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Von Freidenkern und Gipfelkreuzen /f1~.' Juli, 2010

In letzter Zeit sorgten die Gründung der Freidenker-Sektion Wallis und das Thema Gipfelkreuze für
erstaunliches mediales Echo. Dazu kommt noch, dass vor allem die SVP und die CVP, nebst den
staatlich anerkannten Kirchen, andauernd von christlich-abendländischen Werten sprechen. Die
ganze Diskussion ist zu begrüssen und mehr als wünschenswert.
Astronomen schätzen, dass die Aussengrenze unseres Universums 13.7 Milliarden
Lichtjahre entfernt ist. In diesem unendlichen Universum gibt es Milliarden von Galaxien mit
wieder Milliarden von Sternen und Planeten, also ein Schöpfungsakt von unvorstellbarem Ausmass.
Unser Planet ist vergleichsweise nicht einmal ein Nadelpunkt in einem millionenfachen Pazifik.
Jeder der nachts in den Himmel schaut muss sich vor einem solchen Wunder verbeugen.
Auf der Basis eines total widersprüchlichen Buches verkünden Gotteswissenschafter uns
Laien, dass vor 2000 Jahren ein Mensch durch seinen Opfertod das ganze Universum von der
Erbsünde erlöste. Einer Erbsünde verursacht durch den Ungehorsam unserer Ureltern, die von der
verbotenen Frucht assen. Millionen die diese "Offenbarung" nicht glaubten, büssten dafür mit ihrem
Leben. Lichtlose Kerker, Scheiterhaufen und Verleumdung waren jahrhundertelang die Strafe für
Glaubenszweifel.
Obschon 80 Prozent der protestantischen Pastoren und 50 Prozent des katholischen Klerus
nicht mehr an die biblische Auferstehung glauben - von den andern Wundern gar nicht zu reden -
werden auch heute noch Glaubenskritiker verleumdet und diffamiert. Dass Jesus von Nazareth auch
keine Kirche gründete vernimmt ein Theologiestudent schon im zweiten Semester. Nur der gläubige
Laie darf die Ergebnisse der modernen Geschichtsforschung nicht vernehmen! Erfreulich ist jedoch,
dass sich in den letzten Jahren eine transkonfessionelle Spiritualität ausserhalb etablierter Kirchen
entwickelt, was auch vom gegenwärtig bekanntesten Mystiker im deutschsprachigen Raum,
Willigis Jäger, bestätigt wird.
Zum Thema Kruzifixe und Gipfelkreuze: Man muss ja beim Anblick des gefolterten Jesus
nicht unbedingt an den Erlöser des Universums denken. An das Kreuz wurde nämlich ein
spiritueller Rebell genagelt, der für seine Überzeugung und seinen Einsatz für Gerechtigkeit sogar
den Tod in Kauf nahm. Der Gekreuzigte inspirierte Millionen zu wohlwollendem und selbstlosem
Handeln. In seinem Namen wurden leider auch die schlimmsten Gräueltaten begangen. Das Kreuz
kann zudem Symbol für diejenigen gelten, die das ganze Pharisäertum und die Verfilzung zwischen
Klerus und Macht-Eliten durchschauen. Die Lehren des bescheidenen Wüstenpredigers werden
auch heute noch auf dem Buckel der belogenen und betrogenen Laien pervertiert und missbraucht.
Jeder der sich gegen die Mächtigen (ich unterstreiche: gegen die Mächtigen!) für Wahrheit,
mehr Gerechtigkeit, die Ausgebeuteten, die Schwächeren, die Umwelt etc einsetzt, bezahlt den
Preis der Diffamierung. Einer vom Vatikan neuesten so geächteten Befreiungstheologen, Helder
Camaro, äusserte sich präzise mit dem Satz: "Gebe ich den Armen zu essen, heisst's ein Heiliger.
Frage ich warum die Armen nichts zu essen haben, heisst's ein Kommunist!" Institutionstreue
Schriftgelehrte verleumdeten und verketzerten bis jetzt noch fast jeden ihrer bedeutesten Denker,
Weisen und Sozialaktivisten, von Meister Eckehart, Eugen Drewermann, Hans Küng, Leonardo
Boff, lohn Sobrino bis Willigis Jäger, von den weltlichen Pionieren der Menschheit von Kepler,
Galilei, Darwin, Einstein, Freud, Reich, Jung, Fromm, etc. gar nicht zu reden. Den römischen
Glaubenswächtern sind Menschen die es wagen selber zu denken, immer suspekt.
Was viele Bürger vergessen: Jeder gesellschaftliche Fortschritt schulden wir ehemaligen
Ketzern und Nestbeschmutzern. Wer die Evangelien kennt, weiss dass es Jesus auch heute nicht
anders ergehen würde! Dank den grössten Humanisten und den Freidenkern die jahrhundertelang
gegen die Macht der Kirchen kämpften, wäre ihm allerdings der Keuzigungstod erspart.

Marcel Rey
Zermatt / Feschel
Mehr zum Thema:

"Der gefälschte Glaube" Karlheinz Descllller


"Denn sie wissen nicht was sie glauben" Franz Buggle
"Das Ende des Glaubens" Sam Harris