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DES SCHULWERKS DER DIÖZESE AUGSBURG Sprachliches Gymnasium Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Gymnasium Q 12

DES SCHULWERKS DER DIÖZESE AUGSBURG

Sprachliches Gymnasium

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Gymnasium

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Gymnasium Q 12 Abiturjahrgang 2017 SEMINARARBEIT im W-Seminar

Q 12

Abiturjahrgang 2017

SEMINARARBEIT im W-Seminar Sozialkunde

Hat sich der Traum erfüllt?

Rassismus in den heutigen Vereinigten Staaten

Verfasser/in:

Kursleiter/in:

Abgabetermin:

Laura Klement Herr Fischer 08. 11. 2016

Gesamtnote:

(Note der schriftlichen Arbeit:

P.)

(Note der Präsentation:

P.)

(Unterschrift der Lehrkraft)

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

3

2. Hintergründe des institutionellen Rassismus in den USA

2.1 Begriffserklärungen

2.2 Sklaverei und Segregation

2.3 Diskriminierung von Afroamerikanern im 21. Jahrhundert

2.3.1.

Andauernde Segregation

2.3.3.

Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt

2.3.4.

Das amerikanische Justizsystem

2.3.5.

Polizeigewalt

3. Die heutige Situation als Beweis für die missglückte Reform der Vereinigten Staaten

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

5.1.

Literaturverzeichnis

5.2.

Onlineverzeichnis

5.3

Abbildungsverzeichnis

6. Schriftliche Erklärung

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1. Einleitung

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„I have a dream“, sagte Martin Luther 1963, und Millionen jubelten ihm zu, ihm, und seiner Vorstellung von einem Amerika, in dem niemand mehr aufgrund seiner Hautfarbe benachteiligt wurde. Die Vereinigten Staaten der 1960er Jahre waren allem Anschein nach dazu bereit, diesen Traum von der Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen wahr werden zu lassen. Doch ist dieser Traum tatsächlich in Erfüllung gegangen?

Die letzte Demonstration des Ku Klux Klans mit gewaltsamen Ausschreitungen liegt zu diesem Zeitpunkt einen Tag zurück 1 .Vergleichbar wäre diese Feststellung in Deutschland mit: "Gestern hat hier die NSDAP demonstriert." Offen gezeigter Rassismus ist in den USA keine Seltenheit, und im Gegensatz zu Deutschland musste eine dafür "verantwortliche" Gruppierung nicht einmal neu gegründet werden. Dieser Ku Klux Klan ist der gleiche wie der, der auf das Ende der Sklaverei mit Attentaten und Lynchmobs reagierte, und während den 1960ern Afroamerikaner, die im für weiße Passagiere bestimmten Teil eines Busses saßen, misshandelte und tötete. Doch wenn nicht einmal eine so offene Form von Rassismus in den USA verboten ist, wie steht es dann um potentielle andere Relikte aus circa 350 Jahren Diskriminierung in Form von Sklaverei und Segregation? Die 50 Jahre, in denen die USA vermeintlich in gesetzlicher Gleichberechtigung leben, wirken gegenüber mehr als drei Jahrhunderten verschwindend gering. Viele Menschen, die von diesem System unterdrückt worden sind, leben heute noch. Viele Menschen, von denen dieses System unterstützt worden ist, genauso. Inwiefern der Rassismus heute selbst noch in den Köpfen und der Struktur der USA weiterlebt, wird in dieser Arbeit darlegt.

2. Hintergründe des institutionellen Rassismus in den USA

2.1 Begriffserklärungen

Zunächst sind einige Begriffe zu klären, die in den folgenden Kapiteln häufig verwendet werden. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung von Rassismus als eine Ansammlung von Vorurteilen gegen egal welche Nationalität oder Ethnie, sieht die eigentliche Definition anders aus. Als allererstes muss zwischen Xenophobie und Rassismus unterschieden werden; Xenophobie lässt sich grob als „Fremdenfeindlichkeit“ übersetzen, also die Abneigung gegen eine bestimmte Gruppe aufgrund „sozialer, religiöser, kultureller oder ethnischer Unterschiede“ 2 . Rassismus dagegen ist ein weniger allgemeiner Begriff. Er bezieht sich schlicht auf die Diskriminierung eines Menschen aufgrund seiner ‚Rasse‘. Obwohl ‚Rasse‘ ein Begriff ist, der vor allem im deutschen Sprachgebrauch sehr in Verruf geraten ist und auch laut vieler Wissenschaftler keinerlei biologische

2 Vgl. de.wikipedia.org, Fremdenfeindlichkeit

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Rechtfertigung hat, lässt es sich nicht vermeiden, diesen Begriff zu benutzen und zu definieren, wenn wir über Rassismus sprechen. Definiert werden kann den Begriff ‚Rasse’ als „eine der großen Gruppen, in die man Menschen unter anderem nach ihrer Hautfarbe, ihrer Körper-, Kopf- und Gesichtsform einteilt.“ 3 ‚Rasse‘ ist weniger eine biologische Realität als ein soziales Konstrukt, weshalb es zum Teil schwer fällt oder nicht möglich ist, Menschen nach diesem Kriterium einzuordnen. Zwar ist es geläufig, Menschen als ‚schwarz‘ oder ‚weiß‘ zu bezeichnen, für Menschen außerhalb dieses ‚Spektrums‘, beispielsweise Menschen asiatischer, arabischer oder südamerikanischer Herkunft, gilt der nur im englischen Sprachgebrach verwendete und sehr verallgemeinernde Begriff ‚brown‘. Eine weitere Frage, die geklärt werden muss: Ist Rassismus gegen jede ‚Rasse‘ möglich? Viele Menschen und vielleicht sogar die ein oder andere Lexikon-Definition würden diese Frage mit Ja beantworten. Im Kontext von institutionellem Rassismus müssen wir diese Frage jedoch differenzierter sehen. Wenn in dieser Arbeit das Wort ‚Rassismus‘ verwendet wird, stützen wir uns auf eine Definition, die folgendermaßen festgelegt ist: „Rassismus ist Vorurteil plus Macht. 4 " Ein Vorurteil kann also nur dann rassistisch sein, wenn derjenige, der es äußert, eine gewisse Macht besitzt. Aber was steckt hinter dieser ‚Macht‘ und welche ‚Rasse‘ besitzt diese? Durch die Geschichte hindurch haben weiße Europäer andere Kontinente erobert, kolonialisiert und deren Völker unterdrückt oder versklavt. Beispiele dafür sind der Genozid an den nordamerikanischen Ureinwohnern und die darauf folgende „Europäisierung“ Nordamerikas, die Kolonialisierung Afrikas und im Bezug auf die USA die Sklaverei und Segregation. Durch die Kolonialisierung und Unterdrückung anderer Völker haben die weißen Europäer ein Konstrukt geschaffen, das als „white privilege“ (dt. weißes Privileg) bezeichnet wird und folgendermaßen beschrieben werden kann: „Das ‚weiße Privilegbeschreibt die Aspekte, in denen weiße Menschen davon profitieren, dass sie keine Minderheit sind.“ 5 Die Realität des ‚white privilege‘ trifft somit also vor allem auf Europa, Nordamerika und Australien zu. Besonders, wenn wir über die USA sprechen, wo sich durch die Sklaverei und Segregation ein System gefestigt hat, das besonders Afroamerikaner bis heute sowohl im Bildung- und Justizsystem als auch auf dem Arbeitsmarkt und in vielen weiteren Bereichen stigmatisiert und benachteiligt. Das ‚white privilege‘ ist somit die ‚Macht‘, die im Endeffekt den Unterschied zwischen Vorurteil und Rassismus ausmacht. Das bedeutet: In Ländern, in denen Weiße vom System bevorzugt werden, ist Rassismus gegen sie nicht möglich, da sie die einzigen sind, die die ‚Macht‘ haben, tatsächlichen Rassismus auszuüben. Diese Art systematischer Benachteiligung von Minderheiten gegenüber Weißen nennt man institutionellen Rassismus. In dieser Arbeit liegt der Fokus dabei auf den USA und die systematische Diskriminierung schwarzer Amerikaner. Selbstverständlich sind in den Staaten auch andere Minderheiten von Rassismus betroffen, am Beispiel der Afroamerikaner wird der institutionelle Aspekt der Benachteiligung jedoch am deutlichsten.

