Sie sind auf Seite 1von 2

Die Kunst des Weglassens

Text Andres Herzog

Kuehn Malvezzi Architekten gewinnen den Wettbewerb für die Innengestaltung der Parochialkirche in Berlin mit einem Projekt, das fast unsichtbar bleibt

in Berlin mit einem Projekt, das fast unsichtbar bleibt Manchmal zeigt sich die Stärke eines Entwurfs

Manchmal zeigt sich die Stärke eines Entwurfs nicht darin, was der Architekt hinzufügt, sondern was er weglässt. Dies verdeutlichen Kuehn Mal- vezzi Architekten mit ihrem Siegerprojekt beim Wettbewerb für die Innengestaltung der Paro- chialkirche in Berlin, bei dem die Jury zwei An- käufe und zwei 2. Preis vergab, die überarbeitet wurden. Das Barock-Bauwerk, entworfen von Johann Arnold Nering und fertiggestellt 1714, war eine der bekanntesten Kirchen der Stadt, bis sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Der Turm stürzte ein, das Inventar verbrannte, die Glocken schmolzen. 1946 richtete die Gemeinde im Turm einen Andacht-Saal ein. Zwischen 1987 bis 2003 wurde die Kirche umfassend saniert, wobei die Spuren der Zerstörung sichtbar blieben. Der- zeit werden die Turmspitze und das ehemals be- rühmte Glockenspiel wiederhergestellt, das neu gar 52 statt der früheren 37 Bronzeglocken zählt. Angesichts der historischen Bedeutung hieß das erste Stichwort für die Teilnehmer also: sen- sibel. Um das Gebäude für die Zukunft zu rüsten, planen die Evangelische Kirchgemeinde St. Petri – St. Marien und die Stiftung Kirchliches Kultur- erbe, hier eine Sammlung für sakrale Kunst zu zeigen und die Kirche für kulturelle Veranstal-

Anonymer Ideen- und Realisierungswettbewerb

ein 2. Preis (5700 Euro, zur Realisierung empfohlen) Kuehn Malvezzi Architekten, Berlin, Winter, Berlin

ein 2. Preis (5700 Euro) Knerer und Lang Architekten, Dresden, Gesa, Dresden

Ankauf (3800 Euro) Winfried Brenne Architekten, Berlin, Nils Meyer Architekten, Berlin, Ingenieurbüro Axel C. Rahn, Berlin

Ankauf (3800 Euro) Königs Architekten, Köln, Donker & Dammann, Oldenburg

Fachjury

Volkmar Bleicher, Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Marc Jordi, Rüdiger Lorenz, Volker Staab, Michael Kny

8

tungen aller Art einzurichten. Daneben sollen weiterhin Gottestdieste stattfinden. Das zweite Stichwort lautete darum: flexibel. Kuehn Malvezzi Architekten, die 2012 den Wett- bewerb für das religionsübergreifende Gebets- haus „The House of One“ in Berlin gewonnen ha- ben, reagieren auf die Anforderungen mit mini- malen Interventionen, die sich im Wesentlichen auf zwei Punkte beschränken: ein neuer Boden und ein neues Raummöbel. Terrazzo verbindet die Raumabschnitte fugenlos und nimmt eine Fuß- bodenheizung auf. Darüber erhalten die Architek- ten den verletzten Innenraum vollständig, auch der offene Dachstuhl bleibt sichtbar. Das Dach wird nur innen gedämmt und neu verschalt, im Gebälk ein Beleuchtungssystem installiert. Auch die Vorhalle und der Turmsaal bleiben in ihrem fragmentierten Zustand erhalten. Einzig mit dem Raummöbel in der Westkonche setzen die Architekten einen feinen Kontrapunkt, der mit der Überarbeitung noch reduzierter wur- de. In der ersten Stufe stand das Möbel frei im Raum, nun schmiegt es sich an die Rundung der Wand. Damit das Gewölbe statisch nicht ver- stärkt werden muss, ist der Einbau aus Brett- sperrholz konstruiert, was Gewicht spart. Der schlichte Körper ist als All-in-One-Lösung kon- zipiert: Er markiert den Übergang zwischen Hauptportal und offenem Kirchenraum, nimmt die Orgel auf und bietet Platz für das Schaude- pot. Die Exponate werden auf Schiebelementen präsentiert, die auf Rollen bewegt werden kön- nen. Nachdem man die Kunstwerke betrachtet hat, kann man sie im Raummöbel wie in einem Schrank verstauen, wo sie klimatisch kontrolliert lagern. Viele Projekte zielen in eine ähnliche Richtung, folgen der Kunst des Weglassens aber nicht so konsequent wie Kuehn Malvezzi. Knerer und Lang Architekten, die ihr Projekt ebenfalls über- arbeitet haben, schließen die Decke mit einer Kuppel, die im Raum zu schweben scheint. Nied- rige Einbauten folgen der Außenwand und neh- men das Schaudepot auf. Die Eingriffe sind be- hutsam, verändern den brüchigen Eindruck der Vergangenheit aber doch wesentlich, insbeson- dere beim Dach. Winfried Brenne Architekten und Nils Meyer Architekten, mit einen Ankauf prämiert, plat- zieren zwei freistehende Emporen, die sie mit

WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN

schlichten Holzbänken kombinieren. Der Vor- schlag ist subtil, greift aber stärker in den Raum aus als jener der Sieger. Max Dudler definiert den Grundriss wie manch andere Teilnehmer mit einem Möbel, das von den Wänden abgesetzt ist. Die Dimension des Kirchenschiffs bleibt er- lebbar, die Wahrnehmung wird trotzdem deut- lich verändert. Einige Büros treten die Flucht nach vorne an und entwerfen einen Konterpunkt zum Barock, überspannen den Bogen aber alle. Königs Archi- tekten verteilen unterschiedlich hohe Emporen aus Blech im Kirchenraum und hängen gläserne Vitrinen unter die Decke, was ihnen einen An- kauf einbrachte. Graft Architekten arbeiten als Bühnenbildner und installieren unter dem Dach- stuhl einen Schnürboden, an dem die Kunstwerke aufgehängt sind. Innert Minuten verschwinden ganze Ausstellungsteile im Himmel. Doch die Fle- xibilität hat ihren Preis. Statt in einer Kirche wähnt man sich auf einer Theaterbühne. Noch dramatischer überformen P.arc, Ittenbrech- bühl und Niall McLaughlin den Bestand. Sie le- gen ein feines Metallgitter in den Raum, das das Licht schillernd nach unten fallen lässt. Ein poetischer, aber eben auch radikaler Eingriff. Die ursprüngliche Architektur verschwindet hin- ter dem Dickicht der Stäbe. Umso schlüssiger erscheint darum das Siegerprojekt, das mit fast nichts operiert. Manchmal ist weniger mehr.

ein 2. Preis Kuehn Malvezzi Architekten ziehen einen neuen Terrazzoboden ein Foto: Architekten

2
2

Bauwelt 6.2016

Räumlich beschränkt sich der Eingriff von Kuehn Malvezzi auf das Raummö- bel, das Orgel und Schau- depot aufnimmt Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten

Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9
Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9
Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9
Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9
Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9

Bauwelt 6.2016

Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9

WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN

Schnitte im Maßstab 1:500, Grundrisse 1:1000; Abbildungen: Architekten Bauwelt 6.2016 WETTBEWERBE ENTSCHEIDUNGEN 9

9

2
2
A
A

Ankauf Winfried Brenne Architekten und Nils Meyer Architekten

A
A

Ankauf Königs Architekten

ein 2. Preis Knerer und Lang Architekten schließen die Decke mit einer Kuppel, die im
ein 2. Preis Knerer und Lang
Architekten schließen die
Decke mit einer Kuppel, die
im Raum zu schweben
scheint
Pläne im Maßstab 1:1000;
Abbildungen: Architekten
Pläne im Maßstab 1:1000; Abbildungen: Architekten o h n e R a n g M a

ohne Rang Max Dudler

o h n e R a n g M a x D u d l e

ohne Rang P.arc, Ittenbrechbühl und Niall McLaughlin

e r ohne Rang P.arc, Ittenbrechbühl und Niall McLaughlin ohne Rang Graft Architekten Bitumenbahnen lieben

ohne Rang Graft Architekten

Bitumenbahnen lieben Herausforderungen – jeden Tag.

Gewinnen Sie ein iPad Pro: Reinklicken + Chance nutzen! Teilnahme bis 29.02.2016 Teilnahmebedingungen im Internet.
Gewinnen Sie ein iPad Pro:
Reinklicken + Chance nutzen!
Teilnahme bis 29.02.2016
Teilnahmebedingungen im Internet.

Technik, Fakten, Wissen! Jetzt auch mobil unter

im Internet. Technik, Fakten, Wissen! Jetzt auch mobil unter www.derdichtebau.de Mehr Wissen aus der Praxis +

www.derdichtebau.de

Mehr Wissen aus der Praxis + direkter Kontakt zu den führenden deutschen Bitumenbahnen- Herstellern + gebündeltes Abdichtungs-Know- how unabhängiger Technik-Gremien.

Abdichtungs-Know- how unabhängiger Technik-Gremien. Bleiben Sie vorne dran! Mit Deutschlands größtem
Abdichtungs-Know- how unabhängiger Technik-Gremien. Bleiben Sie vorne dran! Mit Deutschlands größtem
Abdichtungs-Know- how unabhängiger Technik-Gremien. Bleiben Sie vorne dran! Mit Deutschlands größtem
Abdichtungs-Know- how unabhängiger Technik-Gremien. Bleiben Sie vorne dran! Mit Deutschlands größtem

Bleiben Sie vorne dran!

Mit Deutschlands größtem Branchentreff für Kälte- und Klimatechnik. Der Plattform für Ihren Informationsvorsprung.

07. - 08. APRIL 2016, ESTREL HOTEL BERLIN

Seien Sie willkommen – wir halten Sie auf dem neuesten Stand! Politisch gewollte Veränderungen, die in großem Maße die Kälte- und Klimabranche betreffen, führen aktuell zu weitreichenden technologischen Veränderungen. DAIKIN hat auch hier wieder neue Maßstäbe gesetzt. Lassen Sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven dazu umfassend informieren. Nutzen Sie die Chance, aktiv an der Branchenentwicklung mitzuwirken! Wir schaffen Ihnen Raum dafür.

DAIKIN Leading Air Convention. Wir bringen Menschen und Ideen zusammen.

Davon können Sie profitieren:

› Innovative Produkte

› Zukunftsweisende Technologien

› Beste Kontaktmöglichkeiten

› Hochkarätige Referenten

› Entspannte Atmosphäre

JETZT ANMELDEN!

lac-2016p.daikin-veranstaltung.de

JETZT ANMELDEN! lac-2016p.daikin-veranstaltung.de Keynote-Speaker: Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer zu Gast

Keynote-Speaker: Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer

zu Gast mit dem Thema: „Antriebe, Abgase und

Alternativen – was wir von der Automobilbranche

lernen können“

UNSER MEDIENPARTNER 2016:

Abgase und Alternativen – was wir von der Automobilbranche lernen können“ UNSER MEDIENPARTNER 2016: Leading Air

Leading Air

Abgase und Alternativen – was wir von der Automobilbranche lernen können“ UNSER MEDIENPARTNER 2016: Leading Air