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schweiz. BaZ | Dienstag, 17.

August 2010 | Seite 5

nachrichten
Frischer Wind
in der Rhonestadt
AKW Beznau wird
für Revision abgestellt
Döttingen. Der Reaktorblock 2
des AKW Beznau in Döttingen (AG)
geht heute für die Jahresrevision
Stadtpräsidentin Sandrine Salerno (SP, 39)
vom Netz. Während der rund ein- verkörpert das moderne Gesicht Genfs
monatigen Revision werden Brenn-
elemente ausgewechselt und Arbei-
ten am Reaktordruckbehälter vorge-
nommen. Wie der Energiekonzern Denise Lachat, Genf
Axpo gestern weiter mitteilte, wer- Sie setzt auf moderne Kommunika- fasernetzes ist es im Moment nicht ein-
den 20 neue Brennelemente in den tionsmittel und bezog in ihrer Amts- fach.»
insgesamt 121 Elemente zählenden zeit in der Genfer Exekutive fünf Brücken bauen, Nähe schaffen: Die-
Brennstoffkern eingesetzt. Bei der ­Monate Mutterschaftsurlaub. Seit sen Ansatz verfolgt Salerno auch im
Jahresrevision würden zudem wich- Juni präsidiert Sandrine Salerno für Verhältnis zwischen der lokalen Bevöl-
tige Komponenten und Systeme ein Jahr die Genfer Stadtregierung. kerung und den 40 000 Angestellten
überprüft. Die Abschaltung dauert Weltläufig, multikulturell, offen des internationalen Genf. Denn was
dieses Jahr länger als üblich. Wie und avantgardistisch: Genf geniesst bei Touristen und Geschäftsleute aus aller
beim Reaktorblock 1 werden ge- Auswärtigen ein derart unschweize- Welt an Genf fasziniert, wird der Stadt-
mäss Axpo vorbeugend Kernumfas- risch-modernes Image, dass manchmal bevölkerung manchmal schlicht zu viel.
sungsschrauben der Tragstruktur vergessen geht, dass die Realität noch Jüngstes Beispiel ist der Streit um den
innerhalb des Reaktordruckbehäl- nicht ganz Schritt hält. So war Genf Ausbau des Sitzes der Welthandels­
ters ersetzt. SDA zwar einer der ersten Kantone, der den organisation WTO. Salerno verteidigte
Frauen das Stimmrecht einräumte. Auf ihn in der Öffentlichkeit mit Erfolg, das
Innerrhoder Finanzchef Regierungsbeteiligung in Staat und Ge- Referendum der Kritiker fiel durch, und
meinden mussten die Frauen allerdings inzwischen haben auch andere interna-
tritt zurück lange warten; heute noch sind sie in tionale Organisationen ihr Interesse an
Appenzell. Der Innerrhoder Sä- den Exekutiven klar untervertreten. der Bevölkerung entdeckt.
ckelmeister Sepp Moser (60) tritt an Da ist die einzige Frau in der Stadt- Nach der WTO öffneten kürzlich
der Landsgemeinde 2011 aus ge- regierung wohl ein Glücksfall für die auch die Weltorganisation für geistiges
sundheitlichen Gründen aus der Rhonestadt: Die einen applaudierten, Eigentum und die UNO ihre Türen fürs
Standeskommission zurück, wie die die anderen nannten es einen Skandal, Publikum. Begeistert spricht Salerno
Ratskanzlei gestern mitteilte. Der Fi- doch Sandrine Salerno setzte ihren Wil- von den Vorteilen des «multikulturellen
nanzdirektor musste sich einer len durch und bezog wie geplant ihren Reichtums», wenn sie Auswärtigen ihre
Herzoperation unterziehen. Der Ein- Mutterschaftsurlaub. Fünf Monate lang Stadt erklärt. «Genf ist mit ihren
griff sei zwar gut verlaufen und Mo- versah die SP-Politikerin ihr Vollamt als 180 000 Einwohnern eine kleine Stadt,
ser habe im Mai dieses Jahres sein Stadträtin von daheim aus, nur für die aber sie verfügt über sämtliche Einrich-
Amt nach einem kurzen Unterbruch wöchentlichen Regierungssitzungen tungen einer Grossstadt», sagt sie.