3 Vgl. www.google.com, Definition Rasse 4 Racism is prejudice plus power”, Bidol, Developing New Perspectives On Race

5 „White privilege refers to the ways in which white people benefit from the fact that they are not a racial minority.“ – www.study.com

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2.2 Sklaverei und Segregation

Der Beginn der Sklaverei in den USA lässt sich auf den August des Jahres 1619 datieren, als 20 Angolaner per Schiff in Jamestown ankamen. Höchstwahrscheinlich waren sie Kriegsgefangene, die im kongolesischen Bürgerkrieg von einer der beiden verfeindeten Parteien festgenommen und an die Portugiesen verkauft worden waren. 6 Doch bereits vor der Ankunft der 20 Angolaner war die Afrikanische Präsenz in der Neuen Welt circa 100 Jahre alt. Viele Afrikaner kamen mit den Konquistadoren, und nicht alle von ihnen waren Sklaven: Viele folgten den Entdeckern als freie Männer. 7 1570 lebten bereits 23.000 Menschen afrikanischer Herkunft im kolonisierten Mexico. Obwohl der Großteil dieser Afrikaner damals versklavt war, gelang es vielen, sich die Freiheit zu erkaufen oder sie zu „verdienen“. Im gesamten „Neuen Spanien“ des 17. Jahrhunderts lebten 624,000 (freie) schwarze Bürger. 8 Kurz gesagt, zu dieser Zeit war die Sklaverei noch nicht komplett ‚rassifiziert‘. Obwohl natürlich durch den aktiven Sklavenhandel mit Afrika der Großteil der Sklaven schwarz war, gab es ebenfalls indianische und auch weiße Sklaven, sowie es auch freie Bürger jeglicher Herkunft gab. Es bestand die Möglichkeit, sich freizukaufen, oder nach einer bestimmten Zeit freigelassen zu werden. Bis dahin unterschied sich die praktizierte Sklaverei nicht viel von anderen Systemen, die im Verlauf der Weltgeschichte bestanden hatten. Der Wendepunkt von ‚gewöhnlicher Sklaverei‘ zu organisierten Unterdrückung lässt sich auf wirtschaftliche Gründe zurückführen. In der frühen Kolonialzeit Nordamerikas war ‚indentured servitude‘ (dt. ‚vertraglich verpflichtete Dienerschaft‘), also Arbeiter, die vergleichbar mit der mittelalterlichen Lehensherrschaft ohne Rücktrittsmöglichkeit und mit kaum existierenden Rechtsansprüchen an ihren Arbeitgeber gebunden waren, die komfortabelste Möglichkeit, billige Arbeitskraft sicherzustellen. Diese ‚Diener‘ kämpften unter den schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen, die von ihren Arbeitgebern, zum Großteil Plantagenbesitzer, gezahlt wurden, ums Überleben. Der Unterschied zwischen den sowohl weißen als auch schwarzen ‚indentured servants‘ und den Sklaven war nicht sehr groß, da beide Gruppen von den Plantagenbesitzern restlos ausgebeutet wurden. Als jedoch der Sektor des Plantagenanbaus expandierte, wurde auch die Nachfrage nach Arbeitskraft immer größer. Diese Nachfrage sollte schließlich durch die Sklaverei befriedigt werden. Afrikaner wurden von den Plantagenbesitzern als „ideale Sklaven“ gesehen, da sie durch den bereits existierenden transatlantischen Sklavenhandel verfügbar und in Nordamerika als soziale Gruppierung relativ machtlos waren. 9

6 Vgl. Gates, Life Upon These Shores, S. 3

7 Vgl. Gates, Life Upon These Shores, S. 5

8 Vgl. ebenda

9 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 86-88

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Dazu kommt, dass das damalige soziale System, das eine große Gruppe armer Arbeiter unterdrückte, zu Revolten führte. Nathaniel Bacon gelang es 1676, eine Rebellion durchzuführen, im Zuge derer sich Sklaven, ‚indentured servants‘ und arme Bürger zusammenschlossen, um gegen die Plantagenbesitzer vorzugehen. Sie wurde gewaltsam beendet, doch die Plantagenbesitzer waren vorsichtig geworden; sie fürchteten sich vor den rassenübergreifenden Zusammenschlüssen der Arbeiterklasse denn nach der Revolution Bacons folgten ähnliche. 10 Diese Angst beschleunigte den Wechsel von den ‚indentured servants‘ zu schwarzen Sklaven als Nummer 1 Quelle für billige Arbeitskraft. Um einen Keil zwischen die weißen und schwarzen Arbeiter zu treiben, bekamen die weißen Arbeiter neue Privilegien, wie zum Beispiel, dass sie zu Vorgesetzten der Sklaven gemacht oder ihnen die Ländereien amerikanischer Ureinwohner zugesprochen wurden. Plötzlich befanden sich die früheren ‚indentured servants‘ in einer höheren Position in einem sich immer stärker rassifizierendem Klassensystem, und fingen an, sich in dieser Vormachtstellung überlegen über die schwarzen Sklaven zu fühlen. 11 Als die Vereinigung der Staaten zu einer Union, den USA, im Gespräch war, erklärten sich die Südstaaten nur unter der Bedingung bereit, dass sie weiterhin das Recht hatten, Sklaven zu besitzen. Zudem wurden Sklaven in der amerikanischen Verfassung als „Drei-Fünftel“ eines Menschens eingeteilt. 12 Und wie Michelle Alexander es in ihrem Buch „The New Jim Crow“ ausdrückt:

