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Mittwoch, 18. August 2010

FEUILLETON

HF2

Süddeutsche Zeitung Nr. 189 / Seite 11

Alles zurück auf Anfang

Bei „Stuttgart 21“ drohen geologische Katastrophen

Auch wenn von den Befürchtungen der Fachleute nur ein Bruchteil wahr wird, könnten sich die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und die Deutsche Bahn bei der Verwirklichung ihres gemeinsamen Großprojekts „Stutt- gart 21“ in ein Unglück stürzen, dessen Ende nicht absehbar ist. Die vielen Geg- ner des ehrgeizigen Projekts haben sich in den letzten Wochen auf das akut vom Abriss bedrohte Bahnhofsgebäude und auf die kontinuierlich explodierenden Kostenvoranschläge konzentriert; doch wenn man die Risiken, die nach Meinung der Sachverständigen im Stuttgarter Untergrund auf die Tunnelbauer lauern, zur Kenntnis nimmt, wirken die derzei- tig veranschlagten Kosten wie Schönwet- terprognosen bei nahendem Hurrikan. Stuttgart war immer schon ein Ort, an dem sich das höhere bautechnische Inge- nieurwissen geballt hat wie nirgendwo sonst in Deutschland. Die führenden Köpfe der Stuttgarter Ingenieurschule gelten weltweit als Pioniere im Erproben neuer Bautechniken und als Instanzen in allen Problemfällen des Bauens. Doch beim weitaus komplexesten Bauprojekt der Stadt sind nach Meinung von Fach- leuten die fälligen Voruntersuchungen nicht in der Intensität vorgenommen wor- den, die nötig gewesen wäre, um grünes Licht für das Projekt zu geben. Frei Otto ist einer der Überväter der re- nommierten Stuttgarter Bau-Schule und einer der wichtigsten Konstrukteure der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Oh- ne seine technisch-visionäre Vorarbeit hätte der Wunderbau des Münchner Olympiazelts nie errichtet werden kön- nen. Frei Otto hat, vom Pritzker-Preis ab- gesehen, alle wichtigen Auszeichnungen auf dem Bausektor erhalten, doch in der Stadt, in der er als Architekt, Konstruk- teur, Wissenschaftler und Lehrer ein Le- ben lang tätig war, wollte, nachdem „Stuttgart 21“ zum Projekt von „überge- ordneter Bedeutung“ erhoben worden war, niemand mehr auf den lästigen Pro- pheten im eigenen Lande hören. Alle An- fragen und Warnungen, die Frei Otto an die offiziellen Stellen richtete, wurden mit Hinweisen auf „höhere Interessen“ abgeschmettert. Das ist umso rätselhafter, als Frei Otto Mitgewinner des Wettbewerbs für den künftigen unterirdischen Durchfahr- bahnhof ist: Er hat den Siegerentwurf von Christoph Ingenhoven, der den be- gonnenen Vorarbeiten für den tiefgeleg- ten Querbahnhof zugrunde liegt, in sei- nen konstruktiven Details präzise vorfor- muliert, also auch das Aussehen der Gleishalle wesentlich mitbestimmt. Doch an der Eignung des Stuttgarter Tal- kessels für einen querschießenden Bahn- hof, der als geschlossener Tunnel fast 100 Meter breit ist und zwölf Meter tief in die Erde hinabreicht, hat er immer gezwei- felt. Außerdem wird der im Boden einge- lassene Bahnhofsquerriegel den Schloss- garten in ganzer Breite durchschneiden,

Wenn das im Boden lagernde Anhydrit nass wird, hebt sich in Stuttgart die Erde

also die beiden derzeit nur durch eine Straße getrennten Teile des Parks noch einmal deutlich weiter auseinandertrei- ben. Früh schon hat sich Frei Otto als Mit- verantwortlicher darum nach den fälli- gen Untersuchungen des Grunds erkun- digt, doch überzeugende Antworten sind die Behörden bis heute schuldig geblie- ben. Seit Januar 2009 ist Frei Otto jeden- falls aus dem Projekt „Stuttgart 21“ aus- geschieden. Das schwerwiegende geologische Pro- blem, auf das der Doyen der Stuttgarter Bausachverständigen hinweist, ist den lo- kalen Ämtern und Behörden fast noto- risch bekannt. Doch die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Risiken zu mini- mieren, reichen nach Meinung der Fach- leute in keinem Fall aus. Die Bahn ver- kündet in ihren „Stuttgart-21“-Broschü- ren, dass sie Hunderte Probebohrungen im ganzen Stadtgebiet durchgeführt ha- be, um die vier Tunnel, die kreuz und quer unter die Innenstadt geschoben wer- den müssen, sinnvoll zu postieren. In die- sen Werbeprospekten ist natürlich nicht davon die Rede, dass bei den Bodenunter- suchungen an vielen Stellen, wie befürch- tet, Anhydrit gefunden worden ist; jenes Mineral, das, wenn es längere Zeit mit Feuchtigkeit in Berührung kommt, um