wieder aufnehmen können, heisst fuhr sie weg. Das war im August 2008,
es im Communiqué. Die gesund- und heute ereifert sich niemand mehr KEIN DEUTSCH. 46 Prozent beträgt der
heitlichen Probleme seien Moser über das Verhalten der Mutter von zwei Anteil der ausländischen Wohnbevöl-
aber Zeichen genug, die Belastung Kindern, die selbstbewusst auf die Ver- kerung. Wer auf der Strasse auf Eng-
zu reduzieren. Der Christlichdemo- einbarkeit von Politik und Familien­ lisch, Italienisch, Spanisch oder Portu-
krat war 2007 von der Innerrhoder leben pocht. giesisch um eine Auskunft bittet, erhält
Landsgemeinde in die Standeskom- in allen möglichen Idiomen Antwort.
mission gewählt worden. SDA BÜRGER-BLOG. Seit Juni dieses Jahres Beim Deutschen aber kommen die
präsidiert die 39-Jährige nun für ein meisten Genfer ins Schleudern, und der
Jahr turnus­gemäss die Stadtregierung, Stadtpräsidentin geht es dabei gleich.
und die Abläufe bei ihr zu Hause sind Deutsch, Schweizerdeutsch gar?
längst eingespielt: Den Haushalt erle- Salerno schüttelt entschuldigend den
digt eine Angestellte, Ehemann und Kopf. Sie ist zwar in Genf geboren und
Mutter helfen mit bei der Kinderbetreu- seit ihrem 16. Lebensjahr eingebürgert, «Eine ganz andere Facette der Schweiz». Sandrine Salerno – hier in der Alt-
ung, «und einkaufen kann man heute ja als Kind einer Französin und eines Itali- stadt von Genf – will sich mehr auf die Deutschschweiz ausrichten.  Foto Thierry Parel
auch via Internet». eners hat sie die Deutschschweiz aber
Salerno nutzt die modernen Kom- erst als Erwachsene entdeckt. «Ohne und Italienisch auf : Salernos Ehemann, nach französischem Vorbild «maire»
munikationsmittel für ihr Privatleben Familienbande fehlte der Bezug.» Auch der Genfer SP-Nationalrat Carlo Som- genannt wird. In diesem Bereich müsse
genau so selbstverständlich, wie sie als ihre Kinder wachsen mit Französisch maruga, stammt aus dem Tessin. sich Genf zweifellos mehr anstrengen,
Stadtpräsidentin auf Twitter, Facebook Genf begreift sich eben zuerst als findet Salerno, denn von der Internati-
und einen Bürger-Blog setzt. Vor allem Weltstadt und erst nachher als Teil der onalität der Stadt profitiere ja auch die
Foto Keystone

der Bürger-Blog ist ihr ein Anliegen, um Linke Regierung Schweiz. Dass die Genfer deswegen kei- übrige Schweiz. Zudem wurzle mit dem
die Politik aus dem Stadtpalais hinaus ne richtigen Patrioten seien, sollen die Protestantismus ein Teil der Schweizer
unters Volk zu bringen und sich gleich- Genf. Genf wird von vier Män- «compatriotes» aber nicht denken. Sa- Geschichte in Genf.

