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Gestaltungsstrategien gegen Technostress und Information Overload


Aufsatz für den Kurs Sustainable Design
bei Prof. Dr. Frank Heidmann WS 07/08
von Johannes Tonollo und Christopher Warnow
Gestaltungsstrategien gegen Technostress und Information Overload

Eine Studie zeigt, dass Amerika pro Jahr 650 Milliarden Dollar durch Technostress am Arbeitsplatz ver-
loren gehen. Ablenkungen durch Email und Instant Messenging unterbrechen die produktive Arbeit. Sie
wurde von der basex knowledge economy research and advisory firm erstellt 2007 erstellt und weist auf erschwerte
Arbeitsbedingungen hin: »Information is the new currency of our society yet workers are drowning in
information. A typical worker gets 200 e-mails, dozens of instant messages, multiple phone calls (office
phone and mobile phone), and several text messages, not to mention the vast amount of content that he/
she has to contend with.«[1]

Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, wie kann mit den Technologien umgegangen werden um dem Stress
entgegen zu wirken. Und zweitens, warum gibt es den Drang, Informationen über die Kanäle wie Email,
Handy, Instant Messaging zu senden. Es kommen noch weitere hinzu wie Social Networks oder Blogging-
und Microblogging-Technologien. Allen Warnungen zum trotz steigt die Nutzung. Es muss also etwas an
diesen Mitteln liegen, die einem dazu veranlassen sie ausgiebig zu nutzen.

Zum ersten Punkt gibt es die Ansätze, intelligente Filter einzusetzen oder zusätzliche kontextuelle Infor-
mation zu liefern, die Aufschluß darüber geben, ob es ratsam ist jemanden anzusprechen.
Ein Projekt von Joyco Ho et al. von dem MIT geht davon aus, dass jemand konzentriert arbeitet wenn er
sich nicht bewegt. In dem Moment in dem der Proband seine Körperhaltung ändert, sich also dehnt oder
aufsteht besteht ein Indiz dafür, dass er für ankommende Nachrichten offen ist. Diese werden dann erst
gesammelt gesendet. Problematisch wird es in Berufen in denen sich oft bewegt wird. Zum Beispiel bei
Köchen in der Küche oder Monteuren auf der Baustelle. [2]

Setzt man nicht bei Filtern an sondern einen Punkt vorher, könnte Proband A vor dem Senden einer
Nachricht nachsehen, ob Proband B dafür gerade empfänglich ist. Ob ein Manager zum Beispiel gerade
in einer Besprechung sitzt. In dem Experiment ContextContacts werden dafür Extradaten in der Kontaktliste
eines Handies mitgegeben. Zum Beispiel die Anzahl der Personen in der Nähe. Aufgrund dieser zusätzli-
chen Indizien kann Proband A seine Kontaktaufnahme abwägen.[3] Dieser Ansatz greift einen Misstand
der momentanen Technologien auf. Sie ermöglichen und suggerieren die ständige Verbindungsmöglich-
keit. Aber zu der rein technischen Machbarkeit kommt auch der soziale Kontext hinzu in der der konkrete
Informationsfluß steht. Eine Person kann gerade Feierabend haben, in einer Besprechung stecken oder
aus einem anderen Grund nicht ansprechbar sein.