50 Prozent anschwillt und unaufhaltsam alles zur Höhe oder zur Seite drängt, was in seiner Nähe ist. „Salzsprengung“ nen- nen die Physiker diesen Vorgang, der beim Berg- und Tunnelbau katastropha- le Folgen hat. Wasser als Problem Um Wasser geht es aber in Stuttgart immer, wenn der Boden angegriffen wird. Die Stadt hat das Glück, über das zweitgrößte Mineralwasservorkommen in Europa zu verfügen. Der heutige Vor- ort Bad Cannstatt war im 19. Jahrhun- dert ein bekannter Kurort. Und auch heu- te noch werden vier der öffentlichen Schwimmbäder in der Stadt mit Mineral- wasser beschickt. Wie die Erdschichten, auf denen das Wasser ins Neckartal getra- gen wird, genau verlaufen, weiß nie- mand. Doch zumindest die beiden Tun- nel, die von Norden und von Osten, also von Feuerbach und Bad Cannstatt aus den künftigen Bahnhof ansteuern, dürf- ten in die kritische Zone einschneiden. Sehr viel größer sind aber die Wasser- probleme, die der quer in den Talboden versenkte Bahnhof verursachen wird. Dass der lange schon in eine unterirdi- sche Röhre verdrängte, das Tal durchzie- hende Nesenbach am Bahnhof um eine Stufe abgesenkt und am anderen Ende wieder hochgepumpt werden muss, ist

Um die zwölf Meter tiefe Wanne des Bahnhofs herum muss das Grundwasser abgepumpt werden

dabei nur eine komische Zusatzpointe. Bedrohlich ist, was mit dem für die Span- nung im Boden so wichtigen Grundwas- ser passiert: Es wird durch die wie ein Pfropfen zwölf Meter tief in der Erde vor- stoßende gigantische Betonwanne ent- scheidend gestört. Um hier das drohende Hochschwemmen der Wanne, also eine Auftriebkatastrophe wie ehedem beim „Schürmann-Bau“ in Bonn, zu vermei- den, hat man sich zu abenteuerlichen For- men der „Wasserbewirtschaftung“ ent- schlossen. So soll das Grundwasser rund um die Wanne abgepumpt, aber gleichzei- tig nebenan so im Boden gehalten wer- den, dass es die darüberstehenden Gebäu- de trägt. Wer sich das plastisch vor Au- gen führt, glaubt zu sehen, wie die Häu- ser am Talhang zu taumeln anfangen. Frei Otto jedenfalls hält es für durchaus möglich, dass der stolze Bahnhofsturm mit dem Mercedesstern, der nach den jet- zigen Plänen den südlichen Seitenflügel des alten Bahnhofs als Flanke verliert und auch unterirdisch entblößt wird, sich irgendwann sanft zur Seite neigt. Am schwersten zu kalkulieren sind aber die Probleme, die der in Stuttgart überall anstehende Mergelboden mit den eingeschlossenen Anhydrit-Anteilen auf- wirft. Schon bei Probebohrungen kann Wasser zu den empfindlichen Stellen ge- langen, das die Mineralteile so anschwel- len lässt, dass sie die Erde darüber he- ben. Beim Bohren des 33 Kilometer lan- gen, mehrgleisigen Tunnelsystems provo- zieren die Maschinenmonster jedenfalls das Schlimmste. Warnungen aus der Um- gebung hat es genug gegeben. Erst jüngst hat sich in Staufen im Breisgau der Bo- den aus vergleichbaren Gründen gefähr- lich gehoben. Auch der nahe bei Stutt- gart gelegene sechsspurige Leonberger Autobahntunnel musste gegen drohende Salzsprengungen geschützt werden und ist darum sehr viel teurer geworden als veranschlagt. Und mitten im 19. Jahrhun- dert haben die Erbauer des „Weins- berger Eisenbahntunnels“ das ganze Dra- ma, das in Stuttgart drohen könnte, in konzentrierter Form durchlebt. Dort hat sich der Boden des frisch gegrabenen Tunnels um monatlich 24 Zentimeter ge- hoben. Nur mit einem komplizierten Ent- wässerungssystem konnte man die Ent- wicklung aufhalten; doch seither musste das 891 Meter lange Problemobjekt in re- gelmäßigen Abständen nachgebessert werden. Die letzte Sanierung 2003 hat an- derthalb Jahre in Anspruch genommen. Schon die Vorstellung, dass beim Bau der um ein Vielfaches längeren Stuttgar- ter Tunnel auch nur ein einziger ähnli- cher Problemfall auftauchen und die ge- samte Planung um Jahre verzögern könn- te, jagt einem Schauder über den Rü- cken. Und ruft einem in Erinnerung, dass beim offiziellen Planfeststellungsverfah- ren vor Jahren mehrere tausend Einsprü- che von Bürgern eingegangen sind, die von den Ämtern nie beantwortet worden sind. GOTTFRIED KNAPP

Nun möchte ich, weil eitler Ehrgeiz juckt

„Grimms Wörter“: Wie Günter Grass sich in ein deutsches Nationaldenkmal vertieft und sich selbst findet

In einer Rezension der Altdeutschen Wälder, einer der Zeitschriften der Brü- der Grimm, schrieb August Wilhelm Schlegel im Jahr 1815, die Philologie ha- be es immerfort mit den geringsten Klei- nigkeiten zu tun. „Sie schämt sich dessen nicht bei den geringsten Überresten des klassischen Altertums: warum sollte sie es bei den altdeutschen Denkmalen?“ Wie sich bald erwies, galt diese Forde- rung nicht nur für die alten, sondern auch für die neueren deutschen Denkma- le. So ernst war es damit den Brüdern Grimm, dass sie ein Werk schufen, das zu einem eigenen Denkmal wurde, und zu ei- nem immer noch lebendigen außerdem:

das „Deutsche Wörterbuch“. Im Jahr 1838 begonnen, erst im Jahr 1961 been- det, stellt es eines der größten Werke dar, die je in der Sprachwissenschaft unter- nommen wurden. Und als der letzte der 32 Bände (den Quellenband nicht gerech- net) erschienen war, fing die Arbeit von vorne an, und so geht sie fort. Es ist kein Ende abzusehen. Denn das „Deutsche Wörterbuch“ ist kein Buch, in dem man leicht nachschla- gen könnte (oder sollte), wie man etwas zu schreiben oder auszudrücken habe. Es ist, was die Linguisten ein „Belegwörter- buch“ nennen, eine auf Vollständigkeit hin angelegte Sammlung, in der, so gründlich wie nur irgend möglich, die Herkunft und der Gebrauch eines jeden deutschen Wortes (die unfeinen inbegrif- fen) verzeichnet sein soll – und zwar zu- rück bis an den Beginn des 16. Jahrhun- derts, bis zu dem Mann, der als Erster ein Deutsch schrieb, das alle Deutschen ver- standen, bis zurück also zu Martin Lu- ther. Auf zehn Jahre hatten die Brüder die dafür aufzuwendende Arbeit ge- schätzt, eingeteilt in sechs bis sieben Bän- de. Als Wilhelm Grimm im Jahr 1858 starb, hatte er indessen gerade den Ein- trag zu „Durst“ verfasst. Sein Bruder sank vier Jahre später über dem Artikel „Frucht“ dahin, und es bedurfte noch Hunderter fleißiger Arbeiter im Wein- berg der Wissenschaft, bis am Ende mehr als dreihunderttausend Stichwörter und vierundachtzig Kilo Gewicht beieinan- der waren. Diesem Nationaldenkmal ist „Grimms Wörter“ gewidmet, das gerade erschiene- ne Buch von Günter Grass (Steidl Verlag, Göttingen 2010, 368 Seiten, 29,80 Euro), eine Art rhapsodischer Erzählung, in der nicht nur die Geschichte der Brüder Grimm und ihres Wörterbuchs erzählt wird, sondern auch viele Ansichten und Erlebnisse des Schriftstellers Günter Grass verhandelt werden. Dabei hätte der Stoff für einen Roman auch in histori- scher Manier gewiss ausgereicht: Er hät- te dann nur erzählt, wie eng Anarchie und Ordnungswille in diesem Werk ver- bunden sind, von der sonderbaren Le- bens- und Arbeitsgemeinschaft der bei- den Brüder, von ihrem ebenso schwärme- rischen wie lästigen (und doch nützli- chen) Hausgeist Bettina von Arnim, von der Vertreibung aus Göttingen und den Spaziergängen durch den Tiergarten,

aus Göttingen und den Spaziergängen durch den Tiergarten, Günter Grass, wie ihn das Publikum kennt und

Günter Grass, wie ihn das Publikum kennt und liebt Foto: Andri Pol

Grass, wie ihn das Publikum kennt und liebt Foto: Andri Pol Jacob Grimm (rechts) und sein

Jacob Grimm (rechts) und sein Bruder Wilhelm, 1855 gemalt von Elisabeth Jerichau-Baumann

Foto: akg

von der heroischen Frühgeschichte der Germanistik und allerhand nationalen Umtrieben, die bis in die Paulskirche führten. Und von Wörtern, vielen Wör- tern, alten und neuen, wäre selbstver- ständlich die Rede gewesen. All dies tut Günter Grass, und man liest es gern, solange es dabei bleibt: „Wil- helm“, schreibt er, „fügt zweisilbige Wör- ter dazu, die mit einem Kehllaut enden. Bottich sagt er, Rettich. Dann kommt er zu zwei- und dreisilbigen, die ein ch ein- schließen: Sache, Rache, Sprache, Sichel und brauchen, fauchen, suchen, fluchen, sowie versprochen, gebrochen, gerochen. Sie stehen auf einer Brücke, die mit zier- lich geschmiedetem Geländer einen Was- serlauf überwölbt. Gesträuch Sonnen- licht durchs Blattwerk gebrochen. Eine Ente mit ihrer Aufzucht im Kielwasser.“ Sogar ein Wörterbuch lässt sich erzäh- len, und Günter Grass verfügt über die dazugehörigen literarischen Mittel – wo- bei man sich an die ihm eigene heftige Zu- neigung zur willkürlichen Inversion, also zum Aufplustern beliebiger Sätze durch Verkünstelung der Wortfolge („Auf Rei- sen erledigt er seine Post“) ja vielleicht längst gewöhnt hat. Die so vermeintlich erzeugte Spannung zielt fast jedes Mal ins Leere, wodurch die seltsame Zappe- ligkeit entsteht, von der die Lektüre ei- nes Werks von Günter Grass oft begleitet wird. „Grimms Wörter“ missraten indessen im selben Maße, wie Günter Grass den Untertitel seines Buches verrät: dieser lautet: „eine Liebeserklärung“. Denn lie- ben kann man nur, was man respektiert und in seiner Eigenart belässt. Lieben setzt Distanz voraus, eine Bewunderung, die ihren Gegenstand nicht zu verschlin- gen, sondern zu erhalten, ja in seiner Selbständigkeit zu fördern trachtet. Gün- ter Grass aber will den Abstand zu den Brüdern Grimm und ihren Wörtern ver- ringern, mit allen Mitteln. Das beginnt mit der Sprache: „Nun möchte auch ich, weil eitler Ehrgeiz juckt“, schreibt er, „an dem Gelehrtenstreit der Brüder teil- haben und dem Altdeutschen das Wort re- den, bin ich doch, wenngleich von einhei-

mischen Feinden oft als ,vaterlandsloser Geselle‘ beschimpft, dergestalt in den Sinn und Widersinn der deutschen Spra- che vernarrt, daß ich mir mit Jacob die Frage stelle, weshalb älter und Eltern zwar gleich anlauten und sich von alt, Al- ter, herleiten, aber dennoch mit Ä und E auf Unterschied bestehen.“ Dies ist nicht der Stil der Brüder Grimm, denn diese waren in und mit der radikalen Erneue- rung der deutschen Sprache in der spä- ten Aufklärung und frühen Romantik groß geworden. Dieser Stil ist eine phan- tastische Anverwandlung einer älteren Sprachvariante, nämlich der von den Dichtern der Zeit um 1800 verachteten Kanzleisprache. Der vermeintlich histori- sche Stil steht hier für eine Altertümelei, die sich in ihren Gegenstand drängt, an seiner Dignität teilzuhaben trachtet und diesen so instrumentalisiert. Günter Grass legt „Grimms Wörter“ als Lexikon an: Den Buchstaben von „A“ bis „F“ ist jeweils ein Kapitel gewidmet, in dem sich dann die Einträge in schein- bar ungeordneter Zahl und Vielfalt tum- meln, je nachdem, welcher erzähleri- scher Stoff aus ihnen entwickelt werden kann. Dann sind die Brüder tot, und in den Kapiteln „K“, „U“ und „Z“ wird die weitere Geschichte des Wörterbuchs er- zählt, mit gelegentlichen Rückgriffen auf die Gründungshelden. Das Verfahren hat die Schwäche, dass es in einer forma- len Reihung besteht, also dramaturgisch unergiebig ist – einmal abgesehen davon, dass es ein Irrtum ist zu glauben, man ha- be sich eine Sprache erschlossen, wenn man ihre Wörter kennt. Denn die Spra- che lebt ja nicht in Wörtern, sondern in Sätzen. Günter Grass aber benötigt das Prinzip der Reihung, und zwar nicht um der Brüder Grimm willen. Denn die einzelnen Einträge, die Lem- mata, sind nun in der Welt, und sie erlau- ben dem Autor, ohne Umwege aus der Ge- schichte der Brüder Grimm heraus- und in die eigene Geschichte hineinzutreten. Das geht dann zum Beispiel so: „Es fehlt an Zeugnissen, wie Jacobs Rede ,Über meinen Bruder Wilhelm‘ aufgenommen wurde, doch ist mir aus der Jahre Dis-

