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1. Einleitung des Herausgebers:
Vernunft in Verwirklichung 9
Prinzipien der Edition . . .

II. G.F.W. HEGEL


PHILOSOPHIE DES RECHTS
f#,RVARD UNiVERS1D> Die Vorlesung von 1819120
1-IBRARY in einer Nachschrift 43
MAR 151984 Inhaltsanzeige 45
Text . 46

III. Anhang
Bericht zur Edition. 297

Erläuterungen
Kommentare .
Sonderkommentar I
Erste Auflage 1983 Paragraphenziffern der Vorlesung von 18 I 8!I 9 in der
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983 Nachschrift von 1819120 . 349
Alle Rechte vorbehalten
Sonderkommentat II
Druck: MZ-Verlagsdruckerei GmbH, Memmingen
Printed in Germany
Inhaltsanzeige und Überschriften 355
Sonderkommentar BI
Cfl'<Kurztirelaufnahme der Deutschen Bibliothek -Identitat- und -Idealitat- im Text der Nachschrift .
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich:
Philosophie des Rechts: d. Vorlesung von 1819120 in e. Nachsehr. / Nachtrag ..
Georg Friedrich Wilhelm HegeL Hrsg. von Dieter Henrich.
- 1. Auf}. - Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983.
Konkordanz
ISBN 3-5'8-07596-9 kort. Personenregister
ISBN 3-518-07595-0 Gewebe
NE: Henrich, Dierer [Hrsg.]
Einleitung des Herausgebers
Georg Friedrich Wilhe!m Hege!
Philosophie des Rechts
Die Vorlesung von 1819120
in einer Nachschrift
Herausgegeben von Dieter Henrich
Suhrkamp Verlag
VERNUNFT IN VERWIRKLICHUNG

L Eine neue Quelle


Mi, dieser Veröffentlichung wird die Grundlage für das Studium von
Hege!s Philosophie des Rech" beträchtlich erweitert. Sie macht eine
Nachschrift von Hegels Vorlesungen über -Naturrecht und Staatswis-
senschaft< aus dem Wintersemester 1819120 aus dem Besitz der Lilly-
Library der University of Indiana bekannt. Von ihrer Existenz wußte
bisher niemand etwas. Sie ist derzeit die einzige Quelle von Hegels
Vorlesungskurs in diesem für die Herausbildung und die Beurteilung
seiner politischen Theorie gleichermaßen entscheidenden Jahr: Der
Kurs begann unmittelbar nach der Bekanntgabe der sogenannten
Karlsbader Beschlüsse und der zu ihrer Durchführung in Preußen
erlassenen Verordnungen. Er ging der endgültigen Niederschrift und
der Drucklegung der »Grundlinien der Philosophie des Rechts« unmit-
telbar voraus. Deren Manuskript hat Hege! mit der Unterschrift unter
die Vorrede am 25. Juni 1820 abgeschlossen.
Hegels -Rechrsphilosophie. ist als »Grundriß« »zum Gebrauch für
seine Vorlesungen- über »Naturrecht und Staatswissenschafte erschie-
nen (zum Titel der Vorlesung und zum Titel dieser Tradition vgl. K
46,1). * Er ist also so konzipiert, daß er der weiteren Ausführung in den
Vorlesungen bedarf. Zwar hat Hege! sein Buch so gestaltet, daß
Rücksicht darauf genommen ist, daß es auch »vor das größere Publi-
kum kommt- (Rph. S. 3), also von denen gelesen werden wird, die
nicht seine Hörer waren. Er sagt, daß er auch aus diesem Grund einige
der Anmerkungen zu den Paragraphen -weiter ausgeführt- hat, - in der
Absicht auf Verdeutlichung von Theoremen und auf Onsbestimmung
der 'eigenen Position gegenüber abweichenden Vorstellungen und
Lehrmeinungen über Inhalte der politischen Theorie (Rph. S. 3). Aber
dadurch wurde an der Eigenschaft des Werkes, ein .Grundriß, zu sein,
nichts geändert. Das Werk hat nicht die Form der voll ausgearbeiteten
Abfolge eines philosophischen Gedankenganges und auch nicht der
Entwicklung einer Theorie in dem ganzen Umfang ihrer Verfugung
und ihrer Konkretion.
Eine in sich selbständige und aus sich allein begründete Theorie konnte
* Die bei den Verweisen in dieser Einleitung gebrauchten Abkürzungen sind auf den
Seiten 42 und 295f. erläutert.

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Hegels Rechtsphilosophie allerdings auch durch die breitere Ausfüh- Berliner Vorlesung in einer Nachschrift (von Homeyer) überliefert ist,
rung in den Vorlesungen nicht werden. Denn sie ist ganz eingebettet in die zusammen mit den Nachschriften von Hotho und v. Griesheim
die Gesamtentwicklung des Systems, von der sie eine Phase, die zum seit langem bekannten Besitz der Staats bibliothek Preußischer
Theorie des .objekriven Geistes-, in der Isolation eines eigenen Vorle- Kulturbesitz gehört. Diese Diktate sind von Homeyer mit zwar
sungskurses darstellt. Im Grundriß wie in den Vorlesungen selbst muß prägnanten, aber wenigen und sehr summarischen Notizen aus dem
also auch die eigentlich notwendige durchgängige Bezugnahme auf die von Hegel frei Ausgeführten ergänzt worden. .
theoretischen Fundamente des Systems fehlen, die in der»Wissenschaft Die hier publizierte Nachschrift der Vorlesung von 1819120 übertrifft
der Logik- unverkürzt ausgeführt sind. Aber die Komposition der Homeyers Manuskript um ein Vielfaches in ihrem Umfang (vgl.
inneren Gedankenfolge und vor allem der Gehalt der einzelnen Analy- Bericht zur Edition, S. 306). Und sie weist die Besonderheit auf, keine
sen der Rechtsphilosophie können nur im Zusammenhang mit den in Diktate Hegels zu enthalten. Es läßt sich sehr wahrscheinlich machen,
den Vorlesungen selbst gegebenen Ausführungen zu wirklicher Deut- daß Hegel in diesem einen der insgesamt sieben Kurse über Naturrecht
lichkei t kommen. und Staatswissenschaft keine diktierte oder publizierte Paragraphen-
Schon Eduard Gans, der Herausgeber der .Rechrsphilosophie. in der folge zugrunde gelegt hat.
ersten Gesamtausgabe, hat deshalb Hegels Text aus zwei Nachschriften Darum konnte aus dieser Vorlesung ein Manuskript hervorgehen> das
von Hegelschülern mit Zusätzen versehen. Diese beiden Nachschriften Hegels Rechtsphilosophie in einem ununterbrochenen Argumenta-
stehen auch heute noch zur Verfügung und liegen inzwischen im Druck tionsgang entfaltet. So hat es mit Hegels populäreren Vorlesungskur-
(Ilt. 3,4) vor. Sie stammen aus Vorlesungskursen, die Hege! nach dem sen über Geschichtsphilosophie, über Geschichte der Philosophie und
Erscheinen des Grundrisses und unter der Voraussetzung gehalten hat, über Ästhetik manche Gemeinsamkeiten, darunter die Direktheit und
daß sein Buch in der Hand seiner Hörer gewesen ist. Hegel hat solche Frische der Entwicklung, die sich aus der Kontinuität zwischen der
Kurse dreimal, in den Wintersemestern 1821122, 1822123 und 1823124, logischen Fundierung, der Gliederung des Ganzen und der Entfaltung
gehalten, und er begann gerade mit einem vierten Kurs im Jahre 1831, der konkreten Materialien der Theorie des Rechts ergeben, zu denen
als er der Cholera erlag. Mit der Ausnahme des Kurses von 1821122 Hegel, wie kaum einem anderen, ein über Jahrzehnte erworbener
sind uns diese Vorlesungen durch die Nachschriften von Hotho (1822/ Reichtum an Ideen, Tatsachenkenntnis und Diagnosen zu Gebote
2) und v. Griesheim (182)124) sowie durch die von D.F. Strauß stand.
(18)1) dokumentiert. Es ist allerdings sogleich hinzuzufügen, daß die hier veröffentlichte
Bevor Hegels Grundriß erschienen war, standen seine Vorlesungen Nachschrift erst allmählich dazu gelangt, den Fluß von Hegels Vortrag
über Rechtsphilosophie unter ganz anderen Bedingungen: Er hatte in als solchen wiederzugeben. Der Hörer der Vorlesung, aus dessen
den Vorlesungen selbst die Grundlage für das Verständnis seiner Notizen die Nachschrift durch einen professionellen Schreiber erstellt
Theorie zu erarbeiten. Denn die 53 Paragraphen der ersten Auflage wurde (vgl. Bericht zur Edition, S. 3°3» war zu Beginn des Kurses nicht
seiner »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« schienen nur außerstande, Hegels Ausführungen zu verstehen. Er war auch mit
ihm offenbar nicht weitläufig und in sich gegliedert genug, um als ein wenig Begeisterung bei der Sache und versäumte möglicherweise einige
Grundriß für solche Vorlesungen zu dienen, und dies wohl auch Srunden (vgl. die Konkordanz). Es scheint, daß sein Interesse erst beim
deshalb, weil er mit Hörern zu rechnen hatte, die sich auf Philosophie Kapitel über das Gute und das Gewissen wirklich lebhaft geworden ist.
nur insoweit einlassen wollten, als sie Rechtsphilosophie war. So hat Bis zu diesem Kapitel macht die Lektüre der Nachschrift Mühe) wenn
Hegel die Heidelberger Vorlesung über .Naturrecht und Staatswissen- sie nicht in ständigem Bezug auf die aus anderen Quellen, zumal aus
schaft< vom Winter 1817!I8 und die erste Berliner Vorlesung dieses den von Hegel publizierten .Grundlinien-, bekannte Theorienfolge von
Titels nach jeweils eigens ausgearbeiteter Paragraphenfolge gelesen, die Hegels Rechtsphilosophie erfolgt. Aber vom zweiten Viertel an wird
er in den Vorlesungsstunden diktierte. Von der Heidelberger Vorle- der Text der Nachschrift zu einer Lektüre, die leichter und erfreulicher
sung ist uns nur ein winziges Bruchstück indirekt überkommen (vgl. ist als die irgendeiner anderen Quelle aus Hegels politiktheoretischem
Hegelstudien VII, '972, S. 2), während die Diktatenfolge der ersten Denken.

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Das an so entlegener Stelle aufbewahrte Manuskript der Nachschrift
wurde nicht durch Zufall, aber auch nicht aufgrund einer systemati- Zu den beiden anderen Theoriedimensionen enthält das hier publizierte
schen Suche nach Quellen zu HegeIs Rechtsphilosophie gefunden. Der Manuskript aber sehr wesentliche neue Aspekte. Einige von ihnen
Fund ergab sich im Zusammenhang der systematischen Suche nach überraschen in dem Problemzusammenhang, in den sie gehören, so
einem erheblichen Bestand von Hegelmanuskripten, VOn denen der sehr. daß ihnen leicht der Wert kleiner theoriehistorischer Sensationen
Herausgeber nachgewiesen hat, daß sie im Besitz von Arnold Genthe beigemessen werden wird.
waren, v~n ihm a?er nicht an die Harvard Universität abgegeben Im folgenden wird zunächst auf drei Teiltheorien hingewiesen, zu
worden sind, ~n die Genthe den weitaus überwiegenden Teil seiner denen das hier publizierte Manuskript neue Einsichten ermöglicht.
Hegelmanusknpte verkauft hatte. Dieser Nachweis veranlaßte einen Danach wird in Kürze erörtert, welche Rückschlüsse aus dem Manu-
Rundbrief an alle Bibliotheken, die als Käufer von Hegelmanuskripten skript auf Hegels politische Standortnahme in der Zeit der -Demago-
in Frage z~ kommen schienen, - aber nur in den Vereinigten Staaten gen« Verfolgung zu ziehen sind. Hinweise auf die Theorieform von
von Amenka (vgl. auch D. Henrich, Long-Missing Hege! Papers Hegels Rechtsphilosophie stehen am Schluß dieser Einleitung.
Sought, m: Manuscnpts XXX, '978, S. J09). Der Genthe-Besitz ist
dabei nicht aufgetaucht, wohl aber, neben einer Reihe weiterer Hegel-
Autographen ohne besondere sachliche Bedeutung, die hier publizierte
Nachschnft der -Rechrsphilosophie.. In Europa hat eine entsprechende
systematische Recherche zur Auffindung von Nachschriften zu Hegels 11. Doppelsatz, Moralkritik. Armut und Aufstand
Vorle~ungskursen niemals stattgefunden. Es ist also möglich, wenn
auch in ~betra~ht ~es weitve.rbreiteten Interesses gerade an Hegels 1. EINLEITUNG DER VORLESUNG VON 1819/20 UND VORREDE

Rechtsphllosophle nicht unmittelbar wahrscheinlich, daß sich der DER ))GRUNDLINIEN DER PHILOSOPHIE DES RECHTS«
Bestand an Dokumenten zu Hegels Vorlesungen noch erweitern läßt.
Durch die hier publizierte Vorlesung steigt er um etwa 25 Prozent an. Hege1 begann seine Vorlesung mit einer Einleitung. Aus ihrem Text
Aber die sachliche Bedeutung des Fundes ist durch eine solche oder zumindest aus deren Gedankengang hat er im kommenden Jahr
Gewichtung nach dem Umfang sicher nicht erfaßt. die Vorrede für die zu druckende .Rechrsphilosophie- herausgearbei-
Eine umfassende Auslegung von Hegels Rechtsphilosophie hat sich in tet. Denn diese Einleitung entspricht nach ihrer formalen Stellung und
drei Problemdimensionen zu begeben, die über weite Strecken unab- auch in einigen ihrer Motive dem Vorwort der Vorlesung von 1818/19_
hängig voneinander zu verfolgen sind, zuletzt aber aufeinander bezo- Aber bevor die hier publizierte Einleitung vorlag, ließen sich das innere
ge~ werd~n müssen: 1. Die Verständigung über die in ihr enthaltenen Muster und die Kontinuität in der Ausarbeitung jener Vorrede nicht
Teiltheorien und über die Weise, in der sie miteinander verbunden erkennen, die Hegels berühmtester und wohl auch berüchtigster Text
sind; 2 ". die historis~hen und politischen Beziehungen und Implikatio- ist. Die Einleitung definiert wie Vorwort und Vorrede den Standpunkt
nen, mit denen diese Theorien von Hegel teils in ausdrücklicher der Hegeischen Theorie: Der Rechtsbegriff ist weder empirisch-
Absicht, teils de facro vorgetragen worden sind; 3. die systematische historisch noch auch in der Beziehung auf überweltliche Prinzipien zur
Form un~ die ~ig~ntümlichkeiten der Theorieposition von Hege1s Theorie zu entwickeln. Diese Theorie vollendet sich im Begreifen der
Rechtsphilosophie rm ganzen. Die umfangreiche Literatur weist ein Vernünftigkeit des Staates und seiner Verfassung, zu der er sich nur auf
besonders auffälliges Defizit in der dritten dieser Dimensionen auf. Das je einer bestimmten Stufe der Entfaltung des Freiheitsbegriffes hat
hier publizierte Manuskript kann kaum helfen, es zu beheben. Denn ausbilden können. Dementsprechend kann die These, daß die wahre
die Unsicherheit bei der Auffassung von Hegels Theorieform und bei Philosophie die Wirklichkeit nicht überfliegen darf und kann, mit
der Erörterung von Alternativen, die Hegels Position von ihrer eigenen zweierlei Beziehung und Adresse ausgesprochen werden: geschichrs-
Grundlegung heraus gewachsen sein könnten, kann nur aus umfassen- theoretisch gegen die, welche eine Verfassung verwirklichen wollen,
der Rekonstruktion und selbständigem Denken überwunden werden. die nicht im Gesamtbewußtsein eines Volkes oder einer Epoche
begründet ist, und institutionstheoretisch gegen die, welche den Ver-
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nunftsstaat als begründet ansehen im Entwurf von reinen Ideen einem wirklichen Konkreten, Vorhandenen machen: »Was vernünftig
wohlgeordneter Lebensverhältnisse. In beiden Beziehungen haut ist, wird wirklich, und das Wirkliche wird vemiinftig« (P,4f.).
Hegels Theorie auf die Überzeugung, daß die Idee als solche und von Daß dieser Gedanke und nur er auch den Impuls enthält, aus dem die
sich aus stets zur ihr gemäßen Wirklichkeit kommt. Aber in der doppelt-inverse Formulierung Hegels hervorging, läßt sich nun in aller
geschichtstheoretischen Beziehung ist die Priorität des Bewußtseins Deutlichkeit erkennen. In der Version der späteren Vorrede hat Hegels
von einem welthistorischen Freiheitsprinzip gegenüber seiner Ausge- Doppelsatz einen imperial-deklamatorischen Klang. Betrachtet man
staltung in der Wirklichkeit betont, während die institutionstheoreti- seine Aussage ihrer Form nach, so erklärt er die Identität von Vernunft
sehe Beziehung die Priorität der vernünftigen Wirklichkeit gegenüber und Wirklichkeit von beiden Seiten der Glieder einer Identitätsbehaup-
allen Begriffen betont, welche sich aus der Annahme einer grundsätz- tung her. Damit stellt er, rhetorisch betrachtet, seine Behauptung als
lichen Differenz zwischen Begriff und Wirklichkeit herleiten. Beide definitiv und unwidersprechlich auf. Allerdings weist die Doppelbe-
Beziehungen sind unabtrennbar voneinander) da Verfassungen histo- hauptung auch in dieser Version noch eine weitere Komponente auf,
risch und nicht zeitlos hervorgehen, ihre Wirklichkeit also nicht die, anders als ein doppelt formulierter Identiratssatz, gedankliche
jeglichem Bewußtsein von dem ihnen innewohnenden Vernunftprinzip Entwicklung enthält. Diese Komponente wird dann sichtbar, wenn
vorausgehen kann. Je nachdem welche der beiden Beziehungen bei der man bedenkt, daß darin, daß das Vernünftige für wirklich erklärt wird,
Formulierung des zuletzt einheitlichen Gedankenganges die Domi- nicht auch schon allem, was in der gewöhnlichen Bedeutung -wirkliche
nanz und Führung hat, ergeben sich andere Perspektiven bei seiner genannt wird, ein Vernunftcharakter zugesprochen ist. Daß aber das
Anwendung und für die Beurteilung der besonderen Umstände einer Vernünftige insofern wirklich ist, als alles Wirkliche als solches ver-
Verfassungslage und -entwicklung. nünftig ist, statuiert der zweite Teil des Doppelsatzes. Diese Kompo-
Hegels vielzitierter und vielgeschoItener Doppelsatz aus der Vorrede nente der Entwicklung ist aber in der Version der Vorrede, die ohnedies
der gedruckten -Rechtsphilosophie- statuiert: »Was vernünftig ist, das von der Natur der Vernunft, Wirklichkeit zu definieren, her argumen-
ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig« (Rph. S. 14). Sein tiert, der Erklärung des Definitseins von Hegels Prinzip durch die
Auftritt ist geschichtsrheoretisch eingeleitet, indem er die Beziehung Doppelung der Erklärung der Identität von Vernunft und Wirklichkeit
zwischen der Form des Platonischen Denkens, das weltüberfliegend zu untergeordnet.
sein scheint, und dem gerade zur historischen Wirklichkeit werdenden Ganz anders verhält es sich mit der Doppelung in der Version der
Prinzip der neuen Weltperiode der römischen Welt auf eine gänzlich Einleitung von 1819120. In ihr ist die Doppelung von ihrem theoreti-
allgemeine Formel bringt. Aber er ist dann institutionstheoretisch schen Motiv her wohl motiviert, wenn nicht verlangt. Denn in ihr wird
formuliert. Denn er hebt nicht hervor, daß sich aus dem neuen Prinzip erklärt, daß das Vernünftige sich als solches und von sich her in
selbst eine Verfassungswirklichkeit allererst zu gestalten hat. Und er Wirklichkeit überführt und daß insofern die Wirklichkeit als solche
macht keinen Unterschied zwischen der Wirklichkeit des Vernünftigen ebenfalls Vernunftcharakter annimmt: Sie wird von der Idee her zu
im Bewußtsein als solchem und in der aus diesem Bewußtsein dann einem Ganzen ausgebildet und so in ihr eigentliches Wesen integriert.
hervorgehenden Institutionsform des Staates. Diese Doppelung geht nicht von der Einheit von Wirklichkeit und
In der Einleitung zur Vorlesung von 1819120 erscheint nun Hegels Vernunft aus, sondern davon, daß durch die unwiderstehliche Kraft
Doppelsatz in seiner ursprünglichen Formulierung und, überraschend der Vernunft, sich zu verwirklichen, Wirklichkeit zu der ihr eigentüm-
genug, in rein geschichtstheoretischem Sinn. Hier besagt er nicht, ein lichen Form gelangt. Da sie aus diesem Gedanken kommt, hat die
historisches Prinzip sei stets auch verwirklicht, im Bewußtsein und in Doppelung der Formulierung hier nichts von der imperialen Erklärung
den institutionellen Lebensordnungen einer Zeit. Es formuliert mit eines Prinzips, sondern sie ergibt sich, auch in der Hinsicht, in der sie
dem ganzen Nachdruck auf Hervorgang statt auf Zustand, daß keine auf den letzten Einheitssinn von Vernunft und Wirklichkeit führt, ganz
Macht, weder auf Erden noch in Platons und anderen Himmeln, dem aus der Logik des Gedankens, - eines Gedankens, der die Bewegung
widerstehen könne, wozu ein Volk -in seinem Begriff fortgeschritten der Vernunftform zur Wirklichkeit und die des Wirklichen zur Ver-
ist. Aus diesem Begriff wird sich die Idee über die Subjektivität zu nunftform als zwei Seiten eines Vernunftprozesses auffaßt.

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So versteht man einerseits, daß Hege! wohl der Meinung sein konnte, Gedankens ist in der ursprünglichen und in der abgeleiteten Version
den Sinn seines doppelten Diktums dadurch deutlich machen zu betont. Daß eine solche Verschiebung in der Betonung erfolgen
können, daß er >Wirklichkeit< von -Schein- und -verganglicher Realität< konnte, ist zwar nicht von Hegel selbst, wohl aber von denen, die ihm
unterschied und unterstrich, nur für eigentliche Wirklichkeit den folgten, aus gutem Grund für alles andere als gleichgültig erkannt
Identitätssinn in Anspruch nehmen zu wollen. So hat er die Wahrheit worden.
seines Doppelsatzes, der alsbald von den wichtigsten seiner Gegner
angegriffen worden war, im sechsten Paragraphen der zweiten Auflage
seiner -Enzyklopädie- verteidigt. Und seine Schule hat diese Verteidi-
gung Zu einem Stereotyp ihrer Selbstdarstellung werden lassen, das 2. DIE KRITIK DER MORALITÄT ALS GRUNDLAGE FÜR DIE
allerdings nie deren Herkunft aus einer Mischung von spekulativem THEORIE DER SITTLICHKEIT
Tiefsinn und profunder Verlegenheit verbarg. Zwar hatte auch schon
die Einleitung von ,8 '9120 den geschichtstheoretisch gedachten Dop- Hegels philosophische Entwicklung zur Selbständigkeit des Denkens
pelsatz einer Reflexion auf die Beziehung zwischen dem -Getiimmel war mehr als durch jeden anderen einzelnen Faktor bestimmt durch
der Wirklichkeit" das sich dem unbewaffneten Auge darbietet, und seine Aufnahme der Kamischen Moral- und Religionsphilosophie,
dem «Einfachen, und -Allgemeinen. in ihrfolgen lassen (50,,6-23). Da- durch deren Ausbildung zu einer neuen Form historisch orientierter
mit hatte sie für die Formulierung der Version der gedruckten Vorrede Religionskritik und schließlich durch die Kritik der Kamischen Lehre.
den Ansatz geboten. Man versteht aber, daß Heinrich Heine eine be- Sie ist uns in den Manuskripten der FrankfurterJahre überliefert, die zu
friedigendere Auskunft, als die es war, die Hegel in der Enzyklopädie den bekanntesten Werken Hegels gehören und sicher auch zu denen,
gegeben hat, in einer anderen Formulierung sah, von der er berichtete, welche den stärksten Eindruck gemacht haben. Hegel will in ihnen
daß er sie von Hege1 auf seine befremdete Nachfrage hin angeboten zeigen, daß sich Kants Idee einer Moralität, welche in der jederzeit
erhielt: »Alles, was vernünftig ist, muß sein« (vgl. Hegel in Berichten möglichen Universalisierung der Maximen unseres Handeins eine
seiner Zeitgenossen, hrsg. G. Nicolin, Harnburg 1970, Dokument Erkenntnisregel des Guten haben soll, zunächst in unlösbare Probleme
363)- In dem »muß« dieser Version wird das »ist« der Vorrede unter der bei der konkreten Handlungsbeurteilung verwickelt, um schließlich ihr
Vorgabe, ihr Indikativ halte an der institutionstheoretischen Bedeu- eigenes Prinzip, die in Vernunft begründete Selbstbestimmung des
tung der Version der Vorrede fest, zurückgedeutet in den geschichts- Handelns, zum Zusammenbruch zu bringen. Hegels Folgerung daraus
theoretischen Sinn der ursprünglichen Version von 1819. ist, daß dies Prinzip der -formalen- Autonomie einem höheren Prinzip
Die von Heine berichtete Formel muß, soll auch sie die von der untergeordnet werden muß, das seinerseits erst den eigentlichen Sinn
Doppelform der Aussage abhängige besondere Kraft von Hegels von Freiheit erfüllt. Nur in dessen Zusammenhang soll auch die
Diktum bewahren, selbst in einer Doppelform ausgeschrieben werden. Kantische Freiheit des guten Willens einen wohlbesrimmten, von
Dann müßte sie so lauten: >Was vernünftig ist, muß sein, und was ist, unbeherrschbaren Antinomien nicht mehr bedrohten Ort erhalten.
muß vernünftig werdenc Dieser Sinn von Hegels Diktum fällt aber Dieses Prinzip nennt Hegel zunächst -Liebe-, dann .Leben. und
ganz mit dem der Version von 1819/20 zusammen. Und unangesehen schließlich .Geist-, In der -Rechtsphilosophiec ist es als -Sinlichkeit-
dessen, ob Heines Bericht auch in seiner genauen Wortgestalt Quellen- gefaßt. In diesem Werk sind die Formen des praktischen Bewußtseins
wert für Hegels Antwort beanspruchen darf oder nicht, ist die Authen- und die Verhältnisse des im Recht sich verwirklichenden Willens in
tizität des Sachgehalts der von ihm überlieferten Antwort Hegels durch einem System von Einrichtungen und Lebensweisen zusammenge-
die Vorlesung von 1819120 nunmehr gesichert. führt, das seinen Einheitssinn und seine Differenzierung aus dem
Dies ist auch dann von großer Wichtigkeit, wenn der Unterschied gewinnt, was Hege! die objektiv gewordene -Idee- nennt.
zwischen beiden Formeln keinesfalls als eine Diskrepanz zwischen Auch die von Hegel gedruckte -Rechtsphilosophiec enthält in ihrem
zwei Varianten von Hegels Systemgedanken selbst verstanden werden Abschnitt -Das Gute und das Gewissen- eine Paragraphenfolge, in der
darf. Nur je ein anderer Aspekt im Einheitszusammenhang desselben die Gedanken der auf Formalität und Subjektivität begründeten Moral-

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lehren seiner Zeit von ihren Grundlagen her entwickelt und kritisiert gedruckten Werkes hat dies Kapitel die wohl weitreichendsten Folgen
werden. Und auch in ihr werden aus den Resultaten dieses Kapitels die nach sich gezogen, die irgendein Lehrstück Hegels je gehabt hat. Denn
Schlüsselargumente für die Notwendigkeit des Übergangs in die Marx' intellektuelle Biographie setzte bei der Ausarbeitung des Zwie-
Theorie der Sittlichkeit gewonnen. Es war jedoch stets auffällig, daß spaltes ein, der ihm zwischen Hegels Einsicht in die Notwendigkeit der
dieser Text in hohem Maße hinter der theoretischen Bemühung, die Entstehung des Proletariats und seiner Verelendung unter Bedingun-
Kantische Problemdimension der praktischen Philosophie schlüssig zu gen der kapitalistischen Produktionsweise und Hegels Meinung zu
überwinden, zuriickgeblieben ist, die Hegels frühe Manuskripte aus- klaffen schien, der monarchisch verfaßte Staat und seine Institutionen
zeichnet, welche sich ganz oder überwiegend um diese Aufgabe blieben von dieser Dialektik unberührt, so daß sie aus eigenem,
bemühen. Der gedruckte Text der -Rechtsphilosophie- gleicht eher höheren Recht zur Bewahrung des sittlichen Lebens gegen sein Zerbre-
einer Inventarisierung von in ihm selbst gar nicht ausgearbeiteten chen im Klassengegensatz imstande seien. Hegels Ausführungen im
Begründungen. Auch die bisher verfügbaren Nachschriften aus Hegels Abschnitt -Die Polizei- enthalten, sieht man von Marx' Wertlehre und
Vorlesungen haben kein anderes Bild gegeben. 18181r9 hat Hegel zu damit vom ökonomischen Materialismus ab, den vollständigen Grund-
dem für die Begründung seiner eigentlichen Position herausragend riß zu einer Theorie von der wechselseitigen Abhängigkeit von kapitali-
wichtigen Abschnitt nur fünf Paragraphen diktiert, die von Homeyer stischer Produktionsweise und verarmender Arbeiterschaft. Und man
spärlich erläutert sind. In Hothos und v. Griesheims Nachschriften hat darin stets und zu Recht eine erstaunliche Tatsache gesehen, daß
liegt die Paragraphenfolge des Buches zugrunde. Und der vor allem im gerade ein Philosoph zu solcher Einsicht in einer Zeit fähig war, in
Heft v. Griesheims ziemlich umfangreiche Text geht überwiegend welcher der Streit der politischen Theorie noch aufzugehen schien in
darauf aus, den abstrakten Gehalt der Paragraphen und ihrer Ableitun- den Gegensatz zwischen der Verteidigung der durch die Revolution
gen zu- erläutern und zu rechtfertigen und vielerlei Anwendungen auf gewonnenen politischen Freiheit und der Erneuerung einer dem alten
zeitgenössische Positionen und auch auf theologische Probleme zu Europa nachgedachten Form hierarchischer Ordnung.
entwickeln. Aber in der hier publizierten Vorlesung ist Hegel allem Die hier publizierte Nachschrift enthält einen freien Vortrag von
Anschein nach durch die besondere Situation, von vorformulierten Hegels Analyse des Ursprungs des -Pöbels, und seiner Entfremdung,
Paragraphen unabhängig zu sein, aber auch durch direkte Rede über- der alle anderen Texte in seiner Eindringlichkeit weit übertrifft. Der
zeugen zu müssen, dazu veranlaßtworden, seine Argumentation gegen Erörterung des ökonomischen Zusammenhanges, aus dem die Armut
die Moralformen der Subjektivität originär und in der aus den Jugend- als ein Zustand, der »nach jeder Seite hin unglücklich und verlassen ist-
schriften vertrauten Kraft und Konkretion aufs neue zu entfalten. So (194,171.), hervorgeht, folgt eine Darlegung der vielen Aspekte der
hat sich auch in der Nachschrift ein Text ergeben, der zusammen mit Not und der Depravierung der Armen, in der sogar Töne aus Hegels
den Frankfurter Schriften und der Kritik der moralischen Weltan- früher Kritik an der Theologie und der Ausbildung der Prediger der
schauung in der »Phänomenologie des Geistes« in das Corpus von christlichen Botschaft wieder aufkommen. Noch wesentlicher, auch im
Hegels wichtigsten moralkritischen Schriften eingehen wird. Blick auf Marx, ist Hegels Diagnose des eigentlichen Ursprungs der
Erscheinungsform des verarmten .Pöbels- aus berechtigter innerer
Empörung. Es ist das Rechtsbewußrsein selbst, das nach Hegel das
Recht einschließt) der eigenen Freiheit ein Dasein zu geben und sie in
3. DIE BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT UND DIE ENTSTEHUNG einer Lebenswelt und in ihren Institutionen verwirklicht zu sehen,
DER ARMUT welches dem Verarmten entzogen wird. Darum macht seine Empö-
rung, wie immer in der Gestalt von Neid und Haß, nichts als das eigene
Das Kapitel über die bürgerliche Gesellschaft hat für Hegels Theorie Rechtsprinzip der bürgerlichen Welt geltend gegen die Auswirkungen
des Staates ebendie Funktion, welche der Abschnitt über das Gute und der aus ihr selbst hervorgehenden Ordnung. Der Arme ist durch die
das Gewissen für die Grundlegung der Theorie der Sittlichkeit im Gesellschaft, die selbst Dasein eines Willens ist, in seinen Zwiespalt
ganzen hat. Auch in der wiederum knappen Paragraphenfolge des gebracht, so daß er gegen dies selbst aus Willen kommende Dasein die

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Kraft und das Recht seines eigenen Willens setzt, dem sein Daseins- kulminiert, die von vornherein und im ganzen als »die Sphäre der
recht entzogen wurde. Abhängigkeit und der Nor« charakterisiert worden war (I47,3rf.).
Alle einzelnen Motive dieser Analyse Hegels lassen sich auch an Solche Befunde aus dem hier publizierten Text werden jedem, der
verstreuten Stellen anderer Texte nachweisen, die in Hegels Werk zuvor. Marx' Kritik von Hegels Rechtsphilosophie gefolgt ist, eine
überliefert sind, so daß auf diese Weise auch deren Authentizität nicht Bes~ätlgun.g geben, wi~ sie aus keinem anderen Text Hegels zu
zweifelhaft sein kann. Aber nirgends finden sie sich in so beredtem und gewinnen ist. Darum sei noch darauf verwiesen, daß dieser Text auch
überzeugungskräftigem Zusammenbang. Und so findet sich auch deutlicher als die gedruckte -Rechtsphilosophiee, aber in Übereinstim-
nirgends sonst in Hegels Werk die Schlußfolgerung, zu der Hege! mit ~ung mit der Nachschrift v. Griesheims, die Überlegungen verdeut-
Eindeutigkeit gelangt, wenn auch nach Ausweis des Textes zögernd licht, welche es Hegel gar nicht in den Sinn kommen lassen, aus seiner
und in einem Rückverweis versteckt: Die Armut hat in der bürgerli- Diagnose vom in der bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgehenden
chen Gesellschaft das Recht zum Aufstand gegen die Ordnung, die dem antiriomischen Konflikt die Theorie einer ganz anderen Form VOn
Willen der Freien jede Verwirklichung verwehrt. Hegel erklärt dieses Gesellschaft zu gewinnen. Für ihn ist die Krise der bürgerlichen
Recht durch den Verweis auf und den Vergleich mit dem Notrecht, das Produktionsgesellschah die Krise ihrer Unvollkommenheit. Diese
von ihm schon an anderer Stelle begründet war. Im Abschnitt über Gesellschaft ist vom Eigeninteresse her organisiert. Sie gibt nur jenem
>Wohl und Absicht< heißt es zum Notrecht, die Rechte anderer zu Willen, der von diesem Interesse bestimmt ist, sein Recht und Dasein.
verletzen, in der extremen Gefahr, das Leben als solches zu verlieren: Das Notrecht der Armen stellt ihr, noch inhaltslos, ein höheres Recht
»Nur da ist ein Notrecht anzusprechen, wenn die ganze Totalität der entgegen. Und die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft in Reichtum
Rechtsfähigkeit in Gefahr kommt« (100,2 I H.). Die NOI der Armut ist und Armut wird zuletzt nur zum Anlaß, dies höhere Recht zur
aber nicht die, in der unter bestimmten Umständen die einfachsten Entfaltung zu bringen. So ist, was zunächst nur unzulängliche und
Bedingungen des Lebens entzogen sind. Diese Not geht aus der vorübergehende Abhilfe zu sein scheint, die Gründung von zur
Organisationsform der Gesellschaft als solcher hervor. Und so ist Selbständigkeit bestimmten Kolonien, zugleich ein Bildungsmittel, das
nunmehr zu sagen: »Hier hat die Not nicht mehr bloß diesen momen- noch im Medium des Eigennutzes, im Handel, ein Bewußtsein von den
tanen Charakrer« (I96,7f.). Dies ist nur zu verstehen als die Erklä- weiteren Bedingungen des Menschendaseins, ein ,We1tinteresse<
rung des Rechtes, gegen die Gesellschaft selbst, welche dem Willen des erzeugt. Es eliminiert zwar nicht, übergreift aber doch den Gesichts-
Armen sein Dasein verweigert, dessen Verwirklichung durchzu- punkt der Subsistenz, der dem Konflikt der bürgerlichen Gesellschaft
setzen. selI~e Struktur gibt. ?ie so gewonnene Fähigkeit zu allgemeiner
Es gibt keine andere Stelle in Hegels Werk, an der er Revolution nicht Besinnung muß dann m die bürgerliche Gesellschaft selbst zurückge-
nur als historische Tatsache und Notwendigkeit begreift, sondern ein tra?en:-rerden, um dort zunächst die Fähigkeit zur Ausbildung von auf
Recht zu ihr aus der systematischen Analyse einer auch für ihn Solidarität begründeten Institutionen, von -Genossenschafren. zu er-
gegenwärtigen Institution gewinnt und erklärt. So verwundert es auch zeugen.
nicht, daß er diese Erklärungnur eben und in indirekter Form erreicht. Wenn ~uch die Weise, in der diese Gedankenfolge von Hegel mit
Gleich darauf nimmt er den anderen Faden des Gedankens auf, der institutionellen Ideen besetzt wird, deutlich genug an Hegels eigene
Abhilfe der Armut im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft verheißt. und an noch länger vergangene Zeiten gebunden ist, so enthält sie doch
Aber die Erklärung des Notrechts zum Aufstand der Armen wird in der Form ihres Aufbaus ein gewichtiges Theoriepotential. Sie enthält
dadurch nicht zurückgezogen. Sie wird allerdings teils verhüllt, teils davon mehr als die schon zu lange geläufige Form von Gesellschaftskri-
mit dem Gedanken des Rechts und der Tendenz der bürgerlichen tik, die aus der radikalen Krise der bürgerlichen Gesellschaft auch ganz
Gesellschaft zur Selbstveränderung und Selbstrelativierung zusam- direkt die radikale Alternative zu ihr herleiten will und die meint, jede
mengedacht. Und die zentrale Stellung von Hegels Erklärung des Abweichung VOn diesem einfachen Schema könne nichts anderes sein
Notrechts zum Aufstand wird noch unterstrichen dadurch, daß in ihr als die Furcht vor der Konsequenz mit der Folge von Symptomkur und
die Abhandlung der inneren Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft Anpassung. Es ist nicht schwer, in das von Hegel entworfene Schema

20 21
eine ganz andere Perspektive einzuzeichnen: von einer Gesellschaft, in untangierbarer Selbstgewißheit, mit dem er seinen Integrationsbegriff,
der die aus ihr selbst hervorgehenden Konflikte als solche erkannt den vom Staatsorganismus, ausstattete, auch ein Bewußtsein davon
werden, und zwar so, daß auch erkannt wird, daß die Bedingungen zu gehabt, daß die Lösung der totalen Krise aus partialem Ursprung durch
ihrer Lösung eine Orientierung voraussetzen, die unter der Vorausset- Integration ganz andere Schwierigkeiten mit sich bringt als die bloße
zung des öffentlichen Bewußtseins, aus dem sie entspringen, nicht zu Umwälzung bestehender zu neuen Verhältnissen. Der geschichtsphi-
gewinnen ist. Indem eine solche Perspektive wirklich gewonnen wird, losophischen Vorlesung zufolge war ihm der Konflikt zwischen der
ist diese Gesellschaft, ohne zuvor durch eine ganz andere Grundforma- Freiheit, die als die des Einzelnen ihr Daseinsrecht hat, und der Freiheit
tion ersetzt worden zu sein, doch in sich selbst zu einer anderen im Bewußtsein eines organisationsfähigen Allgemeinen »diese Kolli-
geworden. .. sion, dieser Knoten, dieses Problem ..., an dem die Geschichte steht
Dafür, daß eine solche Umwendung, von der Hegels Ubergang zur und das sie in künftigen Zeiten zu lösen hat« (Vorlesungen über die
-Sinlichkei« wie auch jeder irgendwie noch vergleichbare Ubergang Philosophie der Weltgeschichte, ed. Lasson, IV, S. 933). So formuliert,
ganz abhängig ist, überhaupt als eine Möglichkeit in den Blick kommen alsounabhängigvom Geltendmachen des monarchisch verfaßten Staats-
kann, muß eine für Hegels Theoriestellung gleichfalls entscheidende organismus als letzter Synthesis, faßt Hegels Problemformel auch
Vorbedingung angenommen sein: Es ist nicht notwendig, sondern noch das gegenwärtige Problem der Selbsterhaltung der Menschheit.
vielmehr irreführend, die politische Theorie, zumal als Entwicklungs- Denn uns wurde gleichermaßen deutlich, daß die Konflikte, welche
theorie, in linearer Form anzulegen. Marx' Theorie ist in dem Sinn ihre modernen Lebens- und Produktionsforrnen erzeugen, nicht nie-
linear aufgebaut, daß sie aus einer Grundbedingung, den Produktions- derzuhalten sind, wie, daß sie sich durch Umkehr oder durch einen
verhältnissen, eine gesellschaftliche Formation hervorgehen sieht, die Sprung in vermeintlich ganz andere Verhältnisse nicht lösen. Der
in eine totale Krise treibt, weshalb sie durch eine neue Totalität anderen Gedanke an ein Allgemeines, in dem sie auf eine andere Weise sowohl
Prinzips zu ersetzen ist. Hegels Theorie hat lineare Form nur in der An zum Austrag kommen als auch grundsätzlich begrenzt werden könn-
ihrer Darstellung, Teilfotmationen von Gesellschaft in linearer Folge- ten, hat also wirklich einen höheren Vernunftsinn als der aus linearer
ordnung einzuführen. Die Logik, welche diese Folgeordnung steuert, Geschichrstheorie begründete Aufruf zu einem Neubeginn aus
bringt aber von vornherein in Ansatz, daß ein Zusammenhang, der Umwälzung, der unter der Last der geschichtlichen Wirklichkeit selbst
-System- genannt werden darf, nur von einem Komplex mehrerer schon gealtert ist. Ein solcher Aufruf ist, anders als Marx es meinte, auf
relativ selbständiger Faktoren ausgebildet wird, deren Einheit durch keine Weise, also auch nicht über Umorganisationen oder die Abtren-
das definiert wird, was Hegel ,Begriff< oder .Idee- nennt. Deren nung von -fortschrittlichen- Momenten, aus Hegels Theorie herzulei-
logische Form ist die unauflösbare Zuordnung von einander abhebba- ten, ohne daß dabei deren Grundform zerstört wird. Aber beide haben
ren Strukturmomenten, die als solche einen zu relativer Selbständigkeit dennoch die Einsicht miteinander gemein, daß das Vernünftige der
kommenden Sinn haben, - aber so, daß auch er sich nur im Zusammen- Menschenwelt, und zwar unter Konflikten, wirklich zu werden hat,
hang des Ganzen ergibt, das seinerseits das Gegenteil von einem daß es sich also, sofern es wirklich ist, nicht etwa von selbst versteht
Aggregat ist. Nur innerhalb eines solchen Ansatzes läßt sich überhaupt und gedankenunfähige Einhausung zuläßt oder begünstigt. (Vgl. D.
denken, daß die Krise einer Gesellschaft, die als solche so total ist wie Henrich, Logische Form und reale Totalität, in: Hegels Philosophie
die der bürgerlichen in ihrer Antinomie von Reichtum und Armut, des Rechts, ed. Henrich/Horstmann, Stattgart '982, S. 428ft)
dennoch partialen Ursprungs und darum auch partialer Natur sein
kann. Daß sie aber partialen Ursprungs ist, ist allerdings die notwen-
dige Voraussetzung dafür, daß sie in einer Form von Gesellschaft
entfallen kann, die reicher entwickelt ist als die, welche in die Krise
trieb. Diese Form folgt der, die kritisch geworden war, nicht einfach
nur nach, sondern schreibt diese selbst in sich ein und ist im so
definierten Sinn die .höhere-. Hegel hat übrigens, trotz des Scheines

22
f
Ifl. Der Fürst als Gedanke und die Zensur als Faktum lutismus des Entscheidens. Es gibt keinen Text von Hegels Hand zur
Verfassungslehre, der nicht auch manifest oder tendenziell durch diese
Die vierte Teiltheorie Hegels, zu deren Verständnis das hier publizierte Zweideutigkeit gekennzeichnet wäre. Und doch sind die Verschiebun-
Manuskript Wichtiges beitragen kann, ist auch der Bereich, der mit gen erheblich, welche jeweils durch einen Akzent auf die eine oder
Hegels Standort zu im engeren Sinne politischen Alternativen am andere der beiden Implikationen in die Selbstdarstellung und das
deutlichsten verbunden ist: die Theorie der fürstlichen Gewalt. Es ist Oberflächenprofil seiner politischen Theorie kommen. So hat man
bekannt, daß Hegels Rechtsphilosophie die Erbmonarchie preist. schon mehrfach richtig beschrieben, daß Hegel in der gedruckten
Deren Vorzug ist es nach Hegel, daß sie alle Institutionen des Staates -Rechtsphilosophiec die Bindung des Monarchen an die Institutionen
auf andere Weise als durch bloße Kontrolle miteinander vereinigt und des Staates, die seine Entscheidungen vorbereiten, jedenfalls nicht in
daß sie diese Einheit auch insofern vollständig macht, als sie eine letzte den Vordergrund ruckt, wahrend die bisher in Nachschriften überlie-
Instanz des Entscheidenkönnens darstellt, welche durch keine dem ferten Vorlesungen viel stärker hervorheben, daß das Entscheiden des
Staat äußere Entscheidungsmacht realisiert werden kann und muß. Es Monarchen nicht als ein Entscheiden aus eigenem Ermessen, sondern
ist oft hervorgehoben worden, daß Hegel in dieser Staatskonzeption nur als der formelle Abschluß eines längst auf ein Resultat festgelegten
allen Freiheitsrechten der Bürger wohl einen Raum zu ihrer Entfaltung, Deliberationsprozesses anzusehen ist.
nicht aber die Spur eines Rechtes auch gegen die Staatseinheit selbst In der hier publizierten Vorlesung hat Hegel das bloß Formelle im
zuspricht. Man muß einsehen, daß die Konzeption selbst dem wirklich Entscheiden des Fürsten noch mehr betont als in der Vorlesung, die
definitiv entgegensteht. Horho nachschriebund die dafürbisher die anscheinendprägnantesten
Diese Grundposition, die Hegellange vor der Berufung nach Heidel- Belege lieferte. Hothos Nachschrift zufolge sagte Hegel, daß man zu
berg und somit dem Beginn der Vorbereitung seines Lehrbuches einer Monarchie einen Menschen brauche, »der •ja- sagt, den Punkt auf
eingenommen hat, ist) wie nicht anders zu erwarten, in allen Quellen das I setzt, denn die Spitze soll so sein, daß die Besonderheit des
ganz unverändert durchgehalten. So kommt sie auch in der Vorlesung Charakters nicht das Bedeutende ist« (Ilt. 3,764), Die Metapher vom
von r819/20 wie in allen anderen Nachschriften aus den Kursen Hegels Tüpfelchen auf dem I scheint die ganze Vormacht des Verfassungspro-
zu unzweideutigem Ausdruck. Aber auch sie läßt einen Spielraum für zesses gegen den Fürstenwillen so deutlich wie nur möglich zu machen.
die Darstellung und in der Akzentuierung offen: Und doch ist auch sie nicht ganz frei von jener Zweideutigkeit, die auch
Zu Hegels Lehre von der Monarchie gehört auch die Abwehr der Hegels Position selbst kennzeichnet. Denn einerseits setzt der I-Punkt
Vorstellung, die Staatseinheit als solche und die Ordnungder Verfas- nur den Abschluß einer vorher schon beendeten Schreibbewegung.
sung gehe von der Person des Fürsten aus. Da das Umgekehrte gilt, der Andererseits ergibt diese Bewegung rein für sich auch nur einen
Fürst selbst also Institution ist, kann betont werden, daß sein letztes bedeutungslosen Strich, wenn der Punkt nicht dazugesetzt wird. Und
Entscheiden in die Wirklichkeit der Verfassung eingebunden und somit so war ganz mit Recht zu fragen, wie es zum notwendigen Entscheiden
auch VOn einer Regierung aus Willen und Ermessen des Monarchen komme, wenn der Monarch sein verwirklichendes)Ja< verweigert.
ganz zu unterscheiden ist. Umgekehrt kann aber gegen den Konstitu- Im hier publizierten Manuskript wird dagegen die Funktion der
tionalismus nach englischem Vorbild auch betont werden, daß dem Signatur des Monarchen soweit herabgesetzt, daß sie nur noch als ein
Fürsten das Recht zukommt, von sich aus zu bestimmen, wo und bloßes Symbol für die Entscheidungsfähigkeit des Staates erscheint:
inwieweit er in dem in Institutionen verankerten Entscheidungsprozeß »Der Name ... ist das Zeichen der Vorstellung, wodurch sie es
zum -Selbsrregieren- überzugehen habe. erreicht, das Einzelne als Einzelnes aufzunehmen. Die Richter spre-
Auch diese Zweideutigkeit ist in Hegels Theorie von ihrer gedank- chen im Namen des Monarchen, obschon sie völlig unabhängig sind«
lichen Fundierung her eingebaut. Sie füllt fast die ganze Spanne aus (25 0 ,33- 2 5' ,3).
zwischen einem Konstitutionalismus, der die Monarchie nur noch Diese besonders eindrückliche Formulierung wird kaum einge-
durch die Erblichkeit des höchsten Amtes vom reinen Repräsentativsy- schränkt, sondern im wesentlichen bestätigt durch Hegels ergänzende
stem unterscheidet, und einem in der Konstitution verankerten Abso- Rechtfertigung des monarchischen Prinzips aus äußerem und innerem
Notstand: »Der Souveränität als dieser innersten Einheit und Identität Und die hier publizierte Vorlesung muß eine solche Frage wegen der
kommt es hauptsächlich zu, vor dem Riß zu stehen« (25I,qff.). Im brisanten politischen Konstellation, in der sie gehalten wurde, auch in
übrigen ist es wichtig hinzuzufügen, daß Hegel den inneren Notstand besonderer Weise auf sich ziehen. Karl-Heinz Ilting (Ilt. 1,25-68) hat
nicht aus Angriffen gegen die Verfassung, sondern daraus definiert) daß diese Konstellation und ihre weitere Entwicklung in Beziehung auf
»innere Mängel der Verfassung sich hervortun- (25I,I9)' Wer will, Hege! in einem anschaulichen Bericht vergegenwärtigt: Hegels Verbin-
kann aus solchen Äußerungen konstruieren, daß sich die auf Hegel dung mit der Burschenschaft, Verdächtigung und Verhaftung einiger
hätten berufen können, welche im späteren I9. Jahrhundert Sozial- seiner engsten Schüler, die Karlsbader Beschlüsse zur Demagogenver-
oder auch sozialistische Politik mit monarchischer Hilfe durchsetzen folgung und die Verschärfung ihrer Zensurbestimmungen in Preußen,
wollten. Hegels beängstigtes, von seiner Umgebung für servil angesehenes
Alle diese Aspekte und Akzentsetzungen in Hegels Vortrag, die denen Verhalten gegenüber Schleiermacher, Hardenberg und im Senat, die
willkommen sein müssen, welche die .liberale. Substanz von Hegels Ungewißheit über den Grad der Festigkeit seiner Stellung und des ihm
politischem Denken verdeutlichen wollen, sind aber ermöglicht von von Altenstein und seinem Ministerium entgegengebrachten Wohlwol-
dem Prinzip her, das ebensogut auch Herleitungen und Akzemsetzun- lens bis in den Sommer 1820, in dem, wie kürzlich gezeigt wurde,
gen erlaubr, die dann Belege für die These über Hegel als Adjuvanten Hege! eine erste Versicherung von Dank und fortdauernder Anerken-
der Restauration ergeben: Eben deshalb, weil im Monarchen die nung seitens der ihm vorgeordneten Behörde erhielt (H. C. Lucas,
Entscheidungsfähigkeit des Staates als Institution verwirklicht ist, kann U. Rameil, Furcht vor der Zensur?, Hegelstudien XV, I980, S. 89f.).
er wohl in seinem wirklichen Entscheiden in die ganze Verflechtung der Ilting erklärt aus dem Druck, unter dem Hegel stand, daß die publi-
Institutionen eingebunden sein. Es kann aber auch keine Institution zierte Form seiner Rechtsphilosophie nicht den wirklichen Standort
geben, welche diese institutionelle Wirklichkeit des Entscheidens unter Hegels in politischen Fragen offenlege. Diese Version verstehe sich in
wohlbestimmte und dann auch einklagbare Grenzen stellt. Regiert also allem, wodurch sie sich von den erhaltenen Vorlesungsnachschriften
der Fürst, so verletzt er kein Recht, und Hegel kann nur versichern, unterscheidet, im Zusammenhang mit Hegels zum »Selbstschutz« (Ilt.
daß dies nicht »ratsam«, gar »gefahrlich« (253,I3) und im übrigen in I,65) unternommenen »Profilierungsbemühungen« (Ilt. I,66) als eines
modernen und gebildeten Staaten nicht zu erwarten sei (254,I). Das Professors) der die Philosophie so lehrt, daß sie »eine unmittelbare
eine wie das andere folgt direkt aus der Weise, in der Hegel den Begriff Beförderung der wohltätigen Absichten der Regierung werden könne«
des Staates in sein System des logischen Begriffes als eines solchen (vgl. Ilt. 1,67). Dem Buch Hegels fehlt insofern die Authentizität, als
eingebettet hat: als ein selbstgenügsames, in sich differenziertes Wirkli- die maßgebliche Darstellung seiner wirklichen Theorie gelten zu
ches von der logischen Form des Geistes. Als solches behauptet und dürfen (Ilt. I, II3).
bewährt es seine Identität in Beziehung auf alle Kontingenz und Ilting hat das Ergebnis dieser aus Lebensangst kommenden Anpassung
aktualisiert die Vernunftnotwendigkeit in jeder Einzelheit seines Sich- auch als ,Wechsel des polirischen Standorts- beschrieben (Ilt. 1,25 ff.),
bestimmens ganz aus sich selbst heraus. Dieser Gedanke vom Staat und zwar nicht im Sinne von außertheoretischen Parteinahmen, son-
folgt für Hegel direkt aus einem metaphysischen Konzept und aus dern als einen Wechsel, der im Vortrag der politischen Theorie selbst
keiner Orientierung und Option, die in sich politischer Natur ist. Nur zum Ausdruck kommt. In dem Maße, in dem die gedruckte -Rechts-
durch einen Gedanken, der sich Hegels metaphysischem Prinzip in der philosophie. gegenüber den bisher schon verfügbaren Quellen der
Kenntnis seiner Eigenart und der Aufnahme seiner Stärke entgegen- vorausgehenden Jahre Abweichungen aufweist, ist Iltings Beschrei-
stellt, kann die Zweideutigkeit in den Folgerungen entfallen, zu denen bung bei der für ihn gegebenen Quellenlage plausibel gewesen. Und
Hegel aus in sich selbst gar nicht zweideutigen Gründen gelangt ist. solche Abweichungen gibt es wirklich, vor allem in der Vorrede, in der
Unangesehen dessen kann aber jede Akzentverschiebung bei der (von ungehemmten polemischen Ausfällen gegen schon Verfolgte
Darstellung von Hegels Theorie, die von ihrer eigenen Form her einmal abgesehen) die geschichtstheoretische Perspektive von der
ermöglicht ist, die Nachfrage nach den politischen Rahmenbedingun- institutionstheoretischen verdrängt ist, und in geringerem Maße auch
gen aufkommen lassen) in denen sie konzipiert und vorgetragen ist. im Kapitel über die fürstliche Gewalt, in dem das Entscheidungsrecht

26
des Monarchen gegenüber der Formalität dieses Entscheidens in den Lehren und Worte aus dem vorausgehenden Wintersemester offenkun-
Vordergrund gerückt wurde. Dennoch war, wie sich nun zeigt, das dig nicht unzugänglich waren. Es ist keine ganz fernliegende Tatsache
Psychogramm von Hegels innerer Lage, das Ilting teils ausführte teils der Verständigung unter Menschen, daß vieles so gesagt wird, wie es
unterstellte, noch nicht bestimmt genug gefaßt. Denn die Verformung dem Ohr des anderen zuzumuten ist. Diese Färbung der Töne kommt
von Hegels ursprünglichem -politischen- Standpunkt kann Camou- selten geradezu aus Berechnung. Und auch geschrieben wird für ein in
flage, gewollte Zweideutigkeit, Unfähigkeit, es zu vermeiden, je nach der Imagination des Autors in der einen oder anderen Weise gegenwär-
dem Auditorium doppelzüngig zu sprechen, wirkliche, also über- tiges Auditorium. So mag es denn sehr wohl sein, daß der bloße
zeugte, wie immer vorübergehende, womöglich aus Selbstüberredung Umstand, daß Hegels Buchmanuskript auch im Wissen davon
kommende Neudefinition der Theoriestellung und noch vieles anderes geschrieben wurde, daß es Kollegen, Zensoren und vorgeordneten
mehr zum Grunde haben. Man gerät auf abschüssiges Terrain, wenn Behörden vorliegen würde, manche Züge in es gebracht haben, die es
man sich außerhalb einer auf umfassendes Verstehen einer Person von dem für den Vortrag im Hörsaal geschriebenen Manuskript auf die
angelegten Biographie in Vermutungen über solche Motivzusammen- Weise unterscheiden, die der Vergleich zwischen Buch und Nach-
hänge einläßt oder einen Argumentationsgang entwickelt, der darauf schrift ausweist. Hier soll und muß dies alles dahingestellt bleiben.
angewiesen ist, auf solche Vermutung anzuspielen. Doch ist auch Sofern man aber einen Grund in Rechnung stellen will, der die
zuzugeben, daß dies in Anbetracht der Quellenlage, vor der Ilting Unterschiede zwischen Buch und Kurs aus einer Absicht erklärt, die
stand, kaum zu vermeiden gewesen ist. auch in Hegels Bewußtsein und in einer Art von explizitem Programm
Diese Quellenlage hat sich nun überraschend und entscheidend verän- bei seiner Niederschrift wirksam gewesen ist, so kann neben der
dert. Denn in eben dem halben Jahr, in dem Hegel die Publikation Rücksicht auf seine Oberen nunmehr nur noch einer genannt werden:
seiner -Rechrsphilosophie- vorbereitete, hielt er eine Vorlesung, die die Rücksicht auf die Zensur.
sich, was die in ihr implizierten politischen Standortnahmen betrifft, Das preußische Zensuredikt vom IS. Oktober 1819 wurde, wie wir aus
gewiß nicht durch mehr Begünstigung der Restauration von den Varnhagen von Enses Aufzeichnungen wissen (Blätter aus der preußi-
früheren und späteren Kursen unterscheidet, die sogar eher in der schen Geschichte, Band r Leipzig ,868, z.B. S. 69, 73, 78), nur
Betonung der Faktoren, die eine -liberale- Lesart seiner Theorie allmählich zu einer Praxis entwickelt. Und die Liberalität und Großzü-
erlauben, über die anderen Kurse noch hinausgeht. Von einer Anpas- gigkeit seiner Handhabung war dann niemals mit Sicherheit abzusehen.
sung an die sich dramatisch entwickelnden Zeitumstände findet sich in Wäre Hegel ausgerechnet mit seiner politischen Theorie bei der Zensur
ihr keine Spur. Das hat zwingend zur Folge, Hegels Psychogramm, in Schwierigkeiten gekommen, so wären solche auch bei den Behörden
sofern aus ihm die Differenzen zwischen Buch und Kurs -Rechtsphi- zu fürchten gewesen, auf deren Protektion er so großen Wert legte.
losophie- erklärt werden sollen, anders und spezifischer zu formulie- Man kann sieht leicht ausmalen, daß gerade eine Vorrede wie die der
ren. Man hat festzustellen, daß er nicht ängstlich genug war, um auch -Rechtsphilosophie- geeignet war, dem Buch, dessen Stellung im
im Hörsaal die geschichtstheoretische Perspektive zu verstellen und die ganzen sie kommentierte, bei einem rigiden Zensor freie Bahn zu
Handlungsfreiheit des Monarchen mit Betonung herauszuheben. Es verschaffen. Ein Billett Hegels, das den Druck der ersten Hälfte seines
mag sein, daß er sich dort vor Denunziation sicher glaubte, zumal noch Manuskriptes zu verzögern bittet, bis der zweite Teil vom Zensor
nicht untersucht wurde, in welchem Umfang Bespitzelung auch der zurückgegeben ist, läßt sich durchaus aus Besorgnissen verstehen,
Vorlesungen geübt oder befürchtet worden ist. Es mag sein, daß sich welche die Zensur betreffen (vgl. H. Schneider, Neue Briefe aus Hegels
sein Verzicht auf Diktate nicht nur aus der Hoffnung, sein Buch bald Berliner Zeit, Hegelstudien VII, '972, S. 100). Hätte nämlich der
publizieren zu können, sondern auch aus der Vorsicht erklärt, keinen zweite Teil, der die Theorie der fürstlichen Gewalt enthält, zu Schwie-
Text zu produzieren, auf den man ihn hätte festlegen können. Schließ- rigkeiten geführt, so hätten sie nachträglich auch den ersten Teil
lich mag es sein, daß er nicht dazu imstande war, auch von ihm selbst betreffen können. Aus diesem Grund und aus keinem anderen, den zu
wirklich intendierte neue Akzentsetzungen im festen Rahmen seiner vermuten wir Anlaß hätten, konnte Hegel ein früherer Druckbeginn als
Theorie vor seinen Studenten über die Lippen zu bringen, denen seine nicht gerade ratsam erscheinen. Ist das Billett als wirkliches Beweis-

stück für Hegels Besorgnis auch ungeeignet, so paßt es doch in das Bild mus sind dann erfüllt, wenn akzeptiert wird, daß eine Rechtstheorie,
von Hegels Verarbeitung der Situation, in der er sich 1819120 bei der welche sich auf das Prinzip des autonomen Willens begründet, auch
Mitteilung seiner Gedanken befand, das wir uns machen können, Bedingungen von eigener Art und eigenem Ursprung anerkennen muß,
nachdem wir Kenntnis von der Vorlesung haben, die mit der Entste- von denen die Möglichkeit einer Lebensordnung abhängt, in der sich
hungsgeschichte der gedruckten -Rechtsphilosophie, so nahe wie nur jene Prinzipien allererst verwirklichen können. Aber Hegels Theorie
möglich zusammengehört. ist die eines starken Institutionalismus: Sie lehn, daß sich die Freiheit
des einzelnen Willens nur in einer Ordnung verwirklichen kann, die als
objektive selbst die Form des vernünftigen Willens hat und die insofern
den einzelnen Willen ganz in sich einbegreift und unter ihre eigenen
Bedingungen, wie immer ohne Entfremdung, subsumiert. Der ein-
IV. Hegels Theorieform; Konsequenz und zelne Wille, den Hegel den .subjeknven. nennt, ist in die Ordnung der
Alternative im Staatsbegriff Institutionen ganz eingebunden und überhaupt nur insofern gerecht-
fertigt, als diese selbst es sind. Darum kann auch sein Recht, das sich in
Alle Schwankungen in Hegels politischer Standortbestimmung sind seiner Institutionalisierung erfüllt, niemals noch als ein Recht gegen die
zuletzt von den Grundbestimmungen seiner politischen Theorie her Institution als solche verstanden werden. Der starke Institutionalismus
ermöglicht. Und somit müssen alle Fragen, sobald sie ein eigentlich führt zwingend zu Hegels Theorie der fürstlichen Gewalt oder zu
theoretisches Interesse verdienen sollen, auch am Ende auf die Forma- einem vollwertigen Äquivalent zu ihr, somit auch zur Undenkbarkeit
tionsbedingungen dieser Theorie als solcher zielen. Daß diese Theorie der Begrenzung dieser Gewalt in irgendeiner Form von einklagbarem
nicht einfach in Geltung gelassen werden kann, ergibt sich nicht allein Recht. Hegel war somit Monarchist keineswegs aus politischer Nei-
und nicht so sehr daraus, daß sie das monarchische Prinzip verteidigt gung, sondern aus theoretischer Pflicht.
und verteidigen muß, sondern daraus, daß sie diesem Prinzip gar keine Der starke Institutionalismus der politischen Theorie hat aber auch
stabile, von Zweideutigkeiten in der Ausformulierung freie Definition allgemeinphilosophische Prämissen. Sie liegen nicht in Hegels Einsicht
zu geben vermag. Zur Leichtigkeit dieser Einsicht steht aber die und Verlangen danach, daß individuelle Freiheit im freien Leben eines
Schwierigkeit in auffälligem Kontrast, eine überzeugende Alternative Volkes verwurzelt sei, sondern in der besonderen Form der spekulati-
auch nur zur Sprache zu bringen, die sich auf der Höhenlage von ven Theorie von einem -Absolutene, in der er sich mit Schelling
Hegels Problembewußtsein hält und die aus der Nähe auf die innere verbunden hatte: Die Welt als solche hat Begriffsform, und darum ist
Form seiner Theorie eingehen kann. Diese Schwierigkeit ist zuletzt gar sie als solche zu begreifen und nicht nur ihrer Erscheinung nach. Die
nicht von der viel allgemeineren Schwierigkeit verschieden, die Unter- logische Form der Welt erlaubt es sodann, alles Wirkliche als in
werfung unter Hegels System auf eine Weise zu vermeiden, die nicht, wohlgeordneten Systemen organisierte Einzelne zu betrachten. Sie
zumindest am Ende, auf Kontaktlosigkeit oder Kontaktverweigerung verlangt nicht, das Verschwinden aller Differenz zu denken, sondern
mit dessen Prinzipien und Diskursformen hinausläuft. Eine Einlei- vielmehr in sich selbst differenzierte und zentrierte, von anderen
tung, die einen neuen Hegeltext präsentiert, kann nicht der Anlaß für realiter unabhängige Entitäten. Unter der ständigen Anleitung durch
einen Versuch sein, über eine Schwierigkeit von solcher Größenord- dieses Prinzip hat Hegel über Planetensysteme und über Verfassungen
nung hinauszukommen. Sie ist so grundlegend, daß sie noch immer die sozusagen im gleichen Atemzug theoretisieren können.
Problemlage hinsichtlich Hegels aus einem prinzipiellen theoretischen Man muß sich klarmachen, daß dieser Gesichtspunkt nicht als willkür-
Defizit heraus kennzeichnet. Am Platze ist aber eine Verständigung lich anzusehen und nicht rein nur als vermessen abzutun ist. Denn die
darüber, daß sie wirklich die zuletzt entscheidende Problemdimension Welt ist so wirklich wie das System der elementaren Kräfte, wie
ist, - auch für den Umgang mit Hegels politischer Theorie. Galaxien, wie Organismen und wie bewußtes Leben. Es liegt nahe und
Hegels Lehre in der -Rechtsphilosophie- läßt sich als -Institutionalis- nicht im Abweg, die vernunftfähigen und die vernünftigen Lebensfor-
mus- kennzeichnen. Minimale Bedingungen für einen Institutionalis- men der Menschen als in der gleichen Weise wirklich und als in

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Ordnungen bestehend zu denken, die in einer Kontinuität mit allen darum auch geradezu daran erkennbar, daß er es erlaubt und verlangt,
anderen Ordnungen der Welt zu verstehen sind. Das aber läßt den Rechte der Individuen gegenüber den Institutionen ihrer eigenen
starken Institutionalismus in der politischen Theorie zur am nächsten Venvirklichung ohne Widerspruch und als eine ausgezeichnete Wirk-
liegenden Folgerung werden. lichkeit auch noch der Institution selbst zu definieren. Die Absenz
In Hegels Entwicklungsgang ergab er sich zunächst durch seinen solcher Rechte charakterisiert Hegels Rechtsphilosophie. Würden sie
Anschluß an Schellings Naturphilosophie. Er wurde noch befestigt aber zugelassen und im System konsistent zugelassen werden können,
durch Hegels Entwicklung des Gedankens vom Einen Absoluten bis so entfielen eben damit in ihm auch alle die Punkte, die am auffälligsten
zum Gedanken vom Absoluten als Geist. Denn damit war es möglich zweideutig und anstößig sind.
und notwendig geworden, der Wirklichkeit als solcher eine Bewegung Es scheint nicht aussichtslos, Hegels Gesamttheorie einen solchen
zuzuschreiben, die zu der Selbstmanifestation ihres Wesens führt. Und moderaten Institutionalismus abzugewinnen, ohne sie dabei zur Uner-
das bedeutet, daß es unnötig wird, diese Bewegung aus dem Erkennen kennbarkeit zu verformen. Dazu wäre es nötig, die Theorie des Rechts
der Einzelnen zu gewinnen, daß vielmehr einleuchtet, daß dieses stärker, als Hegel selbst es tut, an die Kontinuität zwischen Philosophie
Erkennen selbst nur aus einem Zusammenhang ermöglicht ist, der sich des -subjekriven. und des -absoluten. Geistes zu binden. Formen des
vielleicht auf dieses Erkennen hin, aber sicher nicht von ihm her absoluten Geistes sind solche, in denen das eigentliche Wesen des
versteht. Der Gedanke von einem -Absoluten-, das -Geist- ist, steigert Wirklichen im ganzen gewußt und aus Wissen dargestellt ist. Sie alle
also wohl zwar die Bedeutung alles dessen, was subjektiv und als haben mit dem, was in der Rechtstheorie eine -Institution- ist, das
solches vernünftig ist, verstärkt aber auch die Vormeinung, daß die gemein, nicht auf individuellem Bewußtsein begründet zu sein; sie sind
bewußte und vernünftige Person sich bei der Selbstpreisgabe in eine ihr aber zugleich auch nur unter Einschluß des Wissens der Einzelnen in
vorgängige Bewegung gar nicht entfremden, sondern nur gewinnen nicht reduzierbarer Eigenständigkeit zu begründen. Künstler, Kultge-
kann. Und eben das lehrt in der Theorie des Rechts der starke meinde und Philosoph haben miteinander gemeinsam, ganz in ihrer
Institutionalismus. Sache verloren und doch aus sich selbst heraus zu sein, was sie sind. Als
Sind nun aber die Folgerungen, die sich aus dem starken Institutionalis- Ganze sind die Formen des absoluten Geistes darum auch nicht
mus ergeben, nicht nur aus Gründen gegenwärtiger und vielleicht doch Wirklichkeiten wie Hegels Staaten es sind: höchste Objekte und
zeitgebundener politischer Überzeugungen, sondern sogar schon in Gegenbilder der Natur (Ilt. 3,84'). Sie sind das Wirkliche als Ganzes,
sich selbst und aus theoretischen Gründen unhaltbar, so stellt sich aber insofern es wesentlich jener Prozeß ist, der die wissende Bezie-
zwingend eine Grundfrage: Kann innerhalb von Hegels Systembegriff hung auf sich im subjektiven Leben in eins mit der Vollendung von
eine andere Form von Institutionalismus gewonnen werden, oder muß dessen Selbstbeziehung freisetzt. In Hegels Rechtsphilosophie ist die
diesem System als Ganzem eine Theorie von ganz anderer Fundierung Welt der Institutionen primär als höchste Darstellung der Vernunft-
und Konstruktionsweise entgegengestellt werden? form in einem wirklichen System und erst sekundär, und insofern sie
Neben dem minimalen und dem starken Institutionalismus läßt sich zuvor das erste ist, auch als Stufe auf dem Wege des Geistes zu seinem
eine weitere Form von Institutionalismus denken, den man -moderate Wissen von sich konzipiert. Es scheint, daß sich ein moderater
nennen könnte. Er wäre von dem Gedanken her konzipiert, daß Institurionalismus dadurch gewinnen ließe, daß man diese Abfolge
individueller Wille nur in ihm gemäßen Einrichtungen mit ihren unter den Faktoren umkehrt, durch die Hegels Theorie des objektiven
eigentümlichen Existenzbedingungen verwirklicht werden kann, daß Geistes in die Theorie des Geistes insgesamt einbezogen ist. Dann wäre
aber diese Einrichtungen ihrerseits an den in sie inkorporierten Willen eine Institution Geist, insofern der vernünftige Wille in ihr zu wirkli-
und an dessen eigenes Recht durchgängig zurückgebunden bleiben. So chem Willen inkorporiert wird und insofern er eben damit die Fähig-
wäre das' Prinzip der Institution als solches nicht aus dem subjektiven keit gewinnt, in seinem Wollen von einer Art zu sein, die das Wissen
Wollen zu gewinnen, ebensowenig ihm aber auch definitiv vorzuord- von einem Ganzen der Welt vorzubereiten und in die eigene Praxis
nen, so daß es vom subjektiven Wollen als gleichfalls eigenständigem einzubringen vermag. Nur wenn dies mit Hege! zu denken wäre, ließe
Prinzip ganz freigesetzt wird. Moderater Institutionalismus wäre sich seine politische Theorie von ihren Zweideutigkeiten befreien, ohne

33
~-

daß sie damit auch ihren theoretischen Boden verliert und um so mehr logische Form selbst dazu anhebt, aus der Äußerlichkeit und Zerstreu-
haltlos wird. ung ihrer Momente zum Begreifen ihrer selbst und ihrer Einheit zu
Bei näherem Zusehen wird aber unwahrscheinlich, daß eine solche kommen. Der Form der Äußerlichkeiten der Einzelnen gegeneinander
Reorganisation von Hegels Theorie allein aus deren eigenem Theorie- folgen die Systeme der materiellen Natur. Insofern ist die Wirklichkeit
potential gelingen könnte. Ihr stehen zumindest die erheblichsten der Formen des bewußten Lebens -hoher- als die der Natur. Ist nun
Schwierigkeiten entgegen: Schon der genaue Sinn der Definition des bewußtes Leben mehr als Natur; als subjektives aber in ein Differenz-
Rechts als Dasein der Freiheit scheint mit dem moderaten Instituriona- verhältnis zu ihr ein~egriffen, so liegt etwas im Sinne des ganzen
lismus theoretisch unverträglich zu sein. Denn diese Definition zielt Ansatzes der Konzeption ganz und gar Unbefriedigendes darin, wenn
auf die Überführung des Willens in sein objektives Korrelat ab, zu den~en wäre, daß der Weg, der vom bewußten Leben zum Begreifen
während der moderate Instirutionalismus an einer Korrelation zwi- des Geistes führt, nicht auch ein Wegstadium einschlösse, in dem die
schen einem eigenen Recht des Willens und dem Recht dessen festhal- höhere Form als solche sich in der Möglichkeit zeigt, als diese Form
ten muß, worin er sich verwirklicht. So scheint es, daß der Versuch, wirklich und darin vom Gegensatz gegen eine ihr äußere Natur befreit
Hegels Folgerungen abzuschwächen, unmittelbar zu einer Korrektur ~u sein. Diese Wirklichkeit ist aber die des objektiven Geistes, der
auch an den Ableitungsprinzipien der Rechtsphilosophie zwingt. Eine insofern der Geist ist, der aus sich selbst heraus selbstgenügsame
solche Korrektur würde dann aber womöglich auch den spekulativ- Weltsysteme von einem reicheren Einheitssinn bildet> als die Systeme
logisehen Formalismus betreffen müssen, mit dem Hegel über die der Natur auszugestalten und einzuhalten vermögen. Aber dann muß
ganze Rechtsphilosophie hinweg aus dem Hintergrund operiert. Der auch die Wirklichkeit solcher Systeme .höherer Natur. ganz allein aus
sieht vor, daß in der Abfolge der Systemfiguren von Rechtsformen der Form ihrer Organisation und nicht aus irgendeiner Kraft mit dem
diejenige die letzte ist, in der das Allgemeine sich die -Besonderheit- Ursprung in einzelnen Subjekten gedacht werden, die selbst eigentlich
und die -Einzelnheit- subordiniert. Auch aus ihm ist der starke erst wirklich werden, Indem sie in solchen Systemen zusammentreten.
Institutionalismus begünstigt, dem der Staat das selbst zur Einzelnheir So versteht man, daß Hegels Entwicklung der Theorie dieses Geistes
bestimmte Allgemeine ist, in das alle Differenzen und Besonderungen ganz auf die Begründung eines Begriffes vom Staat orientiert ist der
harmonisch einbezogen sind (vgl. den auf S. 23 zitierten Aufsatz). den subjektiven Rechtsansprüchen keinen eigenständigen und 'vom
Aber auch wenn man von solchen subtilen formalen Begründungen Recht des Staates selbst abhebbaren Rechtsanspruch lassen konnte.
absieht und nur die Verständigung über die Welt im Auge behält, auf Und man versteht zugleich, warum Hegel diese Entwicklung in einer
die Hegels System angelegt ist, scheinen die für einen moderaten Theorie der Weltgeschichte enden läßt, welche die historische
Institutionalismus unerläßlichen Änderungen bei der Verfugung der Beweg~ng von Staatsform zu Staatsform in einer Weise begreift, die
Rechtsphilosophie nicht in das System als solches. aufgenommen selb~t die Bewegung des begreifenden Geistes präfiguriert. Erst für sie
werden zu können. Zu Hegels ganz grundlegenden Uberzeugungen ist die WirklIchkeit der selbstgenügsamen Staaten, der aus dem Geist
gehört es, daß die Begriffsform des Denkens nicht nur Wirkliches kommenden Gegenbilder der Natur, selbst nur eine Etappe auf dem
erreicht, sondern daß sie alles Wirkliche ermöglicht und sogar aus- Weg zur ganzen und zugleich wirklichen Wahrheit.
macht. So ist die Welt nur die Selbstauslegung der logischen Form. Und So zeigt sich also, daß in Hegels Philosophie selbst, und zwar sowohl in
als solche sind die Systeme der Natur für die Erkenntnis offen. Sie sind ihrer abstrakten Grundlegung wie auch in dem Bild VOn der Welt das
in der ihnen immanenten Logik denkend zu vergegenwärtigen und so ~ie e~tfaltet, die erheblichsten Spannungen kommen, wenn man D:tails
einzubegreifen in eine vernünftige Anschauung von allem, was ist. In seiner Konzeption von der politischen Staatsform zu korrigieren
Auch die Formen des bewußten und vernünftigen Lebens sind aber versucht, - aus welchen guten oder gar zwingenden Gründen immer.
solche Wirklichkeiten. Subjektiv sind sie nur, insofern sie Natur neben Solchen Teiltheorien sollte man ohnehin ansehen, daß sie nicht aus
sich lassen oder sich gegenüber haben. In sich sind sie aber nach externen und auswechselbaren Gründen entstanden sein können. Von
demselben Begriff von Form bestimmt wie alles Wirkliche. Und diese den Implikationen und Folgelasten einer Korrektur an ihnen wird
Form ist im bewußten Leben in der Weise wirklich, in der schon die meistens abgesehen, wenn es darum geht, sich die diagnostische Kraft

34 35
..

von Hegels Denken zu erhalten, ohne die Belastung durch seine Hegels ganze Anstrengung war nun aber auf ein Denken gerichtet, das
staatstheoretischen Lehrsätzeund ihre Zweideutigkeiten annehmen zu weder am Ende in diese Position zurückgleiten muß, noch sich VOn
müssen. Aber auch dann verschwindet der Eindruck nicht, solche vornherein mit dem empirischen Vorbehalt gegen die große Theorie
Korrekturen seien ad hoc und inhomogen zu dem Ganzen, in dem sie bescheidet. Es war Hegels Überzeugung, daß es möglich ist, über
angebracht werden. Wirkliches von ganz anderen Prämissen her letzte Gedanken zu
Es ist weitethin gleichfalls unwahrscheinlich, daß Spannungen und gewinnen, und daß nur diese Gedanken die Kraft haben, Wirkliches in
Zweideutigkeiten an der Oberfläche durch tiefere Eingriffe in die seiner ganzen Bestimmtheit und Ordnung zu begreifen. Die vielbe-
inneren Anordnungen des Systems selbst aufgefangen oder beseitigt wunderte Konkretheit in Hegels Denken, auch in seiner Diagnose
werden können. Ist es aber so, dann muß die Einsicht in die Unmög- historisch-politischer Gesamtlagen, ist an die Tragfähigkeit solcher
lichkeit, ohne eine Korrektur deranstößigen Details in derpolitischen Gedanken gebunden und nur von ihnen her in ihrer Möglichkeit zu
Theorie mit dem System auszukommen, auch zu derFolgerung führen, verstehen. Nun mag solche Konkretion, die bislang nie wieder erreicht
daß das System als solches zur Disposition gestellt werden muß. Nicht wurde, auch in einem ganz anderen Theorierahmen möglich sein. Wird
eine Umorganisation seiner Teile, sondern nur eine von Grund auf aber zusammen mit ihren politiktheoretischen Konsequenzen Hegels
andere Konzeption könnte den Knoten lösen, der nur anfangs ver- theoretische Intention als solche außer Erwägung gestellt, so schrumpft
gleichsweise klein, auf das Gebiet der politischen Theorie beschränkt das Spektrum aller überhaupt noch erwägbaren Theorien auf eine
und in der esoterischen Lehre Hegels sogar schon beseitigt scheinen Weise, die den Bereich unübersehbar verengt und verarmt erscheinen
konnte, die er in seinen Vorlesungen vorgetragen hat. läßt, in dem sich Denken und Verstehen doch wirklich entfaltet: Alles
Diese Folgerung kanndenen nur: willkommen sein, die ohnedies keinen Denken wird suspendiert, das von einem Gedanken von der Einheit der
besonderen Grund sehen, sich auf Hegels politische Theorie einzulas- Welt als solcher seinen Ausgang nimmt, das einer Theorie von Formbe-
sen, und die ihr Mißtrauen gegenüber der Sprache, in der sie entfaltet stimmung zutraut, Wirkliches als solches zu erreichen, um es dann
ist von vornhereinauf ihreMethode derEntwicklung von politiktheo- nicht nur von außen und unter wechselnden Perspektiven zu beschrei-
retischen Sachverhalten ausgedehnthaben.Sie brauchennur zu konsta- ben, das im Tctum, das nicht ein Aggregat einfacher Einzelner ist, auch
tieren, daß das Zugeständnis, zwischen den Lehrstücken der Rechts- das Paradigma des Wirklichen als solchem sieht, das die Welt, in welche
philosophie und den Grundlagen des Systems besteheeine nicht auf- die Lebensformen des Menschen eingebunden sind, nicht als Erschei-
lösbare theoretische Kontinuität, der modernen Theone der Sozialsy- nung, sondern als letzte Wirklichkeit nach der ihm eigentümlichen
steme in der Nachgeschichte von Durkheim und Max Weber endgültig Form begreift und das darum auch nicht nur voraussetzt, sondern
freie Bahnverschafft.Diese Theorien, die unter den gegenwärtigender versteht, wieso die Lebensordnungen des Menschen mit den Systemen
Hegeischen darin am nächsten kommen, daß sie gesellschaftliche Ge- der Natur, unbeschadet ihrer Grunddifferenz, eine Kontinuität
samtverhältnisse zu thematisieren vermögen, stehen wirklich auf emem bilden.
ganz anderen Theoriefundament als Hegels Werk. Sind sie nicht aus- Die Sätze, welche solches Denken charakterisieren, sind vielleicht
drücklich dem methodischen Individualismu s verpflichtet, der Gesamt- prätentiös, aber kaum dem unbefangenen Denken fremd oder gar
verhältnisse auf Interaktionsprozesse zwischen Einzelnen zurück- unverständlich. Theoriefähigen Zusammenhang können sie jedoch nur
führt, so sind sie ihm jedenfalls nicht in einem letzten und eigenständi- in einem Denken gewinnen, das sich, statt in die Kontaktlosigkeit,
gen Grundlegungsgedanken entgegengesetzt. Indem sie, als empiri~che gerade in die Nähe zu Hegels Denken begibt. Es setzt die Aufnahme
Theorien, auf einen solchen Grundlegungsgedanken überhauptverzich- seiner systematischen Intentionen ebenso wie sichere Distanz zu der
ten, lassen sie die mögliche Wahrheit der philosophischen Perspektive Weise voraus, in der sie als Theorie ausgeführt worden sind. Und diese
unberührt, die sich als einzige Gesamtkonzeption von der wirklichen Distanz, so hat sich gezeigt, ist weder durch Retuschen in einzelnen
Welt aus den allgemeinen Theorien der gegenwärtigen Wissen~ch~t seiner Analysen noch durch neue Arrangements seiner Teiltheorien zu
extrapolieren ließe: den Materialismus, dem die Welt, welche die rm- gewinnen. Sie wird nur dann stabil, wenn in Kenntnis der inneren
krophysikalische Theorie beschreibt, auch die ganze Wirklichkeit ist. Formation seines Denkens eine Alternative zu ihm gewonnen ist.

37
&

In die Frage, welche Form und Fundierung sich für eine solche bei der Arbeit an den Erläuterungen selbständig und einfallsreich
Alternative absehen läßt, kann hier nicht eingetreten werden. Daß sie mitgearbeitet haben, luge Kullik für die Herstellung einer akkuraten
aber aussteht, hat eine überall spürbare Beschränkung in der inzwi- Druckvorlage und Ralf Herklotz und Stephan Saur für wachsame Hilfe
schen sehr ausgedehnten und sachhaltigen Rezeption VOn Hegels bei der Korrektur.'
politischer Theorie zur Folge. Gewonnen werden kann sie auch nur,
wenn die theoretische Anstrengung gar nicht auf das Verstehen von Heidelberg, den t 5.April 1981 DieterHenrich
politischen Prozessen und Institutionen geht, wenn sie diese sogar
insoweit vergißt, als sie vorgängige Kriterien für Haltbarkeit von
Ergebnissen sein könnten, wenn sie sich also den Grundfragen des
Denkens als solchen zuwendet. Am allerwenigsten hilfreich ist es, an
Hegels Werk insgesamt Sektionsübungen zu dem Zwecke zu veranstal-
ten, in ihm Spuren einer alternativen Sozialtheorie zu entdecken, von
der man dann selbst gar nicht weiß, wie man sie zu in sich haltbaren
Gedanken zusammenbringen könnte.
Das hier publizierte Manuskript läßt Hegels politische Theorie in
vielem neu und insgesamt in einer Frische, Konkretion und Durchsich-
tigkeit erscheinen, die von keinem anderen Text seiner Rechtsphiloso-
phie erreicht wird. Es ist aber wichtig, daß darüber Klarheit besteht,
daß auch es die eigentlichen Fragen, die an diese Theorie zu richten
sind, nicht beantworten kann, - daß der Ort zur Antwort auf sie der ist,
an dem auch die Grundfragen der Philosophie selbst entspringen.