„Auf dieser rassistischen Fiktion ruht die komplette Struktur der amerikanischen Demokratie.13 Nach dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkrieges und dem Sieg der Nord- über die Südstaaten wurde die Sklaverei 1865 nach circa 250 Jahren gesetzlich verboten. 14 Daraufhin folgte die so genannte Rekonstruktionsära: 1866 wurde Afroamerikanern das volle Ausmaß an Bürgerrechten zugestanden, das 15. Amendement der Verfassung, das besagte, dass das Recht zu wählen niemandem aufgrund seiner Hautfarbe aberkannt werden durfte, wurde verabschiedet, das Schulsystem expandierte und schloss zum ersten Mal auch Afroamerikaner ein. Schwarze Bürger begannen zu wählen, Schulen zu eröffnen und Firmen zu gründen. Von 1867 bis 1870 schoss der Anteil schwarzer Mandatsträger von 0 auf 15 Prozent. 15 Doch viele weiße Amerikaner begegneten der Tatsache, dass Afroamerikaner immer mehr wirtschaftliche sowie politische Macht und Bildung ansammelten, mit Angst und Empörung. Es wurden neue Gesetze erlassen, die das Recht auf politische Wahlen beispielsweise an Lesefähigkeit bunden parallel wurden

10 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 90-91

11 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 88-92

12 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 94-95

13 „Upon this racist fiction rests the entire structure of American democracy“, Alexander, The New Jim Crow, S. 95

14 Vgl. www.tagesspiegel.de

15 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 106

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Afroamerikaner durch die Androhung von Gewalt durch rassistische Gruppierungen vom Wählen abgehalten. Der sich damals entwickelnde Ku Klux Klan startete eine terroristische Kampagne, mit der Absicht, die „alte Ordnung“ wiederherzustellen. Lynchjustiz, gewalttätige Mobs oder auch Bombenattentate waren an der Tagesordnung. 16 Und die ‚Kampagne‘ funktionierte: Die Regierung machte keinerlei Anstalten mehr, die neuen Rechte der Afroamerikaner weiterhin zu beschützen. 1867, bereits zwei Jahre nach Verbot der Sklaverei, wurde zuerst in Mississippi ein Gesetz eingeführt, das diese auf Umwegen wieder legalisierte; Häftlinge konnten von Firmen, die dafür Geld an den Staat zahlten, ausgeliehen werden, um als unbezahlte Arbeiter genutzt zu werden. Schwarze Afrikaner wurden in großen Zahlen wegen geringfügigen Gesetzverstößen festgenommen und durch eben dieses Gesetz wieder unter die Kontrolle weißer Unternehmer gebracht. 17 Und so hatten Anfang des 20. Jahrhunderts alle Staaten Nordamerikas aufs Neue unzählige Gesetze, die die völlige Segregation des öffentlichen Lebens bewirkten. Schulen, Restaurants, Hotels, Toiletten strikt wurden schwarze und weiße Amerikaner getrennt, wobei der Standard der öffentlichen Einrichtungen für Schwarze sehr viel niedriger war als der für Weiße. 18 Diese neue gesellschaftliche Ordnung wurde als Jim Crow 19 bekannt. Neuen Studien zufolge wurden in der circa 70 Jahre andauernden Periode der Jim Crow-Gesetze knapp 4.000 Afroamerikaner gelyncht, die sich geringfügiger Verbrechen schuldig gemacht hatten Allein das Anrempeln einer weißen Frau reichte, um die Hinrichtung eines schwarzen Mannes ohne Prozess zu rechtfertigen. 20 Das Ende der Jim-Crow-Ära beginnt mit der Bürgerrechtsbewegung in den

1950ern.

Mehrere Faktoren unterstützten das Aufbegehren der schwarzen Amerikaner sowie das Umdenken vieler späterer weißer Unterstützer. Die NAACP (The National Association for The Advancement Of Colored People), die sich für die Abschaffung der Segregations-Gesetze einsetzte, gewann an mehr und mehr Einfluss und Anhängern. Zudem wurde vielen weißen Amerikanern nach dem zweiten Weltkrieg der Widerspruch bewusst, der darin lag, die Nazis für ihre Taten gegenüber den Juden zu verurteilen während gleichzeitig in ihrem eigenen Land seit Jahrzehnten ein rassistisches System regierte. Auch der oberste Gerichtshof der USA begann Mitte der 40er Jahre, die Jim Crow Gesetze für verfassungswidrig zu befinden. 21

16 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 112-114

17 Vgl Gates, Life Upon These Shores, S. 177

18 www.deutschlandfunk.de

19 Bezeichnung für den rassistischen Stereotypen eines „tanzenden, singenden, mit sich und der Welt zufriedenen, aber unterdurchschnittlich intelligenten Schwarzen“, de.wikipedia.org, Jim Crow

21 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 127-130

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Als Auslöser der Bürgerrechtsbewegung wird Rosa Parks bezeichnet, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Fahrgast aufzugeben. Daraufhin folgten weitere Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung, wie der Montgomery-Bus-Boykott, der Marsch auf Washington 1963, Martin Luther Kings berühmte „I have a dream“-Rede, und schließlich 1964 die Verkündung des Gesetzes zur Aufhebung der Rassentrennung. Doch war das Ende der Segregation tatsächlich das Ende des rassifizierten Klassensystem Amerikas? Die Abschaffung der Jim Crow-Gesetze war keinesfalls reibungslos verlaufen. Die Entwicklungen zugunsten der Bürgerrechtsbewegung führten zu gewalttätigen Aufruhren in den Südstaaten, der Ku Klux Klan wurde mächtiger, schwarze Aktivisten wurden von weißen Mobs misshandelt oder sogar getötet, schwarze Kirchen wurden zerstört und zahlreiche weitere Attentate auf die afroamerikanische Gesellschaft verübt. 22 Die Gleichberechtigung wurde von den Segregationisten mit allen Mitteln bekämpft. Und wenn wir die heutige Situation in den USA betrachten, haben sie diesen Kampf nur halb verloren. In den folgenden Kapiteln wird dargelegt, wie tief der institutionelle Rassismus tatsächlich noch im US-amerikanischen System festsitzt.

