Sie sind auf Seite 1von 47

Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik XXVI (1908)

343

Ueber die Evolution des Anarchismus.

Von

CHRISTIAN CORNELISSEN.

Im Sommer 1907 fand in Amsterdam ein » Internationaler,

libertärer und kommunistischer Arbeiterkongreß- statt, der als

der »erste, unabhängige anarchistische Kongreß, bezeichnet wurde.

Diese Bezeichnung deutet dahin, daß die früheren internationalen

Kongresse derselben Richtung, sowohl der von 1893 (Zürich) als

der von 1896 (London) noch sozusagen an die parlamentarischen

und sozialdemokratischen Kongresse gefesselt waren, deren An

hängsel sie bildeten, während sie zugleich deren Opposition

ausmachten. Und wenn auch ein selbständiger antiparlamenta-

rischer und revolutionärer Kongreß in Paris vorbereitet wurde,

zur Zeit der Weltausstellung von 1900, so ist es damals doch bei

der Vorbereitung geblieben. Das Verbot des öffentlichen Kongresses

seitens der französischen Regierung hat damals die »Anarchisten'

gezwungen, sich auf geheime Versammlungen zu beschränken und

durch die Publikation der zahlreichen Berichte an den Kongreß

in verschiedenen Sprachen sich für den Verlust der Propaganda

in öffentlichen Versammlungen zu entschädigen.

Jetzt aber scheint eine neue Welt- und Gesellschaftsauffassung

in verschiedenen unserer Kulturländer lest genug eingewurzelt,

um es ihren Vertretern zu ermöglichen, sich unabhängig von

anderen auf eigener Weltbühne zu zeigen und somit eine neue

Stellung in den sozialen Parteien und Gruppen einzunehmen.

Jedenfalls macht diese Tatsache die Auseinandersetzung der anar

chistischen Prinzipien und Taktik und deren Evolution während

der letzten Jahrzehnte vor einem sozialökonomisch geschulten

Publikum nützlich und erwünscht.

**

In einer solchen Auseinandersetzung für einen deutschen

Leserkreis könnte es gewissermaßen als Nachlässigkeit gelten,


344 Christian Cornelissen,

wenn sie nicht an frühere Forschungen auf demselben Gebiet an

knüpfte, und ich denke hier besonders an das Buch Paul Eltz-

bachers über den Anarchismus1). Nicht daß ich seinen Konklu

sionen über die Grundsätze der verschiedenen anarchistischen

Lehren unbedingt beistimme. Herr Eltzbacher hat vor allem dies

gegen sich, daß er die anarchistische Propaganda in keiner Be

ziehung miterlebt hat, also in semen Forschungen auch nicht

immer recht zu unterscheiden weiß und als gleichwertiges Ma

terial unter dem Messer seiner methodischen Analyse sowohl ganz

flüchtig dahingeworfenc Zeitungsartikel oder Reden, einfache Pro

paganda- und Vulgarisationsliteratur, als auch theoretisch streng

formulierte, rein wissenschaftliche Arbeit untersucht; weiter auch,

daß er die historische Bedeutung der sozialistischen und anarchi

stischen Terminologie infolge dieses selben Mangels nicht immer

kennt. Zum Beispiel, wenn der Autor in seiner Analyse der

Lehre Bakunins festhält an den Worten des russischen Agitato

ren: »Ich bin nicht Kommunist, sondern Kollektivist« 2), dann zieht

er nicht in Betracht, daß die Ausdrücke Kommunist und

Kollektivist zur Zeit Bakunins eine ganz andere Bedeutung

hatten als jetzt, und daß damals so ungefähr Kollektivismus hieß,

was jetzt Kommunismus heißt und umgekehrt. Stand doch in

Bakunins Tagen der >revolutionäre Kollektivismus- (Bakunins

Lehre) gegenüber dem autoritären Kommunismus«, dem was wir

jetzt den »Staatssozialismus« der Sozialdemokratie nennen3).

') D e r A n a r c h i s m u s von Dr. Paul Eltzbacher, Gerichtsassessor

und Privatdozenten in Halle an der Saale, Berlin, 1900.

2)Bakounine,Discours: Memoire, pieccsjustificatives,

S. 2j, zitiert bei Dr. P. Eltzbacher, loc. cit. S. 117.

a) Dr. Eltzbacher, anknüpfend an ein oder zwei Zitate von Bnkunin, formu

liert dann auch irrtümlicherweise wie folgt Bnkunins Meinung über das Eigentum:

»Auf der nächsten Entwicklungsstufe, welche die Menschheit alsbald erreichen muß,

wird das Eigentum so gestaltet sein, daß zwar an den Konsumtionsmitteln auch

Privateigentum, dagegen an Grund und Boden, den Arbeitswerkzeugen, sowie allem

anderen Kapital nur Gesellschaftseigentum stattfindet« (Eltzbacher, loc. cit. p. 116).

Bakunin hat nie eine Scheidung zwischen den Arbeitsmitteln und den Genußartikeln

gemacht, wie Eltzbacher dies anzunehmen scheint. Im allgemeinen hatte damals

diese theoretische Frage noch nicht die Bedeutung, die man ihr später beigelegt

hat. In Bakunins Briefen über den Patriotismus (Dritter Brief) liest man

z. B.: »Die Menschen, fleischfressende Tiere, par excellence, haben ihre

Geschichte angefangen mit der Anthropophagie. Jetzt streben sie der allgemeinen

Assoziation, der kollektiven Produktion und dem kollektiven Genuß nach« (B a-


Ueber die Evolution des Anarchismus.

345

Aber das Eltzbachersche Buch hat trotzdem das Verdienst,

im großen und ganzen die verschiedenen anarchistischen Lehren,

wie sie in ihrem Ursprung neben einander und sich gegenüber

standen, methodisch untersucht und klassifiziert zu haben, sodaß

ihre Grundlinien im allgemeinen gut dargestellt sind.

Man weiß, daß Herr Eltzbacher sieben hervorragende anar

chistische Doktrinen als Typen untersucht hat, nämlich die von

Godwin, Proudhon, Stirner, Bakunin, Kropotkin, Tucker und

Tolstoj. Die Arbeit Eltzbachers beweist nun, wie verschieden

und vielfärbig, was man kurz den Anarchismus nennt, im Anfang

war: ein Wirrwar von meist heterogenen Elementen.

Wenn Dr. Eltzbacher im X. Kapitel seines Buches dazu kommt,

die Gesamtheit der anarchistischen Lehren zu überblicken, so

konstatiert er, daß die sieben dargestellten Doktrinen hinsichtlich

ihrer Grundlage nichts Gemeinsames haben, sodaß er sie

schließlich in vier verschiedene Gruppen einzuteilen gezwungen

ist. In ihrem Verhältnis zum Recht haben die sieben Lehren

auch wieder nichts Gemeinsames. Zum einen Teil verneinen sie

für unsere Zukunft das Recht, so lehrt Dr. Eltzbachers Analyse

(die Lehren Godwins, Stirners und Tolstojs), zum anderen Teil

bejahen sie es für unsere Zukunft (die Doktrinen Proudhons, Ba-

kunins, Kropotkins und Tuckers). In ihrem Verhältnis zum Staat

haben die sieben Lehren das miteinander gemein, daß sie alle

den Staat für unsere Zukunft verneinen; aber in dem, was sie im

Gegensatz zum Staat für unsere Zukunft bejahen, haben die sieben

Doktrinen wieder nichts miteinander gemein. Und hier stellt

Eltzbacher die föderalistischen Lehren (Proudhon, Bakunin, Kro

potkin und Tucker) den »spontanistischen, Lehren (Godwin,

Stirner, Tolstoj) gegenüber. . In ihrem Verhältnis zum Eigen

tum haben wiederum die sieben dargestellten Lehren nichts

Gemeinsames. Die einen, so meint Dr. Eltzbacher, verneinen für

unsere Zukunft das Eigentum (Godwin, l'roudhon, Stirner und

Tolstoj), die anderen bejahen es (Bakunin, Kropotkin und Tucker).

Auch hat sowohl die Bejahung wie die Verneinung des Eigen

tums in den verschiedenen Lehren einen ganz verschiedenen Sinn.

kounine, Oeuvres, tome I, Paris 1895, p. 219). Solche Stellen gibt es

mehrere in den Werken des russischen Agitatoren. Seine Propaganda war nicht

allein auf die Produktion gerichtet, und wie man weiß, war er zum Beispiel be

geistert für die Erziehung der Kinder durch die Gemeinschaft und zeigte sich als

warmer Vorkämpfer der Abschaffung des Erbrechtes u. s. w.


346 Christian Cornelissen,

Unter denen, die das Eigentum bejahen, kommt Tucker als

Individualist Bakunin und Kropotkin gegenüber zu stehen.

Hinsichtlich der Art, in der sie sich ihre Verwirklichung

denken, haben die sieben dargestellten Lehren ebenfalls nichts

Gemeinsames. »Reformatorisch« nennt Dr. Eltzbacher die Lehren

von Godwin und Proudhon, »revolutionär* die von Tucker, Tol-

stoj, Stirner, Bakunin und Kropotkin. Aber Tucker und Tolstoj

denken sich den Rechtsbruch ohne Anwendung von Gewalt,

Stirner, Bakunin und Kropotkin unter Anwendung von Gewalt.

**

Was hier für die sieben dargestellten Lehren gilt, das gilt

auch für die anarchistischen Lehren überhaupt. In der Tat war

der »Anarchismus« bis auf die neueste Zeit noch vielfach so viel

artig und so wirr, daß man fast ebensovielen anarchistischen

Doktrinen wie bewußten Vertretern der Anarchie begegnete. Was

in der Taktik wie in der Theorie, im praktischen Leben all diese

Doktrinen gemeinsam hatten, war mit Recht nur ihre Verneinung

des Staates. Anarchie war anfangs was der etymologische Sinn

des Wortes ausdrückt: An-archie, d. h. Herrschafts-

losigkeit, d. h. Negation aller Autorität und

aller Regierung. Noch in den letzten Wochen vor dem

Amsterdamer Kongreß fand man z. B. im anarchistischen Wo-

cj1enblatte »Der freie Arbeiter« von Berlin einen Artikel,

worin Erich Mühsam, als Repräsentant dieses primitiven Anar

chismus, folgendermaßen seine Ansicht definiert: »Anarchismus

bedeutet nichts anderes als die Ablehnung jeglicher Herrschafts

form. Positiv ausgedrückt heißt das: die schrankenlose Auto

nomie des Einzelnen« 4). Daß »Anarchismus« jetzt in der Presse

und im täglichen Leben schon ganz' etwas anderes bedeutet, daß

es bei der »sprachemachenden Gemeinde«, dem Publikum — auch

dem sozialistischen Publikum — schon in Wirklichkeit sehr wenig

mehr mit der >schrankenlosen Autonomie des Einzelnen« zu tun

hat, das ist es eben, was die Evolution des Anarchismus aus

macht. Und diese Evolution kommt nun gerade im Eltzbacherschen

Buche nicht zum Ausdruck, konnte auch nicht zum Ausdruck

kommen, in Anbetracht der Methode, der bei dieser Arbeit ge

folgt wurde, und der Persönlichkeit ihres Autors. Man darf

selbst behaupten, daß es in Büchern und Zeitschriftartikeln noch

*) Der freie Arbeiter vom 4. Mai 1907.


Ueber die Evolution des Anarchismus.

347

sehr wenig Material über die spätere Evolution des Anarchis

mus gibt.

Und doch steht fest, daß schon vor 1900, als das Eltzba-

chersche Buch erschien, die Doktrin Godwins seit langem der Ge

schichte angehörte; daß auch die Lehre Bakunins, trotzdem dieser

noch vielfach in der anarchistischen Presse zitiert wird, damals

schon als Theorie eigentlich nur noch historischen Wert hatte;

daß der Einfluß von Proudhon und Benjamin Tucker, der des

erstercn fast nur in Frankreich, der des letzteren nur in den Ver

einigten Staaten, sich nur in sehr beschränkten Kreisen noch be

merkbar macht; endlich daß der Tolstojsche Anarchismus in

West- und Mitteleuropa wie außerhalb Europa nie feste Wurzel

gefaßt hat. Wenn man sich an die von Dr. Eltzbacher als Typen

gewählten Lehren halten will, so wäre schon vor 1900 der Kampf

um den Vorrang zwischen dem Individualismus Stirners und dem

Kommunismus Kropotkins unbedingt zugunsten des letzteren ge

schlichtet. Umgekehrt aber haben ganz neue anarchistische Ten

denzen sich gerade in den letzten Jahren offenbart; und die syn

dikalistischen (Gewerkschafts-) Anarchisten, die jetzt in den mo

dernen Ländern gewiß neun Zehntel aller sich »Anarchisten«

Nennenden ausmachen, und deren Doktrinen der »direkten Aktion <-

sich schon in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts Bahn

zu brechen anfing, fanden mit keinem Wort auf den Seiten des

Eltzbacherschen Werkes Erwähnung*).

Untersuchen wir hier, wie sich denn der Anarchismus ent

wickelt hat, und welche inneren sozialen Motive seiner Evolution

zu Grunde gelegen haben.

**

Du c h o c des o p i n i o n s j a i l l i t l a v e r i t e. Es ist

deutlich, daß schon bei dem ersten ernsthaften Zusammenstoß

der Ideen, sowohl zwischen Anarchisten untereinander, als auch

zwischen Anarchisten und Nichtanarchisten, das was man die

;> schrankenlose Autonomie des Einzelnen.- nennt, eine bedeutende

Einschränkung erfahren mußte. Auf dem internationalen revolu

tionären Kongreß in Zürich (1893) hörte man noch einen Redner

in vollem Enthusiasmus in dieser Sache erklären: »Wir Anarchisten

erkennen nur einen Zwang, den der natürlichen Bedürfnisse des

*) Vergl. hierzu den Aufsatz von Lagardelle: Die syndikalistische Bewe

gung in Frankreich, p. 96 dieses Bandes. (Anm. d. R.)


j.l,S Christian Cornelissen,

Menschen«. Aber zu gleicher Zeit wurde doch auch in dieser

selben Versammlung schon die Antwort vernommen, »ob vielleicht

auch die menschliche Gesellschaft selbst ein Stück Natur sei, an

deren Lebensbedürfnisse, insoweit sie auch Bedürfnisse jedes Ein

zelnen sind, man ebensogut Konzessionen zu machen hat, wie

an die physischen oder psychischen Bedürfnisse des Individuums,

ja ob diese beiden Kategorien von Bedürfnissen eigentlich wohl

recht voneinander zu trennen seien.« In der Tat besteht prinzi

piell nicht der geringste Grund, weshalb der Mensch wohl Ein

schränkungen in seiner individuellen Freiheit, wohl Zwang hin

sichtlich seiner psychischen Bedürfnisse, des Essens und Trinkens

oder des Schlafens, zuzulassen hätte, und nicht auch hinsichtlich

des Umstandes, daß er nun einmal mit vielen Millionen Natur-

genossen auf derselben Erde und im selben Lande zu leben ge

zwungen ist.

Wo unter aufgeklärten Anarchisten gefragt wurde, was unter

Freiheit zu verstehen sei, habe ich mehrmals die Defmition

Spinozas anführen hören: »Derjenige Gegenstand heißt frei, der

aus der bloßen Notwendigkeit seiner Natur existiert und von sich

allein zum Handeln bestimmt wird; notwendig aber oder viel

mehr gezwungen, der von einem andern bestimmt wird zum

Existieren und zum Wirken in fester und bestimmter Weise« 5).

Aber schon auf den ersten Blick muß es auffallen, daß, wenn

Freiheit nach dieser Definition nichts anders ist als jene Art der

Notwendigkeit, die aus der eignen Natur des Gegenstandes folgt,

die menschliche Freiheit, durch die Natur des Menschen ein

geschränkt, auch überall da sich Schranken gezogen findet,

wo die Naturnotwendigkeit sich dem Menschen als solche auf

drängt, d. h. nicht nur in seinen physischen oder psychischen, son

dern auch in seinen sozialen Bedürfnissen, insoweit nämlich die

5) Benedict von Spinoza's Ethik, Erster Teil, Von Gott, D. 7.

— J. H. v. Kirchmann, der deutsche Uebersetzer der Ethik gibt die folgen

den Erläuterungen zu dieser Stelle: »Spinoza kennt keine Willkür, sondern nur

Notwendigkeit. Die Freiheit ist bei ihm nur eine Art der Notwendigkeit,

nämlich die, welche aus der eigenen Natur des Gegenstandes folgt. Soweit Jemand

aus der Notwendigkeit seiner eignen Natur handelt, handelt er nach Spinoza frei;

unfrei, soweit diese Notwendigkeit von außen kommt. Spinoza kommt auf diesen

Punkt später ausführlicher zurück. Hegel hat genau denselben Begriff der Frei

heit von Spinoza übernommen.« (Erläuterungen zu Benedict von

Spinoza's Ethik von J. H. v. K i r c h m a n n , Berlin, 1869, S. 7.)


Ueber die Evolution des Anarchismus.

349

letzteren unmittelbar bedingt sind durch die Notwendigkeit seines

Zusammenlebens mit anderen Menschen. Nur über die Beschaf

fenheit dieser sozialen wie aller anderen Bedürfnisse, über das

Mehr oder Weniger, kann es schließlich zwischen vernünftigen

Menschen noch Streit geben.

Es ist nun aber ein besonderer Grund da, der gerade in den

letzten Jahren unter den Anarchisten in dieser Hinsicht zur Ein

schränkung oder vielmehr zur richtigen Definierung der Idee

der individuellen Freiheit drängte und zu ihr führen mußte.

Es war dies das Eindringen der anarchistischen Doktrinen in die

Kreise der Arbeiterbevölkerung. Um das begreiflich zu machen,

haben wir auf das praktische Leben der Arbeiter hinzuweisen.

So lange fast nur Künstler und Literaten sich zur Anarchie

bekannten, Personen, die nicht jeden Tag ihres Lebens direkt mit

andern zusammen zu arbeiten haben, oder auch Personen der

besitzenden Klassen, für welche die Brotfrage in ihrer schwersten

Form gelöst ist, weil andere für sie produktiv arbeiten, kurz Per

sonen, für welche leicht die Aufrechterhaltung der eigenen Frei

heit die vornehmste Sorge des Lebens wird — so lange konnte

auch die primitive Auffassung der Anarchie als nur >unbeschränkte

Herrschaftslosigkeit«, als nur »Verneinung aller Autorität« ohne

viel Kampf die Oberhand behalten. Allein was hätte der moderne

Lohnarbeiter von einer solchen Philosophie, der Lohnarbeiter der

vor allem zu sorgen hat, sein materielles Dasein zu fristen, und

der nur dann zur Verbesserung seiner materiellen Lebens

lage kommen kann, wenn er sich vereint und zusammengeht mit

seinen Arbeitsgenossen in der Werkstatt, und mit seinen Klassen

genossen rings herum in der Welt, überall wo er Arbeiterinteressen,

wie die seinigen im Spiel sieht?

