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ALEXANDER POINTNER

mit
ANGELA POINTNER

Mut zur Klarheit
Woher die Kraft zum Weitermachen kommt

Seifert Verlag
Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe für euch ein paar Ausschnitte aus unserem

neuen Buch herausgesucht: Es sind Streiflichter auf die

verborgenen Mechanismen des Spitzensports, dem ich

so lange verpflichtet war, und auf die Stunden meines

Lebens, die für mich und meine Familie die Welt für

immer verändert haben.
Inhalt

Einleitung 9

Die Welt des Spitzensports –
Startvorteil durch perfekte Organisation 13
Von Extrawünschen, Familienanschluss
und verzichtbarem Luxus 15
Ohne motivierte Veranstalter kein Wettbewerb 21
Der Wind – ein ungeliebtes Kind 29
Der Renndirektor – Zwischen Buhmann und Visionär 35
Sind Haltungsnoten noch zeitgemäß? 43
Von Materialtüftlern, Regeln und Schlupflöchern 49
Gesundheit will geplant sein 57
Teamaufstellung – Mit Überraschungseffekt zum Erfolg 65
An Konflikten führt kein Weg vorbei 71
Fehlende Rückendeckung und ihre Konsequenzen 79
Der Blick hinter die Kulissen anderer Systeme –
meine Vorträge 85
Wenn das bisherige Leben wie ein Kartenhaus
zusammenfällt 93
Der Tag, der unser Leben veränderte – Angi 95
Die erste Zeit des Bangens und Hoffens – Angi 101
Der Tag, der unser Leben veränderte – Alex 107
Die erste Zeit des Bangens und Hoffens – Alex 115
Sich im neuen Dasein zurechtfinden 121
Die Scham als ständige Begleiterin – Angi 127
Die Ängste im Zaum halten durch Eigeninitiative 135
Jede Veränderung fällt schwer 141
Professionelle Hilfe 147
Wenn die Belastungsgrenzen überschritten werden 149
Mit professioneller Hilfe den Scherbenhaufen
neu sortieren 155
Tabu Suizid – Da muss doch etwas schiefgelaufen sein 161
Beistand 167
Was es für uns bedeutet, echten Beistand zu leisten 169
Von aktiver Hilfe und »feigen Männern« 175
System Krankenhaus 183
Zurechtfinden im »System« Krankenhaus 185
Ein herzlicher Empfang 191
Von den Göttern in Weiß 197
Wenn der interne Konkurrenzkampf Spuren hinterlässt 203
Die zwischenmenschliche Ebene gibt Kraft 209
Es geht zu Ende … 215
Nina gibt nicht auf – Angi 221
Der Tag des Abschieds – Angi 227
Trauer 233
Mit der Trauer kam die Leere 235
Wut als Antriebskraft 241
System Schule 247
Unsere Erfahrungen mit dem »System« Schule 249
Depressionen und Suizid –
Hilfe für Schüler und Lehrer 255
Am Ende – Mut für alle Betroffenen 261
Rede von Ninas behandelnder Ärztin bei der Beerdigung 263
Nina 265
Danksagung 269
Quellennachweis 271
es zerreisst mir das Herz
nimmt mir den Atem
will festhalten
muss loslassen
die Liebe grenzenlos
Einleitung
Mut zur Klarheit. Warum haben meine Frau Angela und ich
diesen Begriff für unser zweites gemeinsames Buch gewählt?
Was bedeutet »Klarheit« für mich? Intuitiv verbinde ich mit
diesem Wort ein plötzliches Aufhellen in den Bergen: Ne-
belschwaden verziehen sich, und mächtige, felsige Gipfel
werden sichtbar. Für mein Leben bedeutet Klarheit: deutlich
aussprechen, was ich meine. Tun, was für mich essenziell ist.
Klarheit kann wertvoll, aber auch egoistisch sein, denn
mein persönlicher Blickwinkel muss nicht automatisch den
des anderen mit einbeziehen. Oft ist Klarheit für einen selbst
äußerst schmerzhaft, wenn sich eigene Fehler nicht mehr
verstecken lassen. In meinem ersten Buch, »Mut zum Ab-
sprung«, hat sich vieles um mein Leben als Trainer der ös-
terreichischen Skispringer gedreht: um Siege, Konflikte und
den unbändigen Willen, erfolgreich zu sein.
32 Medaillen, 118 Weltcupsiege sowie sechs Siege in Serie
bei der Vierschanzentournee standen auf meiner Habenseite
als Chef der sogenannten »Superadler« – wenig Schlaf, kaum
Zeit für die Familie und Krankheit auf der anderen. Als mein
Sohn die Schule schwänzte, zum Punk wurde und sich be-
trank, brach für mich eine Welt zusammen. Das so sorgfältig
aufgebaute Kartenhaus aus Beruf, Familie und Erfolg begann
einzuknicken, und ich wurde mitgerissen.
Als mein Sohn schließlich die Diagnose »Depression« be-
kam, barg diese Klarheit zwar eine gewisse Erleichterung in
sich, doch die Nebel verzogen sich noch lange nicht. Wie
umgehen mit dem gesellschaftlichen Tabu einer psychischen
Erkrankung? Da konnten doch nur die Eltern schuld sein,

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oder? Wir, meine Frau und ich, stemmten uns gegen die
Angst, gegen Vorurteile und Schuldgefühle. Ich selbst hatte
nicht mehr viel Kraft übrig, und so musste ich am eigenen
Leib erfahren, was diese Krankheit für einen Menschen be-
deutet.
Wir holten uns Hilfe, für meinen Sohn, für meine Frau
und für mich – auf therapeutischer, psychiatrischer und
medizinischer Ebene –, und wir versuchten, möglichst of-
fen mit der Depression umzugehen. Im Spitzensport kam
dieses Thema nicht gut an, umso mehr in der breiten Öf-
fentlichkeit. Der Abschied vom österreichischen Skiverband
verlief enttäuschend, doch ich fühlte mich bereit für den
»Absprung«.
Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Mein Sohn und ich
waren wieder gesund; als unsere Tochter Nina als Nächste
die Diagnose Depression bekam, konnte uns das nicht mehr
erschüttern. Wir wussten ja, was zu tun war – bis zu diesem
Vormittag am 5. November 2014. Nina war seit rund fünf
Wochen in psychiatrischer Behandlung, dennoch versuchte
sie an diesem Tag, sich das Leben zu nehmen. Ohne Vor-
warnung, ohne Abschiedsbrief, während einer kurzen Zeit-
spanne, in der meine Frau für rund 15 Minuten das Haus
verlassen hatte.
Niemand wird je wissen, warum unsere Tochter das getan
hat. Obwohl wir die Zeit vor dem Suizidversuch fast genau
rekonstruieren können, obwohl wir ihr Handy, ihren Com-
puter, ihr Zimmer, ihr Tagebuch sorgfältig untersucht ha-
ben. Mit dieser Ungewissheit müssen wir als Eltern, müssen
ihre Geschwister leben. In diesem Punkt wird es keine Klar-
heit geben. Nina lag dreizehn Monate im Wachkoma, bis sie
schließlich starb.
Wieso wollen wir mit unserem Buch nun ausgerechnet
für mehr »Mut zur Klarheit« eintreten? Weil es für uns genau
diesen Mut zur Klarheit braucht, um einen solchen Schick-

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salsschlag ertragen und verarbeiten zu können. Warum gera-
de dieses Wort zu unserem Schlüsselbegriff wurde, möchten
wir in den nächsten Kapiteln erläutern.
Ausgangspunkt ist wie schon in »Mut zum Absprung« das
Skispringen. Dieser Umstand ist einerseits meinen Fans ge-
schuldet, die mir in all der Zeit treu geblieben sind, die mit
uns gefühlt und uns Mut zugesprochen haben. Andererseits
macht ein weiterer Blick in meine Arbeitsweise und hinter
die Kulissen des Spitzensports sichtbar, warum mir der Be-
griff »Klarheit« heute so wichtig ist.
Die Zeit vor dem alljährlichen Saisonhöhepunkt, der
Vierschanzentournee, steht dabei stellvertretend für das
in allen Bereichen professionelle Vorgehen unserer Mann-
schaft. Befasste sich mein erstes Buch hauptsächlich mit der
umfassenden Betreuung der Sportler und der Kommunikati-
on innerhalb des Coaching-Teams, so möchte ich dieses Mal
die Kommunikation nach »außen« beleuchten, wie z. B. den
Umgang mit dem internationalen Skiverband, den Veran-
staltern oder den gastgebenden Unterkünften.
Die Kommunikation innerhalb des Teams kommt den-
noch nicht zu kurz: Die Materialentwicklung ist ebenso ein
Thema wie die medizinische Versorgung oder die heikle Fra-
ge »Wer darf bei der Tournee springen und wer nicht?« Rück-
blickend scheue ich mich nicht, mein Agieren innerhalb der
Mannschaft in Bezug auf den Begriff »Klarheit« kritisch zu
hinterfragen. Ich habe alles dem Erfolg untergeordnet und
oft bewusst keine Klarheit geschaffen.
Nachdem unsere Tochter versucht hat, sich das Leben zu
nehmen, haben sich meine Frau und ich in einer völlig an-
deren Lebens- und Arbeitswelt bewegt: dem Krankenhaus.
13 Monate jeden Tag in der Klinik, zuerst gemeinsam, dann
abwechselnd. Von der neurologischen Intensivstation in die
Nachbetreuung und wieder zurück. Nach vier Wochen end-
lich in die Rehaklinik, doch Infektionen und Operationen

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bringen immer wieder Rückschläge. Nach gut einem Jahr,
am 17. Dezember 2015, dann der endgültige Abschied von
Nina auf der Allgemeinen Intensivstation.
Ohne Beistand von Familie, Freunden und Professionis-
ten wäre es für uns unmöglich gewesen, diese schwere Zeit
durchzustehen. Doch wir haben auch anderes erlebt: Men-
schen, die sich von uns abgewandt haben, Machtkämpfe in
der Klinikhierarchie, Unverständnis in Bezug auf den Um-
gang mit Trauer und den Bereichen Suizid und Depression.
Der zweite Teil des Buches ist unseren Erlebnissen seit
dem Suizidversuch unserer Tochter gewidmet – was uns be-
wegt, was uns Kraft gegeben hat. Wir werden beleuchten,
was es aus unserer Sicht bedeutet, echten Beistand zu leisten,
aber auch was uns verzweifeln ließ und wodurch wir unnötig
Energie verloren haben.
Dieses Buch soll keine persönliche Abrechnung sein, auch
wenn wir an manchen Stellen kritische Töne anschlagen. Es
beinhaltet unsere Sicht der Dinge, mit so viel Selbstreflexi-
on und Distanz, wie uns heute – fast zwei Jahre nach Ninas
Tod – möglich sind. »Mut zur Klarheit« beschreibt unseren
Weg, mit einem großen Schicksalsschlag zurechtzukommen.
Unser Weg ist noch lange nicht zu Ende, und er ist mit Si-
cherheit nicht der einzig gangbare in einer solchen Situati-
on – aber vielleicht kann er manchen Menschen ein Stück
weiterhelfen.

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Der Renndirektor – Zwischen
Buhmann und Visionär
Wenn es umstrittene Entscheidungen rund um einen Wett-
bewerb gibt, steht meist einer im Zentrum der Kritik: FIS-
Renndirektor Walter Hofer. Er rechtfertigt sich vor den Me-
dien für einen vorzeitigen Abbruch, trifft allerdings nicht
selbst die Entscheidung dafür. Das tut die Jury, die sich
aus dem Technischen Delegierten (TD), dessen Assistenten
(TD-Assistent) und dem Rennleiter zusammensetzt. Wäh-
rend der Rennleiter immer regional bestellt wird (also aus
dem Gebiet, in dem der Wettkampf stattfindet), kommen
die beiden anderen in einer Saison mehrmals zum Einsatz.
Rund um einen turbulenten Bewerb gibt es sowohl von
Seiten der Athleten als auch von den Medien immer wieder
Spekulationen, warum ein Wettkampf entweder durchge-
peitscht oder abgebrochen wird. Tatsächlich sind diese Vor-
gänge nicht ganz klar zu durchblicken: Fakt ist, dass die Jury
die endgültige Entscheidung trifft. Die Informationen dazu
kommen aber vom Renndirektor, bei dem alle Fäden zusam-
menlaufen: wie etwa der Wetterbericht für die nächsten Mi-
nuten und Stunden, die noch vorhandene Sendezeit der TV-
Stationen oder die Möglichkeit zur Verschiebung seitens der
Veranstalter. Was für die eine Seite subjektiv die beste Ent-
scheidung ist, muss es für die andere nicht unbedingt sein.
Walter Hofer steht aber nicht an der Spitze des Skisprung-
weltcups, um über Sieg oder Niederlage zu bestimmen, son-
dern um der Sportart jene Richtung zu geben, die für alle
Beteiligten gangbar ist und eine Zukunft garantiert. Das
macht er seit Jahrzehnten mit viel Erfahrung und Finger-

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spitzengefühl. Hofer scheut auch nicht den Kontakt mit den
einzelnen Teams: Die Trainer der Spitzennationen stehen das
ganze Jahr über mit ihm in Verbindung. Ich erinnere mich
an viele angeregte Diskussionen mit ihm, in denen er immer
wieder versucht hat, die Entwicklung des Skispringens auf
eine möglichst objektive Basis zu stellen.
Die Trainer tragen mit ihren Vorschlägen natürlich ebenso
dazu bei, dass die Wettkampfserie beim Publikum erfolgreich
bleibt. Wenn beispielsweise bei einem schwierigen Wett-
kampf in Zusammenarbeit mit der Jury eine gute Lösung
gefunden wurde, konnte es sehr frustrierend sein, wenn man
sich an einem anderen Wochenende in einer ähnlichen Si-
tuation mit einer anderen Jury aufs Neue auseinandersetzen
musste. Damit Erfahrungen, die an einem Wettkampfort ge-
macht werden, nicht in Vergessenheit geraten, gibt es inzwi-
schen ein Team an professionellen Technischen Delegierten
und Assistenten, die mehrfach und wiederholt an denselben
Orten zum Einsatz kommen.
In seiner Position als neutraler Beobachter wechselt der
Renndirektor während eines Wettkampfs des Öfteren die
Perspektive. So kommt es regelmäßig vor, dass Hofer auf
dem Trainerturm auftaucht, um sich dort ein Bild von der
Situation zu machen. Und da wird natürlich von allen Seiten
versucht, Einfluss zu nehmen: Ein Trainer, der seine Leu-
te auf Spitzenpositionen platziert hat, wird naturgemäß für
eine Weiterführung des Wettbewerbes plädieren, im Gegen-
satz zu jenen Nationen, die auf verlorenem Posten stehen.
Verläuft ein Bewerb reibungslos, ist die direkte Kommu-
nikation mit dem Renndirektor meist gar nicht notwendig.
Als Bindeglied zwischen Trainern und Jury fungiert der TD-
Assistent, der auf dem Trainerturm steht.
Ein Beispiel dafür, wie ich meine anfängliche Meinung
änderte, weil ich dank Walters Überzeugungsarbeit die Pers-
pektive wechselte, möchte ich im Folgenden ausführen:

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Angespannte Diskussion mit Renndirektor Walter Hofer
auf dem Trainerturm

Es ging um die Anlaufveränderung während eines Durch-
gangs. Für mich war diese Modifizierung der bisherigen Re-
gel (die Anlauflänge für einen Durchgang wird vorher fest-
gesetzt und gilt für alle) absolut nicht akzeptabel, und zwar
deshalb, weil ich als Trainer ein wichtiges Werkzeug verlor
und die Sportler um eine transparente Leistungsbeurteilung
gebracht wurden.
Jahrelang sah ich es als meine Aufgabe, so zu taktieren,
dass unsere Athleten auch im Training möglichst stark auf-
traten. Die Jury musste dann den Anlauf an unsere besten
Sportler anpassen, damit es für einen Gregor Schlierenzauer
oder Thomas Morgenstern nicht zu weit gehen konnte. Je-
der Meter, jede Luke weniger Anlauf, bedeutete für uns ei-
nen Vorteil, denn nur die Spitzenathleten kommen mit sehr
wenig Geschwindigkeit auf große Weiten. Jede Luke mehr
brachte die Gegner näher an uns heran.
Hier wurden jedoch immer wieder große Interessenun-

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terschiede deutlich: Die Veranstalter, die natürlich in engem
Kontakt mit dem lokalen Rennleiter standen, wünschten
sich viele weite Sprünge für das Publikum. Nichts ist lang-
weiliger, als wenn der Großteil der Athleten schon ganz oben
auf dem Aufsprunghügel landet.
Jury und Renndirektor suchten nach dem möglichst »rich-
tigen« Anlauf für die Springer. Es sollte nicht zu weit, aber
auch nicht zu kurz gehen, um Sicherheit und Attraktivität
gleichermaßen zu gewährleisten.
Jene Nationen, deren Spitzenspringer gerade eine Form-
krise durchlebten oder die keine Topleute aufbieten konn-
ten, hofften auf möglichst viel Anlauf. Denn bei höheren
Geschwindigkeiten kann man sich mehr kleine Fehler leisten
und kommt trotzdem auf eine ansprechende Weite.
Zur Zeit der Superadler stellten wir die besten Springer,
und daher plädierte ich für möglichst wenig Anlauf. Zum
einen ging es mir um die Sicherheit meiner Athleten, zum
anderen gelang es den Besten bei kurzem Anlauf viel bes-
ser, sich von ihren Gegnern abzusetzen. Denn die anderen
kamen ja nicht auf genügend Weite. Außerdem war es den
Topspringern zu dieser Zeit immer wichtig, die eigene Klasse
auch in Form von mehr Weitenmetern darzustellen.
Damals war klar ersichtlich: Ich bin um zehn Meter besser
gesprungen als der andere. Heute müssen Athlet und Zuse-
her zunächst abwarten, bis alle Zusatzpunkte zusammenge-
zählt sind, bis feststeht, wer vorne liegt und wer hinten. Für
mich stellt diese Änderung einen der größten Einschnitte,
die der Skisprungsport je erlebt hat, dar. Ein klares und ein-
faches Prinzip ist weggefallen: Wer am weitesten springt und
im Telemark landet, gewinnt.
Umgekehrt habe ich die Diskussion um die passende
Anlauflänge oft auf die Spitze getrieben. So manche Mann-
schaftsführersitzung war geprägt von langen Ansprachen
meinerseits zu diesem Thema, angetrieben von meinen Aus-

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nahmeathleten, die ihre Wut auf die Jury oft genug auf mich
projizierten: Ich möge endlich regeln, dass ein kürzerer An-
lauf gewählt würde!
Oft genug setzte ich mich nach einem Bewerb mit enor-
men Weiten durch, und der Anlauf wurde am zweiten Wett-
kampftag kürzer gewählt. Doch schon am nächsten Wo-
chenende begann das Spiel mit einer neuen Jury von vorne!
In der Zeit vor der Vierschanzentournee nützte ich daher
alle Möglichkeiten, um unseren Standpunkt bis zum ersten
Saisonhöhepunkt klar zu positionieren. Durch gezielte State-
ments schürte ich das Interesse bei den Medien für dieses
Thema, denn gerade im Fernsehen entstand oftmals ein für
mich völlig falscher Eindruck: Was die einen als tollen Wett-
kampf mit vielen weiten Sprüngen feierten, war für uns mit
vielen Konflikten im Hintergrund verbunden. Nicht selten
endeten diese erst mit einer Entschuldigung seitens der Jury
(für zu viel Anlauf ).
Der Spitzensport lebt vom objektiven Leistungsvergleich
der Akteure. Das Ergebnis eines Skisprungwettbewerbes
wird in den Medien zumeist in den Platzierungen, samt Wei-
tenmeter und Gesamtpunkteanzahl, dargestellt. Dabei feh-
len wichtige leistungsrelevante Faktoren: Wie viele Punkte
hat der Athlet für den Wind gutgeschrieben oder abgezogen
bekommen? Hatte er einen kürzeren oder längeren Anlauf
als seine Konkurrenten. Wenn diese Informationen fehlen,
muss der Sportkonsument zu dem Schluss kommen: Der
Achtplatzierte ist ja wesentlich weiter gesprungen als der Sie-
ger!
Im Fernsehen wird versucht, alle entscheidenden Faktoren
darzustellen, doch man muss sich schon sehr gut ausken-
nen, um aus den verschiedenen Einblendungen die richtigen
Schlüsse zu ziehen. Im Skisprungstadion selbst fehlen trotz
großer Videoleinwand meist Wind- und Gatepunkte. Die
Sportler wirken anfangs oft überrascht, wenn ihre Platzie-

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Eine offizielle Ergebnisliste, grau untermalt die Spalte für Gate und
Windkompensation

rung aufscheint, auch für sie ist die derzeitige Punkterege-
lung alles andere als klar überschaubar. Manche Veranstalter
bedienen sich deshalb einer variablen grünen Laserlinie, die

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anzeigt, welche Weite ein Springer erreichen muss, um die
Führung zu übernehmen. Diese Projektionslinie wurde vom
Fernsehen übernommen und berücksichtigt auch die aktuel-
le Anlauflänge und die herrschenden Windverhältnisse.
Auf der anderen Seite stehen die Ansprüche, die von Sei-
ten der Fernsehstationen an eine Sportart gestellt werden.
Und der Spitzensport lebt nun einmal zu einem Großteil
von der Anzahl der TV-Minuten. Nur über diese lassen sich
Geldgeber lukrieren und Zuschauer mobilisieren. Früher
war es kein Problem, wenn kurz vor Ende eines Durchgangs
abgebrochen und von Neuem begonnen wurde – die Fern-
sehstationen blieben drauf. Genauso wenn es wegen des
Wetters lange Verzögerungen gab: Die Kommentatoren lie-
fen zur Höchstleistung auf, um den wartenden Zuschauern
die Zeit zu vertreiben.
Heute konkurrieren mehrere Sportarten an einem Tag um
entsprechende Einschaltzeiten, Werbeminuten und Quoten.
Gibt es beim Skispringen Probleme, dürfen vielleicht fünf
Minuten überzogen werden. Dann wird zur Fußballbundes-
liga oder zum Skifahren geschaltet, egal ob noch wichtige
Sprünge der heimischen Athleten anstehen oder nicht. Fle-
xibilität ist in diesem Bereich der Unterhaltung kaum mehr
möglich, da alles vertraglich geregelt ist.
Objektiv gesehen war es also klar, dass es im Wettkampf-
verlauf des Skispringens Anpassungen geben musste. Die
FIS, allen voran Walter Hofer, entschied sich für die einzi-
ge Möglichkeit, das Skispringen fernsehtauglich zu halten,
indem sie unterschiedliche Anlauflängen innerhalb eines
Durchganges zuließ. Als Trainer kann ich es mir nicht leis-
ten, hier auf den rein sportlichen Aspekt zu beharren. Ich
muss hinter die Kulissen blicken, um zu verstehen, was für
die Sportart langfristig wichtig ist. Sonst wird das Skisprin-
gen irgendwann von der Bildfläche verschwinden.
Konsumenten und Aktive gewöhnen sich im Allgemei-

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nen recht schnell an Veränderungen im Reglement. Wem ist
noch bewusst, dass vor 30 Jahren die Bewerbe mit einem
Starterfeld von über 100 Springern durchgeführt wurden?
Damals durften pro Nation acht Athleten über die Schan-
ze gehen! Um den Bewerb zu verkürzen (und fernsehtaug-
lich zu halten), wurde die Qualifikation eingeführt. Als man
erkannte, dass es manche Nationen gar nicht mehr in den
Hauptbewerb schafften, wurden die Quoten für die restli-
chen gekürzt.
Das war vielleicht eine Aufregung! Der damalige und
leider bereits verstorbene Bundestrainer der Deutschen,
Reinhard Hess, forderte für sein Team gar 15 Startplätze. Er
schrieb einen Brief an Walter Hofer, in dem er argumentier-
te, dass er neben Sven Hannawald und Martin Schmitt eine
so starke Mannschaft habe, dass er unbedingt eine größere
Quote brauche. Auch ich fühlte mich als junger Trainer be-
schnitten. Ich verstand nicht, warum nicht mehr die bes-
ten Athleten am Start sein durften. In meiner (engstirnigen)
Sichtweise begriff ich nicht, wie wichtig eine Nationenviel-
falt für den Skisprungsport ist.
Heute sind Qualifikationsdurchgang, ein Starterfeld mit
50 Aktiven im ersten Durchgang und ein Finale mit 30
Springern völlig selbstverständlich. Nur so lässt sich ein
Wettbewerb zeitlich eingrenzen und begeistert möglichst
viele Anhänger aus den unterschiedlichsten Nationen.

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Der Tag, der unser Leben veränderte – Alex
Wenn ich auf diesen Tag, der das Leben unserer Familie so
dramatisch verändert hat, zurückblicke, erschrecke ich über
die zwei so gegensätzlichen Sichtweisen, die ich davon habe.
Dieser Tag zerfällt in meiner Erinnerung in die Zeit vor An-
gis Anruf und danach.
In meinem bis dahin »normalen« Leben dominierte die
Freude über die Vollendung des gemeinsamen Buchprojekts,
an dem meine Frau und ich gearbeitet hatten. Wir hatten
viele Stunden mit Gesprächen verbracht, und vor wenigen
Tagen hatten wir das erste fertige Exemplar in der Hand ge-
halten. Mich erfüllte damals nicht nur Stolz, sondern auch
ein Gefühl der Erleichterung: Das Buch »Mut zum Ab-
sprung« war das erste Werk, das ich nach der Entlassung als
Skisprungtrainer geschafft hatte, und es nahm mir auch ei-
nen Teil meiner Existenzängste.
Auch wenn Nina die Diagnose Depression bekommen
hatte und meine Mutter schwer an Krebs erkrankt war, fühl-
te ich mich im Leben und in meiner Familie zu diesem Zeit-
punkt sicher verankert. Ich hatte das Gefühl, wir schaffen
das alles. Nina konnte ihre alltäglichen Probleme gut arti-
kulieren, war aktiv und nahm die Dinge selbst und mit uns
in Angriff. Sie war vor den großen Ferien von ihrem USA-
Aufenthalt zurückgekehrt, hatte im Sommer ihr erstes Geld
verdient und Italienisch gelernt, das sie für ihre heimische
Schule nachholen musste.
Ich fand es so wundervoll, dass sie so einen großen
Freundeskreis hatte, und es gelang ihr mühelos, schulische
Pflichten und private Unternehmungen zu vereinbaren. Am

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Wochenende waren Angi und ich bei einer Fortbildung ge-
wesen, und als wir zurückkehrten, fanden wir unser Haus
voller Jugendlicher, die bei uns einen gemütlichen Kino-
abend durchlebt hatten.
Wenn ich an diesen dramatischen Tag denke, fällt mir im-
mer zugleich der Abend davor ein. Nina war noch am Nach-
mittag bei ihrer Psychiaterin gewesen und hatte abends im
Fitnessstudio trainiert. Ich hatte an diesem Tag das erste Ex-
emplar meines Buches verschenkt, und zwar an Ernst Rass,
der uns in der schwierigen Zeit, als unser Sohn Max und ich
an einer Depression litten, so sehr geholfen hatte.
Ich weiß noch, ich stieg nach dem Besuch ins Auto und
überlegte, ob ich Max abholen sollte. Er besuchte gerade ei-
nen Freund in der Nähe. Niemals wäre ich auf die Idee ge-
kommen, Nina abzuholen, da ich sie gut aufgehoben wusste.
Daheim erledigte ich berufliche Angelegenheiten: Ich wür-
de am nächsten Tag nach Wien fliegen, da ich bei Barbara
Stöckl in der Sendung im ORF Fernsehen auftreten sollte.
Ich telefonierte mit der Dame von der Maske, um zu klären,
was ich anziehen sollte, und vereinbarte ein Interview mit
dem Ö3-Wecker am darauffolgenden Tag – alles organisato-
rische Dinge, die mir damals wichtig waren.
Angi und die beiden jüngeren Kinder schliefen schon, als
Nina vom Training heimkam. Sie war grantig, als hätte sie
sich über jemanden oder etwas geärgert. Sie saß zwar am Kü-
chentisch, hantierte aber an ihrem Handy herum und zeigte
sich völlig abweisend. Sie gab mir klar zu verstehen, dass sie
jetzt keine Kommunikation wünschte.
Ich tat mir immer schon sehr schwer damit, wenn sich
Familienmitglieder mir gegenüber so verhielten. Ich nahm
die Wut und die Verärgerung, die Nina zeigte, wie so oft
persönlich. Das wiederum führte zu Überlegungen, wie ich
mich denn verhalten könnte, um den Ärger zu mildern. Für
mich konnte es damals nur einen externen Grund für ihren

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Große Freude über das eben fertiggestellte gemeinsame Buch
»Mut zum Absprung« – wenige Tage später stand unser Leben
am Abgrund.
Zorn geben, ich bezog ihr Verhalten überhaupt nicht auf ihre
Depression.
In der folgenden Nacht schliefen wir alle sehr schlecht.
Der Föhnsturm brauste über Innsbruck, ich musste zweimal
aufstehen, da der Wind lose Gegenstände laut durch den
Garten trieb. Auch in Ninas Zimmer hörte ich Bewegung,
sie muss also auch öfter wach gewesen sein.
In der Früh sah man allen den mangelnden Schlaf an:
Max, der als Erster wegmusste, war grantig, und ich ärger-
te mich, weil er grantig war. Wie jeden Tag hatte ich alle
der Reihe nach geweckt und ging nachschauen, was los war,
wenn einer zu spät in die Küche herunterkam. Nina tauchte
zunächst überhaupt nicht auf. Ich konnte nur durch die ge-
schlossene Zimmertüre mit ihr sprechen, da sie sich gerade
umzog. Sie meinte, sie würde mit dem Auto abgeholt.
Nina war so spät dran, dass sie auf das Frühstück verzich-
tete. Sie telefonierte beim Herunterkommen, da sich der Ab-
holer offensichtlich ebenfalls verspätete. Während sie vor der
Türe wartete, lud ich die Winterreifen ins Auto, das ich noch
zur Werkstatt bringen wollte, bevor ich mich zum Flughafen
aufmachte. Ich fragte Nina, ob ich sie zur Schule bringen
solle, weil sie sich über die Verspätung ärgerte. Doch dann
ging alles sehr schnell: Ich musste noch einmal in den Kel-
ler hinunter, und als ich wieder hinaufkam, war Nina ver-
schwunden. Offensichtlich hatte sie ihr »Taxi« doch noch
abgeholt.
Dann nahm der normale Alltag seinen Lauf: Unsere
Jüngste wartete noch auf ihr Frühstück und ihre Jause für die
Schule. Dann brachte ich unseren Familienbus zur Werk-
statt, holte mit dem Leihauto im Anschluss einen Stapel Bü-
cher von der Spedition und fuhr kurz noch einmal heim.
Ich erinnere mich gut daran, dass ich Angi, die später aufge-
standen war (sie hatte in der Früh »kinderfrei«), erzählte, wie
grantig Max und Nina gewesen waren. Und dass Max auf

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meine Frage, was denn los sei, mit »Akzeptiere einfach, dass
ich schlecht drauf bin!« geantwortet hatte.
Ich überließ Angi das Leihauto, das sie am späten Vor-
mittag wieder gegen unseren Wagen eintauschen sollte, und
machte mich auf zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin gab
ich noch zwei Bücher für die Sportredaktion der Tiroler Ta-
geszeitung ab, ich war also voll in Aktion. Am Flughafen
selbst traf ich ehemalige Nachbarn aus unserer Zeit in Ke-
maten, und ich wurde mit einem Mal absolut entschleunigt.
Dieses Zusammentreffen war so herzlich und so entspannt!
Wir tranken gemeinsam Prosecco, vertieften uns bis Wien
in Gespräche über die Kinder. Ich erzählte, dass Max wieder
gesund war, und berichtete über Ninas Amerika-Aufenthalt.
Während des gesamten Fluges verschwendete ich keinen
einzigen Gedanken an die bevorstehende Sendung und das
Interview.
Dann, nach der Landung, schaltete ich noch auf dem
Rollfeld, wie gewohnt, mein Handy ein und war vollkom-
men überrascht, dass es sofort klingelte. Angis Foto erschien
auf dem Display, und ich hob ab. »Alex, du musst sofort
wieder heimfliegen!«, hörte ich als Erstes, und mein Alarm-
system schaltete von 0 auf 100, schon allein deshalb, weil
Angi es stets vermied, mich auf Geschäftsreisen anzurufen.
Angi stockte jetzt.
»Was ist los?«, fragte ich.
Und dann brach eine Lawine über mich herein:
»Nina wollte sich umbringen.«

...

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Am Ende – Mut für alle Betroffenen
Wir sind nun am Ende unserer Geschichte angelangt. Dieses
Buch zu schreiben kostete mehr Überwindung, als anfangs
gedacht. Wir sind dabei, als Familie ein schweres Schicksal
zu meistern, doch es gibt noch schwerere und auch leichtere,
die kaum zu ertragen sind. Wir sind nicht diejenigen, die
wissen, wie man mit so einem Erleben umgeht. Wir sind
auch nicht diejenigen, die alles richtig machen. Aber wir
sind Eltern, die sich getrauen, ihre Not, ihre Zweifel und
ihr Bemühen offen zu äußern. Dank meiner Verdienste als
Skisprungtrainer haben wir auch die Möglichkeit, öffentlich
gehört zu werden.
Die meisten anderen kämpfen im Verborgenen: mit Trau-
er, mit Depressionen, mit dem Tabu Suizid. Das, was Men-
schen bei der Pflege ihrer Angehörigen oft über Jahre leisten,
lässt sich mit nichts aufwiegen – und ist unserer Gesellschaft
dennoch kaum etwas wert. Pflegeberufe sind allgemein
schlecht bezahlt, pflegenden Angehörigen wird sogar noch
die Mindestsicherung gekürzt, wenn sie Pflegegeld beziehen.
Man solle wieder mehr für die Fleißigen tun, wird oft von
oder in der Politik gefordert. Ob sich dies wohl auch auf
jene pflegenden Menschen, deren Fleiß oft in Überlastung
mündet, bezieht?
Nicht jeder wird unsere Offenheit gutheißen, das ist uns
klar. Es wird Kritiker geben, die beklagen, dass wir unser
Schicksal auch noch vermarkten. Das sei ihnen unbenom-
men. Wir sind gedanklich bei jenen Menschen, die froh
sind, dass endlich jemand über diese Themen, die in unse-
rer Zeit bequem ins rein Private ausgelagert worden sind,

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spricht. Die durch uns erfahren, dass sie nicht alleine mit
ihrem Schicksal sind. Dass fast jede Familie in irgendeiner
Weise von Depressionen betroffen ist. Dass ein Todesfall
nicht unbedingt nach wenigen Monaten verarbeitet ist. Dass
man im Leben auch noch etwas leistet, wenn man mit dem
immensen Tempo unserer Zeit nicht mehr mitkommt oder
auch nicht mehr mitkommen will. Dass man seine Gefühle
nicht verstecken muss aus lauter Angst, als nicht hinreichend
funktionstüchtig zu gelten. Und wir sind bei den Menschen,
die bereit sind, echten Beistand zu leisten.
Unser Beispiel soll jenen Mut machen, die es nicht mehr
ertragen zu schweigen, die es nicht mehr ertragen, dass sie in
ihrer Not nicht gesehen werden. Aber unser Beispiel soll kei-
nem den Druck auferlegen, so handeln zu müssen wie wir.
Dies ist unser Weg, der sich aus unseren Lebenserfahrungen,
aus unseren Biografien ergeben hat. Er ist nicht der einzig
gangbare.

Er gibt unserer Familie neue Kraft: unser Goldendoodle Sammy.

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