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Medien

KONZE RNE

Mit Liz und Tücke


Die Bertelsmann-Stiftung ist eine der mächtigsten privaten Denkfabriken des Landes
und mischt sich kräftig in die Politik ein. Ihre Unabhängigkeit wird gern betont.
Doch in Wahrheit hat die Mohn-Familie erheblichen Einfluss. Von Thomas Schuler

Z
um Lokaltermin brachte die Unter-
nehmerwitwe Liz Mohn auch ihren
Sohn Christoph mit. Im Stadtmu-
seum von Gütersloh galt es im Februar,
Großes zu präsentieren: ihren verstorbe-
nen Gatten, in Bronze.
Schon zwei Jahre zuvor hatte das Mu-
seum auf Initiative der Bertelsmann-Stif-
tung eine Dauerausstellung „Stiften und
Schenken“ eingerichtet. Nun besichtigte
Frau Mohn die neu aufgestellte Plastik
ihres am 3. Oktober vergangenen Jahres
verstorbenen Mannes Reinhard, einst Pa-
triarch des milliardenschweren Buch-, TV-
und Druckerei-Imperiums Bertelsmann.
„Das ist ein guter Platz“, lobte sie.
Stiften und Schenken – mit diesem
Zweiklang identifiziert sich der Clan gern,
nicht nur, wenn es um eine vergleichswei-
se günstige Büste geht. Im Prinzip fußt
darauf die gesamte Konzernphilosophie
von Reinhard Mohn, der dazu schon 1977
die Bertelsmann-Stiftung ins Leben rief.

RAIMUND VORNBAEUMEN / NEUE WESTFÄLISCHE


Aus der Idee ist mittlerweile eine deut-
sche Institution geworden, die nicht nur
das Milliardenunternehmen kontrolliert
und besitzt, sondern darüber hinaus mit
dem Geld der Mohns viel Gutes tun will.
Stiften ist schließlich schenken. Diese Bot-
schaft verbreitet man seit vielen Jahren.
Die Wirklichkeit indes ist komplizierter.
Reinhard Mohn hat nicht nur die All-
gemeinheit, sondern vor allem auch sich
und seine Familie mit der Stiftung be- Unternehmerin Liz Mohn, Reinhard-Mohn-Büste: „Das ist ein guter Platz“
schenkt. Es ging um den Machterhalt für
künftige Mohn-Generationen.
Er selbst hat daraus nie einen Hehl ge-
macht. Seine „dominierende Zielset-
zung“ war „die Sicherung der Unterneh-
menskontinuität“. So hat er es 1986 in
seinem Buch „Erfolg durch Partner-
schaft“ selbst formuliert. Allerdings kön-
nen Mohns Frau und Kinder ihre Anteile
deshalb auch nicht so einfach steuern wie
andere Familienunternehmer. Zumindest
auf den ersten Blick.
Heute hält die Stiftung 77,4 Prozent der
Kapitalanteile der Bertelsmann AG, die
JUERGEN STUMPE / LOOK-FOTO

restlichen Anteile gehören der Familie


(siehe Grafik rechts). Aber das heißt mit-
nichten, dass der Einfluss der Dynastie
schwindet.
Die Kernfrage lautet: Wer kontrolliert
die Stiftung? Da sie selbst nicht operativ
ein Unternehmen führen soll, wurde zu- Bertelsmann-Repräsentanz in Berlin: „Sicherung der Unternehmenskontinuität“

