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114 Šimuni · Luka Beki ´ c Šimuni, ein neuer Unterwasserfundort aus der Bronzezeit in der

Šimuni, ein neuer Unterwasserfundort aus der Bronzezeit in der Gespanschaft Zadar

Luka Beki´c

Abstract – Just two months ago, dive instructor Vedran Dorušiæ from Pag island near Zadar came across an inter- esting find of wooden beams and pottery in a small port of Šimuni village. He reported his find to the ICUA Zadar archaeologist, who checked the site and made first documentation and assessment. The site is located at 2 - 3 meters depth. It is recently uncovered from a cover of sand and stones by a large fishing vessel that is anchored just over the site. Around forty wooden beams are protruding from a dug up sea bottom, forming two or more lines. Around this structure a lot of prehistoric pottery lies around, mostly well preserved pieces. Pieces of Roman pottery can also be found in the area. Judging by the first glance, it is very likely that the wooden beam structure is connected to the Bronze age pottery, that is found in the same layer. The site that is likely a Bronze age settlement or a pier, evidently needs a proper rescue excavation.

Inhalt – Vor knapp zwei Monaten stieß Vedran Dorušiæ, Tauchlehrer auf der Insel Pag nahe Zadar, auf einen interessanten Fund von Holzbalken und Keramik im kleinen Hafen des Dorfes Šimuni, den er den Archäologen des Internationalen Zentrums für Unterwasserarchäologie in Zadar meldete. Die Archäologen untersuchten daraufhin die Fundstätte und unternahmen die erste Dokumentierung und Bestandsaufnahme. Ein Fischkutter, der über der Fundstätte ankerte, legte vor kurzem den in 2 3 m Tiefe liegenden Fundplatz von der darüber liegenden Sand- und Steinschicht frei und deckte dabei etwa 40 aus dem freigelegten Meeresgrund ragende Holzpfosten auf, die in zwei oder mehreren Reihen angeordnet sind. Eine Vielzahl von überwiegend gut erhaltenen Keramikfunden aus der Vorzeit, aber auch aus römischer Zeit befindet sich um dieses Gerippe und in dessen Umfeld. Auf den ersten Blick scheint die Konstruktion aus Holzpfosten höchstwahrscheinlich mit der Keramik aus der Bronzezeit in Verbindung zu stehen, die in der gleichen Schicht entdeckt wurde. Die Fundstätte, die wahrscheinlich eine Siedlung oder ein Pier der Bronzezeit war, erfordert eine angemessene Rettungsgrabung.

Prähistorische

Unterwasser-

fundstätten,

insbesondere

Siedlungsspu-

ren, sind auf- grund der ho- hen und felsi- gen Küste in Kroatien äußerst selten. In den letzten zehn Jahren fand man je- doch zahlrei-

che interessan- te Fundstätten, von denen einige sogar teilweise erforscht sind. An dieser Stelle sind besonders die bedeutendsten erwähnenswert: der altsteinzeitliche Fundort Kaštel Štafiliæ-Resnik, Zambratija nahe Savudrija mit Siedlungsspuren, die von der Stein- bis in die Kupferzeit reichen, und mit dem in der

Stein- bis in die Kupferzeit reichen, und mit dem in der Abb. 1: Markierte Position der

Abb. 1: Markierte Position der Funde in der geschützten Bucht Šimuni auf der Insel Pag.

Nähtechnik erbauten Schiff aus der Bronzezeit, ferner die bronzezeit- liche Siedlung Ricul in der Nähe von Turanj sowie Pakoštane-Janice mit Siedlungsfunden aus der Stein- bis Kupferzeit.

Vedran Dorušiæ, Tauchlehrer und Besitzer der Tauchschule Foka auf

der Insel Pag nahe Zadar, entdeckte vor knapp zwei Monaten einen interessanten Fund im klei- nen Hafen des Dorfes Šimuni (Abb. 1) in der Gespanschaft 1 Zadar, der aus Holzpfosten und Keramik- stücken be-

stand, und in- formierte die Archäologen des Internationalen Zentrums für Unterwasserarchäologie (MCPA) in Zadar darüber. Unmittelbar nach der Entdeckung folgte die erste, einleitende Untersuchung des Fundplatzes sowie die Aus- arbeitung der zeichnerischen Do- kumentation der Pfosten und die

16. Jahrgang 2016 · Heft 2 115 Abb. 2: Prähistorische Keramik vom Meeresgrund in Šimuni.

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16. Jahrgang 2016 · Heft 2 115 Abb. 2: Prähistorische Keramik vom Meeresgrund in Šimuni. Foto-

Abb. 2: Prähistorische Keramik vom Meeresgrund in Šimuni.

