterzie-
klare Linie hat. Was Sie hier veranstalten, ist ein Torso. hung zu intensivieren.
Schauen Sie einmal, was die Landesregierung von Ba-
den-Württemberg macht! FDP-Justizminister Goll sagt: Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Linksfrak-
Wir wollen diese Steuer-CD nicht ankaufen. CDU- tion, ich komme ganz konkret auf Ihren Antrag zu spre-
3366 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Martin Gerster
(A) chen. Ich habe den Eindruck, dass es sich um einen gefordert. Steuerhinterziehung muss aus dem verniedli- (C)
Schaufensterantrag handelt. chenden Image des Kavaliersdelikts herauskommen. Wir
brauchen diese Gelder, die notwendig sind, wichtige In-
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Nein!) vestitionen für unser Land zu tätigen. Deswegen glauben
Es ist sicher richtig: Wir müssen schauen, dass wir die wir, dass weitere Maßnahmen erforderlich sind, zum
OECD-Standards bei den Doppelbesteuerungsabkom- Beispiel ein einheitlicher Umgang mit den angebotenen
men einhalten. Es ist sicher auch wichtig, dass wir den Daten von Steuerhinterziehern. Wir müssen die Länder
Austausch der Informationen zur Ermittlung der Delikte in die Lage versetzen, die Steuerfahndungen entspre-
so umfassend wie möglich gestalten. Aber ich komme chend auszubauen. Wir brauchen in der Steuerfahndung
auf das zurück, was der Kollege Kolbe gesagt hat: Was eine internationale Zusammenarbeit, besonders beim
bringt uns bitte schön die Androhung, die bestehenden Umsatzsteuerbetrug.
Doppelbesteuerungsabkommen zum 30. Juni dieses Jah- Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolle-
res zu kündigen? Die internationale Signalwirkung wäre ginnen und Kollegen, ich denke, sagen zu können: Die
aus meiner Sicht verheerend. Wer wäre davon betroffen? SPD-Fraktion steht für die konsequente Verfolgung und
Die Leidtragenden wären die unbescholtenen, ehrlichen Ahndung von Steuerkriminalität in der Vergangenheit,
Bürgerinnen und Bürger, die dann nach Auflösung der aber auch in der Zukunft. Deswegen werden wir weitere
Doppelbesteuerungsabkommen damit rechnen müssten, Initiativen auf den Weg bringen.
dass sie, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen,
an dieser Stelle doppelt besteuert würden. Ich denke, Herzlichen Dank und frohe Ostern.
dass nationale Drohgebärden ohne Verbündete auf inter- (Beifall bei der SPD)
nationaler Ebene keine Lösung sein können.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU) Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Richtig hingegen, so glauben wir, ist der Weg, den Das Wort hat der Kollege Daniel Volk von der FDP-
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück damals mit sei- Fraktion.
nem französischen Kollegen eingeschlagen hat. Dieser (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Weg war richtig und erfolgreich. Die Reaktionen der be- der CDU/CSU)
troffenen Länder machen deutlich, dass sie die OECD-
Standards umsetzen und dass die angedrohten Maßnah- Dr. Daniel Volk (FDP):
men gegenüber diesen unkooperativen Staaten Wirkung
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Her-
zeigen. Wir glauben, dass wir in der Großen Koalition
ren! Um eines vorab klarzustellen: Steuerhinterziehung
(B) sehr viel Wichtiges auf den Weg gebracht haben. ist in Deutschland kein Kavaliersdelikt, sondern eine (D)
Kollege Kolbe hat das Steuerhinterziehungsbekämp- Straftat. Trotzdem muss sich der Staat auch selbst an gel-
fungsgesetz angesprochen, ein riesiger Schritt. Damit tendes Recht halten. Der Diebstahl von Daten Tausender
haben wir viel erreicht. Wir hätten noch ein bisschen Bankkunden ist ebenso eine Straftat. Daher muss genau
mehr erreichen können, Herr Kolbe, wenn unser Koali- geprüft werden, ob der Kauf von Informationen zulässig
tionspartner nicht immer so widerspenstig gewesen ist. Die FDP unterstützt den Bundesminister der Finan-
wäre. Aber die Anhebung der Verjährungsfrist in Fällen zen in seinem Vorgehen gegen Steuerhinterziehung, aber
besonders schwerer Steuerhinterziehung, der Ausbau der dies muss im Einklang mit den Prinzipien unseres
Möglichkeiten, die Steuerhinterziehung zu verfolgen, Rechtsstaates stehen.
aber auch die Einschränkung der Steuergestaltungsmög-
(Beifall bei der FDP)
lichkeiten bei der Unternehmensteuerreform 2008 waren
richtige Schritte. Schade ist, dass offenbar Ihr ohnehin Was die Linksfraktion mit dem Titel ihres Antrags
nicht besonders ausgeprägter Ehrgeiz mit dem neuen suggerieren möchte, nämlich dass Steuerfahndung sozu-
Koalitionspartner an dieser Stelle ganz erloschen ist. sagen ein Zufall sei,
(Beifall bei der SPD) (Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Und was sagt
uns das?)
Bislang haben wir von Ihnen jedenfalls zu diesem
Thema keine Initiative gesehen. ist an sich eine Beleidigung sämtlicher Finanzbeamter,
die ihren Dienst sehr ordentlich versehen.
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Warten Sie
mal ab!) (Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Und was ist
mit den CDs? Wussten die Bescheid, was da
Von der FDP-Fraktion vermissen wir seit Jahren parla- drauf ist?)
mentarische Initiativen zum Thema Bekämpfung von
Steuerhinterziehung. Sie beleidigen damit 152 400 Finanzbeamte in 1 536 Fi-
nanzämtern. Das muss auch klar gesagt sein.
(Zuruf von der SPD: Das hat Gründe!)
(Beifall bei der FDP)
– Das hat sicher auch Gründe.
Kurzum: Wir haben ein klares Ziel. Steuerhinterzie- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
hung muss endlich intensiv bekämpft werden, und zwar Herr Kollege Volk, erlauben Sie eine Zwischenfrage
noch stärker als bisher. Sie von Schwarz-Gelb sind da der Kollegin Höll?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3367

(A) Dr. Daniel Volk (FDP): Nullbesteuerung. Es sind also sinnvolle Instrumente für (C)
Nein. – Allerdings stellen sich in unserem Land nicht mehr Steuergerechtigkeit. Es entspricht nicht meinem
wenige Menschen die Frage, ob unser Steuersystem Rechtsverständnis, dass Menschen doppelt Steuern ab-
noch gerecht ist. Wenn mittlerweile nicht mehr nur die führen müssen. Das widerspricht dem Grundsatz der
Leistungsträger, sondern auch die gesamte Mittelschicht Einmalbesteuerung.
finanziell ausgequetscht wird, dann kann man das ver-
stehen. Wir werden für ein einfaches, niedriges und ge- (Thomas Oppermann [SPD]: Bei den Hotels
rechtes Steuersystem sorgen haben Sie die Steuern erst mal halbiert!)

(Lachen bei der LINKEN) Zur Vermeidung von Nullbesteuerungen sind in viele
Doppelbesteuerungsabkommen sogenannte Subject-to-
und damit auch die notwendigen Ressourcen in den Fi- Tax-Klauseln integriert worden. Diese Rückfallklauseln
nanzämtern für die Steuerfahndung und Steuerüberprü- richten sich gegen eine Doppelbefreiung bei der Veranla-
fung freisetzen. gung. Gerade Deutschland hat diese Ergänzung im Rah-
(Beifall bei der FDP – Thomas Oppermann men der Gestaltung von Doppelbesteuerungsabkommen
[SPD]: Ja, ja, darauf haben wir aber lange war- sehr häufig vereinbart. Und das wollen Sie jetzt abschaf-
ten müssen!) fen?

Das macht auch einen allzu neugierigen Staat in vie- (Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Wer hat
len Bereichen überflüssig. Wenn man den Antrag der Ihnen denn diesen Unsinn aufgeschrieben?)
Linksfraktion liest, dann hat man ein bisschen das Ge- Auch bleibt zu überlegen, wen Sie mit Ihrer Forde-
fühl – ich habe es jedenfalls –, dass sie ganz gerne wie- rung eigentlich bestrafen wollen. Die großen Steuerbe-
der einen Schnüffelstaat hätte. Damit kennen Sie sich in trüger? Wohl nicht. Denn die bringen ihr Geld von vorn-
Ihrer Geschichte ja sehr gut aus. herein in ein anderes Land.
(Beifall bei der FDP – Dr. Barbara Höll [DIE (Thomas Oppermann [SPD]: Auf die Kanal-
LINKE]: Dann lesen Sie mal die Antworten inseln!)
aus dem Finanzministerium!)
Sie werden eher die steuerehrlichen Kleinanleger bestra-
Wir werden dafür sorgen, dass sich Arbeit wieder
fen, die im Rahmen der deutschen und europäischen Ge-
lohnt, dass den Bürgern mehr Netto vom Brutto bleibt.
setze ihr Erspartes in Europa oder anderswo anlegen.
(Thomas Oppermann [SPD]: Mehr Netto in
die eigene Tasche? – Weitere Zurufe von der (Dr. Kirsten Tackmann [DIE LINKE]: Das ist
(B) SPD und von der LINKEN) alles nachlesbar!) (D)
Das Steuersystem und das Besteuerungsverfahren wer- Sie nehmen also für die Steuersünder eine ganze Be-
den wir deutlich vereinfachen und für die Anwender völkerung in Sippenhaft. Auch damit kennen Sie sich of-
freundlicher gestalten: Zeitnahe Betriebsprüfungen, ge- fenbar sehr gut aus.
rechtere Steuern, die Abschaffung des Mittelstandsbau- (Beifall bei der FDP – Zurufe von der
ches, Steuerverfahrensvereinfachungen werden Schritte LINKEN: Oh!)
– um nur einige zu nennen – in die richtige Richtung
sein. Sie wollen die Niederlassung ausländischer Banken
in Deutschland verbieten, Kreditinstituten mit Filialen
(Thomas Oppermann [SPD]: Wann kommen im Ausland die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb versa-
denn Ihre Schritte?) gen. Sie wollen die Übertragung von Geldvermögen ins
Sie von der Linksfraktion wollen Übertragungen von Ausland meldepflichtig machen.
Geldvermögen ins Ausland ab einem jährlichen Betrag
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Sie machen
von 100 000 Euro meldepflichtig machen. Ihnen ist hof-
mit solchen Ländern Geschäfte!)
fentlich klar, dass das ein Verstoß gegen die Kapitalver-
kehrsfreiheit innerhalb der Europäischen Union ist. Und letztens habe ich von Ihrer wirtschaftspolitischen
(Thomas Oppermann [SPD]: Sie sind ein Vor- Sprecherin Wagenknecht gehört, es soll auch eine Weg-
kämpfer der Kapitalverkehrsfreiheit! – Zurufe zugsteuer eingeführt werden.
von der LINKEN: Oh! – Dr. Axel Troost [DIE (Thomas Oppermann [SPD]: Die Wagenknecht
LINKE]: Das ist ein Witz!) will alles besteuern!)
Insofern sieht man auch hier, dass die Linkspartei offen- In Wahrheit wollen Sie wieder Mauern bauen,
bar bereit ist, gegen die Bestimmungen und Vereinba-
rungen der Europäischen Union zu verstoßen. (Alexander Süßmair [DIE LINKE]: Jetzt ist
aber Schluss! Schämen Sie sich! Unglaublich!
Die mehr als 100 Doppelbesteuerungsabkommen, die Eine Schande! Heute reicht es wirklich!)
Deutschland mit anderen Ländern geschlossen hat, sind
ein sinnvolles Instrument für mehr Steuergerechtigkeit – aber nicht wie früher aus Beton und Stacheldraht, mit
nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das Ziel der Tretminen und Selbstschussanlagen. Nein, Sie wollen
Doppelbesteuerungsabkommen ist die Vermeidung der jetzt viel subtiler Mauern bauen: durch Abschottung
Doppelbesteuerung, aber nicht das Herbeiführen einer Deutschlands vom Ausland, durch Wegzugsbeschrän-
3368 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Daniel Volk