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nächst die Bertelsmann Verwaltungsge- zahlreichen Einrichtungen der Familie diese komplizierten Machtstrukturen geht.
sellschaft (BVG) zwischengeschaltet. In geführt. Mit ihr hat die Witwe insgeheim Das passt nicht ganz zum Anspruch, doch
ihr sitzen Familienmitglieder wie auch wohl das Fundament geschaffen, langfris- vor allem der Allgemeinheit zu dienen.
ausgewählte Manager und verwalten 100 tig den Einfluss ihrer Familie über den Aber es passt dazu, dass die Gedanken
Prozent der Stimmrechte über den Kon- Konzern sicherzustellen. bei Bertelsmann letztlich vor allem um
zern. Doch darüber wurde eine weitere Eigentlich gehören Stiftungen ja nur sich das eigene Unternehmen kreisen.
Gesellschaft, die BVG-Stiftung, installiert. selbst und sind nur einer Satzung unter- Selbst in die engsten Zirkel der rot-grü-
Deren Chefin: Liz Mohn. worfen. Doch auch die große Bertels- nen Regierung hatte es die Stiftung einst
Von dem Konstrukt wissen selbst lang- mann-Stiftung ist mittlerweile indirekt geschafft: Die Denkfabrik half Kanzler
jährige Mitarbeiter in Gütersloh nichts. abhängig von der kleinen Schwester BVG- Gerhard Schröder bei einer Initiative zum
So öffentlichkeitswirksam Frau Mohn ge- Stiftung. Und trotz aller propagierten ge- Bürokratieabbau, beriet die Hartz-Kom-
legentlich auftritt, so verborgen wird die sellschaftlichen Offenheit zeigen sich die mission und eröffnete mit Bundespräsi-
kleinste, jüngste und unbekannteste der Gütersloher eher zugeknöpft, wenn es um dent Horst Köhler das Forum Demografi-
scher Wandel.
Kurz: Die Bertelsmann-Stiftung ist der
Igel, der immer schon am Ziel ist und am
besten gleich mit einer Laufanalyse wedelt,
wenn der Hase Politik angehechelt kommt.
Ihre hochspezialisierten Fachleute betreu-
en heute Behörden, Ministerien und Insti-
tutionen – was die Bertelsmann-Tochter
Arvato zudem als eigenständigen Ge-
schäftszweig für sich entdeckt hat.
Mit Hilfe ihres wissenschaftlichen
Know-hows tummelt sich die Stiftung
heute in allen Bereichen der Gesellschaft.
Dabei bereitet sie bisweilen – Zufall oder
nicht – dem Unternehmen das Feld.
Öffentlich stritten Firma und Förder-
einrichtung stets ab, dass man sich koor-
diniere. Die Stiftung vertrete doch nur
Reformideen, die im Interesse des Allge-
meinwohls lägen. Doch ein Schriftwech-
sel aus dem Jahr 1999 lässt einen anderen
Schluss zu.
Hintergrund: In den neunziger Jahren
hatte sich die Stiftung verstärkt dafür ein-
gesetzt, dass Aufsichtsbehörden über das
Privatfernsehen abgeschafft werden. Das
Kartellamt sei doch ausreichend, um Wett-
bewerb zu gewährleisten. Zugleich entwi-
ckelte sich die RTL-Gruppe zum Gewinn-
garanten der Gütersloher.
Damals war der Top-Manager Mark
THOMAS KUNSCH

Wössner gerade von der operativen Spit-


ze des Unternehmensvorstands in die
Führung der Stiftung gewechselt. Im neu-
Schüleraktion der Bertelsmann-Stiftung: „Die Sensibilität ist erheblich gewachsen“ en Amt notierte er, dass „wir Wissen und
Intentionen auf unserer Seite (Privatfunk)
deutlicher bündeln und koordinieren
Komplexes Konstrukt BVG-Stiftung Vorsitz: Liz Mohn müssen“. Zu diesem Zweck regte Wöss-
Kapital- und Stimmrechtsanteile Haupt- ner eine Routine-Runde mit Mitarbeitern
bei der Bertelsmann AG anteils- des Konzerns an. Die Stiftung reagierte
eigner umgehend in Wössners Sinne. „Unsere
Bertelsmann- Familie Seite (Privatfunk)“ – Wössners Formu-
Stiftung Mohn Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft lierung zeigt, wie man bei Bertelsmann
offenbar die Interessen der AG als Inter-
77,� % KAPITALANTEILE ��,� % STIMMRECHTE ��� % esse der Stiftung deutete.
Wössner war für eine Stellungnahme
nicht erreichbar. Der jetzige Boss der Stif-
tung, Gunter Thielen, vorher selbst Vor-
standschef im Konzern, betont indes, dass
beide Seiten völlig unterschiedliche Stra-
tegien verfolgen.
„In unserer heutigen Zeit ist es doch
eine Illusion, dass eine Stiftung oder ein
Die Bertelsmann-Stiftung und Familie Mohn haben beide ihre Stimmrechte an die
Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) abgegeben. Liz Mohn hat auch über Unternehmen ein Land wie die Bundes-
die kaum bekannte BVG-Stiftung bestimmenden Einfluss auf den Konzern. republik nach ihren Vorstellungen formen
und prägen kann“, sagt Thielen. Er weiß
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JENS HARTMANN / PEOPLE PICTURE


Kanzlerin Angela Merkel, Brigitte und Liz Mohn: Hase und Igel

aber auch: „Die Sensibilität an den wenn doch eigentlich die Stiftung die An- Es gibt Liz Mohn bereits jetzt weitgehen-
Schnittstellen zwischen Stiftung und Un- teile am Konzern übertragen bekam? den Einfluss auf wichtige Entscheidungen
ternehmen ist erheblich gewachsen.“ Da Die zwischengeschaltete BVG ist quasi der BVG und damit der Bertelsmann-Stif-
hätten sich „aber auch die Einstellungen das Schaufenster der Macht, aber nicht tung und des Konzerns.
in unserer ganzen Gesellschaft spürbar ihr alleiniges Zentrum: Sie stellt heute Ihre Macht hat nun noch im sogenann-
verändert“. Das sei durchaus in Gütersloh die Hauptversammlung dar und bestimmt ten Lenkungsausschuss eine ausschlag-
„angekommen“. die Höhe der Dividende. Sie ernennt und gebende Lücke. Hier entscheiden neben
Noch 1998 betonte Reinhard Mohn in verabschiedet mittelbar Vorstandschefs Familienmitgliedern auch externe Top-Ma-
einem Handbuch, das seine Stiftung und dirigiert die Zusammensetzung des nager wie Jürgen Strube oder der frühere
selbst herausgab, eine operative gemein- Aufsichtsrats. Sie entscheidet auch über Deutsche-Bahn-Aufsichtsratsboss Dieter
nützige Stiftung arbeite „ausschließlich die Ausschüttung der Gewinne des Un- Vogel mit. Allesamt verdiente Führungs-
im Sinne des übergeordneten Gesell- ternehmens an Stiftung und Familie. kräfte. Liz Mohn hat jedoch ein Vetorecht.
schaftsinteresses“. Sie brauche „keine Ab- Am 4. Juni 2007 unternahmen Reinhard Zudem ist sie hier von Vertrauten umge-
hängigkeiten zu fürchten, und sie darf es und Liz Mohn einen weiteren Schritt zur ben, die vor rund zwei Jahren akzeptier-
wagen, auch unbequeme Wahrheiten aus- Kontrolle über die BVG und damit über ten, dass ein Großteil ihrer BVG-Anteile
zusprechen“. Es gehe ihr „nicht um ma- Stiftung und Unternehmen gleichermaßen. auf die kleine BVG-Stiftung übertragen
terielle Vorteile, sondern um den gesell- Damals wurde vereinbart, dass auch die wurden, so dass Frau Mohn nun 80 Pro-
schaftlichen Fortschritt“. Im Falle seines Sonderrechte des Patriarchen über die zent der Stimmen bei der BVG kontrol-
eigenen Konstrukts spricht allerdings vie- BVG auf seine Gattin übergehen sollen, wie liert. Diese noch mit Reinhard Mohn ver-
les dafür, dass die Mohns kaum etwas so es in einem weiteren internen Memo heißt. abredete Maßnahme bringe „zusätzliche
sehr fürchten wie Unabhängigkeit. Sie sollte diese Rechte auf ein Familien- Stabilität, weil die Mehrheit der BVG-An-
Seit 1980 haben sie mehr als 20-mal die mitglied der nächsten Generation übertra- teile dauerhaft zugeordnet ist“, so Thielen.
Satzung geändert und letztlich dafür ge- gen dürfen, ausdrücklich genannt sind Nach dieser Neuordnung fehlt nur noch
sorgt, dass sich die Einrichtung langfristig „z. B. Brigitte, Chris“ – also Tochter Brigitte ein wichtiger Schritt, und Liz Mohn hielte
in der Hand der Familie befindet. und Sohn Christoph. „Danach gehen die die umfassende Macht in Händen, was Di-
Bereits 2003 schrieb ein Bertelsmann- Sonderrechte endgültig unter.“ Der Familie vidende, Vorstand und Aufsichtsrat betrifft.
Jurist eine Notiz an Liz Mohn: „Die Sat- bliebe also nur noch eine Generation Für die dazu nötige Änderung des Gesell-
zung der Bertelsmann-Stiftung sieht vor, Macht? Wenige Monate später kam noch schaftervertrags brauchte sie auch Stim-
dass nach dem Ableben von Herrn Rein- ein weiteres Vehikel ins Spiel: die unschein- men der anderen. Große Gegenwehr für
hard Mohn seine Sonderrechte in der Stif- bare BVG-Stiftung. Am 21. Dezember 2007 so ein Vorhaben wäre kaum zu erwarten.
tung untergehen. Es besteht durchaus die erkannte die Bezirksregierung in Detmold, Denn vielleicht würden es die Top-Ma-
Gefahr, dass dies bei der Bertelsmann- die zuständige Aufsicht für Gütersloh, das nager, die nun mit kleineren Anteilen in
Stiftung zu einem Zustand des Machtva- neue Konstrukt an. Einzige verfügungsbe- der BVG sitzen, nur ungern zugeben,
kuums führt.“ Doch es gebe Hilfe: Liz rechtigte Vertreterin: Liz Mohn. aber mittlerweile sind sie vor allem eines:
Mohns Berater machte mehrere Sonder- Als Zweck wurde angegeben: „Kinder-/ eine schöne Fassade für die Familie Mohn.
rechte aus, die auf sie übertragen werden Jugendhilfe, Waisen, mildtätige Zwecke,
sollten, darunter das Recht zur Satzungs- Wissenschaft und Forschung – allgemein Schuler, 45, veröffentlichte 2004 das
änderung, mit dem Liz Mohn künftig Kunst und Kultur – allgemein Völkerver- Unternehmens- und Familienporträt „Die
praktisch alles ändern könne. ständigung“. Eine Standardformulierung, Mohns“ über das Medienimperium Ber-
Wenige Wochen später wurde die Sat- die für alles und nichts steht. telsmann. Vergangene Woche erschien
zung geändert, die Stiftungsaufsicht Bislang hat sich das Vehikel denn auch sein neues Buch („Bertelsmann Republik
stimmte zu. So begann ein Prozess, der weder mit der Förderung von mildtätigen Deutschland. Eine Stiftung macht Poli-
letztlich offenbar immer um die Frage Zwecken noch von Waisenkindern, Mu- tik“. Campus Verlag, Frankfurt am Main;
kreiste: Wie sichert sich die Familie Mohn sik oder Wissenschaft hervorgetan. Dafür 304 Seiten; 24,90 Euro), in dem er einen
den Einfluss im Hause Bertelsmann, wird es einem anderen Zweck gerecht: Teil des Unternehmens beleuchtet.
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