Foto- und Videodokumentation. Im Rahmen dieser Arbeiten trug man auch etwa zwanzig kerami- sche Oberflächenfunde zusammen.

Die Funde liegen in einer Tiefe von 2 bis 3 Metern, wobei die Pfosten offensichtlich mit einer dicken Schicht aus Sand und Steinen bedeckt waren. Da hier ein größe- rer Fischkutter in letzter Zeit an- kerte, wurde das Meeressediment aufgewühlt. Beim Verlassen des seichten Teils der Bucht, insbeson- dere bei ausgeprägter Ebbe, musste der Kutter kräftig rückwärts fah- ren, wodurch er mit seiner Schiffs- schraube das Meeressediment durchpflügte. Insgesamt wurden

ungefähr vierzig Holzpfosten fest- gestellt, die aus dem freigelegten Meeresboden herausragen (Abb. 5). Die Pfosten haben einen Durch- messer von 10 bis 30 cm und sind so in den Boden gerammt, dass sie zwei oder sogar mehr Reihen bilden. Um dieses Gerippe befin- den sich zahlreiche, überwiegend gut erhaltene Keramikfunde aus der Vorzeit, die in größeren Bruch- stücken vorgefunden wurden. Auf den ersten Blick scheint die Kon- struktion aus Holzpfosten höchst- wahrscheinlich mit der in dersel- ben Schicht entdeckten Keramik aus der Bronzezeit in Verbindung zu stehen. Auch Fragmente antiker Keramik sind, zwar in viel gerin-

Auch Fragmente antiker Keramik sind, zwar in viel gerin- Abb. 3 A-B: Prähistorische und antike Keramik
Auch Fragmente antiker Keramik sind, zwar in viel gerin- Abb. 3 A-B: Prähistorische und antike Keramik

Abb. 3 A-B: Prähistorische und antike Keramik am Meeresboden.

gerer Anzahl, in diesem Gebiet auf- findbar.

Von den etwa fünfzehn prähistori- schen Keramikfundstücken (Abb. 2) sind besonders Teile größerer Töp- fe auffallend. Diese haben im brei- teren Teil des Bauches einen tun- nelförmigen Henkel (Kat. 4, 5; Abb. 3A) und einen stark ausgeprägten Bauch mit einem schmalen und aufrechten Hals (Kat.7). Mehrere Exemplare weisen Verzierungen durch Fingerabdrücke am leicht nach außen gewölbten Halsrand (Kat. 2, 3, 6, 7) auf. Auf drei Frag- menten ist ein reliefartiges Band erkennbar, das in einigen Fällen waagerecht und unmittelbar unter- halb der Kante (Kat. 1, 6) oder aber schräg über den Körper des Ge- fäßes (Kat. 2) verläuft. Vereinzelte Exemplare haben Verzierungen in Form von Fingerabdrücken, die in einer Reihe verlaufen (Kat. 2, 6).

Im mitteldalmatinischen Raum ist die Publikation von Keramikfun- den aus der Bronze- und Eisenzeit sehr selten, so dass eine präzise Da- tierung des lokalen Umfelds nicht bestimmbar ist. Dennoch ist offen- sichtlich, dass Formen, die für die frühe und mittlere Bronzezeit an der Adria charakteristisch sind, fehlen. Die Merkmale der vorge- fundenen Keramik ähneln der Keramik aus der Urnenfelderkul- tur am ehesten. Im Norden Kroa- tiens waren in dieser Periode bau- chige Töpfe und Urnen mit einem