Streit um Spitex zeitig ein Bild von den Bedürfnissen der


Einwohner zu machen, wie sie sagt.
nern und einer Frau regiert. Der
«Conseil administratif», wie die
lerno drückte vor der Bundesfeier Besu-
chern jeweils ein Festplakat für den
«Genf zeigt eine ganz andere Facet-
te der Schweiz, es lohnt sich, diese zu
Exekutive in der Rhonestadt 1.  August in die Hand. «Schliesslich entdecken», wirbt die Stadtpräsidentin
Bern. Die privaten Spitex-Organisatio- ewige meckerer. Die Genfer machen heisst, ist abgesehen vom Frei- wird der Anlass neu von der Stadt orga- für einen Besuch ihrer Stadt. Diese Bot-
nen sind unzufrieden mit der Umset- auf dem Blog ihrem Ruf als ewige Me- sinnigen Pierre Maudet in linker nisiert», begründet sie ihr Vorgehen. schaft trägt Salerno jetzt auch in den
zung der neuen Pflegefinanzierung in ckerer alle Ehre und schimpfen über die Hand. Die Amtskollegen von Schweizerischen Städteverband.
den Kantonen. Private Organisationen unzähligen Baustellen in der Stadt. Än- Stadtpräsidentin Sandrine Sa- Nach Frankreich orientiert. Dass Nachdem Genf an den Sitzungen
würden diskriminiert, monieren sie. dern kann die Stadtpräsidentin daran lerno (SP) sind der Grüne Patri- Genf sich in der Deutschschweiz des Verbands häufig durch Abwesen-
«Wir fordern die Gleichbehandlung al- wenig, aber Verständnis zu zeigen brin- ce Mugny, Manuel Tornare von «schlecht verkauft», räumt Salerno heit geglänzt hat, nimmt Sandrine Sa-
ler Leistungserbringer», sagte Rudolf ge schon viel, stellt sie fest. «Ich weiss, der SP und Rémy Pagani von ohne Umschweife ein. Es sei wahr, dass lerno seit dem Ende ihres Mutter-
Joder, SVP-Nationalrat und Präsident mit dem gleichzeitigen Ausbau der der Linksaussenformation «A sich Genf stärker nach Frankreich aus- schaftsurlaubs 2009 nun regelmässig
des Verbandes der privaten Spitex- Tramlinien und der Verlegung des Glas- gauche toute». dl richte, sagt die Stadtpräsidentin, die daran teil.
Organisationen, gestern vor den Me-
dien in Bern. Dies sei auch im Interes-
se der Patientinnen und Patienten,
denn mit dem steigenden Pflege­
bedarf brauche es die privaten Anbie-
Bürgerliche warnen vor einem Nein Asylbewerber
sind versichert
ter. Die neue Pflegefinanzierung tritt Komitee präsentiert Argumente für die Revision der Arbeitslosenversicherung
nächstes Jahr in Kraft. Ein grosser
Krankenkasse obligatorisch
Teil der Pflegekosten wird durch ei-
nen national festgelegten Tarif ge-
deckt, der über die Krankenversiche- Ein Nein zur Revision der Arbeitslo- die ALV-Vorlage beim Volk durch, wol- lastungen, die auf die Arbeitnehmer Neue Verordnung. Abgewiesene Asylbe-
rungen abgerechnet wird. SDA senversicherung führe zu höheren le der Bundesrat die Lohnabzüge um zukommen würden. werber dürfen künftig nicht mehr aus der
Lohnabzügen, erklärt ein Komitee. 0,5 Prozent erhöhen. Das sei mehr als Auf Anfang des nächsten Jahres obligatorischen Krankenversicherung aus-
Diesem gehören Parteien von der doppelt so viel wie die 0,2 Prozent, die würden die Lohnabzüge bereits um geschlossen werden. Am 1. Januar 2011
SVP bis zu den Grünliberalen an. Bundesrat und Parlament in der Geset- 0,2 Prozent erhöht für die Mutter- dürfte eine entsprechende Verordnung in
Aargau fördert sozial Die bürgerlichen Parteien warnen zesrevision vorschlagen. schaftsversicherung. Und die Mehr- Kraft treten. Wiederholt hatte die Organi-