Die oben genannten Ansätze gehen beide von einer technischen Lösung für die Probleme aus, die durch
die ermöglichten technischen Infrastrukturen entstehen. Es müssen aber nicht immer solche Lösungen
sein. Sie können zwar funktionieren, wenn automatisch alle Indizien zu einem Kontext kombiniert wer-
den können. Dieser Schritt allein ist schon schwer genug. Es besteht also viel Arbeit für Ingenenieure,
Informatiker und Interaktionsdesigner. Es bleibt aber immer noch die Überlegung, ob nicht eher die Um-
stände und Verhaltensweisen gestaltet werden müssen, anstatt neue berichtigende Technologien. In Japan
werden Roboter getestet, die den allein stehenden alten Menschen Gesellschaft leisten.[4] Das funktioniert
sogar. Es wird aber nicht die Frage gestellt, warum so viele Menschen allein sind. Es könnte den Familien-
mitglieder auch ermöglicht werden ihre Eltern und Großeltern öfter zu besuchen oder bei sich zuhause
wohnen zu lassen. Eine deutsche Studie befragte 100 deutsche Manager nach ihrem Emailverkehr und
-gebrauch.[5] Eine der Quintessenzen war die Erkenntnis, dass die Möglichkeit des CCs verstärkt Auf-
gaben weiter delegieren lässt. Es ist ein psychologischer Trick um sich einer Arbeit zu entledigen. Dessen
müssen sich die Verantwortlichen bewusst sein und dementsprechend von selber reagieren. Da kann keine
automatische Software weiterhelfen.
Dem Technostress also durch intelligente Filter oder Context Awareness Designs entgegen zu wirken muss
also genau abgewägt sein. Sollte sich für eine technische Lösung entschieden werden sollten folgende Fra-
gen geklärt sein. Wo tritt der Stress auf und warum?
Die Anfangs genannte Studie spricht von Stress am Arbeitsplatz. Tritt dieser Stress auf jedem Arbeitsplatz
auf ? Nicht in den klassischen Berufen wie Bäcker, Friseur der Bauarbeiter. Diese Berufe sind sehr wenig
auf Kommunikation über Email und Instant Messaging angewiesen. Der Bruder des Autors berichtete
sogar, dass das Handy eher die Arbeitsprozesse beschleunigt. Er arbeitet als Fahrstuhlmonteur in Basel
und ist froh darüber, dass er bei fehlenden Teilen nicht die Baustelle verlassen muss sondern alles mit Hilfe
des Telefons organisieren kann.

Welche Berufe werden in der Studie genannt? Es wird von Stress im Büro geredet. Dort werden Infor-
mationen gesendet und Prozesse erfragt und aufeinander abgestimmt. Der Vater des Autors arbeitet als
Verwaltungsangestellter in einer Rehabilitationsklinik. Er fühlt sich ebenfalls nicht durch zu große Email-
flut oder Instant Messaging Nachrichten gestört. Er begrüßt eher die Möglichkeit, wichtige Informationen
an Mitarbeiter weiter zu leiten. Namentlich Dienstpläne oder deren Änderungen. In diesem Fall wird die
Emailkommunkation auch streng beruflich benutzt. Anders sieht es aus, wenn sich private und berufliche
Kommunikation vermischt. Sei es durch eigenes Ermessen oder aus Notwendigkeit. Der Instant Mes-
senging Client kann zum Beispiel gleichzeitig berufliche und private Kontakte enthalten. Der Kanal ist
durchgängig offen, um mit Kollegen oder Kunden zu kommunizieren. Gleichzeitig können aber Nach-
richten von Freunden ankommen. Witze oder Fragen nach der abendlichen Beschäftigung zum Beispiel.
Das ist nun ein greifbarer Punkt, der Technostress entstehen lässt. Die erste Idee dem entgegen zu wirken
ist die strikte Trennung nach Kollegen und Freunden. Also eine Filtermöglichkeit. Warum wird dem bis
heute trotz vieler Aufrufe und Initiativen nicht nachgekommen? Reicht der gesunde Menschenverstand
nicht aus? Und ist die angesprochene Vermengung von Beruf und Privatem ein kurzer Misstand der auf
unreifer Technologie fußt oder eine grundsätzliche Entwicklung? Im folgenden soll die Frage erörtert wer-
den, welche Motive hinter dieser Entwicklung stehen und welche Gestaltungsmaxime sich daraus ableiten
lassen.

Bevor das geschieht soll noch ein letzter Gedanke verfolgt werden. Bedeuten Filter nicht Erleichterung
durch vorenthalten von Informationen? Ein Fall in dem das Gegenteil eintritt ist die Microsoft Geschäfts-
stelle in Berlin. Dort trägt jeder Mitarbeiter ein Gerät bei sich, das seine Position innerhalb des Gebäudes
an die Anderen sendet und dem Mitarbeiter umgekehrt die Aufenthaltsorte seiner Kollegen anzeigt. Die
totale Transparenz also. Die Pressesprecherin antwortete auf die Frage ob sie sich beobachtet fühlt oder
die Geräte Stress verursachen mit einem klaren nein. Sie kam nicht auf die Idee sondern wies auf die
guten täglichen Organisationsmöglichkeiten hin, da sie schnell darüber im Bilde ist ob ein bestimmter
Raum gerade gebraucht wird oder ob ein Mitarbeiter gerade in einer Besprechung sitzt. Das System wird
als hilfreiches Werkzeug genutzt. Ganz anders sähe es ausserhalb des Gebäudes aus. Dort würde diese
Transparenz viele Probleme aufwerfen.