V. Dank
Ich danke der Lilly Library der University of Indiana in Bloomington
für die Erlaubnis zur Publikation und ihrem Curator of Manuscripts,
Mrs. Saundra Taylor, für die Beantwortung zahlreicher Nachfragen;
Frau Eva Ziesche von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz
bin ich dankbar für neuerliche kompetente Hilfe, diesmal bei der
Analyse der materiellen Eigenschaften des Manuskriptes. Mit Karl-
Heinz Ilting und den Mitarbeitern des Hegel-Archivs der Universität
Bochum sowie mit Rolf Peter Horstmann konnte ich philologische
Probleme, die das Manuskript aufwirft, ausgiebig besprechen; sie
haben viele wichtige Hinweise gegeben. Ich danke ihnen ebenso wie
1 Der Herausgeber verweist auf seinen Nachtrag zu dieser Edition. In ihm sind die in der
denen, die schwierige Nachweise ermöglicht haben: Werner Conze, Einleitung erörterten Probleme in Beziehung auf den Text der Nachschrift von 1817/18 (Rph.
Jacques d'Hondt, Reinharde Kossellek und Eike Wolgast. Und ich Wannenmann) noch einmal aufgenommen. Sie tauchte während der Umbruchkorrektur dieser
danke Harald Köhl und Michael Rath, die bei der Textherstellung und Edition auf.
,
PRINZIPIEN DER EDITION SETZUNG wurde (mit einigen durch die Abfolge der Satzsinne begrün-
deten Ausnahmen) die jeweils geringste Änderung gewählt, die not-
wendig ist, um einen gegenwärtig korrekten Gebrauch zu erreichen.
Nur in Zweifelsfällen ist das Zeichen des Manuskriptes angemerkt.
Der Begriff einer -Kritischen Ausgabe- ist nicht eindeutig definiert. 5. ABKÜRZUNGEN im Text bleiben nur dann stehen, wenn sie durch
Diese Edition folgt nicht den striktesten Kriterien, die mit dem den Duden als geläufige und korrekte Abkürzungen ausgewiesen sind.
Programm einer solchen Ausgabe verbunden werden könnten, und sie Bei zweifelhaften Auflösungen ist die Abkürzung des Originals in der
bietet keine diplomatisch getreue Wiedergabe des Textes. Ihre Absicht Anmerkung angegeben. Da im Manuskript die Abkürzung eines und
ist es, einen leicht lesbaren und benutzbaren Text herzustellen und desselben Wortes verschieden gehandhabt wird, ist der Gebrauch der
dennoch alle Daten aufzunehmen, die bei der Analyse und Interpreta- Abkürzungen harmonisiert worden. So wird »zurn Teil« immer als
tion irgendeine Wichtigkeit haben könnten. Das kann nur durch die -z. T.<, »undsofort« immer als -usf.. und »und dergleichen, immer als
Anwendung einer beträchtlichen Anzahl von Regeln geschehen, die -u. dgl.. abgekürzt, während »sogenannt« niemals abgekürzt worden
Schreibgewohnheiten des Abschreibers und seiner Zeit eliminieren, ist.
ohne die für die Forschungsarbeit notwendige Erkennbarkeit der 6. ABSÄTZE sind niemals eingefügt worden; zudem wurden die
ursprünglichen Gestalt des Textes zu hindern. Absätze des Originals stets festgehalten. Es ist zwar offensichtlich, daß
Um der leichten Benutzbarkeit. willen ist auf den Gebrauch von vielen Abschnitten des Gedankens keine Absätze im Text entsprechen
Zeichen im Text soweit wie möglich verzichtet worden. Auch ohne und daß oft Absätze auch dort auftauchen, wo sie nicht aus dem
Benutzung der Druckerklärung soll jede Seite in sich selbst verständlich vorgetragenen Gedanken begründet sind. Aber die Absätze der Nach-
und im übrigen von entbehrlichen Zusätzen frei sein. Aus diesem schrift geben möglicherweise Pausen in Hegels Redefluß und sehr
Grund ist auch in Kauf genommen, daß sich in den Anmerkungen zum wahrscheinlich Einschnitte zwischen Vorlesungsstunden an. So ist um
Text Angaben wie (vom Herausgeber) ,eingefügt< häufig wieder- der Forschungsmöglichkeit willen diese Eigenschaft des Manuskriptes
holen. zu erhalten gewesen.
Die Transkription des Textes wurde aus Fotos hergestellt, die von 7. DOPPELSCHREIBUNGEN sind stillschweigend eliminiert.
einem Film genommen wurden, den die Lilly Library übersandte. Der 8. ÄNDERUNGEN, welche der Abschreiber selbst im Manuskript vor-
Herausgeber hat das Original nur an einem Tag bei einem Besuch in der nahm, sind nur dort angemerkt, wo sie nicht offenkundig triviale
Bibliothek untersuchen können. Ursachen haben.
Bei der Herstellung des Textes wurden folgende Regeln angewendet: 9. Offenkundig notwendige ERGÄNZUNGEN wie die Einführung der
I. Die RECHTSCHREIBUNG wurde stillschweigend der durch den Pluralendung dort, wo sie fehlt, sind stillschweigend vorgenommen
Duden standardisierten angeglichen - mit der Ausnahme von Hegels worden. (Zusatzregel zu Regel 2.)
Kategorien aus dem System seiner Logik, die in der für die Logik 10. ANFÜHRUNGSZEICHEN sind nach folgenden Regeln verwendet:
charakteristischen Schreibweise gegeben sind. a. Sie stehen dort, wo sie im Original stehen.
2. Die GRAMMATIK ist der geläufigen stillschweigend soweit angegli- b. Sie sind dort eingefügt, wo es sich um eine direkte Rede handelt, die
chen worden, daß sich verständliche Sätze ergeben. nicht durch andere Satzzeichen schon zweifelsfrei erkennbar ist.
3· Antiquierter WORTGEBRAUCH wurde nur dort verändert, wo er zu c. Sie sind um Buchtitel gesetzt, wenn ihr Fehlen zu Mißverständnis-
gegenwärtig nicht mehr verständlichen Sätzen führt. Solche Verände- sen führen könnte.
rungen sind angemerkt. Stillschweigend modernisiert wurden -hie- in d. Sie sind überall dort eingefügt, wo der Text über sprachliche
Verbindungen wie -hieher- und Verb-Endungen wie -gehe«, die häufig Ausdrücke handelt.
auftreten. Im Text finden sich aber auch gelegentlich die gegenwärtigen e. Anführungszeichen fehlen, wenn das Manuskript einen geläufigen
Sprech- und Schreibweisen. Ausdruck oder ein Sprichwort als eigene Aussage verwendet.
4· Bei der im Manuskript weitgehend nicht regulierten SATZZEICHEN- (Zusatzregel zu Regel 4.)

4° 4'
Ir. Im Manuskript finden sich sehr viele GEDANKENSTRICHE, die
gewisse Distanzen zwischen Gedankengängen andeuten. Sie sind dort
stillschweigend beseitigt, wo sie nicht als unerläßlich gelten können. In
der gegenwärtigen Schreibweise hat nämlich der Gedankenstrich eine Georg Friedrich Wilhelm Hege!
sehr viel größere distanzbildende Kraft. (Zusatzregel zu Regel 4.)
12. Kleine Inkonsistenzen bei der Fassung der ÜBERSCHRIFTEN (z.B.
-Kapitel- abgekürzt oder ausgeschrieben, Kapitelnummern in Schrift
Philosophie des Rechts
oder Zahl) sind stillschweigend harmonisiert worden. Ziffern inner- Die Vorlesung von 1819ho
halb von AUFZÄHLUNGEN innerhalb des Textes erscheinen stets mit in einer Nachschrift
folgendem Punkt, auch abweichend von der Fassung des Originals.
13. Unterstreichungen und Randbemerkungen von FREMDER HAND
sind stillschweigend weggelassen worden (vgl. K IJ4,2j), alle Unter-
streichungen des Manuskriptes selbst sind erhalten. Sie werden in
dieser Ausgabe durch Kursivschrift wiedergegeben.
Daß trotz des Gebrauchs dieser Regeln viele Anmerkungen unter dem
Text notwendig sind, ergibt sich aus den zahlreichen sinnentstellenden
Verschreibungen, die sowohl, vor allem im ersten Teil, auf das
Unverständnis des Hörers als auch und vor allem daraufzurückgehen.
daß der gewerbliche Abschreiber nichts vom Thema der Vorlesung
verstand.

Erklärungen zum Druck


Vom Herausgeber im Text hinzugefügte Zeichen:
E Hinweis auf eine Erläuterung im Anhang
K Hinweis auf einen Kommentar im Anhang
I Hinweis auf eine Anmerkung unter dem Text
(nur auf Seite 50 gebraucht): Ein sinnloses Wort im Text
mit einer Buchstabenzahl. die der der Pünktchen ent-
spricht, für das keine Konjektur vorgeschlagen werden
konnte.
In den Anmerkungen werden nur zwei Kurzformen gebraucht:
Orig. gefolgt von einem Wort oder einer Wendung in einfachen
Anführungszeichen: gibt den im Manuskript zu finden-
den Text wieder.
eingefügt eingefügt vom Herausgeber
Die Ziffern am Rande der Seiten und die Längsstriche innerhalb der
Zeilen geben die Seite der Handschrift und den Übergang auf die
folgende Seite der Handschrift wieder.
r

INHALTSANZEIGE'

Einleitung . . . . . . . . .
Übersicht der Wissenschaft

Erster Teil. Das abstrakte Recht


I. Kapitel: Das Eigentum
2. Kapitel:DerVertrag
3. Kapitel: Das Unrecht .

Zweiter Teil. Die Moralität. 91


1. Kapitel: Handlung und Vorsatz . 93
2. Kapitel:WohlundAbsicht . 95
3. Kapitel: Das Gute und das Gewissen. 101

Dritter Teil. Die Sittlichkeit. 122


1. Kapitel: Die Familie . 128
a. Die Ehe . 130
b. Eigentumder Familie 142
c. Auflösung der Familie 143
2. Kapitel: Die bürgerliche Gesellschaft. 147
a. Das System der Bedürfnisse 152
b. Die Rechtspflege . 169
c. Die Polizei . . 187
3. Kapitel: Der Staat 20 7
a. Das innere Staatsrecht 226
a. Die fürstliche Gewalt 238
ß. Die Regierungsgewalt . 254
y. Die gesetzgebende Gewalt 259
b. Das äußere Staatsrecht . . . . 278
c. Die Weltgeschichte. . . . . . 280

I Dieses Inhaltsverzeichnis istTeildesOriginal-Manuskripts, in demes jedoch


am Ende steht.

45
RECHTSPHILOSOPHIE UND POLITIK K wahr, daß die Philosophie einerseits nicht die Wissenschaft
des Wirklichen ist und nicht aus dem Gegebenen aufnimmt,
was Recht ist. In der Philosophie ist's die Vernunft, der
innere Begriff, woraus geschöpft wird. Indem die Philoso-
Einleitung! phie des Rechts nicht positive Wissenschaft ist, die wir 5
abhandeln, und so der Wirklichkeit gegenüber zu stehen
Das Abstrakte ist das Recht, die Verwirklichung der Staat. scheint, soll dies der erste Punkt unserer Betrachtung sein.
Gewöhnlich sieht man das Recht an als ein Unglück, worin Platon (Rei Publicae, L. V) stellt das Verhältnis der Philoso-
5 das natürliche Recht des Menschen gekränkt wird. Da hat phie zum Staate dar. E Wir müssen uns auf einen höheren
man von einem verlorenen Paradiese gesprochen, von Wie- Standpunkt stellen in Ansehung der Philosophie und der '0
derherstellung des natürlichen Rechts. Das Recht ist das Wirklichkeit. Wir betrachten in der Platonischen Philosophie
Heilige auf Erden, das unverletzbar sein soll; das Heilige, diese Voraussetzung, I. daß die Philosophie die Wahrheit in
wenn es im Himmel oder in Gedanken ist, ist es allein der Form des Gedankens, des Begriffs betrachtet'. Ist dies'
'0 unverletzbar. Das Recht auf Erden aber kann angetastet, Begreifen, Denken, so ist die Wahrheit aus den andern
angegriffenwerden. Die Aufgabe unserer Wissenschaft ist, zu Formen, z. B. aus dem Gefühl, auch I Wahrheit. Die philoso- 15'
erkennen, was wahrhaft das Recht sei. Zumal in dieser Zeit phisehe Wahrheit hat ihre eigentümliche Form. 2. daß diese
tut solche Untersuchung not, wo jeder meint, er habe das Wahrheit nur ein Sollen der Wirklichkeit entgegensetzt. -
Recht in seiner Überzeugung; dies will er erfüllt haben.f Die Wir machen geltend, daß die Wahrheit substantiell, ebenso
15 Nichterfüllung gilt ihm daher als etwas Frevelhaftes, dem er innerer Begriff als Wirklichkeit sei; daß sie keine leere
sich entgegenstellen müsse. Die Philosophie soll den Begriff Vorstellung, sondern allein das' Rechthabende sei. Es ist '0
des Rechts bestimmen. Allerdings ist es noch viel, daß man an irreligiös" wenn man sagt, daß die Wahrheit, das Göttliche
die Philosophie diese Anforderung macht. Darin liegt wenig- nur ein Jenseits des blauen Himmels sei oder nur im innern
stens, daß Gedanken dazu gehören, das Recht zu finden. Das subjektiven Gedanken liege. Der Natur gibt man zu, daß sie
20 Gewöhnlichere ist, daß jeder, wie's in ihm ist, das Recht zu eine göttliche sei, das Denken hingegen sei gottverlassen, der
2 haben glaubt. Nun I meint der eine, in der Philosophie die Zufälligkeit überlassen. Die Idee ist vielmehr schlechthin das 25
Rüstkammer von Gründen zu finden zur' Bekämpfung alles Allgegenwärtige, ist nicht ein gleichgültiger Zuschauer neben
Unrechts, sieht ein Ideal des glücklichen Zustandes, das um den andern, sondern allbeseelend, ohne das nichts ist, was
so höher gehalten wird, je mehr es sich von der Wirklichkeit ist.E Die Wirklichkeit ist der Leib, die Idee die belebende
25 entfernt. Auf der andern Seite heißt es: Recht und Philoso- Seele; jene fiele' in Staub, wenn diese entwiche. Wir erkennen
phie gehören dem Staate an.' Der Wille des Geistes ist das, was ist, das Wirkliche selbst. Betrachten wir Platon, so '0
Freiheit, sie die Grundlage des Staates. Es ist nun allerdings bemerken wir, wenn in seinem Staate nicht etwas Mangelhaf-
I -Einleitung- fehlt im Orig. 1 Orig. -betrachten-. 4 Orig. -irreligios-.
2 Orig. >ZU<. 2 Orig .• d.s. 5 Orig. -fiel-.
3 Orig. >;<. 3 Orig. -d.c

47
tes gewesen wäre, so wäre er notwendig in die Wirklichkeit gefaßt hat. Diese Gestalt ist doppelt, teils der Philosophie
getreten. Diejenigen haben nicht ganz unrecht, die ' von angehörig, teils der äußerlichen Gestalt der vorhandenen
Wirklichkeit, Realität, Erfahrung reden und dagegen das Wirklichkeit. Dieser Geist im wirklichen Dasein ist der bunte
4 Ideal ein leeres nennen. I Nur haben sie den Spiegel der Teppich, wo eine Menge Interessen und Zwecke sich kreu-
5 Wirklichkeit nicht recht gehalten", sie nicht mit der Vernunft zen, gegeneinander kämpfen. Diese Gestalt betrachtet die 5
betrachtet, denn so erscheint die Welt auch vernünftig. Das Philosophie nicht. Dieses Geröll, zurückgeführt auf den
Reale' und die Wirklichkeit, das ist das Reich des Geistes. Gedanken, ist Gegenstand der Betrachtung der Philosophie,
Platon hat die Wirklichkeit seiner Welt erkannt; das Prinzip der Geist ein System seines einfachen Lebens.
der Sittlichkeit in der Form der Einfachheit, dies ist der Wir erinnern hier an den Ausdruck: die Weltbegebenheiten
10 griechische Geist, griechische Sittlichkeit; dies ist in Wahrheit und die Menschen sind Werkzeuge in der Hand der Vorse- 10
so gewesen, wie' Homer, Herodot, Sophokles die Bilder der hung. Sie bringt etwas anderes hervor, als diese wollen.
griechischen Sittlichkeit darstellen. Aber die Sittlichkeit als Indem jene ihren Zweck ausführen wollen, führt so die
griechischer Geist konnte nicht in dieser Form bleiben. Sie Vorsehung den ihren aus. Näher können wir das Verhältnis
mußte nach den Forderungen der höheren Formen in die so ausdrücken, daß der wahrhafte Geist das Substantielle 1,
15 Entzweiung lenken. Schon Platon fühlte dies. Es erschien. das Wesentliche, die Grundlage ist, was I wir bei den Tieren 15 6
aber diese Entzweiung in der alten Idee der Sittlichkeit als die Gattung'' nennen: Instinkt, durch diesen gibt sich die
Verderben, weil sie noch nicht zur Harmonie' zurückgeführt Gattung kund. Eine Natur ist es, die sich in ihnen offenbart.I
war. Auf dieselbe Weise wie die Spartaner das Geld verboten, Außer der Gattung aber, außer dem allgemeinen Geiste, sind
weil es böse Triebe veranlaßte, und dann nur die Habsucht es die Einzelnen, die die daseiende Wirklichkeit des Geistes
'0 tückischer im Innern ausbrach, so wollte Platon das Prinzip ausmachen. Der Mensch handelt nicht aus? Instinkt, daher 20
des sittlichen Selbstbewußtseins, das die Entzweiung schuf, macht sich die Einzelnheit geltend. Diese treten zusammen:
auflösen; kein Eigentum, keine Familie sollte in seinem Staate Gemeinwesen'. Sie haben ihre besondern Zwecke, und eben
gelten.f diese Zwecke sind einesteils besondere, andererseits ist die
Nicht überfliegen soll die Philosophie ihre Zeit; sie steht in Gattung das Allgemeine darin. Hierher gehören die Leiden-
25 ihr, sie erkennt das Gegenwärtige. Das ewig Wahre ist kein schaften, die ihre Befriedigung suchen. Sie zeigen, daß die 25
5 Vergangenes I und kein Zukünftiges. Dieses an und für sich Menschen im Allgemeinen ihre Besonderheit suchen. Dies ist
Wahre ist nicht form- und gestaltlos, sondern eine Gestalt, die Betätigung des Allgemeinen. Die Idee, bloß allgemein,
eine bestimmte Weise des Geistes; diese Weise des gegenwär- führt sich nicht aus, ist träg. Das Tätige ist erst die Subjektivi-
tigen Geistes, der sich von anderen Gestalten unterscheidet, tät, macht das Allgemeine zu einem wirklichen Konkreten,
'0 ist die höchste Weise des Begriffs, den er 5 von sich selbst Vorhandenen. - Die wirkliche Welt bietet das Gedoppelte

I Orig. -wenn sie.. 3 Orig. -dies ist es in Wahrheit so I Orig. -d. Subsrentiellen..
2 Orig. -Das Re-, -Re- durch- gewesen, WIe es-. 2 Orig. -als-.
gestrichen. 4 Orig. -Admonie-. 3 Orig. vor und nach -Cemeinwesen-
5 Orig. -es-. steht ein Komma.

49
dar, daß Zwecke der Individuen darin erscheinen, das Wollen gegen das Recht des Geistes. Dies ist freilich etwas anderes als
der Einzelnen, das das Verwirklichende und Allgemeine ist. Reflexion und Vorstellungen, die man so aus abstraktem
7 Diese äußerliche Seite ist schlechthin notwendig. I Aber die Denken oder aus wohlmeinendem gerührtenHerzen hervor-
Verwickelung der besonderen Interessen tritt ein; da verhält bringt. Was vernünftig ist, wird wirklich, und das Wirkliche
5 sich das Allgemeine substantiell, unüberwindlich. Indem es wird vernünftig. 5
also der wirkliche Weltgeist ist, den die Philosophie betrach- In der Religion wird das Göttliche in Form seiner Ewigkeit
tet, so gehört die äußerliche Wirklichkeit der Philosophie gefühlt; dieses ist in der Welt als wirklicher Geist. Die
nicht an. Nur das Einfache hebt sie heraus, und 1 das Mannig- Philosophie gehört von dieser Seite zur Kirche als geistige1K
faltige führt sie zurück auf die Einheit. Von dieser Seite kann Religion. Diese hat das Wahre in der Form seiner Ewigkeit
10 das Tun der Philosophie mit mikroskopischem Untersu- zum Gegenstand. 10
chen verglichenf werden. Betrachten wir durchs Vergröße- Hiergegen isr' die Form der Philosophie wohl auch Form des
rungsglas den zarten Umriß des Bildes, dann werden wir Ewigen, aber Form des reinen Gedankens, des Ewigen im
überall Rauhheiten entdecken; was fürs bloße Auge schön reinen Elemente. Insofern die Philosophie etwas betrachtet,
erscheint, erscheint dann ungestaltet. Ebenso das wirkliche 2K was der Geist ist, so ist sie I doch eine Trennung, da sie etwas 9
15 Bewußtsein; für dieses sind Einzelnheiten und Verwickelun- anderes ist als der wirkliche Geist. Die Trennung erhält diese 15
gen vorhanden. Die Philosophie führt das Getümmel der nähere Bestimmung, daß wir darauf sehen', wann 4 die
Wirklichkeit auf seine Einfachheit zurück,' in die stillen Philosophie hervortrat. Es geschah, wenn der Geist in der
Räume, die frei von jenen Interessen liegen. Sietreibt also ihr Form des Gedankens gegenübertrat der Form der äußerli-
Geschäft nicht jenseits der Weltgeschäfte, aber die substan- chen Wirklichkeit. So sehen wir sie im Platon, Sokrates,
20 tielle ..... .'K derselben ist's, die sie betrachtet. Sie erkennt AristoteIes hervortreten, zu den Zeiten, wo das griechische 20
das Recht des Vorhandenen an, denn in dem buntesten Leben seinem Untergang zuging und der Weltgeist zu einem
Gewebe fremdartiger Interessen doch das 5K, höheren Bewußtsein seiner selbst. Auf mattere Weise finden
das Allgemeine ist. Sie achtet das Wirkliche als das Reich des wir dies in Rom wiederholt, indem das eigentümliche frühere
8 Rechts; sie weiß, daß in der wirklichen Welt nur 6 K I gelten römische Leben aufgehört, sich anders gestaltet hat. Descar-
25 kann, was in dem Begriff eines Volkes vorhanden ist. Unsinn tes erschien, da das Mittelalter ausgelebt war. Die Konzentra- 25
wäre es, einem Volke Einrichtungen aufzudringen, zu wel- tion des geistigen Lebens wird endlich geboren, wo Gedanke
chen es nicht in sich selbst fortgegangen ist. Was an der Zeit und Wirklichkeit noch nicht eins waren. Wenn diese Kon-
ist im innern Geiste, das geschieht gewiß und notwendig. zentration sich in den Unterschied entwickelt, wenn die
Verfassung ist die Sache der Einrichtung dieses innern Gei- Individuen frei wurden und dann das Leben des Staates
stes. Er ist der Boden; keine Macht im Himmel und auf Erden auseinandergegangen ist, dann sind die großen Geister her- 30
vorgetreten. Die Philosophie tritt als der sich abscheidende
I Orig. snur-. 4 Orig. -Unlusrc
2 Orig. -willk.. (zu ergänzen zu -will- 5 Orig. -Entheiligendec
kürlich-). 6 Orig. -uns-. I Orig. -gesreigerte-. 3 Orig. -sahen-.
3 Komma eingefügt. 2 -ist- eingefügt. 4 Orig. -wenn-.

50
Geist hervor. Wenn sie grau auf grau gemalt, dann ist die er fängt vom Einfachen an, nicht so konkret. Das Recht des
10 Scheidung an Leib und Seele I ergangen. Nicht die Philoso- Weltgeistes macht den Beschluß.
phie ist's, die den Bruch bringt; er ist schon geschehen, sie ist Vergleichen wir unsere Wissenschaft mit der positiven Wis-
sein Zeichen. Wie ist dieser Bruch zu betrachten? Wir senschaft! Das positive Recht lehrt uns den Gesichtspunkt
5 könnten meinen, es1 sei nur ein ideeller, kein wahrhafter kennen, was in diesen und jenen Fällen Recht sei, ob dieses 5
Bruch, daß der Geist die Wirklichkeit als toten Leichnam dem oder jenem gehöre, lehrt eine Handlung beurteilen.
verläßt, ein Weltzustand, wo die freie Philosophie und die Dieser Gesichtspunkt erscheint hier als Mittel für die einzel-
Ausbildung der Welt übereinstimmen. In dieser Ansicht gäbe nen Fälle, daß für jeden das Recht ausgemacht werde. Die
die Philosophie die vermeintliche Opposition auf und das, Vernünftigkeit erscheint als Mittel, daß die Menschen zu
10 was ihr wahrhaftes Ziel ist. Denn es liegt in ihr das Moment ihren Sachen kommen. Das Wesentliche scheint die Sache zu 10

der Versöhnung; sie soll die Trennung in dem verschiedenen sein. Was hier bloß als I Art und Weise ausgesprochen wird 1, 12
Bewußtsein aufheben.f ist uns das Wesen; was dort im Zustande und Verhältnisse
nur 2K als vernünftig gilt, nicht aber, daß der Geist seine
Begriffe darin befriedigt. Auf' dieser verschiedenen Stufe ist
das Geistige, was uns hier allein beschäftigt, zu Hause. Den 15

Übersicht der Wissenschaft Schein des Geistes, das Gelten des Allgemeinen betrachten
wir darin; nicht suchen wir den Nutzen, nicht, wie Ruhe,
Unser Gegenstand ist das Recht. Dies gehört dem Geiste an, Ordnung, Besitz gesichert wird. Uns ist das Vernünftige der
15 und zwar der Seite, die wir Willen nennen. Wir fragen nach erste und wesentliche Zweck. In unserer Betrachtung, wO das
der Natur des Willens, des denkenden Willens, der den Vernünftige der Zweck ist, treten die Zwecke der Besender- 20
Ausgangspunkt für das Recht macht. Der wollende GeistE in heit (das Advokatenwesen) zurück. Der Geist soll sich
seinem ganzen Umfang will den Geist als Natur, als vorhan- befriedigen. Hier haben wir dasselbe Interesse wie in der
dene Wirklichkeit schaffen. Das Recht ist dagegen des Wil- Religion, ein geistiges Leben zu leben. Den Geist in der
20 lens. Der Wille heißt frei, weil er, erst ein Inneres, sich zu Einrichtung der Welt zu finden, Versöhnung des Geistes mit
11 etwas Anderem, I zur äußeren Wirklichkeit macht. Dies isr' der Welt, ist unser gottesdienstliches Werk. Die unendliche 25
seine Freiheit. System des Rechts ist nichts anderes als System Güte des Göttlichen besteht darin, daß es den Individuen sich
der sich verwirklichenden Freiheit. Der Geist ist mehr oder preislgibt und das Recht der Besonderheit gewähren läßt. - 13

weniger ein abstrakter Geist; der konkrete ist der vielfache, Darin finden wir die Nützlichkeit, wo etwas Mittel für den
25 mannigfaltige in sich. Das Konkrete fällt in den Ausgang, Zweck wird. Das Individuum macht sich selbst zum Zweck;
nicht in den Anfang. Der Ausgang ist dieser, daß er' in der dies soll nun absolute Grundlage der positiven Rechtswissen- '0
höheren Bestimmung das, was er' früher ist, mit sich nimmt; schaft sein. Doch ist gewissermaßen Ton geworden, daß diese
I Orig. -er-. I Orig. >Was hier als Art und Weise bloß ausgespr. wird-.
2 -ise- eingefügt. 2 Orig. -unse.
3 Orig. -es-, 3 Orig. -In-.

53
positive Rechtswissenschaft herabschaut auf das Vernünftige. sind beide einseitig, ideell; ihre Wahrheit 1 ist ein drittes.f Da
Wir stellen das Recht in seiner Totalität dar, dies zu entwik- ist der Wille' als einfach unmittelbar, dem Begriff gemäß,' an
kein ist 1 unser Fortgang. Die Anwendung fürs Besondere und für sich. Vereinigung des Willens in seiner Subjektivität,
gehört nicht in' unsere philosophische Rechtswissenschaft. dies der sittliche Standpunkt, der der Wahrheit. Dies ist der
5 Vollständig entwickelt würde sie denselben Umfang wie die konkrete Geist, im Anderen auch ideell. Was an und für sich 5
positive Rechtswissenschaft gewinnen. Aber Anwendung ist Wille ist, daß dies ohne innere Wahl auch Sitte, immer die
nur Sache des Verstandes, der das Einzelne unter das Allge- Natur ist, daß überhaupt die Freiheit eine Notwendigkeit wie
meine ordnet, nicht philosophische Untersuchung. die Natur sei, geht auch in diesen" Standpunkt ein", Für
diesen ist das Gewissen, die Moral nur Übergang, nicht mehr
wesentlicher Standpunkt; das ist das Recht des wahrhaften 10
Einteilung Geistes, höher als das' des formellen. - Der sittliche Geist ist
wieder:
10 1. Der Wille, die Freiheit in der ersten Abstraktion, d. i. die a. unmittelbar sittlicher Geist. Auf diesem Standpunkt haben
persönliche Freiheit. Person, nichts als abstraktes Freies ohne wir den Begriff dieses Geistes. Aber er ist es nur, weiß nichts
14 allen I Inhalt, ist Freiheit als Freiheit eines Einzelnen. Die von sich, ist unser Gegenstand. Aber keine Bestimmung soll 15
abstrakte' erscheint in Form der Unmittelbarkeit. Dies ist die in uns sein, die nicht in dem ist, was Gegenstand ist. I Er selbst 16
einzelne Person. Sieist formell, weil die Freiheit noch in ganz soll sich der Gegenstand sein. Die unmittelbare Sittlichkeit ist
15 formeller Weise vorkommt. die natürliche in der Form der Empfindung; in ihr Geist der
2. Der moralische Standpunkt, nicht Ethik als Tugendlehre. Familie, die Hausgötter, die Liebe. Diese ist dieses, daß ich
Die Freiheit erscheint in ihrem ersten Anderswerden; die nicht bloß in mir als Einzelnes bin, sondern mein Selbstbe- '0
Reflexion, der Wille als reflektierend, sich unterscheidend, wußtsein in dem eines Andern habe: ich bin selbst und bin
die eben damit in sich ist, in der Unterscheidung, Stufe der ein Anderes. Mein Selbstgefühl ist nicht beginnende Einzeln-
20 Differenz. Der moralische Standpunkt hat den sich selbst heit, enthält ebenso unmittelbar ein Anderes.
gewissen Willen, das Innerliche zum Prinzip 4K ; Forderung b. Das zweite ist Standpunkt des Anderswerdens, Entfrem-
der eigenen Einsicht; daher Standpunkt der Absicht, des dung des sittlichen Geistes: er' zerfällt in sich; die Individuen 25
Gewissens; zugleich Standpunkt der Entzweiung. Die Moral als Einzelne oder Familie haben Beziehung nach außen; die
spricht ein Sollen aus, macht sich zu einem Besonderen. Hier Stufe der Abhängigkeit erscheint nach verschiedenen Seiten:
25 tritt das Wohl ein. So ist das erste das Recht der abstrakten System der Bedürfnisse, bürgerliche Gesellschaft nach ihren
Person, das zweite das Recht der besonderen Person, das drei Momenten:
dritte das Recht beider zusammen. a. Unmittelbare Arbeiten für das Bedürfnis mit Wechselbe- 30
15 3. Standpunkt der Sittlichkeit. Die beiden I ersten Momente
I Orig. -Mehrheir-. 5 -ein- eingefügt.
2 Orig. )Willen<. 6 Orig. -der..
I .is« eingefügt. 3 Orig. -Abstrakce.. 3 Komma eingefügt. 7 Orig. -esc
2 Orig. -für-. 4 -zum Prinzip- eingefügt. 4 Orig. -diesem-.

54 55
r
ziehung der Individuen, wo jeder zunächst für sich sorgt, schaft selbst ein: omnis definitio in jure' est periculosa.f
17 aber ~ur, indem er die Bedürfnisse der Einzelnen befriedigt. I Scheinbar fangen 2 wir I einseitig an. Die Philosophie zei.gt 19

ß· Die Rechtsverfassung sorgt, daß die Sittlichkeit wirklich aber, daß ihr Ende am Anfange ist. Wir nehmen den Begnff
werde, daß das Allgemeine der Freiheit erhalten werde. des Rechts als Lehrsatz (Enzyklopädie § 4003E), als eine Stufe
5 y. Die allgemeine Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft und des Geistes, die als Höheres' hervorgeht. Der Geist in seiner 5
das Anordnen dieser Ordnung; der Notstaat, die Polizei Unmittelbarkeit ist das ganz Allgemeine, das sich in sich noch
entsprechen 1 dieser Bestimmung, die bürgerliche Gesell- nicht Unterscheidende, die Wahrheit der Natur, Welt-
schaft in äußerer Ordnung zu erhalten. seeleE(IJ, reiner ÄtherE(2)K, in dem alles aufgelöst ist, alles
c. Das dritte ist das sittliche Ganze, der Staat, der sich als durchdringend. Da ist es der ganz natürliche Geist, ohne
10 solches Ganze der Zweck ist, der Geist des Volks, das höchste Freiheit, ohne Persönlichkeit. Der noch schlafende Geist, der 10
Recht. Hier unterscheiden sich wieder: zurückgehende aus seiner Besonderung, unterscheidet d.ie
c, der unmittelbare, sich auf sich beziehende Staat; Gliede- Welt nicht mehr von sich, geht so in das Ganze zurück. Ein
rung, Verfassung, inneres Leben in sich selbst; Gefühl, eine Annäherung zum Bewußtsein, kommt im
ß· daß er das Besondere ist; verhält sich zu Andern, hat eine magnetischen Schlafe" vor, einem Zustand, den man ~en
15 bestimmte Zeit, tritt auf gegen andere Staaten. Äußerliches pyromantischen'E nennt, denn der Besonnene hat keine 15
18 Staatsrecht, Verhältnis des Volksgeistes zu Volksgeistern; I Weissagung. In diesem Schlafe finden wir keine Erholung,
y. daß dies unmittelbare Verhältnis sich aufhebt: die fakti- der Geist fällt in die niedere I Stufe der Einheit mit der Natur 20
2K
sche Beschränkung des Volksgeists. Weltgeschichte, Welt- zurück. Diese Allgemeinheit ist dem Begriff des Geistes nicht
3K.
gericht Daraus geht der Geist als allgemeiner Geist hervor. angemessen; seine nächste Stufe ist, in das Bewußtsein zu
20 Realisierung seines Selbstbewußtseins, die Weltgeschichte, treten. Im Bewußtsein ist die Natur als äußerliche Welt für 20
Erzieherin des Geistes; daß er' sich als das Allgemeine weiß. mich. Es ist dies der tierische, der paradiesische, der ungei-
Das Recht des allgemeinen Geistes ist das höchste Recht. stige" Zustand. Die zweite Stufe ist daher die Stufe d,:s
Di~ Wissenschaft des Rechts ist ein Teil der Philosophie, ein Verhältnisses gegen die Welt. Die wahrhafte Stufe Ist die
Glied des Ganzen; als solches ein Notwendiges, ein Ergebnis dritte, der Geist als Geist, wo er Vernunft ist, daß der Inhalt
25 vom Vorhergehenden. Den Begriff des Rechts zu begründen, der Seinige ist. Diese Verwandlung macht den Prozeß der 25
das fällt nicht' in sie selbst, das ist das Vorhergegangene. In Intelligenz aus. Das Denken ist die höchste Stufe der Intelli-
der aphilosophischen Wissenschaft treibt man es also: Sie genz; jene hat sie vollbracht; wenn ich denke, ~o ist es ganz
fragen: Was ist in den mannigfaltigen Vorstellungen von das Meinige. K(I) Denke ich die7WeltK(2), so habe ich sie durch-
Recht, die wir haben, das Allgemeine? Da macht man sich drungen, begriffen. Dies ist der theoretische'K Geist (Intelli-
30 eine Definition, die soll entsprechen dem, was in unserer genz). Im Denken wird der Gedanke frei: wenn er nicht mehr 30
Vorstellung liegt. Freilich gesteht die positive Rechtswissen-
I Orig. -juris-. 5 Orig. -pirophalischen-.
I Orig. -entspr.c 4 Orig. -es-. 2 Orig. -fragenc 6 Orig. -ungunstige-.
2 Orig. -taktische-. 5 -nicht- eingefügt. 3 Orig. >§ 900<. 7 Orig. -der-.
3 Orig. -Volksgericho. 4 Orig. -Rauheres-. 8 Orig. -moralische-.

57
in der Einfachheir des Denkens rein ideell, wo das Mannigfal- machen, reinigen' von allem Inhalre. Wir gehen von einem
21 rige verschwinder, Igehalren wird. Diese Vorsrellung kann Gegensrande zu dem andern über. Ich kann alles aufgeben,
nichr zu ihrem Unterschiede.' dienen, isr nichr von mir allen Banden enrsagen, an die Iich geknüpft bin, kann den
unrerschieden, sondern so ganz null. Der Geisr machr diese ganzen Umfang dieser Bande meiner Exisrenz, auch diese? 23

5 Besrimmung, daß sie nur subjekriv sei. Er hebr aber diesen kann ich aufgeben (mir dem Tode). Es ist das Momenr der 5
Mangel wieder auf, machr diese Besrimmung zu einem 2 mir vollkommenen Unbesrimmrheir, Allgemeinheit. Sage ich zu
sich. mir: ich, so bin ich aus der Welt geflohen, zu diesem reinen
Der Wille isr die umgekehrre Bewegung, machr das Seinige? Licht", wo aller Unterschied sich aufgezehrr har. Dies ist das
zu einem Nichtseinigen", hebr die Subjekrivirär auf, gibr die Momenr der Freiheit, - regellos. Der Geisr weiß sich frei, daß
'0 Objekrivirär, doch so, daß diese Objekrivirär zugleich die er alles aufgeben kann. Sie mögen ihn greifen, wie und wo sie '0
Meinige isr. Dieses die Srufe des Willens, die wir aufzufassen wollen, er flieht in seine Innerlichkeir. Es ist die Freiheir des
haben. Wenn ich erwas will, habe ich einen Zweck. Dieser isr Verstandes, die an einem Momenr fesrhält. Er kann zu nichrs
erwas Gedachres in mir; sein Mangel, daß er nur in mir ist, gezwungen werden. Nichr so das Tier; es ist eine subjekrive
Insofern ich den Zweck ausführe aus mir heraus, gebe ich ihm Lebendigkeit", kann sich aber nicht von der Besonderheir
15 Wirklichkeir. Da har der Geisr sich gemachr zur Einheir des seiner Exisrenz unrerscheiden. Aus jener Verstandesfreiheir 15

Subjekriven und Objektiven, sein Zweck isr subjekriv, diesen gehr der Fanarismus der Freiheit hervor, der darauf ausgeht,
22 führt er aus, dies sein' Objekr. Der Geisr isr Subjekr-IObjekr. alles Besrimmte zu vernichren, der alles Besondere ansieht als
So isr alle Wahrheir ein Widerspruch, die Auflösung des erwas Fremdes, will immer das Besondere verschieden von
Widerspruchs isr darin enrhalren, neutralisierr''. Nichr soll dem Allgemeinen serzen. Wo für ihn Ieine Besonderheit 24

20 man bei der Idenrität der Einheit stehenbleiben. Der aufgelö- wird, siehr er sie als verdächtig an. Jedes Einzelne wird 20

ste Widerspruch enrhält beides. (Sarz.)6K verdächtig; obwohl es jerzr so erscheinr, könnre es auch
Der Wille' isr also der Geist, dem die Bestimmungen zu den anders sein. Dieser Fanarismus war das Moment der Franzö-
Seinigen 8 geworden sind, der in sich Besrimmungen har, die sischen Revolution gewesen, da sie die Freiheit sich zum Ziele
aus ihm kommen, die er bei dieser Einseitigkeit nennt. Der setzre; nur im Vernichren, Aufheben des Besondern fand sie
25 Wille ist ferner betrachter worden I. als' Wille in sich oder an ihre Wirklichkeit. Sie wollte einen gewissen polirischen 25

und für sich. E Darin enrhalrene Momenre. Zunächsr findet Zusrand. Aber sowie? ein Zusrand sein oder werden will, tun
jeder in seinem Selbsrbewußtsein diese Momentc'", Wir sich Unterschiede hervor (Kristallisationenj''. Da will der
reflektieren auf den Willen, so merken wir, daß er isr das reine Fanatismus nichts wirklich werden lassen. Ebenso kommr
Absrrakre, das reine Denken. Ich kann mich vollkommen leer das Momenr der Verstandesfreiheit vor im Stoizismus,
ebenso bei den indischen Gyrnnosophisten'', die in die 3D

r Orig. -Unterscheide-. 6 Orig. >(Satz)< in einereigenen Zeile. Einheir mir der Gottheit, in leeres Spekulieren sich in sich
2 Orig. -eines-. 7 Orig. )Willen<.
3 Orig. -Sinnigec, 8 Orig. -Sinnigen-, 1 Orig. -reingesehen-.
4 Orig. -Nichtsinnigen<. 9 -als-
eingefügt. 2 Orig. -diesen-.
5 Orig. -d. S.<, 10 Orig. -dieses Momente. 3 Orig. 'so wie c.

59
zurückziehen, alle äußerlichen Gedanken und alles1 Dasein daß ich diese Besonderheit als die Meinige habe. Ich setze
in sich nehmen. So entstanden auch die Mönche im Mittelal- diese Bestimmtheit als identisch mit mir, schließe mit dieser
ter; sie fanden sich in der Wirklichkeit nicht, daher gingen sie Besonderheit mich zusammen; ich beschließe, ich entschließe
. S1C
in ich. 22K. , daß ich zum Unterschied, zum Bestimmten mich, dies ist der konkrete Begriff. Ich trete in das Dasein, in
25 5 gehe; mache mich zum Bestimmten. I Hier sind verschiedene die Wirklichkeit als ein Mögliches, der ich von dem Inhalt 5
Gegensätze zu lösen. Das Unendliche tritt erst hinaus in dies abhängig bin, beschlossen habe, es ist mein Zweck. Dies ist
Endliche. Diese leere Allgemeinheit, diese Unbestimmtheit ein spekulativer Begriff. Sprechen wir philosophisch, so kann
ist schon das Andere, das, was sie zu sein nicht meint, eine die Spekulation nicht umgangen werden. Die I Folge war: 27
endliche, einseitige Abstraktion. Das Unbestimmte ist selbst a. in der Begrenzung unbegrenzt zu bleiben,
10 das Bestimmte, da es dem Bestimmten entgegensteht, so das b. in der Besonderung Allgemeines zu bleiben, 10
Allgemeine dem Einzelnen, das Unendliche dem Endlichen c. in der Negation' zugleich positiv zu sein.
gegenüber. (Logikf Dies ist die Negation! der Negation', das Aufheben der
Der Wille tritt heraus in die Besonderheit, dies ist das Grenze. Dies ist die wahrhafte Unendlichkeit; Begriff des
Moment der Endlichkeit. In dieser Besonderheit unterschei- Willens, darin die Freiheit. Der spekulative/ Begriff des
15 den sich besondere Formen. Als Zweck, ganz äußeres Da- Willens ist die Freiheit, dies der Anfang' unserer ganzen 15
sein, hat die Besonderung des Willens die Form eines Subjek- Wissenschaft. Daß und ob wir frei seien 4\ hat man in der
tiven. Diese Besonderung geht uns hier nichts' an, da er" nur Philosophie abgehandelt; warum nicht auch, ob das Wasser
formeller Wille ist, gehört diese Stufe dem' Selbstbewußtsein naß sei.
an, wo ich ein äußeres Dasein gegenüber erkenne. Der Wille 1. Allgemeinheit,
20 gibt sich eine Form. Wir nennen diesen Inhalt den Zweck. Er 2. Besonderheit, 20
26 gibt sich Form, setzt Bestimmungen in sich; diese sind I Be- 3. Einzelnheit.
stimmungen im Willen. Dadurch haben sie die Form, dieses Diese Totalität des Begriffs, Subjektivität, alles Vernünftige
oder jenes Besondere zu sein, in sich reflektierende Bestim- ist der Schluß.E Ich beschließe etwas, fasse den Entschluß.
mung. Daraus werden sie Inhalt. Dieser ist ihre Form, Wille ist zunächst das Unbestimmte, ist ITotalität in sich, 28
25 vorgestellt als in sich reflektiert. Hier folgt der Übergang zur schließt sich auf, ist das Seinige, es tritt kein Anderes hinzu. 25
Begrenzung,
. d. h. er setzt sein erstes Moment als das, was es Die Beziehung der Negativität auf sich ist Negieren, sich
ist. Der exemplarische WilleKhat nur besonderen Willen. bestimmt setzen. Der freie'K Wille kann nichts anderes
3· Das dritte ist die Wahrheit dieser beiden, Einheit beider wollen als sich selbst. Nur er ist sich Inhalt, Zweck und
Momente, Endlichkeit und Unendlichkeit identisch gesetzt, Gegenstand. Das Ich, das sich selbst will, ist ganz abstrakt
'0 so daß die Besonderheit selbst als Allgemeinheit gesetzt ist, und einfach. Es muß besondere Unterschiede haben, um ein '0
Inhalt zu sein. Dieses ist, daß der Geist nicht ein Abstraktes
I -alles- eingefügt. 4 Orig. -es-.
2 Orig. hat anstelle von 2. ein Fra- 5 Orig. .d. Stufe d.c I Orig. -Negative-. 4 Orig. -fesc stehen-.
gezeichen. Komma eingefügt. 2 Orig. -schf.e, 5 Orig. -fesce-.
3 Orig. -nichtc 3 Orig. -Andem-.

60 61
r
I

ist, sondern ein Konkretes. Der Begriff des Willens ist nur abstraktes Subjekt bin. Vornehmlich heißt man Willkür den
zunächst ein Inhalt. Diese Substanz ist es, die in mir will. Der Willen, insofern er wählt, etwas Besonderes überhaupt, nicht
Geist ist das System dessen, wasK er' will. Aber sein Inhalt als das Gute, da dieses das an und für sich Allgemeine,
hat zunächst die Form von Unmittelbarkeit. Dieses ist aber Objektive ist. Der natürliche Wille geht uns hier nichts an.
5 noch nicht die Form, die ihm zugehört. Der Inhalt muß der Das System de~ Glückseligkeit gehört hierher. Die Form der 5

Form des Geistes entsprechend gemacht werden. Er muß die bloßen Natürlichkeit ist abzustreifen und der! Inhalt des
Form des Meinigen erhalten, und dieses ist die Form der Willens zur Allgemeinheit zu erheben, so daß der einzelne
Allgemeinheit. Trieb zu einem ideellen Moment des Ganzen wird. Dies ist
Wir sagen, wir haben Triebe und Neigungen 2K; diese Triebe also die Erhebung dem Begriffe nach. Die Erhebung der
10 nennen wir natürliche Triebe. Der Inhalt derselben ist ganz Triebe aus ihrer I Besonderheit ist beim Individuo nichts 10 31

29 unser I Eigenes; wir sprechen dies dadurch aus, daß wir sie die anderes als die Bildung, die Zucht. Das natürliche Wollen
unsrigen nennen. Die Triebe haben zu ihrer Grundlage wird durch die Zucht dem Individuo abgetan. Die Zucht hebt
Bestimmungen unseres Geistes. Sie heißen natürlich, inso- also einerseits die Trägheit auf, das dumpfe Versunkensein
fern sie überhaupt die Form der Unmittelbarkeit haben. Der der Natur in sich selbst. Sie erweckt ein Interesse und einen
15 Mensch erscheint so zuerst als eine Sammlung von verschie- Gegensatz. Alsdann besteht die Bildung des Individui darin, 15

denen Trieben, wie solches auch in der empirischen Psycho- die Natürlichkeit abzutun. Dieses Abtun geschieht zunächst
logie dargestellt wird. Diese Triebe sind die Mächte, die unser durch Gehorsam, durch Dienst. Hierdurch wird das natür-
Leben regieren, insofern sie die Form der Unmittelbarkeit liche Wollen gebändigt. Die Furcht des Herrn, heißt es in
haben und gegen uns als ein Fremdes erscheinen. - Die diesem Sinn, ist der Weisheit Anfang." Die Furcht ist, daß ich
20 Unterschiede der Ideen erscheinen zunächst als bloß ver- die N egativität meiner', als eines Natürlichen, in mir gefühlt 20

schiedene Triebe.'. - Im Triebe bin ich um so unfreier, je mehr habe. Die Natürlichkeit ist in Anregung und Flüssigkeit
er zur Leidenschaft geworden ist. Die Leidenschaft ist inso- gekommen dadurch, daß sie durchrüttelt' ist. - In der
fern eine Krankheit, auf dieselbe Weise wie ein Organismus, Periode, wo rnan den Willen als natürlich gut betrachtete, ist
wo die Kraft des Lebens sich auf einen Teil der Organisation die Ungezogenheit zum Prinzip gemacht worden.
25 geworfen hat. E Zwischen dem einfach Allgemeinen, dem Ich, Die Bestimmungen des Triebes sind zufällige, I nicht solche, '5 32

30 und dem Wesen steht noch etwas Trennendes, und dieses I ist die in seiner Natur liegen. Die Reinigung der Triebe ist der
die Form der Unmittelbarkeit. Ich, als das Allgemeine, stehe Übergang derselben in die Form der Allgemeinheit. Es gibt
zugleich über der Besonderheit. Diese formelle Allgemein- hinsichtlich der Triebe die doppelte Ansicht, daß sie aufgeho-
heit, die sich als das Allgemeine weiß gegen das Besondere, ist ben und daß sie befriedigt werden sollen. Der Geist ist nicht
30 der Standpunkt der Willkür überhaupt. Die Willkür ist also ein Abstraktum, sondern er ist wesentlich ein in sich gliedern- 30

dies, wählen zu können, und dies kann ich, weil ich durchaus
I Orig. -den-.
I Orig. -es-. 2 -Negativitat meiner- möglicherweise vom Abschreiber in zunächst offen-
2 Orig, -Reizungen-. gelassenen Raum eingetragen.
3 .Triebe- eingefügt. 3 Orig. -durchrinel«.
des System". Den Inhalt der Triebe ausrotten ist ein abstrak- Bildung fällt hierher. Die Bildung bringt es mit sich, daß die
tes, mönchisches Verfahren. Nach der andern Ansicht wer- Besonderheit in die 1 Allgemeinheit erhoben wird. Rohe
den die Triebe als natürlich gut betrachtet. - Das An-sich des Völker für frei zu halten, ist ein gewöhnlicher Irrtum, der
Willens ist der Begriff des Willens, und dieser Begriff des damit zusammenhängt, daß die Form der Allgemeinheit, die
5 Willens ist dies für mich, ein Gegenstand. Das System der des Denkens, ihre' Achtung verloren hat. Man ist in unsern 5
vernünftigen Bestimmungen des Willens sind die einzelnen Zeiten darauf zurückgekommen, daß der Mensch unmittel-
Stufen, die wir in der Wissenschaft zu betrachten haben. bar aus sich selbst wisse, was gut ist. Dahin gehört die
Diese Stufen können in frei objektiver und in frei subjektiver Frömmelei, die in unmittelbarer Empfindung zu haben
Form behandelt werden. Die erste Betrachtung ist die uns- meint, was I allein in der Form der Allgemeinheit seine wahre 35
33 10 rige. Wenn die Triebe als etwas I Unmittelbares, Gefundenes Gestalt erhält. Eine andere irrige Ansicht ist die, welche die 10
behandelt werden, so ist dies eine unwissenschaftliche bloße Schlauigkeit und Pfiffigkeit mit dem Denken verwech-
Betrachtungsweise. - Der Wille hat zum Gegenstand die selt.
Freiheit. Dies ist der Begriff der Idee, die wir abzuhandeln Der Begriff der Freiheit ist das Denkende, Allgemeine, in
haben. Oberflächlich genommen kann hier an den Eigennutz dem alle andere Realität aufgelöst ist.'. Der Mensch, insofern
15 gedacht werden. Der Wille ist indes hier als nach seinem er Rechte hat, ist absoluter Selbstzweck, nicht Mittel, nicht 15
Begriff zu nehmen. - Wenn man sagt: der freie Wille, so ist ein solches, außer welchem 4 der Begriff seiner wäre.
dies scheinbar unnötig, da der Begriff des Willens die Freiheit Der Unterschied nach innen ist die Ausbildung des Begriffs.
ist. Der unmittelbare Wille ist indes noch nicht frei, sondern Das erste ist, daß der Begriff frei für sich ist. Darin ist die
nur der Wille an sich. - Wenn man fragt: Was ist die Persönlichkeit ausgedrückt. Das zweite ist, daß der Unter-
20 Bestimmung des Menschen überhaupt?, so ist die Frage eine schied gesetzt wird. Hier ist die Unmittelbarkeit aufgehoben. 20
abstrakte, und die Antwort kann auch nur eine abstrakte sein. Diese Stufe ist nicht mehr so abstrakt alsdie erste. Es ist dieses
Dem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint die Freiheit als der der moralische Standpunkt. - Es ist hier der formelle Wille zu
Zustand, wo man tun kann, was man will. Was man wolle, betrachten, und es handelt sich um Absicht, Einsicht u. dgl.
das ist aber eben die Frage. - Die Realisierung des Willens ist Der besondere Wille tritt hier hervor. Es erscheint hier der
34 25 die Verwirklichung der Freiheit, daß diese als eine Welt I abstrakt subjektive Wille und das Gute als das I Allgemeine. 25 36
gegenständlich wird. Die Entwickelung des Begriffes der Das dritte ist, daß der moralische Wille seine Subjektivität
Freiheit gibt ein System vernünftiger Bestimmungen. Dieses aufhebt und zur Unmittelbarkeit seines ersten Begriffes
ist eine Notwendigkeit. zurückgeht. Dieses ist die Sittlichkeit. Das Gute soll hier
Nach der gewöhnlichen Vorstellung erscheinen Wille und nicht bloß sein, sondern es ist auch.
30 Intelligenz oft als zweierlei. Der freie ' K Wille aber, der nichts Die andere Seite ist der Unterschied nach außen. Alle die 30
zu seinem Inhalt hat als sich, hat seinen Inhalt nur durch das angegebenen Stufen sind in ihrer Existenz zu betrachten.
Denken. - Man kann einen Sklaven fragen; er ist nur darum Diese Existenzen oder Gestaltungen fallen in unser gewöhnli-
Sklave, weil er sich nicht denkt. Der absolute Wert der
I Orig. -der-. 3 -ist- eingefügt.
I Orig. -feste-.
2 Orig. -seine-. 4 Orig. -welches-.
ches Bewußtsein. Man hat leicht die Vorstellung, daß Begriff,
r Erster Teil
Idee etwas Entferntes, Jenseitiges sei. Aber es ist gerade die Das abstrakte Recht
Philosophie, die dieses Jenseits aufhebt. Wir bestehen allein
in den Bestimmungen und Formen der Idee. Gerade das
5 tägliche Leben hat Wahrheit und Wirklichkeit in sich, sonst Das 1K abstrakte Recht ist der Teil der Wissenschaft, der sonst
wäre es gar nicht. - Das Dasein, welches sich die Idee gibt, Naturrecht genannt wird. Diese Benennung ist indes aus den
entspricht derselben, aber es ist ein Unterschiedenes daran bereits angeführten Gründen'' aufzugeben. Es ist eine irrige 5
37 und macht eine Bestimmung derselben aus. In I unserer Vor- Meinung, als ob die natürlichen Rechte in einem Naturzu-
stellung haben wir eine Reihe solcher Gestalten, die Bestim- stande geltend wären. - Die Wirklichkeit des Rechts ist nicht
10 mungen des Begriffs sind, an dem es sich selbst zu höheren nur unmittelbarer Zustand, das Recht muß vernünftig sein.
Gestaltungen erhebt. Das Besondere kommt hier nicht von Das unmittelbare Natürlichsein des Willens muß rekonstru-
außen her, sondern der Begriff ist es selbst, der sich unter- iert sein. Es gehören hierher die schlechten Fiktionen von 10
scheidet. einem goldenen Zeitalter I oder einem Paradiese. Es ist keine' 38
Bekraftigung/' des Substantiellen, sich alle Not und alle
Spannung in eine allgemeine Ruhe versenkt zu denken. Bei
einem solchen Zustande mit seinen Gedanken zu verharren
ist schwach und unwürdig, denn es ist Sache des Geistes, in 15
seinem Gegensatze bei sich zu sein.
Der' Begriff ist in dem abstrakten Rechte in der Bestimmung
der Unmittelbarkeit. Es ist hier der Wille" der sich in seiner
Reinheit auf sich bezieht. Diese einfache Beziehung ist die
Beziehung des Seins. Es ist hier die sich auf sich beziehende '0
absolute Negativitär'". Der Wille ist als dieses Unmittelbare
der einzelne Wille. Dieses ist es, was wir Person nennen. Die
Persönlichkeit ist das Höchste im Menschen. Daß ich in allen
einzelnen Bestimmungen mich als ein Freies verhalte, bildet'
meine Absolutheit, die jedoch noch abstrakt ist. - Das Recht '5
kann überhaupt so ausgedrückt werden: Sei eine Person und
behandle I andere als Personen. Wenn man sagt, es sei der 39

I Orig. am Rande: >§ 17<, 5 -absolute Negarivitä« sicher vom


2 Orig. seines. Abschreiber in zunächst offenge-
3 Orig. am Rande: >§ 18<. lassenen Raum eingefügt.
4 -der Wille< eingefügt. 6 Orig. -bindet-.
r
I

erste Grundsatz der Freiheit, daß die Menschen einander alle es gibt deshalb keine Rechtsgebote, I sondern nur Verbote. - 41

gleich seien, so ist dieses allerdings ganz richtig. Nur sind die Viele Lehren über die Freiheit sind von dem Standpunkte der
Menschen einander nicht von Natur gleich, sondern lediglich Persönlichkeit ausgegangen. Es ist dabei übersehen worden,
in der Freiheit. - Dieser Gedanke ist vornehmlich durch das daß diese Bestimmung nur eine Abstraktion ist. Man hat nach
s Christentum allgemein geworden. Das Christentum enthält dieser Vorstellung den Staat als einen Urvertrag dargestellt 5

dieses, daß Gott Mensch geworden ist und daß die göttliche und hat dabei nur jene Punktualität des Willens aufgefaßt. Es
und menschliche Natur eins sind. Darin liegt das Hohe, daß entsteht auf solche Weise die schlechte Allgemeinheit, die nur
Gott die menschliche Natur als solche angenommen hat. Mit Allheit ist. Es ist ein Grundirrtum, der zu ungeheueren
der Verbreitung dieser Idee muß die Sklaverei verschwinden. Verwirrungen geführt hat, die abstrakte Persönlichkeit als
10 Mit dem Kastenunterschied der Indier ist es ein anderes. Dort
das Letzte und Höchste anzusehen. - Das fernere ist das 10

gilt die Naturbestimmtheit für ein Unüberwindliches. Man Moment der Einzelnheit zu einem unmittelbar Andern. Hier
braucht von den Indiern nur diesen einzigen Zug zu wissen, ist die Sphäre der Außenwelt, die Person gibt ihrer Freiheit
so ist dies hinreichend, um einzusehen, daß wahrhafte Wis- Dasein. Das Verhältnis zu einem Andern ist in der Freiheit
senschaftlichkeit und Sittlichkeit dort nicht haben können aufgehoben.
40 15 zustande kommen. I
Die erste Stufe, die wir zu betrachten haben, zeigt, wie die 15

Daß »Person« zugleich als Ausdruck der Verächtlichkeit Person ihrer Freiheit ein Dasein gibt; dies ist der I Besitz und 42

gebraucht wird, hat seinen Grund darin, daß Person nur noch das Eigentum überhaupt. Das zweite ist, daß ich 1, indem ich
ein Abstraktes ist. Die Freiheit hat sich zunächst als Person zu mir Dasein gegeben habe, für andere bin; dieses ist die Stufe
bestimmen und ein Dasein zu geben. Ich bin nicht nur des Unterschiedes, des Verhältnisses überhaupt. Ich trete
20 Persönlichkeit, sondern auch Individualität. Als solche sind
jetzt in ein? Verhältnis zu Sachen, die das Eigentum eines 20

wir zugleich Besondere und haben Bedürfnisse, Triebe und andern sind. Mein Verhältnis zu solchen Sachen ist wesent-
Neigungen 1K • »Fiat justitia pereat mundus-f ist in diesem lich vermittelt durch den Willen eines andern. Diese zweite
Sinn zu verstehen. Das strenge Recht hat überhaupt nach Stufe ist der Vertrag. Die dritte Stufe ist, daß ich als Person für
seiner Bestimmung nicht auf das Wohl zu sehen. Das Recht mich selbst bin und unterschieden von andern und zugleich
25 als ein so Abstraktes ist insofern überhaupt nur das Mögliche.
identisclr'f mit andern. Es tritt hier die Allgemeinheit des 25

Zum Handeln gehört noch weiterer Inhalt, das Rechtliche Willens ein. Dies ist die Stufe des Unrechts. Es findet hier
hingegen als solches." Möglichkeit, eine Erlaubnis, eine überhaupt der Widerstreit des Allgemeinen und Besondern
Befugnis. statt. - Wenn näher vom Personenrecht" gesprochen wird,
Das' eben angedeutete Rechtsgebot kann auch so ausge- wie z. B. bei Kant 5E, im Gegensatz gegen das Sachenrecht't'',
30 drückt werden: Respektiere die abstrakte Freiheit anderer.
so ist hier die Person in einem gewissen Status betrachtet. 30

Das Verhältnis gegen andere ist insofern negativer Natur, und Nach unserer Betrachtung ist nun zunächst die Freiheit gar

I Orig. -Reizungenc. 1 -ich- eingefügt. 4 Orig. -Personrech«,


2. Orig. -solcbe« Doppelpunkt eingefügt. 2 -ein- eingefügt. 5 Orig. -Punk-.
3 Orig. -idealisch.. 6 Orig. -Sacherechc-,
3 Orig. am Rande: >§ 19<·

68
43 kein Status, und I wir kennen keinen Gegensatz von Freiheit
r überhaupt nicht näher zu betrachten. Die äußeren Dinge sind
und Sklaverei. Was das weitere betrifft im Personenrechte 1, gewaltig gegen uns, und wir verhalten uns wieder als I Gewalt 45
so gehören dahin Verhältnisse, die sich auf die Familie gegen sie. - Zu unserer Freiheit nach außen gehört zunächst
beziehen. Allein das Familienverhältnis ist kein rein recht- eigene Unmittelbarkeit. So gehört unser Körper und freier
s liches Verhältnis. Es ist hier eine höhere Grundlage, das äußerer! Geist zu der Äußerlichkeit unserer Freiheit. Damit 5
sittliche Verhältnis nämlich. der Körper ein Dasein unserer Freiheit sei, muß er ausgebil-
Die Freiheit zeigt sich zunächst unmittelbar in der Form der det werden. Ebenso ist unser Geist zunächst nur an sich·, wir
Einzelnheit. Der Begriff der Freiheit hat sich nun wesentlich haben nur Vermögen, Fähigkeiten pp.
ins Dasein zu setzen. Diese Totalität fällt nicht nur in unsere Indem ich Freies bin, so ist keine Äußerlichkeit als geltend
10 Betrachtung, sondern es ist der Wille überhaupt, der die gegen mich vorhanden. Ich kann von allem andern abstrahie- 10
Subjektivität aufhebt und sich daseiend macht. - Die Person ren. - Die Freiheit des Geistes ist der absolute Begriff selbst,
wird sich im Eigentum gegenständlich und spinnt sich in in dem alles andere Bestehen untergegangen ist. Daß die
einem Gegenstand anK • Freiheit absolute Substanz ist, diese Betrachtung fällt in die
vorhergehende Philosophie. Alle Früheren! Gestaltungen
lösen sich auf in das Resultat des freien Geistes. Wenn ich also 15
als individuelles Subjekt mit äußern Dingen in Kampf I 46
Erstes Kapitel
1. Besitz und Eigentum? komme, so verschwindet dieses Verhältnis gänzlich in meiner
15
f.reiheit. Es findet hier eine reine Expansion in einem reinen
Ather'' statt. Hierin liegt nun das absolute Zueignungsrecht
44 Es kann gefragt werden, welches Interesse I vorhanden sei, des Menschen auf alle äußeren Dinge. 20
daß der Mensch sich Eigentum gebe. Zunächst ist das Inter- Besitz und Eigentum sind eigentlich nur Seiten eines und
esse auf Befriedigung der Bedürfnisse gerichtet. Insofern desselben; der Besitz ist die Äußerlichkeit des Eigentums als
20 kann man es für eine untergeordnete Bestimmung ansehen, eines Substantiellen. Abstrakt ist Besitz nicht ohne Eigentum
Eigentum zu haben. Es erscheint so nur verständig, Eigentum und Eigentum nicht ohne Besitz. Die Substanz ist eine leere
zu haben. Es ist aber auch ferner das Interesse der Vernunft, Abstraktion ohne die Akzidenzien, und umgekehrt. - Eigen- 25
Eigentum zu haben, denn im Eigentum gibt die Freiheit sich turn und Besitz sind nun auch trennbar, und zwar mit Recht
Dasein. Der Begriff wird sonach Idee. Wenn wir gewohnt und mit Unrecht. Diese Trennbarkeit scheint der ausgespro-
25 sind, das Recht nur als Mittel zu nehmen zum Schutz der chenen Identität'" zu widersprechen. Wenn der Besitz vom
Befriedigung unserer Bedürfnisse, so sprechen wir nicht nur Eigentum getrennt ist, so hat das letztere nicht mehr das
aus dem Interesse der Vernunft. - Die Besonderheit einer unmittelbare, sinnliche Dasein, sondern I das Dasein muß 30 47
Unmittelbarkeit ist zunächst äußeres Dasein überhaupt. -
I -freier äußerer- wahrscheinlich vom Abschreiber in zunächst offengelassenen
Wie wir der äußerlichen Dinge habhaft werden, ist hier Raum eingefügt.
I Orig. -Personrechte-. 2 Orig. -frühere..
2 Kapitelüberschrift weicht ab von der .Inhaltsanzeigec -Das Eigenturne 3 Orig. -Idealitar..
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ideell sein. Dieses ideelle Dasein besteht im Anerkanntsein unendliche Urteil'', daß ich mich in mich selbst aus der Sache
anderer, so wie in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum reflektiere.
überhaupt durch die Anerkenntnis anderer vermittelt ist. - In Bei der Besitznahme ergibt sich folgendes: Die Person
der positiven Rechtswissenschaft ist die Rede vom Rechte des erschien als das unmittelbar FreieE • Diese Person ist nicht nur
5 Besitzes als solchem '. Dies hat den Sinn, daß der Besitz das Abstrakte, sondern ein Erfülltes, ein Geist. Das dritte ist 5
erscheint alsbesondere Weise, ein Eigentum zu erlangen. - Es die Äußerlichkeit. Als unmittelbare Person habe ich einen
muß der' Wahrheit nach das Recht des Besitzes gleich zuerst organischen Körper. Dieser ist unmittelbar mein, und es
abgehandelt werden, da der Besitz bei allen andern Arten der scheint lächerlich zu sein, nach dem Recht der Besitznahme
Eigentumsverhältnisse vorkommt. - Dasjenige, was besessen am Körper zu fragen. Ich habe den organischen Körper nur,
10 wird, heißt nun eine Sache K • Diese ist ein solches, das kein weil ich ihn haben will, und wenn ich ihn nicht haben will, so 10

selbständiges Bestehen in sich hat. - Wenn man eine Sache in habe ich ihn nicht. Das Tier kann sich nicht umbringen, sich
dieser Art definiert, so folgt daraus, daß Wissenschaften, nicht verstümmeln. In I unseren Körper legen wir insofern 50
Kenntnisse pp. auch Sachen wären, denn sie sind unter- unsern Willen. - Daraus, daß ich als Freies in meinem Körper
48 scheidbar I von mir selbst. Nun heißt man so etwas doch nicht bin, folgt, daß mein Körper nicht als der Körper eines Tieres
1S eine Sache, indem man darunter bloß äußerliche Dinge gebraucht werden kann. Wer meinen Körper angreift, greift 15
versteht. Die Bestimmung von Rechtlichkeit ist ein Moment mich als Freies an.
überhaupt; Künste und Wissenschaften können insofern Der Geist ist dieses, daß er durch seine Tätigkeit das, was er
allerdings zu Sachen gemacht werden. Sache ist nicht ein ist, aus sich heraussetzt, sich objektiv macht. Der reine
Feststehendes, das bloß eine für sich bestehende Existenz Sprachgebrauch sagt schon von jemand, der mit seinem
'0 bildet. So ist umgekehrt etwas, in das ich meinen Willen Körper und seinen Anlagen nicht umzugehen weiß, er sei 20
gelegt habe, nicht mehr bloß eine Sache, sondern zugleich ein seiner nicht mächtig. - Der Mensch ist Geist an sich, d. h. er
Innerliches, Subjektives. Ich ist das Innerlichste, und den- ist die Möglichkeit, d.h. die reale Möglichkeit. Aber damit ist
noch kann ich auch dieses zur Sachemachen, wenn ich Sklave der Mensch noch nicht wirklich, was er sein soll. Der Mensch
werde und mich somit meiner Freiheit, meines Ich begebe. muß wesentlich seinen Geist in Besitz nehmen. Der Mensch
25 Eigentliche Sache ist somit zugleich ein Äußerliches und ein muß sich als Freies in Besitz nehmen. Hierauf I beruht der 25 51
Innerliches. Streit, die Antinomie über Sklaverei. Der Mensch, insofern er
An der äußerlichen Seite muß die Seite der Persönlichkeit nur unmittelbar frei ist, ist noch nicht frei. Dem Menschen,
erscheinen. Dadurch erhält sie nur das Wesen. Es ist in dieser der nur unmittelbar frei ist, geschieht insofern kein Unrecht,
Beziehung zu betrachten: 1. die Besitznahme überhaupt. wenn er Zum Sklaven gemacht wird. Er existiert bloß als
49 30 2. ist die I Sache, in die meine Freiheit gelegt ist, negativ natürlicher Wille. Die Verteidiger der Sklaverei beziehen sich 30
gesetzt. Die Manifestation der Nichtigkeit der Sache ist der alle darauf, daß die, welche sich zu Sklaven machen lassen,
Gebrauch derselben. 3. Die Veräußerung des Eigentums, das nicht für sich frei sind. Ob die Menschen wirklich frei sind,
I Orig. -solchenc das wissen sie voneinander aus dem bloßen Anblick noch
2 Orig. -die-. nicht. Um als Freier anerkannt zu werden, muß ich mich auch

72 73

I
in meinem Dasein frei zeigen. - Die Kämpfe roher Völker greifung zu erwähnen. Es liegt in der Natur der Sache, daß die
gegeneinander haben nur den Sinn, zu zeigen, in ihrem Priorität hier den Vorzug geben muß.
Dasein frei zu sein. Der Stand ist dann dieser, wo jeder als Die Besitzergreifung muß nun durch etwas äußerlich Dasei-
Freier von dem anderen anerkannt ist, ohne daß gefordert endes betätigt werden, und der bloße Wille ist nicht als
52 5 wird, erst I Beweise äußerer Freiheit zu geben. Die Forde- hinreichend zu betrachten. 5
rung, keinen als Sklaven zu behandeln, ist ganz richtig. Aber Form und Materien sind in der Besitzergreifung eines Gegen-
ebenso gültig ist die Forderung, selbst nicht Sklave zu sein 1. standes nicht getrennt zu betrachten, denn die Materie ist für
Es läßt sich immer sagen, daß man sich durch den Tod hätte sich allein nichts.
der Sklaverei entziehen können. Niemanden' zum Sklaven Die körperliche Besitzergreifung wird überhaupt auf den
10 zu machen ist keine rechtliche, sondern eine moralische Bereich unserer und der uns unterworfenen Sachen1K ausge- 10

Forderung. Der rechtliche Anspruch bezieht sich nur auf die dehnt. - Auszumitteln, welche Gesichtspunkte hierbei das
Freiheit, wo sich dieselbe im Dasein zeigt, und fällt somit Wesentliche sind, ist Gegenstand des Verstandes. - Das
weg, wo dieses Dasein der Freiheit sich nicht zeigt. - Nur erst Strandrecht gehört auch hierher. Sachen, die an einen Strand
im Staate ist das Anerkenntnis einer Freiheit vollständig. - geschwemmt werden, hören der Natur der Sache nach nicht
15 Das fernere ist die Besitznahme äußerlicher Dinge. Dies ist auf, mein Eigentum zu sein". - Es ist weiter zu erwägen, ob, 15
nun das absolute Zueignungsrecht. - Die äußerlichen Dinge, indem ich eines Erzeugnisses I mich bemächtige, ich zugleich 55
welche in Besitz genommen werden können, gehen uns nach die Absicht habe, auch das Erzeugende mit in Besitz zu
ihrer Besonderheit nicht an. - Eine allgemeinere Bestim- nehmen. Dieses letztere ist, weil die Besitzergreifenden Ver-
53 mung I wäre, wieviel jeder das Recht habe, in Besitz zu nünftige sind, in der Regel anzunehmen, so daß das Allge-
20 nehmen. Die Vorstellung fällt zunächst darauf, daß alle gleich meine, die fortdauernde Möglichkeit, zugleich mit dem 20

viel besitzen müßten. Die Gleichheit ist hier die abstrakte Produkt in Besitz genommen wird.
Verstandeseinheit. Das Vernünftige in der Besitznahme ist, Die' Formierung ist eine ideellere, höhere Weise der Besitz-
daß ich meine Freiheit in äußere3 Dinge lege. Wieviel ich in nahme. Es ist dieses eine objektive, bleibende Form der
Besitz nehme, das gehört dem unbestimmten Felde der Besitzergreifung. Die Arten der Formierung können nun
'5 Besonderheit an, dem Felde, wo wesentlich die Ungleichheit wieder sehr mannigfaltig sein nach Verschiedenheit der 25
zu Hause ist. Die Erde ist selbst etwas ganz Ungleiches, und Gegenstände, worauf die Formierung angewendet wird.
es zeigt sich hier gleich die Untunlichkeit einer ganz gleichen Das? Bezeichnen" drückt aus, daß ich das Meinige an einer
Verteilung. Man kommt hier in den unendlichen Prozeß und Sache nur vorstelle. Es entsteht so ein Verhältnis zu einem
somit überhaupt in die Sphäre der Reflexion und des Verstan- Andern. Im Zeichen' liegt zugleich noch eine andere Bedeu-
30 des und außerhalb des Vernünftigen. tung als die unmittelbare. I 30 56
54 Es ist ferner die Zeitbestimmung I hinsichtlich der Besitzer- Indem ich eine Sache zu der Meinigen mache, so negiere ich
I Orig. -selbsr nicht zu Sklave zu seine I Orig. -Pröchre., 4 Orig. -Beaiehen-.
2 Orig. -jemanden.. 2 Orig. am Rande: )§ 28<, 5 Orig. )Ziehen<.
3 Orig. -außeren-. 3 Orig. am Rande: >§ 30<.

74 75
T
sie. Es gehört deshalb zur Realität der Besitznahme, daß die es, daß, was ich als Einzelnes I besitze, ich auch seinem Werte
Nichtigkeit der Sache dargetan wird. Dies ist überhaupt der nach als Allgemeines besitze. - Das Eigentum soll seinem
Gebrauch meiner' Sache. Der Gebrauch vervollständigt also Begriffe nach volles, freies Eigentum sein. In Rücksicht auf
die Realität meines Besitzes und gehört wesentlich zum Eigentum fühlen sich die Menschen frei, wenn sie dasselbe so
5 Besitz. - Es ergibt sich daraus die rechtliche Folge, daß, wenn besitzen, wie es dem Begriff entspricht. 5
ich den ganzen Gebrauch einer Sache habe, ich wesentlich Man/ ist in neuern Zeiten dahin gekommen, die bloßen
Eigentümer derselben bin. Wenn ein Unterschied sein soll, so Herrlichkeitsrechte'' als ein Miteigentum zu betrachten. -
kann er nur darin bestehen, daß der Gebrauch anderer uns Durch die christliche Religion ist vornehmlich das Prinzip
teilweise oder nur auf gewisse Zeit abgetreten wird. - In den der Freiheit etabliert worden. Die Freiheit des Eigentums ist
10 Lehnsverhältnissen kommt es vor, daß einer der Herr ist, erst kürzlich allgemein anerkannt worden. - Es kann gefragt 10
dominus directus, der andere der Gebraucher, dominus werden, ob die Gütergemeinschaft an und für sich vernünftig
utilis, Dieses Verhältnis ist 2 von seiten des Herrn ein ganz sei. Diese Frage muß verneint werden, weil I die Darstellung 59
57 leeres. I der freien Persönlichkeit damit unvereinbar ist.
Indem ich eine Sache besitze, so ist sie eine einzelne. Daran ist Es ist mit Recht in neuern Zeiten in den meisten Staaten die
'5 noch die innere Allgemeinheit der Sache zu unterscheiden. Ablösbarkeie von Reallasten'' ausgesprochen worden. Da- 15
Nach dieser Seite kann die Sache mit anderen in Vergleichung durch sind Sozietatsverträge'' nicht ausgeschlossen, nur müs-
gebracht werden. Es wird hierbei nur überhaupt betrachtet, sen solche auf eine bestimmte Zeit beschränkt sein. - Die
daß die Sache zur Befriedigung eines Bedürfnisses dient. Willkür kann nun allerdings, dem entgegenlaufend, Verträge
Nach dieser allgemeinen Seite nennen wir die Fähigkeit einer schließen. Allein solche begriffswidrige Verträge sind hier
20 Sache, zur Befriedigung eines Bedürfnisses zu dienen, den überhaupt nicht zu betrachten. 20
Wert der Sache. Den Wert haben wir auch als ein wirkliches Bei Zehnten ist häufig für die Zehentpflichtigen die Verpflich-
Ding, als das Geld. Im Begriff des Eigentums nun liegt, daß tung' die Genehmigung des Zehentherren einzuholen, wenn
nicht nur die einzelne Sache, sondern auch der Wert der Sache die bisherige Kulturarr' geändert werden soll. Es ist einleuch-
mir gehört. - Ich kann jedoch auch Besitzer der Sache als tend, daß diese Bestimmung gleichfalls eine sehr beschrän-
25 Einzelnheit sein, nicht nach ihrem Wert. Dies ist besonders kende und mit der Freiheit des Eigentums und der Industrie 25
der Fall bei den Lehnsverhältnissen. Ist die Benutzung unbe- unverträgliche ist. - Es hat schon etwas gegen die Vorstellung
stimmt mein, so gehört die Sache mir auch ihrem Werte nach Laufendes, wenn man in I äußerlichen sinnlichen Dingen 60

58 zu. I etwas auf ewige Zeiten bestimmen will. Wir sehen dies auch
Wenn man sagt, es hänge von uns ab, Eigentum unter im Fortgang der Gesellschaft; sowie der Gedanke sich ent-
30 Lehnsverpflichtungen zu erwerben oder nicht, so kann dies wickelt, man sich bei Bestimmungen der Art nicht mehr 30
nur vom Einzelnen gelten. - Dem Begriff der Sache gemäß ist beruhigt. - Die agrarischen Gesetze sind auch nichts als der
Kampf des gemeinschaftlichen Eigentums mit dem Privatei-
I Orig. -seiner.. I Orig. -Einzelner-. 3 Orig. möglicherweise -Kultusart-.
2 -ist. eingefügt. 2 Orig. am Rande: >§ 33<.

77
gentum. So unrechtlieh auch die erste Erwerbung der Patri-
T Wenn' ich den ganzen Umfang meines Produzierens einem
zier hierbei war, so hat sich doch das höhere Interesse des andern überlasse, so hätte ich nicht das Äußerliche nur
Privateigentums behauptet. E überlassen, sondern zugleich auch mein Innerliches. Nur
Der' Gebrauch ist also das ganz Äußerlichwerden 2 , die insofern kann ich meine Äußerungen veräußern, als dies
s Manifestation des Besitzes. Der Besitz tritt damit also in die auf eine gewisse Zeit geschieht. - Ein Sklave und Leibeige- s
Zeit; der Gebrauch ist das Zeichen meines Besitzes. Das ner bleibt wesentlich von einem Diener unterschieden da-
Objektive in Ansehung der Zeit ist die Fortdauer; es folgt also durch, daß die ersteren für die ganze Lebenszeit gebunden
daraus, daß mein Besitz als fortdauernd erscheinen muß. sind.
Ohne dies hat mein Wille in der Sache nicht Dasein, und die Es gehört hierher die Frage über geistiges Eigentum. Es
10 Sache wird somit herrenlosP. Dies ist der vernünftige Grund scheint zunächst ein Widerspruch, daß jemand mit seinem an 10

61 der Verjährung. I einer Schrift erworbenen Eigentum nicht solle tun können,
Der 4 Gebrauch erschien als das Negative an der Sache. Ich was er will. Das, was ich bei einer Produktion veräußere, ist
kann nun ferner aus dem Eigentum mich in mich reflektieren von Iverschiedener Art, entweder bloß mechanisch oder 63
und mich desselben entäußern. geistig, eigentümlich. - Bei einem Kunstwerk tritt der Fall
1; Es gibt Bestimmungen meiner, die unveräußerlich sind und ein, daß es Eigentum des Künstlers bleibt. - Bei Büchern ist 1;
auf welche, wenn sie äußerlicherweise veräußert sind, mein die äußerliche Form etwas ganz Mechanisches, und doch soll
Recht unverjährbar bleibt. Dahin gehört zunächst meine die Sache mein Eigentum bleiben, und zwar als Sache. Die
Persönlichkeit überhaupt. Daß so etwas nicht; veräußert Gedanken, die ich mitgeteilt habe, sind allgemeines Eigentum
werden kann, davon liegt der Grund in der oft erwähnten aller geworden. - Das Plagiat ist mehr eine Sache der Ehre als
20 Natur des Geistes, der von einem natürlichen, äußerlichen, des Eigentums. Heutzutage wird vom Plagiat wenig mehr 20
an sich seienden Geiste zu einem für sich seienden, wahrhaf- gesprochen, aber die Sache ist deshalb nur um so häufiger
ten Geiste werden muß. Ein Mensch, der zum Sklaven ge- geworden. Die Gesetze gegen den Nachdruck werden den
macht ist oder sich selbst dazu gemacht hat, hat unmittelbar Klagen noch nicht genug abhelfen, solange nicht die Ehre
das Recht, seine Freiheit zu nehmen. Ein dergleichen Vertrag unter den Schriftstellern höher gerechnet wird.
2; ist an und für sich nichtig. Ebenso ist es, wenn jemand einem Durch den Verkauf eines Buches wird nur das einzelne 25
anderen seine Sittlichkeit veräußert haben sollte. - Von der Exemplar überlassen, nicht die Möglichkeit der Vervielfälti-
62 Religion gilt I dasselbe. Ich kann mich allerdings zum gung desselben. Die besondere Form des Buchs I ist das dem 64
Unfreien" machen. Allein es ist die eigenste Bestimmung Verfasser zustehende Subjektive. Die besondere Verbin-
meines Geistes, ein Freies, Vernünftiges zu sein, und ich habe dung von Gedanken, die den Inhalt eines Buchs ausmachen,
30 somit unmittelbar das göttliche, unverjährbare Recht, der- wird? gleichsam durch den Schriftsteller zuerst in Besitz ge- 30

gleichen Schranken zu durchbrechen. nommen und ist deshalb Eigentum desselben. Durch den
Gebrauch tritt hier eine Art von Verjährung ein, so daß eine
I Orig. arn Rande: >§ 34<. 4 Orig. am Rande: )§ 35<·
2 Orig. >äußerlich werdendes. 5 -nicht- eingefügt. I Orig. am Rande: )§ 36<.
3 Orig. -Erwerbungc 6 Orig. -Freien-. 2 Orig. -werden..

79
= <:::

Erfindung, ein Buch, mit der Zeit das Eigentum aller wird. 2. Der Vertrag
Die meisten Gesetze bestimmen noch eme Reihe von
Jahren, innerhalb deren das Verlagsrecht eines Werks Eigen- Es 1 ist hier der Übergang zum Vertrag. Ich habe als freies
tum der Nachkommen eines Schriftstellers bleibt. - Das Einzelnes ein Dasein, aber dieses Dasein ist zugleich ein
5 Bedürfnis des Publikums ist übrigens hierbei allerdings Anderes-. Ich muß mich auch setzen als dieses Daseins mich
auch zu berücksichtigen, und es muß das Recht eingeräumt entäußernd, eben weil es ein Äußerliches ist. Die Einheit der 5
werden, den Preis eines zu hoch gehaltenen Buchs zu Entäußerung des Eigentums und des Eigentümerbleibens ist
erniedrigen. der abstrakte Begriff des Vertrages.
Es kann noch von der Entäußerung des Lebens geredet Die Allgemeinheit der Bestimmung, Eigentümer zu sein,
10 werden, insofern wir das Leben als etwas von uns Getrenntes stellt sich dar als allgemeiner Wille, als ein Wille von mehre-
65 betrachten können. In Ansehung des Rechts I müßten wir ren. Das Dasein meiner Freiheit ist zu betrachten als meinem 10
sagen, daß das Leben als die Totalität meiner Äußerungen Begriff nicht entsprechend, I denn ich habe nur die Anschau- 67
nichts Äußerliches ist und ich insofern nicht das Recht, es zu ung meiner in meiner Äußerlichkeit, einer Sache. Die Realität
veräußern, habe. Die hauptsächliche Erörterung dieser Frage ist diese, daß ich das Dasein meiner Freiheit erschaue im
15 gehört übrigens in das Sittliche und Moralische. Indem ich Willen eines andern. Die positivere Identität 2K ist, daß das
mein Leben aufgebe, so hebe ich die Seite der Idee auf, die Andere immer mein freier' Wille K ist. Dieses ist der Boden, 15
überhaupt Dasein und Wirklichkeit betrifft. Dieses Aufgeben das Element des Daseins meines Willens. - Der Vertrag ist
ist aber selbst im Dasein, und ich beweise dadurch meine insofern ein von der Vernunft bestimmtes Moment. Zunächst
Freiheit. Dies bezieht sich, wovon später die Rede sein wird, pflegt man denselben zu betrachten als vom Bedürfnis ausge-
20 auf den Formalismus der Tapferkeit. Der positive Inhalt der hend. So erscheint er auch allerdings unserm Bewußtsein. Es
Tapferkeit müßte die Idee sein. Insofern also die Tapferkeit ist dies mit dem Eigentum und dessen Besitznahme derselbe 20
einen Inhalt hat, so bestimmt dieser ihren Wert. Als eine bloß Fall. - Es ist bei dem Vertrag immer ein gedoppelter Wille
formelle Tapferkeit ist die Entäußerung! in moralischer, vorhanden, und dieser ist immer an zwei Personen verteilt.
sittlicher Beziehung nur ein Unvollständiges. - Das Leben Im sogenannten realen Vertrag", im Tausch, ist dieser gedop-
25 überhaupt aufzuopfern, davon kann erst gesprochen werden pelte Wille auf beiden Seiten zwiefach.
66 im Sittlichen, wo nicht die unmittell bare Person, wie hier, Es 4 sind im Vertrag noch zwei unmittelbare, I selbständige 25 68
der Zweck ist. - Das Bewußtsein des Menschen, daß er von Personen, welche auftreten. Der Vertrag geht somit eigent-
allem abstrahieren kann, ist nur Ein K Moment der Freiheit. lich von der Willkür aus, und es ist der besondere Wille, der
Weil das Leben immer Unmittelbarkeit ist, so muß das sich darin betätigt. Ein sittliches Verhältnis findet hierbei
'0 Negative immer auch die Gestalt einer äußerlichen Gewalt noch nicht statt. - Was durch die Willkür zustande kommt,
sem, ist ein gemeinsamer Wille. - Der Vertrag bezieht sich ferner '0
I Orig. am Rande: >§ 37<. 3 Orig. -fester-.
I Orig. -Entziehungc 2 Orig. -Idealitatc 4 Orig. am Rande: >§ )8<.

80 8r
T des Vertrages'<'? führt zum Progreß ins Unendliche. E(2) Dem
auf eine besondere Sache. Eine Gleichstellung der Besonder-
heit unter Personen gehört schon ins sittliche Verhältnis. Willen als einem Intelligibelen 1 geben wir überhaupt ein
In die Gesetzgebungen über die Ehe sind sehr schiefe und Dasein durch Zeichen oder Sprache. Das Übereinkommen
gefährliche Ansichten gekommen dadurch, daß man die Ehe des Willens ist überhaupt das Substantielle. Der Vertrag ist
5 als Vertrag betrachtet hat. von dem Versprechen verschieden dadurch, daß das letztere 5
Der an und für sich seiende, vernünftige Wille ist es, was im mehr den Sinn eines subjektiven Willens hat, so daß in
Staat zu seiner Realität kommt. Dies ist gar nicht in der Zukunft etwas geschehen soll. Der Vertrag ist hingegen ein
Willkür der Individuen begründet, sondern diese ist es Gegenwärtiges.
69 gerade, die darin untergehen soll. Die Staaten sind I vielmehr Die 2 Bestimmungen, nach welchen sich die Verträge eintei-
10 als durch die Gewalt der Vernunft entstanden zu betrachten. len, liegen schon in dem Vorhergehenden; und dies ist eine 10

Nach Rousseau machen die selbständigen Individuen, als wahre Einteilung, die sich aus dem Begriff der Sache er-
2
Atome 1, die Grundlage des Staats aus.E Dieser ist gerade gibt. I Die erste Hauptgattung der Verträge ist die der Schen- 71

jenes Substantielle'r, in dem diese Atomistik zerflossen ist. kungsverträge. Hierher gehört 1. der eigentliche Schen-
Im' Tauschvertrag bleibt einmal das Eigentum mein, und kungsvertrag, 2. der Leihvertrag; hierbei kommt der Unter-
15 zweitens hebe ich es auf. Das erstere ist die allgemeine Seite schied vor, ob die spezifische Sache zurückgegeben wird oder 15

des Vertrags. Dies Allgemeine, Bleibende, wonach die in die die individuelle. 3. Geschenk einer Dienstleistung. Hierher
Veränderung eintretenden Gegenstände bestimmt werden, gehört besonders das depositurn''. 4. Das Testament liegt
ist der Wert. Diese Bestimmung liegt überhaupt im Tausch- eigentlich nicht im unmittelbaren Vertrag. Daß ein solcher
vertrag, daß man den Wert der Sache bekomme. Hierauf ist Übergang des Eigentums stattfindet, liegt nicht in der Natur
20 die Bestimmung der laesio ultra dimidiurn'' begründet. der Sache. 20

Die' Stipulation ist überhaupt nur die Form des Vertrages. Die zweite Hauptgattung des Vertrages ist der Tauschvertrag
Sodann auch die Festsetzung eines einzelnen Punktes. Durch im allgemeinen. - Das Geld ist das Allgemeine, der Wert aller
die Stipulation wird der Vertrag nur überhaupt für die spezifischen Sachen. - 1. Verkauf, 2. Vermietung, 3. Lohn-
Vorstellung festgesetzt. - Nach dem römischen Begriffe des vertrag. - Es kommt hierzu noch das Pfandverhältnis.
Vertrages scheint I die unmittelbare Leistung ein wesentliches
Stück gewesen zu sein. Es findet sich hier der Unterschied
zwischen Real- und Konsensualvertrag'". Die Stipulationen 3. Das Unrecht 25
waren und sind auch z. T. mit Förmlichkeiten und Gebärden
verbunden. Wir' sahen" beim Eigentum ist das Wesentliche dies, daß
'0 Die von Fichte aufgestellte Ansicht über die Abschließung meine Freiheit ein Dasein hat; und beim Vertrag ist das I We- 72
sentliche, daß ich veräußere. Das Besondere ist hier überall
I Orig. -Atomene. 4 Orig. am Rande: >§ 39· § 40<. vorhanden, aber es ist noch zur Seite gelassen. Das Besondere
2 Orig. -Dieser ist das gerade ... <. 5 Orig. irrrumlieh >60<.
3 Orig. am Rande: >§ 41<mit dickem 6 Orig. -Konsensualvertrage-. I Orig. -Intelligenzbaren-. 3 Orig. am Rande: >§ 43<.
Strich verändert aus >§ 42<. 2 Orig. am Rande >§ 41<. 4 Orig. -sehen-.
..

ist nun aber ein wesentliches Moment des Begriffes. Die telnde aus, wodurch das Besondere unter dem Allgemeinen
Besonderheit als solche muß deshalb notwendig hervortreten subsumiert wird. - Daß das Unrecht nicht gelte, dazu gehört
und in Beziehung auf das Recht gesetzt werden. Der beson- ein Höheres, ein Richter, von dem aber noch nicht hier die
dere Wille kann unmittelbar in Übereinstimmung sein mit Rede ist.
5 dem, was an und für sich wahr ist, aber er kann es auch nicht. Der Begriff des Verbrechens ist überhaupt der, daß es ein 5
Das Verzichttun des besonderen Willens auf sich ist noch Unrecht ist, wodurch sowohl der Gegenstand nach seiner
nicht vorhanden. - Die Besonderheit des Willens ist jetzt zu einzelnen, äußerlichen Seite, als auch das an sich Seiende
zeigen in ihrem Unterschiede von dem, was Recht an sich ist. verletzt wird. - Weil mein Wille überhaupt äußerlich ist, so
Die Existenz des Rechts liegt noch im besonderen Willen. Ich kann ich an dieser Äußerlichkeit ergriffen werden. Indem in
10 als Besonderes bin das Betätigende. Das Recht ist hiermit als dieses äußerliche Dasein mein Wille gelegt ist, so wird darin 10
Sache der besonderen Person gesetzt. Es ist somit als Schein auch mein Wille ergriffen. Ich kann sonach gezwungen und
gesetzt, und dies ist das Unrecht. - Der erste Schein ist, daß auch bezwungen werden. Auf der anderen Seite kann ich aber
mein besonderer Wille das Recht an sich will, aber daß es ein auch nicht gezwungen werden. K
73 Unrecht I ist in Ansehung der Subsumtion des besondern Das Recht der Freiheit in Ansehung I des Zwanges ist, daß er! 75
15 Falls unter den Begriff des Rechts. Das Negative fällt so auch 1 sei als der Widerspruch seiner selbst, daß er ' sich selbst 15
in die besondere Weise des Rechts. Dies ist der bürgerliche zerstöre. Die Manifestation davon ist diese, daß der Zwang
Rechtsstreit. - Die drei Stufen können mit dem Urteil durch Zwang aufgehoben wird. Dies ist das Recht der
verglichen werden. Die erste ist das einfach negative Urteil. Freiheit im Zwange. Das Rechtliche im Zwange ist, daß er ein
(Diese Blume ist nicht gelb.) Der zweite Schein ist der, daß zweiter Zwang ist, der den ersten aufhebt.
20 der besondere Wille das Recht nicht an sich will, sondern nur Das Beharren in einem Naturzustande widerspricht der Idee. 20
den Schein; dies ist der Betrug. Es ist dies das unendliche Indem einer auftritt und die im Naturzustande Lebenden mit
Urteil in seiner positiven Form: das identische! Urteil. Im Gewalt dazu anhält, in ein sittliches Verhältnis zu treten, so
Betrug hält man sich bloß an den Schein. Die dritte Stufe' ist erscheint zwar hier ein Zwang allerdings, allein nicht in dem
das eigentliche Verbrechen, wo der besondere Wille weder angegebenen Sinn.
25 das Recht an sich will noch auch den Schein; dies ist das Der Zwang nun als erster Zwang überhaupt ist das Verbre- 25
negativ unendliche Urteil. E chen, dessen Natur näher zu betrachten ist.
Das' Recht an sich wird in bürgerlichen Rechtsstreiten nicht Mit dem äußerlichen Dasein des Verbrechens treten quanti-
verietzt 5K, sondern gefordert. Daß ein solcher Rechtsstreit tative und qualitative Unterschiede ein. Eine wesentliche
entstehen kann, liegt darin, daß das Recht nicht ein abstrakt Seite arn Verbrechen ist die äußerliche. I 76
7. 30 Allgemeines ist, I sondern auch ein Konkretes von mannigfal- Man macht die größere oder geringere Gefährlichkeit für die 30
tigen Bestimmungen. Die Rechtsgründe machen das Vermit- öffentliche Sicherheit zu einem Bestimmungsgrund des Ver-
I Orig. sause. 4 Orig. am Rande: >§ 44<,
brechens. Dieser Gesichtspunkt wird später auch erwogen
2 Orig. -idealische-. 5 Orig. -verlang«.
3 .Srcfe- eingefügt. I Orig. -es-,
werden.f Hier haben wir es nur mit der unmittelbaren Natur Die Androhungstheorie hat besonders durch Feuerbach ihre
des Verbrechens zu tun. Anempfehlung gefunden. E Es liegt hierbei die Kantische
Die Manifestation der Natur des Verbrechens ist es, wodurch Ansicht von einem Kampfe der Freiheit mit den sinnlichen
die geschehene Verletzung wieder vernichtet wird. Die Auf- Triebfedern zum Grunde. Wenn die Androhung für sich
s hebung des Verbrechens hat zweierlei Seiten: einmal der selbst Mittel sein soll, so müßte bei der Drohung stehenge- 5
Zivilersatz, durch diesen wird das Verbrechen nicht als blieben werden 1. Der Staat darf demnachst'' am allerwenig-
solches aufgehoben; zweitens die Strafe. sten etwas drohen, was nicht an und für sich recht ist, und es
Die Form der Strafe ist indes hier noch uneigentlich, da ist somit durch diese geschraubte Wendung nichts zur
dieselbe erst im Staate vorkommen kann. Die Manifestation Begründung des Rechts der Bestrafung geschehen. I 79
10 des Verbrechens erscheint zunächst noch als Rache. Die Besserung bleibt gleichfalls etwas Problematisches. 10
Die positive Existenz des Verbrechens ist im Willen des .Gleichwohl kann der Mensch sich bessern, und der Geist
Verbrechers. Dessen besonderer Wille macht das Negative kann das Geschehene ungeschehen machen.
77 gegen I das Allgemeine. Der zweite Zwang, der aufzuheben Das" Verbrechen kehrt sich seiner Natur nach gegen sich
ist, muß deshalb den Verbrecher treffen, und da dessen selbst um. Gegen einen Verbrecher macht sich in der Strafe
15 Wille nur im Dasein seiner Freiheit zu treffen ist, so wird er nur dessen eigener an und für sich seiender Wille geltend. - 15
von dieser Seite gefaßt. Dies ist der Begriff, der der' Theorie Der Wille des Verbrechers ist wesentlich als besonderer
der Strafe zum Grunde liegt. Die Hauptsache in den falschen bestimmt. Die Besonderheit hat auch ihr Recht. Der Verbre-
Ansichten über' die Strafrechtstheorie ist die, daß nun' das cher, der die Handlung begeht, tut zunächst etwas Einzelnes,
Verbrechen und die Strafe nur als ein Übel betrachtet wer- und seine Tat ist die Verletzung der Freiheit eines anderen.
20 den" die nebeneinanderstehen, und nicht als solche, die Daß er ein solches getan habe, ist sein besonderer Wille; 20
einander aufheben. Man hat in diesem zweiten Übel, das man zugleich hat er aber ein Allgemeines getan oder ein Gesetz
als abstrakt negativ ansah, ein Positives gesucht und dies als aufgestellt. Das Tier als solches tut nur Besonderes. Der
Zweck der Strafe bezeichnet. Das wahrhaft Positive in der Mensch aber mag tun, was er will, hat darin zugleich ein
Strafe ist indes die Negation der Negation selbst. Allgemeines getan. I 80
25 Da, wo die Strafe als Mittel der Abschreckung betrachtet In einer Tat, die ein Verbrechen begründet, liegt auch die 25
78 wird, da wird I der Mensch zum Mittel gemacht und nicht Einwilligung, als solches betrachtet zu werden. Es braucht
nach seiner ersten, substantiellen Natur als Freier behandelt. somit die ausdrückliche Einwilligung des Einzelnen nicht,
_ Dernnachsr'' ist es Sache eines jeden, ob er sich abschrecken um als Verbrecher behandelt zu werden. Es wird nun ferner
lassen will oder nicht. Es ist fürwahr gesehen worden und in das Verbrechen in der Strafe gerächt, einmal, insofern es als
Ja der Sache begründet, daß schreckliche Strafen das Gemüt nur Vernünftiges betrachtet wird, und sodann, insofern es nach Ja
erbittern und, anstatt von Verbrechen abzuschrecken, nur zu der Vorstellung, die es von sich selbst gibt, behandelt wird.
einem Verbrechen auffordern." Es widerfährt dem Verbrecher sein eigenes Recht in der
I Orig. -die-. 3 Orig. -nun. verändert aus -man-. I -werden- eingefügt.
2 Orig. -übt-. 4 Orig. -wird-. 2 Orig. am Rande: >§ 54<.

86
Strafe. - In allen andern Ansichten über das Strafrecht steht, läßt um so mehr eine Vertauschung des einen mit dem
erscheint der Verbrecher als Mittel. - Indem das Individuum andern zu. Bei dem qualitativ ganz bestimmten Morde ist die
unter sein Recht subsumiert 1K wird, so wird es verletzt, und wahrhafte Wiedervergeltung nur die Todesstrafe, nach dem
diese Seite der Verletzung macht das aus, was man Züchti- Spruche: WerBlutverlgießt,desBlutsollwiedervergossenwer- 83
5 gung nennt. Diese ist von der Besserung zu unterscheiden. den E(1) . - Wenn es heißt: Auge um Auge, Zahn um ZahnE(2), 5
Durch die Züchtigung wird der Mensch in seinem Dasein und so ist dies eine ganz formelle Wiedervergeltung. Die Auf-
81 somit in seinem I Willen verletzt. Die Züchtigung kann nun hebung des Verbrechens ist also überhaupt nur durch Ver-
allerdings zur Besserung dienen, insofern der Verbrecher letzung zu bewirken, weil jede Handlung in frei unmittelba-
dadurch zum Gefühl der Nichtigkeit seines besonderen rer Existenz auch ein Allgemeines ist. Wie die Wiedervergel-
10 Willens gelangt. tung zu bestimmen ist, das hängt wesentlich von den Sitten 10

In einer allgemein moralischen Form ist diese zweite Seite so der Völker ab, z. T. auch von der Verschiedenheit der Stände.
ausgedrückt: Was du willst, das? dir die Leute tun sollen, das In roheren Zeiten sind die Wiederverletzungen auch roherer,
tue du ihnen auch. grausamerer Natur. Ein genauer Maßstab ist hier überall
Dieser Ausdruck ist unbestimmt, insofern er nur formell ist. nicht anzuführen.
15 Es muß immer an und für sich vorher bestimmt sein, was ich Auf dem Standpunkte, auf dem wir hier stehen, ist die 15
dem Menschen tun soll und was er mir. - Bei Kindern ist die Wiedervergeltung noch als Rache bestimmt. Wir haben den
Züchtigung mehr vorwaltender Zweck. Bei der Besserung an und für sich bestimmten Willen noch nicht als ein Recht,
wird das In-sich-Gehen des Willens als solches? zum Zweck eine Autorität. Insofern es dem besonderen Willen I überlas- 84
gemacht. Was hier wesentlich Sache meines eigenen Willens sen ist, das Recht aufzuheben, so erscheint diese Form noch
20 ist, kann nicht direkter Zweck eines andern sein. mangelhaft. Die Rache kann nun vollkommen gerecht sein, 20
Die bestimmtere Form, in der" diese Umwandlung des ihrem Inhalte nach. In einem sogenannten Naturzustande
82 Verbrechens gefordert I werden kann, ist die Wiedervergel- können es Heroen sein, abenteuerliche Ritter, die die Aus-
tung, das jus talionis'', Es wurde gezeigt, wie das Verbrechen übung der Gerechtigkeit sich zu ihrem besonderen Willen
auch einen abstrakten Charakter hat. Das Verbrechen ist machen. Dieser substantielle Wille kann nun in die Ausübung
25 bestimmt nach Qualität und Quantität. Die Wiedervergel- der Gerechtigkeit auch seine besondere Empfindung legen, 25
tung enthält die wahrhafteste, ältere Ansicht über die Natur und die Ausübung der Gerechtigkeit kann so das Maß
der Strafe. Die Identität auch in Ansehung des äußerlichen überschreiten und ungerecht werden. Der subjektive Wille
Umfangs des Verbrechens ist so zu nehmen, daß nicht an der kann so in jede Verletzung 1 seine ganze Unendlichkeit,
abstrakten äußerlichen Gleichheit festgehalten ist. Es tritt seinen ganzen Eifer legen. Indem das Individuum ferner als
30 hier dasselbe ein, was bei dem Tausche erwähnt wurde. ein Besonderes auftritt, so macht die Rache, der besondere 30
Ohnehin geht hier die Sache in der Sphäre des Willens vor. Wille, gehässig; es sind zwei Besondere, die gegeneinander
Diese ideelle Sphäre, die über der qualitativen überhaupt auftreten. Dies ist der Natur des Verhältnisses zuwider. I Die 85

I Orig. -substituiert-. 3 Orig. -solcher-.


2 Orig. -deß-. 4 Orig. -die-. r Orig. -Verlegung..

88
T
Umkehrung des Verbrechens müßte nicht in der Form des Zweiter Teil
Besondern, Zufälligen, sondern in der des Notwendigen
Die Moralität
erscheinen. Im rechtlosen Zustande ist es oft geschehen, daß
das Unrecht durch Zweikampf hat aufgehoben werden sol-
s len. Die Verletzung, die von einem besonderen Willen voll- Es ist hier der Übergang auf den moralischen Standpunkt. In
bracht wird, ist wieder eine Verletzung. Es entsteht dadurch der rächenden Gerechtigkeit liegt, daß der unmittelbare,
der Progreß ins Unendliche. Es findet sich unter rohen besondere Wille aufgehoben wird. Das Recht als solches setzt 5
Völkern eine solche von Geschlecht zu Geschlecht sich sich geltend gegen den bloß unmittelbar besonderen Willen.
forrerbendc'F Rache. In Gesetzgebungen, die sich jener Darin liegt überhaupt, daß die Freiheit nicht mehr ein bloß
10 Sphäre noch nicht ganz entrissen haben, finden sich noch Unmittelbares ist. Der Wille ist zunächst unmittelbar, beson-
Spuren der Privatrache in der VerfoIgung der Verbrechen. - derer Wille; dies widerspricht aber seinem Wesen, ein allge-
Es ergibt sich aus dem Angeführten die Forderung eines an meiner zu sein. Die Gestalten, die wir betrachten, sind nichts 10
und für sich seienden Willens, d. h. in diesem Falle eines als Darstellungen des Fortgangs des abstrakten Begriffs. Der
Gerichts. Zu dieser Erhebung des unmittelbar besonderen Wille ist Moralisches nur dadurch, daß die Unmittelbarkeit
86 15 Willens in die Allgemeinheit desselben sind wir I noch nicht aufgehoben wird.
gekommen. Das erste war also die Freiheit in I ihrem Begriff, d. h. in der 87
Unmittelbarkeit. Wir betrachten nun den Willen als Subjekt; 15
daß die Freiheit da sei, ist' nur zunächst ein Unmittelbares,
eine Naturexistenz. Jetzt soll der Wille sich selbst zu seinem
Dasein haben. Dies ist der moralische Standpunkt. Hier ist
wesentliche Forderung, daß das, was ich tue, mit meinem
besondern Wissen und Willen geschehe. Der besondere Wille 20
als solcher macht überhaupt das Dasein des allgemeinen
Willens aus. Der moralische Standpunkt kann überhaupt als
die Seite der Realität gegen den ersten Standpunkt, als den der
IdealitätK ,2 betrachtet werden. - Das Moralische, als wesent-
liches Moment, muß gleichfalls ein Dasein haben. Moralisch 25
ist hier im allgemeinen Sinn genommen, nichr' als das dem
Unmoralischen Gegenüberstehende. Es handelt sich I also 88
überhaupt um meine innere Bestimmung, um den subjekti-
ven Willen. Der Mensch fordert und hat das Recht zu
I -is« eingefügt.
2 Komma eingefügt.
I Orig. -forteilende-, -sich- eingefügt. 3 Orig. -nichrs.,

9'
fordern, daß er' das, was er getan hat, gewußt hat;' als etwas, Erstes Kapitel
das nicht Pflicht ist. K Handlung und Vorsatz
Zuerst ist zu betrachten die unmittelbare Identität'K meines
Willens in dem, was ich tue, daß die Handlung mein Vorsatz Es tritt auf dem moralischen Standpunkt zuerst die Handlung
5 gewesen sei, in ganz allgemeiner formeller Bestimmung. Das auf. Das I Verbrechen ist zwar allerdings eine Handlung, aber 90
zweite ist der Inhalt, das Besondere der Handlung. Hier ist eben das Verbrechen nach seiner innern Seite, nach Absicht, 5
die doppelte Bestimmung die Absicht und das Woh14K. Ich Vorsatz u. dgl. gehört dem moralischen Standpunkt an. Der
bin der Bestimmende in Absicht des Tuns,' und die Hand- Wille hat hier einen besondern, bestimmten Inhalt; es' ist
lung ist" nach ihrem Inhalt die Meinige," ist meine Absicht. somit ein positives Verhältnis meines Tuns begründet. Die
10 Diese Bestimmung der Handlung ist sodann aber auch ihrem Besonderheit ist überhaupt Form des Daseins; in ihr ist schon
Inhalte nach ein Besonderes. Der Inhalt ist insofern mein die Allgemeinheit enthalten. - Es ist also zu betrachten: 1. das '0
Wohl'. Das dritte ist der absolute Zweck des Willens, Recht des besondern Willens ganz abstrakt, 2. das Recht des
einerseits das Gute, der Zweck" als abstraktes, und ich besondern Willens mit einem Inhalt und 3. das Recht des
89 gegenüber als Gewissen",] besondern Willens in seiner Erhebung zum Allgemeinen, das
15 Auf dem moralischen Standpunkt zeigt sich der Unterschied Gute und das Gewissen.
des an und für sich seienden Willens gegen den besondern Der moralische Standpunkt ist der Durchgangspunkt zur 15
Willen. Dieser Unterschied, dies Verhältnis ist also hier das Sittlichkeit.
Zugrundeliegende'", Der Wille ist in sich reflektiert, er ist Eine Tat ist überhaupt etwas Konkretes, das eine Menge
über seine Unmittelbarkeit hinausgegangen. Die Besonder- Bedingungen I in sich enthält. Schuld ist zunächst etwas ganz 9'
20 heit enthält" selbst zwei, das Besondere gegen ein Anderes. Formelles. Von großen Weltbegebenheiten werden oft die
Der moralische Standpunkt ist noch nicht der sittliche Stand- verschiedensten Umstände als Schuld angeführt. Jenachdem 20
punkt, wo kein Sollen mehr ist. Es 12 ist hier nur ein Sollen. das Meinige bei einem Ereignis mehr oder weniger eintritt, in
Die Philosophien, die auf dem moralischen Standpunkt dem Maße bin ich daran mehr oder weniger schuld. Die
bleiben, schließen mit dem Sollen. Der moralische Stand- eigentliche Schuld ist darin, daß ich schuld an dem habe,
25 punkt steht dem abstrakt-rechtlichen gegenüber. Er ist rei- insofern ich dasselbe gewollt habe. Es wird hiermit das, was
ehern erfüllbar als der rechtliche Standpunkt. zuerst bloß meine Tat war, zu meiner Handlung. - 25
Ödip, Sein Vatermord ist ihm nach unserer Ansicht nicht
zuzurechnen. Gleichwohl sehen wir in den tragischen Dar-
I -er- eingefügt. 8 Orig. -d. Gute d. Zwecke.
stellungen der Alten, wie Ödip sich als Vatermörder ansah
2 Semikolon eingefügt. 9 Orig. -Genosse-. und somit die ganze Schuld der Handlung auf sich nahm. Es
3 Orig. -Idealitat-. 10 Orig. -d. Grunde Iiegende-. liegt hierin das Heroische, daß der Mensch sich zumutet, den 30
4 Orig. -d. Wahk I I Orig. -erhalr-.
ganzen Umfang der Erscheinung, die I vor ihm liegt, zu 92
5 Komma eingefügt. I2 Orig. -Er-.
6 -ist- eingefügt. 13 Orig. -weicher-.
7 Orig. -eine Wahk I Orig. -ere.

92 93
umfassen. Daß der Unschuldige leide, ist immer ein schlech- gen viel anderes 1 machen können, als ich bezwecke. - Der
ter Anblick; wenn der Schuldige leidet, so ist dies seine Sache, Unterschied von Handlung und ihren Folgen faßt sich näher
und er ist darin. Beim Ödip ist dieses Tragische, daß er, der zusammen in dem Unterschied zwischen Einzelnerrr' und
hohe Wissende, der das Rätsel der Sphinx gelöst hatte, da, wo Allgemeinem'. Die Handlung ist zunächst ein Allgemeines.
5 es hauptsächlich darauf ankam, zu wissen, wer es tat, nicht Wenn nun das Subjekt das Recht hat, daß es wisse, was es 5
darum wußte. wolle, und wenn behauptet wird, daß es bloß ein Einzelnes
Die Handlung hat nun auch Folgen, und es fragt sich, ob die bewirkt habe, so wird ihm ebendeswegen, weil es ein Den-
Handlung danach zu beurteilen ist oder nicht. Die Handlung kendes ist, zugemutet, daß es im Einzelnen zugleich das
hat als ein äußerliches Dasein den mannigfaltigsten Zusam- Allgemeine wisse. Wenn nun das Subjekt das Recht seines
10 menhang; dies sind die Folgen. Einerseits ist jene Äußerlich- besondern Wissens hat, so hat umgekehrt das Objektive sein 10
keit die Entwickelung der Handlung selbst; insofern sind die Recht I und besonderes Bewußtsein, daß dieses nämlich, 95
Folgen der Handlung selbst mir allerdings zuzurechnen. Sie indem es handelt, wisse, was es tut. Es entsteht hier die
sind nichts anderes als die Manifestation der Natur der Kollision zwischen dem Objektiven und Subjektiven, eine
Handlung. Nach dieser Seite muß die Handlung nach ihren Kollision, die furchtbar werden kann. Das Sollen und das
93 15 Folgen I allerdings beurteilt werden, und es ist richtig, wenn Sein stehen hier einander gegenüber. Die bemerkte Kollision 15
die Menschen auf die Folgen ihrer Handlungen aufmerksam läßt sich nicht absolut beseitigen, sondern sie ist perennie-
gemacht werden. - Zugerechnet können mir die Folgen rend. Es kann hier nur eine Annäherung eintreten.
werden, wenn sie nichts sind als die Entwickelung der
Handlung selbst. Die Folgen haben auch eine andere Seite.
20 Indem die Handlung äußerliches Dasein ist, so knüpft sich Zweites Kapitel
von außen mancherlei daran. Es kann sich so eine Handlung Wohl und Absicht
in sehr entfernte Folgen fortwälzen, die mir nicht mehr
angehören. Man kann einerseits die Regel geben, man solle Das zweite ist, daß das Subjekt in seiner Handlung sich habe 20
sich um die Folgen der Handlung nicht bekümmern, und als einen besondern Inhalt. Das Subjekt hat das Recht, daß es
25 ebenso kann auch das Gegenteil als Regel aufgestellt werden. sich in seiner Handlung befriedigt, daß es zur Anschauung
Das Wesentliche der Folgen liegt nun allerdings in der seiner als dieses Besondern gelangt. Dies ist nun näher
Handlung selbst. Wenn aus einer Handlung Fürchterliches dasjenige, was die Absicht in Ansehung der Handlung heißt.
94 entspringt, so kann man wenigstens dadurch I zur doppelten Für die Bestimmung der Absicht haben wir nun zunächst 25
Aufmerksamkeit auf die 1 Natur der Handlung aufgefordert keinen anderen I Inhalt als nur den der Besonderheit des 9'
50 werden. Es entsteht nun hier allerdings Kollision wie auf dem Subjekts selbst. Diese Besonderheit gehört dem natürlichen
ganzen Standpunkt der Moralität. Indem ich handele, so gebe
ich das Meinige fremden Mächten preis, die aus dem Meini-
I Orig. -anders-.
2 Orig. -Einzelnen-.
I Orig. -in der-. 3 Orig. .Allgemeinenc

94 95
Willen an. Von diesem wurde bei dem Rechte abstrahiert. Handeln kann überhaupt nur em Individuum, nicht em
Indem der freie Wille sich realisiert, so ist das eigentümliche Volk.
Dasein desselben der besondere Wille selbst. Der eigentümli- In der Entwickelung der Idee muß jedes Moment zu seinem
che Boden der Freiheit ist der besondere Wille selbst. Indem Recht und einer selbständigen Gestaltung gelangen. - Indem
5 dieser wesentliches Moment ist, so hat er als solcher ein ich handle, so handle ich alsvon der Äußerlichkeit Gesonder- 5
Recht. Der natürliche Wille tritt hier ein, aber nicht als tes, Der abstrakt allgemeine Zweck, insofern er getan wird,
unmittelbar natürlicher Wille, sondern als solcher, der Zweck indem er in die Wirklichkeit tritt, wird ein bestimmter. Mein
ist, der vom reflektierenden Bewußtsein gewußt und gewollt Interesse ist in meinem Tun auf verschiedene Weise. Das
wird und somit in das Element des Allgemeinen eintritt. So, Recht meiner subjektiven Freiheit ist I überhaupt, daß ich 99
10 als gedachte allgemeine Besonderheit, ist er' das Wohl über- mich in dem, was ich tue, als Besonderes finde. - In der 10
haupt, nicht als einzelne, besondere Neigung. Das Allge- Religion gilt so etwas als wahr auf göttliche Autorität; ebenso
meine kann hier nur am besonderen Willen scheinen. Das im Staate, besonders in den alten Staaten. Von meiner
97 Individuum hat das Recht, sein I Wohl zu seinem Zweck zu besonderen Einsicht und meinem Belieben ist hierbei ganz
machen. Dagegen hat es nicht das Recht, diese oder jene und gar nicht die Rede. Ebenso beim Rechtsprechen. Hier
15 Neigung, Leidenschaft pp., weil es die Seinige ist, zu vollfüh- gilt die Forderung, daß die, welche Recht sprechen, mein 15
ren, sondern nur der Reflex des Ganzen kommt ihm hier zu. Zutrauen haben und daß ihre Einsicht und ihr Wille somit als
Wir haben zunächst noch keine Bestimmung für den Inhalt. die Meinigen erscheinen. In Rücksicht auf das Theoretische
Überhaupt hat das Subjekt das Recht, daß es mit seinem befinden wir uns zunächst gleichfalls in einem unmittelbaren
Interesse in seiner Handlung sei. Dieses Recht liegt unmittel- Benehmen. Jacobi nennt dieses unser Verhalten einen Glau-
20 bar in der Besonderheit und ist für sich nicht als etwas ben l E ; allein auch dieses ist schon zuviel, denn der Glaube 20
Schlechtes anzusehen. Es kommt erst darauf an, ob es dem erscheint schon als etwas Beschränktes, Begrenztes.
Allgemeinen angemessen ist oder nicht. Wenn also ein Sub- Das Recht der Besonderheit ist nun, daß dieses alles nicht
jekt recht handelt, so hat es zugleich seine besondere Befriedi- unmittelbar für mich gelte, sondern daß es vermittelt sei
gung darin, und dies macht seine Handlung durchaus zu durch meine Gedanken, meine I Einsicht. Eine weitere Form 100
2S nichts Schlechtem. Nur der abstrakte Verstand scheidet hier dieser Besonderheit ist unsere Tätigkeit. Diese liegt unserem 25

die Objektivität von der Befriedigung des Subjekts. Diese Interesse insofern näher, weil das Tun das Übersetzen des
98 abstrakt verständige Beurteilungsweise I zeigt sich oft in der Subjektiven in das Objektive! ist. Wenn die Menschen sich
Betrachtung der Geschichte, wenn von großen Männern für etwas interessieren sollen, so ist dies auch ein Moment,
behauptet und getadelt wird, sie hätten bei ihren großen daß sie selbst etwas dabei tun. (Kleine Städte mit ihren
30 Taten auch ihre besondere Befriedigung gesucht. Die Magistraten.) Bei Thukydides kommt es einigemal vor, daß 30
geschichtliche Beurteilung bringt auf diese Weise die Mög- i~ peloponnesischen Kriege jeder meint, es gehe nicht von-
lichkeit hervor, alle großen Männer herunterzumachen. statten, wo er nicht dabei sei.E - Das Interesse heißt nun
I Orig. -ein Glaube-.
I Orig. .sie-. 2 Orig. -des Objektiven in das Subjektivec

97
näher Absicht, insofern es einen besonderen Inhalt hat. Beim großen Individuen und Taten recht klein zu machen; die
Verbrechen reicht es hin, wenn erwiesen wird, daß jemand neidische Beurteilung hält sich in diesen großen Taten nur an
den Vorsatz zu einer gewissen Handlung gehabt hat. - In die Besonderheit. Esl ist dies der Neid, der auch beim 103
diesem Gegensatz von Absicht, als dem besondern Inhalt atheniensischen Volke sich zeigte, namentlich bei der Ver-
5 einer Handlung und deren' objektiver Natur, fallen die bannung des Aristides.f Dieser Neid weiß sich in unseren 5
101 moralischen I Beurteilungen überhaupt. - Vom Guten ist hier gebildeteren Zeiten die Form der Moralität zu geben. Große
noch nicht die Rede. Diese Betrachtung bildet das dritte Männer haben in ihren großen Taten ihren Willen vollbracht
Moment dieser Sphäre. und somit ihre Befriedigung darin gefunden. - So wird die
Das Recht der Besonderheit ist also ein sehr wesentliches Besonderheit auf der einen Seite als das Schlechte bezeichnet,
10 Recht. Daß mein Wohl meine Absicht ist, macht den konkre- und doch wird auf der andern Seite verlangt, der Staat solle '0
ten Umfang der Besonderheit aus. Das Prinzip der Besonder- für das Wohl der Untertanen sorgen, d. h. die Besonderheit
heit ist überhaupt das Prinzip der neueren Zeit und macht das derselben fördern.
Prinzip der höheren Qualität gegen die ältere Zeit aus. Dieses Große Begebenheiten haben immer große Ursachen; es ist
gilt von allen Lebensrichtungen, von der Wissenschaft 2K, deshalb ein leeres Geschwätz, wenn von kleinen Begebenhei-
15 dem Staat und der Religion. Das Prinzip des Altertums ist ten behauptet wird, sie wären die Ursache großer Begeben- 15
plastisch irn' Denken'K und im Handeln; das Prinzip der heiten. Wenn etwas durch und durch faul ist, so kann ein
neuern Zeit ist romantisch. Das Prinzip der Liebe als der leichter Windstoß oder ein kleiner Stein das Ganze zusam-
Besonderheit angehörig hat deshalb in der neuern Zeit diese menlstürzen. Wenn die Ursache einer Begebenheit als deren 104
102 viel höhere Bedeutung als in der antiken. - I In der Begriff gefaßt wird, so ergibt sich, daß der Begriff seinem
20 Geschichtsbeurteilung kommen oft solche psychologische Gegenstand immer adäquat sein muß. - Das wahrhaft Sub- 20
und pragmatische Untersuchungen vor. Man gibt hier viel auf stantielle im Tun eines Menschen ist das Objektive; der
angebliche geheime Beweggründe und auf besondere Anek- Mensch ist überhaupt die Reihe seiner Taten. Man meint aber
dötchen. So wird von Cäsar gesagt, er habe nur herrschen oft, dies sei der Mensch noch nicht, man müsse die geheimen
wollen, und es sei an ihm zu tadeln, daß er seine Besonderheit Stellen seines Herzens ausspüren. - Wer nur das Kleine will,
25 nicht beseitigt habe. Es wird verlangt, es solle ein Fürst, ein der hat nichts Großes zustande gebracht. Bei Schriftstellern, 25
Feldherr siegen, aber nicht Sieger sein, große Taten tun, aber die große Werke hervorgebracht haben, wird oft die ver-
nicht berühmt werden. Wenn man bei solchem Tadel soge- kehrte Meinung gesetzt, das Wesentlichste sei in ihrer beson-
nannte mönchische Tugenden im Sinn hat, so sind dies dern Unterhaltung, in ihrem näheren Umgang zu finden.
Tugenden, wo nicht gehandelt wird, nicht Tugenden der Ein Mensch, der Tüchtiges hervorgebracht hat, der hat das
30 politischen, wirklichen Welt. Jener ist nur der Weg, alle Recht, an seinen Früchten erkannt zu werden. Was' die 30
I Orig. -dessen-. 3 Orig. .in c. Heuchelei hervorbringt, das' kann unmöglich etwas Tüchti-
2 >Wissenschaft< sicher in einen vom 4 -Denken- von derselben Hand wie
ges sein. -I Die Identität des Innern und Äußern ist das 105
AbschreibergelassenenRaumnach- >Wissenschaft( (98,14) eingefügt.
träglieh eingefügt, - wahrschein- I Orig. )Wer<.
lich von anderer Hand. 2 Orig. -der.,

99
Wichtigste. - Die Besonderheit ist nun also nicht die Wurzel Drittes Kapitel
des Substantiellen, sie fällt überhaupt in die Seite des Daseins Das Gute und das Gewissen
und der Verwirklichungr'i daß etwas Tüchtiges beschlossen
und hervorgebracht wird. Dabei hat die Besonderheit aller- In der Not erscheint der Widerspruch vom Rechte der
5 dings ihren Einfluß. Besonderheit und dem des abstrakten, allgemeinen Willens.
Das Besondere kann nun also als Wohl überhaupt gefaßt Beides sind wesentliche Momente. Durch Verwirklichung 5
werden, und der Mensch hat das Recht, dieses zu befördern. des besonderen Willens wird der Wille an sich wirklich.
Er hat damit nicht das Recht, dieses oder jenes Besondere zu Insofern diese beiden im Widerspruch stehen, so heben sie
tun, sondern das Wohl überhaupt zu suchen. Es stehen hier einander auf. Die Wahrheit beider Momente ist ihre Einheit,
10 Recht und Wohl einander gegenüber, beide können mitein- die konkrete Allgemeinheit. Diese Wahrheit ist nun das Gute
ander übereinstimmen und auch nicht. Es ist die Frage, überhaupt, die Identität des allgemeinen und besonderen 10
welches in der Kollision dem 'anderen weichen muß: Das Willens. - Wenn wir das Gute fassen als den Endzweck! der
Recht ist notwendig das zum Grunde liegende Substantielle, Welt, so fordern wir, daß die abstrakte Freiheit im besonde-
106 und ich darf insofern 1mein Wohl durchaus nicht befördern ren Willen vollführt sei. Unter dem Guten denken wir
15 und behaupten auf Kosten des Rechts. - Nun ist jedoch das uns I etwas wesentlich Wirkliches, nicht bloß ein Beabsichtig- 108
Recht des besonderen Willens,l auf die Spitze gestellt, das tes, Subjektives. - Die Idee des Guten ist auch die Idee des 15
besondere Dasein, als Leben. Hier hat nun die Seite der Wahren, dessen Wesen die Übereinstimmung des Objektiven
Besonderheit eine höhere Berechtigung, als nur das Wohl und Subjektiven ist. Das Gute ist so das Wahre in Beziehung
zunächst hat. Dieses Recht, welches das Leben gewinnt, ist auf den Willen. Der Wille, der das Allgemeine will, ist
20 das Notrecht. Es ist nicht eine Billigkeit, die hier angespro- denkender Wille. Das Gute ist zunächst das, was man im
chen wird, sondern ein Recht. Nur da ist ein Notrecht gewöhnlichen Sinn eine Idee nennt, d. h. ein Abstraktes, nur 20
anzusprechen, wenn die ganze Totalität der Rechtsfähigkeit Gedachtes, welches noch ausgeführt werden soll. - Das Gute
in Gefahr kommt. Man findet das Notrecht auch in den ist zunächst nur noch die abstrakte Idee, mit der Subjektivität
bürgerlichen Gesetzgebungen sanktioniert. Es gehört hierher behaftet. Der Gegensatz des Guten ist die Subjektivität
25 die Bestimmung, daß einem Schuldner von seinen Gläubigern selbst, die reine Form, das reine Beschließen und Entschlie-
eine Kompetenz ausgesetzt werden muß. Einem Handwer- ßen. Das Gute hat die Bestimmung noch nicht in sich selbst. 25
107 ker wird in diesem I Sinn sein Handwerkszeug, einem Bauer Indem wir das Gute betrachten, so haben wir es auch im
sein Ackergerät gelassen. Gegensatze gegen die Gewißheit seiner selbst. -I Das Gute ist 109
hier durchaus noch mit dem Sollen behaftet. Wenn man so
vom Guten spricht und bloß dabei stehen bleibt, so kommt
dabei nichts heraus als eine leere Rederei. Einerseits ist es 30
erwecklieh und erbaulich, durchzuführen, wie der besondere
I Orig. -Enrzweck-.
I Komma eingefügt.

101
100
Wille das Allgemeine zu seiner Bestimmung haben soll; auf einer solchen plastischen Natur. Indem das Gute sich beson-
der anderen Seite ist dabei aber keine Befriedigung. Die dert, so verliert es seine allgemeine Bestimmung. Es gilt die
nächste Frage ist immer, was denn das Gute sei. Das Gute allgemeine Forderung, daß einer seine Pflicht tue und auf die
muß notwendig zur Bestimmtheit übergehen, denn es ist die Besonderheit keine Rücksicht nehme. I Im Guten ist die 112
5 konkrete Identität! K der Freiheit für sich und des Willens in Besonderheit auch enthalten. Die Seite der besonderen Sub- 5
seiner Besonderheit. Es muß somit dies Substantielle in die jektivität wird auch zur Totalität erfordert, die das Gute
Bestimmung und den Unterschied gesetzt werden. Die Ver- ausmacht. Der Wille hat sich an das zu halten, was im Begriff
wirklichung, die Handlung, ist immer ein Eintreten in die als solchem 1 enthalten ist. Die Pflicht ist nun also der
Bestimmtheit. Goethe sagt so mit Recht: Wer etwas Großes substantielle Wille überhaupt. Wenn mir etwas Pflicht ist, so
110 10 will, muß sich beschränken können." Wer I nur beim Gedan- weiß ich davon als von meinem Wesen. Das Vernünftige ist, 10
ken vom Guten' stehen bleibt, ist ein leerer, unwürdiger daß das Allgemeine in meinem Willen seine Realität hat. Der
Mensch. Diese Stimmung kann eine Form annehmen, die Wille, der' die Pflicht will, ist wesentlich denkender Wille.
allerdings etwas Schönes an sich hat; man spricht in diesem Wenn in neuern Zeiten gesagt wird, der Mensch könne das
Sinn von schönen Seelen. Solche meinen im Umgang mit dem Wahre nicht erkennen, so nimmt man ihm damit unmittelbar
13 Besonderen und Wirklichen sich zu besudeln. Sie verglim- auch das Gute. Es ist also das allerbeste" Denken, daß zu 15
men und löschen aus in ihrer Selbstsucht. Es bleibt bei einem einem guten Willen kein Denken gehört.
bloßen Sehnen, weil die Wirklichkeit fehlt. - Insofern das Diese Bestimmung der Pflichten I würde die Moral überhaupt 113
Gute im Handelnden ist, so muß dasselbe sich also immer ausmachen, oder auch die Ethik, unter der man insbesondere
besondern. Das besondere Gute hat die nähere Bestimmung, die Tugendlehre versteht. Es kann eigentlich nur eine Natur-
20 daß es die Pflichten und die Tugenden ist'. Diese letzteren geschichte der Tugenden geben. Das moralische Reden ist 20
sind allerdings das Gute, wie es ist" in der Persönlichkeit, in häufig zu einem Salbadern geworden. Die Frage ist nun:
der Individualität. Zu der Tugend als Tugend gehört das Welches sind die Pflichten? Es wird von der' Moral gefor-
111 Naturell, die besondere Individualität I der Menschen. Die dert, die Pflichten in ihrer Bestimmtheit und Form aufzufüh-
Tugend im allgemeinen ist Pflicht. Diese läßt sich gebieten, ren. Die Pflicht ist nun also der Wille in seiner Bestimmtheit,
25 denn sie soll für jeden ein Substantielles sein. Die Tugenden wie er an und für sich ist. Die wissenschaftliche Forderung 25
lassen sich nicht gebieten, denn sie sind das besondere ist, daß die Pflichten in ihrer Notwendigkeit entwickelt
Naturell. So ist Tapferkeit eine Tugend, aber sie ist zugleich werden. Die Bestimmtheiten, welche die Pflicht ausmachen,
Pflicht. Die Tapferkeit eines Alexander und Cäsar läßt sich sind die wesentlichen Verhältnisse überhaupt, die aus dem
nicht gebieten, dazu gehört die eigene Genialität jener Man- Willen hervorgehen. Diese Verhältnisse sind nun also sub-
30 ner. Gerechtigkeit ist so überhaupt eine Pflicht, aber sie stantiell, und die Pflicht hat die nähere I Bedeutung, was mir 30 114
erscheint auch als Tugend, so z. B. bei Aristides'', die Tugend nach meinem besonderen Willen als das Substantielle gelten
I Orig. -Idealitat-. 3 Orig. -daß sie die Pflichten und die I Orig. -solcher-.
2 Orig. .im Outen-. Tugenden sind-. 2 Orig. -den..
4 Orig. -als wenn es isr-. 3 Orig. -an die-.

102 1 °3
soll. Man stellt die Sache wohl so vor, daß man sagt, was in gefordert wird, kann nur sei, daß der Inhalt des Willens mit
gewissen Verhältnissen Pflicht für die Individuen sei. Das sich identisch 1 sei. Dieses Kriterium ist am Ende für das
Wesentliche ist indes das Verhältnis, und dieses selbst ist die moralische Bewußtsein aufgestellt worden. Kant hat dies
Pflicht. - Die Pflichten machen ein System aus, eine Pflicht ist auch so ausgedrückt, daß, wenn ich etwas tun will, ich mich
5 nicht einzeln. Eine Pflichtenlehre ist die Entwickelung der frage, ob, wenn meine Handlungsweise als Maxime aufge- 5
substantiellen Verhältnisse. Es könnte scheinen, daß auch die stellt würde, es bestehen könne. E Es ist eine logische
moralischen Standpunkte dieser Pflichten zu entwickeln Betrachtung, I daß dieser Satz der Identität2K eine leere Ver- 117
wären K ; dies ist indes nicht der Fall, derin einerseits kommen standesform ist, durch die man keinen Schritt weiterkommt.
die Verhältnisse, worauf sie sich beziehen, bei der Vorstel- Es wird also durch Aufstellung jenes formellen Prinzips in
10 lung der Sittlichkeit vor, und eine besondere Pflichtenlehre der Sache selbst durchaus nichts ausgemacht. (Tapferkeit, ob 10

erscheint in dieser Hinsicht überflüssig. Auf dem morali- die Soldaten stehenbleiben oder davonlaufen; das letztere
115 sehen I Standpunkt hat ferner das, was man Pflicht nennt, enthält keinen Widerspruch.) - Es ist einerseits schlechthin
noch keine Realität. Der moralische Wille ist wesentlich der wesentlich, daß das Bewußtsein es sich zur Pflicht macht, die
Wille als Bewußtsein, so daß das, worum 1 er weiß, in ihm als Pflicht zu tun; andererseits ist dies aber nur die ganz allge-
15 einem Subjektiven liegt. In den Pflichten liegt zunächst meine Gesinnung'. Indem die Abstraktion aufgegeben wird, 15
dieses, daß sie etwas schlechthin Anderes sind, über un- so ist die nächste Bestimmung diese, daß der Wille bestimmt
sem/ besonderen Willen erhaben. Die Unterschiede im sei als Einheit der Pflicht und der Besonderheit, d. h. der
moralischen Willen sind noch in die Subjektivität einge- Besonderheit überhaupt, des Wohls. Diese Einheit ist das
schlossen und deswegen nur Gesetztes. Der moralische Wille Gute, in Beziehung auf den Willen, daß es Zweck des Willens
20 erkennt die Pflicht im allgemeinen an, bei dieser Allgemein- sei. Das Gute I enthält im allgemeinen die Idee. Insofern 20 1I8
heit bleibt er aber stehen. Daß eine wahrhafte Pflicht sei darauf reflektiert wird, daß das Gute selbst nur ein Subjekti-
für den besondern Willen, dazu gehört, daß er' eben ves ist, so tritt der Gegensatz hervor, wie bereits oben
nicht das Besondere sei, sondern sich in die Sache versenkt bemerkt wurde. Indem die Idee selbst in dieser abstrakten
habe. Gestalt ist, Zweck des subjektiven Selbstbewußtseins. so ist
116 25 Wir wissen von der Kantischen I Philosophie, daß das Große sie wieder ein Nichtausgeführtes. Auf dem Standpunkt dieser 25
in ihr ist die Art und Weise, wie der vernünftige Wille Reflexion treten die sogenanten Postulate hervor. Es kommt
betrachtet wird, als frei und sich unendlich auf sich bezie- hier nur zu einem Sollen, denn der moralische Standpunkt ist
hend. Nun kommt aber notwendig die Frage vor für den überhaupt der subjektive, unterschieden von dem objektiven.
Willen selbst, was denn als Pflicht gelten soll. Es soll nicht bei - Die Kantische Philosophie bleibt bei dem bloßen Postulate
'0 der Pflicht überhaupt bleiben. Der Inhalt ist ein besonderer stehen. Das handelnde Bewußtsein muß notwendig weiterge- 30
überhaupt, ein bestimmter. Es liegt im Willen nichts als die hen; das Subjektive muß in das Objektive übersetzt werden.
identische' Beziehung auf sich. Das Kriterium, welches
I Orig. -warum-. 3 Orig. -es-. I Orig. -idealisch.. 3 -Gesinnung- im Orig. aus .Bestim-
2 Orig. -unserme. 4 Orig. -idealische-. 2 Orig. -Idealirat-. mung<.

I04 10 5
119 Das handelnde Bewußtsein ist überhaupt I die Widerlegung Dasein, im Elemente der Objektivität. Dieses Element ist nun
des aufgestellten bloß subjektiven Zwecks. der geltende Wille überhaupt, und dieser ist durch das Gesetz
Es ist das Recht des moralischen Willens, daß das, was ich als ausgesprochen. Meine Handlung hat also immer wesentlich
Zweck meines Handeins anerkennen soll, überhaupt als gut Beziehung auf das Gesetz. Handle ich gegen das Gesetz, so
5 bestimmt sein muß. Die Handlung soll den Charakter der tue ich das Gegenteil vom Handeln, ich bringe etwas Negati- 5
Allgemeinheit haben. Es kann mir ebendeswegen eine Hand- ves, Nichtiges hervor. I Das Bestehen von meinen Handlun- 122
lung nicht zugerechnet werden, insofern ich nicht weiß, ob gen ist eben die Objektivität. Auf mich kommt es nun an, ob
sie gut oder böse ist. Dies ist die höchste Bestimmung in ich damit zufrieden bin oder nicht. Ich kann wohl einsehen,
Rücksicht auf die Zurechnung für den subjektiven Willen. daß mein Handeln, damit es den Gesetzen gemäß sei, ein
10 Kinder sind insofern keiner Zurechnung fähig, denn einmal Getanes sei, den Gesetzen gemäß sein muß; aber es kann sein, 10
kennen sie nur das Unmittelbare ihrer Handlung, und zwei- daß ich mich darum nicht innerlich, moralisch für verpflichtet
tens entgeht ihnen die Kenntnis des innern Wertes der halte. Dieses weitere Nachforschen ist denn mir überlassen.
Handlung. Wahnsinnige und Blödsinnige sind insofern Es tritt dann die Kollision und der Gegensatz ein, der Inhalt
gleichfalls der Zurechnung nicht unterworfen. Es ist bei der meiner besonderen Überzeugung kann im Gegensatz stehen
120 15 Zurechnung auch I ferner der Zustand der Leidenschaft zu mit dem, was gesetzlich überhaupt ist. Ich kann deshalb 15
erwähnen. Diese Rücksicht kann indes kaum als Milderungs- fordern, nicht ohne und noch mehr nicht gegen meine
grund gelten, noch viel weniger als Rechtfertigung. Insofern Überzeugung handeln zu müssen. Ich kann auch I noch wei- 123
der Mensch als ein Leidenschaftliches betrachtet wird, so ter gehen und sagen, daß die gute Absicht dasjenige sei, was
wird ihm die einem Vernünftigen zukommende Ehre nicht meine Handlung rechtfertige. - Die Quäker leisten keinen
20 angetan. - Das Gute hat nun weiter vielerlei Formen. Eid, weil es gegen ihre Überzeugung ist; ebenso tragen sie aus 20
Zunächst hat es die Bestimmung des Gesetzmäßigen, dessen, diesem Grunde keine Waffen und ziehen sie den Hut vor
was gesetzlich erlaubt oder geboten ist. Von dem Gesetzli- niemand ab. Es kommt dabei darauf an, was der Inhalt ist, der
chen kann ich wissen, und mein Wissen davon ist nur dieses gegen meine Überzeugung ist. Der Staat also, das objektive
Wissen überhaupt, daß es gilt. Das weitere Wissen aber ist, rechtliche Handeln, geht durchaus vor, und es kann hier nicht
25 daß ich aus Gründen weiß, nicht bloß auf diese unmittelbare gefragt werden, was meine Besonderheit dagegen sagt. Es ist 25
Weise. In diesem Fall nennen wir das Wissen Überzeu- also z.B. immer eine Toleranz, wenn der Staat Quäker
121 gung. I Ein Höheres ist dann " daß ich die Bestimmung des duldet. Man soll nicht bloß bourgeois, sondern auch citoyen
Zwecks aus dem Begriffe erkenne. Ich kann in Folge meines sein. Es kann indes ein Staat insoweit in sich erstarkt sein, daß
moralischen Rechts nun etwa die Forderung machen, es solle er Abnormitäten der I Art in sich duldet. Im allgemeinen ist 124

30 etwas mir nicht bloß als gesetzlich überhaupt und als auf darauf nichts zu geben, wenn jemand bei Forderungen, die 30
bestimmten Gründen beruhend gelten, sondern es solle die vom Staate an ihn gemacht werden, sagt, es sei gegen sein
Sache aus ihrem Begriff als vernünftig dargetan werden. - Gewissen, denselben nachzukommen.
Indem ich nun handle, so setze ich eine Veränderung im Ich kann nun ferner, wie erwähnt worden, meine Handlung
I Orig. -denn-. durch die gute Absicht rechtfertigen. Es kann die Forderung

106
'°7
so weit getrieben werden, daß die gute Absicht mich nicht Nichtverletzung pp. - Ein Wille, der will, will immer etwas,
bloß vor Gott, sondern auch vor dem Gesetz rechtfertigen und nach dieser positiven Seitewird immer ein Gutes gewollt.
soll. Dasjenige, was von mir hiernach als das Gute, als das Es folgt daraus, daß sich zu aller Schlechtigkeit und Schänd-
Wesentliche bestimmt wird, soll hiernach auch an sich als das lichkeit immer ein guter Grund finden läßt. Eine Handlung
5 Gute gelten. Eben die Idee ist nun aber, daß das Gute nicht ist immer ein Konkretes, und es läßt sich so immer eine Seite 5
bloß subjektiv, sondern an und für sich sein soll. Nach dem daran auffinden, durch die sie entschuldigt wird.
125 subjektiven Standpunkt ist, I was gut ist, bloß aus mir zu Was in der Welt verdorben worden ist, das ist alles aus guten
nehmen, aus meinem Herzen, meiner Begeisterung usf. Gründen I verdorben worden. Menschen und Regierungen 128
Besonders stellt man auch vor, daß eine moralische Absicht, haben für alles gute Gründe anzuführen. Es bleibt also im
10 in welcher sich zeigt, daß ich nicht das Meinige darin suche, abstrakten Guten bloß das Positive, und es ist somit aller 10
rechtfertigen soll eine unrechtliehe Handlung. Diese Vorstel- Gegensatz von Gutem und Bösem aufgehoben. Alles
lung sieht man häufig unter den Menschen. Hierher gehört Schlechte ist so gut und alles Gute schlecht. Dies ist der letzte,
die Legende vom heiligen Crispinus'', - Die Menschen innerste und schwerste Punkt, der die Täuschung ausmacht,
wollen überhaupt häufig lieber edel und großmütig als daß die Menschen sagen, sie wollen das Gute, aber nur ein
15 gerecht sein. In jenem Handeln ist es etwas Besonderes, das Formelles wollen, und dies ist das Subjektive und das 15
getan wird. Solches Wohlgemeinte überhaupt setzt sich dem gemeinte Gute, sofern es mein Besonderes ist. - Gut und
Rechtlichen zunächst gegenüber. Alles Handeln hat zur Böse gehen hier unmittelbar ineinander über. Jener gu:e,
ersten Grundlage den Begriff des Willens. Das erste ist immer ehrliche Wille, der bei dieser Abstraktion stehen bleibt, ist
126 die Gerechtigkeit, I alles andere findet sich leicht von selbst. ganz formell, subjektiv und somit ebenso unmittelb.ar
20 Die weitere Prätention ist aber, wie gesagt, überhaupt, daß es böse. I Es ist schon oben bemerkt, daß der einfache Begriff 20 129
die gute Absicht sei, welche die Handlung rechtfertigt. Es ist des Willens, der noch nicht dialektisch vermittelt ist, auch
also die Frage, was denn das Gute für eine Bestimmung hat. nicht der Begriff ist ', sondern/ das Unmittelbare, das Nicht
Gut ist hier nur die ganz allgemeine Bestimmung, und sie soll des Begriffs. Jene Einfachheit ist selbst unmittelbar das Böse.
auch weiter keine haben, denn eine Handlung, eine Absicht Eben weil das Gute zunächst dies Ununterschiedene ist, so
25 soll schon durch das Gute überhaupt sich rechtfertigen. Gut steht der Unterschied, die Form, zunächst außer ihm; dies ist 25
soll also überhaupt nur irgend etwas Positives sein. Also den die Subjektivität; Inhalt und Form liegen sonach außereinan-
Armen Almosen geben, für meine Familie sorgen, das der. Das Gute ist noch nicht das Gute, da die Form noch
Schlechte ausrotten, das alles kann als das Gute erscheinen. außer ihm liegt. Das Herz und das Gemüt meint am allerkon-
Es zeigt sich so, daß alles als ein Positives gefaßt und somit als kretesten zu sein, wenn es am abstraktesten ist. Man nennt
Ja Gutes bezeichnet werden kann. In diesem Sinn hat man dieses Abstrakte auch Lebendigkeit, so wie überhaupt I das Ja 130
127 gesagt, es gebe überhaupt I keinen bösen Willen und keine Leerste und Dürftigste in neuerer Zeit oft »Lebendiges«
böse Handlung.f Allerdings will jeder Verbrecher immer gepriesen wird. - Man hält das abstrakt Gute für das Wahre,
noch etwas Positives, und keiner will das Böse als solches
I Orig. -ist auch nicht der Begriffe
schlechthin. In Haß und Rache ist so immer ein Wollen der 2 -sondem- eingefiigr.

108 109
aber eben weil es abstrakt ist, so ist es nicht wahr, sondern nen sei. Dies ist nun allerdings der Fall, wie sich später zeigen
subjektiv. Man hat so gesagt, man könne das Wahre nicht soll, und es ist diese Unterordnung notwendig, wenn es ein
erkennen, sondern das Erkennen sei nur subjektiv. Somit ist, System von Pflichten geben soll. Wenn ich indes erkläre, daß
was gut und Pflicht ist, bloß ein subjektives Belieben. Dies ist meine Absicht und Einsicht es ist, welche diese Unterord-
5 das Verderben der Philosophie in unserer Zeit, daß man das nung bestimmt, so fehlt hierbei immer wieder die Objektivi- 5
Erkennen als etwas bloß Subjektives ausgegeben hat. Indem tät. Ein Recht zu solcher Unterordnung glaubt nun der
ich zum Kriterium des Inhalts meines Tuns bloß mein Gefühl subjektive Wille zu haben, wenn der Zweck, welcher verfolgt
mache, so habe ich alle Willkür zum Gesetz gemacht. Dies wird, ein weit umfassender ist. Allein eben wenn wir einen so
131 Subjektive aber, insofern es nur in uns liegt, ist I ebensogut umfassenden Zweck sehen, so ist es I unmittelbar nicht der 134
10 das Böse und das Unwahre, nur ein Gemeintes. Es tritt in Zweck eines Einzelnen, sondern es tritt hier auch ein umfas- 10
solcher Zeit die Rückkehr des Bewußtseins in sich auf. sender Wille ein. Über das Schicksal der Völker zu entschei-
Sokrates wurde von den Atheniensern am Leben gestraft, den, kann der Einzelne sich nicht anmaßen, sondern es
weil er das, was Pflicht und Religiosität sei, bloß auf das kommt dieses den Völkern selbst zu. Goethe sagt, daß die
innere Wissen zurückgeführt hat. Ermordung des Cäsar durch Brutus und Cassius die dümmste
15 Es ist hier auch der Ausdruck zu erwähnen, daß der Zweck Handlung sei, die je begangen worden ist. E Die Form der 15
die Mittel heiligt. Für sich verdient dieser Ausdruck keine römischen Welt ist durch den Tod eines einzelnen Individui,
Berücksichtigung, denn er ist bloß formell und ohne Inhalt. wie Cäsar war, ganz und gar nicht geändert worden. Indem es
Daß der Zweck und die Mittel einander entsprechen müssen, die gute Absicht ist, wodurch man sich rechtfertigt, so scheint
versteht sich von selbst, und wenn der Zweck recht ist, so es, daß der Fehler nur darin bestehe, daß man sich geirrt habe
20 sind auch die Mittel recht. Man kann im allgemeinen wohl in Ansehung dessen, was I gut ist. Irren, sagt man, sei etwas 20 135
132 sagen, daß, I wenn die Zwecke heilig sind, sie die Mittel Leichtes und das Verzeihlichste, was man begehen kann. So
heiligen. Es wird aber unter jenem Ausdruck überhaupt wird das Vergehen auf das Minimum von Fehler herunterge-
nicht! das verstanden, was oben erläutert wurde. Es soll setzt. Irren kann man sich nun allerdings über Geschichtli-
daraus, daß ein Zweck gut ist, für mich die Berechtigung ches und Einzelnes überhaupt. Irren ist hier indes unmittel-
25 folgen, zu tun, was für sich ein Verbrechen ist. Es heißt jener bar ad hominem das größte Vergehen. Wer nicht nach dem 25
Ausspruch zunächst nur: Um ein Gutes zu tun, bin ich objektiven Rechte handelt, sondern nach dem, wie er es weiß,
berechtigt, ein Gutes zu verletzen. Die Entscheidung dessen, der macht sein eigenes Wissen und Wollen zum höchsten
was gut ist, fällt immer meiner Subjektivität anheim. Man sagt Entscheidungsgrund in Ansehung der Handlung. Er sagt
aber: Wenn ein Zweck ein wirklich Gutes ist, so ist es doch somit, daß er aus sich gegen die ganze Welt hat wissen wollen,
30 immer meine subjektive Meinung, die ich darin verfolge. was Recht und Pflicht ist. Das Irren ist also hier das Allerun- 30
Wenn der Zweck weit umfassend ist, so glaubt man, mehr ein verzeihlichste. - Wir stehen hier am höchsten Punkte der
133 Recht zu haben, ihn geltend I zu machen. Es tritt wohl hierbei Innerlichkeit, am Gewissen. I Man sagt, daß dieses ein Heili- 136
die Vorstellung ein, daß ein Gutes dem andern unterzuord- ges sei, aber ebenso kann es auch das Böse sein. Weil aber hier
I -nicht- eingefügt. die Extreme unmittelbar ineinander übergehen, so ist es diese

IIO I II
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spekulative Spitze, wo Böses und Gutes nur im Übergang allgemeine Macht, ist zuerst darin ausgesprochen, daß Jacobi
ineinander gefaßt werden können. Vom Bösen ist überhaupt sagt, I daß der Mensch sich in seinem Gewissen als die 139
nicht anzunehmen, daß es nur zufällig in die' Welt gekom- absolute Macht wisse. (Brief an Fichte.)IE
men sei, sondern es ist wesentlich im Begriffe des Geistes. Der Hier ist ausgesprochen, daß alle bestimmten Gebote ebenso-
5 Geist soll nicht in der Unmittelbarkeit bleiben, sondern sich gut nicht gelten können, als sie gelten. Er sagt, es gibt kein 5
dirimieren, sich als unmittelbar bestimmt gegenübertreten. absolutes Gebot. - Wenn Gesetz und Mensch getrennt
Insofern er nur seine Begierde will, so ist hier das Böse. Der werden, so ist der Mensch allerdings höher als das Gesetz.
Geist hat gleichwohl auf diesen Standpunkt sich zu begeben". Dieses hat keine Wirklichkeit ohne den Menschen. - Das
Es ist mit Recht gesagt, daß das Gesetz" d. h. diese Reflexion praktische Vernunftgesetz der Kantischen und Fichtischen
137 10 über das I Allgemeine, erst die Sünde macht.f Im Verhalten Philosophie, wogegen Jacobi spricht, hat keinen eigenen 10
als Natürlichem" kann nun entweder überhaupt stehen- Inhalt und ist bloß formell. Es befiehlt also auch nichts
geblieben werden oder es kann weitergeschritten werden Bestimmtes, sondern bleibt beim Abstrakten stehen. Jacobi
zum Gedanken des Guten, in welches hinein aber ein Inhalt nennt jene Macht im Menschen, durch die er beschließt, I das 140
der Willkür gelegt wird. Hier ist der Mensch aus Gründen Majestätsrecht des Menschen. Das Denken ist nun allerdings
15 böse. Der Standpunkt der Trennung ist also für den Geist ein ein solches Majestätsrecht. - Die Subjektivität muß zur 15
notwendiger. Ebenso ist es auch ein Notwendiges, daß das Substantialität kommen. -
Gute als Allgemeines gewollt wird, aber daß dabei stehenge- Das Gewissen ist also dieses Hohe und Heilige, welches über
blieben und ein beliebiger Inhalt hineingelegt wird, ist Sache Recht und Pflicht entscheidet, und der Gewissenhafte ist der,
des Individui. Daß einer böse ist, das ist seine Sache, aber das welcher nach Recht und Pflicht handelt. Was aber Recht und
20 Böse überhaupt ist Moment des Geists, welches" zu überwin- Pflicht ist, das ist in dieser bloßen Subjektivität nicht gesagt. 20
138 den ist und über das' hinauslzugehen ist. Aber auch im Wenn einer sich nur auf sein Gewissen beruft und die
wahrhaft Guten kommt das Böse immer vor. Ein Mensch, Handlung objektive Bestimmungen enthält, so hat er nicht
der im konkreten und erfüllten Leben zu handeln hat, muß bloß nach seinem Gewissen gehandelt.
auch wissen können, böse zu sein. In der Verfolgung des Eine dritte, formellere Gestalt ist die der Ironie. Diese war
25 wesentlichen Zwecks werden eine Menge Zwecke, die sonst bekanntlich besonders VOm Sokrates in seinen Unterhaitun- 25
wohl gelten könnten, geknickt. So ist das Böse einmal ein gen geübt. I Sie besteht zunächst darin, daß eine falsche, 141
Moment, sodann kommt es aber auch immer in der Wirklich- einseitige Behauptung zugegeben wird und daß dann der,
keit vor. Auf diesem Standpunkt ist also Gut und Böse welcher eine solche Behauptung aufstellt, dahin geführt wird,
durchaus unentschieden. Es kommt allein auf den Inhalt an, durch deren Entwickelung ihre Nichtigkeit darzutun. - Es ist
30 und gleichwohl ist dieser Standpunkt noch der inhaltslose. besonders Friedrich von Schlegel gewesen, der die Ironie als 30
Das Wissen des Willens überhaupt, das Gewissen, diese ein Moment des Göttlichen überhaupt dargestellt hat. E Es
liegt darin allerdings eine Ahndung des Vernünftigen, allein
I Orig. -der-. 4 Orig. -Narürliches-.
2 Orig. -geben-. 5 Orig. .welcher.. auch zugleich das Beginnen einer verkehrten Ansicht. Die
3 Orig. >daß erst das Gesetz-. 6 Orig. -den-. I 2. Klammer eingefügt.

I12 113
Ironie ist überhaupt die Erscheinung der Identität, das Drü- die Heuchelei beschuldigt, so wird erwähnt, daß es Laster,
berhinaussein über das Bestimmte, also auch über den Ernst. Verbrechen gebe, die an und für sich das Böse sind, und daß
BeiHomer erscheinen die olympischen Götter mit dieser Iro- es nicht ernst damit sein könne, sie als etwas Gutes zu
nie (unauslöschliches Gelächter über Hephastos'', Aphrodite betrachten. Diese Beschuldigung der Heuchelei fällt eigent-
142 5 einen Backeostreich'<", Mars schreit wie IOOOO E(2»).1 Auch lich hinweg mit der Ansicht des moralischen Standpunktes. 5
dies kann wie Ironie betrachtet werden, wenn die Alten den Auf diesem Standpunkt gilt die Ansicht, daß das, was recht
Göttern opferten. Eine barbarische Ironie ist dann ' über- und gut ist, in meiner Absicht liegt und durch diese seine
haupt das Übergehen zum Gegensatze. So, wenn der Mensch Bestimmung erhält. Hiermit ist jene Voraussetzung von
des Morgens sich vollkommen zerknirscht und aufgibt, alles einem an und für sich Bösen nicht mehr vorhanden. Nach
10 Selbstgefühl als nichtig ausspricht, und dann am Tage sich dieser Seite ist es I also immer etwas Gutes, das gewollt wird. 10 145
wieder in allen Lüsten herumwirft. - In der Ironie liegt also In neuern Darstellungen ist oft eine große Beredsamkeit
überhaupt das Hervortreten des Gegensatzes. Ihre schönste aufgeboten, um zu zeigen, daß, was der Mensch nach seinen
Gestalt ist die Heiterkeit, wie sie an den griechischen Göttern Trieben tut, gut ist, da diese in den 1 Menschen von Gott
erscheint. Heiterkeit und Selbstvergessenheit können als gelegt seien. Wenn wir Verbrechen dargestellt sehen/ mit
15 Temperamente der höchsten Tugend angesehen werden. - guter Absicht pp., so würde dies nach der früher bezeichne- 15
Eine Mutter, die ihr Kind ansieht und sich darin selbst weiß. ten Ansicht als bloße Heuchelei erscheinen. - Ebenso fällt
14' Italienische Melodien, I die den tiefsten Schmerz ausdrücken/ überhaupt auf dem moralischen Standpunkte die frühere
und worin zugleich das Selbstgefühl der Seligkeit enthalten Ansicht von Lastern und Sünden hinweg. Indem vom Laster
ist. - Ein anderes ist es, wenn die Negativität in der Ironie gesprochen wird, so liegt dabei auch die Ansicht' zugrunde,
20 hervortritt und das Selbstbewußtsein als ein eitles erscheint. daß es Handlungsweisen gebe, die an und für sich göttlichem 20
Der Wille geht hier nicht in die Sache hinein, tut auf sich und menschlichem Rechte widersprechen. Wenn aber nach
selbst nicht Verzicht. Die Ironie ist also hier dieses Bewußt- der andern Ansicht die I gute Absicht es überhaupt ist, die den 146
sein, mit allem nur zu spielen, auch mit dem Edlen und Wert der Handlung ausmacht, so fällt jener Gegensatz hin-
Vortrefflichen, so daß es meine Willkür nur ist, die sich weg. - Wenn der Lasterhafte frank und frei in Sünden lebt, so
25 herabläßt, sich damit zu beschäftigen. Das Positive in dieser hat er keine Gewissensbisse, denn es ist sein unbefangenes 25
Ironie ist die Eitelkeit. Die Ironie ist so die Form der Spitze. Meinen überhaupt, wodurch seine Handlungsweise gut und
Es sind Erscheinungen der Zeit vorgekommen, wo Indivi- vortrefflich wird. - Es ist also überhaupt ein bestimmter
duen dahin gekommen waren, daß sie sich' nur an dieser Inhalt des Guten auf diesem Standpunkt nicht vorhanden.
144 Ironie hielten. I Nur Willkür und Belieben, schlechthin die Subjektivität,
30 Vormals war viel von der Heuchelei die Rede, mehr als in entscheiden. Es kann alles als gut gelten. 30
unseren Zeiten. Heuchelei wird genannt, wenn jemand das Der Wille, der Ironie ist oder der zur Heuchelei gekommen
Böse tut unter dem Vorwand von" etwas Gutem. Indem man
I Orig. -dem-.
I Orig. -denn-. 3 -sich- eingefügt. 2 Orig. 'sehen dargestellte
2 Orig. -ausdriickr.. 4 -von- eingefügt. 3 Orig. -Absich«.

"5
ist, hat die Reflexion, daß er mit jedem Inhalt spielen kann; reibt und schleift er seine Subjektivität ab. Indem er die Sache
das Subjekt weiß sich als das, welches über allem steht. Der zu der seinigen macht, hat er kein subjektives, sondern ein
147 Wille, der aber nicht jenes I Bewußtsein hat, sondern der den objektives Interesse. Wenn es um das Substantielle zu tun
Inhalt nicht für etwas Gleichgültiges hält, gerät in Verlegen- ist, so fallen alle jene Nebenrücksichten hinweg. Wenn das
5 heit mit seinem Inhalt, er hat kein Kriterium zur Entschei- Individuum sich mit so vielen Nebenrücksichten abgibt 5
dung. Es findet sich die Kollision, zwischen Verschiedenem und I diese dann zur Seite stellt, so schlägt es dies als Opfer 1S0
zu wählen. Ein solcher Wille 1 ist getrieben, den Unterschied an. - Ein Mensch von Erfahrung, von gebildetem Geist und
des Guten im Objektiven aufzusuchen. Es ist eine Hauptfor- Gemüt kann, wenn er die Hauptsache befolgt, allerdings
derung an die Moral, die Entscheidung der Kollisionen zu auch noch Nebenrücksichten gelten lassen. (Ein Richter, der
10 leisten. Die Pflichten bieten sich zugleich als ein vielfacher streng nach dem Rechte handelt, dabei aber in allem übrigen 10
Inhalt dar, zwischen dem sich ein Widerspruch hervortut. schonend verfahrr.) Wenn also die Hauptsache festgehalten
Diese Stufe der Reflexion hat nun viele besondere Formen. Es wird, so fallen eine Menge Nebenrücksichten als Kleinigkei-
kann sich! zunächst eine Art von Furcht gegen das Handeln ten hinweg. Es ist eine Zeitlang gewöhnlich gewesen, viel von
148 überhaupt ergeben, ein Mißtrauen gegen die I Wirklichkeit. der Wichtigkeit der Kleinigkeiten zu sprechen, und es ist
15 Es entsteht hier die Bedenklichkeit, auch bei einem gut dabei gesagt worden, es gebe nichts Unbedeutendes in der 15
Scheinenden doch noch innezuhalten. Dies ist der Zustand Moral. Dies ist im Sinn des oben Ausgeführten zu verste-
der Skrupulosität. Diese Reflexion erschwert sich das Han- hen.1 1S1
deln. Recht hat sie allerdings einerseits; denn die Ausübung Die objektive Unterordnung der Pflichten ist erst später zu
der Pflichten greift in viele Verhältnisse ein und berührt viele betrachten. Für das Individuum bleiben dann wenig Kollisio-
20 Individuen. Es ist immer etwas beim Handeln, von dem man nen übrig, nur solche, die das Besondere betreffen. In den 20
wünschen könnte, daß es nicht vernachlässigt würde. Je alten Tragödien sehen wir Kollisionen der wahrhaft substan-
gebildeter ein Gemüt ist, je mehr entdeckt es solche.' Mög- tiellen Verhältnisse. So sehen wir die Antigone auf der einen
lichkeiten, andere Verhältnisse zu stören. Auf der andern Seite,die Pflichten der Pietät gegen ihren Bruder erfüllend; auf
Seite erleichtert diese Skrupulosität auch wieder das Handeln, der anderen Seite sehen wir dagegen den Staat, die l'tOAL,;.E
149 25 zumal wenn die Reflexion sich auf eine Allgemeinheit I des Diese beiden Potenzen treten frei gegeneinander, und sie 25
Zwecks richtet. Wenn jemand sich vorsetzt, er wolle seine erscheinen dramatisch, insofern es Individuen sind, in
Bestimmung als Mensch erfüllen, und begibt sich, um sich zu denen diese Potenzen ihre Wirklichkeit haben. Wir sehen hier
unterrichten, etwa an die Niemeyersche Padagogik'', so ist gleichsam Götter miteinander im Kampfe. Im »Orest« sehen
ihm ein großes Feld eröffnet, und es bleibt ihm eine sehr freie wir eine ähnliche Kollision: die gerechte Bestrafung des I 1S2
30 Wabl, zu treiben, was ihm zusagt. Dadurch, daß der Mensch Mörders des Vaters und das Verhältnis der Pietät des Sohnes 30
sich in die Sache hineinbegibt, bildet sich der Mensch und gegen die Mutter. E Es ist also in der Heroenzeit, wo diese
großen Kollisionen vorkommen, wo es dem Individuum als
I Orig. -solches Wissen<_
2 -sich- eingefügt. solchem anheimfällt, das sittliche Moment geltend zu machen
3 Orig. -solcher-. und zu wollen!In einer objektiven Organisation des substan-

tI6
tiellen Willens fallen solche Kollisionen weg; bürgerliche als ob ich einem andern, der jemand ermorden will und
Tragödien haben um deswillen nicht die Bedeutung, weil es keinen Dolch hat, den Dolch dazu in die Hand gebe. Diese
hier Bürger sind, welche sich umschlossen finden von einer Gleichheit mit mir, die ich durch das Sagen! der Wahrheit
objektiven Organisation, für! deren Entscheidung wenig erreicht habe, wäre nichts als eine hochmütige, läppische
5 übrigbleibt. Es bleiben indes, wie gesagt, für das Individuum Treue gegen die Wahrheit, ich hätte bloß mich als dieses 5
immer noch viele Kollisionen übrig. Von einer Moral erwar- Übereinstimmende gesetzt. - Die entscheidende Besonder-
tet man, daß sie diese Kollisionen vorträgt und sich auf heit ist überhaupt dasjenige, was man Charakter nennt; der
153 ihre I Entscheidung einläßt. Eine solche Moral wird notwen- Mensch kann nur handeln, insofern er ein Besonderes ist. Die
dig Kasuistik. Die Subjekte erwarten von einer solchen Forderung einer Kasuistik der Art enthält den Ausspruch'',
10 Wissenschaft, daß sie ihnen die Entscheidung für alle Fälle daß der Mensch der Mühe enthoben sein will, Charakter zu 10
fertig, gleichsam von dem Brette, vorlegt. - Zwei Menschen, haben. I Dieser Mühe kann der Mensch allerdings durch einen 156
die im Schiffbruch sich auf einem Brette befinden, das nur Gewissensrat, einen Beichtvater (der Zucker und Kaffee
einen zu tragen vermag; der eine hat Kinder, der andere bekommt) enthoben werden; und ein solcher Gewissensrat
keine; der eine viel, der andere wenig; der eine ist Jurist, der weiß dann für alles gute und fromme Gründe anzugeben.
15 andere Mediziner. Es zeigt sich sogleich, daß es eine unnütze Gediegenes, substantielles Handeln erfordert Selbstverges- 15
Erwartung ist, solche Fälle in einer Moral entschieden wissen senheit in Ansehung seiner Besonderheit. Die Reflexion, die
zu wollen. In solchen besonderen Fällen muß auch das immer wissen will, ob man da und dort vortrefflich handle,
Besondere entscheiden, d. h. das Individuum, und es kann führt Zur Weichlichkeit und zum Eigendünkel.
hier keine objektive Entscheidung erwartet werden. - Es gibt Der moralische Standpunkt ist also überhaupt die Freiheit im
154 20 eine Weise des Entscheidens, I daß man überhaupt bei einem besonderen Willen. Die Freiheit als Recht hat nur ein Ding zu 20
abstrakten Grundsatze stehen bleibt und diesen als das Eine ihrem Dasein. Der besondere Wille, die Subjektivität ist der
Entscheidende festhalt. - Fichte in seiner Moral stellt den Fall wahre Boden I der Freiheit. Das Recht des besonderen Wil- 157
auf, daß einer wütend mit dem Dolche in ein Zimmer dringt lens ist also notwendiges Moment der Idee; sein Recht ist, daß
und jemand ermorden will, der sich verborgen hat. Es frägt er in dem sei, was er tut, daß es das Seinige, daß die Handlung
25 sich hier, ob ein anderer, der mit im Zimmer ist und um den sein Vorsatz sei, daß sein Wohl alsMoment erscheine und daß 25
Verborgenen weiß, schlechthin gehalten sein soll, die Wahr- das, was er tut, die Bestimmung des Guten habe und als
heit zu sagen.E Überhaupt ist es schwer, die rechte Wahrheit solches von ihm gewußt werde. Zugleich ist der moralische
zu sagen, und es gibt wenige, die sie sagen. Der gewöhnli- Wille nur dieses Formelle, und der Inhalt fällt außer das-
chen, gemeinen Wahrheiten verschwinden in jedem Augen- selbe.
30 blick Tausende. Im allgemeinen soll allerdings der Mensch Der subjektive Willen hat das absolute und unendliche Recht, 30
155 mit sich identisch sein und somit die Idee darstellen. I In dem zu wissen, was gut ist. Dieses Wissen für sich und als Wollen
angeführten Fall ist jedoch das Sprechen nicht bloß ein dieses Gewußten ist ebendamit ein Abstraktes, Besonderes
Sprechen, sondern ein Handeln, und zwar ein ebensolches, und Subjektives überhaupt. Weil dies I der Standpunkt des 158
I -für- eingefügt. I Orig. -den Segen-,

rr8 II9
T
subjektiven Willens ist, so ist es nur das Abstrakt-Allge- ches ausgesprochen worden, und das wahrhaft Vernünftige
meine, wovon das Subjekt weiß. Es treibt sich notwendig hat man in ein fernes Jenseits gelegt. Die moralische Weltord-
unendlich in der Reflexion herum und hat viele gute Zwecke nung kommt vor als die Idee, die aber nur sein soll; das
und Gründe, aber es ist kein immanenter Inhalt, den es aus subjektive Selbstbewußtsein ist dabei falschlieh als I ein Abso- 161
5 sich produziert. - Das moralische Bewußtsein ist nicht lutes ausgesprochen worden. Diese Subjektivität ist nun 5
philosophisches Bewußtsein. Dieses ist vernünftiges Be- vielmehr der Widerspruch in sich selbst. - Hierin liegt der
wußtsein, und als solches hört es auf, formelles Bewußtsein Übergang zu der höheren Sphäre. Das Gute, Allgemeine,
zu sein. Wenn also auf dem moralischen Standpunkte noch so Substantielle in der Identität mit jener Subjektivität, die die
wohlgemeinte Absichten verfolgt werden, aus dem Gefühl Form ist, ist das Wahre. Das abstrakte Recht ist das Dasein
10 oder aus der Begeisterung, so tragen diese doch immer den der abstrakten Freiheit, die Moralität das Dasein des beson- 10
Mangel der Unmittelbarkeit an sich. deren Willens. Die Einheit beider ist das Sittliche. Dies ist der
159 Das moralische Bewußtsein gibt I sich auch selbst nicht für Zeit nach das Erste, und es ist erst auf dem Boden dieser
philosophisch aus, und es erkennt selbst an, daß es bloß Sittlichkeit, daß seine Momente sich entwickeln. Diese
subjektiv ist. Wenn vom moralischen Standpunkt als dem Momente für sich können gar nicht existieren, sondern sie
15 Formalismus des abstrakten Guten gesprochen wird, so muß müssen notwendig eine Grundlage haben, wenn diese auch 15
man diesen Standpunkt nicht mit dem vernünftigen Erkennen als zertrümmert erscheint. - Die Familie ist ein Älteres in der
verwechseln. Das subjektive Wissen kann als solches keinen Zeit als der Staat. In der Wissenschaft müssen I die abstrakten 162
objektiven Inhalt haben; der Inhalt, den es sich gibt, Glaube, Momente vorher betrachtet werden, weil das Wahre erst aus
Begeisterung, Offenbarung, ist immer ein Unmittelbares. - ihnen begriffen werden kann. Dieses Wahre ist als Begriff
20 Die Moralität ist immer nur ein Moment des Ganzen. - Es eine Einheit Unterschiedener. 20
wurde bereits an Sokrates erinnertf: es zeige sich in jener Zeit
eine Zerrissenheit des Innern und des Äußern. - Die Wahr-
heit ist nur die Wahrheit des Standpunkts der Moralität und
des abstrakten Rechts. Für sich genommen fällt dieses Prinzip
160 25 in sich selbst I zusammen; es ist der Widerspruch an sich
selbst. Es erfordert Bestimmung von Pflichten und Zwecken,
und doch gilt ihm nur die Form des Allgemeinen. Die reine
Gewißheit seiner in sich selbst ist das Abstrakte, in sich
Unterschiedslose. Die konsequente Vollendung dieses Stand-
30 punkts ist das Verkümmern des Geistes in sich.
Indem dieser Standpunkt in der Kantischen Philosophie
weiter ausgebildet worden und als ein Letztes festgehalten
worden ist, so ist der Widerspruch desselben immer mehr
hervorgetreten. Dieser Standpunkt ist zugleich als ein Endli-

120
D ritter Teil erst dadurch wahrhafte Festigkeit, daß es sich in sich be-
stimmt. - Wenn der Staat nicht ein in sich Unterschiedenes
Die Sittlichkeit ist, so ist er bloß ein Massenhaftes. Die Regierung eines
solchen Staates ist auf der einen Seitestarr gegen die Schwäche
eines solchen Staats und auf der anderen Seite selbst schwach. 5
Die Sittlichkeit ist die Integration der beiden ersten Stand- Eine Religionspartei ist erst fest, wenn sie sich in sich I unter- 165
punkte, des einen durch den andern. Die Eit.elke~t der schieden hat. Man hält es für ein Unglück, daß der Protestan-
5 subjektiven Gewißheit und die abstrakte Allgemeinheit sind tismus in sich zerfallen ist; aber diese Ansicht erscheint nach
jetzt verschwunden. Sittlich ist also zuerst die Idee d.er dem vorher Gesagten als unbegründet. Dieses Vernünftige ist
Freiheit, aber so, daß diese Freiheit lebendig ist. Das Gute Ist also, es ist an und für sich, es ist das, was »Gesetz- genannt 10
hier nicht in ein Jenseits, in eine moralische Weltordnung wird. Die Völker haben dieses Vernünftige oft als göttliche
versetzt, sondern es ist wirklich und gegenwärtig. Das Selbst- Einrichtung und Anordnung betrachtet. Es liegt darin, daß es
10 bewußtsein weiß das Allgemeine als das Wesentliche seines ein über die Willkür des Einzelnen Erhabenes ist. - Das
eigenen Willens. Das Sittliche ist also ebensowo?l an sich,1 andere, welches diesem an und für sich Seienden gegenüber-
163 objektiv I als für sich, oder subjektiv. Das Subjekt Ist im steht, ist das subjektive Selbstbewußtsein. Das Verhältnis 15
Objektiven in seiner Heimat, in seinem Element. - Das dieses letzteren gegen das erstere ist nun, dessen Wirklichkeit
Sittliche ist nicht das abstrakt Allgemeine, sondern ein auszumachen. Das allgemeine Ewige hat sein Bewußtsein,
15 System der Willensbestimmungen, weil es als identisch ge- sein Wollen und sein Bewußtsein an dem besonderen Be-
setzt ist mit der Subjektivität. Das Selbstbewußtsein muß es wußtsein. Dieses ist I die Verwirklichung des an und für sich 166
aufgeben, für sich zu sein. Das Gute hat jetzt die une~dliche Seienden. Das absolute Interesse ist das Vernünftige. Die 20
Form in sich; es ist damit das in sich selbst Unterschiedene, Individuen sind an der allgemeinen Substanz die Akzidenzen.
und was die Form in ihm macht, ist die reine Form. K Die Diese allgemeine Substanz kann den Völkern zunächst als ein
20 Unterschiede in dem Guten sind so die notwendigen, wesent- Gegebenes erscheinen. Was die Individuen tun, wurde sonst
lichen Unterschiede. gesagt, das solle zur Ehre Gottes geschehen.E - Die Indivi-
Die Sittlichkeit ist überhaupt das Objektive der Freiheit. Die duen leben, weben und sind im Allgemeinen. E Das Verhältnis 25
Bestimmungen sind hier durch die absolute Form der Subjek- des Selbstbewußtseins ist, um sein Wesen zu wissen und es als
164 tivität gesetzt. Wir haben es nicht mit einer bloßen I Abstrak- Zweck zu haben und zu verwirklichen. - In der Einheit der
25 tion zu tun; das System des allgemeinen Willens ist fest gegen Idee ist das Verhältnis des Wesentlichen, daß die Einrichtun-
die Willkür und Meinung des besonderen Bewußtseins. - Die gen, Sitten und Gesetze des Allgemeinen dem Subjekte nicht
hier vorkommenden Willensbestimmungen sind das, was wir ein Fremdes seien. Es können hier mannigfaltige Stufen 30
früher Pflichten nannten, die wesentlichen Verhältnisse. Das stattfinden. Die nächste Stufe ist I die des Glaubens. Der 167
Gute ist erst als ein in sich Entfaltetes und Bestimmtes, das sittliche Mensch erkennt das Allgemeine nicht als eine ihm
30 Reale, das Abstrakte ist nur subjektiv. Ein Allgemeines hat fremde Macht. - Dadurch haben wir Wert und Würde, daß
I Komma eingefügt. wir das vernünftige Gesetz vollbringen. Es kann dies über-

122 12 3
,.

haupt das Zeugnis des Geistes von diesem Gesetze genannt nun zunächst bloß ein natürliches Bewußtsein ist, so hat das
werden. - Die Form des unmittelbaren Zutrauens entwickelt Individuum dieses 1 allerdings abzutun. Dieses Abtun fällt
sich nun weiter. Es wird zur Erkenntnis aus Gründen einerseits in die Erziehung, in die Disziplin, auf der anderen
fortgeschritten. Gründe haben Voraussetzungen, die als un- Seite hat aber auch das Individuum das Allgemeine, Geltende
s mittelbar gelten. Das sittliche Bewußtsein bleibt noch uner- immer vor sich. Die Erziehung des Individui ist nun 2, daß 5
schüttert, insofern solche Voraussetzungen an und für sich sein eigenes Inneres der vorhandenen Welt gemäß wird. Das
wahrhaft sind. Diese Bewegung des Erkennens ist sonach Individuum wird auf solche Weise nicht beschränkt, sondern
rechter Art. Wenn aber das Bewußtsein seine Besonderheit vielmehr befreit. Was ich bin, mein wesentlicher Wille, ist
168 und insbesondere seine Eitelkeit zum Grunde I macht, so ist nicht ein anderes, zu dem ich mich verhalte. - Der Mensch
10 das sittliche Bewußtsein aufgehoben. - Die spekulative Er- findet sich nur eingezwängt, bedrängt, insofern er in seiner 10
kenntnis ist demnächst' die des Begriffs überhaupt. Das Besonderheit steht, er ein besonderes Sollen und Mögen hat;
sittliche Verhältnis ist also überhaupt diese Identität des be- das, was I ihn drückt, ist seine eigene Subjektivität. Indem er 171
sonderen Willens l K und des Allgemeinen. Indem die Indivi- sich als Sittliches verhält, so befreit er sich. Das sittliche
duen so in der sittlichen Einheit sind, so erlangen sie ihr Zusammenleben der Menschen ist deren Befreiung; sie kom-
15 wahrhaftes Recht. Die Individuen erlangen ihr Recht, indem men darin zur' Anschauung ihrer selbst. - Das Individuum, 15
sie auf solche Weise zu ihrem Wesen gelangen. Sie erhielten das so dem Sittlichen gemäß ist, kann rechtschaffen und
damit, wie man es genannt hat, ihre Bestimmung. Jedes tugendhaft genannt werden. Es ist eine alte Erzählung, daß
Individuum ist so der Repräsentant der Substanz. Indem das ein Vater gefragt habe, wie er seinen Sohn am besten zu einem
Sittliche so an den Individuen wirklich ist, so ist es ihre Seele sittlichen Menschen zu machen habe, und daß ihm VOn
20 überhaupt, die allgemeine Weise ihrer Wirklichkeit. Sitte und Sokrates geantwortet worden sei: wenn du ihn zum Bürger 20
Gesetz scheinen hier als identisch. Die Freiheit ist zur eines vernünftigen Staates erziehst.f - Die Rechtschaffenheit
169 Notwenldigkeit geworden, zur zweiten Natur. Es ist der ist also das erste, was vom sittlichen Menschen zu fordern ist.
erscheinende Geist, welcher da ist. In diesem bunten Wechsel Die Zeit der eigentlichen Tugenden ist die alte Zeit gewe-
des wirklichen Lebens ist es der Geist selbst, welcher er- sen, I unsere Zeit ist mehr eine Zeit der Rechtschaffenheit. 172
25 scheint. - Die sittliche Substanz ist also wirklicher Geist, in Herkules wird im Altertum besonders um seiner Tugend 25
einer Familie, in einem Volke. Das Individuum ist zuerst willen gerühmt, weil er das Rechte und Vernünftige in einer
natürlicher Wille und insofern dem Allgemeinen nicht unmit- Zeit tat, wo dasselbe noch nicht als das Allgemeine vorhanden
telbar gemäß. Es muß erst dazu gebildet werden. war. In einer Demokratie findet das Zusammenfassen des
Das Sittliche hat als Unmittelbares dieselbe Autorität, die das Ganzen auf einen Brennpunkt nicht so statt, wie es erforder-
30 Seiende überhaupt (Sonne, Mond und Sterne) hat. Das lich ist für das Handeln. Indem das Individuelle nicht unmit- 30
Verhalten des Individui ist eben, es gelten zu lassen. Die telbar aus der Einrichtung des Staats hervorging, so war es an
Zufälligkeit in Ansehung des Wissens, die auf dem morali-
I Orig. -diese-.
170 schen Standpunkt stattfand, fällt hier I hinweg. - Indem es 2 Orig. -nur•.
I Orig, >Wissens<. 3 Orig. -zu-.

12 4 12 5
den Willen besonderer Individuen gebunden. Die Tugend ist, Im Sittlichen fallen Recht und Pflicht durchaus zusammen,
insofern sie gerade diese individuelle Seite enthält, ein Unbe- im I abstrakten Recht sind Pflicht und Recht an zwei Perso-
stimmbares; nur das Allgemeine darin kann bestimmt wer- nen verteilt, im Moralischen habe ich Pflichten zum Guten 2
den. Aristoteles sagt von den Tugenden überhaupt, daß sie überhaupt; mein Recht ist hier formell, das Recht meines
173 5 Mittel sind I zwischen zwei Extremen. E Das absolute Maß subjektiven Willens" meiner Freiheit. Im Sittlichen fällt diese 5
derselben ist die Pflicht. Sie selbst fallen dann weiter ins Trennung hinweg. Indem ich sittlich bin, so erfülle ich meine
Quantitative. Indem die Tugend sich auf individuelle Pflicht, und diese Pflicht ist auch mein Recht. Das Sittliche
Umstände bezieht, so läßt sich das Allgemeine darüber nur so hat keine Pflichten, I ist nicht wieder verbindlich gegen etwas 176
sagen, daß es unbestimmt bleibt. anderes; es ist das Unbewegte, welches bewegt". Die Men-
10 Das Sittliche ist also wesentlich ein Geistiges, das Allgemeine schen haben das absolute Gefühl des sittlichen Verhältnisses 10
und Vernünftige, der erscheinende wirkliche Geist. Der überhaupt. Der Sklave hat keine Pflichten, weil er keine
Geist einer Familie, der Geist eines Volkes ist also ein Rechte hat. Das absolute Recht ist, Rechte zu haben. Die
wirklich Existierendes. Er ist das Allgemeine, in welches alle Menschen haben das Gefühl, daß, wenn ihnen ihre Rechte
Interessen, alle besonderen Tätigkeiten wieder zurückgehen. nicht eingeräumt werden, sie auch ihre Pflichten nicht aner-
15 Wenn der Geist für sich herausgehoben und vorgestellt ist, kennen müssen 4 • Wenn einer in einer einzelnen Sache sein 15
174 so ist er religiöser Gegenstand. Es ist notwendig, daß I der Recht gekränkt fühlt, so kann er dadurch nicht glauben, aller
wirkliche Geist, der sich in den Individuen und ihrem Tun in Pflichten enthoben zu sein. Es muß hier der Unterschied des
seiner Endlichkeit zeigt, auch als Allgemeines dargestellt Quantitativen und Qualitativen ins Auge gefaßt werden.
werde. Das Moment der Religiosität ist insofern ein Inneres. Das Sittliche ist nur vernünftig, I insofern es sich in sich 177
20 Athene ist zugleich die Göttin und der wirkliche Geist des unterscheidet', insofern es seinen Begriff auslegt. Die ab- 20
atheniensischen Volkes. Das Göttliche ist die unmittelbare strakte Freiheit und der besondere Wille sind die Momente
innere Wirklichkeit des Ganzen. Vom Verhältnis der Reli- der Sittlichkeit, die für sich nur formelle Wahrheit haben. Die
gion und des Staats ist später bei der Form des Sittlichen als Unterscheidung der Momente des Sittlichen entsteht nicht
Staat näher zu sprechen. Das Gute als das Allgemeine enthält nach jenen abstrakten Bestimmungen, die nur als ideelle
25 keine besondere Bestimmung in sich, ebenso ist das Religiöse Momente hervortreten können. Wenn 6 wir beim abstrakten 25
auch dies Ideelle, in dem alles Besondere aufgelöst ist. Wenn Sittlichen stehenblieben/, so wären wir wieder im bestim-
man die Gesetze, die Pflichten nur dem Geiste nach beobach- mungslosen 8 Guten, das man auch wohl Ideal nennt. Die
ten will, so kann es geschehen, daß man das Besondere Begrenzung ist im Vernünftigen keine äußere Schranke. Es ist
175 derselben wieder aufhebt. - Wenn man die Religion zur I Ba- eine falsche Ansicht, das Bestimmte nur unter der Form des
30 sis der sittlichen Verhältnisse macht, so hat man insofern Negativen zu fassen. Es ist so ganz richtig, daß der Mensch 30
recht, insofern in dem Besondern das Substantielle, Wesentli-
I Orig. -am-. 5 Orig. -bescheider-.
che erkannt wird; auf der anderen Seite kann aber auch das
2 Orig. .zu das Gute-. 6 Orig. >Wann<.
Geltendmachen des Religiösen zur Zerstörung aller Form, 3 Orig.» Wissens(. 7 Orig. -bleiben-.
zum Fanatismus führen. 4 -müssen- eingefügt. 8 Orig. -Bestimmungslosen-.

126
178 seine Bestimmung nicht erreicht, I wenn er nur Familienva- Elemente ihres Daseins das einzelne Selbstbewußtsein, und
ter, nur Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft pp. ist; allein dieses in der Empfindung der Liebe. In der Familie ist also das
einmal ist jede dieser Sphären in sich selbst Totalität, und Aufgeben der einzelnen, besondern Persönlichkeit. Die Fa-
sodann ist das Wahre nur durch jene Unterschiede. Die milie ist ein Geist, dies Eine, in dem die Individuen sich
5 abstrakte Reflexion meint wunder wieviel zu tun, wenn sie empfinden. Die Individuen verlieren sich, aber in diesem 5
die Schranken von etwas aufzeigt; aber sie ist damit über die Verlust gewinnen sie ihre Wesent!ichkeit, ihre Substantiali-
Sache hinaus und hat diese nicht selbst aufgefaßt. Es ist tät. Das Individuum wird in der Sittlichkeit, wie gesagt, nicht
unendlich schwer, diese Position aufzufassen und sie' zu beschränkt, sondern befreit. Der Geist einer Familie I wurde 181
rechtfertigen. in den älteren Zeiten der Vorstellung dargestellt als die Laren,
10 Es ist also die Sittlichkeit in ihrer näheren Form zu betrach- als die Penaten", d.h. K eines Stammes. Das Gewissen ist ein 10
ten. Die erste Form der Sittlichkeit ist die unmittelbare. Göttliches und Heiliges;' aber nur als sittliches Gewissen,
Dieses ist: nicht als eine bloß abstrakte Identität. In der Familie gibt es
insofern kein Recht, weil die Persönlichkeit darin ver-
schwunden ist. Das höhere Recht der Sittlichkeit ist eben,
I. Die FamilieK nicht das abstrakt Persönliche zu sein. Das formelle Recht 15
tritt nur in der Auflösung der Familie hervor.
179 Das zweite ist die Stufe des Unterschieds, I das Auseinander- In der Familie sind gleichfalls drei Stufen zu betrachten,
15 gehen der sittlichen Einheit, das Andere ihrer Selbst. Dies ist 1. Ehe, 2. Familiengut, 3. Erziehung der Kinder.
der Standpunkt des Relativen überhaupt, die Beziehung des Die Individuen stehen in der I Familie überhaupt im Verhält- 182
Unterschiedenen. Die Familie und das Individuum treten als nis der Liebe und des Zutrauens. Dieses Verhältnis ist ge- 20

selbständig und zugleich als wesentlich aufeinander bezogen genseitig, und diese Gegenseitigkeit ist es selbst, die von den
auf. Dies ist überhaupt die bürgerliche Gesellschaft. Die Individuen gewußt wird. Eins' ist im Andern seiner selbst
20 Rechtsverfassung hat hier ihre Stellung. Das dritte ist dann bewußt (Goethe).E Es weiß aber nicht nur sich im Andern;
die Rückkehr der sittlichen Substanz zu sich selbst. Hier- sondern es weiß auch ebenso, daß das Andere für sich nur ist,
durch ist sie erst ein wahrhaft Geistiges. Sie ist in diesem insofern es seiner bewußt ist als im Andern. Indem jedes so 25
Dritten von sich unterschieden. Es ist der Tag der Sittlichkeit, seine Persönlichkeit im Andern aufgegeben hat, so schaut es
der hier aufgeht. Dies dritte macht den Staat aus, den auch an das Aufgeben der Persönlichkeit im Andern. Es
25 sittlichen Staat. entsteht so eine konkrete, hergestellte Einheit. Julia' sagt bei
180 Die unmittelbare sittliche Substanltialität macht also die Shakespeare: Je mehr ich gebe, je mehr ich habe, denn beides
Familie aus; eine wesentliche Einheit; das Wissen darum ist ist eines.f I Eine nähere Form der Liebe ist nun das Zutrauen 30 183
ein unmittelbares Wissen. Somit ist dies ein Empfinden, und überhaupt, das sich mehr bezieht auf die besondern Zwecke,
dies ist überhaupt die Liebe. Die Substantialität hat zum I Komma eingefügt.
2 Orig. -Einer-.
I Orig. -diese-. 3 Orig. -julie-.

128
das besondere Dasein. Die Liebe ist das Allgemeine; das
T scheinende Weise hervor. Die Begattung ist der Prozeß der
Zutrauen ist dasselbe, nur daß sich dasselbe bezieht auf die Gattung. Das vorher als unmittelbar Ausgesprochene ist nur
Identität in Ansehung der besondern Zwecke und Interessen. als ein Erzeugtes hervorgebracht. Im Erzeugten kommen die
- Als Liebe ist die substantielle Einheit in der Form der Erzeugenden zur Anschauung ihrer selbst, aber nicht in der'
5 Empfindung, des Glaubens, des Zutrauens usf. noch nicht in Weise der Gattung, sondern nur als Einzelne. - Im Geistigen 5
der' Form des Denkens. - Die Familie hat nun also die drei gewinnt dies Verhältnis eine andere Form, die Gattung ist
bereits angeführten Stufen. hier nicht I bloß lebendige, sondern gewußte Einheit, ge- '86
wußte Substantialität. Als solches gewußtes und gewolltes,
wesentliches Verhaltnis'i zeigt sich die geistige Liebe. - Im
a. Die Ehe Sittlichen hat die Persönlichkeit sich als unmittelbare aufge- 10
geben und geht aus dieser Negation alsvermittelt und gewollt
Die Ehe, als ein konkretes, substantielles Verhältnis, enthält hervor. Das natürliche Verhältnis ist also hier nur ein
184 10 mehrere Momente in sich, deren keines allein I den Zweck der Moment; es ist die gewußte und gewollte Gattung und somit
Ehe ausmacht. Als solche besondern Momente können die geistige, substantielle Einheit. - Es ist einseitig, unrecht
genannt werden die Befriedigung des Geschlechtstriebes, die und unsittlich, wenn die Seite des Geschlechtstriebes als das 15
Fortpflanzung des Geschlechts, das mutuum adjutorium". Wesentliche und Einzige in der Ehe festgestellt wird, wie dies
Der Begriff der Ehe ist also das sittliche Verhältnis, welches Kant in seinem Naturrecht tut", Das natürliche Verhältnis
15 eben bezeichnet wurde; sie ist die unmittelbare sittliche wird zu 2 einem geistigen verklärt, ohne I daß es selbst dabei 187
Substanz. Somit hat die Ehe ein Moment der Natürlichkeit; aufgegeben wird. - Wenn von der Ehe gesprochen wird, so
dies ist das Verhältnis der natürlichen Geschlechter zueinan- muß einerseits mit Scham davon gesprochen werden; die 20
der. Seinem Begriffe nach hat dies Verhältnis diese Stellung, Scham ist überhaupt der jungfräuliche Zorn über das bloß
daß das Animalische hier nicht für sich ist, als innerer Or- Natürliche und deshalb Widrige und Unsittliche. Man muß
20 ganismus, noch im Verhältnis zu der äußerlichen, unorgani- deshalb nicht sagen, es sei dieses Verhältnis ein ganz N atiir-
schen Natur, sondern im Verhältnis zu sich selbst, so daß die liches und es könne deshalb auch davon wie von anderen
Beziehung auf sich zugleich im organischen Individuum natürlichen Dingen gesprochen werden. Dies kann nur in 25
185 ist. -I Es ist hier der Prozeß der Gattung. E Im animalischen medizinischer, naturwissenschaftlicher Hinsicht gelten. Das
Organismus ist die Gattung als solche nicht wirklich; das sittliche Moment ist, daß die Natürlichkeit überwunden
25 Allgemeine als solches' kommt erst in der höheren Sphäre zur wird. Auf der andern Seite ist aber dieses natürliche Verhält-
Existenz. Die Gattung erscheint im bloß Tierischen als dessen nis nicht zu betrachten als etwas Unrechtes und Erniedrigen-
Recht. Das Individuum gibt seine Einzelnheit auf, und so des, nicht als ein Mangel, dem man bloß durch Unvollkom- 30
wird die Gattung hervorgebracht. Aber sie kommt nur auf menheit der menschlichen I Natur unterworfen wäre. Es sind 188
dieses zwei Extreme der Ansicht, die hervorkommen kön-
I Orig. -die-.
2 Orig. -murorum adjutoriam-. I -der- eingefügt.
3 Orig. -solche-. 2 Orig. .zum-.

'3° '3
'
T
,

Wenn man sich die Ehe vorstellt, so kommt wohl das


nen. Die letztere Ansicht ist vorgekommen unter dem
Namen der platonischen Liebe; Platon hat indes von dieser sinnliche Moment dabei vor, aber es ist zurückgedrängt. -I 191

Liebe nicht gesprochen. Allerdings spricht er von einer Die Ehe ist mit Recht als ein religiöses Institut behandelt
körperlosen Liebe, die eine andere ist als die, wovon wir hier worden. Diese Einheit der ganzen Persönlichkeit gibt der Ehe
5 sprechen;' die Sphäre der Wissenschaft.E Unter platonischer diesen mystischen oder religiösen Charakter. Der substan- 5

Liebe hat man das bloße Stehenbleiben bei dem Gefallen tielle Geist hat in der Ehe eine Wirklichkeit. Die Ehe ist von
verstanden und dieses auch die ideale Liebe genannt. Die jeher angesehen worden als etwas, das einer kirchlichen
platonische Liebe geht aber durchaus weiter. Jenes Verhältnis Einsegnung bedarf. Die Seite des bürgerlichen Vertrags ist an
ist nun ein bloß einseitiges. Wieland hat es sich zum Geschäft der Ehe die untergeordnete; die religiöse bleibt immer das
10 gemacht, die Einseitigkeit jener Liebe lächerlich zu machen. Wesentliche. Das Aufgeben der Persönlichkeit in der Ehe ist 10

189 Alle 1seine Romane fangen mit einer sogenannten platoni- ein anderes als in der Sklaverei, denn die entstehende substan-
schen Liebe an und stellen diese dann in einem Herabsinken tielle Einheit ist die meinige.
zum Gemeinen dar. E Die Ehe als göttliche, substantielle Verbindung ist etwas über
Das Natürliche wird zu einem Sittlichen, indem es als ein mein Belieben und meine 1 Willkür Erhabenes. Es folgt
15 Moment der Einheit der beiden Geschlechter aufgefaßt wird. daraus, daß die Ehe an sich 1unauflöslich ist. Was Gott 15 192

Das Geistige ist immer das Wesentliche und Substantielle. zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen.J
Die geistige Einheit enthält dieses in sich selbst, daß sie die Das Göttliche in der Ehe ist das Bindende, das ein absolutes
Form der unmittelbaren Natürlichkeit des Für-sieh-Seins der Recht hat gegen das besondere Belieben. Christus sagt weiter,
Persönlichkeit in die Einheit versenkt und diese zur Gattung die Scheidung der Ehe sei von Moses bloß um der Herzens-
20 macht. Es ist im ganzen dasselbe Verhältnis, wie wir beim härtigkeit willen gestattet worden, aber von Anfang an, d. h. 20

Recht von Anfang an gesehen haben. - Das Recht wird zu der Idee nach, sei es nicht so gewesen.f Nur etwa bei
190 einem Dasein, und dieses Dasein ist nur eine Folge 1des Monarchen kann um höherer Zwecke willen, die den Staat
Rechts'. - Die sittliche Einheit wird zum Begierdelosen, betreffen, die Scheidung der Ehe entschuldigt werden. Durch
indem sie das Natürliche in sich aufgenommen hat. Es wird die christliche Religion ist erst die Ehe in ihr wahres Recht
25 damit, indem das geistige Verhältnis zur natürlichen Einheit eingesetzt worden. Bei Anträgen auf Ehescheidung ist mit 25

wird, die Unmittelbarkeit zum Moment gemacht. - Die Recht die Zuziehung eines Geistlichen gefordert worden. I In 193

natürliche Seite hat also nur Würde, indem sie in die sittliche Zeiten der Bildung werden Ehescheidungen häufiger gefor-
Einheit aufgenommen wird; für sich ist sie das bloß Animali- dert, durch die Reflexion vermehrt sich die Härte des Men-
sche und des Menschen nicht würdig. Die Bestimmung des schen, sich in einem substantiellen Verhältnis zu erhalten. -
30 Individuums ist also, Mitglied einer Familie zu sein und das Die einfachem Stände, die nicht zu solcher Sprödigkeit und 30

sinnliche Verhältnis zu heiligen dadurch, daß es zu einem zu so bestimmter Verfolgung besonderer Zwecke gekommen
sittlichen Moment herunrergesetzt'i wird. sind, werden seltener das Bedürfnis der Ehescheidung zeigen.
In höheren Ständen wird die Ehescheidung häufiger gefordert
I Orig. steht ein Komma. Es folgt: -Die...c.
2 Orig. -Daseins•. I -meine- eingefügt.

'}2 '33
werden, und es wird hier auch mehr zugegeben werden
T
,
Gegenstande wiedergefunden wird. In einer edeln Natur
müssen, daß sie geschieht. Der Gesetzgebung liegt es über- nimmt die Liebe jenen hohen Charakter an. Die Überwin-
haupt ob, die Ehescheidungen zu erschweren. dung des Gefühls ist nun aber weiter, sich in diesem Zustande
Es ist der Wille überhaupt, der konkrete Wille als Neigung ausgefüllt zu finden, keinen weiteren Zweck zu kennen. Die
5 pp. der Individuen, wodurch die Ehe begründet wird. Die Liebe ist nun zugleich eine Leidenschaft, weil diese Unend- 5
194 Ehe kann nicht erzwungen I werden. Der Wille kann nun in lichkeit, diese Versenkung in ein Anderes zugleich ein End-
Ansehung des Ausgangspunktes auch eine eigenwilligere liches ist, an eine bestimmte Form gebunden erscheint. Der
Form haben. Die höhere Bildung macht hier größere Ansprü- Mensch hat als Geist nun noch weitere Zwecke für den Staat,
che. In einfachern Zuständen pflegen wohl die Eltern dafür die I Wissenschaft und das Allgemeine überhaupt als solches. 197
10 zu sorgen, daß ihre Kinder versorgt werden. Die Grundbe- Die eheliche Liebe wird nun zu dem leidenschaftslosen 10
dingung der Ehe ist notwendig wesentlich Sorge der Eltern. Element; das Wesentliche des sittlichen Verhältnisses ist
Die füreinander Bestimmten liebten sich dann 1 einander, weil beibehalten. Die Leidenschaft ist darum nicht mehr als solche
sie in die Ehe treten sollten. Der andere Anfang geht mehr vorhanden, weil die Hindernisse, die früher entgegenstan-
von der besondern Neigung der Individuen aus. Im sittlichen den, hinweggefallen sind. Als Beschränktes also ist die Liebe
15 Verhältnis ist beides, die Einwilligung der Eltern und die Leidenschaft. Weil sie beschränkt ist, so ist in ihr die ganze 15
derer, welche in die Ehe treten, gleich wünschenswert. - Die Totalität, wenigstens der Form nach, enthalten. Es ist in ihr
195 Besonderheit der I Neigung kann nun eine große Ausdeh- zugleich das 1 Moment des Unterschiedes; es ist deshalb nicht
nung haben, und es können hier große Prätentionen stattfin- bloß die Einheit vorhanden. In der ehelichen Liebe sind die
den. Je mehr die Reflexion sich ausbildet, je mehr kann auch Trennungen aufgehoben; die in diesem Verhältnis Stehenden
20 diese Besonderheit ausgebildet sein. Der Ausgangspunkt VOn leben in dieser Identität ohne Hindernis. Es erwacht wieder I 20 198
der Sorge der Eltern kann im ganzen als der sittlichere an- das Bedürfnis der Trennung, das Bedürfnis, andere Zwecke
gesehen werden; der andere Ausgangspunkt enthält mehr die nach außen zu haben. Das Moment des Unterschiedes hat die
Besonderheit und Willkür in' sich. Es kann gesagt werden, es leidenschaftliche Liebe noch in sich selbst. Gerade das Unbe-
sei der sittlichere Gedanke," überhaupt' eine Frau oder einen friedigte ist es, wodurch die Liebe Leidenschaft ist. Von der
25 Mann haben zu wollen.K ehelichen Liebe geht die Tätigkeit nach anderen, weiteren 25
In vielen Schilderungen erscheint die Liebe als Leidenschaft, Zwecken aus. Dem Manne gehört vorzüglich diese Richtung
als die ausschließende, göttliche, die in der Ehe herabge- nach außen. In der Ehe hat er einen substantiellen Boden für
196 stimmt wird. Daß die Liebe überhaupt sich als das I Hohe, seine EinzeInheit gefunden. Es ist hier eine reale, substantielle
Göttliche ansieht, dazu hat sie volles Recht. Als deren Wesen Einzelnheit, das Recht des Individuums und dessen Wohl
30 war nun überhaupt das Aufgeben der Persönlichkeit anzuge- beziehen sich nur auf dessen Besonderheit. - In der ehelichen 30
ben", so daß die eigene Persönlichkeit in dem geliebten Liebe ist also das Bewußtsein der vollkommenen Identität,
von wo aus das Individuum sich für'K Zwecke einer höheren I 199
I Orig. sdenn-. 4 Orig. Komma nach -überhaupt-.
2 Orig. -an-. 5 Orig. saufzugebene I Orig. -der-.
3 Komma eingefügt. 2 Orig. radiertes Wort zwischen -für- und -Zwecke-.

134 135
Substantialität bestimmen kann. Der Mann erscheint somit Trennende, Entzweiende fällt auf die Seite des Mannes, der
erst in der Ehe wahrhaft begründet. sich aber zugleich in dieser Entzweiung erhält. Es I kommt SO 202
Indem besonders die Liebe als Leidenschaft das Interesse für dem einen Geschlecht das Fürsichsein zu. Der Mann kann
sich erweckt, so macht dies einen Unterschied aus gegen die sich im Abstrakten, Verständigen befriedigen, herumschla-
5 Darstellung der Liebe in antiker Form. In neuern Zeiten ist gen; auf der andern Seite kommt dem Mann die Allgemein- 5
das Interesse der Leidenschaft der Liebe besonders hervorge- heit zu, die Objektivität überhaupt. Kampf, Feindschaft,
hoben. Bei den Alten tritt eigentlich Leidenschaft der Liebe Haß hat der Mann zu übernehmen und ihren Widerstreit
erst bei Euripides auf.E In dem Romantischen ist überhaupt auszumachen. So kommt dem Mann ferner der Erwerb
das Prinzip der Subjektivität so stark hervortretend; in der wesentlich zu; und dann 1 die Objektivität in ihrer eigentli-
10 alten Welt hingegen ist die Subjektivität nur Form eines chen Gestalt, die Arbeiten im Staat und in der Wissenschaft 10
allgemeinen Inhalts. Wo die Liebe bei den Alten behandelt und die Zwecke der Kunst. - Die andere Seite ist die der Frau,
200 wird, da ist es meistens I noch die eheliche Liebe: Hektor und deren Charakter überhaupt ist, die innere Harmonie des
Andromache.f - Die Liebe hat nun allerdings ihr Recht; aber Geistigen und Sittlichen überhaupt zu bewahren. Es ist
insofern sie als Leidenschaft auftritt, so mischt sich immer übrigens hier nicht an die gewöhnliche Psychologie zu den-
15 eine Besonderheit hinein. Wenn Hindernisse der Leiden- ken, wonach I die einzelnen Seelenkräfte als gleichgültig 15 203
schaft der Liebe entgegentreten, so betreffen diese nur das nebeneinander liegende betrachtet werden. Nach dieser
besondere Interesse, nicht die Berechtigung überhaupt. In Ansicht kann es erscheinen, als ob der Frau gewisse Vermö-
der Verletzung des Rechts überhaupt wird das Allgemeine gen des Geistes abgesprochen würden. An eine solche
verletzt. Ein Allgemeines würde verletzt, wenn ein Indivi- schlechte Trennung ist überhaupt gar nicht zu denken. Der
20 duum gezwungen würde, im ehelosen Stande zu leben. In den Unterschied kann nur die Art und Weise der Äußerung 20
antiken Darstellungen sind es sittliche Mächte als solche, die betreffen. Das eine Geschlecht stellt die geistige Form in ihrer
sich aneinander zerschlagen und aufreiben. Wenn die Leiden- einfachen Gediegenheit dar, während das andere Geschlecht
schaft der Liebe, so z. B. auch in der »Antigone« des Sopho- den Gegensatz, das Auseinandergehen der Einheit darstellt.
201 kles, vorkommt, so ist I ihre Stelle nur eine untergeord- Dem Manne kommt der Kampf, die Spannung gegen die
25 nete." organische Natur und gegen die Welt überhaupt zu. Ebenso 25
Die Personen, welche in die Ehe treten, sind nicht verschie- gehört ihm mehr die abstrakte Allgemeinheit. I Der Mann 204
den überhaupt, sondern ihr Unterschied ist ein realer und kann so überhaupt einseitiger sein als die Frau. Es ist das
bestimmter: Mann und Frau. Weil es hier substantieller Geist Verständige als solches, die verständigen Wissenschaften sind
ist, der sich in sich unterscheidet, so ist sein Unterschied auch mehr Eigentum des Mannes als der Frau. Die Arbeiten nach
30 ein wesentlicher, wahrhafter. Es ist die sittliche, geistige Be- außen und nach innen fallen dem Mann anheim. Bloße 30
deutung des Unterschiedes des Geschlechts aufzufassen. Der Kenntnisse als solche in ihrer Vereinzelung sind vornehmlich
Unterschied kann kein anderer sein als der des Begriffs, so Eigentum des Mannes. Wir Deutschen sind besonders darin
daß das eine Geschlecht der Unterschied in sich selbst ist, groß, vollständige Sammlungen zu machen. Die Frauen
während das andere die neutrale Einheit darstellt.f Das I Orig. -denn-.

137
begnügen sich dagegen nicht mit solchen abstrakten Kennt- Gewöhnlichen, ja Gemeinen zurück. Bei der Frau ist mehr
nissen. Dasselbe gilt von den Franzosen, die überhaupt mehr der Sinn für das Ganze, das Schickliche und Beständige
Weibliches in ihrem Charakter haben als die Deutschen. - vorherrschend, und hierin ist zugleich eine gemütliche Sorge
Was nun das eigentlich Geniale in der Kunst und in der für das Besondere. Die Frau ist-so konkreter als der Mann, an
205 5 Wissenschaft und I ebenso in der Wirklichkeit der Welt, dem ihr ist die substantielle Sittlichkeit dargestellt. Die Frau ?at 5
Staat, betrifft, so ist dies vorzüglich Eigentum des Mannes. Es diese Geduld und diese IErgebung, die durch die Reflexion 208

handelt sich hier überall um ein Allgemeines. Alles Große, verloren geht. Die Männer sind deshalb mehr verdrießlich als
was in der Welt hervorgebracht worden ist, alle Epochen in die Frauen, welche überhaupt in der Schönheit des sittlichen
der äußern wie in der innern Weltgeschichte, sind wesentlich Geistes stehen bleiben. Die Frauen haben im allgemeinen viel
10 durch Männer hervorgebracht worden. Es kann im ganzen mehr Ähnlichkeit untereinander als die Männer, die insofern 10
von keiner Frau gesagt werden, daß sie Epoche in der origineller sind. Der eigentümliche Kreis der Frau ist über-
Weltgeschichte gemacht habe. Zu solchen großen Erzeugnis- haupt die Familie und das Privatleben, die Frau thront in der
sen gehört aber eben jene ungeheure Kraft, sich im Gegensatz Familie. Das häusliche Leben und das öffentliche Leben sind
zu halten. Der große Charakter ist der, welcher einen großen überhaupt die beiden Sphären, innerhalb deren das sittliche
15 Kampf, einen großen Schmerz, eine unendliche Zerreißung Leben sich bewegt. Wenn Frauen sich auf studierte Arbeiten 15
in sich überwunden hat. Mit der bloßen Natürlichkeit wer- einlassen, so geschieht es leicht, daß jener gegenwärtige I 209

)
206 den große Kunstwerke nicht I hervorgebracht. Alle großen Geist, jenes Wachsein für das, was in jedem Augenblick da
Werke der Wissenschaft, der Kunst und der Geschichte ist, wodurch die Frauen geziert werden, leidet. - Man wirft
setzen jene Entzweiung, jene Abscheidung von sich selbst den Frauen Eitelkeit vor; die Befriedigung der Persönlichkeit
20 voraus, die dem einfachen, im Frieden mit sich selbst bleiben- nimmt bei den Frauen diese Richtung. Es ist nicht ein 20
den Charakter der Frauen nicht zukommt. Das Vortreffliche besonderer Zweck, den die Frauen in der Eitelkeit befolgen,
bietet dann allerdings wieder den Anblick der Harmonie dar, sondern ihre Persönlichkeit überhaupt. Die Männer trifft
aber nicht einer unmittelbaren, sondern einer hervorgebrach- mehr der Vorwurf des Eigendünkels, die etwas Besonderes
ten. Zum Herrschen, zum Befehlen gehört diese Konzentra- verfolgen und dieses für etwas Allgemeines ausgeben wollen.
25 tion der Kraft in sich, diese Konzentration des Charakters, - In Rücksicht auf Staatssachen nimmt die Tätigkeit der 25
der festhält an seinem Zweck und das Entgegenstehende nicht Frauen leicht den Charakter der Intrige an. Wenn in einem
achtet. Die Frauen sind dagegen das in der innern Harmonie Staate die Frauen zur Regierung I kommen oder die jugend, 210

Bleibende, welches einfach wie eine Blume sich entfaltet, so ist der Staat krank und geht leicht zugrunde. Die jugend
207 ohne Kampf I und ohne Widerstreben. Der Mann bedarf der will das Formlose, Ungestaltete, und es wird dabei leicht die
30 Anschauung dieser Harmonie, um sich selbst wiederzufin- Seite des Einzelnen vernachlässigt, deren sich dann die Intrige 30
den. Der Mann fängt mit dem Gegensatz an, er macht sich bemächtigt. - Das Wahre, Substantielle gelangt an die Frau
Ideale, geht auf Abenteuer aus. Der jüngling meint anfangs, • vorzüglich in der Form der Religion. Die Frauen sind im
wenn er in die Welt komme, so müsse es ganz anders werden, ganzen religiöser als die Männer. Schiller bemerkt, daß das
er habe bisher nur gefehlt, und fällt dann oft zu dem ganz Dasein, das Erscheinen der Frauen überhaupt ihre Tugend

'39

.\
ist, während der Mann sich in den Kampf, in den Zwiespalt Die über die Ehe vorgetragenen Bestimmungen könnten nun
begeben, den Frieden mit sich und der Welt brechen muß, um auch in anderer Form ausgesprochen werden, wie dies bei
211 ihn sodann erst wieder zu erobern.f I einem jeden Kapitel bemerkt werden könnte. Jene Bestim-
Die Frauen sind verschiedentlich behandelt worden, zu mungen können aus dem Gesichtspunkt des Rechts und der'
5 verschiedenen Zeiten von verschiedenen Völkern; zwischen Tugend betrachtet werden. Allein I es ist überflüssig, diese 5 214
beiden Extremen die würdige Behandlung. Formen zu wiederholen.
Man hat sich vielfältig bemüht, feste und wesentliche Bestim- Die Ehe ist als ein sittliches Verhaltais ein! Verhältnis der
mungen über die Ehe hinsichtlich ihrer Bestimmung als Gesinnung. Es ist insofern möglich, daß die sittliche Empfin-
Monogamie, Polygamie und Polyandrie ausfindig zu ma- dung in den Ehegatten sich schwächt, und die Ehe ohire\
10 ehen. Man hat sich hier hauptsächlich an natürliche Verhält- Gesinnung ist eine leere Äußerlichkeit, die sie nicht sein soll. 10
nisse gehalten; allein diese können nicht entscheiden. In Die Ehe macht überhaupt die substantielle Grundlage des
sittlicher Rücksicht muß gefordert werden, daß die Ehe Staats in Beziehung auf die Individuen aus. Auf diese kann
wesentlich monogamisch sei. Aus dem oben angegebenen der Staat sich eigentlich nur verlassen, insofern sie in dem
Begriff erfolgt unmittelbar, daß, wenn die Ehe nicht mono ga- Verhältnis einer solchen sittlichen Einheit stehen", wie die
212 15 misch ist, ein Teil wesentlich I verletzt werden würde, denn er Familie ist. Als vereinzelte Individuen sind sie unstet und '5
erhielte sich nicht auf eine vollständige Weise zurück. unzuverlässig. Das Innere der Persönlichkeit erscheint durch
Die Innigkeit des Verhältnisses kann nur aus der unge- die Ehe als ein Befestigtes. In der I Familie ist die Gewißheit, 215
teilten Hingebung der beiderseitigen Persönlichkeit hervor- die reine Einzelnheit, nicht mehr dieses Unstete und Ab-
gehen. strakte. Die Seite der Empfindung ist durch die Ehe zu einem
20 Ein Ferneres ist die Frage nach der Zulässigkeit der Ehe unter Objektiven, Befestigten und Sittlichen geworden. Der Staat 20
nahen Blutsverwandten. Man hat das Verbot der Ehe in hat also das Interesse, daß seine Organe nicht ein so Schwan-
diesem Grade auf eine Scheu der Natur im allgemeinen kendes und Willkürliches sind wie die ehelosen Individuen.
begründet. Das hier zum Grunde liegende Gefühl ist aber In der älteren Geschichte kommt es oft vor, daß Staatsrevolu-
nicht bloß etwas Instinktartiges, das nicht in die Form des tionen durch Verletzung des Verhältnisses der Ehe entstan-
25 Gedankens erhoben werden könnte. Wir sehen, daß das in den sind. (Trojanischer Krieg: HelenaE • Vertreibung der 25
der Ehe stattfindende Auslöschen der Person eine freie Könige aus Rom: Lucretiaf.)! Es muß eine sittliche Autorität
Hingebung ist, eine Art der Freiheit überhaupt. Es soll also vorhanden sein, die das Recht der Ehe behauptet gegen die
213 die eheliche I Verbindung Sachedes freien Willens sein. Bluts- Willkürlichkeit und die Meinung der Individuen. Diese
verwandte sind dagegen durch die Natur schon vereinigt, Autorität hat indes zu unterscheiden zwischen I der bloßen 216
30 natürlich identisch. Nach der Natur des Begriffs sollen sich Willkürlichkeit und Veränderlichkeit und der totalen Ent- 30
solche verbinden, die vorher getrennt waren, eine Ehe soll fremdung der Gemüter. Im letzteren Fall muß allerdings eine
gestiftet werden durch den völlig freien Willen. Der Begriff Trennung stattfinden können.
enthält überhaupt dies, daß das ursprünglich Ungleiche
I -der- eingefügt. 3 Orig. -steht-.
identisch gesetzt wird. 2 Orig. -im-. 4 Klammern eingefügt.
b. Eigentum der Familie geringen Teil bekommen. Dies ist eine Willkür, die der Staat
nicht zu garantieren braucht. Ihm ist es nicht um diese oder
Die Familie muß im allgemeinen Eigentum haben wie die jene Familie, sondern nur um die Familie überhaupt zu tun.
Person. Weil aber die Familie nicht eine abstrakte Person ist, Bei dem Bestreben, dem Vermögen eine solche äußerliche
so tritt auch für das Eigentum die Bestimmung ein, daß es ein Festigkeit zu geben, wird auf die eigene Tätigkeit und 5
5 sicherer, fortdauernder Besitz sein soll. Das Bedürfnis ist hier Regsamkeit der Individuen Verzicht getan; diese werden
nicht mehr bloß ein abstraktes Bedürfnis, nicht Eigensucht gewissermaßen glebae! adscripti". Die Nichtverschuldbar-
und Begierde. Es ist ein sittliches Ganzes, für welches gesorgt keit, welche in einer Rücksicht als vorteilhaft erscheint, ergibt
217 werden muß. Als ein Gemeinsames erhält das I Eigentum sich in anderer Hinsicht wieder als durchaus nachteilig.
jetzt einen sittlichen Charakter. Wir sehen in der Geschichte
10 der Staaten immer vorzüglich diese beiden Momente hervor-
gehoben, daß die Ehe eingeführt worden ist und mit der Ehe c. Auflösung der Familie 10
festes Eigentum, besonders Grundbesitz. Die bloß einzel- überhaupt, Erziehung der Kinder! I 220
nen 1 Personen respektiert man schon in der Vorstellung
weniger; daß für eine Familie gesorgt werde, wird schon in In den Kindern wird den Eltern ihre sittliche Einheit wirk-
15 der Vorstellung als etwas Notwendiges betrachtet. - Das lich. Die Kinder sind zunächst ein Geschlechtsloses, in dem
Vermögen kann gedoppelter Art sein, Grundbesitz und die die Differenz noch nicht hervorgetreten ist. Die Kinder sind
Bedürfnisse anderer''. Daß dem Mann die Verwaltung des Mitglieder der Familie, und sie haben so das Recht, ernährt 15
Familienvermögens hauptsächlich zukommt, geht aus dem und erzogen zu werden. Ihre Eltern haben nun Gehorsam
früheren hervor. Die Glieder der Familie sind nicht Personen von ihnen zu fordern und auch Dienste, aber nur so, wie sie
218 20 gegeneinander, und sie sollen also i deshalb auch eigentlich das Verhältnis der Familie mit sich bringt. Allein die Eltern
kein besonderes Eigentum haben. - In der römischen Gesetz- haben kein Recht, ihre Kinder als Sklaven zu betrachten, wie
gebung war die Bestimmung besonders herrschend, daß das dies nach dem römischen Rechte der Fall ist. Der beschlie- 20
Vermögen der Eheleute getrennt blieb; das Vermögen der ßende Wille fällt noch außerhalb der Kinder, und diese sind
verstorbenen Frau fiel nicht allein dem überbliebenen Mann den Eltern deshalb Gehorsam schuldig. Das Recht der Eltern
25 nicht zu, sondern selbst den Kindern nicht; es fielvielmehr an gegen die Willkür der Kinder hat nur den Zweck, diese
die Familie der Frau zurück. Es ist nun ein durchaus unsittli- Willkür, I als ein Unvernünftiges, zu brechen und in Zucht zu 221
ches Verhältnis, daß die Frau ein eigenes Vermögen behalten nehmen. Die Strafen der Kinder haben gleichfalls nicht die 25
soll. Das Eigentum der Familie zu einem festen und bleiben- Bedeutung, daß an ihnen das Recht wirklich werde, sondern
den zu machen, hat eine politische Bedeutung, die später es ist dabei nur auf die Zucht des Kindes abgesehen. Das
}O betrachtet werden wird. Bei der Festmachung eines Vermö- Bestrafen ist hier wesentlich subjektiver, moralischer Natur.
gens ist es eine natürliche Folge, daß die Töchter entwe- Der Zweck der Erziehung der Kinder ist überhaupt, sie zu
219 der I von der Erbschaft ausgeschlossen werden oder nur einen I Orig. -plebae-.
I Orig. -einzelne-. 2 Überschrift weicht ab von der -Inhalrsanzeige« -c. Auflösung der Eamiliec

14 2 '43
T
selbständigen Personen zu machen. Die Kinder sind zunächst die Kinder selbständig werden und fähig, eine eigene Familie
an sich frei, aber nur an sich; das, was sie an sich sind, frei 1, zu stiften. Die neue Familie, die sie stiften, wird dann das aus
das sollen die Kinder ferner auch für sich werden. So haben ihrer sittlichen Freiheit hervorgehende Erzeugnis. Nach dem
die Kinder einerseits ihre positive Heimat in der Familie, aber römischen Recht waren auch die majorennenf Söhne nicht
5 andererseits haben sie dagegen auch eine negative Richtung, eigentumsfähig, nur ein peculium castrense" war ihnen zuge- 5
222 indem I sie zur Selbständigkeit bestimmt sind. Im Leben in standen. Es gehört dies zu den ganz unsittlichen Bestimmun-
der Familie soll das Sittliche als eine Grundempfindung in den gen des römischen Familienrechts überhaupt. Es ist eine
Kindern hervorgebracht und befestigt werden. Es ist wesent- überflüssige und saure Mühe, diese Konsequenz, mit der jene
lich, daß jemand die Sittlichkeit zuerst als unbefangene Liebe Verhältnisse I bei den Römern ausgesponnen sind, diesen 225
10 und Zutrauen erkenne. Deshalb muß es immer ein Unglück Plunder, immer noch zu studieren. 10
genannt werden, wenn jemand in seiner ersten Jugend des Eine natürliche Auflösung der Familie führt der Tod der
Lebens in der Familie entbehrt. Das Verhältnis des Kindes Eltern herbei. Dies begründet das Erbschaftsverhältnis. Da
Zur Mutter ist besonders das der Liebe; ein Kind, das seine die Mitglieder der Familie als gemeinschaftliche Teilhaber des
Mutter früh verliert, hat noch mehr verloren, als wenn es den Familienguts erscheinen, so ergibt es sich, daß die Kinder
15 Vater früh verliert. - Die negative Seite ist nun, daß das Kind durch die Erbschaft nicht ein neues Eigentum akquirieren. 15
223 aus dieser Form der bloß unmittelbaren I Sittlichkeit treten, Fichte und einige andere haben den Grund des Erbrechts auf
daß es für sich werden muß. Das Kind soll selbständig eine andre Weise darzutun gesucht. Es wurde so gesagt, das
werden, eine freie Persönlichkeit. Das Kind hat selbst das Eigentum eines Verstorbenen werde eigentlich herrenlos,
Gefühl des Kontrastes in 2 sich; auf der einen Seite hat es das und es sei die positive Gesetzgebung, die den gewöhnlichen
20 unbegrenzte Zutrauen zu seinen Eltern, auf der andern Seite Zufall, daß die Verwandten das hinterlassene Gut eines 20
aber will es groß werden und ist nicht befriedigt in seiner Verstorbenen I in Besitz nehmen, zur Regel mache.I Dies ist 226
Kinderwelt. Es ist deshalb eine schiefe Ansicht in der Pädago- eine nur äußerliche Darstellung. - Der allgemeine Grund des
gik, daß man den Kindern durchaus ihren Zustand als einen Verhältnisses ist der oben angegebene. In der bürgerlichen
der Befriedigung vorstellen und ihn zu einem solchen machen Gesellschaft, wo die Selbständigkeit der Personen die wesent-
25 müsse. liche Bestimmung ist, treten die Glieder der Familie bald 25
Dies ist die spielende, kindische'' Pädagogik; die Erwachse- auseinander; die Geschwister werden Häupter der Familie,
nen werden den Kindern verächtlich, die nur immer kindisch und es sind eine Menge von Interessen, nach denen 1 jedes
mit ihnen sich benehmen. Jene Pädagogik verunreinigt den Mitglied der Familie sich jetzt fixiert. Mit der individuellen
224 eigenen Trieb der Kinder, I der sie treibt, weiterzukommen. Selbständigkeit tritt überhaupt die Willkür ein, über sein
30 Das andere ist dann, daß die Kinder durch eine solche Vermögen nach bloß subjektiven Zwecken zu schalten. - 30

Behandlung das Interesse verlieren an etwas Höherem, Sub- Eine Folge dieser Willkür ist danrr', daß dieselbe so weit
stantiellem. Dies ist die sittliche Auflösung der Familie, daß anerkannt wird, daß auch die auf den Fall I des Todes getrof- 227

I Orig. -das, was sie an sich frei sind-. I Orig. -dem-.


2 Orig. -an-. 2 Orig. -denn-.

144 145
r
fenen Bestimmungen anerkannt werden. Zugleich muß diese miteinander in Verkehr treten. Eine solche Vielheit der
Willkür auch durch die erste Grundlage des Erbschaftsrechts Familien macht überhaupt das aus, was man bürgerliche
beschränkt werden. Dies ist die Bestimmung, daß die Eltern Gesellschaft nennt. I 230

den Kindern ein Pflichtteil machen müssen. Man kann die


5 Befugnis zu testieren so ansehen, daß ein Individuum sich
gleichsam eine geistige Familie gemacht hat, einen Kreis von 2. Die bürgerliche Gesellschaft
Freunden und Bekannten, und daß die testamentarische
Disposition nichts anderes ist als eine Erklärung: dies ist Man kann die bürgerliche Gesellschaft auch als Staat betrach- 5

meine geistige Familie, die nach meinem Todesfall in mein ten, aber dies ist bloß der Notstaat. - Der innere Übergang
10 Vermögen treten soll, das nach dem Sinn unserer Verbindung
der Familien zur bürgerlichen Gesellschaft ist der Übergang
eigentlich schon ein gemeinsames ist. Nur so betrachtet des Begriffs. Die Familie erschien als substantielle Einheit,
228 gewinnt die Befugnis I zu testieren einen vernünftigen Sinn'. die in sich noch nicht zum Gegensatz übergegangen war. Die
Die Willkür, über sein Eigentum nach dem Tode zu verfügen, in der Familie stattfindenden Unterschiede sind noch nicht 10

hat sonst überhaupt nichts Sittliches. Die Befugnis, Testa- Unterschiede des Gedankens. Der Begriff des Sittlichen muß
15 mente zu machen, hat, wenn sie zu ausgedehnt ist, nur eine
seine Momente realisieren, und die Sittlichkeit muß sich
Verletzung sittlicher Verhältnisse zur Folge, niederträchtige insofern verlieren. Die konkrete Person erscheint jetzt als
Bemühungen, um eine Erbschaft zu erschleichen, und besonderer Zweck für sich, und die Allgemeinheit ist von ihr
schmähliche Abhängigkeit, in der solche, die einer Erbschaft verschieden, steht ihr gegenüber. I Mit der bürgerlichen Ge- 15 231

warten, gehalten werden können. - Die weite Ausdehnung, sellschaft ist das Prinzip des Eigennutzes gesetzt; jeder ist sich
20 die diese Befugnis zu testieren im römischen Recht hat, muß
selbst Zweck. Sodann aber sind diese Differenten zugleich
sonach verderblich genannt werden. - Vermächtnis eines identisch; jedoch sind sie dieser Identität sich nicht bewußt.
Kaufmanns, zufolge dessen der Erbe täglich die Londoner Denn Einheit und Allgemeinheit ist nur eine innere; das
Börse besuchen mußte. Diese Bedingung wurde dem Erben Verhältnis der Einzelnen ist nicht ein Verhältnis der Freiheit, 20

229 so lästig, daß er das große Vermögen, das I ihm anheimgefal- sondern der Notwendigkeit. Sie sind aufeinander bezogen
25 len war, aufgab. Die Seite der Erbschaft ist überhaupt eine
wider ihr Wissen und wider ihren Willen. Die Besonderheit
der schmutzigsten und häßlichsten Seiten der Menschen im verliert sich so in sich. Ich als Besonderes habe meinen Zweck
und meine Bedürfnisse und sorge nur für mich. Aber ich bin
Verkehr miteinander.
Die Familie löst sich also auf, sie geht auf natürliche Weise in nicht so isoliert, ich kann meine Bedürfnisse nur befriedigen 25

eine Menge von Familien auseinander. Diese Familien verhal- in Beziehung auf andere. Die anderen sind für mich ein
30 ten sich zueinander als selbständige Personen. Das nächste ist
Undurchdringliches. Diese I Beziehung auf andere ist eine 232

also, daß wir das Verhältnis solcher Personen zueinander Beziehung der N orwendigkeit. Ich muß mich fügen, denn ich
betrachten. Es mögen nun viele Familien von einem gemein- kann meine Bedürfnisse nicht befriedigen ohne die Hilfe der
samen Stamme ausgehen, oder es mögen fremde Familien andern, und ich bin dadurch in der Abhängigkeit von andern. 30
Es ist dies überhaupt die Sphäre der Abhängigkeit und der
I -Sinn- eingefügt.

'47
Not. In dieser Abhängigkeit liegt nun die an und für sich Zufälligkeit. Damit ist dieses zugleich die Sphäre der Not,
seiende Identität zugrunde derer, die sich zueinander verhal- indem ein jedes Individuum abhängig ist vom andern. Es ist
ten. Alle, als absolut Besondere gegeneinander, würden sich hier die Sphäre, worin alles Besondere sein Ergehen und sein
nur wie die Tiere gegeneinander verhalten. Die daseiende All- freies Spiel hat; wohlwollende und übelwollende Neigungen
s gemeinheit tritt nun ein. Indem ich mich nur durch den Wil- finden hier auf gleiche Weise ihren Platz. Es kann hier das 5

len anderer in meinen Bedürfnissen befriedigen kann, so bin Elend und das Verderben hervorbrechen. In dieser Sphäre der
ich für die andern, muß sein, was sie wollen, und muß mich Abhängigkeit und der Not ist also das Versöhnende der
ihrer Vorstellung'f fügen. Darin liegt überlhaupt, daß ich Schein der Vernünftigkeit.
233
von meiner Besonderheit abgehen und mich setzen muß in die Wir stehen hier an der Entfremdung der Sittlichkeit. Es sind
10 Weise der Übereinstimmung. Ich muß mir so die Form der gegen diese Sphäre teils gerechte Klagen und mehr noch 10

Allgemeinheit geben, mich für die andern zu etwas machen. Deklamationen gerichtet worden über das Verderben und die
Dadurch stumpfe sich die Zufälligkeit, das bloß besondere Not, die über die Menschen hereingebrochen sind dadurch,
Belieben, gegenseitig ab. Es isr' hier nicht mehr wie in den daß sie in Gesellschaft getreten sind. Edle und große Gemü-
Familien, wo ich gelte durch das, was ich unmittelbar bin. In ter, wie Rousseau, I haben durch den Anblick des vielfältigen 236

15 der Familie ist es das Band der Liebe, welches die Individuen Elends, zu dem die bürgerliche Gesellschaft sich steigern 1 15

auf ganz subjektive Weise verbindet. Hier tritt also in diese kann, wohl allerdings zu Klagen über die bürgerliche Gesell-
Sphäre der Besonderheit wesentlich das Moment der Allge- schaft aufgefordert werden können.P In patriarchalischen
meinheit ein; diese wird hier in einem Dasein verwirklicht. Staaten ist dieses Moment noch gat nicht vorhanden; das
Diese Allgemeinheit ist indes nur noch die formelle, und es ist Hervortreten desselben in den Staaten des Altertums führte
20 der Verstand, der hier geltend ist. Das bloß Unmittelbare, zugleich den Untergang derselben herbei. Die alten Staaten, 20

die I Empfindung, die Subjektivität wird hier abgearbeitet. welche auf der sittlichen Einheit des Glaubens und des
234
Dieses ist daher überhaupt die Stufe der Bildung, die darin Zutrauens beruhten, konnten eine solche Entzweiung nicht
besteht, daß das Besondere in die Form der Allgemeinheit ertragen und mußten darunter zugrunde gehen. Es gehört
umgewandelt wird. Es sind in dieser Verrnittelung zwei dazu eine höhere Form der Staaten. Es ist bereits früher
25 Momente: Ich sorge für mein Wohl, erreiche mein Interesse bemerkt worden, daß es dieses Moment ist, was in der 25

in Vermittelung mit andern, die ebenso für ihr Wohl sorgen; Platonischen Darstellung des Staats fehlt. E Platon hat das I 237

zugleich tritt aber auch das Moment der Allgemeinheit ein, Wesen des Staats erkannt, aber nur unter der Form seiner
als Schein der Vernünftigkeit. Diese Allgemeinheit macht so Zeit. Er sucht das Prinzip der einzelnen Persönlichkeit
das Moment der Rückkehr, der scheinenden Freiheit aus; dies deshalb ganz aus dem Staate zu entfernen. Deshalb gestattet
30 ist die versöhnende Seite dieser Sphäre. Nach der Seite der er auch kein Privateigentum und kein Familienleben. Der 30

Besonderheit ist sie überhaupt die Sphäre der Willkür und der Platonische Staat ist insofern allerdings einseitig zu nennen.
235 Zufälligkeit, der sittlichen, moralischen wie der I äußerlichen Er hat nicht diese Wirklichkeit, welche das Prinzip der
unendlichen Persönlichkeit vereinigen kann mit der substan-
I Orig. -Darscellung-.
I Orig. -steigen-.
2 .is« eingefügt.

149

tiellen Einheit des Ganzen. Diese substantielle Einheit ist Zwecke ist nun die Bestimmung des Verhältnisses anders als
überhaupt die Grundlage des Staats. Was das Prinzip der für das vernünftige Erkennen. Das Besondere ist hier Zweck,
griechischen Welt ausmachte, hat Platon richtig gefaßt; den und das Allgemeine ist nur MitteL Die Form der Allgemein-
weiteren Fortschritt dieses Prinzips erkannte er nur als heit wird nicht als solche erstrebt. In der vernünftigen
5 Verderben, und dieses suchte er zu entfernen. Erkenntnis ist das Allgemeine der Zweck und die Besonder- 5
238 Die Individuen erscheinen auf I dieser Stufe nur alsPrivatper- heit nur das Mittel. Es zeigt sich hier das Scheinen der
sonen, als bourgeois. Das Recht des besondern Willens ist Vernünftigkeit in dieser Sphäre. Im Allgemeinen geht das
es, was die Menschen besonders unter der Freiheit zu verste- Abtun der Besonderheit als eine notwendige Wirkung her-
hen pflegen. Bürgerliche Freiheit soll so sein, nicht be- vor. Dies ist überhaupt das Versöhnende in dieser Sphäre.
10 schränkt zu 1 werden in seiner Neigung, seiner Willkür, der Wenn man die Verächtlichkeit oder wenigstens die Gleich- 10
Ausübung seiner Geschicklichkeit usf. Dieses Recht der gültigkeit der besondern Zwecke auf der einen Seite betrach-
Besonderheit ist nun das, was im patriarchalischen Verhält- tet als etwas Unwürdiges, so liegt doch auf der anderen 1 Seite
nisse nicht stattfindet. Dem orientalischen Leben ist diese darin, daß auch das Allgemeine dadurch I hervorgebracht 241
Besonderheit überhaupt fremd. Vorzüglich in den modernen wird. Es ist dies überhaupt der Prozeß, wodurch das Beson-
15 Staaten tritt diese Sphäre hervor. Indem man jenes Freiheit dere dem Allgemeinen eingebildet, wodurch dem sittlichen 15
nennt, so hat man einerseits recht, denn es ist Freiheit, aber Zweck der Boden bereitet wird. Damit der an und für sich
nur Freiheit der Besonderheit; andererseits weiß man aber seiende Zweck nicht bloß ein Gedachtes sei, so muß er die
nicht, daß diese Freiheit auch zugleich die höchste Abhängig- Besonderheit zu seinem Boden haben. Dieser Boden muß, so
2'9 keit ist. Die Besonderheit I ist ein Inhalt, der nicht ein Inhalt gut er kann, in die Form des Allgemeinen erhoben werden.
20 der Freiheit ist. Notwendigkeit und Freiheit sind hier im Diese zweite Sphäre ist überhaupt die Sphäre der äußerlichen 20
Kampfe miteinander; eins schlägt immer um in das andere. Wirklichkeit. Es ist also hier die Stufe der Objektivierung. Es
Die Freiheit wird zur Notwendigkeit und Abhängigkeit und ist hier einerseits die Wirklichkeit als solche, und diese ist nur
diese wieder zur Freiheit. Diese Freiheit ist aber eben deshalb der Wille und die Meinung der Individuen. Daß nun dieses
nicht wahre Freiheit. Die Selbstsucht, die sich befriedigt, gibt ein angemessenes Element sei für das Dasein der sittlichen
25 sich zugleich auf und bewirkt das Gegenteil ihrer selbst, die Freiheit, dazu muß der Wille nicht ein natürlicher bleiben, 25
Allgemeinheit. Dieses Umschlagen, diese Dialektik ist das sondern er muß ein allgemeiner werden.
Vernünftige, das Übergehen des Einen in das Andere. Indem Es sind nun hier folgende drei I Stufen zu betrachten: 242
die Privatpersonen ihren Zweck suchen, so ist dies zugleich I. Das System der Bedürfnisse und ihre Befriedigung, so daß
vermittelt durch das Umschlagen in das Allgemeine, und die diese vermittelt sind durch die Arbeit des Einzelnen und die
30 Individuen sind dadurch genötigt, sich um das Allgemeine zu Arbeit aller übrigen und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. '0
bekümmern. Es tritt das Bewußtsein auf diese Weise hervor, Die Individuen müssen sich so die Form der Allgemeinheit
daß nur durch das Allgemeine das Besondere erhalten und geben.
240 befriedigt I werden kann. Für das Bewußtsein der besonderen 2. Das Hervortreten des substantiell Allgemeinen darin.
1 )zu< eingefügt. I Orig. -einen-.

IjO
Beim System der Bedürfnisse tut das Allgemeine sich nur als
r neuern Zeiten ihre Entstehung erhalten hat. Wir haben also
eine Form hervor, es geht aber weiter auch auf seinen Grund als Menschen Bedürfnisse überhaupt, Bedürfnisse wie das
zurück, und dieser ist das Recht, und zwar nicht mehr das Tier. Zugleich unterscheidet sich aber der Mensch vom Tiere.
bloß abstrakte Recht, sondern das sich objektivierende Recht Dieses hat nur einen ganz beschränkten Kreis von Bedürfnis-
5 oder die Rechtspflege. sen und von Mitteln, sie zu befriedigen. 5
3. Die Totalität der beiden ersten Momente; die umfassende Die Menge von Bedürfnissen ist nicht ein Übel, nicht ein
Vorsorge für das Besondere. Dies kann nur eine äußerliche Unglück, sondern sie kommt nur aus der Vernünftigkeit her.
243 Sorge sein, eine äußere Ordnung, das, was von Fichte I und Die Unterscheidung der Bedürfnisse beruht nun auf dem I Fi- 245
andern als der Notstaat ist dargestellt worden'', auch als' der xieren der Unterschiede in ihrer Bestimmtheit; dies ist über-
'0 Polizeistaat. haupt das Verständige. Mit der Vervielfältigung der Bedürf- 10
nisse vervielfältigen sich auch die Mittel der Befriedigung. Es
tritt hier die Reflexion des Verhältnisses von Mittel und
Zweck ein. Die Mittel selbst werden dann wieder zu Bedürf-
a. Das System der Bedürfnisse nissen. So vervielfältigen sich Mittel und Bedürfnisse gegen-
seitig. Dies ist überhaupt der Charakter der Vervielfältigung. 15
Das System der Bedürfnisse geht von der Person in ihrer Das Nähere der Bedürfnisse geht uns hier nichts an. Zu den
ganzen Besonderheit aus. Dies ist eigentlich erst das, was wir Bedürfnissen gehört auch das, was man Bequemlichkeiten
Mensch nennen. Es ist also hier im Grunde zuerst vom des Lebens nennt. Diese sind nicht unmittelbar Bedürfnisse.
15 Menschen die Rede. Die Befriedigung des Individui ist hier Man kann es zum Gegenstand der Deklamation machen,
vermittelt; seine Tätigkeit ist es, die die Subjektivität in die2 gegen die unendlich vielen Bedürfnisse zu sprechen. Es ist 20
Objektivität übersetzt. Indem der Mensch sich so auf andere hier keine immanente Grenze. Überhaupt ist es sehr unge-
bezieht, so ist er einerseits abhängig von denselben. Die schickt, I wenn man gegen die Bequemlichkeiten des Lebens 246
Befriedigung der Bedürfnisse systematisiert sich nun weiter. deklamiert. Die höheren Stände, die geistigen Bedürfnissen
20 Die Bedürfnisse und die Mittel, sie zu befriedigen, bilden sich widmen, müssen über die Unbequemlichkeiten des
Massen, die eine Wirkung aufeinander haben. Es tut sich hier Lebens sich leichter hinweghelfen können. Eine Uhr kann 25
244 eine Notwendigkeit und ein Systelmatisieren hervor. Die man einen Luxusartikel nennen, und in einfachen Verhältnis-
Betrachtung von allediesem ist Gegenstand einer besondern sen kann solche sehr wohl entbehrt werden; nicht aber im
Wissenschaft, der Staatsökonomie. Dies ist eine zwar äußer- verwickeltern Verhältnisse. Es gibt so eine Menge von
25 lieh empirische Wissenschaft auf der einen Seite', aber Bedürfnissen und Bequemlichkeiten, die das geistige Leben
zugleich ist auch ein Höheres darin, und die Gesetze des unendlich erleichtern. Eine Menge Bedürfnisse entstehen 30

Verkehrs anzugeben ist eine wichtige Wissenschaft, die erst in dadurch, daß man sich von den physikalischen Verhältnissen
unabhängig macht. So verwahrt man sich gegen den Einfluß
I -als- eingefügt.
2 Orig. -der-.
der jahreszeiten, dem die Tiere unmittelbar unterworfen
3 -Seite- eingefügt. sind. Der Mensch ist überhaupt von Natur hilfloser gemacht

153
247 als das Tier; viele I Tiere haben den scharfen Geruch, gleichwohl hat es sich gefunden, daß gerade der Kaffee für das
wodurch sie sich ihre spezifischen Nahrungsmittel leicht gemeine Volk viel Wohltätiges hat und verhältnismäßig kein
auffinden pp. Es ist dies nun nicht eine Zurücksetzung, so teurer Genuß ist. Die Bedürfnisse beziehen sich nun
sondern weil der Mensch auf das Geistige angewiesen ist, so zunächst auf das Individuum als solches, jeder ißt und trinkt
5 muß auch alles, was mit ihm in Beziehung kommt, mehr den für sich. In die' besonderen Weisen, die Bedürfnisse zu 5
Charakter des durch ihn Erzeugten haben. Der Mensch befriedigen, mischt sich aber sofort die Reflexion ein, inwie-
schläft nicht auf dem Boden; wenn es auch nicht das unmittel- fern man dem andern gleich ist oder nicht. So haben die
bare Bedürfnis erheischt, so macht er sich doch ein Lager. So Bedürfnisse etwas Gesellschaftliches, und es I tritt hier gleich 250
genießt der Mensch seine Speisen nicht roh, sondern er muß die Allgemeinheit hervor. Hier zeigt sich die Mode. So sehr
10 sie erst zubereiten. Menschen, die einer härteren Lebensweise man nun gegen die Modesucht sprechen kann, so ist nicht zu 10
angehören, können sich auch mit roheren Speisen begnügen. verkennen, daß das Moment der Allgemeinheit darin enthal-
Wer an ein geistiges Leben gewiesen ist, der muß die körperli- ten ist. Bei einer Menge von Bedürfnissen und deren Befriedi-
che Bildung bis auf einen gewissen Grad nachsetzen. Viele gung gibt es keine bessere Bestimmung, als es so zu machen
248 Bedürfnisse liegen nun in einer höheren Weise der I Kultur. wie die andern. Es ist vielfältig nicht der Mühe wert, über
15 Gewöhnlich haben solche Bedürfnisse einen weiteren, allge- solche Dinge nachzudenken. Gerade dadurch, daß man es in 15
meinen Grund, nicht bloß die persönliche Annehmlichkeit. solchen Dingen macht wie die anderen, so beweist man seine
So ist es mit dem Tee- und Kaffeetrinken. wogegen Ärzte, Gleichgültigkeit dagegen. Es gibt schon Leute, Schneider u.
Finanziers, Geistliche sich vielfältig aufgelehnt haben. Man dgl., die um ihrer Subsistenz willen es sich zur Angelegenheit
kann nun allerdings von solchen Bedürfnissen sich befreien machen, über solche Dinge nachzudenken. Der Mensch be-
20 (wie z. B. jetzt eine gewisse Klasse von Menschen in England kommt nun so allerdings eine Menge von Bedürfnissen, die 20
sich des Bieres u. dgl. enthalten), und man kann moralische ein Moment I der Meinung in sich haben. Damit ist eben dies 251
und ökonomische Gründe dafür haben. Dies ist die Sache der vorhanden, daß der Mensch nicht mehr von der Naturnot-
Einzelnen. Bei den Bemühungen, so etwas abzustellen, ist wendigkeit als solcher abhängt, sondern er hat ein Verhältnis
immer die Täuschung vorhanden, durch den Willen aller zu einer selbstgemachten Notwendigkeit, und hierin liegt ein
25 Einzelnenvkönne so etwas beseitigt werden. Alle Einzelnen, Fortgang zur Befreiung. Alles dieses zusammen ist es nun, 25
das Kollektive, ist aber etwas anderes als die Einzelnen selbst. was wir den Luxus nennen; dieser begreift überhaupt eine
249 In der Allgemeinheit liegt, daß ein I Moment der Notwendig- Seite des äußerlichen Verhaltens, wo die Zufälligkeit und
keit vorhanden ist. Daß nun Bedürfnisse entbehrt werden Willkür, Meinung u. dgl. ihr Spiel hat und sich herumtreibt.
können, dies ist allerdings der Fall. Man hat in Deutschland Das Hervortreten des Luxus ist eine notwendige Erschei-
30 zu einer Zeit gelernt, den Kaffee zu' entbehren, und dies geht nung; er hat das Moment der Befreiung in sich, daß der 30
mit solchen Bedürfnissen immer hin und her. Man meint Mensch sich auf eine allgemeine Weise und überdies nicht zur
wohl, es werde durch Entsagung des Kaffees viel erspart; unmittelbaren Naturnotwendigkeit verhält.
I Orig. -Einzelner-.
Das Individuum hat durch das Bedürfnis die Abhängig-
2 >zu< eingefügt. I Orig. -den-.

154 155
T!
252 keit von landernSelbständigen. Das Bedürfnis befriedigen nicht sein soll, und wir haben ganz recht daran, denn der
heißt, es sich zu einem Wirklichen machen. Das Individuum Gegensatz soll aufgehoben werden. Aber in der gewöhnli-
muß also die Außenwelt seinem Bedürfnis angemessen chen, nicht denkenden Vorstellung nimmt man es so, daß die
machen. Die Partikularisation der Bedürfnisse führt auch Not überhaupt nicht sein sollte. Die Not ist indes nicht nur
5 eine Partikularisation der Arbeit mit sich. Die Mittel sind äußerlich notwendig, sondern auch innerlich. Durch die Not 5
nicht vorhanden als unmittelbare Naturdinge, sondern sie ')If~ die Bedürfnisse wird der Mensch aus der dumpfen I Ge- 255
sind Eigentum anderer und müssen von diesen erworben gensatzlosigkeir gerissen. Je natürlicher der Mensch ist, desto
werden. Dadurch verhält sich der Mensch überhaupt zum mehr ist er dem tierischen Zustande nahe. Der Gegensatz ist
Menschlichen, die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse notwendiges Moment des Bewußtseins. Näher müssen nun
10 sind ein Geformtes, Bearbeitetes. Der Mensch ist so nicht bei die Mittel, die Bedürfnisse zu befriedigen, dargestellt wer- 10
einem unmittelbar Natürlichen. Diese Vermittelungen spin- den, und das Denken wird so zu einem verständigen Denken,
nen sich sehr ins Weite aus. In seinen Kleidern konsumiert das die Mittel in Beziehung auf diesen bestimmten Zweck
jeder die unmittelbare Arbeit einer großen Menge VOn Men- denkt. Dies ist die nächste Seite der Bildung, die in der Arbeit
253 sehen. Diese Arbeit hat wieder zu ihrer Voraussetlzung viele liegt; Festhalten der Unterschiede, Bestimmung des allgemei-
15 Arbeiten ganz anderer Art. Was in unserer Konsumtion den nen Vorstellens überhaupt. Erst insofern der Mensch einen 15
meisten Wert hat, das ist menschliche Arbeit. Der unmittel- bestimmten Zweck hat, verwirklicht er sich, die Bestimmt-
bare Stoff ist nur ein Geringes dagegen. Dieses Arbeiten heit ist die Seite des Daseins. Unmittelbar damit verbunden
überhaupt ist nun eine Not. Die Not, sagt man, lehrt beten; ist wieder die Übersicht über diese Mannigfaltigkeit der
das geht uns hier nichts an. Aber was die Not gleichfallslehrt, Unterschiede. Der Mensch lernt so I verwickelte, mannigfal- 256
20 das ist das Arbeiten. Der Mensch wird so aus sich herausge- tige Unterschiede auffassen und überblicken. Man braucht 20
rissen. Die Not ist zunächst nur ein Subjektives, ein innerer nur auf Menschen zu sehen, die in einfachen Verhältnissen
Gegensatz, daß ich das, was an sich in mir ist, nicht in seinem leben. Der Kreis von Vorstellungen, die diese Menschen
Dasein habe und besitze. Dieser innere Gegensatz wird nun haben, ist sehr geringfügig. Sinnliche Vorstellungen sind hier
zu einem äußern. Die Not ist es also, die mich in den das meiste, wenig Kombinationen, die Verbindungen aus-
25 Gegensatz gegen die Außenwelt überhaupt bringt. Als Not drücken von einer Mannigfaltigkeit von Verhältnissen. Sol- 25
ist dieses zunächst eine blinde Macht, die mich treibt. Auf ehe Menschen haben große Mühe, von einer Vorstellung Zur
'54 diesen Gegensatz muß sich nun das Interesse I richten. Ich andern überzugehen. Die Vorstellungen klingen bei ihnen
muß denselben zu dem meinigen machen, ich muß den Geist gewissermaßen lange nach. Bei gebildeten Menschen, in ver-
darauf wenden, und dieser tritt damit in den Gegensatz ein. wickelten Lebensverhältnissen, findet es sich ganz anders'.
30 Um mir den Gegensatz zu erwerben, muß ich mich zunächst Das Heimweh, welches z. T. seinen physikalischen Grund 30
auch theoretisch damit beschäftigen. Es ist also überhaupt hat, hat auch wesentlich den geistigen Grund, daß die
durch die Not, daß wir in den Gegensatz gerissen werden. Menschen gleichsam unterdrückt werden' durch die Mannig-
Dies heißen wir einerseits Not, betrachten es als etwas, das faltigkeit von Gegenständen. I 257
I Orig. -anderm-. I Orig. -Anderes-. 2 -werdene ergänzt aus drei undeutlichen Buchstaben.

157

\
. r

Die formelle Bildung, die der tiefern geistigen Bildung vor- auf diese Teilung der Arbeit aufmerksam gemacht. Es ist der
ausgehen muß, geht also aus jener Mannigfaltigkeit von Gedanke, der sich in dieser Art und Weise der Arbeit geltend
Bedürfnissen hervor. Die Bildung zur Arbeit besteht zu- macht, obschon es zunächst die Not zu sein scheint, die sie
nächst im allgemeinen überhaupt in dem Verlangen zur hervorbringt. Beispiel von Smith, wonach ein Arbeiter, der
5 Tätigkeit. Die Wilden sind faul; so lagen die alten Deutschen Ste€kIladeln allein machen wollte, deren kaum zwanzig in 5

viel auf der Bärenhaut. Wenn man den Gebildeten vergleicht ein\m Tage vollenden würde, während, wenn die Arbeit in
mit dem Ungebildeten in Ansehung seiner Tätigkeit, so kann ihre verschiedenen Operationen verteilt wird (deren zu
man wohl sagen, jener erlebt in einem Tage mehr als dieser in Smiths Zeiten ungefähr 10 waren), eine Person im Durch-
seinem ganzen Leben. schnitte 4600 Stecknadeln vollenden kann.f In dieser Sphä-
10 Das Individuum, indem es sich zu den Naturgegenständen re I der Erscheinung ist nun aber dieses vorhanden, daß, was 10 260

verhält, muß sich danach richten, es muß seine Besonderheit auf der einen Seite gewonnen wird, auf der andern wieder
geltend machen. Die widerstreitende Natur des Materials, verlorengeht. Bei der Teilung der Arbeit werden die Arbeiter
das Belieben anderer und ihre Willkür nötigen uns, das immer stumpfer und abhängiger. Wenn der Artikel der
eigene, natürliche Wollen zu überwinden, und wir werden so Industrie, der! ein solcher Arbeiter angehört, ins Stocken
258 15 befreit. Indem der Mensch seine Besonderheit I so nach dem gerät", so findet sich der Arbeiter in Not. Indem nun aber die 15

gegebenen Zwecke abarbeitet, so liegt darin seine Befreiung. Arbeit so einfach wird, so ist kein konkreter Geist dafür mehr
Dies ist überhaupt die Zucht des Menschengeschlechts, daß notwendig. Der Mensch kann selbst davon abtreten und eine
es durch die Arbeit unterworfen wird. Es kommt dem Maschine an seine Stelle setzen. Die letzte Spitze des höchst
Menschen sauer an, aber eben dadurch gewinnt das Geistige Mechanischen enthält so gleich wieder das Umschlagen.
20 die Oberhand. So enthält das Bedürfnis einerseits den Gegen- Maschine und Werkzeug sind voneinander unterschieden; 20

satz, aber andererseits zugleich die Überwindung des Gegen- bei der Maschine wird das Prinzip der Bewegung in einer
satzes. - Der Mensch erwirbt sich nach dieser Seite Gewohn- bewegenden Naturkraft und nicht im tätigen I Geiste gesucht. 261

heiten und Geschicklichkeiten, die ein allgemein Gültiges Das Werkzeug ist dagegen nur ein Mittel, dessen sich der
sind und durch die er erst Meister über sich selbst wird. Mensch, der das Tätige ist, zu seiner Arbeit bedient. Der
25 Die Arbeiten werden nun nach der Partikularisierung der Mensch hat Ursache, auf seine Werkzeuge stolz zu sein, denn 25

Bedürfnisse ein immer mehr Vereinzeltes, damit werden sie die Vernünftigkeit ist darin ausgedrückt. Das Werkzeug
zugleich ein immer Abstrakteres und Einfacheres. - Das bildet den medius terminus, wodurch die Tätigkeit des
Arbeiten wird immer mehr spezifiziert, teilt sich immer Menschen mit der äußern Natur vermittelt wird. E Es ist dies
259 mehr. Weil es der denkende Mensch ist, der I in diese Arbei- der Geist der Vernunft, daß der Mensch, indem er ein
30 ten verwickelt ist, so sucht er, sie abstrakter zu machen. Anderes nach außen kehrt und abreiben läßt, sich selbst 30

Indem die Arbeiten einfacher werden, so kann der Mensch erhält. Der Pflug und dergleichen Werkzeuge sind eine uralte
derselben mehr hervorbringen. Er braucht sich nicht zu Tradition. Die Menschen, die diese Werkzeuge zuerst
besinnen, um in der Arbeit fortzuschreiten. Smith in seinem I Orig. -dem-.
Werke über den Nationalreichturri'' hat zuerst vornehmlich 2 -gerat. eingefügt.

158 '59
.,..

gebraucht haben, sind gestorben und vergessen, aber das Stellung des Individui in der bürgerlichen Gesellschaft. Die
Objektive erhält sich durch alle Generationen. Klagen über den Luxus erscheinen so von einer Seite als eine
Die Arbeit erscheint insofern, als sie zur Befriedigung der leere, nur moralische Deklamation. Die Geschicklichkeit des
Bedürfnisse I geschieht, als Mittel; in der vernünftigen Individuibringr so also Arbeiten hervor, die für die andern
262
5 Betrachtung kehrt sich dies indes um. Das Wesentliche, der
Bedürfnis 'sind. Es entsteht so eine Gegenseitigkeit; dies 5

eigentlich höhere Zweck der Arbeit, ist die Bildung, die für bringt die Möglichkeit hervor, daß jeder I an der Fähigkeit, 265

den Menschen daraus hervorgeht. Im Trojanischen Kriege ist Bedürfnisse zu befriedigen, ein Vermögen hat. Der Mensch
es das Ringen und Kämpfen der Menschen, worin das hat also dadurch, daß er in der bürgerlichen Gesellschaft ist,
Interesse liegt; das erreichte Ziel läßt uns gleichgültig. Der unmittelbar Vermögen, die Möglichkeit, das, was er braucht,
10 Zweck hat nun wieder zwei Seiten, vors erste das Selbstsüch-
aus dem allgemeinen Schatze gewissermaßen zu erhalten. Die 10

tige, Subjektive; aber zugleich tritt auch das Gegenteil ein, Bedingung hierzu ist aber, daß er sich gebildet, daß er
daß, indem jeder sich zum Zweck hat, die Befriedigung seines Geschicklichkeit sich erworben habe. Der Mensch tritt so in
Bedürfnisses durchaus umschlägt in die Befriedigung des eine ganz andere Sphäre ein. Die Möglichkeit der Teilnahme
Bedürfnisses aller. Was ein jeder durch seine Arbeit erzeugt, am allgemeinen Vermögen ist nun ferner bestimmt durch
15 das braucht er entweder gar nicht oder nur zum kleinen Teil
manche andere Umstände. Es gehört zur' Erwerbung der 15

für sich selbst. Er bringt die Dinge nur hervor in I Beziehung Geschicklichkeit ein Kapital und mancherlei günstige
263
auf ihren Wert. So geschieht es, daß, indem das Individuum Umstände. Der ganze Zusammenhang ist ein notwendiger,
durchaus nur selbstsüchtige Zwecke hat, dasselbe zugleich aber wie das Individuum daran teillnehrnen will, das ist seine 266

die Bedürfnisse aller befriedigt. Dies ist in jeder Hinsicht besondre Sache. Die Besonderheit und Ungleichheit hat hier
20 etwas sehr Wichtiges. Ein Mann von Reichtum in alten Zeiten
ihr ganzes Spiel; das, wodurch ich die Individuen nicht 20

unterstützte andere direkt; er speiste Arme und tränkte sie, voneinander unterscheide, ist ihre Vernünftigkeit überhaupt;
kleidete die Nackten. Die andere Verwendung des Reichtums allein der Unterschied fällt in die 2 Besonderheit der Geburt,
ist, wenn derselbe zum Luxus verwendet wird. Diese Ver- der Erziehung, der Talente, des Vaterlandes u. dgl. Im Talent
wendung hat die höhere Wirkung, daß die andern die Be- ist ein Naturrnoment, welches sich das Individuum nicht
25 friedigung ihrer Bedürfnisse nur erhalten unter der Bedin-
geben kann. Es tritt also notwendig die Ungleichheit der 25

gung, daß sie tätig sind. Den reichen Mann, der viel auf sich Individuen hier ein. Es ist schon früher bemerkt", daß die
und seinen Genuß verwendet, kann man vom moralischen Gleichheit, auf die der Verstand fällt, bloß abstrakte Identität
Standpunkt aus tadeln und sagen, er solle seinen Überfluß ist und daß es gerade die Besonderheit der Individuen ist, die
den I Armen zugute kommen lassen; dies tut er auch, aber auf die Wirklichkeit der Freiheit macht. Die Ungleichheit ist
264
30 eine vermittelte, vernünftige Weise. Es gibt allerdings auch
damit unmittelbar I sanktioniert. 30 267

einen Luxus, der barbarisch und unbedingt zu tadeln ist. Es Die besondere Tätigkeit der Individuen tritt nun auch in
macht K sich für die unterschiedenen Stände eine gewisse bestimmte Massen zusammen. Die Betrachtung des Verhält-
Weise des äußern Lebens, eine gewisseWeise des Aufwandes, I Orig. -zu-.
und diese Weise richtet sich nach der Einnahme und nach der 2 Orig. -der-.

161
160
-
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!

nisses dieser Massen ist nun hauptsächlich Gegenstand der begründet I sind. Die Willkür selbst ist ein Moment, das bei 270
Nationalökonomie. Es sind Bedürfnisse, die befriedigt wer- Berechnungen über nationalökonomische Verhältnisse be-
den sollen, und Mittel zu ihrer Befriedigung. Dieses gibt die rücksichtigt werden muß; durch Verdoppelung einer Abgabe
allgemeinen Gegensätze von Konsumtion und Produktion. verdoppelt sich keineswegs der Ertrag derselben. Das Wollen
5 Der Wert der Mittel bestimmt sich nun auch hiernach. Die der Menschen bringt bei manchen abstrakt ganz richtigen 5
Mittel, die der Arbeiter hervorbringt, müssen zusammen den Berechnungen bedeutende Veränderungen hervor.
Wert dessen ausmachen, was er konsumiert, und außerdem Nach einer andernCseite faßt sich nun das bunte Getreibe
soll auch noch mehr erworben werden, als unmittelbar gleichfalls in allgemeine Massen. Solche Massen, die sich zu
verzehrt wird. Die Konsumtion soll überhaupt nicht bloß ein einem System bilden, sind das, was zunächst Stände genannt
268 10 Negatives bleiben, sondern selbst wieder I zur Produktion wird. Stände haben dann noch eine spater" zu erwähnende '0
führen. Handarbeit überhaupt, Tagelohn, dies sind die letz- Bedeutung. Es ist schon über die Seichtigkeit der Forderung
ten Elemente des Preises der Dinge gegeneinander. Es setzt einer allgemeinen Gleichheit der Menschen untereinander
sich hierin nun auch ein Mittelmaß dessen fest, was ein gesprochen worden. Ein Unterschied I der Stände ist über- 271

Individuum notwendig braucht. Bei einem Volke ist dies nun haupt notwendig; der Unterschied gründet sich hier darauf,
15 allerdings anders als bei einem andern. Gold und Silber daß die Bedürfnisse und die Art ihrer Befriedigung sich 15

gewinnen ist nicht' andere Arbeit, auch die Bergwerke von gegeneinander spezifizieren. Der erste Stand ist nun der
Peru und Chili'' werfen nicht mehr ab, als jeder andere unmittelbare, der Stand des substantiellen Lebens. Der
Arbeiter sich durch fleißige Arbeit verdienen kann. - Es gibt zweite Stand ist dann der formelle Stand überhaupt oder der
nun allerdings eine Konsumtion, die ein Letztes ist; der reflektierende, der Stand der Besonderheit; der dritte ist dann
20 größte Produzent der Art ist der Staat. Dieser hat eine Menge der allgemeine Stand, der das Substantielle ebenfalls zu 20

Arbeiten, die eine letzte Konsumtion bewirken. Die höheren seinem Zwecke hat, aber nicht mehr auf unmittelbare Weise.
269 Staatsanstalten sind I alle von dieser Art, daß sie nicht unmit- Dem allgemeinen Stand fällt die Arbeit im Staate vorzüglich
telbar weiter in den Kreis des Produzierens eingreifen. Der anheim. Was nun den ersten Stand betrifft, so sehen wir den
Staat muß das, was er verbraucht, durch Abgaben erheben. Unterschied überall in der Wirklichkeit notwendig hervor-
25 Die Wirkung der Abgaben auf den Wert der Dinge ist nun treten. Ebenso die beiden anderen Stände. Die Individuen 25
wieder ein wichtiger Gegenstand der Nationalökonomie. sind nun denjenigen Ständen, die sich selbst machen'i, zuge-
Das Verhältnis des Geldes oder des Wertes zu den qualitativ teilt; sie I handeln dabei nach ihrem Zwecke und ihrer Beson- 272

bestimmten Produkten macht ferner ein Verhältnis aus, derheit und schließen sich diesem oder jenem Stande an. Die
dessen Wechselwirkung zu betrachten ist. Der Staat, welcher Freiheit ist hier immer nur ein Formelles. Das Individuum
30 Abgaben fordert, steigert dadurch den Preis der Dinge. Wenn wählt seinen Stand einerseits, andererseits hängt diese 30

das Mittel der Zirkulation abnimmt gegen die Produktion Bestimmung aber auch ebensosehr von äußern Umständen
und diese gegen das Geld, so entstehen dadurch eigene ab. Nirgends ist indes hier eine schlechthin unübersteigliche
Verwickelungen und Verhältnisse, die auf Notwendigkeit Naturnotwendigkeit. Die Bestimmungsgründe, einen oder
I Orig. -nichts-. den andern Stand zu ergreifen, können nur sehr zufällige sein.

162
Was ein Stand ist und was die Beschäftigungen desselben zucht. Erst durch Ackerbau kommt der Mensch zur Ruhe,
sind, das erfährt man eigentlich erst, wenn man demselben und es tritt hier erst das wahre Eigentum ein. N omade~ölker
schon angehört. Es ist überhaupt nur die Form der Freiheit, geben dem Boden noch keine Form; daß er das Ihrtg; ist,
die sich so bei der Wahl des Standes zeigt. Das härteste wird nicht objektiv. Bei dem Ackerbau sind die vollen
273 5 Verhältnis I kann nun der Mensch finden, wenn er durch die Charaktere I des Eigentums vorhanden. Der Ackerbau macht 5 276

bloße Geburt zu einem Stande bestimmt ist, wie dies bei der die vernünftige, vollständige Weise aus, in der der Begriff des
Kasteneinteilung der Fall ist. Man braucht nur dieses von den Eigentums realisiert ist. Es haben deshalb mit Recht die
alten Ägyptiern und von den Indiern zu wissen, um einzuse- Völker die Stiftung des Ackerbaues in ihren Traditionen
hen, daß diese es in freier Bildung durchaus nicht weit können als eine göttliche Stiftung bewahrt. Creuzer' im vierten
10 gebracht haben. Daß die Geburt im Staate auch ein notwendi- Bande seiner Mythologie hat diese Seite der Mythen beson- 10

ges Moment ist, werden wir späterhin beim Staate sehen. - In ders behandelt. E Bei der Ehe wurde erwähnt, daß diese
Indien muß jeder eine große Anzahl von Dienern halten, weil überhaupt erfordert ein dauerndes, sicheres Eigentum; dieses
ein jeder eine eigne Sphäre der Beschäftigung hat, aus der er ist vornehmlich vorhanden im Besitz von Grund und Boden.
nicht herauskann. Die Veränderungen, welche beim Besitz des Grundeigen-
15 Der erste Stand wurde als der unmittelbare oder der substan- tums stattfinden, sind im Vergleich dessen, was bleibt, un- 15

274 tielle bezeichnet. Der Stand bezieht I sich hier wesentlich auf bedeutend. Es ist überhaupt die eigene Reflexion weniger, I 277

die Bedürfnisse und die Befriedigung derselben. Dies ist der die beim Ackerbau das! Vermittelnde ist, Die Grundlage der
ackerbauende Stand. Man kann sagen, der Bauer hat nicht Gesinnung ist damit bestimmt: Es ist so, und man muß sich
sowohl Vermögen, sondern die substantielle Familie hat ein nach dem in seiner Beschäftigung richten, was sich ohne den
20 Gut. Es ist ein Boden überhaupt, den dieser Stand bearbeitet, Willen als eine äußere Notwendigkeit darbieter', Die Gesin- 20

ein Festes und Sicheres, wo die Form, die dem Material nung ist damit eine substanriellere; Liebe, Zutrauen, Glauben
gegeben wird, das Wenigste ist. Die eigene Reflexion ist also machen hier den Hauptcharakter aus. - In Ansehung dessen,
bei dieser Produktion überhaupt die untergeordnete; die was zu vollbringen ist, ist es vornehmlich das Verhältnis des
Mittel werden empfangen, wie das organische Leben der Zutrauens und des Gehorsams, in dem sich dieser Stand
25 Natur sie an die Hand gibt. Pflanzen, Säen u. dgl. sind behauptet. Da, wo die Reflexion bei diesem Stande eintritt, 25

allerdings auch Weisen, die dem Verstande angehören, aber da zeigt sie sich als eine gewisse unnütze Pfiffigkeit, als
275 sie sind das weniger Wesentliche. Diese Kultur kann I nun Mißtrauen, wo gar kein Grund dazu da ist. - Das fein
auch auf künstlichere Weise getrieben werden, so daß der ausgebildete Privatrecht ist nicht für diesen Stand, er I bedarf 278

Ackerbau mehr als Fabriksache getrieben wird. Demohnge- einer einfacheren", sich mehr auf Glauben und Zutrauen
30 achtet bleibt das Geschäft immer einfacher Art. Der Acker- gründenden Rechtspflege. In Rücksicht der religiösen Bil- 30

bau ist hier überhaupt die wesentliche Weise. Der wilde Jäger
I Orig. -Kriiger-.
führt ein schweifendes Leben; er hat kein freies Leben, und er 2 Orig. -die-.
hat von der Natur nur die allgemeine Möglichkeit, sie in 3 -darbietet- eingefügt in einen im Originaloffengelassenen Raum.
Besitz zu nehmen. So auch zum großen Teil bei der Vieh- 4 Orig. seine einfachere-.
dung hat dieser Stand den Anspruch zu machen, daß nicht Arbeit für die Bedürfnisse überhoben sein, entweder durch
eine breite Gelehrsamkeit vor ihm ausgelegt wird. Privatvermögen oder durch Schadloshaltung vom Staate. -
Der weitere Stand ist der Stand der Reflexion. Er steht in der Dies sind nun die Weisen der Beschäftigung, die sich für sich
Sphäre, wo die Formierung der Naturprodukte die Hauptsa- selbst einfinden und die in der Natur der Sache liegen. Die im
5 che ist. Dieser Stand kann im allgemeinen der Stand des Begriff vorhandenen Unterschiede treten auch in die Wirk- 5
Gewerbes genannt werden. Die Arbeit dieses Standes 1 ist lichkeit heraus. Der I hier stattfindende Unterschied ist nicht 281
eine weniger konkrete, und es hängt mehr von seinem eigenen als ein Unglück, noch als eine Anmaßung anzusehen, die sich
Willen, seinem eigenen Fleiße und seiner Arbeitsamkeit ab. die einen gegen die andern herausgenommen haben. Die
Das Vermögen, aus dem dieser Stand seine Subsistenz Individuen sind übrigens gar nicht die Hauptsache, sondern
279 10 bezieht, ist hauptsächlich die Geschicklichkeit I der Indivi- die Vernunft ist es, deren Unterscheidungen sich dann gel- 10
duen und die ganze Verschränkung der bürgerlichen Gesell- tend machen und die sich die Individuen zuteilen. Alle sollen
schaft nach ihren Bedürfnissen. Dieser Stand ist im Felde des ja nicht alles treiben. - Die sittliche Gesinnung im Individuo
Beweglichen überhaupt. Dies gibt nun also dem Stand, seiner ist überhaupt die Rechtschaffenheit, das zu tun, was die
Gesinnung, seiner Art und Weise eine andere Gestalt, als die Stellung, auf die das Schicksal und die eigene Wabl das
15 beim ersten Stande bemerkt wurde. Das Individuum kommt Individuum gestellt haben 1, mit sich bringt. Das weitere ist 15
zur Reflexion in sich; einerseits ist dasselbe abhängig VOn dann die Standesehre, die darin besteht, das zu erfüllen, was
außen, aber andererseits macht dasselbe sich unabhängig. Das dem Stande eines jeden zukommt. Das Individuum kann nur
Bewußtsein der Freiheit tritt hier entscheidend hervor. Die etwas sein, indem es von I den andern anerkannt ist. Nur 282
Rechtspflege wird hier zusammengesetzter. Zunächst ist der dadurch kann das Individuum seine Stelle ausfüllen. Ein jeder
20 gemeine Handwerker zu erwähnen; dieser ist noch auf eine ist das, was er ist, nur insofern er es in der Vorstellung der 20
konkretere Weise beschäftigt. Er arbeitet für die Bedürfnisse andern ist. Erst durch dieses Moment der Anerkennung in
anderer Einzelner; der Fabrikant macht die zweite Stufe; der Vorstellung der andern hat das Individuum sein Dasein.
seine Arbeit ist abstrakter, und er arbeitet nicht für Einzelne. Die Ehre des Individuums ist, einem Stande anzugehören und
280 Die dritte Stufe I ist danrr' die des Handelsstandes'. Das darin anerkannt zu werden. Der Stand selbst hat für sich seine
25 Geld, das allgemeineTauschmittel. hat hier seine vorzüglich- Ehre. 25
ste Bedeutung. Bei diesem zweiten Stande ist es überhaupt auf Das System der Bedürfnisse bleibt so überhaupt eine Vereini-
Gewinn abgesehen, während es beim ersten Stande nur gung von Freiheit und Abhängigkeit. Beide schlagen ineinan-
darauf ankam, zu leben. der über.
Das dritte Geschaftf ist dann das allgemeine; dies ist der In das" System der Bedürfnisse scheint nur die Freiheit
30 Stand, der sich den Interessen des Gemeinwesens und des hinein; das Freie ist mit dem Stoff vermischt. Die Reflexion 30
Staats als solchen 4 widmet. Dieser Stand muß der direkten des Freien in sich ist I das Setzen und Wollen seiner als eines 283
Freien. Insofern die Freiheit ein Dasein hat als feste Persön-
I Orig. -dieser Stande 4 Orig. -solcher..
2 Orig. -denn-. I Orig. -har-.
3 Orig. -Handelstandes-. 2 Orig. -dem-.

166
lichkeit, SO ist dies die Stufe des Rechts. Von jener nur gehe. Die Bildung macht, daß das Individuum als Person
scheinenden Freiheit und Allgemeinheit ist die nächste Wahr- aufgefaßt wird, nach seiner Allgemeinheit. Die unmittelbare
heit die sich auf sich beziehende Freiheit. Die substantielle empirische Anschauung betrachtet den andern nicht als Per-
Grundlage des Ganzen ist das Recht des Eigentums. Das son. Dies geschieht erst durch das I Denken. Die Individuen 286
5 System der Bedürfnisse und dessen Verwickelung kann gar wissen sich jetzt nach 1 ihrer Persönlichkeit. Es ist dies ein 5
nicht bestehen ohne das Recht. Die größte Beförderung, die großer, wichtiger Schritt, daß die Menschen dahin kommen,
man der Industrie zuteil werden lassen kann, ist eine strikte sich in einer großen allgemeinen Bestimmung zu betrachten.
und feste Rechtspflege. Dazu gehört weiter als Grundlage, Man hat so gegen den Kosmopolitismus zwar auf der einen
daß das Eigentum in seiner vollständigen Wirklichkeit vor- Seite mit Recht losgezogen, insofern der Einzelne bei der
10 handen sei. In einem Lande, wo Sklaven und Leibeigene sind, allgemeinen Abstraktion stehen bleibt; aber es ist auch von 10
kann deshalb nichts gedeihen. - Wir haben es aber auf dieser der höchsten Wichtigkeit, daß der Mensch sich seiner nach
284 zweiten Stufe nicht mehr mit I dem Rechte als solchem 1 bloß seiner substantiellen Seite bewußt wird. Bei den Griechen
zu tun, sondern mit der Verwirklichung des Rechts. Zum und Römern war es nicht der Fall, daß man daran dachte, daß
Rechte für sich kommt jetzt das Dasein hinzu. Diese zweite der Mensch schlechthin als solcher Anerkennung verdiene.
15 ganze Sphäre der Sittlichkeit ist das Auseinandertreten der Später ist wieder der Unterschied zur Ungebühr hervorgehe- 15
Sittlichkeit. Es erheben sich durch die Arbeit die Individuen ben worden, und man hat nach Juden und Christen, I Englän- 287
zur Allgemeinheit. Damit das Recht wirklich ist, dazu muß dern und Franzosen gefragt, mehr als nach dem Menschen.
der Boden dadurch geebenet sein, daß die Individuen dafür Indem also der besondere Wille es ist, der das Allgemeine
empfänglich sind. Dies geschieht nur durch das Tun des denkt, das Allgemeine will, so erhält hiermit das Recht sein
20 besondern Willens; dieser ist durch das System der Bedürf- Dasein. Was Recht an sich ist, wird hiermit verwirklicht. - 20
nisse dargestellt. Durch dieses System der Bedürfnisse ist erst Insofern nun Kollisionen entstehen, so ist das Recht herzu-
überhaupt das unbestimmte Bedürfnis des Rechts vorhanden. stellen und zu behaupten, und dies ist die Rechtspflege
Wenn in einem Volke die Sorge für das Bedürfnis erwacht, so überhaupt. Das Recht soll jetzt zum Gelten kommen, eine
285 liegt darin auch zugleich der Wille, I daß das Erworbene ein Macht haben als Wirklichkeit. Dieses Wissen vom Gelten des
25 Gesichertes sei. Die eigentliche Rechtspflege tritt erst auf Rechts ist dann wieder ein Bestimmendes, daß es gilt.K 25
einer gewissen Stufe der Ausbildung des Gemeinwesens
hervor, wie dies auch geschichtlich zu zeigen ist. Im patriar-
chalischen Zustande hat das Recht noch nicht seine eigentli- b. Die Rechtspflege
che Bedeutung. Im orientalischen Despotismus ist das Recht
30 noch etwas ganz Untergeordnetes. Das System der Bedürf- Es soll also überhaupt gewußt werden, was Recht ist. Das,
nisse ist so eine wesentliche Bedingung zum Hervorgehen des was Recht ist, soll gesetzt werden, d. h. es sollen Gesetze
Rechts. Dafür müssen es sich die Menschen sauer werden vorhanden sein. I Das Recht soll ein positives werden, das an 288
lassen, daß das Recht auf diesem zerarbeiteten Boden hervor- sich Rechte soll überhaupt wirklich sein. Die erste Form 30
I Orig. -solchen-. I Orig. -nah-.

r68
dieser Wirklichkeit ist, daß es für das Bewußtsein vorhanden daß so etwas eine unförmliche Sammlung ist, unförmlich
sei. Was an sich Recht ist, soll als Gesetz vorhanden sein, als besonders dadurch, daß das Allgemeine nicht herausgehoben
Gegenstand des Bewußtseins. Ohne Denken geht es auch hier und das Besondere nicht in seiner Unterordnung I unter 291
nicht ab. Indem das Rechte gedacht wird, so erhält es die dasselbe und untereinander gesetzt ist. Auf diese Weise
5 Form seiner Allgemeinheit. Man unterscheidet bei den entsteht eine große Verwirrung. So machen die 12 Tafeln'', 5
Gesetzen, inwiefern sie Gewohnheitsrecht sind oder ander- die Senatuskonsulte'f", die responsa juris consultorumE(,J
weitig! vorhanden. Unter Gewohnheit ist jedoch nicht an ein pp. ein buntes Gemenge, das in Deutschland noch viel ärger
Instinktmäßiges zu denken wie bei den Tieren. Bleibt es bei geworden ist. So hat es sich gemacht, daß man 1 bald diesen,
dem bloßen Gewohnheitsrecht und ist es nicht ein geschrie- bald jenen großen Glossator zitieren konnte. In England ist
289 10 benes Recht und als System in sich I ausgebildet, so bleibt die auch so eine Art von Gewohnheitsrecht, das das ungeschrie- 10
Allgemeinheit des Gedankens noch ein Getrübtes. Das bene Gesetz heißt; es ist indessen studiert. Blackstone sagt,
Gewohnheitsrecht ist auch ein geschriebenes und unterschei- man brauche, um sich in dasselbe hineinzustudieren, wenig-
det sich vom eigentlich geschriebenen nur dadurch, daß es stens 20 Jahre.EKein Gericht ist eigentlich an die/ Entschei-
eine inkonsequente Sammlung ist. dung vorhergehender Gerichte gebunden, sondern es ist die
15 Daß das Recht als Gedanke bestimmt, daß es objektiv Autorität, welche nach dem ungeschriebenen Gesetze ent- 15
gemacht und zum Gegenstand des Wissens wird, ist das scheidet. Kenner I der englischen Rechtswissenschaft können 292
Recht des Geistes überhaupt. Das Recht erhält dadurch, daß die Verwirrung, die aus dem dortigen Zustande der Gesetze
es zum Gedanken wird, erst seine wahrhafte Bestimmtheit. entsteht, nicht groß genug schildern. Wenn in einer Nation
Insofern er nur ein Inneres ist, so ist es mit der subjektiven kein Gesetzbuch vorhanden ist, so ist weiter nichts zu tun, als
20 Besonderheit behaftet. Sogenannte Gewohnheitsrechte sind daß sie eines macht. Man kann dabei nun wohl zunächst die 20
selbst ein Gewußtes, nicht bloß ein Instinktartiges. Was Vorstellung haben, es solle etwas ganz Neues erfunden und
Gewohnheit ist, hat indes nicht sowohl den Charakter eines entdeckt werden, allein es ist nur darum zu tun, das Vorhan-
290 Vorgeschriebenen als eines von I allen Getanen. Das Allge- dene und bereits Geltende auf eine bestimmte und verstän-
meine an und für sich ist das Allgemeine des Gedankens. Die dige Weise zu ordnen. Neues dem Inhalte nach braucht in ein
25 Form des Gewohnheitsrechts kommt/ aus einer ungebildeten solches Gesetzbuch gar nicht zu kommen. Einer gebilde- 25
Zeit her, wo man das Allgemeine nur so nahm als etwas, das ten Nation die Fähigkeit, zu einem solchen Gesetzbuch zu
alle tun, noch nicht als etwas an und für sich Vorhandenes. gelangen, abzusprechen, heißt dieselbe aufs äußerste be-
Bei einem:' bloßen Gewohnheitsrecht entstehen wegen der schimpfen. - Die I Gesetze müssen nun ferner bekannt 293
Zufälligkeit des Wissens vielfältige Abweichungen. Sonst ist gemacht werden. (Erzählung vom Dionysius, dem Tyran-
30 das, was bei gebildeten Nationen Gewohnheitsrecht genannt nen, der nach Gesetzen strafen ließ, die auf Tafeln geschrie- 30
wird, auch ein Aufgeschriebenes und Gesammeltes. (Droit ben waren, die 'so hoch hingen, daß sie niemand lesen
coutumier bei den Franzosen.)" Der Unterschied ist nun der,
I Orig. >SO daß man-, -so- vielleicht
I Orig. -anderweir-. 3 Orig. .einen-. schon im Orig. gestrichen.
2. -kommt- eingefügt. 4 Klammem eingefügt. 2. Orig. -der-.

'7 0 '7 '


konnte.j'f Wenn ein Gesetzbuch in einer fremden Sprache und der Beseitigung alles dessen, was aus der Feudalzeit
geschrieben ist oder wenn eine Menge von Glossatoren und herrührt.
Rechtsgelehrten nachgeschlagen werden müssen, so ist dies Die Form, daß das Recht Gesetz ist, ist eine wesentliche
derselbe Fall wie beim Dionysius, de te narratur fabula'', Form. Wenn man also fragt, was ist jetzt Recht, nach
5 Fürsten, die ihren Völkern Gesetzbücher gegeben haben, und welchem Recht kann ich behandelt werden, so ist die Ant- 5
wenn es auch nur wenig' vollständige Kompilationen sind wort: das, was Gesetz ist. Es kann nun allerdings in dem, was
wie die des Justinian'', werden mit Recht als Wohltäter ihrer als Gesetz besteht, auch die Besonderheit ihren Einfluß üben
Völker gepriesen. Ja, es ist ein absolutes Recht, das Gesetz auf und somit das, was Recht ist, an sich, verschieden vom
294 eine solche Weise I zu erhalten. Wo die Gesetzeskunde nur in Gesetz sein. In der Philosophie haben wir aus dem Begriff
10 den Händen der Gelehrten ist, da sind diese Gelehrten die der Freiheit zu entwickeln, was Recht ist; die positive Rechts- 10
Herrn der übrigen, die einem Schicksal, das ihnen fremd ist wissenschaft aber hat die Autorität zu ihrem Prinzip, und
und das sie nicht kennen, unterworfen sind. Die Gelehrten sie hat sich an das zu halten, was historisch vorhanden ist.
mögen 3 wohl wünschen, daß alle die Schriften der alten Sprechen Isolche positiven Gesetze mehr das Konkrete 297
römischen Juristen aufbewahrt wären; allein, dem Leben liegt aus, so kann es ein Geschäft sein, das Allgemeine heraus-
15 nichts daran, Der Code Napoleon wird da, wo er eingeführt zuheben, und ebenso kann es Geschäft des Juristen sein, 15
ist, immer noch als eine Wohltat anerkannt; daß dieses aus den allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen das Be-
Gesetzbuch fertig geworden ist, ist wenigstens das Werk sondere zu entwickeln, so daß es hier immer genug zu tun
Napoleons, wenn auch schon dessen materieller Inhalt ihm gibt.
nicht angehört. Dazu, daß ein Gesetzbuch fertig wird, gehört Das Recht, wie es wirklich in einem Volke ist, kann SOl auf
295 20 ein Regent; I die Juristen allein würden nicht fertig. Es ist den Zustand seiner Gesetzgebung vielen Einfluß gehabt 20
überhaupt die üble Gewohnheit der Deutschen, niemals haben; besonders ist es der Zustand der Bildung, der hier
fertig werden zu können. Schlechtes Wetter ist immer besser wichtig ist.
als gar kein Wetter. Daß man bei einer feierlichen Gelegenheit Der Begriff des Rechts bleibt in seiner Allgemeinheit stehen,
den Code Napoleon verbrannt hat, kann als eine traurige aber es wird weiter eine letzte Bestimmung dabei erfordert.
25 Erscheinung unter unserer ~end betrachtet werden.f Wie Die qualitativen und quantitativen Bestimmungen des Beson- 25
Luther die römische Bulle verbrannte, da galt diese noch in dem gehen schon den Begriff nichts mehr an. Das positive
Deutschland, und deshalb war dies eine mutige Handlung. Es Gesetz muß in seinen Bestimmungen diese I letzten Entschei- 298
kann einem die Fabel vom Esel einfallen, der den toten dungen enthalten. So muß ein Termin für die Majorennitar''
Löwen trat." - Ein großer Teil derer, die gegen den Code festgesetzt werden und ist die Bestimmung eines solchen
30 Napoleon' geschrieben und geschrien haben, haben wohl Termins nicht vom Begriff zu verlangen. Ebenso ist es mit der 30
gewußt, was ihnen gefährlich ist. Der Code Napoleon' Dauer einer Strafe; daß auf ein solches Verbrechen z. B.
296 enthält jene großen Prinzipien der Freiheit I des Eigentums zwanzig Jahre Gefängnis gesetzt sind, ist eine Bestimmung,
I Klammern eingefügt. 3 Orig. -mogten-.
2 Orig. -wenige-. 4 Orig. .Code N.<. I Orig. >SO kann-.

173
die nicht unmittelbar aus dem Begriff hergeleitet werden Gesetzes ein. Verbindlich ist in der Gesellschaft, wie bemerkt
kann. wurde, wesentlich nur dieses, was als Gesetz ausgesprochen
Indem das Gesetz das Allgemeine ist, das auf die besonderen ist; das Gesetz muß also zum Buchstaben werden. Als
Fälle angewendet werden soll, so ist hier zugleich ein Dop- Buchstabe nun, d. h. als einzelne Bestimmung, kann das
5 peltes miteinander im Verhältnis, das Allgemeine und das Gesetz nun wieder geltend gemacht werden gegen das sub- 5
Besondere. Indem man die Allgemeinheit vom Gesetzbuch stantielle Recht. Die Sache des Richters ist es, die besonderen
fordert, so liegt darin, daß die Gesetze einfach sein sollen, so und untergeordneten Seiten von den wesentlichen zu unter-
299 daß sie leicht Igewußt werden können. Insofern nun die scheiden. Man meint nun zunächst, das, was man den Geist
Gesetze nach der Seite des Daseins gerichtet sind, so müssen des Gesetzes nennt, sei vortrefflicher als der Buchstabe; I 302
10 sie auch das Besondere umfassen. Das Endliche ist das darin hat man Recht, wenn man das Wesentliche unter dem 10
besondere Verhältnis; dieser endliche Stoff, eben weil er ein Geiste versteht. Aber dieser Geist muß auch zum Buchstaben
endlicher ist, vervielfältigt sich immer mehr, wie wir dies bei werden, sonst fällt alle Entscheidung der individuellen Ein-
der Vervielfältigung der Bedürfnisse schon sahen I.E Für sich sicht und der Subjektivität des Richters anheim. Montesquieu
geht dieser endliche Stoff und somit auch die Forderung hat unter dem Geist der Gesetze nichts anderes verstanden als
15 seiner gesetzlichen Fortbestimmung ins Unendliche fort. Es die allgemeinen Bestimmungen, auf denen die besondern 15
ist hier wie bei aller Anwendung von etwas Allgemeinem. Es Gesetze der Völker beruhen. E Er hat so den Geist auch als
ist insofern ein leeres Ideal, wenn man von einem schlechthin Buchstaben bestimmt. Es ist eine wesentliche Garantie der
fertigen Gesetzbuche spricht, welches alle besondern Fälle bürgerlichen Freiheit, daß der Geist des Gesetzes bestimmt
300 umfassen sollte. An und für sich geltend ist, I daß ein Gesetz- als Gesetz ausgesprochen sei. Nun gibt es aber auch einen
20 buch vorhanden, daß es den Bedürfnissen eines Volks gemäß leeren Formalismus des Buchstabens; dies ist besonders bei 20
sei. Bei einem Volke, dessen Handelsverhältnisse einfach den Engländern I der Fall. Dort wird z.B. einem Angeklagten 303
sind, können auch die Gesetze über den Handel nur einfach die Anklageakte nicht, ehe er die Taxe bezahlt 1K , ausgehän-
sein. Es heißt die Sache auf die lange Bank des unendlichen digt. Ein Bartholomäus Thompson wurde freigesprochen,
Prozesses schieben, wenn man verlangt, daß ein Gesetzbuch nachdem ihm das Verbrechen sonst ganz bewiesen war, weil
25 in jenem Sinn fertig sein soll. in der Anklageakte bloß »B. Thornpson« geschrieben war. E 25
Je mehr sich das Gesetz spezialisiert, um so vollkommener Die leere Förmlichkeit ist bei den Engländern bis zum
wird es; aber es bricht dabei auch nach einer anderen Seite ein äußersten getrieben.
Übelstand heraus, wie dies bei allen endlichen Dingen der Wir haben in Ansehung des Eigentums gesehen, daß es die
Fall ist. Je mehr konkrete Seiten an dem Verhältnisse durch Seite des Daseins hat. Das Prädikat des Meinigen, das ich
301 30 die Bildung unterschieden worden sind, um so mehr gibt I es einer Sache gebe, muß zugleich ein Objektives sein. Das 30
auch Rechtsgründe, die zur Schikane gebraucht werden Dasein in Ansehung des Eigentums war dort noch unmittel-
können. Es tritt damit vornehmlich der Unterschied zwi- bar. In der bürgerlichen Gesellschaft ist nun das Dasein
schen dem Buchstaben des Gesetzes und dem Geist des überhaupt das Anerkanntsein und das Gelten. IEs geschieht 304
I Orig. -sehen-. I Orig. -eher die Taxe zu bezahlen-.

174 175
dadurch, daß die Äußerungen des Daseins meines Willens, lichkeit verletzt wird. Darin liegt das, was unter der Gefähr-
wie sie oben betrachtet wurden, jetzt etwas Unbedeutendes lichkeit des Verbrechens verstanden wird. Man sagt: Wenn
werden und zurücktreten. In der bürgerlichen Gesellschaft dieses gilt, so gibt es überhaupt keine Sicherheit mehr, u. dgl.
erweitern sich die Mittel, wodurch ich etwas zum Anerkennt- Die Natur des Verbrechens verändert sich also nicht, aber
5 nis bringe, daß es das Meinige ist. Indem in der öffentlichen dessen Bedeutung'F wird verändert. Durch Idas Verbrechen 5 307
Autorität etwas als das Meinige anerkannt ist (ein Grund- fühlen sich jetzt alle verletzt; es wird nicht nur mein individu-
stück in das Hypothekenbuch eingetragen), so ist die Unbe- eller Wille im Verbrechen verletzt, sondern der allgemeine
stimmtheit der Formierung damit aufgehoben. Es tritt in der Wille. Da, wo die bürgerliche Gesellschaft noch nicht auf
bürgerlichen Gesellschaft die Forderung ein, daß Handlun- diese bestimmte Weise hervorgetreten ist, da sehen es die
10 gen über Eigentum mit einer Form vorgenommen werden, übrigen nicht als Verletzung ihrer an, wenn gegen jemand ein 10
die sich auf das Anerkennen der öffentlichen Autorität Verbrechen begangen wird. Da, wo die Stände der Gesell-
bezieht'. Dies sind die Förmlichkeiten überhaupt, mit denen schaft einander entfremdeter sind, da bekümmern sich
305 dergleichen Erwerlbungen vorgenommen werden müssen. wenigstens die Mitglieder des einen Standes nicht um die
Das Eigentum in der bürgerlichen Gesellschaft beruht nun Verletzung des Mitgliedes des andern. (Indische Kasten;
15 vorzüglich auf Vertrag; die unmittelbaren Erwerbungen sind gemordete juden.)? Bei den Griechen sehen wir gleichfalls, 15
verhältnismäßig nur weniger bedeutend. - Die Förmlichkei- wie in ihren Tragödien der Chor'' die? Verbrechen, die von
ten sind durchaus nichts Überflüssiges, sondern die vernünf- den handelnden Personen, welche den Königsgeschlechtern
tige Weise, wodurch etwas ein Dasein hat, daß es das Meinige angehören, begangen Iwerden, als etwas ansieht" was ihn" 308
wird. Indem die Förmlichkeiten etwas Äußerliches sind, so zunächst nichts angeht.
20 können dieselben sich nun wieder sehr weit verlaufen. So Man sollte nach dem Angeführten meinen, die Ahndungen 20
gehörte zumal sonst zu einem sogenannten zierlichen Testa- der Verbrechen müßten in der bürgerlichen Gesellschaft viel
mentE(I ) sehr viel. Von StrykE(2) erzählt man, er habe je Jahre strenger sein als in frühern Zuständen. Allein es zeigt sich
darauf gesonnen, ein Testament zu machen, und sei doch gerade das Umgekehrte. Wenn die bürgerliche Gesellschaft
noch ohne Testament verstorben, weil er auf keine Form habe verletzt wird, so ist sie dagegen etwas so Festes, daß die
25 kommen können, die ihm völlig unumstößlich erschienen. Verletzung zu etwas Unbedeutendem heruntersinkt. Es 25
306 Das Verbrechen ist in der bürgerlichen I Gesellschaft der Tat kann Zustände der bürgerlichen Gesellschaft geben, wo ein
nach nicht bloß Verletzung einer individuellen Sache oder kleines'" sehr gefährlich ist, und hier muß auch dessen Bestra-
eines Individuums überhaupt. Das Verbrechen verletzt über- fung verhältnismäßig sein. Die Ahndung wird sich über-
haupt das anerkannte Dasein der Freiheit, das Gelten der haupt immer nach dem Zustand der bürgerlichen Gesell-
30 Gesetze. Wer ein Verbrechen begeht, der spricht damit aus: schaft I richten müssen. Die bürgerliche Gesellschaft ist 30 309
Die Gesetze gelten nichts, dem allgemein Anerkannten spre- immer vollkommen berechtigt, die Strafe des Verbrechens zu
che ich Hohn. Das Verbrechen wird insofern schwerer, da Orig. -Andeurung.,
I 4 Orig. -ansehen-.
nicht nur die an sich seiende, sondern die daseiende Unend- 2 KJammern eingefügt. 5 Orig. -ihm-.
I Orig. .beziehen-. 3 Orig. -der-.
bestimmen. Nach vieljährigen Kriegen ist es früher gesche- lung der Rechtspflege ist eine wichtige Seite der Geschichte;
hen, wo die Heere unmittelbar nach dem Kriege entlassen einerseits nur die Privatrache, und andererseits nur I das 312

wurden, daß die Verbrechen sich sehr häuften. In solchen Verhältnis, wo jeder meinte, er dürfe nicht vor Gericht
Zuständen ist eine Schärfung der gesetzlichen Strafen ganz gezogen werden, sondern der Verletzte und dessen Familie
5 angemessen. In einem Zustand der befestigten Gesellschaft habe es mit ihm auszumachen. Die Einsicht des Gerichts ist es 5

hingegen werden die Strafen unmittelbar mild. Es findet so nun, nicht die Einsicht der Parteien, welche zu entscheiden
ein ungeheurer Unterschied statt zwischen ehemaligen Straf- hat, was Recht ist, sowohl beim bloßen Zivilrechtsstreit als
bestimmungen und den jetzigen. auch beim Verbrechen. Es verliert sich damit die Form der
Das fernere ist nun die Verwirklichung des Rechts selbst, die Rache unmittelbar; erst in der bürgerlichen Gesellschaft tritt
10 Gerichte. Das Gesetz, als allgemein gültiges Recht, steht dem Strafe ein. Durch die Strafe wird überhaupt nur das Verbre- 10

310 besondern Meinen vom Recht und dem I besondern Wollen chen negiert, als das gesetzt, was es ist. Durch die Strafe
gegenüber und hat sich dagegen geltend zu machen und zu versöhnt sich also wahrhaft das Gesetz mit sich selbst; es stellt
behaupten. Das Gesetz ist das Recht, insofern es ist und sich sich durch dieselbe wieder her und zeigt sich dadurch als ein
verwirklicht. Die Gerichte sind also etwas an und für sich Wichtiges, Geltendes. Ebenso wird das Gesetz in subjekti-
15 Vernünftiges, etwas an und für sich Notwendiges. Es tritt ver I Rücksicht, in Rücksicht auf die Verbrecher, eine Ver- 15 313

darin das reine Wollen des Rechts als solches hervor. Es ist söhnung.
früher von der rächenden Gerechtigkeit gesprochen worden. Es muß nun jeder das Recht haben, vor Gericht zu stehen (jus
Diese kann gerecht sein, aber sie ist ihrer Form nach nicht standi in judicio) und nur vom Gericht Recht zu nehmen.
die Tätigkeit des Allgemeinen, welches hier wesentlich ist. Wenn ich nicht vor Gericht stehen darf, so ist es nicht
20 Das Gericht muß vorhanden sein, nicht als ein besonderes anerkannt, daß ich selbständig bin; ich bin überhaupt unter 20

Belieben dieses oder jenes Individui, Es ist so überhaupt Vormundschaft gesetzt. Auf einem solchen Verhältnis
die Verwirklichung des Rechts. Die Gerichte nun, ihrer beruhte die Klientschaft'' in Rom. So waren in früheren
geschichtlichen Entstehung nach, mögen nun diese oder Zeiten in Deutschland die Leibeigenen und Hörigen nicht
311 jene I Form gehabt haben; es kann der Ursprung derselben ein berechtigt, selbst vor Gericht zu erscheinen und ihre Rechte
25 patriarchalisches Verhältnis gewesen sein oder auch eine wahrzunehmen. - Das andere Moment ist, daß jeder vor 25

eigentliche Herrschaft, so daß es als ein besonderes Recht Gericht sich stellen muß und nicht Selbstrache nehmen darf.
angesehen wird, zu richten und Richter zu bestellen. Herr In den Zeiten des Faustrechts suchte jeder sein Recht durch
von Haller, der ein großes Werk über die Restauration der seine eigene Faust, und wer ein Unrecht I begangen hatte, 314

Staatswissenschaft geschrieben hat, sieht die Rechtspflege behauptete oft, er habe dieselben Rechte wie der Verletzte
30 nicht als etwas Notwendiges an, sondern als eine bloße und das Objektive und die Macht des Objektiven habe kein JO

Gnade und Gefälligkeit der Rcgierenden.t In der Zeit des Recht über ihn, es müsse also persönlich an ihm Recht
Faustrechts war es die herrschende Ansicht, daß jeder für sich gesucht werden. Diese Bestimmung liegt z, T. noch beim
Recht zu schaffen habe. Die Macht der Gerichte wurde als Duell zum Grunde. Indem die Parteien vor Gericht stehen,
eine ungehörige Gewalttätigkeit angesehen. Die Entwicke- so haben sie ihre Rechte darzustellen. Vor Gericht habe ich

179
nun kein Recht, das ich nicht erweisen kann. Durch den des I Erblassers beigebracht wird, der nicht vollendet oder 317
Rechtsgang werden nun die Parteien in den Stand gesetzt, ihr sonst unvollständig ist, ein solcher gleichwohl als gültig
Recht geltend zu machen. Daß dieser Rechtsgang bestimmt betrachtet wird, wenn nur überhaupt erhellt, daß der Auf-
sei, ist etwas sehr Wesentliches. Der ganze Rechtsgang satz später entworfen worden ist als das Testament. Wenn in
5 besteht aus einer Reihe von Handlungen und fällt somit einem wirklichen Falle Förmlichkeiten fehlen, so kann man, 5
wieder der Endlichkeit anheim. Der Gerichtsgang kann nun im Interesse des Gesetzes sprechend, verlangen, daß ein
315 wieder so verwickelt werden, daß es den I Parteien verleidet dergleichen mangelhaftes Instrument nicht gelten solle. Es ist
wird, ihr Recht zu suchen. Der Reichsgerichtliche Prozeß eine der größten Krankheiten in Ansehung des Rechtspre-
war so schleppend, daß es als eine Wohltat angesehen wurde, chens wie in Ansehung des Handelns überhaupt, wenn von
10 wenn ein Land das jus de non appellando" erlangte. Es einem einzelnen Falle sogleich auf das Ganze übergesprungen 10
müssen nun überhaupt Veranstaltungen vorhanden sein, wird. Es wird dadurch der Formalismus begründet, und es ist
wodurch es den Parteien überlassen wird, den weitläufigen eine anscheinende Weisheit, die sich in AufzäWung allgemei-
Prozeßgang zu verfolgen'r oder nicht. Es tritt so die Forde- ner Möglichkeiten gefällt.
rung der Billigkeitsgerichtshöfe ein. Dies sind Schiedsge- Ein Gegenstand, der in neuern Zeiten I besonders zur Sprache 318
15 richte, Friedensgerichte. Es ist eine löbliche ' Anstalt, daß gekommen ist, ist die Öffentlichkeit der Rechtspflege und die 15
Gerichte der Art vorhanden sind, von denen immer erst Geschworenengerichte. Der Rechtsgang muß überhaupt
erkannt werden muß, bevor das förmliche Gericht einen ebenso etwas Bekanntes sein als die Gesetze selbst. Je verwik-
Rechtshandel annehmen darf. Besonders muß dieser Unter- kelter der Rechtsgang ist, desto weniger hat er die Fähigkeit,
schied vorhanden sein in Ansehung des Unterschiedes der bekannt zu sein. Es wird ein sehr verwickelter Rechtsgang zu
316 20 Stände. Der substantielle Stand I hat überhaupt einfachere einer Art von Mysterium, dem die Parteien sich blind unter- 20
Sitten. Die Reflexion, das Selbstwollen und Selbstsein ist bei werfen müssen. Es ist nun ferner der wirkliche Verlauf des
ihm 2 nicht so fix geworden, und er begnügt sich deshalb mit Rechtsganges etwas, das dem Einzelnen ebenfalls bekannt
einem einfacheren Rechtsgang. Die Engländer haben auch werden muß. Indem das Recht und die rechtliche Entschei-
solche Billigkeitsgerichte, wo die Richter überhaupt nach der dung das Interesse aller ist, so ist es auch das Interesse aller,
25 allgemeinen Lage der Umstände entscheiden, die sonstvorge- daß die Rechtspflege öffentlich sei. Man kann nicht gerade 25
schriebenen Förmlichkeiten mögen nun vorhanden sein oder sagen, daß das Recht durch die Öffentlichkeit I besserverwal- 319
nicht. Beim Rechtsprechen sind es immer die zwei Seiten, daß tet werde. Es sind überhaupt zweierlei Interessen, einmal,
entweder der Fall genommen wird, wie er in seiner Besonder- daß an sich das Recht geschehe, und sodann, daß es auf eine
heit ist, oder daß das interet de la loi, das Interesse des andre Weise geschehe, daß darum gewußt wird. Das Recht
30 Gesetzes, besonders herausgehoben wird. - Vor den engli- des Selbstbewußtseins, die eigene Einsicht, soll überhaupt auf 30
schen Billigkeitsgerichtshöfen findet es z. B. statt, daß, wenn dieser Stufe gewährt werden. Daß das Recht an sich gespro-
außer einem Testament auch noch ein anderer Aufsatz chen wird, gehört zunächst zur bürgerlichen Freiheit. Bei
I Orig. -Iobliche-. höherer Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft tritt aber
2 Orig. -ihnen-. dann die weitere Forderung ein, daß dem Selbstbewußtsein

t80 r8r
sein Recht durch die Öffentlichkeit der Rechtspflege wider- wesentlich dieses, daß er den ganzen Gang des Rechtshandels
fahre. Man kann vielerlei Gründe für das eine und für das leitet. Sodann liegt es unmittelbar in der Funktion des
andere beibringen; allein es ist immer nicht das Wesen der Gerichts, daß es den Fall, wenn er feststeht, unter das Gesetz
Sache, welches dabei geltend gemacht wird. subsumiert. Was nun das Erkennen des Falles in seiner
320 5 Der Ausdruck »Geschworenengerichte« I ist aus der engli- unmittelbaren Einzelnheit angeht, so ist dies keine richter- 5
schen Rechtsverfassung genommen. An einem Rechtsspruch liehe Funktion, sondern eine solche, die jedem gebildeten
sind zwei Seiten. Die eine ist die Erkenntnis des Falles nach Menschen überhaupt zukommt. Es können nun hierüber
seiner Besonderheit. Der Zivilstreit sowohl als das Verbre- auch gesetzliche Bestimmungen gemacht werden, aber diese
chen bieten eine solche unmittelbare besondere Seite dar. Bei bleiben ganz im Allgemeinen. So kann z.B. bestimmt sein,
10 einer solchen Handlung wie einem I Verbrechen ist nicht nur daß I das Corpus delicti soll herbeigebracht werden; es kön- 10 m
die äußere Wirklichkeit zu qualifizieren, sondern auch das nen Bestimmungen über die Zeugen festgestellt werden u.
Innere der Handlung, ob etwas ein Mord oder ein Totschlag dgl. Bei alledem' bleibt' immer noch eine Ungewißheit; und
sei u. dgl. Ein solcher Ausspruch ist immer noch kein man mag Bestimmungen feststellen, soviel man will, darüber,
Urteilsspruch. Die andere Seite ist nun aber, daß die Hand- wann' etwas für bewiesen erachtet werden soll, so wird doch
15 lung subsumiert wird unter das Gesetz. Die Richter sind als die Sache dadurch nicht im Allgemeinen erkannt. Weil es so 15
die, welche das Gesetz anwenden, Organe des Gesetzes, aber eine äußerliche Sache ist, die konstituiert werden soll, so fällt
321 nicht Maschinen desselben; denn es gehört ihrerseits I eine sie der allgemeinen Erkenntnis überhaupt anheim. Das
Erkenntnis dazu, welches die wesentliche Seite an einer Erkennen dieses Äußerlichen ist es denn nicht allein, worauf
Handlung ist und unter welches Gesetz eine solche deshalb es ankommt, sondern es ist, zumal beim Verbrechen, die Seite
'0 zu fassen ist. In der römischen Gerichtsverfassung fand sich der Einsicht und der Absicht ein wesentliches Moment. Hier '0
der angegebene Unterschied auch. So ernannte der Prator'', tritt also eine subjektive Seite hervor. Darüber können nun
der über das Recht entschied, noch einen Judex, um über die zwar gleichfalls I allgemeine Vorschriften angegeben werden; 324
Wirklichkeit der Handlung zu entscheiden," Die Charakteri- aber die letzte Entscheidung fällt auch hier der subjektiven
sierung des Verbrechens kann nun nicht dem Belieben über- Überzeugung, dem Gewissen anheim. Das Wissen in Anse-
25 lassen werden. In England ist es so dem Kläger gewisserma- hung äußerlicher Dinge ist überhaupt die Gewißheit, nicht 25
ßen überlassen, ob er den Rechtshandel unter dem schwer- Wahrheit; ebenso ist das Wissen über die Einsicht und das
sten Charakter anhängig machen will oder unter einem Wollen eines Individui nur subjektive Gewißheit. Auch das
milderen. Wenn der Kläger die schwerere Qualifikation Gericht hat so, wo ihm nähere Bestimmungen, objektive
wählt und der Richter das Verbrechen nicht begründet findet, Beweismittel fehlen, seine Zuflucht zum Eid zu nehmen.
J22 30 so kann der Richter oder der Kläger dann I nicht zu der Dieser ist ebenfalls nichts anderes als eine subjektive Berech- 30
geringeren Qualifikation heruntersteigen. Dies ist nun eine nung, eine Versicherung; daß der Eid wahrhaft sei, dafür
große Unvollkommenheit im gerichtlichen Verfahren. Was I Orig. lallen deme.
nun die eigentliche Sache des Richters ist, so ist diese 2 Orig. -bleibe es-.
I Orig. -ein-. 3 Orig. -wenne.

182
bürgt das Gewissen dessen, der ihn ablegt. Im Eide wird die von verschiedenen Individuen ausgeübt werde, auf verschie-
Vorstellung von Gott, diesem absolut Substantiellen, zu dene' Behörden verteilt werde. Da nun im Rechtsprechen
325 Hilfe gerufen, in dem alle I Nichtigkeit und alle besonderen sich zweierlei so verschiedene Funktionen zeigen, so ist es
Interessen verschwinden. Der Eid muß um dieser Ursache notwendig, daß dieselben auch auf die angedeutete Weise an
5 willen feierlich sein; die Hauptsache ist die Vorstellung, die verschiedene Personen verteilt sind. Das weitere ist das Recht
das absolut Wahre, Substantielle hervorbringen soll. Bei des Selbstbewußtseins. Diese Seite ist es vornehmlich, welche
alledem kann nun die Subjektivität sich gegen alles, was der die I Geschwornengerichte zu einer so wichtigen politischen 328
Eid enthält, verhärten und einen spröden, undurchdringli- Institution machte. Es ist bereits erwähnt, daß beim Beweis
chen Punkt dagegen bilden. Die Funktion der Erkenntnis des im gerichtlichen Verfahren die Subjektivität ein wesentliches
10 äußern Tatbestandes und der soeben bezeichneten Innerlich- Moment ist'. Die Gewißheit, daß mir Recht widerfahren sei, 10
keit ist nun gar nicht juristischer Art, sondern sie fällt der bezieht sich auf die Subjektivität derer, die über die Sache
allgemeinen Erkenntnis anheim. Die rechtsprechende Seite entscheiden. Es kommt hier also besonders das Zutrauen zur
ist wesentlich durch den Richter dargestellt. Das Recht des Sprache. Es müssen sonach über diesen Teil des Rechtshan-
Selbstbewußtseins nach dieser objektiven Seite ist darin dels Männer zu sprechen haben, die mir nicht als Richter
326 15 berechnet/', daß das Gesetz bekannt ist und daß das I Recht- gegenüberstehen, sondern solche, die mit mir in gleichen 15
sprechen öffentlich geschieht. Es ist aber noch die andere Verhältnissen stehen. Bei den Engländern wird die Einrich-
Seite an dem Fall, daß das Besondere entschieden wird. Nach tung der Geschwornengerichte für ein Palladium der Freiheit
dieser besonderen Seite hat das Selbstbewußtsein auch das angesehen. In die besondere Subjektivität finden sich nur
Recht, überzeugt zu sein, daß richtig geurteilt wird; hier ist Männer hinein, die I mir näher stehen. Das Gericht alssolches 329
20 es, daß ich weiß, daß der Fall, den ich vor dem Gerichte habe, steht meiner Besonderheit immer gegenüber. Zum Richter- 20
auch auf dieser Seite richtig entschieden worden ist. Dies amt gehört eine Weise der Ansicht, die das Objektive, das
beruht vorzüglich auf dem Zutrauen, welches vornehmlich Recht an sich zu ihrem Gegenstand macht. Wir trauen den
dann vorhanden sein wird, wenn die, welche zu bestimmen Richtern deshalb mit Recht nicht die Einsicht in jene zweite
haben, mit mir auf gleicher Stufe stehen. Denn es handelt sich wesentliche Seite des Rechtsspruches zu.
25 hier um die Besonderheit, die alle besonderen Verhältnisse Indem hiermit nun der wesentliche Gesichtspunkt der Sache 25
der Person umfaßt; dies Besondere läßt sich nicht objektiv ausgesprochen ist, so können wir uns der Anführung der man-
bestimmen, sondern man muß selbst darin gelebt haben, um cherlei besonderen Gründe für und wider die Geschwor-
327 sich dasselbe zu I eigen gemacht zu haben. Man kann sich nengerichte enthalten. Dergleichen einzelne Gründe können
wohl im allgemeinen eine Vorstellung von dem Besondern über die Sache nichts entscheiden. Man kann namentlich
30 machen, aber die Wichtigkeit desselben kann man sich nicht gerade nicht sagen, daß das Recht an sich durch? bloße 30
so zu eigen machen. Dies ist nun also der Hauptgesichtspunkt Richter ohne Geschworne ebenso gut könne gefunden wer-
bei dem Institut, welches man in neuern Zeiten besonders
I Orig. svon verschiedenen..
Geschwornengericht genannt hat. Es ist überhaupt wesent- 2 .isr. eingefügt.
lich, daß das, was dem Begriff nach unterschieden ist, auch 3 Orig. san sich nicht durch-.

18 5
330 den als durch I Gerichte mit Geschwornen. Der aus dem c. Die Polizei
Institut der Geschwornen fließende Vorteil würde wenig-
stens immer nur ein indirekter sein. Ebenso mag man auch Das erste in dieser Sphäre war also die Erhaltung der Beson-
Fälle anführen, daß Geschworne unpassend und schlecht derheit als solcher; das zweite war, daß diese Besonderheit zu
5 Recht gesprochen haben; so etwas kann aber nicht ent- einem Substantiellen erhoben wurde, die Seite der Freiheit in
scheiden. Übrigens werden schlechte Urteils sprüche der dem besonderen Dasein. Dies ist aber nur das abstrakte 5
Geschwornen wegen der größern Publizität des Instituts Recht; diesem gegenüber steht das Wohl. Es ist also ein
leichter bekannt, und es können dieselben schon um deswil- drittes, welches das I Allgemeine und das Besondere verei- 333
len nicht mit den gewöhnlichen Gerichten verglichen wer- nigt; dieses wäre insofern Sache der Idee. Vereinigung des
10 den. Wenn man Beispiele anführt, so muß man dieselben besonderen Willens mit dem an und für sich Allgemeinen.
nicht aus Zeiten nehmen, deren Sitten von den unsrigen Dieses dritte kann nun überhaupt die Polizei genannt wer- 10
wesentlich abweichen. Geschwornengerichte mögen vor den, der Staat, insofern er sich auf die bürgerliche Gesell-
hundert Jahren allerdings manche harte und übereilte Urteile schaft bezieht. Die Zufälligkeit bleibt hier noch auf mancher-
331 gefällt haben; I aber auch die Urteile der anderen Gerichte lei Weise. Wir haben gesehen, wie die Besonderheit des
1S waren damals oft barbarisch. Im Mittelalter sind Hunderte, ja Einzelnen durch seine natürlichen Verhältnisse bedingt ist.E
Tausende wegen Zauberei durch die deutschen Gerichte, Der Einzelne kann zur Arbeit unfähig sein, der Zweig der 15
wobei nach römischem Rechte und nach römischem Verfah- Industrie, dem er sich gewidmet hat, kann durch die öffentli-
ren gesprochen wurde, zum Tode verurteilt worden. Es ist chen Verhältnisse in Abnahme kommen, und es kann so eine
wohl anzunehmen, daß vor Geschwornengerichten weniger große Menge von Menschen in Bedrängnis geraten. Ebenso
20 Greuel der Art, oder wenigstens nicht so lange, würden ist in der Rechtspflege der Fall, daß dieselbe zwar das
vorgekommen sein. geschehene Unrecht durch die IStrafe aufhebt, daß dabei aber 20 334
Es müssen also zuerst verständliche und öffentlich zugängli- die Zufälligkeit der Beleidigung noch nicht aufgehoben ist.
che Gesetzbücher vorhanden sein, damit das Recht gekannt Alle diese Zufälligkeiten sind zu entfernen. Das Aufheben der
werden kann. Ferner muß der Rechtsgang bekannt sein; um Zufälligkeitenkann nun auch selbst auf! eine zufällige Weise
25 deswillen ist öffentliche Rechtspflege erforderlich. Und fer- geschehen, nämlich durch den besonderen Willen der Indivi-
ner ist zu wünschen, daß die Rechtspflege zwischen Richter duen. Das zweite ist, daß dies Aufheben der Zufälligkeit auf 25
332 und Geschwornen geteilt I wird. - Wenn die Gesetze unvoll- eine allgemeine Weise geschieht, welche zunächst eine äußere
ständig sind und der Rechtsgang verwickelt ist', so stehen die Gewalt ist. Das dritte ist, daß dies auf eine wahrhaft inner-
Bürger in einer Art von Vormundschaft; und wenn es ein liche Weise geschieht.
30 besonderer Stand ist, in dessen Händen sich die Rechtspflege Durch die Rechtspflege wird nicht die Besonderheit verwirk-
befindet, so übt ein solcher Stand ein Herrenrecht gegen die licht. Die Notwendigkeit in Rücksicht auf die Besonderheit 30
Bürger aus, und diese sind gewissermaßen dessen Leibei- ist eine äußere Notwendigkeit, die aber in Beziehung auf das
gene. Individuum nur eine Möglichkeit ist. Das Vermögen der
I -is« eingefügt. I Orig. -durch..

186
335 bürgerlichen I Gesellschaft iSI für das Individuum nur eine und doch komme auf diesen alles an. Es gibt indessen ohne
Möglichkeit; das Recht ist dagegen durch die Rechtspflege wahrhafte Einrichtungen und Gesetze in einem Staate gar
eine Wirklichkeit. Es handelt sich jetzt auf dieser Stufe keine wahrhafte Gesinnung. Wenn man im ganzen betrach-
darum, daß das Individuum auch nach seiner Besonderheit als tet, was das Individuum als solches gegen das Individuum tun
5 Person betrachtet wird. - Die Zufälligkeit im Besondem kann kann, so erscheint dies als sehr unbedeutend gegen das, was 5
nun beseitigt werden unmittelbar durch das Besondere selbst. vernünftige Staatseinrichtungen, eine vernünftige Konstitu-
Dies ist die moralische Seite. Dem moralischen Individuo ist tion dem Individuo gewähren können. Für sich selbst sind in
sein eigenes Wohl und das Wohl anderer Zweck. Die Men- den Verwickelungen I der bürgerlichen Gesellschaft viele 338
schen helfen so einander in ihrer Not und befördern ihr Wohl gemeinschaftliche Bedürfnisse, für deren Befriedigung also
10 gegenseitig. Die Beseitigung des Zufälligen durch das Beson- auch auf eine gemeinschaftliche oder allgemeine Weise 10
dere ist selbst Zufälligkeit. 1K Diese Weise der Beseitigung ist gesorgt werden muß. Diese Sorge für das Allgemeine als
ein bloßes Sollen. Bei diesem Sollen kann die Philosophie sich solches kommt also der allgemeinen Regulierung zu. Das
33(, nicht aufhalten; ebensolwenig kann eine vernünftige Wirk- Besondere soll also auf eine allgemeine Weise geschehen, d. h.
lichkeit dabei stehenbleiben. Die bloße Reflexionsphiloso- das Wohl aller Einzelnen soll zu seiner Befriedigung kom-
15 phie hat zum letzten Resultat das Sollen, ein Bemühen u. dgl. men. Die Vorsorge dieser Stufe ist zugleich auch eine äußerli- 15
Die Philosophie als Schulweisheit mag sich nun mit einem ehe Vereinigung, eine äußerliche Ordnung. Es sind zunächst
solchen Sollen begnügen; allein in der Wahrheit kann man Zwecke, die sich selbst auf die Äußerlichkeit beziehen und in
dabei nicht stehenbleiben. dieser erreicht werden. Das Allgemeine scheint nur noch in
Man hört von diesem Standpunkt aus vielerlei sprechen, und das Besondere, und die Macht, welche diese Allgemeinheit
20 je mehr man sich im Wenn und Sollen' ergeht, um so mehr betätigt, ist darum auch I nur eine äußere Macht. Der nähere 20 339
meint man gesagtzu haben. Je mehr man überhaupt von Geist Gegenstand dieser Vorsorge ist in der speziellen Wissenschaft
sprechen hört, um so geistloser ist es gewöhnlich. Der Geist der Polizei zu betrachten. - Der Zufälligkeit in Ansehung des
ist dies, daß das bloß Innere zu einem Objektiven wird. Auf Rechts wurde schon erwähnt. Es hängt vom Besondern ab,
die Gesinnung, den Geist, die Freundschaft u. dgl. das daß die Verbrecher vor Gericht gebracht werden, und dieses
25 Vernünftige ankommen zu lassen, ist gerade geistlos. Der liegt der Polizei ob. Indem nun ferner die Verhütung der 25
337 Geist soll als Notwendigkeit der Freiheit sich I darstellen, Verbrechen Gegenstand dieser Vorsorge sein muß, so sind zu
nicht als eine Zufälligkeit, die im Gemüte bleibt. Bei dem diesem Ende Beschränkungen nötig bei Handlungen, die
Zufälligen der Gesinnung, soweit es im einzelnen Wert haben sonst als ganz rechtlich betrachtet werden können. Handlun-
mag, kann nicht stehengeblieben werden. Man kann nun gen der Art treten überhaupt in die Außenwelt heraus, sie
30 wohl sagen, man wolle sich durch andere, äußere Mittel verwickeln sich in einem äußern Zusammenhang, und es 30
helfen, weil man dem Geiste in der Gesinnung nicht traue, kann anderen dadurch Schaden oder Unrecht geschehen.
Dies ist zunächst nur eine Möglichkeit. Die Seiteder Zufällig-
I Im Orig. folgt derSatz: -Diese Weiseder Beseitigung des Zufälligen durch
das Besondre ist selbst Zufalligkeit., keit von erlaubten I Handlungen hinwegzunehmen, wird 340
2 Orig. >Wenn< und -Sollen- kleingeschrieben und unterstrichen. ebenso ein Gegenstand polizeilicher Vorsorge. Es liegt darin

188
auch ein Grund polizeilicher Strafgerechtigkeit. Wegen der überhaupt im Sinne einer äußerlichen Ordnung gefaßt. Wenn
Möglichkeit weiterreichender Beziehungen in der Ausübung das Allgemeine sich auf eine so äußerliche Weise gegen: die
meines Rechts ist es zufällig, ob ich andern Schaden tue oder Einzelnen geltend macht, so wird dasselbe leicht hart emp-
nicht. Die Polizei hat also dafür zu sorgen, daß ich Rücksicht funden. I 343

5 nehmen muß auf die Möglichkeit, andere zu verletzen. Eine Es ist bei dieser Partie viel in die Art und Weise der 5

Grenze ist hierin nicht zu setzen. Man kann bei allem, was Ausführung gelegt, und es kommen also hier die Sitten und
geschieht, einen Schaden aufzeigen, der daraus erfolgen der Kulturzustand eines Volks besonders in Betracht. Wenn
kann. Hier sind es die Sitten überhaupt, die Gefahr des die Tätigkeit der Polizei sich in das Innere der Familie mischt,
Augenblicks und eine gewisse Billigkeit, welche nähere so wird sie hier am empfindlichsten gefühlt. Das Gemütlose
10 Bestimmungen macht. der Römer zeigt sich auch auf dieser Seite in der Wirksamkeit 10

In der Befriedigung der Bedürfnisse finden sich gemein- der Zensoren, deren Wirksamkeit sich tief in das Innere der
341 schaftliehe I Interessen. Für diese zu sorgen, reichen einige Familienverhältnisse erstreckte. Das harte Übel der Familien-
hin, und allen anderen wird dadurch die Mühe, gleichfalls knechtschaft sollte so durch ein zweites Übel gemildert
dafür zu sorgen, erspart. Wer etwas einkauft, hat das Inter- werden.
15 esse, solide Waren und zu einem guten Preise zu erhalten. Die allgemeinen Veranstaltungen gehören zu dem großen 15

Ebenso haben die Individuen das Interesse, daß gewisse Mit- Vermögen, das jeder an der bürgerlichen Gesellschaft hat;
tel immer in gehöriger Quantität vorhanden sind. Es ergibt aber sie sind darum eben nur für das Individuum eine
sich daraus, daß gemeinsame Anstalten für alle solche Mühen Möglichkeit. Es bleibt so noch die Seite übrig, daß das
und Geschäfte getroffen werden. Die Einzelnen ersparen so Individuum nur die Möglichkeit I hat, seine Bedürfnisse zu 344

20 unendlich viel Zeit und Mühe. Zugleich wird aber denen, die befriedigen, daß aber die Befriedigung noch nicht als Wirk- 20

sich mit so etwas beschäftigen, die Zeit genommen, für ihre lichkeit erscheint. Es entsteht hier die Frage, ob das Indivi-
übrigen Bedürfnisse zu sorgen. Brücken und Straßen sind duum von der bürgerlichen Gesellschaft mit Recht verlangen
ferner solche gemeinschaftliche Bedürfnisse. Die Erleichte- kann, daß sie für seine Besonderheit sorge. Das Individuum
rungen durch das Gemeinschaftliche sind gar nicht zu berech- hat ein Recht an die Rechtspflege, ebenso an die Teilnahme an
342 25 nen. Die Vorteile I gehen hier ganz ins Ungemessene. den öffentlichen Anstalten; aber es hat auch dieses Recht nur 25

Unter Polizei sind hier auch überhaupt die Verwaltungsbe- bedingt, nämlich unter der Bedingung seiner Geschicklich-
hörden verstanden. Die ganze Sphäre der bürgerlichen keit. Nach dieser Seite hat zunächst die bürgerliche Gesell-
Gesellschaft ist die Stufe des Verhältnisses überhaupt. Wenn schaft die Möglichkeit der Befriedigung der Bedürfnisse des
der Staat in diesem Sinne gefaßt wird, so entsteht der bloße Individui. In der Familie ist es anders; hier wird die eigene
30 Polizeistaat. Fichte hat vornehmlich den Staat so gefaßt. Tätigkeit des Kindes nicht als die erste Bedingung der Teil- 30

Der Staat hat nach Fichtes Darstellung das Ansehen einer nahme an den Vorteilen der Familie in Anspruch genommen.
großen Galeere. Nach Fichtes Staat soll jeder immer einen Das Individuum, indem es in die bürgerliche I Gesellschaft 345

Paß bei sich führen, bei verdächtigen Personen aber solle das getreten ist, ist in das Verhältnis zu einem Ganzen getreten,
Portrait auch im Passe befindlich sein. E Es ist der Staat hier das die Stelle der Familie für dasselbe übernimmt. Im patriar-
chalischen Verhältnis bleibt die Familie fortwährend das alle folgt daraus 1 die Befugnis der bürgerlichen Gesellschaft, I die 348
einzelnen Glieder Umfassende. - In der bürgerlichen Gesell- Eltern anzuhalten, ihren Kindern eine dementsprechende
schaft wird dies Verhältnis ein anderes. Indem sie das Vermö- Erziehung zu geben. Die Kinder sind einmal Kinder der
gen des Individui ausmacht, so hat sie zuerst die Pflicht, dafür Familie und sodann auch Kinder der bürgerlichen Gesell-
5 zu sorgen, daß demselben diese Möglichkeit erhalten wird. schaft in dem angeführten Sinn. Elternlose Kinder fallen von 5
Dies ist die höhere Sorge, welche der Verwaltung obliegt. Sie Rechts wegen der Sorge der bürgerlichen Gesellschaft
hat so dafür zu sorgen, daß den Individuen Möglichkeit anheim. Verschwender, die sich unfähig machen, sich und
gegeben ist, durch Arbeit das Ihrige zu verdienen. Wenn ihre Familie zu erhalten, müssen von der bürgerlichen Gesell-
Arbeitlose vorhanden sind, so haben diese ein Recht zu schafrZ K beschränkt und in Zucht genommen werden. Die
10 fordern, daß ihnen Arbeit verschafft wird. Die bürgerliche bürgerliche Gesellschaft hat nun vornehmlich die Pflicht, für 10

346 Gesellschaft I hat aber dann ferner die unbedingte Pflicht, für die Erhaltung des öffentlichen Vermögens zu sorgen. Sie hat
das Individuum, welches unfähig ist, sich zu erhalten, Sorge in dieser Hinsicht zunächst für die Armen zu sorgen, und
zu tragen. Denn sie ist der wesentliche Grund und Boden, auf ebenso liegt es ihr ob, ihre Wirksamkeit auf den Pöbel zu
welchem 1 das Individuum nach der Seite seiner Besonderheit erstrecken. - Die I Entstehung der Armut ist überhaupt eine 349
15 ruht. Die bürgerliche Gesellschaft ist so objektive Totalität, Folge der bürgerlichen Gesellschaft, und sie ergibt sich im 15
und indem sie die Substanz ausmacht für diese Sphäre der ganzen notwendig aus derselben. Es häuft sich so Reichtum
Besonderheit, so steht das Individuum in Beziehung zu ihr als ohne Maß und Grenze an der einen und Not und Elend an
dem substantiellen Ganzen. In diesem Wesen hat also das der anderen Seite. Die Vermehrung des Reichtums und der
Individuum nicht nur Beziehungen der Einzelnheit, sondern Armut hält gleichen Schritt. Die Notwendigkeit dieser
20 es bezieht sich darauf wesentlich. Das besondere Individuum Erscheinung besteht darin, daß die Arbeiten zur Befriedigung 20
steht mit einer Menge anderer besonderer Individuen im der Bedürfnisse abstrakter werden. Sie können so leichter
347 Verhältnis, aber diesesVerhältnis I ist immer nur ein einzelnes hervorgebracht werden, wie bereits erwähnt wurde. Der
und vorübergehendes. So kann man sich zunächst auch das Kreis des Erwerbes dehnt' sich damit aus und so auch der
Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft zum Individuo vor- Kreis des Gewinnes. Das konkrete Gewerbe hat einen
25 stellen. Es würde hier nur ein Verhältnis der Besonderheit zur beschränkten Kreis von Individuen, den es befriedigt. An die 25
Besonderheit vorgestellt. Das Verhältnis ist indes ein Verhält- Stelle der abstrakten Arbeit tritt, wie wir sahen, die
nis der Besonderheit zum allgemeinen Wesen. Die bürgerli- Maschine. Dadurch werden die Wirkungen der abstrak-
che Gesellschaft, wenn sie bloß für das Allgemeine sorgt, so ten I Arbeit noch vermehrt; die konkreten Gewerbe werden 350
bleibt der Gebrauch desselben nur eine Möglichkeit. Die so heruntergebracht. Die Reichtümer häufen sich' bei den
30 Individuen sind einzelne Individuen, und es muß für sie als Inhabern der Fabriken. Wird vollends für den Staat gearbei- 30
Einzelne gesorgt werden. Die Individuen müssen zuerst also tet, so ist jene Anhäufung von Reichtümern noch bedeuten-
die Geschicklichkeit erwerben, durch Teilnahme an dem
I Orig. -Es folgt daraus daß<; 3 Orig. -dreht-.
allgemeinen Vermögen ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Es >daß< durchgestrichen. 4 Im Orig. folgt -auf der-,
I Orig. -welchen-. 2 Orig. -Pamiliec durchgestrichen.

193
der durch die Geschäfte der Lieferanten und der Fabrikunter- er ebenso übel daran. Wenn auch für ihn bei eigentlicher
nehmer . Indem sich hier Reichtümer sammeln, so wird durch Krankheit gesorgt ist, so fehlt es ihm doch meist an dem, was
die gesammelten Kapitalien die Möglichkeit zur Ausdehnung sonst zur Erhaltung und Pflege I der Gesundheit erforderlich 353
des Geschäfts noch vermehrt. Die Besitzer großer Kapitalien ist. Wollte man den Armen an den Genuß ' an den Hervor-
5 können mit einem geringem Gewinn zufrieden sein als die, bringungen der Kunst verweisen, so fehlen ihm gleichfallsdie 5
deren Kapitalien geringer sind. Es ist dies ein Hauptgrund des Mittel zu solchem Genuß, und er müßte eine solche Verwei-
großen Reichtums der Engländer. Mit der Anhäufung der sung als Verhöhnung betrachten. - Noch ein ganz anderer
Reichtümer entsteht das andere Extrem, Armut, Not und Zwiespalt tritt beim Armen ein, der Zwiespalt des Gemüts
351 Elend. In I England wird die Arbeit von vielen hunderttau- mit der bürgerlichen Gesellschaft. Der Arme fühlt sich von
10 send Menschen durch Maschinen vollbracht. Indem ferner allem ausgeschlossen und verhöhnt, und es entsteht notwen- 10
die Industrie eines Landes sich mit ihren Erzeugnissen weit dig eine innere Empörung. Er hat das Bewußtsein seiner als
auf das Ausland erstreckt, so wird das Gedeihen einzelner eines Unendlichen, Freien, und damit entsteht die Forde-
Zweige der Industrie dadurch vielen Zufällen preisgegeben. rung, daß das äußere Dasein diesem Bewußtsein entspreche.
Auf alle diese Weise häuft sich die Not und die Armut. Es ist in der bürgerlichen Gesellschaft nicht eine bloße
15 Zugleich werden die Individuen durch die Teilung der Arbeit Naturnot, mit der der Arme zu kämpfen hat; die Natur, 15
immer abhängiger. - Die Armut ist nun ein Zustand in der welche der Arme I sich gegenüber hat, ist nicht ein bloßes 354
bürgerlichen Gesellschaft, der nach jeder Seite hin unglück- Sein, sondern mein Wille. Der Arme fühlt sich als2 sich
lich und verlassen ist. Nicht nur die äußere Not ist es, die auf verhaltend zur Willkür, zur menschlichen Zufälligkeit, und
dem Armen lastet, sondern es gesellt sich dazu auch morali- dies ist das Empörende in der letzten Analyse, daß er durch
20 sehe Degradation. Den Armen fehlt so größtenteils der Trost die Willkür in diesen Zwiespalt gesetzt ist. Das Selbsrbe- 20
der Religion; sie können die Kirchen oft nicht besuchen, weil wußtsein erscheint zu dieser Spitze getrieben, wo es keine
352 es ihnen an Kleidern I fehlt oder weil sie auch an dem Sonn- Rechte mehr hat, wo die Freiheit kein Dasein hat. Auf diesem
tage arbeiten müssen. Die Armen nehmen ferner Teil an Standpunkte, wo das Dasein der Freiheit etwas ganz Zufälli-
einem Gottesdienst, der für ein gebildetes Publikum haupt- ges wird, ist die innere Empörung notwendig. Weil die
25 sächlich berechnet ist. Christus sagt dagegen: Den Armen Freiheit des Einzelnen kein Dasein hat, so verschwindet 25
werde 1 das Evangelium gepredigt.f Die Universitätsbildung damit das Anerkennen der allgemeinen Freiheit. Aus diesem
der Geistlichen ist selbst großenteils von der Art, daß die Zustande geht jene Schamlosigkeit hervor, wie wir sie im
Lehrer der Religion mehr gelehrt" reden, als fähig sind', zum Pöbel finden. Der Pöbel entsteht vornehmlich in der auslge- '55
Herzen zu sprechen und das Innere zu offenbaren. - Ebenso bildeten bürgerlichen Gesellschaft. Wenn die Individuen
30 wird ferner dem" Armen auch der Genuß der Rechtspflege nicht bis zum Selbstbewußtsein ihres Rechts fortgegangen 30
oft sehr erschwert. In Ansehung seiner Gesundheitspflege ist sind, so bleiben sie in der unbefangenen Armut stehen. Diese
I Orig. die Lesart -wurde- ist mög- 3 -sind- eingefügt. I Orig. steht hier ein Komma.
lich, aber sehr unwahrscheinlich. 4 Orig. -den., 2 Orig. -also-, Konjektur nur
2 Orig. -gelahrt-. überwiegend wahrscheinlich.

'94 '95
unbefangene Armut geht wenigstens zu der Arbeitslosigkeit Hilfe ist direkt den physisch Unfähigen zu gewähren. Was die
fort, die gewohnt ist, herumzulummern. Damit gehen die Hilfe gegen die eigentlichen Armen betrifft, so kann man
Modifikationen des Selbstgefühls überhaupt verloren. Neid zunächst glauben, dieselbe' müsse auch direkt gereicht wer-
und Haß entsteht so bei den Armen gegen die, so etwas den durch eine Abgabe der Reichen an die Armen. So wird in
5 haben. England eine Armentaxe von 9 bis 10 Millionen Pfund 5
Wir haben früher das Notrecht betrachtet als sich auf ein bezalrlt. Diese Hilfe macht indes das Übel nur ärger. Was den
momentanes Bedürfnis beziehend. E Hier hat die Not nicht Pöbel als solchen betrifft, so I könnte man glauben, dieser 358
mehr bloß diesen momentanen Charakter. In dieser Entste- müsse auf disziplinarische Weise gebändigt werden; allein
hung der Armut kommt die Macht des Besonderen gegen die dadurch würden die wesentlichen Rechte der Bürger
10 Realität des Freien zum Dasein. Es liegt darin, daß das gekränkt werden. Der Mangel an Arbeit ist, wie bemerkt '0
unendliche Urteil des Verbrechers herbeigeführt ist. Das wurde, ein Hauptumstand, der die Armut herbeiführt. Es
356 Verbrechen kann wohl i bestraft werden, aber diese Bestra- tritt bei einem gedeihlichen Zustande der Kultur immer eine
fung ist zufällig. In der Vereinigung der Substanz in ihrem Übervölkerung ein. Wenn der Armut Gelegenheit zur Arbeit
ganzen Umfange liegt eine Vereinigung des objektiven Rechts gegeben wird, so wird dadurch nur die Menge der Waren
15 überhaupt.f Wie nun auf der einen Seite die Armut' zum vermehrt. Nun aber ist es gerade der Überfluß von Waren 2 K, 15
Grunde liegt zur Pöbelhaftigkeit\ der Nichtanerkennung der den Mangel an Arbeit herbeigeführt hat. Wenn die Waren
des Rechts, so tritt auf der andern Seite in dem Reichtum wohlfeiler gegeben werden, so werden dadurch die Gewerbe
ebenso die Gesinnung der Pöbelhaftigkeit auf2. Der Reiche ruiniert. Geben die Reichen den Armen direkt Unterstüt-
betrachtet alles als käuflich für sich, weil er sich als die Macht zung, so können sie weniger auf Bedürfnisse verwenden, und
20 der Besonderheit des Selbstbewußtseins weiß. Der Reichtum es leidet dadurch wieder eine andre Klasse. I Ebenso entsteht 20 359
kann so zu derselben Verhöhnung und Schamlosigkeit füh- durch eine direkte Unterstützung der Armen die völlige
ren, zu der der arme Pöbel geht. Die Gesinnung des Herrn Degeneration derselben. Es wird so notwendig zu einem
über den Sklaven ist dieselbe wie die des Sklaven. Der Herr Recht, daß derjenige, der nichts hat, unterstützt wird. So
weiß sich als die Macht, so wie der Sklave sich weiß als die verschwindet das Selbstgefühl, durch seinen Fleiß und seine
357 25 Verwirklichung der Freiheit, der Idee. Indem der Herr I sich Arbeit leben zu wollen. Durch dieses Recht tritt jene Scham- 25
als Herr über die Freiheit des Andern weiß, so ist damit das losigkeit ein, die wir in England sehen. Da, wo in England
Substantielle der Gesinnung verschwunden. Es ist hier das keine Armentaxen sind, da sind die Armen immer noch
schlechte Gewissen nicht nur als innerliches, sondern als eine gesitteter und zur Arbeit geneigter. In Rücksicht auf die
Wirklichkeit, die anerkannt ist. Armut ist es überhaupt das Vermögen, welches der bürger-
30 Diese beiden Seiten, Armut und Reichtum, machen so das lichen Gesellschaft fehlt. Vom direkten Vermögen und von 30
Verderben der bürgerlichen Gesellschaft aus. Es ist die direkter Unterstützung wurde soeben gesprochen. Die
Forderung, daß allen ihre Existenz gesichert sei. Die nächste andere Art von Vermögen ist die Gelegenheit zu arbeiten;
I Orig. >Wie nun auch die eine Seite in der Armure I Orig. -dasselbe-.
2. -auf eingefügt. 2. Orig. -Arbeie.,

197
allein auch diese hat die bürgerliche Gesellschaft den Armen entschiedenen Zunehmen sind. Daß Amerika unabhängig
360 nicht zu bieten. I Was im Großen bewirkt wird und was die von England geworden ist, wurde vormals als ein Unglück
Hilfe in großen Massen betrifft, das muß da studiert werden, für England betrachtet. Allein es hat sich gezeigt, daß dieses
wo sich Massen zeigen wie in England. Um dem Übel der Ereignis für Englands Handel und Gewerbe höchst wohltätig
5 Armut abzuhelfen, kann von religiösen Anstalten nicht geworden ist. - Die Frage ist nun, wo Boden für Kolonien zu 5
unmittelbar die Rede sein. Die religiöse Wirksamkeit vermag finden I ist. Dies ist im allgemeinen eine empirische Frage. Es 363
nichts gegen die unmittelbare Natur und Notwendigkeit der ist nur zu sagen, daß der Boden jenseits des Meeres zu suchen
Sache. Es muß also den Menschen zu den dringendsten ist. Das Meer ist überhaupt das Naturelement der Industrie,
Bedürfnissen geholfen werden. Der bürgerlichen Gesell- zu dem die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Ausbildung
10 schaft fehlt also im allgemeinen das Vermögen, der Armut hinstreben muß. Die bürgerliche Gesellschaft ist einerseits zu 10
abzuhelfen. Sie kann nur Hilfe finden in einem Vermögen, arm, um ihre Armen zu erhalten. Dies hat auf der andern Seite
das nicht ihr eigenes ist; dies andere Vermögen ist das die Bedeutung, daß die bürgerliche Gesellschaft zu reich ist.
Grundeigentum. Dies hat sie nicht in sich selbst, sondern sie Eben die Armut der Arbeitenden besteht darin, daß das, was
361 muß sich nach einem Andern umsehen. So ist die Notlwen- . sie produzieren, keine Abnehmer findet. Es ist so zuviel
15 digkeit der Kolonisation gegeben. In allen Völkern, auf Kapital vorhanden, und es wird mehr produziert, als die 15
verschiedenen Stufen, findet das Bedürfnis der Kolonisation Nation verzehren kann. Um dieses Überflusses willen muß
statt. Man findet dies Bedürfnis selbst bei ackerbauenden, die bürgerliche Gesellschaft suchen, daß sie! ihren Handel
Viehzucht treibenden Völkern. Solche Völker sehnen sich ausbreite. Damit kommen die Armen I wieder zur Arbeit und 364
z. T. nur nach den Genüssen gebildeterer Völker. So sind die zur Möglichkeit, ihre Subsistenz zu gewinnen. Die bürger-
20 Völkerwanderungen aus dem rnittlern Asien nach Indien liche Gesellschaft strebt so überhaupt über sich hinaus, 20
ebenso wie die Wanderungen in Europa. Das allgemeine, zunächst auf diese äußerliche Weise in Anlegung von Kolo-
höhere Prinzip ist, daß die Völker einen Zustand erreichen, nien. Diesem Übersichhinausgehen liegt nun unmittelbar die
wo die Bürger nicht mehr auf eine genügende Weise leben Gewinnsucht zum Grunde. Das Höhere ist indes, daß der
können. Kolonien müssen auf einem freien Fuß gebildet Handel der Weg ist, die rechtliche Weise, wie Nationen in
25 werden wie bei den Griechen. Es muß ihnen wenigstens Beziehung miteinander kommen. Barbaren sind zunächst im 25
der Anfang eines freien, bürgerlichen Zustandes gegeben feindlichen Verhältnis gegeneinander; sie sind für sich und
362 werden. In neuern Zeiten I sind die Kolonien vorzüglich bilden so einen das Andere von sich ausschließenden Punkt.
in dies Verhältnis zum Mutterlande gesetzt worden, daß Die in Handelsbeziehung miteinander Kommenden erken-
sie mit keinem Lande als mit diesem Handel treiben nen einander zuerst als rechtliche Personen, als Eigentümer
30 durften. an. So kommen die Menschen auf eine I äußerliche, empiri- 30 365
Durch Kolonisationen wird das Doppelte erreicht, daß die sche Weise zur Allgemeinheit und Anerkennung. Das
Verarmten Eigentum erhalten und daß durch diese zugleich Bekanntwerden mit andern Nationen ist eines der wichtig-
für das Mutterland ein neuer Markt gebildet wird. England sten Momente in der Bildung der neuern Welt. Die Menschen
hat so Kolonien in Amerika angelegt, die noch immer im I Im Orig. folgt -sich-, durchgestrichen.

199
kommen dadurch aus ihren bornierten Vorstellungen heraus. einfache Bemerkung'", daß das Holz spezifisch leichter ist als
Das Reisen ist daher schon von jeher als Bildungsmittel das Wasser. Früher sind die Europäer, die Spanier und
betrachtet worden. Das größte äußerliche Mittel der Verbin- Portugiesen und ebenso die Holländer zu den fremden
dung ist das Naturelement des Meeres; dieses ist die breite, Völkern noch mit der Borniertheit gekommen, daß jene
5 ungeheure Straße, wodurch die Menschen in Verbindung Völker ein Schlechteres wären als sie. Erst durch die Englän- 5
miteinander treten. Es hat eine Zeitlang, besonders bei den der, die vom Menschen als Gedanken ausgegangen sind, ist
Franzosen, der oberflächliche Gedanke geherrscht, daß die ganze Welt in allgemeine Beziehung gesetzt worden. Das
Flüsse natürliche Grenzen wären. Flüsse und Meere sind Binnenland, das mit keinem Meere in Beziehung steht, bleibt
gerade das die Menschen Verbindende. Land und Gebirge in sich dumpf und verschlossen. Es entsteht durch die
366 10 scheiden weit I mehr. Dänemark und Norwegen waren ver- Bedürfnisse und den Handel ein Weltinteresse; die Weltge- 10
bunden, Liefland und Schweden, England und Frankreich, schichte zeigt die Seiten des sittlichen Ganzen, der Welthan-
Griechenland und Kleinasien. Ein jedes Volk, das zu einer del zeigt die Seiten des Verhältnisses als solche. Zugleich I 369
gewissen Stufe der Bildung kommt, muß sich notwendig an geht die bürgerliche Gesellschaft, indem sie ihren Gewinn,
das Meer drängen. Ein Volk, das im Binnenlande bleibt, kann ihr Eigentum der Gefahr aussetzt, über ihr Prinzip hinaus.
15 zu keiner freien Kultur gelangen. Die Ägyptier und die Indier Der Trieb des Gewinns schlägt in sein Gegenteil, die' 15
sind in einer innern Verdumpfung geblieben, weil sie den Tapferkeit, um. Wenn die Moral ein Geschrei darüber
Seehandel entbehrten. Beide haben den Tierdienst und die erhebt, daß die Menschen aus Gewinnsucht sich den Gefah-
Kasteneinteilung miteinander gemein. Sodann haben diese ren des Meeres ausgesetzt haben, so ist es dagegen die höhere
Völker ungeheure Werke der Kunst hervorgebracht, aber moralische Notwendigkeit, die die Menschen zur Verach-
20 nicht als freie Erzeugungen, sondern als Werke des Despotis- tung ihrer Subsistenz bringt. 20
367 mus. Das Meer ist I für den Handel das Höchste; es erweitert Der Mangel der bürgerlichen Gesellschaft, dessen eben
die Brust, und in der Sucht nach dem Gewinn entsagt der, der erwähnt wurde, ist ein höherer Mangel in ihrem Begriff. Die
ihm nachgeht, zugleich dem eigennützigen Zweck. Das Meer bürgerliche Gesellschaft haben wir überhaupt erkannt als das
und die Befahrung desselben machen gleichsam die Poesie des Auseinandergehen des Sittlichen, worin die beiden Momente
25 Handels aus; es entsteht hier eine Tapferkeit, zu der der desselben, das subjektive Selbstbewußtsein und das Allge- 25
Handel in sich selbst fortschreitet. Es entsteht durch den meine, jedes für sich zu ihrem I Recht gelangen. Ihre Einheit 370
Handel die Vorstellung von der Allgemeinheit der Menschen; ist eine relative, und beide Momente gehen ineinander über.
die Besonderheit der Nationen, ihrer Sitten und ihrer Kultur Wir haben gesehen, wie in der bürgerlichen Gesellschaft jeder
pp. verschwinden. Es bleibt der allgemeine Gedanke, daß alle zunächst sich selbst Zweck ist. Die Besonderheit ist also hier
30 Fremden Menschen sind. Der Trieb, über das Meer hinüber- überhaupt Zweck. Diese Tätigkeit schlägt aber auch in das 30
zugehen und die Grenzen zu überschreiten, entsteht durch Allgemeine um, so daß, indem ein jeder sich selbst befriedigt,
den Handel. Der Mensch geht darauf aus, dadrüben nicht ein er auch für das Allgemeine wirkt. Dieses Allgemeine ist auf
Anderes zu lassen und dieses ungeheure, unindividualisierte diesem Standpunkt nur das abstrakte oder äußerlich Allge-
368 Element des Meeres sich zu I unterwerfen. Dazu führt die I Orig. -der-.

200 201
meine; es bezieht sich nur auf Bedürfnisse, äußerliche Ord- Einheit als gewußter Zweck, und zwar innerhalb der bürger-
nung u. dgl. Ebenso hat auf der andern Seitedie Besonderheit lichen Gesellschaft selbst. Von selbst teilen sich nun die
nur sich zum Zweck. Diese beiden Extreme sind für sich Geschäfte das große, weitläufige Werk der bürgerlichen
nichtig; ihre Wahrheit ist erst ihre Einheit. Das Besondere hat Gesellschaft. Der Zweck der Korporation ist von der einen
371 5 sein integrierendes I Moment am Allgemeinen und ebenso Seite die Sicherung der Subsistenz aller ihrer Mitglieder. Der 5
umgekehrt. Der Begriff geht also über die bürgerliche Gesell- Einzelne soll zwar durch seine Tüchtigkeit zunächst für seine
schaft hinaus. Das Interesse der Besonderheit soll nicht ein Subsistenz sorgen; aber seine Tätigkeit und Rechtlichkeit
Interesse des selbstsüchtigen Zweckes sein, sondern es soll bleibt immer nur eine Möglichkeit und ist noch keine Wirk-
ein Gesichertes, allgemein Gültiges werden, es soll Objekti- lichkeit. Indem die Korporation in Rücksicht der bürgerli-
10 vität in sich haben. Was die Sicherung der Subsistenz anbe- chen Gesellschaft an die Stelle der Familie tritt, so fällt 10
trifft, daß sie nicht der Zufälligkeit preisgegeben sei, so derselben auch die Sorge für die Individuen anheim, da I wO 374
scheint die Sorge dafür der Polizei als solcher anheimzufallen. und insoweit die Kräfte der Familie nicht ausreichen. Ihr liegt
Allein wir haben gesehen, daß diese nur für das Allgemeine es zunächst ob, für die Bildung der Kinder ihrer Mitglieder zu
als solches sorgt. Insofern für die Besonderheit gesorgt sorgen, und ebenso hat sie sich solidarisch zu verbinden für
15 werden soll, so ist dazu erforderlich besonderes Interesse, diejenigen, welche zufälligerweise in Armut geraten. Auf der 15
besondere Kenntnis, besondere Einsicht. Nur solche, die in andern Seite hat die bürgerliche Gesellschaft den Anspruch an
372 der Besonderheit leben, können die Besorgung der I Beson- die Genossenschaften, daß diese ihrem Bedürfnis Genüge
derheit auf sich nehmen 1. Diese sorgen für die Besonderheit leisten in der Art, daß die Produktionen derselben von der
in ihrem ganzen Umfange, und zugleich wissen und wollen gehörigen Beschaffenheit u. dgl. sind. Ferner muß die Genos-
20 sie dieselbe. Das' Sittliche kehrt somit in die bürgerliche senschaft das Recht haben, über die Aufnahme in ihren 1 2~­
Gesellschaft zurück, innerhalb ihrer Zwecke der Besonder- Verband zunächst zu entscheiden, die Aufzunehmenden->"
heit. Die, welche zunächst das Interesse der Besonderheit hinsichtlich ihrer Tüchtigkeit zu prüfen und die Zahlihrer
haben, sorgen hier nicht mehr für sich als Einzelne. Es tritt Mitglieder zu bestimmen. Gegen diese I Rechte der Korpora- 375
somit der Begriff der Genossenschaft, der Korporation pp. tionen hat sich nun in neuern Zeiten erhoben das Zutrauen
25 ein, und dies ist die zweite Stufe der Sittlichkeit. Die Familie eines jeden zu sich selbst, so daß ein jeder glaubt, sich besser 25
ist die erste Stufe der Sittlichkeit in substantieller Form. Die auf sich verlassen zu können als auf die Korporation. Man
Korporation ist ebenso eine sittliche Gesellschaft, aber eine sieht es als ein absolutes Unrecht an, jemand zu hindern, das
solche, die nicht mehr, wie die Familie, die Natur zur zu treiben, was ihm beliebt, und seine Kräfte, die ihm die
Grundlage hat. Die Mitglieder einer Genossenschaft beste- Natur gegeben hat, nach Gefallen anzuwenden. Dabei ist
373 30 hen in und durch dieselbe. Sie I sind einerseits für sich tätig, vergessen, daß der Erwerb wesentlich etwas nicht nur Per- 30
und andererseits befördern sie in Zweck und Absicht ein sönliches ist, sondern daß derselbe auch einen weiteren
Allgemeines, die Genossenschaft. Dies ist die Rückkehr der Zusammenhang hat. Jeder Einzelne, wenn er sich nur auf sich
I Orig. -über sich nehmen-. selbst verläßt, gibt sich damit der Zufälligkeit hin. Das
2 Orig. -Dere. I Orig. -ihrem-.

202 20 3
.,.

Vernünftige besteht darin, daß die Existenz des Einzelnen aus der Vermittelung kommt. Bei den Alten war jemand
nicht ein Zufälliges sei, sondern ein Festgemachtes, so daß, unmittelbar geehrt um seines Reichtums, um seiner Taten,
376 wenn auch die Umstände I das Individuum zurückbringen, um seiner Vorfahren willen. Was der Gegenstand istK , das
diesem doch sein Recht verbleibt. Dieses wird nun in der kann nur geachtet werden als Mittel, als Glied einer großen
5 Genossenschaft auf eine wahrhaft zweckmäßige Weise Kette. Der allgemeine Zusammenhang, in dem ein Geschäft, 5
erreicht. Das Individuum soll in der bürgerlichen Gesell- ein Gewerbe seine Bedeutung hat, I liegt außerhalb desselben. 379
schaft nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Wirklich- Deshalb ist die Seite der Allgemeinheit an einem Geschäft
keit haben. Sodann ist es das Interesse der Sittlichkeit, daß das durch die Vorstellung gesetzt. Wir haben nach der einen Seite
Individuum nicht bleibt in dieser Selbstsucht, sondern daß gesagt, daß die Bildung in Ansehung des Geistes Resultat der
10 dasselbe zugleich die Sorge für ein Gemeinsames übernehme. Gesellschaft ist; die bürgerliche Gesellschaft ist Reflexion des 10
Es tritt hier das Substantielle, Wahrhafte der Sittlichkeit, die Verstandes, wie das Bewußtsein tätig ist. Die Bildung ist nun
Vereinigung des besondern und allgemeinen Zwecks hervor. überhaupt, daß in dem Besondern unmittelbar das Allge-
- Weiter zeigt sich hier diese besondere Form in der bürgerli- meine sich zeigt. Der Mensch zeigt so einen Unterschied von
chen Gesellschaft, die wir Ehre nennen. Das, was das Indivi- den Tieren in jedem Zug, in allem, was er tut, einen Zug VOn
377 15 duum in der Familie ist, das ist es. I Es ist hier ungetrennre, Menschlichkeit. Dies Allgemeine muß zur Gewohnheit wer- 15
unmittelbare Sittlichkeit. In der bürgerlichen Gesellschaft ist den. Der gebildetste Mensch ist der einfachste. Der Ungebil-
zugleich Reflexion 1 in ein Anderes; was ich bin, das bin ich dete braucht zu allem Umwege und tut oft etwas ganz anderes,
nicht für mich, sondern es hat seine Realität wesentlich durch als er will. Die Ehre ist nun der Reflex der Bildung, daß ich ein
andre. Ich bin nicht nur natürlicherweise von andern abhän- Anerkanntes bin und daß in dem besonderen Verhalten der
20 gig, sondern ebenso auch VOn der Vorstellung anderer. Diese Individuen gegeneinander I dies Anerkennen ausgesprochen 20 380
Vorstellung soll ein Festes und Bestimmtes sein. sei. Ich behandle so den Einzelnen in aller Besonderheit nicht
Die Ehre ist ein Begriff, der in der alten Welt nicht auf diese als Einzelnen, sondern als Allgemeinen. Dies ist das Moderne
Weise vorhanden war wie in der neuen. Daß das Individuum der Ehre. Es kann scheinen, daß, indem ich einen anderen
in der bürgerlichen Gesellschaft seinen Zweck erreicht, dazu nach der Ehre behandle, dies ein Verhalten der Falschheit sei.
25 gehört, daß es anerkannt ist, und dieses Anerkanntsein ist ein Darin liegt aber überhaupt nur das allgemeine Verhalten. Es 25
wesentliches Moment seiner Realität. Das, was jemand ist ist die Grundlage dieses Verhaltens immer dieses Höhere, daß
378 und was er sein soll, dies ist I in der bürgerlichen Gesellschaft ich mich zum Einzelnen verhalte als Allgemeinem. Die Sitte
nicht unmittelbar in einer Bestimmung zusammen. Alle die und die Höflichkeit unter den Menschen hat also hierin ihren
einzelnen Beschäftigungen in der bürgerlichen Gesellschaft Grund überhaupt. Im Rechte ist das Individuum nur
30 erhalten erst ihren Sinn als Glieder einer Kette. Das, worin abstrakte Person; in der bürgerlichen Gesellschaft ist dagegen 30
einer tüchtig ist, hat in seiner Unmittelbarkeit nicht unmittel- das Individuum eine besondere Person und gehört irgendei-
bar seinen Sinn; es gehört dazu eine vermittelnde Betrach- ner Genossenschaft an.
tung. Die Ehre ist nun eben erst eine solche Vorstellung, die Indem nun in der Korporation das Besondere zugleich als
I Im Orig. folgt -und-. Allgemeines sich Iverhält, so ist dieses die letzte Bestimmung 381

20 4
20 5
...

der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt. Jedes Glied der Korporation hat das Individuum sein wahrhaftes Bewußt-
bürgerlichen Gesellschaft hat seine Ehre und ist anerkannt. sein; es hat hier eine wahrhafte, edle Gelegenheit, sich Ehre
Derjenige, der einer Genossenschaft angehört, hat seine Ehre zu erwerben. In der Korporation ist das Verderben des
in derselben. Daß sein besonderes Geschäft ein solches ist, Reichtums beseitigt. Hier hat er das Feld, auf dem er sich
5 das im Ganzen seinen Sinn hat, und daß er nicht bloß für zeigen kann. In diesem Zusammenhange ist der Reiche nicht 5
seinen Zweck sorgt, sondern zugleich für eine Gemeinschaft, mehr ein Einzelnes für sich. Zugleich hat er Pflichten in
dies macht seine Ehre aus. diesem Kreise; außerhalb hat er nur die ganz allgemeinen
Der ackerbauende Stand als solcher formiert eigentlich keine Pflichten der Rechtlichkeit. Hier ist er etwas durch die Art
Korporation. Diese setzt wesentlich ein besonderes Geschäft und Weise, wie er I seinen Reich tum für seine Genossenschaft 384
10 voraus. Im ackerbauenden Stande ist die Familie das Haupt- anwendet. Die Athenienser hatten Institutionen, die in dieses 10
moment; in Ansehung der Subsistenz ist jeder mehr auf sein hineinspielen. Die Reichsten hatten religiöse Feste zu veran-
Privateigentum beschränkt, zu dem sein Verhalten ein unmit- stalten u. dgl. Hier war ihnen ein Feld angewiesen, wo sie
382 telbares ist. Es sind also die verschiedenen Gelwerbe vorzüg- ihren Reichtum auf eine gemeinnützige Weise anzuwenden
lich, welche die Korporation bilden. Die Gemeinde macht hatten.
15 demnächst'' selbst wieder eine Korporation aus. - Die Kor- Die Familie einerseits, die Heiligkeit der Ehe, und anderer- 15
poration macht also, wie bemerkt, wesentlich das sittliche seits die Ehre der Korporation sind die zwei 1 Momente, von
Moment in der Gesellschaft aus. England leidet bekanntlich denen das Wohl der bürgerlichen Gesellschaft abhängt. Die
am Überflusse des Reichtums und der Armut. Man kann Korporation macht den Übergang zum Staate aus. Sie ist
dafür halten, daß ein Hauptmoment dabei ist, daß daselbst schon ein Gemeinwesen, nur hat sie noch einen besondern
20 die Korporationen nicht in einer organischen, 1 geordneten Zweck. Die Wahrheit des Besonderen überhaupt ist nun das 20
Form existieren. Wenn ein jeder nur für sich tätig ist, so fehlt konkrete Allgemeine.
hiermit das sittliche Element.
Schlechthin Privatperson kann der Mensch nicht sein. Erst
indem er einen allgemeinen Zweck hat, stellt er sich als ein Drittes Kapitel
25 Substantielles und Wesentliches dar. Wenn die Individuen Der Staat
darauf reduziert sind, als Besondere zu leben, so müssen sie
383 notwendig I das Streben haben, in ihrer besondern Betätigung Der Übergang zum Staat gründet sich I überhaupt auf den 385
auch anerkannt zu werden von andern. Zunächst verfallen sie logischen Übergang der Besonderheit zur Allgemeinheit. 25
auf den Genuß; und dann zweitens müssen sie sich nach Viele, bloß äußerlich verbundene Korporationen machen
30 außen zeigen, und dies führt zu dem Luxus der Gewerb- noch keinen Staat aus. Daß das Allgemeine als solches gewollt
stände, eine notwendige Folge davon, daß sie nicht eine wird, charakterisiert den Staat als solchen. Aus den Korpora-
sittliche Beschäftigung für etwas Allgemeines haben. In der tionen sind häufig Staaten hervorgegangen. Die Erweiterung
I Komma eingefügt; die Lesart -organisch geordneten- ist nicht ganz auszu- des Zwecks zu dem an und für sich Allgemeinen ist die 30

schließen. I Orig. )2<.

206 20 7
Wahrheit des beschränkten Zwecks der Korporation und ist ausgesprochen. Das Offenbare, sich Wissende 1 steht dem
das, was den Staat überhaupt ausmacht. Die besondern gegenüber, die Form des sittlichen Geistes, welche den Staat
Zwecke und Interessen erscheinen gegen das Substantielle des ausmacht. - Es ist töricht, zu meinen, daß man das Rechte
Staats nur als ein Untergeordnetes. Zugleich hat dieses Sub- wollen könne, ohne viel zu denken. Der Staat ist gerade
5 stantielle nur sein wahrhaftes Bestehen in der völligen Durch- dieser", der das Höchste nicht bloß als ein Instinktartiges hat, 5
bildung der Besonderheit. Der Staat hat die substantielle sondern der dieses weiß; nur auf diese Weise ist er wahrhaft
geistige Einheit zu seinem Inhalt, und zugleich enthält er die vorhanden. Dieses, daß der Geist sich weiß, zeigt sich dann
völlig ausgebildete Form. Der Staat ist in seinem Begriffe ein darin, daß der Staat seine Einrichtungen, seine Verfassung,
386 Resultat der angegebenen I beiden Momente. Der Begriff des seine Gesetze austeilt als ein bestimmt Objektives. Weil das
10 Staats kann nur aus seinen Momenten gefaßt werden; diese Wissen die wesentliche Form des Geistes ist, wie es im Staate 10
sind das frühere in der Betrachtung, aber in der Existenz sind ist, so ist damit die Weise des patriarchalischen Staats ausge-
sie das spätere. Die Einheit beider Momente ist in der schlossen. In diesem sind es Gefühle, Gewohnlheiten oder 389
Geschichte immer das Anfängliche. Der Staat als solcher ist auch Orakel und göttliche Autoritäten, wodurch das Staats-
immer etwas Früheres als die bürgerliche Gesellschaft. Diese leben regiert wird. Auch ist es im Staate nicht etwa einem
15 bildet sich nur im Staat aus, und sie kann nur innerhalb der Individuo überlassen, in Begeisterung ein Volk zu bewegen. 15
ganzen Einheit, die der Staat ist, hervortreten. Ebenso können es nicht bloß starre, angeerbte Rechte sein,
Der Staat hat zu seinem Zweck überhaupt das Sittliche. Er ist wodurch das Ganze zusammengehalten wird. Dies sind
die Wirklichkeit der sittlichen Idee, die zugleich zur vollkom- historische feudalische Staaten. Die Gründe, welche hier
menen Ausbildung ihrer Form gekommen ist. Der Staat ist gelten, sind ganz positiver Art: Es hat so gegolten und darum
20 der sittliche Geist als sich wissend. Die Sittlichkeit der gilt es. Erst indem die bürgerliche Gesellschaft sich in den 20
387 Familie ist das sich noch nicht I Wissende, sondern das sich Feudalstaaten ausbildete, hat sich das Allgemeine als solches
Empfindende. Die Penaten'' sind das Innere. Die politische geltend gemacht. Es ist der allgemeine Geist als solcher, der
Tugend ist nicht Tugend der Empfindung, sondern ein gewußt wird und der sich die Wirklichkeit gibt. Der allge-
Wollen des allgemeinen Zwecks, insofern er gedacht wird meine Geist, in Rücksicht auf die Individuen betrachtet, kann
25 und gewußt. In der »Antigone« des Sophokles sehen wir als ein Gemeinsames betrachtet werden; I hierher gehört das, 25 390
diesen höchsten Gegensatz des Staats und der Familie, die was von den Zwecken der bürgerlichen Gesellschaft als
Sittlichkeit in der Form der Empfindung und des Bewußt- Schutz, gegenseitige Unterstützung u. dgl. gesagt zu werden
seins.f Diese höchsten sittlichen Mächte müssen in Kollision pflegt. Bei alledem wird von selbstsüchtigen Ansichten aus-
miteinander kommen. Weil dies die höchsten sittlichen gegangen. Das Individuelle, Besondere ist dabei immer zum
30 Mächte sind, so ist ihre Bewegung gegeneinander das höchste Zweck gemacht. Wenn man fragt, wie die Individualität zu 30
Tragische. Die Antigone beruft sich dem Kreon gegenüber ihrem höchsten Rechte gelangt, so ist dies die geistige Allge-
auf ein ewiges Gesetz, von dem man nicht weiß, von wem es meinheit, welche der Staat selbst ist. Im Staate hat erst das
kommt. E Kreon nennt die Götter der Antigone die untern I Orig. -Das offenbare sich Wissende<.
388 GötteL E Es ist damit das inwendig I bleibende Subjektive 2 Im Orig. verändert aus -dieses-.

208 209
t,
I

Individuum objektive Freiheit. Was das Individuum an sich Sache. Es kann Gewalt und Unrecht sein, wodurch ein Staat
ist, das ist im Staate als eine wirkliche, objektive Welt für begründet wird; dies ist für die Idee gleichgültig. Der Staat
dasselbe vorhanden. Die Vereinigung geschieht also nicht zu mag so unvollkommen sein, wie er Iwill, so hat er doch dies 393
besondern Zwecken, sondern um der Vereinigung selbst Göttliche, Substantielle in sich, daß die Individuen sich darin
5 willen. Dies macht erst die Sittlichkeit aus. Der sittliche Geist verhalten als einem objektiven Ganzen angehörig. Wenn bei 5
391 ist also das Wesen eines Staats, das 1 Ivon den alten Völkern den Einzelnen in einem Staate sich auch noch so viel Mißver-
als ihr Gott ausgesprochen wird. Dieser Geist ist wieder das, gnügen zeigt, so hält denselben doch immer eine innere
welches lebendig ist im Volke, welches in seiner Gemeinde Macht zusammen.
lebt. Sein Selbstbewußtsein hat es in den! Einzelnen; diese Man hat nun einerseits gesagt: Der Staat besteht durch
10 sind sein Wissen und seine Tätigkeit. Die Sitten eines Volks göttliche Autorität, Obrigkeiten sind von Gott eingesetzt. 10
stellen den Geist dar als eine Gewohnheit, als ein dem Volk Auf der andern Seite hat man gesagt: Der Staat ist Einrichtung
zur Natur Gewordenes. Die Individuen haben von ihrer Seite menschlicher Willkür. Beides ist einseitig. Die Idee des Staats
ihr Wesen und ihren Zweck am Geiste. Dieser ist nicht ein vereinigt beide Prinzipien in sich. Allerdings kann man sagen,
ruhendes Totes, sondern er wird immer wieder von neuem daß die Könige von Gott eingesetzt sind und ebenso die
15 erzeugt und in die Wirklichkeit gesetzt. Das Recht des Staats Obrigkeit; denn es' ist der objektive Geist, der das Tätige und 15
ist das absolute Recht, einerseits gegen die Individuen, und Wirkende im Staat ausmacht. Dieser Geist ist das Göttliche.
andererseits das, wodurch die Individuen zu ihrem Recht Indem der Staat an sich ein I Vernünftiges ist, so ist er ein 394
gelangen. Es ist nichts im Himmel und auf Erden, was für das Göttliches. Erst in neuern Zeiten, wo man gesagt hat, man
Individuum ein Höheres wäre als dieses Recht. In ihm ist die könne das Wahre nicht erkennen, ist es gekommen, daß 2 man
392 20 Substanz, die geistige Natur des Individui I zum Dasein das Göttliche aus der Gegenwart vertrieben und die Wirk- 20
gekommen. Die Individuen? sind zur höchsten Weise ihrer lichkeit als ein Aggregat von Endlichkeiten betrachtet hat. -
Existenz K darin gediehen. Es ist nicht ein Belieben der Gott ist in einem Volke wesentlich gegenwärtig, und seine
Menschen, ob sie in einen Staat treten wollen oder nicht, Gegenwart ist die, daß er gewußt wird. Wenn man sagte, die
sondern dies ist ihre absolute Pflicht. AristoteIes hat gesagt: Autorität der Könige und der Obrigkeit sei eine göttliche, so
25 Der Mensch, der einsam sein könnte, wäre ein Tier oder ein hat man damit oft den falschen Sinn verbunden, es sei dies die 25
Gott. E Autorität eines Schicksals, das nicht erkannt werden könne.
Pflicht des Individui ist es, auf wesentliche Weise zu existie- Dies ist das System der passiven Obedienz, worüber man in
ren; dies kann es nur im Staate. Auf welche Weise die Staaten England in einer Zeit lange gestritten hat. E Der Staat ist eine
entstanden sind, dies geht uns hier ganz und gar nichts an. Ob göttliche Autorität nicht als Unvernünftiges, sondern als
30 ein Staat aus patriarchalischen Verhältnissen hervorgegangen Vernünftiges. Was über der I Vernunft wäre, das wäre das 30 395
ist oder durch äußere Gewalt und Not, ist eine gleichgültige Unvernünftige.
I Orig. -der-. Auf der anderen Seite hat man dargestellt, daß der Staat bloß
2 Orig. -dem., I Orig. »et-:
3 Orig. >Sie<. 2 Orig. )WO<.

210 2II
~.

I
,

in menschlicher Willkür seinen Grund habe. Man hat so einen den Grund gelegt, daß über den Staat gedacht worden ist.
Trieb zur Geselligkeit angenommen, und dieser sei es, der die Von ihm an hat das Denken über den Staat begonnen. Das
Menschen zur Vereinigung geführt habe. Wenn man von Schiefe an Rousseaus Theorie ist, daß er nicht den Willen als
einem solchen Triebe spricht, so wird darunter ein Instinktar- solchen als Grundlage des Staats gefaßt hat, sondern den
5 tiges verstanden. Der Mensch, als Geistiges, geht wesentlich Willen als einzelnen in seiner Punkltualisierung. Es ist der 398
auf das Wissen und Wollen des Allgemeinen. Was die Men- Begriff der Freiheit, das Vernünftige, Allgemeine, welches
schen zum Staate gebracht hat, dies ist allerdings in ihnen ein das Wesen des Staats ausmacht. Das Einzelne für sich hat nur
Immanentes, aber dies muß nicht in der Weise des Triebes Recht und Gültigkeit, inwiefern es dem an und für sich
bleiben. Es ist also die Natur der Allgemeinheit überhaupt, Allgemeinen angemessen ist. Es ist so also nicht die Willkür
10 die das Individuum treibt, auf allgemeine Weise zu existieren. des Einzelnen, die hier das Entscheidende ist. Rousseau hat 10

396 - Eine abstraktere I Form ist dann 1 , daß man vorgestellt hat, also einerseits dem wahrhaften Denken über den Staat den
daß der Staat beruhe auf dem Willen der Einzelnen. Das Impuls gegeben, auf der andern Seite hat er aber die Verwir-
Wahre darin ist: daß es ein Immanentes im Menschen ist, rung hereingeführt, daß das Einzelne als das Erste betrachtet
wodurch der Staat besteht, daß es dessen eigenes Wesen ist, wurde und nicht das Allgemeine. Für sich ist das Einzelne nur
15 welches hier auf eine objektive' Weise wirklich wird. Wenn ein Leeres, Formelles, und wenn es sich für sich seinen Inhalt 15

die Menschen aus Furcht vor einem höhern Charakter, vor gibt, so ist es Willkür. Das Inhaltsbestimmende ist die Idee in
einem Heros, in den Staat zusammengebracht sind, so scheint ihrer Entwickelung, und diese ist unabhängig von dem
es, daß ihnen äußerliche Gewalt angetan worden ist. Allein Meinen und der Willkür des Einzelnen. Wenn dieses I Ein- 399
auch das, was den Schein hat einer ganz äußerlichen Nöti- zelne anders meinte als das Substantielle, Allgemeine, so hat
'0 gung, ist gleichwohl das eigene Innere, welches uns treibt und dieses dasselbe wider seinen besondern Willen und gegen '0
zwingt, derselben 3 zu gehorchen. Rousseau hat in neuern seine Meinung zu seiner Pflicht anzuhalten. - Das Wesen des
Zeiten die soeben erwähnte Ansicht vorzüglich durchge- Staats ist somit durchaus über die Willkür erhoben. Der
397 führt. E Er hat das Staatsverhältlnis deshalb gefaßt als auf Einzelne bildet sich zum Staate, insofern er sich seiner
einem Vertrag beruhend. Von dieser Form des Vertrages Besonderheit begibt und sich zu einem Allgemeinen, Ver-
25 wurde schon früher gesprochen. Im Vertrage beschließen nünftig-wissenden und -Wollenden macht. In neuern Zeiten 25

zunächst zwei, von ihrer Willkür aus, miteinander ein hat man nun auch gesagt, die Religion müsse als der Grund
Gemeinschaftliches. Rousseau hat das große Verdienst des Staats angesehen werden. Die Religion ist in einem Volke
gehabt, daß, indem er den Willen der Einzelnen zum Prinzip ein Notwendiges. Insofern man in der Weise der Gründe
des Staats gemacht hat, er damit einen Gedanken, und zwar räsoniert, so kann man alles Notwendige zu einem Grunde
30 den Gedanken des Willens, zum Prinzip gemacht hat. Der machen. In der Philosophie suchen wir überhaupt nicht die 30
Sozialitätstrieb ist kein Gedanke. Rousseau hat so überhaupt Gründe der Dinge, sondern den Einen substantiellen Grund.
Man kann ebensogut sagen: Die Faniilie ist der Grund
I Orig. -denn-.
2 Orig. -einer objektiven-. des I Staats oder das Recht oder die Subsistenz der Indivi- 400
3 Orig. -denselben-. duen. Alles dieses sind wesentliche Momente, ohne die der

212 21 3
Staat nicht bestehen kann. Wenn von der Religion als Grund
r die Unterdrücker sind als die Unterdrückten, die die Religion
des Staats gesprochen wird, so meint man das Letzte gesagt zu vorzüglich empfehlen. Man hat Tyrannen gesehen, die die
haben, aber dies ist nur ein Letztes des Verstandes. Die Völker an die Religion verwiesen haben. Da erscheint das
Religion ist die Anschauung des absoluten Geistes, der in Verhältnis SO: Im Staate mag es zugehen, wie es will, in der
5 jeder Rücksicht die alles umfassende Idee ist. Der Geist, wie Religion hat man die Entschädigung. Man wird hier an 5
er im Staate ist, ist ein bestimmter Geist. Indem der Mensch, einen I Himmel, an ein Jenseits verwiesen. In Zeiten des 403
als individueller Geist, zur Anschauung seines absoluten Elends und der Not wird so oft auf die Religion verwiesen.
Wesens kommen mußte, insofern ist die Religion ein schlech- Von der Religion hört man sagen, daß die Frömmigkeit sich
terdings Notwendiges an und für sich, ohne alle Beziehung mit weltlichen Geschäften wenig abgeben solle; sie solle den
10 auf den Staat. Aber die Religion ist auch weiter notwendig in anderen Backen reichen, wenn sie auf den einen einen Streich 10
Beziehung auf den Staat. Der Staat hat in Rücksicht auf die erhalten hat. E Es wird so Gleichgültigkeit und Passivität
401 Subjektivität I die letzte und höchste Bestätigung an der Reli- gegen die Willkür gefordert. Man hat ferner gesehen, daß,
gion. Das Subjektive kann sich, wie wir gesehen haben, indem die Religion sich auf das absolute Wesen bezieht, die
stellen gegen das Allgemeine; es kann gegen alles eine Aus- Form, in der dasselbe Gegenstand der Religion ist, die Form
15 rede finden, kann alles betrachten in der Form, im der Empfindung ist und in Ansehung des Wissens die Form 15
Beschränkten und sich darübersetzen. E In der Religion legt des Glaubens. Vernünftiges Wissen und Wissen aus dem
dagegen das Individuum alle diese Ausflüchte ab, weil es sich Begriff ist damit entfernt und sogar bestimmt ausgeschlossen.
in seinem Selbstbewußtsein verhält zu dem Allbefassenden. Es begründet sich damit ein Glaube, der sich in alles I ergibt, 404
Wenn Staatseinrichtungen pp. betrachtet werden als in die- und ein Glaube, der alles dahinnimmt als eine Schickung
20 sem Allbefassenden 1 begründet, so sind sie gegen die Willkür Gottes. Dies ist eine Disposition, die denen, die mit Unrecht, 20
.des Subjekts geschützt. Das Subjekt hat einer solchen Autori- Willkür und Gewalt im Staate herrschen wollen, ganz
tät nichts mehr entgegenzusetzen. Im Staat als solchem" ist erwünscht sein kann. - Die Religion hat ferner eine äußerli-
die Religion ebenfalls ein Notwendiges; in den Staatseinrich- ehe Existenz. Der Kultus ist mit einer äußerlichen Ausübung
rungen soll der göttliche, der vernünftige Geist seine Offen- verknüpft; er bedarf dafür eines Regiments. Dieses Regiment
402 25 barung haben. Was I der Staat unternimmt, das soll im Geiste ist notwendig in den Händen von Menschen. Es gibt Gebote 25
der Wahrheit geschehen und bestimmt sein. - Der Geist ist in Ansehung dessen, was geglaubt werden soll. Was sich
nun aber nicht bloß ein Inneres, sondern es kommt auf dessen darauf' bezieht'i, das geschieht also für das Göttliche und
Offenbarung an. Nach dieser Seite ist das religiöse Prinzip stammt aus dem Göttlichen. Es hat die höchste Autorität,
vom Staatsprinzip verschieden, nicht sowohl dem Inhalte als und nichts soll sich derselben widersetzen. Menschliche
30 vielmehr der Form nach. Wenn wir die Erscheinung in Autorität ist davon schlechterdings verbannt. Jede Abwei- 30
Ansehung des Verhältnisses von Religion und Staat betrach- chung I in der Gesinnung, in der Vorstellung, im Meinen und 405
ten, so kann es gleich verdächtig erscheinen, daß es sowohl Handeln ist eine Abweichung vom Unendlichen, ist ein
I Ong. -Allbefaßten-. unendliches Verbrechen. Indem es das Göttliche ist, welches
2 Orig. -solchenc I Orig .•dahin-.

2'4 2'5
befiehlt und für welches gehandelt werden soll, so ist das zurückgeführt werden, d. h. sie müssen als Gesetz ausgespro-
Verhälmis zu demselben entweder ein Verhältnis der Furcht chen sein. Wenn wir Gott als den konzentrierten Geist
für die Einzelnheit, und dieser Furcht kann nichts entgegen- annehmen und die Endlichkeit als das Zerfallen desselben, I 408

gehalten werden, oder es ist ein Verhältnis der Liebe, in deren so ist das Vermittelnde zwischen beiden das Gesetz, das
5 Sein ebenso eine alles Selbstbewußtsein, alles Urteil und alle Allgemeine, das Gedachte. Dies ist die Offenbarung Gottes; 5
Freiheit in Anspruch nehmende Hingebung gefordert wer- es gibt auch noch andere Offenbarungen Gottes. Dies ist aber
den. Insofern die religiösen und kirchli~hen' Gebote göttli- das Treten in die Wirklichkeit. Der Staat hat seine Idee in
che Autorität haben, so hat auch nach dieser Seite die Kirche Glieder auszulegen, die besondere Sphären sind und deren
den Charakter einer Autorität, gegen die nichts bestehen Bestimmung im Gesetz, d. h. im Allgemeinen aufgefaßt ist.
406 10 kann. Die Religion ist so in den Händen von I Menschen, die Die Religion bleibt in der Subjektivität stehen. Wenn der 10
im Namen Gottes anordnen, was sie verlangen, mit der Inhalt der Religion entwickelt wird, so ist dies selbst die
fürchterlichsten, alles niederdrückenden Gewalt. Eigner Organisation des Staats. Bestehen kann die Wirklichkeit nur
Wille, eigne Freiheit soll sich einer solchen Theokratie nicht durch das Allgemeine, durch das Gesetz. Man kann nun nicht
entgegensetzen. Es hat so dahin kommen können, daß die wünschen, daß statt des Staats nur Religiosität unter den
15 Menschen so erniedrigt wurden, daß sie von der moralischen Menschen sei. Das I hieße soviel, als wenn man sagt, die 15 409

Seite durchaus degradiert worden sind. Man hat die Men- Gallerte, die animalische Lymphe'' enthält die ganze Anima-
schen auf diese Weise härter und ärger erniedrigen sehen, als lität; also braucht es der Entwickelung derselben nicht.
es je vom Staate geschehen ist. Dies sind Seiten, die der Das Vernünftige, die Idee zeigt sich in der Religion und im
religiöse Standpunkt zu seinen Konsequenzen gehabt hat, Staate in verschiedenen Formen; in der Religion auf subjek-
20 wenn er zur letzten befehlenden Autorität gemacht worden tive Weise. Die Religion bleibt bei der Andacht stehen, sie 20
ist. Diese Konsequenzen müssen zunächst aufmerksam dar- geht nicht zum l K Denken hin; was im Staate geschieht, ist ein
auf machen, mehr zu betrachten, welchen Sinn die Forderung Gedachtes, ein Allgemeines. Im Physikalischen geht der
407 hat, daß die Religion dem Staate zum Grunde liegen solle. I Mensch in den Schlaf über, in diese Einheit mit dem Natur-
Die Religiosität wurde bezeichnet als das Bewußtsein des geist.E Ebenso ist es im Geistigen; die Konzentration des
25 Absoluten. In diesem Bewußtsein liegt die höchste Freiheit; Geistes im Gemüt, in der Empfindung ist das Religiöse. Der 25

das Individuum ist hier bei seinem Wesen, es ist zu seiner religiöse Standpunkt hat nun überhaupt die Form der Einhül-
wahrhaften Substantialität zurückgekehrt. Aber jene Erhe- lung der I Subjektivität gegen die entfaltete Idee, die objektive 410

bung ist nur eine Erhebung im Gemüte, in der Subjektivität. Welt. Wenn das Religiöse sich in seiner Form geltend machen
Der Staat ist nun selbst dieser Geist, aber ein sich in der will gegen die Objektivität, gegen den Staat, so treten jene
30 Wirklichkeit entfaltender, nicht bloß ein subjektiver; er ist so verkehrten Erscheinungen hervor. Zuerst zeigt sich das Reli- 30

das Heraustreten aus dem bloß Innerlichen, aus der Subjekti- giöse hier als ein Negatives; es ist idealistisch gegen die
vität. Zu diesem Heraustreten gehört Unterschied, und Systematisation der unterschiedenen Sphären und Bestim-
sodann müssen diese Unterschiede auf ihre Allgemeinheit mungen. Wenn das religiöse Prinzip sich so geltend macht, so
I Orig. -kirchliche-. I Orig. -nur beim-.

216 21 7
.,...

wird dasselbe so Fanatismus; dieser kann einen hohen Inhalt lichkeit. Wenn man sagt, man müsse Gott mehr gehorchen als
in sich enthalten, aber das Fanatische besteht in jener negati- den Menschen'', so ist eben die Frage: Was befiehlt Gott, wer
ven Richtung. Aller bestehende Unterschied geht hierin weiß es? Der bloß subjektiv sich Verhaltende weiß es nicht.
unter. Diese Richtung hat man in der Geschichte zu verschie- Das Göttliche offenbart sich allerdings, aber auf allgemeine,
411 5 denen Zeiten auftreten sehen; noch im I 16. jahrhundert zeigt geistige Weise. Was Gott wahrhaft offenbart und befiehlt, 5

sich dieselbe in den Wiedertäufern in Münster. Dort wurde wird menschlich aufgefaßt, und damit es wahrhaft aufgefaßt
ungefähr derselbe Zustand eingeführt, wie der abstrakte werde, I muß es die Form der Allgemeinheit annehmen;' so 414

Fanatismus der Freiheit unter Robespierre in Frankreich aber ist es das Gesetz. Diese Bestimmung vom religiösen
hervorzubringen sich bestrebte. Ebenso waren es fromme Standpunkt aus geht nun auch fort zu allgemeinen Prinzipien;
10 Presbyterianer, welche in dem Parlamente saßen, welches es wird von Gerechtigkeit und von Gesetzen gesprochen, 10

Karl 1. auf das Schafott führen ließ. Cromwell hat dann dieses aber es bleibt bei einer oberflächlichen Allgemeinheit. Wenn
Parlament auseinandergejagt und wenigstens einen Anfang fortgegangen würde zur weiteren Bestimmung, so ginge man
rechtlichen Lebens wiederbegründet. - Wir suchen den eben damit in das Gebiet des Staats über. Die Aussprüche der
Herrn, meinen sie; der Herr ist noch niemals hier gewesen Religion haben in ihrer Allgemeinheit die Bestimmtheit
15 und wird auch nicht herkommen. - Es muß nun also über das nicht, mit welcher die Welt regiert werden kann. So enthalten 15

412 bloß Negative hinausgegangen werden', wenn es nicht bloß I die Zehn Gebote allerdings wahre Vernunftgebote, aber sie
bei einer müßigen Beschauung bleiben? soll. Der Wille, reichen nicht hin zu einem Kriminalkodex. Mit den Spruch-
indem er etwas will, muß sich als Gesetz bestimmen. Wer ist wörtern Salomonis, die allerdings Vortreffliches enthalten,
es nun, der diese Bestimmungen zu fassen hat? Das sind die, kann man die Welt nicht regieren.' I Man muß sich über 415

20 welche den Herrn suchen, jene frommen Leute, die subjektiv dieses alles ein genaues Bewußtsein machen, wenn man über 20

Meinenden, die besonderen Meinenden und Wollenden. Es das Verhältnis des Staats zur Religion sprechen will. Es ist die
tritt hier der ungeheure Überschritt zum Bewußtsein ein, zur Kraftlosigkeit der Zeit, welche zu der Frömmigkeit zurück-
Objektivität. Die, welche sich nur' so in der Subjektivität geflohen ist; diese Frömmigkeit ist nicht die unbefangene
halten, haben sich damit auch des Denkens abgetan. Sie einfache Frömmigkeit, sondern sie charakterisiert sich feind-
25 können und wissen nicht in der' Form der Allgemeinheit selig und polemisch. Es ist das Bedürfnis eingetreten, mit 25

auszusprechen und zu bestimmen. Dazu gehört die unge- seiner Einsicht, mit seinem Wissen bei dem zu sein, was als
413 heure Arbeit des denkenden Geistes. Die I nur innerliche ein Objektives respektiert werden soll. Dazu ist nicht der
Subjektivität, wenn sie auch noch so schön ist, bleibt auf die Weg eine solche Weise der Frömmigkeit. Um den Staat zu
Willkür und die Meinung beschränkt und gelangt nicht zur begreifen, muß man es übernehmen, durch die Arbeit des
30 Wahrheit. Wenn nun aus solchem Wissen entschieden wird, Studiums, des Nachdenkens seine Meinung zu bezwingen. 30

so ist es die Willkür, welche entscheidet, die NichtalIgemein-


1 Im Orig. befindet sich an dieser Stelle, möglicherweise von der Hand des
heit des Denkens und des Wollens, Albernheit und Abscheu- Schreibers, ein Zeichen, etwa '&<, aber bis über die Oberlängen hinaufge-
I -werden- eingefügt. 3 Orig. -nunc zogen.
2 Orig. -stehen bleiben-. 4 Orig. -die-. 2 Orig. an dieser Stelle vielleicht ein Absatz.

218 21 9
Aber mit biblischen Sprüchen ist es nicht abgetan. Die insofern er Gesetze hat, die sich auf die' Wirklichkeit der
Gottseligkeit ist wohl zu allen Dingen nutze, aber sie ist nicht Freiheit beziehen, und insofern es sein Interesse ist, daß das
416 statt allem nutze. I Indem man das Denken aufgegeben hat, da Allgemeine in 2 das Bewußtsein und den Willen der Einzelnen
gerade der Staat das Allgemeine in sich enthält, so hat man falle, hat somit auch das Lehrgeschäft in seinem Gebiet. Die
5 sich mit seiner Seichtigkeit hinter die Religion gesteckt und Religion, wenn sie echter Art bleibt, I kann sich nicht mit dem 5 419
dem Unwillen 1 darüber, daß man nicht gehört worden ist. Staat widersprechen. Die Religion kann aber ihr Prinzip nach
Man hat der Autorität nichts entgegenzustellen gewußt als seiner einseitigen Form festhalten und die Form der Subjekti-
eine andere Autorität des subjektiven Willens. vität zum Wesentlichen machen. Sie tritt damit in Gegensatz
Indem die Religion einseitig geltend gemacht wird gegen den und in Widerspruch mit dem Staat. Wenn also auf jenem
10 Staat, so wird sie selbst verkannt. Siemuß nun allerdings ihre einseitigen Standpunkt stehengeblieben wird, so kann man 10
Stelle im Staat haben und ihre Tempel, sie muß eine Kirche wohl meinen und behaupten, der bloße Glaube und Über-
sein. Sie ist eine wesentliche Weise des Geistes. Die Religion zeugtsein sei das Kriterium für das Rechthandeln; man könne
bedarf unmittelbar auch einer Äußerung, sie hat einen Kul- nur gerichtet werden nach seinem Glauben, und über diesen
417 tus, eine Lehre u. dgl. Es müssen Arbeiten I abgebrochen gehe nichts. Dies geht aber dahin, als wenn gesagt wird, man
15 werden, die sich auf das andere bürgerliche Leben beziehen. könne das Wahre nicht erkennen, die individuelle Weltan- 15
Der Sonntag ist so eine der größten Institutionen, die wir dem schauung sei für jeden das Höchste und vom Staate alssolches
Christentum verdanken. Die Religion, indem sie Lehrer zu respektieren. Es tritt hier I eine Autorität gegen die andere. 420
haben muß, Vermögen u. dgl., tritt in das Gebiet des Staats, Man kann fragen, wer hat zu entscheiden, und man kann
und hier ist es also, wo das Regulieren desselben vornehmlich sagen, die Religion ist das höhere, denn sie hat einen höheren
20 eintritt. Eine andere Weise der Äußerung zeigt sich dann so: Inhalt, sie hat es mit dem allbefassenden Geiste zu tun. Nun 20
Der Staat hat Gesetze, und die Religion äußert sich auf aber ist, wo die Religion bloß der Subjektivität anheimfällt,
allgemeine Weise. Wenn beide auf rechten Wegen sind, so sie' durchaus etwas Endliches; der Staat ist deshalb hier das
müssen sie sich einander begegnen. Aber es kann auch sein, Entscheidende, denn er ist das Denkende und das Wissende.
daß die Bestimmungen, die die Religion aufstellt, dem Prin- Im Staate ist das Wahre in der Form des Gedankens, der
418 25 zip des Staats widersprechen. Dieses Prinzip ist im I allgemei- Allgemeinheit. Die Religion, insofern sie sich in ihrer Sphäre 25
nen das Prinzip des Vernünftigen, und es kann dagegen ein hält, hat der Staat zu respektieren; sowie sie sich aber gegen
Widerspruch der Religion entstehen, indem sie auf ihrer die Wirklichkeit wendet, so muß sie ihre Form der Subjekti-
subjektiven Form beharrt. Die Äußerungen, Lehren eines vität aufgeben und die Form der Allgemeinheit, des Denkens
religiösen Inhalts, besonders insofern Grundsätze des Wil- annehmen. I Gegen die Wahrheit des Staats gibt es nicht eine 421
30 lens, des Handelns darin ausgesprochen werden, treffen mit besondere Wahrheit. Die Wahrheit ist nur Eine, und diese ist 30
dem Staat unmittelbar zusammen. Es treten so Bestimmun- ausschließend, das andere ist Irrtum. Diese Wahrheit ist, daß
gen hervor, die das Allgemeine als solches treffen. Der Staat,
I -die- eingefügt.
2 Orig. -durch-.
I Orig. -der Unwille-. 3 -sie- eingefügt.

220 221
der Geist frei ist, daß das Leben und die persönliche Freiheit christlichen Religion sind Prinzipien des Staats geworden.
nicht verletzt werden soll pp. Wenn Widerspruch vorhanden Diese Prinzipien sind in die Form des Denkens erhoben I 424

ist, so ist der Staat das Entscheidende. - Er kann es deshalb worden, und so sind sie im Staate. Es ist borniert, nicht zu
wohl geschehen lassen, daß man sich in Ansehung des erkennen, daß die Wahrheit in der Religion der Substanz nach
5 Lehrens in mancherlei Schulweisheit herumtreibt. Ebenso dasselbe ist, was im Staate ist. Die Welt wird oft als das bloß 5
kann es der Staat wohl ansehen, ob Fleisch gegessen werden Zeitliche und Vergängliche genommen; der Staat ist so als
soll und an welchem Tage. Ein anderes aber ist es, wenn es auf eine Art von Usurpation gegen die Kirche betrachtet. Es
die' Wahrheit als solche ankommt. In einem so konkreten schleicht sich leicht die Gewohnheit ein, gegen die Welt zu
Ganzen, wie der Staat ist, können nun in Ansehung der deklamieren. Es wird oft gegen die Verdorbenheit der Welt
422 10 Subsumtion des I Besondern mancherlei Kontroversen vor- deklamiert, ehe man sie kennt. Der Staat ist selbst die 10
kommen; ein anderes ist es aber mit allgemeinen Grundsät- Offenbarung Gottes in der Gegenwart und in der Wirklich-
zen, worauf alles beruht. Wenn Grundsätze aufgestellt wer- keit. Seine Grundsätze sind die Wahrheit. In der Religion hat
den, wie die oben angegebenen, so hat der Staat kein Federle- die Wahrheit die Form des Geschichtlichen und der Empfin-
sen zu machen, sondern er muß gebietend auftreten. Auch dung. Indem wir den Staat kennenlernen, I so haben wir 425
15 kann man nicht einwenden, solche Grundsätze waren bloße' zuerst das Vorurteil zu bekämpfen, dieses Alltägliche, wel- 15
Meinungen; solche Grundsätze machen zugleich die Basisdes ches uns umgibt, sei es, worauf es ankommt. Solche Indivi-
Handelns. Es kommt darauf an, daß der Staat sich überzeugt, dualitäten machen es nicht aus, und das Privatdasein dersel-
ob es sich um ein bloßes Meinen handelt. Die Äußerungen ben ist nicht das! Substantielle. Christus sagt auch: Trachtet
der Wahrheit, welche den Staat unmittelbar betreffen, hat der am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch alles andere
'0 Staat zu behaupten; denn es ist ihm darum zu tun, daß nicht zufallen.P Dies ist ein hohes Wort; das Substantielle soll vor 20
bloß blind seiner Macht gehorcht wird, sondern daß auch die allem erstrebt werden. Wenn man das Substantielle nicht hat,
423 Überzeugung der Individuen I seinen Geboten entspricht. so ist alles ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.f Um
Ohnehin hat in einem gebildeten Volke dies noch eine höhere im Religiösen etwas zu sein und zu haben, dazu gehört die
Bedeutung, da hier mit einem bloßen Befehlen nicht auszu- Festigkeit des Geistes und des Denkens, um über die Zufällig-
25 kommen ist. Alle Verbesserungen sind vom Staate in der keit und Subjektivität hinauszukommen. Das Blut und der 25
Religion gehoben worden.f Christus hat gesagt: Mein Reich Schweiß der Nationen I hat dazu gehört, das Vernünftige, das 426
ist nicht von dieser Welt. E Dies ist in dem Sinn zu nehmen, Substantielle zur Wirklichkeit zu bringen. Wenn es um das
daß die religiöse Wahrheit für sich ist; unmittelbare Konse- Reich Gottes zu tun ist, so ist es nicht um das Meinige zu tun,
quenz ist das weitere, daß der Staat nicht in seinem Wesen nicht um meine Seichtigkeit und meine oberflächlichen
30 angegriffen werden soll. Übrigens hat sich die christliche Gedanken, wenn sie etwa auch mit biblischen Sprüchen 30
Religion allerdings auch auf diese Welt bezogen; das Reich aufgestutzt sind.
Christi hat die Welt umgestaltet, und die Prinzipien der Indem der Staat die Kirche gewähren läßt, so erfüllt er eine
I Orig. -der-. Pflicht, die er gegen seine Mitglieder hat. Der Staat kann nun
2 Orig. -bl-. I Orig. -der-.

222 223
ferner auch das Bewußtsein haben, daß seine Existenz und Beziehungen bestimmen sich durch die Natur beider. In
seine Zwecke durch die Religion gefördert werden. Das unseren Staaten kann die kirchliche Meinung eine größere
Individuum, indem es religiös ist, betrachtet den Staat als im Würde haben als in den alten; unsere Staaten haben diese
Höchsten wurzelnd, und es hat recht daran. Der Staat hat nun große Kraft, das Besondere sich so weit ergehen zu lassen und
427 5 aber notwendig Idie Aufsicht über! das Religiöse. Das Prin- doch das Ganze zusammenzuhalten. Wir haben an den 5
zip der Religion darf nicht zu einer polemischen Subjektivität Quäkern und an den Mennoniten Seiten, die eigentlich
werden, welche die Form dieser Subjektivität zum Wesen unverträglich sind mit dem Prinzip des Staats; allein der Staat
macht und gegen die Form des Objektiven geltend machen kann bei seiner großen Festigkeit wohl zugeben, daß I es 430
will. Die Kirche, indem sie ein Dasein hat, tritt in die Sphäre Sekten in ihm gibt, die sich darauf beschränken, bourgeois zu
10 der Äußerlichkeit. Sie hat Eigentum, ihre Individuen können sein. Durch zu große Ausbreitung würde eine solche Sekte
Verbrechen begehen. Über beides hat der Staat zu entschei-
I 10
dem Staate wohl allerdings gefährlich werden. Der Staat kann
den. Durch Schenkungen an die Kirche kann auch das I allerdings mehrere Sekten in sich befassen, christliche Sekten
Interesse der bürgerlichen Gesellschaft berührt werden. nicht nur, sondern auch Juden. Der Staat ist erst als Staat
Durch großes Eigentum in der toten HandE kann das Inter- konstituiert, der sich so von der Kirche losgerissen hat, daß
15 esse der bürgerlichen Gesellschaft wesentlich gefährdet wer- verschiedene Konfessionen in ihm bestehen. Das Vernünftige 15
428 den. Den Individuen wird es so erschwert, Eigentümer I zu im Staate ist erst in den Zeiten aufgekommen, wo eine
sein. Der Staat hat daher auch in dieser Hinsicht Regulative Trennung in der Kirche geschehen ist. Man sieht es oft noch
zu erlassen. Auch des Interesses der Familie hat sich der Staat so an, als ob die Bürger eines Staats notwendig auch von einer
in dieser Hinsicht anzunehmen. Wo die Kirche in den Lehren Religion sein müssen. Allein der Staat erhält ersr seine wahre
20 hinaustritt, da bleibt sie nicht mehr beim Kultus stehen, Ausbildung, indem er sich von der Form des Geglaubten, des 20
sondern sie tritt in das Gebiet des Denkens. Dieses als das Empfundenen I losreißt. In Despotien ist Staat und Kirche 431
Allgemeine fällt wesentlich dem Staate anheim. Die Kirche eines.
bringt notwendig die Wahrheit in bestimmte Formen; der Der Staat hat das Allgemeine als solches zu seinem Gegen-
Begriff erfordert hingegen die Bewegung des freien Erken- stand; er hat nicht das Wohl der Individuen, als Besondere,
25 nens. Das Wahre soll erkannt werden, und was erkannt zu befördern. Die allgemeinen Anordnungen, die um des 25
werden soll, ist das Wahre. Das Denken ist, wie bemerkt öffentlichen Wohls willen notwendig sind, gehören seiner
worden, vorzüglich von der weltlichen Seite in die Kirche Aufsicht an. Ebenso hat der Staat nicht das Eigentum des
gekommen. Die Universitäten haben sich so erst in protestan- Einzelnen zu erhalten; dies kommt den Gerichten zu. Der
429 tischen Ländern unabhängig von der Kirche zu dem, was I sie Staat hat für die Gesetzgebung zu sorgen und für Bestellung
30 sind, gebildet. Die bloße Unabhängigkeit von Kirche und· von Gerichten. Ferner hat der Staat das allgemeine Vermögen 30
Staat festsetzen zu wollen, ist eine leere Abstraktion, hinter zu verwalten. Als ein wirkliches Individuum hat er besondere
der sich häufig unredliche Absichten verbergen. Kirche und Zustände in der Zeit, und diese wahrzunehmen ist gleichfalls
Staat haben wesentliche Beziehungen aufeinander, und diese Sache des Staats.
I Orig. saufe Wir betrachten zuerst den Staat als Organismus in sich selbst,

224 225
432 der sich auf sich b~zieht. Dies ist Gegenistand des innern gehorchen. Was der Staat von ihm fordert, kann er als einen
Staatsrechts. Das zweite ist dann 1, daß der Staat sich als ein äußern Zwang ansehen und die Zähne knirschen; dies ist ihm
besonderer Staat zu andern besondern Staaten verhält; dies ist überlassen. Es ist seine Schuld und sein Unglück, daß er sich
Gegenstand des äußern Staatsrech ts. Das dritte ist, daß der so fühlt. Er kann auch zur Frömmigkeit und zur vollkomme-
5 Staat nicht mehr betrachtet wird als unmittelbare Wirklich- nen Resignation seine Zuflucht nehmen, aber er bleibt immer 5
keit, sondern in seiner allgemeinen Idee oder als Gattung. So in der vollkommenen Abhängigkeit.
ist der Staat der allgemeine Geist. Dies ist die absolute Macht Die persönliche Einzelnheit und das persönliche Interesse
gegen die individuellen Staaten. Dieser Prozeß des allgemei- finden in den Sphären der Familie und der I bürgerlichen 435
nen Geistes ist die Weltgeschichte. Gesellschaft ihr vollständiges Ergehen. Wir sahen auch, wie
jene Sphären in das Allgemeine übergingen. 10
Zur Verfassung gehört zunächst die Organisation der Staats-
gewalt, die das Allgemeine als solches will; sodann gehören
10 a. Das innere Staatsrecht dazu aber auch die Institutionen des Besonderen '. Wenn man
von Verfassung spricht, so meint man häufig darunter bloß
Im Staate ist die konkrete Freiheit vorhanden, das, was im die Organisation, wie das Allgemeine als solches tätig ist. 15
Begriffe des Willens an und für sich ist. Dieses ist dann das Dieses Allgemeine ist aber nicht etwas für sich, es setzt voraus
433 Objektive, und ihm gegenüber ist der einzelne, belsondere die Familie und die bürgerliche Gesellschaft. Diese Institutio-
Wille. Dieser ist insofern substantiell, als er dem allgemeinen nen gehören wesentlich auch zum Ganzen einer Verfassung.
15 Willen angemessen ist, insofern er denselben weiß und will. Wenn man von Verfassung spricht, so meint man oft nur, daß
So ist das Individuum zu seinem höchsten Recht gekommen, oben herum, in der oberen Etage, eingerichtet wird. Wenn 20
zu einem Dasein seines substantiellen Wesens. Was das dies der Fall Iist, so steht das Besondere dem Allgemeinen als 436
Individuum noch nach seiner Besonderheit sein mag, das ein roher Haufen entgegen. Die politische Gesinnung hat
steht ihm völlig frei. Es ist häufig, daß die Menschen nur ihr wesentlich das Moment, daß die Einzelnen wissen, daß ihr
20 besonderes Meinen und Treiben für ihr Eigenstes und Bestes Bestehen wesentlich abhängt vom Allgemeinen. Diese patrio-
halten. Ihre wahre Würde haben die Menschen nur in ihrer tische Gesinnung hat näher die Bestimmung, daß das Indivi- 25
allgemeinen vernünftigen Natur. Eine Bewußtlosigkeit ist es, duum weiß, daß die Zwecke seiner Besonderheit nur sein
zu meinen, das Verharren in solchem besondern Treiben sei können durch das Allgemeine. In diesem Sinne zeigt sich
ein Wesentliches und Substantielles und dasselbe könne besonders oft der englische Patriotismus. Die politische
43425 bestehen ohne das Allgemeine. Die Freiheit der I Besonder- Gesinnung ist insofern ein Vermittelndes. Sie hat zu ihrem
heit ist nur formell. Denn der Inhalt derselben entspricht dem Inhalt das Besondere, und das Allgemeine erscheint als das 30
Begriff nicht. Die höchste Freiheit hat der Mensch im Staate, feste Band, wodurch die besonderen Sphären bestehen.
weil ihm der Begriff derselben hier Gegenstand ist. Weiß der Durch diese Vermittelung wird aber das Allgemeine selbst
Mensch dies nicht, so muß er als Knecht dem Gesetze zum Zweck. - Der I Patriotismus kann nun mehr die Form 437
I Orig. -denn-. I Orig. -besonderen-.

226 227
der Selbstsucht haben, oder es kann dabei mehr um das höchst wichtig zu sein. Näher betrachtet ist diese Frage aber
Allgemeine zu tun sein; überhaupt verschmilzt beides inein- etwas Sinnloses. Man geht dabei aus von der Meinung, es
ander.' gebe ein Volk ohne Verfassung. So wäre ein Volk bloß eine
Die Verfassung besteht also darin, daß der an und für sich abstrakte Vielheit. Aber so etwas existiert gar nicht. Die
5 vernünftige Wille ein Dasein habe; dies Dasein besteht aber in Menschen sind nicht ein abstrakter Verstand, und ihr Verhal- 5
der Bestimmung. Die Staatsorganisation soll so nichts sein als ten zueinander ist nicht von I der Art; die Menschen sind 440
ein Bild der vernünftigen Unterschiede des Begriffs. Das vielmehr immer ein Organisiertes. Mit einem Haufen hat es
Objektive, Allgemeine, welches der Staat heißt, muß sich in also der Begriff ganz und gar nicht zu tun; wie ein solcher mit
sich unterscheiden wie der Begriff. Dadurch wird das Dasein sich zurechtkommt, das ist seine Sache. Bei jener Frage wird
'0 des Vernünftigen begründet. Wenn man von Verfassung nun näher dies verstanden, daß eine Veränderung in der 10
spricht, so muß man nicht einen Zweck zum Grunde legen, Verfassung zu machen sei. Die einfache Antwort darauf ist
wie die Freiheit u. dgl., und dann sehen, wie dieser Zweck zu daß, eben weil eine Verfassung vorhanden ist, die Verände-
438 fassen sei. Man I kommt wohl so auf den Gedanken einer rung auf verfassungsmäßige Weise geschehen muß. Eine
allgemeinen Macht und findet dann, diese allgemeine Macht Verfassung ist überhaupt gar nicht als ein Gemachtes anzuse-
15 müsse abgehalten werden durch Beschränkungen, Willkür zu hen. Die Verfassung muß sein als das an und für sich Seiende 15
werden. Die ganze Vorstellung schließt ein Mißtrauen in welches über die Sphäre des Gemachtwerdens hinaus ist:
sich; allgemeiner geht sie aus von der Form des Negativen. ~eil ein Volk ein Geistiges ist und nicht ein Natürliches, so
Eine Bestimmung wird nötig gefunden, so das Allgemeine; ist der I Geist immer fortschreitend; in der Natur findet kein 441
diesem setzt man ein Besonderes gegenüber als ein Negatives, F?rtschr~iten statt. Ein Volk, das dem Weltgeist angehört,
20 Äußerliches gegen dasselbe. Man ist hier in der Sphäre des ?l1d~t Se1?e Verfassung fort. Was dem Bewußtsein vorliegt, 20
Räsonnements; es können einen hier diese und jene Möglich- ist eme emzelne Not, die Abhilfe erfordert. Was nach und
keiten aufhalten, und man kann dabei allerhand ausklügeln. nach sich einschleicht und zur Gewohnheit wird, wird später
Dies ist eine gewöhnliche Verfahrungsweise, die sich auch zum Gesetz gemacht, und anderes kommt in Verfall und wird
praktisch oft hervorgetan hat. Es kann in der Erscheinung aufgehoben. Die Verfassung ist das substantielle Leben eines
439 25 allerdings vorgekommen sein, daß eine Macht I vorhanden Volks, und alle seine Verhältnisse sind darin versenkt. Daß 25
war, der etwas entgegengesetzt werden mußte. Die Hauptsa- das Bewußtsein des Volks sich ändere, daß ein neues, höheres
che ist die, daß die Idee des Staats vorhanden sein muß. Die Bewußtsein entsteht, dies ist nicht so plötzlich zu machen.
Unterschiede und Bestimmungen, die sich ergeben, sind Wenn ein neuer Begriff im Leben eines Volkes eingeführt,
Momente einer Idee, die nicht ein Feindseliges gegeneinander wenn sozusagen eine Verfassung apriori gegeben werden
30 sind. Im lebendigen Organismus haben so alle Organe ihre soll, so ist dies ein ganz oberflächlicher I Gedanke. Napoleon 30 442
besondern Funktionen, ohne einander feind zu sein. sagt so von sich selbst, er habe den Spaniern eine Verfassung a
Es kann nun die Frage aufgeworfen werden, wer die Verfas- priori geben wollen.f Damit ein Volk eine neue Konstitution
sung zu machen habe. Diese Frage scheint ganz deutlich und vertrage, dazu gehört, daß das Volk schon auf einem Stand-
I Orig. Absatz zweifelhaft. punkt der Bildung stehe, der dieser Konstitution angemessen

228 229
ist.EEine Verfassung, als das Substantielle eines Volks, ist das sich befriedigt. Indem jedes Moment so ein Ganzes ist, so hat
Heilige des Volks. Daß das Allgemeine in einem so großen es damit die Seele des Ganzen in sich, ist sich so selbst recht
Reichtum sich geltend mache, ist eine langsame Wirkung, die und dem Begriffe gemäß. Jedes Organ im Lebendigen ist so
sich gewissermaßen auf eine dem Einzelnen bewußtlose ein System in sich selbst; im Anderen hat es den Spiegelseiner
5 Weise begibt. - Die oberflächliche und leere Ansicht und selbst. Bei der Teilung der Arbeit sehen wir, wie das Ganze 5
Auffassung des Begriffes einer Verfassung hat in neuern ein Vollkommenes wird, indem jeder Teil der Arbeit für sich
Zeiten viel Unheil angestiftet. Wenn man in den einzelnen vollbracht wird. - Die verschiedenen Gewalten müssen im
443 deutschen Ländern nachfragt, ob I die Bürger und Bauern alle Staate getrennt sein; dies ist in dem soeben entwickelten Sinn
zu einem Deutschland gehören wollen, so wird diese Frage zu verstehen. Man hat in der Trennung der Gewalten in
10 von den meisten gar nicht verstanden werden. neuern Zeiten die Garantie der Freiheit erblickt. Dies ist die 10

Die Idee der Verfassung ist also aus dem Begriff zu erkennen. Idee der modernen Zeit überhaupt. Der Staat ist erst reale
Ein Volk, ein Staat ist ein Ganzes. Dies enthält vors erste, daß Geistigkeit, wenn er sich in sich selbst unterscheildet, so daß 446
in diesem einen Ganzen des Staats, wo das Allgemeine als die Unterschiede nicht beschränkt in sich sind, sondern sich
solches befestigt und betätigt werden soll, seine Momente vollkommen ausbilden. So wissen wir, wie in der griechi-
15 sich entwickeln und daß die untergeordneten Sphären ebenso schen Kunst der eine Künstler ein Dichter war, der andere 15

ihre Ausbreitung haben; dies ist der friedliche Staat. Das Maler, der dritte ein Bildhauer. Die Idee, in diese verschiede-
zweite ist dann t, daß die unterschiedenen Sphären schlecht- nen Elemente getaucht, macht einen Kreis von Göttern aus;
hin ideell gesetzt werden und daß der Staat sich als eine jeder ist in sich vollendet, und in allen ist ein und derselbe
Individualität darstellt. Diese beiden Seiten sind es, die jetzt Geist zu erkennen. Dies ist die große Freiheit des modernen
444 20 zu betrachten sind. Es liegt in I der Idee, daß jedes Moment Geistes, zu seinem vollkommenen Gegensatze zu kommen 20
des Begriffs frei für sich ist, als eine eigne Sphäre, eine eigene und seinen Gegensatz vollkommen frei zu entlassen ohne
Gewalt, und daß dieses Moment zugleich aber nur als2 durch NeidE. Auf empirische Weise, wie dies behandelt wurde, hat
das Ganze bestehend erscheint. Im System der Sonne sehen man darin mit Recht eine Garantie der Freiheit gefunden. Es
wir so die Planeten als freie Individualitäten, die sich zugleich ist indes mehr als I Garantie, denn die Idee ist sich auf diese 447
25 um die Sonne bewegen, deren Gesetz zugleich das freie ist.E Weise wirklich. In Frankreich hat man diese Theorie beson- 25
Daß der Staat sich in sich unterscheidet, bewirkt erst, daß er ders ausgebildet, aber mehr auf verständige Weise. Man hat
ein in sich selbst Ruhendes, in sich selbst Unendliches ist. nun gesagt, daß ohne solche Trennung der Gewalten die
Was nicht so in sich unterschieden ist, das ist in der Weise der Willkür herrschen würde; daß dies begründet ist, läßt sich
Unmittelbarkeit und damit abhängig von außen. Das Chemi- leicht einsehen. Die Vereinigung der richterlichen und
30 sehe ist nicht eine solche Totalität in sich.E Indem solche gesetzgebenden Gewalt würde zu einer bloßen Willkür füh- 30
Unterschiede bestehen, so müssen sie für sich Totalität sein. ren. Es wäre somit keine Gerechtigkeit vorhanden, denn
445 So kommt das Ganze zu seiner I Vollkommenheit und ist in Gerechtigkeit nennen wir, wenigstens formell, daß das Indi-
I Orig. -denn.. viduum nach einer allgemeinen Bestimmung behandelt wird.
2 -als- eingefügt. - Im Richterlichen selbst kommen ebensolche Unterschiede

230 23'
vor; das eigentliche Rechtsprechen und die Beurteilung des angesehen hat. So sagte man: Die fürstliche Gewalt strebt
einzelnen Falls erscheinen als verschiedene Momente. Wenn immer nach Despotismus, die Richter möchten gerne Gesetz-
polizeiliche und richterliche Gewalt in einer Hand sind, so geber sein, pp. Es scheint sonach, daß man eine Trennung
<48 kann I man gleichfalls sagen, daß die Freiheit gefährdet! festsetzen müsse, damit die, welche gern möchten, nicht
5 werde. Weiterhin hat man administrative und richterliche könnten. Es ist damit eine gewisse Schadenfreude verbunden 5
Gewalt voneinander getrennt. Diese Trennung ist nun mehr und zugleich eine Selbstbefriedigung über die Klugheit, die
oder weniger allgemeine Einsicht geworden, so wie es denn das so gut eingerichtet hat. Die Gewalten erscheinen so als
Begriffsbestimmungen gibt, die allmählich als notwendig in Dämme gegen Ströme, überhaupt aber bloß als etwas, das da
das Bewußtsein eintreten. Diese Unterscheidung hat sich ist, um einem! größern Übel vorzubeugen. Man kann bei
10 auch in der Geschichte gemacht, aber hier mehr auf eine solcher I subjektiven Betrachtungsweise im einzelnen oft 10 451
äußerliche, zufällige Weise. So wissen wir, daß der Kaiser recht gehabt haben, denn das Mögen kann gut sein, aber auch
sonst in Deutschland herumzog, hier und da seinen Sitz böse. Bei solchen Vorstellungen ist das Bewußtsein immer
aufschlug und selbst Recht sprach. Daß der Kaiser in der mit Negativem erfüllt. Es ist dies eine Gesinnung, die z. T.
Folge nicht mehr selbst Recht sprach, dies machte sich zum Pöbelhaften gehört. Die wahrhafte Ansicht ist, daß jedes
15 zunächst auf eine ganz äußerliche Weise. Es wurde indes zur Glied für sich ein notwendiges ist, ein unterscheidendes 15
449 Gewohnheit, daß besondre Richter I Recht sprachen, und Moment, welches nach der Natur des Begriffs so unterschie-
diese Gewohnheit wurde dann' als etwas Notwendiges er- den ist. Wenn jede Sphäre sich in sich ausbildet, so befriedigt
kannt. Jetzt sieht man es als eine Tyrannei an, wenn der Fürst sie sich in sich selbst, und es fällt dann das weitere Mögen
selbst über einen Verbrecher Recht sprechen, wenn er in ganz hinweg. Ein gutorganisiertes Gericht würde sich sehr
'0 Privatsacherr' sich mischen wollte. Gleichwohl liegt es im beschwert finden, wenn es zugleich verwaltende Funktionen 20

Begriff des Fürsten, daß er die oberste richterliche Gewalt üben sollte. I 452
hat, wovon später gesprochen werden wird. E Indem man den Grundsatz der Teilung der Gewalt aufstellt,
Die Fürsten teilten im Mittelalter ihre Länder unter ihre so treten die Gewalten äußerlich gegeneinander, die sich
Söhne. Dies ist dem Begriff des Staats, der so als Privateigen- einander balancieren sollten. Wenn dies so dargestellt wird,
25 tum erscheint, ganz unangemessen. Diese Gewohnheit ist so fehlt die Einheit des Ganzen. Das Lebendige und noch 25
abgekommen, nicht weil sie als begriffswidrig erkannt weit mehr der Geist muß nun als eine subjektive Einheit, als
wurde, sondern zunächst nur um 4 der regierenden Familie Identitatf erscheinen, worin die Gegensätze aufgelöst sind.
willen. Ein weiterer wichtiger Fortschritt ist der, daß das, Wenn die Gegensätze so zueinander gesetzt werden, so kann
450 was anfänglich I als Privateigentum des Fürsten erschien, zu die Folge nur sein, daß der Staatsorganismus nicht geht.
30 Staatseigentum geworden ist. Dieser muß aber gehen, und wenn er gehemmt wird, so stellt 30
Bei der Trennung der Gewalten ist nun die schiefe Ansicht er sich her; die Notwendigkeit der Sache macht sich Platz
entstanden, daß man sie bloß als' etwas Beschränkendes gegen alle Förmlichkeiten. Es geschieht sonächst aber, daß
I Orig. -gefahrte-. ); Orig. -Privarsache-. eine Gewalt die andere über den Haufen rennt. Die Ge-
2 Orig. -denne. 4 -um. eingefügt. I Orig. -einen-.

23 2 233
453 schichte der Französischen Revolution liefert Idas entschei- Nachteile der verschiedenen Verfassungen gegeneinander
dendste Beispiel dafür. Die Nationalversammlung machte abwägen. Die Hauptsache ist, daß die Einteilung in verschie-
sich so zum Gouvernement und vereinigte alle Gewalt in sich. dene Verfassungen, als Monarchien, Demokratien und Ari-
Es entstand so die Schreckensperiode. Späterhin traten die stokratien, jetzt ganz und gar nicht mehr paßt und gar keinen
5 fünf Direktoren an die Spitze der ausübenden Gewalt. Die Sinn mehr hat. Sie hat nur einen Sinn, wenn der Staat noch 5
gesetzgebende Gewalt setzte sich dem Direktorium entge- nicht so gefaßt ist, daß jedes Moment der Idee desselben
gen, und es geschah das Umgekehrte. Die gesetzgebende Wirklichkeit wird. Jener Unterschied paßt bloß für den
Gewalt wurde so ausgereinigt und die Einheit hergestellt. Wo Zustand, wo die Gewalten noch nicht getrennt sind. Es ist
so ein Kunststück ersonnen wird, da ist das Ende immer dies, hier Inur der Unterschied von einem, VOn mehreren und von 456
10 daß eine Gewalt die andere umstürzt. Fichte hat auch so allen, in deren Händen die oberste Gewalt ist. In Griechen- 10
eine Erfindung gemacht. Er hat eine vollziehende Gewalt land, und auch noch bis auf andere Zeiten, konnte jene Frage
angenommen und dieser ein Ephorat gegenübergestellt. E In wohl aufgeworfen werden. Montesquieu hat besonders über
einfachen, kleinen Staaten kann mancherlei derart unent- den Unterschied jener Verfassungen gesprochen. Er sagt: Das
454 schieden bleiben, und da kommt nichts darauf an. Spinoza I Prinzip der Demokratie ist die Tugend", das der Monarchie
15 sagt, Gott habe den Juden als einem widerborstigen, eigen- die Ehre'', Daß das Prinzip der Demokratie die Tugend ist, ist 15
sinnigen Volke ihre Verfassung zur Strafe gegeben.E Bei insofern ganz richtig, als in einem solchen Staate Einfachheit
Fichte scheint es nun gleichgültig, ob die ausübende Gewalt der Sitten und die Weise des Lebens, daß nur für das
monarchisch, aristokratisch oder demokratisch ist.E Das Allgemeine gelebt wird, das Erste sein muß. So war bei den
Ephorat, welches er vorschlägt, soll, wenn es eine Über- Römern der Sinn für ihr Vaterland das einzig Herrschende,
20 schreitung der Gesetzesgrenzen von Seiten der ausübenden dem alles andere nachstand. In solchen Staaten, wo die 20
Gewalt bemerkt, sogleich ein Interdikt über das Land aus- bürgerliche IGesellschaft ihre Ausbildung hat und wo die 457
sprechen.f Das ist so ein hausbackener Verstand, der sich so Individualität als solche sich nach allen Seiten ausbildet, in
etwas ausklügelt. Gerichte müssen in einem Lande sein, und diesem Zustand der höheren Kräftigkeit ist die Tugend
diese werden sich um ein solches Interdikt nicht bekümmern. gleichsam eine Möglichkeit. Es kann einer tugendhaft sein
25 Das Einfachste würde sein, daß ein solches Ephorat zusam- und kann es auch nicht sein, dies ist mehr Sache des Einzel- 25
mengepackt und fortgeschickt würde. nen. Bei den Alten sehen wir die großen und herrlichen
Die Teilung der Gewalten darf ferner nicht so sein, wie sie Individualitäten erst hervortreten, wenn der Staat sich auf-
455 etwa in der Türkei ist oder wie sie z.IT. in der Lehnsverfas- löst. In einem anderen Staate kommt die Individualität zu
sung war. Die Teilung, welche dort stattfindet, ist nur eine ihrem vollen Rechte. Unter Monarchie versteht Montesquieu
30 äußerliche; die Paschas vereinigen in ihrer Sphäre alle ver- vornehmlich die Feudalmonarchie, und von dieser Monar- 30
schiedenen Gewalten. chie sagt er, daß die Ehre das Prinzip derselben sei.E Hier ist
Die nächste Frage, welche einem einfallen kann, ist die, es der Adel, der eine Monarchie erhält, und Montesquieu hat
welche Verfassung die beste sei. Darüber ist ein großes recht, wenn er sagt, daß die Ehre hier das den Staat erhaltende
Gerede gemacht worden; man kann die Vorteile und die Prinzip sei. In der Feudalmonarchie ist Ider Richter nicht 458

234 235
objektiv etwas dadurch, daß er einem besonderen organi- hen. Es kann namentlich ein solcher Staat sich auf der! Stufe
schen Momente des Staats angehört. Er ist unmittelbar, was der bürgerlichen Gesellschaft halten. E Daß der Staat sich
er ist, zunächst durch die Geburt; und sodann, um für sich wirklich bei solchen Verfassungen zusammenhält, kaim man
etwas zu sein, muß er sich in der Vorstellung anderer geltend nicht sagen; er hält sich nur durch die anderen Staaten. Die
5 machen. An und für sich wäre er, wenn er in der vernünftigen Hauptsache ist, daß in solchen/ Staaten eine ordentliche und 5
Organisation des Staats seine Ehre hätte. - Das Rittertum gerechte Privathaushaltung geführt wird. .
zeigt sich im Mittelalter in Spanien in seiner schönsten Blüte. Von einem äußerlichen Verhalten der verschiedenen Gewal-
Von der Aristokratie sagt Montesquieu, daß sie die schlechte- ten gegeneinander kann, wie gesagt, also I gar nicht die Rede 461
ste aller Verfassungen sei.E Dies kann man allerdings sagen, sein. Man muß sich auf dem Standpunkt der Idee erhalten und
10 denn in einer Aristokratie ist eine Anzahl von Familien, die das Vernünftige betrachten, wie es an und für sich ist. Auf den 10
die Regierung in den Händen haben, welche dem Bürger in Gedanken, auf die Idee kommt es an. Vorgefaßte Meinungen
ihren übrigen Verhältnissen so nahestehen. Was ihnen die können hier nicht entscheiden, sondern man muß den ver-
459 Regierung in die Hände gibt, ist nur der I Vorzug der G~bur~. nünftigen Gedanken sich gewähren lassen. Die Momente der
Ein Monarch ist nun 1 durch die äußere Notwendigkeit Vernünftigkeit treten nun also auseinander, bilden sich selb-
15 veranlaßt, viele Geschäfte aus der Hand zu geben. Eine ständig für sich aus und werden demnächst'' in eine Einheit 15
Aristokratie vereinigt dagegen alle Gewalten und alle öffentli- wieder zusammengenommen. Der Staat hat das Allgemeine
chen Funktionen in sich. Sodann zeigt sich in einer Aristokra- zum Zwecke und ist das Ideelle seiner verschiedenen Sphären
tie besonders das Mißtrauen', sowohl gegen die Bürger als überhaupt. In diesem Allgemeinen können keine andern
gegen die eigenen Mitglieder. .. Bestimmungen sein als seine eigenen', Das erste ist die
'0 Nichts ist so töricht, als verschiedene Völker in Rücksicht Konstituierung des Allgemeinen als Allgemeines; dies ist die 20
ihrer Verfassung miteinander zu vergleichen. Jedes Volk ist gesetzgebende Gewalt. Das zweite ist das Eintreten des Be-
ein Individuum; die neuern Völker sind von den alten sondern, so daß dieses I mit" dem Allgemeinen identisch ge- 462
Völkern durch einen ungeheuren Zwischenraum der Zeit und macht wird. Dies ist die Regierungsgewalt. Das dritte ist die
Bildung getrennt. Einzelnheit ganz abstrakt, die Subjektivität als solche; dieses
25 Bei Verfassungen kommt es weiter darauf an, daß ein Volk ist die fürstliche Gewalt. Dies sind die drei Momente und ist 25
460 vollkommen selbständig ist, so daß es seine I Selbständigkeit ein Abbild derselben''. In der gesetzgebenden Gewalt ist also
durch sich erhalten kann. Es kann verschiedene Arten der ebenso die Regierungsgewalt und die fürstliche Gewalt wir-
Kombinationen geben, wodurch ein Staat, der nicht die kend. Ebenso ist es mit der Regierungsgewalt und der
Macht hat, sich selbständig zu erhalten, doch besteht. In fürstlichen Gewalt. Die besonderen Geschäfte des Staats sind
30 solchen schwachen Staaten, die das politische Gnadenbrot die Institutionen und Geschäfte der vorhergehenden Sphäre. 30
essen, können nun solche mangelhaften Verfassungen beste- Diese Verfassung ist-nun diejenige, welche die konstitutio-

I Orig. -nur-. I Orig. -die-. 3 Orig. -eigene-.


2 Orig. -Vertrauenc 2 Orig. -sclcbe-. 4 -mit- eingefügt.

237
nelle Monarchie genannt wird. Wenn von Monarchie geredet Gewalt, ohne Regierung und ohne Organisation wäre bloß
wird, so muß man wohl bemerken, von welcher Monarchie ein leerer Haufe. Wenn so in Büchern vom Volk im allgemei-
463 die Rede ist. An eine Monarchie der alten Zeiten, I der nen die Rede ist, so kann man sogleich darauf rechnen, daß
Aristokratie und Demokratie entgegenstehen, ist hier nicht man ungewaschenes Zeug hören wird. Das vernünftige
5 zu denken. Weder in patriarchalischen noch in asiatischen Erkennen ist eben, das in der Vorstellung Unbestimmte in 5
Monarchien findet eine Unterscheidung' der Gewalten statt. seiner Bestimmtheit zu fassen. Von der Souveränität nach
Ebensowenig findet sich dies bei der Feudalmonarchie, wel- außen wird später die Rede sein. E Souveränität nach innen ist
che' einen Zustand darstellt, den einige törichte Menschen das Moment der substantiellen Identitat/': alle die verschiede-
zurückwünschen, während der Kampf der ganzen neuern nen Sphären und Gewalten des bürgerlichen, politischen und
10 Zeiten darin besteht, das politische Leben von den Feudalver- sittlichen Lebens erscheinen in jener substantiellen Identität 10
hältnissen zu reinigen. - Die Idee erfordert nun die einzelnen wurzelnd. Sie sind I nur bestimmt von der Idee des Ganzen, 466
unterschiedenen Momente. Die konstitutionelle Monarchie und nur dadurch haben sie ihr Recht, daß sie Glieder jenes
ist die Erfindung und das Werk der neuen Welt. Die substan- Ganzen sind. Zur Souveränität gehört ferner, daß die ver-
tielle Idee hat hierin ihre unendliche Form gefunden. In allen schiedenen Geschäfte, die verschiedenen Gewalten des Staats
15 anderen Verfassungen ist die wahrhafte Freiheit noch nicht zu nicht Privateigentum sind. Sie müssen betätigt werden durch 15
464 ihrer Wirklichkeit gekommen. I Individuen, aber sie treten ganz aus dem Verhältnis von
Privateigentum heraus. Wenn sie dies wären, so wären sie ein
Recht nach der Weise des Privatrechts. Die Gewalten werden
a. Die fürstliche Gewalt
den Individuen nur zugeteilt, und das Individuum hat seinen
Die fürstliche Gewalt wird zuerst betrachtet, weil in ihr die Wert und seine Würde nur, insofern es' sein Amt und sein 20
Existenz des Begriffs als solcher, als Subjektivität, ihren Sitz Geschäft gehörig verrichtet. Dies Moment der Souveränität
20 hat. Das erste Moment in dieser Bestimmung ist die Sou- fehlte besonders der Feudalmonarchie; nicht nur der IMon- 467

veränität des Staats überhaupt. Hierunter versteht man einer- arch war nicht souverän nach innen, sondern der Staat selbst
seits Souveränität nach außen, sodann aber auch Souveränität war es nicht. Die besonderen Staatsgewalten und Staatsge-
nach innen. Man hat heutzutage soviel von »Volk« sprechen schäfte waren Familieneigentum oder Privateigentum. Die 25
hören; »Volk« heißt das Allgemeine, noch ohne nähere Gewalt, die ein jeder ausübte, übte er aus nicht als ausgehend
25 Bestimmung, was der Vorstellung vorschwebt. Sowie? man von der Idee des Staats, sondern er übte sie aus als sein
von Verfassung anfängt zu sprechen, so kann nicht mehr vom Privateigentum.
Volk die Rede sein. Hier ist von Bestimmungen und von Das zweite Moment im Begriff der fürstlichen Gewalt ist, daß
465 Unterscheidungen in sich die Rede; aber I diese Bestimmun- die Identitat'i, welche die Souveränität ist, als' Subjektivität 30
gen sind innerhalb des Volks. Ein Volk ohne fürstliche wirklich ist. Die Subjektivität in der höchsten Weise existiert
nur als Ich. Ich ist die reine Identität; in diesem ist alle
I Orig. -Unterscheid-.
2 Orig. -welches., I Orig. -ere.
3 Orig. -so wie-. 2 Orig. -die-.

239
Besonderung aufgehoben. Diese Identität ist ein formelles selbst bezieht, ist eben Persönlichkeit. Die Subjektivität ist so
Moment; zur Wahrheit der Idee gehört nicht nur Subjektivi- ausschließendes Eines, ausschließende Person. Indem nun
468 tat, sondern ebeniso Objektivität. Die Einzelnheit des Ich ist die Souveränität als dieses ist, so ist sie Souverän', sie ist
ein abstraktes Moment gegen das Allgemeine. - Jene Subjek- Monarch. Man spricht von der Souveränität des Volkes. Dies
5 tivität ist nun notwendig Individualität, und zwar Individua- kann nur gelten von der Totalität der Völker gegeneinander. 5
lität des Geistes. Die Souveränität des Staats hat die Seite ihrer So sind die Franzosen und Engländer gegeneinander sou-
Existenz in einem Subjekt, in einem Individuum, und dies ist verän. Man versteht indes I unter Volkssouveränität auch 471
der Monarch. Die konstitutionelle Monarchie enthält die daß das Volk als diese Gesamtheit souverän sei. Nun ist aber
verschiedenen Momente des Begriffs frei ausgelegt. Das von der Vorstellung" vom Volk als einer allgemeinen
10 Leben besteht wesentlich in der Identität dieser Unter- Gesamtheit' hier nicht mehr die Rede, sondern von einer 10

schiede. Es zeigt sich so die abstrakte, einfache Gewißheit, bestimmten Gliederung und Organisation. Das Massenhafte,
die noch ohne Wahrheit sein kann, als diese letzte Spitze, das Gesamtsein hört hier auf, und di'e verschiedenen
welche der Monarch ist. Momente des Begriffs kommen zu einer eigenen Existenz. So
Die allgemeine Qualität des Begriffs der fürstlichen Gewalt haben in der tierischen Welt die verschiedenen Sphären der
469 15 wurde darin gesetzt, daß der Staat, weil I er ein Geist ist, weil Irritabilität' und Sensibilität und Reproduktion jede für sich 15

er Eines ist, alle Unterschiede, 1 in sich verflüchtigt, enthalten ihre eigene Existenz.P Jene Sonderung muß nun um so mehr
muß. Ich ist reine IdentitätK • Das Korrelaturn in der Natur ist eintreten in Ansehung der Subjektivität, da diese selbst das
das Licht. E In dieser Identität sind alle Staatsgeschäfte und Sondernde ist. Der Monarch ist so die Persönlichkeit als
Staatsgewalten in ihrer einfachen Quelle aufgelöst; sie sind solche im Staate; er ist so dasselbe, was das Gewissen ist, diese
20 flüssige Glieder, nicht bestehende, harte, feste. Die Indivi- reine Gewißheit seiner selbst. Dies ist zunächst bloß ein 20

duen, durch welche jene Staatsgeschäfte betätigt werden, Formelles und als solches I das letzte Entscheidende. Alles 472
haben dieselben, wie bereits bemerkt wurde, nicht nach der Aufschließen von noch nicht Daseiendem'' und Aufgeschlos-
Weise des Eigentums inne. Das Individuum ist nur ein senem" fängt von dieser Gewißheit an, und ebenso ist sie das
Objektives, insofern es sich einer solchen Sphäre zugeteilt hat letzte. - Das Abwägen von Gründen gegeneinander enthält
25 und darin tätig ist. In der Feudalmonarchie war der Staat noch nicht die Wirklichkeit; diese Vielheit muß vernichtet 25

nicht souverän, da die einzelnen Geschäfte und Gewalten in werden, damit das Schwanken, hinüber und herüber, auf-
derselben Eigentum der Individuen waren. hört. Wenn der Monarch seinen Namen unterschreibt, so
470 Daß die Souveränität als I Souverän existiert, dieser Übergang liegt darin bloß das einfache: Ich will. Daß der Monarch nur
ist derselbe, den wir überall gesehen haben. So ist die Freiheit uovoc ist, Einer, dies liegt unmittelbar in dem Gesagten. Der
30 nur als Person, das Schwere nur als Körper", pp. Jene Identi- Begriff des Monarchen ist ein schwerer Begriff; daß die 30

tät ist das unendliche Fürsichsein des Ich. Die Subjektivität ist Identität schlechthin als Subjekt, als Eines erscheine, darauf
als solche unmittelbar als Subjekt. Subjekt ist nur als die- I Orig. -souveran-. 4 Orig. -Invirabilirat-.
ses Subjekt, Diese Negativität, die sich unendlich auf sich 2 Orig. -Nun ist aber die Vorstellunge 5 Orig. -Daseienden..
I Komma eingefügt. 3 Orig. Komma. 6 Orig. -Aufgeschlossenen-.
kommt es an. Weil das Subjekt so als Eines ist, so ist es das ben hat, unendliche Vermittelung ist mit sich, die für sich ist
sich Sondernde, schlechthin für sich. Als ein solches sich durch diese Abstraktion von allem. Die einfache Gewißheit
473 Sonderndes I muß es nun überall vorhanden sein, auch in meiner selbst ist 50 das Unmittelbare, welches sich nicht
solchen Staaten, wo die verschiedenen Gewalten sich noch unterscheidet. Die Natur ist unmittelbar. Dem Geiste kommt
5 nicht besonders ausgebildet haben. Es kann hier an die die Unmittelbarkeit nur zu als zurückgekehrt zu sich selbst. 5

Staaten des Altertums erinnert werden; in diesen Staaten, Die Unmittelbarkeit muß so nach der Weise der Unmittelbar-
namentlich in den griechischen, welches nun auch ihre Ver- keit sein, und dies ist diese Bestimmung, die wir die Natür-
fassung war, hatte das Moment der Subjektivität noch nicht lichkeit heißen. So ist der Monarch durch die Natur das, was
eine freie Existenz für sich. Dasselbe fiel somit außerhalb er ist, durch die Geburt. I Der angeführte Begriff ist durchaus 476
10 dieser Staaten, außerhalb der Sphäre der menschlichen Frei- spekulativ; es ist hier die Identität, welche unmittelbar das 10

heit. Der letzte entscheidende Wille trat so in der freiesten Gegenteil ihrer selbst ist, das heißt unmittelbar. Hier ist
Demokratie, in Athen, sowie in anderen Staaten, außerhalb derselbe Übergang, welcher vorkommt in dem sogenannten
des Staates auf. Die Privatpersonen und der Staat, beide ontologischen Beweise vom Dasein Gottes, wobei vom
nahmen zu solchen letzten Entscheidungen, wie die Orakel Begriff Gottes ausgegangen wird. Die Schwierigkeit, den
15 und der Vogelflug waren, ihre Zuflucht. Der Feldherr, Übergang des Subjekts zum Objekt zu fassen, macht immer 15

474 nachdem er sein Terrain nach seiner besten I Einsicht gewählt nur die Mauer aus, wo die Ochsen am Berge stehen. Auf
und alles angeordnet hatte, befragte, um die letzte Entschei- jenem 1 Übergang beruht überhaupt alles Fassen, allesBegrei-
dung zu erhalten, die Orakel, die Eingeweide der Tiere. fen. Weil der Begriff des Monarchen so spekulativ ist, so
Pausanias mühte sich so vor der Schlacht von Platäa einen macht dies das Mystische im Begriff des Monarchen aus, das,
20 ganzen halben Tag mit Erforschung der Eingeweide der Tiere welches vom Verstand nicht gefaßt werden kann. Hierin ist 20

ab.E Ebenso wurden die Orakel befragt, wenn eine Kolonie die Majestät begründet, welche t das Innerlichste ist und 477

angelegt werden sollte. Die Entscheidung wurde so immer gerade deswegen unmittelbar das Äußere. Der Verstand kann
von außen geholt. In den älteren Zeiten hatte das menschliche so die Majestät nicht begreifen, und man kann so mit Recht
Selbstbewußtsein seine Tiefe noch nicht erfaßt, es' war sich sagen, der Monarch soll nicht begriffen werden, d.h. nicht
25 noch nicht als Gewißheit und als Gewissen. Erst in neueren mit dem Verstande. Indem nun dies begriffen wird, so ist das 25

Zeiten hat der menschliche Geist seine Unendlichkeit erfaßt, Verhältnis der Philosophie ein freies Verhältnis zum Monar-
und so wurde denn auch jene entscheidende Spitze innerhalb chen, indem sie2 diese Stufe, diese Stelle begreift. Das
des Staats verlegt. Verhältnis des Verstandes ist ein unfreies Verhältnis zum
Dieses/ letzte Selbst nun des Willens, I das Selbst des ganzen Monarchen. Das Verhältnis der Untertanen kann sein ein
475
30 Staats, ist eben als dieses unmittelbare Einzelnheit. Das Verhältnis des Zutrauens, der Achtung, der Liebe und auch 30

Moment der Unmittelbarkeit liegt darin, daß diese Identität, der Furcht. Sowie der Verstand hinter dieses Verhältnis
diese Identität mit sichK, indem sie alles Besondere aufgeho- kommt, so macht er einen Bruch in dasselbe. Im Zutrauen, in
I Orig. -er.. I Orig. -jenen-.
2 Orig. -Diese-. 2 Orig. -es-.

243
der Liebe ist das Vernünftige enthalten, allein auf die Weise er sein soll. Die Natürlichkeit ist es so, was der Verstand
478 der Empfindung. Man I kann sich auf das Räsonnement au.s festhält als ein Negatives. Nun muß freilich zugestanden
Gründen einlassen und zeigen, wie wichtig es für ein Volk sei, werden, daß im Monarchen das Moment des Natürlichen ist,
einen Monarchen zu haben. Man kann 1 hier mancherlei und man kann dagegen sagen, daß der Beste, der Vernünftige
5 medios terrninos annehmen und von einem solchen Grunde regieren soll. Der Verstand kann nun leicht noch mit bösem 5

aus darüber räsonieren, ob es vorteilhafter sei, diese oder jene Willen und Neid und Hochmut verknüpft sein, und dann
Verfassung zu haben. Man befindet sich auf dem Boden de~ weiß er seine I Gründe noch durch vieles zu unterstützen. 481

Räsonnements, und man kann auf diese Weise zu mancherlei Allerdings soll der Vernünftige herrschen, und die Verfas-
Resultaten gelangen. Man kann dann etwa finden, daß es für sung ist die Vernünftigkeit selbst; aber in dieser Vernünftig-
10 das Volk das Geratenste sei, für seine Ruhe, für sein Wohl, keit ist das eine Moment jene Identität, jene Subjektivität, 10

daß die Verfassung eine monarchische sei, und man kann dieses Natürliche. Der Begriff muß das Andere in sich fassen
zeigen, daß auch in einer Monarchie für die Freiheit gesorgt und als das Seinige wissen, sonst ist er bloß abstrakter
479 sei; allein dies geschieht immer vom Standpunkt I des Räs~n­ Verstand. Wenn nun über Staatsverfassungen überhaupt
nements aus. Das nächste, worauf der Verstand kommt, ist: räsoniert wird, so hat immer der Begriff dabei gefehlt, das
15 Der Monarch ist ein Individuum wie ich, ein Mensch, der spekulative Denken; die, welche über Verfassung reden 15

nicht mehr ist als ich, und ungeachtet dessen soll dieser Eine wollen, müssen also zunächst philosophieren, sie müssen
im Staate diesen ungeheuern Vorzug vor allen anderen haben begreifen lernen. Es ist nur die spekulative Philosophie,
an Macht und Gewalt wie an äußerer Ehre und Herrlichkeit. welche das Recht hat, das, was dem Verstande ein Geheimnis
Und diesen Vorzug soll er durch den bloßen Zufall der Natur ist, das Spekulative, welches im Begriff I des Monarchen liegt, 482

20 haben, da doch der Mensch nicht ein natürlicher sein soll, zu erfassen. 20

sondern durch das Denken das sein soll, was er ist. Hier steht Wenn man zunächst darauf kommt, daß es das Natürlichste
der Monarch als unmittelbare Person gegenüber. Wenn nun und das Billigste wäre, den Monarchen zu wählen, so ist hier
der Verstand weitergeht, so erwägt er, wie durch den Zufall zu erwähnen, daß, wenn auf solche Weise der Tapferste, der
der Geburt über so Wichtiges entschieden wird. Das Resultat Weiseste u. dgl. gemeint wird, dies nach Art der Stoiker
25 dieses Räsonnements ist immer: Ein Individuum, welches so gesprochen ist, welche, wenn vom Weisen die Rede ist, auch 25

480
große Vorzüge? haben Isollte als der Monarch, müsse auch an immer nur ein Subjekt beschreiben. Es ist nun nichts langwei-
Geist und Zustand der Vorzüglichste sein. Das Bestehen der liger, als so einen Stoiker vom Weisen sprechen zu hören, so
erblichen Monarchie erscheint so bloß als etwas Angeerbtes wie es auch langweilig ist, immer nur vom weisen König
und nicht in der Vernunft begründet. Der Monarch ist so nur Salomon zu hören. Die Vernünftigkeit soll aber als ausgebil-
30 betrachtet als ein Natürliches, unmittelbar Persönliches -' detes System der Institutionen eines Volkes bestehen und 30

was er auch ist, aber wieder als ein Negatives gegen das, was nicht bloß in einem Subjekt. Im I Staate ist die Vernünftigkeit 483

auf eine objektive Weise wirklich vorhanden. Das, was dem


I Orig. -hat-. Monarchen zukommt, ist das Grundlose: I Ich will. Dies ist
2 Orig. >großes Vergniigen-.
3 Orig. Komma. I Orig. Semikolon.

244 245
zunächst bloß das formelle Moment, noch ohne die Objekti- derheit der Masse des Volks gegenüber. Jeder kann sich hier
vität. Es ist eine obetflächliche Ansicht, wenn man dekla- ebensogut als ein Besonderes ansehen, und die Zufälligkeit ist
miert, daß das Wohl eines ganzen Volkes von der Persönlich- es, die sich hier geltend macht. - Man kann, wie I bemerkt 486

keit des Fürsten abhänge, und man hat so große Fürstenerzie- wurde, es für sehr naheliegend halten, daß die Wahlform die
5 hungspläne gemacht. Wenn die Institutionen eines Volk~s angemessenste sei, da es dem Volk überlassen bleiben müsse 1, 5

vernünftig sind, so macht sich das von selbst, und die wem es die Besorgung seines Wohls auftragen will. So
Persönlichkeit ist es keineswegs, von der alles abhängt. erscheint das Wahlreich als das vernünftigste und rechtlich-
Ohnehin ist der Monarch selbst ein Sohn seiner Zeit und ste. Der Regent erscheint in diesem Falle als derjenige, dem
seines Volks.E Er ist gar nicht so etwas vom Monde Herabge- das Volk den Auftrag für sein Amt erteilt hat; der Fürst hatso
10 fallenes, sondern es lebt in ihm der Geist seines Volks. Wenn den Charakter eines Mandatars.f Wenn wir die Geschichte 10

in einem Volke mancherlei Gedanken aufkommen, so I gibt es um Rat fragen, so finden wir, daß bei einfachen Völkern so
484
nichts mehr, wo es nicht eine Menge Menschen gibt, die etwas wohl stattfinden kann. Das deutsche Reich hat dem-
beweisen, daß das alles besser sein müsse. Die Regierung muß nachst/: seinen Untergang gefunden, und ebenso Polen. Nun
immer das letzte sein, welches 1 solche Gedanken des Besser- geht zwar ein jedes Reich unter, und es ist gerade nicht die
15 machens aufnimmt. Denn wenn ein Gedanke wirklich an und lange Dauer eines Reichs, die für die Güte der Verfassung 15

für sich begründet ist, so gehört noch dazu, daß er zuvor die entscheidet. Allein das deutsche Reich I hat nie einen vernünf- 487

Individuen eines Volkes durchdrungen habe und daß die tigen Zustand dargeboten. Sobald die alte Einfachheit der
übrigen Einrichtungen damit in Zusammenhang gesetzt wer- Sitten, und somit die Barbarei, aufhörte und das Selbstbe-
den. Dies ist aber nicht gleich im Anfange geschehen. Die wußtsein eintrat, so hat sich gezeigt, daß keine Verfassung hat
20 Regierung muß so die Sache ganz frei walten lassen, damit, schlechter sein können als die des deutschen Reichs. Polen 20

ohne anderen Zweigen, die damit zusammenhängen, Gewalt bietet dasselbe Schauspiel dar. In Wahlreichen finden Kapitu-
zu tun, dieselben geändert werden können. lationen statt; die Wahlkapitulation druckt aus, daß der
Daß das Erbrecht den Monarchen zum Monarchen macht, ist Kaiser oder die oberste Staatsgewalt sich auf gewisse Bedin-
485 das, was I man Legitimität nennt. Hierbei ist nun einerseits gungen ergibt. Die Meinung, die Ansicht und die Willkür der
25 die Weise des positiven Rechts; daß aber die natürliche Besonderheit ist unmittelbar losgelassen in einem Wahlreich. 25

Geburt wesentlicher Grund des Rechts ist, dies muß vorher In jeder Wahlkapitulation haben die Fürsten sich neue Rechte
begriffen sein. Daß der Monarch auf diese Weise zum Throne und Vorteile ausbedungen, bis daß am Ende vom Staatsver-
kommt, ist eine der wichtigsten Bestimmungen der Staatsver- mögen und von der Staatsgewalt nichts übriggeblieben ist.
fassung. In orientalischen, despotischen Reichen kommt es Man hat es mit Recht für die Erblichkeit der Monarchie
30 nicht dazu. Indem die Sukzession durch die Natur bestimmt geltend gemacht, daß I den Parteien dadurch gesteuert wird. 30 488

ist, so erscheint die höchste Spitze der Zusammenhaltung des Solche Parteizerrüttungen müssen bei Thronerledigungen
Staats der Zufälligkeit und Besonderheit entnommen. In eintreten, denn die besonderen Meinungen haben dann freies
einem despotischen Staate steht der Regent immer als Beson- Spiel. Wenn eine Nation groß ist, so sind der Stimmgebenden
I Orig. -müssen-.
I Orig. .welche-.

247
fti------

immer eine große Menge. In Frankreich, da es Demokratie der Souveränität, in der Majestät des Fürsten liegt gerade das
war, sollten fünf Millionen aktive Bürger über das Wohl des letzte, grundlose Entscheiden, und dieses ist nicht ein Über-
Staats entscheiden. Die Betrachtung, daß die Stimme des tragenes, von einem andern Herkommendes. - Man hat
Einzelnen auf ein höchst Unbedeutendes verschwindet, früher gesagt, die fürstliche Gewalt beruhe auf göttlicher
5 bringt es hier mit sich, daß nur wenige in den Versammlungen Autorität. Dies hat insofern seinen Sinn, als darin ausgespro- 5
erscheinen. Wer noch darin erscheint, hat ein besonderes chen ist, daß hier etwas der Willkür und Besonderheit 1
Interesse, sei es ein wirkliches Privatinteresse oder auch ein Entnommenes ist. So schreiben sich die Fürsten auch »von
mehr patriotisches Interesse. Es sind so Meinungen, die Gottes Gnaden-s". An eine vollkommene Willkür in Anse-
489 gegeneinander auftreten. In I der Meinung, welche abgegeben hung des Inhalts ist hierbei jedoch nicht zu denken, wie dies
10 wird, empfinde ich die Zufälligkeit und die Willkür, und da in England von einer Partei besonders geltend gemacht 10
liegt es denn ganz nahe, daß zur Gewalt geschritten wird, wurde. I 492
denn diese ist ebenso ein Zufälliges als die Meinung der Wenrr' die fürstliche Gewalt in der bezeichneten Art beson-
anderen. So tritt die Zufälligkeit der physischen Kräfte ders festgestellt ist, so hat damit dieselbe ihr vollkommenes
unmittelbar gegen die innere Zufälligkeit auf. Es kommt so Recht, und die anderen Momente der Idee entwickeln sich auf
15 notwendig zur Gewalt, wenn Parteien gegeneinander auftre- eine ebenso freie Weise. Eine jede Gewalt hat zu ihrer eigenen 15
ten. Diese Parteien, indem sie in Ansehung der höchsten Haltung die andern notwendig. Nur indem das Moment der
Staatsgewalt voneinander unterschieden sind, machen unmit- fürstlichen Gewalt zu seinem vollkommenen Rechte kommt,
telbar fremde Staaten gegeneinander aus, wenn sie schon zu können auch die andern Staatsgewalten ihrem Begriffe gemäß
einem Volke gehören. Dies führt zu Kriegen, die das Innerste ihre Rechte" erhalten. Hierin liegt auf der einen Seite die
20 angreifen; die Parteien suchen deshalb bei Auswärtigen Hilfe Sicherheit der bürgerlichen Gesellschaft und auf der anderen 20
490 und ziehen diese in ihre I Angelegenheiten hinein. Dieses Seite die Sicherheit der Throne und der Dynastien. Die
Resultat hat sich immer in Wahlreichen gezeigt. In Deutsch- Festigkeit liegt überhaupt nicht im Massenhaften; dies ist
land ist es zwar nicht so gegangen, daß der Staat in fremde gerade das Unsicherste. Es ist einer der größten Fortschritte
Hände gekommen ist; das Ganze hat sich durch göttliche in Ansehung I der Verfassung, daß die Sukzession auf die 493
25 Providenz hingeschleppt, bis daß die letzte hohle Hülse bezeichnete Art befestigt und daß der Begriff damit erfüllt 25
sozusagen durch einen Fußtritt über den Haufen geworfen worden ist.
worden ist, ohne Ehre und ohne Ruhm. Man hat oft sagen hören, die Sicherheit des Thrones beruhe
Der Fürst erscheint bei der Erblichkeit der Monarchie erst in darauf, daß der Fürst sich die Liebe seiner Untertanen
der Qualität, die ihm zukommt, als die letzte, unmittelbare verschaffe. Darin liegt überhaupt nicht" etwas Bestimmtes.
30 Subjektivität. Es ist also unmittelbar ein Widerspruch, wenn Wir haben in neuern Zeiten Ludwig XVI., einen durchaus 30
diese Macht zu entscheiden ein Übertragenes wäre von wohlwollenden Mann, von seinen Untertanen auf das Scha-
andem. Friedrich der Große hat sich den ersten Diener des
I Orig. -Besonnenheic-. 3 Orig. ,Wann<.
491 Staats genanntE, und dies gereicht ihm I zwar persönlich zur 2 Orig. -von Gottes Gnaden- 4 Orig. -sie- verändert zu -ihre Rechtee
Ehre, aber seine Qualität hat er damit nicht ausgesprochen. In vielleicht unterstrichen. 5 -nicht- eingefügt.

249
fott bringen sehen. Wenn man so spricht, der Fürst müsse wodurch sie es erreicht, das Einzelne als Einzelnes aufzuneh-
sich durch die Liebe der Untertanen auf seinem Thron men." - Die Richter sprechen im Namen des Monarchen,
befestigen, so reduziert man das Gute auf das Subjektive. In obschon sie völlig unabhängig sind.f Der Monarch hat ferner
Despotien ist das Gute und das Schlechte ein solches Subjek- zu allen Hauptstellen zu ernennen. Daß das Individuum an
5 tives. Im vernünftigen Staate hingegen sind es wesentlich die die Staatsgewalt angeknüpft wird, dies ist etwas Zufälliges; es 5
494 Institutionen, I von denen das Glück des Staats abhängt. In hat kein unmittelbares Recht dazu. Würdig sein 1 muß das
Demokratien ist es die Subjektivität des Volks als solche, von Individuum, dies ist die objektive Bedingung. Zu den meisten
der das Gute abhängt. In der vernünftigen Verfassung ist die Staatsstellen kann sich nun eine große Menge würdig machen;
Subjektivität mehr oder weniger etwas Gleichgültiges. Die der Staat wartet nicht auf dieses oder jenes Individuum. Daß
10 schlechten Institutionen, d. h. ihre Unangemessenheit zu dem das Individuum seine Zwecke I durch ein öffentliches Ge- 10 497
Geiste, der sich hervorgebildet hatte, haben Ludwig XVI. schäft erreicht, dies ist ein Äußerliches und somit etwas der
das Leben gekostet. - Es ist übrigens hier nicht die Meinung, subjektiven Entscheidung des Monarchen Zufallendes.
daß eine Verfassung so beschaffen sein müsse, daß der Staat Im friedlichen Leben des Staats hat die Souveränität wenig
bestehen müsse, wenn auch alle Subjekte nichts taugten. Wo einzugreifen; wo sie vorzüglich einzugreifen hat, das ist in der
15 eine vernünftige Verfassung vorhanden ist, da haben es die ihr Not. Der Souveränität als dieser innersten Einheit und 15
Angehörigen mit Vernünftigem zu tun, und durch solche Identität kommt es hauptsächlich zu, vor dem? Riß zu
Institutionen werden jene auch vernünftig. Die Tugend des stehen. Wenn alles im Staat seinen geordneten, vernünftigen
Subjekts hat hier das Eigentümliche, daß sie allerdings von Gang geht, so ist nicht einzugreifen. Es kann aber Fälle
495 dem freien Willen der Individuen I abhängt, und sie ist dann geben, wo innere Mängel der Verfassung sich hervortun, und
20 etwas Höheres als die Tugend in dem Sinn, wie sie Montes- hier ist der Fall, wo die Souveränität einschreiten muß. 20
quieu zum Prinzip der Demokratie macht. E Die Tugend Ebenso ist es in äußern Nöten des Staats. Der Regent, das
erscheint dann als ein Erzeugnis des freien Willens, so daß das Gewissen des Staats, kann sich in Fällen befinden, wo alle
Subjekt durch die Negativität erst zu dem wirklich Substan- Formen nichts I entscheiden können. Eine Grenze läßt sich 498
tiellen gelangt ist. - Furcht also und Liebe sind es nicht, auf hier nicht angeben, und dies ist etwas, das sich selbst legiti-
25 denen wesentlich die Sicherheit der Staaten beruht. Es ist eine mieren muß. 25
schlechte Ansicht, wenn man den Völkern zuschreibt, daß sie Das Begnadigungsrecht ist auch ein Moment, das dem
nur aus Furcht und knechtischem Sinn Respekt vor ihren Monarchen zukommt. Es wird hier eine Strafe erlassen oder
Monarchen haben, sondern es ist die Vernunft des Verhält- gemildert, die das Gericht gesprochen hat. Es liegt überhaupt
nisses, welches hier seine wesentliche Gewalt übt. in der Macht des Geistes, das Geschehene ungeschehen zu
30 Nähere, bestimmtere Ausflüsse kommen der Souveränität machen. Die höchste Macht des Staats kann so gewisserma- 30
eigentlich nicht zu. Sie ist überhaupt das letzte Entschei- ßen in das Innere des Verbrechens sehen und anerkennen, daß
496 dende. Alles, was in I einem Staate geschieht, geschieht im das Wesentliche der Tat, welches dem Willen zukommt,
Namen und kraft des Monarchen. Der Name enthält so die I -sein- eingefügt.
letzte Bestimmtheit; er ist das Zeichen der Vorstellung, 2 Orig. -den-.
vernichtet sei. Diese Kraft des Geistes, welche sich im Inhalts gehört nun einer besonderen Stelle an, einer obersten
Vernichten des Verbrechens zeigt, kann so auch im Monar- beratenden Stelle, welche vor den 1 Monarchen das Vorkom-
chen hervortreten, so daß dieser das Geschehene ungesche- mende zu bringen hat. Diese Stelle hat zugleich das Objek-
499 hen machen kann. Dem Gelwissen des Monarchen ist es tive, Allgemeine vor den 1 Monarchen zu bringen. Dies ist
5 überlassen, mit' den Begnadigungen sparsam umzugehen das, was man das Ministerium überhaupt nennt. Insofern 5
und nicht die Gerechtigkeit dadurch in ihrem Laufe zu diese Individuen es mit der unmittelbaren Persönlichkeit des
hemmen. Die Identität des Staats als solche kommt zur Monarchen zu tun haben, so liegt darin, daß I ihre Ernennung 502
Wirklichkeit im Verhältnis des Staats nach außen, da wo es und Entlassung ganz dem Monarchen überlassen bleiben
sich um dessen Erhaltung überhaupt handelt. Die Vernünf- muß. Es kann nun sein, daß der Fürst selbst mehr regiert oder
10 tigkeit überhaupt läßt das Extrem des Willens, welches alsdie mehr den Rat derer befolgt, die dazu berufen sind. Für 10
fürstliche Gewalt erscheint, zum Für-sieh-Bestehen gelan- wesentlich kann man es ansehen, daß der Fürst selbst regiere.
gen. Es kann noch gefragt werden, ob denn im Menschen Ebenso ist aber auch das Selbstregieren des Monarchen etwas
etwas sei, was ihn nötige, sich so zu unterwerfen, oder ob es sehr Gefährliches. Der türkische Kaiser regiert sehr viel
bloß äußere Notwendigkeit sei. Und man kann sagen, der selbst. Hier ist es immer die Subjektivität des Individui,
15 Mensch müsse nur dem Gesetze gehorchen, nicht dem welche sich geltend macht. Das Sicherste ist immer, daß die 15
SOO subjektiven Willen des Individui. I Die Antwort hat diese Minister um Rat gefragt werden. Man sieht es deshalb mit
Form, daß zum Begriff des Menschen rekurriert werden Unrecht als Schwäche an, wenn ein Fürst seinen Ministern
muß. Kent sagt zum König Lear: Es ist etwas in deinem folgt. Die Verantwortlichkeit kann allein auf die Mini-
Gesicht, das ich gern meinen Herrn nenne.f Die Frage ist ster I fallen. Verantworten heißt, daß eine Handlung gemäß 503
20 also, ob überhaupt etwas im Menschen sei, welches gern ist der Verfassung, dem, was Recht ist, u. dgl. Den Ministern 20
einen Herrn anerkennt. Dem Begriff nach ist der Mensch kommt diese Seite des Objektiven zu. Die Majestät des
frei, als Reales ist er ein Existierendes, somit ein Besonderes, Monarchen ist für Regierungshandlungen durchaus unver-
ein Abhängiges. Er geht als solches mit andern Verträge ein antwortlich. In vielen Staaten ist die Art der Verantwortlich-
usf.; der Zusammenhang mit andern überhaupt ist etwas keit der Minister förmlich bestimmt. Die Trennung des
25 Notwendiges. Die Entscheidung hierzu liegt nicht in ihm, Subjektiven und Objektiven zeigt sich im Fürsten und dem 25
und diese Entscheidung ist eine weltliche, eine menschliche. Ministerio.
Es wird hier notwendig eine subjektive Entscheidung Das dritte Moment in der fürstlichen Gewalt ist das an und
501 erfordert. I Gesetze und Institutionen sind etwas an und für sich Allgemeine. Dies sind die Gesetze und die Verfas-
für sich, und darüber entscheidet der Monarch nicht. Die- sung. Der Fürst macht diese nicht, sondern sie sind an und für
30 ser entscheidet aber über das Besondere. Das Entscheidende sich vorhanden. Die fürstliche Gewalt setzt die anderen 30
in seiner wahrhaften, begriffgemäßen Form ist dieses Sub- verschiedenen Gewalten im Staate I voraus, so wie alle andern 504
jekt. dieselbe wiederum voraussetzen. In despotischen Staaten ist
Das bloß Formelle ist zunächst inhaltsleer. Die Seite des das an und für sich Geltende vornehmlich als Religion
I Orig. -bei., I Orig. -dem-.

vorhanden. In gebildeten Staaten hingegen ist es in der Form halten. Diese verschiedenen Beamten und die höheren Behör-
den laufen dann in die Ministerien und den Monarch zusam-
des vernünftig Gedachten.
m~n. In der bürgerlichen Gesellschaft sucht zunächst jeder
sem Interesse, und so hat hier der 1 Konflikt des Interesses der
ß. Die Regierungsgewalt bes.andern Sp~ären I gegeneinander und gegen das Allge- 5 507
n:>eme se~nen Sitz. Der Korporationsgeist hat die Richtung,
Diese hat das Allgemeine der Gesetze und die Verfassung im SIch in seiner Sphäre zu verlieren. Daß dieser Geist nicht zum
5 Besonderen geltend zu machen und die Kreise des besonde- Extrem des Fürsichseins gelangen kann, dafür müssen Insti-
ren Lebens auf das Allgemeine zuruckzutiihren. In dieser tuti~nen sein. Der Geist der Korporationen ist es gewesen,
Sphäre stößt das Allgemeine und Besondere zusammen. Der wonn der Geist der bürgerlichen Freiheit im Mittelalter 10
Trieb des Besonderen ist, sich in sich zu vertiefen, selbständig ein,erseits angef'l!Igen hat aufzublühen; aber zugleich haben
zu werden gegen das Allgemeine. In dieser Sphäre sind nun SIe SIch verknöchert, und wo es dem Allgemeinen nicht
10 die besonderen Interessen der bürgerlichen Gesellschaft gelungen ist, darüber Herr zu werden, da ist dasselbe mehr
505 überhaupt vorhanden. I Als solche haben sie ihre eigentüm- ?derweniger zerfallen. Machiavell", dieser große Geist, hat
liche Verwaltung. Es können so Korporationen, Gemeinden in semem Bu~h v.om Fürsten, von dem man vielfältig meint, 15
1
und Provinzen besondere Interessen haben und ihre eigenen daß es Geheimnisse und Maximen I der Despotie enthalte 508
Obrigkeiten und Vorsteher dazu bestellen. Das Besondere jene' Seite besonders herausgehoben. Wenn man besonder;
15 kann hier ebenso zu seinem Rechte kommen, aber über das den Schluß jenes Buchs liest, so erhalt" man den Aufschluß
Allgemeine des Staats kommt ihm nicht die letzte Entschei- über das Ganze; dieser Schluß enthält einen Aufruf 5E der aus
dung zu. Diese besonderen/ Angelegenheiten haben also ihre einem tief patriotischen Gefühl hervorgegangen ist. Machia- 20
besondere Verwaltung. Die Vorsteher können von den vell spricht darin das Elend seines Vaterlandes aus welches in
Genossen der Korporation, des Standes pp. gewählt werden. so viele Herrschaften und Gemeinden zerfallen ist die
20 Die Autorität beruht hier vorzüglich auf dem besonderen beständig unter sich im Streite sind und dann vornehmlich
Zutrauen. Der Trieb der Menschen, für etwas Allgemeines zu einen Tummelplatz für die Auswärtigen abgeben. Machiavell
handeln und zu wirken, kann sich hier ergehen; die Kenntnis
stellt so als Prinzip auf, daß der Einheit des Staats als dem 25
506 und die I Einsicht des Besendem reicht hier hin. Zugleich ist höchsten Gesetz alles andere weichen muß, und er gibt dann
hierbei die Einwirkung des Staats als solchem' notwendig. Es Maßregeln an, wie dieses zu erreichen ist. Man verkennt den
25 gehört deshalb dazu, daß, indem diese Sphären sich für sich Ma~hiavelll sehr, wenn man glaubt, daß er dem Despotismus 509
bewegen, auch Abgeordnete der Regierungsgewalt hier eine zuliebe geschneben habe, sondern es ist rein das tiefe Gefühl
Einwirkung haben. Das Besondere ist geneigt, eigennützigen
eines großen Geistes über das Unglück und das Elend seines 30
Interessen zu folgen. Hier sind es also Beamte der obersten Vaterlandes, welches ihn getrieben hat. Man muß die
Regierungsgewalt, die die Interessen des Allgemeinen fest-
1 Orig. -das-. 4 Orig. -enthal«.
I Orig. -eigenec
2 .sie. eingefügt. 5 Orig. -Beruf-.
2 Orig. -besondere-.
3 Orig. -hat jene-.
3 Orig. -solcherc

254 255
Geschichte Italiens bis zu Machiavells Zeiten lesen, um zu berufen wird. Zu den meisten Staatsgeschäften gehört keine
begreifen, warum er so geschrieben hat. Die meisten H.err- besondere Genialität, und es können sich viele Individuen die
schaften in Italien waren dadurch entstanden, daß gluckhche Befähigung dazu geben. Daß nun gerade dieses und nicht ein
Capitani eine Stadt oder einen Distrikt zu ihrem Eigentum anderes Individuum gewählt wird, ist etwas Äußerliches. Es
5 machten. Ein großer Teil von jenen waren Räuber und ist hier immer mehr oder weniger Zufälligkeit und subjektive 5

Banditen, denen kein Mittel zu schlecht war, um zur Herr- Ansicht, in welche die Entscheidung fällt. Es ist sonach die
schaft zu gelangen. Wenn Machiavell also in Ansehung der fürstliche Gewalt, welcher die Ernennung zu den Staatsäm-
510
Mittel, die er vorschlägt, auch zu weit geh~, I so muß man tern überhaupt zukommt. Das Amtsverhältnis hat etwas von
bedenken, was es für Leute waren, gegen die er zu solchen der Natur des Vertrags an sich; es ist ein Leisten und
10 Mitteln rät. In der Französischen Revolution hat die öffent- Gegenleisten vorhanden. Gleichwohl fällt dieses Verhältnis 10
liche Meinung ihren Haß besonders auf die Korporationen nicht förmlich unter I das Vertragsverhältnis. Das Geschäft ist 513

gewoden. Bei Korporationen fehlt es nun nicht, daß ~Iel etwas, das an und für sich sein muß, und der Inhalt des
Ungeschicktes gemacht wird; je geringfügiger die Sache Ist, Verhältnisses fällt deshalb nicht in die Willkür. Durch
desto mehr kann man der Tendenz, selbst etwas zu machen, schlechte Besorgung der Staatsverhältnisse wird nicht bloß
15 ihr Ergehen zugestehen. . . .. ein Vertrag, sondern es wird eine wesentliche Pflicht verletzt. 15

Was nun die Organisation der eigentlichen Regierungsbehor- Es muß mithin hier Bestrafung eintreten. Das Individuum,
den anbetrifft , SO ist dies teils .
Sache .
des Verstandes und . das zu' seinem Berufe durch den souveränen Akt der Ernen-
gehört insofern nicht hierher. - Ern wesentliches ~oment Ist nung berufen ist, ist auf seine Pflichterfüllung angewiesen.
es in der Organisation der Regierungsgewalt, .daßdie ~o~eren Das Individuum, indem es sein besonderes Interesse in dieses
20 Behörden kollegialisch konstituiert sind. Die kollegialische Verhältnis legt, hat an den Staat den Anspruch, daß dieser die 20

Sll
Form I ist in den deutschen Verfassungen von jeher übhch Sorge für seine Subsistenz übernimmt. Der Staatsdiener ist
gewesen. Es stumpft sich die subjekti~e Form durch die nicht Staatsbedienter. Er geht I ein wesentliches Verhältnis Sl4
kollegialische Verfassung immer ab. - Dle.Schwlengkelt bei ein, und die Pflichtedüllung ist die wesentliche Bedingung,
der Organisation der Regierungsbehörde hegt dann, daß da, unter der er sein Amt behalten kann. - Ob die Entlassung des
25 wo die Sache ausgeführt werden soll, sie konkret ist. In der Staatsdieners bloß Sache der Willkür sein soll oder nicht, 25

Mitte muß sodann das Geschäft in seine abstrakten Zweige darüber hat die Entscheidung ihre besonderen Schwierigkei-
auseinandergelegt werden; nach oben ist dasselbe sodann ten. Ein Staatsdiener kann sein Amt wohl insofern als sein
wieder zusammenzufassen. Eigentum betrachten, als er seine ganze Tätigkeit in dieses
Zu den verschiedenen Geschäften der Regierungsgewalt Verhältnis gelegt hat; allein der Staat und dessen Dienst bleibt
30 bedad es nun Individuen. Das objektive Moment dabei ist, dabei immer das Substantielle. Dieser muß daher das Recht 30
daß diese Individuen ihre Befähigung nachweisen. Unter behalten, über die Beibehaltung das Amtes zu entscheiden.
dieser Bedingung muß einem jeden Bürger der Weg zu den Wenn er sieht, daß er sich in der Bestellung eines Staatsdie-
512
öffentlichen Ämtern aufstehen. Die subjektive I Seite ist, daß
von mehreren gleich fähigen ein besonderes Individuum I Orig. -mit-.

257
ners getäuscht hat,. so is~ er dem Individ~o immer.1 eine ~~t feste Mauer gegen die Willkür und die Nachlässigkeit der
515
von Ersatz schuldig.f Ein anderes Ist eS , w.enn ein Indivi- Beamten bilden.
duum in seinem Amte Verbrechen begeht. Uber die Art der
Amtsführung kann ein Gericht nicht entscheiden, wohl aber
y. Die gesetzgebende Gewalt
5 über ein eigeniliches Verbrechen.
Die Beamten müssen überhaupt in Ansehung dessen, was Die gesetzgebende Gewalt hat das Allgemeine als solches
ihren Unterhalt betrifft, so gesetzt sein, daß sie dabei be- festzusetzen. Die Gesetze sind die allgemeinen Verhaltnisse 5
stehen können. In Ansehung des individuellen Benehmens in einem Staat. Außer diesen gibt es auch noch SO allgemeine
der Beamten gehört hierher, daß sie keine Privatleidenschaf- Regierungshandlungen, daß die Bestimmung derselben auch
10 ten üben und daß umgekehrt die Individuen keine Privat- den Charakter der Gesetzgebung annimmt. I Die Verfassung 518
leidenschaften bei ihnen suchen. Ein Hauptmoment für selbst liegt außerhalb der gesetzgebenden Gewalt; in der
die Leidenschaftslosigkeit der Beamten ist die Größe des Fortbildung der Gesetze liegt indes auch eine Fortbildung der 10
Staats überhaupt. In einem großen Staate können persön- Verfassung. Die gesetzgebende Gewalt ist nun für sich
516 liehe Leidenschaften überhaupt nicht solchen Einfluß auf I gleichfalls Totalität wie die andern Gewalten. Sie enthält das
15 die Verhältnisse der Beamten üben als in einem kleinen monarchische Moment in sich, in welches 1 die höchste
Staate. Entscheidung fällt; ebenso muß die Regierungsgewalt bei
Die Mitglieder der Regierung überhaupt, und was da~it derselben tätig sein. Diese ist das beratende Moment. Das 15
zusammenhängt, bedürfen überhaupt einer allgememer.n Bil- dritte ist dann das ständische Element; daß dieses nicht
dung, und insofern dies Bedingung ihrer besondern EXistenz selbständig und abstrakt für sich bestehen kann, wurde oben
20 wird so macht diese Masse überhaupt das aus, was man den schon bemerkt.
Mittelstand nennt. Dieser Stand lebt notwendig darin, daß er Die Notwendigkeit von Ständen in der Verfassung kann auf
sich allgemeinen Kenntnissen, allgemeinen Ansichten wid- mannigfaltige Weise gefaßt werden. Am häufigsten werden 20
met. Auf der Fortbildung und auf dem' Begriff dieses Stand,:s die Stände I dargestellt als ein notwendiges Gegengewicht 519
beruht überhaupt die wesentliche Intelligen~ eines Staats. ?Ie gegen die höchste Gewalt. Das Dürftige dieser Ansicht wurde
25 Institutionen müssen es bewirken, daß dieser Stand nicht bereits oben bemerkt.f Allerdings soll ein jedes Moment sein
durch seine Macht die Mittel zur Bildung einer Aristokratie selbständiges Dasein haben, und insofern verhält sich immer
517 gewinnt. Es ist dieses oft der Fall gewesen. So findet man I na- das eine beschränkend gegen das andere. Sehr gewöhnlich ist 25
mentlich Advokaten, welche durch ihre Kenntnis des Rechts die Voraussetzung, als ob an und für sich die höchste Gewalt
sich zu großem Mißbrauch verlei ten la~sen. Die Kontr?lle den Trieb hätte zu unterdrücken, während man das Volk als
30 von oben herunter ist nicht immer ausreichend. Die Institu- das Höhere und Vortreffliche darstellt. Das Volk überhaupt
tionen müssen eine hinlängliche Festigkeit haben und so eine hat als Menge vielmehr den Charakter, daß jeder seinen
besondern Zweck hat, den er verfolgt.
I Orig. -isrs.. I Orig. .welchem-.
2 Orig. -den-.

259
Ein anderer Gesichtspunkt ist der, daß es um deswillen der Moment ist es, welches in den Ständen zu seinem Rechte
Konkurrenz E VOn Abgeordneten des Volks bedürfe, weil kommt. Die Athenienser, das freieste Volk der alten Welt,
520 diese am besten wissen, was I ihnen not tut. Das Volk, ab- trugen es dem Solon auf, Gesetze zu machen. Ein solches
getrennt von der Regierung, weiß vielmehr nicht, was es will. Empfangen und Annehmen ist indes in spätem Zeiten nicht
5 Dazu gehört tiefe Einsicht, zu wissen, was man will; einer- mehr. vorhand.en. Das Vortreffliche und Wahrhafte kann 5
seits gehört dazu wissenschaftliche Einsicht, und andererseits allerdmgs an sich :orh.anden sein, aber ' die Forderung des
große praktische Bildung. Es ist überhaupt das größte, was Selbstbewußtsems 1St nicht dabei befriedigt. - Die Forderung
ein Mensch kann, daß er wisse, was er will. In der Französi- ~er Stande grundet sich auf dieses IVerhältnis, und sie liegt so 523
schen Revolution waren es nur wenige, einfache Bestimmun- 10 der Idee selbst. Es 1St also nicht die Rede davon, daß die
10 gen, die als der wahre Inhalt des öffentlichen W ollens genannt Gesetzgeb~ng durch die Stände besser besorgt werde- und 10
werden können; dies ist die Abstellung der Feudalgewalt und ebensowemg läßt sich das bessere Wollen der Stände zu ihren
die Herrschaft des Gesetzes. ~unsten geltend machen. Ob sie guten Willen haben oder
Was die Notwendigkeit der Stände dem Begriff nach betrifft, mch.t, darüber läßt sich im allgemeinen nichts sagen. Daß die
so liegt sie darin, daß das Allgemeine auch auf eine allgemeine Re g1erung.sh":,,dlungen einer Zensur der Stände unterworfen
15 Weise hervorgebracht werden muß. Dieses Allgemeine kann werd~n, dies 1.St allerdings ein großes und richtiges Moment. 15
521 nun von einer Regierung wohl geschehen ohne I Stände, und Es wird auf dIese,!!eise das Allgemeine geltend gemacht.
es kann eine Monarchie sich in einem gedeihlichen Zustande Gegenstand ~er s;and1schen Wirksamkeit überhaupt sind die
befinden. Aber weil es das Allgemeine ist, so liegt darin, daß ganz allgerneinen Angelegenheiten I des Staats. Besondere 524
es auf eine totale Weise hervorgebracht werde und zur Grenzen lasse~ sich hier nicht feststellen. Gesetz und Maßre-
20 Existenz komme. Dies geschieht nun durch die besondere gel der ~xekunon sind nicht scharf zu unterscheiden. Solche 20
Konkurrenz'' von vielen aus dem Volke überhaupt. - Es ist allgemem~ Ang:legenheiten sind z. B. die Berechtigungen
keine Frage, daß Manner, die sich immer mit Staats geschäften de~. Gememden und Korporationen, die bürgerliche und
abgegeben haben, das, worauf es ankommt, besser verstehen ~nmmalgesetzgebung,insofern diese sich fortbildet, öffenr-
als solche, die gewöhnlich besonderen Zwecken nachgehen. liehe A~stalten von allgemeinem Interesse pp. Straßen, Brük-
25 Es ist übrigens Moment der neuern Zeit hauptsachlich, daß ken, Hof~, Kolonien sind z. T. allgemeine Angelegenheiten, 25
das Wahre nicht überhaupt gelte, sondern daß es mit der z. T. gehören sie mehr zur Wirksamkeit der Regierung. Ein
Einwilligung und mit dem Wissen des Einzelnen geschehe. G~genstand, vonde~ hä.ufig die Rede ist, ist der Krieg und
Zur Religion verhalten sich die Menschen zunächst als zu 1 F~led~, da.s Verhaltms mrt auswärtigen Mächten überhaupt.
522 einem Geoffenbarten. I Dabei kann die Menschheit auf einer DIes 1St eme I Angelegenheit, die den ganzen Staat betrifft. 525
30 gewissen Stufe ihrer Bildung sich beruhigen'; allein es wird Ihrem Inhalte nac~ ist sie gleichwoW eine ganz einzelne 30
darüber hinausgegangen, und es tritt die Forderung der AngelegenheIt. Kneg oder Friede ist eine Sache, die VOn
eigenen Einsicht und des Selbstbewußtseins ein. Dies besonderen Umständen abhängt, und je ausgebildeter die
I Orig. -als-. 3 Orig. -allgemeine.,
I -zu- eingefügt.
2 Orig. -beruhigec 2 Orig. -werden.. 4 Orig. -Gemeinde..

260 261
Verhältnisse der Staaten sind, je mannigfaltiger sind diese Staaten das Privateigentum in Anspruch genommen wird, die
Umstände. Es ist dies so eine Sache, welche nicht sowohl Privateigentümer auch dazu einwilligen müssen. Es liegt der
nach allgemeinen Grundsätzen zu bestimmen ist als nach der MIßverstand darin, daß es beim Privateigentum allerdings
Klugheit. Das Allgemeine, welches hier hineinspielt, hat für meine Willkür ist, ob ich etwas hin weggeben will, während es
5 die einzelnen I Fälle nichts Entscheidendes. Der Beschluß dagegen in Absicht auf den Staat an und für sich seiende 5
über jene Angelegenheiten kommt ihrer Natur nach der Pflicht für mich ist, dem Staate zu steuern. Dieses ist nicht
Individualität des Staates zu, also der fürstlichen Gewalt. bloß eine positive Pflicht, sondern an und für sich vernünftig.
526 Man glaubt etwa, es würde weniger Krieg geben, wenn I Abgaben haben keinen anderen Zweck, als die Bedürfnisse
Stände darüber beschließen; dies ist aber gerade das Gegen- des Staats zu bestreiten. Die Erhaltung des Staats ist eine an
10 teil. Es ist damit ebenso, wenn die Verfassung eines Volks so und für sich notwendige Sache. - Ein Hauptgegenstand ist 10
ist, daß das Kriegerische darin überwiegend ist. Hier zeigt es nun also für die ständische Wirksamkeit die Konkurrenz" bei
sich, daß ein solches Volk gerade am meisten in Kriegen sich Bestimmung! der Abgaben. Damit hängt zusammen die Prü- 529
verwickelt. Kriege, an denen ganze Völker teilnehmen, wer- fung des öffentlichen Bedürfnisses und die Kontrolle über die
den in der Regel zu Eroberungskriegen. Insofern Stände bei gesetzliche Verwendung der öffentlichen Abgaben. In neuern
15 den Finanzangelegenheiten konkurrieren'', so liegt darin ein Zeiten bilden die Finanzen überhaupt einen höchst wichtigen 15
indirekter Einfluß derselben auf die Angelegenheiten des Gegenstand, um den sich das ganze äußere Leben des Staats
Kriegs und des Friedens. Die Erhebung der öffentlichen dreht. Dies sieht dem ersten Augenblick nach schmutzig aus.
Abgaben und deren Verwendung ist nun eine Angelegenheit, Im Kriege ist der Einfluß des Geldes gleichfalls von solcher
527 die ihrer Natur nach ganz allgemeiner Bestimmungen I fähig Wichtigkeit. Es fragt sich, warum das Hauptinteresse des
20 ist. Das System der Finanzen ist somit von der Art, Gegen- Staats die Form des Geldes angenommen hat. Dabei ist zuerst 20
stand der gesetzgebenden Gewalt zu 2 sein. zu unterscheiden, daß die Wirksamkeit des Staats überhaupt
In Ansehung nun der Abgaben kann man sagen, daß durch allgemeine Bestimmungen betrifft, nach denen jeder sich zu
Verwilligung derselben die Stände es in den Händen haben, richten hat. Dabei handelt es sich zunächst nicht um öffent-
die Regierungen zu zwingen. Dieser Gesichtspunkt sieht liche Leistungen. Die zweite I Seite ist dagegen, daß auch 530
25 zuvörderst sehr plausibel aus. An sich aber ist er vollkommen geleistet wird. Dieses Leisten nimmt nun überhaupt die Form 25
abgeschmackt. Der Staat muß bestehen, und die Stände des Geldes an. Man könnte sagen, es könnte nun von den
können im allgemeinen die Verwilligung der Abgaben nicht Einzelnen nicht viel Besseres geleistet werden als Geld. Die
verweigern. Ordentlichen Ständen kann es gar nicht einfal- Bürger können so ihre mannigfaltigen 1 Geschicklichkeiten
len, die Steuern überhaupt verweigern zu wollen. Die Reichs- oder ihren Patriotismus überhaupt anbieten. Der Patriotis-
30 stände in Deutschland verweigerten wohl bisweilen dem mus ist zunächst nur Gesinnung; es bedarf aber nun wirkli- 30
Kaiser ihre Beiträge; aber das waren auch Stände danach und cher Leistungen. Das, was geleistet wird, ist zunächst etwas
528 ein Reich. - Man kann nun I ferner sagen, daß, weil in den Besonderes. Dieses Besondere könnte nun zunächst direkt
I Orig. -einzelne-. gefordert werden; einer sollte Straßen bauen, der andere
2 -zu- eingefügt. I Orig. -mannigfaltige-.
Richter sein usf. Statt dessen fordert der Staat überhaupt sei in einem großen Staate zu beschwerlich, wenn alle Ein-
Geld. Bei den RUssen findet es sich wohl, daß, wenn bei zelnen zusammenkommen sollten. Kurz, man geht von
531 einem Regiment I Schuster, Schneider pp. erforderlich sind, den Einzelnen als Einzelnen! aus. Nun aber ist die Men-
gewisse Einzelne dazu bestimmt werden. Durch die ganze ge von Einzelnen ein Haufe, eine in sich selber unorganisierte
5 moderne Zeit geht, daß die Besonderheit tätig sein will. Der Masse. Dies ist die atomistische Ansicht. Die Vorstellung 5
Staat nimmt die Besonderheit auf eine freie Weise in eines I Haufens ist eine Vorstellung ohne Würde. Die Menge 534
Anspruch, indem er im allgemeinen bloß Geld fordert und als Menge hat auch keinen Gefallen an sich und kann dies
nun seine Leistungen denen überträgt, die sich dazu bereitfin- auch nicht. Es zeigt sich so, daß dem Einzelnen als Einzel-
den. Das, was ich dem Staat borge, wird so ganz durch andre nerrr' nichts daran liegt, seine Stimme zu geben. Dies zeigt
10 Willkür vermittelt. Der Staat kauft und bedingt" das Beson- sich gegenwärtig z. B. in Frankreich. Eben weil es viele sind, !O
dere, was er braucht. Die Leistungen können so auf eine so ist die Stimme des Einzelnen etwas sehr Unbedeutendes,
vollkommen gerechte und gleichförmige Weise geleistet und es zeigt sich, daß immer ein besonderes Interesse dazu
werden. gehört, damit einer jener Art der Wahl beiwohnt. Auf dem
Es kann nun weiter gefragt werden, welche Qualität die sittlichen Standpunkt gilt der Einzelne als solcher überhaupt
15 Stände haben sollen. Sie sind die Seite des besonderen Staats nicht. 15

532 oder das, was man Volk I nennen kann. Diese Besonderheit Die bürgerliche Gesellschaft muß also überhaupt als ein in
tritt aber herein in das Allgemeine. Der Sinn der Stände muß sich Organisiertes erscheinen. Die organische Bestimmtheit,
überhaupt sein der Sinn des Allgemeinen; die Stände müssen wenn wir I sie sehen, hat die zwei Hauptformen des ackerbau- 535
wesentlich zum Sinne der Regierung kommen. In den alten enden Standes und des Standes der Gewerbe. Wir gebrauchen
20 Feudalverfassungen war der Fürst mehr nur Feudalherr mit den Ausdruck »Stände- in der doppelten Bedeutung, einmal 20
seinem Privateigentum, aus dem er den größten Teil der als Stand der bürgerlichen Gesellschaft und sodann als Teil
öffentlichen Bedürfnisse zu bestreiten hatte. Die Stände der gesetzgebenden Gewalt. Ehemals waren Adel, Geistlich-
traten gegen den Fürsten gleichfalls als Privateigentümer auf, keit und Bürgerstand die politischen Stände. Vom geistlichen
mit dem Sinne, zu geben so wenig als möglich. Dies ist eine Stande kann man zunächst meinen, dieser sei notwendig,
25 Vorstellung, die sich noch jetzt vielfältig zeigt'. Das Moment damit das Wahre, Göttliche und Freie im Staate geltend 25
der Qualität der Stände ist der Sinn der Besonderheit. Sie gemacht werde. Die Kirche hat indes im Staate keine politi-
533 kommen mit I solchen Kenntnissen des Besondern zur Ge- sche Existenz; sowie sie als Kirche stimmgebend wäre, so
setzgebung. - Es kann nun weiter gefragt werden, wer die wäre ihre Stimme apodiktisch, Stimme Gottes, Stimme des
Stände ausmacht. Die einfache Antwort ist: die bürgerliche Gewissens. Da, wo die Kirche nicht entscheidend auftritt, hat
30 Gesellschaft überhaupt, das, was den Privatstand ausmacht, sie ihre Stelle nicht. Das, worüber von den I Ständen im Staate 30 536
der Regierung gegenüber. Die Vorstellung könnte zunächst beraten wird, sind die allgemeinen Angelegenheiten, welche
darauf kommen, daß es die ganze Vielheit der Einzelnen sei, dem Denken angehören, also einer Form, die nicht das
die zum Privatstand gehört, und man kann dann meinen, es I Orig. -Einzelne-.
I -zeigt- eingefügt. 2 Orig. -Einzelnen-.
Eigentümliche der Kirche ausmacht. Es bleiben überhaupt Vermögen zu gleichen Teilen unter seine Kinder teilen soll.
zwei Stände. Der erste ist der Stand der natürlichen Sittlich- Das Vermögen macht diese Seite der Besonderheit und damit
keit, in dem die Familie die Hauptbestimmung ausmacht und die Seite der Objektivität aus, welche bestimmt werden kann.
der wesentlich auf Grund und Boden angewiesen ist. Daß Die Gesinnung kann nicht bestimmt werden, und Einrich-
5 nun der auf den Ackerbau angewiesene Stand nicht unmit- tungen und gesetzliche Bestimmungen können die Gesin- 5
telbar die Einsicht und Geschicklichkeit hat, die zur Beratung nung nicht treffen. In der äußern Unabhängigkeit liegt die
der Staatsangelegenheiten gehört, dies ist eine Bestimmung, absolute Möglichkeit der innern Unabhängigkeit; alle die
die der Zufälligkeit dieses Stands angehört. In Rücksicht auf Abhängigkeiten und Gesinnungen, welche mit der äußern
die politische Konstitution kommen nun einige Bestimmun- Abhängigkeit zusammenhängen, sind auf solche Weise abge-
10 gen hinzu, wodurch die ursprünglichen Bestimmungen die- schnitten. In Frankreich wurde den Senatoren der lebens- 10
537 ses Standes dem politischen IZweck desselben angemessen längliche Genuß eines großen Gutes eingeräumt. Allein dies
werden. Dieser Stand macht das Feste, Gleichbleibende fällt immer in die Zufälligkeit, und indem die Regierung
überhaupt aus. Damit die Unabhängigkeit dieses Standes bei I Verteilung der Senatorien notwendigen Einfluß hat, so 540
vollständig sei, dazu gehört, daß der Besitz vom Staatsverrnö- fällt damit die Möglichkeit aller jener Abhängigkeit wieder
15 gen unabhängig sei. Ebenso muß das Vermögen unabhängig herein. Es scheint nun, daß es auf solche Weise dem Zufall der 15
sein von der Unsicherheit des Gewerbes, und ebenso muß Geburt überlassen sei, wer zu einer so wichtigen Funktion,
dieser Stand entfernt sein von der Sucht des Gewinns. Ein wie die Teilnahme an der Gesetzgebung ist, berufen wird.
Vermögen, das in die Gewerbsverhältnisse gerissen ist, bleibt Allein gerade die Notwendigkeit ist dadurch gesetzt, indem
immer abhängig von äußerlichen Umständen und von dem alle die erwähnten Zufälligkeiten abgeschnitten sind. Die
20 Benehmen anderer. Das Gewerbe und die Sucht des Gewinns Menschen müssen so auch in dieser Rücksicht zur Natur ihre 20
sind entfernt von einem sichern und festen Grundbesitz. Zuflucht nehmen, um etwas unmittelbar festzumachen. Das
Dieser Stand muß gleichfalls von der Gunst der Menge andere ständische Element macht die bewegliche'F Seite der
unabhängig sein. Das Vermögen muß aus allen diesen Grün- bürgerlichen Verfassung aus. Diese kann I nicht nach der 541
538 den I ein unveräußerliches Erbgut sein. Indem das Vermögen ganzen Menge ihrer Glieder unmittelbar eintreten in die
25 so ein Festes und Unveräußerliches ist, wird es der eigenen unmittelbare Teilnahme. Der innere Grund hiervon ist, daß, 25
Willkür gleichfalls entnommen. Diesem Stande, indem so ein indem die bürgerliche Gesellschaft ausgebildet ist, ihre
festes Vermögen für denselben sich bestimmt, ist die harte Arbeiten sich in unendlich viele abstrakte Zweige teilen, und
Aufopferung für den politischen Zweck zugemutet, daß sein die Individuen, welche darin befangen sind, sich in der
Vermögen sich nicht auf gleiche Weise unter seine Kinder höchsten Abhängigkeit befinden und zugleich die Einsicht
30 verteilt. Das Eigentum der Familie ist, wie wir früher sahen, entbehren, welcher es zur" Behandlung von Staatsgeschäften 30
Eigentum der ganzen Familie," und insofern eine Verteilung bedarf. Ebenso fehlt ihnen diese Rücksichtslosigkeit, deren es
stattfindet, so muß diese gleich sein. Nun aber legt die bedarf in Rücksicht des Berufs, um den es sich handelt.
politische Notwendigkeit diese Härte auf, daß der Vater nicht I Orig. -bürgerliche-.
539 der natürlichen Eingebung seines Herzens folgen und sein I 2 Orig. >ZU<.

266
Dagegen kann man nicht anführen, daß auch A:me und
äußerlich Abhängige die Fähigkeit und den Willen ha- Land gebunden, dem sie angehören. Sie bringen auch
542 ben I können, deren es bedarf, um politisch tätig zu .sein. - dadurch ihrer politischen Stellung ein hartes Opfer. Der
Sodann tritt die bürgerliche Gesellschaft überhaupt n:cht ~ls andere Stand ist der Stand des Prozesses, der Veränderlichkeit
5 eine Menge auf, sondern in ihren Sphären und Kreisen, m überhaupt. Hier ist es immer das Prinzip einer besondern
Gemeinden und Genossenschaften. Es ist hinreichend, wenn Persönlichkeit, welches sich betätigt. Der erste Stand ent- 5

Einzelne von den verschiedenen Genossenschaften und spricht dem, was der Adel heißt, im politischen Sinn. Die I 545

Gemeinden in das politische Element eintreten. Diese treten Bestimmung dieses Standes ist die, 1 durch die Art und Weise
ein nicht als Stellvertreter, denn sie sind nicht Mandatarien'': seines Verhältnisses dem Staate gewidmet zu sein". Der Adel
10 ihr Korps, ihre Genossenschaft ist in ihnen selbst ~orh~nden. braucht in politischer Hinsicht keine andern Bezeichnungen
Ebenso erkennt man in einem einzelnen Mitgliede emer und Vorrechte. Wenn er noch andere Rechte hat, so ist dies 10

Nation die ganze Nation. In den Repräsentanten ?~r Korp?- etwas, was dem positiven, besondern Staatsrechte angehört.
ration ist diese selbst vorhanden. Ein solches Individuum Ist In dem Begriff ihres K politischen Verhältnisses liegen derglei-
chen Vorzüge nicht.
543 selbst die Gattung. Solche Stände I haben die gedoppelte
15 Seite, einmal, daß sie im Sinn des Allgemeinen sind, und Indem diese Stände die Gesamtheit vorstellen, so treten sie
sodann, daß die besonderen Interessen beachtet werden. dem Staate gegenüber auf. Dies ist ein unvernünftiges Ver- 15

Wenn in Ansehung der Abgeordneten die Einrichtung ist, hältnis. Das vernünftige Verhältnis ist der Schluß.E Die
daß die Einzelnen überhaupt wählen, so ist es ganz der Einheit muß somit immer vorhanden sein und nicht erst
Zufälligkeit überlassen, ob jedes Interesse seine besondere durch Kampf zustande kommen. Es gehört somit zum
20 Stimme erhält. Es ist z. T. eine allgemeine Bestimmung, daß vernünftigen Verhältnis der Stände und der Regierung, daß
auch hier auf ein allgemeines Vermögen gesehen wird. Man das Moment ihrer IVermittelung vorhanden sei. Die fürstli- 20 546

sagt so, die Eigentümer haben das unmittelbarste Interesse, ehe Gewalt schickt von ihrer Seite aus ein Element zur
daß Ordnung, Recht und Gesetz seine Gültigkeit hat. Allem Vermittelung. Dies ist die Regierungsgewalt. Die Stände
es kann auch noch andere Garantien geben. Eine solche müssen von der andern Seite her ebenso ein Moment der
25 Garantie wäre besonders die, daß Männer, die sich schon in Vermittelung hereinschicken. Dieses Moment kann nun
ihren Genossenschaften und Gemeinden in Verwaltung nichts anderes sein als ein Moment, das in ihnen selbst 25

544 öffentlicher Ämter bewährt haben, vorzugslweise ein Recht enthalten ist, und dies ist das Moment der Allgemeinheit, der
erhalten, zu Abgeordneten erwählt zu werden. Hier ist die erste Stand. Es entsteht so das vernünftige Verhälmis, daß die
Tüchtigkeit auf objektive Weise enthalten: . . Stände zwei Kammern ausmachen. Die eine Kammer bleibt
30 Die beiden Stände sind so nach ihrem Prinzip verschieden. so als Extrem, die andere Kammer bildet das Element der
Der erste Stand stellt überhaupt das Beharrliche, das Sein dar. Vermittelung. Einerseits teilen ihre Mitglieder alle Rechte 30

Die Glieder dieses ersten Standes sind, indem ihr Eigentum und Lasten mit den übrigen Bürgern; ja sie bringen, wie
zu einem festen, unveräußerlichen gemacht ist, fest an das gezeigt wurde, I durch ihre politische Stellung harte Opfer. In 547

I Orig. -Mitglieder.. r Komma eingefügt.


sein, eingefügt.
2 >ZU

268
Gegenwart eines englischen Pairs wurde bemerkt, daß sich anderen Seite aber werden durch die Öffentlichkeit die
die Pairskammer mehr nach der Seite des Fürsten als des Bürger in nähere Kenntnis gesetzt von dem, was verhandelt
Volks neige. Dieser Pair, auf seine Kinder deutend, ist. Die Bürger haben auf solche Weise Gelegenheit, sich von
bemerkte, er habe an diesen immer ein Unterhaus um sich den öffentlichen Verhältnissen zu unterrichten, und sie wer-
5 herum. Auf der anderen Seite steht dieser Stand, der das Erste den mit den Gesichtsipunkten vertrauter, um die es sich 5 550
und Beharrliche zum Prinzip hat, dem Staat als solchem 1 handelt. Durch die Öffentlichkeit der ständischen Verhand-
näher. Dieser Stand macht so das Vermittelnde aus zwischen lungen wird überhaupt das bewirkt, daß die Leute zu Gedan-
dem, was Volk heißt, und der fürstlichen Gewalt. In politi- ken über öffentliche Dinge kommen. Gott gibt das einem
scher Bedeutung hat also der Adel seine notwendige Stelle, nicht in den Schlaf, und auf der Bierbank wird vielVerkehrtes
10 und da hilft alles Deklamieren nichts. Zu wünschen ist und Unnützes räsoniert. Besonders lernen auch die Bürger 10

überhaupt, daß die, welche zu diesem politischen Stande auf diese Weise die Regierung und die öffentlichen Beamten
548 berufen sind, mit den I Bestimmungen, die demselben' schätzen. Große Staatsmänner erhalten auf diese Weise einen
zukommen, zufrieden sind. Eine Nebenbetrachtung ist Schauplatz der höchsten Ehre. Daß sie zu einer öffentlichen
dann, daß durch diese Teilung ein solches Verhältnis eintritt Schätzung, zu einer wahrhaften äußerlichen Ehre gelangen,
15 wie bei den verschiedenen Instanzen der Gerichte oder auch dies geschieht besonders durch die Öffentlichkeit der Ver- 15

der administrierenden Behörden. Indem dieselbe allgemeine handlungen.


Staatsangelegenheit von zwei Kammern überlegt wird, so Man kann noch die Unvollständigkeit I finden, daß auf solche 551

erhält die Entschließung dadurch notwendig eine große Weise nicht jeder sein eigenes Meinen und Raten über die
Sicherheit. Eine zahlreiche Versammlung ist weit mehr fähig Angelegenheiten des Staats aussprechen kann. Es ist schon
20 als das einzelne Individuum, durch die Zufälligkeit des bemerkt worden, daß die Einzelnen als solche nicht zur 20

Augenblicks bestimmt zu werden. Eben in dieser Rücksicht Sprache kommen, um so mehr, da die Repräsentanten nicht
sind auch Förmlichkeiten von der allergrößten Wichtigkeit, deren Mandataref sind. Die Äußerung und das Urteil aller
besonders die Bestimmung, daß ein Antrag in mehreren überhaupt ist nun das, was man die öffentliche Meinung
549 Sitzungen nacheinander I vorgenommen wird. Das Wichtig- überhaupt nennt. Diese ist gleichsam eine Ergänzung zu dem,
25 ste ist immer, daß auf solche Weise der Gegensatz vermittelt wie die Gesamtheit sich in der Versammlung der Stände 25

wird. Steht nun eine Kammer der fürstlichen Gewalt entge- ausspricht. Die öffentliche Meinung ist überhaupt etwas von
gen, so ist der Staat immer den größten Gefahren ausgesetzt. großem Gewicht und von großer Wirksamkeit. Alle stehen in
In Frankreich hat sich das Verderbliche dieses Verhältnisses dieser öffentlichen Meinung, die Stände, die Regierung und
aufs deutlichste gezeigt. der Fürst. Die öffentliche Meinung enthält nun I einmal in 552
30 Die Öffentlichkeit einer Ständeversammlung kann einerseits sich die substantiellen Prinzipien der Gerechtigkeit; sie ist so 30

nachteilige Wirkungen haben. Siekann sich durch die, welche die Gesinnung des Staats, des Volks überhaupt, und enthält
zugegen sind, imponieren und influieren lassen. Auf der so das Resultat des ganzen öffentlichen Zustandes. Sieist von
dieser Seite das, was man den gesunden Menschenverstand in
I Orig. -solchen-.
2 Orig. -denselben-. einem Volk nennt. Die Chinesen haben einen ganz anderen
gesunden Menschenverstand als die Engländer und die Deut- sagen, die unmittelbare Wahrnehmung sei das Wahre; kein
schen. Vor fünfzig Jahren fand es ein Franzose, dem man von Bauer ist so dumm, der nicht wissen sollte, daß man in der
der Stellung des Königs in England erzählte, ganz gegen den unmittelbaren Anschauung irren kann und daß überhaupt das
gesunden Menschenverstand, daß ein König nicht mehr unmittelbar sich Darbietende ein Vergängliches ist. Mit
5 Gewalt haben sollte. Ansichten über den Staat geht es eben nicht besser; man hat so 5
In der öffentlichen Meinung sind es nun ferner die Einzelnen das platteste Zeug gehört. Dergleichen Dinge sind allerdings
553 als solche, welche in ihrer Eigentümllichkeit und Besonder- ganz originell, weil es vernünftigen Menschen nicht einfällt,
heit zur Sprache kommen. Weil es so die Einzelnen sind nach solches Zeug zu schwatzen.
ihrer Besonderheit, welche sich äußert, so ist damit die Was in der öffentlichen Meinung I wahrhaft enthalten ist, zu 556
10 öffentliche Meinung in dieser ungeheuern Masse von Äuße- erkennen, dazu gehört tiefe Einsicht. Wenn z. B. in einem 10

rungen und Vorstellungen so vieler Einzelner der vollkom- Volke eine allgemeine Unzufriedenheit herrscht, so kann
mene Widerspruch in sich selbst. Wenn die, welche sich man annehmen, daß ein Bedürfnis vorhanden ist, dem abge-
äußern, nicht meinten, sie wüßten es besser, wie ' die Sache holfen werden muß, Fragt man aber die öffentliche Meinung
liegt, so würden sie schweigen. Die öffentliche Meinung ist darüber, so ergibt es sich leicht, daß gerade das Umgekehrte
15 insofern eine der am schwersten zu begreifenden Erscheinun- gemeint und vorgeschlagen wird. Auf Dank muß übrigens 15
gen, weil sie die Gegensätze unmittelbar in sich enthält. Die kein Staatsmann rechnen, noch überhaupt jemand, der etwas
öffentliche Meinung ist so das vollkommen Nichtige und Wahrhaftes leistet. Aber das Wahrhafte macht sich geltend.
Eitle und zugleich das durchaus Substantielle. Das Allge- Mit allem Widerstreben des Bewußtseins fängt man sich
554 meine des Bewußtseins eines Volks I ist die Stimme seines dann 1 am Ende.
20 Gottes, und so ist der Spruch »vox populi vox dei«E ganz Mit der öffentlichen Meinung hängt das zusammen, was man 20
richtig. Ebenso wird aber auch über das Urteil und die Preßfreiheit nennt. Insofern I im Staate Stände vorhanden 557
Stimme des Volks das Entgegengesetzte mit Grund gesagt. sind, so wurde schon erinnert, daß man hier aus der allgemei-
Man kann so sagen, man müsse die öffentliche Meinung auf nen Masse Gedanken und Belehrung zu schöpfen hat. Das
der einen Seite ehren, dieselbe aber auf der anderen Seite übrige ist dann weniger bedeutend. Schwer ist es, Gesetze zu
25 verachten. Das letztere haben besonders die Philosophen zu geben, die hinsichtlich der Preßfreiheit vollkommen be- 25
allen Zeiten getan; ebenso hat kein großer Staatsmann, kein stimmt sind. Die Preßfreiheit ist zunächst ein formelles
großer Fürst etwas Großes hervorgebracht, der nicht gewußt Recht, seine Gedanken, seine Meinungen aussprechen zu
hat, die öffentliche Meinung zu verachten. - Je eigentümli- dürfen. Die Presse ist das ungeheure Mittel, durch weite
cher die Meinung ist, um so mehr bildet sich der, von dem sie Entfernungen mit der ganzen Menge zu sprechen. Das
30 ausgeht, darauf ein, weil dies ihm etwas ganz Eigentümliches formelle Recht, auszusprechen, was man will, enthält 30
555 ist. Je schlechtere Gedichte I jemand macht, um so vortreffli- zugleich einen Anspruch auf Handlungen. Es müssen also
cher erscheinen sie ihm. Dasselbe hat man in der Philosophie Gesetze gegen Verleumdungen, gegen Aufrufe zu Verbre-
gesehen. So sind die Philosophen darauf gekommen, zu chen u. dgl. vorhanden I sein. Ein weiteres ist dann, daß 558
I Orig. -als-. I Orig. -denn-.

27 2 273
durch die Lehren und namentlich auch durch die Presse die und dennoch durch die Kombination die bezweckte Wirkung
Grundsätze vergiftet werden können. Der schlechte Pöbel hervorbringen kann. Es löst sich alles Bestehende in der
läßt sich leicht überreden, und solche Gründe, die sich an die urteilenden, meinenden Subjektivität auf. Der Staat ist in
Empfindung wenden, sind leicht aufzufinden. Durch giftig~s seiner Auflösung begriffen, wenn die I subjektive Meinung 561
5 Schimpfen, durch Vorwürfe ohne Unterlaß kann ferner die das Substantielle wird. In solchen Verfassungen wie der! 5
Regierung wankend gemacht und untergraben werden. Die Demokratie ist das Substantielle nicht als eine objektive
Gesinnung ist nun aber im Staate ein Wesentliches, welches Organisation für sich selbst. In einer Organisation dagegen,
einerseits durch die Institutionen hervorgebracht wird, ande- wo das Vernünftige, Substantielle auf objektive Weise vor-
rerseits aber auch wankend gemacht werden kann durch handen ist, da ist dieses Meinen mehr ein Äußeres und
10 böses Räsonnement. Die Wissenschaften bleiben bei der Zufälliges. Im Staate überhaupt ist die Idealität des Bestehen- 10
559 Frage nach der Preßfreiheit überhaupt ungefährdet. Ihr I Ele- den, und dies ist ein wesentliches Moment. Daß dieses
ment und das Element des Staats sind eines und dasselbe. In Bestehende auch nur ein momentanes Ideelles ist, dies ist
Rom mögen allerdings auch die Wissenschaften durch die selbst eine wesentliche Bestimmung des Staats. Dieser wurde
Zensur gefährdet werden; die Kirche beruht auf! der Form bisher betrachtet in seinem friedlichen Bestehen. Die Idealität
!5 des Glaubens und auf' der Form der Unterwerfung der ist im friedlichen Zustande nur eine Form der besondern 15
Vernunft unter den Glauben. Es können so von der Kirche an Sphären, welche als solche die Hauptsache sind. Das Moment
diesen Gehorsam eine Menge Leistungen u. dgl. geknüpft der fürstlichen Gewalt I ist im friedlichen Staate mehr nur ein 562
werden, die die Beleuchtung durch den Gedanken nicht Formelles. Die Vernünftigkeit des Staats hat ihr Bestehen
ertragen können. Die größte Sicherheit hat die Presse in ihrer nicht nur auf diese eine Weise, auch die Idealität selbst muß
20 Verachtung. In England kommen täglich eine Menge Zeitun- zur Wirklichkeit kommen. Diese Idealität ist im friedlichen 20
gen heraus, die meisten sind gegen die Regierung gerichtet. Staate nur äußerliche Form; das Selbstbewußtsein des Staats
Siebringen alleTage eine Menge von Spott und Gründe gegen muß auch in der Form der Negativität zum Vorschein
die Regierung hervor, allein die Regierung hat dies verachtet. kommen. Der Staat muß sich in die Idealität auflösen, so wie
560 Übrigens sind die englischen Gesetze keineswegs so gelind I die Eingeweide der Körper im Blute als aufgelöst erschei-
25 gegen Preßvergehen, als man gewöhnlich zu meinen pflegt. nen. E Im ruhigen Staate ist das Besondere wirklich, und das 25
Auch in England hat sich denn durch das tägliche Schimpfen Allgemeine ist nur der innere, an sich seiende Begriff. Daß der
auf die Regierung unter dem Pöbel ein böser Sinn erzeugt, Geist in seiner einfachen Freiheit zur Wirklichkeit komme ,
und die Regierung hat sich genötigt gesehen, dagegen einzu- deshalb muß er sich als die Macht gegen das Eigentum, das
schreiten. Eine absolute Grenzlinie läßt sich hinsichtlich Leben und die Belsonderheit der Individuen überhaupt zei- 563
30 dessen, was als verbrecherisch betrachtet werden soll oder gen. Indem so der Staat sich in sich zusammennimmt, sich in 30
nicht, durchaus nicht angeben. Der Gedanke ist etwas so seine negative Einheit konzentriert, so hat er den Unterschied
Biegsames, daß man etwas gar nicht direkt zu sagen braucht in sich selber aufgehoben und ist damit ein nach außen
Gekehrtes. Er ist so als Individuum gegen andere Individuen.
I Orig. -die-.
I Orig. -in-.

274 275
In diesem Moment tritt der Staat erst als wahrhafte Idealität Aufopferung liegt im Begriff des Staats, und sie ist ein
auf. Dies ist das Moment der Selbständigkeit des Staats, Gewolltes. Indem dies ein allgemeinesVerhältnis aller Bürger
dessen Souveränität nach außen. In seiner Selbständigkeit hat eines Staats ist, so ist dies einerseits eine allgemeine Pflicht,
er seine Ehre, und diese Selbständigkeit ist sein höchstes andererseits aber auch ein besonderes Geschäft gegen die
5 Gesetz. Nur in dem absoluten Zusammenhalten seiner mit ruhigen Verhältnisse des Lebens. Es ist dieses besondere 5
sich selbst ist der Staat als Geist. Die Selbständigkeit ist für die Geschäft nun auch einem besonderen Stande anvertraut, dem
Völker das höchste Gebot, und sie dem Staate zu erhalten I ist Stande der Tapferkeit. Dieser Stand hat sich denn zur Aus-
564
für jeden Einzelnen höchste, absolute Pflicht. Daß das beson- übung seines Geschäfts besonders I auszubilden. Solange die 567
dere Eigentum, das besondere Leben und die besonderen Selbständigkeit des Staats nicht in Gefahr kommt, so bleibt
10 Geschäfte aber nichtige sind, dies kommt hier zur Existenz. dessen Verteidigung jenem besonderen Stande überlassen; 10

Dieses Moment der Selbständigkeit des Staats zu verteidigen wenn aber die Selbständigkeit des Ganzen gefährdet wird, so
ist also Pflicht für einen jeden, und diese sittliche Pflicht tritt jene allgemeine Pflicht ein. Das ganze innere Leben des
macht das Moment des Krieges aus. Es ist eine Verstandesan- Staats hängt sich nach innen zusammen und kehrt sich nach
sieht, wenn man sagt, daß die Bürger den Staat zu verteidigen außen. So wird der Krieg notwendig Eroberungskrieg. Dies
15 haben, weil sie darin ihr Eigentum und ihr Leben verteidigen. ist eine wichtige Betrachtung. Wenn bei jedem Zwiste der 15

Es ist ein Widerspruch darin, daß das Leben durch Aufopfe- Staaten untereinander das ganze Volk unter die Waffen
rung des Eigentums gesichert werden solle. Die Unmittelbar- gerufen wird, so ist damit der Friede des Staats unterdrückt,
keit , die das Leben ist, und die Äußerlichkeit der Freiheit, und das Volk wird zu einem erobernden. Es muß somit ein
""

die I als Eigentum ist, alle diese sind ein Zufälliges, Außeres, besonderer Stand für den Krieg sein und ein stehendes Heer.
565
20 worin nicht an und für sich die Vernünftigkeit ist. Dies Dies ist ein Notwendiges I und viel vernünftiger, als wenn das 20 568
kommt im Kriege und in der Aufopferung, die derselbe mit Volk immer in ganzer Masse unter den Waffen gehalten wird.
sich führt, zur Existenz. Was also sonst Redensart zu sein Hier hat nun also die Tugend der Tapferkeit ihre Stelle.Diese
pflegt und was man von der Kanzel hört über die Nichtigkeit Tugend ist eine formelle Tugend, und es kommt auf den
des Lebens und der zeitlichen Güter, dies kommt hier zur Zweck an, für welchen man tapfer ist. Der Räuber ist auch
25 Existenz, die Abstraktion von allen selbstsüchtigen Zwek- tapfer, aber seine Tapferkeit ist deshalb kein tugendhaftes 25

ken, von seinem Meinen und Urteilen. Es gehört so zur Verhalten. Im Zweikampfe ist dies derselbe Fall. Denn wahre
sittlichen Gesundheit der Völker, daß allesihr Besonderes als Tapferkeit hat zu ihrem Zwecke die Selbständigkeit des
nichtig, als ideell gesetzt wird; die Individuen würden sich Staats, somit einen absolut sittlichen Endzweck. Jene höchste
sonst einhausen in ihrer Selbstsüchtigkeit und Besonderheit. N egativität ist die höchste Positivität in Ansehung des Inhalts
30 Was schon durch die Natur geschieht, das wird hier mit der Gesinnung. Hier ist das Gesetz der vollkommenen 30

Freiheit zur I Wirklichkeit gebracht. Wie die Einrichtungen Entäußerung seiner selbst I und zugleich die höchste Selb- 569
566
in Ansehung dieses Moments beschaffen sein müssen, näher ständigkeit. Auch in dem Mechanischen der äußern Ordnung
zu betrachten, würde zu weit führen. Das Allgemeine ist, daß zeigt sich so ein vollkommenes Abtun des eigenen Meinens
jeder verpflichtet ist, das Vaterland zu verteidigen. Diese und Willens, und auf der anderen Seite bedarf es der höchsten

277
Intensität des Geistes und des höchsten Bewußtseins. Ebenso gemäß ist. Es gibt zwischen den Staaten keinen Prätor. E Kant
ist auf der einen Seite die Gesinnung ein durchaus Feindseli- in seinem »Ewigen Frieden« stellt es als ein Vernunftgebot
ges und zugleich vollkommene Gleichgültigkeit gegen den, dar, einen Staatenbund zu schließen.f Ein solcher Bund
der feindselig behandelt wird. In der modernen Art des beruht aber immer nur auf der besonderen 1 Gesinnung derer,
5 Kriegs zeigt sich dies besonders; man schießt in das Allge- die ihn bilden, und ist insofern etwas Subjektives. Es ist 5
meine hinein, und aus dem Allgemeinen heraus trifft wieder überhaupt die Forderung, daß die Idealität des Staats zur
die Kugel das Herz. Zur echten Form gehören eben diese Wirklichkeit komme. Daß das Verhältnis von Staaten zuein-
570 Gegensätze. Die Jugend will sich selbst wissen und I geltend ander der fürstlichen Gewalt zukommt, davon wurde bereits
machen, dient deshalb gern in der Kavallerie und in Frei- gesprochen. E Die fürstliche Gewalt hat so die diplomatischen
10 korps, Verhältnisse zu leiten, Krieg und Frieden zu I beschließen. 10 573
Der Staat ist überhaupt als Objektivität der Freiheit zu Einen indirekten Einfluß üben die Stände immer durch ihre
betrachten. Die Subjektivität hat darin auch ihr Spiel. Der Konkurrenx'' bei der Steuerverwilligung u. dgl. In einem
Staat ist so ein Tempel der Vernunft, das Kunstwerk des e~twickelten Staa~e kann es der Regierungsgewalt überhaupt
Geistes, und somit ein viel Höheres als die Natur. Man stellt nicht einfallen, einen unpopulären Krieg zu führen. Das
15 sich zunächst wohl vor, der Staat sei nur ein vom Belieben der Einzelne in den Verhältnissen der Staaten zueinander und der 15
Einzelnen Gesetztes. Es ist allerdings Recht des Selbstbe- einzelnen Untertanen zu fremden Staaten beruht überhaupt
wußtseins, das zu begreifen, was man als Autorität anerken- auf der Sitte und auf besondern Traktaten'', In den griechi-
nen soll; allein das zu Begreifende kann nur durch denBegriff schen Republiken war es noch Sitte, die Gefangenen zu töten;
gefaßt werden. nach unseren Sitten ist dies ganz anders, und im Entwaffneten
wird immer der Mensch anerkannt. Der Krieg I muß dem- 20 574
571 20 b. Das äußere Staatsrecht I nachsr'' so geführt werden, daß die Möglichkeit des Friedens
noch zugelassen wird. Gesandte werden deshalb respektiert
Die Idealität 1K der besonderen Sphären des Staats kommt zur und ebenso Abgeordnete, welche zur Abschließung des
Erscheinung im Verhältnis zu andern Staaten. Dies ist der Friedens abgeschickt werden. Gesandtenmord gilt so mit
Standpunkt des äußern Staatsrechts. Jeder Staat ist zunächst Recht für eines der größten völkerrechtlichen Verbrechen. 25
ein Besonderes gegen andere Besondere. Der Staat ist voll- Der Krieg wird demnächsr'' nicht gegen die friedlichen,
25 kommen selbständig, und diese Selbständigkeit ist das Erste. allgemeinen Institutionen geführt; also soll die Rechtspflege,
Damit ist das Verhältnis der Staaten zueinander nur eine der Unterricht und der Gottesdienst nicht unterbrochen
Einheit des Volkes. Die Beziehungen, in denen die Staaten werden. Handel und Gewerbe liegen schon mehr in der
stehen, sind Verträge, und diese sollen gehalten werden; aber Mitte, insofern sie die unmittelbaren Mittel zur Kriegführung 30
wie gesagt, es bleibt bei dem Sollen. Der Zustand der Staaten darbieten. Im Verhältnis der Staaten zueinander kommt nun
30 ist eine Abwechselung des Verhältnisses, welches den Trakta- auch das Verhältnis der Besonderheit I in seiner Größe zum 575
S72 ten E gemäß ist, und eines I solchen, welches denselben nicht Vorschein; große Leidenschaften, große Tugenden und
I Orig. -Idenrirarc I Orig. -die besondere-.

279
Talente. Der Krieg ist in diesem Verhältnis der Zufälligkeit überhaupt im Fortschreiten des Geistes ausgesprochen. Es ist
das Moment, wo die Selbständigkeit der Staaten selbst der dies dasselbe, was man in einem anderen Sinn "Plan der
Zufälligkeit ausgesetzt ist. Über der! Besonderheit der ein- Vorsehung- nennt, nur daß unter diesem Plan der Vorsehung
zelnen Staaten ist der von aller Besonderheit freie Weltgeist. zugleich etwas Unbegreifliches gemeint wird. Der Geist ist
5 Die besonderen Staaten bringen ihre Partikularisation mit der frei, insofern er sich weiß, insofern er seine Unmittelbarkeit 5

anderer Staaten in Vergleichung. Es zeigt sich so die allge- überwindet. I 578

meine Dialektik der besonderen Staaten; der allgemeineGeist Die verschiedenen Stufen, die der Weltgeist durchgeht in
hat absolutes Recht gegen die besonderen Geister, und dieses seiner Entwickelung, sind durch die verschiedenen Völker
macht er geltend in der Weltgeschichte. bezeichnet. Jedes welthistorische Volk drückt ein Moment
der geistigen Entwickelung überhaupt aus. Es selbst hat kein 10
Bewußtsein von seinem Tun, und die Völker zerschlagen sich
c. Die Weltgeschichte so einander. Die Interessen, welche das Höchste eines jeden
10
Volks sind, sind besondere gegen das Allgemeine des Welt-
Diese ist das WeltgerichtE, welches der allgemeine Geist über geists. In dieses Allgemeine treten nun alle Besonderheiten zu
die' Geschichte I hält. Der Geist ist nicht ein Unmittelbares, bloßen Momenten zurück. Auf der Stufe des allgemeinen 15
576
sondern es ist seine Handlung, und seine Tat ist es, sich selbst Geistes ist alles Besondere, Tugend und Talent, Glück und
zum Bewußtsein zu bringen. Die Selbstproduktion des allge- Leidenschaft, durchaus ein Untergeordnetes. Alle Betrach-
15 meinen Geistes ist so die Weltgeschichte, in der sich die tungen, I welche auf anderen Standpunkten gelten, verlieren 579

Macht des allgemeinen Weltgeistes zeigt. Diese Macht ist hier ihre eigentümliche Bedeutung. - Indem das welthistori-
nicht ein Schicksal, nicht eine vernunftlose Notwendigkeit; sche Volk eine besondere Stufe des Weltgeistes ausdrückt, so 20

was der Geist tut, das ist vernünftig. Hier entwickelt sich die ist dies das Herrschende. Es macht sich geltend gegen das
Vernunft des allgemeinen Geistes. Dieser, indem er eine Recht der andern Völker, die einer früheren Stufe angehören,
20 besondere Weise erfaßt, macht er sich dieselbe zum Gegen- und diese werden überwunden, sie mögen sich benommen
stand, und indem er dieses tut, so ist er darüber erhoben. haben, wie sie wollen. - Die wirklichen Völker überhaupt
Indem der Geist das, was er'K ist, erfaßt, so ist er nicht mehr haben nun eine Seite, auf der sie der Natur angehören; sie sind 25

darin, sondern es ist ihm Gegenstand geworden. Er ist jetzt so in der äußern Wirklichkeit, sind so geboren (Nationen),
er4 I und das Wissen von diesem Gegenstande. Dieses Wissen und dies Prinzip, welches sie im Geschäft des allgemeinen
577
25 wird selbst dann wieder zum Gegenstande. Der Geist schrei- Weltgeistes übernehmen, ist in ihnen zugleich I vorhanden als ,580

tet so fort und ist nicht jene langweilige Wiederholung eines Naturprinzip. als eine geographische, anthropologische Exi-
und desselben Gesetzes, wie die Natur darstellt. Man hat stenz. Dieses Prinzip macht überhaupt das Bestimmende in 30

darüber gestritten, ob dem Menschengeschlechte Perfektibi- der ganzen Geschichte, im Lehen und in der Ausbildung
lität zuzuschreiben sei; der Gedanke' einer Perfektibilität ist eines Volkes aus. Alle diese verschiedenen Seiten sind nur der
5 Orig. -Oedenken-. Ausdruck eines Prinzips. Weil dieses Prinzip zugleich ein
I Orig. -die-. 3 Orig. »es-.
2 Orig. -der-. 4 Orig. -Er-: natürliches Prinzip ist, so kann ein Volk nur einmal in der
Geschichte Epoche machen, denn es ist an ein Prinzip das Schicksal der Staaten nach dieser äußern Notwendigkeit
gebunden. und erklärt die geschichtlichen Begebenheiten aus solchen
Ein welthistorisches Volk hat seine Geschichte, bevor es in einzelnen Umständen und aus den Leidenschaften, dem
die Weltgeschichte eintritt, und ebenso hat es auch nachher Talent und dem Genie der Individuen. Diese Art, die
5 noch seine Geschichte. Es beginnt mit einem kindlichen Geschichte zu betrachten, ist indes nicht hinreichend, um das 5
Zustande und bildet sich dann hinauf zum freien Selbstbe- Vernünftige darin zu erkennen. Dazu gehört, daß man weiß,
581 wußtlsein. Die spätere Geschichte eines solchen Volks zeigt worin die Vernunft besteht.
das Herunterkommen und Verderben desselben. Es kann Es sind nun in der Weltgeschichte Staaten überhaupt, wirk-
auch die einem späteren Volke zur freiern Entwickelung liche Volksgeister, die im Verhältnis zueinander stehen. Das
10 übertragenen höheren Prinzipien noch aufnehmen, aber diese Sittliche und Vernünftige ist bei ihnen als das Gewußte und 10
sind ihm nicht eigentümlich. Das höhere Prinzip erscheint in Vollbrachte. Diese allgemeinen Gesetze sind die Gegen-
1K
einem solchen Volke als das Verderben, und es' geschieht sätze gegen das bloß subjektive Meinen, gegen die Zulfäl- 584
demselben Gewalt von anderen Völkern. In der Spezialge- ligkeit der Individualität. Die wahre Bedingung für die
schichte sowohl als auch in der Weltgeschichte ist nun keine Weltgeschichte ist, daß Staaten sind. Das Werden dieser
15 Zufälligkeit vorhanden, so sehr auch die Besonderheit aller Staaten liegt vor der Weltgeschichte und fällt in eine? Sagen- 15
Art darin ihr Ergehen hat. Um die Weltgeschichte zu fassen und Mythenzeit. Jenen früheren Zustand der noch nicht sich
oder auch die besondere Geschichte eines Volks, muß man wissenden und setzenden Sittlichkeit haben die Völker als
582 die Idee mitbringen. Der Weltgeist offenbart I sich in der einen paradiesischen aufgefaßt, weil das Allgemeine des
Geschichte und legt seine Momente darin aus. Wie man die Gedachten, die Objektivität des Gesetzes und die Wirklich-
20 Welt anschaut, so schaut sie einen wieder an; geht man an ihre keit des Handelns und des Gemüts noch in unmittelbarer 20
Betrachtung mit zufälligen, abstrakten Gedanken, so findet Einheit sind. Diese Einheit ist nun allerdings der Ausgangs-
man darin auch nur Zufälliges und Abstraktes. Das Feld, . punkt, und sie ist auch das Ziel. Jener erste Zustand ist indes
worauf der Weltgeist seine Idee entwickelt, bilden die nur noch ein Zustand des unmittelbaren Naturlebens. Der
menschlichen Interessen. Wir sehen so ein buntes Gewühl Geist ist nur, indem er jene Identität, die er an sich ist,
25 von mancherlei Zwecken, von edeln und unedein Bestrebun- hervorgebracht hat. Der Ausgangspunkt I ist also dasjenige, 25 585
gen, ein Spiel von Leidenschaften aller Art, worin die Kräfte was durchaus zu verlassen ist. Wenn man hört, es sei etwas
mitunter sich prüfen und zerschlagen. Das Geheimnis der höher, als daß es sich sagen lasse, es müsse nur empfunden
Weltgeschichte ist aber dann? die Umkehrung der besonde- werden, so soll damit etwas Großes gesagt werden. Indes ist
ren Zwecke. Diese Umkehrung ist dieselbe, die wir auch in dies gerade nur etwas Subjektives; das wahrhaft Vernünftige
30 der bürgerlichen Gesellschaft gesehen haben. Indem das muß sich aussprechen lassen. Schelling selbst hat den frühern 30
583 Individuum I seine besonderen Zwecke vollbringt, macht es Naturzustand des Menschengeschlechts z. T. als einen sol-
sie objektiv. In der gewöhnlichen Geschichte betrachtet man chen vortrefflichen dargestellt. E
I -es- eingefügt. I Orig. >Geg satze-, wobei das kleine >ge in -Geg sarze- im Orig. gestrichen ist.
2 Orig. -denn-. 2 Orig. -einere.
Jener Zusrand ist aber durchaus nur dem Zustand des Som- Denkendes und Substantielles ausgesprochen. - Es sind so
nambulismus E und der Krankheit überhaupt, wo der Mensch der welthistorischen Reiche vier: das orientalische, das grie-
zur unmittelbaren Einheit mit der Natur herabfällt, zu chische, das römische und das Reich, dem das Christentum
vergleichen. zum Grunde liegt, das, wo Gott sich offenbar gemacht hat,
5 Das erste in der Geschichte ist also das, was vor der Weltge- das germanische Reich. 5

schichte liegt. Die Individualität muß zuerst befestigt wer- Zur Verwirklichung des Geistes gehören nun Individuen;
586 den, vornehmlich I durch Einführung der Ehe und des Acker- diese an der Spitze stehenden Individuen sind die welthistori-
baues. Das weitere ist dann die innere Gliederung. Die Stifter schen Individuen. Die wahrhafte Darstellung wäre eigentlich
der Staaten sind jene Heroen vornehmlich gewesen, welche ohne alle Individuen; aber auch in I den welthistorischen 589
10 die Ehe und den Ackerbau eingeführt haben. Solchen Staaten Individuen und in ihren Schicksalen charakterisiert sich die 10

nun, die jene Elemente in sich haben, kommt ein höheres Weise ihrer Zeit und ihres Volks. So zeigt sich besonders das
Recht zu als denen I, wo dieselben noch fehlen. - Wenn wir Ende ihrer Laufbahn als' charakteristisch. Cyrus'' ist gefallen
die Idee des Geistes betrachten, wie sie sich in der Weltge- durch seine Feinde. Den schönsten Tod hat Alexander
schichte darstellt, so erkennen wir darin vier Momente. Das gehabt: Nachdem er die griechische Welt gerächt hatte an der
15 erste ist die Form des substantiellen Geistes, wo die Einzeln- orientalischen, ist er durch die Natur gestorben, in der Blüte 15

heir noch in das Substantielle versenkt ist. Das zweite ist das seiner Jahre und im vollen Bewußtsein, im Kreise seiner
Wissen des substantiellen Geistes. Dies ist eben das sich Freunde und im Angesicht seines Heeres. Cäsar ist durch die
Herausziehen aus demselben und somit das Fürsichsein Absicht gestorben, nicht durch äußere Feinde und nicht
587 demselben gegenlüber, zunächst so, daß dieses Verhältnis durch die Natur. Karl der Große ist ruhig im hohen Alter auf
20 etwas Positives ist und daß dieser substantielle Geist durch christliche I Weise gestorben. Wenn wir uns die Ehre antun, 20 .590
die Individualität dargestellt wird. Das dritte ist sodann das eine welthistorische Epoche erlebt zu haben, so würde
Erfassen dieses Fiirsichseins, das Erfassen, daß das Substan- Napoleon als das Individuum zu bezeichnen sein, in dem der
tielle im menschlichen Geiste selbst ist. Dies ist das Umschla- Gedanke dieser Epoche sich eine Wirklichkeit gegeben hat.
gen, sich zu wissen als die Wesenheit, als die Idealität. Dies ist Dieser hat auch auf eine eigentümliche Weise ein Ende
25 zunächst die Stufe des abstrakten Denkens; der Inhalt tritt so genommen, daß er vornehmlich sich selbst heruntergesetzt 25
in ein einzelnes Verhältnis mit dem Fürsichsein. Das weitere hat. Die Feindschaft ist so in ihm selbst gewesen, und man
ist dann", jene Idealität objektiv zu? machen und damit die sagte das bedeutende Wort: je suis l'ennemi de moi-
Realität wieder herzustellen'. Hier ist eine Innerlichkeit, die memcf.
aus sich selbst ihre Welt hervorbringt, und zwar eine Welt als Das orientalische Reich geht vom patriarchalischen N atur-
588 30 an und für sich seiend. I Dies ist der höchste Punkt. Diese ganzerr'" aus. So sehr solche Reiche sich auch ausgebreitet 30
vierte Stufe ist dann das Wissen seiner selbst. Es heißt Gott im und befestigt haben, so sind sie doch immer auf dieser Stufe
Geiste und in der Wahrheit verehren. E Damit ist Gott als ein stehengeblieben. I So ist das chinesische Reich noch jetzt, das 591

I Orig. -dem-. 3 -zu- eingefügt. I .als- eingefügt.


2 Orig. .denn-. 4 Orig. sherstellen., 2 Orig. -Narurgange-.
man vornehmlich in neuern Zeiten näher kennengelernt hat. Brahrnan'F, aber dieser hat keine Tempel. In den Juden und
Es ist dies eine ungeheure Völkerrnasse, die sich zum minde- in dem Muhamedismus hat sich der Orientalismus auf die
sten auf IS0 Millionen zu belaufen scheint und die zu regieren höchste Stufe erhoben.
eine hohe Ausbildung in Künsten und Wissenschaften erfor- Die folgende Stufe ist das Erfassen, das Wissen der Substan- I 594
5 de~lich ist. Gleichwohl ist jenes Reich über das patriarchali- tialität. Das lärmende, tobende asiatische Leben ist gemildert, 5
sche Verhältnis nicht hinausgekommen. Die Weise der Regie- aus der Erhabenheit zur Schönheit gefestigt. Dies ist das
rungsform ist ganz disziplinarisch. Der erste Mandarin erhält griechische Reich. Die Griechen haben auch von Naturer-
Schläge mit dem Bambusrohr, und so geht es herunter. Ihre scheinungen angefangen, aber die neuen Götter, die geistigen
religiöse Verehrung hat zum großen Teil denselben patriar- Götter haben die Titanen als die Naturgewalten gestürzt. Auf
10 chalischen Charakter. Das Hauptinteresse der Individuen ist, der anderen Seite haben die Griechen jene alten? Anschauun- 10
daß sie Nachkommen bekommen, und diese beten bei den gen aufbewahrt in Mysterien. Man hat so wohl auch vor Karl
592 Gräbern ihrer Vorväter. I dem Großen und dem Mittelalter einen großen Respekt, aber
Der Mensch ist in der orientalischen Ansicht noch nicht zur man lebt nach ganz anderer Weise. So ist es auch den
selbständigen, rechtlichen Persönlichkeit gekommen. Die Griechen mit den Mysterien nicht wahrhaft ernst. Der Unter-
15 weltliche Regierung und die Religion fallen noch zusammen; schied, die Besonderheit tritt im griechischen Leben auf diese 15
der oberste Herrscher ist zugleich der Gott oder wenigstens unbefangene Weise hervor, daß der griechische Geist in diese
der oberste Priester. Die Geschichte ist hier noch Poesie. Der vielen besonderen Individualitäten I und ihre' Götter zerfällt. 595
orientalische Staat hat in dieser seiner Gediegenheit nicht' die Das innere, letzte BescWießen ist den Orakeln anheimge-
Unterschiede des Lebens in sich. Ebendeswegen ist in ihm stellt, und auf der anderen Seite ist die Sorge für die Bedürf-
20 nichts Festes und Starkes, weder im Innern noch im Äußern. nisse einem Sklavenstand übergeben. Das griechische Leben 20

(Sturz der Dynastien, Eroberungen, die nur Zertrümmerun- ist überhaupt das Leben der Schönheit. Dieses schöne Leben
gen sind.f Ist unendliche Ruhe vorhanden, so entsteht hat vergehen müssen, weil es nicht den unendlichen Gegen-
593 Versinken in Schwäche und Ermattung, wodurch sodann I satz in sich hatte. Das griechische Reich hat den höchsten
wieder ein anderes Volk angereizt wird zur Unterjochung Punkt in Athen erreicht. Dernnachst'' erscheint es als Indivi-
25 desselben. Im persischen Reiche ist die orientalische Verfas- dualität in Alexander. Mit dem Tode Alexanders ist sein 25
sung zur schönsten Ausbildung gekommen: Der Fürst ist das Reich nicht zerfallen, denn seinen Zweck hat es erreicht, das
Licht, die Sonne des Staats, und die Fürsten stehen um ihn als griechische Leben nämlich über Asien herrschend zu
Sterne. machen. Alexander ist der zweite AchilI, der das zerfallene
Die Indier zählen an 333000 Götter. Bei ihnen ist die griechische Wesen noch einmal vereinigt hat. Vom ersten
30 Vermischung des Geistlichen und Natürlichen zu einem so Achill heißt es, daß seine Mutter ihn in den I Lethe getaucht 30 596
hohen Grade gestiegen, daß sie zu keiner vernünftigen Orga- habe'': Alexander wurde vom Aristoteles in das reine Ele-
nisation gediehen sind. Sie haben einen Brahma oder I Orig. -Barabrahma-.
I Orig. -seine Gediegenheit, nicht-. 2 Orig. -alte-.
3 Orig. -ihrer-.
2 Klammern eingefügt.
ment des Gedankens getauchtE. Das dritte Reich ist das Das Ganze hat sich geendigt in eine abstrakte Allgemeinheit,
römische Reich. Dieses ist die zweite Seite des Gegensatzes. wo die Volks götter der verschiedenen Nationen in ein Pan-
Der griechische Geist hat der Form der Entgegensetz~.mg theon'' zusammengebracht und damit zu besonderen Göttern
weichen müssen. Das Besondere muß sich als N eganves heruntergesetzt I wurden. Die Individuen wurden ebenso zu 599
5 entgegenstellen, und das Bewußtsein der Besonder~eit muß bloßen Privatpersonen zusammengehalten durch einen Kai- 5
hervortreten. Wir sehen in der römischen Welt g1elch vom ser von ganz vollkommen ausgelassener, wilder Gewalt. In
Anfang an eine Vereinigung edler Geschlechter, Prieste~ami­ diesem Unglück und allgemeinen Schmerz der Welt ist das
lien und auf der anderen Seite eine ' Plebs. Auch bei d~n Selbstbewußtsein in sich zurückgedrängt worden. Es hat in
Griechen waren Eumolpiden", die aber mit dem übrig der Wirklichkeit seine Idee nichr mehr ausgedrückt gefun-
10 Volke verschmolzen waren. Nach der Geschichte ist der den. Das Selbstbewußtsein hat so sich selbst erlaßt. Dies 10
Anfang des römischen Reichs eine Vermischung m.ehrerer sehen wir in den Systemen des Stoizismus, des Epikureismus
597 Völker gewesen. Ein Iwelthistorisches V~lk muß gleich v~n und des Skeptizismus. In diesem Schmerz hat das Bewußtsein
vornherein das Prinzip des Gegensatzes in sich haben. Die sich selbst erfaßt und sich gewußt als dasjenige, in welchem
germanischen Völker erscheinen bei ihr~m Auftr.eten auc~ als der Gegensatz enthalten ist und in welchem 1 somit die
15 eine Mannigfaltigkeit von Völkern. Bel den Romern zeigte Totalität ist. Es ist so die Idee der Menschwerdung Gottes 15
sich also sogleich der innere Gegensatz, von Fremde.n, ~ohe­ unter den Völkern erschienen und die Einheit der göttlichen
ren Geschlechtern und von Bürgern überhaupt. W,r fmden und menschlichen Natur in ihnen zur Anschaulung gekom- 600
hier schon den Gegensatz von Ständen. Die Geschichte Roms men. Das Selbstbewußtsein, indem es die Entgegensetzung
zeigt das Umschlagen des Gegen~atzes.und das Freiwe~den2 weiß, ist das Sichzusammenhalten und sich somit als Totalität
20 des plebejischen Prinzips, daß nicht die Natur~enaten das erlassen. Dieses Bewußtsein nun, daß das Göttliche wirklich 20
Wesentliche Bestimmende und Herrschende smd, sondern und gegenwärtig ist, macht den Menschen selbst zu einem
die freie Per~önlichkeit. Dieser Gegensatz war nur verknüpft Göttlichen. Dies Bewußtsein, zu welchem die Zerrüttung der
in der Abstraktion des Staats, und dies macht die römische römischen Weit den Boden bereitet hat, war nicht ihr? Zur
598 Tugend I aus, nur den Gesetzen diese~ Staate~ z~ g~horchen. Ausführung übertragen, sondern dem nordischen Prinzip des
25 Das Familienleben der Römer erscheint als ein m sich hartes germanischen Volkes. Das Kreuz ist so zum Prinzip der Weit 25
und zerstörtes, und die Familienpietät ist dem Staa.tsleben erhöht worden, das Zeichen der Verachtung und der Niedrig-
aufgeopfert. Zugleich tritt aber in der Wirklichkeit die hohe keit. Das Selbstbewußtsein ist so zur Anschauung gekom-
Würde hervor, wie wir an den Matronen'i sehen und an den men, daß das Jenseits auch das Diesseits ist. Das Verachtete,
vestalischen JungfrauenE. Was Religiosität war und die das Menschliche überhaupt hat sich so erlaßt in seiner
30 sittliche Gewalt der Aristokratie, ist demnächst'' zun; Abe:- Unendlichkeit. Das I germanische Volk hat das Prinzip der 30 601
glauben geworden und zur rech~osen c:;ewalt. Dle freie Welt durchzuführen. Dies ist das Prinzip der Versöhnung
Persönlichkeit ist zur Verworfenhelt des Pobels ausgegangen. Gottes und der Welt. Diese Versöhnung war jetzt bestimmt
I Orig. -einen-. I Orig. -welchen.,
2 Orig. -des Freiwerdens-. 2 Orig. .ihm..
Zur Gestalt der Welt. Dieses Prinzip ist das Prinzip der Reich den Gedanken in sich ausgebildet. Der Gedanke hat im
Wahrheit; daß die Realität dem Begriff entspricht, dies ist die weltlichen Reiche entstehen müssen. Das weitere Schicksalist
Wahrheit, und diese ist die Freiheit. Gott wird nicht als Geist gewesen, daß, was an sich vorhanden war, der Unterschied
gefaßt, wenn er nicht als die Dreiheit gefaßt wird, als das aus von politischen Ständen, nun auch durch den Gedanken
s der Entgegensetzung in sich Zurückkehrende. Die Wahrheit bes~i~mt wurde. Die Unterschiede I überhaupt waren im 5 604
ist noch nicht realisiert. Die Wirklichkeit ist erst für sich als positiven Rechte z. T. verknöchert. Die neuere Zeit hat das an
ein weltliches Reich aufgestanden. Damit die Wahrheit ver- sich Vernünftige und Vollbrachte durch den Gedanken
wirklicht werde, dazu gehört großer Kampf und Arbeit. Auf bestimmt und zugleich das Positive von seinem Staub und
der einen Seite stand das Reich der Kirche, auf der anderen Rost entkleidet.
'0 das weltliche Reich. Dieses weltliche Reich ist aus dem
Dies is: nichts anderes als das Grundprinzip der Philosophie, 10
602 Gemüt als solchem"! entstanden. Das Reich ist ursprünglich da~ freie Erkennen der Wahrheit, entkleidet von der Zufällig-
gebaut auf die Treue, auf freie Genossenschaften. Dies keit. - Die Zelt hat gegenwärtig nichts anderes zu tun, als das,
Verhältnis des Gemüts hat nicht ein so gemütliches bleiben was vorhanden ist, zu erkennen und somit dem Gedanken
können, denn die Vernünftigkeit muß in der Form des gemäß zu machen. Dies ist der Weg der Philosophie.
is Gedankens, der Allgemeinheit, des Gesetzes hervortreten. In
diesem weltlichen Reiche sind nach der Begriffsbestimmung
die' verschiedenen Stände hervorgegangen. Es hat sich die
besondere Subjektivität aus jenem Gemütlichen entwickelt,
aber zugleich als ein Gemeinschaftliches, als Genossenschaft.
20 Dasjenige, was Platon in seiner »Republik« fordert, Unter-
schied der Stände, ist wirklich geworden im germanischen
Reiche.
Die Entwickelung ist nun einerseits diese, daß die beson-
603 dern I Genossenschaften sich unabhängig gemacht und die
2S Einheit des Staats zertrümmert haben, während auf der
andern Seite die Staatsgewalt das Übergewicht über die
Besonderheit erhalten hat. Das erstere sehen wir an Italien
und auch an Deutschland, das letztere an Spanien und
Frankreich. Sodann haben sich das Reich der Kirche und das
30 weltliche Reich aneinander zerschlagen. Das kirchliche Reich
hat sich selbst zu einem Reiche der Selbstsucht und der Laster
degradiert. Dagegen hat auf der anderen Seite das weltliche
I Orig. -solchen-.
2 Orig. -der..
Anhang
Der BERICHT ZUR EDITION gibt über die Beschaffenheit und die
Geschichte des Manuskriptes Auskunft. Ferner teilt er Daten über die
Vorlesung Hegels und Quellen zu Vermutungen über sein Vorlesungs-
manuskript mit.
In den ERLÄUTERUNGEN werden Zitate und Quellen sowie wichtige
Parallelstellen nachgewiesen und wenig gebräuchliche Termini erklärt.
Vor- und Rückverweise im Text werden nur dann erläutert, wenn sie
über den engeren Textzusammenhang hinausgreifen.
Die KOMMENTARE begründen Eingriffein den Text. Siekommentieren
den Textsinn an solchen Stellen, an denen ein Eingriff nötig scheinen
könnte. Außerdem diskutieren sie Befunde des Manuskripts, darunter
nachträgliche Einschübe und Zusätze von fremder Hand.
In den drei SONDERKOMMENTAREN werden Probleme im Zusammen-
hang erörtert, die das Manuskript an mehreren Stellen zugleich auf-
wirft.
In einem NACHTRAG wird auf die neu aufgefundene Nachschrift
Wannenmann eingegangen - insbesondere soweit, als die Thesen der
Einleitung des Herausgebers zu diesem Text in Beziehung gesetzt
werden müssen.
Die den Erläuterungen und Kommentaren vorangestellten Ziffern
beziehen sich auf die Seiten und Zeilen dieser Ausgabe.
Die Zeichen E und Kam Rand der Seiten mit Erläuterungen und
Kommentaren sollen es dem Benutzer leichtmachen, beim Nachschla-
gen Verwechslungen zwischen den beiden Teilen zu vermeiden.

Vorbemerkung

Die in der Einleitung des Herausgebers und im Anhang benutzten


Texte Hegels und Ausgaben von Werken Hegels sind durch folgende
Abkürzungen bezeichnet:

Werke Gesammelte Werke. In Verbindung mit der Deutschen


Forschungsgemeinschaft hrsg. v. der Rheinisch- West-
fälischen Akademie der Wissenschaften. Hamburg
I968ff. Soweit die Bände dieser Ausgabe erschienen
sind, wird nach ihnen zitiert.
]ubiI.Ausg. Sämtliche Werke. ] ubiläumsausgabe in zwanzig Bän-
den. Neu hrsg. v. H. Glockner. Stuttgart I927ff.
Ilt. Vor allem Homeyers, Hothos und v. Griesheims BERICHT ZUR EDITION
Nachschriften der Rechtsphilosophie-Vorlesungen
Hegels werden zitiert nach: G. W. F. Hegel, Vorlesun-
gen über Rechtsphilosophie 1818-18)1. Edition und
Kommentar in sechs Bänden von K.-H. Ilting, Stutt- I. Der Band der Nachschrift
gart-Bad Cannstart 197) H. Bd. 1-4.
Rph. Bei Bezugnahme auf die »Grundlinien der Philosophie Der Band mit dem Titel »Rechts-Philosophie und Politik, vorgetragen
des Rechts« (1821) (Seitenzahlen nach der Ausgabe von VOm Professor Hegel im Winterhalbjahr 1819120 zu Berlin« trägt in der
J. HoHmeister, Hamburg 1955), Lilly Library der Universiry of Indiana die Akzessionsnummer 2277 6,
Enz.H die (Heidelberger) -Enzyklopadie der philosophi- außerdem die Library of Congress Nummer JC 2))/H4, der noch eine
schen Wissenschaften im Grundrisse« (1817) und weitere Nummer aus einem älteren lokalen Klassifikationssystem
Enz.B die (Berliner) »Enzyklopädie der philosophischen vorausging (320.I/H22), die ausgestrichen ist. Dieser Klassifikation
Wissenschaften im Grundrisse- (1830) wird jeweils auf entsprach eine Katalogisierung als Buch. 1969 wurde bemerkt, daß es
die Paragraphen verwiesen. sich in Wahrheit um ein Manuskript handelt. Es wurde daraufhin in die
Rph. Die unlängst aufgetauchte Nachschrift der Heidelber- Handschriftenabteilung überführt. Don wird es nun unter der
Wannenmann ger Vorlesung Hegels über -Narurrecht und Staatswis- Bezeichnung »1819-1820, Miscellaneous mss. Hegel, G. W. F. Rechts-
senschaft< vom Winter 1817!IS wird aus dem Manu- Philosophie ..." geführt. In der Original-Paginierung hat das Manu-
skript im Deutschen Literaturarchiv Marbach nach skript 604 Seiten.
Originalparagraphen und -seiten zitiert. Der Band ist etwa 21,5 cm hoch, etwa 16,4 cm breit und knapp 5 cm
stark. Er ist in gegautschter Pappe gebunden, die mit schwarz-rotem
Ferner werden folgende Ausgaben abgekürzt zitiert: Marmorpapier überzogen ist. Er trägt ein dunkelrotes Rückenschild-
GA J. G. Fichte-Gesamtausgabe der Bayerischen Akade- chen mit oben und unten je zwei Kleeblatt- bzw. Stern-Leisten und
mie der Wissenschaften. Hrsg. v. R. Lauth, H. jacob dem geprägten Titel »Rechtsphilosophie und Politik nach Hegel«. Der
und H. Gliwitzky, Stuttgart-Bad Cannstan 1965 H. Einband ist an den Ecken leicht abgerieben und aufgestoßen. Durch
Soph.Ausg. Goerhes Werke. Hrsg. i. A. der Großherzogin Sophie breite braune Klebestreifen aus Leinen ist der Halt des Rückens von
von Sachsen, Weimar 1887H. außen und auf die Innenseiten der Deckelpappe ausgreifend verstärkt
Akad.Ausg. Kants gesammelte Schriften. Hrsg. v, der Königlich worden, sicherlich vor nicht allzu langer Zeit. Kurt Gradl, Restaurator
Preußischen (später Deutschen) Akademie der Wis- der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, dem Schwarz-weiß-
senschaften, Berlin I90zff. und Farbfotos des Einbandes vorlagen, erklärt, daß es sich bei Ein-
Esprit Montesquieu, De l'esprit des loix, DU du rapport que bandan, Marmorpapier und Rückenschild um für die Zeit um 1820
les loix doivent avoir avec la Constitution de chaque typische Materialien und Einbandweisen handelt.
Gouvernement, les Mceurs, le Climat, la Religion, le Das Papier der Nachschrift hat Kanzleiformat. Durch Falzen in der
Commerce, etc. Nouvelle edition, Geneve 1748. Mitte ist es auf Buch- und Heftform gebracht worden. Beim Binden
wurden die Ränder beschnitten. Es weist zwei Wasserzeichen auf. Das
Zum leichteren Auffinden von Stellen unabhängig von einer bestimm- eine zeigt drei Kronen in einem Blattkranz, in zwei Reihen 1 zu 2
ten Ausgabe wird zusätzlich auf Abschnitte, Kapitel, Paragraphen übereinandergeordnet (eine Reproduktion der Nachzeichnung folgt
usw. eines Werkes verwiesen. auf der nächsten Seite). Dies Wasserzeichen ist in der Mitte auf einen
Siebsteg aufgenäht. Das Gegenzeichen zeigt in knapp 2,5 cm großen, in
zwei Linien ausgeführten Buchstaben die Initialen des Papiermachers:
C F S. Durch die Falzung sind die Wasserzeichen in den Falz des

297
+
I

Bandes geraten und auf keiner Seite ganz zu sehen. Das erklärt auch~ (preuß. Provinz Sachsen) an. Die Drei- Kronen-Wappen sind im
daß die beigegebene Abbildung aus Teilnachzeichnungen von zwei übrigen in allen Papieren, in denen sie um 1820 auftreten, sehr ähnlich
Seiten zusammengesetzt ist. ausgeführt. Die Deutsche Bücherei meint, daß solche sehr ähnlichen
Wasserzeichen an verschiedenen Stellen auf eine einzige Formenma-
cherwerkstatt hinweisen. (Für umfassende Auskünfte, die durch Frau
Eva Ziesche vermittelt wurden, dankt der Herausgeber Dr. Wolfgang
Schlieder von der Deutschen Bücherei.)
Zusammenfassend kann aufgrund der materiellen Befunde von Ein-
band und Papier gesagt werden, daß nichts dagegen spricht, daß das
Manuskript der Nachschrift in unmittelbarem zeitlichen Zusammen-
hang mit Hegels Vorlesung, und zwar in Berlin, entstand und daß es
noch vor der Publikation von Hegels eigenem Werk »Grundlinien der
Philosophie des Rechts« gebunden wurde.

2. Der Weg der Nachschrift


Das Manuskript enthält keinen Hinweis auf seinen ursprünglichen
Besitzer oder auf einen Nachbesitzer, in dessen Hand es vor dem
Übergang in das Eigentum der University of Indiana war. In K '34,25
Wasserzeichen mit drei Kronen im Blattkranz sind in der Zeit um 1820 ist dargelegt, daß das Manuskript eine kleine Zahl späterer Randbemer-
mehrfach nachzuweisen. Ein auf den Mittelsteg genähtes Wasserzei- kungen und eine erhebliche Zahl von Unterstreichungen in anderer
chen dieser Art befand sich in einem Papier, das 1821 in Berlin Tinte enthält, die in der Edition stillschweigend eliminiert worden
verwendet wurde (in den Akten der »Seehandlung« im Geheimen sind. (Von derselben Hand wurden auf die Innenseite des rückwärtigen
Preußischen Staats archiv). Ihm entspricht aber in diesem Fall auf der Deckels Wiederholungen seiner Randbemerkungen auf den Seiten 484
anderenSeite des Bogens derNamenszug »G Hunde (in Kursivschrift). und 49' des Originals mit Seitenangaben geschrieben.) Der Schrifttyp
Nach Auskunft der Deutschen Bücherei in Leipzig zeigt diese Kombi- dieser nachttäglichen Randbemerkungen läßt hinsichtlich der Zeit
nation die Papiermühle Hasserode im Harz an. Der Besitzer der dieser Benutzung und Eintragungen auf die zweite Hälfte des 19.
Vordermühle ist von 1810 bis 1850 G. Hund gewesen. Auch andere Jahrhunderts schließen. Wie ebenfalls in K '34,25 ausgeführt wurde,
Harzer Papiermühlen haben zur selben Zeit das Drei-Kronen-Motiv finden sich im Manuskript auch einige Bleistiftanstreichungen, die aber
geführt. Nachzuweisen ist ferner, daß es auch anderswo, wenn auch keinen Rückschluß auf eine bestimmte Zeit erlauben. Daß die auf dem
etwas später oder früher, verwendet wurde, so in der Mitte des knapp 2 cm breiten, durch Knick entstandenen Rand der Seiten der
Jahrhunderts in der Papiermühle Bernburg (Sachsen-Anhalt) und nach Handschrift in ihrem ersten Teil eingetragenen Paragraphenzahlen aus
1805 in Weihenzell/Bayern. der Zeit der Niederschrift des Manuskriptes selbst stammen, ist im
Die Initialen »C F S« sind im Zusammenhang mit dem Drei-Kronen- Sonderkommentar I gezeigt worden. Die Ausfüllung von zwei durch
Wappen bisher nicht nachgewiesen. Die Unterlagen, der Deuts.chen den Abschreiber leer gelassenen Stellen auf Seite 5I des Manuskriptsist
Bücherei weisen die Initialen »C F S« als GegenzeIchen zu einem gleichfalls, wenn auch durch andere Hand, zur Zeit der Herstellung der
preußischen Adler aus. Sie wurden in dieser Kombinat~on 179~/97 Abschrift erfolgt (vgl. K 67,21).
verwendet und zeigen den PapiermacherC.F. Schmutzler m Bad Bibra So ergibt sich der Befund, daß das Manuskript nach dem ursprüngli-

299
ehen Besitzer zumindest noch einen weiteren Besitzer in Deutschland
hatte, der nicht sein Zeitgenosse war und der, wie die Inhalte der richtsangelegenheiten« der engste Mitarbeiter des Ministers Altenstein
Randbemerkungen zeigen, auch kaum noch Kontakt zu Problemstel- war,. hat er, und zwar gerade in den Jahren 1819 bis 1821, »täglich in
lungen Hegels hatte. zwei Abendstunden sämtliche Vorlesungen Hegels« besucht. Er selbst
Dieser Befund stimmt gut zur Erwerbungsgeschichte durch die Uni- berichtet weiter: Ich »scheute die Mühe nicht, mir den Inhalt sämtli-
versity of Indiana. In ihr Akzessionsverzeichnis wurde der Band am 22. cher Vorlesungen durch sorgfältig von mir nachgeschriebene Hefte
Mai 1896 eingetragen. Er wurde von der Firma Lemcke und Buechner noch mehr anzueignen« (vgl. C. Varrentrapp, ]ohannes Schulze und
erworben, und zwar für einen Preis - man liest es heute mit Staunen - das preußische Unterrichtswesen in seiner Zeit, Leipzig 1889, S. 43 2).
von 1 Dollar und 56 Cents. Lemcke und Buechner war eine hochange- Da Schulze unter den Kursen Hegels, die er besuchte, auch ausdrück-
sehene Buchhandlung in New York, die ursprünglich »G. u. B. lich die -Philosophie des Rechts. erwähnt, war davon auszugehen, daß
Westermann« geheißen hatte und die bei ihrer Gründung eine Filiale Schulze Hörer von Hegels Vorlesung im Winter 1819120 gewesen sein
der Braunschweiger Westermann-Firma gewesen war. 1852 wurde die kann. Und da das in Evanston aufbewahrte Manuskript eine Nach-
Firma selbständig und von Bernhard Westermann geführt, der eine schnft 1st,.war mc.htauszuschließen, daß auch die in Indiana gefundene
eigene Agentur in Leipzig eröffnete (vgl. -Publishers' Weekly' vom Nachschnft zumindest zu Schulzes Bibliothek gehört hat. Daß die
3· Dezember 1898). Lemcke und Buechner hatten also ausgezeichnete Nachschnft..etwa auf Schulzes eigene Mitschrift in den Vorlesungen
Beziehungen zum deutschen Buchmarkt. Zusammen mit dem Hegel- Hegels zuruckgehen k?nnte: ist allerdings durch das mangelhafte
manuskript akzessionierte die Bibliothek zwei weitere rechtstheoreti- Verstandms bei der Mirschrift während des ersten Semesterdrittels
sche Titel in deutscher Sprache, die ebenfalls, aber nicht unbedingt aus ausgeschlossen. Und der Nachweis, auf welchem Weg die Nachschrift
demselben Angebot, bei Lemcke und Buechner erworben wurden, nach Indiana gelangte, schließt auch aus, daß sie einmal Teil von
nämlich J. von Holtzendorff, Encyclopädie der Rechtswissen- Schulzes Bibliothek gewesen ist. Diese Bibliothek wurde , 869
schaft ..., Leipzig t 870, und Kants Metaphysische Anfangsgründe geschlossen auf Vermittlung des in Europa reisenden Professors D.
der Rechtslehre. Der Kam-Band wird seit '96, vermißt, der Holtzen- B~nbrightvon der Northwestern University erworben. Nur die Stücke
dorff-Band weist keine Benutzungsspuren auf, die denen in der blieben ausgeschlossen, die für die Familie persönliche Bedeutung
Hegelnachschrift entsprechen. hatten. (Vgl. Meyer, Karl M., Geschichte der Bibliothek des wirk!.
So kann zusammenfassend gesagt werden, daß das hier publizierte geh. Oberregierungsrats D. Johannes Schulze zu Berlin, in: Zentral-
Manuskript durch mindestens zwei deutsche Besitzerhände ging, bis blatt für das BibI. Wesen 42, '925, S. 6'5-620, spez. S. 620.) Dieser
es, vermutlich von Leipzig aus und möglicherweise zusammen mit Umstand erklärt gut, daß sich heute in der Northwestern University
anderer rechtstheoretischer Literatur, von Lemcke und Buechner nur die Nachschnft der -Geschichte der Philosophie, befindet, die nicht
gekauft und auf dem amerikanischen Markt angeboten wurde. Seit dem von Schulzes Hand stammt. Der eigenhändige Katalog Schulzes, der
Erwerb durch die Universiry of Indiana ist es, vermutlich weitgehend ebenfalls mEvanston aufbewahrt wird, führt übrigens in seinem
unbenutzt, in deren Besitz gewesen. sechsten Band außer dieser Nachschrift nur zwei weitere Nachschriften
Klarheit über den Weg des hier publizierten Manuskripts ist auch von Hegel-Vorlesungen an, die im Unterschied zur genannten als
deshalb erwünscht, weil anfänglich vermutet werden konnte, daß die O~tavm~uskripte »von ]. Schulze« durch ihn selbst ausgewiesen sind.
überraschend in Indiana gefundene Hegel-Nachschrift in irgendeinem DIese belden Nachschriften sind aus dem angegebenen Grund wahr-
Zusammenhang mit der in Illinois, in der Universitätsbibliothek der scheinlich gar nicht nach Evanston gelangt, wo sie wirklich nicht
Northwestern University in Evansron, aufbewahrten Nachschrift zur vorhanden sind. Da aber der Katalog nur diese beiden Nachschriften
-Geschichre der Philosophie, steht. Diese Nachschrift gehört zu der erwähnt, bleibt es nicht ganz ohne Zweifel, ob Schulze wirklich von
Bibliothek von Johannes Schulze, der Hegels Freund und Berliner allen Vorlesungen Hegels selbst Hefte nachgeschrieben hat, die den
Nachbar war. Obwohl er als »Geheimer Oberregierungsrat und Zustand einer in einer Bibliothek zu verwahrenden Nachschrift
wirklicher vortragender Rat im Ministerium der geistlichen und Unter- erreichten. Es bleibt aber festzuhalten, daß von den eigenhändig
geschnebenen Heften Schulzes, von denen zumindest zwei auch in
30 0
30 1

seiner Bibliothek Platz fanden, bisher keines aufgetaucht ist. So ist es handelt. Dabei ist zwischen vier Möglichkeiten zu unterscheiden:
nicht unwahrscheinlich, daß einmal eine Nachschrift von seiner Hand (r} Eine Gefälligkeitsabschrift von Studierenden für unbestimmte
auch zur Vorlesung über Rechtsphilosophie von ,8'9120 gefunden Zwecke, (2) eine Gelegenheitsabschrift durch einen bezahlten Schrei-
wird. ber, (3) eine Abschrift zum Zwecke des Verkaufs oder der Abgabe an
Interessenten und (4) eine Abschrift eines Schreibers bei einer Behörde.
Die erste Möglichkeit scheidet wegen der ausgeschriebenen, reifen
Schriftzüge und auch deshalb aus, weil der Abschreiber nicht im Fach
3. Die Nachschrift als solche vorgebildet gewesen sein kann. Die dritte Möglichkeit ist mit der
geringen Qualität in der sinngerechten Wiedergabe im ersten Viertel
Das hier publizierte Manuskript ist sicher nicht während der Stunden der Nachschrift nicht vereinbar. Die vierte Möglichkeit scheidet aus,
von Hegels Vorlesung selbst entstanden. Es ist von einem Abschreiber weil die Schrift nicht die für Kanzleischriften charakteristische peinli-
nach Notizen in Reinschrift gebracht worden. Diese Notizen enthiel- che Akkuratesse bei der Führung der Zeilen und bei der Zahl der Zeilen
ten, wie die vielen sinnlosen oder in ihrem Zusammenhang sinnlosen pro Seite aufweist. Ihr fehlt auch die Höhenlage der Stilisierung im
Wörter der Abschrift zeigen, zahlreiche Abkürzungen, so wie sie aus Schriftduktus, die, je höher die Behörde, um so mehr gefordert war. So
den Nachschriften bekannt sind, die während der Vorlesungsstunden spricht alles dafür, daß die Abschrift der zweiten Klasse zugehört. Sie
selbst entstanden sind. Daß sie vielfach zu sinnlosen Sätzen aufgelöst wurde also von einem Hörer von Hegels Vorlesung bei einem bezahl-
wurden, zeigt weiter, daß der Abschreiber selbst kein Verhältnis zu der ten Abschreiber in Auftrag gegeben. Dafür spricht auch, daß es
im Manuskript behandelten Materie gehabt hat, daß er also sicher nicht Indizien dafür gibt, daß das Manuskript nicht als ganzes zu einem
der Hörer Hegels gewesen ist, der im Kolleg die Vorlage niederschrieb. Zeitpunkt, sondern stückweise zur Abschrift gegeben wurde: Die vom
So ist die Nachschrift also auch nicht als eine Ausarbeitung von eigener Schreiber, wegen Verständnismängeln, offen gelassenen Lücken kön-
Hand nach einer selbst geschriebenen Notizenvorlage anzusehen. Die nen am ehesten auf dem Wege einer Konsultation mit dem Auftragge-
Vorlage dieser Nachschrift muß darum auch im wesentlichen aus voll ber ausgefüllt worden sein. Auf der Originalseite ror wurden zwei
ausformulierten Sätzen bestanden haben, da der Abschreiber außer- Lücken von anderer Hand ausgefüllt, vermutlich vom Auftraggeber
stande war, unvollständige Sätze selbst zu ergänzen, und da das selbst (vgl. K 67,21 und die Reproduktion auf Seite 304). Später scheint
Manuskript nur sehr wenige unvollständige Sätze enthält. Man kann der Auftraggeber nicht mehr wegen der Ausfüllung von Lücken mit
darum vermuten, daß derjenige, der im Kolleg die Nonzen nieder- dem Abschreiber verhandelt zu haben (vgl. K 67, 21; Sonderkommen-
schrieb, welche der Nachschrift zugrunde liegen, sie vor der Abgabe an tar I). Es ist möglich, daß dies mit erklärt, daß der Abschreiber bei der
den, der die Abschrift erstellte, noch vervollständigt haben könnte. Auflösung der Kürzel, die für -Identitat- und -Idealität- stehen, die im
Dafür spricht auch, daß er jedenfalls die Gelegenheit hatte, im ersten Sonderkommentar 111 erschlossenen rigiden> aber nicht adäquaten
Teil am Rande Paragraphen aus dem Diktat des vorausgehenden Regeln befolgte.
Wintersemesters zu seinem Text hinzuzufügen, was sicherlich nicht in Ganz ausgeschlossen kann nicht werden, daß die Vorlage der Abschrift
der Vorlesung selbst geschehen konnte (vgl. Sonderkommentar I). auf mehrere Schreiber zurückgeht. Das würde voraussetzen, daß sich
Beim selben Arbeitsgang konnten auch die Überschriften, die im Text mehrere Hörer von Hegels Vorlesung bei der Erstellung einer Nach-
erscheinen, zu der vergleichsweise großen Kohärenz und Eindeutigkeit schrift zusammengetan haben. Und es würde erklären, wie in den Text
gebracht werden, welche sie in der Abschrift aufweisen (vgl. Sonder- die große Qualitätsdifferenz zwischen dem ersten und den späteren
kommentar 11). Teilen kommen konnte. Möglich wäre auch, daß ein Hörer von Hegels
Da das Manuskript weder in der Vorlesung aufgenommene Notizen Vorlesung andere Hörer um deren Ausarbeitung gebeten hat> um sie
noch eine Ausarbeitung dieser Notizen noch eine vom Hörer selbst dem von ihm angestellten Abschreiber vorlegen zu können. Ebenso
angefertigte Reinschrift von eigenen Notizen sein kann, ist nun zu möglich ist es> daß er während der späteren Teile der Vorlesung mit
bestimmen, um welche Art von Abschrift nach fremder Vorlage es sich einem anderen Hörer bei der Herstellung einer Vorlage für die

3°2 3°3
men ist. Er hat dann die von ihm in Auftrag gegebene Abschrift auch
alsbald in der Weise binden lassen, in der sie noch heute vorliegt.
Es gibt zur Zeit keine Möglichkeit zu bestimmen, wer unter den 53
Hörern Hegels in diesem Semester die Vorlage für die Nachschrift
erstellte und ihr erster Besitzer gewesen ist. Zwar existiert ein allgemei-
nes Studentenverzeichnis der Berliner Universität für das Winterseme-
ster I8I9ho. Aber Hörerlisten zu dieser Vorlesung Hegels sind nicht
überliefert. Die Schriftprobe auf der Originalseite IOI läßt aber eine
künftige Identifizierung des Hörers als nicht ausgeschlossen er-
scheinen.

4. Hegels Vorlesung
Die Vorlesung begann am 25. Oktober 1819 und endete am 18. März
1820. Sie fand fünfmal wöchentlich von 16 bis 17 Uhr und im
unmittelbaren Anschluß an Hegels Vorlesung über Naturphilosophie
statt. Dieser Zusammenhang erklärt die große Zahl der Anspielungen
auf Theoreme der Naturphilosophie, die in den Erläuterungen behan-
delt worden sind.
Wir besitzen einen Bericht von Anlage und Stand der Vorlesung Hegels
aus einem Brief von Richard Rothe an seinen Vater vom z r. IZ. I8I9
(vgl. G. Nicolin, Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, Hamburg
I97 0, Dokument 3IZ). Dieser Bericht gibt eine sowohl treffende wie
originelle Charakterisierung von Hegels Standpunkt, die mehr enthält
als das, was aus dem Material hervorgehen würde, das der Schreiber der
hier publizierten Nachschrift bis zum Datum des Briefes aus Hegels
Vorlesung festgehalten hatte. Man kann aber annehmen, daß sich die
Studenten über Hegels Standpunkt im privaten Gespräch verständig-
ten, und wir wissen, auch aus dieser Nachschrift, daß die Diktate,
somit wohl auch Nachschriften, aus dem vorausgehenden Winterseme-
ster im Umlauf waren. Rothes Brief ist hier auch deshalb von Interesse,
Abschrift zusammenarbeitete. Aber für alle diese und beliebige an~ere weil er Auskunft darüber gibt, bei welchem Kapitel Hegel vor Weih-
Hypothesen gibt es keine Begründung, und es gibt auch keinen nachten I8 I9 angelangt war: »Wir stehen jetzt gerade bei der Ehe) wo
hinreichenden Anlaß, irgendeine solche Hypothese.~u en.twl~keln. Es Hegel, wie die Leute sich ausdrücken, sehr poetisch isr« (a. a. 0., am
ist in sich plausibel genug und mit den Befunden i~ Uberem.snmmu?-g, Schluß des Dokuments). Dem Herausgeber ist die genaue Zahl der
daß sich ein Hörer, der zunächst Anfänger und nicht sehr mteressiert Vorlesungstage vor und nach der Weihnachtspause nicht bekannt. Es
war, in die Vorlesung und in deren Stoff schnell einarbeitete und daß so ist aber anzunehmen, daß nach Weihnachten um etwa zwei Wochen
die in der zweiten Hälfte ganz vorzügliche Vorlage zustande gekom- mehr Zeit als vor Weihnachten zur Verfügung stand. Hegel wird also
seine Vorlesungszeit in diesem Semester zur Hälfte auf die Kapitel von [osophiec sehr nahekommen. Dennoch war sein Vortrag nicht auf die
der bürgerlichen Gesellschaft an verwendet haben. In der hier publi- Erläuterung von schon vorliegenden Paragraphen abgestellt, so daß er
zierten Nachschrift entspricht dem ein Textvolumen von fast zwei die Flüssigkeit und Übersichtlichkeit in der Entfaltung des ganzen
Dritteln. Da schon der Abschnitt über die Ehe und das vorausgehende Gedankens gewinnen konnte, welche nur diese Nachschrift auszeich-
Kapitel über das Gute und das Gewissen fast ebenso ausgiebig wie die nen. Das muß allerdings nicht bedeuten, daß diese Nachschrift als eine
folgenden Abschnitte ausgearbeitet sind, zeigt sich erneut, wie ver- Art von Stenogramm angesehen werden sollte. Sie hat aus Notizen, die
gleichsweise verkürzend die Nachschrift in den früheren Abschnitten zwar Hegels Wortlaut zu folgen versuchten, die aber manches in
ist. Man kann vermuten, daß der Hörer einzelne Stunden versäumte seinem Vortrag auch nur in ausgiebigen Stichworten festhalten konn-
oder nur fragmentarisch mitschrieb. Die Konkordanz des Textes mit ten, einen fortlaufenden Text gemacht, der dem Hegels so nahe wie
den Paragraphen der .Rechtsphilosophie- macht solche Lücken auf möglich kommen sollte.
Seite 65 und 85 wahrscheinlich.
Diesem Befund entspricht, daß im hier publizierten Text auf die Teile
-abstraktes Recht- und -Moralitat- nur etwa ein Viertel der Masse des
Textes kommt, während die Nachschriften Horhos und v. Griesheims 5. Zu Hegels Manuskript
auf diese Teile etwa 40% bzw. bis zu 50% verwenden. (Die Verteilung
der Textmengen auf die Kapitel im vorliegenden Text entspricht Die Frage, nach welchem Manuskript Hegel seine Vorlesung vorgetra-
allerdings in etwa der in der Bewahrung von Hegels Vortrag ziemlich gen hat, greift in so viele und in den letzten Jahren so ausgiebig und
vollständigen Nachschrift von Wannenmann.) Die Ausarbeitung v. kontrovers erörterte Fragen ein, daß an dieser Stelle nur einige sichere
Griesheims ist insgesamt erheblich länger als die hier publizierte, die Daten und einige wenige Vermutungen ihren Platz haben können. Sie
auch noch von der Hothos deutlich übertroffen wird. Im Teil -Die ist insbesondere verknüpft mit der Frage, inwieweit Hegel zu Beginn
Sittlichkeit- aber erreicht die hier publizierte Nachschrift beinahe das des Wintersemesters über eine Druckvorlage für eine Publikation zur
Volumen der von Hotho. Ihr Kapitel über die bürgerliche Gesellschaft Rechtsphilosophie verfügte und aus welchen Gründen er deren Publi-
übertrifft das Hothos und kommt dem v. Griesheims sehr nahe. Da kation nicht eingeleitet hat. Daß er die Drucklegung eines Grundrisses
Hotho und v. Griesheim besonders verläßliche Schüler Hegels waren, zur Rechtsphilosophie in Arbeit hatte, ergibt sich mit Gewißheit aus
die seine Ausführungen möglichst vollständig erfassen wollten, kann seiner Vorlesungsankündigung »ad compendium proxime in lucem
angenommen werden, daß auch die hier publizierte Nachschrift im Teil proditurume (Briefe 4,1, hrsg. F. Nicolin, Hamburg t977, S. It4)
über die Sittlichkeit Hegels wirklichen Vortrag dem Inhalt nach nahezu zusammen mit dem Brief an Creuzer vom 30. Oktober 1819, in dem
vollständig erfaßt. Homeyers Nachschrift hält zusätzlich zu den von »ein paarBogen Paragraphenüber Rechtsphilosophie« die Rede ist
Diktaten nur Stichworte zu Hegels Vortrag fest. und in dem es heißt: »Ich wollte eben anfangen drucken zu lassen, als
Im Sonderkommentar I wird dargelegt, daß es wenig Wahrscheinlich- die Bundestagsbeschlüsse ankamen.« So ist unstrittig, daß Hegel
keit hat, daß Hegel in diesem Semester Paragraphen diktierte. Er zumindest für den ersten Teil über eine Druckvorlage verfügte, welche
konnte hoffen, das zeitraubende Diktat werde. durch die baldige auch die Bestimmung hatte, in seiner Vorlesung als »compendium«
Publikation des Lehrbuches überflüssig, und wohl auch meinen, zugrunde gelegt zu werden.
Diktate seien in der Unsicherheit der allgemeinen Situation nicht Fast außer Zweifel steht ferner, daß Hegel für die beiden vorausgehen-
ratsam. Ihm lag aber sicher ein Manuskript vor, das eine Einteilung den Vorlesungskurse über Rechtsphilosophie voneinander verschie-
nach Paragraphen enthielt. Und da er erwartete, daß seine Vorlesung dene Diktatvorlagen erarbeitet hatte. Denn schon das kleine Fragment
mitgeschrieben würde, und auch mit Rücksicht darauflangsam sprach, aus der Heidelberger Vorlesung von 1817h8, das F. Nicolin in einer
und weil er überhaupt zum stockenden Reden tendierte, konnten aus sekundären Quelle aufgefunden hat (vgl. Hegelstudien X, 1975, S. 82),
seinem Manuskript Formulierungen in die Hefte der Mitschreibenden stimmt weder in der Zählung der Paragraphen noch dem Inhalt nach
geraten, die den Formulierungen der später gedruckten -Rechtsphi- mit dem entsprechenden Diktat in Homeyers Nachschrift überein, in

306
der die Diktate des folgenden Winters und somit aus der ersten Berliner folgen erhalten (der Enzyklopädie und der Rechtsphilosophie, vgl. Ih.
Vorlesung über Rechtsphilosophie erhalten sind (vgl. Nicolin, a.a. 0., 4, 75) ff., Ilr. I, 27ff., Ilr. 2 auf den jeweils rechten Seiten. Zur
S. 8)). Inzwischen sind durch die Nachschrift von Wannenmann die Naturphilosophie ist der Bericht über Hegels Präparationen zu verglei-
sehr weitgehenden Differenzen zwischen der Paragraphenfolge der chen, der wegen der Hinweise auf möglicherweise von Semester zu
Kurse von 1817/I 8 und 18I 8/I9 vollständig belegt. Nicht auszumachen Semester wechselnde Praktiken und auf den gleichzeitigen Gebrauch
ist, ob Hegel diese Diktatfolgen entwickelte, während das Semester mehrerer Hefte interessant ist; in: Jubil.Ausg. 9,14. - Auch die
voranschritt, oder ob er sie im voraus bereits erstellt hatte. Ohne eine Vorworte zu den Bänden I I, 12, 15 und 17 geben über Hegels Art,
sichere Übersicht über den Gang der Vorlesung insgesamt konnte er Vorlesungen zu erarbeiten und zu halten, wichtige Auskünfte.)
jedenfalls so gut organisierte Vorlesungen wie die von Wannenmann Auch im Winter 1819120 muß Hegel nach einem Manuskript gelesen
und Homeyer überlieferten nicht anlegen. Und in jedem Fall fühlte sich haben, das mehr enthielt als nur die schon vorbereitete Paragraphen-
Hegel sehr sicher, für den Winter 1819120 nunmehr eine gedruckte folge. Es ist sicher auch auszuschließen, daß sich dieses Manuskript in
Diktatenfolge benutzen zu können. Wir wissen nicht, ob die bei Hegel seinem Inhalt gänzlich von der zum Druck vorbereiteten Paragraphen-
notorischen Konzeptions- und Schreibschwierigkeiten allein dafür folge unterschied. Wir wissen nur nicht, ob es mit der Druckvorlage
maßgeblich waren, daß er die Drucklegung auch noch nach dem oder mit einer Kopie von ihr identisch war, zu der Hegel weitere
Zeitpunkt verzögerte, an dem das preußische Zensuredikt bekannt Notizblätter hätte ausarbeiten können, oder ob es ein eigenständiges
geworden war und Hegel wissen konnte, »woran wir mit unserer Manuskript gewesen ist, in das Hegel dann aber wahrscheinlich die
Zensurfreiheit sind« (Brief an Creuzer vom )0. Oktober 1819). Die schon vorbereiteten Paragraphen der Druckvorlage wörtlich oder
Absicht, die Paragraphen über Rechtsphilosophie »nächstens in Druck nahezu wörtlich aufgenommen hätte. In keinem Fall kann das Gerüst
geben« zu wollen, wurde jedenfalls nicht eingelöst. Und es spricht der Vorlesung sehr wesentlich von der inneren Ordnung und von den
vieles dafür, daß sich dies zumindest auch aus Rücksicht auf die Inhalten der für den Druck vorgesehenen Paragraphenfolge abgewi-
Zeitumstände und die noch fehlenden Erlahrungen mit der Zensur chen sein. Daß es sich wirklich so verhielt, läßt sich indirekt daraus
erklärt. Mit Sicherheit aber dürfen wir voraussetzen, daß Hegel schließen, daß die Paragraphen der späteren -Rechtsphilosophie, zu
zumindest einen Teil des Manuskripts der für das Wintersemester dem Gang der Vorlesung in der Nachschrift zwar nicht durchgängig in
1819120 und zugleich für den zu druckenden Grundriß ausgearbeiteten Korrelation, aber doch in eine sehr nahe Entsprechung gebracht
Paragraphenfolge bei Semesterbeginn druckfertig vorliegen hatte und werden können (vgl. die Konkordanz). Das Ausmaß, in dem das
daß er für den Rest der Paragraphenfolge über Vorbereitungen ver- gedruckte Werk dem Gang der Vorlesung entspricht, muß von dem
fügte, die so weit gingen, daß er den Beginn.des Druckes für sinnvoll, Ausmaß übertroffen worden sein, in dem die Vorlesung der geplanten
also die Vollendung des Grundrisses während des Wintersemesters Druckvorlage des Herbstes '819 entsprach, die der Vorgänger der
oder allerspätestens direkt nach dessen Ende für möglich ansehen gedruckten >Rechtsphilosophie< gewesen ist, ob er nun mit dem
konnte. Wir wissen weiter, daß ihm - ganz abgesehen von seinem in Vorlesungsmanuskript ganz oder teilweise identisch oder ihm nur nahe
Jena und Nürnberg erarbeiteten Material - zwei nicht nur nach benachbart war.
Paragraphen, sondern auch in den Notizen zu deren Erläuterung Es ist eine Ausarbeitung Hegels zur Rechtsphilosophie überliefert, die
durchgearbeitete Vorlesungsmanuskripte zur Verfügung standen, die in der ersten Hälfte des Jahres 1820 entstanden sein muß und die am
vielleicht in irgendeiner Weise ineinandergearbeitet waren. Denn leichtesten früh im Jahr entstanden sein kann (vgl. Hegelsrudien VII,
obgleich es noch keine selbständige Untersuchung über Hegels Art, '972, S. 23 und die Erläuterung von H. Schneider, a.a.O., S. 51). Sie
Vorlesungen zu halten, gibt, wissen wir doch, daß er niemals ganz frei entspricht § 286 der gedruckten -Rechtsphilosophie., der in der hier
las, was ohnehin kaum einer seiner Zeitgenossen je tat. Und es sind pu.blizierten Nachschrift keine unmittelbare Entsprechung hat. Die
auch sowohl breit ausgearbeitete Vorlesungsmanuskripte (zur Reli- beiden letzten Sätze der Nachschrift über die fürstliche Gewalt
gionsphilosophie, hrsg. v. Ilting, Napoli 1978)als auch stichwortartige (25J>3 2ff. dieser Ausgabe) enthalten einen Gedanken, welcher der
Notizen für die Kommentierung von zuvor publizierten Paragraphen- Funktion, aber nicht dem Inhalt nach dem § 286 und der Ausarbeitung

308
zur Rechtsphilosophie entsprechen. Da der vorausgehende § 285 der später wirklich gedruckte Vorrede ist nicht nur um weitere Metaphern
gedruckten -Rechtsphilosophiec in sehr genauer Korrespondenz zur bereichert und mit Invektiven gegen Hegels und seiner Oberen Oppo-
Nachschrift steht, ist die folgende Hypothese möglich: Hegel hat aus nenten durchsetzt, sondern auch in ihrer philosophischen Position
einer Anmerkung, die in seiner Vorlesungsvorlage dem Paragraphen verschoben, wenn auch im Rahmen von Hegels Grundposition (vgl.
angeschlossen war, welcher § 285 der gedruckten -Rechtsphilosophie- oben S. 13H.). Vielleicht wird sich einmal genauer aufklären lassen, wie
entspricht, eine weiter ausholende Überlegung und schließlich auch der Produktionsprozeß beschaffen war, in dem sich diese Verschie-
einen selbständigen Paragraphen entstehen lassen. Und er hat diese bung ergeben hat.
Überlegung zunächst ihrem Verlauf nach skizziert, ohne daß schon die
Absicht erkennbar ist, einen selbständigen Paragraphen zu formulie-
ren. Daß Hege! damit rechnete, daß die Anmerkung zu einer der im
zweiten Abschnitt der -Vorrede- von 1820 erwähnten »weitläufigeren
Anmerkung« hätte werden können, kann vielleicht aus der Gliederung
nach Hauptgesichtspunkten geschlossen werden, welche die Notiz
aufweist. Daß schon an eine bestimmte Stelle im Text gedacht war,
könnte aus dem Verweis am Schluß der Notiz »wie vorher bemerkt«
hervorgehen, der sich am ehesten auf den Gedanken beziehen kann, der
in der gedruckten .Rechrsphilosophie- im ersten Teil der Anmerkung
2U § 279 ausgearbeitet ist. In der ausgeführten Anmerkung des
gedruckten § 286 ist er allerdings zu einem Verweis auf den Anfang und
das Corpus des Paragraphen selbst geworden. In jedem Fall ist aus
dem, was als Anmerkung konzipiert erscheint, ein neuer Paragraph
geworden. So können wir also wenigstens an dieser einen Stelle von
ferne etwas von dem Arbeitsgang beobachten, in dem aus dem
Manuskript, das bei der Vorlesung von 1819120 zugrunde lag, die im
Sommer 1820 in den Druck gegebene -Rechtsphilosophie. erarbeitet
worden ist.
Andere Grundlagen für Rückschlüsse, welche den Fortgang von
Hegels Arbeit von Druckvorlage und Vorlesungsmanuskript des
Herbstes 1819 zum im Sommer 1820 in Druck gegebenen Werk aus
direkten Evidenzen aufklären können, stehen uns derzeit nicht zur
Verfügung. Aber die hier publizierte Nachschrift gibt sehr viele
Möglichkeiten zu indirekten Folgerungen an die Hand, die auszuarbei-
ten Sache der Forschung, nicht der Edition ist. Eine besonders
interessante Frage ergibt sich schon aus dem Verhältnis der Einlei-
tungsstunde der Vorlesung zur .Vorrede. des gedruckten Werkes. Die
Einleitungsstunde folgt bereits dem Grundaufbau der>Vorrede. und sie
gebraucht auch einige von deren eindrucksvollsten Metaphern, woraus
übrigens folgt, daß Einleitung der Vorlesung und Vorrede der Publika-
tion in einem Gang konzipiert wurden, so daß schon die Druckvorlage
von 1819 eine entsprechende Vorrede besessen haben kann. Aber die

31 0
E ERLÄUTERUNGEN 57,8 (2) Vgl. Hege!, Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten E
des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie, und sein
Verhältnis zu den positiven Wissenschaften (Werke 4, 46)-467); _
ders., Logik, Metaphysik, Naturphilosophie. Fragment einer Rein-
46,14 Dies ist die erste einer Reihe von wahrscheinlichen impliziten schrift (1804/05), Naturphilosophie, System der Sonne (Werke 7,188-
Bezugnahmen auf den Standpunkt von Jacob Friedtich Fries (1773- 192 ) .
1843), Hegels Gegner seit der gemeinsamen Jenaer Dozentenzeit. In
der Vorrede zur Rph. sind sie in explizite Bezugnahmen verwandelt; 57,14 »magnetischer Schlaf«, auch magnetisches Schlafwachen,
vgl. 51,1-4; 209,3f. dieser Ausgabe. Clairvoyance: Zustände, hervorgerufen durch eine -magnerische-
Behandlung nach der Lehre Mesmers (1734-1815), einer spekulativen
47,9 Zu vergleichen ist das ganze 5. Buch von Platos »Politeia«: Vorform der modernen Hypnose. Im m. S. soll bei äußerlich verschlos-
besonders aber 473 b H. senen Sinnen die Fähigkeit bestehen, aufgrund eines Vermögens der
Intuition Vorgänge und Objekte wahrzunehmen, die mit normalen
47,28 Anspielung auf das Kirchenlied ,0 Gott, du frommer Gott- Sinnen und im gewöhnlichen Wachheitszustand nicht wahrgenommen
(johann Herrmann, 1630): werden können, z. B. Vorgänge in weiter räumlicher Entfernung oder
»0 Gott, du frommer Gott, du Brunnquell guter Gaben, in der Zukunft; vgl. Enz. B § 406, besonders den Zusatz.
ahn den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben«.
-Die Idee- wird so als das eigentliche Wesen des -frommen Gottes- 57,15 »pyrornantisch«: Von Pyrcmantie, die Wahrsagung aus Opfer-
eingesetzt. feuern.

48,23 Plato, Politeia; in diesem Zusammenhang besonders 464 a-d, 58,19 Vgl. Hegel, Wissenschaft der Logik, ). Buch, 2. Abschn., 2.
vgl. S. '49 f. dieser Ausgabe. Kap., B, Der Prozeß (Werke 12,250).

49,16 Vgl. Enz. H § 290. 58,26 Vgl. S. 55 dieser Ausgabe.

49,17 Vgl. Enz. B § )60, besonders den Zusatz. 59,8 Vgl. Enz. H § 220 und Enz. B § 276, besonders den Zusatz.

52,r7 Vgl. Enz. H §§ )02, )66, )87f. in Verbindung mit 58,8H. dieser 59,14 Vgl. Enz. H §§ 27)-275.
Ausgabe.
59,27 Vgl. Enz. H § Z41.
57,1 »omnis definitio in iure civili periculosa«. Digests Iustiniani
Augusti L '7, zoz; vgl. Rph. § 2. 59,30 »Gymnosophisten«: Asketen, Jogis, Personen, die Joga üben.

57,4 Enz. H § 400. 60,IZ Vgl. vor allem Hegel, Wissenschaft der Logik, 1. Buch, 2.
Kap., c., (Qualitative)Unendlichkeit (Werke r r, 78-8).
57,7 Vgl. Enz. H § Z99·
61,2; Der Zusammenhang von Begriff, Subjektivität und Schluß ist
57,8 (I) Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, III, Kraft und Thema des 1. Abschnitts des). Buches der »Wissenschaft der Logik-
Verstand, Erscheinung und übersinnliche Welt (Werke 9, 99f.), Enz. (Werke 12, 3'-'26).
H § )09 und die Anmerkung zum §.

3' 2 3
'3
E 62,25 Vgl. Enz. H §§ 293, 392. 78,3 Hegel bezieht sich hier auf die römischen leges agrariae. Die E
großen, hauptsächlich durch militärische Expansion gewonnenen Län-
63,19 Psalm IU,IO; Sprüche 1,7; 9,10. Vgl. auch zu den heiden der wurden Eigentum des römischen Staats, ager publicus. Es gab aber
folgenden Sätzen Hegel, Phänomenologie des Geistes, IV, A, Selbstän- zugleich ein Okkupationsrecht, das grundsätzlich jedem Bürger
digkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins. Herrschaft und erlaubte, für sich soviel Land in Beschlag und in tatsächlichen
Knechtschaft (Werke 9, II4)· Gebrauch zu nehmen, wie er durch .Hausleure- und Sklaven dauernd
zu bewirtschaften imstande war. Diese besondere Bestimmung war der
67,5 Im Text selbst fehlt die Beziehung; vgl. aber Homeyer-Nach- Grund dafür, daß trotz formaler Gleichheit vor dem Gesetz die
schrift (Ilt. r, 239f.). occupatio agri publici in Wirklichkeit nur Vermögenden zugute kam.
Die Agrargesetze waren dazu bestimmt, den durch das Okkupations-
68,22 Johannes Manlius, Loci communes, Basileae 1563, II, 290, gibt recht angeeigneten, nach anderer Auffassung aber nur in Benutzung
den Satz als Wahlspruch Kaiser Ferdinands I. (reg. r556-r564) an. genommenen Besitz zu beschneiden, um so Bürgern ohne Vermögen
Landteile zukommen lassen zu können. Die Frage der Ausnutzung des
69,29 Kanr, Die Metaphysik der Sitten, r. Teil, Das Privatrecht, §§ eigentlich öffentlichen Bodens wurde schon sehr früh Gegenstand von
IO, Ir, 18 (Akad. Ausg. 6, z6of.; 271). Hegel kritisiert Karrt nur, Kämpfen der politischen Parteien in Rom. Der Konflikt gipfelte in der
insofern er die Termini -Personen« und -Sachenrechte verwendet; die Revolution der Gracchenzeit, nach der sich die Patrizier endgültig
Substanz der Kritik geht auf die Auffassung der Freiheit der Person als durchsetzten; vgl. Griesheim-Nachschrift (Ilt. 4, 189f.).
eines besonderen Status, also auf das römische Recht; vgl. Rph. § 40.
81,23 Vgl. E 82,27.
7r,19 Vgl. E 57,8(2).
82,12 Rousseau, Du contrat social Oll principes du droir politique,
73,1 Vgl. E 84,26. 1,6; 1I,3 (CEuvres completes, edition publiee sous la direction de B.
Gagnebin et M. Raymond, Paris 1959ff., Bd. 3, S. 360-62, 37rf.); vgl.
73,4 Vgl. S. 67f. dieser Ausgabe. S. 212f. dieser Ausgabe und Rph. § 258.

77,7 »die bloßen Herrlichkeitsrechte«: Gemeint ist das Eigentums- 82,2.0 »laesio ultra dimidium«: Ein Tausch- oder Kaufvertrag kann
recht (Dominium) im Lehnsverhältnis. Nach Hegel hat sich die für ungültig erklärt werden, wenn eine 1. u. d. vorliegt, d. h. wenn
Auffassung durchgesetzt, daß im Lehnsverhältnis das jeweilige GU1 einem der Vertragspartner durch das Geschäft ein Schaden entsteht, der
von zwei Eigentümern besessen wird, also gemeinsames Eigentum ist; die Hälfte des wahren Wertes der von ihm eingebrachten Sache
vgl. Rph. § 62, dem gemäß es -Herrschattsrechtee heißen müßte, und übersteigt.
Griesheim-Nachschrift (Ilt. 4, 219f.).
82.,27 »Realvertrag«: Ein Vertrag, der, um rechtswirksam zu werden,
77, I 5 »Reallasten«: Privatrechtliche Belastungen eines Grundstücks, neben der Willenseinigung die Übergabe einer Sache erfordert; z. B.
kraft deren dem Berechtigten wiederkehrende Leistungen zu entrich- Leihe, Darlehen, Verwahrung, Tausch.
ten sind (Naturalien, Geld, Dienstleistungen). »Konsensualvertrag«: Ein Vertrag, der durch beiderseitige Willenser-
klärungen rechtswirksam wird.
77,16 »Sozietatsvertrage«: Über gegenseitige Leistungen zu einem
bestimmten ideellen oder wirtschaftlichen Zweck abgeschlossene Ver- 83,1 (I) Fichte, Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publikums
träge. über die Französische Revolution, 1. Buch, 3. Kap. (GA I, I, S. 260-
264).

314
E 83,1 (2) Zur Begründung des infiniten Regresses vgl. Rph. § 79. 99,5 »Aristides«: Atheniensischer Politiker zur Zeit der Perserkriege. E
Als Vertreter der agrarischen Interessen in Athen wurde A. zum
83,17 »depositum«: Die Hingabe einer beweglichen Sache zu unent- Hauptopponenten gegen die Pläne des Themistokles, Athen zu einer
geltlicher Aufbewahrung. Seemacht umzurüsten. Themistokles konnte sein Vorhaben erst durch-
führen, nachdem A. 482 durch Ostrakismos verbannt worden war.
84,z6 Alle diesespekulativen Urteilsformen finden ihreDefinition in Plutarch, Aristides VII, 1-7 erklärt das Ergebnis des Ostrakismos aus
der »Wissenschaft der Logik«, 3. Buch, I. Abschn., 2. Kap., A, b) und dem Neid des Themistokles und der Mehrzahl der Bürger auf die
c) (Werke rz, 64-70). Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit des A.; vgl. E 102,3'.

86,1 Vgl. S. '77f. dieser Ausgabe. 102,10 Goethe, Was wir bringen, Lauchsrädr, 19. Auftritt.
»Wer Großes will muß sich zusammen raffen.
86,28 »demnachst«: Im Sinne von -sodann-. In derselben Bedeutung: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.«
87,6; 124,II; 206,15; 237,15; 247,13; 279,21; 279,26; 287,24; 288,30. (Soph. Ausg., Bd. '3, S. 84).

86,32 Z.B. Montesquieu, Esprit VI, raf. 102,3' Vgl. E 99,5. Die Gerechtigkeit des Aristides rühmte schon im
5. Jahrhundert Herodot, Historien VIII, 79. Seit dem 4. Jahrhundert
87,2 Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775-t833), Revision der erscheint er dann mit dem Beinamen -der Gerechte-.
Grundsätze und Grundbegriffe des positiven peinlichen Rechts, Erfurt
'799, 1. Teil, 1. Kap., Über den Begriff der bürgerlichen Strafe und das 105,6 Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 2. Abschn.
Recht dieselbe zuzufügen, S. 1-108, besonders 48-56; - ders., Lehr- »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
buch des gemeinen in Deutschland geltenden peinlichen Rechts, kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.« (Akad. Ausg. 4, 42I);-
Gießen 1801, §§ '7-23, S. '5-20. ders., Kritik der praktischen Vernunft, 1. Teil, 1. Buch, I. Hauptst.
§ 7. »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als
87,6 Vgl. E 86,28. Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« (Akad. Ausg.
5,30). Dem Sinn Kants nach ist also der Text so zu lesen: »sie als Gesetz
88,23 »jus talionis«: Recht der Wiedervergeltung mit einem dem bestehen könne». Hegel kann aber gemäß dem Wortlaut des vorliegen-
Verbrechen gleichen oder möglichst gleichartigen Übel. den Textes meinen, das> »was ich tun wille, könne unter Gesetzesbe-
dingungen nicht bestehen.

108,13 Der heilige Crispinus stahl Leder, um daraus Schuhe für die
Armen zu machen; vgl. Rph. § 126, Zusatz.

97,20 Die Lehre Jacobis (1743-1819), auf die Hegel sich hier bezieht, 108,32 Eine klassische Begründung für die Position, daß es keinen
ist besonders deutlich ausgesprochen in: Ueber die Lehre des Spinoza bösen Willen gibt, läßt sich aus Plato gewinnen; vgl. z. B. Plato,
in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn (Friedrich Heinrich Protagoras, 358 c-d. Es ist aber unwahrscheinlich, daß Hegel an Plato
jacobi's Werke, 6 Bde., Leipzig 1812ff., Bd. IV, 1, S. 2101.). denkt; vgl. Rph. § '40, Anmerkung, d).

97,32 Thukydides, Der Peloponnesische Krieg; direkt ausgespro- III,15 Goethe, Zur Farbenlehre, Historischer Teil I, 2. Abteilung,
chen wird dies im 2. Buch, 8,4- Die Römer (Soph.Ausg. II, 3, S. 127).

317
E II2,IO Römerbrief 4,15. 120,21 Vgl. S. 5' und "0 dieser Ausgabe. E

113,) Hegel bezieht sich hier und im folgenden bis 113,16 interpretie- 123,24 1. Korintherbrief 10,31.
rend auf] acobi, Jacobi an Fichte (Friedrich Heinrich J acobi's Werke, 6
Bde., Leipzig ,8IZff., Bd. 3, S. 37'4')' Zu HegeIs Interpretation dieser 12),25 1. Mose, 1,21.
Passage vgl. Über: Friedrich Heinrich Jacobi's Werke, Dritter Band
(jubil.Ausg. 6, 330-335; besonders 333f.). '24," Vgl. E 86,28.

"3,3' Friedrich Schlegel ('77Z-,829), Lyceumsfragment 42 (Kriti- 125,21 Xenophon, Memorabilien, I, 3, 1.


sche Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hrsg. v. E. Behler unter Mirw, v.
].-J. Anstett und H. Eichner, München, Paderborn, Wien, Zürich 126,5 Aristoteles, Nikomachische Ethik, 11, 6; "06 b 36 - "07 a 6.
'967, Bd. 2, S. '52).
127,9 Anspielung auf Aristoteles, Metaphysik, XII, 7; '°72 a 25-27.
II4,4 Homer, Ilias, 1. Gesang, 599; Odyssee, 8. Gesang, 326.
129,10 »Laren«: Altrömische Schutzgeister von Örtlichkeiten; die
"4,5(1) Dies Zitat läßt sich bei Homer nicht nachweisen. Es muß
lares familiares sind die Schutzgeister von Haus und Familie. »Pena-
sich um einen Irrtum Hegels und nicht des Verfassers der Nachschrift
tene : Altrömische Hausgötter. Die Bedeutung beider wird schon sehr
handeln, da sich in den Vorlesungen über die Ästhetik, 3· Teil, 3·
früh nicht mehr deutlich unterschieden.
Abschn., 3. Kap., III, A, 2, b, Die individuelle epische Handlung
(jubil.Ausg. '4, 37')' eine Parallelstelle findet. Wahrscheinlich denkt
129,23 Goethe, Die Braut von Corinth, Vers 123. »Eins ist nur im
Hegel an Ilias, 21. Gesang, 424f.: Aphrodite erhält von Athene einen
andern sich bewußt.« (Soph.Ausg. Bd. r S. 223).
Schlag auf die Brust und sinkt ohnmächtig zu Boden oder a. a. 0., 49':
Artemis wird von Hera ihr eigener Bogen um die Ohren geschlagen,
'29,30 Shakespeare, Romeo and Juliet, Act 11, Scene 11, 'Hf.
und sie flieht weinend zu Vater Zeus.
»•..••..•.. The more I give to thee,
The more I have, for both are infinire.«
"4,5 (2) Homer, Ilias, 5· Gesang, 859f.
130,13 »mutuum adjutorium«: Wechselseitiger Beistand.
,,6,28 August Hermann Niemeyer ('754-,828, Theologe und Päd-
agoge in Halle), Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts für
'30,23 Vgl. zu der mit diesem Satz beginnenden Passage (bis 13',9)
Eltern, Hauslehrer und Schulmänner, Halle '796.
Rph. § 161 und Enz. H § 167ff., § 288ff. sowie Enz. B §§ 367-369,
besonders den Zusatz zu § 369. Dem § 369 der Jubil.Ausg. entspricht
"7,24 Vgl. S. 208 f. dieser Ausgabe.
der § 370 aller anderen Ausgaben.
117,31 Hege! bezieht sich auf die »Orestie« des Aischylos. Orest, der
Sohn des Agamemnon und der Klytaimesrra, rächt die Ermordung IJ 1,17 Kant, Die Metaphysik der Sitten, 1. Teil, Privatrecht, § 24
seines Vaters an seiner Mutter und ihrem Liebhaber Aigisthos. Vgl. (Akad.Ausg. 6, 278).
Vorlesungen über die Ästhetik, 2. Teil, 2. Abschn., 1. Kap., ab, Die
alten Götter im Unterschiede zu den neuen (Iubil.Ausg. '3, 50f.). 132,5 Vor allem im »Symposion-: z. B. 210 c, 204 b.

II8,27 Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der '32,'3 Christopli Martin Wieland (1733-,8'3). Als Beispiele aus
Wissenschaftslehre, 3. Hauptst., § 23, 11 (GA I, 5, S. 256). seinem ffiuvre könnten Hegel dienen: Der Sieg der Natur über die

318
E Schwärmerey, oder die Abenteuer des Don Silvio von Rosalva, DIrn tet hatte, beging sie Selbstmord, was schließlich zum Sturz und zur E
'7 64; _ Geschichte des Agarhon, Frankfurt a.M.fLeipzig '7 66/67;- Vertreibung der Tarquinier führte.
Geheime Geschichte des Philosophen Peregrinus Proteus, Weimar
1788/ 89. In der Griesheim-Nachschrift (Ilt. 4, 435) ist vorsichtiger '43,7 »glebae adscripti«: Leibeigene. Vgl. Rph. Wannenmann § 83,
formuliert: »Es ist dies ein Gegenstand ... vieler, fast aller Romane S. 138.
Wielands.«
'44,26 »kindische«: Der Sinn ergibt sich aus Rph. § '75.

145,4 »majorenn«: Volljährig.


133,21 Matth. 19,8; Mark. 10,5 f.
145,5 »peculium castrense«: Im Felde (Kriegsdienst) erworbenes
'3 6,8 Hegel denkt vor allem an die Liebe der Phaidra zu ihrem Vermögen, das dem Sohn zur freien Verfügung gehörte. Hegel nennt es
Stiefsohn Hippolytos in Euripides' Tragödie »Hippolytos«. Vgl. Vor- »Kriegsraub« ; vgl. Rph. § 180.
lesungen über die Äsrhetik, 2. Teil, 3. Abschn., 2. Kap., 20, Begriff der
Liebe (jubil.Ausg, '3, 180). 145,21 Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wis-
senschafrslehre, 2. Teil oder Angewandtes Naturrecht, Grundriß des
Familienrechts. § 60 (GA I, 4, S. 148).
136,13 Homer, Ilias, 6. Gesang.
'49,'7 Hege! bezieht sich ganz allgemein auf Rousseaus Schriften:
'3 6,25 Hegel bezieht sich auf die Liebe Haimons zu Antigone. Vgl. Discourse qui a remporre le prix a l' Academie de Dijon, Geneve o. J.
Vorlesungen über die Ästhetik, 2. Teil, 3. Abschn., 2. Kap., 20, Begriff [1750]; - Discourse sur ['origine et les fondemens de inegalite parmi
der Liebe (jubil.Ausg. '3, 180). les hommes, Amsterdam 1755.

'36,34 Vgl. E 58,19. 149,26 Vgl. S. 48 dieser Ausgabe.

140,3 Schiller, -Tugend des Weibes« '52,9 Hegel bezieht sich hier nicht auf Fichtes Definition des
»Tugenden brauchet der Mann, er stürzet sich wagend ins Leben, Notstaates. vgl. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien
Tritt mit dem stärkeren Glück in den bedenklichen Kampf. der Wissenschaftslehre, 3. Hauptst., § 18, V. (GA I, 5, S. 215)
Eine Tugend genüget dem Weib, sie ist da, sie erscheinet, Vielmehr hat Hege! das von Fichte in seinem Naturrecht entwickelte
Lieblich dem Herzen, dem Aug' lieblich erscheine sie stets!« Staatskonzept im Auge; vgl. S. 190 dieser Ausgabe. Dieser Staat stellt
(Schillers Werke, Nationalausgabe, hrsg. v. J. Petersen und F. Beißner, aber nach Fichtes ausdrücklicher Auskunft eine höhere Staatsform als
Weimar I943ff., Bd. I, S. 286.) der Notstaat dar; vgl. Fichte, Naturrecht nach Principien der Wissen-
schaftslehre. 2. Teil oder angewandtes Naturrecht, 3. Abschn. der
14 1,25 Helena, die Gattin des griechischen Königs Menelaos, wurde Staatsrechtslehre. § 21 (GA I, 4, S. 92).
vom Troer Paris entführt; die Folge war der Trojanische Krieg.
158,34 Adam Smith (1723-179°), An Inquiry into rhe Nature and
14 1 ,26 Livius, Ab urbe condita, I, 57,6- 59,6, erzählt, daß Lucretia, Causes of the Wealth of Nations, London 1776.
die Gattin des Collatinus, vom Königssohn Sextus Tarquinius verge-
waltigt wurde. Nachdem sie ihren aus dem Feld zurückgerufe?en '59,9 A. a. 0., I, I, S. 6f.; vgl. auch Hegel, Jenaer Systementwürfe I,
Mann, ferner den L. Iunius Brutus und P. Valerius zur Rache verpfhch- Fragment 22 (Werke 6, 323).

320 32'
E 159,28 Vgl. HegeI, Wissenschaft der Logik, 3· Buch, 2. Abschn., 3· digesta, die der Einführung von Studenten gewidmeten institutiones E
Kap., C, Der ausgeführte Zweck (Werke [2, 166). und endlich die nicht mehr zu Iustinians Zeit gesammelten novellae.

161,26 Vgl. S. 74 dieser Ausgabe. '72,25 Die Verbrennung fand auf dem Wartburgfest am 18. Oktober
1817 statt. Die Liste der dort verbrannten Bücher kann eingesehen
162,17 -Chili«: Die zu Hegels Zeiten noch gebräuchliche Schreib- werden bei D. E. Kiefer, Das Wartburgfest, Jena 1818; vgl. S. 38.
weise für -Chile-.
'72,29 Phaedri fabularum aesopiarum libri V, ed. L. Mueller, Leipzig
163,10 Vgl. S. 259ff. dieser Ausgabe. 1877, I, 21. Die Fabel veranschaulicht folgende Lebensweisheit.