Die »Verneinung aller Autorität; und die »Autonomie des

Einzelnen^ können zweifelsohne schöne Sachen sein, jedoch kommt

man nur dann dazu, wenn erst einmal die materielle Existenz

gesichert ist. Aber wenn man jeden Morgen auf das Läuten

der Fabrikglocke an die Arbeit muß, weil man sonst hungert,

dann fange man einmal an, alle Autorität zn verneinen !

Allmählich mußte daher bei den revolutionären Lohnarbeitern

die Idee Eingang finden: Erst müssen wir die Herren in der

eigenen Fabrik sein; und erst in dem Maße, wie wir den jetzigen

Fabriksherrn besiegt haben, werden wir dazu kommen können,

dessen Autorität zu verneinen. Gleicherweise verhalten sich die

Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. XXVI. 1. 23


350 Christian Cornelissen,

revolutionären Arbeiter der Staatsautorität gegenüber. Die fol

gende Idee drang mehr und mehr bei ihnen durch : Nur insofern

wir im Stande sind, durch die Macht unserer Organisation durch

zuführen, was wir erstreben, auch gegen die Staatsgewalt, gegen

jede Regierung, sei es auch eine sozialdemokratische, nur dann wer

den wir, die Massen, allmählich die Staatsgewalt verneinen können.

Es ist also nicht nur der Klassenkampf und die zu seiner

Durchführung nötige Organisation, beides als Mittel, sondern

schließlich auch der Kommunismus, als Ziel, die sich den revo

lutionären Arbeitern notwendigerweise aufdrängen mußten. Auch

die wärmsten Verteidiger der individuellen Freiheit unter ihnen

haben sich notgedrungen stets weiter in dieser Richtung entwickelt

und wurden immer fester davon überzeugt, daß nur auf der

Basis einer mehr oder weniger streng ausgebauten kommunistischen

Wirtschaftsordnung die Möglichkeit vorhanden sei, die individuelle

Freiheit aller zur vollsten Entwicklung zu bringen.

Wenn also unabweisbar in der Arbeiterbewegung der primi

tive, individualistische Anarchismus vor dem kommunistischen

Anarchismus den Platz zu räumen hatte, der reformatorische oder

auch der »renitente« Anarchismus (Tolstoj) vor dem »insurgenten^

oder revolutionären, so war doch fast überall in der Arbeiter

bewegung eine Gegenströmung vorhanden, die wir gleichfalls noch

zu untersuchen haben, weil sie noch viele Jahre lang die syste

matische Organisation und die regelmäßige Entwicklung der

kommunistischen Bestrebungen gehemmt hat.

In verschiedenen modernen Ländern hat sich der Anarchis

mus in den Arbeitervereinen praktisch erst Bahn gebrochen

als Opposition gegen die zentralisierte und disziplinierte Sozial

demokratie. Und nur zu leicht fiel diese Opposition — wie dies

immer bei Oppositionsbewegungen der Fall ist — ins andere

Extrem. Neben dem Einfluß der literarischen und künstlerischen

Elemente, von den oben die Rede war, hat dies viel dazu bei

getragen, dem Individualismus als Lehre eine gewisse Stütze zu

verleihen und selbst hier und da die Desorganisation in die Be

wegung hineinzuführen. Besonders im Anfang der neunziger

Jahre, zur Zeit als die sogenannte individuelle Aktion in Frank

reich zu verschiedenen Bombenattentaten führte, hat daselbst, wie

auch in Italien, Deutschland, Holland. Böhmen u. s. w. die indi

vidualistische Kritik zuerst die Form der Organisation, später auch

die Organisation als solche angegriffen.


Ueber die Evolution des Anarchismus. -3 r 1

In den Gewerkschaften offenbarte sich der individualistische

Geist der Desorganisation, indem in den vielfach erst neu ge

gründeten Vereinen von Anfang an die Frage auf die Tagesord

nung kam, ob nicht jede Gewerkschaftsreglementierung, jeder

Vorstand, den Keim einer neuen Herrschaft mit sich bringe. Nicht

zufrieden damit, die Mißbräuche der Organisation zu kritisieren

und alle Mittel anzuwenden um zu verhindern, daß die Vor

standsmitglieder in den Gewerkschaften zu viel Macht in die

Hand bekamen, sie, die doch im Prinzip nur die Mandatäre der

Mitglieder waren, fingen die Individualisten bald an, die Organi

sation selbst zu bekämpfen, immer träumend von neuen »Ty

rannen ^, auch da wo es sich um die Regelung der einfachsten

Gewerkschaftssachen handelte. Auch da wurden Worte wie

die »Tyrannisierung der Minorität durch die Majorität^, und die

Unterdrückung der individuellen Freiheit« schablonenmäßig ge

braucht. Doch die individualistische Kritik übersah dabei die Ge

fahr, daß in der Arbeiterorganisation bei völliger Abwesenheit jeder

Reglementierung, die persönliche Autorität und selbst die Diktatur

tatkräftiger Individuen sich desto leichter geltend machen könnte,

gerade wie in der alten Gesellschaft, die man angegriffen hatte.

Mehr noch als in den Gewerkschaften fand in der Ueber-

gangsperiode, von der wir reden, dieser Individualismus Anklang

in den Studien- und Agitationsgruppen, die sich direkt den sozial

demokratischen Vereinen gegenüber stellten. Es ist erst wenige

Jahre her, daß man in vollem Ernst in verschiedenen Ländern

Probleme diskutierte wie die folgenden: Ob es in den revolutio

nären Gruppen nicht ein schlimmer Einbruch in die »Freiheit

des Individuums« sei, abzustimmen und Beschlüsse

zu fassen? Ob es wohl erlaubt sei, die Mitglieder dieser

Gruppen zu ersuchen regelmäßig ihre pekuniären Heiträge

an die Gruppenkassc abzuführen. Ob man wohl das Recht hätte

in den Gruppen einen Vorsitzenden zu wählen, der nach

schaut, wer um das Wort bittet, oder einen Sekretär und

besonders auch einen Kassierer, und zwar alle diese verantwort

lich vor der Gesamtheit der Mitglieder? Das würden doch wieder

um neue > Herrscher« sein, gerade wie bei der Sozialdemokratie.

Und außerdem, was die Verantwortlichkeit anbetrifft, so wäre das

souveräne Individuum nur sich selbst Verantwortung schuldig8).

8) Die individualistische Kritik kehrte sich nicht minder bestimmt gegen eine

Prinzipienerklärung, die der primitive Anarchismus selbst gar nicht von

23*
352

Christian Cornelissen,

Man glaube nicht, daß dies übertrieben ist. Es handelt sich

hier um Phänomene, die sich international hervortaten. Noch auf

dem internationalen revolutionären Kongreß in London (1896) gab

es unter den Anwesenden einen verstockten Stirnerianer, der bei

jedem Beschluß den die anderen abfassen wollten, einwarf: »Aber

ein Beschluß, eine Resolution! Ich will keinen Beschluß,

ich komme nicht hierher um mit anderen zu paktieren. Ich wünsche

nur Ich selbst zu bleiben ,. Aber damals hatte doch schon die

kommunistische Richtung die Oberhand, und dem Gegner wurde

zugerufen: »Das hätten Sie doch auch zu Hause tun können,

sich selbst bleiben, Sie brauchten nicht hierher zu kommen

um uns damit zu langweilen!«

Eine derartige I laltung wurde bald allgemein in den frei

kommunistischen Gruppen den starren Individualisten gegenüber

angenommen. Niemand, sagte man und sagt man noch, zwingt

sie, in die Gruppen zu kommen; aber wenn sie kommen, so wird

auch vorausgesetzt, daß es ihnen darum zu tun sei, zusammen

zu arbeiten mit den anderen, und daß sie im großen und ganzen

mit den Ideen und dem Wirken der anderen Mitglieder einver

standen sind.

Es war oben die Rede von Stirner und von Stirnerianern in

der revolutionären Arbeiterbewegung. In der Tat war die

Stirnersche Philosophie in dieser Uebergangsperiode ganz beson

ders unter den Individualisten in der Mode. Diese nebelhafte

einem Parteiprogramm zu unterscheiden wußte. Noch im oben erwähnten

Artikel Erich Mühsams in dem Freien Arbeiter heißt es: »Haben sie (die

Anarchisten auf der Mannheimer Konferenz von 1907) sich nicht überlegt, daß die

Bindung unter eine Prinzipienerklärung, die man ebensogut ein Parteiprogramm

nennen könnte, verbunden mit der Konstituierung einer verdächtig nach Zentrali-

sation riechenden Organisation gar nichts anderes bedeutet als die Gründung einer

anarchistischen Partei, die natürlich in direktem Widerspruch steht zu dem einzigen

anarchistischen Prinzip, dem der unbedingten Autonomie der Persönlichkeit?«

Allein hierauf antwortete die Redaktion des Blattes in derselben Nummer: »Bei

der Besprechung der Prinzipienerklärung wurde das Bedenken geäußert, daß man

cher Genosse darin ein Programm des Anarchismus erblicken könne. Kann aber

diese Befürchtung davon abhalten, der Agitation für den Anarchismus eine einfache,

klare Darstellung der anarchistischen Idee und der von dieser Idee ausgehenden

Taktik zum Sturze der heutigen Gesellschaft zu schaffen? Man hätte diese Dar

stellung ja auch anders nennen können, hat aber den Namen Prinzipienerklärung

gewählt, weil man nicht erwartet hat, daß sich unter den Genossen jemand finde,

der sein Holz auf diesem Namen hackt.« (L o c. cit., Beiblatt.)


Ueber die Evolution des Anarchismus.

353

Wortphilosophic, diese Metaphysik, die an den Begriffen hängen

blieb und sich darin erging, alle Begriffe zur äußersten Konse

quenz zu entwickeln, anstatt festen Fuß zu behalten im wirklichen

Natur- und Menschenleben, sie kam damals vielen im Denken

noch so unerfahrenen Anarchisten wie ein Evangelium vor, auch,

und besonders, denjenigen, die Stirners »Einzigen« nicht zu lesen,

oder wenigstens nicht zu verstehen im Stande waren. Tut nichts, man

war Stirnerianer aus Intuition, gerade wie Monsieur Jourdain bei

Molierc Prosa gesprochen hatte, ohne es selbst gewußt zu haben.

Die Reaktion gegen die individualistischen Tendenzen der

Uebergangsperiode konnte natürlich nicht ausbleiben. Sie trat

zuerst auf in den Gewerkschaften, wo — besonders in Frankreich,

später aber auch in anderen Ländern (Holland, Schweiz u. s. w.) —

die Arbeiterorganisationen, von den revolutionären Sozialisten und

Anarchisten beseelt, nicht zu verkennende Vorteile erlangten.

Es waren nämlich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil

die unfruchtbaren Zänkereien in den anarchistischen Gruppen,

die gegen das Ende des Jahrhunderts viele intelligente und

tatkräftige Anarchisten in die Gewerkschaften getrieben hatten.

Da offenbarte sich ihr anarchistischer Frciheitsgeist unmittelbar in

der Kritik gegen die Autorität der Gewerkschaftsvorstände, in deren

Reihen sie oft selbst eintraten, weiter in ihrer Propaganda der

Dezentralisation und der Autonomie der lokalen Gewerkschafts

vereine in der Erledigung aller eigenen Angelegenheiten. Als

Kommunisten glaubten sie dabei, daß jedes Zusammenstoßen von

Arbeitern und Unternehmern, jeder Streit um Lohnerhöhung oder

Verkürzung des Arbeitstages schon im Anfang die große Frage

des Kampfes um die Oberherrschaft in den Fabriken und Werk

stätten stellt. Sie faßten den Uebergang des heutigen Privat

eigentums in gesellschaftliches Eigentum in dem Sinne auf, daß

die Arbeiter es erstens dahin zu bringen haben, in den Arbeitsstätten

der Privatkapitalisten, durch die Macht ihrer Organisation, wenn

auch nicht die rechtlichen, so doch die tatsächlichen Dirigenten

zu werden. Aber wenn in einer späteren Epoche der Geschichte,

so meinten sie und so meinen sie noch, die Kapitalisten dazu über

gehen möchten, die Werkstätten, ihr Eigentum, zu schließen, so wird

es den revolutionären Arbeitermassen, die inzwischen im prakti

schen und theoretischen Kampf geschult sind, vorbehalten sein, selbst

einzugreifen um, mittelst ihrer Organisationen, die soziale Produktion

im allgemeinen Interesse der ganzen Menschheit weiter zu führen


ChristianCornelissen,

Im Kampf gegen die Kapitalistenklasse preisen die modernen

Anarchisten alle Mittel an, die man unter dem Ausdruck der

>direkten Aktion- zusammenfaßt: Streiks, Boykotts, systematische

Obstruktion (wie sie die Eisenbahnarbeiter in Italien und Oester-

reich schon durchführten), Sabotage (schlechte Arbeit für schlechte

Zahlung) u. s. \v.

Aber das von den revolutionären Gewerkschaften gegebene

Beispiel konnte nicht anders als auch in den revolutionären

Gruppen nachwirken.

Jetzt haben die kommunistischen und syndikalistischen Ten

denzen schon unbedingt über die individualistischen und zugleich

auch antisyndikalistischen das Uebergewicht erlangt, besonders in

den westeuropäischen Ländern. Was im modernen Sinn * Anar

chismus« heißt, offenbart sich da praktisch in der Agitation als

»direkte Aktion-, als das »Selbsttun« der Massen, nicht nur

im offenen Kampf gegen die Unternehmer, sondern auf jedem

Gebiet des sozialen Lebens, im Kampf gegen die Staats- und

Priesterherrschaft (z. B. als Antimilitarismus, Antiklerikalismus),

unter gewissen Formen auch in der produktiven Assoziation

u. s. \v. Sein Streben offenbart sich selbst auf politischem Gebiet

gegenüber allen Parteien, ohne Unterschied (Straßenagitation

gegen schlechte Gesetze, Massendemonstrationen für oder gegen

gewisse politische Ereignisse, u. s. w.). Auf letzterem Gebiet

gehen dabei die heutigen Anarchisten von der Voraussetzung

aus, daß alle parlamentarischen Parteien von den starrsten Kon

servativen bis auf den Radikalen und den Sozialdemokraten desto

eher bereit sind gewisse Uebelstände abzuschaffen, oder als Kon

zessionen kleine Verbesserungen durchzuführen, je mehr sie

von außen durch den direkten Druck der Massen dazu gezwungen

werden. Auf diese Weise hat die anarchistische Taktik auf je

dem Gebiet allmählich den gleichen Charakter angenommen, den

eines Strebens und Schaffens durch eigene Macht der Massen,

und nicht durch die Aktion der Regierenden, — selbst nicht der

Regierenden des allgemeinen Wahlrechts, wären sie auch die

demokratischsten unter ihnen: Freisinnige und Sozialdemokraten.

Angesichts dieser Evolution, die der Anarchismus durchge

macht hat, kann es als gleichgültig angesehen werden, ob, in

Anbetracht der stattgefundenen Veränderungen der Ideen und

Tendenzen, man behaupten möchte, daß der Xame Anarchismus

nicht mehr ohne weiteres für die jetzige Bewegung paßt, und
Ueber die Evolution des Anarchismus.

355

man vielmehr von freiheitlichem Sozialismus oder libertärem

Kommunismus reden sollte. Die geschichtlichen Namen, die Par

teinamen, werden 'doch meistens den Menschen von anderen viel

mehr aufgedrängt als freiwillig von ihnen gewählt. Gewiß ist,

daß die sprachemachendc Gemeinde von anarchistischen Ge

werkschaften redet, ganz wie sie von anarchistischen Straßen-

demonstrationen, oder von der anarchistischen Taktik des Anti

militarismus und der Militärdienstverweigerung spricht, und daß

sie hierbei immer an die »direkte Aktion- der Massen denkt, d. h.

der betreffenden Personen selbst im Gegensatz zu den Repräsen

tanten dieser Personen in den Regierungskollegien oder zu den

Behörden.

Was sich in dieser Hinsicht mit der anarchistischen Lehre

und der anarchistischen Taktik vollzieht, ist ein allgemeines

Phänomen, das in allen Sprachgebieten auftritt: Das allgemeine

Phänomen des Verwachsens der Worte, und der Modifikation

ihrer Bedeutung, zugleich mit der Umwandlung der sozialen Ver

hältnisse, unter denen sie entstehen. Es beweist, daß die mensch

liche Sprache evoluiert, weil die Sprachphänomene in letzter Instanz

doch auch soziale Phänomene sind, und es handelt sich hier

gerade um ein Problem mit der gegenwärtig die Linguisten inter

national anfangen, sich zu beschäftigen.

Die Linguisten konstatieren, daß die Bedeutung eines

Wortes sich ausbreitet, wenn es von einem

engeren in einen weiteren Kreis übergeht; daß

sie sich aber zusammenzieht, wenn das Wort

von einem weiteren auf einen engeren Kreis

sich beschränkt7).

7) S. z. B. L'A n n e e Sociologique, 1904—1905, Artikel von

A. M e i 11 e t, Professor am College de France : Gomment les mots

changent de sens, S. 14. Herr Meillet zitiert an dieser Stelle auch M e-

r i n g e r: »Ein Wort erweitert seine Bedeutung, wenn es vom engeren in einen

weiteren Verkehrskreis tritt; es verengert sich, wenn es vom weiteren in den

engeren tritt«. (Indogermanische Forschungen, XVIII, 232.) Vergl.

auch was den sozialen Charakter der linguistischen Probleme anbetrifft: Meillet,

loc. cit., p. 3: »Si le milieu dans lequel evolue le langage est un milieu social,

si l'objet du langage est de permettre les relations sociales, si le kngage n'est

maintenu et conserve ' que par ces relations, si enfm les limites des langues com-

cident avec celles des groupes sociaux, il est evident que les causes dont dependent

les faits linguistiques duivent ctre de nature sociale . . . .« ete.