(A) kungen und Abschaffung von Kapitalverkehrsfreiheit, Eine Erklärung, irgendwo gebe es eine Zusammenarbeit, (C)
durch Eingriffe in die Freiheit jedes einzelnen Bürgers. reicht nicht aus. Diese Initiative durch die Bundesregie-
rung steht aus. Da müssen Sie nachlegen.
Die christlich-liberale Koalition hingegen steht für
die Freiheit des Einzelnen, für ein faires Verhältnis zwi- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
schen Bürger und Staat. Wir werden Ihren Antrag daher sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
ablehnen.
Es ist vielleicht nicht alles dem Zufall überlassen,
Vielen Dank. aber die Bemühungen, die es derzeit gibt, haben schon
etwas damit zu tun, dass Daten angeboten worden sind,
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten und zwar die berühmten CDs. Das haben Sie sicherlich
der CDU/CSU – Dr. Kirsten Tackmann [DIE nicht geplant; das ist wohl Zufall.
LINKE]: Da werden aber alle parlamentari-
schen Regeln gebrochen! Das geht alles zu Auch an einem weiteren Punkt wird deutlich, dass Sie
Protokoll!) nicht aktiv versuchen, innerhalb der Möglichkeiten des
deutschen Rechts das Bestmögliche zu tun. In Frank-
reich sind seit Dezember Daten von einer Schweizer
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Bank verfügbar. Die Bundesregierung hat diese Woche
Das Wort hat der Kollege Gerhard Schick vom meine Frage, ob inzwischen Daten aus diesem Bestand
Bündnis 90/Die Grünen. in Deutschland verfügbar sind, mit Nein beantwortet.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Warum eigentlich?)
NEN):
Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Ich finde Warum warten Sie ab, bis Frankreich irgendwann auf
es nicht in Ordnung, dass, wenn man Defizite bei der die deutsche Steuerverwaltung zukommt? Aktive und
Bekämpfung von Steuerflucht anspricht, dies damit kontinuierliche Bekämpfung von Steuerflucht würde be-
gleichgesetzt wird, dass man sich gegen die engagierten deuten, dass Sie so wie andere Staaten, die bei uns ange-
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Finanzverwal- fragt haben, sobald wir Daten hatten, selber aktiv auf die
tung richtet. französischen Behörden zugehen und nach diesen Daten
fragen. Das haben Sie nicht gemacht. Sie überlassen es
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, eben doch dem Zufall.
bei der SPD und bei der LINKEN sowie des
Abg. Dr. Daniel Volk [FDP]) (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(B) und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten (D)
Ganz im Gegenteil: Gerade die fordern von uns, dass wir der SPD – Zuruf vom BÜNDNIS 90/DIE
endlich die Grundlagen schaffen, damit sie sinnvoll ar- GRÜNEN: Sie wollen das nicht bekämpfen!)
beiten können und nicht mehr so viele Verfahren durch
Verjährung oder in irgendwelchen Deals enden, weil wir Das Absurdeste ist der Umgang mit dem Steuerhinter-
nicht die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. ziehungsbekämpfungsgesetz. Ich will zugestehen, dass
Deswegen fand ich den Vorwurf daneben. innerhalb der insgesamt desaströsen Bilanz von Bundes-
finanzminister Steinbrück die Bekämpfung der Steuer-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – flucht einer der wenigen Lichtblicke ist. Was aber ist da-
Dr. Daniel Volk [FDP]: Ich habe es doch extra raus geworden? Passiert de facto irgendetwas mit diesem
gesagt!) Gesetz? Wo ist seine Wirkung? – Nichts. Denn die Liste,
Ich glaube, man kann in aller Sachlichkeit wahrneh- auf die Sie die Maßnahmen anwenden könnten, ist leer.
men – das haben wir auch aus dem Bericht im Ausschuss Es ist schon merkwürdig, wenn das Bundesfinanz-
erfahren –, dass das Ministerium an verschiedenen Stellen ministerium feststellt: Wir haben keine Steueroasen, auf
die Politik weiterführt, die Doppelbesteuerungsabkom- die wir dieses Gesetz anwenden könnten. Das Gegenteil
men am OECD-Standard auszurichten. Dazu laufen ver- ist doch der Fall: Die Steuerhinterziehung funktioniert
schiedene Verhandlungen. Das ist auch gut. Mit der immer noch mit vielen Staaten hervorragend.
Schweiz scheint eine Einigung erzielt worden zu sein.
(Dr. Barbara Höll [DIE LINKE]: Natürlich!)
Das Problem dabei ist allerdings, dass der OECD-
Standard völlig unzureichend ist. Deswegen brauchen Sie wollen dieses Gesetz im Unterschied zu Frankreich
wir dringend eine Initiative dieser Bundesregierung auf nicht anwenden. Das zeigt, Sie leisten nicht wirklich
internationaler Ebene, um den OECD-Standard weiter- eine aktive Bekämpfung der Steuerflucht. Sie warten,
zuentwickeln. Denn um sich freizukaufen, reicht es aus, wie es in der Überschrift des Antrags steht, tatsächlich
dass man mit zwölf weiteren Steueroasen ein schönes auf den Zufall. Das muss sich ändern.
Doppelbesteuerungsabkommen schließt. Daher brau- (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
chen wir endlich einen Standard, der die effektive Zu- bei der SPD und der LINKEN – Thomas
sammenarbeit zwischen den Ländern zum Maßstab Oppermann [SPD]: Das sind Fluchthelfer!)
macht.
(Dr. Axel Troost [DIE LINKE]: Endlich einer, Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
der den Antrag gelesen hat!) Ich schließe die Aussprache.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3369
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms
(A) Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Parlaments, und das ist ein Affront gegenüber den Bür- (C)
Drucksache 17/1149 an die in der Tagesordnung aufge- gerinnen und Bürgern im Wendland.
führten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist die Überweisung (Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie
so beschlossen. bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 27 a und 27 b auf:
So verständlich Ihre Befürchtungen als Bundesregierung
a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Ute sind, muss man sagen: Sie machen Atompolitik gegen
Vogt, Ulrich Kelber, Marco Bülow, weiterer Ab- den Willen und die Akzeptanz der großen Mehrheit der
geordneter und der Fraktion der SPD Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.
Keine Vorbereitungen für die Wiederauf- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
nahme der Erkundung des Salzstocks in Gor- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
leben bis zum Abschluss der Arbeit des 1. Par-
lamentarischen Untersuchungsausschusses Sie beschließen längere Laufzeiten, wodurch Jahr für
Jahr 400 Tonnen mehr Atommüll produziert werden. In
– Drucksache 17/1161 – 60 Jahren Laufzeit sind dann 24 000 Tonnen Atommüll
angefallen, von dem keiner von Ihnen, aber auch welt-
b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Be-
weit niemand sagen kann, wo er jemals sicher endgela-
richts des Ausschusses für Wahlprüfung, Immu-
gert werden kann. Sie haben keine Antwort. Sie sind in
nität und Geschäftsordnung (1. Ausschuss) zu
dieser Frage aufgrund Ihrer Politik für die Atomlobby
dem Antrag der Abgeordneten Ulrich Kelber,
von Not getrieben.
Dr. Matthias Miersch, Dorothée Menzner, Sylvia
Kotting-Uhl und weiterer Abgeordneter (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Einsetzung eines Untersuchungsausschusses
Der Kollege Max Straubinger von der CSU bringt es
– Drucksachen 17/888 (neu), 17/1250 –
auf den Punkt. Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Präsident, zi-
Berichterstattung: tiere ich: „Keine Diskussion über alternative Standorte,
Abgeordnete Bernhard Kaster sonst zünden wir die ganze Republik an.“
Michael Hartmann (Wackernheim)
Jörg van Essen (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Dorothée Menzner Das hört sich nach Gorleben an!)
(B) Volker Beck (Köln) Das ist das, was Sie bei dieser Entscheidung tatsächlich (D)
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die bewegt. Sie wollen den Widerstand in Deutschland ge-
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen. Gibt es Wi- gen die Standortentscheidung und gegen Ihre Atompoli-
derspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist das so be- tik so gering wie möglich halten. Das ist heute nicht an-
schlossen. ders als früher.

