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Sackgasse Atomenergie

Uranhexafluorid – ein gefährlicher Stoff


zwischen Uranabbau und Brennelement
Uran ist der Rohstoff der Atomenergie, UF6 – flüchtig, giftig, radioaktiv …
nötig, um den „Brennstoff“ für Atom-
kraftwerke herzustellen. Bereits der UF6 ist leicht flüchtig, radioaktiv und sehr
Uranabbau verwüstet ganze Landstri- giftig. Es ist nicht brennbar und beständig
che und belastet Arbeiter wie Umwelt in trockener Luft – aber es reagiert be-
durch Stäube, Ablüfte und Abwässer. sonders lebhaft mit Wasser, d.h. auch mit
Natururan enthält noch nicht einmal ein Luftfeuchtigkeit. Bei dieser Reaktion bildet
Prozent spaltbares Uran-235, für den sich aus UF6 Uranylfluorid (das giftig und
Einsatz im AKW muss dessen Anteil auf leicht wasserlöslich ist) und Fluorwasser-
drei bis fünf Prozent erhöht werden. stoff (das ab Zimmertemperatur ein Gas
ist, in wässriger Lösung auch Flusssäure
genannt – Flusssäure verursacht schwere
Der Weg vom Uranerz zum UF6 Verätzungen).

Uranerz wird zu Uranoxid weiterverarbei-


tet, das einen Anteil spaltbarer Uranisoto- … und gefährlich im Umgang!
pe (U-235) von rund 0,7 Prozent hat. Für
den Einsatz in Atomkraftwerken muss die- Der Umgang mit UF6 birgt aufgrund der
ser Anteil erhöht, angereichert, werden. physikalischen und chemischen Eigen-
Das Uranoxid wird dafür in eine Verbin- schaften ein hohes Gefahrenpotenzial:
dung überführt, die einen gasförmigen Zu-  Temperaturerhöhung kann zum
stand einnehmen kann. Aus Uranoxid wird schnellen Druckaufbau in ge-
in Uranhexafluorid (UF6), eine Verbindung schlossenen Behältern führen (Ge-
aus Uran und Fluor, hergestellt. In Anrei- fahr der Behälterbeschädigung).
cherungsanlagen wird der U-235-Anteil im
 UF6 kann sich über die Luft schnell
Uran des gasförmigen UF6 erhöht.
ausbreiten, da es mindestens zum
Es gibt mehrere mögliche Anreicherungs- Teil gasförmig ist (der Anteil ist
verfahren. Bei dem in Deutschland ange- temperaturabhängig).
wendeten Gas-Zentrifugen-Verfahren wird
das gasförmige UF6 in Zylinder eingespeist  UF6 reagiert sehr schnell mit Was-
und dort in Rotation versetzt. Mittels Zent- ser. Die Reaktionsprodukte Ura-
rifugalkraft werden die Uranisotope durch nylfluorid und Fluorwasserstoff
sind leicht löslich und können sich
ihr unterschiedliches Gewicht getrennt:
daher schnell ausbreiten.
UF6 mit bestimmter Isotopenzusammen-
setzung sammelt sich entsprechend in
verschiedenen Bereichen der Zentrifuge
Die Gefährdung für Mensch und Umwelt
und kann so getrennt abgezogen werden.
ergibt sich aus der radiologischen Giftig-
Giftig-
Der Prozess wird viele Male in hintereinan-
keit von UF6 bzw. Uranylfluorid (Uran ist
der geschalteten Zentrifugen wiederholt,
ein Alphastrahler, d.h. besonders gefähr-
um auf den notwendigen Anteil des spalt-
lich, wenn er in den Körper aufgenommen
baren U-235 zu kommen.
wird) und der chemischen GifGiftigkeit von
Das angereicherte UF6 wird in Brennele- UF6, Uranylfluorid bzw. Fluorwasserstoff.
mentfabriken in Urandioxid umgewandelt
und zu Brennelementen verarbeitet.

Spendenkonto
Postbank, KTO: 2 061 206, BLZ: 200 100 20
Greenpeace ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt. Spenden sind steuerabsatzfähig.
Die Wirkung des Urans als Schwermetall UF6-Anlagen in der BRD
ist der Grund für die Toxizität der Uran
Uranver-
ver-
bindungen:
bindungen Für die Urananreicherung ist in Deutsch-
land seit 1985 eine Anreicherungsanlage
 Die zulässige Urankonzentration in im westfälischen Gronau in Betrieb, die
der Luft beträgt für Beschäftigte Teil der URENCO-Gruppe ist – eine Ge-
(gesundheitlich überwachte Perso- sellschaft britischen Rechts mit Hauptsitz
nen) ca. 0,2 mg/m3. in den Niederlanden. Beteiligungen besit-
 In Großbritannien darf die Uran- zen der britische / niederländische Staat
konzentration in der Luft nach (je ein Drittel) sowie die Energiekonzerne
Störfällen maximal über 10 Minu- RWE und E.ON (zusammen ein Drittel).
ten 0,9 mg/m3 betragen. Die seit 2005 genehmigte Kapazität be-
 Nach Strahlenschutzverordnung trägt 4.500 t Uran pro Jahr. Gegenwärtig
dürfen nicht mehr als 2,5 mg lösli- liegt die installierte Kapazität laut Betrei-
chen Urans eingeatmet werden. berangaben bei 2.750 t pro Jahr (Stand:
Ende 2009). Sie soll nach Bedarf durch
 Die für Menschen tödlich wirkende Zubau von Zentrifugen bis zur Endkapazi-
Dosis bei kurzfristiger Aufnahme tät gesteigert werden. Nicht nur für die
beträgt 70 mg Uran. Brennelementeherstellung in Deutschland
 60 mg UF6 á Liter Wasser sind für wird das angereicherte Uran genutzt (die
Fische tödlich. Brennelementfabrik in Lingen besitzt ent-
sprechende Anlagen): Gronau ist Dreh-
scheibe im internationalen Atomgeschäft.
Fluorwasserstoff wirkt als Gas und als Immer wieder treten auch in Gronau mel-
Flusssäure ätzend. Bei Einwirkung von depflichtige Ereignisse auf, z.B. im Januar
außen auf einen Organismus verursacht es 2010 – hier wurde UF6 freigesetzt und ver-
sehr schwere, nur langsam heilende und letzte einen Arbeiter.
äußerst schmerzhafte Verletzungen. Wird
es eingeatmet, werden die Schleimhäute
von Nase und Rachen sowie die Lunge Wohin mit dem restlichen UF6?
geschädigt.
Durch den Anreicherungsprozess fällt
 Die zulässige Fluorwasserstoffkon- zwangsweise etwa sieben mal soviel UF6
zentration in der Luft beträgt für mit einem geringeren U-235-Anteil an –
Beschäftigte (gesundheitlich über- abgereichertes UF6. Weltweit stellt dessen
wachte Personen) ca. 2 mg/m3. Zwischenlagerung ein relevantes Sicher-
 In den USA darf die Fluorwasser- heitsrisiko dar. Abgereichertes UF6 wird –
stoffkonzentration in der Luft nach teils tausendfach – in Transportbehältern
Störfällen maximal über 30 Minu- auf großen Freiflächen ohne jeglichen
ten 4 mg/m3 betragen. Schutz vor Wettereinflüssen oder Angriffen
von außen zwischengelagert. Bei länger-
 Die für Menschen tödlich wirkende
fristiger Zwischenlagerung korrodieren die
Fluorwasserstoffkonzentration in
Behälter, das kann zu Einschränkungen
der Luft bei Aufnahme über 30 bis
der Handhabung führen, im Extremfall zu
60 Minuten beträgt 40 mg/m3.
Freisetzungen.
 Bei mehreren Pflanzenarten sorgt
Aus der BRD wurde im vergangenen
die kurzzeitige Einwirkung einer
Jahrzehnt abgereichertes UF6 – als Wert-
Fluorwasserstoffkonzentration in
stoff deklariert – von Gronau nach Russ-
der Luft von 0,01 mg/m3 für nach-
land transportiert. Dort soll es kosten-
haltige Schädigungen.
günstig wieder nutzbar, sprich auf den
„Ausgangswert“, angereichert werden. De
facto ist diese Verschieberei letztlich eine
günstige Entsorgungsmöglichkeit – so

Text: Alexandra Boehlke, V.i.S.d.P.: Heinz Smital, Stand: 02/2010


verbleiben (gemäß international üblicher aber bei den Auswirkungen eines Trans-
Praxis) die beim erneuten Anreicherungs- portunfalls relevant.
prozess entstehenden, weiter abgerei-
Die Behälter können bei einem Unfall
cherten Urananteile beim jeweiligen
durch mechanische und / oder thermische
Dienstleister.
Einwirkung beschädigt werden. Verschie-
Das UF6 lagert in Russland seit Jahren in dene Unfallszenarien wurden in der Ver-
seinen Transportbehältern, teilweise unter gangenheit durchgespielt, mögliche Aus-
extremen klimatischen Bedingungen, z.B. wirkungen auf Mensch und Umwelt be-
im Sibirischen Chemiekombinat Sewersk. schrieben. Käme es zum Beispiel bei ei-
Nur ein geringer Teil wurde bis dato wie- nem Bahn- oder LKW-Unfall zu einem
der angereichert und aus Russland zu- Aufprall des Behälters bei einer Ge-
rücktransportiert. schwindigkeit < 100 km/h auf eine wider-
standsfähige Fläche und würde aus dem
Die Verträge mit Russland liefen Ende
aufgerissenen Behälter UF6 austreten, so
2009 aus, das abgereicherte UF6 wird
bestünde im Nahbereich der Unfallstelle
künftig in der BRD gelagert werden müs-
allein aufgrund der hohen HF-
sen. Neben den betrieblichen Zwischenla-
Konzentration in der Luft akute Lebensge-
gern der Anlagen Gronau und Lingen gibt
fahr. Auch in 200 m Entfernung wäre eine
es noch ein eigenständig genehmigtes
HF-Konzentration zu erwarten, die bereits
Zwischenlager am Standort Lingen. Wird
bei einminütigem Aufenthalt schwere Ge-
das abgereicherte UF6 mangels Verwend-
sundheitsschäden zur Folge hätte.
barkeit als Abfall deklariert, muss es lager-
fähig gemacht und endgelagert werden. Bei einem mehr als 30 Minuten andauern-
den Brand mit einer Temperatur von über
800°C wäre die Freisetzung einer größe-
UF6-Transporte – nicht nur quer ren Menge UF6 denkbar. Im Nahbereich
durch Europa der Unfallstelle bestünde dann aufgrund
der hohen HF-Konzentration in der Luft
UF6 wird in Deutschland mit Uran in jegli- akute Lebensgefahr. Noch in 100 m Ent-
cher Isotopenzusammensetzung und per fernung wäre eine HF-Konzentration zu
Bahn, LKW und Schiff transportiert. Zu- verzeichnen, die bei 30-60 Minuten Auf-
sätzlich zu den Transporten innerhalb von enthalt tödlich wäre. In 2 km Entfernung
/ aus Deutschland heraus gibt es noch könnte ein mehr als zehnminütiger Auf-
eine Reihe von Transittransporten, meist enthalt Gesundheit gefährdend sein. Briti-
auf dem Seeweg. Die Nord- und Ostsee- sche Störfallwerte für Uran wären noch in
häfen, insbesondere Hamburg und Bre- 10 km Entfernung überschritten.
men, haben eine besondere Bedeutung,
denn: Beim Umschlag in den Häfen wird Untersuchungen der französischen Strah-
UF6 Stunden, teils Tage, zwischengelagert. lenschutzbehörde zu Auswirkungen nach
thermischem Versagen von UF6-Behältern
Für den Transport existiert eine Vielzahl ergaben irreversible Schädigungen bei
von Transportbehältertypen
Transportbehältertypen mit jeweils Menschen durch chemisch toxische Wir-
unterschiedlichen Sicherheitsanforderun- kungen noch in Entfernungen von 4,9 km.
gen: Für UF6 mit natürlichem oder abge- In 1,6 km Entfernung können Strahlenbe-
reichertem Uran wird der Behältertyp 48Y lastungen von 10 mSv auftreten.
genutzt, für UF6 mit angereichertem Uran
hauptsächlich der Behältertyp 30B. Die
Sicherheitsanforderungen sind an den Kri- Am Beispiel des Uranhexafluorids wird
terien der radiologischen Toxizität und der deutlich, dass die Risiken der Atomener-
Einhaltung der Unterkritikalität orientiert. gie nicht nur von den laufenden Reaktoren
Daher sind für nicht angereichertes UF6 die ausgehen, sondern von der gesamten
Behälteranforderungen geringer. Allerdings Produktionskette. Schon der Uranabbau
wird dabei die chemische Toxizität außer in den Uranminen ist äußerst problema-
Acht gelassen, die für UF6 immer gleich ist tisch. Ungeschützte Atomtransporte rollen
(unabhängig vom U-235-Anteil) – diese ist

Spendenkonto
Postbank, KTO: 2 061 206, BLZ: 200 100 20
Greenpeace ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt. Spenden sind steuerabsatzfähig.
beinahe täglich durch Deutschland. Ein
sicheres Endlager für hochradioaktiven
Atommüll existiert weltweit nicht.
Greenpeace fordert deshalb eine grundle-
gende Umstrukturierung der Energiever-
sorgung: den Atomausstieg bis 2015, ei-
nen sukzessiven Kohleausstieg bis 2040,
die Förderung der dezentralen und hoch-
effizienten Strom und Wärmeerzeugung –
ein umfassendes Energiekonzept wurde
von Greenpeace vorgelegt, s.
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Text: Alexandra Boehlke, V.i.S.d.P.: Heinz Smital, Stand: 02/2010