Sie sind auf Seite 1von 146

Hans Freyer

Machiavelli

Acta

Hans Freyer Machiavelli Acta humaniora

humaniora

Hans Freyer Machiavelli Acta humaniora

Niccolò Machiavelli war der große politische Theoretiker des beginnenden sech- zehnten Jahrhunderts. Ihm ging es um die Überwindung der inneren und äuße- ren Schwächen der italienischen Staatenwelt, aber seine darauf gerichteten Schriften hatten eine weit über seine Zeit hinausreichende Wirkung. 1938 schrieb der bekannte Soziologe und Philosoph Hans Freyer sein Buch über Leben und Werk des berühmten Florentiners, in dem er versuchte, die politische Philosophie Machiavellis zu systematisieren und in krisenhafter Zeit unter dem Generalthema „Politik und Moral“ zu interpretieren.

Dieses Buch erscheint hier erneut in unveränderter, jedoch mit einem erläutern- den Nachwort versehener Fassung. Freyers Analyse der logischen Struktur von Machiavellis Werk arbeitet die Gesetze heraus, in denen die Möglichkeiten poli- tischer Ordnung beschlossen liegen. Die Technik des politischen Handelns, die gewachsene politische Kultur eines Volkes, die Strukturen politischer Kraft- felder und die Ethik der geschichtlichen Stunde bilden die vier Aspekte, unter denen Freyer sein Werk angelegt hat.

Hans Freyer

Machiavelli

Mit einem Nachwort von Elfriede Üner

Acta

Hans Freyer Machiavelli Mit einem Nachwort von Elfriede Üner Acta humaniora

humaniora

Hans Freyer Machiavelli Mit einem Nachwort von Elfriede Üner Acta humaniora

Das Frontispiz zeigt das Porträt Machiavellis, das der toskanische Manierist Santi di Tito (1536–1603) gemalt hat.

1. Auflage 1938 (Bibliographisches Institut AG, Leipzig)

2. Auflage 1986 (VCH Verlagsgesellschaft mbH, Weinheim)

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Freyer, Hans:

Machiavelli / Hans Freyer. Mit e. Nachw. von Elfriede Üner. – 2. Aufl. – Weinheim: Acta Humaniora, VCH, 1986. ISBN 3-527-17556-3

© VCH Verlagsgesellschaft mbH, D-6940 Weinheim (Federal Republic of Germany),

1986

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form – durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren – reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden. All rights reserved (including those of translation into other languages). No part of this book may be reproduced in any form – by photoprint, microfilm, or any other means – nor transmitted or translated into a machine language without written permission from the publishers.

Herstellerische Betreuung: Dipl.-Ing. (FH) Ellen Böckmann Satz: fertigsatz gmbH, D-8000 München 45 Druck: betz-druck gmbH, D-6100 Darmstadt Bindung: Josef Spinner Großbuchbinderei, D-7583 Ottersweier Printed in the Federal Republic of Germany

„… die das Vaterland mehr lieben als die Seele.“

Das Motto ist ein Wort von Capponi, das Machiavelli in mehrfachen Abwandlungen anführt.

Inhalt

Einleitung: Ein Brief Machiavellis aus dem Jahre 1513

I. Das Leben

1

a) Eintritt in die politische Welt

13

b) Die große Erfahrung

21

c) Die eigene Leistung und der Sturz

 

27

d) Das Exil

36

II. Das Werk

1. Die Discorsi und der Principe

45

a) Technik des politischen Handelns

b) Metaphysik der politischen Substanz

c) Struktur des politischen Kraftfeldes

d) Ethik der geschichtlichen Stunde

47

57

65

73

2. Die sieben Bücher über die Kriegskunst und die florentinische

Geschichte

91

Der Name

97

Schrifttum

105

Nachwort

107

Einleitung

Ein Brief Machiavellis aus dem Jahre 1513

Machiavellis Leben muß von der Mitte aus erzählt werden, am besten von dem Briefe aus, den er am 10. Dezember 1513 an Francesco Vettori, den florentini- schen Gesandten in Rom, schrieb. „Wollt Ihr wissen, erlauchter Gesandter, wie ich existiere?“ so schreibt Machiavelli ungefähr. „Ich wohne auf dem Lande, seit meinem politischen Unglücksfall bin ich, alles in allem gerechnet, keine zwanzig Tage in Florenz gewesen. Krammetsvögel habe ich gefangen, eigenhändig mit Leimruten, zwei bis sechs Stück am Tag. Das ist auch eine Beschäftigung, leider ist es damit jetzt vorbei. Nun gehe ich täglich früh am Morgen in ein Wäldchen, das ich schlagen lasse, bleibe dort zwei Stunden, inspiziere die Arbeit des vorigen Tags und vertreibe mir die Zeit mit den Holzfällern, die natürlich immer Händel haben. Geschichten könnte ich Euch von diesem Gehölz und von meinen Holzverkäu- fen erzählen, die reinen Staatsaffären! Von da gehe ich an eine Quelle und an meinen Vogelherd, ein Buch in der Tasche, den Dante oder Petrarca, den Tibull oder Ovid. Ich lese von ihren Liebschaften, erinnere mich der meinen und vergnüge mich eine Weile mit diesen Gedanken. Dann gehe ich ins Wirtshaus an der Landstraße. Ich unterhalte mich mit den Vorbeikommenden, frage nach Neuigkeiten aus ihrer Heimat, höre allerlei Geschichten und studiere den ver- schiedenen Geschmack und die mannigfaltigen Launen der Menschen. Unterdes ist es Zeit zum Mittagessen geworden, und ich verzehre im Kreis der Familie, was eben so ein armes Landgut hergibt. Nach dem Essen gehe ich wieder ins Wirtshaus. Dort sind gewöhnlich der Wirt, ein Fleischer und zwei Ziegelbren- ner. Mit denen vertrödle ich den ganzen Tag, wir spielen Cricca oder Trictrac, haben dabei tausend Streitigkeiten, und wenn wir auch nur um die Pfennige spielen, man hört uns schreien bis San Casciano. So verschimmele ich unter diesem Pöbel. Mir ists recht, wenn mich das Schicksal mit Füßen tritt. Ich will doch sehen, ob es sich nicht noch dessen schämt 1 ). Abends gehe ich heim und trete in mein Arbeitszimmer. An der Schwelle lege ich die schmutz- und kotbespritzten Bauernkleider ab und hülle mich in könig-

1 ) Bis hierher gekürzt; der folgende Absatz in der Übersetzung von Merian-Genast („Klassiker der Politik“ Bd. VIII).

liche und festliche Gewänder; so würdig angetan trete ich unter die Männer des Altertums. Freundlich von ihnen empfangen, nähre ich mich von der Speise, die allein die meine ist und für die ich geboren ward. Ich scheue mich nicht, mit ihnen zu sprechen und sie nach den Gründen ihres Handelns zu fragen, und sie in ihrer Leutseligkeit stehen mir Rede und Antwort. Vier Stunden lang empfinde ich keinen Verdruß, vergesse alle Beschwerden, fürchte nicht die Armut, äng- stige mich nicht vor dem Tode: ich lebe ganz in ihnen. Und da Dante sagt, das sei kein Wissen, etwas verstanden zu haben, ohne es sich zu merken, so habe ich aufgezeichnet, was ich aus dem Umgang mit ihnen gewonnen habe, und eine kleine Schrift verfaßt: ‚De principatibus‘; ich versenke mich darin, soweit es mir nur möglich ist, in diese Gedankenwelt und erörtere das Wesen der Herrschaft, ihre verschiedenen Arten, die Mittel zu ihrer Erwerbung und Behauptung, die Ursachen ihres Verlustes; und wenn Euch je eine meiner Grillen gefiel, so dürfte Euch dies nicht mißfallen. Einem Fürsten, und zumal einem neu zur Herrschaft gelangten, müßte sie willkommen sein; deshalb widme ich sie Seiner Durch- laucht Giuliano di Medici …“ Und am Schluß des Briefes gesteht Machiavelli offen, zu der geplanten Wid- mung an Giuliano, den Bruder des Papstes Leo X. treibe ihn die Not, die ihm im Nacken sitze. Denn so könne es nicht weitergehen, er komme herunter. Diese Medici müßten ihn in ihren Dienst nehmen, und wenn er für den Anfang einen Felsen wälzen müßte. Sei er erst einmal wieder drin, so werde es ihm schon gelingen, sie für sich einzunehmen. Die Schrift beweise, daß er die 15 Jahre, die er dem Studium der Staatskunst gewidmet habe, nicht verschlafen oder verspielt habe. Jeder müsse froh sein, einen Mann in seinem Dienst zu haben, der auf Kosten andrer so reiche Erfahrungen gesammelt habe. An seiner Treue dürften sie nicht zweifeln, denn wer 43 Jahre lang treu und redlich gewe- sen sei, könne unmöglich seine Art ändern. Für seine Treue und Redlichkeit aber sei seine Armut der beste Beweis … Die äußere und innere Lage, die dieser Brief widerspiegelt, ist auf den ersten Blick klar. Machiavelli ist damals 44. Es wäre etwas zu hoch gegriffen, ihn einen gescheiterten Politiker zu nennen, denn eine Politik auf eigne Verantwortung, die gescheitert wäre, hat er nicht getrieben. Aber es wäre entschieden zu niedrig gegriffen, ihn einen abgebauten Beamten zu nennen. Seine Situation liegt in der Mitte zwischen diesen beiden Kennzeichnungen, der ersteren sogar näher als der letzteren. Seine vierzehnjährige Amtstätigkeit im Dienste der florentinischen Republik war überaus mannigfaltig, dabei ausgesprochen politisch gewesen; sie hatte ihn, wenn auch meist an zweiter Stelle und nie mit selbständiger Entschei- dungsgewalt, mit allen politischen Fragen seiner Vaterstadt in Berührung gebracht. Sowohl sein Ansehen wie sein Einfluß war im Steigen begriffen, die Anfeindungen gegen ihn desgleichen. Seit der Verfassungs- und Verwaltungsre-

form von 1502 wird er immer mehr der Vertrauensmann und intime Mitarbeiter Piero Soderinis, des auf Lebenszeit gewählten Staatsoberhaupts der Republik, und das Gewicht seiner Aufträge nimmt zu. Und mindestens auf einem Gebiet, nämlich auf dem der Heeresorganisation, hat Machiavelli eine selbständige Tätigkeit entfaltet, eine über sein offizielles Amt hinausgehende Autorität gewonnen und geradezu in die Geschichte seiner Vaterstadt eingegriffen. Die Einnahme Pisas im Jahre 1509 galt vielen als sein persönliches Verdienst. Alles das geschah im Dienste der Republik, die sich 1494 nach dem unrühmlichen Abgang der Medici inmitten kriegerischer Wirren konstituiert und nach der Hinrichtung Savonarolas neu befestigt hatte. Es geschah nicht nur in ihrem Dienst, sondern in ihrem Geist. An der republikanischen Gesinnung Machiavel- lis konnte kein Zweifel sein. So ist es verständlich, daß Machiavelli untragbar wurde, als die Medici, gestützt auf fremde Waffenhilfe, nach Florenz zurückkehrten. Am 7. November 1512, bald nach dem Sturz Soderinis, wird Machiavelli durch einstimmigen Beschluß der Signori jedes Amtes entsetzt: cassaverunt, privarunt et totaliter amoverunt. Er darf das Gebiet der Republik fürs erste nicht verlassen, aber den Palast nur betreten, sofern er für die Liquidation seiner Geschäfte gebraucht wird. Der unbegründete Verdacht, er gehöre zu der Verschwörung des Boscoli und Capponi gegen Piero de’ Medici, droht zwischendurch seinen Fall zu erschweren und bringt ihm sogar einige Seilzüge ein. Im übrigen aber lebt er unbehelligt auf seinem kleinen Landgut bei S. Casciano unweit Florenz. So ergibt sich die Lage, aus der der Brief geschrieben ist. Er hört von ferne von den großen Ereignissen, die die Zeit erfüllen, aber um sich ein sicheres Urteil über sie zu bilden, fehlen ihm die Informationen. Er führt nicht diplomatische Gegner, sondern Krammetsvögel auf den Leim, schwatzt mit Holzfällern und Ziegel- brennern, statt mit dem König von Frankreich und Cesare Borgia zu verhan- deln, spielt Karten statt Politik und findet dementsprechend, es sei dem Schick- sal schon recht, wenn es sich so blamiere, warum behandle es ihn so schlecht. Man muß ihm recht geben: so erträglich diese natur- und volksverbundene Sommerfrische aussieht, sie ist wirklich eine Art spezifischer Höllenstrafe für den, der die besten Jahre seines Lebens mit Leidenschaft im Spiel der großen Politik gestanden hat. Die dürftigen und nicht ganz sauberen Sensationen einer gelegentlichen Liebschaft sind da wahrlich kein Ersatz, auch wenn sie auf dem Goldgrund tibullischer und ovidischer Verse gesehen werden. Und daß er des Abends die Staatskleider aus dem Schrank holt, um die Alten zu besuchen und mit ihnen über große Dinge zu reden, wirkt fast wie ein rührender Selbstbetrug oder wie die Flucht in eine Doppelexistenz. Das ist die „Mitte“, von der aus Machiavellis Leben begriffen werden muß. Es liegt nahe und entspricht der üblichen Auffassung, diese Mitte als einen Bruch

anzusehen. Ein für die praktische Politik geschaffener, mit allen Fasern ihr hingegebener, aufs beste in ihr bewährter und gerade eben zur Meisterschaft reifender Mann wird durch einen politischen Umschwung aus der Bahn gewor- fen, zur Untätigkeit verurteilt und höchst unfreiwillig zum Gelehrten gemacht, der er von Natur nicht ist und im Grunde nie werden kann. Die Wissenschaft mag überraschenderweise den Vorteil davon gehabt haben. Er selbst aber ist das Opfer. Sein Leben ist zerbrochen. Genau so hat Machiavelli selbst sein Schicksal empfunden. Als der politische Umbruch eintritt, ist er sofort entschlossen, alles zu tun, um sich sein Amt zu erhalten. Er bleibt zwar Soderini bis zuletzt treu und verteidigt ihn ritterlich, aber zugleich wendet er sich an die Medici und bietet ihnen, die er „seine Herren“ nennt, offen seine Dienste an. Man darf ihm daraus durchaus keinen Vorwurf machen. Sein Verhalten entspricht den Auffassungen der Zeit und ist ihm von niemandem übelgenommen worden. Viele seiner Amtsgenossen taten das gleiche und hatten dabei mehr Glück als er, so zum Beispiel sein Vorgesetz- ter Marcello Virgilio. Sogar Soderini selbst, der abgesetzte Gonfaloniere, ist sehr bald mit den Medici zum Vergleich gekommen. Es kommt hinzu, daß Machia- velli mit vielen anderen die Hoffnung hegt, die Medici würden, im eignen wohl- verstandenen Interesse und den Traditionen ihres Hauses gemäß, wesentliche Stücke der republikanischen Verfassung bestehen lassen, so daß von den Repu- blikanern, die sich auf den neuen Boden der Tatsachen stellten, ein Gewissens- opfer gar nicht verlangt werden würde. Und endlich: Machiavelli ist nicht einer jener wurzellosen Humanisten, die wie Condottieri der Felder bald hierhin, bald dorthin ziehen, für jeden Fürsten, der zahlt, Lobeshymnen und Pamphlete schreiben und sich dabei ohne jede Hemmung von heute auf morgen um 180 Grad drehen. Er gehört zu Florenz, wie Florenz auch sei. Die Leitidee seines politischen Denkens ist bereits die Einheit Italiens, aber der Patriotismus seines Herzens sagt: Florenz. Wenn das neu aufsteigende Glück der Medici Florenz groß macht und die Wiederkehr der Tage Lorenzos des Prächtigen erhofft wer- den kann, um so herrlicher für den Patrioten, der in den Jahren der Krise seiner Vaterstadt gedient hat, um so stärker der Antrieb, an Bord zu bleiben. Als die Katastrophe eingetreten und Machiavelli ausgebootet ist, ist sein einzi- ger Gedanke, wieder hineinzukommen. Seine Bitte, Vettori möge sich bei den Medici für ihn verwenden, und die meist recht vagen Aussichten und Verspre- chungen, mit denen dieser antwortet, bilden ein durchgehendes Thema in dem Briefwechsel der Jahre 1513 bis 1515, aus dem der angeführte Brief stammt. „Das Schicksal wollte“, so schreibt Machiavelli am 9. April 1513, „daß ich weder von Seide noch Wollweberei, weder von Gewinn noch Verlust zu reden weiß, ich muß vom Staate reden; ich muß das Gelübde tun, stillzuschweigen oder davon zu reden.“ Daß er damit nicht die theoretische Beschäftigung mit politi-

schen Fragen, die ihm geblieben ist, nicht jene einsamen abendlichen Gespräche mit den Alten meint, beweist der Zusammenhang. Gleich im folgenden Satz fragt er Vettori um Rat, ob er seine Rehabilitierung durch Vermittlung des Kardinals Soderini für möglich halte, oder durch unmittelbares Gesuch an den Papst, oder wie sonst. Seine Sehnsucht nach den „Geschäften“ bricht oftmals leidenschaftlich aus, und die Nachricht, daß irgendeine Chance gescheitert ist, erschreckt ihn „mehr als das Seil“. Wir werden später davon zu sprechen haben, daß Machiavellis heißer Wunsch, wieder ins Spiel zu kommen, nicht nur in seiner politischen Natur, sondern auch in der besonderen Lage der Jahre um 1513 seinen Grund hat. Seit der Kardinal Giovanni de’ Medici als Leo X. Papst geworden war, lagen gewal- tige Dinge in der Luft. Wenn man sich in die Pläne des Papstes einfühlte und sie zu Ende dachte, ergab sich just das, worauf Machiavellis ganzes Sinnen und Trachten seit Jahren gerichtet war: Gründung einer starken Herrschaft in Mit- telitalien, aktive Politik gegen die fremden Mächte, Befreiung und Einigung Italiens. Alles das war noch sehr ferne und mit vielen Unbekannten belastet, aber es war, wie kaum je eine Lage, dazu angetan, Machiavellis politische Phan- tasie zu reizen, sein Herz zu begeistern, seinen Spürsinn anzustacheln. Man kann begreifen, daß er danach fieberte und daß er sich wie kein anderer berufen fühlte, mit Rat und Tat dabei zu sein. Doch davon später. Fürs erste genügt es, an Machiavellis Drang nach dem bewegten Leben, an seine Sehnsucht nach der großen Welt und an seinen bishe- rigen Lebensstil zu denken. Die Muße ist nichts für ihn, auch wenn sie ein theoretisches Leben im hohen Sinne ermöglicht. Da verkommt er, vermodert er, zehrt er sich auf. Wenn Gott sich nicht günstiger zeigt, wird er ausreißen und irgendwo Repetitor werden oder Schreiber bei einem Obersten oder Dorfschul- meister; seine Familie wird ohne ihn viel besser auskommen, da er von seiner Gewohnheit, Geld auszugeben, nicht mehr lassen kann 1 ). Mit der elenden Stim- mung, in der er sich befindet, müssen auch die recht zweideutigen, zum Teil sogar sehr schmutzigen Liebesgeschichten zusammengedacht werden, mit denen der Briefwechsel der beiden Männer gespickt ist. Machiavelli war in diesem Punkte nie ein Engel und bekennt sich öfters zu der Devise, daß es im Zweifels- falle richtiger sei, Cupido zu Willen zu sein, als sich spröde zu zeigen. Hier aber sind seine amourösen Abenteuer deutlich ein Gegengift gegen die Leere seines Daseins und zum Teil wahrscheinlich bloße Renommage. Nirgends aber – und das ist das Wichtige – begegnet uns in den Briefen dieser Jahre ein Wort darüber, daß das theoretische Leben ihn befriedige oder auch nur für die verhinderte Praxis entschädige. Die großen Männer des Altertums, die er

1 ) Brief an Vettori vom 10. Juni 1514.

abends besucht, sind und bleiben ein Surrogat: gleichsam Stellvertreter der lebendigen Großen der Erde, – die einzigen Ebenbürtigen, zu denen er zur Zeit Zugang hat, die einzigen, mit denen er auf gleichem Fuß, ohne Krakehl und Schmutz verkehren kann. Die Einsichten, die er im Gespräch mit ihnen gewinnt, sind wertvoll, weil sie nicht Seiden- oder Wollweberei, nicht Gewinn und Ver- lust, sondern den Staat betreffen. Aber daran, daß die Gewinnung solcher Ein- sichten für den verbannten Politiker ein neuer, vollgültiger Lebensinhalt werden könnte, kein Gedanke. Lieber in der Praxis einen Felsen wälzen, als ohne Wir- kung in Staatskleidern Wahrheiten erkennen. Es gibt zwischen dem theoretischen und dem praktischen Menschentypus, auch wenn beiden ihrer Natur gemäß zu leben vergönnt ist, ein merkwürdiges Wechselverhältnis der Sehnsucht und sogar des gegenseitigen Neides, für das sich beiderseits Hunderte von Beispielen anführen lassen. Der Praktiker wünscht sich (oder gibt vor, zu wünschen), daß er einmal zur theoretischen Besinnung, zur denkenden Betrachtung der Dinge, vielleicht sogar zur For- schung komme; der Theoretiker sehnt sich nach dem Raum, in dem sich hart die Sachen stoßen, und würde sich glücklich preisen, wenn er einmal eine richtige, aufregende Entscheidung zu fällen hätte; das verfängliche Wort „eigentlich“ stellt sich dann beiderseits leicht ein. In solchen Wünschen ist gewiß viel Selbst- täuschung, zuweilen sogar etwas Schwindel, aber ein Gran Wahrheit ist auch dabei: die beiden großen Hälften des Lebens ergänzen sich, sollen sich ergänzen, und es ist, als ob jene Wünsche der subjektive Ausdruck dessen wären. Bei Machiavelli findet sich in der Zeit seiner praktischen Tätigkeit nicht die geringste Andeutung darüber, daß er sich „eigentlich“ zum Theoretiker geboren fühlte. Dagegen sind die Jahre, da er es ist, voll von Klagen über sein Schicksal und voll von Anstrengungen, auf die alte Bahn zurückzukommen. Die Arbeit in der Studierstube ist ihm, wie gesagt, kein Ersatz, höchstens ein Trost; die Umstellung auf Theorie und Schriftstellerei geschieht durchaus gezwungen und ist von ihm nie als Beginn eines neuen Lebens empfunden worden. Man soll nicht sagen, daß dabei seine Armut das eigentliche Motiv wäre. Kein Zweifel, daß ihm der Reiz des Amtes, das er begehrt, viel wichtiger ist als das Brot, das es ihm gibt. Und wenn uns heute Machiavelli als Schöpfer der politischen Wissen- schaft gilt, so müssen wir es zunächst hinnehmen, daß diese Wissenschaft, was Machiavelli selbst betrifft, höchst unfreiwillig, man möchte beinahe sagen:

durch höhere Gewalt und in denkbar schlechter Laune geschaffen worden ist. An dieser Stelle haben sich freilich die Biographen seit langem das Recht genommen, auszurufen: Hier irrt Machiavelli! Sie malen sich aus 1 ), was aus

1 ) So Villari III, 337, so Meinecke „Klassiker der Politik“ VIII, 38. Der naheliegende Gedanke fehlt fast in keiner Machiavelli-Darstellung.