2.3 Diskriminierung von Afroamerikanern im 21. Jahrhundert

2.3.1. Andauernde Segregation

Von einem segregierten Schul-System zu sprechen, wirkt auf den ersten Blick vielleicht übertrieben. Doch die ethnische Zusammensetzung der Schüler einer amerikanischen Schule ist vor allem abhängig von der Nachbarschaft, in der sie sich befindet. Dass die Wohn-Situation in US-amerikanischen Städten extrem rassifiziert ist, lässt sich nicht abstreiten. Ein Grund dafür sind natürlich einerseits die Nachwirkungen der Jim-Crow-Segregation, die den Grundstein für nach Hautfarbe getrennte Stadtviertel legten. Bis zur Verabschiedung des „Fair- Housing-Acts“ 1968 war es weißen Immobilienbesitzern beispielsweise erlaubt, schwarze Mieter oder Käufer aufgrund ihrer Hautfarbe abzulehnen. Doch auch noch 20 Jahre nach dem „Fair-Housing-Act“ blieb die Isolation schwarzer Nachbarschaften intakt. Der benutzte Segregationsindex 23 zeigte, dass die Rate der Isolation schwarzer Amerikaner sich in dieser Zeit mit einer leichten Erhöhung von 68,7 auf 68,9 1990 kaum verändert hatte. 24

22 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 131-132

23 „Index of dissimilarity“: Demographische Maßeinheit, mit der die (Un-)Ausgeglichenheit des Bewohner-Anteils zweier Gruppen in einer Umgebung angegeben wird. Der Index reicht von 0-100, wobei 0 für komplette Ausgeglichenheit steht, 100 für komplette Unausgeglichenheit. en.wikipedia.org

24 Vgl. Massey, Residential Segregation, S.9

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Zwar lässt sich auch eine Segregation von hispanischen oder asiatischen Nachbarschaften feststellen, diese hat aber nicht annähernd das Ausmaß der afroamerikanischen Segregation, die als „Hypersegregation“ 25 bezeichnet wird. 26 Die Aufrechterhaltung oder sogar Verschlimmerung der segregierten Wohn- Situation wird durch verschieden Faktoren erklärt. Die Rückführung auf wirtschaftliche Gründe, wie beispielsweise die Differenz des durchschnittlichen Einkommens schwarzer und weißer Amerikaner, hält nur bedingt stand; Studien zeigen, dass auch schwarze Familien mit einem jährlichen Einkommen von 50.000 Dollar ähnlich stark von Segregation betroffen sind wie schwarze Familien mit einem Einkommen von 2.500 Dollar. Überraschend ist aber: Afroamerikanische Familien mit einem Verdienst von 50.000 Dollar sind durchschnittlich isolierter/mehr von Segregation betroffen als hispanische oder asiatische Amerikaner mit einem sehr viel niedrigerem Verdienst. 27 Auch die Begründung, die Segregation sei von den Afroamerikanern freiwillig herbeigeführt worden, erweist sich als falsch. Umfragen belegen, dass schwarze Amerikaner gemischtrassige Nachbarschaften Idealerweise sollte die Anzahl schwarzer und weißer Anwohner komplett ausgeglichen sein - als am attraktivsten und erstrebenswertesten empfinden. 28 Doch was Umfragen dieser Art ebenfalls zeigen für viele Afroamerikaner wäre ein Umzug in eine zum großen Teil weiße Nachbarschaft mit Angst vor Ablehnung, Benachteiligung durch Immobilienbesitzer und Makler oder sogar Furcht vor rassistischer Gewalt verbunden. Und unbegründet ist diese Angst nicht, sowohl in historischer als auch gegenwärtiger Hinsicht. In einer 1994 durchgeführten Studie zeigt sich, dass die Toleranzschwelle des durchschnittlichen weißen Amerikaners gegenüber einer gemischten Nachbarschaft nicht sonderlich hoch liegt; Rangierend von der Vorstellung einer Nachbarschaft mit einem afroamerikanischen Bevölkerungsanteil von 7% bis 50% würden bei der ersten Zahl 16 % aller weißen Umfrageteilnehmer nicht in dieser leben wollen Bei der letzten Zahl waren es bereits 73 %. Die „Rassen- Balance“, die dem durchschnittlichen Afroamerikaner als ideal erscheint, ist also einem großen Anteil der weißen Amerikaner im besten Fall suspekt. 29 Studien aus den 1970ern bis 1990ern belegen die extremen damaligen Unterschiede zwischen der Behandlung Weißer und Schwarzer im Immobiliengeschäft: Afroamerikaner wurden durchschnittlich nur über 65 von 100 Immobilien informiert, von denen ähnlich qualifizierten weißen Interessierten Bescheid gesagt wurde. Gezeigt wurden ihnen nur 45 von 100 Exemplaren, für die die weißen Versuchspersonen einen Besuchstermin erhielten. 30

25 Bezeichnung für eine Art Segregation, die in 4 der 5 nach Massey festgelegten Beurteilungskriterien (Ausgeglichenheit, Isolation, Clusterbildung, Zentralisierung und Konzentration) mindestens 60 Punkte auf einer Skala von 0-100 erzielt.

26 Vgl. Massey, Residential Segregation, S. 16

27 Vgl. Massey, Residential Segregation, S.17

28 Vgl. ebenda

29 Vgl. Massey, Residential Segregation S. 19-20

30 Vgl. Massey, Residential Segregation, S. 21

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Auch so genanntes "Racial Steering" 31 wurde beispielsweise in Cleveland bei 70 % aller Firmen beobachtet, wobei schwarzen Mietern/Käufern unabhängig von ihrem finanziellen Status Exemplare in ärmeren/billigeren Vierteln angeboten wurden. 32