tanz in leicht verwackelten Momentauf- nahmen erinnerlich, wie meine Reden, ge- halten vor den Mitgliedern der Berliner Akademie der Künste – dazumal am Han- seatenweg im Bezirk Tiergarten –, teils Gehör fanden, teils Anstoß erregten.“ Und damit nicht genug: Mit den Brüdern Grimm pflegt Günter Grass lebhaften Umgang, schaut ihnen über die Schulter, sitzt mit ihnen auf einer Parkbank, ver- tieft sich mit ihnen ins Gespräch. Das Verfahren kulminiert in einer Szene, in der sich die großen Schöpfergestalten deutscher Sprache und deutschen Geis- tes, Leibniz und Herder, Schleiermacher, Fichte und Hegel, Adelung und Schotteli- us in einer Szene vereinen, die an Raf- faels „Schule von Athen“ erinnert, mit

Die Grenzen eines Lexikons:

Die Sprache lebt nicht in Wörtern, sondern in Sätzen

Günter Grass als dem gar nicht so gehei- men Zentrum des gesamten Arrange- ments. Ferner kommt vor, was das Publikum von Günter Grass kennt: die Wahlkampf- reisen für Willy Brandt und die Preisere- de auf Yasar Kemal, die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, und die Auseinander- setzungen um Heinar Kipphardt, die Zu- sammenarbeit mit Heinrich Böll und die mit den eigenen Verlegern, das Engage- ment für die Entwicklungshilfe und das für die Roma. Es kommen vor der Polizei- meister Kurras und der Steuerflüchtling Zumwinkel. Und es kommen vor: das Res- sentiment (Ärzte, Apotheker und Politi- ker: „anfangs corrupt, dann korrupt, all- zeit geschmiert“) und die gehässige Nach- rede (der „mit fetten Klinkern“ behäng- te, Waffenhandel betreibende „Frankfur- ter Geldadel“, der sich ausgerechnet zum Friedenspreis des deutschen Buchhan- dels einfinden soll). Wenn dieses Buch ei- ne „Liebeserklärung“ ist, dann gilt sie ausschließlich seinem Autor – was ja den Vorteil hätte, dass dieser den Liebenden zurückliebt. THOMAS STEINFELD

Alle für einen, einer für alle

Salzburger Festspiele: Frank Peter Zimmermann, Antoine Tamestit und Christian Poltéra triumphieren mit Beethovens Streichtrios Opus 9

Manchmal werden Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern das tatsächliche Er- eignis übertrifft sie bei weitem, ja, öffnet den Blick in eine andere Welt. Wer in Salzburg Frank Peter Zimmermann, Vio- line, Antoine Tamestit, Viola, und Chris- tian Poltéra, Violoncello, mit den drei Streichtrios op. 9 von Ludwig van Beet- hoven im Großen Saal des Mozarteums miterlebt hat, müsste wissen, dass er an einem jener unwiederholbaren Momente teilhatte, um derentwillen Musiker ein Leben lang spielen und Menschen ihnen zuhören. Plötzlich ist alles lebendig, er- klingt die Musik wie in diesem Augen- blick komponiert, ergreifen einen die Er- regung und die Freude der Spieler über das sich sofort gegenseitig anfeuernde, unbeirrbar entwickelnde, in diesem Sin- ne musikalisch-symphonische Dreierge- spräch im Geiste des jungen experimen- tierfreudigen Beethoven.

