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Über den Autor:

Bisher veröffentlicht:

Tabula Rasa

21.12.500, 18:50 - Direktorats-Luftschiff 'Katharsis'

21.12.500, 18:50 - T25200

21.12.500, 19:30 - Janea von Ulm

21.12.500, 02:00 - Direktoratsstadt-A

22.12.500 - Unbekannter Ort zwischen Ulm und dem Bodensee

28.12.500 - Neu Cannstatt

Direktoratsstadt-A

 
 
Spes Impavida
 
Von Ryek Darkener
 
 

Buchbeschreibung:
Der Kampf um die Zukunft der Erde geht weiter, und er erfordert neue Allianzen.
 
Auf Befehl des Direktorates wurde Ulm durch den Einsatz des Himmelsfeuers vollständig zerstört. Die wenigen Überlebenden werden zu genötigten Helfern beim Aufbau von neuen Produktionsstätten. Aus Feinden werden Verbündete auf Zeit gegen das Direktorat. Doch der Gegner ist zu mächtig, ein bewaffneter Kampf aussichtslos. Hilfe für die Erde kann nur von dort kommen, wo die Quelle der Unterdrückung sitzt: außerhalb des Sonnensystems. Ein verwegener Plan wird geschmiedet. Die nächste Etappe des Rennens um die Zukunft der Menschen beginnt.
 
 
 
 
 
 
 
 

Über den Autor:
  
Ryek Darkener ist seit geraumer Zeit in virtuellen Welten unterwegs.
Das Schreiben begann er mit Fan-Fiction Kurzgeschichten, die sich auf ein Online-Spiel beziehen. Im Laufe der Zeit kamen eigene Themen dazu.
Ryek schreibt Science Fiction, Fantasy, Mystery. Sein großes Projekt ist eine dystopische Saga "aus der Welt nach dem Letzten Krieg".

Bisher veröffentlicht:
  
Urban contemporary Fantasy
  
Pivot
E-Book, 80 Normseiten, ISBN: 978-3-8476-6381-2 (neobooks)
  
Fliegen lernen mit Rabe
E-Book, 230 Normseiten, ISBN: 978-3-7380-2218-6 (neobooks)
  
Inspektor Mops - Common Sense
E-Book, 250 Normseiten, ISBN: 978-3-7427-8831-3 (neobooks)
  
dystopische Science-Fiction
  
Tabula Rasa - Eine Geschichte aus der Welt nach dem Letzten Krieg
E-Book, 650 Normseiten, ISBN: 978-3-8476-7720-8 (neobooks)
Taschenbuch direkt vom Autor
  
Spes Impavida - Eine Geschichte aus der Welt nach dem Letzten Krieg
E-Book, 740 Normseiten, ISBN: 978-3-7380-5059-2 (neobooks)

 
 
 
 
 
 
Spes Impavida
 
Eine Geschichte aus der Welt nach dem Letzten Krieg
 
Von Ryek Darkener
 
Leseprobe
 

Impressum
 
Ryek Darkener
c/o Papyrus Autoren-Club, Pettenkoferstr. 16-18
10247 Berlin
 
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Internet-Impressum Ryek Darkener:
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Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Autors ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
  
Alle in diesem Text vorkommenden Personen und Gegebenheiten sind frei erfunden. Es gibt keinerlei dem Autor bekannte Verbindungen zu real existierenden Menschen oder Gegebenheiten. Übereinstimmungen sind daher zufällig.

 
Am Ende werden alle Rechnungen bezahlt.
 
Überliefert aus den Direktorats-Gründungsprotokollen der Stifter.
 

Tabula Rasa
21.12.500, 18:50 - Direktorats-Luftschiff 'Katharsis'
"Drei - Zwei - Eins - Shutdown!"
Im Luftschiff, dreißig Kilometer über der Stadt, gingen die Monitore aus. Das Brummen der Generatoren erstarb, die 'Katharsis' glitt antriebslos durch den Luftozean der Stratosphäre. Die Besatzung senkte die Köpfe.
 
Das Gleißen der atomaren Explosion erzeugte ein schattenrissartiges Nachbild, bevor die Visiere der Helme komplett abdunkelten.
"Energie ein! Notfall-Stabilisierung!"
Die Generatoren sprangen an, die Datenkabinette und der Schiffsantrieb erwachten zum Leben.
"Festhalten!"
Ein Ruck durchfuhr das Schiff. Verstrebungen ächzten unter der Belastung, als der Deltarumpf des hundert Meter langen Bombers sich zur Seite legte und verwand. Die Schockwelle trug ihn nach oben wie einen Korken auf tosendem Wasser.
Der Navigator manövrierte das Luftschiff mit einiger Mühe vor dem Wind. Das Schwanken und Rütteln verebbte.
Ein paar Minuten später befahl der Kommandant, zu stoppen und die Position zu halten. "Navigator, Status!"
"Höhe 35 Kilometer, Position 20 Kilometer nordöstlich vom Bodennullpunkt. Innerhalb des Schiffes keine akute Gefährdung durch Strahlung. Datenkabinett zwei offline wegen EMP, Reparatur läuft. Struktur und Gaszellen unbeschädigt. Die Scanner für den Nahbereich sind beschädigt. Sie können mit Bordmitteln nicht instand gesetzt werden." Er lachte hart. "Aber auf zweitausend Meter wollen wir dort sowieso nicht heran, oder?"
Die Besatzung konnte das Aufatmen des Kommandanten deutlich in den Helmlautsprechern hören. "Es ist vollbracht. Beginnt mit der Dokumentation der Zerstörung und der Analyse der Radioaktivität."
 
Die Schiffssensoren verrichteten ihre Arbeit. Sie hielten fest, dass der Ort, der erstmals im Jahre 854 alter Zeitrechnung erwähnt wurde, aufgehört hatte zu existieren. Das Ulmer Münster erschien auf den Monitoren wie ein Grundriss, den eine kosmische Macht in den Boden gebrannt hatte. Am Bodennullpunkt war, im Sinne des Wortes, kein Stein auf dem anderen geblieben. Der umgebende Wald brannte bis weit den Albanstieg hinauf. Die typische Pilzwolke expandierte noch, und der Fallout würde das Areal für mehrere Jahre unbewohnbar machen. Das Direktorat hatte mit dem Schwert des Himmels eine Stadt erschlagen. Zehntausend Menschen in einer Millisekunde ausgelöscht.
"Ist das Ganze nicht eine Nummer zu groß geraten?", fragte der Navigator. "Es wird Kollateralschäden in der Roten Zone geben."
"Ich bin sicher, dass das einkalkuliert ist. Zur Warnung und Abschreckung." Auf der Konsole blinkte ein Signal. Der Kommandant bestätigte. "Ja?"
"Ortung hier. Wir hatten kurz vor Einsatz des Himmelsfeuers einen Kontakt auf dem Ulm-Neckar-Kanal. Ein Frachtschiff der Alten. Unsere Datenbank benennt es als 'Janea von Ulm'. Vor sieben Monaten mit Genehmigung des Direktorates aus dem Kölner Depot in Dienst gestellt."
"Na und?"
"Es befand sich auf dem Weg zur Südschleuse. Möglicherweise konnte es den Tunnel erreichen, bevor das Himmelsfeuer gezündet wurde."
"Danke für die Information. Suche das in Frage kommende Gebiet intensiv auf Überreste des Schiffes ab."
 
Nach einer Viertelstunde stand fest, dass die 'Janea' nicht mit der Stadt untergegangen war.
Der Kommandant traf eine Entscheidung. "Es ist kaum anzunehmen, dass das Schiff für eine längere Zeit im Tunnel verbleiben darf. Das würde der uns bekannten Logik des Albtunnels widersprechen. Die Überlebenden müssen in absehbarer Zeit auf der Nordseite herauskommen. Wir werden dort sein, um den Auftrag abzuschließen."
"Was sollen wir dem Direktorat melden?"
Die Stimme des Kommandanten klang unwillig. "Mit solchen Kleinigkeiten belästigen wir niemanden da oben. Navigator: Kurs setzen zum Tunnelausgang Nord. Funker?"
"Ja?"
"Übermittle dem Direktorat die folgende Botschaft:
Gemäß Anordnung wurde die Stadt Ulm vom Antlitz der Erde getilgt. Das eingesetzte Himmelsfeuer ebnete das Münster ein und verwüstete die Umgebung in weitem Umkreis. Keine der bekannten Infrastrukturen ist erhalten geblieben. Es ist nicht davon auszugehen, dass es Überlebende gibt."

21.12.500, 18:50 - T25200
Karl saß mit der Familie beim Abendessen, als ein greller Lichtschein die heruntergelassenen Fensterläden durchdrang. Nach einigen Sekunden verblasste er und verschwand.
Von draußen erklangen Rufe. "Feuer! Feuer!"
Karl sprang auf, stieß beinahe den Tisch um. Er rannte zur Haustüre, öffnete sie und wollte heraustreten, um zu helfen. Doch er sah er nur die Lichter in den Fenstern der umliegenden Häuser. Das Frösteln, das ihn erfasste, kam nicht von der Kälte des Winterabends. Spannung lag in der Luft, wie ein Seil, das immer stärker beansprucht wurde. Ein kurzes Beben ließ den Ort vibrieren. Dann warf ihn ein furchtbarer Knall um. Er ging rücklinks im Eingang zu Boden, taub, sich die Ohren zuhaltend, schreiend. Sein Haus, wie fast alle im Ort aus Holz gebaut, zitterte, als ob ein Riese daran rütteln würde. Er rappelte sich auf. Ein heftiger Wind fegte durch die Straßen. Karls Ohren klingelten. Er konnte nicht hören, was vor sich ging, aber er war sicher, dass er gebraucht wurde. Ein gespenstisches Licht war am Horizont aufgeflackert. Aus den anderen Häusern kamen Menschen gestürzt, entsetzt rufend, wie er aus den verzerrten Gesichtern entnahm. Er sah nach Südosten. Hinter den Bergen musste es lichterloh brennen. Die vor ihm liegenden Hügel der Schwäbischen Alb erschienen wie Scherenschnitte.
Er rannte zur Unterkunft der Wächter der Bischöfe von Köln und Ulm, die sich hier in den letzten Wochen einquartiert hatten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er nicht fror, obwohl er keine Jacke übergezogen hatte.
Jeremias winkte ihn zu sich. Sein Gesicht war aschfahl. Karl rieb sich die Ohren und zeigte Jeremias, dass er nichts hören konnte. Jeremias bedeutete ihm, abzuwarten. Karl nickte. Kurze Zeit später ging ein Rauschen und Kribbeln durch seine Ohren. "Wenn du laut sprichst, dann kann ich dich verstehen. Hoffe ich."
Er sah, dass Jeremias zitterte. Von der Kälte, die zurückkehrte?
Jeremias schüttelte fassungslos den Kopf. "Sie haben es getan! Bei der Göttin! Sie haben es tatsächlich getan!"
Karl packte ihn am Revers der Kutte. "Reiß dich zusammen, Mann! Der ganze Ort ist in Aufruhr! Wer hat was getan?" Er ahnte die Antwort, weigerte sich, sie zu glauben.
Jeremias löste Karls Griff und wischte mit dem linken Arm über die Augen. Seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. "Das Direktorat. Sie haben Ulm zur Höchststrafe verurteilt. Das Urteil wurde soeben vollstreckt."
Karl erstarrte.
Jeremias holte seinen Kommunikator aus der Tasche und aktivierte ihn.
Auf dem Bildschirm erschien das gefasste Gesicht von Bischof Marek Kroycz. "Ich weiß. Njemile hat es mir angekündigt, bevor sie …", er stockte, "… von uns gegangen ist. Ulm ist nicht mehr."
"Der Wille der Stifter geschehe", antwortete Jeremias automatisch.
Marek sog scharf die Luft ein. Für eine Sekunde sahen Karl und Jeremias einen anderen Mann.
Jeremias schloss die Augen, um die aufwallenden Gefühle zu verbergen. "Deine Befehle, Bischof?", fragte er mit rauher Stimme.
"Nimm eine Handvoll Wächter und Helfer und begib dich in Sichtweite der nördlichen Kanaleinfahrt. Ich habe Grund zur Annahme, dass es, vielleicht, Überlebende geben könnte. Falls dem so ist, dann werden sie mit der 'Janea' kommen. Karl?"
"Ja?"
"Sorge dafür, dass in der Stadt Ruhe einkehrt. Ich werde, so schnell ich kann, zu euch kommen. Wenn die 'Janea' es geschafft haben sollte, dann müsst ihr zwischen tausend und zweitausend Menschen aufnehmen und beherbergen. Bis ich entschieden habe, was mit ihnen passiert. Benachrichtige die anderen Temporären Siedlungen den Neckar hinab. Sie werden unterstützen müssen."
"Aye. Marek?" Karl dankte im Stillen der Göttin, dass er wieder hören konnte; die pochenden Kopfschmerzen ignorierte er.
"Ja?"
"Was sage ich meinen Leuten?"
"Die Wahrheit. Ulm wurde auf Befehl des Direktorates ausgelöscht, um der Gefahr, die durch Johann Vogler entstanden ist, Herr zu werden."
"Dafür mussten zehntausend Unbeteiligte sterben?", fuhr Karl auf.
Marek sah ihn eisig an. "Es gibt im Leben keine Unbeteiligten. Genauso wenig, wie es Unschuldige gibt. Es war die Entscheidung der Ulmer, Johann Vogler gewähren zu lassen. Sie haben den Preis für ihr angebliches Unbeteiligtsein gezahlt."
Karl hielt Mareks Blick nicht stand. Er beugte sein Haupt. "Es ist also gemäß dem Willen der Stifter geschehen."
"Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, die Stadt Ulm wurde nach geltendem Recht verurteilt und hingerichtet."
"Bitte?"
Karl war verwirrt. Jeremias’ Augen blitzten.
Mareks Worte duldeten keinen Widerspruch. "Ihr habt eure Befehle. Haltet mich auf dem Laufenden und informiert mich sofort, wenn die 'Janea' aus dem Berg kommt, wofür ich zur Göttin bete. Wenn sie bis morgen früh nicht in der Stadt eingetroffen ist, dann sind meine Gebete nicht erhört worden. Wie auch immer: Bereitet euch darauf vor, die Zukunft der Temporären Neckarstädte in die Wege zu leiten."

21.12.500, 19:30 - Janea von Ulm
Ein Streichholz kratzte über eine Oberfläche, flackerte auf. Schwaches Licht erhellte die Brücke.
"Jelena?"
Schweigen. Das Streichholz ging aus. Das Schluchzen setzte wieder ein.
 
"Jelena?"
Die Frage verklingt. Es wird still auf der Brücke. Aus dem Laderaum ist das Gewimmer von Neugeborenen, Kindern, Erwachsenen, zu hören.
"Jelena. Wir müssen weitermachen." Flüsternd. Drängend.
"Wozu? Wozu?"
"Wir haben das Schiff voller Menschen."
"Lass mich sterben. Bitte."
"Jelena. Wir haben die Leute bis hierhin gebracht. Wir haben nicht das Recht, einfach wegzugehen und sie zurückzulassen."
Keine Antwort.
 