Machiavelli geworden wäre und was uns sein Name heute gelten würde, wenn ihn der politische Umbruch von 1512 nicht zu Fall gebracht hätte oder wenn ihn die Medici seinem Wunsche gemäß zu Gnaden angenommen hatten. Am Anfang seiner Laufbahn nichts weiter als ein tüchtiger Sekretär, war er durch seinen unermüdlichen Eifer und seine abnorme Begabung in sehr wichtige Aufträge und Sendungen hineingewachsen, und auf dieser Bahn wäre er mit Sicherheit weitergeschritten. Man darf vermuten, daß er in der Geschichte von Florenz und von Italien bedeutsame Spuren hinterlassen hätte. Ein großer schöpferischer Staatsmann wäre er bestimmt nicht geworden, schon aus Gründen der objekti- ven Lage, – selbst wenn seine Begabung dafür ausgereicht hätte. Er wäre, wie Meinecke sagt, ein politischer Funktionär im Dienste von Regierungen geblie- ben, die selber mehr Objekte als Subjekte der Weltgeschichte waren. An literari- schen Dokumenten hätten wir von ihm die Gesandtschaftsberichte, daneben vielleicht die eine oder andre Arbeit im Kleinformat, wie er sie auch vor 1512 inmitten der Geschäfte geschrieben hat. Der Historiker würde die Schärfe seines Blicks für politische Situationen und Personen, die Treffsicherheit seiner Beob- achtungen über fremde Länder und Völker bewundern. Allein diese Fähigkeiten sind unter den Italienern seiner Zeit nichts Ungewöhnliches; sie gehören zum Stil des politischen Lebens. Machiavelli würde uns ferner als der erste gelten, der in der Neuzeit die Verwerflichkeit des Söldnerwesens klar durchschaut, das Ideal des Volkes in Waffen bewußt vertreten und zur Heeresorganisation auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht beachtliche Vorschläge gemacht hat. Er hat in dieser Hinsicht tatsächlich seiner Zeit weit vorausgegriffen; doch werden wir sehen, daß seine Arbeiten zur Heeresreform mehr als Gedanke groß, denn als Tat geschichtlich bedeutsam sind. So ergibt sich denn aus diesem Gedankenexperiment der klare Schluß:

Machiavellis Unglück war sein Glück. Der Sturz der Republik und sein eigner, der ihn zum Theoretiker machte, hat ihn zu seiner Bestimmung, zu seiner Leistung, zu seinem Ruhm geführt. Was er selbst als elendes Dasein vor den Toren empfand, war die Erfüllung seines Lebens. Und was äußerlich wie das Zerbrechen seiner Existenz aussieht, ist der Beginn des wahren, des weltge- schichtlichen Machiavelli. Diese Aufrechnung des Möglichen und des Wirklichen ist so bündig, daß kaum etwas gegen sie gesagt werden kann. Machiavellis Verzweiflung, sein Urteil, daß er gescheitert sei und vom Schicksal mißhandelt werde, darf nichts wiegen, wenn auf der andern Waagschale ein so schweres Gewicht liegt wie seine theoretischen Werke, in denen die politische Wissenschaft entsteht. Daß große Einsichten durch Opfer erkauft, aus Enttäuschungen herausgeholt, der Verzweiflung abgerungen werden müssen, ist nichts Seltenes, sondern beinahe die Regel. Nur sollten wir den Bruch in Machiavellis Leben und seine Wandlung

aus dem politischen Akteur in den politischen Denker noch ein wenig tiefer begreifen. Damit wird der Bruch nicht verkleistert und das subjektive Urteil Machiavellis über seinen Genius und sein Schicksal nicht besserwisserisch ent- wertet. Es wird nur das große, grausamgütige Zusammenspiel von Daimon, Moira und Tyche von innen gesehen und an einer merkwürdigen Stelle in die Werkstatt des Geistes ein Blick getan. Der aufmerksame Leser bemerkt leicht, daß in den Schriftsätzen des politisch tätigen Machiavelli immer wieder die Neigung durchbricht, aktuelle Lagen, über die er zu berichten hat, grundsätzlich zu nehmen, Verhaltungsweisen, die er beobachtet oder die er anrät, regelhaft auszuformeln, Personen und Mächte, die es für praktische Zwecke zu beurteilen gilt, in idealtypischer Reinheit, als Gestalten, herauszuarbeiten. Kompetente Beurteiler haben gefunden, daß die Relationen der venetiani- schen Gesandten manchmal schärfer ins Schwarze getroffen haben als die gleich- zeitigen Berichte Machiavellis über denselben Gegenstand oder daß zum Bei- spiel Guicciardini, der große Historiker und jüngere Zeitgenosse Machiavellis, ihm an praktischem Urteil und an instinktiver Menschenkenntnis überlegen gewesen sei. Doch das ist nicht das Wesentliche. Machiavellis Berichte waren trotzdem ausgezeichnet. Seine Auftraggeber konnten mit ihnen zufrieden sein, und sie waren es. Es wäre ganz falsch, zu sagen, daß er, vom Standpunkt seiner Auftraggeber her gesehen, Allotria getrieben hätte. Das Wesentliche ist vielmehr, daß in seinem Geist ein geheimer Drang am Werke ist, seinen Beobachtungen und Erfahrungen – außer dem praktischen Zweck, für den er sie macht und dem sie auch vorzüglich dienen – jenes Eigen- gewicht, jenen geschlossenen Zusammenhang, jene Rundung zu geben, die wir „Theorie“ nennen; gleichsam als ob er nicht (oder vielmehr nicht nur) ausge- sandt wäre, zu sondieren, zu erkunden, zu verhandeln, sondern die Gesetze der politischen Welt zu entdecken. Die Züge, die er am Verhandlungspartner oder an der feindlichen Macht gewahrt, schließen sich ihm unter der Hand zum Bilde zusammen. Die verwickelte Lage, in die er hineingesandt wird, reinigt sich ihm, indem er sie praktisch klärt, zugleich zur typischen Struktur und enthüllt ihm, indem er ihre Chancen für Florenz erkundet, zugleich ihr Gesetz. So ist seinem Wirken das Stigma des theoretischen Geistes leise aufgeprägt, und manchmal tritt es deutlich hervor; als ob der Steuermann während des Sturms zum theore- tischen Meteorologen, der Bataillonsführer während des Gefechts zum Kriegs- wissenschaftler würde. Wüßten wir von Machiavelli nichts, als daß er 14 Jahre lang im Dienste seiner Vaterstadt diplomatische Missionen erfüllt hat, so dürften wir uns mit der Fest- stellung begnügen, daß dieser geschickte Diplomat außerdem ein souveräner Intellekt und dazu noch ein Dichter war; welch letzteres seine Lustspiele bewei-

sen. Und er hätte denn, indem er tätig war, einige überzeugende Gestalten von dichterischem Wert und einige theoretische Einsichten von absoluter Gültigkeit sozusagen am Rande gewonnen. Da wir aber den Machiavelli nach 1512, den Machiavelli der politischen Wissenschaft kennen, müssen wir den theoretischen Einschlag in seinem Geist von Anfang an schwerer nehmen und einsehen, daß die unwiderstehliche Neigung, die Dinge theoretisch zu bewältigen, nachdem sie sich bis zur Mitte seines Lebens nur zwischen den Zeilen hat äußern können, in der unfreiwilligen Muße freigeworden und ausgereift ist. Der junge Bismarck hat in seiner Frankfurter Zeit, also während seiner ersten politischen Tätigkeit, einen bedeutsamen Briefwechsel mit dem General von Gerlach. In diesen Briefen stehen neben praktischen und aktuellen Dingen groß- artige Einsichten grundsätzlicher Art; ein ganzes Lehrbuch der Politik steckt in ihnen. Bismarck leckt gleichsam in diesen theoretischen Erörterungen das Blut der Praxis; indem er denkt, reift er zum Staatsmann. Machiavelli hat in seiner praktischen Tätigkeit das Blut der Theorie geleckt; indem er handelt, reift er zum Denker. Trotzdem bleibt bestehen, daß Machiavelli diese seine „Befreiung“ keines- wegs gewollt und sich in ihr höchst unglücklich gefühlt hat. Und ein kluger Mann muß schließlich wissen, was er will und was ihm bekommt. Das darf man nicht wegretuschieren, doch darf man hier zum Schluß noch einen anderen Gedanken einsetzen. Was für alle Wissenschaften gilt, gilt für die politische Wissenschaft erst recht:

sie sind allesamt aus der Praxis geboren und haben ihr Blut getrunken. Die politische Wissenschaft ist aus der stürmisch bewegten Wirklichkeit der italieni- schen Renaissancestaaten aufgestiegen, in dem Zeitalter, als Politik ebensosehr eine raffinierte Kunst wie der Tummelplatz aller Leidenschaften war, Staatswe- sen von Abenteurern aus dem Nichts geschaffen wurden und über Nacht wieder zerbrachen und das unglückliche Italien zugleich der Spielball und der Kampf- platz der europäischen Mächte war. Es gibt in der Geschichte wenige Zeitalter, in denen vom genialen Staatsmann bis zum politischen Verbrecher alle Stufen und Grade des politischen Menschen so charakteristisch, so unverhüllt vertreten sind; wenige auch, in denen so deutlich der Zusammenbruch einer alten, mor- schen Welt und der Anstieg neuer, eiserner Gewalten vonstatten geht 1 ). Der Strudel des Geschehens ist hier so stark, daß er, wie seine eigene Verdichtung und Verewigung, den theoretischen Begriff seiner selbst emporwirft. Wer diesen Begriff denken will, muß der politischen Welt angehören, und ihr angehören, heißt ihr mit Leib und Seele angehören, heißt nicht von ihr loswollen und nicht von ihr loskönnen. Rein theoretisch und vom Schreibtisch aus über

1 ) Meinecke a. a. O. S. 9.

Politik nachdenken, ist selbst dann ein Unternehmen von fragwürdigem Wert, wenn die politische Wissenschaft bereits in einer eignen Tradition befestigt ist. Hier, wo es gilt, sie neu zu schaffen und gleichsam den Absprung zu ihr zu finden, ist die nächste Nähe zur Praxis nicht nur günstiger Umstand, sondern notwendige Bedingung. Der theoretische Begriff des Politischen kann nur Zug um Zug aus der existenziellen Erfahrung geschöpft werden. Das tut Machiavelli und bezahlt den Preis. Daß er mit ganzer Leidenschaft in der politischen Welt steht und mit allen Kräften zu ihr zurückbegehrt, ist also nicht eine Selbsttäu- schung oder sonst eine psychologische Merkwürdigkeit, sondern die mensch- liche Seite eines sachnotwendigen Zusammenhanges. Noch in einem zweiten Sinne besteht ein notwendiger Zusammenhang zwi- schen Theorie und Wirklichkeit, und auch in dieser Hinsicht hat ihn Machiavelli in seinem Leben durchgelebt. Wie die Theorie des Politischen nur aus der Wirk- lichkeit geschöpft werden konnte, so konnte sie auch nur gedeihen, indem sie auf die Wirklichkeit zielte und in sie einzugreifen strebte. Auch hier hätte die unverbindliche und beiläufige Bereitschaft, anwendbare Erkenntnisse zu bieten, nichts gefruchtet; es mußte Ernst gemacht werden mit dem Willen, den Macht- habern Ziele zu weisen, das Vaterland zu beraten, die Welt zu verändern. Machiavelli schreibt nicht für ein beliebiges Publikum, auch nicht für die „gelehrte Welt“, sondern für Staatsmänner, für Herrscher, für Fürsten und sol- che, die es werden wollen, schreibt für sie sogar in einer ganz bestimmten Situation, nämlich in der italienischen Gegenwart, wie er sie sieht, und ange- sichts ganz bestimmter Aufgaben. Wenn er sich und sein Wissen den Mächtigen anbietet, so ist das also nicht bloße Stellenjägerei. Diese ist zwar auch dabei. Er will um jeden Preis ein Amt, und außerdem will er aus der drückenden Armut heraus. Man wird sich, wenn man sich mit Machiavelli beschäftigt, daran gewöhnen müssen, daß bei ihm niedrige und edle, materielle und sittliche Motive immer ganz dicht und ehrlich verbunden sind. Aber auch hier wohnt im Menschlichen Allzumenschlichen ein objektiver Sinn. Nur im lebendigen Bezug auf die geschichtlichen Aufgaben, die die Gegenwart stellt, kann die politische Wissenschaft entstehen und wachsen. Nur wer politisch etwas will, sieht poli- tisch etwas. Wir haben damit den Schlüssel gewonnen, mit dem Machiavellis Leben von der Mitte her aufgeschlossen werden muß. Die Zeit seiner praktischen Tätigkeit muß unter die Frage gestellt werden, was er, indem er wirkte, erfuhr, wie sich seine Erfahrungen stillschweigend und ungewollt in Erkenntnisse, vielleicht zunächst nur in Bilder umsetzten, wie er im Staatskleid des politischen Beamten zum Theoretiker wurde. Die zweite Hälfte seines Lebens aber, in der seine Werke entstehen, muß unter die Frage gestellt werden, welche Gegenwartsauf- gaben und Zukunftsziele sein Denken erweckt und erfüllt haben, als ihm die

Möglichkeit, sie praktisch anzupacken oder auch nur seinen Rat an den Mann zu bringen, genommen wurde und das Staatskleid nur noch für die heimlichen Audienzen bei den Alten gut war. Der Weg, den dieser Mann zu seiner Bestim- mung und zu seinem Ruhm geht, ist ganz unbewußt (dafür hat er denn auch immer als „Rationalist“ gegolten); der Weg, den er in ihr geht, ist leidvoll und unwillig. Aber auf diesem Wege ist die politische Wissenschaft geboren worden, und das ist, positiv gewendet, die Mitte von Machiavellis Leben.

I. Das Leben

a) Der Eintritt in die politische Welt

Niccolò di Bernardo Machiavelli wurde am 3. Mai 1469 als Sohn des Rechtsge- lehrten Bernardo di Niccolò Machiavelli in Florenz geboren. Seine Familie ist eine alte, guelfisch gesinnte toskanische Familie, deren Name in der inneren Geschichte der Republik immer einmal vorkommt; aber sie gehört nicht zu den vornehmen Familien und mit irdischen Gütern ist sie nicht gesegnet. Aus den ersten 29 Lebensjahren Machiavellis wissen wir so gut wie nichts, auch von ihm selbst nicht; und schon das darf als für sein Wesen charakteristisch angemerkt werden. Machiavelli ist keine Persönlichkeit von scharfem Relief und einpräg- samer Wirkung. Er tritt als Person lieber zurück, als daß er sich herausstellte und durchsetzte. Auf die Menschen seiner Umgebung scheint er nie als gewich- tige Energie, kaum als prägnante Figur gewirkt zu haben; und selbst diejenigen, die später mit ihm arbeiteten und sich seiner bedienten oder auf ihn hörten, mögen mehr seine Nützlichkeit, seine Tüchtigkeit, seine Klugheit als die Totali- tät seiner Persönlichkeit geschätzt haben. Nach seinem Tode dachte kein Mensch daran, sein Leben zu beschreiben. Guicciardini spricht in seiner Flo- rentinischen Geschichte einmal sehr verächtlich von den Leuten, die mehr Zunge als Persönlichkeit seien. Man könnte durchaus unverächtlich von Machiavelli sagen, daß er mehr Auge als Persönlichkeit sei: ein großer Schauer und sogar ein Seher, dabei als Mensch merkwürdig unsichtbar. Der Machtwille und der Kampftrieb, also zwei unverzichtbare Stücke des aktiven politischen Menschen, fehlen in seiner Zusammensetzung. Nicht einmal die Fähigkeit, sich resolut zur Geltung zu bringen, ist ausgebildet. An Stelle des Machtwillens steht bei ihm der Tätigkeitsdrang, an Stelle des Kampftriebs der Spürsinn. Mangels Nachrichten können wir also nur vermuten oder umwegig erschlie- ßen, wie seine Jugend und seine Bildung verlief. Er genoß offenbar die übliche Bildung, kam früh an die römische Literatur, konnte selbstverständlich Latein, Griechisch aber nicht. Doch vor allem kennen wir ja die Welt, in der er auf- wuchs: das Florenz Lorenzos des Prächtigen, das Florenz, das an Wohlstand, literarischer Bildung und künstlerischer Kultur alle Städte Europas überstrahlte, wenn es auch diesen Glanz mit dem Verlust seiner bürgerlichen Freiheit bezahlt hatte, das Florenz, in dem Lionardo, Michel Angelo, Raffael ihren Ausgang nahmen. Die bildenden Künste haben auf Machiavellis Geist und Werk keinen

merkbaren Einfluß geübt. Anders ist das gewiß mit dem reichen literarischen und wissenschaftlichen Leben, das Lorenzos umfassender Geist um sich sam- melt. Und anders ist das vor allem mit der geschichtlichen Gestalt und dem politischen System Lorenzos selbst, dieses glänzenden Tyrannen, der das Waa- gezünglein Italiens genannt wurde. Seine komplizierte und in den Mitteln nicht wählerische, doch souverän geführte Politik, die nicht nur Florenz eine glän- zende Blütezeit gab, sondern auch das System der italienischen Staaten im Gleichgewicht zu erhalten vermochte, muß der erste große (wenn auch noch unbewußt empfangene) politische Eindruck des jungen Machiavelli gewesen sein. Als Lorenzo stirbt, ist Machiavelli 23 Jahre. Zwei Jahre später brechen die künstlichen Deiche zum ersten Male, die aufgehäuften Konfliktstoffe entladen sich, für Italien beginnt die grausame Zeit der fremden Invasionen. Lodovico Moro spielt sein frevelhaftes Spiel, ruft die Franzosen gegen den König von Neapel ins Land und entfesselt damit den allgemeinen Krieg. Mit dem Einfall Karls VIII. in Italien tritt diejenige Macht auf den Plan, die in Machiavellis späteren diplomatischen Missionen, vor allem aber auch in seinem politischen Denken eine so große Rolle spielt: Frankreich. Innerlich gefestigt, auf dem Wege zum modernen Einheitsstaat begriffen, dazu von der englischen Gefahr befreit, eröffnet Frankreich den Kampf nicht nur um Neapel, sondern um die Herrschaft im Mittelmeer gegen das gleichfalls konsolidierte und aufstrebende Spanien. Die italienischen Mächte aber, die großen wie die kleinen, werden in immer wechselnden Kombinationen teils als Opfer, teils als Figuren, teils sogar als aktive Spieler in das weltgeschichtliche Spiel hineingerissen, das nun jahr- zehntelang nicht abreißt und wie ein grausiger Anschauungsunterricht für das erwachende politische Denken Machiavellis wirkt. Als die französische Invasion über Florenz wegbraust, befindet sich dieses im Zustande der Revolution. Der unwürdige Nachfolger Lorenzos, Piero de’ Me- dici, ist vertrieben worden und die revolutionäre Republik behauptet sich nicht unrühmlich gegen die Drohungen des französischen Heeres. Der erste Mann aber in der von den Medici befreiten Stadt und beinahe ihr Herrscher wird der Dominikanerprior Savonarola; und damit beginnt für das weltliche, kunstfrohe und festgewohnte Florenz die merkwürdigste Episode seiner Geschichte – mit Bußpredigten, Bilderstürmen, Bücherverbrennungen und einem fanatischen Kampf gegen die verderbte Kirche. Savonarola führt die Stadt und befestigt die neue republikanische Verfassung durch die hinreißende Kraft seiner Predigten, in denen sich Glaubenseifer und politischer Instinkt, seherische Kraft und Schlauheit seltsam verbinden. Machiavelli hat im Jahre 1498, als Savonarolas Macht bereits von innen und außen bedroht war, zwei dieser Predigten gehört und darüber an einen Freund in Rom sehr kühl und mit unverhohlener Ironie