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erster Red- (Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
nerin das Wort der Kollegin Ute Vogt von der SPD-Frak- BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
tion. Die Aktenlage von 1983 lässt uns vermuten, dass schon
(Beifall bei der SPD) damals solche politischen Ängste die Debatte bestimmt
haben.
Ute Vogt (SPD): (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das hat aber mit
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir der Eignung von Gorleben nichts zu tun!)
werden nun einen parlamentarischen Untersuchungsaus- Wir sollten ernsthafte Diskussionen führen. Wenn al-
schuss einsetzen, um zu klären, ob die Entscheidung les so ernsthaft, seriös und offen wäre, wie es uns der
über die Untersuchung des Standorts Gorleben nach wis- Bundesminister
senschaftlichen Kriterien erfolgt ist oder ob nicht viel-
mehr politische Kriterien für die Auswahl des Standorts (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
eine entscheidende Rolle gespielt haben. Schlimmer NEN]: Wo ist der eigentlich?)
noch: Untersuchungsgegenstand ist auch, ob nicht sogar
glauben machen will: Warum scheut er dann die Prüfung
begründete wissenschaftliche Zweifel aus politischen
zum Beispiel nach dem Atomrecht und muss auf das alte
Gründen beiseitegeschoben worden sind.
Bergrecht ausweichen, das in keinem Punkt mehr den
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ Anforderungen der Sicherheit gerecht wird? Warum
DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der scheut er, sich dieser Debatte zu stellen?
LINKEN)
Es ist schon bemerkenswert: Im südbadischen Lan-
Jetzt, bevor das Parlament Klarheit über Zweifel und desteil von Baden-Württemberg klagen Ihre Kollegen
Fakten schaffen kann, will die Bundesregierung weitere aus der CDU-Fraktion Hand in Hand mit den dortigen
Fakten schaffen und Gorleben als Endlagerstandort ver- Kommunalpolitikern gegenüber der Schweiz ein – und
festigen. Das ist respektlos gegenüber der Arbeit des zwar zu Recht –, dass die Bevölkerung bei der Suche
3370 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Ute Vogt
(A) nach Endlagern von Anfang an ein Mitspracherecht ha- tige Ausdruck! – Abg. Reinhard Grindel (C)
ben und an der Suche beteiligt werden muss. [CDU/CSU], an den Abg. Jürgen Trittin
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] gewandt: Ich
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem
würde mich nicht so aufregen! Das ist nicht
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
gut für das Herz!)
Auf der Bundesebene aber, wo Sie direkte Möglichkei-
Die Frage bezüglich der Einsetzung eines Untersu-
ten hätten, wo Sie die Entscheidung in der Hand haben
chungsausschusses ist relativ einfach zu beantworten. Es
und in der Verantwortung stehen, will der Bundesum-
handelt sich dabei um ein Minderheitenrecht und das
weltminister den Bürgerinnen und Bürgern die Beteili-
schärfste Schwert der Opposition, in Art. 44 Grundge-
gung versagen.
setz festgeschrieben. Im Geschäftsordnungsausschuss
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Koalitionsfrak- hat nach einem vorherigen Berichterstattergespräch die
tionen, Sie haben heute die Chance, auch für etwas Präzisierung des Umfangs des Untersuchungsgegenstan-
Glaubwürdigkeit in diesem Punkt zu sorgen. Stimmen des stattgefunden. Es ist kontrovers diskutiert worden.
Sie unseren beiden Anträgen zu, und zeigen Sie damit Schließlich sind die Mehrheitsfraktionen aber auf einen
Respekt. Zeigen Sie Respekt vor der Aufklärungsarbeit Kompromiss eingegangen, der sich angedeutet hat. Der
dieses Parlaments, vor unserer parlamentarischen Arbeit, Bundestag wird heute einen Untersuchungsausschuss
aber vor allem auch vor den Bürgerinnen und Bürgern, einsetzen, der sich in der kommenden Sitzungswoche
die man in diesen Zeiten, wenn es um so wichtige Ent- konstituieren wird.
scheidungen geht, nicht mehr außen vor lassen darf, son-
dern von Anfang an einbeziehen und beteiligen muss. Zum Antrag der SPD-Fraktion zur Fortsetzung des
Moratoriums hat Bundesminister Röttgen in der letzten
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem Ausschusssitzung übrigens alles gesagt, was erforderlich
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) ist;
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: NEN]: Wo ist er denn?)
Das Wort hat die Kollegin Dr. Maria Flachsbarth von
der CDU/CSU-Fraktion. denn die eigentlich entscheidende Frage ist ja: Will man
tatsächlich ein Endlager finden, oder will man das eben
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- nicht?
neten der FDP)
(Sebastian Edathy [SPD]: Darin sind wir uns
Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU): ja wohl einig!)
(B) (D)
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir Will man diese Entscheidung weiter herausschieben,
debattieren heute in der Tat über zwei Anträge und eine will man Gründe finden, zu verzögern?
Beschlussempfehlung.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
Zum einen debattieren wir über den Antrag aller NEN]: Wo ist der Minister denn, Frau
Oppositionsfraktionen zur Einsetzung eines Untersu- Flachsbarth?)
chungsausschusses zu einer Entscheidung der Bundes-
regierung Kohl/Genscher aus dem Jahr 1983 zur aus- Angesichts der Komplexität der Materie ist das sicher-
schließlichen untertägigen Erkundung des Salzstocks lich auch einfach.
Gorleben als möglichem Endlager. Die Union will Verantwortung übernehmen.
Die erste Debatte diesbezüglich hat in diesem Haus (Sebastian Edathy [SPD]: Tut sie aber nicht! –
bereits am 4. März 2010, also eine Sitzungswoche vor Weiterer Zuruf der SPD: Wollen und Können
der Haushaltswoche, stattgefunden. Darüber hinaus gibt sind zwei unterschiedliche Sachen!)
es jetzt eine Beschlussempfehlung und den Bericht des
Geschäftsordnungsausschusses, der diesen Antrag recht- Wir wollen für den von unserer Generation verursachten
lich geprüft hat. Insbesondere wurde geprüft, ob gewähr- Abfall auch zu unseren Zeiten eine Lösung finden, ein
leistet ist, dass der Auftrag des Untersuchungsausschus- nationales Endlager, und das Problem eben nicht den
ses lediglich das Regierungshandeln auf Bundes- und kommenden Generationen überlassen, wie das in den
nicht auch auf Landesebene umfasst, wie das die gesetz- letzten zehn Jahren gehandhabt worden ist.
liche Vorgabe ist. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
(Sebastian Edathy [SPD]: Das kann man nicht
Zeitgleich mit der sogenannten Ausstiegsentschei-
so genau trennen, Frau Kollegin!)
dung hatte die rot-grüne Bundesregierung damals ein
Darüber hinaus debattieren wir über den Antrag der Moratorium von drei bis zehn Jahren, wie es hieß, verab-
SPD-Fraktion, die Wiederaufnahme der Erkundung des redet, um sogenannte Zweifelsfragen abzuarbeiten.
Salzstocks Gorleben bis zum Abschluss der Arbeit des Diese Zweifelsfragen waren dann auch nach fünf Jahren
Untersuchungsausschusses auszusetzen. abgearbeitet.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist keine Erkundung, das ist NEN]: Und wer hat da regiert? War das nicht
Schwarzbau! „Schwarzbau“, das ist der rich- die Große Koalition?)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3371
Dr. Maria Flachsbarth
(A) Es gab einen Syntheseberichts des Bundesamtes für Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: (C)
Strahlenschutz, in dem ausdrücklich erwähnt worden ist, Frau Kollegin Flachsbarth, der Kollege Kelber würde
dass ein Nachweiskonzept für die Langzeitsicherheit Ihnen gerne eine Zwischenfrage stellen, wenn Sie das er-
verfügbar sei, die Sicherheit dann aber nur konkret vor lauben.
Ort durch Erkundung festgestellt werden könne. Den-
noch hat Rot-Grün das Moratorium verlängert, den Syn- Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU):
thesebericht aber nicht etwa diesem Hause für eine Dis- Sehr gerne.
kussion zur Verfügung gestellt.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
NEN]: Was haben Sie denn in der Großen Ko- Bitte, Herr Kelber.
alition gemacht, Frau Flachsbarth?)
Ulrich Kelber (SPD):
– In der Großen Koalition wurde das Moratorium letzt- Frau Kollegin, Sie haben gerade behauptet, dass es
endlich verlängert, bei einer ergebnisoffenen Endlagersuche vermutlich we-
der wissenschaftlich noch anderswie zu belegen ist, was
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- der bestgeeignete Standort in Deutschland ist. Wenn Sie
NEN]: Da sind Sie genötigt worden!) recht haben, warum verlangt dann die schwarz-gelbe
obwohl wir uns eigentlich in die Hand versprochen hat- Landesregierung in Baden-Württemberg vom Nachbar-
ten, die Endlagerfrage zügig anzugehen. land Schweiz bzw. die schwarz-gelbe – vorher rein
schwarze – Regierung in Bayern vom Nachbarland
(Ulrich Kelber [SPD]: Jetzt bei der Wahrheit Tschechien genau eine solche ergebnisoffene Suche nach
bleiben!) dem bestmöglichen Standort?
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Stimmt doch
Das hatten wir auch im Koalitionsvertrag festgehalten.
gar nicht!)
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Hatten Sie nicht zugesagt, eine Endla- Dr. Maria Flachsbarth (CDU/CSU):
gersuche durchzuführen?) Wenn man, ehrlich gesagt, mit den Schweizer Wis-
senschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den dort
Im Jahr 2006 hat die Union ein Angebot gemacht. Verantwortlichen darüber spricht, warum dieses Verfah-
Wir hatten vorgeschlagen, einen International Peer ren gewählt worden sei, so sagen sie uns, dass sie von
(B) Review durchführen zu lassen, also internationale Ex- dem Verfahren gelernt hätten, das damals in den 70er- (D)
perten mit unserem Problem zu befassen, und letztend- Jahren in Bezug auf den Standort Gorleben angewendet
lich die Befunde miteinander zu bewerten. Da hat der worden ist.
Koalitionspartner gesagt: Nein, das geht nicht wirklich;
wir suchen besser den bestgeeigneten Standort. Einen (Lachen und Beifall bei der SPD und beim
solchen Standort gibt es laut Atomgesetz eigentlich BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Renate
überhaupt nicht. Es ist die Frage, ob wissenschaftlich Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ge-
überhaupt feststellbar ist, welcher Standort am besten lernt, wie man es nicht macht!)
geeignet sein soll. Damals hatten sowohl die Bundesregierung als auch die
Landesregierung verschiedene Standorte, verschiedene
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Salzstöcke in Augenschein genommen; letztendlich
NEN]: Aha! Da haben Sie das Ergebnis des wurde der Salzstock Gorleben als der Standort identifi-
Untersuchungsausschusses schon vorwegge- ziert, an dem eine intensivere Erkundung, sprich: eine
nommen! Das ist doch absurd! Wir machen ein Vorprüfung auf eine mögliche Eignung, erfolgen sollte.
Endlager ohne wissenschaftliche Kriterien!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
Jetzt soll der Untersuchungsausschuss der Grund dafür Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
sein, das Moratorium zu verlängern. Geben Sie es zu: Die Schweizer gehen nach
meinem Plan vor!)
Ich begrüße, dass sich Bundesminister Röttgen hinge-
gen zur Lösung der Endlagerfrage bekennt. Wie gesagt: Ich begrüße, dass Bundesminister
Röttgen nun eine ergebnisoffene Erkundung angestoßen
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord- hat, und zwar – auch das will ich hier sagen – auf Grund-
neten der FDP – Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/ lage des Bergrechts, dessen Anwendung immer wieder
DIE GRÜNEN]: Ja, wo ist er denn?) in Zweifel gezogen wird. Wir haben diese Debatte auch
schon im Ausschuss geführt. Bitte zeigen Sie mir den
Er hat in der vergangenen Woche konkrete Vorschläge Artikel, den Paragrafen im Atomrecht, nach dem die
gemacht und gesagt, dass wir die Erkundungsarbeiten Überprüfung eines Salzstocks auf Eignung überhaupt
ergebnisoffen und so zügig wie möglich aufnehmen, um möglich sein soll! Abgesehen davon hat das Bundesver-
jetzt endlich die notwendige Datengrundlage zu erarbei- waltungsgericht bereits 1990 und 1995 höchstrichterlich
ten, damit die Eignungsprüfung des Salzstocks Gorleben über diese Frage entschieden. Ich denke, es ist einfach
erfolgen kann. eine Frage der politischen Kultur in einem Rechtsstaat,
3372 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Dr. Maria Flachsbarth