356 Christian Cornelissen,

Und das erste ist es nun gerade, was mit den Worten

Anarchie und anarchistisch geschah, indem sie bei der

Arbeiterbevölkerung Eingang gefunden. Zeigen wir noch mit

einem Beispiel des praktischen Lebens, wie hier die speziellen

Arbeiterinteresscn den Anarchismus und seine Bedeutung um

wandeln.

Wenn ein Propagandablatt in Händen einer einzelnen Person

sich befindet, so hat diese unwiderlegbar Interesse daran, ihre

individuelle Freiheit in den Vordergrund zu stellen und

anderen die Kontrolle, oder auch nur jeden Einfluß auf

die Richtung und die Zusammenstellung der Zeitschrift zu ver

sagen. Er liebt es vielleicht in eigener Person Herausgeber,

Redakteur, Administrator, alles zugleich zu sein, so

lange es nur möglich ist, und vielleicht nennt er dies für sich

A n - a r c h i e. Aber in den Arbeiterkreisen hat man durchaus

umgekehrte Interessen, und besonders in den sozialistischen Krei

sen lieben es alle, solche Sachen gemeinsam zu regeln. Wenn

wir, so behaupten die Arbeiter, den Kommunismus wollen, wenn

wir wirklich Grund und Boden, die Arbeitsinstrumente, ja alle

Genußartikel so weit wie nur möglich, in Gemeinbesitz nehmen

wollen, und doch noch nicht einmal imstande sein sollten, jetzt

unsere eigene Presse gemeinschaftlich zu besitzen und zu leiten,

was würde da von unserem Kommunismus übrig bleiben? Würde

dieser dann noch als ernsthaft zu betrachten sein ? Hinter den

verschiedenen Bedeutungen, die man den Worten Anarchie und

anarchistisch beizulegen gewohnt ist, zeigt sich hier deutlich die

Verschiedenheit der Interessen.

Dies alles ist also schon weit entfernt von der ^schranken

losen Autonomie des Einzelnen s von der »unbeschränkten indivi

duellen Freiheit*. Wenn ein Individualist vom alten Schlag dem

modernen anarchistischen Arbeiter, dem libertären Kommunisten

entgegenwerfen würde, daß doch die individuelle Freiheit auch

für ihn »das höchste Gut« sein sollte, so wird er zur Antwort

bekommen, daß eine individuelle Freiheit doch so viel wert ist

wie die andere, und daß man im allgemeinen und vom Stand

punkt der Gesamtheit betrachtet, jede individuelle Freiheit nur

zu respektieren braucht, solange sie der Freiheit von anderen

nicht hinderlich wirdh). Möchte hierauf der Einwand folgen, daß

8) Noch vor einigen Monaten, auf dem Amsterdamer Kongreß, wurde einer

seits beantragt, man sollte aussprechen, daß das Individuum sich selbst frei »aus-
Ueber die Evolution des Anarchismus.

357

man vielleicht die eigene individuelle Freiheit und die eigene

Entwicklung schädigen könnte, vom persönlichen Standpunkt aus

beurteilt, wenn man sich um andere kümmert, und sich mit an

deren verständigt, so antwortet der moderne Anarchist hierauf

verneinend. Er könnte es mit einem amerikanischen Sozialisten

folgendermaßen formulieren :

»Der isolierte Mensch ist nur der Anfang eines Individuums.

Aber wer da geworden ist: Bürger, Nachbar, Freund, Bruder,

Sohn, Gemahl, Vater, Mitglied zugleich, der wird eben dadurch

soviele Male individualisiert«9).

So hat dann das praktische Leben den anarchistischen Ar

beiter dazu gebracht, die Formel der > unbeschränkten Freiheit

des Einzelnen« umzuwandeln in diese andere: »die höchst

mögliche Freiheit für jeden Einzelnen, doch

wobei wir alle zusammen leben und glücklich

sein könne n.«

Vom alten, primitiven Anarchismus ist in den modern anar

chistischen Kreisen nur noch übrig geblieben eine sehr intensive

Befürwortung der Bewegungsfreiheit jedes Individuums in der

Gruppe, wo jedes Mitglied frei sein soll, den Verband zu ver

lassen und wo vorausgesetzt wird, daß jeder seine persönliche

Hilfe nur geben wird für die Ausführung solcher Arbeit, welche

seine ganze persönliche Sympathie besitzt (unter der Be

dingung, daß er seinerseits auch andere nicht hindert, ihren

Willen zu tun). Ferner konstatiert man in diesen Kreisen eine

nicht weniger intensive Verteidigung der Autonomie der Gruppen

in der lokalen oder nationalen Organisation, wie auch weiter im

internationalen Zusammenhang. In jeder Hinsicht stellt hier der

moderne Anarchist die Dezentralisation und den freien Föderalis

mus der Zentralisation, das Prinzip der Freiheit, im oben erwähn

ten Sinne, jenem der Disziplin gegenüber. Es ist besonders dies

lebenc können muß. Das »Ausleben der Eigenheit des Individuums« wurde von

dieser Seite als eine Grundbedingung des organisierten Zusammenarbeitens aufge

faßt. Aber zugleich wurde von anderer Seite verlangt, man sollte bei einem solchen

Ausdruck wenigstens die Grenze angeben, wie weit dieses »Ausleben« von anderen

Individuen zu dulden sei; diese Grenze, so behauptete man, läge da, wo das sich

selbst auslebende Individuum anfängt, die Freiheit anderer zu schädigen. Von da

an sei gegenseitige Verständigung notwendig.

9) Henry Demarest Lloyd, Wealth against Common

wealth, Kap. XXXV, S. 527.


358 ChristianCornelissen,

was die anarchistische Organisation von der sozialdemokratischen

unterscheidet.

Faßt man alles zusammen, so könnte man die Evolution,

die der Anarchismus in den letzten Jahren durchgemacht hat,

einen Uebergang vom Stadium der bloßen Kritik zur posi

tiven Aktion, zum wirklichen Leben nennen. Und besonders

in den Arbeiterkreiscn mußte sich dieser Uebergang vollziehen,

weil sich eben da am klarsten offenbart, wie die Menschheit bei

der tagtäglichen Produktion lebt; wie sie einen fortwährenden

und immer steigenden Bedarf hat an Holz und Stein für ihre

Häuser, ihre Wege, an Eisen und Stahl für ihre Maschinen, ihre

Riesenbrücken und Eisenbahnen, an Weizen, Wollc und Baum

wolle u. s. w.; und daß es sich bei der Regelung dieser Produk

tion durch die Produzenten selbst vor allem um Organisation han

delt. Und gerade weil es das Streben der jetzigen Anarchisten

ist, die soziale Produktion immer mehr unter den Einfluß der

organisierten Arbeiter zu bringen, fördern und verstärken sie jetzt

auch überall, neben den Interessenorganisationen (groupements

d'intere'ts, speziell in den Gewerkschaften vertreten), die revo

lutionären Gruppen, in denen unmittelbar die modernen anar

chistischen Prinzipien propagiert werden (groupements d'opi-

nion). Sie tun dies um durchzusetzen, daß auch im prakti

schen Klassenkampf die Arbeiterorganisationen sich in kommunisti

scher Richtung weiter entwickeln.

Die freiheitliche Organisation dieser Gruppen schließt dabei

weder einen regionalen oder nationalen, noch auch selbst einen

internationalen Verband zwischen den Gruppen aus, wie schon

bemerkt wurde. Jetzt bestehen schon libertär-kommunistische

oder anarchistische nationale Föderationen10) in Deutschland, Böh-

10) Als Dokument drucke ich hier die Prinzipienerklärung einer dieser Föde

rationen, der holländischen, ab:

»Die Föderation von freiheitlichen Kommunisten (Hollands) besteht aus

Gruppen und Personen, überzeugt von und handelnd in Uebereinstimmung mit den

nachstehenden Prinzipien:

1. Daß Elend und Knechtschaft in der Gesellschaft bestehen und daraus

verschwinden sollen ;

2. daß das Elend der Massen einerseits, und der privilegierte Zustand ein

zelner anderseits die notwendige Folge sind der bestehenden ökonomischen Miß

verhältnisse, worin auch die Beherrschung des einen Individuums durch das andere

ökonomisch begründet ist;


Ueber die Evolution des Anarchismus.

359

men, Holland, Belgien, England, der französischen Schweiz, Por

tugal. Sie sind in Vorbereitung in anderen Ländern, wie in den

Vereinigten Staaten. Provinziale Föderationen gibt es in Frank

reich und Italien. Endlich hatte der internationale Kongreß in

Amsterdam die Frage zu diskutieren, bis zu welchem Punkte die

modern anarchistischen Prinzipien mit den Verpflichtungen eines

internationalen Verbandes zusammengehen können und wurde da

selbst die Gründung eines Internationalen Anarchistischen Hureaus

beschlossen, das seinen Sitz in London hat.

Was nun die Darlegung der künftigen Evolution der anar-

3. daß das Wesen dieser Mißverhältnisse darin besteht, daß die Mehrheit

des Volkes — die arbeitenden Klassen — alle Güter produziert, während eine

Minderheit -— die kapitalistischen Klassen — die Produktion und die Distribution

der Güter beherrscht;

4. daß die Beständigkeit dieser sozialen Mißverhältnisse dem Umstande zu

geschrieben werden muß, daß alle Produktions- und Distributionsmittel der herr

schenden Minorität gehören, und diese sich weiter zur Aufrechterhaltung ihres

Herrscherzustandes der Staatsgewalt (Justiz, Polizei, Armeei bedienen kann ;

5. daß die Gesellschaft eine gründliche Umwandlung durchzumachen hat,

daraur gerichtet, daß anstatt der verschiedenen Klassen, eine einzige Gemeinschaft

von Produzenten zustande kommt, welche die Produktions- und Distributionsmittel

anwendet auf planmäßige und genossenschaftliche Art unter Leitung der organi

sierten Arbeiter selbst;

6. daß die nichtbesitzende Arbeiterklasse — das moderne Proletariat -

auf Grundlage der bestehenden Gesellschaft keine dauernde und gründliche Ver

besserung ihres Zustandes zu erwarten hat, und daß alle augenblicklichen ökono

mischen Verbesserungen nur insoweit sozialen Wert haben, als sie zum Eingreifen

der Arbeiter in die Produktionsverhaltnisse und zur Expropriation der besitzenden

Klassen dienen können ;

7. daß es die besondere Aufgabe der freiheitlichen Kommunisten sein muß,

darauf hinzuwirken, daß die Veränderungen in den sozialen Verhältnissen, deren

Realisation möglich erscheint, zusammengehen mit der größtmöglichen Förderung

der Freiheit des Individuums und des Prinzipes der freien Gruppierung ;

8. daß deshalb die freiheitlichen Kommunisten auch den Staatssozialismus

bekämpfen, die emporkommende Form der Staatssklaverei, gegründet auf der

Utopie der radikalen Umwandlung der ökonomischen Verhältnisse durch Eingreifen

der Staatsmacht, und auf der aus dieser Utopie hervorgegangenen unheilvollen Idee

der Eroberung der Staatsmacht durch die Arbeiter als Klasse;

9. daß die Arbeiter für ihre Emanzipation zu kämpfen haben mit allen

Mitteln, die ihnen selbst als erlaubt und als zweckmäßig erscheinen ;

10. daß in diesem Kampfe die Arbeiter aller Länder sich solidarisch zeigen

sollen.
•i(5o Christian Cornelissen,

chistischen Bewegung anbetrifft, möchte ich mir die strengsten

Restriktionen vorbehalten. Wäre ich ein Philosoph aus der Schule

Hegels, dann wäre die Lösung bald gefunden. In einer Enquete,

die der Mercure de France über die Evolution der Religion

unternommen hat und in der die Enqueteurs sich an die verschie

densten Personen gewandt haben, ob sie kompetent waren in

Sachen der Religionsgeschichte oder nicht, liest man das Urteil

eines Literaten, zugleich eines Schülers Hegels (natürlich eines

Russen) der in einer einzigen Denkzauberformel das Rätsel der

Evolution aller Religion gelöst hat:

»Toute evolution passe par trois moments objeetifs corre-

spondant ä trois moments subjcetifs du developpement dialec-

tique; au debut, c'est l'unite primitive, integrale, inferieure, la

confusion de principes contraires, puis c'est la Separation, la

differenciation de ces principes, enfin vient leur union ultericure,

leur integration parfaite en un type supericur d'evolution.

These, Antithese, Synthese« 11).

Nichts wäre mir leichter als betreffend des Anarchismus

schnell mit einer derartigen dialektischen Konklusion fertig zu

werden. Im Anfang gab es in der Tat (siehe oben) eine primi

tive, inferiore Einheit in der anarchistischen und selbst in der

ganzen sozialistischen Bewegung (die Sozialdemokratie mit ein

begriffen) und die Konfusion der meist verschiedenen Meinungen

war ihr prägnantester Charakterzug. In allen Ländern kam da

nach die ,Scheidung«, erst zwischen der parlamentarischen Sozial

demokratie, die sich immer mehr zum Staatssozialismus bekannte

und der antiparlamentarischen Arbeiterbewegung; danach, in den

letzten Jahren, auch zwischen den Individualisten und den Kom

munisten, den AntiSyndikalisten und den Syndikalisten, oder wie

man es auch sonst in den verschiedenen Ländern nennen mag.

Aber eben das genauere Studium des Sozialismus und Anarchismus

mahnt zur Vorsicht mit der dialektischen Konklusion über die

Notwendigkeit einer »späteren Einigung«. Treiben wir keine Me

taphysik. Die wissenschaftlichen Forschungen auf jedem Gebiet

haben uns zu deutlich bewiesen, daß nicht »jede Evolution c die

gleichen Phasen durchmacht, wofür doch auch Natur und Gesell

schaft zu verschiedenartig und zu komplex in ihren Formen sind.

Auf dem Gebiet der Religionswissenschaft hat eben die naive Auf-

") Antwort von Dmitry Merejkowsky, in Mercure de France,

Nummer vom l. Mai 1907, S. 68.


Ueber die Evolution des Anarchismus. 361

fassung, daß die Religions- und Kultusprobleme auf dialektischem

und sogenannt »rationellem« Wege gelöst werden können, viele

Jahrzehnte lang den wahrhaft wissenschaftlichen und experimen

tellen Forschungen geschadet.

Was nun die sozialistische und anarchistische Bewegung an

betrifft, ist es gewiß ratsam, die Frage einer späteren höheren

»Synthese« gleichfalls ganz beiseite zu lassen und vielmehr den

Nachdruck darauf zu legen, daß hier von einer allgemeinen und

konfusen Oppositionsbewegung verschiedene Zweigbewegungen

sich losgetrennt haben, deren Repräsentanten ihre eigene Entwick

lung fortsetzen, und die sich vielfach jetzt, da sie einmal getrennt

sind, sich untereinander mit gleicher Heftigkeit befehden, mit der

sie die heutige Gesellschaftsordnung bekämpfen: Sozialdemokraten,

revolutionäre und antiparlamentarische Kommunisten, Individua

listen, Vorkämpfer und Gegner der Gewerkschaftsbewegung, der

Genossenschaftsbewegung u. s. w.

Freilich werden auch hier noch viele Mißverständnisse sich

allmählich lösen. Und wie, um es nochmals durch ein spezielles

Beispiel zu illustrieren, der Kampf zwischen dem Materialismus

und dem Idealismus jetzt ein ganz anderer ist als vor etwa einem

halben Jahrhundert, weil die materialistische und die idealistische

Philosophie sich beiderseits die erfahrene Kritik zu Nutzen ge

macht haben, so fangen auch in der Arbeiterbewegung, wo es

sich um den Sozialismus handelt, die besten Denker schon an,

sich mit einander zu verständigen über die Frage, inwiefern z. B.

die Gesetzgebung als aktiver Faktor ins soziale Leben eingreifen

kann und inwiefern sie hinter der direkten Aktion der Massen

zurückbleibt. So auch nähert man sich andererseits auch gewiß

der Lösung der Frage, inwiefern die individuelle Freiheit jedes

Menschen hochgehalten werden soll, unter den heutigen Zivili-

sationsverhältnisscn in den modernen Kulturländern, und inwie

fern umgekehrt die Interessen der Kollektivität sich jedem Indi

viduum gebieterisch aufdrängen.

Allein diese Aufklärung der Ideen hebt nicht die Gegensätze

der Interessen auf, läßt dadurch die Tatsache des Fortbestehens

der jetzigen Spaltung in der sozialistischen Arbeiterbewegung

durchaus unberührt, und wird auch in der Zukunft der Entste

hung neuer Differenzen nicht vorbeugen können.


Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik XXX (1910)

148

KRITISCHE

LITER ATUR-UEBERSICHTEN.

Ueber den internationalen Syndikalismus.

Von

CHRISTIAN CORNELISSEN.

(Werner Sombart: Sozialismus und Soziale Bewegung,

VI. Auflage, Abschnitt I Kap. V. Der revolutionäre Syndikalismus.)

Ich habe mich gefragt, in welche Form ich diesen Artikel über

den Syndikalismus einkleiden sollte. Es war mir und anderen in den

letzten Jahren häufig aufgefallen, wie viele teilweise oder ganz falsche

Auffassungen, speziell in Deutschland über die moderne syndika-

listische Bewegung im Umlauf sind. Eine Bewegung, die sich von

Frankreich aus erst nach Italien, der französischen Schweiz und Hol-

land, später auch nach Amerika (die Industrial Workers of the

World, Hauptsitz in Chicago), Deutschland (die Freie Vereinigung

Deutscher Gewerkschaften), Spanien (die Solidaridad Obrer a in Barce-

lona), zuletzt auch nach England (die Bewegung, deren Mittelpunkt

das Monatsblatt The Industrialist ist), nach Böhmen, nach Süd-

Amerika usw. verbreitet hat!

Gewiß ist an dem Umlauf solcher falschen Auffassungen in

erster Linie die internationale sozialdemokratische Presse schuld,

der es im allgemeinen an der nötigen Objektivität mangelt, um über

die junge, rivalisierende Bewegung wahrheitsgemäß zu berichten.

Zweitens aber gibt es gewisse Zeitschriften, wie in Frank-

reich besonders Le Mouvement Socialiste, die zwar in Arbeiter-

kreisen kaum eindringen, aber sich doch der revolutionär-syndikali-

stischen Bewegung anschließen, deren Mitarbeiter (Theoretiker und

Literaten) von den außerhalb der Arbeiterbewegung stehenden Beo-

bachtern vielfach als Leiter der Bewegung angesehen werden und

deren Schriften öfters zu den weitgehendsten Mißdeutungen des

Syndikalisnras (ich meine der wirklichen Bewegung) Anlaß geben.