Jan, der neben Jelena auf dem Boden saß, starrte in die lichtlose Leere. Ein großer Teil der Welt, die er kannte, hatte aufgehört zu existieren. Das Letzte, was er von ihr gesehen hatte, war ein blendendes Licht, welches bis in den Einfahrtbereich des Alb-Tunnels hinein die Vernichtung Ulms kundgetan hatte. Der Schild hatte sich rechtzeitig geschlossen, so dass der Frachter der Alten von der nuklearen Katastrophe verschont blieb.
Njemile Kern, die Bischöfin von Ulm, war dort mit ihrem Feind zugrunde gegangen. Zusammen mit zehntausend Menschen, denen es bis zuletzt egal gewesen war, wer sie beherrschte.
Die Weltregierung, das Direktorat, hatte Ulm ausradiert. Hingerichtet. Im Berg, auf dem Schiff, waren über tausend Menschen, dank der Voraussicht Njemiles und der Gnade der Göttin. Übrig geblieben. Für wie lange: ungewiss.
Er rüttelte Jelena sanft an der Schulter. "Jelena. Wir müssen …"
Jelena schüttelte Jans Hand ab. "Ich bin müde. Lass mich sterben."
Jan zog Jelena an sich, umarmte sie. Wartete. Das monotone Rauschen der Schutzluft-Anlage beruhigte ihn. Seine Gedanken verließen den Ort, an dem er war: Die Dunkelheit öffnete sich, er sah einen Himmel voller Sterne. Ein Schiff glitt mit gewölbtem Spinnacker darüber hinweg. Das reflektierte Sonnenlicht ließ das Segel metallisch glänzen. Ein Gefühl irrationaler Erleichterung ergriff ihn. Eines Tages würde er so einen Sternensegler steuern, zusammen mit …
Jelenas brüchige Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart. "Hast du noch ein Streichholz? Ich muss den verdammten Hauptschalter umlegen. Hoffentlich passiert überhaupt etwas, die Schiffsenergie war fast auf null …" Ihre Stimme verebbte zu einem Hauch.
Jan räusperte sich. "Zumindest die Lebenserhaltung läuft auch ohne die zentralen Datenkabinette. Es muss noch elektrische Energie da sein."
 
Ein Streichholz flammte auf.
Jelena schob sich von Jan weg, sah sich um, atmete schwer. "Gut. Ich …"
"Bleib auf dem Boden, wenn es einfacher ist. Aber beweg dich. Bitte."
Jelena kroch zum Schaltkasten. Das Streichholz erlosch.
"Brauchst du Licht?"
"Nein. Ich schaff das so."
Metall schabte auf Metall, eine Verrieglung zu Seite wurde bewegt. Jan hörte Jelena leise fluchen, als sie nach dem Hauptschalter tastete. KLACK! Für einen Augenblick hoffte Jan aus ganzem Herzen, dass damit das Schiff in die Luft gesprengt würde. All sein Schmerz ein Ende fände.
 
Die Einsatzbeleuchtung füllte den Raum mit einem gespenstischen Rot-Weiß.
"Schritt eins erledigt. Jetzt muss ich wohl den Schlüssel ins Schloss stecken."
"Aye."
"Nun denn. Im Namen der Göttin und im Namen Njemiles."
Jan zögerte. Dann neigte er den Kopf in Erinnerung. "Ja. Jetzt und in Ewigkeit."
"Wenn es doch nur so einfach wäre."
Ein elektrisches Summen übertönte die Lüftung. Die 'Janea' erwachte zum Leben.
"Systemcheck läuft. Energie für 30 Minuten, solange wir nicht fahren. Jan, an deinen Platz. Was haben wir draußen?"
Jan erhob sich mit einiger Mühe und ging zur Ortungskonsole. Wenige Sekunden später bekam er Informationen. Die Positionslampen des Schiffes gaben genug Licht für die hochempfindlichen Außensensoren.
"Der Einfahrtbereich nach Norden ist passierbar, soweit ich es einschätzen kann. Ein paar Trümmer treiben im Wasser, die sollten kein Problem sein. Der Tunnel Richtung Ulm …", er stockte, "… ist versperrt." Er sah sich zu Jelena um.
Ihre Augen glühten im Halbdunkel. "Dafür werden sie bezahlen. Und wenn ich in die Hölle gehen muss. Sie werden bezahlen, das schwöre ich bei der Göttin."
Jan schüttelte sich. "Lass uns feststellen, wie es den anderen geht." Er fasste sich an die Stirn. "Verdammt! Kaija!"
"Du sagst es." Sie bedeutete Jan, zu warten. "Ich will keinen Lärm mit der Sprechanlage machen. Aisling oder Mandrine werden sich melden, sobald …"
 
Es klopfte am Schott. "Jelena? Jan? Seid ihr da drin?"
Jelena öffnete den Zugang und ließ Mandrine ein. "Wie geht es …" Die Frage blieb ihr im Hals stecken.
Mandrines Gesichtsausdruck war sehr ernst. "Kaija hat ihre beiden Kinder zur Welt gebracht. Sie sind wohlauf."
"Was ist mit Kaija?"
"Eisenhard kümmert sich um sie", wich Mandrine der Frage aus. "Aisling versorgt die Zwillinge. Ich muss los zum Lazarettbereich. Dinge und Leute besorgen. Jelena? Wann können wir weiter?"
Jelena starrte Mandrine an, als ob sie ein Wesen aus einer anderen Welt wäre. "Wie meinst du das: Weiter? Ich habe die Schiffssysteme hochgefahren und warte vergeblich auf den Anruf des Tunnel-Datenkabinetts. Was ist mit dem komischen Kommunikator von Kaija? Falk oder so!"
Mandrine grinste verzerrt. "Da hätte ich auch allein drauf kommen können! Davon abgesehen: Sind wir fahrbereit?"
"Nur wenn wir rudern. Frag Falk, was für diesen Fall vorgesehen ist."
"Falls wir ihn wieder zum Leben erwecken können. Aye." Mandrine drehte sich um und war verschwunden, bevor Jan weitere Fragen stellen konnte.
"Nein! Du bleibst hier!", forderte Jelena. "Egal was mit Kaija ist, du wirst dort im Moment nicht gebraucht. Bring deinen Teil der Schiffssysteme in Schwung!"
Jan biss die Zähne zusammen. "Aye."
Ein warmes Lächeln erschien kurz auf Jelenas Gesicht. "Danke. Lass mich jetzt bitte nicht allein. Sobald Mandrine übernehmen kann, darfst du gern nach Kaija sehen."
Jan nickte knapp und wandte sich seinen Geräten zu. "Das Tunnelsteuersystem fordert einen Datenzugang an. Allerdings ist die Frage automatisch. Ohne Falk können wir von unserer Seite her nicht mehr tun als die Forderung erfüllen. Da ist ein Sicherheitsprotokoll aktiv."
Jelena überlegte nicht lange und gab dem Schiff einige Befehle über den Touchscreen. "Gut. Ich schalte dem Tunnel die komplette Steuerung und die Datenkabinette frei. Voller Lese- und Schreibzugriff."
"Bist du sicher?"
Jelena beendete die Aktion, warf einen Blick auf ihre Anzeigen und zuckte resignierend mit den Schultern. "Wir haben nichts zu verbergen. Wenn uns nicht bald jemand hilft, sind wir am Arsch."
 
***
 
"Wie ist die Lage?", fragte Eisenhard.
Mandrine, die eine Kiste mit Erstausstattung und Nahrung brachte, machte eine ratlose Geste. "Wir leben noch. Das ist die gute Nachricht. Wiard, Robert und Merlan organisieren zusammen mit den Wächtern und Rechtsaufsehern einen geregelten Ablauf. Das Schiff ist derzeit nicht in der Lage zu fahren. Kaum Energie. Wenigstens waren wir auf Geburten vorbereitet." Sie stellte die Kiste ab und sah zu Eisenhard hinüber. "Das medizinische Material und die Trage kommen so schnell wie möglich. Wenn es nicht um Kaija ginge …"
"Ich weiß!", schnappte Eisenhard zurück. Er beugte sich über Kaija, die totenbleich und stumm zur Decke starrte. Eine stählerne Ampulle lag neben ihr auf dem Bett. "Die Naniten allein werden es nicht richten." Er schluckte. "Das war wahrscheinlich die letzte auf der Erde verfügbare Dosis. Wir müssen klassisch weitermachen. Dafür brauche ich ein vollausgerüstetes Krankenhaus! Was gerade in die Luft gesprengt wurde!" Er schlug mit der Faust auf die stählerne Schiffshülle ein.
"Das bringt uns nicht weiter. Eisenhard, bitte!", fuhr Aisling ihn an.
Eisenhard hielt ein und starrte abwesend auf die blutende Faust. "Ja. Stimmt wohl. Danke auch." Er sah sich nach Verbandsmaterial um.
Mandrine kam zu ihm. "Ich helfe dir. Aisling: Kannst du versuchen, Falk zu aktivieren? Jelena kommt über das Schiff nicht an die Tunnelzentrale heran."
"Aye. Hoffen wir das Beste." Aisling nahm den Kommunikator, der neben Kaija auf dem Tisch lag. Ein Schwindelgefühl ergriff sie, und sie musste sich auf das Bett setzen.
"Alles in Ordnung?", fragte Eisenhard besorgt.
Aisling atmete tief ein. "Ja, ich denke schon." Ein Zittern lief durch ihren Körper. "Ich hätte das Ding besser auf ein elektrisches Gerät legen oder an die Lampe halten sollen, bevor ich es einschalte. Für einen Moment dachte ich, der saugt mich auf." Sie lächelte verträumt. "Ich weine. Ihr seht es nur nicht."
 
"Hallo Aisling", kam Falks neutrale Stimme aus dem Kommunikator. "Ich registriere, dass sich Kaija in einem kritischen Zustand befindet. Wie ist die Lage?"
Aisling atmete tief ein. "Ulm wurde zerstört. Wir befinden uns mit über tausend Menschen im Eingangsbereich des Albtunnels auf der …", sie stockte, "… der Ulmer Seite. Der Schild hat unsere Leben gerettet. Bisher. Die Tunnelsteuerung nimmt keinen direkten Anruf des Schiffes entgegen. Kannst du helfen?"
Kaijas neugeborene Kinder meldeten sich.
"Macht weiter. Ich kümmere mich um sie", sagte Mandrine.
Aisling sah Mandrine seltsam an.
Mandrine lachte. "Ich habe schon mehr Kinder als du versorgt. Wenn auch keine eigenen. Frag Jelena, sie hat sich nie beklagt. Wenn der Herr Doktor vielleicht ein wenig helfen würde…"
"Besser das, als sich den Tod zu wünschen." Es war Eisenhard anzusehen, dass er froh war, keine Zeit für sinnlose Gedanken zu haben. Er folgte Mandrine in den Nebenraum.
Auf Falks Display war nur der Text "Bitte warten" zu lesen.
Nach einigen Minuten klopfte es an der Tür. Eisenhard kam und ließ die beiden Sanitäter ein. Gemeinsam legten sie Kaija auf die Bahre.
Eisenhard folgte den Sanitätern. An der Tür drehte er sich kurz um. "Falls jemand fragt: Ich werde sie in ein künstliches Koma versetzen. Und beten, dass sie so schnell wie möglich nach Köln kommt. Mehr kann ich nicht für sie tun."
Dann war er verschwunden.
 
"Aisling?" Falks Stimme klang besorgt.
"Ja. Wie sieht es aus? Kaija muss schnell zu einem Krankenhaus gebracht werden. Das nächste wäre Köln. Wie kommen wir da hin?"
"Das wird problematisch. Der Tunnel sieht sich als Unbeteiligten im Konflikt. Er wird sich nicht gegen das Direktorat stellen."
Aisling hätte den Kommunikator beinahe gegen die Wand geschleudert. Sie schrie enttäuscht auf.
"Bist du verletzt?"
"Nein, verdammt! Aber in spätestens einem Tag genauso tot wie die anderen tausend, die auf diesem Blecheimer vor sich hin schmoren! Will der Tunnel das Todesurteil des Direktorates zu Ende führen? Das soll Neutralität sein? Dann hätten wir in Ulm bleiben können! Das Direktorat ist den bequemen Weg gegangen! Erzähl mir bloß nicht, dass dieses Vorgehen durch die Regeln der Stifter gedeckt ist! Sie haben zwei ihnen unliebsame Fraktionen aus dem Weg geräumt, wo sie für eine hätten aktiv Partei ergreifen müssen! Sie haben die Stifter verraten! Aus Eigeninteresse verraten!" Aisling schnappte erschreckt nach Luft, als sie sich über die Schwere der Anschuldigung klar wurde. "Sie haben die Menschen verraten. Sie rauben und töten für sich selbst. Oder im Auftrag eines anderen", flüsterte sie entsetzt. "Johann und Njemile haben mehr gewusst, als sie uns gesagt haben. Du weißt es auch, Falk! Gib es zu! Egor muss es gewusst haben!" Sie warf den Kommunikator auf das Bett.
Falk begann hektisch zu blinken. "Aisling, wie ich sehe, hat Kaija bisher nicht die letzte Botschaft ihres Vaters abgehört."
"Na und?"
"Ich kann sie nicht für mich abspielen, weil ich dazu nicht autorisiert bin. Aber ich könnte sie hören, wenn mir jemand das erlaubt, während sie abgespielt wird."
"Was soll das denn heißen?"
Falks Stimme wurde drängend. "Das heißt, dass meine Programmierung mich daran hindert, Dinge zu hören oder zu sehen, die nicht für mich bestimmt sind. Vergleiche mich mit einem Boten, der verschlossene Briefe überbringt. Ich habe Zugriff auf die analytischen Ressourcen des Tunnels. Möglicherweise ist dein emotionaler Ausbruch mehr als nur ein emotionaler Ausbruch. Ich brauche diese Informationen. Und Sicherheit."
"Was hat das mit Egor zu tun?"
"Er war in den letzten Tagen vor seinem Tod sehr geheimnisvoll. Hat nicht einmal mir vertraut. Aisling: Die Tunnelsteuerung ist ein fast lebendiges Wesen. Aber es kennt keine Gefühle, kein Mitleid. Sie wägt nur Optionen gegen ihre Programmierung ab. Vielleicht hast du einen Trumpf in der Hand. Wenn Egor wirklich etwas gewusst hat. Oder Vermutungen gehabt, die uns jetzt weiterhelfen können."
"Was soll ich tun?"
"Höre Egors letzte Nachricht ab und erlaube mir, sie zu analysieren."
"Ich dachte, die ist nur für Kaija?"
"Kaija hat dich zu ihrer Vertretung und Nachfolge eingesetzt."
Aisling runzelte die Stirn. "Kann es sein, dass du gerade interpretativ unterwegs bist?"
"Sagen wir es so: Meine Programmierung enthält einige Elemente der Fuzzy Logic. Wie sonst könnte ich auf die Menschen menschlich wirken?"
 