Bei dem Gestalten einer Technologie kommt es sehr stark darauf an, ob sie für die Arbeit oder für die
private Nutzung eingesetzt wird. In einem Beruf kann der Kontext stärker eingegrenzt und eindeutiger
für technische Systeme beschrieben werden.

Bestimmte Berufszweige haben sich also durch Technologien verändert. Desweiteren vermischen sich
berufliches und privates Leben. Es bestehen und entwickeln sich mehrere Kanäle, über die Menschen
miteinander kommunizieren und sich verbinden. Es bietet sich an sich von der Situation Mesch-sitzt-vor-
einem-Computer weg zu bewegen zu einem anderen Ansatz. Die verschiedenen Kanäle strömem nicht
nur über einen Computer zu einer Person, sondern über viele verschiede Wege. Der Computer Zuhause,
der Arbeitsrechner, das Handy und weitere Entwicklungen die vielleicht in dem Bereich Pervasive Com-
puting zusammengefasst werden. In so einem offenen System treten eine große Zahl an Möglichkeiten
und verschiedenen Situationen auf, so dass es einen unermesslich großen Aufwand bedeutet intelligente
Filter oder auf Indizien wartende Systeme zu entwickeln, die unangenehme Situationen verhindern.
Gibt es weitere Gestaltungsansätze? Der Aufsatz Logische Tiefe und freundliche Oberflächen von Walter Bauer-
Wabnegg postuliert: »Weniger in sich abgeschlossene Verfahren als vielmehr strukturelle Offenheit gäbe
darin die entscheidenden Fragen vor, und Computer stellten Teile des Systems dar und keine autonomen
Systeme gegenüber dem Gesamtsystem. Vernetztheit könnte hier zur neuen Leitmetapher avancieren.«[6]
In diesem Zitat ist der letzte Satz am interessantesten. Wird angenommen der Technostress entsteht durch
die Vernetzung ergeben sich daraus bestimmte Möglichkeiten damit umzugehen. Einerseits kann die Ver-
netztheit im Sinne Adam Greenfields als Everyware bezeichnet werden. Im gleichnamigen Buch weist er
auf die Möglichkeiten und Probleme hin, die durch die Durchdringung des Alltags mit Technologie auf-
treten. Das Wort Everyware setzt sich aus den Worten Software, Hardware sowie everywhere zusammen.
Die Vision des Pervasive oder Ubiquitous Computing bringt viele positive Möglichkeiten mit sich. Wie
zum Beispiel die Kommunikation unabhängig von Ort und Zeit. Bei der Gestaltung dieser Technologien
fordert Adam Greenfield aber ganz klar: »Ubiquitous systems must offer users the ability to opt out, always
and at any point.«[7] und noch genauer »we‘ll have to:
- educate ourselves at to the nature of the various technologies I have here grouped under the rubric
everyware;
- decide which of them we will invite into our lives, and under what circumstances;
- demand that the technologies we are offered respect our claims to privacy, self-determination, and
quality of life;
- and (hardest of all) consistently act in accordance with our beliefs – at work, at the cash register, and
at the polls.« [8]

Laut Adam Greenfield ist Ubiquitous Computing oder Vernetzung Fakt, aber warum hat sie sich entwi-
ckelt? Oder warum wird sie ausgiebig genutzt?