Dies tritt besonders leicht ein, wenn es den Herausgebern solcher Zeit-
Ueber den internationalen Syndikalismus.

Schriften gelingt, dann und wann einen Artikel eines militanten Ver-

treters einer revolutionären Gewerkschaftsorganisation zu veröffent-

lichen.

Auch hier handelt es sich um Irrtümer, die internationale Ver-

breitung finden. Vor einigen Monaten zum Beispiel veröffentlichte

ein Mitarbeiter des Mouvement Socialiste in der offi-

ziellen Zeitschrift der großen Nord-Amerikanischen Gewerkschafts-

organisationen (American Federationist) einen Artikel,

nach welchem die literarischen Mitarbeiter des Mouvement

Socialiste (wie Georges Sorel, Hubert Lagardelle, usw.) eigent-

lich die geistigen Leiter der französischen revolutionär-syndikali-

stischen Bewegung sein sollten. Viel allgemeiner aber als irgendwo

anders scheinen in Deutschland die in Rede stehenden Mißverständnisse

verbreitet zu sein. Prof. Werner Sombart hat der letzten (sechsten)

Auflage seines Buches »Sozialismus und Soziale Be-

wegung« ein besonderes neues Kapitel (das fünfte des ersten Ab-

schnitts) angefügt, in dem er der neuen Richtung des Sozialismus

in Frankreich, dem revolutionären Syndikalismus, eine tiefgehende

Besprechung widmet. Er weiß die Bewegung zu würdigen, übt aber

nichtdestoweniger eine scharfe Kritik an ihr, so scharf wie man sie

nur von einem ökonomisch und philosophisch so geschulten Mann wie

Sombart ist, erwarten kann. Da aber, meines Erachtens, die Som-

bartsche Kritik, die ich in mancher Hinsicht für berechtigt halte,

nicht der wirklichen syndikalistischen Bewegung Frankreichs, sondern

vielmehr ihren literarischen Umdeutern gilt, so halte ich es für nützlich,

die nachfolgenden Seiten zur Darlegung des Syndikalismus und

seiner Tendenzen an das Sombartsche Buch anzuknüpfen. Sie

werden also — wie dies besonders in den französischen Zeitschriften

üblich ist — den Charakter einer kritischen Buchbesprechung tragen,

die aber zum ausführlichen Eingehen auf die betreffende Materie

genügend Raum läßt.

Sie werden besonders versuchen, die Leser darauf aufmerksam zu

machen, wie notwendig es ist, in Sachen des Syndikalismus die wirk-

liche Bewegung und ihre verschiedenen Tendenzen von dem, was

man in Frankreich »appreciations personnelles« nennt, von den per-

sönlichen Phantasien über die Bewegung, zu unterscheiden, und ich

werde deshalb mehrmals genötigt sein, Tatsachen beizubringen, die

mir nur durch eine langjährige Propagandaarbeit haben zur Kennt-

nis kommen können 1).

l) Vielleicht ist es nicht überflüssig, über diese persönliche Arbeit zu berich-

ten: In den neunziger Jahren war ich praktisch an der Gewerkschaftsorgani-

sation in Holland beteiligt, nicht nur an der Gründung vieler örtlicher Vereine

und mehrerer Xationalverbände (Textilarbeiter, Bauhilfsarbeiter, Landarbeiter),

deren Statuten ich entwarf, sondern auch an der der holländischen Konfödera-

tion der Arbeit (Nationaäl Arbeids-Secretariaat), deren Organisa-

tion ich schon 1893 für die Sozialistische Partei Hollands unternahm und in
1>jO Christian Cornelissen,

Fangen wir mit der Geschichte der Bewegung an: Der fran-

zösische Syndikalismus ist unbedingt älter als Prof. Sombart und

viele mit ihm anzunehmen scheinen. Daß »die erste Anregung« zur

Bewegung eine Schrift Georges Sorels aus dem Jahre 1897 sein sollte

(Sombart. S. no), ist eine Mitteilung, die gewiß in Frankreich selbst

mit Erstaunen gelesen werden würde, wie es dort Erstaunen und Heiter-

keit zugleich wecken würde, zu vernehmen, daß die Lehre des Syndika-

lismus auch wohl als »Sorelismus« bezeichnet wird. Bereits im Jahre

1897 wurde dem Kongreß der französischen Conföderation der Arbeit

(Confederation Generale du Travail) in Toulouse der interessante

Rapport Pougets und Delesalles über den Boykott und die

Sabotage eingereicht, dessen Inhalt allein schon genügt, um

zu beweisen, daß die Taktik des französischen Syndikalismus damals

bereits feste Form angenommen haben mußte. Die syndikali-

stische Literatur reicht unbedingt bis zum Anfang der neunziger Jahre

zurück und auf den internationalen sozialistischen Kongressen von

Brüssel (1891), Zürich (1893), und London (1896) fanden schon ver-

schiedene Verabredungen und Diskussionen unter den revolutionären

Gewerkschaftlern statt. Ja, wir haben das Recht festzustellen, daß

die später erschienenen Literaten des Syndikalismus: die Sorel,

Hubert Lagardelle, Berth u. A. des »Mouvement Socialiste« in

Frankreich, die Labriola, Leone usw. der »Pagine Libere« und

des »Divenire Sociale« in Italien, dem revolutionären Syndikalis-

mus als Lehre auch nicht eine einzige neue Idee

hinzugefügt haben, wie sie im allgemeinen auf den

Gang der Bewegung auch jetzt noch nicht den min-

desten Einfluß ausüben. Natürlich muß diese letzte Be-

merkung in dem Sinne aufgefaßt werden, daß die Schriften dieser

Literaten die Bewegung nicht mehr beeinflussen, als viele andere,

z. B. als die Schriften von Jaures, Georges Clemenceau oder Aristide

Briand es getan haben. In Frankreich stehen die obengenannten

Literaten ganz außerhalb der Bewegung, mehr als dies in Italien

jetzt noch der Fall ist (worauf ich später noch zurückkommen werde).

deren Vorstand ich die ersten Jahre blieb. (Im Sombartschen Buch wird die Or-

ganisation des holländischen N. A. S. meinem Landsmann F. Domela Nieuwen-

huis zugeschrieben, der aber stets mehr individualistische als syndikalistische

Tendenzen hatte). Das holländische N. A. S. hatte vom Anfang ab bis jetzt

immer dieselben Grundsätze und Taktik und einen analogen Entwicklungs-

gang wie die französische C. G. T. Später wurde meine Propagandaarbeit mehr

international, besonders nach meiner Uebersiedlung nach Frankreich, und seit

Sept. 1907 redigiere ich das Bulletin International du Mouvement

Syndicaliste, das wöchentlich in vier Sprachen erscheint, dessen Gründung

auf einer internationalen Konferenz von Syndikalisten (in Amsterdam, August

1907) auf Antrag des Vertreters der Freien Vereinigung deutscher

Gewerkschaften beschlossen wurde und das eine Verbindung zwischen den

syndikalistischen Bewegungen der einzelnen Länder zu schaffen beabsichtigt.


Ueber den internationalen Syndikalismus. jgj

Ebenso, wenn wir bei Prof. Sombart lesen (S. 125—126), daß

der Millerandismus »den Hauptanstoß zur syndikalistischen

Reaktion in Frankreich« gegeben hat, glauben wir, trotz der elastischen

Formulierung, hier noch einmal auf Mißdeutungen zu stoßen, die

lediglich den widerrechtlichen Ansprüchen der Literaten der Be-

wegung entstammen. Selber erst im Anfang dieses Jahrhunderts

zum Syndikalismus gekommen, glauben sie gewiß zu leicht, daß die

Bewegung, wenn schon nicht mit ihnen entstanden, dann doch wenig-

stens mit ihrer Ankunft erst ihren »Hauptanstoß« bekommen hat'-).

Stellen wir also vor allem fest, daß die syndikalistische Bewegung,

besonders in Frankreich, in ihren Tendenzen und ihrer Taktik als eine

Volksbewegung, eine Bewegung in den Arbeiterkreisen selbst, ent-

standen ist, deren geschichtlichen Ursprung man, wie ich eben sagte,

bis in den Anfang der neunziger Jahre, ja selbst in die Zeit der alten

Internationale zurückverlegen muß3).

') Typisch in dieser Hinsicht Hubert Lagardelle in seiner Studie über

den französischen Syndikalismus, in dieser Zeitschrift (Archiv, XXVI.

Band) Kr gibt dort eine durchaus treue und ausführliche historische Ueber-

sicht über dessen Entwicklung, behandelt aber die ganze Bewegung bis zum

Pariser KougreU der Arbeitsbörsen (1900) oder selbst bis zu den Kongressen

von 1901 und 1902 als »Vorsyndikalismus« (S. 105 ff.) und zwar des-

halb, weil der Hund der Arbeitsbörsen Subventionen der Staatsrcgie-

rungen annahm (»Die Annahme der Subventionen aber unterscheidet ihn

(den Bund) von der Politik des revolutionären Syndikalismus«, S. 117),

weiter weil auf dem Kongreß zu Nantes: »kein Arbeiter, sondern ein Advo-

kat , Briand, den Generalstreik verteidigte«, und weil der Bund »anti-

elektorale Vorurteile« hatte und seine Politik «der anarchistischen weitaus am

nächsten« stand (ebenda).

Ich glaube hiermit alle Argumente, die Lagardelle aufzählt, zusammen-

gefaßt zu haben. Es sind dies aber alles aphoristisch festgesetzte, ganz

willkürlich gezogene Unterscheidungen. Was das Hauptargument anbe-

langt, genügt es gewiß hervorzuheben, daß auch noch heute (Ende 1909)

von der Majorität der französischen Arbeitsbörsen »Subventionen« angenom-

men werden, wie auch jetzt noch der Vorwurf der ganzen gegnerischen Presse

gegen die C. G. T dahingeht, daß ihre Politik »der anarchistischen weitaus

am nächsten« steht.

Im Großen und Ganzen ist zu konstatieren, daß es in keiner Hin-

sicht einen sei es noch so geringen prinzipiellen Unterschied

gibt zwischen Grundsätzen und Taktik des französischen

Syndikalismus zur Zeit Pelloutiers und heut zu Tage.

*) Im Almanach de la Revolution pour 1908 (p .60), wurde

die Frage gestellt, »Wer sich zuerst in der Arbeiterbewegung der so ausdrucks-

vollen und so gut angebrachten Formel: »Direkte Aktion« bedient hätte«? Und

es wurde auf einen Artikel Fernand Pelloutiers in seinem »Ouvrier des


Christian Cornelissen,

Wenn man die Gründung der syndikalistischen Bewegung in

Frankreich absolut mit dem Namen einer Person verbinden will, so

müßte diese unbedingt Fernand Pelloutier sein, der Organisator

der Föderation der Arbeitsbörsen, deren Sekretär er

1895 geworden war. Ich wiederhole aber, die Bewegung ist älter,

und gewiß war seit dem Kongreß von St. Etienne (1892), wo die

Gründung der Föderation des Bourses du Travail

beschlossen wurde, und seit dem von Limoges (1895), wo die C o n-

fe'de'ration Generale ihre Statuten entwarf, der revolutionäre

Syndikalismus, gegenüber der parlamentarisch-sozialistischen Ge-

werkschaftsbewegung, historisch auf feste Füße gestellt. Erinnern

wir nur kurz daran, wie sich damals der Bruch mit der parlamenta-

rischen Bewegung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch voll-

zog. Dies geschah 1894 auf dem Kongreß in Nantes, wo die Föderation

der Arbeitsbörsen zu gleicher Zeit einen rein gewerkschaftlichen

Kongreß abhielt, als in derselben Stadt die guesdistische Fraktion

des Sozialismus ihren politisch-gewerkschaftlichen Kongreß organisiert

hatte. Ja, es ist bemerkenswert, daß der Bruch gerade bei der Frage

des revolutionären Generalstreiks zu Tage trat,

welcher von den revolutionären Syndikalisten in Nantes mit großer

Majorität angenommen wurde, trotzdem, oder vielleicht gerade weil

er vorher vom guesdistischen Kongreß verurteilt wurde.

Wenden wir uns zum Ursprung und Charakter der

syndikalistischen Lehre, so sind die Mißdeutungen zahllos. »Ihre

Hauptvertreter, Franzosen und Italiener, so weit ich sie persönlich

kenne« sagt Prof. Sombart (S. no): »sind liebenswürdige, feine, gebil-

dete Leute. Kulturmenschen mit reiner Wäsche, guten Manieren

und eleganten Frauen, mit denen man gern wie mit seinesgleichen

Deux-Mondes« (vom i. Februar 1897) hingewiesen. War er der erste, der

in obengenannter Formel die Taktik des revolutionären Syndikalismus zusam-

mengefaßt hat ? Kaum war der Almanach erschienen, als schon ein Veteran

der alten Internationale, James Guillaume, in der Nr. i der Action Di-

recte (vom 15. Januar 1909) zwei Zitate aus dem »Bulletin de la

Föderation jurassienne de l'Internationale« beibrachte

(Nummern vom i. Nov. 1874 und 28. Februar 1875). Wenn auch die Formel

nicht genau da ist, so wird da doch schon gesprochen von »initiative directe«,

»action« des societes de resistance .... imposant »directement« aux patrons une

reforme, »reformes operees directement« par les ouvriers«, usw. Vielleicht ist

der Schluß Guillaumes, als sollten die Zitate zeigen, »daß es eine komplete Iden-

tität gibt zwischen Ideen und Taktik der Militanten von der Internationale und

denen des heutigen revolutionären Syndikalismus« nicht ganz einwandsfrei, aber

daß trotzdem bei der Internationale der Ursprung der Ideen und der

Taktik der modernen revolutionären Gewerkschaftsbewegung gesucht werden

muß, ist gewiß.


Ueber den internationalen Syndikalismus.

verkehrt und denen man ganz gewiß nicht ansehen würde, daß

sie eine Richtung vertreten, die vor allem sich gegen die Verbürgerli-

chung des Sozialismus wendet, die der schwieligen Faust, dem echten

und wahren Nur-Handarbeitertum zu ihrem Rechte verhelfen will.«

Aber noch einmal, das sind die Literaten der syndikalistischen

Bewegung, die hier als ihre »Hauptvertreter« präsentiert werden. Und

daß es sich bei Prof. Sombart nicht um eine zufällige Verwechslung,

sondern klipp und klar um ein geschichtliches und theoretisches Miß-

verständnis des Ursprungs der Bewegung handelt, geht daraus hervor,

daß er (S. 120 u. f.) diesen Ursprung auf den Neo-Marxismus zurück-

führt und gerade wie »die Syndikalisten selbst« — wie er meint —

behauptet, daß die Lehre »ganz und gar keine neue Theorie darstelle,

daß sie vielmehr nichts anderes sei, als der zu neuem Leben erweckte

und somit allein echte — Marxismus«. Geschichtlich würde dies

schon als eine fast wunderbare Tatsache erscheinen müssen, wenn

wir nur bedenken, daß die syndikalistische Lehre bis jetzt im Großen

und Ganzen gerade in jenen Ländern durchgedrungen ist, wo der

Marxismus eigentlich niemals hat Wurzel schlagen können, und daß

eben da, wo der Marxismus eine Herrscherrolle spielt in der Arbeiter-

bewegung — namentlich in den mittel- und osteuropäischen Ländern —

mit Ausnahme der Freien Vereinigung deutscher Ge-

werkschaften und einiger böhmischer Vereine, noch von

gar keiner syndikalistischen Bewegung die Rede ist. Das »neuer-

weckte Leben« würde also gerade da gesprossen sein, wo es anfangs

kein Leben gab.

Auch hierauf muß ich, mit der historischen Entwicklung der Be-

wegung vor Augen, tiefer eingehen. Wenn wir das nicht unerhebliche

Kontingent jener syndikalistischen Arbeiter außer Betracht lassen,

die nur deshalb revolutionär gewerkschaftlich tätig sind, weil sie

die Früchte der Agitation in der Form einer materiellen Verbesserung

ihrer Lage spüren, und uns an diejenigen Elemente wenden, die theo-

retisch bewußt sich revolutionäre Syndikalisten nennen, an diejenigen

Elemente als0, aus deren Reihen in Wirklichkeit die »Hauptver-

treter« der Bewegung hervorgegangen sind, so sind, meines Erachtens,

unter ihnen drei mehr oder weniger streng getrennte Kategorien zu

unterscheiden. Erstens: die Nurgewerkschaftler, die sich

jetzt in der syndikalistischen Bewegung international immer enger

an die Devise halten: »Der Syndikalismus genügt sich selbst«, und die

nur deshalb allmählich Revolutionäre geworden sind, weil die Ent-

wicklung des Klassenkampfes sie praktisch dazu gezwungen hat.

Viele Vorstandsmitglieder der französischen Gewerkschaftsvereine

gehören zu ihnen. Zweitens: die Gruppe jener Syndikalisten, die aus

der anarchistischen Bewegung zum Syndikalismus übergegangen sind,,

weil sie ein Terrain suchten, wo sie von der Wortpropaganda

am unmittelbarsten und fruchtbarsten zur Tatpropaganda

übergehen konnten. Ich nenne für Frankreich zum Beispiel: Pelloutier,

Emile Pouget, Monatte. Yvetot, Delesalle, Charles Desplanques,

Broutchoux und eine ganze Reihe anderer. Sie bilden die Elemente,
Christian Corn61issen,

die in Frankreich unbedingt am meisten dazu beigetragen haben,

die französische Gewerkschaftsbewegung in die revolutionäre Richtung

zu drängen, meistens aber ohne sich je um Marx oder den Marxismus

gekümmert zu haben. Drittens kommen in Betracht die Syndikalisten

wie Luquet, Griffuelhes usw., die sich von einer der zahlreichen so-

zialistischen Gruppen zum anti-parlamentarischen Syndikalismus

bekehrt haben, weil sie allmählig zu der Meinung gekommen sind

(was Prof. Sombart als den Ausgangspunkt von allen betrachtet),

»daß der Sozialismus im Begriffe ist, zu »»degenerieren««; das heißt.

flach, matt, schlapp, träge, konventionell zu werden, mit einem Worte:

zu verbürgerlichen« (S. in). Selbst unter diesen aber bilden die

sogenannten »Neo-Marxisten« — wenn es unter den Militanten be-

wußte Neo-Marxisten gibt —• nur einen ganz winzigen Teil. Die

große Mehrheit stammt vielmehr, wie bekannt, aus den Reihen der

Allemanisten, und speziell ist die Pariser syndikalistische Be-

wegung großenteils allem anistischen Ursprungs, was so viel heißt

als daß Marx unter ihnen eine unbekannte Größe ist, dessen Namen

sie nur dann und wann gehört haben, wenn er aus dem »marxistischen«

Lager (der sog. Guesdisten) herüber klang. Bedenken wir

schließlich, daß selbst die Hauptvertreter der letzteren, der »marxi-

stischen« Richtung, in Frankreich vom theoretischen Marxismus nur

eine sehr elementare und mangelhafte Vorstellung haben.

Welche Rolle spielen dann aber die eigentlichen »neo-marxistischen«

Literaten des Mouvement Socialiste, an die Prof. Som-

bart die Bewegung anknüpft, die »liebenswürdigen, gebildeten Leute«.

oder die »feinen Menschen«, wie er sie später (S. 128) nennt ? Praktisch,

d. h. in den Streiks und Lohnbewegungen usw. spielen sie, wie ich

schon sagte, absolut keine Rolle. Ebensowenig aber in der syndika-

listischen Presse, in der Voix du Peuple, Action Syn-

d i c a l e, usw. oder in den syndikalistischen Broschüren, wie sie

Emilie Pouget, Yvetot, Griffuelhes, Merrheim, Dellesalle usw. heraus-

gegeben haben. Um zu begreifen, weshalb die eigentlichen Syndika-

listen nicht protestieren, wenn man sie im Auslande als von den Literaten

geleitet hinstellt, muß man erstens in Betracht ziehen, daß sie im

allgemeinen keine fremde Sprachen kennen und auch in ihrem viel-

bewegten Propagandaleben die Zeit nicht finden zum polemisieren

und kritisieren. Weiter muß man auch nachfolgendes ins Auge fassen:

Die Literaten des Mouvement Socialiste sind im allge-

meinen zum Syndikalismus hinübergekommen, in der Periode des »Mille-

randismus«, als Oppositionsgruppen innerhalb der (parlamentarisch-)so-

zialistischen Bewegung, zu der sie teilweise auch jetzt noch gehören. Noch

auf dem Kongreß der PartiSocialisteUnifiein Toulouse (Herbst

1908) wurde von ihnen die allgemeine, von Jaures gestellte Einigkeits-

resolution mitunterzeichnet. Für sie, als Opposition, gilt mit voller

Kraft alles dasjenige, was Prof. Sombart über die Reaktion gegen

die Verflachung und Versumpfung des Sozialismus als vorwiegend

politisch parlamentarische Bewegung gesagt hat (Seite in u. f.).

Die Zänkereien und der Zwiespalt im politisch sozialistischen Lager


Ueber den internationalen Syndikalismus. jgg

kamen nun unbedingt den revolutionären Gewerkschaftlern gelegen.

Denn die Politik Millerands und anderer Minister, ihre Kreaturen

für verschiedene Regierungsposten gerade aus den Reihen der refor-

mistischen Gewerkschaftsführer zu wählen, hatte neben anderen Ein-

flüssen ganz besonders dazu beigetragen, den reformistischen Flü-

gel in der französischen Gewerkschaftsbewegung zu verstärken. Die

revolutionären Führer letzterer fanden es nun in ihrem Interesse, dem-

gegenüber der Opposition in der politisch-sozialistischen Bewegung lieb-

äugelnd entgegenzutreten. Denn sie waren der Anarchisten außerhalb

und innerhalb der Bewegung sicher, und bei den »Nurgewerkschaftlern«

fand der »Millerandismus« keinen Anklang. Wenn sie nun in der so-

zialistischen Bewegung selbst die Opposition gegen den Opportunismus

fördern könnten, und zwar konsequenter, als es die Guesdisten, die

schließlich doch auch nur Politiker sind, taten, dann stärkten sie da-

mit zugleich ihre eigene Stellung. Und das ist nun, meines Erachtens,

das Hauptmotiv, weshalb gewisse revolutionäre Syndikalisten wie

Pouget. Griffuelhes u. A. der neo-marxistischen Zeitschrift Le

Mouvement Socialiste ihre persönliche Mitarbeiterschaft

zusagten, und weshalb auch, einige Monate vor dem Marseiller Ge-

werkschaftskongreß (Herbst 1908), einige revolutionäre Gewerkschaft-

ler mit gewissen Neo-Marxisten und anderseits mit einigen Anarchisten

zusammen die Publikation eines Wochenblattes, der A c t. o n

D i r e c t e, unternahmen, dessen Erscheinen nach dem Kongreß

wieder eingestellt wurde.

In Italien steht die Sache etwas anders. Der revolutionäre Syn-

dikalismus ist dort, als theoretische Lehre und methodische Taktik,

von Frankreich aus importiert, und bei dieser Importation spielten

die Literaten eine wichtige Rolle. Dem ist es gewiß zuzuschreiben,

daß diese auch jetzt noch in den syndikalistischen Arbeiterorganen

mitarbeiten, resp. sich auch an den syndikalistischen Kongressen

beteiligen. Trotzdem habe ich in meiner Qualität als Herausgeber

des Bulletin International aus verschiedenen Städten

Italiens Korrespondenzen erhalten, worin eben über diese Mitarbeit-

schaft geklagt wird, Korrespondenzen, die beweisen, wie verkehrt

es sein würde, auch selbst für Italien die Tendenzen der syndikali-

stischen Arbeitervereine mit den Theorien der syndikalistischen

Literatur zu identifizieren.

Und in Holland, der Schweiz, Deutschland, Amerika, usw. kann

von einer Leitung der jungen syndikalistischen Bewegung von seiten

neomarxistischer Theoretiker überhaupt nicht die Rede sein, weil es

dort solche mit der Gewerkschaftsbewegung zusammengehende

Theoretiker nicht gibt.

Hiermit ist kurz auseinandergesetzt, weshalb die Erklärung des Ur-

sprungs der syndikalistischen Lehre aus dem Neo-Marxismus zurückge-

wesen werden muß, und zugleich angedeutet, wie vielleicht die Durchein-

anderwerfung beider sich, für gewisse Länder wenigstens, erklären läßt.

So aufgefaßt ist es also praktisch vollkommen nutzlos, sich weiter

in die Frage zu vertiefen, ob »viel marxistischer Geist« in der syndi-


Christian Cornelissen,

kaustischen Lehre steckt, zumal es schon an und für sich schwierig

ist festzustellen, was eigentlich »marxistischer Geist« heißen soll und

in wie weit wir es zu tun haben mit Ideen die speziell Marx eigen sind,

oder mit solchen, die zu Marx Zeiten »in der Luft« schwebten und da-

mals »Gemeineigentum« aller Sozialisten und Kommunisten waren

(man denke nur an die Forschungen der letzten Jahre über das Kom-

munistische Manifest von Marx und Engels selbst, und

dessen kritische Vergleichung mit Victo.r Considerants in 1847

erschienener Schrift: »P r i n c i p e s du Soci-alisme, Mani-

feste de la democratie au XIX e s i e c l e«).

Jedenfalls gingen meines Erachtens marxistische Bestandteile,

wie Prof. Sombart sie im betreffenden Kapitel seines Buches (II. Der

Ursprung) aufdeckt, praktisch aus der Internationale,

und zwar aus der anti-marxschen Opposition innerhalb dieser Bewegung,

in den modernen, revolutionären Syndikalismus über.

Aber auch Prof. Sombart selbst scheint mir den neo-marxi-

stischen Ursprung des revolutionären Syndikalismus nicht allzu ernst

aufzufassen:

»Ich finde nirgends im Marxismus — sagt er ganz richtig

S. 122, — eine ausdrückliche Ablehnung der parlamentarischen Ak-

tion 4) und glaube, daß die Idee der action directe, die doch

die tragende des syndikalistischen Gedankensystems ist, schlechthin

im Widerspruch steht mit der von Marx niemals ausdrücklich aufge-

gebenen Lehre von der Diktatur des Proletariats.« Und auch darin

hat er Recht, wenn er bemerkt, daß »der Grundgedanke des Anti-

parlamentarismus und der direkten Aktion, aber auch der Plan der

antizentralistischen, auf der Autonomie der einzelnen Arbeitergruppen

aufgebauten Zukunftsgesellschaft u. a. der anarchistischen Ideen-

welt entnommen sind«.

Unbedingt würde auch theoretisch, wenn man die Vaterschaft

des Syndikalismus dem Neo-Marxismus zuschreiben wollte, eine Ver-

wirrung von Begriffen vorherrschen, aber eine Verwirrung, für

die meines Erachtens nicht der Syndikalismus, sondern die soge-

nannten »neo-marxistischen Theorien« verantwortlich sind. Pro-

fessor Sombart ist ein zu gründlicher Marxkenner, um mir nicht zu-

zugeben, daß unsere französischen und italienischen Neo-Marxisten«

nur eine sehr elementare und mangelhafte Kenntnis der ökonomischen

Lehren von Marx haben, und vielleicht stimmt er mir selbst darin bei,

daß der heutige »Neo-Marxismus« in verschiedenen seiner Grundge-

danken »neo« ist von allem was man will, aber gerade nicht neo-

marxistisch.

**

Meine Ausführungen hier über Geschichte und Ursprung der

syndikalistischen Bewegung haben schon einen großen Raum in

•) Im Gegenteil! und was nach meiner Auffassung von der theoretischen

Arbeit von Marx am längsten fortleben wird, sind eben die Studien über die A r-

beitsgesetzgebung im ersten Teil seines Kapital.


Ueber den internationalen Syndikalismus. 157

Anspruch genommen, machen es mir aber nicht unbeträchtlich leichter,

jetzt resumierend auf Charakter, Zweck und Ziel der

Bewegung und auf ihre Taktik einzugehen, dabei Mißdeutungen,

wo diese sich vordrängen, richtig stellend und zurückweisend.

Zweck und Ziel der Bewegung könnte ich vielleicht ganz

einfach formulieren nach dem ersten Artikel der Statuten der

Konföderation der Arbeit in Frankreich, wonach diese Organisation

bezweckt:

1. Die Gruppierung der Lohnarbeiter für

die Verteidigung ihrer moralischen und mate-

riellen, ökonomischen und beruflichen Inter-

essen;

2. sie (die Konföderation) gruppiert, außerhalb

jeder politischen Schule, alle klassenbewuß-

ten Arbeiter für den Kampf, der zur Abschaf-

fung des Lohnsystems und des Patronats ge-

führt werden muß.

In erster Linie beschäftigt sich der Syndikalismus damit, die

materielle und moralische Lage der Lohnarbeiter zu verbessern in

der Form der Realisierung von Lohnerhöhung, Verkürzung der Ar-

beitszeit, Abschaffung von verschiedenen besonderen berufsmäßigen

.Mißständen, Entlassung unbeliebter Aufseher, Durchführung auch

jetzt schon der größtmöglichen Freiheit und Selbstbestimmung im

Arbeitsprozeß usw. Es wird dieser Teil der Aufgabe, die die moderne,

revolutionäre Gewerkschaftsbewegung sich gestellt hat, gewiß in

absehbarer Zeit noch den Zweck par e.\cellence der Bewegung

ausmachen.

Aber in der Ausführung dieser Aufgabe stoßen die gewerkschaftlich

organisierten Arbeiter auf das Unternehmertum, wie sie auch vielfach

auf die bestehenden Staatseinrichtungen stoßen. Praktisch und in

ihren weitgehendsten Konsequenzen betrachtet, geht die Förderung

der unmittelbaren ökonomischen, politischen usw. Interessen der

Arbeiter dahin, den Einfluß dieser auf die Arbeitsregelung, ja selbst

auf die allgemeinen Produktionsverhältnisse in Fabrik und Werkstatt

zu vergrößern und demgemäß den Einfluß des kapitalistischen Unter-

nehmers immer mehr zurückzudrängen. In dieser Richtung hoffen

die Syndikalisten als zielbewußte Revolutionäre weiter zu gehen

— bis zur allmählichen und endgültigen Abschaffung des Pa-

tronats und des Lohnsystems. Der erste und nähere Zweck

in jeder einzelnen Industrie und im einzelnen Gewerbe und

das schließliche allgemeine Endziel sind hier in einer einzigen

kurzen Formel zusammengefaßt. Natürlich liegen dabei zwischen

dem Einen und dem Anderen verschiedene Perioden, nicht nur

von allgemeiner Entwicklung der Produktion, sondern auch von

ökonomischer, intellektueller und moralischer Entwicklung der Ar-

beitermassen, sodaß nicht anzunehmen ist, daß alle Industrien und

alle Länder zu gleicher Zeit in dieselbe Periode eintreten.


158 Christian Corn61issen,

Wollen wir hier Zweck und Endziel der Bewegung weiter ent-

wickeln, dann müssen wir jetzt vor allem mit allerlei Mißdeutungen

von Seiten der literarischen Interpreten des Syndikalismus aufräumen.

Machen wir uns zunächst erst los von der Mißdeutung, daß die Vor-

stellungen, die vielen Theorien der Syndikalisten zu Grunde liegen,

»ein durchaus handwerksmäßiges Gepräge« tragen sollen. Herr Som-

bart, um dies zu begründen, beruft sich (S. 124—125) auf einen Auf-

satz Ed. Berths im Januarheft 1907 des Mouvement Socia-

liste, wo (in Anlehnung an Proudhon) »ganz frank und frei als Ideal

der Arbeiterorganisation der allmähliche Aufstieg vom Lehrling zum

Gesellen, zum Meister gepriesen wird«. Nun, das mag dann Herr

Berth persönlich mit Prof. Sombart ausfechten, aber mit der syndi-

kalistischen Lehre der Wirklichkeit hat dies »Ideal« absolut nichts

zu tun. Und wenn Herr Sombart später (S. 131) einen Satz kritisiert,

den er Enrico Leone zuschreibt: »II socialismo abolirä,

non erediterä il sistema di fabbrica« (der Sozialis-

mus wird das Fabriksystem nicht erben, sondern abschaffen) da frage

ich, wie es möglich ist, diese Literaten, die so offenbar die wirklich be-

stehenden Produktionsverhältnisse und die tatsächliche Entwicklung

der technischen Produktivkräfte außer Betracht lassen, bei der Be-

gründung der Prinzipien der modernen revolutionären Arbeiterbewe-

gung auch nur einen Augenblick Ernst zu nehmen.

Unbedingt ist doch das Streben nacli immer größerem, mittelbarem

und unmittelbarem Einfluß auf den Arbeitsprozeß in Fabriken und

Werkstätten und auf die Produktion im allgemeinen, etwas ganz

Anderes als das Streben nach dem Zustand des vorkapitalistischen

Kleinmeisters oder der »Abschaffung der Fabriken«!

Und doch scheint es mir, daß Ausdrücke wie die eben zitierten,

von großem Einfluß gewesen sind auf Sombarts, meines Erachtens

fehlerhafte Bemühungen, eine innere Verbindung (S. 124) zwischen

dem »ökonomisch-sozialen Milieu« Frankreichs und dem Ursprung

des Syndikalismus nachzuweisen: »Ich möchte geradezu sagen«, so

heißt es bei ihm: »die grundlegende Idee der korporativen gruppen-

mäßigen Organisation der zukünftigen Gesellschaft, die Theorie der

Arbeit und ihrer Befreiung und vieles andere, konnte nur in einem

Lande empfangen werden, wo der Typus der kapitalistischen Unter-

nehmung großenteils noch das mittelgroße Atelier ist mit dem maitre-

ouvrier an der Spitze und den verhältnismäßig wenig zahlreichen

Gehilfen«. Prof. Sombart hat hier offenbar zu sehr das Pariser

Kunstarbciteratclier vor Augen gehabt, und wir müssen nicht ver-

gessen, daß »großenteils« auch in Frankreich die moderne Gewerk-

schaftsbewegung den Charakter einer mittel- und großindustriellen

Bewegung trägt. Natürlich fehlt es in Frankreich so wenig wie irgend-

wo anders an Gewerkschaftsvereinen wie die der Holzhacker oder

Seeleute (inscrits maritimes) die nicht unter diese Kategorien

fallen, aber die revolutionären Metallarbeiter und Schiffsbauer,

die Eisenbahner (mit einer starken Minorität von Revolutionären),

Elektrizitätsarbeiter, Arbeiter in den Glasfabriken, den Streichholz-


Ueber den internationalen Syndikalismus.

fabriken, oder den Steinhrüchen usw., ja auch die Arbeiter der Bau-

gewerbe, die Erdarbeiter, die Tischler und Schreiner usw. in den

größeren Städten, arbeiten doch unbedingt in Mittel- und Großindustrie.

Eine Deutung der syndikalistischen Bewegung im Sinne der Förderung

des Aufsteigens vom Lehrling zum Gesellen und zum Meister oder

der Abschaffung der Fabriken, würde von diesen Gewerkschaftlern

nicht einmal begriffen werden.

Gleichen Wert wie den obenerwähnten Auslassungen von Berth

und Leone, muß man dem Satze zuschreiben, den Sombart (S. 128)

Sorel entnimmt: »Wir haben von Marx die These übernommen: daß

der Fortschritt der Produktion niemals zu rasch sein kann, und wir

betrachten diesen Satz als den kostbarsten Bestandteil in der Erbschaft

des Meisters«. Herr Sombart kritisiert diesen Satz wie folgt: »Sonderbar,

höchst sonderbar! Konnte man Marx vor zwei Menschenaltern noch

eine solche Geschmacklosigkeit verzeihen (deren ich selbst mich noch

vor zehn Jahren schuldig gemacht habe): heute soll doch jedermann,

der etwas auf seine Reputation gibt, nicht mehr solche Parvenuideale

mit sich herumschleppen. Zumal nicht, wenn man einen neuen Welt-

anfang einleiten will. Da ja doch dieser Gedanke: es kann nie genug

produziert werden, das legitimste Kind des kapitalistischen Snobismus

ist.«

Ich glaube dies letztere gern und überlasse es Herrn Sorel, diesen

»Sorelismus« zu verteidigen. Ich stelle nur dies eine fest, daß man

sehr wenig in Arbeiterkreisen und speziell in den Kreisen der Gewerk-

schaftler verkehrt haben muß, um nicht zu wissen, daß man den mo-

dernen Lohnarbeitern eher das umgekehrte vorwerfen könnte, als

die Meinung, als ob »der Fortschritt der Produktion niemals zu rasch

sein kann«. Und dies ergibt sich auch von selbst aus seiner Lage

als Lohn arbeiter! Wird er doch arbeitslos, wenn eventuell

»zuviel produziert« wird! Wenn also von je her die Arbeiter sich

gesträubt haben gegen die Einführung neuer Maschinerien (wie noch

kürzlich z. B. die Weber in Hazebrouck) so können wir das bedauern;

und auch die modernen Syndikalisten werden dies tun, soweit sie

sich auf den Standpunkt des allgemeinen Fortschritts der Kultur stellen,

aber vom Lohn arbeiterstandpunkt aus ist doch dieser Kampf

gegen die Maschine wenigstens begreiflich. Auch der Syndikalist

in Fabrik oder Werkstatt bleibt Lohnarbeiter und man kann

ihn höchstens dazu bringen, diejenigen Fortschritte in der technischen

Produktion anzunehmen, von denen er selbst mitpro-

fitiert und die nicht ausschließlich als Profit und Dividenden

dem Unternehmertum zugute kommt. Andererseits läßt der An-

klang, den die Sabotage (nach dem Grundsatz: »Schlechter Lohn,

schlechte Arbeit«) bei den revolutionären Gewerkschaftlern gefunden

hat, sich gerade dadurch erklären, daß sie dem tollen Wettkampfe

der Produktion einen Riegel vorschieben wollen, und deshalb da,

wo sie nicht imstande sind, den Arbeitslohn weiter hinaufzutreiben,

wenigstens danach streben, die für diesen Lohn gelieferte Quantität

Arbeit hinunterzudrücken.
160 Christian Corne1issen,

Wenden wir uns nun zu den staatsfeindlichen Tendenzen des Syn-

dikalismus !

Die Lohnarbeiter, wie ich schon oben hervorhob, werden sich

in ihren Bestrebungen vielfach auch dem modernen Staat und seinen

Zwangsinstitutionen gegenüber befinden. Dabei ist der Staat in seiner

ganzen Einrichtung hierarchisch gegliedert, und da, wo er in verschie-

denen Monopolindustrien, im Post-, Telegraph-, Telephon- und

Eisenbahnwesen usw. als moderner Unternehmer auftritt, hat er das

Bestreben, die hierarchische Organisation auch auf die Angestellten

und Arbeiter in seinem Dienste zu übertragen. Indem er ihre Dienste

kauft, strebt er zugleich in allen Ländern danach, auch auf ihren Geist,

ihren Intellekt, auf ihre soziale und politische Ueberzeugungen seine

schwere Hand zu legen. Auch in dieser Hinsicht muß der Syndi-

kalismus, als allgemeine Lehre, die Interessen der gesamten Arbeiter-

klasse ins Auge fassend, sich als Gegner des Staates bekennen.

Dies folgt schon aus seinem oben erwähnten Streben, den organisierten

Arbeitern einen stets wachsenden Einfluß auf den Arbeitsprozeß

und die ganze Produktion zu sichern. Dem autoritären Regierungs-

system in der Produktion steht die »industrielle Demokratie«, die der

moderne Lohnarbeiter verwirklichen will, als schroffer Gegensatz

gegenüber.

Wenn wir aber über diese gegen den Staat gerichteten Tendenzen

in der syndikalistischen Bewegung mit Erfolg diskutieren wollen,

so müssen wir noch einmal in die Arbeiterbewegung selbst gehen;

im wirklichen Kampf, so z. B. im letzten Generalstreik der franzö-

sischen Post-, Telegraph- undTclephonangestellten (Zirkularschreiben,

Tagesordnungen, Forderungen der Beamten usw.) diese Tendenzen

nachweisen, und hierbei soviel wie möglich wieder die Interpretationen

der Literaten des Mouvement Socialiste bei Seite lassen.

»Nur daß mich die Lösungen der Syndikalisten auch nicht be-

friedigen«, sagt Herr Sombart (S. 129—130) in Bezug auf diesen

Punkt. »Es geht doch nicht an, jene Uebelstände dadurch beseitigen

zu wollen, daß man eine soziale Ordnung dekretiert, die sie nicht mehr

enthält! Daß man einfach erklärt: wir wollen keine Zentralisation,

keine Bureaukratie und setzen an ihre Stelle die autonome Arbeiter-

gruppe, die keinerlei Aufsicht und Oberverwaltung braucht. Oder:

wir wollen die Fabrik mit ihrer geisttötenden Arbeitsspezialisierung

nicht und ersetzen sie durch die wieder durchgeistigte Vollarbeit

des individuellen Produzenten. Das ist doch Utopismus reinsten Wassers.

Denn diese Reformvorschläge berücksichtigen zu offensichtlich ganz

und gar nicht die notwendigen Bedingungen, an die unsere gesell-

schaftliche und wirtschaftliche Kultur gebunden ist.«

Ich stimme diesem vollkommen bei, glaube aber, daß Herr Sombart

diese Zeilen nicht geschrieben haben würde, hätte er den Syndikalis-

mus in unseren modernen Gewerkschaften, anstatt in den Schriften

der Literaten studieren können. Herr Sombart greift in dieser Sache

besonders Eduard Berth an, den »Spezialisten auf diesem Gebiete« (ich

glaube nicht, daß Herr Sombart dies nur ironisch meint) der sich ein-
Ueber den internationalen Syndikalismus. 1Ö1

mal wie folgt ausgelassen hat: »Damit die Arbeiter wirklich frei wer-

den, ist es notwendig, daß die hierarchische Teilung der Arbeit auf-

höre; ist erforderlich, daß sich von den Arbeitern die Kollektivkraft

ablöse, die die Werkstatt in Bewegung setzt und daß die Arbeiter-

gruppe, indem sie in sich die intellektuellen Kräfte der Produktion

aufnimmt (resorbant en lui les puissances intel-

lectuelles de la production) und als Gruppe, ähnlich

einem Unternehmer, wie Labriola sagt, den Gesamtplan der Arbeit

entwickelt: Leitung und Ausführung einbegriffen. Das ist die Lösung.

Sonst bleibt der Sozialismus eine Nachahmung bürgerlichen Wesens

(contrefa£on bourgeois e)«.

Herr Sombart hat hier wieder leichtes Spiel: »Ganz einverstanden,

Monsieur Berth, daß die hierarchische Arbeitseinteilung aufhören

müsse, damit der Arbeiter völlig befreit werde usw. Aber genügt

denn zu dem allem, daß Sie es dekretieren?« (siehe Seite 131).

Für die richtige Beurteilung der syndikalistischen Tendenzen in

den Gewerkschaften selbst, ist aber Herrn Berths Interpretation

ganz gleichgültig. Und was im besondern die Berthsche Tirade gegen

die »hierarchische Teilung der Arbeit« anbetrifft, erwidere ich, daß

man nie vergessen soll, wie die Emanzipation des Lohnarbeiters

doch schließlich eben durch die Teilung der Arbeit

zur Durchführung gebracht werden muß und nicht durch den Berth-

schen »Aufstieg vom Lehrling zum Gesellen, zum Meister« (siehe oben).

In Wirklichkeit hat der Umstand, daß der Arbeiter Teilarbeiter,

Bediener einer Maschine geworden ist, manchmal zu seiner, sei es nur

teilweisen Emanzipation, viel beitragen können, und die alte Marxsche

Vorstellung aus der Anfangsperiode der modernen Großindustrie,

die den Fabrikarbeiter als »lebendiges Anhängsel« eines »toten Mecha-

nismus« schildert5), braucht uns in unserer Zeit nicht mehr davon

zurückzuhalten, die großen Vorteile der Teilung der Arbeit, ökono-

misch, intellektuell und moralisch, für den Lohnarbeiter anzuerkennen.

Versuchen wir auch hier, die Sache richtig zu stellen. Bei der

Beurteilung der staatsfeindlichen Tendenzen des Syndikalismus hat

man zu berücksichtigen, daß die Syndikalisten in ihren Gewerkschafts-

vereinen im vollen, wirklichen Menschenleben arbeiten, und wenn

Herr Sombart hervorhebt (S. 116), daß sie sich über diese ihre staats-

feindlichen Tendenzen »nie ganz deutlich aussprechen«, so kommt dies,

glaube ich, eben daher, daß sie in dieser Hinsicht nicht weiter vorrücken

können, als die Wirklichkeit es ihnen gestattet. In diesem Sinne

') »In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs,

in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Ar-

beitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bil-

den die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert

ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen und sie werden ihm als lebendige

Anhängsel einverleibt« (Karl Marx, Das Kapital, Band I, Kap. XIII,

-l, 3. Aufl. S. 432).

Archiv für Sozialwissenschaf, und Sozialpolitik. XXX. 1. ii


Christian Cornelissen,

werden sie nicht nur zugeben, daß im Prinzip »Aufsicht« nötig ist,

wenn nicht in der Produktion auf das vorkapitalistische Kleinmeister-

tum zurückgegangen werdensoll, sondern auch, daß diese Auf sieht immer,

unter jeglicher Gesellschaftsform, in den verschiedenen Produktionsphä-

ren sehr verschieden sein wird, wie zum Beispiel die Arbeit immer ganz

anders gegliedert sein wird im Eisenbahnwesen (hier ist

konstante materielle Gefahr vorhanden ohne gute Organisation der

Arbeit) als beim Baugewerbe oder im Ackerbau. Dem Staat als

Unternehmer, wie den Privatunternehmern gegenüber strebt also

der moderne Syndikalist nur nach einer weit möglichst durchgeführten

Substitution der Aufsicht von oben durch die Organisation

und die Aufsicht von unten, d. h. von Seiten der unmittelbaren

Produzenten. Und wenn wir im sozialen Leben der Wirklichkeit die Be-

strebungen der revolutionären Syndikalisten verfolgen, so sehen

wir z. B., daß bei den letzten großen Streiks der Post-, Telegraphen-

und Telephonangestellten, die Forderungen der Syndikalisten, auch

der revolutionärsten, in ihrem Streben um Anerkennung der Vereins-

und Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Beamten gipfelten, eine Frei-

heit, die man allerdings bis zur eventuellen Anschließung an die

Confederation Generale du T r a v a i l ausgedehnt

wissen wollte. Weiter zu gehen in ihrem Kampf gegen die Staats-

autorität schien ihnen augenblicklich unmöglich. Und anstatt der Wahl

der eigenen Chefs in den Bureaus und Werkstätten, wie sie dies viel-

leicht in zwanzig oder dreißig Jahren werden verlangen können, stellten

sie nur die Forderung der Entlassung eines nach ihrer Meinung un-

möglichen Vorgesetzten, des Unter-Staatssekretärs Simyan.

Der Anti-Etatismus in der modernen revolutionären Gewerk-

schaftsbewegung darf also nur als Tendenz, als Streben

in einer bestimmten Richtung und nicht anders auf-

gefaßt werden; ähnlich wie z. B. der aufrichtige Christ das Gebot der

Nächstenliebe auffaßt. Und auch, wenn es in der Wirklichkeit niemals

zur völligen Abschaffung des Staates käme, so wenig wie zur strengen

Beobachtung des Gebotes der Bergpredigt »so dir jemand einen Streich

gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den ändern auch dar«,

so hat doch in dem einen Fall wie in dem Ändern, das Streben in der

angedeuteten Richtung theoretisch und praktisch eine wesentliche

Bedeutung.

In gleichem Sinne, als bloßes tendenzielles Streben

muß auch die syndikalistische Forderung nach Autonomie der

Arbeitergruppen aufgefaßt werden. Wenn Herr Sombart

fragt (S. 130): »Welche autonome Arbeitergruppe soll die Eisenbahn-

linien Nordamerikas oder die Kanäle eines Landes oder die Pittsburger

oder Essener kombinierten Eisenwerke in Verwaltung nehmen, ohne

sich dreinreden lassen zu müssen ?« So werden wir hierauf für den

Augenblick und angesichts der jetzigen Entwicklung der Technik na-

türlich antworten müssen: Gar keine. Aber wohl ist ein regelmäßiger

Fortschritt möglich in der Richtung einer schließlichen

gänzlichen Regelung von Produktion, Güteraustausch und Verkehr,


Ueber den internationalen Syndikalismus. 163

unter Direktion der Vertreter der sämtlichen Eisenbahnorganisationen

Nordamerikas, oder der autonomen Bevölkerung einer mit Wasser-

werken versehenen Gegend, oder auch der sämtlichen Angestellten

und Arbeiter der Pittsburger oder Essener kombinierten Eisenwerke,

welche Vertreter sich dann mit den Konsumenten, resp. dem Publikum

geradeso abzufinden hätten, wie es jetzt die kapitalistischen Groß-

unternehmer oder die sämtlichen Aktionäre einer Kanalgesellschaft tun.

Ich komme hiermit zu einem anderen Hauptpunkt der syndikali-

stischen Bestrebungen, zur Besprechung der von Prof. Sombart ge-

stellten Frage, ob »die Gewerkschaften der Ort sind, wo die Arbeiter

die Kenntnisse und Eigenschaften erwerben sollen, die sie dereinst

befähigen, die Produktionsleitung den Händen der Unternehmer

zu entreißen und selbst Leiter und Organisatoren zu werden.« (S. 137.)

Herr Sombart meint, daß hier »ein großer Irrtum dem Räsonne-

ment der Syndikalisten zugrunde liegt«. Meines Erachtens liegt aber

der Irrtum bei Prof. Sombart selbst, der offenbar die »Leitung der

Produktion« so auffaßt, als müßte der Arbeiter in seinem Gewerk-

verein über den »Produktionsprozeß« Dinge lernen, die ihn befähi-

gen, »später selber Unternehmer zu werden«. Auch auf diesem

Punkt scheint die Literatur über den Syndikalismus die nach-

teiligsten Folgen gehabt zu haben. Prof. Sombart schreibt: »Ich

weiß nicht, woran man denkt, wenn man schreibt: »In den Ge-

werkvereinen bildet sich auf einer neuen Basis die Fähigkeit und

die technisch-politische Gewöhnung aus, den Produktionsprozeß zu

leiten«. (Leone.) »Bitte«, fragt Herr Sombart darauf Leone: »was

lernen die Hafenarbeiter vom Betriebe einer transatlantischen Ree-

derei; was die Hochofenarbeiter von der Organisation eines Hütten-

werkes, von der Kalkulation der Eisenproduktion, was die Handlungs-

gehülfen von dem Funktionieren eines Warenhauses, was überhaupt

irgend ein Gewerkvereinler von irgendeinem Produktionsvorgange ?!

Ich muß mit Blindheit geschlagen sein; denn irgendwo muß sich ein —

wenn auch noch so kleiner — Zusammenhang zwischen den beiden

Welten zeigen, da doch so kluge Leute wie die Syndikalisten geradezu

eine Identität annehmen?« (S. 137—138). Und weiter (S. 139):

»Welcher verhängnisvolle Irrtum ist es doch: die allmählige Ausbildung

der kapitalistischen Unternehmung im Schoß der alten feudal-hand-

werksmäßigen Gesellschaft gleichzusetzen mit der Entwicklung der

Gewerkvereine! (Sorel des öfteren).«

Lassen wir vor Allem Leone, Sorel usw. und ihre Anknüpfung

an die Technik beiseite! Und stellen wir dann erstens Prof. Sombart

die Gegenfrage, was eigentlich die Aktionäre einer Reederei, einer

Hochofenunternehmung oder eines Warenhauses, von den »Pro-

duktionsvorgängen« und dem »Funktionieren« des Betriebes in ihren

Unternehmungen erfahren ? Vielleicht noch weniger als der geringste

unter den produktiven Arbeitern 6)! Und trotzdem haben die Aktio-

') Ich erlaube mir hier zur Illustration dessen, was ein Aktionär einer moder-

nen kapitalistischen Großunternehmung vom technischen Betrieb seiner Unter-

ii*
164 Christian Cornelissen,

näre der kapitalistischen Unternehmungen durch ihre Vertreter die

Oberleitung ihrer Geschäfte in Händen. Und hierum handelt es sich

doch schließlich und nicht um die technische Organisation der Be-

triebe !

Denn es wird hier eine Eigentumsfrage aufgerollt und

das Ziel des modernen Syndikalismus ist, den kapitalistischen Privat-

unternehmer immer mehr zurückzudrängen aus seiner Machtstellung,

nicht als technischer Leiter, sondern eben als

Eigentümer. Und die historische Aufgabe der modernen Ge-

werkschaftsbewegung ist es eben, die vom Kapitalismus hervorgeru-

fene Scheidung des unmittelbaren Produzenten von den Produktions-

mitteln zu beseitigen und beide wieder zu vereinigen.

Fragt man die Aktionäre einer modernen Großunternehmung

nach der technischen Leitung des Betriebes, so werden sie antworten,

daß solche Leitung gekauft wird und daß es auch bei der heu-

tigen Entwicklung der Technik in Produktion und Distribution

scliwerlich anders möglich sei. Man kauft den Generaldirektor einer

großen kapitalistischen Fabrik mittels eines größeren Honorars

und vielleicht einer gewissen Anzahl »Anteile«, gerade wie man mittels

eines geringeren Honorars und nach dem eventuellen Stand des

Arbeitsmarktes Ingenieure, Kassierer, Mathematiker und Chemiker,

nehmung erfährt, auf ein typisches Bekenntnis aufmerksam zu machen, das ich

in der finanziellen Wochenübersicht des Pariser T e m p s vom 24. Mai 1909

finde. Die Aktionäre der großen Tramwaykompagnie Thomson Houston

waren am 17. Mai zum zweiten Mal zu einer außerordentlichen Versammlung

einberufen, weil eine erste Versammlung schon nicht hatte stattfinden können

wegen der Nicht-Anwesenheit einer genügenden Anzahl selbst erschienener oder

durch andere vertretener Aktionäre. Und dies trotz der Auskehrung eines

»jeton de p r e s e n c e«, der jetzt von 0,50 fr. auf i fr. pro Anteil erhöht

war um wenigstens diese zweite Versammlung abhalten zu können.

Le T e m p s bemerkt hierzu im allgemeinen: »Zu dieser Sache konstatieren

wir, daß es jeden Tag schwieriger wird, außerordentliche Versammlungen von

Aktionären abzuhalten, die doch um gültig zu sein, wenigstens die Hälfte des

sozialen Kapitals vereinen müssen. Diese Schwierigkeit ist aus verschiedenen

Motiven zu erklären: das erste, schon alt, ist die Einrichtung von frei zugäng-

lichen Geldschränken in den großen Kreditanstalten, und das andere, von spä-

terem Ursprung, die Diskussion einer persönlichen und progressiven Einkommen-

steuer. Zu diesen Motiven kommen noch der Mangel an Gedächtnis und Ord-

nung, die Gleichgültigkeit und der Egoismus und weiter, vergessen wir es nicht,

die Veröffentlichung in den Spezialzeitungen von Berichten über die Versamm-

lungen« usw. . . .

Selbst der Temps macht sich über jene Aktionäre der großen Aktien-

gesellschaften, die selbst nicht einmal jährlich zur Versammlung erscheinen, böses

Blut.

Was sollen aber diese im technischen Sinne vom Betrieb »lernen« ? frage ich.
Ueber den internationalen Syndikalismus. 165

Aufseher usw. kauft. Uebrigens handeln jetzt schon die Arbeiter-

genossenschaften nicht anders.

Wenn also die Syndikalisten unserer Zeit behaupten, sie verfolgen

die allmähliche Zurückdrängung des kapitalistischen Eigentümers

in den industriellen, kommerziellen usw. Unternehmungen, bis zur

gänzlichen Ausschaltung derselben, so darf man doch bei Leibe nicht

meinen, es sei ihnen darum zu tun, den jetzigen Portier eines Hütten-

werkes oder eines Warenhauses durch die Erziehung in einsm Ge-

werkschaftsverein für spätere Leitung eines solchen Betriebes vorzu-

bereiten.

Wenn sie behaupten, daß es sich in der modernen Gewerkschafts-

bewegung schließlich um einen Kampf um die Oberleitung in den

Fabriken und Werkstätten handelt, so will dies nur sagen, daß die

wesentliche Frage ist, wessen Willen künftig zur Ausführung gelangen

wird, der des kapitalistischen Unternehmens oder der der organisierten

Produzenten.

Prof. Sombart knüpft an seine Bemerkungen über die Fähigkeit

der Gewerkschaften als Vorschulen späterer Produktivgenossenschaften

noch einen interessanten Vorbehalt: »Was allein den ersten kapita-

listischen Gebilden in der handwerksmäßigen Welt in unserer Zeit

entspricht, das sind die Staats- und Gemeindebetriebe (von denen aber

die Syndikalisten auch nichts wissen wollen) und die auf der

Konsumentenorganisation aufgebauten Genossenschaftsbetriebe: hier

in der Tat sind Ansätze zu einer neuen Produktionsweise vorhanden,

und hier in der Tat sind praktische Lehrschulen für den Sozialismus.

Aber in den Gewerkvereinen ?!«

»Ich halte es für einen der größten Mängel der syndikalistischen

Doktrin (die gerade an dieser Stelle so vielversprechend einsetzt!),

daß sie die Genossenschaftsbewegung und namentlich die Konsum-

vereinsbildung so ganz unberücksichtigt läßt. Hierauf sollte sie ihr

Hauptaugenmerk richten und (nach Art der Webbs) ihre Zukunfts-

pläne auf einer organischen Verbindung der Konsumvereine mit den

Gewerkvereinen aufbauen« (S. 139—140).

Die modernen Syndikalisten werden natürlicherweise ihre Be-

wegung — eine gegen den Privatkapitalismus gerichtete Produzenten-

bewegung -- wohl schwerlich als für die ganze soziale Produktion

und Verteilung der Reichtümer genügend ansehen. Es gibt zwar in

verschiedenen Ländern Syndikalisten, die Anhänger der Lehre sind:

»daß der Syndikalismus sich selbst genügt«, allein diese Lehre darf

nicht im oben erwähnten Sinne mißdeutet werden und bezieht

sich vielmehr auf den Einfluß der politischen Parteien auf die Ge-

werkschaftsbewegung. Meines Erachtens steht die syndikalistische

Doktrin mit der Tatsache, daß zweifelsohne Staat und Gemeinde in

nächster Zukunft ihren Einfluß in verschiedenen Industriebranchen

noch ausbreiten werden, in keiner Weise im Widerspruch. Staats-

und Gemeindeproduktion, zwar s0, daß sie mit syndikalistischen

Arbeiterorganisationen zu rechnen haben wird, halte ich vielmehr

für die künftige Form der Produktion und Distribution in gewissen


106 Christian Corn£lissen,

Branchen und, wie oben schon gesagt, wird dann der Syndikalismus

sich besonders bestreben, dem Kollektivbetrieb seine hierarchische

Gliederung zu nehmen.

Um sich weiter vom Verhalten des Syndikalismus zur Genossen-

schaftsbewegung ein richtiges Bild zu machen, muß man wieder

ins Auge fassen, daß es sich beim ersteren um eine Kampfesorganisa-

tion von Produzenten handelt, die ako, im Großen und Ganzen,

schwerlich auf die Genossenschaftsbewegung ihr »Hauptaugenmerk«

richten könnte. Wohl aber kann es ein gewisses Zusammengehen

zwischen beiden Bewegungen geben, so z. B., daß die Konsumge-

nossenschaften als Gegendienst für die Zufuhr von Mitgliedern aus

den Syndikaten, letzteren in ihrem Kampf gegen das Unternehmertum

(während Streiks und Aussperrungen usw.) pekuniäre Hilfe, Kredit

usw. leisten können.

Noch anders steht es mit den Produktivgenossenschaften, die

eben neben der Syndikatsbewegung gefördert werden können, in

solchen Zweigen des Ackerbaus, der Industrie, des Transports und

Verkehrs, wo die moderne Mittel- oder Großunternehmung nicht

oder nur schwierig eingedrungen ist und in nächster Zukunft kaum

erfolgreich eindringen wird, wie z. B. in verschiedenen Zweigen der

Reparaturarbeit und des Kunsthandwerks und im allgemeinen in

verschiedenen ländlichen und kleinstädtischen Betrieben. Wenn

sich dann nebenbei in solchen Produktivvereinen eine Tendenz

zum Kommunismus zugleich mit der praktischen Ausschaltung des

Kleinunternehmers zeigt - - wie dies für bestimmte Betriebe in

verschiedenen Ländern schon der Fall ist — so würde prinzipiell

für die Syndikalisten hier ein wirklicher Anknüpfungspunkt vor-

handen sein.

In diesem Sinne antwortete ich, als, vor einigen Monaten, eine

Reorganisation des »Vereins für gemeinschaftlichen Grundbesitz« in

Holland stattfand und dieser Verein, der die Gründung und Organi-

sation von Produktivgenossenschaften auf mehr kommunistischer

Basis mit Ausschaltung des Privatunternehmers bezweckt, mich bat,

als theoretisch und praktisch in der Gewerkschaftsbewegung stehend,

auch in jener Richtung mit zu arbeiten. Ich weiß, daß sehr viele Syn-

dikalisten und revolutionäre Kommunisten ebenso darüber denken.

Ein solches Zusammenwirken braucht aber die Syndikalisten nicht

zu hindern, deutlich ins Licht zu stellen, daß für die Hauptbranchen

von Industrie, Handel und Transport, ja auch für die Produktion

von vielen Landbauprodukten (Baumwolle oder Getreide z. B.) seit

Jahrzehnten in allen modernen Ländern die Zeit vorbei ist, wo man

mit Erfolg an die Gründung von lebenskräftigen, d. h. im Kampfe

mit dem modernen Kapitalismus konkurrenzfähigen Produktiv-

genossenschaften denken könnte. In all diesen Hauptbranchen han-

delt es sich nicht darum, neue von kommunistisch-syndikalisti-

schem Geist durchdrungene Unternehmungen den kapitalistisch ge-

triebenen gegenüber zu gründen, sondern vielmehr, die kapitalistischen

Unternehmer allmählich aus ihren eigenen, technisch vielfach hoch-


Ueber den internationalen Syndikalismus. ißy

entwickelten Betrieben herauszudrängen. Hier kann nur der gewerk-

schaftliche Kampf nach revolutionär syndikalistischem Muster, aber

nicht mehr die Genossenschaftsbewegung eingreifen.

Professor Sombart charakterisiert die Taktik des Syndikalis-

mus ganz genau, wenn er bemerkt (S. 116 seines Buches), daß er nicht,

wie etwa der Altmarxismus, auf den fast automatischen Uebergang

und die allmählige Umbildung der bestehenden Wirtschaftsweise

in die sozialistische hofft. »Auf den Ablauf von Akkumulations- und

Konzentrationsprozessen zu warten, liegt den Syndikalisten ebenso

fern wie der Gedanke, ihre Hoffnungen auf der allmählichen Verelen-

dung der Massen aufzubauen*. Anstatt auf die Geschichte zu warten,

wollen sie selbst »Geschichte machen«. Dieses Wort von Leone, das

Sombart in seinem Buche zitiert, drückt ihr Auftreten treffend aus.

Wenn aber Prof. Sombart, sich weiter auf die Literatur über

den Syndikalismus stützend, zur Schlußfolgerung kommt: »Genau

genommen gibt es nur Eines, gibt es nur eine treibende und gleich-

zeitig schöpferische Kraft: den revolutionären Willen

des Proletariats, der sich zum Enthusiasmus der Hingabe

und der Arbeit ausgestalten muß« (ebenda), so wird jeder, der die

syndikalistische Bewegung aus der praktischen Propaganda kennt,

diese Wendung um so bedenklicher finden, als doch in dieser Bewegung

vernünftigerweise nur von einem revolutionären Willen in der Rich-

tung der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft und ihrer pro-

duktiven Kräfte die Rede sein kann, und wir, die wir in der Praktik

leben, nur zu gut wissen, wie sehr es gerade am »Enthusiasmus der

Hingabe« noch mangelt. Und geradezu ironisch klingt es, wenn Herr

Sombart fortfährt: »In dem revolutionären Willen des Proletariats

liegen aber auch alle Möglichkeiten einer neuen Produktionsweise ein-

geschlossen. Diese wird auf einer völlig neuen Moral sich aufbauen:

der Moral der entgeltlosen Opferung für das Wohl des Ganzen«. Hier

scheint es der gute Sorel zu sein, der den deutschen Kritiker zu

seiner Schlußfolge verlockt hat: »Cet effort vers le mieux

qui se manifeste en depit de l'absence de toute

recompense personnelle immediate et propor-

tionnelle«

Nun läßt sich vielleicht eine solche auf »einer neuen Moral« sich

aufbauende »Produktionsweise« in der Literatur ganz gut anhören; aber

die syndikalistische Bewegung ist eine nüchterne Alltagsbewegung

und im praktischen Leben ist hier, wie in der Gewerkschaftsbewegung

im Allgemeinen, viel eher Mangel an »entgeltloser Opferung« und So-

lidarität zu bedauern, als das Umgekehrte. Man soll nicht übertreiben,

und meiner persönlichen Erfahrung nach würde sicherlich die Ge-

werkschaftsbewegung als revolutionäres Element in der sozialen

Entwicklung viel größeren Erfolg gehabt haben in den verschiedenen

Ländern, wenn nicht erstens die einzelnen Korporationen zu sehr

die eigenen unmittelbaren, kleinen Beruisinteressen im Auge behielten—


l68 Christian Cornelissen,

auch wenn diese sich mit dem »Wohl des Ganzen« in der Arbeiterbe-

wegung nicht decken — und wenn zweitens die Arbeiter aller Industrien

und Berufe zusammen, nicht allzusehr ihre Bewegung als eine sich

an die heutigen Verhältnisse direkt anknüpfende Kampfesbeweguns

auffaßten. Die Aeußerungen der Literaten, wie sie Herr Sombart

vor sich gehabt, sind vielmehr als ideale Anstöße in einer Richtung

aufzufassen, in welche sich die revolutionär syndikalistische Bewegung

wie die ganze Arbeiterbewegung, nur sehr schwer, wenn überhaupt,

wird drängen lassen.

Auf gleiche Weise müssen auch praktische Fragen, wie die, welche

im Sombartschen Buch gestreift werden: »keine Beiträge und keine

Streik- oder gar Vcrsicherungskassenbildung; daher Ablehnung jeder

Politik der Verhandlung oder Verständigung mit dem Unternehmer-

tum« (siehe S. 118) aufgefaßt werden.

Keine Beiträge und keine Streikkassenbildung? Ich kenne in

Frankreich oder anderwärts auch nicht einen einzigen in der praktischen

Propaganda tätigen »Syndikalisten«, der so etwas verlangen würde:

vielmehr besteht im syndikalistischen Lager ein allgemeiner Drang

nach Erhöhung der Beiträge zum Zweck, Streiks und Lohnbewe-

gungen möglich und erfolgreich zu machen, — was auch wohl kaum

anders möglich ist, innerhalb einer Bewegung, die sich vor allem zur

Kampfesbewegung ausbildet. Bloß, wenn man die Beiträge zu hoch

stellt, verlassen eben die Gewerkschaftler die Reihen, und auch der

kampfeslustigste Syndikalist hat dieser Wirklichkeit Rechnung zu

tragen.

Dann gibt es noch etwas, das eben den Unterschied zwischen den

revolutionären Syndikalisten und den »Reformisten« in Frankreich aus-

macht, oder auch die französische Gewerkschaftsbewegung von z. B. der

deutschen, in den großen Zentral verbänden verkörperten Bewegung un-

terscheidet : Die revolutionären Syndikalisten erklären sich im allgemei-

nen nur als Anhänger von Gewerkschaftskassen und von hohen Beiträgen

an dieselben, insoweit die Gelder zu Kampfeszwecken benutzt werden.

Was die »Versicherungskassenbildung« betrifft, trachten sie im Gegen-

teil diese so weit wie möglich zu beschränken, und z. B. aufs V i a t i-

kum wesen zu reduzieren. Unterstützungskassen aber, wie sie

in Deutschland, England, Amerika, in den großen konservativen

Verbänden und bei gewissen »reformistischen« Gewerkschaften Frank-

reichs bestehen -- Kassen, die im Falle von Krankheit, Invalidität

und Tod, oder selbst beim Wohnungswechsel usw. Gelder auszahlen,

dulden die revolutionären Syndikalisten nur, wenn sie nicht anders

können. Im Prinzip jedoch betrachten sie die Schöpfung solcher

Kassen als zur Aufgabe der »M u t u a l i t e« gehörend, — die in Frank-

reich jetzt schon mehr als drei Millionen Anhänger zählt, —und nicht

als Aufgabe der Gewerkschaften, weil letztere von ihnen in erster

Linie als Kampfesorganisationen betrachtet werden7).

7) Ein typisches Beispiel dafür, wie das Verhalten von »Revolutionären«

und »Reformisten« sich ändert, sobald die Gelder nicht mehr für Versichcnings-
Ueber den internationalen Syndikalismus. 160

Große Vorsicht muß man weiter auch beobachten, wenn man

auf die Ablehnung »jeder Politik der Verhandlung oder Verständigung

mit dem Unternehmertum« von Seiten der Syndikalisten eingeht.

Natürlich gibt es da, wo es sich um einen fortwährenden Kampf zweier

Parteien handelt, auch ein ununterbrochenes System von »Verhand-

lungen« und »Verständigungen« zwischen den Parteien. Aber »Ver-

handlung« und »Verhandlung« sind zwei. Und was die Syndikalisten

ablehnen, sind die Verhandlungen, bei denen die Hauptvorstands-

mitglieder (wie in Deutschland üblich) über die Häupter der Mit-

glieder ihrer Verbände, resp. bei einem Konflikt über die der streikenden

Arbeiter selbst hinweg, mit dem Unternehmertum sich »verständigen«.

Dies hängt natürlich wieder mit der Bildung von großen Unterstützungs-

kassen zusammen und mit der Furcht der Vorstände großer Organi-

sationen, die Kassen zu leeren. Was die französischen Syndikalisten

den deutschen, englischen, nordamerikanischen usw. konservativen

Gewerkschaftsverbäncllern vorwerfen, ist gerade, zu viel auf die

armen Groschen der Arbeiter gegen die Goldstücke der Kapitalisten

zu vertrauen, anstatt die direkte Aktion der Mitglieder unter allen

Formen zu ermutigen und auf alle Weise auszunützen.

Kurz gefaßt also, darf man die von der revolutionären Majorität

geleitete Bewegung der 380000 oder 400000 französischen Gewerk-

schaftler nicht mit der der etwa zwei Millionen gewerkschaftlich organi-

sierter Arbeiter Deutschlands vergleichen, oder vielleicht aus der

beiderseitigen numerischen Macht auf den Einfluß im sozialen

Leben schließen 8). Die französischen, von dem Geist der Svndikalisten

zwecke angewendet werden, liefert die kürzlich (Anfang Juni 1909) in Paris ab-

gehaltene Konferenz der Nationalen Föderationen und Arbeitsbörsen Frank-

reichs. Die Konferenz hat den Beitrag beider Kategorien von Organisationen

zu der Verbandskasse erhöht. Dagegen stimmten aber gerade die »reformi-

stischen« Föderationen (wie die der Buchdruckereigewerbe — Le Livre —

der Eisenbahner, der Mechaniker usw.), die sonst immer für hohe Beiträge

schwärmen. Hier handelte es sich aber um keine korporativen Zwecke, sondern

um die allgemeine Propaganda der C. G. T.

*) Es ist vielleicht hier der Platz, im Vorbeigehen auf eine Mißdeutung im

Sombartschen Buche einzugehen, die man vielfach in der Presse aller Richtungen

wieder findet, nämlich als sollte in der C. G. T. »eine entschlossene revolutionäre

Minderheit eine numerisch starke reformerische Mehrheit terrorisieren« (S. 269),

also der Geist unter den Mitgliedern der Confödcration vielmehr »reformistisch«

als »revolutionär« sein. Man stützt sich gewöhnlich dabei, wie es auch

Herr Sombart tut, auf die Tatsache, daß die Kongresse der Conföderation

bis jetzt immer die Proportionalwahl und Abstimmung im

Prinzip verworfen haben. Die »Reformisten« lieben es dabei, die Mitglicderzahl

der von ihnen dominierten Organisationen hinaufzuschrauben und die mit ihr

befreundete sozialdemokratische Presse Deutschlands besorgt im Auslande die

Verbreitung der Ziffern. So finde ich nun im Sombartschen Buch die Mitgied-
Christian Cornelissen,

beseelten Organisationen, wollen Kampfesorganisationen sein; die

deutschen Zentralverbände werden immer mehr Versicherungsvereine,

Organisations de secoiirs mutuel, und wenn sie dabei zu-

gleich die wirtschaftlichen Kämpfe, Streiks und Lohnbewegungen

in Deutschland leiten, so fassen sie doch auch diese Kämpfe vor allem

vom Groschenstandpunkt auf. Darauf ist es meines Erachtens zu-

rückzuführen - - und ich glaube die internationalen Verhältnisse

ziemlich gut zu kennen - daß gegenwärtig die C.G.T. mit ihren

400 ooo Mitgliedern bedeutend mehr Einfluß auf das ganze soziale

Leben in Frankreich hat, als etwa die Zentralverbände mit ihren

beinahe 2 Millionen Mitgliedern in Deutschland, In Frankreich wird

die Aktion der energischsten Elemente der Arbeiterbevölkerung nicht

lahm gelegt von einer Majorität von beitragzahlenden Personen,

die sich nur der Unterstützung und Versicherung wegen den Verbänden

angeschlossen haben!

Die Taktik der s7ndikalistischen Bewegung wird vielfach unter

der Formel »Direkte Aktion« zusammengefaßt. Im Gegensatz zur

indirekten, d. h. vor allem parlamentarischen Aktion,

offenbart sich dieselbe unter der Form des Eingreifens der unmittelbar

Beteiligten, nicht nur in die S t r e i k s und B o y k o t s , sondern da,

wo die Arbeiter für offensive Aktion zu schwach sind, gelegentlich

auch durch Obstruktion oder Sabotage (Einrichtung der Ar-

beit nach dem Lohne, bezw. Darbietung schlechter Arbeit für niedrigen

Lohn) usw. Natürlich ist die Anwendung der direkten Aktion zur Be-

einflussung der Regierungskörper und zur Unterstützung guter oder

schaft des Bergarbeiterverbandes, der alles in allem 30 ooo oder höchstens 35 ooo

Mitglieder zählt, mit noooo angegeben. Umgekehrt vergißt man, daß es eben

so gut numerisch starke revolutionäre Verbände gibt, wie z. B. die Föderation

der Baugewerbe, die stärkste in Frankreich (gegenwärtig mehr als 55 ooo

Mitglieder).

Es gibt aber einen anderen Grund, aus dem, glaube ich, die Majorität der

C. G. T. revolutionär bleiben würde, auch wenn die Proportionalabstimmung

konsequent durchgeführt würde. Die »reformistischen« Verbände zählen alle

eine »revolutionäre« Minorität, gerade so wie die revolutionären Organisationen

Reformisten unter ihren Mitgliedern haben. Auf dem letzten Nationalkongreti

der Eisenbahner gab es auf 10 Delegierte 4 Revolutionäre, und wie man weiß,

zählt die nicht weniger durch ihren »Reformismus« bekannte Föderation d u L i v r e

als Opposition u. a. die aktive und rührige 21. Sektion (die Pariser Schriftsetzer)

die zahlreichste ihrer Sektionen, die mit dem Centralcomite gerade wegen seiner

Ablehnung der Action directe und des Generalstreiks Händel hat.

Deshalb werden auch die revisionistischen Gewerkschaftsführer sich gewiß

zehnmal bedenken, ehe sie eine Spaltung in der C. G. T. hervorrufen (wie die

Presse ja immer aufs neue in Aussicht stellt). Sie würden damit ihre eigenen

Organisationen zur Freude der Bourgeoisie auseinander reißen, was selbst ihre

Anhänger ihnen niemals verzeihen würden.


lieber den internationalen Syndikalismus.

zur Bekämpfung schlechter Gesetze nicht ausgeschlossen. Aber auch

hier bleibt sie Aktion im wirklichen Leben und nicht im Parla-

ment, und offenbart sich in einem Druck auf alle politischen Parteien

ohne Unterschied. Z. B. weiß man, wie in Frankreich die Gewerkschaft-

ler zur Durchführung des Gesetzes betreffs Einführung eines wöchent-

lichen Ruhetages manifestiert haben, und wie sie, um diese Durchfüh-

rung zu erzwingen, massenhaft in die großen Magazine drangen, wo

der Ruhetag von 24 Stunden trotz dem Gesetze nicht eingeführt war.

Dank dem Standpunkte, auf den Herr Sombart sich gestellt hat,

kommt nun aber in seinem Buch der Charakter gewisser Kampfesmittel,

die die Syndikalisten vorschlagen, nicht immer zu seinem Recht; so z. B.

nicht der des Streiks, den Herr Sombart nicht nur als geeignetes Kampfes-

mittel gegen das Unternehmertum auffaßt, nicht als eine der Formen di-

rekterAktion, sondern vielmehr als Mittel »alles zu fördern, was den

revolutionären Willen stärken hilft, alles also vor allem, was dem Pro-

letariat seinen Klassengegensatz zur bürgerlichen Welt immer wieder

zum Bewußtsein bringt, was seinen Haß gegen diese Welt und ihre

Träger nährt und auch von neuem schürt« (S. 118). Die ideologischen

Motive sprechen im Alltagsleben und im wirklichen Kampfe gegen das

Unternehmertum kaum ein Wort mit, und auch von den Syndikalisten

werden sie als solche, als ideologische Motive, nicht in den Vordergrund

geschoben. Dies kann nur in der Literatur geschehen oder gelegentlich

von einem besonders ideologisch angehauchten Redner.

Eine ähnliche Kritik muß ich üben, wenn es bei Sombart zur Be-

gründung des Streiks nach den Ansichten der Syndikalisten heißt

(S. 118—119): »Freilich darf dann der Streik nicht eine wohler-

wogene Geschäftstransaktion sein, sondern muß spontan aus den

Entschlüssen der aufgereizten Massen hervorbrechen; darf nicht er-

möglicht werden durch die Verwendung sorgsam aufgesparter Bei-

träge, sondern muß ruhen ausschließlich auf der Fähigkeit, Entbeh-

rungen zu ertragen und auf der Opferwilligkeit anderer Arbeitergruppen,

die nun erst freiwillig herbeieilen, um die Streikenden zu unterstützen.«

Aufrichtig gesagt, habe ich von den Syndikalisten selbst, wenigstens

von den syndikalistischen Arbeitern, eine solche Beweisführung niemals

gehört, und sie würde übrigens auch von den Arbeitern in Fabrik oder

Atelier mit Spott empfangen werden. Ich glaube, auch diese Mißdeu-

tung muß auf Rechnung der Literatur über den französischen Syndika-

lismus und auf die falschen darüber nach Deutschland und anderwärts

importierten Begriffe geschrieben werden. Nicht nur, wie ich schon

oben sagte, arbeiten die Syndikalisten in Frankreich ganz positiv auf

die Erhöhung der Beiträge hin. sondern auch die »Spontanität« der Be-

wegung kann von ihnen nur gelegentlich, als sekundärer Faktor im

Kampfe gegen das Unternehmertum in Betracht gezogen werden. So

z. B. tritt dieser Faktor mehr im Anfang der Arbeiterorganisation als

in ihrer späteren Entwicklung, mehr bei Generalstreiks als bei Streiks

in den einzelnen Gewerben und Industrien in den Vordergrund. Auch

ist seine Wirkung in den verschiedenen Industrien und Berufen sehr

verschieden usw.
Christian Cornfilissen,

Kommen wir zum Generalstreik: Auch die Propaganda dafür

und die ersten Versuche in dieser Richtung können nicht in dem Grade

auf psychologische und ideologische Motive zurückgeführt werden, wie

Herr Sombart dies tut (S. 119 u. 134). Auch der Generalstreik ist

schließlich ein Kampfesmittel, das nur insoweit Wert hat, wie es aus

der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse und dem Zusammen-

fallen verschiedener einzelner Streiks allmählich hervorgeht; er wächst

naturgemäß und greift allmählich um sich, gerade so, wie die Organi-

sation selbst der Arbeiter oder der Unternehmer. So denken darüber

auch die Syndikalisten Frankreichs, insoweit sie im wirklichen Leben

stehen. Nur im Sinne eines aus den reellen Verhältnissen hervor-

wachsenden sozialen Phänomens, und nicht in erster Linie als ein Mittel,

»die revolutionäre Leidenschaft neu zu beleben«, kann der Generalstreik

als »eine Art von Feldmanöver« (Sombart S. 119) betrachtet werden.

Weiter ist der Generalstreik nicht schlechthin mit Sozialismus

»gleichzusetzen«. Was Labriola und Sorel in diesem Sinne in den von

Herrn Sombart zitierten Sätzen geschrieben haben, hat nur literari-

schen Wert und sollte wenigstens cum grano salis genom-

men werden. Der Arbeitersozialismus ist nicht »ganz und gar im

Generalstreik enthalten«. Letzterer als Kampfesmittel kann zwar in

einem kritischen Moment eine Entscheidung zugunsten einer bestimm-

ten Produktionsmethode herbeiführen, steht aber als solches, als Kam-

pfesmittel, außerhalb der Produktion, deren allmähliche Revolutionie-

rung der Sozialismus und der Syndikalismus verfolgen.

Wenn ich nun auch hier der syndikalistischen Taktik gegenüber

vor Mißdeutungen warne, die aus der Literatur hervorzugehen scheinen.

als sollte dabei auf »die Erfüllung der psychologischen und ethischen

Vorbedingungen der neuen Gesellschaft« der »Hauptnachdruck« fallen,

so kann ich mich doch auch nicht ganz der Sombartschen Kritik

selbst in Bezug auf die genannten Vorbedingungen anschließen.

»Welcher Zusammenhang«, fragt Herr Sombart (S. 134), »besteht

überhaupt zwischen dem Elan, der einen Generalstreik durchführt,

und der hingebenden, begeisterten Stimmung, in der (nach Meinung

Sorels) später die Tagesgeschäfte erledigt werden ? Ich sehe keinen«.

Und später (S. 136) heißt es bei ihm: »Bleibt es nicht, wie immer man

die Sache anschaut, weltfremder Phantasmus, unsere Massen von heute

in hohe ideale Spannung jahrein jahraus versetzbar sich vorzustellen?

Das Alltagsleben auf nicht egoistische Seelenstimmungen aufbauen

kann man nur unter einer Voraussetzung: daß ein religiöser Fanatis-

mus in den Massen lebt. Alle anderen idealen Mächte werden sich ewig

als zu schwach erweisen, die Bestie im Menschen zu zähmen, selbst

wenn die Ideale nicht auf vorübergehende Ziele gerichtet sind, wie es

bei dem Revolutionsenthusiasmus der Syndikalisten obendrein noch

der Fall ist.«

Aber Herr Sombart, was waren Sie grimmig und finster ge-

stimmt, als Sie diese Zeilen geschrieben! Gilt Ihres Erachtens die Liebe

zu den Kindern und die Sorge für das eigene Alter, oder das Streben,

alle Menschen auf Erden glücklicher zu sehen, als sie es jetzt sind, das
lieber den internationalen Syndikalismus. 173

Streben auch den Krieg zu vermeiden (ich denke an die antimilita-

ristischen Bestrebungen der Syndikalisten, worüber Sie schrieben) usw.,

gilt das alles für Sie nur als »egoistische Seelenstimmung«, oder hat es

alles auch seine ideale Seite, und kann es in diesem Sinne, Ihrer Mei-

nung nach, nicht wenigstens die Bedeutung haben, die Sie dem »reli-

giösen Fanatismus« beimessen ? Kann denn schließlich die Wohlfahrt

des ganzen Menschtums auf Erden nicht mehr Wert als soziale Trieb-

kraft haben, als der unsichere Glaube an einen Himmel ? Ja, muß

nicht selbst, je mehr letzterer im Nebel des Unwahrscheinlichen

sich aullöst, erstere auch naturgemäß immer mehr als ideales Streben

in den Vordergrund rücken ? Heinrich Heine brachte dies so zum

Ausdruck:

»Ein neues Lied, ein besseres Lied.

»O Freunde, will ich euch dichten:

»Wir wollen hier auf Erden schon

»Das Himmelreich errichten.«

Ich bin ungefähr am Ende meiner kritischen Bemerkungen ange-

kommen. Um die syndikalistische Bewegung in ihrem Wesen und Ur-

sprung noch einmal zu kritisieren, stimme ich gern Prof. Sombart bei,

wenn er sagt: »Nur in einem so hochkultivierten Lande wie Frank-

reich, scheint mir, konnte eine solche Theorie entstehen« (S 123).

Allein in der Weiterentwicklung dieser schließlich richtigen Feststel-

lung, gehen wir vollständig auseinander und hier bedauere ich noch ein-

mal das Mißverständnis, das offenbar die Literatur über den Syndika-

lismus in Deutschland (und anderwärts) hervorgerufen hat. Erlauben

wir uns weiter zu zitieren: »Sie (die syndikalistische Theorie) konnte

nur von ganz überfeinerten Geistern erdacht werden von

raffinierten Menschen, deren Nerven ganz starke Reize brauchen, um

in Schwingung zu kommen. Die aber auch aus einer gewissen künst-

lerischen Empfindsamkeit heraus eine Abneigung haben gegen alles Phi-

listertum, gegen die boutique, gegen alles spezifisch »Bürgerliche«.

Seide kontra Wolle! Das Alltägliche ist ihnen ebensosehr ein Gräuel

wie das Natürliche. Es sind Gourmets der sozialen Theorie, die den

Syndikalismus als Gedankensystem geschaffen haben.« (S. 123—124.)

Nun ist aber, wie oben entwickelt, der Syndikalismus nicht nur

in seinem praktischen Ursprung, sondern auch in seiner theoretischen

Formulierung eine Volksbewegung, ein Massenprodukt par excel-

l e n c e , deren schaffende Geister, deren Erfinder als Theorie schwer-

lich auffindbar sein werden, und an deren »Gedankensystem« später

gekommene Literaten nicht im mindesten etwas zu ändern vermocht

haben. Und man kann unseren Arbeitern der Baugewerbe und den

Erdarbeitern, denen die eigene Initiative und die Lust zum »Selbsttun«

so tief eingewurzelt sind, oder unseren Metallarbeitern, Seeleuten und

Hafenarbeitern, unseren Holzhackern und Arbeitern in den Weinbergen

usw. alles vorwerfen was man will, ja, man kann auch den Führern des

französischen Syndikalismus, den Merrheim, Pataud, Griffuelhes, Pou-


174 Christian Cornelissen,

get, Monatte, Luquet, Yvetot, Jouhaux usw., vielleicht manchen ge-

rechten Vorwurf machen, allein daß sie an »Ueberkultur« leiden sollten

oder gar »Gourmets der sozialen Theorie« seien, nein, das ist wirklich zu

stark!

Man soll dem Ursprung einer sozialen Theorie wie die des Syndi-

kalismus tiefer nachforschen. Und wenn man sehr richtig konstatiert,

daß eine solche Theorie »nur in einem so hochkultivierten Lande wie

Frankreich« entstehen konnte, da soll man bedenken, daß Frankreich

innerhalb ein und einem Viertel ahrhundert vier Revolutionen durch-

gemacht hat und daß, wenn in Mittel-Europa — Deutschland und

Oesterreich — eine eingreifende Revolution höchstens die Verwirk-

lichung der Träume von 1848 bringen könnte, Frankreich vor der Ver-

wirklichung der Kommune steht.

Was historisch in Frankreich in erster Linie auf dem Grunde der

syndikalistischen Bewegung liegt und ihren Erfolg und Fortschritt

möglich macht, ist die Tatsache, daß in diesem Lande alle poli-

tischen Regimes abgewirtschaftet haben, daß dort nach und nach alle

kaiserlichen, royalistischen und bürgerlich republikanischen Systeme

»gewogen«, aber zu »leicht« befunden wurden, und also die Massen selbst

weit über die Zeit hinausgekommen sind, wo sie noch von politischen

Reformen im allgemeinen die Gesundung des sozialen Lebens erwarteten.

Dazu kommt natürlich das Temperament dieser Menschen, die

wie die Franzosen oder Italiener, wie Sombart bemerkt, »gewohnt sind,

impulsiv zu handeln, bei denen plötzlich ein heißer Strom der Begeiste-

rung das ganze Innere durchflutet, deren Wesen von solchen plötzlichen

Wirkungen beherrscht und zu raschen Taten fortgerissen \\ird« (S. 124).

Natürlich spielen hier die »aktiven Minoritäten«, über die man so ver-

ächtlich in Deutschland sprechen und schreiben kann (besonders in der

sozialdemokratischen Presse) und spielt der »Elan« eine besonders wich-

tige Rolle!

Dies alles hängt intim mit dem Wesen und Charakter des Syndi-

kalismus als einer Massenbewegung zusammen, und erklärt, weshalb

die französische (oder auch italienische) Gewerkschaftsbewegung nie-

mals vorwiegend den Charakter einer Versicherungs- und Kranken-

unterstützungsbewegung tragen wird.

Darf man daraus ableiten, daß die syndikalistische Bewegung »eine

Reaktion darstellt gegen die Vernachlässigung der Gewerkschaftsbewe-

gung in den romanischen Ländern« (Sombart S. 125) ? Meiner Meinung

nach: nein; man darf nur daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß »Ge-

werkschaftsbewegung« etwas anderes bedeutet in Frankreich als gegen-

wärtig in Deutschland oder in England (in England wieder teilweise

aus anderen historischen und ökonomischen Motiven als in Deutsch-

land).

In einem gebe ich schließlich Herrn Sombart Recht: »Unbild-

lich gesprochen: so vortrefflich und glücklich viele Ansichten und Theo-

rien des Syndikalismus sind: d i e neue soziale Theorie ist es noch nicht.

Damit diese geschaffen würde, bedürfte es noch ganz anderer Vertie-

fung aller Probleme.« (S. 141.) Und wenn ich auch, mich ganz diesem
Ueber den internationalen Syndikalismus. 175

Urteil anschließend, dabei nicht so sehr wie Herr Sombart an den Marxis-

mus denke, von dem die Lehre sich »vollständig zu befreien« hätte, weil

doch der Marxismus niemals in Frankreich einen besonderen Einfluß

gehabt hat, so erkenne ich gerne an, daß der Syndikalismus, gerade weil er

in seinem innersten Wesen eine Volksbewegung ist, nur allzu aus-

schließlich kritisch, und noch zu wenig aufbauend hat wirksam sein

können.

»D i e neue soziale Theorie ist es noch nicht.« Es gähren noch die

Elemente in bunter Wirrung und hier und da stehen sie noch einander

scheinbar feindlich gegenüber, für jeden, der nicht die Gewohnheit hat,

soziale Probleme wissenschaftlich zu untersuchen und der sich nicht

schon bewußt geworden ist, daß die menschliche Gesellschaft war und

ist, und immer bleiben wird eine vielfarbige Mosaik von sehr ver-

schiedenen Produktions- und Lebensformen.

Die Synthese des Syndikalismus also ist noch nicht gegeben. Aber

wer sich an die Ausarbeitung derselben macht, wird in seinenStudien be-

sonders dadurch unterstützt werden, daß die Bewegung wie sie geht

und steht im wirklichen sozialen Leben ihre Wurzeln hat, und nicht,

wie etwa der Marxismus, in der Methaphysik.