Dabei dürfte für viele im Publikum die- ses Konzert einer Erstaufführung gleich- gekommen sein. Streichtriomusik führt nämlich verglichen mit Genres wie Streichquartett, Klaviertrio oder Duoso- nate ein relatives Schattendasein. Dabei haben Mozart, Beethoven und Schubert bedeutende Werke für diese Besetzung geschrieben. Doch die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Jeder muss ein So- list ersten Ranges sein, denn alle Stim- men liegen offen, es gibt keine gnädigen Schatten zum Ausruhen. Alles Gelingen setzt unentwegt Hörwachsamkeit, Reak- tionsschnelligkeit, Auftrittsfrische, Ba- lanceempfindlichkeit, Abstimmungssi- cherheit, Phrasierungsintelligenz, Dia- logwilligkeit voraus, von den techni- schen Anforderungen und ihrer Beherr- schung gar nicht zu reden. Feste Ensembles wie das seinerzeit glänzende Trio Italiano d’archi mit Fran-

co Gulli, Bruno Giuranna und Giacinto Caramia haben sich nur zeitweise gehal- ten. Doch finden sich immer wieder gro- ße Solisten, so etwa vor 1933 Szymon Goldberg, Paul Hindemith und Emanuel Feuermann. Feuermann spielte nach der Emigration in die USA mit Jascha Hei- fetz und William Primrose, ihre Aufnah- me des einzigartigen Mozart-Divertimen- tos KV 563 gehört zu den Inkunabeln der Schallplattengeschichte. Auch Leonid Kogan, Rudolf Barshai und Mstislaw Rostropowitsch oder Itzhak Perlman, Pinchas Zukerman und Lynn Harrell wollten sich die Abenteuer von Beetho- vens Streichtrios nicht entgehen lassen. Fünf Stücke, alle vor 1800, schrieb der junge Komponist, der Mozarts Es-Dur- Divertimento KV 563 kannte. Opus 3 knüpft in Tonart und Satzzahl an Mozart an, Opus 8 trumpft als witzig-virtuose Serenade auf, die drei Stücke aus Opus 9

in G-Dur, D-Dur und c-Moll werden von manchen als Studien zu seinen Sympho- nien gesehen. Beethoven reizte es, mit drei Instrumenten geradezu orchestrale Wirkungen zu erzielen. Genau das verwirklichten Frank Peter Zimmermann, Antoine Tamestit und Christian Poltéra mit so raffinierter wie explosiver Regie der dynamischen, rhyth- mischen und rezitativischen Plötzlichkei- ten dieser Partituren. Was die drei in der Kunst des Ausspielens der Phrasen, der Transparenz der musikalischen Verflech- tungen, an Spontaneität des rhythmi- schen Timings in den rasanten Synko- pierungen der Scherzi oder an melodiö- sem Spannungsaufbau boten – es war ein Ereignis sondergleichen. Tamestit, Jahrgang 1979 und damit der Jüngste, herrschte unanfechtbar als harmonisches Zentrum des Geschehens. Dabei nicht nur begeisternd Viola spie-

lend, sondern oft auch die Rolle einer ver- deckten zweiten Violine übernehmend im vierstimmigen Satz für drei. Chris- tian Poltéra, 1977 geboren, zeigte mit elastisch kernigem Ton, wie gleichbe- rechtigt und eigenständig das Cello hier zu verstehen sei, als Gegenpart, Grund- bass, als virtuoser Dialogpartner und Dritter im Bunde der Ebenbürtigen. Frank Peter Zimmermann endlich entfaltete die herausfordernden Violin- parts mit unerschöpflicher Klangphan- tasie, prägnanter Pointierung und so lässig gebotener wie schwindelerre- gender Geschwindigkeit im Prestofinale des dramatischen c-Moll-Trios oder im Prestissimo des extrovertiert-brillanten G-Dur-Trios. Als die drei mit diesem Sturm endeten, antworteten sofort wilde Ovationen. Zum Dank ein Satz aus Mozarts KV 563 – Wärmestrom der Musik. HARALD EGGEBRECHT

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Das Prinzip Kochtopf

Die Frankfurter Städelakademie setzt in

der Ausbildung auf Theorie

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Das Elefantengeschenk

José Saramagos letzter Roman erzählt von der Reise eines Dickhäuters Seite 14

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Sind so harte Kinder

Ein sehr erwartbarer ARD-Film über kriminelle Jugendliche Seite 15

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Der evolutionäre Sinn des Leids

Gene für Diabetes und Rheuma schützen

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