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7.
Unterrichtseinheit:
Die Gemeinde
Nahversorgung als und ihre Bürger
Daseinsvorsorge

Dozent: Armin König

1 FHSV
+
2

Hinführung

Bürger ohne Nahversorgung?

Im Saarland hat in den letzten 24 Monaten eine ganze Reihe von


Einzelhandelsgeschäften geschlossen. So wurden zahlreiche
Läden wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben. Das betrifft
insbesondere Ladengeschäfte mit einer Größe von bis zu 1000
qm. Z.T. waren die Ladenbetreiber nicht in der Lage, notwendige
Modernisierungsinvestitionen (etwa im Bereich Kasse /
Warenbewirtschaftung) aufzubringen.

Dass kleinere Läden wegen fehlender Perspektive geschlossen


werden, ist seit etwa zehn Jahren Geschäftsphilosophie der
großen Handelsunternehmen. Selbst die genossenschaftlich
organisierte Edeka, die lange an kleineren ortsnahen Läden
festhielt, ist mittlerweile eindeutig auf diesem Weg. Immer mehr
„nah und gut“-Märkte müssen aufgeben, auch dann, wenn es die
letzten Nahversorgungs-Geschäfte in kleineren Gemeinden sind.
Schon 2001 wurde in Zeitungsberichten darüber spekuliert, dass
der Konzern mittelfristig 2000 Filialen in Deutschland wegen
mangelnder Rentabilität schließen werde. Das wurde zwar
dementiert, heute sind aber wir mitten in diesem Prozess der so
genannten Marktbereinigung.

Handelsexperten rechnen vor, dass es den Läden erst ab etwa


1000 qm Verkaufsfläche gelingt, die Vorteile des Supermarktes
richtig auszuspielen. Auch die Discounter Aldi und Lidl setzen
inzwischen auf Betriebsgrößen von 1200 bis 1500 qm. Wo die
Vorgaben nicht (mehr) erreicht werden, ist das Ende absehbar.
Damit verlieren vor allem kleinere Gemeinden ihre letzten
Einkaufsmöglichkeiten – und auch ein Stück Daseinsvorsorge.

Für mobile Kunden ist dies kein Problem. Doch wer kein Auto
hat, sieht im Wortsinn oft alt aus. Dabei stehen wir nach Ansicht
von Handelsexperten erst am Anfang eines weiteren
Konzentrationsprozesses.
3

Wenn Kunden
fremdgehen, schließen
die Geschäfte
Grundvoraussetzungen für funktio- Schuld daran sind vor allem die
nierenden Einzelhandel sind ausrei- Kunden. So lange sie die Waren des
chender Umsatz und ein Ge- täglichen Bedarfs im Ort gekauft haben,
schäftsergebnis, das Existenz sichernd konnten die Einzelhändler leben. Doch
für den Geschäftsinhaber ist. dann kamen die Supermärkte, und mit
den Supermärkten starben die Tante-
Emma-Läden. Nach den Supermärkten
Wenn kleine oder auch mittlere Läden
folgten die Discounter und schließlich
schließen, rufen Bürger gern nach der
die Einkaufsriesen auf der grünen
Verwaltung oder der Politik, die die
Wiese. Auf gigantischen Flächen
Probleme der Nahversorgung lösen
wurden Vollsortimenter aus dem
sollen. Dass die Kunden selbst
Lebensmittelsektor mit Textil- und
wesentlich zur aktuellen Entwicklung
Möbelhandel kombiniert, und damit
beitragen und beigetragen haben, wird
begann der Exitus der kleinen
oft ausgeblendet. Auch die
Geschäfte, der bis heute anhält.
Zahlengrundlagen sind kaum bekannt.