berichtet 1 ). Er schildert, wie Savonarola seine Anhänger zu Musterbildern der Tugend, seine Gegner zu lasterhaften Scheusalen macht, findet, daß er in allzu durchsichtiger Absicht, nämlich um seine eigne Stellung zu befestigen, das Schreckbild einer neuen Tyrannis an die Wand malt, und amüsiert sich darüber, wie er mit den Priestern und mit dem Papst umspringt: er richtet sie so zu, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihnen nehmen möchte. Das zusammenfas- sende Urteil Machiavellis ist: So benützt er die Umstände, redet der Zeit nach dem Munde und spinnt seine Lügen aus. Der Brief ist natürlich sehr kennzeichnend für Machiavellis Haltung und Weltauffassung, besonders für die Art, wie er religiösen Erscheinungen gegen- übersteht; anders als unter rein politischen Gesichtspunkten hat er sie nie ver- standen. Für Savonarola, dessen Name mit der Wiederherstellung der Republik eng verbunden ist, hat Machiavelli später Worte der Anerkennung, ja der Bewunderung gefunden. Doch bleibt Savonarola für ihn immer der „unbewaff- nete Prophet“, wobei es ihm feststeht, daß nur bewaffnete Propheten siegen können, unbewaffnete notwendig zugrunde gehen. Damit ist die fremdartige Größe des Mönches, unter dessen Einfluß Dichter zu singen, Maler zu malen aufgehört haben, gewiß nicht begriffen. Doch der episodische Charakter seiner Machtstellung ist damit, wie schon in dem Brief von 1498, ganz richtig erkannt. In der Tat haben die Florentiner sehr bald darauf den vom Papst exkommuni- zierten Reformator fallen gelassen und hingerichtet. In dem Revirement, das darauf folgte, hat Machiavelli das Amt erhalten, in dem er bis zum Sturz der republikanischen Regierung im Jahre 1512 verblieben ist. Er wurde – mit recht bescheidenem Gehalt – Sekretär der Signorie und Vorsteher der Kanzlei der Zehn (Dieci della guerra e di Balia). Die Kanzlei, der er vorstand, war eine nachgeordnete Behörde, sie unterstand der Kanzlei der Signorie, doch hatte sie einen gewissen eignen Aufgabenkreis auf dem Gebiete des Kriegswesens und der inneren Verwaltung. Der Chef der ersten Kanzlei und damit der Vorgesetzte Machiavellis war Marcello Virgilio Adriani, der zugleich Professor der Literatur am Studio war und Machiavelli an Würde und Ansehen, an gelehrter Bildung und Weitläufigkeit weit übertraf; daß er sich mit dem Genie seines Untergebenen, mit dem er freundschaftlich verbunden war, nicht messen konnte, trat damals noch nicht in die Erscheinung. Von diesem Zeitpunkt an übersehen wir nun Machiavellis äußeres Leben sehr genau, streckenweise von Tag zu Tag; denn darüber laufend zu berichten, gehörte ja zu seinem Amt. Seine Person bleibt freilich auch weiterhin im Hinter- grund. Erst der Briefwechsel mit Vettori in den Jahren nach seinem Sturz läßt uns einen Blick in sein persönliches Leben tun.

1 ) Brief vom 8. März 1498.

Die erste wichtige Angelegenheit, die Machiavelli bei seinem Amtsantritt vor- findet, ist der Krieg mit Pisa. Diese Stadt rüstet sich mit zäher Energie zur Verteidigung und bewaffnet nicht nur ihre Bürger, sondern auch die Leute ihres Landgebiets; hier bekommt Machiavelli zum erstenmal eine Anschauung davon, was ein Volk in Waffen vermag, wenn auf der andern Seite gekaufte Söldner stehen. Freilich finden die Pisaner in dem komplizierten Staatensystem Italiens viele offene und heimliche Bundesgenossen, in erster Linie Venedig; und sogar das wechselnde Spiel der großen Mächte wirkt beständig auf den Kampf zwi- schen Florenz und Pisa ein. So erklären sich die Verzögerungen, die Schwierig- keiten und Gefahren, die der kleine Krieg der Republik verursacht. Die erste bittere Erfahrung ist das schmähliche Versagen des mit großen Hoffnungen ernannten Feldhauptmanns Paolo Vitelli, der, des Verrats dringend verdächtig, durch Kommissare im Lager verhaftet werden muß und enthauptet wird. Nicht alle halten ihn für schuldig, Machiavelli aber ist von seinem Verrat überzeugt. So sind Söldnerführer! Diese Angelegenheit wie überhaupt der ganze Krieg mit Pisa hat die Kanzlei der Zehn, also Machiavelli, sehr stark beschäftigt, hat sein Ansehen unter den Amtsgenossen und in der Öffentlichkeit zuerst begründet. Wie ein roter Faden zieht sich die Sorge um den pisanischen Krieg durch seine ganze Amtszeit hindurch. Ein wichtiges Dokument aus der ersten Phase der Sache ist eine kleine Denkschrift an den Rat der Zehn (Discorso sopra le cose di Pisa), die aus dem Jahre 1499 stammt. Die Schrift ist bedeutsam, weil sie zeigt, wie eifrig sich Machiavelli schon damals in rein militärische Fragen eingedacht hat. Vor allem aber ist sie ein erstes Beispiel für jene theoretische Wendung, die in Machiavellis Geist die praktischen Fragen nehmen. Wenn man aufmerksam liest, wie Machiavelli im Eingang der Schrift die verschiedenen Möglichkeiten, sich Pisas zu bemächtigen, nacheinander abhandelt und sich für die Einnahme mit Waffengewalt entscheidet, ist man aufs lebhafteste an den späteren Stil der theoretischen Schriften erinnert. Manches davon ist gewiß Zeitstil, doch nicht alles. Man setze in der Denkschrift statt „Pisa“ „eine feindliche Stadt“, und die ersten Abschnitte könnten Wort für Wort in den Discorsi stehen. Neben der inneren Tätigkeit Machiavellis (nämlich Briefe schreiben, Geld- und Waffentransporte besorgen, mit den uneinigen Hauptleuten verhandeln) setzen gleichzeitig seine diplomatischen Sendungen ein. Der erste Auftrag von Bedeu- tung führt ihn zu Caterina Sforza, der klugen und mutigen Herrin von Imola und Forli; die Freundschaft dieses kleinen Staates ist der florentinischen Repu- blik aus verschiedenen Gründen erwünscht. Machiavelli war beauftragt, den bereits laufenden Soldvertrag mit Caterinas Sohn zu verlängern, den Sold aber herunterzudrücken und andere Verpflichtungen für Florenz nicht einzugehen. Dieser Auftrag erwies sich zwar als unerfüllbar, doch sprachen seine Briefe in Florenz sehr an, und er hatte sich gleichsam die diplomatischen Sporen verdient.

Im Jahre nach Machiavellis Amtsantritt rückt ein gewaltiges französisches Heer, durch zahlreiche Schweizer verstärkt, in Mailand ein. Ludwig XII. hat die Italienpolitik seines Vorgängers sofort aufgenommen und, durch ein Bündnis mit Venedig gedeckt, sich Mailands bemächtigt. Florenz hat von diesem neuen Franzoseneinfall unmittelbar nichts zu fürchten, eher zu hoffen; es gehört tradi- tionellerweise zu den Parteigängern Frankreichs in Italien. Es erlangt einen Vertrag, der für die Republik zwar sehr kostspielig wird, in dem sich aber der französische König verpflichtet, bei der Einnahme von Pisa zu helfen. Bei dieser Gelegenheit hat Machiavelli, der als Sekretär der beiden Kommissare zu den französischen Hilfstruppen ins Feld geschickt wurde, wiederum neue und ent- scheidende Eindrücke über die Verderblichkeit der Söldnerheere und der frem- den Hilfstruppen gesammelt. Die Schweizer und Gascogner Söldner versagen beim Sturm völlig, umso unverschämter sind ihre Soldforderungen, umso wüster ihr Benehmen, umso unersättlicher ihre Beutegier. Die einzige Folge des wiederum gescheiterten Unternehmens gegen Pisa ist schließlich eine ernste Trübung des politischen Verhältnisses zwischen Frankreich und Florenz. Um diese Trübung zu beheben, werden zwei Abgesandte an den französi- schen Hof geschickt, und einer von ihnen ist Machiavelli. Sie sollen erst zum leitenden Minister, dem Kardinal von Rouen, dann zum König vorstoßen, in vorsichtiger Weise die Schuld an dem Mißerfolg von Florenz auf die Soldaten abwälzen, weitere Hilfe gegen Pisa erbitten und die übermäßigen Geldforderun- gen Frankreichs herunterzuhandeln versuchen. Die beiden Gesandten sind schlecht dotiert, die Reise erweist sich als kostspielig, und Machiavelli hat auf ihr gewiß eher zugesetzt als verdient. Der äußere Erfolg der Mission ist nicht sehr groß gewesen, dazu waren auch die Vollmachten der beiden Gesandten zu gering. Für Machiavelli persönlich aber bedeutet diese erste Gesandtschaft nach Frankreich – es sind ihr im Laufe der nächsten zehn Jahre drei weitere gefolgt – den ersten Schritt in die Welt der großen Politik. Er sieht einen großen, auf nationaler Grundlage beruhenden, man darf bereits sagen: absolutistisch regier- ten Einheitsstaat in aktiv-politischer Haltung. Allgemeiner gesprochen: er sieht, was Macht ist. Das bittere Gefühl, daß ein machtloses Staatswesen auch sein Recht und seine Gründe nicht zur Geltung bringen kann, spricht aus seinen Berichten. „Alle Erinnerungen“, so schreibt er, „an die Treue unsrer Stadt gegen die französische Krone und an das, was wir zur Zeit des vorigen Königs geleistet haben, das ausgegebene Geld, die bestandenen Gefahren – alles das ist überflüs- sig. Die Franzosen sind von ihrer Macht verblendet und schätzen nur den, der bewaffnet ist oder zahlt. Da Euch beide Eigenschaften fehlen, halten sie Euch für eine Null und nennen Euer Unvermögen Uneinigkeit, nennen die Pflichtver- gessenheit ihrer Soldaten Eure schlechte Regierung.“ 1 )

1 ) Brief vom 27. August 1500 (gekürzt).

Über die Gesamtanschauung, die Machiavelli von Frankreich gewonnen hat, soll später berichtet werden. Ein Gedanke aber drängt sich schon bei seiner ersten Gesandtschaft auf. In den letzten beiden Monaten führt Machiavelli die Geschäfte allein, da sein Amtsgenosse erkrankt ist, und von da an nimmt die Weite des Gesichtsfeldes, die Mannigfaltigkeit der Interessen, die Anschaulich- keit der Schilderung und die Schärfe der Formulierungen in seinen Berichten erheblich zu. Man spürt, wie er durch die Kraft seines Geistes über den beschränkten Auftrag und über seine bescheidene Stellung hinauswächst. Er berichtet über alle Fragen der italienischen Politik, wie sie am französischen Hofe gesehen werden, vor allem über die bedrohlichen Rüstungen des Papstes und über die undurchsichtigen Pläne Cesare Borgias. So gewiß es ist, daß Frank- reich dabei die Hand im Spiele hat, er erhält doch die ausdrückliche Versiche- rung, daß Frankreich einen Angriff auf Toscana von dieser Seite nicht dulden werde. Und was das Wichtigste ist: er verhandelt und berichtet nicht nur über diese verwickelten Fragen, in denen sein durchdringender Verstand zum ersten- mal einen Gegenstand erster Ordnung gefunden hat, sondern er reflektiert über sie. In diesen Briefen aus dem Oktober und November 1500 sehen wir mitten in den praktischen Geschäften den Theoretiker, mitten in den aktuellen Meldun- gen den Schriftsteller Machiavelli entstehen. Am 21. November berichtet er, was er dem Kardinal von Rouen ausgeführt habe: der König von Frankreich müsse vor denen auf der Hut sein, die nach der Vernichtung seiner Freunde in Italien trachten, aus keinem andern Grund natürlich, als um sich selbst mächtiger zu machen und ihm Italien aus der Hand zu reißen. Dem müsse Seine Majestät vorbauen und das Beispiel derer befolgen, die früher eine auswärtige Provinz besitzen wollten. Wie handelten diese? Sie schwächten die Mächtigen, taten den Untertanen wohl, stützten ihre Freunde und hüteten sich vor den Gefährten, d. h. vor denen, die in diesem Lande eine gleiche Autorität haben wollten. Das ist so grundsätzlich und theoretisch formuliert, daß es beinahe lehrhaft wirkt. Machiavelli hat später im 3. Kapitel seines Principe die Fehler untersucht, die Ludwig XII. bei seinem Bestreben, sich in Italien festzusetzen, gemacht habe; es sind genau diejenigen, vor denen er 13 Jahre zuvor, als Mitspieler im Geschehen und im praktischen Interesse seiner Vaterstadt, gewarnt hat. Was später theoretisch ausgewertetes Beispiel ist, ist hier noch scharfsinnige Analyse einer sich soeben schürzenden Konstellation; doch wieviel grundsätzliches Den- ken steckt bereits darin, wie deutlich kündigt sich im Diplomaten der Theoreti- ker an! Machiavelli behauptet an jener Stelle im Principe, er habe damals auf die Bemerkung des Kardinals von Rouen, die Italiener verständen sich nicht auf den Krieg, geantwortet: und die Franzosen verständen sich nicht auf die Politik, sonst würden sie die Kirche nicht so mächtig werden lassen. Das mag immerhin eine jener Pointen sein, die sich erst hinterher in der Erinnerung zuspitzen. Aber

die Situation von 1500 und Machiavellis Stellung in ihr kann kaum treffender wiedergegeben werden als durch diese Anekdote. Machiavelli ist kaum nach Florenz zurückgekehrt und hat die heimischen Geschäfte mit gewohntem Eifer, doch mit erhöhter Autorität wieder aufgenom- men, da bereitet sich diejenige Begegnung vor, die für sein Denken schlechthin entscheidend geworden ist. Zunächst beschäftigen ihn die Parteikämpfe in dem zur florentinischen Herrschaft gehörigen Pistoja, bald aber richten sich seine und aller Augen auf Cesare Borgia, der, direkt oder durch seine Werkzeuge und durch Anzettelung von Unruhen, das Gebiet der Republik anzugreifen droht. Die Sorgen um die kriegerische Rüstung der Stadt liegen vorwiegend in Machia- vellis Händen; er widmet sich ihnen mit glühendem Eifer, schon damals über- zeugt, daß nur eine nationale Miliz den Bestand und die Freiheit eines Landes zu sichern vermag. Cesare Borgia läßt sich schließlich mit Geldversprechungen und dem bloßen Durchmarschrecht abfinden, wobei es freilich ohne Plünderungen nicht abgeht. Das Anrücken eines neuen französischen Heeres, das auf seinem Marsch nach Neapel Toscana durchzieht, hat mitgewirkt, die Republik fürs erste von dem gefährlichen Räuber zu befreien. Doch damit ist die Gefahr nicht gebannt. Im Mai 1502 steht Cesare Borgia wieder vor den Toren der Republik, schürt den Kriegswillen der Pisaner, spielt sogar mit dem Mittel einer Restauration der Medici, läßt durch einen seiner Unterführer in scheinbar selbständiger Aktion Arezzo einnehmen und das ganze Chianatal besetzen. In dieser kritischen Situation seiner Vaterstadt (der Feind im Land, aber nicht greifbar, ein großer Teil des Gebiets im Aufruhr, die französischen Hilfstruppen noch nicht verfügbar) hat Machiavelli Cesare Borgia zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht gesehen und von diesem gefährli- chen Feind seines Vaterlandes nicht nur einen unauslöschlichen Eindruck emp- fangen, sondern geradezu das Urphänomen des Politischen an ihm erschaut. Ehe wir von dieser Begegnung und ihrer unabsehbaren Bedeutung für Machiavelli sprechen, muß noch eine kleine Schrift erwähnt werden, die Machiavelli damals (1503) geschrieben hat: „Del modo di trattare i popoli della Val di Chiana ribellati.“ Machiavelli ist amtlich in dem inzwischen wiederge- wonnenen Arezzo gewesen und legt in dieser Schrift seine Gedanken darüber nieder, wie die aufständische Gegend zu behandeln und die florentinische Herr- schaft in ihr neu zu befestigen sei. Die Schrift beginnt folgendermaßen:

Nach seinem Sieg über die Latiner, die sich mehrere Male gegen die Römer empört hatten, trat Lucius Furius Camillus vor den Senat und sagte: „Die Gunst der Götter und unsre Waffen haben uns den Sieg gegeben. An euch, Senatoren, ist es jetzt, den Staat für alle Zeiten vor den Rebellen sicherzustellen. In eure Entscheidung ist es gestellt, ob künftig Latium sein soll oder nicht.“ Der Senat beschloß, den aufrührerischen Städten großmütig zu verzeihen. Nur zwei von

ihnen, die beiden gefährlichsten, wurden grausam bestraft. Velitrae wurde zer- stört und seine Einwohner nach Rom verpflanzt, Antium dagegen seiner Flotte beraubt und mit neuen zuverlässigen Einwohnern aufgemischt. So handelten die Römer, weil sie wußten, daß man Mittelwege vermeiden und die Menschen entweder durch Wohltaten gewinnen oder für alle Zukunft unschädlich machen muß. „Ich habe sagen hören“, so fährt Machiavelli fort, „daß die Geschichte die Lehrmeisterin unsrer Handlungen und besonders der Fürsten sei. Die Welt war immer, wie jetzt, von Menschen bewohnt, die stets dieselben Leidenschaften hatten. Immer gab und gibt es Diener und Herren; solche, die ungern dienen, und solche, die gern dienen; solche, die sich empören und wieder bezwungen werden.“ Und dann entwickelt Machiavelli seine Kritik des Verfahrens, das man gegen die Bevölkerung des Chianatals angewandt hat, und seine Vorschläge, wie man die Aufrührer, besonders die gefährlichen Aretiner, hätte behandeln müs- sen. Man hat halbe Arbeit getan. Man ist Mittelwege gegangen. Man hat das Gegenteil von römischer Politik getrieben. Was ist das für ein Ton? Das ist nicht eine amtliche Denkschrift; der Form einer Rede an die florentinischen Behörden bedient sich Machiavelli hier nur als einer literarischen Form. Das ist vielmehr eine Abhandlung über ein politisches Problem – freilich über eines, das der Republik auf den Nähten brennt; „denn Cesare Borgia ist nahe und im Begriff, sich einen großen Staat zu schaffen, zu dem auch Toscana eines Tages gehören soll.“ Es genügt nicht, auf den humani- stischen Zeitstil zu verweisen, um die Anknüpfungen an Livius zu erklären. Wir werden später sehen, daß für Machiavelli (und nicht nur für ihn) der Rückgriff auf das Altertum die Denkform ist, um Empirisches in Gültiges, Einzelnes in Allgemeines umzudenken. Das eben tut er hier. Er packt ein politisches Pro- blem, denkt es grundsätzlich durch und entwickelt daraus gültige Handlungs- regeln, auf Grund des heuristischen Prinzips, daß die Menschen immer gleich sind, die typischen Situationen in der geschichtlichen Welt immer wiederkehren und daher das einmal Erprobte als Lehre für immer gelten kann. Das ist politi- sche Theorie, wie Machiavelli sie später im großen gesucht und geleistet hat. Sie entsteht hier an einem ersten kleinen Beispiel als Nebenprodukt inmitten der politischen Geschäfte.