In einer Studie, die 2012 vom U.S. Department of Housing and Urban Development durchgeführt wurde, zeigt sich: potenzielle schwarze Hauskäufer werden von Maklern über 17 % weniger zur Verfügung stehende Häuser in zum größten Teil weißen Nachbarschaften informiert und ihnen werden 17,7 % weniger zur Verfügung stehende Häuser gezeigt als komplett gleich qualifizierten weißen Interessierten. Diese Art Benachteiligung verschlimmert sich um ein Vielfaches, wenn die Qualifikation des schwarzen potentiellen Hauskäufers unter der des Weißen liegt. 33 Die Zahlen haben sich also über die Jahre verbessert, sind aber noch weit von Gleichberechtigung entfernt. Zudem muss bedacht werden, dass die Benachteiligung und die gezielte Ansiedlung nach Rasse in den 1970-90ern den Grundstein für die heutigen extrem segregrieten amerikanischen Nachbarschaften legte und somit schwer zu durchbrechen ist. Diese Art Benachteiligung auf dem Immobilienmarkt erschwert und verteuert die Wohnungs-/Haussuche für Afroamerikaner ungemein und führt unter anderem auch zu einem wirtschaftlichen Nachteil; Nach Massey führt "starke Einkommensungleichheit gepaart mit starker rassen-/ethniebedingter Segregation

zu starker Konzentration von Armut" 34 . Die wachsende Schere zwischen

Arm und Reich trifft also besonders afroamerikanische Nachbarschaften schwer, da in den USA durchschnittlich signifikante wirtschaftliche Unterschiede zwischen weißen und schwarzen Amerikaner existieren, die auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen sind. Einer davon dürfte das bereits erwähnte amerikanische Schulsystem sein, das ähnlich von Segregation betroffen ist wie die Nachbarschaften, da Kinder aus einer Nachbarschaft logischerweise meistens auf die am nahesten liegende Schule geschickt werden. In stark segregierten Vierteln, in denen eine starke Konzentration von Armut festzustellen ist, sind die Schulen qualitativ um einiges schlechter als die Norm - In Schulen, in denen Drei-Viertel der Schüler aus Familien mit niedrigem Einkommen kamen, waren dreimal so viele nicht-qualifizierte oder außerhalb ihres Fachbereichs unterrichtende Lehrer zu finden wie in anderen Schulen. 35 Ein Vergleich zweier Schulen in New York zeigt die Schwere des Problems; in einer Schule, in der 47,9 % der Schüler schwarz und 43,7 % hispanisch waren, fehlten 60 % der Lehrer mehr als 10 Tage im Jahr, und keiner der Lehrer war ausreichend qualifiziert oder mit allen nötigen staatlichen Zertifikaten

] [

31 Makler, die schwarzen Käufern vor allem Exemplare in zum größten Teil afroamerikanischen Nachbarschaften anbieten, Weißen dagegen in weißen Nachbarschaften.

32 Vgl. Massey, Residential Segregation, S. 21

33 Vgl. PD&R, Housing Discrimination Against Racial And Ethnic Minorities, S. 5

34 Massey, Residential Segregation S. 25

35 Vgl. www.civilrights.org

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ausgestattet. Auf der anderen New Yorker Schule, wo schwarze und hispanische Schüler zusammengenommen nur ein Viertel der Schülerschaft ausmachten, fehlten nur 21% der Lehrpersonals mehr als 10 Tage im Jahr, und 86,5 % der Lehrer besaßen alle nötigen Qualifikationen. Schulen, in denen Minderheiten den größten Teil der Schülerschaft ausmachen, bieten circa. 10 % weniger häufig Kurse an, die für ein College-Studium unverzichtbar sind und machen es so ihren Schülern ungemein schwer bis unmöglich, später ein College zu besuchen. 36 Doch die Benachteiligung von Minderheiten, insbesondere von afroamerikanischen Schülern beschränkt sich nicht nur auf rein wissenstechnische Inhalte. Schwarze Vorschüler, also Kinder von im Alter von zwei bis sechs, erhalten die Hälfte aller Nachsitz-Strafen, obwohl sie nur 18% ihrer Altersklasse ausmachen. Bei älteren schwarzen Schülern ist es drei Mal wahrscheinlicher, dass sie von der Schule suspendiert werden, als bei weißen Schülern. 37 Das liegt nicht nur an potentiellen Vorurteilen, die Lehrer gegenüber afroamerikanischen Schülern haben; Die fehlenden pädagogischen Qualifikationen der Lehrer auf "Minority-Majority" 38 -Schulen führen dazu, dass extrem viel Gebrauch von Unterrichtsauschlüssen, Schulverweisen oder sogar von der Zusammenarbeit mit der Polizei gemacht wird. 39 74,1 % aller afroamerikanischen Jugendlichen besuchten 2010 solche „Minority- Majority“-Schulen. 40 Das heißt: Dreiviertel aller schwarzen Schüler haben höchstwahrscheinlich eine Schulbildung erhalten, die der eigentlichen Norm um einiges nachsteht.

2.3.2. Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosenrate schwarzer Amerikaner ist mit 16,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die weißer Amerikaner angestellte schwarze Amerikaner verdienen zudem etwa 25 % weniger als weiße Amerikaner. 41 Das liegt zum einen an zwei bereits erwähnten Faktoren Die Jobaussichten in zum größten Teil schwarzen Vierteln sind ersten weit weniger und schlechter bezahlt als die in weißen Vierteln. Zudem schließt die segregierte Schulerziehung in den USA bereits von vornherein einige Türen für afroamerikanische High-School-Absolventen. Doch selbst Afroamerikaner mit den besten Voraussetzungen haben auf dem Arbeitsmarkt mit starker Benachteiligung zu rechnen. Eine von 2000-2002 in US-amerikanischen Großstädten durchgeführte Studie legt dies deutlich dar; Knapp 5000 Bewerbungsschreiben wurden an Betriebe versandt, aufgeteilt in Bewerber, die stereotypische „weiße Namen“, wie beispielsweise Brendan Baker, und stereotypische „schwarze Namen“, zum Beispiel Jamal Jones, trugen. Zudem unterschieden sich die Bewerbungen zum Teil in Qualifikationen, Erfahrung, et cetera.

36 Vgl. www.civilrights.org

37 Vgl. www.usnews.com

38 Schulen, in denen eine ethnische Minderheit den Großteil der Schülerschaft ausmacht.

39 Vgl. www.civilrights.org

40 Vgl. ebenda

41 Vgl. www.reimaginerpe.org

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Es stellte sich heraus, dass die Bewerbungen augenscheinlich weißer Personen 50 % mehr Rückrufe bekamen als die gleich qualifizierter schwarzer Bewerber. Ein „weißer Name“ war laut den durchführenden Forschern gleichwertig wie acht zusätzliche Jahre Erfahrung eines schwarzen Bewerbers. 42 Ähnliche neuere Studien belegen einen zusätzlichen Effekt, der die Jobsuche vor allem für schwarze College-Absolventen erschwert. Je höher das Qualifikationslevel ist, in dem sich ein weißer und ein schwarzer Bewerber befinden, desto höher ist die Differenz in der Chancengleichheit. Das heißt je qualifizierter und erfahrener ein schwarzer Bewerber ist, desto niedriger wird seine Chance, wenn er mit gleich qualifizierten weißen Bewerbern um einen Posten konkurriert. 43 Dieser Effekt wird von Auswertungen amerikanischer Arbeitnehmer nach Hautfarbe bestätigt. Mit jedem 10.000- Dollar-Schritt nach oben auf der Gehaltsleiter sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Afroamerikaner den Posten innehat, um sieben Prozent. 44