***
 
"Wir müssen reden."
Jelena und Jan sahen zu Aisling, die zusammen mit Mandrine auf die Brücke gekommen war.
"Wie geht es Kaija?", war Jans erste Frage.
"Eisenhard wird es dir erklären." Aisling senkte kurz die Augen, holte Luft. Dann sah sie Jan offen an. "Es geht ihr sehr schlecht. Wir müssen Entscheidungen treffen, um unser und Kaijas Leben zu retten."
"Kann ich zu ihr?" Jan bewegte sich auf die Tür zu.
"Jan, bitte!" In Aislings Augen erschien ein harter Glanz. "Wir haben nicht viel Zeit."
Jan ballte die Fäuste und atmete betont langsam aus. Er entspannte sich, so gut es ging. "Fang an."
Aisling zog Falk aus der Tasche. "Falk hört mit und wird uns, soweit es ihm möglich ist, beraten. Die Situation ist wie folgt: Die Tunnelsteuerung ist aufgrund einer Neubewertung ihrer Informationen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Zerstörung Ulms sich nicht allein mit dem Willen der Stifter erklären lässt. Darum wird der Tunnel bis auf Weiteres geschlossen bleiben."
"WAS?" Jelena starrte Aisling an. "Sollen wir hier sterben? Oder den Rest unseres Lebens verbringen?"
"Lass mich bitte ausreden!", drängte Aisling. "Um einen Konflikt mit dem Direktorat zu vermeiden, wird der Tunnel fürs Erste die neutrale Position beibehalten, die er bisher hatte. Das heißt, wir werden den Tunnel auf der Nordseite verlassen. Wir erhalten, um das Gleichgewicht herzustellen, eine komplette Aufladung des Energiespeichers der 'Janea'."
Jan legte den Kopf schräg. "Warum? Hier gibt es nichts umsonst. Was ist der Preis?"
"Das Warum ist einfach erklärt. Ohne Energie kommen wir hier nicht mehr heraus, was wir aber müssen. Die Aufladung soll uns die Möglichkeit geben, für eine gewisse Zeit autark zu agieren. Damit wir beim Transport der Flüchtlinge niemandem zur Last fallen. Ich denke, Bischof Kroycz wird sich darüber freuen. Der Preis ist Falk. Wir werden ihn zurücklassen. Damit verhindern wir, dass das Direktorat Zugriff erlangt. Der Kommunikator wird für maximal fünf Jahre verwahrt werden, bis Kaija … bis Kaija oder ein anderer Bevollmächtigter ihn in Besitz nimmt. Sollte sich die Situation in dieser Zeit in Richtung des vom Tunnelsteuersystem errechneten Negativszenarios entwickeln, werden die Pforten auf unabsehbare Zeit geschlossen."
"Wie kommen wir ohne das Ding wieder in den Tunnel?", wollte Jelena wissen.
"Das Ding wird sein Ohr in der Welt haben. Es kann es über jeden Kommunikator des Direktorates und der Vereinigten Kirchen direkt kontaktiert werden. Es spricht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt eine Genehmigung bekommen. Für den Fall des Eintreffens des positiven Szenarios, wann auch immer das sein wird", gab Falk bekannt.
"Und falls nicht?"
"Dann wird laut der Prognose niemand mehr auf der Erde am Leben sein, um sich darüber zu beschweren."
 
Jan schüttelte heftig den Kopf, um das Durcheinander seiner Gedanken abzuschütteln. "Was passiert, wenn wir am Tunnelausgang vom Direktorat erwartet werden? Das ist nicht von der Hand zu weisen."
"Damit müsst ihr allein fertig werden. Ihr werdet einen Eiltransport erhalten. Auf mehr wird sich die Tunnelsteuerung nicht einlassen. Und das ist schon eine ganze Menge."
"Was heißt das?", wollte Jelena wissen.
"Eure Reise bis zum Nordausgang wird ab jetzt weniger als eine Stunde dauern."
"Das ist unmöglich!" Jelena stockte. "Soweit wir den Tunnel bisher kennen. Ich vergaß."
Aisling hob die Hand. "Sieht irgendjemand von euch eine andere Alternative? Wir sind in der Hand der Göttin und der einer Maschine. Mehr konnte ich als Mensch nicht herausholen." Sie lehnte sich erschöpft an die Wand. "Jelena? Mandrine?"
"Machen wir es so", stimmte Jelena zu.
"Ich habe keine bessere Idee", sagte Mandrine.
"Jan?"
Jan zögerte kurz. "Wir haben keine Wahl, oder?"
"Nein." Aisling sah zu Jan. "Nimm den Kommunikator und wirf ihn über Bord. Dann setzt Kurs auf die Wand zwischen den beiden inneren Tunnelschilden." Sie hielt die Hand mit Falk nach oben. "Im Namen der Göttin und der Stifter stimme ich der Vereinbarung zu."
Auf der rechten Seite der Brücke öffnete sich eines der Fenster, und die Panzerung fuhr herunter.
Jan nahm den Kommunikator. "Bist du sicher, Falk?"
"Ich bin immer sicher. Eine Maschine kennt keine Zweifel, nur Wahrscheinlichkeiten."
"Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir das lebend durchstehen?"
"Das willst du nicht wirklich wissen. Vertraut auf den göttlichen Faktor und darauf, dass ihr bei Weitem mehr seid und könnt, als ihr im Augenblick wisst."
"Also dann." Jan warf Falk in die Dunkelheit hinaus. "Jelena, Kurs wie vereinbart. So gut es noch geht."
"Aye."
 
Die 'Janea' lichtete die Anker und setzte sich im Schritttempo in Bewegung.
"Kurs gegen die Wand, wie befohlen."
Die Wand wich mit erstaunlicher Geschwindigkeit zurück und enthüllte eine Röhre, in die das Wasser des Eingangsbereiches hineinströmte. Das Schiff folgte der Strömung. Es passte bequem durch die Öffnung.
"Ach, was soll’s!" Jelena nahm ihre Hände von der Steuerung.
Die 'Janea' neigte sich als Ganzes nach vorne, als ob sie sich auf einer Wippe befinden würde. Plötzlich erschien den Reisenden der Tunnel gerade, während das Wasser hinter dem Heck schräg abfiel.
"Was ist denn das?", rief Mandrine erschreckt.
"Technik der Alten", antwortete Jan. Mehr nicht.
Die Wände dieser Röhre waren, im Gegensatz zu denen des anderen bekannten Tunnels, komplett mit einem schwarzen Belag bedeckt, der metallisch schimmerte. Nach kurzer Fahrt halbierte ein heller Streifen oben in der Mitte die Röhre.
"Verdammt, das sieht aus wie ein Kanonenrohr!", flüsterte Jelena.
Jan nickte. "Das habe ich auch gedacht."
"Was soll das Ganze?"
"Die Steuerung des Tunnels nutzt die Röhre für den schnellen Transport großer Elemente, nehme ich an. So wie jetzt des Frachters. Darüber hinaus gibt es offensichtlich eine Energieübertragung, um unsere Batterie aufzuladen. Induktion, Wirbelströme, was weiß ich! Keine Ahnung, warum die Alten dieses Ding überhaupt gebaut haben! Aber so macht der Sternenschiffantrieb im Inneren mehr Sinn als nur für den Schnellaufzug des Schiffshebewerkes. Ich wollte damals niemanden erschrecken, aber dafür hätte es eine deutlich kleinere Anlage getan. Ich werde Marek ein paar Fragen stellen, wenn ich ihn treffe."
"Falls wir hier lebend herauskommen."
"Ja."
Die 'Janea’ raste durch den Tunnel, begleitet vom Rauschen des Fahrtwindes und einem stetigen Brummen. Es roch nach Ozon wie in einem starken Gewitter.
 
Eisenhard betrat die Brücke. "Fahren wir wieder? Wurde auch verdammt Zeit." Er sah die Röhre auf dem Außenmonitor, fuhr zusammen, um dann teilnahmslos mit den Schultern zu zucken. "Jetzt endlich zur Hölle?"
Jan lächelte verkrampft. "Nein, noch nicht. Zum Nordtor. Wie geht es Kaija? Kann ich sie sehen?"
Eisenhards Gesichtsausdruck verfinsterte sich. "Ja, kannst du. Aber schau erst einmal bei den Kindern vorbei. Vielleicht ist Wiard noch da für ein kurzes Gespräch. Kaija schläft. Wir müssen so schnell wie möglich nach Köln kommen, sonst wird sie nicht mehr aufwachen. Entschuldigt mich, ich muss mich um meine Patienten kümmern." Er drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.
 
***
Eine Stunde später erreichte die ’Janea' den Schild des Nordtors. Er war bereits geöffnet. Jelena manövrierte das Schiff langsam hinaus und nahm Kurs auf T-25200.

"Ortung!"
"Was?" Jelena sah zu Jan hinüber.
"Ein Luftschiff des Direktorates! Es befindet sich im Anflug auf uns! Entfernung zehn Kilometer!"
An den vier Säulen an den Ecken der 'Janea' öffneten sich Klappen in der Mitte der Säulen. Objekte starteten, die sich schnell und beinahe lautlos entfernten. Auf Jans Monitor erschienen vier kleine grüne Symbole.
"Drohnen?", keuchte er überrascht. "Was zur Hölle…!"
 
***
 
"Ziel erfasst. Fox-1 bereit."
"Feuer!"
 
***
 
Jan sah die Positionen der gestarteten Drohnen der 'Janea' und das Luftschiff auf seinem Monitor. Sowie etwas, was sich ihnen mit rasender Geschwindigkeit näherte. Durch das Schiff ging ein Ruck, als es fast senkrecht nach links aus der Fahrtrichtung ausbrach. Jan und Jelena mussten sich festhalten, sonst wären sie gestürzt. Ein halbtransparenter, weißer Schleier lege sich über die Ortung. Aus dem Laderaum erklangen Schreie.
Jan zählte die auf dem Display angezeigten Sekunden bis zum Einschlag laut mit und schloss die Augen. "Das war’s dann wohl."
 
***
 
Die Rakete schlug wenige Meter neben dem Schiff ein. Eine gewaltige Explosion drückte es bedrohlich nahe an das linke Ufer. Das Wummern des Antriebes war deutlich zu hören, dazu ein Kreischen, das an kurz hintereinander folgende Blitzeinschläge erinnerte. Der Donner der eigenen Vernichtung blieb aus.
 
***
 
"Meldung!"
"Die haben uns gejammt! Die Scanner zeigen das Schiff nicht da an, wo es ist!"
"Können wir es ausgleichen?"
"Negativ. Verdammt, ich dachte, das ist ein Frachtschiff!"
"Volle Kraft voraus! Navigator: Ballistische Flugbahn rechnen und Raketen optisch ausrichten. Feuerhinweis an mich bei dreitausend Metern! Zwei Geschosse. Diesmal entkommen sie uns nicht!"
 
***
 
Die oberen Teile der vier Rohre klappten wie Blumenblätter auseinander und enthüllten, was sich in ihnen befand. Zum Vorschein kamen kardanische Aufhängungen, in denen ein Aufbau ähnlich einem Spiegelteleskop montiert war. Die Spiegel richteten sich auf das Luftschiff aus.
Jelenas Stimme klang verzweifelt. "Jan! Was passiert hier?"
"Ich weiß es nicht! Das Luftschiff fliegt direkt auf uns zu, und das Datenkabinett behauptet, dass zwei weitere Geschosse scharfgemacht sind!" Auf Jans Konsole erschien eine neue Anzeige: Aktive Abwehr. Jan handelte fast im Reflex und bestätigte.
Nichts geschah.
"Jelena!"
"Was?"
"Bestätige den Feuerbefehl!"
"Ich kann doch nicht auf das Direktorat schießen!"
"Meinst du, die bringen uns dann um? Das wollen die sowieso!"
Aus dem Schiffsbauch war ein hohes Singen zu hören. Auf Jelenas Konsole erschien eine Meldung: R-Laser bereit.
"Jelena! Feuer!", rief Jan verzweifelt.
Jelena gab die Waffensysteme frei. Ein kurzes, mörderisches Fauchen war die Antwort, als die Kondensatoren der Waffen sich entluden.
 
***
 
"Feuer!"
 
***
 
Die Explosion der Raketen zerriss das Luftschiff. Eine Wolke grell aufglühender Trümmer breitete sich aus und erreichte die 'Janea'. Sie war für Sekunden in Elmsfeuer gehüllt, das Wasser kochte. Keiner der Trümmer erreichte das Schiff.
Die Verkleidung der Spiegel klappte herauf und verbarg die Waffen. Wenig später kamen die Drohnen zurück und nahmen ihren Platz in den Säulen ein. Die Startvorrichtungen schlossen sich und die Säulen sahen wieder so aus, als ob sie aus einem Stück wären.
Jan hielt sich an der Konsole fest. "Verdammt! Was war das?"
Jelena stieß einen kurzen Schrei aus. "Sag du es mir, du bist hier der Krieger!"
"Ich versuche, es herauszubekommen. Position halten." Jan verbrachte eine Minute angespannt vor seiner Konsole. "Das darf nicht wahr sein!", entfuhr es ihm. Dann schwieg er. Als er endlich weitersprach, war seine Stimme seltsam ruhig. "Volle Kraft voraus zur Siedlung der Helfer. Wir müssen die Leute von Bord haben, bevor das Direktorat kommt. Und es wird kommen, ganz bestimmt."
"Was macht dich so sicher?"
"Die vom Schiff eingesetzten Waffen. Wir müssen uns so schnell wie möglich mit Bischof Kroycz in Verbindung setzen. Er muss dem Direktorat bestätigen, dass wir uns ergeben haben und das Schiff in der Obhut der Vereinigten Kirchen ist. Sonst werden sie ein weiteres Himmelsfeuer schicken."
"Warum?"
Jan atmete tief durch. "Nicht durch das Direktorat autorisierter Einsatz von Waffen der Alten. Sensordrohnen, Röntgenlaser, energetischer Schild."
"Energetischer was?"
Jan ging nicht darauf ein. "Ich hoffe, man wird uns abnehmen, dass wir von dieser Ausstattung des Schiffes vorher nichts gewusst haben. Dass wir lediglich den Anweisungen eines Automaten gefolgt sind, der auf Erhalt des Schiffes programmiert ist."
 