b) Die große Erfahrung

Im gleichen Jahr, in dem Lorenzo der Prächtige starb und damit für Florenz und Italien unendliche Gewitter heraufzogen, wurde Roderigo Borgia als Alexander VI. Papst – der schlimmste Papst, der je auf Petri Stuhl gesessen hat. Daß die Papstwürde offen gekauft, die Gestehungskosten dann durch Simonie wieder eingebracht wurden, die Päpste nicht nur allen Freuden des weltlichen Lebens, sondern allen Ausschweifungen ergeben waren, war nicht neu. Aber erst unter Alexander VI. ist Rom vor den Augen der Welt der Mittelpunkt aller Laster und aller Verbrechen geworden. Sein Sohn Cesare – seit einiger Zeit erkannten die Päpste ihre Söhne und Töchter in aller Öffentlichkeit an – ist bald der mächtigste Mann und der Schrecken Roms. Ein gut Teil der geheimnisvollen Morde, von denen Rom voll ist, kommt auf sein Konto. Wo sich irgendein größeres Vermögen angehäuft hat, leiten Anklagen auf Ketzerei, oft direkte Plünderung und Mord das Gold in die Kasse der Borgia. Den Papst beherrscht Cesare vollkommen; der lasterhafte und geldgierige Greis befindet sich in der völligen Hörigkeit seines teuflischen Soh- nes. Mit zweiundzwanzig Jahren legt Cesare Borgia den Kardinalshut und das Erzbistum, das er mit sechzehn erhalten hat, nieder und erlangt vom König von Frankreich das Herzogtum Valentinois samt einer Anzahl von Soldaten zur Durchführung seiner Eroberungspläne in der Romagna. Nun bekommt sein räuberisches Treiben einen politischen Inhalt. Als „Bannerträger der Kirche“ erledigt er all die kleinen Gewalthaber innerhalb des Kirchenstaates, nimmt Imola, Faenza, Forli, Rimini, Pesaro und Fano und steht nun, siebenundzwan- zig Jahre alt, dicht vor seinem Ziel, einen großen Staat zu beherrschen, dessen Hauptstadt Bologna werden soll. Seine Häscher und Henker, voran der berüch- tigte Don Micheletto, spielen bei diesen Unternehmungen eine ebenso große Rolle wie seine Truppen. Er arbeitet souverän mit den Mitteln des Verrats und der scheinbaren Sonderaktionen seiner Unterführer. Immer behält seine Politik etwas Räuberhauptmannmäßiges. Aber das normlos gewordene Zeitalter bewundert ihn; ein dunkler Glanz von Jugend, Schönheit, Erfolg und Verbre- chen strahlt von ihm aus und macht ihn zugleich zum Schrecken und zum Helden des verderbten Zeitalters. In dieser Blütezeit seiner Macht und seines Ruhms hat Machiavelli ihn gese- hen. Die erste Gesandtschaft, von der wir schon sprachen, war für ihn sehr kurz, doch ein Vierteljahr darauf wurde er, diesmal allein, wiederum zu Cesare Borgia geschickt und hat dann drei entscheidende Monate an seinem Hof verlebt. Schon in dem Bericht über die erste Audienz (am 24. Juni 1502) hat Machiavelli ein Bild von aufregender Schönheit von Cesare Borgia entworfen. Der Herzog, auf

der Höhe seiner Erfolge, war offenbar in glänzender Laune, erklärte die kriege- rischen Handlungen seiner Feldherren gegen Toscana in gewohnter Weise für eigenmächtige Aktionen, für die er nicht verantwortlich sei, sagte aber offen, daß ihm die Regierung und die Gesinnung der Florentiner nicht gefiele, und schloß: jetzt solle alle Unklarheit zwischen ihm und Florenz verschwinden, er wolle der wahre Freund der Republik oder ihr wahrer Feind sein. „Dieser Mann“, so schreibt Machiavelli, und seine Bewunderung bricht deutlich durch die offizielle Sprache des Berichts durch, „ist so kühn, daß ihm auch ganz große Dinge klein erscheinen. In seiner Begierde nach Ruhm und nach einem Staat kennt er weder Mühe noch Gefahr. Er kommt immer früher an, als man seine Abreise erfahren hat. Seine Soldaten lieben ihn. Er hat sich die besten Leute aus Italien ausgesucht. Und außerdem ist das Glück immer auf seiner Seite.“ Als Machiavelli im Herbst desselben Jahres zum zweitenmal zu Cesare Borgia kommt, hat sich um diesen ein Unwetter zusammengezogen. Doch gerade diese Lage und wie er sie bezwingt, ist für Machiavelli zum entscheidenden Erlebnis geworden. Während er das erstemal nur das Bild eines großartigen Abenteurers, der mit dem Glück im Bunde ist, empfangen hat, geht ihm jetzt an dem kaltblü- tigen, blitzschnellen und treffsicheren Handeln Cesare Borgias gleichsam die Ethik der politischen Tat auf. Es handelt sich darum, daß die vornehmsten Hauptleute des Herzogs, meist kleine Tyrannen in Mittelitalien, sich gegen ihn verschworen haben, weil sie erkannten, daß sein Aufstieg auch sie eines Tages verschlingen würde. Die Ver- schworenen bemächtigen sich durch Handstreich der Feste San Leo im Herzog- tum Urbino und schließen einen förmlichen Bund; ein gegen sie gesandtes Heer des Herzogs wird vollständig geschlagen. Erst als die Franzosen ihm Hilfstrup- pen schicken, erleichtert sich seine kritische Lage. Florenz ist wegen seiner Nähe zu dem Unruhegebiet an diesen Ereignissen auf das lebhafteste interessiert, zumal die Rebellen es um Hilfe gebeten haben: daher die Absendung Machiavellis zwar nicht als offiziellen Gesandten, aber als Son- derbeauftragten des Rates der Zehn. Er soll den Herzog der Freundschaft der Republik versichern, darauf hinweisen, daß das Unterstützungsgesuch der Rebellen bedingungslos abgelehnt worden ist, im übrigen aber Forderungen, die Cesare etwa stellen würde, ausweichend behandeln und überdies für die Floren- tiner Kaufleute einen Geleitsbrief durch die Länder des Herzogs verlangen; der letztere Punkt ist für den florentinischen Orienthandel wichtig, er betrifft „den Magen der Stadt“. Kein angenehmer Auftrag also und kein leichter; denn Machiavelli soll etwas verlangen, ohne eigentlich etwas zu bringen. Die zweiundfünfzig Berichte, die Machiavelli von dieser Gesandtschaft aus geschrieben hat, sind neben seinen späteren großen Werken die wichtigsten Dokumente seines Denkens, übrigens auch einer der Höhepunkte seines Stils.

Cesare Borgia hat sich in den kritischen Wochen in der Tat glänzend gehalten. Er hat nie die Nerven verloren, nie das Spiel aus der Hand gegeben und seine Racheaktion mit überlegener Meisterschaft ganz langfristig angesetzt. Dem flo- rentinischen Sekretär gegenüber, dessen Bedeutung er natürlich nicht ahnt, den er sehr leichthin behandelt, an dessen Scharfsinn er aber zuweilen Gefallen gefunden zu haben scheint, gibt er sich scheinbar mit völliger Offenheit. Er zeigt ihm Briefe aus Frankreich und spricht mit großer Ruhe von dem Bündnis der Rebellen. Da der Papst am Leben und der König von Frankreich in Italien sei, habe er so viel Feuer unter seinem Kessel, daß diese Toren es mit ihrem Wasser bestimmt nicht löschen könnten. Im Grunde könne er sich zur Befestigung seines Staats nichts Vorteilhafteres wünschen, als diese Probe auf die Treue seiner Anhänger 1 ). Den Geleitsbrief für die Kaufleute vermag Machiavelli bald zu erreichen, im übrigen aber gehen seine sachlichen Verhandlungen schleppend weiter und füh- ren nicht zum Ziel, da Cesare Borgia immer wieder fordert, Florenz solle eine förmliche Allianz mit ihm schließen, und Machiavelli aus guten Gründen gerade dazu nicht bevollmächtigt ist. Machiavellis Unwille über seine peinliche Lage wird immer größer, und sein Wunsch, abgelöst zu werden, bricht häufig durch. Aber so merkwürdig es klingt: die sachlichen Aufträge, um derentwillen er beim Herzog ist, sind für ihn längst nicht mehr das Wichtige. Sein Interesse läuft bereits senkrecht zu seinem Auftrag (ohne daß es diesen deswegen stören müßte). Er ist aus dem praktischen der theoretische, aus dem interessierten der (im Kantischen Sinne) interesselose, dafür aber um so leidenschaftlicher gespannte Beobachter geworden. Seine Bewunderung für den Herzog steigt von Tag zu Tag, um so mehr, als er trotz größter Anstrengungen die geheimen Dinge, die sich vorbereiten, nicht ergründen kann, daher von der allgemeinen Spannung, die sich immer stärker auflädt, angesteckt und schließlich von der inneren Konsequenz der Katastrophe wie alle anderen überrascht wird. Denn der Herzog ist ebenso verschlossen wie entschlossen. „An diesem Hofe“, schreibt Machiavelli, „wird alles wunderbar geheimnisvoll betrieben, und Dinge, die verschwiegen werden sollen, sind ein- fach nicht zu erfahren.“ Der Herzog selbst aber „spricht nie über etwas, außer wenn er es befiehlt, und er befiehlt es erst, wenn es notwendig ist, nämlich unmittelbar vor der Ausführung“ 2 ). Machiavelli erlebt aus nächster Nähe mit, wie Cesare Borgia mit den Rebellen verhandelt, schließlich sogar ein Schutz- und Trutzbündnis, das der Papst sank- tioniert, mit ihnen schließt; ein Bündnis, das natürlich von beiden Seiten dolos

1 ) Briefe vom 7. Oktober und 9. Oktober 1502. 2 ) Briefe vom 20. Oktober und 26. Dezember 1502.

ist, von dem aber Machiavelli klar erkennt, daß es mit der Zeit für den Herzog arbeiten muß, schon weil auf der Gegenseite ein Bund von vielen steht. Er beobachtet, wie diese Verhandlungen von Cesare künstlich verzögert und so lange hingezogen werden, bis alle im Garn sind. Dann folgt er dem Herzog, der mit unbekanntem Ziel aufbricht und seinen Zug unbeirrt fortsetzt, auch als die französischen Lanzen, auf denen ein Teil seiner Macht und seines Rufes beruht, überraschend abberufen werden. Er erlebt die grausige Geschichte von Messer Ramiro mit: dieser Mann, dessen sich Cesare Borgia zur Unterwerfung der Romagna bedient hat und der wegen seiner Grausamkeit dort aufs äußerste verhaßt ist, wird aus heiterem Himmel gefangengesetzt, hingerichtet, in zwei Stücke geteilt und gleichsam der Wut des Volkes wie ein blutiges Futter vorge- worfen. „Man weiß die Ursache seines Todes nicht genau, außer daß es dem Fürsten so gefallen hat, der damit zeigt, daß er Menschen nach Belieben groß machen und vernichten kann, je nach ihren Verdiensten“ 1 ). Nun zieht sich die Katastrophe binnen wenigen Tagen zusammen. Cesare Borgia marschiert in Eilmärschen auf Sinigaglia, um es einzunehmen, vor ihm her die Truppen der Rebellen. Als der Herzog ankommt, gehen ihm die Rebel- len, die inzwischen in die Stadt eingerückt sind, entgegen und geleiten ihn in sein Quartier. Hier läßt er sie verhaften und gleichzeitig ihre Truppen ausplündern und entwaffnen. „Nach meiner Ansicht sind sie morgen früh nicht mehr am Leben“, schreibt Machiavelli in dem kurzen Brief, den er mitten in der Aufre- gung absendet; das traf für Vitellozzo Vitelli und Oliverotto da Fermo zu; Paolo Orsini und der Herzog von Gravina sind noch eine Weile lang mitgeführt und erst dann erdrosselt worden. Noch in derselben Nacht rief der Herzog Machia- velli zu sich und teilte ihm „mit der fröhlichsten Miene der Welt“ den Erfolg mit, er habe seine Todfeinde, die zugleich diejenigen Frankreichs und der Repu- blik Florenz gewesen seien, vernichtet und das Unkraut ausgerottet, das Italien zu verwüsten drohte; nun erwarte er, daß die Republik sich offen für ihn ent- scheide. Mit großer Energie, Schrecken und Verwirrung um sich her verbrei- tend, räumt Cesare Borgia dann weiter auf und verfolgt die Hintermänner der Rebellen in den letzten Schlupfwinkel. Die kleinen Tyrannen fliehen vor ihm wie vor der Hydra. In Rom hat unterdes Alexander VI. eine Parallelaktion gegen den Kardinal Orsini und seinen Anhang durchgeführt, und der venetianische Gesandte hat dort viel früher als Machiavelli den Verlauf der Dinge bis in alle Einzelheiten vorausgesehen. Er saß allerdings näher am Zentrum und verfügte über andre Informationsquellen als der bescheidene Sekretär von Florenz – dem dafür das Glück widerfuhr, als unmittelbarer Zuschauer einer Tat beizuwohnen, die zwar gewiß nicht große Politik war, an der aber seine denkerische Phantasie

1 ) Brief vom 26. Dezember 1502.

alle Gesetze des politischen Handelns abzulesen vermochte, wie der Naturfor- scher in einem geistreichen Experiment die Naturgesetze reiner am Werk sieht als in einer großen freien Naturerscheinung. Es wäre ein völliger Irrtum zu glauben, daß Machiavelli Cesare Borgia je für wahrhaft groß gehalten, in ihm das Ideal des politischen Menschen gesehen oder auf ihn als den Einiger Italiens gesetzt hätte. Wie klar er das bloß Verbrecheri- sche, sozusagen das Unterpolitische in ihm erkannt hat, zeigt das im folgenden Jahr geschriebene erste Decennale, ein Gedicht, in dem Machiavelli die Ereig- nisse der Jahre 1494 bis 1504 beschreibt. In ihm stehen die oft zitierten Worte von dem Gifthauch der Hydra, den Cesare Borgia um sich verbreite, und von dem lieblich zischenden Basilisken, der die Feinde in seine Höhle lockt. Noch größer ist der Irrtum, Machiavelli habe in jenem November und Dezember 1502 den Herzog insgeheim beraten und ihm den Plan von Siniga- glia eingegeben. Auch diese Ansicht ist später mehrfach vertreten worden. Sie zeigt nur, wie eingewurzelte Vorurteile das Auge für Tatsachen völlig blind zu machen vermögen. Da nun einmal Machiavelli als der Erfinder der skru- pellosen Staatskunst, als Berater aller Scheusale auf allen Thronen galt, so war es ausgemacht, daß auch die Untat von Sinigaglia, die wie ein Musterfall sei- ner Lehre wirkte, aus seinem Hirn stammen müsse. Das ist nicht nur ein Irr- tum, sondern genau das Gegenteil der Wahrheit. Ganz abgesehen davon, daß Cesare Borgia einen Lehrer auf diesem Gebiet nicht nötig hatte: Machiavelli hat in jenen Wochen nicht gelehrt, sondern – in seinem Sinne – gelernt. Er ist nicht der Berater des Herzogs gewesen, sondern, wenn wir so sagen dürfen, sein Errater. Mit fieberhafter Aufmerksamkeit verfolgt er den Gang der Ereignisse. Er viviseziert gleichsam das Geschehen, während es abrollt. „Wie man so etwas macht“, das ist sein brennendes Interesse bei der Sache. Seine Haltung ist dabei durchaus die des theoretischen Betrachters. Mitten in der Gesandtschaft schreibt er einmal nach Hause, man möge ihm den Plutarch schicken; es ist fast, als ob er jenes große Hilfsmittel, aktuelle Erfahrungen in die Ebene gültiger Einsichten zu erheben, den antiken Schriftsteller bei der Hand haben möchte. Wir sagten vorhin, daß die Begegnung mit Cesare Borgia für Machiavelli den Wert eines Experiments habe. Nun, Erkenntnisse liefert ein Experiment nur, wenn sein Gang theoretisch nachkonstruiert und auf rechnerische Formeln abgezogen wird. Eben darauf ist Machiavellis Geist gerichtet. Er kommt freilich damit fürs erste nicht zu Ende. Er gelangt nur bis zur typischen Vorform des wissenschaftlichen Begriffs, nämlich zum anschaulichen Bild. Das ist die Bedeu- tung der berühmten „Beschreibung“ (Descrizione del modo tenuto dal duca Valentine nello ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, il signor Pagolo e il duca di Gravina Orsini), die Machiavelli bald nach seiner Rückkehr

geschrieben hat. In ihr zieht er aus dem Erlebten die Summe, nicht mehr als amtlichen Bericht an die Zehn, sondern als theoretische Abhandlung. In ihr hat er den Ertrag des Experiments, noch sehr vorläufig, nämlich als Bild niederge- legt. Später, besonders im 7. Kapitel des Principe, hat Machiavelli den Akzent ganz auf die Tatsache gelegt, daß Cesare Borgia in der kurzen Zeit seines Glücks und seiner Herrschaft eine große positive Leistung vollbracht, nämlich in der Roma- gna Ruhe, Ordnung, Rechts- und Verwaltungssicherheit geschaffen, also mit einem Wort einen Staat aus dem Boden gestampft habe. Welche Bedeutung diese Akzentverschiebung für sein Bild von Cesare Borgia und für sein gesamtes Denksystem hat, wird später zu erörtern sein. In der Descrizione ist davon noch keine Rede. Hier liegt Machiavellis Interesse ganz auf der „Technik“, die ein von Verrätern umgebener Fürst anzuwenden hat, um sich durchzusetzen, zu rächen und neu zu befestigen. Man kann leicht eine ganze Reihe von Einzelzügen feststellen, in denen diese „Beschreibung“ von den geschichtlichen Tatsachen, sogar von den eignen Berichten Machiavellis abweicht. Alle Abweichungen gehen in der Richtung, daß die Planmäßigkeit, mit der Cesare verfahren sein soll, unterstrichen, zuweilen sogar widrige Zufälle in kluge Absichten des Hel- den umgedeutet werden. Diese Darstellung ist also kein Tatsachenbericht; zu einem solchen war Machiavelli nicht mehr verpflichtet, nachdem seine Mission erledigt war. Sie ist vielmehr ein Idealbild Cesare Borgias und seines Verfahrens – man verstehe dieses Wort im rein logischen Sinn; das Idealbild eines Mannes, der zwar ein Verbrecher ist, aber sich gerade darum in einer Welt von Verbre- chern mustergültig benimmt. Daß damit Machiavellis Haltung und Einstellung zu den Ereignissen von 1502 richtig gedeutet ist, ergibt sich schließlich aus seinen späteren Äußerungen über Cesare Borgia. Der Stern des großen Abenteurers war inzwischen rasch gesun- ken. Das Glück, das ihn emporgetragen hatte und auf das er sich verließ, hatte ihn verlassen. Alexander VI. war inmitten zahlloser Verbrechen und einer zwi- schen sämtlichen Mächten schwankenden Politik im August 1503 gestorben. Cesare Borgia lag zu gleicher Zeit todkrank darnieder. Dieses von niemandem erwartete Zusammentreffen war natürlich das Signal für alle Feinde der Borgia. Nach der kurzen Herrschaft Pius’ III. wurde Giuliano della Rovere: Julius II. gewählt, mit dem eine neue Epoche nicht nur in der Geschichte des Papsttums und Italiens, sondern Europas beginnt. Daß Cesare Borgia diese Wahl nicht zu verhindern gewußt, sie sogar gefördert hat, hat Machiavelli später als seinen Hauptfehler bezeichnet. In der Tat hat Julius II. nachdem er sich Cesares bedient hatte, bald gründlich mit ihm abgerechnet. Er ließ ihn festnehmen, und von Stund’ an zeigte sich, auf wie tönernen Füßen die Macht des abenteuerlichen Verbrechers gestanden hatte. Nicht einmal seine Haltung bewahrte er. Nachdem

er sich zuerst auf kleine Intrigen gelegt hatte, legte er sich als Gefangener auf unterwürfige Bitten und scheinheilige Entschuldigungen. Machiavelli ist damals nach Rom gesandt worden, um das Konklave und die ersten Schritte des neuen Papstes zu beobachten. Dabei sieht er Cesare Borgia wieder und hat Gelegenheit, sein Schlußwort über die gestürzte Größe zu spre- chen. Dieses Schlußwort ist völlig eindeutig, scheinbar überraschend, in Wahr- heit sehr konsequent. Kein Wort mehr von Bewunderung, vielmehr die nüch- terne Feststellung: dieser Mann ist erledigt. Auch andere Beobachter haben damals festgestellt, Cesare Borgia, der Glückgewohnte, sei durch seinen Sturz entschlußunfähig und beinahe wirr geworden. Machiavelli ist der gleichen Mei- nung. Er spielt mit dem nun Machtlosen, sofern er noch mit ihm zu tun hat, ein doppelbödiges Spiel und berichtet nach Florenz: man könne vorgehen, ohne sich weiter um ihn zu kümmern; er sei so gut wie tot. Es ist verfehlt, in diesen Urteilen Untreue zu sehen; denn zur Treue war Machiavelli hier wirklich nicht verpflichtet. Es ist aber auch verfehlt, in ihnen Inkonsequenz zu sehen; denn Machiavellis Bewunderung galt ausdrücklich immer nur dem Cesare Borgia, dessen konstitutive Eigenschaft das Glück war. Vor allem aber wird hier ganz klar, daß Machiavellis Bewunderung keine sitt- liche, sondern eine theoretische gewesen ist, daß das Bild von Cesare, das er aus Sinigaglia heimgebracht hat, für ihn den Wert eines begrifflichen Schemas hat und daß die ganze Begegnung, von ihm aus gesehen, ein großes Experiment ist. Ein Experiment mit hochgespannten Strömen ist dazu da, Gesetze zu erkennen. Es kann, soll und wird aber nie jene heiligen Schauer erregen, die ein reales Gewitter erregt, das die Luft reinigt und das Land segnet.