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116 Šimuni · Luka Beki ´ c gestreckten aufrechten Hals am häufigsten. Diese hatten einen breiten

gestreckten aufrechten Hals am häufigsten. Diese hatten einen breiten tunnelförmigen Henkel am breiteren Teil des Bauches (Vinski- Gasparini 1973, Taf. 4: 3, 4, 6, Taf. 11: 1, 2, 3, 5, Taf. 15: 1, Taf. 16: 2, 8) sowie rippenförmige Reliefverzie- rungen oder plastische Bänder am Gefäßkörper, die wiederum durch Fingerabdrücke verziert waren (Vinski-Gasparini 1973, Taf. 7: 9, Taf. 21: 6, 18). Bei den in Šimuni entdeckten Keramikbruchstücken fehlen jedoch Verzierungen, die für die späteren Phasen der Urnenfel- derkultur charakteristisch sind, so dass davon auszugehen ist, dass sie eher den älteren Phasen ähneln, die in die Zeit vom 14. bis 12. Jh. v. Chr. datieren (Vinski-Gasparini 1973, 196).

Vergleiche mit Funden von der ostadriatischen Küste sind in der Literatur nur schwer auffindbar. Batoviæ gibt an, dass Funde aus der Bronzezeit von den zu Zadar gehörenden Inseln fast nicht be- kannt sind (Batoviæ 1973, 65-66). Die Merkmale der Funde aus Ši- muni sind charakteristisch für Funde aus der jüngsten Phase des Fundortes Vaganačka peæina auf dem Velebit-Gebirge (Forenbaher – Vranjican 1985, Taf. 10, 11) und vom Fundort Vele peæi bei Vranja (Forenbaher – Rajiæ-Šikanjiæ – Miracle 2006, Abb. 14: 7), wo die Funde der späten Bronzezeit, bzw. einige Exemplare auch dem Beginn der Eisenzeit zugeschrieben wer- den (Hallstatt A2/B1). Aus dem in der Region Zadar entdeckten Fun- dus der eisenzeitlichen liburni- schen Keramik sind lediglich die plastischen, reliefartigen Bänder mit Nuten (Batoviæ 1973, Taf. LXIV: 2; Taf. LXXII: 6; Vukoviæ 2014, Kat.12) sowie die oberen, mit Fingerabdrücken verzierten Rän- der (Batoviæ 1973, Taf. LXXX: 9; Vukoviæ 2014, Kat. 5, 8, 19, 40, 46, 50, 51) vergleichbar. Vollständig fehlen waagerecht gesetzte Henkel mit rundem oder bänderförmigem Querschnitt, senkrechte Henkel, die den Gefäßrand überragen, zun- gen- oder halbmondförmige Griffe und andere typische Merkmale, die für die Keramik aus der Eisenzeit in diesem Gebiet charakteristisch

Keramik aus der Eisenzeit in diesem Gebiet charakteristisch Abb. 4: Prähistorische (7) und antike (8-12) Keramik

Abb. 4: Prähistorische (7) und antike (8-12) Keramik vom Meeresgrund in Šimuni.

sind. Derzeit ist deshalb davon auszugehen, dass die Siedlung in Šimuni zu dieser Periode nicht existierte.

Außer prähistorischen Funden ent- deckte man auch einige Bruch- stücke antiker Keramik (Abb. 4). Ein bänderförmiger Rand (Kat. 10) gehörte wahrscheinlich zu einer kleineren Amphore oder einem größeren Krug. Ein Stück eines Randes, der zu einem aus rotem gebranntem Ton hergestellten Topf gehörte, wurde gleichfalls gefun- den (Kat. 9). Eine ähnliche Be- schaffenheit hat auch das Frag- ment eines kugelförmigen Topfes, die eine polierte Oberfläche hat (Kat. 8). Die Zusätze im Ton dieser Bruchstücke deuten auf eine nordafrikanische Anfertigung hin. Ein etwas größeres Fragment eines

bikonischen Topfes mit grober Struktur und waagerecht geripptem oberen Teil wurde am Meeres- boden wahrgenommen (Abb. 3B), ein kleineres Stück, das diesem Topf ähnelt, sogar aufgesammelt (Kat. 12). Beide gehören wahr- scheinlich zur groben, aus Nord- afrika stammenden Küchenkera- mik, die unter dem Namen Kas- serolle bekannt ist. Funde nord- afrikanischer Fein- und Grob- keramik aus dem 3. bis 6. Jhs. sind an der ostadriatischen Küste relativ häufig, jedoch nur selten in dieser Form. Am ungewöhnlichsten ist der obere Teil einer Schale, dessen Rand einen dreieckigen Quer- schnitt hat, der zum Gefäßinneren ausgerichtet ist (Kat. 11).