2.3.3 Das amerikanische Justizsystem

Um zu verstehen, warum das US-amerikanische Justizsystem eine so tragende Rolle in der Diskriminierung von Afroamerikanern spielt, müssen wir uns zuerst darüber im Klaren sein, was eine Verhaftung und ein anschließender Gefängnisaufenthalt für das weitere Leben einer Person in der USA bedeuten. Amerikanische Bürger, die inhaftiert worden sind, verlieren auch nach ihrer Gefängnisstrafe das Recht auf staatliche Hilfestellungen wie zum Beispiel die Möglichkeit, eine Sozialwohnung oder jegliche Zuschüsse zu beantragen, Lebensmittelmarken zu erhalten, et cetera. Einige staatliche Arbeitsplätze, wie zum Beispiel eine Stelle in der US-Army oder ein Job als Polizist oder Lehrer sind für Häftlinge ebenfalls verboten. Frühere Häftlinge dürfen nicht mehr in den Geschworenen-Jurys eines Gerichts eingesetzt werden, und, der schwerwiegendste Punkt: Nach einem Gefängnisaufenthalt wird einem US- Bürger sein Wahlrecht aberkannt. Je nach Staat variiert die Dauer dieses Verbots zwischen einigen Jahren bis lebenslang. 45 Zum Vergleich, in Deutschland findet im Falle einer Verhaftung nur eine fünf- jährige Aberkennung des passiven Wahlrechts statt. Das heißt, die Person kann nicht gewählt werden und keiner politischen Partei beitreten. Die Aberkennung des aktiven Wahlrechts erfolgt nur in „Härtefällen“ durch einen richterlichen Beschluss - diese Regelung wird aber nur in circa 1,4 Fällen in einem Jahr genutzt. In den USA dagegen sieht die Situation ganz anders aus 13 % der männlichen afroamerikanischen Bevölkerung sind derzeit aufgrund einer früheren oder aktuellen Gefängnisstrafe von den Wahlen ausgeschlossen; viele von ihnen lebenslang. 46

42 Vgl. www.povertyactionlab.org 43 Vgl. Nunley, An Examination of Racial Discrimination in the Labor Market, S. 21-23

44 Vgl. www.usnews.com

45 Vgl. www.thelawdictionary.org

46 Vgl. www.sueddeutsche.de

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In keinem anderen Staat ist die Häftlings-Rate so hoch wie in den USA auf 100.000 freie Bürger kommen 750 Häftlinge. Zum Vergleich, in Deutschland beträgt das Verhältnis 100.000 zu 93. Afroamerikaner machen 37,8 % der Häftlinge in den USA aus 47 , ihr allgemeiner Bevölkerungsanteil entspricht aber nur 13,3 %. 48 Kann diese disproportionale Inhaftierung von schwarzen US-Bürgern tatsächlich dadurch erklärt werden, dass sie im Vergleich zu Weißen mehr Verbrechen begehen? Ein Stichwort, das so gut wie immer im Zusammenhang mit den überfüllten Gefängnissen in den USA steht, ist der so genannte „War on Drugs“, die Bekämpfung der Drogennutzung in den USA. Er ist ein immer wiederkehrendes Ziel der amerikanischen Innenpolitik, jedoch beginnt der aktuelle „War on Drugs“ 1982 mit der Ankündigung Ronald Reagans, ihn wieder aufzunehmen. Seit dem Beginn des neuen „War on Drugs“ haben sich die Häftlingszahlen in den USA von 300.000 auf 2,3 Millionen erhöht, und die Mehrheit dieser Erhöhung geht auf das Konto des Drogenkriegs. Viele Leute bezeichnen den „War on Drugs“ inzwischen als einen „War on Race“. In Städten, in denen der „War on Drugs“ besonders intensiv verfolgt wurde, haben nun 80 % aller jungen schwarzen Männer ein Vorstrafenregister. 49 Doch wenn dieser Prozentsatz tatsächlich seine Richtigkeit hätte, müsste das Gleiche auch für weiße Männer gelten; Mehrere Studien bewiesen, dass Angehörige aller Rassen illegale Drogen in etwa gleichem Ausmaß konsumieren und/oder verkaufen. Trotzdem wurden schwarze Männer in manchen Staaten mit einer etwa 20-50 Mal höheren Rate für Drogenmissbrauch inhaftiert als weiße Männer. 50 Michelle Alexander bezieht sich in ihrem Buch „The New Jim Crow“ auf die Theorie, dass Inhaftierungsraten oft weniger mit tatsächlichen Kriminalitätsraten zu tun haben als damit, dass Inhaftierung als Kontrollmittel eines Staates eingesetzt wird. Die Kriminalitätsrate der Vereinigten Staaten unterschied sich nie sonderlich von anderen westlichen Nationen, teilweise war sie sogar niedriger, trotzdem war und ist die US-Amerikanische Inhaftierungsrate 6 bis 10 Mal höher als die anderer industrialisierter Länder. Zudem wird in keinem anderen Land ein so großer Anteil ethnischer Minderheiten inhaftiert wie in den USA. 51 Wenn wir dazu noch bedenken, mit dem Verlust welcher Rechte ein Gefängnisaufenthalt in den Vereinigten Staaten verbunden ist, verstärkt sich die Rolle des amerikanischen Justizsystem immer mehr als ein Werkzeug der Diskriminierung von Minderheiten, besonders von Afroamerikanern. Weitere Zahlen verdeutlichen die Benachteiligung schwarzer Amerikaner innerhalb des Justizsystems; Für ähnliche Verbrechen erhalten Schwarze eine durchschnittlich 20 % längere Gefängnisstrafe als Weiße und die Chance einer

47 Vgl. www.bop.gov

48 Vgl. www.census.gov

49 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 39

50 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 38-39

51 Vgl. Alexander, The New Jim Crow, S. 40-41

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Todesstrafe für schwarze Gesetzesbrecher liegt um 38 % höher als die für weiße Kriminelle. Die Wahrscheinlichkeit einer Todesstrafe für einen Schwarzen, der einen Weißen umgebracht hat, liegt doppelt so hoch wie im umgekehrten Fall. Dieses Muster gilt selbst für Teenager; Für das Begehen einer Straftat werden schwarze Jugendliche mit einer 18 Mal höheren Wahrscheinlichkeit mit dem Strafmaß für Erwachsene verurteilt als weiße Jugendliche. 52