c) Die eigene Leistung und der Sturz

Die folgenden Jahre der Amtszeit Machiavellis werden wir kürzer behandeln. Nicht als ob der politische Inhalt dieser Jahre oder Machiavellis praktischer Anteil an ihnen minder bedeutend wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die zehn Jahre des Pontifikats Julius’ II. sind für die Kunst- und Kulturgeschichte von unabsehbarer Bedeutung: die großen Aufträge an Raffael und Michelangelo in Rom stammen von ihm; doch ebenso wichtig sind sie für die politische Geschichte. Dieser gewaltige Papst, eisern wie ein Krieger und kühn wie ein Jüngling, hält mit seinem Plan, der Kirche die entrissenen Gebiete zurückzu- erobern und sie zu starker weltlicher Macht zu erheben, ganz Europa in Bewe- gung. Dazu kommt das Eingreifen des Kaisers Maximilian in Italien, dazu die

neuen Phasen, die sich in dem Ringen zwischen Frankreich und Spanien erge- ben, und die Bildung jenes großen Ringes gegen Venedig, der in der Liga von Cambrai seine Form findet. Was aber Machiavelli betrifft, so wächst mit seiner Erfahrung und seinem Ansehen auch das Gewicht seiner Aufträge. Das ist schon deswegen der Fall, weil nach der Verfassungsreform von 1502 Soderini zum Gonfaloniere auf Lebenszeit gewählt und Machiavelli sehr bald der persönliche Vertrauensmann dieses gütigen und streng rechtlichen, freilich auch schwachen Staatsoberhauptes wird. Vor allem aber hat Machiavelli just in diesen Jahren diejenige Leistung getan, die mit Fug und Recht (und als einzige auf dem Felde der Praxis) sein Eigen genannt werden kann: die Reorganisation der florentini- schen Wehrverfassung. Doch im Sinne unserer früher entwickelten Fragestellung darf uns weder der Gang der politischen Geschichte noch Machiavellis Anteil an ihr als solcher beschäftigen; wir suchen vielmehr in seiner Praxis nur die Ansatzpunkte für die theoretische Wendung seines Geistes. Diese aber liegen bereits in den bisher geschilderten Jahren, und der klare Durchbruch seines theoretischen Interesses geschieht in der Begegnung mit Cesare Borgia. Neue Stücke und Stadien dessel- ben inneren Weges werden in den Gesandtschaftsberichten der folgenden Jahre sichtbar, doch beschränken wir uns jetzt auf die wichtigsten Punkte. Wir überblicken zunächst die diplomatischen Aufträge, mit denen Machiavelli beschäftigt wird. 1504 hat Machiavelli jenes erste Decennale geschrieben, die Zeitgeschichte der letzten zehn Jahre in Terzinen, nicht eben vollwertig im Vers, doch interessant im Inhalt. Das seltsame Gedicht endet in einer Schilderung der politischen Weltlage von 1504. So tief Machiavelli die Zerrissenheit und Über- fremdung Italiens im vergangenen Jahrzehnt beklagt, er sieht mit völliger Klar- heit, daß die Not Italiens und diejenige seiner Vaterstadt in Zukunft noch schwerer werden wird. „Jetzt schüttet Apoll seinen Rossen doppelte Gerste auf … Nicht einig sind die Reiche und die Machte, und sie können es nicht sein … Die Flamme, neu entzündet, wird diesmal bis zum Himmel schlagen.“ In diese Weltlage, deren schwere Gefahren er klar erkennt, wird Machiavelli mit den nächsten Aufträgen hineingesandt. Von der Gesandtschaft nach Rom, zur Zeit der Papstwahl, sprachen wir schon. Er sieht dort, im Gegenspiel mit seinem venetianischen Kollegen, die neue Machtkonstellation in ihren ersten Umrissen sich bilden und die Front gegen Venedig sich vorbereiten. Der nächste Auftrag (Januar / Februar 1504) führt ihn nach Frankreich, doch tritt er auf dieser seiner zweiten französischen Gesandtschaft stark hinter dem ordentlichen Gesandten zurück. Es folgen dann mehrere Missionen, die den Abschluß von Condotta-Verträgen oder die Verhandlung mit Söldnerführern, die im Dienste der Republik stehen, zum Gegenstand haben. Auf ihnen hat Machiavelli reich- liche Studien über die Treulosigkeit, die Geldgier und das typische Doppelspiel

der gewerbsmäßigen Söldnerführer machen können und sein Urteil, daß sie das Unheil Italiens seien, immer aufs neue bestätigt gefunden. Wir erwähnen von diesen Gesandtschaften nur die nach Siena zu Pandolfo Petrucci (Mai / Juli 1505), einem Mann, von dem niemand wußte, zu wem er eigentlich stand, der aber jetzt der Republik einen Soldvertrag angetragen hatte. Machiavelli soll diesen Herren aushorchen, so lautet sein Auftrag, und seine Briefe zeigen, wenn er auch nicht viel herausgebracht hat, jedenfalls dies, daß er inzwischen mit allen Hunden gehetzt, mit allen Wassern gewaschen und fähig geworden ist, auch mit solchen Existenzen, „bei denen man nichts oder wenig gewinnt, wenn man ihnen ins Gesicht sieht“, ebenbürtig zu verhandeln. Die nächste Gesandtschaft (August / September 1506) führt ihn zum Papst Julius II. der, nachdem er sich in Rom gedeckt hat, an der Spitze eines eignen Heeres ins Feld gezogen ist, um die Venetianer aus der Romagna zu vertreiben und durch Vernichtung der kleinen Tyrannen die Herrschaft der Kirche in ihrem Staat wiederherzustellen; tatsächlich ist er nach glänzender Durchführung dieses Plans im Jahr darauf wie ein Triumphator in Rom eingezogen. Es ist merkwürdig, daß die brillante und trotz aller Fehler großartige Persönlichkeit dieses Papstes Machiavelli kühl gelassen hat. Der verwegene Papst „mit der wilden und heftigen Gemütsart“, wie er ihn im Principe nennt, liegt ihm nicht, – obwohl er ihm zugesteht, daß alle seine Handlungen erfolgreich waren. Daß Machiavelli gleichwohl einen der wichtigsten Begriffe seiner Theorie des Politi- schen wesentlich an ihm abgelesen hat, werden wir sehen, wenn wir das 25. Kapitel des Principe analysieren. Von nun an werden die geschichtlichen Ereignisse in Italien immer gewaltiger, und die Probleme, denen Machiavelli auf seinen Gesandtschaften gegenübertritt, werden es auch; wobei ihm freilich die unscharfe und schwankende Politik der Republik, der er dient, immer peinlicher zum Bewußtsein kommt. Der Kaiser Maximilian kommt nach Italien, wie immer umstrahlt von dem unruhigen romantischen Glanze, den seine ritterliche Gestalt aussendet, und wie immer in Geldnöten. Er kommt mit dem Anspruch auf Mailand, mit dem Willen, sich zum Kaiser krönen zu lassen, und sogar mit weiterfliegenden phantastischen Zielen. Der Wille des Papstes, die italienischen Dinge in der Hand zu behalten, wird dadurch ebenfalls hochgetrieben, seine Politik in die Dimension der Welt- politik gesteigert. Ein Kampf von größtem Format bereitet sich offensichtlich vor, und Italien scheint von einem grausamen Schicksal zu dessen Schauplatz ausersehen. Die Republik Florenz steht von nun an zwischen den Forderungen, die der Kaiser im Namen des Reiches stellt, und ihrer traditionellen Freundschaft zu Frankreich wie zwischen zwei Feuern. Daß eine Gesandtschaft zum Kaiser notwendig ist, nicht nur um über seine Geldforderungen zu verhandeln, son-

dem auch um seine Schritte zu beobachten, versteht sich von selbst. Zu dieser Aufgabe wird nicht, wie es Soderinis Absicht ist, Machiavelli, sondern Fran- cesco Vettori bestellt, bezeichnenderweise mit der Begründung, daß Machiavelli der Günstling, der Spion, das Werkzeug Soderinis und darum als Berichterstat- ter nicht vertrauenswürdig sei. Die unterirdische Opposition nicht nur gegen Machiavelli, sondern gegen den Gonfaloniere selbst, dem in beinahe antiker Eifersucht Tyrannengelüste vorgeworfen werden, zeigt sich bei dieser Gelegen- heit zum erstenmal. Erst nachträglich ist Machiavelli dann doch Francesco Vet- tori zugeordnet worden. Der unmittelbare sachliche Inhalt der Gesandtschaft und der Berichte über sie ist in diesem Falle nicht das Wichtige. Es handelt sich da einfach darum, uner- müdlich um die Geldforderungen des Kaisers zu feilschen und laufende Nach- richten über sein Vorgehen und seine vermutlichen Pläne zu geben. Von größter Bedeutung aber ist die Sendung zum Kaiser für Machiavelli selbst geworden. Sie führt ihn an neue Erfahrungen heran und bezeichnet geradezu eine neue Phase seiner theoretischen Interessen. Am 17. Januar 1508 gibt er eine Beschreibung der Schweiz, besonders ihres politischen Gefüges. Er ist zwar nur wenige Tage dagewesen, hat aber die Augen weit aufgemacht, mit Leuten gesprochen und sich ein Urteil darüber zu bilden versucht, was „jeder der beiden Könige (der deutsche und der französische) von den Schweizern zu hoffen hat.“ Die Schweiz als Reservoir erstklassiger Infanterie: das war der Gesichtspunkt, unter dem dieses Land zu betrachten war. Am 8. Februar gibt er die erste Schilderung des Kaisers: er hat sie später mehrfach ergänzt. Er sieht sehr klar das Gewinnende seiner Persönlichkeit, seine hohen Gaben als Feldherr und Führer, doch auch die Sprunghaftigkeit seines Willens und seine Unfähigkeit, zu rechnen. „Er will, was er nicht haben kann, und was er haben kann, mag er nicht … Wären die Blätter der Bäume in Italien aus Gold, er würde damit nicht auskommen.“ Am Tage nach seiner Rückkehr von dieser Gesandtschaft hat sich Machiavelli hingesetzt und einen Bericht über Deutschland geschrieben, den er nachher zu den „Ritratti delle cose del’ Alamagna“ überarbeitet hat. Weniger exakt als die berühmten außenpolitischen Länderberichte der venetianischen Gesandten, ist diese Schrift dennoch ein Meisterwerk der Beobachtungskunst. Es ist falsch zu sagen, daß er Deutschland durch die Brille von Tacitus’ Germania gesehen habe und daß sich daraus sein Lobpreis der Schlichtheit, Härte und Kraft des deut- schen Lebens erkläre. Allerdings sieht er, der Sohn einer raffinierten Hochkul- tur, mit Neid und Bewunderung auf das gesunde, nüchterne, freiheitsliebende, waffentüchtige, dabei kunstfleißige Volk im Norden, und so ergibt sich eine Art taciteischer Situation. Doch der wesentliche Wert seiner Schilderung liegt darin, daß er mitten in der politischen Zersplitterung und Ohnmacht des Reichs die

unendlichen Reserven Deutschlands klar erkennt, seinen „Überfluß an Men- schen, Reichtümern und Waffen“. Die freien Reichsstädte sind ihm „der Nerv des Landes“. Die Deutschen sind ihm schlechthin „die besten Truppen für die offene Feldschlacht“. Die Fähigkeit, einem Lande sein potentiel de guerre anzu- sehen, tritt in der kleinen Schrift bewunderungswürdig zutage. Daß die Schilde- rung nicht in allen Punkten stimmt, ist selbstverständlich und ergibt sich schon daraus, daß er ja das eigentliche Deutschland nicht gesehen hat, sondern, außer in der Schweiz, nur in Tirol gewesen ist. Machiavellis Bericht über Deutschland ist, abgesehen von dem unmittelbaren Interesse, das wir an ihm nehmen, für uns deswegen so wichtig, weil er zwei Jahre später einen ähnlichen Bericht über Frankreich verfaßt hat (Ritratti delle cose di Francia). So sehr er die Deutschen bewundert, die Franzosen sind ihm im Grunde unsympathisch, trotz seiner Hinneigung zu Frankreich, die zu den Traditionen der florentinischen Politik gehört. Er hat sich später noch mannig- fach über den Charakter der Franzosen geäußert: sie seien augenblicksbestimmt, eher verschlagen als klug, noch geiziger mit ihrem Geld als mit ihrem Blut, großtuerisch und unzuverlässig, sehr demütig im Unglück, im Glück unver- schämt. Die eigentliche Bedeutung seines zusammenfassenden Berichts über die französischen Zustände besteht wiederum darin, daß er in einer Gesamtrech- nung, die trotz aller Fehler merkwürdig richtig ist, das militärisch-politische Potential dieses Landes abschätzt. Seine unbezweifelbare Macht in der gegen- wärtigen Weltlage beruht darauf, daß hier die Unteilbarkeit der Krone durchge- setzt, ihre Souveränität erstritten, ihr Kampf gegen die ständischen Mächte und gegen die zentrifugalen Bestrebungen siegreich beendet ist. Die Bindung des Adels an die Krone, aber auch die Bedeutung einer breiten Kleinbesitzschicht wird ebenso richtig gesehen wie die Tatsache, daß die derzeitige politische Machtentfaltung die substanzielle Kraft des Landes übersteigt; die militärische Tüchtigkeit der Franzosen wird im ganzen sehr gering veranschlagt. Diesen Bericht hat Machiavelli im Anschluß an seine dritte französische Gesandtschaft (Juni / September 1510) geschrieben; im September 1511 folgte ihr noch eine kurze vierte. Inzwischen waren alle die Ereignisse aufgebrochen, die der vielbewegte Beweger der italienischen Angelegenheiten, Papst Julius II. seit langem angelegt hatte. Die Liga von Cambrai zwischen dem Papst, dem Kaiser, Frankreich und Aragon hatte Venedig in schwere Bedrängnis gebracht und die Macht der stolzen Republik gebrochen. Doch die Uneinigkeit der Verbündeten und eine neue plötzliche Wendung des Papstes änderte die Lage bald völlig; nachdem er Venedig gedemütigt hatte, neigte er sich ihm zu und gab das Stich- wort aus: fort mit den Barbaren! In der Instruktion, mit der Machiavelli im Juni 1511 an den französischen Hof gesandt wird, spiegelt sich die ganze Schwierig- keit wider, in die Florenz durch die neue Konstellation der Mächte versetzt

worden ist. Es ist zwischen seiner alten Freundschaft zu Frankreich und der notwendigen Rücksicht auf den mächtigen Nachbarn, den Papst, eingekeilt, – unfähig, sich für einen von beiden zu entscheiden, ohne den andern, unfähig, neutral zu bleiben, ohne beide zu vergrämen. Machiavellis Berichte zeigen sich der Schwierigkeit der Lage durchaus gewachsen. Überdies sind sie reich an Stellen, an denen an Hand der aktuellen Meldungen grundsätzliche Ausführun- gen über Neutralität, Bundesgenossenschaft und andere politische Probleme gemacht werden. Wir brechen damit die (nicht ganz vollständige) Übersicht über Machiavellis diplomatische Gesandtschaften ab und wenden uns nunmehr, zeitlich zurück- greifend, dem Teil seiner Wirksamkeit zu, den er nicht mit Unrecht als seine eigenste Leistung empfunden hat, der Organisation der florentinischen Miliz. Machiavelli hat für die Bedeutung der Macht im staatlichen Geschehen von Anfang an ein sicheres Gefühl. Um so bitterer leidet er, wenn er immer wieder erkennen muß, daß Florenz Schaden nimmt, weil seine Macht materiell ungenü- gend oder unvollkommen ausgewertet ist. Die ersten ganz klaren und bündigen Formulierungen über die Macht im Staatsleben stehen in der Rede über die Beschaffung von Geldmitteln, die er 1503 entworfen hat. Es handelt sich da um die Auflegung einer neuen Steuer, aber Machiavelli prägt aus diesem Anlaß wuchtige Sätze von prinzipiellem Gehalt. „Das Schicksal ändert seinen Spruch nicht, wenn der Mensch sein Verfahren nicht ändert, und der Himmel kann und mag nicht erhalten, was zugrunde gehen will … Nie ist auf den Degen eines anderen Verlaß, man muß seinen eignen umgürten, solange der Feind noch fern ist.“ Damit ist das Thema angeschlagen, dem nun Machiavellis ganze Sorge gilt: die militärische Stärkung der Republik. Am Krieg mit Pisa haben sich die Gedanken Machiavellis über die Heeresreform gebildet und immer neu genährt. Dieser Krieg ist ein ewiges Leiden. Alle Schwankungen der großen Politik, jeder Auf- und Abstieg irgendeiner Macht, die Pisa stützt, um Florenz zu schädigen, alle Trübungen und Klärungen der Verhältnisse zu Frankreich wirken auf den Krieg ein – eben weil Florenz nicht stark genug ist, das Unternehmen aus eigner Kraft durchzubiegen. Dreimal bereits war die Eroberung Pisas in letzter Stunde fehl- geschlagen. Das erstemal 1499, als Vitellis Verrat den Erfolg sabotierte, das zweitemal 1500, als die französischen und Schweizer Söldner den Sturm auf halbem Wege aufgaben, das drittemal 1506, als Pisa sich mit spanischer Hilfe und durch eigne Tapferkeit hielt. Die französischen Hilfeleistungen hatten mehr als einmal versagt, die französischen Truppen beinahe immer enttäuscht. Machiavellis berechtigte Schlußfolgerung war, daß jeder Staat verraten und ver- kauft ist, der sich bei der Vertretung seiner lebenswichtigen Interessen und besonders bei der Führung eines notwendigen Krieges auf Bundesgenossen oder

Söldner verlassen muß. Seine Arbeit für eine nationale Miliz ist die positive Kehrseite dieser politischen Einsicht. Man kann erstaunt darüber sein und es als einen Zug von Kleinstaatlichkeit ansehen, daß Machiavelli, so sehr sich sein Weltblick inzwischen erweiterte, sich immer stärker auf den Krieg mit Pisa und auf seine Milizgedanken kaprizierte. In der Tat hat er die großen europäischen Mächte letzthin doch wohl vom Blickpunkt der italienischen Binnenfragen aus gesehen; sie sind Randerscheinungen in seinem politischen Denken geblieben. Doch der Krieg mit Pisa war nun einmal die nationale Angelegenheit, und übrigens steht hinter seiner Arbeit für die Wehrhaftmachung der Republik kei- neswegs nur dieser Krieg, sondern die Sorge darum, daß Florenz überhaupt ein eigenes Gewicht in die Waagschale zu werfen hat. Und diese Sorge war ange- sichts der Weltlage gewiß gerechtfertigt. Wir verfolgen die Geschichte des Kriegs mit Pisa nicht im einzelnen, sondern markieren nur den Punkt, an dem Machiavelli entscheidend in ihn eingreift. Die Fragen des Kriegswesens, die ja zum Geschäftsbereich seiner Kanzlei gehörten, hat Machiavelli von der ersten Stunde seiner Amtstätigkeit an mit ganz besonde- rer Energie und mit großem Verständnis angepackt. Er, der von Natur gewiß kein Soldat war, hat sich mit Feuereifer allen Aufgaben gewidmet, die der pisani- sche Krieg mit sich brachte, ob es sich nun um die Durchführung einer Belage- rung, um hinhaltende Operationen, um die Abschneidung der Zufuhr oder um die planmäßige Verwüstung des pisanischen Landgebiets handelte. Zwischen- durch hatte er sich für den unglückseligen Gedanken Soderinis erwärmt, den Arno umzuleiten und dadurch Pisa vom Meere abzuschneiden. Endlich 1506, nachdem der großangelegte Angriff auf Pisa wieder gescheitert war, reifte die Zeit für Machiavellis vaterländischen Plan, den er inzwischen durch eifrige Stu- dien in alle Einzelheiten hinein konkretisiert hatte. Nun beginnt er eine selbst- lose, unermüdliche Tätigkeit, in der er sich, wohl zum ersten- und einzigenmal in seiner Praxis, voll einsetzt, in einem gewissen Sinn sogar über sich selbst hinauswächst. Sein Argument, daß eine Miliz nicht zweitrangiges Militär zu sein braucht und daß die Berufssöldner, gerade weil sie das Handwerk allzu gut verstehen, im tieferen Sinne immer versagen, schlagen durch. Es gelingt ihm, den Gonfaloniere wenigstens zunächst zu einem schrittweisen Vorgehen zu bewe- gen, und auch bei anderen einflußreichen Männern wirbt er für seinen Gedan- ken. Er arbeitet einen Entwurf für die Einrichtung der neuen Miliz (ordonanza) aus, der dann im Dezember 1506 durch Beschluß des Großen Rates zum Gesetz erhoben wird. 30 Banner (bandiere) mit etwa 5 000 Eingeschriebenen werden im Stadtgebiet von Florenz gebildet, je drei bis fünf Banner einem Hauptmann (Connestabile) unterstellt. Über die Organisationsprinzipien der florentinischen Miliz werden wir später, wenn wir von Machiavellis Werk über die Kriegskunst sprechen, noch mehreres nachzutragen haben. Eine Bemerkung aber gehört

schon an diese Stelle. Der Kerngedanke der Heeresreform ist für Machiavelli zweifellos der, daß ein Volksheer, das aus ehrbaren Bürgersöhnen besteht und für seine Heimat kämpft, einem Söldnerheer, das sich aus landfremden Tunicht- guten und Unterweltsexistenzen rekrutiert, an sittlicher Kraft und an nationaler Einsatzbereitschaft unendlich überlegen ist 1 ). Insofern hat Machiavelli die Idee des Volksheeres als erster in der europäischen Neuzeit mit voller Klarheit erfaßt. In der Durchführung aber ist seine Heeresreform von dem, was wir ein Volks- heer nennen, sehr weit entfernt. Das Herrschaftsverhältnis der Stadt über ihr Territorium läßt es als unmöglich erscheinen, die Landdistrikte zu bewaffnen. Ein festes Vertrauensverhältnis zwischen den Hauptleuten und ihren Kompa- nien ist nicht erwünscht, sondern gerade unerwünscht; die militärischen Führer würden dadurch gefährlich werden, darum sollen sie alle Jahre wechseln. Vor allem die oberste Führung ist ein schweres Problem. Die alte Tyrannenfurcht macht jeden Mitbürger für diesen Posten unmöglich. Das Unbegreifliche geschieht: Don Michelotto, der grausame, blutgierige Henker Cesare Borgias, noch vor drei Jahren der Todfeind der Republik, wird zum Exerzier- und Zuchtmeister der nationalen Miliz gewählt, weil er die nötige Sachkenntnis besitzt und weil der Schrecken, den sein Name verbreitet, als Bürgschaft für die Disziplin des jungen Heeres gilt. Das Gesetz vom 6. Dezember 1506 setzt eine neue Behörde ein, die „Neun von der Miliz“; ihr Sekretär wird selbstverständlich Machiavelli, der Schöpfer des ganzen Werkes. Praktisch ruht auf ihm die ganze Last der Geschäfte. Er durchreist das Gebiet von Florenz, hebt aus, kleidet ein, besichtigt, verpflegt, bestraft. Seine Schöpfung wird in Florenz bald populär. Als die neuen Truppen dann vor Pisa eingesetzt werden, zunächst um das pisanische Gebiet zu verwü- sten, geht Machiavelli ins Lager und leitet die Aktionen. Seine formelle Stellung ist dabei lediglich die alte, seine tatsächlichen Vollmachten aber sind außeror- dentlich groß. „Wir haben alle diese Sorgen auf deine Schultern gelegt“, schrei- ben ihm die Zehn. So ist es denn sein ganz persönlicher Erfolg, als Pisa, von aller Zufuhr abge- schnitten und hart bedrängt, sich im Juni 1509 ergibt. Allerdings ist der Erfolg in erster Linie der günstigen allgemeinen Lage zu verdanken. Die Schwankungen der großen Politik, die das Unternehmen gegen Pisa so oft verzögert und geschädigt haben, arbeiten diesmal zugunsten von Florenz. Denn der allgemeine Krieg gegen Venedig zieht alle Mächte, die bisher für Pisa interessiert waren, ab, und diese Chance wird von den Florentinern gut ausgenützt. Immerhin: die neue Miliz hat ihre erste Probe bestanden, noch dazu in demjenigen Unterneh- men, an das die Republik ihre Ehre gesetzt hat, und Machiavellis Berichte aus