Die Kunden gingen fremd, weil sie in


Sabine Hagmann vom
den Globus-, Real- und Kaufland-
Einzelhandelsverband Baden-
zentren auf engstem Raum alles
Württemberg e.V. hat in einer
bekamen, was sie brauchten – und
Beispielrechnung für eine Ort von 3.000
billig tanken konnten sie dort auch. Es
Einwohnern deutlich gemacht, dass ein
gab Parkplätze im Überfluss – und jede
Umsatz von 795.000 ! pro Jahr bei
Menge Lockangebote. Der
weitem nicht ausreicht, die Existenz
aufkommende Online-Handel führt zu
eines Kaufmanns oder einer Kauffrau zu
weiterer ernst zu nehmender
sichern. Zieht man vom Rohgewinn die
Konkurrenz für den Handel. Die
Kosten für Personal, Mieten, Energie-
Abwärtsspirale beschleunigt sich, die
und Raumkosten, Fahrzeug, Werbung
Nahversorgung bricht weg. Und die
usw. ab, bleiben am Ende 7.318 ! im
Alten, die zurückbleiben und nicht
Jahr. Das Geld verdient ein
mobil sind, müssen sehen, wo sie
Lehrerehepaar in einem Monat! Und
bleiben. Wie der Teufelskreis zu
damit wird auch deutlich, warum die
durchbrechen ist, weiß derzeit keiner.
Zahl der Leerstände in den Orten
immer weiter zunimmt. Während die
Kosten permanent steigen, sinkt der Die Bürger selbst könnten die
Ertrag immer weiter. Die Arbeit als Entwicklung steuern: indem sie wieder
Einzelhändler macht einfach keinen mehr im Ort kaufen, wenn neue
Sinn mehr. Nahversorgungskonzepte erprobt
werden.
!"

Michael Gutjahr: Silvia Horn / Ulrich Kollatz

„Viele Institutionen und Verbände „Die Nahversorgung ist ein


prognostizieren, dass in den wichtiger Bestandteil der gesell-
nächsten Jahren in über der Hälfte schaftlichen Teilhabe, deren Sicher-
aller Kommunen im ländlichen stellung gewährleistet die grundge-
Raum keine hinreichende setzlich geforderte ‚Gleichwertig-
Nahversorgung mit Waren und keit der Lebensverhältnisse‘. In
Dienstleistungen mehr vorhanden zunehmendem Maße gestaltet sich
sein wird. Seit Jahren sind die jedoch die Nahversorgungs-
Privatisierung, Globalisierung und situation, insbesondere im länd-
Zentralisierungsabsicht von lichen Raum, aber auch in kleineren
verschiedensten Unternehmen zu Städten ... problematisch. Verant-
beobachten. Viele Kommunen wortlich hierfür sind unter anderem
haben dies durch schmerzhafte die massiven strukturellen Verände-
Einschnitte bei der Versorgung rungen des Einzelhandels in den
bereits erfahren. Die über letzten Jahren (Verdrängungswett-
Jahrhunderte gewachsenen bewerb, Flächenexpansion, Globali-
wirtschaftlichen Strukturen des sierung, Filialisierung etc.), als auch
Handels, der Dienstleistung, des die einsetzenden Veränderungen
Lebensmittelhandwerks, der auf Grund der demographischen
Versorgung der Bevölkerung in Entwicklung (Bevölkerungsrück-
unseren Kommunen ist in wenigen gang, Überalterung, Wanderungsbe-
Jahren nicht nur ins Wanken wegungen etc.
gekommen, ja sie drohen komplett
wegzubrechen. Eine Kommune ohne Vielfach wird deutlich, dass sich
Wirtschaftsleben wird zu einer durch den Rückzug und das
reinen Schlafstatt. Wegbrechen der Einzelhan-
delsstrukturen ebenfalls die
Eine Ende dieser Entwicklung ist gesellschaftlichen, ... sozialen und
noch nicht in Sicht und wird durch kommunikativen Möglichkeiten der
die demografische Entwicklung ... Bevölkerung in diesen Gebieten
noch verschärft. Der Erhalt der parallel negativ entwickeln – unter
Nahversorgung mit Dienstleistungen anderem eine Konsequenz des
und Produkten ist für jede Kommune Verlustes der frequentierten
eine Herausforderung für die Kristallisationspunkte in den
Zukunft.“" Dörfern, Stadtteilen und Städten.“

!"
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Wichtige Begriffe

SB-Warenmärkte und Verbrauchermärkte: Großflächige


Einzelhandelsbetriebe mit mindestens 1.500 qm Verkaufsfläche. Ab
5.000 qm handelt es sich um SB-Warenhäuser. Sie führen ein
umfangreiches Nahrungs- und Genussmittelangebot
(Vollsortimenter) und Non-Food-Waren.

Lebensmittel-Discounter (discount = Rabatt, Preisnachlass):


Einzelhandelsunternehmen wie Aldi, Lidl und Netto, die sich
tendenziell durch Niedrigpreise, beschränktes Warenangebot (800
Artikel), einfache Warenpräsentation und aggressive Preispolitik
auszeichnen. Lag die Verkaufsgröße zunächst bei 400 bis 1000 qm, so
hat sich diese inzwischen auf 700 bis 1500 qm erhöht.

Supermärkte: Einzelhandelsunternehmen, die auf einer


Verkaufsfläche von 400 bis 1.500 qm über ein breites Sortiment vor
allem an Lebensmitteln verfügen. In den letzten Jahren ist ein Trend
zu attraktiver Frischwarenpräsentation (Obst, Gemüse, Fleisch, Käse,
Molkereiprodukte, Fisch) zu erkennen. Sie waren bisher Träger der
Nahversorgung in Städten und größeren Gemeinden, geraten aber
zunehmend unter Druck der Discounter und der großen SB-
Warenhäuser und Verbrauchermärkte.

Lebensmittel-Fachgeschäfte: bisher klassische Nahversorger vor


allem in Gemeinden und Kleinstädten. Mehr oder weniger breites
Lebensmittelangebot, dazu Artikel des kurzfristigen Bedarfsbereichs.
In der Regel deutlich teurer als Discounter.
#"

Daseinsvorsorge Mögliche Alternativen

Der von Ernst Forsthoff geprägte Begriff Das Thema Nahversorgung spielt
bezichnet die Bereitstellung von sowohl in der wissenschaftlichen
Infrastruktur, Sozialeinrichtungen sowie Diskussion als auch in der
kulturellen, technischen und sozialen Erprobung von Best-Practice-
Dienstleistungen, die für die
Modellen eine zunehmende Rolle.
Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens
von erheblicher Bedeutung sind. Dazu
zählen als Teil der Leistungsverwaltung Als Alternativen werden vor allem
die Bereitstellung von Wasser, Nachbarschaftsläden und so
Entsorgungsdienstleistungen, Schulen, genannte KOMM-IN-Läden getestet,
Kindergärten, Krankenhäuser, in denen private und kommunale
Pflegedienste, Friedhöfe,
Dienstleistungen zusammengefasst
Sporteinrichtungen,
werden. Zum Teil werden die
Gesundheitseinrichtungen.
Einrichtungen nebenamtlich oder
ehrenamtlich geführt.
In den letzen Jahren sind zahlreiche
Leistungen der Daseinsvorsorge in
privatrechtliche organisierte Sie sind kein vollwertiger Ersatz für
Gesellschaften oder Zweckverbände die bisherige Nahversorgung,
ausgelagert (outgesourct) worden. können aber dazu beitragen, eine
Grundversorgung sicherzustellen.
Im ländlichen Raum sind durch
demographischen Wandel und
strukturelle Umbrüche
Einschränkungen im Umfang der bisher
von den Kommunen bereitgestellten
Infrastruktureinrichtungen zu erwarten.

Auch die Nahversorgung mit


Lebensmitteln gehört zur
Daseinsvorsorge. Dies wird zu einer
neuen Herausforderung für die
öffentliche Hand.

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