***
 
Jan saß neben Kaijas Bett. Sie zu berühren hatte er nicht gewagt wegen der Vielzahl der Instrumente und Sensoren, an die sie angeschlossen war. Ihr Gesicht unter der Beatmungsmaske war bleich. Ohne die Anzeigen hätte Jan sie für tot gehalten. Er sah Eisenhard hilfesuchend an.
"Sie lebt. Noch. Ihr Zustand ist kritisch. Mit der Ausstattung des Lazaretts auf dem Schiff kann ich nicht genug für sie tun. Ich habe sie ins Koma versetzt. Kaija muss sehr schnell weg von hier, ich sagte es bereits. Wann können wir nach Köln weiterfahren?"
"Ich weiß es nicht."
Eisenhard war überrascht und enttäuscht. "Wieso?"
"Weil wir gerade ein Luftschiff des Direktorates zu Staub zerblasen haben. Wahrscheinlich das, welches Ulm vernichtet hat."
Eisenhard wurde blass vor Schreck, doch seine Augen verrieten andere Gefühle. "Ach! Darum hat der Kahn plötzlich so geschaukelt." Er knirschte mit den Zähnen. "Dann sind wir alle in der Hand der Göttin. Wieder einmal."
"Sind wir das nicht immer?"
"Mag sein. Jan? Darf ich dich etwas Persönliches fragen? Über Kaija?"
"Kommt drauf an."
"Wie ergeben ist Kaija der Sache der Stifter?"
Jan musterte Eisenhard eindringlich. "Soll das dein Ernst sein? Was glaubst du, wo wir wären, wenn sie es nicht wäre?"
Eisenhard schüttelte den Kopf. "Das meine ich nicht. Versteh mich bitte nicht falsch. Ich kenne Kaija auch schon eine Weile." Er lächelte verschmitzt. "Genau genommen sogar länger als du. Mir kam sie bisher ziemlich fremdgesteuert vor. Ja, sie hat sich entwickelt. Dennoch. Ich will eine andere Meinung hören. Das bewährt sich immer in kritischen Situationen. Also?" Er sah Jan fragend an.
Jan neigte den Kopf. Als er wieder aufsah, war sein Blick klar. "Was auch immer geschieht: Ich bin davon überzeugt, dass Kaija den Weg der Stifter gehen wird. So, wie Njemile ihn gegangen ist. Nur ihr Tod wird sie davon abbringen können, und selbst da bin ich mir nicht sicher." Er zögerte. "Auf der Brücke des Schiffes, als wir losgefahren sind, da glaubte ich, dass Njemiles Geist von ihr Besitz ergriffen hat. Aber sie ist nicht besessen. Sie hat ein Muster übernommen und es zu ihrem eigenen gemacht." Er sah die Schlafende verlegen an. "So sehr, wie ich sie schätze, als Frau und als meine Jagdgefährtin, so sehr habe ich Angst vor dem, was aus ihr werden wird, wenn sie überlebt."
"Jan?"
"Ja?"
"Ich muss eine schwere Entscheidung treffen. Ich muss ein Verbrechen begehen, um Kaija für die nächsten Tage am Leben zu erhalten. Ich weiß nicht, ob ich es tun soll. Ich rede von Palliativum."
Jan zuckte zusammen. "Nein!"
"Doch. Ohne das Medikament …"
"Kaija ist fünfundzwanzig, nicht vierzig! Warum?"
"Kaija wurde im September von einem vergifteten Armbrustbolzen getroffen. Das Gegenmittel, das ich hatte, war in der Menge nicht ausreichend. Die Scans zeigen einen Gehirnschlag, der, bisher, reparabel sein wird. Sowie weitere Schwachstellen an den Hauptschlagadern im Körper. Sie wird in den nächsten zwölf Stunden innerlich verbluten, wenn ich nichts tue. Das Palliativum ist meine letzte Hoffnung, sie lange genug zu stabilisieren, bis wir in Köln sind. Hier sind meine Möglichkeiten sehr begrenzt."
Jan sah Eisenhard durchdringend an. "Was gibt es in Köln, was es in Ulm nicht gab?"
Eisenhard senkte den Blick. "Eine Chance. Mehr nicht."
Jan hatte den Eindruck, dass Eisenhard nicht die ganze Wahrheit sagte.
"Wenn ich das Palliativum anwende und Kaija überlebt, wird sie biologisch nicht mehr altern", fuhr Eisenhard fort. "Sie wird einen wacheren Geist haben als zuvor. Sie wird, wenn sie es will und trainiert, zu körperlichen Leistungen fähig sein, die man bei einer Frau wie ihr nicht erwarten würde. Um es platt zu sagen: Um sie totzukriegen, werden ihre Feinde einen ziemlichen Aufwand treiben müssen. Doch am Ende werden die Rechnungen bezahlt. Der Preis dafür ist ein verkürztes Leben." Er machte eine Pause, bevor er weitersprach. "Deshalb habe ich dich gefragt. Ob Kaija bereit wäre, diesen Preis zu zahlen. Wenn sie mit uns sprechen könnte. Ich kann das nicht allein entscheiden!"
"Du legst mir eine schwere Last auf. Ich soll ihr ein Drittel ihres Lebens nehmen."
"Das sie nicht haben wird, wenn wir nichts tun. Es geht darum, zu versuchen, ihr Leben zu verlängern. Jetzt. Und hier. Für uns. Also?"
"Ich dachte, dass das Palliativum abhängig macht."
"Palliativum ist alles, was ich noch habe. Ich weiß nicht genau, wie es wirkt, wenn ich es jetzt verabreiche. Der Rest liegt in der Hand der Göttin. Ich scheine mich zu wiederholen." Er wischte sich mit der Rechten den Schweiß von der Stirn.
"Eisenhard, wenn ich nicht so große Hochachtung vor deinen medizinischen Fähigkeiten hätte, dann würde mich der Verdacht beschleichen, dass du mir gerade Magie unterschieben willst."
"Du bist näher dran, als du glaubst. Ich erwarte ein Wunder."
"Wenn sie überlebt: Wer wird es ihr sagen?"
"Das nehme ich auf mich. Falls es dich interessiert: Wiard hat zugestimmt."
Jan fixierte Eisenhard. "Warum hast du mich dann überhaupt noch gefragt? Wiard hat nichts davon erwähnt, als ich vorhin mit ihm bei den Kindern war."
"Ich habe ihn gebeten, nicht mit dir darüber zu sprechen. Es ist mir sehr wichtig, deine Meinung zu hören."
Jan seufzte tief. "Einverstanden. Mach es." Er stand auf, beugte sich zu Kaija und berührte sie mit der Rechten sanft am Handgelenk.
Die Sprechanlage piepste. "Jan? Jan! Bist du bei Eisenhard?"
Eisenhard öffnete die Leitung. "Ja. Ist er. Wann sind wir in der Stadt der Helfer?"
"Wir legen in wenigen Minuten an. Jan: Wir werden erwartet. Das Empfangskomitee trägt Waffen der Alten."
 
***
 
Jan stand am Bug der 'Janea', im Licht der Scheinwerfer, beide Hände erhoben. Die Jäger warfen die Seile zu den wartenden Helfern hinüber und brachten die Gangway aus.
Jeremias kam auf das Schiff, allein und unbewaffnet. Jan nahm die Hände herunter und ging auf ihn zu.
Jeremias begrüßte Jan mit den Worten: "Wir haben es gesehen."
"Was habt ihr gesehen?"
"Die Zerstörung des Direktorats-Bombers."
Jan grinste diabolisch. "Na fein! Falls es euch entgangen sein sollte: Ulm ist Geschichte. Auf dem Schiff ist der Rest davon. Über tausend Menschen. Wollt ihr jetzt zu Ende bringen, was euer Bomber nicht geschafft hat?"
Jeremias zuckte zurück. "Bischof Marek hat Anweisungen gegeben, von denen er hofft, dass den Überlebenden das erspart bleibt. Es ist in aller Interesse, dass seine Anordnungen ohne Widerstand umgesetzt werden. Ich habe keinerlei Verhandlungsspielraum. Kann ich mit deiner Kooperation rechnen? Und der der anderen Verantwortlichen?"
"Was meinst du damit?"
"Ich muss dich und alle der Führungsgruppe verhaften. Um das Leben der Menschen, nicht nur auf dem Schiff, zu schützen. Karl wird die Unterbringung und Versorgung der Passagiere organisieren."
"Was ist, wenn wir uns weigern?"
"Dann wird niemand das Schiff lebend verlassen, bevor das Direktorat eine andere Entscheidung getroffen hat. Jan, bitte! Marek hat sich weit auf dünnes Eis begeben, um eure Leben zu retten!"
"Kaija muss dringend nach Köln in ein Hospital. Sie hat bei der Geburt einen Schlaganfall erlitten. Eisenhard wird sie nicht mehr lange am Leben halten können."
Jeremias war das Erschrecken anzusehen. "Moment!"
Er griff nach seinem Kommunikator und drehte Jan den Rücken zu. Jan konnte dem flüsternd geführten Gespräch nicht folgen.
Jeremias drehte sich wieder zu ihm. "Werdet ihr euch ohne Widerstand festnehmen lassen? Ich will ein Ja oder ein Nein hören."
Jan senkte den Kopf. "Ja. Möge die Göttin uns schützen." Er hob die Hände und gab seinen Leuten ein Zeichen. "Alle werden das Schiff verlassen, in einer Reihe. Und sich registrieren lassen. Die Personen, von denen ich annehme, dass du sie meinst, werden an Bord unbewaffnet zur Verfügung stehen. Ist das akzeptabel?"
"Was ist mit den Waffen des Schiffes?"
"Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Da musst du das Datenkabinett fragen."
Jeremias sah in den Kommunikator, nickte und schaltete ihn aus. "Einverstanden. Marek wird versuchen, in den nächsten zwölf Stunden hier zu sein."
"Seit wann kann er fliegen?" Jan schluckte, als er die Antwort auf die Frage erahnte. "Scheiße!"
"Ich gehe davon aus, dass das Direktorat einen Inquisitor schickt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Marek ihn begleiten. Es wird hoffentlich das einzige Luftschiff sein, das wir zu sehen bekommen."

21.12.500, 02:00 - Direktoratsstadt-A
KLACK!
KLACK!KLACK!
KLACK! …
Imara hatte den Kommunikator in der Hand, bevor ihr der Anrufton gefühlt das Trommelfell zerfetzte. Dieses akustische Signal hatte sie nur wenigen Personen zugeordnet. Wenn es erklang, dann bedeutete es Ärger. Mindestens. Sie schlug die Bettdecke zurück, setzte sich im Dunkeln auf, nahm das Gespräch an und legte das Gerät neben sich auf das Bett. Der Kommunikator zeigte das Symbol des Direktorates, einen von sieben dunkelblauen Sternen umgebenen ewigen Knoten.
"Ja?"
Der Anrufer stellte sich nicht vor. "Imara. Deine Anwesenheit im Direktoratsraum ist umgehend erforderlich. Wir haben es mit einer schweren Störung der bestehenden Ordnung zu tun. Bestätige den Empfang und dein Kommen."
"Der Wille der Stifter geschehe."
Die Verbindung wurde getrennt. Die Tür von Imaras Wohnung schlug zu.
 
***
 
"Zehn Minuten. Respekt." Der massige, in eine einfache blaue Robe gekleidete Mann, nickte anerkennend.
Die angesprochene hohe Gestalt, von der schwarzen Kutte verborgen, verbeugte sich stumm vor dem Direktor.
"Nimm Platz."
Imaras Begrüßung fiel formeller aus. "Danke für die freundliche Aufnahme, Direktor Yakari."
Imara setzte sich mit verschränkten Armen auf die Kante des gepolsterten Entspannungssessels, der zusammen mit sechs anderen um einen runden Mahagonitisch stand – dem Tisch der Stifter. An ihm hatten sieben Menschen vor fünfhundert Jahren darum gekämpft, den Überlebenden des Letzten Krieges eine Perspektive zu geben. Alles, was heute war, hatte an diesem Tisch seinen Anfang genommen.
Yakari legte wortlos ein mobiles Datenkabinett auf die Tischplatte. Dann ging er zum Fenster und wartete. Die fantastische Aussicht auf die nächtliche, schneebedeckte Direktoratsstadt-A, die zweihundert Meter unter ihm lag, ließ ihn kalt. Auf dem Flugfeld am Rande des Meeres wurde eine fünfzig Meter lange Doppel-Zigarre, die von Scheinwerfern angestrahlt wurde, für den Start vorbereitet. Die am Rumpf anliegenden haifischmaulartigen Lufteinlässe der beiden Antriebsgondeln wiesen auf eine hohe Reisegeschwindigkeit hin.
Yakari hörte, wie Imara scharf die Luft einsog. Er drehte sich zu ihr um. "Nun?"
"Faszinierend!"
Yakari fuhr sich mit den Händen durch das schulterlange schwarze Haar. "Ich wollte, es wäre so. Dein Ausruf ist wohl eher rhetorisch zu interpretieren."
"Wie konnte das geschehen?"
"Wir wissen es nicht genau. Der Kontakt mit dem Bomber 'Katharsis' ist unerwartet abgebrochen. Die letzten erhaltenen Daten besagen, dass er mit einer Energiewaffe angegriffen wurde. Wir gehen davon aus, dass das Luftschiff verloren ist."
 
Es klopfte an der Tür des Regierungsraumes.
Eine Ordonnanz steckte den Kopf hindurch. "Direktor?"
"Ich wollte nicht gestört werden."
"Es ist wichtig. Ich bitte um Verzeihung." Der Bedienstete blieb wie angenagelt im Türrahmen stehen und wartete, den Nachrichtenumschlag in der Hand.
"Was steht drin?"
Der Mann öffnete den Umschlag und las vor. "Eine Nachricht von Bischof Marek Kroycz aus Köln. Höchste Priorität. Er fordert einen Inquisitor an, nach Möglichkeit mit einem Luftschiff, um die Vorgänge nahe der annihilierten Stadt Ulm…", der Mann stockte. "… Direktor?" Ein verzweifelter Unterton mischte sich in seine Frage.
"Weiter!"
Der Mann erstarrte erneut. "… zu untersuchen. Marek bittet für den Fall der Annahme seines Vorschlages darum, abgeholt zu werden. Die Situation in der Stadt der Helfer sei unter Kontrolle, die Wache habe alle Verdächtigen festgenommen und das Schiff der Alten beschlagnahmt. Etwa eintausendfünfhundert Menschen seien auf dem Schif … Schiff. Die provisorische Unterbringung ist angelaufen."
Yakari ignorierte die Tränen des Mannes. "Du kannst gehen. Alles, was du gesehen und gehört hast, behältst du für dich. Es wird eine offizielle Kommunikation geben."
Der Bedienstete verbeugte sich. "Der Wille der Stifter geschehe", brachte er mühsam heraus. Er ging rückwärts und schloss leise die Tür.
 
