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ZEIT ONLINE 25/2008 S. 90 [http://www.zeit.

de/2008/25/A−Hirsch]

Religionen

Liebe ist die Vollendung des Lebens


Als Jude der eigenen Religion treu zu bleiben und zugleich der
christlichen Mehrheitsgesellschaft verbunden: Samson Raphael Hirsch,
der berühmte Rabbiner und Begründer der Neuen Orthodoxie, hat
gelehrt, wie das geht. Zu seinem 200. Geburtstag eine Hommage
Von Leo Trepp

Das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts erfüllte Hamburgs Bürger mit Freude, mit Stolz,
Unternehmungskraft und Hoffnung. Der Hafen war ausgebaut worden und hatte die Stadt zu einem
bedeutenden Handelsplatz gemacht. Die Erwartungen waren groß; aus den Konflikten der Zeit, vor allem aus
dem Zwist zwischen England und Frankreich, hielt man sich heraus. Mit Begeisterung hatten viele Hamburger
Bürger die Französische Revolution gefeiert.

Die Hochstimmung verflog, nachdem Napoleons Armee die Stadt 1806 besetzt und er sie schließlich seinem
Kaiserreich einverleibt hatte. Die von ihm angeordnete Kontinentalsperre unterband den wichtigen Handel mit
England, er ließ Hamburg hohe Abgaben für den Unterhalt der französischen Truppen zahlen und erhöhte die
Steuern. Von diesen Belastungen waren auch die Juden betroffen und doch brachte ihnen die
Besatzungsmacht erstmals die Freiheit. Die 1789 errungenen Bürgerrechte galten endlich auch für sie: Sie
waren nun Hamburger und Deutsche jüdischer Religion.

Auch in anderen französisch dominierten Regionen, zum Beispiel im neu geschaffenen Königreich
Westphalen, das weite Teile Westdeutschlands umfasste, waren sie jetzt der christlichen Bevölkerung
rechtlich gleichgestellt. Sie begriffen diese Befreiung und Emanzipation zugleich als Aufforderung, sich zu
reformieren und zu integrieren. In der Sprache, in ihrer Kultur, bis hin zur Gestaltung des Gottesdienstes,
wollten sie sich ganz ihrer Heimat anschließen. Es war diese Atmosphäre des Aufbruchs, in der Samson
Raphael Hirsch, am 20. Juni 1808 als Sohn eines erfolgreichen Tressenmachers auf die Welt gekommen, seine
ersten Lebensjahre verbrachte.

Das große Vorbild für alle reformwilligen Juden jener Zeit war Moses Mendelssohn in Berlin. Dieser
bedeutende Philosoph, ein Zeitgenosse Friedrichs des Großen, hatte gezeigt, dass es möglich war, den
Geboten der Religion gehorsam zu leben und zugleich danach zu streben, ein gleichberechtigter Staatsbürger
zu werden, den christlichen Landsleuten zur Seite, als Freund und Begleiter.

Von Hamburgs Talmud−Tora−Schule auf die Bonner Universität

Auch Hamburgs Juden konnten und wollten sich nicht länger als eine geschlossene nationale Gemeinschaft
verstehen, deren Rabbiner innere Gerichtsautorität besaßen und die Befolgung des Religionsgesetzes durch
Strafandrohungen erzwingen konnten. Von nun an war Religion Privatsache. Einzelne Juden konnten
Gemeinden gründen, Rabbiner wählen und auch wieder des Amtes entheben. Die Rabbiner hatten keinerlei
Macht, ihre Verordnungen durchzusetzen, und keine Autorität mehr über das Familien− und Geschäftsleben
der Juden.

In ganz Deutschland bildeten sich verschiedene Gruppen: allen voran die Reformierten. Sie scheuten sich
nicht, den Gottesdienst zu verändern, und versuchten, das zeitgenössische Judentum zu einer »deutschen«
Religion umzugestalten. So wurden die Gottesdienste verkürzt und Gebete und Choräle in deutscher Sprache
eingeführt, Letztere mit Orgelbegleitung. In einigen Zirkeln ging man sogar so weit, die Feier des Sabbats auf
den Sonntag zu verlegen.
Eine andere große Gruppe, die Vertreter einer fortschrittlichen Orthodoxie, vertrat dagegen die Auffassung,
Mendelssohns Lebensvorbild erfordere überhaupt keine grundsätzlichen Veränderungen der Tradition. Es sei
lediglich notwendig, gewisse Übel im Gottesdienst wie lautes, individuelles Beten abzuschaffen und der Feier
Ruhe und Würde zu geben. In Hamburg berief man hierzu den Rabbiner und Wissenschaftler Isaak Bernays
aus Mainz. Er trug zwar den Talar und führte die deutsche Predigt ein, bestand aber auf einem streng
traditionellen Gottesdienst und auf ein entsprechendes Verhalten im privaten Leben.

Es sollte sein Schüler Samson Raphael Hirsch sein, der, über die Forderungen seines Lehrers hinausgehend,
diese Richtung zu einer neuen Theologie formte und damit der Begründer der Neo−Orthodoxie wurde. Hirsch
entstammte einer orthodoxen Familie, doch sollte sich seine eigene strikt orthodoxe Einstellung im Laufe der
Jahre verändern. Bereits als junger Mann, der seine erste Bildung auf Bernays Talmud−Tora−Schule in der
Hamburger Neustadt erhalten hatte, zeigte er sich überzeugt, dass der Besuch einer staatlichen Universität mit
dem traditionellen Judentum vereinbar sei, ja seine Berufschancen als Rabbiner nur verbessern könne. Wie
ungewöhnlich diese Haltung in orthodoxen Kreisen war, verrät ein Satz Salomon Tiktins, des Rabbiners von
Breslau, der erklärte, ein Mann, der die Hallen einer deutschen Universität betrete, sei unwürdig, jemals
Rabbiner zu werden.

Hirsch studierte kurzzeitig an der vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. 1818 neu gegründeten
Universität in Bonn, wo er mit dem Kommilitonen Abraham Geiger Freundschaft schloss. Geiger wurde
später zum gestaltenden und zeitweise radikalen Führer der Reformfraktion.

Die Situation der Juden hatte sich zu dieser Zeit überall in Deutschland erneut grundlegend geändert. Nach
dem Abzug der französischen Truppen 1814 waren die alten, restriktiven Verordnungen wieder in Kraft
gesetzt worden. 1819 griffen während der »Hep−Hep−Unruhen« Handwerker und Bauern in zahlreichen
Städten die Juden an, weil sie ihnen die Schuld an ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage gaben. Aber auch
unter den vermeintlich gebildeten Bürgern, und nicht zuletzt in der studentischen Jugend, machten sich
antijüdische Ressentiments breit. Geschlagen und enttäuscht entschieden sich etliche Juden darunter
Heinrich Heine für die Taufe.

Nichtsdestoweniger traten Reformer wie Geiger oder Zacharias Frankel für eine forcierte Erneuerung des
gesamten jüdischen Lebens ein: Nicht nur sollten Juden moderne Schulen und Universitäten besuchen und in
Streitfällen Zivilgerichte statt der Rabbinatsgerichte anrufen, auch liturgische Elemente im Gottesdienst und
Ritualgebote sollten verändert werden. So schaffte Geiger das Gebet für die Wiederherstellung des Tempels
ab, weil es als antideutsch empfunden werden könnte.

Für Hirsch dagegen, der ebenfalls zeit seines Lebens als deutscher Patriot für die politische
Gleichberechtigung der Juden eintrat, hatte dieses Gebet einen ganz anderen Sinn. In der Bitte um das
Kommen des Messias gemäß dem Willen Gottes sah Hirsch ein Flehen um die Erneuerung der gesamten
Menschheit zu weltweitem, ewigem Frieden dann mögen auch Juden in das heilige Land zurückkehren. So
schließt das Gebet für ihn auch die Erneuerung Deutschlands mit ein. An den Aufbau einer neuen Heimstatt
für die Juden dachte er nicht. Als gläubiger, dem Gebot der Tora gehorsamer Mensch sollte der Jude für
jeden, ob Jude oder nicht, zum frommen Vorbild werden: »So daß man Dich achte«, schreibt er, »weil Du
Jude bist, nicht obgleich Du Jude bist.«

Seine Philosophie basierte auf zwei Grundprinzipien: Erstens sah er die Autorität der Halacha als absolut an.
Die jüdischen Religionsgesetze durften nicht gelockert werden. Und zweitens schuf er den Begriff der »Tora
im Derech Eretz«, der »Tora in weltlicher Verbundenheit«, womit er die orthodoxen Juden aufforderte, sich
ihrer Mitwelt zu öffnen, wo immer sie es mit der Halacha vereinbaren konnten.