1 ) Siehe darüber die Schlußworte der Denkschrift (Villari I, 505).

dem Lager sind voll Lobes über sie. Das ist der einzige Punkt in seinem Leben, an dem er mit einer ganz persönlichen Autorität und Verantwortung hervortritt, der einzige sozusagen, an dem ihm ein Fackelzug hätte gebracht werden können. Nicht nur das geschah nicht, sondern die Anfeindungen gegen den emporstei- genden Vertrauensmann Soderinis nahmen beträchtlich zu, darunter Intrigen, die bis in sein Privat- und Familienleben hineinwühlten. Es ist begreiflich, daß Machiavelli selbst, doch auch viele andere den Wert der neuen Miliz überschätzten und dabei vergaßen, daß sie bisher nur belagert und verwüstet, nicht aber mit der blanken Waffe gekämpft hatte. Die Enttäuschung läßt nicht lange auf sich warten. Als die Miliz zum nächsten Male eingesetzt wird, und nun zum offnen Kampf, versagt sie völlig und ergreift die Flucht. Das geschieht bei der Verteidigung von Prato gegen die Spanier im August 1512, in dem Kampf, der über die Rückkehr der Medici, über den Sturz Soderinis und der Republik und damit auch, ganz nebenbei, über den Sturz des Geheimschrei- bers Machiavelli entscheidet. Damit schließt sich der Bogen zu dem, was wir früher die „Mitte“ von Machiavellis Leben genannt haben. Wir übersehen jetzt, daß die Katastrophe von 1512, die Machiavelli mitreißt, nicht so sehr in der inneren Entwicklung von Florenz, als in den Umständen der großen Politik ihre Gründe hat. Daß die Partei der Medici in Florenz an Boden gewinnt, die Anklagen gegen Soderini zunehmen, sogar eine Verschwörung gegen ihn vorfällt und im Jahre 1510 ein Republikschutzgesetz – was das bedeutet, wissen wir – nötig wird, das alles sind im Grunde nur Symptome für eine tiefgreifende Änderung der allgemeinen politischen Lage. Die Gefahren, die sich mit der neuen Wendung des Papstes gegen Frankreich um die Republik Florenz zusammenzogen und denen wir bereits bei der dritten französischen Gesandtschaft Machiavellis begegnet sind, werden immer drohender. Die Konzilsfrage, in der das an Frankreich gebun- dene Florenz notwendig gegen den Papst stehen muß, erschwert die Lage der Republik weiter. Als das französische Heer bei Ravenna, in jener ersten großen Schlacht der neueren Kriegsgeschichte zwar siegt, aber seinen Führer Gaston de Foix verliert und bald darauf aus fast allen seinen Besitzungen in Italien vertrie- ben wird, ist die Republik Florenz preisgegeben und hat ihr Spiel verloren. Machiavelli hat in all den Jahren, das Verhängnis voraussehend, die Verstärkung der Miliz, besonders die Schaffung einer Reiterei betrieben und arbeitet nun mit dem höchsten Eifer daran, Florenz in Verteidigungszustand zu versetzen. Der immer unschlüssige Gonfaloniere greift in dieser letzten Stunde durch und faßt den Entschluß, sich, die Stadt und ihre republikanische Freiheit mit Waffenge- walt zu verteidigen. Die Katastrophe von Prato entscheidet gegen ihn und gegen die Republik. Dem Scheine nach als private Bürger, in Wahrheit als die Herren der Stadt kehren die Medici zurück. Es ist nur eine ganz kleine Nebenhandlung

dieses Dramas, daß Machiavelli den Schreibtisch in der Kanzlei mit dem Schreibtisch in seinem Studierzimmer vertauscht.

d) Das Exil

Zur Zeit seiner Gesandtschaft zu Cesare Borgia, 1502, hat Machiavelli geheira- tet; aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor. Alles, was wir über sein Verhältnis zu seiner Familie zu wissen begehren, auch aus der Zeit, als er amtslos auf dem schmalen Landgut mit den Seinen zusammenlebte, müssen wir aus gelegent- lichen Andeutungen und zufälligen Brieffunden erschließen; das aber ist hier nicht unsere Aufgabe. Sicher ist, daß ihn seine Stellung als Ehemann und Fami- lienvater in keiner Weise bei seinen erotischen Seitensprüngen gestört hat. Nur sollte man diese Dinge, die in den Briefen an die Freunde mit Behagen breitge- treten werden, nicht als Zeichen einer abgründigen Lasterhaftigkeit Machiavellis ansehen, höchstens als Zeichen eines sehr lockeren Lebenswandels im Stile der Zeit und im Stile des Kreises, zu dem er gehört. Die wichtigste Quelle für die Jahre unmittelbar nach seinem Sturz ist der bereits erwähnte Briefwechsel mit Francesco Vettori, der florentinischer Gesandter in Rom ist. Vettori ist gewiß kein Freund Machiavellis im tieferen Sinn. Man gewinnt den Eindruck, daß er trotz der flehentlichen Bitten Machia- vellis sich nicht wirklich für ihn eingesetzt, nicht einmal ernsthaft für ihn ver- wendet hat; das würde der Doppelrolle, die er beim Umbruch gespielt hatte, gut entsprechen. Aber als Gegenredner in einem Briefwechsel über politische Fra- gen war er für Machiavelli in jenen Jahren unschätzbar, zumal da er in Rom an der Quelle saß und viel Zeit hatte. Denn kurz nach dem Wiedereinzug der Medici in Florenz war der Kardinal Giovanni de’ Medici als Leo X. zum Papst gewählt worden, und als Haupt der Familie führte er die florentinische Politik von Rom aus im wesentlichen selbst. Mehr schlau als bedeutend, jedenfalls aber auch ein wesentlich politischer Papst, verfolgte er von Anfang an zugleich inner- italienische und weltpolitische Ziele. An die ersteren werden wir Machiavelli sehr bald seine Hoffnungen und seine Gedanken anknüpfen sehen. In den letz- teren ist Papst Leo X. ohne Sicherheit, ohne klaren Blick und ohne großes Ziel. Er treibt eine ränkevolle Politik des Schwankens zwischen den Mächten, die um Italien kämpfen, verbündet sich mit England und Frankreich gegen Spanien, fädelt aber zu gleicher Zeit ein neues Bündnis zwischen Spanien, dem Reich und den italienischen Staaten ein, um den französischen König aus Mailand fernzu- halten.

Diese sehr wirren und mehrfach plötzlich umschlagenden Vorgänge sind der Gegenstand des Briefwechsels, den Machiavelli und Vettori führen. Wer diese Briefe liest, wird unmittelbar empfinden, wie leidenschaftlich Machiavellis poli- tisches Interesse ist, gerade jetzt, wo er von der Welt, in der die Schicksale der Staaten entschieden werden, abgeschnitten ist. Er gesteht das auch selbst immer wieder; er kann nicht anders als politisieren. Dabei ist seine denkerische Bewäl- tigung der politischen Lagen, die Prägnanz seiner Darstellung, die Leuchtkraft seiner Formulierungen in den Briefen viel größer als in den oft recht nüchternen Gesandtschaftsberichten. Kein Wunder: diese Briefe sind in aller Ruhe geschrie- ben, mit Genuß durchstilisiert, Kinder einer wenn auch unfreiwilligen Muße; und die Distanz, aus der sie geschrieben sind, kommt, so bitter sie für den Schreiber ist, ihrer Auffassungs- und Darstellungskraft zugute. Wie schlagkräf- tig weiß Machiavelli die handelnden Personen zu charakterisieren, wie treffsi- cher ist meist sein Urteil über die Hintergründe einer Allianz, über die Fernziele einer eben begonnenen Aktion, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Interessenausgleichs. Doch so geist- und lebensvoll diese Briefe sind, es liegt ein Hauch von Tragik über ihnen, und die Klagen und Bitten Machiavellis, die das politische Räsonnement oft unterbrechen, wären kaum nötig, uns diesen emp- finden zu lassen. Wir spüren, daß die politischen Reflexionen der beiden Män- ner, von denen der eine in einem recht müßigen Amt, der andere völlig aus- geschaltet ist, nachgerade etwas Spielhaftes und Nußknackerisches bekommen – eine sehr naheliegende und kaum vermeidbare Gefahr, wenn jemand als unver- antwortlicher Zuschauer, bloß kritisierend und vermutend, fern vom „Hand- werk“ (wie sie es selbst nennen), ohne die beständige Kontrolle der Tatsachen über Tagespolitik zu reden unternimmt. Wollte man hart sein, so könnte man sagen, daß diese Briefe am obersten Ende (freilich dank der genialen Natur Machiavellis ganz am obersten Ende) derjenigen Reihe stehen, an deren unter- stem Ende der politische Kannegießer steht. Wir greifen einige beliebige Beispiele heraus. In dem Brief vom 21. April 1513 stellt Vettori Machiavelli sozusagen eine Aufgabe. Spanien und Frankreich haben soeben einen Waffenstillstand geschlossen, der die Gemüter in Italien stark aufregt, zumal da die Absichten auf beiden Seiten völlig undurchsichtig sind, jedenfalls aber die Einigung zwischen den beiden alten Gegnern für Italien höchst gefährlich erscheint. Was steckt hinter diesem Waffenstillstand? fragte Vettori. Hat der Spanier einfach nicht aufgepaßt (denn auch die Großen machen viele Fehler), oder fühlt er sich so schwach, daß er Frankreich in Italien freie Hand lassen muß, oder wollen die beiden das arme Italien unter sich teilen? Ich bin heute morgen zwei Stunden länger im Bett geblieben und habe darüber nachgedacht, aber des Rätsels Lösung nicht gefunden. Finde du sie, Machiavelli, denn du bist gescheiter als alle andern. Könnten wir doch wieder einmal von

Ponte Vecchio durch die Via de’ Bardi bis Gestelle Spazierengehen und darüber diskutieren, was Spanien dabei im Sinn hat. Machiavelli geht auf das Rätselraten mit Begeisterung ein, und die Art, wie er seine Lösung gibt und begründet, zeigt eine so merkwürdige Mischung von systematischem Denken und konkreter Einfühlungskraft, daß man darin zugleich den Machiavelli, der damals an seinen Discorsi und am Principe arbei- tet, und den Machiavelli, der mit Passion den Gegner errät, wie in einem Schnappschuß erfaßt sieht. Es gibt zwei Möglichkeiten, schreibt er. Entweder der Spanier hat in diesem Falle unbesonnen gehandelt oder weise. Beides wäre an sich möglich, denn er ist mehr listig und glücklich als klug und arbeitet immer stark auf Prestige. In diesem Fall ergibt sich die glattere Lösung, wenn wir unterstellen, er sei klug gewesen. Dann hätte er sich mit jenem Waffenstillstand gegen den unmittelbaren Angriff Frankreichs sichern, dafür aber die italieni- schen Angelegenheiten neu auflockern und den Kaiser, England und die Schwei- zer zum Kampf gegen die Franzosen motivieren wollen. „Der Ausgang aller dieser Spiele“, schließt Machiavelli, „wird Euch zeigen, daß dem so ist.“ Der Verlauf der Ereignisse hat Machiavelli glänzend recht gegeben. Wer so denken kann wie Machiavelli, vermag eben die Dinge selbst dann richtig zu beurteilen, wenn er nicht mehr im „Handwerk“ steht. Doch das politische Rätselspiel, das die beiden betreiben, wird immer raffinierter. „Wenn Ihr den Papst, Frankreich, Spanien und die Venetianer verbündet, was hat dann der Papst zu tun?“, fragte Vettori am 27. Juni 1513. Das klingt nun schon beinahe, als wenn er fragte: Wenn Schwarz die Dame nach d 3 zieht und mit dem Turm Schach bietet, was hat dann Weiß für Gegenzüge? In den folgenden Briefen wird über die Frage diskutiert, ob unter der Voraus- setzung, daß alle Mächte an ihren wesentlichen Zielen festhalten, ein Friede zwischen ihnen zur Zeit möglich ist. Wir wollen die Welt in Ordnung zu brin- gen versuchen, heißt es, wir wollen einen Frieden mit der Feder zustande brin- gen. Ein Friedensspiel für beschäftigungslose Politiker! Machiavelli vertieft sich wieder mit Leidenschaft in diese Kombinationsaufgabe und verteidigt seine Lösung wie ein Löwe. Hier zeigen sich dann auch die materiellen Meinungsver- schiedenheiten zwischen den beiden Gegenrednern. Sie betreffen vor allem die Einschätzung der französischen Macht und ihrer Bedeutung für die italienischen Angelegenheiten. Machiavelli setzt verständlicherweise noch immer in einem gewissen Sinne auf Frankreich, obwohl er sich gegen den Verdacht der Franko- philie ausdrücklich verteidigt – und auch das kann man aus der Machtlage in Florenz und in Rom leicht verstehen. Weitere Differenzpunkte zwischen Vet- tori und Machiavelli bestehen darin, daß Vettori eine Heidenangst vor den Türken hat: wer könne wissen, ob sie nicht, während die christlichen Mächte sich gegenseitig zerfleischen und überlisten, eines Tages Italien überrennen wür-

den. Machiavelli dagegen erblickt, auf die Weite gesehen, die größte Gefahr in dem „deutschen Strom“, der von Norden komme, d. h. in den Schweizern. Während Vettori der festen Meinung ist, sie gingen bloß aufs Geld, seien für jeden käuflich und darum als eigne politische Macht nicht zu fürchten, vertritt Machiavelli die These, daß die freie und krieggeübte Republik („wie alle Men- schen, besonders alle Republiken“) in ihren siegreichen Kämpfen die Süßigkeit des Herrschens schmecken, sich in der Lombardei festsetzen und dann geradezu die Schiedsrichter und Herren des heillos uneinigen Italiens werden würden. Machiavelli begründet das mit dem allgemeinen Satz, daß das am besten bewaff- nete und krieggeübte Volk in der Geschichte immer den Ausschlag gebe. Der allgemeine Satz ist richtig, seine Anwendung in diesem Falle falsch. Wer der praktischen Politik fernsteht, verliert eben doch früher oder später das Augen- maß und wird der Sklave seiner theoretischen Einsichten. Der starke Eindruck, den jeder Leser von dem Briefwechsel Machiavellis mit Francesco Vettori empfangen wird, doch auch jener Hauch von Tragik, der über ihm liegt, steigert sich noch einmal, wenn wir bedenken, daß die Zeitereignisse, von denen der Briefwechsel handelt, für Machiavelli nicht nur der natürliche Gegenstand seines politischen Interesses sind, sondern noch eine viel tiefere Bedeutung haben: eine Bedeutung, in der sich seine egoistischen Wünsche und seine patriotischen Ziele aufs engste verbinden. In der ewig schwankenden Poli- tik Leos X. gibt es eine konstante Linie, nämlich den Willen, aus dem politischen Geröll Mittelitaliens einen neuen Staat unter der Herrschaft der Medici zu bauen; worin sich die Sorge um die Größe seines Hauses und die Sorge um die Macht der Kirche nicht ganz klar vereinigen. Der Plan, aus Modena, Parma und andern Stücken diesen Staat zu bilden, taucht früh auf; am 31. Januar 1515 schreibt Machiavelli brennend interessiert darüber an Vettori. Als Fürst für diesen Staat ist erst Giuliano, der Bruder des Papstes, dann der junge Lorenzo, der Neffe beider, ausersehen: die beiden Medici also, denen Machiavelli seinen Principe hat widmen wollen bzw. gewidmet hat. Diese Hausmachtpläne der Medici werden für Machiavelli nun der Angelpunkt seiner Hoffnungen und seiner Gedanken. Er verspricht sich von ihnen ein Amt für sich selbst, gewiß. Aber er sieht in ihnen auch den ersten Schritt zur Konsolidierung einer italieni- schen Mitte und geradezu den Beginn für die Einigung des zersplitterten Vater- landes; auf welchen Wegen und Umwegen und mit welcher Überschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten werden wir später sehen. So ist der Briefwechsel dieser Jahre doch nicht nur politisches Räsonnement (weil die Katze das Mausen nicht lassen kann), sondern leidenschaftliche Suche nach neuen Ufern im Sturm der Zeit – auch für sich selbst, wie gesagt, aber vor allem für Italien. Über Florenz hinausgewachsen, zum Italiener geworden, glaubt Machiavelli jetzt Ziele und Wege zu sehen, die es noch nicht gab, als er „in den Geschäften“ war.

Das gibt den oft sehr abstrakten und sogar spielerischen Gedankenkünsten der Briefe ihren tragischen Unterton. Doch es gibt auch – wir erinnern an unsern Anfang – den theoretischen Werken, die zur gleichen Zeit entstehen, ihre Nähe zum konkreten Geschehen und ihren substanziellen Gehalt. Am 3. Dezember 1514 fragt Vettori Machiavelli, was der Papst seiner Mei- nung nach in folgender Lage tun solle (folgt eine Skizzierung der tatsächlichen Machtlage, wie sie Ende 1514 war). Die Antwort soll dem Papst vorgelegt werden. Machiavelli hat sich bei der Beantwortung der Frage Vettoris diesmal ersichtlich besondere Mühe gegeben. Er gibt in zwei Briefen ein großartiges Expose über die Lage und über die mögliche Politik des Papstes. Vettori hat diese Briefe tatsächlich vorgelegt, doch was er, jedenfalls aber Machiavelli damit beabsichtigt, blieb völlig aus; er blieb so verbannt und vergessen wie zuvor. So oder ähnlich scheitern nun zehn Jahre lang alle Bemühungen Machiavellis, die politische Bühne wieder zu betreten. Bestenfalls kommt es zu belanglosen Gastspielen auf ihr, obwohl der Kardinal Giulio de’ Medici durchaus ein gewis- ses Wohlwollen für ihn zeigt. Es ist zum Beispiel ohne tiefere Bedeutung, daß Machiavelli 1519 und dann noch einmal 1523 von ihm über die Reform der Verfassung von Florenz gefragt wird; denn sehr viele werden danach gefragt, und beim zweitenmal, am Vorabend einer Verschwörung gegen die Medici, ist diese Frage vielleicht nur eine schlaue Falle gewesen, die der Kardinal seinen Gegnern stellte. Machiavellis Gutachten bedeutet den Versuch, die republikani- sche Freiheit der Stadt mit der tatsächlichen Alleinherrschaft der Medici zusam- menzukonstruieren; eine Quadratur des Zirkels also. Sein fein ausgedachter, aber allzu künstlicher Gedankengang ist, den Medici zunächst den alleinigen Einfluß auf die Besetzung aller wichtigen Ämter und damit die unumschränkte Herrschaft in der Stadt zu sichern, zugleich aber das Volk durch Aufrechterhal- tung der republikanischen Formen zur Freiheit zu erziehen, damit es sich dann nach dem Tode der Medici selbst regieren kann. Wie man auch über den theore- tischen Wert dieser Denkschrift urteilen mag, praktisch ist sie jedenfalls bedeu- tungslos gewesen. Guicciardinis gleichzeitige Vorschläge für die Reform der florentinischen Verfassung waren viel klüger, einfacher und nützlicher. Herzlich unbedeutend sind vor allem die praktischen Missionen, die die Gunst des Kardinals Machiavelli zuwendet. Er wird einmal nach Lucca geschickt, um eine uneinbringbare Schuldforderung einiger florentinischer Kaufleute durch Verhandlungen mit den Behörden der Republik Lucca locker zu machen. Machiavelli hat den undankbaren Auftrag benutzt, um die Verfas- sung der Stadt zu studieren und eine Skizze über sie zu schreiben. Außerdem hat er damals die Lebensbeschreibung des Castruccio Castracani verfaßt, eines abenteuerlichen Eroberers und kühnen Soldaten, der im Anfang des 14. Jahr- hunderts Herr von Lucca gewesen ist. Diese berühmte kleine Arbeit ist ein

merkwürdiges Mittelding zwischen Biographie und Roman. In die historische Figur werden Züge aus der Lebensbeschreibung des Agathokles bei Diodorus Siculus, außerdem freie Erfindungen hineingespiegelt, die Machiavellis politi- sche und militärische Thesen, zum Beispiel den Vorrang der Infanterie vor der Reiterei beweisen sollen. Wie die Sendung nach Lucca sind auch die andern Aufträge, zu denen Machiavelli herangezogen wird, an seinen politischen Ambitionen und sogar an seinen früheren praktischen Leistungen gemessen, so unbedeutend, daß sie bei- nah wie die Karrikatur einer Rehabilitation wirken. Den einen dieser Kleinauf- träge, seine Sendung zu den Franziskanern in Carpi, hat Machiavelli selbst nur komisch genommen. Sein sehr witziger Briefwechsel mit Guicciardini über diese Staatsaktion mit der „Barfüßerrepublik“ ist das einzig Wichtige an der Angele- genheit. So liegt das Gewicht dieser Jahre der Reife und des Exils eindeutig auf den theoretischen Schriften. 1513 hat Machiavelli gleichzeitig die Betrachtungen über die erste Decade des Livius (Discorsi) und jenen kleinen Traktat de princi- patibus, von dem in dem Brief an Vettori die Rede ist, also den Principe begon- nen. Der Principe war im Dezember 1513 in der ersten Redaktion fertig, an den Discorsi hat Machiavelli etwa acht Jahre gearbeitet. Beide Werke sind erst nach seinem Tode gedruckt worden. Der Principe hat wahrscheinlich nicht einmal seinen unmittelbaren Adressaten erreicht. Giuliano de’ Medici, dem er zuerst gewidmet werden sollte, starb 1516, und ob das Buch dem jungen Lorenzo, dem es dann gewidmet worden ist, je überreicht wurde, wissen wir nicht. Die Discorsi dagegen fanden sehr bald ein Publikum, und kein verächtliches. Machiavelli hat Stücke aus ihnen in dem Park der Familie Rucellai vorgelesen, einem jener literarischen Zirkel, in denen sich das gesellschaftliche und geistige Leben von Florenz abspielte. Vornehme und gebildete, auch gelehrte und poli- tisch einflußreiche Männer und Jünglinge versammelten sich dort, fast alles Freunde der Medici; daß Machiavelli in diesen Kreis eingeführt wurde, bedeutet für ihn auch eine Annäherung an das herrschende Haus. Aus diesem Kreis ist dann später nach dem Tode Leos X. die Verschwörung gegen den Kardinal von Medici hervorgegangen, die viele alte Anhänger der Freiheit, doch auch viele Freunde der Medici umfaßte und hinter der die Soderini standen. Ob nicht auch die republikanischen Thesen, die Machiavelli in seinen Discorsi vorgetragen hatte, in den Gemütern der Verschworenen anstachelnd gewirkt haben, ohne daß er es wollte und ahnte? Doch diesmal, wo man eine mittelbare intellektuelle Urheberschaft konstruieren könnte, ist er durch die Verschwörung, die scharf und blutig unterdrückt wurde, nicht belastet oder geschädigt worden. Den Orti Oricellarii hat Machiavelli ein schönes literarisches Denkmal gesetzt. Das geschah in seinem dritten Hauptwerk, den sieben Büchern über die

Kriegskunst, die um das Jahr 1520 vollendet, 1521 in Florenz gedruckt worden sind. Sie sind als ein Gespräch in jenem Kreise gestaltet. Der Gedanke der florentinischen Miliz, ihr großes Vorbild, das römische Heer, und die Fragen des Kriegswesens überhaupt sind gewiß eines der Hauptthemen gewesen, um die sich unter Führung Machiavellis jene Gespräche bewegt haben. Das vierte große Werk Machiavellis ist die Geschichte von Florenz, mit der er im November 1520 von den Leitern des Studio beauftragt wurde, und für die ihm dann der Kardinal von Medici, als er Papst Clemens VII. geworden war, ein weiteres Stipendium erteilt hat. Die Tatsache, daß die Gunst der Medici, die er so eifrig erstrebte, und die sich ihm allmählich zuzuneigen begann, ihm nie einen praktischen Auftrag von einiger Wichtigkeit, dagegen den sehr ehrenvollen wis- senschaftlichen Auftrag, die Geschichte von Florenz zu schreiben, eingebracht hat, unterstreicht nochmals, daß das theoretische Leben sein Schicksal, sein Werk der Sinn seines Lebens geworden ist. Neben den vier großen Werken entstehen in den Jahren nach 1512 viele kleinere, darunter die poetischen Werke, vor allem die Komödien. Wir greifen aus ihnen nur die wichtigste, die Mandragola, heraus, die in der italienischen Literaturgeschichte einen guten Platz hat und von einigen unter die besten italie- nischen Lustspiele gerechnet wird. Ein smarter junger Mann, Callimaco, kommt von Paris nach Florenz zurück, von heißem Verlangen erfüllt nach Lucrezia, der Gattin des Nicia Calfucci. Leider ist Lucrezia ein Musterbild der Tugend. Calli- macos einzige Chance liegt daher in der Albernheit des Herrn Gemahls und in dem Wunsch des Ehepaars nach einem Kind. Ligurio, Schmarotzer im Hause Calfucci und typisches Lustspielfaktotum, mischt die Karten für das Spiel. Calli- maco wird als berühmter Arzt eingeführt; er weiß einen Trank aus der Alraun- wurzel (Mandragola), der der Lucrezia zu einem Kind verhelfen wird; nur muß leider der, der ihr nach dem Trank zuerst nahekommt, sterben. Man wird also irgendeinen jungen Kerl von der Straße aufgreifen müssen und ihm die eine Nacht gönnen, die ihn zum Tode verurteilt. Dieser Kerl wird natürlich Calli- maco selbst sein, der das eine wünscht und das andre nicht fürchtet. Bleibt noch eine, die größte Schwierigkeit, Lucrezias Tugend. Hier hilft Fra Timoteo, der Beichtvater, der mit seiner vom Dichter liebevoll durchgeführten scheinheiligen Rabulistik klipp und klar aus den heiligen Schriften beweist, daß ein sicheres Gut vor dem ungewissen Übel den Vorzug habe und daß nicht der Körper, sondern der Wille sündige, der Wille aber in diesem Falle gut sei. Man hat ihn die Hauptfigur der Komödie genannt, weil die anderen mit ihrer List nur den Ehemann täuschen, er aber das Haupthindernis, Lucrezias Keuschheit, siegreich überwindet. Das happy end besteht darin, daß nicht nur der Plan, sondern wesentlich mehr gelingt: Callimaco verläßt am Morgen als begünstigter Liebha- ber das Haus, alle sind zufrieden und der Mönch spricht seinen Segen.

Ist die Mandragola wirklich, wie man gesagt hat, die Komödie derjenigen Gesellschaft, deren Tragödie der Principe ist? Vielleicht ist damit das sehr gewandte Lustspiel etwas zu hoch bewertet. Doch etwas Wahres liegt in jeder Formel. Der Dichter hat ein ganz sicheres Gefühl für die Struktur und das innere Funktionieren einer durch und durch korrupten Gesellschaft. Er weiß haarscharf, wie in einer solchen Welt gespielt werden muß, weil er erkannt hat, welche Gelenke in ihr ausgeleiert sind, was also „Verderbnis“ ist. Die Maximen des Erfolgs richten sich genau nach der Struktur des Feldes; Werte, die im Gelenk brüchig sind, wirken auch nicht mehr; die Korruption hat ihre eigne Logik: diese Sätze, die wir in den systematischen Werken in aller Tiefe durchge- führt finden werden, spricht die satirische Zeitkomödie, sehr bitter, in einer eleganten ästhetischen Verhüllung aus. In den letzten Jahren seines Lebens, von 1525 an, scheint sich das Glück Machiavelli noch einmal zuwenden zu wollen, doch der Schein trügt. Wieder sind die militärischen Fragen sein hauptsächliches Betätigungsfeld. Als im November 1523 der Kardinal von Medici als Clemens VII. Papst wird, beginnt ein verhängnisvolles Pontifikat. Nach der schweren Niederlage der Franzosen bei Pavia und der Gefangennahme Franz I. scheint die Stunde für eine nationale Sammlung und Befreiung Italiens nicht ungünstig zu sein. Denn in Frankreich schwillt der Ruf nach Revanche an, und von vielen Seiten wird der Gedanke des nationalen Unabhängigkeitskrieges an den Papst herangetragen; gleichsam als sollte sich Machiavellis Aufruf im letzten Kapitel des Principe doch noch bewahrheiten. Doch Clemens VII. zeigt sich der großen Stunde in keiner Weise gewachsen, das gegenseitige Mißtrauen und die tiefwurzelnde Zwietracht der italienischen Mächte verdirbt das Unternehmen von Anfang an, Pescaras Dop- pelspiel und Morones Verrat kommen hinzu, und so endet im ärgsten Zerfall Italiens und in der schwersten Zerrüttung der öffentlichen Moral, was als Wille zur Befreiung des Vaterlandes begonnen hat. In diesen Ereignissen hat Machiavelli noch einmal für seinen alten Gedanken der Volksbewaffnung mit ganzem Einsatz geworben, und er hat sogar das Ohr des Papstes erreicht. Guicciardini, der kühle Betrachter, ist von Anfang an skep- tisch: der Gedanke sei edel, aber ein Volksheer müsse auf der Liebe des Volkes beruhen, und diese sei in der Romagna nicht vorhanden. Nicht für den großen Gedanken einer italienischen Volksbewaffnung also, doch für den kleineren, Florenz in den Verteidigungszustand zu versetzen, hat Machiavelli am Ende seines Lebens noch einmal wirken dürfen. Er tut es mit der alten Hingabe, „den Kopf voller Bastionen“. Zum zweitenmal wächst sein Eifer für das Vaterland über die bescheidene Stellung eines Procurator murorum und über die Grenzen seiner Natur hinaus zu selbstloser Größe. Als die Kaiserlichen auf ihrem Rück- marsch von der Plünderung Roms Florenz bedrohen, rüstet sich die Stadt zum

Kampf für ihre Freiheit: endlich also geschieht das, wofür Machiavelli mit Werk und Wort und Schrift gearbeitet hat. Es geschieht bereits ohne ihn, und die kurze Zeit seiner zweiten Wirksamkeit wird die Ursache seines zweiten Sturzes. Im Mai 1527 hat ein allgemeiner Auf- stand die Medici aus Florenz vertrieben und die Republik wiederhergestellt. Machiavelli aber gilt jetzt als der Parteigänger und soeben arrivierte Günstling der Medici – auch bei solchen, die sehr rasch wieder von den Medici auf Repu- blik umgeschworen haben. Seit längerem krank, nun völlig gebrochen, stirbt er am 22. Juni 1527, 58jährig. Erst im 18. Jahrhundert, als sein Name zu neuem Ruhm auferstanden war, ist ihm in Santa Croce, wo er begraben ist, das Denk- mal errichtet worden mit der Inschrift: Tanto nomini nullum par elogium.

II. Das Werk

1. Die Discorsi und der Principe

Die folgende Darstellung und Deutung der Werke Machiavellis geht von der Überzeugung aus, daß sein Werk eine Einheit ist. Machiavelli ist zwar kein Mann der strengen Wissenschaft, geschweige denn ein systematischer Denker. Aber seine großen Werke, besonders die Discorsi und der Principe, zeigen jene innere, lebendige Einheit, die ein baukräftiges Denken in sich trägt, das sich von einem Mittelpunkt aus in die Mannigfaltigkeit der Gegenstände hinein- und durch sie durcharbeitet. Vielschichtig ist Machiavellis Denken, widerspruchsvoll nicht. Da es zudem den ganzen Schwung und Reiz des ersten Anfangs, der kühnen Entdeckung an sich trägt, scheut man sich beinahe, es ausdrücklich zu systematisieren, und das würde auch kaum vollständig gelingen. Dagegen ist es kein müßiges und kein pedantisches Beginnen, die innere Einheit dieses Werkes aufzuweisen. Denn der Vorwurf, daß er sich widerspreche, nach dem Umbruch anders rede als zuvor und seine Thesen auf den Adressaten einstelle, ist jahrhun- dertelang gegen Machiavelli erhoben worden und noch heute nicht verstummt. Besonders zwischen den Discorsi und dem Principe fand man die berühmten „Widersprüche“. Denn ein gesinnungstüchtiger Mann ist bekanntlich entweder ein Republikaner oder ein Monarchist. Schreibt er nun gar über Politik, so hat er erst recht ganz klar das eine oder das andere zu sein. Ist er beides oder erst das eine und dann das andere, so ist es ihm entweder nicht ernst, oder er hat seine politische Gesinnung gewechselt, oder er heuchelt in einem der beiden Fälle. Da man nun findet, daß die Discorsi das Lob der Republik singen, der Principe aber zwar vielleicht nicht das Lob der Monarchie singt, aber die Monarchie (und was für eine) als selbstverständlichen Ausgangspunkt nimmt und ihr dienstwillig seine Ratschläge (und was für welche) erteilt, so hat sich Machiavelli offenbar „widersprochen“; und da man ihm im Zweifelsfalle immer das Schlechtere zuzutrauen gewohnt ist, wirft man ihm lieber Heuchelei vor als Unernst oder Gesinnungswechsel. Die Voraussetzung dabei ist, daß die Verfassungsfrage die Kernfrage der poli- tischen Weltanschauung ist und daß es allgemeine Normen gibt, nach denen sich der Mensch für die eine oder andre Verfassung entscheiden kann, daher zu entscheiden hat. Das ist typisch unpolitisch gedacht. Wir werden sehen, daß Machiavelli, gerade weil er politisch denkt, Verfassungen nicht von allgemeinen

Normen, sondern von konkreten Lagen und Aufgaben aus beurteilt und damit das Verfassungsproblem nicht etwa relativiert, sondern allererst richtig stellt. Der größte Teil der sogenannten Widersprüche fällt weg oder tritt vielmehr gar nicht auf, wenn man Machiavellis Werk von seinem eignen Mittelpunkt und Ansatz aus begreift; und das ist in diesem Falle nicht ein objektives „Verstehen“, sondern heißt: sich von Machiavelli zu demjenigen Urphänomen hinführen las- sen, das er für das moderne Denken entdeckt hat, zum Politischen. Zugegeben, daß sich nicht alle Widersprüche in Machiavelli damit lösen. Was bleibt, ist jener Widerspruch, der zu einem Menschen gehört, und jener andere, den der über- schwengliche Blütenreichtum eines Frühlings, wie in der Natur so in einer Wissenschaft, mit sich führt. Gegen diese beiden Widersprüche haben wir unse- rerseits nichts zu bemerken. Während die meisten geschichtlichen Beispiele im Principe der jüngsten italie- nischen Geschichte entnommen sind, liegt in den Discorsi zwar nicht aus- schließlich aber überwiegend die römische Geschichte als anschauliches Tatsa- chenmaterial zugrunde, und die zeitgenössischen Beispiele dienen meist als Gegenbild zu den leuchtenden Vorbildern des Altertums. Dieser Umstand zwingt uns, kurz jene Andeutung aufzunehmen, die wir früher über die Rolle des Altertums im Renaissancedenken gemacht haben. Die oft erörterte Frage, was Machiavelli an antiken Schriftstellern und an antiker Geschichte gekannt, wie falsch oder richtig er beide aufgefaßt hat, was er von Aristoteles, von Poly- bios und anderen gelernt oder übernommen hat, werden wir ganz draußen lassen. Die Tatsache aber, daß dieses erste große Werk der modernen politischen Wissenschaft dem Titel und der äußeren Anlage nach ein (freilich sehr wuchern- der) Kommentar zu den ersten zehn Büchern des Titus Livius ist, bleibt doch sehr bedeutsam. Diese Tatsache hat zugleich eine inhaltliche und eine methodische Bedeutung. Rom, besonders die römische Republik der ersten Jahrhunderte, ist für Machia- velli das leuchtende Vorbild völkischer Kraft, staatlicher Macht, sittlicher Tüch- tigkeit, politischer Ordnung und zielklaren, langfristigen politischen Handelns. Dazu aber kommt, daß sich der Rückgang auf das Altertum, wie wir früher sagten, als das große Denkmittel erweist, Empirisches in Gültiges, Einzelnes in Allgemeines umzudenken. Man adelt höchst empirische Liebeserlebnisse, indem man sie durch den reinigenden und verstärkenden Filter tibullischer und ovidi- scher Verse sieht. Man adelt die eignen politischen Erfahrungen, indem man sie durch die Gestaltenfülle der römischen Geschichte wie durch ein ganz konkretes Kategoriensystem hindurchschickt. Man adelt sie, das heißt, man hebt sie in die Sphäre des nicht mehr bloß Zufälligen, des Gestalteten, des Gültigen hinaus, und zwar gerade nicht dadurch, daß man sie abstrakt verallgemeinert, sondern dadurch, daß man sie konkret normiert. Das Altertum ist der unerschöpfliche

Vorrat der Normbilder, durch deren Zwischenschaltung man die eignen Erfah- rungen zu mehr-als-eignen Einsichten reinigt, ohne sie theoretisch zu zerdenken und abstrakt zu verflüchtigen. Das mag, vom Ideal der systematisch vollendeten Wissenschaft aus gesehen, eine Vorstufe sein. Aber so ist der Geist der Neuzeit zu seinem Bewußtsein erwacht, und mehr: so erwacht der Geist zu seinen Einsichten immer und notwendig. Wie sich Machiavelli auf jenen Vormittags- spaziergängen an Hand der Dichter seiner Erlebnisse erinnerte, so erinnerte er sich an jenen Abenden im Gespräch mit den Alten seiner politischen Erfahrun- gen. Platon hat gesagt, was „Gespräch“ und was „Erinnerung“ in diesem großen Sinne ist. Dialektik und Anamnesis, Aufbruch der gültigen Wahrheit im leben- dig geprüften Einzelnen. Der Begriff Renaissance gehört notwendig zu diesen beiden. In der Widergeburt des Alten gestaltet sich das Neue.

a) Technik des politischen Handelns

In vielen Kapiteln der Discorsi und an mehreren bedeutsamen Stellen des Prin- cipe tritt eine charakteristische Fragestellung und Denkweise zutage. Wir heben sie als erste Schicht in Machiavellis Werk hervor. Sie ist bei ihm immer vorhan- den und immer wirksam. Wird sie dagegen, was häufig geschieht, als einzige Ebene genommen, auf der sich Machiavellis Denken bewege, oder auf die alle seine Gedanken zu projizieren seien, so ergeben sich grobe Mißverständnisse, ja völlig sinnlose Deutungen. Wir geben zunächst einige Beispiele, wobei es uns nur nebenbei auf den Inhalt, in erster Linie auf die Denkweise Machiavellis ankommt, und arbeiten dann die durchgehende Denkform als solche heraus. In Discorsi I, 26 stellt Machiavelli die Regel auf, jeder, der Fürst eines Staates werde, müsse, um sich auf dem Thron zu behaupten, zunächst einmal alles neu einrichten, wie er ja auch selbst ein neuer Fürst sei. Er müsse neue Obrigkeiten mit neuen Namen einsetzen, die Armen reich machen, neue Städte erbauen, alte zerstören, Menschen verpflanzen, überhaupt möglichst nichts im Lande auf seinem Fleck lassen. Grausame Mittel freilich, sagt Machiavelli, aber wer in der Macht neu ist und sich darin behaupten will, dem bleibt nichts anderes übrig. Denn im Alten sitzen immer Widerstände. In Discorsi I, 30 wird folgendes Problem gestellt und gelöst. Wenn ein Fürst nicht, wie es das Richtigste ist, seine Feldzüge selbst leitet, sondern sich dazu eines Feldherrn bedient, wie hat er sich dann zu verhalten, wenn dieser Feldherr siegreich zurückkehrt? Ein schwieriger Fall für unsern Fürsten. Es gibt da kei- nen besseren Rat als den, den „er selbst finden wird“. (Man sieht, Machiavelli

versteht sich auf die Kunst, Ratschläge zu erteilen, ohne sie auszusprechen.) Doch nun der Feldherr. Für ihn gibt es zwei Möglichkeiten und nur zwei. Entweder er legt gleich nach dem Sieg seine Würde und seine Macht nieder, dann wird ihm wenigstens nichts geschehen – oder er tut dreist das Gegenteil, versichert sich der Soldaten, schließt eigne Bündnisse mit den Nachbarn, besetzt die Festungen und bestraft auf diese Weise seinen Herrn und Auftraggeber „für den Undank, den dieser ihm bezeigen würde, wenn er könnte.“ Das Kapitel Discorsi I, 40 gibt ein besonders wichtiges und breit durchgeführ- tes Beispiel für das Problem: wie eine Machtgruppe in einem Staat zwischen dem Adel und dem Volk zu lavieren hat, und wie diese sich gegen die Aufrichtung einer Tyrannis zu wehren vermögen. In Anschluß an Livius erzählt Machiavelli die Geschichte der römischen Decemvirn (451 v. Chr.). Er findet diese Geschichte deswegen so lehrreich, weil alle darin Beteiligten alle erdenklichen Fehler gemacht haben: Appius Claudius hätte sich, als er in außenpolitischer Gefahr der Hilfe bedurfte, nicht zu den Patriziern, sondern zum Volk schlagen müssen; der Senat aber und das Volk machten den Fehler, aus gegenseitiger Eifersucht die Volkstribunen bzw. die Konsuln abzuschaffen und dadurch die Diktaturgelüste der Decemvirn geradezu zu unterstützen. Auch an Fehlern kann man lernen (eine alte Lehrerregel). In den Kapiteln 26 und 27 des dritten Buchs der Discorsi wird das Problem gestellt: wie befriedet man eine vom Parteihader zerrissene Stadt? Als die Römer 442 v. Chr. in der Stadt Ardea vor dieser Aufgabe standen, töteten sie die Häupter der streitenden Parteien; das ist zweifellos das Beste. Der nächstgute Weg ist, sie aus der Stadt zu verbannen; der unsicherste, darum schädlichste, sie miteinander zu versöhnen, denn wo einmal Blut geflossen ist, ist jede Versöh- nung Flickwerk. Als die Florentiner Pistoja befrieden wollten, haben sie den Fehler gemacht, erst den dritten Weg, dann den zweiten einzuschlagen; wir wissen, daß Machiavelli auf seiner Gesandtschaft nach Pistoja diese Dinge aus nächster Nähe miterlebt hat. So sind die Menschen heute: aus Schwäche und aus Unkenntnis der politischen Gesetze schlagen sie immer Mittelwege ein. Die Römer machten immer ganze Arbeit, das war das Geheimnis ihrer Erfolge. Endlich das letzte Beispiel, das berühmte und berüchtigte Kapitel III, 6 über die Verschwörungen. Hier wird eine förmliche Theorie der Verschwörungen und der Gegenmittel gegen sie entwickelt. Die schwachen Punkte, die jede Verschwörung in sich birgt, und auf die infolgedessen jeder Verschwörer aufs genaueste zu achten hat, werden mit systematischer Vollständigkeit aufgeführt:

die Gefahren der Unvorsichtigkeit in der Vorbereitung, des Verrats eines Einge- weihten, der unvorhergesehenen Zwischenfälle bei der Ausführung, des unvoll- ständigen Erfolgs. Verschwörungen sind immer eine gefährliche Sache und kön- nen leicht schief gehen, sagt Machiavelli. Macht aber eine Verschwörergruppe

einen vermeidbaren Fehler, so „verdient sie keine Nachsicht“. Ebenso die Opfer einer Verschwörung. Auch für sie gibt es wirksame Gegenzüge, zum Beispiel den, den Zugriff kaltblütig so lange hinauszuzögern, bis alle Komplizen im Netz sind. Oder den, den Verschwörern scheinbar eine günstige Gelegenheit zu geben und sie gerade dabei zu fangen. Wir begnügen uns mit diesen Beispielen, überlassen es dem Leser der Dis- corsi, weitere zu entdecken, und fragen nach der Struktur der Denkweise, die von Machiavelli durchgängig angewendet wird. Wenn es sich darum handelt, mit zwei Türmen den nur noch durch Bauern gedeckten feindlichen König mattzusetzen, so gibt es für die Durchführung dieses Endspiels bestimmte Regeln, die nur um den Preis des Sieges mißachtet werden. Sie lassen sich bis zu einem gewissen Grade sogar allgemein formulieren. Wird aber eine ganz bestimmte Ausgangsstellung zugrunde gelegt, so läßt sich sogar eindeutig dieje- nige Folge von Zügen angeben, die am glattesten zum Gewinn führt. Die Aus- gangsstellung wirkt dann als Aufgabe, für die es eine beste Lösung (vielleicht auch mehrere beste Lösungen) gibt. Ferner ist es möglich, jeweils eine Reihe verwandter Ausgangsstellungen zu einer typischen Lage zusammenzudenken und so Regeln von mittlerer Allgemeinheit zu gewinnen. Diese Regeln werden zwar nie schematisch anwendbar sein, denn in jedem konkreten Fall, der sich im Spiel ergibt, wird die typische Lage durch besondere Merkmale individualisiert sein. Doch insofern, als der Fall dem betreffenden Typus von Lagen angehört, gelten für ihn auch die betreffenden Regeln. Logisch genau das gleiche findet im politischen Geschehen statt, sagt Machia- velli; jedenfalls gibt es darin eine Schicht, in der es als Abfolge immer wechseln- der, doch typisch wiederkehrender Lagen aufgefaßt und daher auf Handlungsre- geln abgezogen werden kann. Insofern ist das politische Handeln eine Technik, die man lernen, üben, theoretisch vertiefen, systematisch ausarbeiten und lehren kann. Daß Politik eine Kunst ist, sagt nichts gegen diesen Versuch. Denn jede Kunst ist in einer gewissen Schicht eine Technik, die gelernt werden muß und kann. Seltsamerweise, so findet Machiavelli, haben sich die Menschen, auch diejenigen, die es angeht, um die Technik dieser schwierigen Kunst bisher nicht gekümmert. Sie haben aus Instinkt und Gefühl, nach Laune und Gewohnheit gehandelt, manchmal sehr gut, oft sehr fehlerhaft. Besonders das unschätzbare Vorbild der Alten ist in dieser Hinsicht nicht ausgewertet worden. Und wäh- rend wir für einen antiken Torso Phantasiepreise zahlen, in unserer Rechtspre- chung und Heilkunde die alten Juristen und Ärzte zum Muster nehmen, pflegen unsere Staatsmänner die Alten zwar zu bewundern, sie aber keineswegs in ihren Handlungen nachzuahmen. Höchst notwendig, daß das endlich geschieht. Höchst notwendig, daß wir endlich aus der Geschichte zu lernen beginnen, statt sie nur wie eine bunte Gestaltenfülle an uns vorüberziehen zu lassen.

Dieser Gedankengang steht in der Einleitung zum ersten Buch der Discorsi. Er gibt das Thema des ganzen Werkes an. Kein Zweifel also, daß die Gewinnung von Regeln, die auf politischem Felde zum sichern Erfolg führen, für Machia- velli selbst der Sinn, jedenfalls ein wesentlicher Sinn seiner Studien und seiner Lehre ist. In dem Maß, als es gelingt, solche Regeln zu finden und anzuwenden, wird die Politik aus einer persönlichen Gabe zu einer gekonnten Kunst. Der geniale Könner wird, wie immer so auch hier, die abgezogenen Regeln der handwerklichen Technik teils scheinbar, teils sogar wirklich durchbrechen. Er handelt dann ganz anders als sie sagen, und hat trotzdem Erfolg. Außerdem wirkt in der Welt des politischen Handelns immer als mächtiger Faktor das Glück mit. In dem königlichen Spiel des Schachs ist der Glücksfaktor auf ein Minimum zurückgedrängt. Aus dem königlichen Spiel der Politik ist er unweg- denkbar. So kann einer völlig einwandfrei im Sinn der Regeln handeln und dennoch scheitern. Ein Mann mit typischem Spielerglück aber macht Fehler über Fehler und kommt doch zum Ziel. Alles das sind keine ernsthaften Einwände gegen den Versuch, ein durchge- dachtes Regelbuch des politischen Handelns zu schreiben. Es könnte sein, so heißt es im 25. Kapitel des Principe, daß das Glück über die eine Hälfte unserer Handlungen entscheidet und daß es die andere Hälfte oder fast soviel uns selbst überläßt. Nun, dann haben wir zu sorgen, daß wir diese eine Hälfte so gut wie möglich verwalten. Was aber die Souveränität der genialen Natur betrifft, so besteht sie bekanntlich mehr darin, daß die Regeln des Handwerks großartig und halb unbewußt erfüllt als daß sie verletzt werden. Jedenfalls aber muß es für eine breite Mittelschicht des politischen Tuns von unschätzbarem Nutzen sein, wenn wir nicht im Dunkeln tappen und von Fall zu Fall probieren müssen, sondern bewußt nach klaren und erprobten Regeln verfahren können. Dadurch wird die politische Kunst gleichsam objektiviert und von der Zufäl- ligkeit der handelnden Personen, ja sogar vom Grad ihrer Begabung in gewissem Sinn abgelöst. Jedes Regelsystem, jede Technik hat diese Wirkung. Wenn die Schachaufgabe: Endspiel mit zwei Türmen einmal gelöst ist, so kann jeder diese Lösung „nachahmen“. Wenn die politische Aufgabe: Befriedung einer Stadt gelöst ist, desgleichen. Eine richtig gedachte Regel ist für jeden, der je in die betreffende Lage kommt, schlechthin verbindlich; vorausgesetzt natürlich, daß er die Lage zu seinem Vorteil wenden und nicht sehenden Auges in ihr zugrunde gehen will. Eine Konsequenz dieses logischen Sachverhalts ist uns bereits in den Beispie- len aus den Discorsi entgegengetreten, nämlich die Auswechselbarkeit der Standpunkte, für die die Regel aufgestellt wird. Wenn ich durchgedacht und begriffen habe, wie zwei Türme angreifen müssen, habe ich zugleich begriffen, ob und wie man sich gegen sie verteidigen kann. Wenn ich weiß, wie der Fürst

seinem siegreichen Feldherrn gegenüber handeln muß, weiß ich auch, wie dieser sich gegen den Undank, den ihm jener „bezeigen würde“, zu schützen hat. Die Technik der Verschwörung und die Technik ihrer Abwehr, das ist ein und dasselbe Problem, von den beiden korrelativen Standpunkten aus gesehen. Es ist unsinnig, Machiavelli diesen Standpunktwechsel als „Relativismus“ oder sonst eine Untugend anzukreiden. Er ist vielmehr mit dem Unternehmen, für typische Situationen gültige Handlungsregeln zu finden, notwendig gesetzt. Sich in den Gegner hineinversetzen, sein Spiel gleichsam immer mitspielen, ist ein Teil alles kämpferischen Handelns. Für eine Theorie des kämpferischen Handelns aber, die das konkrete Geschehen notwendig in typische Lagen auflöst, ist es ein selbstverständliches Gebot, vollständig zu sein und die korrelativen Lagen, weil sie zusammengehören, auch zusammen zu behandeln. Wie kommen die Regeln, aus denen Machiavellis politische Wissenschaft in dieser ihrer ersten Schicht besteht, methodisch zustande? Es wäre ein Irrtum, den Machiavelli allerdings zuweilen nahelegt, anzunehmen, sie würden im logi- schen Sinn des Wortes empirisch gewonnen, sie seien das Produkt einer Induk- tion und lediglich der abstrakte Ausdruck für die Tatsache, daß mit dem und jenem Verfahren in sehr vielen Fällen ein guter Erfolg erzielt worden ist. Sie sind viel mehr Wesenseinsichten als Induktionen und ergeben sich viel mehr dadurch, daß ich die Struktur des Feldes und die Natur der in ihm wirkenden Kräfte theoretisch durchdenke, als daß ich zahlreiche Fälle nach dem Index Erfolg oder Mißerfolg ordne und sie dann generalisiere. Aus der Tatsache, daß der Springer so und nicht anders springen kann und daß das Schachbrett endlich ist, ergibt sich eine Fülle von Regeln über seine richtige Verwendung, zum Beispiel die, daß ich seine Wirksamkeit um 50 Prozent schmälere, wenn ich ihn am Rande des Bretts placiere. Die konkreten Vorbilder wirklich gespielter und erfolgreicher Partien machen die Gültigkeit solcher Regeln anschaulich, führen vielleicht sogar zu ihrer Entdeckung, sind aber nicht ihr logischer Ursprung. So werden auch Machiavellis politische Regeln zwar an den geschichtlichen Bei- spielen, aber nicht oder nur sehr zum Teil aus ihnen, vielmehr aus der Analyse der gegebenen Situationen und aus der Kenntnis der Wirkungsbedingungen der handelnden Kräfte gewonnen, – freilich im beständigen Hinblick auf die kon- kreten Fälle, in denen beides rein verwirklicht war. Daß das Altertum mit sei- nem gesteigerten typischen Wert den königlichen Weg zur Wesenseinsicht eröffnet, tritt hier sehr klar hervor. Eine Voraussetzung muß notwendig gemacht werden, wenn dergleichen Regeln aus der Geschichte abgelesen, ja wenn sie überhaupt gedacht werden sollen: die Voraussetzung, daß die menschliche Natur in ihren wesentlichen Zügen konstant ist und daß die Situationen, die die Geschichte herbeiführt, gruppenweise in ihren wesentlichen Zügen vergleichbar sind. Wenn der Springer

auf einmal auch anders könnte, wäre keine Regel für seine Verwendung aufstell- bar. Machiavelli weiß genau um die Notwendigkeit dieser Voraussetzung. Er macht sie ausdrücklich in der Einleitung zum ersten Buch der Discorsi. „Als ob Himmel, Sonne, Elemente und Menschen in Bewegung, Ordnung und Wirkung anders wären als ehedem!“ sagte er als Antwort auf den Einwand, eine Nachah- mung der Alten sei unmöglich. Und an vielen Stellen (wir nennen als Beispiele I, 39 und III, 43) wiederholt er ausdrücklich: nur weil die Menschen immer von denselben Leidenschaften bewegt werden, sei eine Voraussage der Zukunft, sei die Anwendung geschichtlicher Erfahrungen, sei politische Wissenschaft mög- lich. Man muß fragen, ob Machiavelli den Satz von der Gleichheit der menschli- chen Natur mit Bewußtsein als logische Bedingung für die Aufstellung seiner Regeln, als heuristisches Prinzip eingesetzt oder ob er ihn als geschichtsphiloso- phische These vertreten hat; eine Frage, die übrigens für die ganze junge Wissen- schaft vom Menschen und von der Gesellschaft in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit zu stellen ist. Machiavelli ist zweifellos von der Konstanz der wesentli- chen Triebe und Leidenschaften fest überzeugt, doch heißt das nicht, daß er dogmatisch Mensch gleich Mensch setzt und einen geschichtlichen Wandel, der in sehr tiefe Bezirke der menschlichen Natur eingreift, leugnet. Er kennt Zeiten und Völker, in denen die Tugend allgemein, die Frömmigkeit echt, die Vater- landsliebe selbstverständlich ist; andre, in denen diese Kräfte und Strukturen vollständig und unwiederherstellbar von der Verderbnis weggefressen sind. Die Erziehung kann den Menschen stark und hart machen, gegenwärtig hat sie ihn verweichlicht und geschwächt. Eine Religion kann den Menschen demütig, ent- sagend, weltverächterisch machen und sogar seinen natürlichen Drang, den eig- nen Vorteil zu suchen, ersticken; daß es so gewirkt habe, ist sein Vorwurf gegen das Christentum (Discorsi II, 2 und an vielen anderen Stellen). Es ist kaum möglich, tiefergreifende Unterschiede und Wandlungen der menschlichen Natur anzuerkennen. Vor allem kennt Machiavelli sehr genau die Wesensverschiedenheit der Völker und ist ein Meister in ihrer Beschreibung. Ein Volk „behält lange die gleichen Sitten“, sagt er (III, 43). Wer die heutigen Franzosen kennt, findet in ihnen vieles wieder, was Cäsar an den Galliern fand. Sogar jede Familie hat ihre charakteri- stische Art und bewahrt sie durch Jahrhunderte (III, 46). In das konstante Gefüge der menschlichen Natur sind also jeweils die Sondercharaktere der Zei- ten und Arten, besonders der Völker eingeschichtet; was jedoch die Aufstellung von Handlungsregeln nicht unmöglich macht, sondern nur kompliziert. Alles das scheint mir zu beweisen, daß Machiavelli den methodischen Charakter sei- ner Voraussetzung von der Gleichheit der menschlichen Natur, obwohl er ihn nicht ausdrücklich formuliert, doch klar gesehen hat.

Wir kommen jetzt zu der wichtigen Voraussetzung, die bei der Aufstellung von Regeln des politischen Handelns gemacht werden muß, und stoßen damit zum erstenmal auf das Problem des „Machiavellismus“. Soll für eine bestimmte Lage das technisch richtige Verfahren ermittelt wer- den, so muß ich unterstellen, daß das betreffende Ziel (eine Stadt zu befrieden, die Macht zu behaupten, den Tyrannen zu töten, die Verschwörung zu unter- drücken) gewollt, und zwar mit aller Kraft gewollt, vorbehaltlos gewollt, abso- lut gesetzt wird. Sobald ein andres Wert- oder Normensystem dem vorausge- setzten Ziel seine Absolutheit bestreitet oder bestimmte Mittel, die zur Errei- chung des Ziels nachweislich nicht entbehrt werden können, verbietet, mir also gleichsam in die rein technische Lösung der Aufgabe hineinredet oder mir die Aufgabe überhaupt wegzieht, treten Unbekannte auf, die die Lösung unmöglich machen – es sei denn, diese Unbekannten geben sich bekannt, so daß ich sie als exakte Rahmenbestimmungen einrechnen kann. Wenn einer nicht siegen will, weil er das für Hochmut hält, oder weil er vor allem den Gegner schonen will, oder weil Sieg zur Herrschaft führt und er das Privatleben der Herrschaft vorzieht, gleiten alle Regeln, die für die Erringung des Sieges aufgestellt werden, an ihm ab. Ihre Voraussetzung ist nicht erfüllt. Er dient andern Göttern als ich annahm. Jedenfalls will er das Ziel, das ich unter- stellte, nicht ohne Vorbehalt. Wenn er zwar siegen will, aber vor bestimmten Mitteln, die ich ihm als sein technischer Berater anraten muß, grundsätzlich zurückscheut, so wird die Lösung meiner Aufgabe zwar nicht unmöglich, aber erschwert. Und mindestens müßte ich dann vorher unterrichtet sein, vor welchen Wegen, die ich ihm etwa empfehlen könnte, solche Verbotstafeln in seinem Herzen aufgerichtet sind. Was zunächst die Frage des Ziels betrifft, so denkt Machiavelli an den bisher angezogenen Stellen (und in der ganzen ersten Schicht seines Werkes, von der wir hier sprechen) rein positiv. Er fragt nicht nach dem Sinn und Recht der Ziele, die die politisch Handelnden sich setzen, nicht nach ihrem Wert und Rang. Wir werden später sehen, daß er diese Frage durchaus stellt, daß er zum Beispiel diejenigen tadelt, die Italien zersplittern, diejenigen lobt, die es einigen, obwohl doch beide Ziele tatsächlich verfolgt werden und obwohl für beide mit gleicher Exaktheit ermittelt werden kann, wie man sie erreicht. Hier aber schei- det die Frage, was gewollt werden soll, noch völlig aus. Die bloße Tatsache, daß einer ein Ziel erstrebt, genügt, um Machiavellis Interesse für die Frage zu erwek- ken, wie er es am besten erreichen kann. Er entscheidet nichts darüber, ob Tyrannen ermordet, Verschwörer entlarvt werden sollen. Er untersucht nur, wie man beides macht, falls man es will. Er will nicht, daß Cesare Borgia oder irgendein andrer Unhold auf dem Thron sitzt, er fragt nur, wie sie, wenn sie darauf sitzen, sich darauf zu halten haben. Typische Ziele des Handelns kehren

in der politischen Geschichte immer wieder. Auf sie wendet sich naturgemäß sein Hauptinteresse; aber nicht weil sie sinnvoll sind, sondern weil sie häufig sind. Insofern ist Machiavellis Lehre zunächst mit vollem Bewußtsein eine reine Technik des politischen Handelns. Die Regeln, die sie aufstellt, sind in reiner Form „hypothetische Imperative“. Sie sagen aus, wie verfahren werden muß, wenn A, B oder C allen Ernstes gewollt wird. Diese streng festgehaltene Frage- stellung bildet das durchgängige Thema der ersten Schicht seines Werks. Was zweitens die Frage der Mittel betrifft, so tritt hier das Wesen des Politi- schen und sein Unterschied zu allen andern Bezirken des menschlichen Tuns zum erstenmal deutlich in Erscheinung. Nur die Kriegskunst steht der Politik in dieser Hinsicht gleich. Daß sie ein Teil der Politik und deren Fortsetzung mit andern Mitteln ist, hat Machiavelli sehr genau gewußt. Auf allen andern Tätigkeitsgebieten ist die Mittelwahl durch irgendwelche übergreifende Normen, durch verbindliche Satzungen oder festen Brauch beschränkt. Es gibt „Spielregeln“ im wörtlichen oder im übertragenen Sinn; seien sie nun durch ausdrückliche oder stillschweigende Vereinbarung, durch das Strafgesetz, durch das Sittengesetz oder ein andres Normensystem festgelegt. Wenn ein Schachspieler die Dame des Gegners mit dem Revolver erschösse, würde er disqualifiziert, sein Sieg würde nicht als Sieg gelten. In der Politik, sagt Machiavelli, gibt es nichts dergleichen. Im Gegenteil, hier gilt Sieg immer als Sieg, hier ist die stillschweigende Vereinbarung, daß alle Mittel erlaubt sind. Fairness gibt es in ihr so wenig wie moralische Bedenken, einen Schiedsrichter, der den Sieger nachträglich disqualifiziert, so wenig wie einen Strafrichter, der ihn verur- teilt. