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und die Gesellschaft für sie dasselbe sind, führen zumindest einige Chaotiken des Werdens in Raume, die vor und auGerhalb der Gesellschaft liegen. Deshalb bleibt alies Werden einerseits dem Heiligen und andererseits dem verbunden, was wir heute die Natur nennen, wahrend die Gesd1ichte sowohl das Heilige a1 auch die Natur ganzlich auf die Gesellschaft reduzieren will. Wir werden diesen dunklen Punkt hier irnmer wiedcr angehen.

.

2.3.4

Zurück zur Politik. Dass auch sie mit dem Akt und mit der Kommunikation der Transimmanenz nicht zu Rande gekommen ist, belegt da Schicksal de Marxismus-Leninismus. Wenn er in1 20. Jal1rhundert den Enthusiasmus von Millionen und darin von ungezahlten Einzelnen mobilisieren konnte, dann weil er ihren Sinn für Transimmanenz, also ihren Sinn für ein Anderswer­ den der Welt im Ganzen und für die existenzielle Nachfolge in dieses Anders­ werden anzurufen vermochte: den proletarischen Sinn für das »absolute Para­ dox« der )>letzten Klasse« und den Akt i.hrer »Menschwerdung« im deshalb auch so genannten »Neuen Menschen« der klassenlosen Gesellschaft. Seine Gegner*innen haben das treffsicher mit der stets verleumderisch gemeinten Behauptung guittiert, dass der Marxismus-Leninismus eine »Ersatzreligion« gewesen sei. Zu seinem Elend gehêirt, dass er sich dagegen, statt mutig und frei auf sich selbst zu bestehen, in den Stumpfsinn des »wissenschaftlichen Sozi­ alismus« verbunkert und, nur scheinbar paradox, im glcichen Zug die Par­ tei zur Kirche ausgebaut hat: mit den allseits bekannten Folgen, letztendliche Gêitterdammerung inbegriffen.

Mit dem Ende des Marxismus-Leninismus ais der geschichtlichen Vorbe­ dingung des liberalen Endes der Geschichte ist das Problem einer Politik der Transimmanenz noch einmal dringlicher geworden. Deshalb hangt der Neu­ beginn der Geschichte heute an der Neugründung einer Linken, die sich selbst wieder ais Partei eines Anderswerdens der Welt im Ganzen verstehen kêinnte. Wenn das nicht mehr in der Form einer marxistisch-leninistischen Partei geschehen darf und kann, bleibt die Aufgabe selbst gerade deshalb immer auch eine Formsache, d. h. eine Sache des Wie. Sie ist zum einen die Sache des Akts, in dem ein vom Ruf getroffenes freies Wesen seine Begierde nach

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Grarnsci, also unter Berufung eben nicht auf eine Politologen, Soziologen oder Ókonornen, sondem aufeinen weiteren Philosophen. Radikaler als andere hat der Mitbegründer der Partito Comunista ltaliano und Autor der Gefangni. - hefte schon in den 1920er Jahren ein rnogliches Ende kornrnunistischer Bewe­ gung une\ deshalb einen Neubeginn solcher Bewegung in den Blick genorn­ men: darin liegt seine Aktualitat, das macht ihn zum Zeitgenossen noch der Kommunismus-Debatte des frühen 21. Jahrhunderts. Ich folge dem jetzt in o­ weit, ais ich ihn selbst zurn Sprecher des seinem Namen verpflichteten Mar­ xismus mache und den Postrnarxismus Hardt/Negris une\ Badiou/Ziieks erst danach zu Wort kommen lasse. Zurn Leitfaden nehme ich dabei den alie

Protagonist*innen - auch Gramsci! - urntreibenden Begriff des Ereignisses. Das vorlaufige Schlusswort i.iberlasse ich dann dem zwar polizeilich akten­ kundigen, ansonsten aber bis zum heutigen Tag anonym gebliebenen Kollek­ tiv Tiqqun. Die in Frankreich lebenden Theoretiker*innen une\ Aktivist*innen verstehen die ganze Debatte nicht bloB postmarxistisch, postoperaistisch und poststruktural, sondem postapokalyptisch. Bleibt die »wirkliche Bewegung<< fi.ir sie logisch die Sache aller, ist sie faktisch zunachst die Sache vereinzelter Kommunen, in denen radikal auf sich gestellte Einzelne gemeinsam einen vielleicht schon verlorenen Posten beziehen (vgl. Quellen). Indem ich nicht nur die Kommunismus-Debatte, sondem die ersten vier Konstellationen unseres Erbes in der im Wortsinn randseitigen Position Tiqquns resultieren lasse, gewinne ich das eine Extrem meiner Phanomenologie des Geistes des Mai 68; das andere Extrem wird uns dann die fi.infte Konstellation erschlieBen.

5.1 Stellungs- und Bewegungskrieg

Wenn die Kommunismus-Debatte nach wie vor im Schatten Gramscis geführt wird, liegt das nicht nur da.ran, dass er unstrittig der wichtigste kommunisti­ sche Denker des 20. Jahrhunderts war. Es erschliefü sich auch in der Ve.rbin­ dung des erst in den letzten Jahrzehnten prominent gewordenen Begriffs de Ereignisses mit den selbst schon ereignistheoretischen Begriffen seines Den­ kens: denen des Bewegungs- bzw. Frontalk.riegs einerseits, des Stellung - bzw. Schi.itzengrabenkriegs andererseits (vgl. Quellen). Dabei gehort das Ereignis beiden Formen des Klassenk.riegs an - auch wenn der Bewegungskrieg auf

und bezeichnet damit den Übergang von einer (vielleicht) zu vollendenden

Geschichte in die keinem Ende verpflichteten Werden: »Es gehórt namlich

zum Begriff allerRechte

(...

), dass sie das >Recht< einschlieBen, sich ihrer nicht

zu bedienen. Wer immer dazu geneigt ist, kann auf die Wahrnehmung de Rechts auf Eigentum und auf Sicherheit, kann auf die Nutzung des Wider­

standsrechts und selbst auf den Gebrauch des Rechts auf Freiheit verzichten.

Er verzichtet damit nicht auf das Recht, noch weniger verwirkt er e

, er

ver­

zichtet allein darauf, das Recht in

Anspruch

zu nehmen, an es zu appe

Uie­

ren und es zum Grund seiner Handlungen zu machen. (

...

) Dieses Vor-Rec

ht,

Rechte nicht zu gebrauchen, ist die in keiner Verfassung und keinerRech

t

de­

klaration explizierte, aber von jeder implizierte Freiheit vor dem Gesetz vor demRecht auf Freiheit.« Die bewusst drei Mal verwendete Bestimmung »vor« ist hier jewe

Und

ils im

logischen wie im faktischen Sinn, darin aber ais die Wahrheit zu verstehen,

nach der die Selbstbehauptung der Menschenwürde erst und allein im Anar­

chismus zu sich kommt, also in den gegebenenfa11s unsichtbaren und unhõr­

baren, darin aber

immer »unvernehmlichen« Revolten des Lebens,

pred1ens

und Arbeitens gegen jede identifizierende Vergesellschaftung.38 Ethisch und

politisch relevant ist die letztendliche Zuordnung des Menschenrechts zum

Anarchismus auch für

unsere Frage nach dem negativ-diaJektischen Verhaltni

der Geschichte und ihres móglichen Endes zu den noch über dieses Ende

hin­

austreibenden Werden: Indem das Menschenrecht (in seinen Elementarfor­

men desRechts aufRechte wie desRechtes, seine Rechte nicht zu gebrauchen)

noch und

gerade in einer societas perfecta das unverauBerliche Vor-Recht der

Einzelnen (einer

jeden und a1Jer Einzelnen) bleibt, ist in nicht zu überbiet

der Deutlichkeit ausgesprochen und festgehalten, dass selbst eine solche Gesell­ schaft keine »harmonische« sein wird und vom Gesichtspunkt der Freiheit her auch nicht ais eine solche gedacht werden darf. Das gilt dann auch und gerade

für die voranstehend entworfene Plattform des Guten Lebens: Der auf ihr au zutragende Streit um das Wahre und Schóne bleibt an die Freiheit einer jeden

38

Der

Begriff des

»Unvernehmens« geht

auf Ranciere

zurück

und

meint e1ne

Ent-Bindung aus dem •Einvernehmen«,

das jeder

Mehrheit,

jeder

Gouver­

nementalitat, jeder

Hegemonie,

Polis

und Sittlichkeit,

also dem

Man-Selbsl

zugrunde liegt.

 

71:

72:

74:

77:

78:

Rolf Merkle, So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen. S1ch annehmen, Freun d. schaft mil sich schlie/3en, den inneren Kritiker besiegen, Mannhe,m 200 1, 2

  • 7 u�

Auflage (!). Vgl. www.palverlag.de/seelische-widerstandsfaehigkeit.htm 1. Z

Kritik vgl. die Dokumentation des Sympos,ums F,t für die Katastrophe, Sttftu n g

medico international, Juni 2015, https://www.med1co.de/resilienz/

Vgl. dazu und für die hier folgenden Ausführungen die nie angemes sen e gewürdigte, doch nach wie vor brillante Studie von Ben Diettrich, Klassen. fragmentierung ,m Postfordismus. GeschlechtArbeitRassismusMarginafis,e. rung, Münster 1999.

Diettrich, Klassenfragmentierung 246; umseitig findet sich dort auch e1n e graphische Darstellung der hier skizzierten Klassenspaltungspyramide.

Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei: 465. ln- Dies., Werke Bd. 4, Berlin 1977: 459-493.

Heidelberger lnstitut für lnternational Konfliktforschung, http://www.h1ik.de/

de/konfliktbarometer/pdf/Confl ictBarometer _201 O. pdf

80:

81:

82:

83:

89:

90:

Mike Davis, Planet der Slums, Berlin/Hamburg 2007: 7.

Ebd.

Vgl. dazu auch den Hinweis Klaus Ronnebergers im Vorwort zur Neuausga. be: Ili. ln: Lefebvre, Revolution der Stt:Jdle: 1-XXI.

Doug Sanders, Arrival City, München 2011.

Vgl. Jôrg Diehl, Der Unscheinbare. Co-Pilot des Unglücksflugs. Sp1ege1 Online, 26. Milrz 2015, http://www.spiegel.de/panorama/germanw,ngs-co­ pilot-wer-war-andreas-1-a-l 02580 l .htm 1

Zit. nach Barbara Schmitt-Mattern, Nach dem Germanwings-Unglück. For­ derungen nach regelmt:Jssigen Psycho- Tests, Deutschlandfunk, 27. M/lrz 2015, http://www.deutschlandfunk.de/nach-dem-germanwings-unglueck-for­ derung-nach-regelmaessigen. l 783.de.html?dram :article_id=3 l 5529

92:

Marx/Engels, Manifest. 482:

93:

Karl Marx, Thesen über Feuerbach. ln: Marx/Engels, Werke Bd. 3: 533-555. Alie folgenden Zitate ebd.

98:

Sôren Kierkegaard, Abschlie/3ende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Phi­ losophischen Brocken, Düsseldorf 1959: 57 f.

Sôren Kierkegaard, Eine literarische Anzeige, Düsseldorf 1954.

Kierkegaard, Nachschrift: 55.

99:

Félix Guattari, Die drei Okologien, Wien 1994: 49, 69, 74, 76. Vgl. Ders., Chaosmose, Wien/Berlin 2014: 15, 165 f., 170 u. pass.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart 1972: 106.

100:

Sôren Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, München 1962. Das Bucl1 erschien ursprünglich unter dem Pseudonym Ant1-Climacus.

Friedrich Hôlderlin, Der Gang aufs Land. An Landauer. ln: St:Jmtliche Gedichte.