Eine Mögliche Herangehensweise an diese Frage ist ein gedankliches Konstrukt, welches der 1991 ver-
storbene Medienphilosph Villém Flusser entwirft. In seinem Aufsatz Verbündelung oder Vernetzung beschreibt
er unsere Gesellschaft als Informationsgesellschaft als »jene Daseinsform in der sich das existenzielle In-
teresse auf den Informationsaustausch mit anderen konzentriert«[9] und »Diese Einsicht nun, wonach
die einen jeden von uns mit anderen verbindenden Fäden unseres konkreten Dasein ausmachen, wonach
… die Kommunikation die Infrastruktur der Gesellschaft ist, führt zum Errichten der Informationsge-
sellschaft im hier gemeinten Sinn dieses Wortes. Aufgrund dieser Einsicht ist es geradezu zwingend, eine
Gesellschaftsform anzustreben, worin sich jeder im Informationsaustausch mit anderen verwirklicht.«[10]
Flusser empfindet Technologie als die Lösung für seinen Gesellschaftsentwurf. Namentlich die von ihm
so benannte Telematik, welche »jene Technik [ist], dank welcher wir einander näherrücken, ohne dabei
irgendwelche Anstrengungen machen zu müssen.«[11] Folgt man Flussers Gesellschaftsentwurf lässt sich
die vermehrte Nutzung von verbindenden Technologien erklären. Die Präsenz in einem Instant Messen-
ging Client ist gleich einer Telepräsenz innerhalb der Telematischen Gesellschaft. Man ist gleichzeitig real
an einem Ort aber auch an vielen anderen Orten. Bei Bekannten in einem anderen Stadtteil oder einer
anderen Stadt. Und man hat die Möglichkeit mit anderen Informationen zu produzieren um sich so sei-
ner Existenz sicher zu sein. Existenz ist hier im Flusserschen Sinne gemeint, denn laut ihm wird »Dank
verschiedener Analysen immer deutlicher, daß der Begriff des ›Selbst‹ … keine Tatsache meint sondern
etwas nur virtuelles. Wenn ich mich selbst analysiere (einen Purzelbaum um mich schlage), so stelle ich
fest, daß ›ich‹ jenen abstrakten Punkt meint, an welchem sich konkrete Beziehungn verknoten. ›Ich‹ ist der
Name, der konvergierende Beziehungen bezeichnet, und wenn alle Beziehungen, eine nach der anderen,
abgezogen werden, dann bleibt kein ›Ich‹ übrig. Anders gesagt: ›ich‹ meint, daß andere ›Du‹ dazu sagen.
Die Informationsgesellschaft wäre demnach eine Strategie zur Verwirklichung der Virtualität ›ich‹ in der
Virtalität ›Du‹«[12] Es gibt konkrete Möglichkeiten Ich durch das Du des anderen zu sein, zum Beispiel
durch telefonieren, SMS senden, chatten. Aber auch potentielle wie Blogs und Microblogs wie Twitter,
Away Messages von Instant Mesenging Software oder tagebuchartigen Statusnotizen in Social Networks
wie Facebook. Dort produziert man sich in eine Möglichkeit hinaus, von anderen gelesen und wahrge-
nommen zu werden. Nach jener Logik erklärt sich das verlangen online und connected zu sein. Um mit
Hilfe der Telepräsenz von anderen Wahrgenommen zu werden und so selber zu existieren. So wie auch zu
anderen Du sagen zu können. In diesem Sinne wird der Begriff Nähe in dem Aufsatz auch neu definiert.
Sie »ist danach nicht die Funktion irgendeiner räumlichen und zeitlichen Entfernung, sondern Funkion
der Zahl und Intensität der Beziehungen, die einen mit anderen verbinden.«[13] Dieser Punkt ist meines
Erachtens zu absolut gefasst. Es wird auch immer noch die örtliche Nähe eine Rolle spielen, doch kommt
mit der Nähe in der Telematischen Gesellschaft eine neue Dimension hinzu, die erklären kann, warum
technische Kommunikationsmöglichkeiten so ausgiebig genutzt werden und eine Eindämmung nicht in
Betracht gezogen wird.

Wenn die eben genannten Überlegungen erklären aus welchen Beweggründen Emails und Instant Mes-
senging Nachrichten versendet werden, bedeutet das für den Gestalter nicht nach restriktiven Filtern zu
suchen. Sondern dem Rechnung zu tragen und eher zu ermöglichen sich besser mit andern verbinden zu
können. Eine qualitativ bessere Telepräsenz zu bieten. Aber – und das ist ist die wichtige Erkenntniss – zu
bedenken dass in einer Gesellschaft, auch in einer Telematischen, soziale Regeln etabliert werden müssen,
die der Gruppe und dem Einzelnen keinen Schaden zufügen.

Diese beiden Pole können auch Öffentlich und Privat genannt werden. In der Flusserschen Telemati-
schen Gesellschaft, oder anders gesagt, vernetzten Gesellschaft gelten vielleicht andere Definitionen. Um
noch ein letztes mal bei Flusser zu bleiben, er redet in seinem Aufsatz Häuser bauen davon, wie sich diese
Pole auflösen. »Das heile Haus mit Dach, Mauer, Fenster und Tür gibt es nur noch in Märchenbüchern.
Materielle und immaterielle Kabel haben es wie einen Emmentaler durchlöchert: auf dem Dach die
Antenne, durch die Mauer der Telefondraht, statt Fenster das Fernsehen, und statt Tür die Garage mit
dem Auto. Das heile Haus wird zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bläst«[14]
Auf diese Auflösung des klassisch privaten Heimes muss sich eingestellt werden. Aber nicht in dem Sinne,
dass nun verlangt wird die Kommunikationskanäle in sein Haus zu lassen. Es ist eine andere Qualität
gemeint. Die Technologie die am dichtesten an eine Person dringt ist die Mobilfunktechnologie. Durch
sie ist eine Person direkt an ein Netz verbunden. Das bringt eine bestimmte Seinsqualität mit sich, die für
den Gestalter zu beachten ist. »Handytechnologie bringt fertig, was das Radio nicht kann: Sie erfüllt den
Raum mit MEINER Präsenz, zumindest potentiell. Unversehens gehört der Kommunikationsraum mir
so wie der physikalische Raum. Gleichzeitig stützt das Handy die Vorstellung von Raum als veränderbarer
Umgebug, die es bis an die Grenzen seiner Rufweite ausdehnt. Es stützt die Vorstellung, dass der einzelne
Körper im Raum einen Ausgangspunkt hat, stützt eine Art ›Seinspunkt‹, der Nutzen und Eigenschaften
eines ›Gesichtspunkts‹ ergänzt.«[15] Dieses Zitat von Derrick de Kerkhove, Leiter des MacLuhan Program
in Culture and Technology fasst eine wichtige Charakteristik des Handies zusammen. Die Potentielle Erwei-
terung und Präsenz einer Person. Und zwar in ein Netz bestehend aus anderen potentiellen Präsenzen.
Die spürbare Unmittelbarkeit dieser Eigenschaft erklärt de Kerkhove: »Das Handy verkündet die Rück-
kehr unseres erweiterten zentralen Nervensystems in unseren Körper«[16] Was ist das erweiterte zentrale
Nervensystem: »Wenn McLuhan Recht hat mit dem, was er über Elektrizität als weltweite Erweiterung
des Zentralen Nervensystems sagte, dann stellt das Handy die Wiederkehr des elektronischen Gitters um
den Erdball in den Körper dar, die privilegierte Verbindung meines Seins zur großen weiten Welt.«[17]
Wenn also von einem durch Kommunikationskanäle durchlöchertes Haus gesprochen wird, ist gemeint,
dass es eine Veränderung des Daseins Auftritt. Es ist eine zweite Ebene entstanden, die zusätzlich zu dem
Privatraum existiert. Es ist aber keine hinzu gefügte Ebene, sondern eine Erweiterung des Organismus.
Es ist vielleicht angebracht zu betonen, dass die Erweiterung nicht in einem biotechnischen sondern eher
psychischen und kulturellen Sinne verstanden wird. Sobald das Handy als neuer Sinn oder erweiterter
Körper verstanden wird, stellt sich nicht die Frage ob neue Technologien in das Privathaus gelassen wer-
den sollen um ihren Anforderungen gerecht zu werden. Wenn diese Technologien eine direkte Erweite-
rung darstellen ist die reale Person immer noch das ursprüngliche und wird vorangestellt. Es muss also
immer noch reale örtliche Rückzugsmöglichkeiten geben. Dem hat sich die Technologie unterzuordnen.
Trotzen sollen Erweiterungen einer Person nicht abgeschnitten werden so wie die Möglichkeiten eines
Mitmenschen sich zu manifestieren nie eingeschränkt werden sollen. Für den Gestalter bedeutet es nach
dem Wesen dieser Erweiterungen zu suchen und mit diesen sinnvoll zu arbeiten.
Ein Merkmal ist, dass die Privatsphäre verändert wird. Der Lehrstuhlinhaber des Pervasive Computing
Bereichs der Universität Duisburg Prof. Dr. Albrecht Schmidt behauptete auf einem Workshop im März
2009 an der Fachhochscule Potsdam, dass wir in 20 Jahren über die Privatsphären-Debatte lachen wer-
den, da bis dahin alle Daten generiert und verwendet werden die möglich sind. Es stellt sich so nicht mehr
die Frage wo Informationen generiert werden dürfen. Wenn sie überall erstellt werden können verschiebt
sich der Fokus auf die Art der Information und die Weise wie sie erstellt werden. Nach der Behauptung
brachte Herr Schmidt auch ein Beispiel: Wenn zwei Leute in einem Raum arbeiten stellen sich bestimmte
Fragen gar nicht, die zur Zeit aber zum Kommunikationsalltag dazu gehören. Wenn einer der Personen
beschäftigt nach denkt braucht der andere nicht fragen ob er »gerade reden kann«. Im Gegenzug kann die
Person spüren wenn der Kollege Hilfe gebrauchen kann. Die Metapher des in einem Raum Sitzens kann
auf die technische Infrastruktur erweitert werden. Wenn Menschen in einem Raum sitzen ergeben sich
subtile Kommunikationsmöglichkeiten und weitere Qualitäten von Information als auf Zettel geschrie-
bene Nachrichten. Man denke an Insider, die Farbe der Stimme, Eigenheiten einer Person und so weiter.
Diese Arten werden zur Zeit nicht abgebildet sondern herunter gebrochen auf neutrale immer da seiende
Nachrichten auf einem Bildschirm. Wenn subtile Informationsarten in den richtigen Formen und Situ-
ationen gesendetet werden können, ergeben sich bestimmte Stressituationen nicht mehr. Da man bereits
sieht oder weiss, dass der andere für etwas bestimmtes ansprechbar ist oder nicht.

Bezogen auf den Technostress auf dem Arbeitsplatz ergeben sich nun bestimmte Haltungen in der Ge-
staltung. Erstens muss der Fakt bedacht werden, dass es neben der örtlichen Situaton einer Person eben-
falls die Erweiterung in ein Netzwerk gibt. Es kann Netzwerkgesellschaft, Telematische Gesellschaft oder
technologische Infrastruktur genannt werden. Es muss also ermöglicht werden, an dieser Gesellschaft
teilhaben zu können. Das fängt mit Microblogging und Statusmeldungen an. Diese Nachrichten geben
zum ersten anderen Personen Aufschluß darüber in welcher Situation der andere sich befindet. Es ist aber
wichtig, dass diese Nachricht bewusst von jemandem an das Netz gesendet wurde. Es arbeitet kein System
das automatisch nach Indizien misst. Desweiteren gibt es trotz der gleichen Infrastruktur unterschiedliche
Nachrichtenarten. In dem Twittersystem werden beruflich relevante Links versendet, Befindlichkeit an-
gegeben, lustige Netzfundstücke gezeigt, persönliche Memos oder Insider geschrieben. Stichpunkte, die
nur von bestimmten eingeweihten Mitmenschen verstanden werden. Selbst in dem beschränkten Platz
eines Microblogging Textfeldes lassen sich unterschiedliche Informationsqualitäten unterbringen. Eine
Technologie, die unseren thematisierten Stress vorbeugen soll, muss ermöglichen, Informationen unter-
schiedlicher Färbung, Komplexität und Verständlichkeit an konkrete und potentielle Beobachter senden
zu können. Solche Informationen müssen nicht aus alphanumerischen Zeichen bestehen. Und können
auch zeitlich begrenzt existieren. Die Möglichkeit Daten für immer zu speichern muss nicht heissen dass
es auch für jede Art von Daten notwendig ist. Es gibt Tagebucheinträge und Erinnerungen auf einem Ein-
kaufszettel. Es muss möglich sein, zu jeder Zeit entsprechend der aktuellen Situation mit dem Netz kom-
munizieren zu können oder eben nicht. Emails erleichtern das delegieren von Arbeiten, geben aber keinen
Aufschluß über das Arbeitspensum des Gegenübers. Telefone ermöglichen das potentielle Verbinden mit
der Netzwerkgesellschaft, zu jeder Zeit und unabhängig vom Ort. Es bietet aber nicht die Möglichkeit
unverbindlichere Beschreibungen seiner Telepräsenz abzugeben. Twitter und Statusmeldungen geben an-
deren schon eher einen Eindruck über den Gegenüber, und ermöglichen dies auf selbstbestimmte Weise,
sind aber auf alphanumerische Codes beschränkt, lassen nicht überzeugend zwischen unterschiedlichen
Rezipientengruppen unterscheiden und sind noch stark auf das abgekapselte Szenario Mensch-sitzt-vor-
Computer beschränkt. An/Aus-Nachrichten wie örtlich voneinander getrennte Kissen bei denen das eine
leuchtet wenn das andere gedrückt wird bieten nicht genug Regeln um eine komplexere Nachricht abzu-
geben und es bleibt bei einen Ich bin da oder nicht. Sie nutzen aber bestehende Situationen und beachten
so den Punkt, dass die Anbindung an einen Ort voller Telepräsenzen eine Erweiterung des realen Raumes
ist und ihn nicht ersetzt.

Im Idealfall kann eine Person in Ruhe ihre Arbeit vollbringen, ist aber auch über andere Personen im
Bilde, die sich überall befinden können. Diese anderen Personen haben diese Informationen von sich
aus zur Verfügung gestellt. Dieser Akt ist natürlich in den Alltag mit eingebunden und von Situation zu
Situation unterschiedlich. Es gibt die potentielle Möglichkeit zu jeder Zeit an jedem Ort Informationen
mit jemand anderem zusammen zu produzieren. Der Zeitpunkt kann aber abgewägt werden. Es ist in
dem idealen Fall moralisch vertretbar, zwar ständig präsent zu sein, aber mal mehr mal weniger verfügbar
zu sein. Diese Abstufung oder Färbung der Präsenz wird nicht von intelligenten Filtern automatisch gene-
riert sondern aktiv von Personen gestaltet. Um es aber noch einmal zu wiederholen, es muss möglich sein
»to opt out, always and at any point.«

In wie fern die Gestaltungsansätze greifen und ob das Modell der Telematischen Gesellschaft anwendbar
ist muss nun erforscht werden.

Quellen:

[1] „Information Overload: We Have Met the Enemy and He Is Us“, http://bsx.stores.yahoo.net/inov-
wehamete.html, 11. April 2009
[2] Joyce Ho and Stephen S. Intille, Using context-aware computing to reduce the perceived burden of in-
terruptions from mobile devices, Proceedings of the SIGCHI conference on Human factors in computing
systems, SESSION: Interruptions and attention 2: attending to interruptions, : 909 - 918, 2005
[3] Antti Oulasvirta, Mika Raento, Sauli Tiitta, ContextContacts:  re-designing SmartPhone‘s contact
book to support mobile awareness and collaboration, ACM International Conference Proceeding Series;
Proceedings of the 7th international conference on Human computer interaction with mobile devices &
services, Pages: 167 - 174, 2005
[4] G. Jeffrey MacDonald, Elders finding love in a household machine, http://www.boston.com/busi-
ness/globe/articles/2006/04/03/elders_finding_love_in_a_household_machine/, 11. April 2009
[5] Prof. Dr. Michael Nippa, Frau Tina Laubsch, „Das Management der geschäftlichen E-Mail-Kommu-
nikation“ - ein Fall für Führungskräfte, http://fak6.tu-freiberg.de/index.php?id=699, 11. April 2009
[6] Bernhard E. Bürdek: Der Digitale Wahn, Suhrkamp Verlag, 2001, S. 40
[7] Adam Greenfield: Everyware, The dawning age of ubiquitous computing, New Riders, 2006, S. 246
[8] a. a. O., S. 255ff
[9] Vilém Flusser: Medienkultur, Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, S. 143
[10] a. a. O., S. 144
[11] a. a. O., S. 145
[12] a. a. O., S. 146
[13] a. a. O., S. 146
[14] a. a. O., S. 162
[15] Derrick de Kerckhove: Die Architekur der Intelligenz, Wie die Vernetzung der Welt unsere Wahr-
nehmung verändert, Birkhäuser, 2002, S. 28
[16] a. a. O.
[17] a. a. O.