1830 wurde Hirsch zum Landesrabbiner von Oldenburg in Oldenburg berufen. Empfohlen hatte ihn sein
Vorgänger, Nathan Marcus Adler, der als erster deutscher Rabbiner promoviert hatte und wegen seiner
Offenheit und gleichzeitigen Fürsorge für die Gemeinde vom oldenburgischen Großherzog sehr geschätzt
wurde. Hirsch dagegen stieß ob seiner Orthodoxie bald auf Widerstände, die sich auch in unregelmäßiger
Zahlung seines Gehalts äußerten. Als Reaktion darauf und als Rechtfertigung für seine Haltung schrieb er die
Neunzehn Briefe über das Judentum, veröffentlicht 1836, die man als philosophische Quintessenz seiner
Lehre betrachten kann.
Zwar hält Hirsch daran fest, dass sich die Prinzipien, nach denen das jüdische Volk leben muss, allein in der
Tora finden, die in diesem Zusammenhang für die gesamte hebräische Bibel steht und die ihm göttliche
Offenbarung ist. Doch interpretiert er sie ausgesprochen zeitgemäß. Denn die Tora befehle Gerechtigkeit
gegen alle, da alle Menschen gleich sind. Eine gesetzliche Gewalt dürfe niemals missbraucht werden. Zudem
wolle die Tora Gerechtigkeit gegen untergeordnete Wesen, auch gegen die Erde, gegen Pflanze und Tier. Sie
verlange Achtung vor jedem Leben. Vor allem aber solle die eigene Persönlichkeit respektiert werden, die
ihren reinsten Ausdruck im Wort findet. Und natürlich müsse man die Gebote der Liebe gegen alle Wesen
einhalten, weil Gott dies will und nicht weil andere einen Anspruch darauf haben: Liebe ist die Vollendung
des Lebens. Dazu gehöre, schreibt er in den Neunzehn Briefen weiter, allen Menschen mit ganzer Kraft
beizustehen: »Hungrige speisen, Leidende trösten, Kranken helfen, Unversorgten Versorgung bringen,
Unberatenen Rat, Unbelehrten Belehrung spenden, Entzweite vereinen, Segen werden, wie und wo Du
kannst«.

Sogar auf einem Grabstein wirbt er noch für die Ökumene

Welchen Einfluss Hirsch mit seinem Werk hatte, zeigt ein Beispiel: Ein junger Mann, Heinrich Graetz,
schrieb ihm, sein Buch habe ihn zurückgehalten, sich von der Tradition loszusagen. Hirsch lud ihn nach
Oldenburg ein; drei Jahre, bis 1840, blieb er dort. Graetz wurde später Professor für jüdische Geschichte am
konservativen Rabbinerseminar zu Breslau. Sein vielbändiges Werk Jüdische Geschichte ist, immer wieder
neu aufgelegt, bis heute eines der klassischen Werke der deutschen Historiografie geblieben.

Hirschs Unternehmen, die jüdische Kultur aus der Isolation zu befreien, schlossen sich beinahe alle
orthodoxen Gemeinden in Deutschland an. Im Gegensatz zu der Orthodoxie in Osteuropa fanden so
diejenigen Juden im Westen, die sich der Tora tief verbunden fühlten und ihre Tradition nicht aufgeben
wollten, eine philosophische Grundlage für ihr Bemühen, sich der Kultur ihrer nichtjüdischen Nachbarn mit
ganzem Herzen zu öffnen.

Die Frage, ob ein guter Jude auch ein guter Deutscher sein, ob auch ein Strenggläubiger sich durch
Emanzipation in den Staat integrieren könne, bejahte Hirsch emphatisch. Er zitierte den Brief des Propheten
Jeremias an die nach Babylonien verschleppten Juden. Der Prophet ermahnt sie, sich niederzulassen und
Häuser zu bauen, zu pflanzen und zu ernten, Kinder zu zeugen und zu wachsen. Er schließt: »Und strebet für
das Wohl der Stadt, dahin ich euch vertrieben, und betet für sie zum Herrn, denn in ihrem Heile wird euch
Heil« (Jer. 29, 5Ÿ).

Hirsch möchte die Glaubensgeschwister als Patrioten sehen. Doch am höchsten steht für ihn das Ideal des
Menschseins selbst, dies muss das Ziel all ihres religiösen Strebens sein. Durch ihr Judesein werden die
Juden, wie er sagt, zum Menschentum gebracht, werden »zum Jisroel−Mensch«.

Das Verhältnis zu Oldenburgs Obrigkeit indes ließ weiter zu wünschen übrig. Hirsch, der 1831 die
Braunschweigerin Johanna Jüdel geheiratet hatte, machte sich Sorgen um sein Auskommen. Auch sah er sich
missverstanden. Die großherzogliche Kammer begriff nicht, dass er gerade durch seine Orthodoxie der
Menschheit dienen wollte. Dabei hätten ihre Mitglieder nur in seine jüdische Elementarschule schauen
müssen, in der neben Religion, neben Hebräisch selbstverständlich Deutsch, Rechnen, Weltgeschichte,
Naturgeschichte und Geografie gelehrt wurden. Auch dem Gebot der Achtung zwischen Juden und
Nichtjuden blieb Hirsch stets verpflichtet. So verfasste er für einen wohltätigen Juden eine Grabinschrift, die
den Gedenkstein zu einem wahrhaft ökumenischen Dokument machte: »Für Christen auch hat er Friede und
Wohlfahrt erstrebt.« So steht es dort noch heute, auf dem Friedhof des oldenburgischen Städtchens
Wildeshausen, und nirgendwo sonst habe ich auf einem Grabstein solche Worte gefunden.

Doch immer wieder verteidigte Hirsch auch das Judentum gegen böswillige Angriffe. So 1841, als in einer
bremischen Schmähschrift zu lesen stand, das Alte Testament sei nicht das ungekürzte Wort Gottes, und die
Juden seien in Wirklichkeit Heiden. Hirsch wies darauf hin, dass schon im Alten Testament die Liebe das
Grundgesetz des Lebens ist. Gebote wie »Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen& Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst& Liebe den Fremdling wie dich selbst&« erscheinen erstmalig dort. Das Judentum,
schreibt Hirsch, sei eine Weltreligion, von der alle anderen lernen können und sollen, eine Weltreligion, die
ihrerseits jede Religion achte und anerkenne. Hirschs Streitschrift ist im Kampf der Juden gegen die
theologische Verleumdung lange wichtig geblieben.

In der Revolution von 1848 kämpft er für die Gleichstellung der Juden

1841 ging er nach Emden, 1846 als Landesrabbiner für Böhmen und Mähren nach Nikolsburg. Hier kämpfte
er während der Revolution von 1848 für die Gleichstellung der Juden. Ihre Vertreter wählten ihn nach der
Revolution einstimmig zum Vorsitzenden des Ausschusses für bürgerliche und politische Rechte der Juden in
Mähren. Er arbeitete anschließend eine Verfassung für eine Gesamtvertretung aller mährischen Juden aus, die
wie eine Behörde funktionieren sollte.

1851 kehrte er in den Westen zurück. Zehn Frankfurter Familien, unter ihn die Rothschilds, beriefen ihn an
den Main. Es hatte Proteste gegen die zu weit gehende Liberalisierung der Frankfurter Gemeinde gegeben.
Man wollte eine eigene Gemeinde gründen und Hirsch zu ihrem Rabbiner bestellen. In kurzer Zeit wuchs die
Gruppe der Neu−Orthodoxen auf 500 Menschen an.

Doch erst 1876 gelang die Verabschiedung eines Gesetzes, das Juden den Austritt aus einer Gemeinde
ermöglichte, ohne dass sie gezwungen waren, auch aus dem Judentum auszutreten. Jetzt konnte sich Hirschs
Gemeinde von der Stadtgemeinde unabhängig machen.

Hirsch selber erließ eine rabbinische Entscheidung: Jede orthodoxe Gemeinde sollte aus der jüdischen
Stadtgemeinde austreten, falls diese zu liberal war oder liberale Rabbiner berufen oder etwa zum Gottesdienst
die Orgel eingeführt hatte. Zur Bestätigung dieser Entscheidung erbat er sich ein Gutachten des Rabbiners
Seligmann Bär Bamberger aus Würzburg, der als Deutschlands größter Talmudist galt.

Doch dieser widersprach Hirsch. Falls die liberale Gemeinde ihren orthodoxen Mitgliedern alles Notwendige
gab, einschließlich Synagoge, Rabbiner, Schulen, Metzger und Friedhöfen, sie zudem aus Mitteln der
Großgemeinde unterhielt, so war ein Austritt aus ihr religionsgesetzlich nicht erforderlich.

So entstand die »Einheitsgemeinde« als Dachorganisation über beide Richtungen. Hirsch hatte verloren und
dennoch gewonnen. Wenn auch nicht auf die von ihm gewünschte Weise. Die indirekt durch ihn veranlasste
Schaffung der Einheitsgemeinden hielt das deutsche Judentum jahrzehntelang von extremen Auswüchsen
sowohl aufseiten der Orthodoxen wie aufseiten der Reformierten ab: Die liberalen Gemeinden konnten nicht
radikal werden, sonst wären die Orthodoxen ausgetreten, die orthodoxen nicht weltfremd, sonst hätten sie
ihren Platz in der Einheitsgemeinde verloren.

Für alle orthodoxen Synagogen im Lande blieb die Lehre Hirschs prägend. Als Beispiel sei mein Vater
genannt, der Kaufmann und Mitglied der orthodoxen Synagoge unserer Einheitsgemeinde zu Mainz war. Er
lebte als ein streng orthodoxer Jude, der zugleich ein leidenschaftlicher Operngänger war. Dass ich von
meinem siebten Lebensjahr an begann, Tora und Talmud zu studieren, war selbstverständlich. Genauso
selbstverständlich war es, dass mein Vater mich mit in das Theater und die Oper nahm, in die Welt der
bildenden Künste und der Literatur einführte, in die Welt Shakespeares, Lessings, Schillers und Goethes. Dies
war die offene Kultur der Orthodoxie in Deutschland, die auf den Ideen Hirschs beruhte: streng der Tora
getreu, patriotisch und tolerant. Unnötig zu sagen, dass auch diese wunderbar symbiotische Lebensform von
den Nazis vernichtet wurde.

Samson Raphael Hirsch blieb seinen Ideen treu. Bis zu seinem Tod am 31. Dezember 1888 in Frankfurt am
Main fungierte er als Gemeinderabbiner seiner Austrittsgemeinde Adass Jeschurun. In den Jahren 1867 bis
1873 schrieb er seine fünfbändige Übersetzung mit Kommentar zu den Fünf Büchern Mose und übertrug auch
die Psalmen. Auf dem Friedhof der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt liegt er begraben.

Nach seinem Tode (bis zum Jahre 1926) war sein Schwiegersohn Salomon Breuer sein Nachfolger als
Gemeinderabbiner. Unter ihm wurde die herrliche Frankfurter Synagoge gebaut, mit 1200 Sitzplätzen im
Männerraum und 400 auf der Frauenempore, in Architektur wie im Gottesdienst ganz und gar deutsch und
gleichzeitig streng orthodox. Hirschs höhere Schule, wie auch seine Jeschiwa (Talmudhochschule) bestanden
bis 1938. Ich selbst studierte im akademischen Jahr 1931 an der Frankfurter Jeschiwa, deren Rektor Hirschs
Enkel Joseph Breuer war. So lebte und lebt seine Lehre weiter, die Lehre, Gottes Gesetz treu und doch ganz in
dieser Welt zu sein. Ihre Bedeutung bleibt für ein lebendiges Judentum der Zukunft, gerade auch in
Deutschland.

DIE ZEIT, 12.06.2008 Nr. 25