benachteiligte Familien vor einem Nein zur Revision der Ar- Laut BDP-Ständerat Werner Lugin- wertsteuer werde zur Sanierung der IV sation SOS Rassismus den von mehreren
beitslosenversicherung (ALV) am 26. bühl (BE) bedeutet dies für Menschen um 0,4 Prozent angehoben. Zusätzlich Kantonen praktizierten «juristisch illega-
Aarau. Rund 90 sozial benachtei- September. Ein Nein führe dazu, dass mit einem Einkommen von 69 876 drohe ein Prämienschub bei den len Ausschluss» von abgewiesenen Asylsu-
ligte Familien sollen im Kanton Aar- die Lohnabzüge stärker angehoben ­Krankenkassen. chenden aus der Grundversicherung kriti-
gau von einem Frühförderprogramm würden als mit der Revision. Dies sei siert – zuletzt gestern an einer Medienkon-
profitieren können. Der Kanton will eine zu hohe Belastung für Lohnbezü- Junge weniger lang arbeitslos. ferenz in Bern. Inzwischen wurde aber
mit dem auf drei Jahre begrenzten ger und Wirtschaft. Angesetzt wird auch bei jungen Men- eine Lösung gefunden, wie Jean-Marc
Programm vor allem die Startchan- «Ein Nein ändert nichts daran, dass schen. Da sie in der Regel schneller Crevoisier, Sprecher des Eidgenössischen
cen der Kinder verbessern. Das die ALV saniert werden muss», erläu- eine Arbeitsstelle finden würden, sei es Departements des Innern (EDI), sagte.
Projekt kostet 650 000 Franken. In terte CVP-Nationalrat Urs Hany (ZH) vertretbar, ihre Bezugsdauer auf neun EDI-Chef Didier Burkhalter und Justizmi-
den Genuss der Unterstützung gestern vor den Bundeshausmedien
alv-revision Monate zu kürzen, sagte die grünlibe- nisterin Eveline Widmer-Schlumpf hätten
kommen vorerst Familien in den die Haltung des bürgerlichen Komitees Abstimmung vom rale Zürcher Ständerätin Verena Die- in dieser Angelegenheit einen Grundsatz-
Gemeinden Rheinfelden und Woh- «Sichere Arbeitslosenversicherung 26. September 2010 ner. Im Schnitt seien junge Menschen entscheid gefällt.
len sowie in deren Umgebung, wie Ja». Diesem gehören SVP, CVP, FDP, nur sechs Monate arbeitslos. Nur gera- Dem Bundesrat sei es ein Anliegen,
das Sozial-Departement mitteilte. BDP und die Grünliberalen an. (mittlerer Schweizer Bruttolohn) de vier Prozent der jungen Arbeitslo- dass auch abgewiesene und mit einem
Ziel sei es, die Startchancen der Das Gesetz zwinge den Bundesrat Mehrkosten von 175 Franken statt den sen seien lange Zeit ohne Stelle. Nichteintretensentscheid belegte Asyl­
Kinder in der Schule zu verbessern zu handeln, wenn die Schulden ein be- vorgeschlagenen 70 Franken. «Damit Mehrere Gewerkschaften und die bewerber grundversichert seien, sagte
und die Gesundheit der Familien zu stimmtes Niveau erreicht haben. Dies ist gerade für die mittleren und tiefen Sozialdemokraten haben gegen die Crevoisier. Das Dossier liegt nun bei den
stärken. Die Kosten werden durch sei heute der Fall: Denn Ende Juni hat Einkommen das Mass des Zumutbaren Vorlage das Referendum ergriffen. Sie zuständigen Ämtern, die eine Ausfüh-
den Fonds des Alkoholzehntels ge- das Sozialwerk Schulden vom sieben überschritten», sagte Luginbühl. Denn eröffnen ihren Abstimmungskampf rungsverordnung ausarbeiten. Demnächst
deckt. SDA Milliarden Franken angehäuft. Falle dies seien nicht die einzigen Mehrbe- heute Dienstag. gebe es eine Vernehmlassung dazu. SDA