"Das wird er. Verdammt, das wird er!", knurrte Yakari. Er kam zu Imara und stellte sich rechts neben sie, den Blick auf das mobile Datenkabinett gerichtet. "Was ist deine Einschätzung?"
"Was sich abgespielt hat, ist offensichtlich."
"Erhelle das Direktorat mit deiner Weisheit, holde Inquisitorin!"
"Das Schiff der Alten ist mit Waffen aus dem Letzten Krieg bestückt. Ob die Besatzung diese vorsätzlich ausgelöst hat, oder ob das Datenkabinett des Schiffes es eigenständig getan hat, ist irrelevant. Ich stelle vielmehr die Frage, warum der Kommandant der 'Katharsis', entgegen einem eindeutigen Befehl, nicht sofort nach der Zerstörung Ulms zur Basis zurückgekehrt ist."
Yakari schlug mit der flachen rechten Hand auf den Tisch. Imara zuckte zusammen.
"Du kannst es wirklich nicht erkennen?", höhnte er.
"Was gibt es da zu erkennen? Der Kommandant ist von seinem Befehl abgewichen und hat dadurch sich und die Mannschaft ohne Not in Gefahr gebracht. Er hat den Preis für seine Inkompetenz bezahlt."
"Genau das sehe ich anders. Er wollte den Auftrag zu einhundert Prozent erfüllen. Er konnte nicht damit rechnen, dass diese Primitiven ihm ernsthaft hätten Widerstand leisten können!"
"Das ist eine Umschreibung dafür, dass der Kommandant versagt hat."
Yakari starrte auf die Gestalt vor sich herab. "Das wagst du, mir ins Gesicht zu sagen?"
Die Kapuze wandte sich Yakari zu. "Ich bin mir der Risiken der Wahrheit bewusst, Direktor."
"Wirklich?" Er starrte sie an.
"Warum hast du mich herbefohlen?"
Yakari ballte seine linke Faust. "Marek hat schnell und richtig gehandelt. Ich werde seinem Wunsch entsprechen. Du fliegst in einer Stunde nach Köln. Und dann dorthin, wo sich das Schiff der Alten befindet. Ich gebe dir volle Handlungsfreiheit. Du wirst mit dem vor Ort befindlichen Personal der Vereinigten Kirchen auskommen müssen. Direktoratstruppen wären bei der aktuellen Lage keine Beruhigung. Ich erwarte, dass die Rädelsführer identifiziert, verhaftet und hier vor Gericht gestellt werden! Mach den Menschen und den Helfern klar, dass auch nur der Versuch, etwas anderes zu wollen, ihr Ende bedeutet."
"Verdächtigst du bestimmte Personen?"
Yakari lächelte grimmig. "So eine Aktion hätte ich nur Njemile zugetraut, dieser schwarzen Hexe! Aber die hat sich zusammen mit ihrem Feind Johann und Ulm abgesetzt. Für immer."
"Direktor, bitte komm zur Sache."
Imaras weicher Sopran hatte einen scharfen Unterton bekommen, was Yakari nicht entging.
Er grinste belustigt. "Natürlich verdächtige ich jemanden. Bring mir diese Kaija Neran. Falls sie noch am Leben ist. Ich lasse dir alle notwendigen Informationen bereitstellen, damit du dich während des Fluges nicht langweilst."
"Verstanden."
"Hast du noch Fragen?"
Imara stand auf. Sie war fast genauso groß wie Yakari, aber deutlich schlanker, trotz der Kutte. Ein Schatten inmitten des Umrisses des Direktors, aufrecht und kalt.
"Nein."
"Dann geh mit dem Segen des Direktorates."
Imara verbeugte sich. "Der Wille der Stifter geschehe. Jetzt und in Ewigkeit."
Als sie hinausging, bemerkte Yakari, dass sie barfuß war.
 
***
 
"Erzähl mir von Kaija Neran."
Marek sah von seinen Notizen auf und warf einen Blick durch das Fenster. Unter dem Luftschiff glitt der Große Rheinsee vorbei. Er wandte sich Imara zu. "Was willst du wissen? Ich habe sie nur einmal gesehen, als die 'Janea' nach Ulm gebracht wurde. Hat Revisor Gye nichts hinterlassen?"
"Ich kenne Gyes Einschätzung. Er scheint viel von ihr gehalten zu haben. Eine, den Beschreibungen nach, recht attraktive Frau. Medizinerin mit technischer Zusatzausbildung. Überdurchschnittlich intelligent. Erstaunlich wandlungs- und widerstandsfähig. Hältst du es für möglich, dass sie den Abschuss der 'Katharsis' angeordnet hat?"
Marek schloss die Augen und schwieg eine Minute, bevor er antwortete. "Es kommt auf die Situation an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie aktiv aus einer Angriffsposition heraus gehandelt hat. Die Berichte der Wachen lassen vermuten, dass das Luftschiff das Feuer zuerst eröffnet hat."
"Das wollte ich nicht wissen."
"Was dann? Dass sie den Vereinigten Kirchen ein Kind von einem vermeintlich Sterilisierten verheimlicht hat? Dass sie die Kinder von zwei verschiedenen Männern, natürlich gezeugt, zur gleichen Zeit zur Welt gebracht hat? Du hast meine Zusammenfassung von Njemiles Daten gesehen. Und auch Jeremias’ Berichte. Zumindest in Ulm ist der Plan der Stifter zur genetischen Optimierung und Verhinderung von Inzucht in wesentlichen Teilen fehlgeschlagen! Wenn Kaija nicht so viel Angst gehabt hätte…"
"Dann wäre sie nach einer Woche von den Voglers in Ulm ermordet worden. Und wir würden nicht heute zusammensitzen. Sondern in einem Jahr."
"Ist das dein Ernst?"
"Kaija hat einen Prozess beschleunigt. Ich bin sicher, dass das Ende für Ulm auf jeden Fall gekommen wäre."
"Kaija hat das Falsche getan. Aus einem sehr guten Grund. Sie hat sich für das Leben entschieden, und die damit verbundene Gefahr."
"Ihr Betrug bei der Bewertung ein Verbrechen, das mit der Höchststrafe bedroht ist. Ohne Verfahren."
Marek wiegte den Kopf hin und her. "Ja, zugegeben. Du musst aber zugestehen, dass Kaija unter den gegebenen Bedingungen keine andere Wahl hatte."
"Ich muss gar nichts zugestehen. Da ich weder die Verhandlung gegen sie leiten noch das Urteil sprechen werde. Meine Aufgabe ist es, die Fakten zu sammeln und die Verhöre zu führen."
"Damit es überhaupt dazu kommt, müssen wir etwas für Kaija tun. Sie befindet sich in einem extrem schlechten Zustand. Jeremias, mein Verbindungsmann zu den Wächtern …", er stockte, "… Njemiles, hat mir berichtet, dass sie bei der Geburt der Kinder einen Schlaganfall erlitten hat. Eisenhard, der Leiter der überlebenden Ärzte, hat darum gebeten, sie und ihn so schnell wie möglich nach Köln bringen. Ich schlage vor, dass du das Luftschiff zur Verfügung stellst, um Kaijas Überlebenschancen zu erhöhen."
"Vertraut dieser Eisenhard den Kölner Medizinern so wenig, dass er sich selbst auf den Weg machen will?"
"Ich kenne Eisenhard. Er war in Köln, bevor er nach Ulm gegangen ist. Du wirst in Europa keinen besseren Arzt finden. Wenn er mitfliegen will, bedeutet es, dass Kaijas Leben am seidenen Faden hängt."
"Mit anderen Worten: Wir können ihr eine Anklage wegen Hochverrat und ein Verfahren ersparen, wenn wir nichts tun."
Marek runzelte die Stirn. "Das ist eine Option. Damit machst du Kaija wahrscheinlich zur Märtyrerin für die Stifter."
"Wieso glaubst du, dass es so ist?"
"Kaija ist bei allen, die auf die Nord-Süd-Verbindung gehofft haben, bekannt. Sie und ihre Mitstreiter sind überall, mit Ausnahme der toten Voglers und ihrer Erben, sehr beliebt. Die Helfer im Norden erwarten, dass sie das Erbe ihres Vaters antritt und die Vereinbarungen zwischen ihm und dem Direktorat umsetzt. Wenn sie ausfällt, dann muss ein anderer die Aufgabe übernehmen. Die halbe Welt hat als Ergebnis von Kaijas Einsatz einen wirtschaftlichen Aufschwung erhofft. Etwas, was die neuen Bedingungen des Direktorates erträglicher machen soll. Ich kann mir vorstellen, dass selbst die Voglers aus Kaijas Tod Kapital schlagen würden."
"Was willst du damit sagen?"
Marek schnaufte. "Imara, bei allem Respekt vor deiner Stellung: Die aktuellen Bedingungen des Direktorates grenzen an Fron. Es ist mir als hochgebildetem und in der Wirtschaft bewandertem Menschen nicht nachvollziehbar, wofür das Direktorat so viel Material der Alten benötigt. Besonders die neuen Produktionsanforderungen bereiten den Repräsentanten der Vereinigten Kirchen überall in der Welt echte Probleme. Was da gefertigt wird, ist für die Menschen unbrauchbar. Es sind Dinge aus der Zukunft, bezogen auf den realen technischen Stand der Erde. Wenn sie jetzt gefertigt werden müssen, für wen? Zu welchem Zweck?"
"Darüber bin ich nicht befugt, Auskunft zu erteilen."
Marek nickte. "Das habe ich auch nicht erwartet. Ich bitte dich lediglich, die dir bekannte Information in deine Überlegungen mit einzubeziehen."
Imara zögerte, dann nickte sie knapp. "Dein Einwand ist valide. Trotzdem wird Kaija auf keinen Fall Egors Nachlass verwalten können. Aus dem von dir genannten Grund. Das Direktorat kann niemanden akzeptieren, dessen Machtfülle und Beliebtheit beim Gefolge an die eines Johann Vogler herankommen könnte."
"Aye. Wir überlassen Kaija also fürs Erste den Mühlen des Gesetzes."
"Ja."
"Darf ich in Köln die Notaufnahme für Kaija vorbereiten lassen? Und auf eine schnellstmögliche Einlieferung hoffen?"
Imara zog ihre Stirn kraus. "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass du mich gerade über den Tisch gezogen hast, Bischof Marek."
"Das käme mir nie in den Sinn. Wenn ich halb so alt wäre, wie ich bin, dann würde ich es im privaten Bereich versuchen."
Imara lachte auf. "Du hast eine seltsame Art, Komplimente zu machen."
"Es ist, wie es ist. Um mein offensichtlich nur noch berufliches Interesse an dir zu befriedigen: Darf ich ganz unverschämt fragen, ob du dich bereits für eine Partnerschaft entschieden hast?"
Für einen Augenblick bekam Imaras Fassade Risse. "Von Kleriker zu Kleriker: nein. Ich habe mein Leben seit meiner Jugend den Stiftern geweiht. Die angeordneten, unvermeidbaren Versuche in der Schulzeit sind ergebnislos geblieben."
"Das ist nicht ungewöhnlich. Doch zum Dienst an den Stiftern gehört auch der Dienst an der Entwicklung der Menschheit."
"Ich weiß! Erkläre mir nicht meine Pflichten, Bischof!"
Marek verbeugte sich. "Entschuldige, Inquisitorin. Ich habe mich zu weit vorgewagt."
"Das hast du."
 
Den Rest des Fluges verbrachten sie ohne Unterhaltung. Marek wies Jeremias an, den Krankentransport vorzubereiten. Das Luftschiff würde unmittelbar nach Ankunft den Rückflug nach Köln antreten. Imara sah schweigend aus dem Fenster. Der Neckar mit den tief verschneiten Wäldern an den Ufern ließ die Welt friedlich und unschuldig erscheinen.
 
***
 
Gegen Mittag erreichte das Luftschiff die Temporäre Siedlung T-25200. Sie machte den Eindruck eines Modells, das die Erbauer liebevoll auf eine Spanplatte aufgeklebt und mit feinem Zucker bestäubt hatten. Der Staudamm mit dem Generatorenhaus zeigte, dass bald moderne Zeiten Einzug halten könnten. Am Südende des Ortes war ein Landeplatz abgegrenzt. Etwa 50 Menschen warteten, in fünf Gruppen aufgeteilt, am Boden auf die Landung.
 
"Die Wachen haben die Bewohner eingewiesen", nahm Marek das Gespräch wieder auf. "Ich denke, das Wetter wird keine Probleme machen."
 
Halteseile wurden heruntergelassen. Unter dem Kommando eines Wächters zogen die Bodenmannschaften das Luftschiff schnell und sicher auf das improvisierte Landegestell.
 
Die Schleuse zum Passagierraum öffnete sich, Marek trat heraus und blinzelte in das Sonnenlicht. Dann ging er die Rampe hinunter.
Jeremias kam ihm entgegen. "Es ist alles gemäß deiner Anweisungen erledigt worden." Er zeigte auf die wartenden Personen. Jan und vier Wächter standen hinter einer Trage, auf der Kaija dick eingepackt lag. Neben ihr war Eisenhard, der die angebrachte Infusionsanordnung und den Scanner nicht aus den Augen ließ.
"Wo sind die anderen Verdächtigen?", wollte Marek wissen.
Jeremias wies auf das nächstliegende Haus. "Wir haben nur die Köpfe hier. Nach Absprache zwischen mir und Jan organisiert die Gemeinschaft des Rades unter Aufsicht die Unterbringung der Flüchtlinge. Wir wollten die Lage nicht dadurch verkomplizieren, dass Fremde sich kümmern. Die Menschen haben alles verloren außer dem Leben. Sie sind traumatisiert. Sie werden Beistand brauchen."
"Wir werden sehen. Bringt Kaija in das Luftschiff." Marek trat zur Seite, um die Wachen, Kaija und Eisenhard vorbeizulassen.
Eisenhard nickte ihm kurz dankbar zu und verschwand mit den anderen im Luftschiff. Marek winkte Jan zu sich.
"Können wir reden?", fragte Jan.
Marek schüttelte den Kopf. "Nicht unter vier Augen. Tut mir leid."
"Ich brauche ein paar Entscheidungen. Die anderen haben mich gebeten, für sie zu sprechen", erklärte Jan.
Mareks Blick bat um Verständnis. "Das ist gut. Aber die Vereinigten Kirchen werden in der aktuellen Situation nicht mehr von mir vertreten."
 