2.3.4 Polizeigewalt

Ein noch weit plakativeres und vor allem in den letzten Jahren bekannter gewordenes Beispiel als rassistische Diskriminierung in der Judikative ist die in der Exekutive; Die Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern. Zu Anfang muss gesagt werden, dass Polizeigewalt in den USA allgemein ein großes Problem ist, nicht nur gegenüber Schwarzen. Allein 2015 wurden 1168 Zivilisten von der Polizei erschossen 53 , in Deutschland waren es 2015 10. 54 Dies mag zum einen daran liegen, dass die lockeren Waffengesetze in den USA das Berufsrisiko der Polizisten ungemein erhöhen, da theoretisch so gut wie jeder Zivilist eine Waffe tragen könnte. Dennoch, 24 %, also circa ein Viertel der erschossenen Zivilisten, waren schwarz, und das obwohl der Bevölkerungsanteil von Afroamerikanern nur 13 % beträgt. Die Wahrscheinlichkeit, als schwarze Person von Polizisten erschossen zu werden, liegt etwa zweieinhalb Mal so hoch wie für weiße Personen. Diese Differenz extremisiert sich, wenn wir nur die Tötungen unbewaffneter Zivilisten betrachten; unbewaffnete schwarze US-Amerikaner werden fünfmal öfter von der Polizei getötet als unbewaffnete Weiße. Schwarze Männer von 18-29 sind am stärksten gefährdet: Von allen unbewaffneten Opfern 2015 waren 40 % schwarze Männer, obwohl sie nur 6 % der Bevölkerung ausmachen. 55 Manche Amerikaner verteidigen diese disproportionalen Zahlen damit, dass „die erhöhte Konzentration krimineller Gewalt in Minderheiten-Gemeinschaften dazu führt, dass Polizeibeamte in diesen Gemeinschaften disproportional oft auf bewaffnete oder sich wehrende Verdächtige stoßen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Polizeibeamte selbst tödliche Gewalt einsetzt“. 56 Laut dieser Aussage hängt also die Menge an tödlicher Gewalt, von der Polizisten Gebrauch machen, vor allem von zwei Variablen ab: Der Ort des Zusammentreffen des Polizisten und des Verdächtigen sowie die durchschnittliche Kriminalitätsrate an diesem Ort.

52 Vgl. www.usnews.com

53 Vgl. www.thinkprogress.org

54 Vgl. de.wikipedia.org, Waffengebrauch

55 Vgl. www.washingtonpost.com, Aren’t More White People Killed

56 “Such a concentration of criminal violence in minority communities means that officers will be disproportionately confronting armed and often resisting suspects in those communities, raising officers’ own risk of using lethal force.” – Heather Mac Donald, 2016

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Studien zu diesem Thema sprechen jedoch eine andere Sprache; in der folgenden Grafik 57 werden die Kriminalitätsraten US-amerikanischer Städte in Relation zu den dort stattgefundenen Tötungen durch Polizisten gestellt. Die Zahlen zeigen kein Muster, das vermuten ließe, dass die Anzahl erschossener Zivilisten in Relation zu den Kriminalitätsraten stehe Und wenn wir den Fakt beiseitelassen, dass sicher nicht alle schwarzen Polizeigewalts-Opfer in zum größten Teil afroamerikanischen Nachbarschaften/Gemeinschaften getötet werden, wieso sollten die Fakten gerade für diese Viertel abweichen?

sollten die Fakten gerade für diese Viertel abweichen? Abbildung 1 5 8 : Raten der Tötungen

Abbildung 1 58 : Raten der Tötungen durch die Polizei pro eine Million Einwohner in Relation zu Kriminalitätsraten pro tausend Einwohner.

Eine Studie zweier Universitäten in Kalifornien geht sogar noch weiter; Laut einem der beteiligten Rechercheure ist “der einzige Aspekt , der signifikant in der Voraussagung war, ob eine von der Polizei erschossene Person unbewaffnet war, ob sie schwarz war oder nicht.“ 59 Der Ort beziehungsweise die Kriminalitätsrate dieses Ortes hatte auch laut dieser Studie 60 keinerlei Einfluss darauf, ob eine unbewaffnete Person erschossen wurde oder nicht. Inzwischen lässt sich kaum mehr leugnen, dass rassistisch motivierte Polizeigewalt in den Staaten ein großes Problem darstellt. Doch in den allermeisten Fällen gibt es nur wenige bis gar keine Konsequenzen für Polizisten, die unbewaffnete Zivilisten erschossen haben, ob mit rassistischer Motivation oder nicht. In den letzten 10 Jahren wurden 54 Polizisten für tödliche Schüsse rechtlich belangt verglichen mit einer Zahl von knapp bis über tausend getöteten Zivilisten in jedem Jahr ist diese Zahl verschwindend gering. 61

58 http://mappingpoliceviolence.org/ 59 “The only thing that was significant in predicting whether someone shot and killed by police was unarmed was whether or not they were black “ – Justin Nix, 2016 60 University of Louisville, Fatal Shootings By US Police Officers in 2015

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3. Die heutige Situation als Beweis für die missglückte Reform

der Vereinigten Staaten

Als auf das Ende der Sklaverei die Rekonstruktionsära folgte, sah es eine Weile lang so aus, als würden die USA schon damals auf eine Gleichberechtigung Weißer und Schwarzer zusteuern. Doch verinnerlichter Rassismus und die Angst vor dem Verlust ihrer Vormachtstellung sorgten dafür, dass weiße Amerikaner bald wieder ein System aufgebaut hatten, dass die schwarzen Amerikaner auf eine neue Weise unterdrückte. Ist es möglich, dass das Ende der Segregation und der vermeintliche Eintritt in eine gleichberechtigte Gesellschaft ähnlich abgelaufen ist? „Die Geschichte wiederholt sich selbst“, sagt man - Wurde ein altes System der Diskriminierung einfach gegen ein neues eingetauscht? Wie auch in der Konstruktionsära reagierten vor allem die Weißen in den Südstaaten mit Wut und Terror auf den sich ankündigenden gesellschaftlichen Umschwung, den die Bürgerrechtsbewegung verursacht hatte. Bürgerrechtler wurden von den Segregationisten als Unruhestifter dargestellt, die die alte Ordnung zerstören und die USA in Chaos und Kriminalität stürzen würden. 62 Statistiken des FBI, die eine Erhöhung der Kriminalität seit dem Anfang der Desegregations-Bewegung zeigten, wurden trotz stark angezweifelter Glaubwürdigkeit im ganzen Land verbreitet und dienten den Segregationisten als weiterer Beweis dafür, dass Segregation nötig war, um für „Recht und Ordnung“ zu sorgen. Die geschürten Ängste vor schwarzer Kriminalität und Aufruhren wurden von Barry Goldwater in seiner Präsidentschaftskampagne von 1964 ausgenutzt. Er versprach, härtere Gangarten einzulegen, um diese Art Kriminalitätzu bekämpfen. Die Tatsache, dass die Aufruhre Reaktionen auf Polizeibrutalität oder andere Gewalttaten gegen die schwarze Bevölkerung waren, wurde von den Konservativen ignoriert. Als der Civil Rights Act 1964 endgültig verabschiedet war, war Segregation vom Tisch. Doch der „Recht und Ordnungs“-Narrativ, der von den Segregationisten in den Umlauf gebracht worden war, bestimmte die zukünftige Debatte um die Rechtslage. Die gleichen Kongressabgeordneten, die gegen den Civil Rights Act gestimmt hatten, setzten immer weitere Zusätze des Strafgesetzes durch. 63 Aus diesem politischen Klima entwickelte sich über die Jahre hinweg die Null- Toleranz-Politik, die die USA in Sachen Kriminalität bis heute verfolgt. Heute sitzen eine Million Afro-Amerikaner hinter Gittern, womit mehr als ein Drittel aller Insassen ausmachen. Viele von ihnen werden nach ihrem Aufenthalt nie mehr ihre vollen politischen Rechte zurückbekommen. Schätzungen besagen, dass durchschnittlich drei von vier schwarzen jungen Männern in Zukunft Zeit im