Allem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine Siedlung oder

16. Jahrgang 2016 · Heft 2 117 einen Pier aus der späten Bronze- zeit. Ein

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16. Jahrgang 2016 · Heft 2 117 einen Pier aus der späten Bronze- zeit. Ein Standardgrundriss

einen Pier aus der späten Bronze- zeit. Ein Standardgrundriss wurde anhand von Messungen angefer- tigt, mit Hilfe der Foto- und Video- dokumentation konnte ein 3D- Modell der mittleren Reihe von Pfosten (Abb. 6) angefertigt wer- den. Die Anordnung der Pfosten in Reihen und deren Größe entspre- chen bisher den Standardfunden bei Pfahlbausiedlungen. Da die Bucht von Šimuni bei allen Win- den ausgezeichnet geschützt (Abb. 1) ist bzw. die beste an der Westküste der langen Insel Pag darstellt, war ihre Besiedlung in der Vorzeit eine natürliche Wahl. Vereinzelte Funde antiker Keramik zeugen davon, dass die Bucht in Šimuni auch in dieser Periode zu Ankerzwecken genutzt wurde. Die Fläche, die durch die Nutzung des Hafens durchgraben ist, beträgt ca.100 m 2 (Abb. 5). Nichtsdestotrotz ist anzu- nehmen, dass in dem umliegenden, nicht erforschten Teil der Fund- stätte noch weitere Pfosten zu fin- den sind.

Angesichts der Gefährdung der Funde sind baldmöglichste archäo- logische Unterwasser-Rettungsgra- bungen wünschenswert. Eine er- folgreiche Erhaltung des Unterwas- ser-Kulturerbes ist nur dann mög- lich, wenn die Taucher die Archäo- logen unverzüglich über Funde be- nachrichtigen, wie es der Taucher

über Funde be- nachrichtigen, wie es der Taucher Abb. 5: Lageplan der Holzpfosten im Bereich, der

Abb. 5: Lageplan der Holzpfosten im Bereich, der durch die Schiffsschraube aufgewühlt wurde.

Vedran Dorušiæ in diesem Fall tat. Bisher hat er bereits in acht Fällen wertvolle Unterwasserfundstätten entdeckt und den Archäologen gemeldet, was in unserem Beruf eine unschätzbare Hilfe ist.

Anmerkungen

1 Gespanschaft = kroat. županija, Bezirk regionaler Selbstverwaltung, etwa unserem Landkreis ähnlich.

Abb. 6: Blick auf das Zentrum der Fundstätte im Agisoft 3D-Modell.

Literaturverzeichnis

Batovi´c, Š. 1973: Prapovijesni ostaci na za dars kom oto c ju. Diadora 6, 5-166.

Forenbaher, S. – Vranjican, P. 1985:

Vaganacka peæina 10. Opuscula Archaeo-

logica 1-21.

Forenbaher, S. – Raji´c Šikanji´c, P. – Mirac- le, P.T. 2006: Loncarija iz Vele peæi kod Vranje (Istra). Histria archaeologica 37, 5-46.

Vinski-Gasparini, K. 1973: Kultura polja sa žarama u sjevernoj Hrvatskoj (Zadar).

Vukovi´c, M. 2014: Razmatranja o liburn- skoj keramici iz sonde 63 s Beretinove gra- dine kod Radovina. Diadora 28, 21-52.

Abbildungsnachweis

Abb. 1, 2, 4, 5: L. Bekiæ; Abb. 3: V. Dorušiæ; Abb. 6: V. Dorušiæ, R. Suriæ.

Anschrift

Luka Bekiæ Internationales Zentrum für Unter- wasserarchäologie (MCPA) in Zadar UNESCO Zentrum der Kategorie II B. Petranoviæa 1 HR-23000 Zadar Kroatien lbekic@icua.hr