Am Eingang des Luftschiffes erschien eine schwarze Kutte. Die Person darin schritt langsam, ohne zu zögern, die Rampe hinunter. Die in den Ärmeln verborgenen Hände bewegten sich zur Kapuze hin und zogen sie sanft nach hinten. Zum Vorschein kam der Kopf einer jungen erwachsenen Afrikanerin, der eine Schätzung des Alters schwer machte, da er kahl rasiert war. Auch die Augenbrauen fehlten.
Jan blinzelte überrascht. "Verdammt jung. Was will die hier?", fragte er leise.
Marek wartete, bis die Frau fast bei ihnen war. Dann stellte er sie vor, indem er sie ansprach. "Kaija Neran ist unter Bewachung an Bord. Kann das Luftschiff starten, Inquisitorin Imara?"
Jan starrte Marek ungläubig an. "Inquisitorin? Dieses Mäd…", raunte er.
Imara drehte sich halb um und gab dem Piloten ein kurzes Handzeichen. Die Türen wurden geschlossen. Jeremias rief nach den Bodenmannschaften.
Sie wandte sich Jan zu. "Du bist…"
Jan fing sich. "Jan Lee. Jan, wenn es genehm ist." Er deutete eine Verbeugung an. "Ich bin als Sprecher der Überlebenden von Ulm benannt worden."
"Was weißt du über die gestrige Vernichtung des Luftschiffes des Direktorates?"
"Ich habe die vom Frachtschiff zur Verfügung gestellte Waffe ausgelöst." Ohne die Miene zu verziehen, fuhr er fort. "Es war die großartigste Explosion, die ich in meinem Leben gesehen habe."
Marek schloss die Augen, bedeckte sie mit der linken Hand, atmete tief ein und aus. Imara sah Jan unbeeindruckt an. Ein kalter Windstoß ließ ihre Kutte flattern. Sie selbst stand unbeweglich wie eine Statue aus poliertem schwarzem Granit.
Nach einer unendlichen Minute senkte Jan den Blick. "Ich bitte um Entschuldigung für die Entgleisung. Nicht für die Tat. Ich habe, wie alle, die hier angekommen sind, viele Freunde und Bekannte in Ulm verloren. Ich habe mich meiner Rolle als Unterhändler der Überlebenden nicht würdig erwiesen. Darf ich einen weiteren Versuch wagen?"
"Einen."
Jan räusperte sich. "Wir haben viele Menschen mitgebracht, die versorgt werden müssen. Auf jede erdenkliche Art und Weise. Fast tausendfünfhundert. Auf der Fahrt gab es zehn Geburten und vier Todesfälle, drei davon durch Selbstmord. Wir haben die Situation, dank der Hilfe der hiesigen Hel …", er brach ab. "… Menschen so weit stabilisiert, dass niemand heute oder morgen hungern und frieren muss. Es fehlt an allem. Ich schlage vor, dass die Vereinigten Kirchen für Struktur sorgen. Und dass die 'Janea', das Schiff der Alten, mit dem wir gekommen sind, aus Köln und anderen Orten die Dinge beschafft, die hier fehlen. Verfüge über uns oder sperre uns ein; ich verbürge mich für volle Kooperation, was auch immer deine Entscheidung ist." Er warf einen kurzen Blick in Mareks Richtung.
Marek bekundete Zustimmung. "Es ist an dir, Inquisitorin. Aus meiner Perspektive ist es ein guter Vorschlag. Die Wachen werden in der Nähe sein, bis der Sachverhalt geklärt ist. Wir brauchen jeden, der mit anpacken kann."
"Gibt es etwas, was jetzt sofort entschieden werden muss?", fragte Imara.
"Abgesehen davon, wie du mit uns verfährst, nein", antwortete Jan.
"Ich nehme den Vorschlag zur Kenntnis. Was ist mit Kaijas Kindern?"
Jan ballte die Fäuste. "Ich spreche nicht nur für mich. Es gibt kein Leben, das in den nächsten Stunden in Gefahr wäre. Alle Neugeborenen sind ausreichend versorgt. Kaija ist in der Hand der Göttin und der Medizin."
"Bist du in der Lage, mir Auskunft darüber geben, was zwischen dem Ablegen des Schiffes in Ulm und der Ankunft hier passiert ist? Oder brauche ich dazu noch jemanden?"
Jan überlegte kurz. "Ich war fast die ganze Zeit auf der Brücke, zusammen mit Jelena, der Kapitänin. Ich vermute, dieser Teil der Geschichte interessiert dich besonders."
"Ja."
Karl, der bisher etwas abseits bei den Bodenmannschaften gestanden hatte, kam zu ihnen. "Darf ich vorschlagen, dass wir die Gespräche an einem gastlicheren Ort fortführen?"
"Einverstanden. Nach meinem Gespräch mit Jan bringst du alle anderen zu mir, die für die Festlegung des weiteren Vorgehens benötigt werden."
 
***
 
Nach heftiger Diskussion entschied Imara, die Überlebenden auf die drei Temporären Siedlungen am Neckar aufzuteilen. "Sie liegen nahe genug beisammen, dass die Menschen Kontakt halten können. Ich will verhindern, dass die Einwohner von T-25200 sich als Opfer der Entscheidung des Direktorates sehen und ihre Nachbarn beneiden. Diese Last haben alle zu tragen. Köln wird dafür sorgen, dass dadurch keine Nachteile entstehen. Außerdem, ganz offen, will ich keine tausendfünfhundert traumatisierten Menschen an einem Platz zusammenhaben. Es sind fast so viele, wie es hier Einwohner gibt. Noch stehen die Ankömmlinge unter Schock. Aber in einer Woche? Das Leben geht weiter. Wir werden alle diese Menschen dringend brauchen. Darum werden wir sie in die vorhandenen sozialen Strukturen integrieren. Karl?"
Der Angesprochene runzelte die Stirn. "Kann ich auf volle Unterstützung des Direktorates hoffen?"
Imara nickte knapp. "Soweit es den Aufbau von Infrastruktur betrifft: ja."
"Ich kümmere mich um den Rest", versprach Marek.
Karl nickte unglücklich. "Ich sehe ein, dass unter den gegebenen Umständen nicht mehr zu erwarten ist. Es wird bestimmt Unwillen und Widerstand geben."
Imara sah Karl eisig an. "Teile allen hier und in den anderen beiden Orten mit, dass die Helfer, die mit meiner Entscheidung nicht einverstanden sind, sich innerhalb einer Woche zur Abreise fertigmachen werden."
"Wohin?", wollte Karl wissen.
"Zu einer neu zu gründenden Temporären Siedlung. Die mindestens zweitausend Kilometer im Osten liegen wird."
"Zweitausend Kilometer? Zu Fuß? Im Winter?", fuhr Karl auf.
Imara erwiderte ungerührt seinen Blick. "Ja."
"Das ist Mord!"
"Nach deinen Maßstäben ist es Mord. Mit welchem Argument willst du dasselbe Verhalten deiner Mitbürger gegenüber den Flüchtlingen aus Ulm durchgehen lassen? Ich werde im Auftrag des Direktorates für Ruhe sorgen und den geordneten Aufbau überwachen. Solange wie es dauert. Marek wird nach Köln zurückkehren und mich von dort aus unterstützen. Ich werde niemanden am Leben lassen, der sich mir in den Weg stellt."
"Rechnest du mit Unterstützung durch Truppen des Direktorates?", wollte Karl wissen.
Imara reagierte gelassen. "Das ist nicht notwendig. Die lokalen Kräfte sind mehr als ausreichend. Wenn mir etwas zustoßen sollte, dann wird es von hier bis zum Rhein niemanden geben, der sich darüber freuen kann. Das Direktorat hat eine schwere Entscheidung getroffen. Das Todesurteil über eine der wichtigsten Städte der Erde gesprochen und vollstreckt. Es wird auf weitere Verschwörungen sehr kurzfristige und extreme Reaktionen geben. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es mit der Vernichtung Ulms getan ist und wir nun zur Tagesordnung übergehen?"
Karl gab nach. "Ich hatte es gehofft. Gut. Es steht noch ein Punkt auf der Tagesordnung, den ich geklärt haben will: Was ist mit Egor Nerans Vereinbarungen mit dem Direktorat?"
Marek schaltete sich ein. "Die werden umgesetzt. Sogar schneller als geplant. Notgedrungen. Nicht wahr?"
Imara bestätigte. "Das wird Teil meines Auftrages sein."
 
Marek räusperte sich. "Ich habe das Vermächtnis Njemile Kerns vorzutragen."
Imara atmete scharf ein. Jan und Jelena starrten ihn an. Karl blickte auf den Tisch.
Marek zitierte aus dem Gespräch: "Im Wappen der Stadt sei ein Rad mit dreizehn Speichen, mit einem Fluss darunter. Am ersten Tag des nächsten Jahres sollen sie offiziell mit der Errichtung der statischen Stadt anfangen." Er räusperte sich erneut. "Ich glaube, dass es ein gutes Zeichen für die Überlebenden sein wird. Das Symbol der Gemeinschaft des Rades im Wappen ist ein starkes Signal für ein Zusammenwachsen. Karl: Habt ihr schon einen Namen? Ich meine: einen Stadtnamen?"
Karl blätterte in seinen Notizen. Dann sah er auf. "Einverstanden. Im Angedenken Egors und Njemiles akzeptiere ich den Wappenvorschlag im Namen der Verwaltung von T-25200. Was den Stadtnamen angeht, haben wir eine pragmatische Vorstellung: Neu Cannstatt. Cannstatt hieß der Ort, der sich vor dem Letzten Krieg hier befand."
Marek stimmte zu. "Njemile wäre erfreut gewesen, wenn sie es hätte miterleben können. Ich bin sicher, dass sie im Geiste bei uns weilt."
Imara hob ihre Hände über den Tisch, die Handflächen nach oben. "Ich bitte im Namen der Stifter, dass die Göttin den Menschen in dieser Stadt die Kraft verleiht, ein lebendiger Teil der Welt zu werden."
Sie nahm die Hände herunter und legte sie auf den Tisch. "Kraft der mir durch das Direktorat verliehenen Befugnisse bestätige ich die Umwandlung der Temporären Siedlung T-25200 in die statische Stadt Neu Cannstatt. Wirksam zum ersten Januar des Jahres fünfhunderteins. Karl: Stelle die offiziellen Dokumente bereit. Ich werde dem Direktorat berichten, dass gemäß der Vereinbarungen mit Egor Neran gehandelt wurde."
"Wir sollten in einigen Tagen eine kleine Feier ausrichten. Gerade wegen der schrecklichen Ereignisse wäre es gut, wenn die Menschen gemeinsam einen Neuanfang erleben. Leben nehmen müssen und Leben geben wollen", schlug Karl vor.
Imara nickte wohlwollend. "Eine sehr gute Idee."
 
Jelena, die die Diskussion um die Stadtgründung schweigend verfolgt hatte, hob die rechte Hand. "Darf ich eine Frage stellen, Inquisitorin?"
Imara sah zu Jelena hinüber. "Ja?"
"Hast du entschieden, wer von uns, abgesehen von Kaija, in seiner Freiheit eingeschränkt wird? Jan und ich waren die unmittelbar an der Zerstörung des Bombers Beteiligten. Es gibt viele Freunde Kaijas, die zu den leistungsfähigsten Einwohnern Ulms gehören – gehörten. Willst du sie für den Plan Egors einsetzen? Ich denke, dass eine vertrauensbildende Entscheidung einen motivierenden Einfluss auf alle hätte."
"Wie kommst du darauf?"
Jelena lächelte gewinnend. "Erfahrung als Kapitän eines Schiffes und einer Familie."
Das Lächeln blieb unbeantwortet. "Jan hat den Punkt bereits vorgebracht. Ich werde darüber nachdenken."
"Ich hatte mit einer schnelleren Antwort gerechnet."
Imara fixierte Jelena. "Ich denke schnell genug."
Jelena klapperte mit den Augenlidern. "Aye. Ist ja dein Fürstentum jetzt."
Imara blinzelte. "Ist die Mannschaft komplett und das Schiff fahrbereit? Die 'Janea' wird den Transport in die beiden anderen Orte übernehmen."
Jelena versuchte erst gar nicht, etwas einzuwenden. "Aye. Abgesehen von Mandrine, die abgeheuert hat. Sie hat Merlan angeboten, sich zusammen mit seiner Familie um Kaijas Kinder zu kümmern."
Jan sah Jelena überrascht an. "Wie bitte?"
Jelena legte ihre Hände zusammen. "Jan", begann sie mit sanfter Stimme. "Mandrine wird nie eigene gesunde Kinder bekommen können. Merlan und Rhea sind die optimalen Pflegeeltern, aber es gibt einige Dinge, die Rhea nicht mehr so gut leisten kann wie Mandrine. Eisenhard hat das vor seiner Abreise mit uns geklärt. Ich habe zugestimmt, obwohl Mandrine mir auf dem Schiff sehr fehlen wird. Wir haben Pläne gemacht, während du Imara die Situation zur Zeit des Abschusses des Bombers erklärt hast. Ich würde unsere Vorschläge gern im Anschluss unter Einbeziehung der Beteiligten besprechen wollen."
Jan lachte kurz auf. "Ich höre Aislings Worte."
Jelena nickte lächelnd. Dann drehte sie sich Imara zu und legte den Kopf schief. "Nein. Es ist keine Verschwörung, Inquisitorin. Weil wir nicht so schnell denken können wie du, haben wir einfach früher damit angefangen."
 
Am nächsten Tag machten sich die Jäger, Rechtsaufseher und die Bewohner der Temporären Siedlung daran, die 'Janea' aufzuräumen und für die Weiterfahrt vorzubereiten.
 

22.12.500 - Unbekannter Ort zwischen Ulm und dem Bodensee
Frederic Vogler saß mit mehreren Adjutanten an einem rohen Holztisch. Als es klopfte, stand einer von ihnen auf und ging zur Tür, um sie zu öffnen. Ein kalter Wind wehte in das Blockhaus herein. Der Mann, der hereinkam, war grau im Gesicht, genau wie sein ehemals grün-brauner Tarnanzug.
Frederic warf dem Mann, der außer Atem schien, einen fragenden Blick zu. "Und?"
Der Späher straffte seine Haltung. "Ulm ist nicht mehr", brachte er hervor. Er stützte sich auf dem Tisch ab.
Die Männer und Frauen im Raum sprangen auf, Entsetzen und Verzweiflung zeichnete ihre Gesichter. Für eine Minute erfüllte ein schockiertes Schweigen und Murmeln den Raum. Dann redeten sie aufgeregt durcheinander.
Frederic gebot mit einer Handbewegung Ruhe. "Damit haben wir Gewissheit über das, was wir seit gestern Abend befürchteten. Das Direktorat hat sich für Ultima Ratio entschieden und Ulm von der Landkarte getilgt."
Der Späher bestätigte, schwer atmend. "Von der Stadt ist nichts übrig geblieben. Nichts. Ich habe einen halben Tag warten müssen, bis sich der Staub der Explosion gelegt hat, um sicher zu sein. Ulm ist eine schwarze Fläche, umgeben von brennenden Wäldern. Soweit es aus der Entfernung erkennbar war."
Er zitterte und bekam einen Hustenanfall. Als er das Taschentuch vom Mund nahm, war es rot von Blut.
Frederic sah auf den schwarzen, spielkartengroßen Gegenstand, den er in der rechten Hand hielt. Er nickte. "Lebt deine Familie hier?"
"Ja." Gefolgt von einem erneuten Hustenanfall.
"Geh und verabschiede dich von ihr. Ich werde dafür sorgen, dass sie es gut haben wird, wenn du nicht mehr da bist."
Der Mann sah Frederic entsetzt an. Dann verstand er. Er salutierte knapp, wandte sich um und verließ den Raum.
"Isa. Benachrichtige den diensthabenden Arzt. Der Mann soll nicht leiden müssen", befahl Frederic.
Die Angesprochene stand auf, folgte dem Mann und schloss die Tür.
 