61 www.washingtonpost.de, Fatal Shootings

62 Alexander, The New Jim Crow, S. 142-143

63 Alexander, The New Jim Crow, S. 148

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Gefängnis absitzen werden 64 . Das sind 75% einer nicht gerade kleinen sozialen Gruppe Amerikas, die unter anderem ihr Wahlrecht verlieren werden. Der "War on Drugs", ein voreingenommenes Justizsystem, Chancenungleichheit in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, die Konzentrierung von Armut in hypersegregierten Nachbarschaften, die unterschätzten Nachwirkungen des alten Systems - das sind meiner Einschätzung nach alles Faktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben. Die Vereinigten Staaten haben verpasst, all dem entgegenzuwirken - und befinden sich heute erneut in einem diskriminierenden System.

4. Fazit

Die meisten (weißen) US-Amerikaner vertreten den Standpunkt, der Rassismus gegen Afroamerikaner sei mit dem Ende der Segregation gestorben und sprechen von den USA als einer „post-racial-society“ 65 . Wir haben also in den USA einen sehr großen Bevölkerungsanteil, der sich weigert, zu sehen, dass Rassismus immer noch tief verwurzelt im System seines Landes ist, der Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern rechtfertigt, weil er keine rassistische Motivation dahinter sehen will, und für den die Wahl von Barack Obama der ultimative Beweise dafür war, dass Rassismus ein Relikt der Vergangenheit ist. Wie ich das sehe, ist die Intention dieser Menschen nicht von Grund auf rassistisch. Viel mehr sind sie so sehr von der Realität einer „post-racial-society“ überzeugt, dass der Gedanke daran, Rasse könnte immer noch eine Rolle in der heutigen Zeit spielen, ihnen so unbehaglich ist, dass sie alles, was dagegen spricht, nicht wahrhaben wollen. Dieses Privileg des „Nicht-Wahr-Haben- Wollens“ können sie sich jedoch nur leisten, weil sie nicht diejenigen sind, die auf dem Arbeitsmarkt, im Schulsystem, im Justizsystem und in vielen weiteren Aspekten ihres täglichen Lebens benachteiligt werden. Es ist meiner Meinung nach nicht möglich, die USA vor den 1960ern und die USA nach den 1960ern als zwei isolierte Welten zu betrachten, oder zu glauben, nach 50 Jahren seien die Mentalitäten und Strukturen eines mehr als dreihundert Jahre aktiven Systems ausgelöscht.

Doch eine neue Bürgerrechtsbewegung ist auf dem Vormarsch; "Black Lives Matter", eine Bewegung, die als Reaktion auf die Polizeibrutalität gegenüber schwarzen US-Amerikanern ins Leben gerufen worden ist, ruft nach Aufklärung und Veränderung, mit nations- und weltweiten Protesten. Ein neuer Umschwung kündigt sich an die Fortsetzung Martin Luther Kings Traums. Und wer sich im Geschichtsunterricht schon öfter gesagt hat, er hätte in den 60ern sicher auf der Seite der Bürgerrechtsbewegung gestanden, kann das nun beweisen.

64 Alexander, The New Jim Crow, S.38

65 Einer Gesellschaft, in der die Rasse eines Menschen keine Rolle mehr spielt.

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5. Quellenverzeichnis

5.1 Literaturverzeichnis

Alexander, Michelle, The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness, 2010

Gates, Henry Louis Jr., Life Upon These Shores. Looking at African American History 1513-2008, 2011

Bidol, Patricia A., Developing New Perspectives on Race: An Innovative Multi-media Social Studies Curriculum in Racism Awareness for the Secondary Level, 1972

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U.S. Department of Housing and Urban Development, Office of Policy Development and Research, Housing Discrimination Against Racial And Ethnic Minorities, 2012, zu finden unter:

(04.11.2016)

Nunley, John M., Adam Pugh, Nicholas Romero, Richard Alan Seals, Jr., An Examination of Racial Discrimination in the Labor Market for Recent College Graduates: Estimates from the Field, 2014, zu finden unter:

University of Louisville, University of South Carolina, Fatal Shootings by US Police Officers in 2015: A Bird’s Eye View, 2015

5.2 Onlineverzeichnis

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Wikipedia, Jim Crow, in https://de.wikipedia.org/wiki/Jim_Crow

(03.11.2016)

Wikipedia, Waffengebrauch der Polizei in Deutschland, in https://de.wikipedia.org/wiki/Waffengebrauch_der_Polizei_in_Deutschla nd (05.11.2016)

Wikipedia, Index of Dissimilarity, in https://en.wikipedia.org/wiki/Index_of_dissimilarity (04.11.2016)

White, David, What is White Privilege? - Definition, Examples & Statistics, in http://study.com/academy/lesson/what-is-white-privilege- definition-examples-statistics.html (11.10.2016)

19

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(01.11.2016)

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Ridderbusch, Katja, 50 Jahre Gleichberechtigung. Die Aufhebung der

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Nittle, Nadra Kareem, ‘Jobless Discrimination’ Against African Americans, in http://www.reimaginerpe.org/18-2/nittle (02.11.2016)

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20

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dead-few-prosecuted/ (05.11.2016)

5.3 Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: http://mappingpoliceviolence.org/ (07.11.201

6. Schriftliche Erklärung

Erklärung der Verfasserin

Ich erkläre hiermit, dass ich die Seminararbeit ohne fremde Hilfe angefertigt

und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel

benutzt habe.

(Ort, Datum)

(Unterschrift)

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