(A) Urteile zu akzeptieren und zu respektieren, selbst wenn Dorothée Menzner (DIE LINKE): (C)
sie einem nicht passen. Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Kolleginnen und
Kollegen! Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger! Wir
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – alle merken, dass wir es mit einem hochemotionalen
Dr. Michael Paul [CDU/CSU]: Da tun die sich Thema zu tun haben. Das gilt nicht nur für die Region,
ja schwer!) für Niedersachsen, für das Wendland, sondern auch für
Herr Röttgen hat auch gesagt – das ist in diesem Zu- uns hier.
sammenhang ganz wichtig –, dass wir schon im Voraus- (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Dann wollen wir
wahlverfahren eine möglichst umfassende Öffentlich- das mal versachlichen, würde ich sagen!)
keitsbeteiligung erreichen wollen, Bürgerinitiativen und
Kommunalpolitiker einbeziehen wollen. Zudem wollen Das haben die Debatten, auch zwischen den Fraktionen,
wir Wissenschaftler aus dem Ausland bitten, die Ergeb- der letzten Tage und Wochen deutlich gemacht.
nisse zu evaluieren, damit klar wird, ob sich ein Planfest- Ich möchte drei Punkte kurz erklären: Wieso soll jetzt
stellungsverfahren für den Standort Gorleben anschlie- der Untersuchungsausschuss eingesetzt werden? Wie ist
ßen soll. die Lage im Wendland? Was wollen wir mit dem Unter-
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- suchungsausschuss eigentlich erreichen?
NEN]: Dann ist ja Gott sei Dank fertiggebaut, Warum soll jetzt der Untersuchungsausschuss einge-
wenn Sie anfangen! Das ist ja der Sinn der setzt werden?
Übung!)
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Gute Frage!)
Das Planfeststellungsverfahren findet selbstverständlich
unter Anwendung des Atomrechts statt, mit zusätzlichen Die Fragezeichen zu Gorleben sind alt.
Umweltverträglichkeitsprüfungen, entsprechender Öf- (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Es gibt keine
fentlichkeitsbeteiligung und der Möglichkeit der an- Fragezeichen mehr!)
schließenden Planung. Das ganze Verfahren wird noch
20 bis 25 Jahre dauern, sodass frühestens zwischen 2030 Es gibt seit Jahrzehnten Gutachten, die die Eignung von
und 2035, also 70 Jahre nachdem Deutschland sich – üb- Gorleben massiv infrage stellen. Es gibt seit Jahrzehnten
rigens in großer, um nicht zu sagen: in ganz großer Ko- ernst zu nehmende Wissenschaftler, die Gorleben für un-
alition – entschieden hat, Kernenergie friedlich zu nut- geeignet halten. Außerdem gibt es seit Jahrzehnten eine
zen, ein Endlagerstandort feststehen wird. Wir haben die massive Gegenwehr der örtlichen Bevölkerung, unab-
Verantwortung, jetzt nicht nur Vergangenheit zu bewälti- hängig vom politischen oder sozialen Hintergrund.
(B) gen, sondern endlich auch Zukunft zu gestalten, aus Ver- (D)
antwortung vor unseren Kindern und Kindeskindern, Im Zusammenhang mit diesem Untersuchungsaus-
aber auch vor den Bürgerinnen und Bürgern, die in Gor- schuss musste ich an einen Satz denken, der dem Kolle-
leben seit 30 Jahren in Ungewissheit über ihre Zukunft gen Müntefering zugeschrieben wird: Opposition ist
leben. Mist. So ganz stimmt das nicht. Ohne SPD in der Oppo-
sition hätten wir den Untersuchungsausschuss wahr-
Herzlichen Dank. scheinlich nicht einsetzen können.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) (Sebastian Edathy [SPD]: Das ist aber kein
Dauerzustand!)

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Da hat Opposition auch einmal etwas Gutes.
Das Wort hat die Kollegin Dorothée Menzner von der (Beifall bei der LINKEN)
Fraktion Die Linke.
Wieso ist es so wichtig, das jetzt zu klären? Wir dis-
(Beifall bei der LINKEN) kutieren im Bundestag, aber auch in der Gesellschaft seit
Wochen den aberwitzigen Vorschlag der Koalition, die
Ich bitte doch, für den Rest der Debatte wenn möglich Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern, aus ei-
auf Zwischenfragen zu verzichten, nem Kompromiss, der mit der Energiewirtschaft ge-
schlossen wurde und der von uns immer abgelehnt
(Ute Vogt [SPD]: Warum das denn?) wurde, weil wir ihn zu weitgehend fanden, auszusteigen
weil einige sonst Terminprobleme bekommen, was die und auf unabsehbare Zeit weiteren Atommüll zu produ-
Rückreise betrifft. zieren, für den es bis heute kein Endlager gibt.
Asse ist abgesoffen. Das wissen wir alle; die Pro-
(Sebastian Edathy [SPD]: Das sagt der amtie-
bleme haben wir hier mehrfach erörtert. Wenn man sich
rende Präsident, oder was?)
die alten Genehmigungsunterlagen und Gerichtsakten
Frau Kollegin Menzner, Sie haben das Wort. zieht, dann liest man, dass unter anderem für Brokdorf,
Stade und Biblis A und B sowohl die abgesoffene Asse
(Sebastian Edathy [SPD]: Das sagen Sie ein- als auch Gorleben der Entsorgungsnachweis für die Be-
mal den Bürgerinnen und Bürgern: Die Abge- triebsgenehmigung waren. Damit wird natürlich klar,
ordneten müssen abreisen!) wieso die Koalition meint, weiter an Gorleben festhalten
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3373
Dorothée Menzner
(A) zu müssen: Ohne diese Option werden Betriebsgenehmi- schuss, sondern eher darum geht, die Entscheidung um (C)
gungen und mögliche Laufzeitverlängerungen obsolet. die Endlagerfrage weiter zu verzögern.
Wie ist die Lage im Wendland? Die Menschen sind (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Ute
massiv verunsichert, und die Emotionalität im gegensei- Vogt [SPD]: Um Rechtsklarheit! Um Sicher-
tigen Umgang ist hoch. Von daher ist es eine Selbstver- heit!)
ständlichkeit, was die SPD in ihrem Antrag fordert, näm- Die SPD war rund zehn Jahre in Regierungsverant-
lich die weiteren Untersuchungen auszusetzen, solange wortung. Durch das von Rot-Grün beschlossene Erkun-
der Untersuchungsausschuss arbeitet, und zu versuchen, dungsmoratorium sind wir keinen Schritt weitergekom-
Transparenz in die Lage und in die damalige Entschei- men; das müssen Sie hier einfach zugeben.
dungsfindung zu bringen.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP)
(Beifall bei der LINKEN und der SPD)
Der ehemalige Umweltminister Trittin – er ist sogar zu-
Sie werden kein Vertrauen von der Bevölkerung be- gegen –
kommen, wenn, wie am letzten Wochenende geschehen,
Demonstrantinnen und Demonstranten inklusive Kinder, (Ulrich Kelber [SPD]: Ist nicht weiter in die
die sich auf einem privaten Grundstück, nämlich im Sackgasse gelaufen! Das stimmt!)
Wald des Grafen von Bernstorff, aufhalten, mit Schlag- und Herr Gabriel haben zehn Jahre lang verhindert, dass
stöcken und Pfefferspray vertrieben werden. diese Frage beantwortet wird.
Was wollen wir mit diesem Untersuchungsausschuss (Zurufe von der CDU/CSU: So ist es! – Jürgen
erreichen? Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie
(Dr. Michael Paul [CDU/CSU]: Das fragen wollen nicht erkunden, Sie wollen schwarz-
wir uns auch! – Reinhard Grindel [CDU/ bauen! Können Sie mal erklären, welche Er-
CSU]: Sie wollen den Menschen Angst ma- kenntnisse Sie in Gorleben noch erwarten, was
chen! Das ist das Einzige, was Sie wollen!) Sie erkunden wollen? Was wollen Sie eigent-
lich wissen?)
Wir wollen Transparenz herstellen hinsichtlich der
Die bisher gewonnenen geologischen Befunde spre-
Frage: Wie konnte es zu der verengten Sicht auf diesen
chen überhaupt nicht gegen eine Eignungshöffigkeit des
einen Standort kommen? Waren wissenschaftliche Vor-
Gorleben-Standorts.
bedingungen ausschlaggebend, oder war das eine Frage
von politischer Opportunität und Durchsetzbarkeit? Da- (Ulrich Kelber [SPD]: Aber auch nicht dafür!)
(B) für liegen ernst zu nehmende Hinweise vor, die wir unter (D)
die Lupe nehmen werden, um Transparenz herzustellen. Ihr werter Herr Exkanzler Gerhard Schröder
Demokratie kann nämlich nur funktionieren, wenn (Sebastian Edathy [SPD]: „Unser werter Herr
Transparenz vorhanden ist, wenn die Menschen wissen, Exkanzler“, wenn schon!)
wie, auf welcher Grundlage Entscheidungen zustande
gekommen sind. Das wird nicht funktionieren, indem und Sie, Herr Trittin, persönlich haben im Atomkonsens
wir Menschen belügen und sie weiter an der Nase he- zusammen unterschrieben und bestätigt, dass die Eig-
rumführen, wie das seit 30 Jahren am Standort Gorleben nungshöffigkeit von Gorleben überhaupt nicht infrage
passiert, oder indem wir Dokumente zurückhalten. steht.

Ich danke. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –


Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
(Beifall bei der LINKEN und der SPD sowie Wenn Sie zitieren, dann zitieren Sie richtig!
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE Sie haben falsch zitiert!)
GRÜNEN)
– Ja, ja.

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Die Endlagerung radioaktiver Abfälle ist eine staatli-
che Aufgabe.
Das Wort hat die Kollegin Angelika Brunkhorst von
der FDP-Fraktion. (Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Die wollen Sie doch gerade privatisie-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU) ren!)

Angelika Brunkhorst (FDP): Der Bund hat Anlagen zur Endlagerung einzurichten.
Deswegen wollen wir klären, ob der Standort Gorleben
Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kolle-
geeignet ist. Im Gegensatz zu SPD, Grünen und Linken
gen! Parallel zur Einsetzung des Untersuchungsaus-
stellen wir von der CDU/CSU und der FDP uns dieser
schusses fordert die SPD hier heute, die Erkundung im
Verantwortung. Wir wollen das nicht auf die nächste Ge-
Salzstock Gorleben so lange auszusetzen, bis der Unter-
neration abwälzen.
suchungsausschuss seine Arbeit beendet hat. Wir sind
strikt dagegen. Wir meinen, dass Ihre Forderung entlar- (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU –
vend ist, und zwar in der Weise, dass es Ihnen anschei- Ulrich Kelber [SPD]: Unter Ausschluss der
nend nicht um die Aufklärung im Untersuchungsaus- Bürgerbeteiligung!)
3374 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Angelika Brunkhorst
(A) Den Ausgang des Untersuchungsausschusses abzu- demgegenüber Rednerinnen und Redner der Koalitions- (C)
warten, macht überhaupt keinen Sinn, weil wir danach fraktionen in der ersten Lesung Respekt gezollt haben,
nichts über die Eignung oder Nichteignung sagen kön- das Sie in der Zwischenzeit aber doch in seinem Kern,
nen. nämlich dem von der Opposition beschriebenen Auftrag,
verändern wollten.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: So ist es!)
– So ist es, genau. Herr Grindel, wir haben Ihnen nicht den Gefallen ge-
tan, uns den Untersuchungsauftrag auf die Ereignisse
(Ute Vogt [SPD]: Aber unrechtmäßige Stand- des Jahres 1983 zusammenschnüren zu lassen.
ortentscheidung!)
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das war aber
Die konkrete Erkundung wird es zeigen. Deswegen der Vorwurf von Herrn Gabriel!)
muss die Erkundung des Salzstocks, so wie Herr Röttgen
das vorgeschlagen hat, vorangetrieben werden. – Das war in der letzten Woche Ihr Vorschlag. – Das sind
die Ereignisse, zu denen Sie heute in der Presse schon
(Sebastian Edathy [SPD]: Missachtung des einmal verlautbart haben, dass der angebliche Skandal,
Parlaments ist das im Ergebnis!) die Manipulation von Gutachten, sich längst in Luft auf-
Wir unterstützen das Verfahren mit den drei Schritten gelöst habe.
ganz ausdrücklich. Wir werden dann zu einer definitiven (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Genau!)
Aussage darüber kommen, ob dieser Salzstock geeignet
ist oder nicht. Zum einen, Herr Grindel, legt niemand – auch nicht
(Sebastian Edathy [SPD]: Respektloser die Mitglieder von Regierungsfraktionen – das Ergebnis
Umgang mit den Abgeordneten!) eines Untersuchungsausschusses im Vorhinein fest.

Frau Vogt, Ihnen möchte ich zum Schluss noch eines (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
sagen: Wir sind in einer Erkundungsphase, und in einer bei der SPD und der LINKEN – Reinhard
Erkundungsphase sind wir beim Bergrecht. Grindel [CDU/CSU]: Aber die Wissenschaft-
ler haben Interviews gegeben!)
(Ute Vogt [SPD]: Bergrecht von 1983! –
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Zum anderen sollten Sie spätestens heute zur Kenntnis
Sie wollen bauen! Bauen!) nehmen, dass Ihre Versuche, Fragen, die nicht auf das
Jahr 1983 zielen, aus dem Untersuchungsauftrag heraus-
Wenn wir über die Erkundungsphase hinaus sind und zustreichen, nicht erfolgreich waren.
über die Einrichtung sprechen, dann gehen wir in das
(B)
atomrechtliche Planungsverfahren. Ich bin sehr gespannt darauf, was die Zeugin Merkel (D)
im Untersuchungsausschuss sagen wird, wenn wir sie
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Genau so ist nach den Gründen für die Änderung des Erkundungs-
es vorgeschrieben!) konzepts in den 90er-Jahren fragen. Der Verdacht, dass
– Genau so ist es. bei Gorleben ein Konzept einem Standort angepasst
wurde, ist für mich einer der spannendsten Teile des Un-
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: tersuchungsauftrags.
Sie bauen doch! Sie erkunden nicht!)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
– Ich habe das Urteil hier. Ich kann das gern zitieren,
bei der SPD und der LINKEN)
Herr Trittin, wenn Sie es wünschen.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- Ich möchte noch einmal den Gegensatz herausstellen.
NEN]: Ich kenne das gut!) Bei einer ehrlichen Endlagersuche wird erst ein Konzept
erstellt und dann der Standort gesucht, der den Kriterien
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. dieses Konzeptes am besten entspricht. Das ist das Ver-
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – fahren, das wir einfordern. Dass Sie sich diesem Verfah-
Ulrich Kelber [SPD]: Wie kann man so un- ren verweigern, dass Sie den Weiterbau von Gorleben
wahrhaftig sein?) wollen
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Die Weiter-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: erkundung!)
Das Wort hat die Kollegin Sylvia Kotting-Uhl von
Bündnis 90/Die Grünen. unter Umgehung des dafür vorgeschriebenen Atom-
rechts,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der LINKEN)
Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN): unter Anwendung eines seit 20 Jahren außer Kraft ge-
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! So setzten Bergrechts, das nicht einmal die Öffentlichkeits-
kommen wir also heute zur Einsetzung des Unter- beteiligung vorschreibt, und ohne die Ergebnisse dieses
suchungsausschusses zu Gorleben. Dieser Untersu- parlamentarischen Untersuchungsausschusses abzuwar-
chungsausschuss ist ein parlamentarisches Instrument, ten, das zeigt Ihre Vorstellung von Verantwortung, mit
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3375
Sylvia Kotting-Uhl
(A) der Sie sich in den vergangenen Tagen so großgetan ha- gen: Wenn Rot-Grün die Region mit dem Moratorium (C)
ben. nicht in eine zehnjährige Ungewissheit gestürzt hätte,
wären wir bei der Endlagerfrage heute schon einige
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
Schritte weiter.
bei der SPD und der LINKEN – Renate
Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Es ist (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
gar keiner mehr vom Umweltministerium da!
Das ist auch ein Affront!) Stattdessen: weitere zehn Jahre Ungewissheit, weitere
zehn Jahre Unfrieden in der Region, weitere zehn Jahre
Ethische Verantwortung, von der Sie hier sprechen Untätigkeit in der Endlagerfrage, und das alles auf dem
– die Sie übernehmen wollen, indem Sie den Müll der Rücken der Menschen vor Ort.
Atomkraftwerke den nächsten Generationen nicht vor
die Füße werfen wollen –, hätten Sie praktizieren kön- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
nen, wenn Sie die Atomkraft nicht legalisiert und Atom-
Mit der Aufhebung des Moratoriums werden wir
spaltung nicht zur herausragenden Energieerzeugungs-
diese Hängepartie beenden. Wir wollen eine ergebnis-
form in diesem Land erklärt hätten.
offene und transparente Enderkundung des Salzstockes
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Gorleben. Ich möchte betonen, dass es vollkommen legi-
bei der SPD und der LINKEN) tim ist, gegen ein Endlager in Gorleben zu sein. Es ist
auch völlig legitim, dies zu artikulieren, aber, bitte
Das wäre ethische Verantwortung gewesen. Das wäre schön, in ziviler und gewaltfreier Form.
Verantwortung für die nachfolgenden Generationen ge-
wesen. Jetzt geht es nur noch um Nachsorge. Dazu gehört nach meinem Verständnis und dem Ver-
(Dr. Michael Paul [CDU/CSU]: Warum sind ständnis der Koalition ein enger Dialog zwischen allen
Sie denn nicht ausgestiegen?) Beteiligten schon in der ersten Phase, nämlich der Wei-
tererkundung.
Reden wir doch auch einmal über die Verantwortung
unseres Umweltministers. (Lachen des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
(Zuruf von der SPD: Wo ist der überhaupt?)
Wir werden in den Fragen der Transparenz und Ergebnis-
Er nennt einen parlamentarischen Untersuchungsaus- offenheit Wort halten, Herr Trittin. Ich kann an alle, auch
schuss kein Erkenntnisgewinnungsinstrument, sondern an Sie, Herr Trittin, nur appellieren, das Angebot zum zi-
ein Kampfinstrument. Diese Auffassung praktiziert er vilen Dialog nicht auszuschlagen, sondern sich aktiv da-
auch dadurch, dass er heute bei der Einsetzung des von ran zu beteiligen.
(B) (D)
ihm so benannten Kampfinstruments gar nicht mehr im
Parlament anwesend ist, sondern bereits im Skiurlaub (Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord-
weilt. Das ist Respekt vor dem Parlament. Größte Hoch- neten der FDP)
achtung.
Es wird von der Opposition bemängelt, dass die Er-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, kundungsphase nach Bergrecht und nicht nach Atom-
bei der SPD und der LINKEN) recht erfolgt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen der Koalitionsfrak- (Sebastian Edathy [SPD]: Nach dem alten
tionen, ich hoffe, dass wenigstens Sie die Respektlosig- Bergrecht auch noch!)
keit Ihres Umweltministers in diesem Fall nicht teilen
und in diesem Untersuchungsausschuss kein reines Die Erkundung kann nicht nach Atomrecht erfolgen,
Kampfinstrument sehen. Wir haben das nicht vor. Wir weil das Atomrecht die erforderlichen Rechtsnormen für
haben vor, Erkenntnisse daraus zu ziehen. Erfüllen Sie eine Erkundung des Salzstocks gar nicht beinhaltet.
Ihre parlamentarische Pflicht und tun sie das Gleiche. (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: So ist es!)
Darum bitte ich Sie.
Das Bergrecht ist zudem nach Bewertung des Bun-
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
desverwaltungsgerichts – wir haben es schon gehört –
bei der SPD und der LINKEN)
ein zulässiges Verfahren. Das heißt jedoch noch lange
nicht, dass wir keine Transparenz schaffen wollen. Sie,
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: meine lieben Kolleginnen und Kollegen von der Opposi-
Das Wort hat jetzt der Kollege Eckhard Pols von der tion, unterliegen einem Trugschluss, wenn Sie daraus
CDU/CSU-Fraktion. schließen, dass eine Einbeziehung der Bürgerinnen und
(Beifall bei der CDU/CSU und der CDU/CSU) Bürger nicht gewollt sei. Es mag sein, dass das Berg-
recht keine Bürgerbeteiligung beinhaltet; das bedeutet
aber noch lange nicht, dass Transparenz und Einbezie-
Eckhard Pols (CDU/CSU): hung der Bevölkerung vor Ort verboten sind.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Meine
Heimat ist der Wahlkreis Lüchow-Dannenberg – Lüne- (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP –
burg. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Mit die- Ulrich Kelber [SPD]: Das aktuelle Bergrecht
sem Thema beschäftige ich mich nicht erst, seitdem ich schreibt Bürgerbeteiligung vor! Sie sagen die
Abgeordneter dieses Wahlkreises bin. Ich kann Ihnen sa- Unwahrheit!)
3376 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Eckhard Pols
(A) Wenn man dann am Ende der Erkundungsarbeiten zu künftige Entwicklung der Standortregion Gorleben zu (C)
dem Ergebnis kommt, dass Gorleben als Endlagerstand- erlangen.
ort geeignet ist, dann muss bei der Errichtung eines End-
(Andreas Mattfeldt [CDU/CSU]: Wo die SPD
lagers ein atomrechtliches Verfahren eingeleitet werden,
recht hat, hat sie recht!)
das eine umfassende Bürgerbeteiligung vorsieht. Das
wissen Sie ganz genau. Dass dies nicht eine Mindermeinung der politischen
Gremien ist, sondern ebenso von der Bevölkerung vor
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Ort mehrheitlich getragen wird, zeigt sich an dem Ergeb-
Herr Kollege Pols, Frau Kotting-Uhl würde Ihnen nis der Bundestagswahl. Ich habe meine besten Ergeb-
gerne eine Zwischenfrage stellen. nisse in dieser Region geholt.
(Sebastian Edathy [SPD]: Das ist traditionell
Eckhard Pols (CDU/CSU): ein CDU-Wahlkreis! Das wissen Sie! Wir kön-
Nein, jetzt nicht. – nen ja nicht jedes Mal Peter Struck aufstellen!)
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hören Sie einfach einmal auf Ihre Parteibasis in Gorle-
Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: ben und in der Samtgemeinde Gartow, Frau Vogt. Mit
Nichts mit „sturmfest und erdverwachsen“! – zunehmender Vernunft verbessern sich dann sicherlich
Ulrich Kelber [SPD]: Dann können Sie nicht auch Ihre Wahlergebnisse.
mehr so schön ablesen!) (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ob es dazu kommen wird, wissen wir nicht. Dazu muss Was machen Sie stattdessen? Sie setzen einen Unter-
erst einmal zu Ende erkundet werden. Aber genau das suchungsausschuss ein, um vermeintliche Vorwürfe zu
wollen Sie verhindern. Sie nehmen in Kauf, dass die klären, die Ihnen im Wahlkampf 2009 plötzlich eingefal-
Menschen vor Ort weiter mit der Ungewissheit leben len sind, aber nichts gebracht haben. Obendrein wollen
müssen und die ohnehin schon wirtschaftlich schwache Sie beschließen, dass die Erkundung in Gorleben bis
Region noch schwächer wird. zum Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses
In Ihrem Antrag zum Stopp der Erkundungsarbeiten nicht fortgeführt wird. Mit anderen Worten: Sie wollen
argumentieren Sie ferner damit, dass nicht berücksichtigt eine geologische Frage nicht beantworten lassen, weil
worden sei, dass die Geltungsdauer der Salzrechte in Sie noch die Antwort auf eine politische Frage suchen.
fünf Jahren ausläuft. Das Bundesamt für Strahlenschutz Abgesehen davon bin ich mir sicher: Der Untersu-
ist zuständig für die Verlängerung der Geltungsdauer der chungsausschuss wird zu dem Ergebnis kommen, dass
(B) Salzrechte. Aber in den letzten Jahren ist in dieser Hin- an den von Ihnen erhobenen Vorwürfen nichts dran ist. (D)
sicht nichts passiert. Die Inhaber der Salzrechte mussten
den Präsidenten des BfS, Herrn Wolfram König, gera- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
dezu drängen, damit es demnächst zu Verhandlungen Kommen Sie bitte zum Schluss, Herr Kollege.
über die Verlängerung der Rechte kommt.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Alles Eckhard Pols (CDU/CSU):
Trickserei Marke Trittin!) Deshalb sehen wir als CDU/CSU dem Ganzen sehr
gelassen entgegen.
Erlauben Sie mir noch ein Wort zur Diskussion über
die Suche nach Alternativstandorten. Sie führen immer Noch eines: Wenn Sie beweisen wollten, dass der
wieder ein bestimmtes Argument gegen die Erkundung Standort Gorleben nach rein politischen und nicht nach
von Gorleben ins Feld. Wenn Sie wirklich für eine Lö- geologischen Gesichtspunkten ausgewählt wurde, dann
sung des Endlagerproblems sind, dann sollten Sie auch müssten gerade Sie ein Interesse an einer schnellen Wei-
den Mut haben, geeignete Alternativstandorte explizit zu tererkundung des Salzstockes Gorleben haben.
benennen. SPD und Grüne haben die Endlagerfrage mut- (Sebastian Edathy [SPD]: Warum das denn?)
willig verschlafen, verzögert und verschleppt. Ich kann
Ihnen nur eines empfehlen, Frau Kollegin Vogt: Fahren Wenn Sie keine Angst vor dem Ergebnis haben –
Sie einmal nach Gorleben, reden Sie mit Ihren Genossen
vor Ort! Die dortige SPD ist nämlich – hören Sie genau Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
zu! – für eine schnelle Aufhebung des Moratoriums. Herr Kollege Pols, bitte kommen Sie zum Schluss,
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: So ist es!) und zwar sofort.

Ich zitiere aus einer Resolution, die Ihre SPD-Rats- (Beifall bei Abgeordneten der SPD)
kollegen gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen
der CDU vor Ort in den Samtgemeinderat Gartow ein- Eckhard Pols (CDU/CSU):
gebracht und verabschiedet haben: Der Rat der Samt- – ja, gerne –, dann hören Sie sofort auf, eine solche
gemeinde Gartow fordert im Interesse unserer Bevöl- Erkundung zu verzögern und zu verschieben.
kerung die Weitererkundung und den Abschluss der
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Erkundungsarbeiten im Salzstock Gorleben; nach fast
30-jähriger Diskussion dieses Themas hat die Bevölke- Auch ich kenne das Ergebnis noch nicht; aber eines
rung Anspruch darauf, Klarheit über die voraussichtliche weiß ich gewiss: Sowohl Gegner als auch Befürworter
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3377
Eckhard Pols
(A) eines Endlagers in Gorleben haben Verantwortung für – dies befindet sich in Dänemark – (C)
die Region. Dazu gehört, dass die Ungewissheit der
Menschen vor Ort beendet wird. Deshalb mein Appell bei einigen Millionen Jahren.
an die Fraktion der SPD: Nehmen Sie Vernunft an und Der Professor weiter:
ziehen Sie den Antrag zurück!
Sollten diese dänischen Berichte den Gegnern der
Vielen Dank. Kernenergie oder des Endlagers Gorleben bekannt
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) werden, wird der Meinungskrieg um das Endlager
Gorleben erneut und verstärkt einsetzen.
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms: Alles von der Internetseite des BMU. Professor
Das Wort hat jetzt der Kollege Sebastian Edathy von Dr. Hermann, Universität Göttingen:
der SPD-Fraktion.
Ich persönlich bin nicht bereit, wissenschaftliche
(Beifall bei der SPD) Argumente zugunsten parteipolitischer bzw. allge-
meinpolitischer Erwägungen und Taktiken aufzuge-
Sebastian Edathy (SPD): ben … In einer von dauernden Kompromissen und
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! In Selbsttäuschungen geprägten Situation könnte ich
einer Agenturmeldung von heute morgen hieß es – ich nicht mehr sinnvoll arbeiten.
zitiere –:
Usw., usw.
Der angebliche Skandal, auf den die SPD hinweise,
Dann gab es von Wissenschaftlern den Entwurf eines
habe sich längst in Luft aufgelöst,
kritischen Gutachtens zu Gorleben. Es musste auf Wei-
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Ja, richtig!) sung des damaligen Forschungsministers nachgebessert,
man kann auch sagen: manipuliert und geschönt werden.
sagte der Obmann der CDU,
– im Untersuchungsausschuss – (Beifall bei der SPD und der LINKEN sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
Reinhard Grindel, am Freitag GRÜNEN – Thomas Oppermann [SPD]: Und
– also heute – das steht alles bei Röttgen? Mein lieber
Mann!)
im SWR. Denn der Behauptung, die Regierung
Kohl habe Gutachten aus dem Jahre 1983 beein- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
(B) flusst, hätten beteiligte Wissenschaftler widerspro- (D)
chen. Herr Kollege Edathy, erlauben Sie eine Zwischen-
frage des Kollegen Grindel?
Das liest man und reibt sich verwundert die Augen.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Röthemeyer Sebastian Edathy (SPD):
im Spiegel und Stern am 14. und 17. Septem- Gerne.
ber 2009!)
Ich empfehle allen Kolleginnen und Kollegen – ge- Reinhard Grindel (CDU/CSU):
rade denen aus der Union –, nachher in ihren Büros die Herr Edathy, ist Ihnen bekannt, dass das Gutachten,
Internetseite des Bundesumweltministeriums aufzuru- um das es Herrn Gabriel im Wahlkampf ging, ein Gut-
fen. Da kann die ganze Welt aus einem großen Konvolut achten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt war,
wichtige Aussagen damals beteiligter Wissenschaftler dass der Abteilungsleiter Röthemeyer in Interviews – ei-
herunterladen, und dies im Namen von Herrn Röttgen. nes gegenüber dem Spiegel am 14. September 2009, ein
zweites gegenüber dem Stern am 17. September 2009 –
(Ulrich Kelber [SPD]: Wahrscheinlich nur erklärt hat, dass die inhaltliche Ausrichtung dieses Gut-
noch eine halbe Stunde lang! Dann wird es achtens nicht verändert ist, und dass der damalige Präsi-
verschwinden!) dent der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, Kind,
Professor Duphorn am 31. Mai 1982: diese Aussage im Untersuchungsausschuss des Nieder-
sächsischen Landtages bestätigt hat? Vielleicht zitieren
Nach meiner Auffassung hat der Salzstock Gorle- Sie Herrn Röthemeyers Aussagen im Stern – eventuell
ben … seine Eignungshöffigkeit … verloren. haben Sie ihn vorliegen –; Herr Röthemeyer ist nämlich
Professor Dr. Memmert, Institut für Kerntechnik der derjenige, der für das Gutachten, das angeblich manipu-
Technischen Universität Berlin, ein Freund der Atom- liert worden ist, verantwortlich war. Sind Sie bereit, das
kraft, am 2. August 1982: zuzugestehen und auch zuzugestehen, dass die Zitate,
die Sie eben angeführt haben, vor diesem Hintergrund
Während die Laufzeit für Gorleben rund völlig irrelevant sind?
10 000 Jahre betragen mag,
(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen bei der
– erforderlich wäre wohl mindestens 1 Million und
SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
mehr –
Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
liegt diese für Mors NEN]: Bitte eine ausführliche Antwort!)
3378 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

(A) Sebastian Edathy (SPD): Sebastian Edathy (SPD): (C)


Da ich leider nur eine knappe Redezeit habe, bedanke Gut.
ich mich für die Zwischenfrage; denn sie gibt mir Gele-
genheit, ein bisschen weiter auszuholen. Das Schöne ist Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
ja: Auf der Internetseite des BMU – in Verantwortung – unabhängig davon, ob der Fragesteller steht oder
von Herrn Röttgen – lässt sich nicht nur der Endbericht sitzt.
der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt downloa-
den, (Zuruf von der CDU/CSU: Hört! Hört!)
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Um den ging
es aber!) Sebastian Edathy (SPD):
Ist das neu?
sondern auch der Zwischenbericht, also der Entwurf. Sie
können dort, bezogen auf den Entwurf des Gutachtens,
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
ein Telex – das gab es damals noch – vom 13. Mai 1983
finden. Der damalige Bundesminister für Forschung und Herr Kollege Edathy, darüber, wie lange die Zeit für
Technologie schrieb an die Physikalisch-Technische eine Antwort bemessen wird, entscheidet der Präsident
Bundesanstalt – wir werden das im Ausschuss noch sehr und nicht der Fragesteller.
genau auswerten können –:
Sebastian Edathy (SPD):
Unsere Besprechung vom 11.05. Erstens … Ich bin aber eindeutig noch im Rahmen der Beant-
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Das ist aber wortung.
keine Antwort auf meine Frage! – Gegenrufe (Ulrich Petzold [CDU/CSU]: Auf welche
von der SPD: Doch!) Frage?)
– Dieses Schreiben ist ein Beleg dafür, dass politisch Ich zitiere aus einem Telex des Forschungsministers der
Einfluss auf wissenschaftliche Erkenntnisse genommen damaligen schwarz-gelben Koalition. Darin heißt es in
worden ist. Richtung des Instituts:
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Nein, das ist Dieser Abschnitt sollte sinngemäß mit der Feststel-
falsch!) lung schließen,
Dagegen haben sich Wissenschaftler auch gewehrt. (Ulrich Petzold [CDU/CSU]: Auf welche Frage
(B) denn? Herr Edathy, auf welche Frage antworten (D)
(Abg. Reinhard Grindel [CDU/CSU] nimmt
Platz) Sie?)

– Herr Präsident, ich bin mit der Beantwortung der Frage dass die Eignungshöffigkeit des Salzstocks Gorle-
noch nicht fertig. ben … untermauert werden konnte.

(Thomas Oppermann [SPD], an den Abg. (Ulrich Petzold [CDU/CSU]: Auf welche
Reinhard Grindel [CDU/CSU] gewandt: Sie Frage antworten Sie?)
stellen eine Frage und wollen die Antwort nicht – Herr Kollege, wer schreit, hat unrecht. Das lernen Sie
hören! – Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE vielleicht auch noch.
GRÜNEN], an den Abg. Reinhard Grindel
[CDU/CSU] gewandt: Sie müssen stehen blei- An anderer Stelle heißt es: Es wäre wünschenswert,
ben! – Gegenruf des Abg. Dr. Mathias wenn
Middelberg [CDU/CSU]: Sie sind schlecht dieser Abschnitt mit der Aussage schließen kann,
orientiert! – Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Sie dass nach Einschätzung der Fachleute die noch zu
müssen meine Frage schon beantworten!) erzielenden Ergebnisse … die Eignungshöffigkeit
– Herr Grindel, wie ich Ihre Frage beantworte, ist letzt- des Salzstocks voraussichtlich nicht in Frage stellen
lich meine Sache. Sie haben das Thema angesprochen, können.
zu dem ich mich gerade äußere. (Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Wenn das al-
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ les ist, was Sie haben, ist das zu wenig!)
DIE GRÜNEN – Zurufe von der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Aufstehen! Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Aufstehen!) Herr Kollege.
Ich bin mit der Beantwortung der Frage noch nicht
fertig. Sebastian Edathy (SPD):
Ich bin am Ende der Beantwortung der Frage des Kol-
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
legen Grindel.
Solange Sie die Frage beantworten, halte ich die Uhr (Heiterkeit und Beifall bei der SPD, der LINKEN
an, – und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3379
Sebastian Edathy
(A) An dieser Aussage kann es überhaupt keinen Zweifel sung eines neuen bzw. geänderten Rahmenbetriebs- (C)
geben: Es besteht Aufklärungsbedarf. Diesem Rechnung planes – ist unzulässig …
zu tragen, ist die Aufgabe des Untersuchungsausschus-
ses, den wir heute einsetzen. Ich kann Ihnen versichern, Nehmen Sie wenigstens das zur Kenntnis, wenn Ihnen
Herr Kollege Grindel: Das wird mehr werden als eine der Umgang mit dem Untersuchungsausschuss schon re-
historische Kommission oder eine fachpolitische De- lativ egal zu sein scheint.
batte. Vielen Dank.
(Reinhard Grindel [CDU/CSU]: Ein Flop wird (Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
es werden!) DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der
LINKEN – Angelika Brunkhorst [FDP]: Wer
Es wird dabei vielmehr um zentrale, gegenwartsrele-
hat das Gutachten erstellt?)
vante Fragen gehen:
Erstens. Wie war es um die Verflechtung von schwarz- Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
gelber Politik und Atomwirtschaft bestellt? In welcher Als letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt hat
Tradition steht diesbezüglich die neue Bundesregierung? nun das Wort der Kollege Marco Buschmann von der
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten FDP-Fraktion.
der LINKEN) (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
Zweitens. Wurden für die Durchsetzung einer ideolo- der CDU/CSU)
gischen Position wissenschaftliche Gutachten manipu-
liert? Wurde die Öffentlichkeit entsprechend getäuscht? Marco Buschmann (FDP):
Welche Auswirkung hat das auf die Endlagersuche? Ge- Herr Präsident! Meine sehr verehrten Kolleginnen
nau deshalb ist es nicht nur sachlich falsch, sondern eine und Kollegen! Diese Debatte zeigt eines: In Deutschland
Missachtung des Parlaments, wenn wir heute einen Un- tobt ein Glaubenskampf, und dieser Glaubenskampf
tersuchungsausschuss ins Leben rufen und gleichzeitig rankt sich, wie alle anderen Glaubenskämpfe, um einen
die Beplanung von Gorleben weitergehen soll. Das ist Mythos. Dieser Mythos trägt den Namen Gorleben. Das
ein Unding; das geht so nicht. Ich frage mich, was bei ei- zentrale Glaubensbekenntnis seiner Anhänger fasst das
ner so wichtigen Debatte der Bundesumweltminister Greenpeace-Magazin – wie ich finde, recht originell –
Wichtigeres tun könnte, als hier im Plenum zu sein. zusammen:
(B) (Beifall bei der SPD und der LINKEN) Deutschland wird von der Atomindustrie be- (D)
herrscht. Ganz Deutschland? Nein. Im Wendland,
Ich habe gehört, dass der Präsident des Niedersächsi- wo der deutsche Atommüll endgelagert werden
schen Landtags vor wenigen Tagen bei Herrn Röttgen soll, leisten Bauern, Adlige und Freaks seit mehr als
angefragt hat, ob er vor dem Umweltausschuss des Nie- 20 Jahren Widerstand.
dersächsischen Landtags Rede und Antwort stehen
könne. Es kam ein Rückruf aus einem Referat des BMU. (Beifall bei Abgeordneten der SPD – Renate
Es wurde mitgeteilt, weder die Leitungs- noch die Ar- Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
beitsebene wolle gegenüber den Landtagsabgeordneten Bravo!)
Stellung zu dem nehmen, was Sie hier vorhaben. Das ist
unglaublich. Als Sie 1998 in die Opposition kamen, ha- Diese scheinbar harmlose Anspielung auf die Asterix-
ben Sie der damals neugewählten rot-grünen Regierung Comics wie der ganze Mythos Gorleben stellen in Wahr-
zu Unrecht Arroganz der Macht vorgeworfen. Dieser heit das Verfassungsleben der Bundesrepublik Deutsch-
Vorwurf fällt nun – völlig zu Recht – auf Schwarz-Gelb land infrage;
in der Regierungsverantwortung zurück. Was Schwarz- (Ute Vogt [SPD]: Oh ne!)
Gelb praktiziert, ist Arroganz der Macht, das ist Über-
heblichkeit, das ist Politik gegen die Interessen der Men- denn die Glaubenssätze dieses Mythos, den Sie auch hier
schen. predigen, enthalten ganz fundamentale Vorwürfe.

(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem (Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Sie sollten einmal eine Dissertation dazu
schreiben: Mythos und Widerstand am Bei-
Ich empfehle Ihnen zur Lektüre ein Rechtsgutachten, spiel einer Region!)
das vom Bundesamt für Strahlenschutz herausgegeben
wurde; es ist vom 8. September 2009. Dieses Gutachten Sie behaupten, in Deutschland herrsche nicht das Volk,
beantwortet die Frage, ob zulässig ist, was Sie mit der sondern die Energieversorger. Sie behaupten, in Deutsch-
Fortsetzung des alten Bergrechts planen. Auf Seite 57 land gelte nicht das Recht, sondern nur Lobbyinteressen,
dieses Rechtsgutachtens heißt es wörtlich – damit be- und die Bürger könnten sich nicht darauf verlassen, dass
ende ich meine Rede, Herr Präsident –: die relevanten Sicherheitsbelange ausgiebig geprüft wer-
den. Dass diese Glaubenssätze zu einem Glaubenskampf
Eine weitere Erkundung des Bergwerks Gorleben führen, sehen wir an den Bildern dieser heftigen Aus-
auf bergrechtlicher Grundlage – etwa durch Zulas- einandersetzung.
3380 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

Marco Buschmann
(A) Vor dem Hintergrund dieser Glaubenskämpfe, die Sie und unserer Verantwortung für das Vertrauen der Bürge- (C)
mit anheizen, begrüßt die FDP-Fraktion ganz ausdrück- rinnen und Bürger in die rechtsstaatlichen Verfahren un-
lich, dass wir nun einen Untersuchungsausschuss einset- serer Demokratie.
zen;
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Thomas Oppermann [SPD]: Stimmt ihr gleich (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
auch zu?)
denn ein Untersuchungsausschuss ist ein Instrument zur Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Faktenermittlung. Er gibt uns die Möglichkeit, die Sach- Ich schließe die Aussprache.
verhalte, um die es geht, in aller Sachlichkeit aufzuarbei-
ten. Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der
Fraktion der SPD auf Drucksache 17/1161 mit dem Titel
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Thomas „Keine Vorbereitungen für die Wiederaufnahme der Er-
Oppermann [SPD]) kundung des Salzstocks in Gorleben bis zum Abschluss
der Arbeit des 1. Parlamentarischen Untersuchungsaus-
Sachliche Aufarbeitung entzaubert Mythen und führt auf
schusses“. Wer stimmt für diesen Antrag? – Wer stimmt
konkrete Lebenssachverhalte zurück, die wir dann mit
dagegen? – Enthaltungen? – Der Antrag ist eindeutig ab-
klarem Kopf würdigen können. Das trägt hoffentlich
gelehnt.
dazu bei, diesen erbitterten Glaubenskampf, den Sie mit
anheizen, zu beenden oder zumindest zu entschärfen. (Beifall bei der FDP und der CDU/CSU – Ute Vogt
[SPD]: Ganz schön knapp war es schon!)
(Sebastian Edathy [SPD]: Den haben wir
beendet!) Beschlussempfehlung des Ausschusses für Wahlprü-
fung, Immunität und Geschäftsordnung zu dem Antrag
Ob das mit dem Instrument des Untersuchungsaus- der Abgeordneten Ulrich Kelber, Dr. Matthias Miersch,
schusses gelingen kann, liegt nicht allein in den Händen Dorothée Menzner und weiterer Abgeordneter zur Einset-
der Koalitionsfraktionen. Das liegt auch in Ihren Hän- zung eines Untersuchungsausschusses. Der Ausschuss
den. Ich weiß natürlich, dass Sie diesen Mythos gerne empfiehlt in seiner Beschlussempfehlung auf Druck-
predigen, weil er für viele Ihrer Anhänger sinnstiftend ist sache 17/1250, den Antrag auf Drucksache 17/888 (neu)
und ihnen Motivation vermittelt. Ich kann mir schon in der Ausschussfassung anzunehmen. Wer stimmt für
vorstellen, dass Herr Trittin an bessere Zeiten seines Le- diese Beschlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? –
bens denkt, wenn er sich mit dem Mythos beschäftigt; Wer enthält sich? –
(B) (Beifall bei der FDP – Renate Künast (Lachen bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ (D)
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sorgen Sie DIE GRÜNEN – Sebastian Edathy [SPD]:
einmal dafür, dass Gelsenkirchen bessere Zei- Schizophrene FDP-Fraktion!)
ten erlebt!)
Erlauben Sie, dass ich diese Abstimmung wiederhole!
aber die Verantwortung in diesem Haus ist eine andere.
(Lachen bei der SPD, der LINKEN und dem
Wenn die Fakten durch den Untersuchungsausschuss BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Renate Künast
geklärt sind, dann sollten Sie mit dem Predigen von My- [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nein! Warum
then aufhören, denn?)
(Beifall bei Abgeordneten der FDP und der – Damit sich einige klar werden können, wie sie stim-
CDU/CSU) men sollen. – Noch einmal: Wer stimmt für diese Be-
schlussempfehlung? – Wer stimmt dagegen? – Wer ent-
spätestens dann sollten Sie an die Stelle des Mythos einen
hält sich? – Die Beschlussempfehlung ist mit Mehrheit
nüchternen Sachverhalt setzen, spätestens dann sollten
angenommen.
wir uns gemeinsam darum bemühen, den Glaubenskampf
in diesem Land, der auf dem Rücken der Menschen aus- Wir sind damit am Schluss unserer heutigen Tages-
getragen wird, zu beenden. Das schulden wir alle gemein- ordnung.
sam unserer Verantwortung, unserer Verantwortung für
Ich berufe die nächste Sitzung des Deutschen Bun-
den Rechtsfrieden in unserem Land
destages auf Mittwoch, den 21. April 2010, 13 Uhr, ein.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Die Sitzung ist geschlossen.
Für den Rechtsfrieden? Den haben Sie in Sa-
chen Atomenergie gebrochen!) (Schluss: 14.54 Uhr)
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010 3381

(A) Anlagen zum Stenografischen Bericht (C)

Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten

entschuldigt bis entschuldigt bis


Abgeordnete(r) einschließlich Abgeordnete(r) einschließlich

Alpers, Agnes DIE LINKE 26.03.2010 Keul, Katja BÜNDNIS 90/ 26.03.2010
DIE GRÜNEN
Barchmann, Heinz- SPD 26.03.2010
Joachim Krischer, Oliver BÜNDNIS 90/ 26.03.2010
DIE GRÜNEN
Bernschneider, Florian FDP 26.03.2010
Krüger-Leißner, SPD 26.03.2010*
Burchardt, Ulla SPD 26.03.2010 Angelika
Burkert, Martin SPD 26.03.2010 Krumwiede, Agnes BÜNDNIS 90/ 26.03.2010
DIE GRÜNEN
Canel, Sylvia FDP 26.03.2010
Kunert, Katrin DIE LINKE 26.03.2010
Dr. Danckert, Peter SPD 26.03.2010
Dr. Lehmer, Max CDU/CSU 26.03.2010
Drobinski-Weiß, Elvira SPD 26.03.2010
Dr. de Maizière, Thomas CDU/CSU 26.03.2010
Duin, Garrelt SPD 26.03.2010
Dr. Merkel, Angela CDU/CSU 26.03.2010
Erdel, Rainer FDP 26.03.2010
Nietan, Dietmar SPD 26.03.2010
Ernstberger, Petra SPD 26.03.2010*
(B) Freitag, Dagmar Özoğuz, Aydan SPD 26.03.2010 (D)
SPD 26.03.2010
Pflug, Johannes SPD 26.03.2010
Friedhoff, Paul K. FDP 26.03.2010
Pitterle, Richard DIE LINKE 26.03.2010
Gabriel, Sigmar SPD 26.03.2010
Remmers, Ingrid DIE LINKE 26.03.2010
Dr. Geisen, Edmund FDP 26.03.2010
Peter Rix, Sönke SPD 26.03.2010
Dr. Gerhardt, Wolfgang FDP 26.03.2010* Roth (Esslingen), Karin SPD 26.03.2010
Golombeck, Heinz FDP 26.03.2010 Dr. Schavan, Annette CDU/CSU 26.03.2010
Golze, Diana DIE LINKE 26.03.2010 Scheelen, Bernd SPD 26.03.2010
Göring-Eckardt, Katrin BÜNDNIS 90/ 26.03.2010 Dr. Schwanholz, Martin SPD 26.03.2010
DIE GRÜNEN
Silberhorn, Thomas CDU/CSU 26.03.2010*
Gottschalck, Ulrike SPD 26.03.2010
Dr. Steffel, Frank CDU/CSU 26.03.2010
Götz, Peter CDU/CSU 26.03.2010
Thiele, Carl-Ludwig FDP 26.03.2010
Groschek, Michael SPD 26.03.2010
Ulrich, Alexander DIE LINKE 26.03.2010*
Groth, Annette DIE LINKE 26.03.2010
Vogel (Kleinsaara), CDU/CSU 26.03.2010
Dr. Hein, Rosemarie DIE LINKE 26.03.2010 Volkmar
Hempelmann, Rolf SPD 26.03.2010 Wagner, Daniela BÜNDNIS 90/ 26.03.2010
DIE GRÜNEN
Höfken, Ulrike BÜNDNIS 90/ 26.03.2010
DIE GRÜNEN Weinberg, Marcus CDU/CSU 26.03.2010
3382 Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 35. Sitzung. Berlin, Freitag, den 26. März 2010

(A) Anlage 2 (C)


entschuldigt bis
Abgeordnete(r) einschließlich
Amtliche Mitteilung

Werner, Katrin DIE LINKE 26.03.2010 Die Fraktion der SPD hat mitgeteilt, dass sie den An-
trag EU-Beitrittsgesuch Islands unterstützen und ver-
Wieczorek-Zeul, SPD 26.03.2010 antwortungsvoll begleiten auf Drucksache 17/1163 zu-
Heidemarie rückzieht.

Winkler, Josef Philip BÜNDNIS 90/ 26.03.2010*


DIE GRÜNEN

Zimmermann, Sabine DIE LINKE 26.03.2010


* für die Teilnahme an der 122. Jahreskonferenz der Interparlamenta-
rischen Union

(B) (D)

Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-7980