Frederic kam zurück zum Tisch und setzte sich. Er klopfte mit der flachen linken Hand auf den Tisch. "Können wir weitermachen?"
"Weitermachen? Wie meinst du das? Hast du nicht gehört? Ulm ist tot!"
Frederic sah den Sprecher kalt an. "Das ist sehr richtig. Ulm ist tot. Ein wichtiger Teil unserer Ressourcen existiert nicht mehr." Er sah fordernd in die Runde. "Aber wir – wir sind nicht tot! Wir werden dem Direktorat nicht den Gefallen tun, in Angst zu erstarren! Oder den Schwung, den die Voglers in über 300 Jahren aufgebaut haben, verlieren! Wir haben keine Zeit für Trauer! Wir haben eine Aufgabe! Wer von euch der Meinung ist, dem nicht gewachsen zu sein, der verlässt jetzt den Raum."
Drei Männer und zwei Frauen standen auf und wandten sich zum Gehen.
"In Ordnung. Morgen früh um neun will ich eure Nachfolger hier in diesem Raum sehen. In eurem eigenen Interesse. Haben wir uns verstanden?"
 
***
 
Am nächsten Morgen waren Frederic und zehn Menschen um den Tisch versammelt, sechs Männer und vier Frauen. Zwei Männer und eine Frau waren an ihrer Kleidung als Bewohner der Roten Zone zu erkennen.
Frederic wandte sich an die alten und neuen Mitglieder der Runde. "Da wären wir also. Ich übernehme hiermit, gemäß der geltenden Geschäftsordnung, Johann Voglers Position als Koordinator der Familie und deren Angelegenheiten. Verbreitet die Information auf dem schnellsten Wege. Ich erwarte bis morgen Mittag von euch den Bericht über die Anerkennung des Führungswechsels sowie die Ressourcenlage. Dann sehen wir weiter." Er warf einen Blick auf den schwarzen Gegenstand vor ihm. "Unsere Kommunikatoren werden wir vorerst nicht mehr fertigen können. Ulm war die einzige Quelle für wichtige Komponenten. Es wird einige Zeit dauern, bis diese Lücke geschlossen ist."
 
Der Kommunikator gab ein leises Summen von sich.
Frederic nahm ihn auf und hielt ihn an das rechte Ohr. "Ja?" Er nahm die Mitteilung ohne Rückfragen entgegen, in seinen Augen blitzte es kurz. "Halte mich auf dem Laufenden. Ich melde mich, sobald ich Anweisungen für dich habe." Er legte den Kommunikator ab und trommelte für eine Minute mit den Fingern der rechten Hand auf dem Tisch. "Gute Nachrichten. Über tausend Einwohner haben das Himmelsfeuer überlebt. Sie befinden sich in T-25200, der Temporären Siedlung, welche dem Nordtor des Albkanals am nächsten ist. Darunter Kaija Neran, ihre wichtigsten Anhänger und viele wertvolle Spezialisten. Kaija wurde festgenommen und nach Köln überführt. Sie soll sich in einem kritischen Zustand befinden. Lasst uns hoffen, dass sie am Leben bleibt. Ihre Komplizen wurden unter Aufsicht gestellt."
"Warum soll das eine gute Nachricht sein?", kam ein mürrischer Kommentar.
Frederic schüttelte missbilligend den Kopf. "Weil Kaija den Schlüssel zum Tunnel besitzt. Sie hat die Rettung mit dem Frachter der Alten durchgeführt." Er grinste breit. "Dieses Schiff hat den Bomber des Direktorates zerlegt!"
Jubel brandete auf.
Frederic wartete, bis die andern ihm wieder ihre Aufmerksamkeit schenkten. "Das Direktorat wird sich sehr wahrscheinlich vordringlich um Kaija und ihre Kumpane kümmern. Damit stehen die Chancen gut, dass ich als Johanns Nachfolger meine Position beim Direktorat aufbauen kann. Ich werde in den nächsten Tagen mit Johanns Kontakten sprechen, mich für sein Versagen entschuldigen und eine Kooperation anbieten, die nach Unterwerfung aussehen wird. Ich bin sicher, dass den Direktoren daran gelegen ist, dass ich mich weiterhin mit Kaija und ihren Anhängern beschäftige. Ihr versteht?"
Allgemeines Kopfnicken.
Frederic lächelte ironisch. "Dann versteht ihr sicher auch, dass wir Kaijas Seite zu unserem Verbündeten machen werden."
"Was?" Die Gesichtsausdrücke der anderen am Tisch zeigten deutlich, dass sie nicht verstanden.
"Der Feind meines Feindes ist noch lange nicht mein Freund. Aber ohne ihn wird der gemeinsame Feind obsiegen. Wir werden die Karten in Richtung der Direktoren so spielen, wie es die hohen Damen und Herren in ihrer Ignoranz erwarten. In Wirklichkeit werden wir unsere Ziele weiter verfolgen. Am Ende werden wir unsere Verbündeten auf die Plätze weisen."
Eine der Helfer-Frauen meldete sich zu Wort. "Das ist, in der Situation, in der wir uns befinden, eine gute Entscheidung. Wir müssen Johanns Verluste …", sie blickte Frederic an und räusperte sich entschuldigend, "Verzeihung, deine Verluste so schnell wie möglich wettmachen. Wir haben keine weiteren dreihundert Jahre Zeit, um das Sterben der Erde zu verhindern."
Frederic nickte zustimmend. "So ist es. Leider wird es nicht ganz so einfach sein, wie ich es gerade beschrieben habe. Das Direktorat hat, nach der Vernichtung des Bombers, sein schärfstes Schwert nach T-25200 geschickt. Wir kennen sie. Sie hat uns im letzten Jahr so zugesetzt, dass wir zurückweichen mussten. Inquisitorin Imara Socotada."
"Ich habe von ihr gehört", wandte einer der Neuen unbehaglich ein. "Ist die wirklich so gnadenlos?"
"Was sie an Gefühlen nicht hat, macht sie durch ihre Intelligenz mehr als wett. Gye Mengel, der Revisor, den wir im letzten Jahr vom Himmel geholt haben, war ein hervorragender Mann des Direktorates. Aber Imara spielt in einer ganz anderen Liga. Sie hat das Zeug, eine der jüngsten Direktorinnen der Geschichte zu werden. Wir werden sie beschäftigen müssen. Dafür sorgen, dass sie Fehler macht. Ich habe da ein oder zwei Ideen." Frederic richtete sich auf, zog den vor ihm liegenden Schreibblock heran und nahm den Bleistift auf. "So! Jetzt seid ihr dran. Ich will eure Vorschläge hören."
 

28.12.500 - Neu Cannstatt
Am 28. Dezember des Jahres 500 wurde Neu Cannstatt offiziell vom Direktorat als statische Stadt bestätigt. Die Ulmer Überlebenden wurden gemäß den mit der Gemeinschaft des Rades ausgearbeiteten Listen aufgeteilt. Da Merlan mit der 'Janea' bis nach Köln fahren würde, organisierte er zusammen mit der Gemeinschaft des Rades und der Stadtverwaltung die Erhebung von Informationen über Dinge, die dringend benötigt wurden. Wiard würde für die erste Zeit in Neu Cannstatt bleiben und die Verteilung der Waren organisieren.
 
Vor der Abfahrt versammelten sich die Überlebenden und die neuernannten Städter am Liegeplatz. Einige schnell montierte Holzwände schützten die Versammlung vor dem Wind. Die Technik der 'Janea' sorgte dafür, dass die Stimmen der Redner überall gut gehört wurden.
Imara und Marek machten den Menschen klar, dass die Erwartung der Vereinigten Kirchen die Umsetzung der Vereinbarungen Egor Nerans mit dem Direktorat sei. Dass alle, die anwesend waren, dazu beizutragen hatten.
Marek erläuterte die Bedingungen. "Ihr alle, wie ihr hier steht, habt die Wahl zwischen Kooperation oder dem Status eines Helfers der Roten Zone außerhalb meines Zuständigkeitsbereiches. Die Gemeinschaft des Rades wird die Überlebenden gegenüber den neuen Städtern vertreten und Tätigkeiten bei der Erweiterung der Orte zuweisen, die den Fähigkeiten angemessen sind. Köln und Neu Frankfurt werden für den Anfang den Hauptteil der Unterstützung leisten. Es wird mehr kommen, aus der ganzen Welt. In einem Jahr wird niemand danach fragen, wo ihr hergekommen seid. Sondern danach, was ihr gemeinsam erreicht habt."
"Sollen wir alles vergessen? Woher wir kommen? Was man uns angetan hat?", kam ein Ruf aus der Menge.
Marek sah den Sprecher offen an. "Nein. Das wird nicht geschehen. Im Gegenteil. Ihr werdet dabei helfen, zu bewahren, was Ulm wertvoll gemacht hat." Er wies auf Imara.
"Das Direktorat hat den schnellen Wiederaufbau von Produktionskapazitäten für Technik der Alten angeordnet", gab sie bekannt.
"Woher sollen die Maschinen kommen?", insistierte der Mann.
"Wie Bischof Marek schon ausgeführt hat, wird die ganze Welt mithelfen, dieses Ziel zu erreichen. Die Planer gehen davon aus, dass in zwei Jahren die Recyclingaktivitäten in Neu Cannstatt aufgenommen werden können."
"Was? In zwei Jahren?"
Imara sah den Frager an. "Spätestens."
Der Frager senkte den Blick. "Der Wille der Stifter geschehe."
"Das wird er. Durch alle, die den Auftrag erhalten haben, dabei von Nutzen zu sein."
 
"Wie kommt das Direktorat auf die Idee, dass wir da mitmachen werden?"
Erschrockenes Schweigen breitete sich aus.
Imara blieb unbewegt und winkte den Mann nach vorne. "Wiederhole deine Frage."
Der Rufer hatte sichtlich Angst, aber er wich nicht zurück. "Inquisitorin. Das Direktorat hat die meisten unserer Freunde und Angehörigen getötet. Dass wir verschont wurden, ist nur Njemile Kern und Kaija Neran zu verdanken. Wir sind doch, abgesehen davon, dass wir das Direktorat als Mörder verachten, eine ungeplante Last für euch! Nur durch ein Wunder haben wir die Vernichtung der Stadt und den Angriff auf das Schiff überlebt!"
Imara blickte in die Menge der Ulmer Überlebenden. "Wer diesen Mann unterstützt, der hebt jetzt seine Hand."
Direkt vor ihr streckte sich eine Hand nach oben, dann noch eine. Und noch eine. Es ging wie eine Welle durch die Versammlung.
Imara drehte sich zu den Vertretern und den Freunden Kaijas. Sie hoben gemeinsam die rechten Hände.
Imara nickte und drehte sich zur Versammlung zurück. "Gegenprobe."
Keine Hand hob sich. Imara nickte erneut. "Das ist der Grund, warum ihr heute lebt. Auch wenn das Direktorat es nicht vorausgesehen hat."
"Das begreife ich nicht!", kam ein Ausruf aus der Menge.
Imara hob ihre Stimme. Sie war klar zu verstehen. "Alle, die nicht die Hand gehoben haben, sind in Ulm geblieben. Sie sind dort gestorben. Weil sie nicht den Weg der Stifter gegangen sind. Sondern den Weg Johann Voglers. Weil sie geglaubt haben, sie seien unwichtig. Dass irgendjemand schon über sie herrschen werde. Njemile oder Johann, was ist der Unterschied? Sie waren im Irrtum. Sie wurden fortgeworfen, weil sie für den Weg der Stifter nutzlos geworden sind!"
"Wer hat das Recht, so etwas zu entscheiden?", rief ein anderer.
"Sie haben es selbst entschieden. Die Zeichen waren klar und unverkennbar. Gewogen und zu leicht befunden!" In das schockierte Schweigen hinein fuhr sie fort. "Ob ihr das Direktorat liebt oder hasst, ist bedeutungslos! Nur die Regeln der Stifter haben Bedeutung! Denn diese Regeln sorgen für den Fortbestand der Menschheit! Wer vom Weg der Stifter abweicht, wird brennen!"
Sie senkte die Stimme. "Ich werde euch begleiten. Im Auftrag der Stifter. Im Auftrag der Vereinigten Kirchen, die im Namen der Stifter agieren. Für mich seid ihr keine Überlebenden aus Ulm. Für mich seid ihr keine Verurteilten, die der Hinrichtung entkommen sind. Ich werde einen jeden, ausschließlich, an seinen Taten messen."
"So wie Njemile es getan hat?"
Imara zögerte. Der Schatten eines undeutbaren Gefühls streifte ihr Gesicht. "Darüber wird die Geschichte entscheiden. Ich verspreche euch kein Mitleid. Ich verspreche euch Recht. Ich verspreche euch Ordnung. Ich verspreche euch Gerechtigkeit im Namen der Stifter."
 
Das Murmeln verstummte. Nach und nach machten sich die Teilnehmer auf den Weg in den Ort, der nun ihre Heimat werden würde, oder zum Schiff, um mit Unterstützung der Gemeinschaft des Rades die Abreise vorzubereiten.
Imara wandte sich an Marek. "Jetzt kümmern wir uns um Kaijas Team."
 
***
 
"Esat, du machst keinen besonders überzeugten Eindruck auf mich."
Der Angesprochene schüttelte heftig den Kopf. "Was diese Imara da von sich gegeben hat, ist nichts wert!"
"Warum bist du dann hier und nicht bei den Toten in Ulm?"
Esat sah den Frager abschätzig an. "Du bist von hier, nicht wahr?"
"Ich war nicht auf dem Schiff, wenn du das meinst. 'Von hier' ist schnell gesagt. Ich wurde vom Direktorat für den Bau der Schleusen hierhin befohlen. Ich bin geblieben."
"Aber von Johann Vogler hast du schon gehört, oder?", fragte Esat zynisch.
"Natürlich! Wer nicht? Er hatte große Pläne. Pläne, für die er mehr als eine Nummer zu klein war."
Esat zuckte mit den Schultern. "Zumindest hat er etwas riskiert. Sich nicht einfach dem Direktorat unterworfen. Was soll’s! Es ist vorbei!"
"Wie kommst du darauf?"
Esat sah den Frager mit neuem Interesse an. "Willst du mich auf den Arm nehmen? Oder bist du ein Denunziant des Direktorates?"
"Finde es heraus."
"Was hindert mich daran, dich einfach umzubringen?"
Der andere lächelte überlegen. "Ich habe eine Waffe. Du nicht. Das sind zwei gewichtige Gründe."
"Was willst du von mir?"
"Zuerst einmal nichts. Du hast Imara ganz schön zugesetzt. Das hat mir gefallen. Belass es dabei. Mach dich nützlich. Befolge die Befehle, die du erhältst. Sieh zu, dass du eine Funktion in der neuen Struktur bekommst. Berichte mir ab und zu."
"Mehr nicht?"
Der andere lächelte erneut. "So fängt es immer an. Für dich ist kein Risiko dabei. Wenn du dich als brauchbar erweist, wird sich dein Leben vielleicht in die Richtung entwickeln, die du willst."
"Und wenn nicht?"
"Dann werde ich andere finden, die besser geeignet sind."
"Für wen arbeitest du?"
"Du erwartest doch nicht im Ernst eine Antwort? Wo wir uns eben erst kennengelernt haben? Finde es heraus."
Esat nickte. "Das werde ich."
 
***
 
Imara saß mit Marek, Karl und Kaijas Vertrauten in einem Raum des örtlichen Gasthauses, um ihre Entscheidungen zu verkünden.
Karl schüttelte den Kopf.
"Was hast du?", wollte Marek wissen.
"Hier haben Aisling und Kaija letztes Jahr mit mir und den Ortsvorstehern der anderen beiden Orte zusammengesessen. Um darüber zu entscheiden, wie wir mit der ersten Flüchtlingswelle aus Ulm umgehen sollen. Wir wollten diese Menschen nicht bei uns! Verdammt! Wir waren der Meinung, dass Kaija maßlos übertreibt! Jetzt hat das Direktorat tatsächlich eine ganze Stadt ausgelöscht. Ich habe es nicht glauben können, bis die 'Janea' hier eingelaufen ist!" Er fasste sich. "Gut. Es ist, wie es ist. Ich habe meine Arbeit zu tun, ihr die eure. Inquisitorin: Was hast du für die Menschen entschieden, die die Verantwortung für die Rettung getragen haben?"
Imara straffte ihre Haltung. Sie warf einen Blick auf das Aufzeichnungsgerät, das in der Mitte des Tisches stand. "Ich habe es mir nicht leicht gemacht. Formell müsste ich alle Beteiligten in eine Direktoratsstadt verbringen lassen. Bevor ich ins Detail gehe, frage ich deshalb: Seid ihr willens, unter meiner Aufsicht an dem Platz zu arbeiten, an den ich euch stelle? Keinen Fluchtversuch zu unternehmen? Keine Agitation gegen die Vereinigten Kirchen zu betreiben? Wenn ihr zustimmt, werde ich diese Zustimmung als Eid interpretieren. Wer mich belügt, wird keine Gelegenheit erhalten, es zu bereuen. Das ist mein Angebot." Sie sah fordernd in die Runde. "Wer einen Einwand hat, der spreche jetzt oder schweige für immer."
Niemand ergriff das Wort. Imara fuhr fort. "Eure Entscheidung ist protokolliert. Nachdem ihr Einverständnis bekundet habt, seid ihr für folgende Aufgaben vorgesehen:
Merlan und Wiard werden die Logistik des Aufbaus der Neckarstädte organisieren. Ihr geht nach Köln und werdet dort, mit Mareks Unterstützung, die notwendige Organisation aufbauen. Ich gehe davon aus, dass von Merlans Vermögen genug übrig ist für einen Neuanfang."
Karl sah aufmunternd zu Merlan und Wiard hinüber. "Damit kann ich etwas anfangen."
Merlan nickte zustimmend. "Dann sei es so."
"Jelena und Jan werden mit ihrer Mannschaft auf der 'Janea von Ulm' bleiben. Darüber hinaus werden auf der 'Janea' eine Kabine und ein Büro für mich eingerichtet. Ihr müsst in der Lage sein, kurzfristig auf meine Anforderungen zu reagieren. Ich werde in nächster Zeit viel mit dem Schiff unterwegs sein."
Jelena biss die Zähne zusammen und nickte. Jan rang sich zu einem "Aye" durch.
"Des Weiteren wird mich Jelena gleichrangig für die Bedienung des Schiffes in dessen Datenbanken eintragen."
Jelena riss die Augen auf. "Was werde ich?"
"Mir die volle Kontrolle über das Schiff übergeben."
"Zeigst du mir bitte mal dein Kapitänspatent?"
"Das ist nicht notwendig. Du scheinst dir der Möglichkeiten dieses Schiffes anscheinend immer noch nicht bewusst zu sein. Wie deine Handlungen bei der Vernichtung des Bombers im Übrigen zu deinen Gunsten klar belegen. Ich habe mit keinem Wort angedeutet, dass ich dich deshalb für inkompetent halte, ein Schiff zu führen. Bisher."
Jelena wollte aufbrausen, hatte den Mund schon geöffnet. Sie zögerte. "Wieso brauchst du eigentlich mich für diesen Zweck? Der Eimer gehört dir doch sowieso?"
"Es wäre ein erster Hinweis auf deine Kooperationsbereitschaft. Und meine offizielle Anerkenntnis deiner Kapitänschaft der 'Janea'."
Jan schaffte es, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln. Er warf Jelena einen um Zustimmung bittenden Blick zu. "Sie hat recht."
Jelena ballte die Fäuste. "Dann machen wir es wie angeordnet."
Imara nickte. "Aisling und Robert werden mich, zusammen mit ihren Kindern, in die Direktoratsstadt-A begleiten. Aisling wird mein Kontakt zum Direktorat und den dortigen Institutionen sein, die den Aufbau unterstützen, sowie zu allen anderen hier Anwesenden."
"Was soll ich da?", schnappte Aisling.
"Ich habe es gerade gesagt. Du wirst als meine Assistenz fungieren. Robert wird sicherlich seinen Platz bei den Rechtsaufsehern in der Direktoratsstadt finden."
"Du trennst uns von unseren Freunden!", beklagte sich Aisling.
"Das ist richtig. Ihr begleitet mich mit dem nächsten von Köln startenden Flug. Entweder als meine Mitarbeiter oder als meine Gefangenen."
Robert stieß Aisling sacht an. "Es ist in Ordnung. Wenn wir uns nicht einleben sollten, können wir immer noch ins Gefängnis gehen."
Aisling beruhigte sich. "Trotzdem ist es Erpressung."
"Es ist deine Entscheidung. Akzeptiere es als Bewährung, die ich dir ohne ein gerichtliches Verfahren zuteilwerden lasse. Du wirst direkt und ausschließlich an mich berichten. Wenn dir das nicht gefällt, dann darfst du dich gern einer Anklage wegen Hochverrat stellen."
"Du argumentierst wie Njemile!", beschwerte sich Aisling.
"Das nehme ich als Kompliment. Also?"
Aisling stimmte zähneknirschend zu. "Was ist mit Kaija?"
"Ich weiß es nicht. Laut letztem Bericht ist sie in einem kritischen, aber stabilen Zustand. Es ist nicht vorgesehen, dass ihr euch in Köln seht." Sie sah zu Mandrine hinüber. "Merlan wird mit seiner Frau Kaijas Neugeborene aufnehmen. Bist du sicher, dass du zugunsten der Betreuung der Kinder auf einen aktiveren Anteil verzichten willst?"
"Nachdem ich sehe, wie du mit uns umgehst, mehr denn je. Für die Zeit, die es dauert."
Für einen Moment flackerte es in Imaras Augen. Dann nickte sie knapp. "Der Wille der Stifter geschehe."
"Das wird er. Sei dir sicher."
Imaras Blick nagelte Mandrine fest. "Daran habe ich nicht den Hauch eines Zweifels."
Mandrine senkte stumm den Blick.

Direktoratsstadt-A
"Das ist überraschend."
Yakari blickte finster zur Direktorin, die ihm gegenüber am Tisch der Stifter saß. "Ja. Allerdings. Ich hatte erwartet, dass sie die Mörder einsammelt und umgehend zu uns bringt. Dass sie diese Kaija Neran sterben lässt."
Die Frau wiegte den Kopf. "So sieht die auf den ersten Blick richtige Entscheidung aus. Aber was wäre geschehen? Kaija und ihre Begleiter hätten als Märtyrer dagestanden. Falls Kaija es jetzt nicht schafft, ist es nicht mehr unsere Schuld."
"Ich verstehe nicht, dass du dich auf die Seite der Aufständischen schlägst", gab Yakari zurück. "Mitleid und Gnade sind nicht das Programm des Direktorates."
"Da hast du recht. Aber Logik ist durchaus unser Programm. Diese Menschen haben, mit Ausnahme der Zerstörung des Luftschiffes eines ignoranten Kommandanten, nie die Hand gegen das Direktorat erhoben. Auch nicht gegen die Vereinigten Kirchen. Ganz im Gegenteil. Wir haben uns mit der Zerstörung Ulms in eine Lage gebracht, die zwar das kleinere Übel sein mag, unsere Optionen jedoch für einige Zeit reduziert. Warum glaubst du, dass ein Frederic Vogler so kurz nach dem Ableben seines Onkels das Direktorat kontaktiert, um zu versichern, dass er als dessen Nachfolger ein wesentlich zuverlässigerer Diener sein wird?"
"Weil er uns braucht."
Die Frau schnaufte verächtlich. "Yakari, du bist blind! Frederic hat lange genug in Johanns Auftrag mit uns Geschäfte gemacht, um genau zu wissen, was er wert ist. Wir haben ihm sogar erlaubt, unsere Luftschiffe zu nutzen, damit er die für uns wichtigen Aktivitäten seines Clans weltweit besser koordinieren kann! Wenn wir für ihn Kaija und ihre Kumpane aus dem Weg räumen, dann stärken wir seine Position noch mehr. Das wollen wir nicht wirklich, oder?"
"Trotzdem ist Imara sehr viel eigenmächtiger unterwegs, als ich es ihr aufgetragen habe."
Die Frau lachte erneut. "Sie ist jung! Sie ist intelligent! Sie ist ehrgeizig! Ich habe den Eindruck, dass du mit deinen fünfundsechzig Jahren langsam alt wirst." Sie legte den Kopf schief. "Du hättest sie gern etwas gefügiger, nicht wahr?"
Yakari biss die Zähne zusammen. "Das war sie nie."
"Das wird sie nie sein. Sie ist auf dem Weg zu einem Direktoratssitz. In einem Alter, in dem wir noch nicht einmal davon geträumt haben! In einer Sache gebe ich dir allerdings recht: Sie hätte sich mit uns vorab abstimmen müssen. Wenn man es positiv betrachten will, dann ist sie an die Grenzen ihrer Befugnisse gegangen. Warum? Gab es einen Grund, den sie uns vorenthalten hat? Oder hat sie die Situation am Anfang falsch eingeschätzt? Wir werden sie ab jetzt genauer beobachten. Im Moment ist sie das Beste, was uns beim Wiedererlangen unserer eigenen Handlungsfähigkeit passieren kann."
Yakari lächelte böse. "Wenn du meinst. Seien wir gespannt, was der Preis für ihre Selbstlosigkeit sein wird."
 
***
 
Am 30. Dezember des Jahres 500 verließen siebenhundert Menschen Neu Cannstatt mit der 'Janea'.
Auf dem Weg nach Köln wurden die Flüchtlinge auf die beiden anderen am Neckar liegenden Temporären Siedlungen verteilt. Imara ging an Land, ließ die Ortsvorsteher antreten und machte unmissverständlich klar, was sie zu tun hatten und wie die Konsequenzen bei Zuwiderhandlung aussahen. Danach kamen Marek und Karl, um die Wogen zu glätten. Sie boten Unterstützung und erinnerten daran, dass das Direktorat die Pläne Egor Nerans weiterhin unterstützte. Dass diese Pläne, bedingt durch die Vernichtung Ulms, schneller umgesetzt werden müssten, als Egor es gehofft hatte.
 
"Ich bitte euch, in eurem eigenen Interesse, inständig darum, den Anweisungen der Inquisitorin Folge zu leisten, und sie darüber hinaus vor Schaden zu bewahren. Die Handvoll Wachen, die mit ihr ist, kann nicht überall sein", erläuterte Marek die Situation.
"Warum sollen wir diese Besatzerin nicht einfach zum Teufel jagen?", wurde er gefragt.
Marek grinste. "Wenn ihr das tut, dann wird der Teufel in Gestalt eines Himmelsfeuers kommen und eure Seelen holen. Eure, die eurer Kinder und die aller Menschen, die hier leben. Imara handelt im Namen des Direktorates, mit uneingeschränkter Befugnis. Das gilt auch in Bezug auf mich."
Ab da konzentrierte sich das Gespräch auf die notwendigen technischen Dinge. Marek hatte Listen mitgebracht, die im Anschluss auf der 'Janea' mit Hilfe des Datenkabinetts als Vereinbarungen ausgedruckt und den Ortsvorstehern ausgehändigt wurden.
 
Bei der Erstellung der Dokumente konnte Esat seinen Unmut nicht verbergen.
"Marek, warum machst du dich so klein?"
Marek blieb die Antwort nicht schuldig. "Ich bin ein treuer Diener der Stifter. Ich bin ein Angestellter des Direktorates. Imara ist im Rang über mir, trotz ihrer Jugend. Solange sie im Sinne der Stifter handelt, ist alles, was sie sagt, Gesetz. Wir haben eine kritische Situation, die mit der Vernichtung von Ulm nicht beendet wurde. Imara ist die bestmögliche Besetzung für die Aufgabe, das ist meine feste Überzeugung."
"Aber die Art, wie sie auftritt, schafft ihr keine Freunde."
Marek sah den Sprecher an. "Du bist mir schon vor einigen Tagen aufgefallen, als du Imara in Neu Cannstatt öffentlich kritisiert hast."
Esat ließ sich nicht einschüchtern. "Ja, das stimmt. Was außer dem Tod kann ich denn noch befürchten, nachdem das Direktorat mir alles genommen hat, was ich besaß?"
"Hast du keine Familie? Keine Freunde?"
"Nein. Meine Frau und mein Sohn sind an der Krankheit der Alten gestorben. Ich war der Einzige aus meinem Bekanntenkreis, der etwas auf Njemiles Andeutungen gegeben hat."
"Was hast du in Ulm gemacht?"
"Was ich jetzt auch mache. Ich war Verwaltungsangestellter der Bischöfin. Organisation und Kommunikation."
"Kannst du dir vorstellen, im Sinne Njemiles weiterhin tätig zu sein?"
Esat überlegte. Dann stimmte er zu. "Es wird mich von meinem Selbstmitleid ablenken."
"Gut. Geh auf die Vertreter der Gemeinschaft des Rades zu. Sag ihnen, ich hätte dich geschickt. Sie sollen dir eine deinen Fähigkeiten entsprechende Aufgabe zuweisen. Ich bin sicher, der eine oder andere kennt dich."
"Der Wille der Stifter geschehe. Die Stifter werden mir aber nicht den Mund verschließen."
Marek lächelte. "Das habe ich nicht verlangt. Ich denke, dass du dort mehr gebraucht wirst als in der klerikalen Verwaltung. Ich würde mich freuen, wenn du dich für den Aufbau einer freien und gemeinsamen Welt einbringst."
 
***

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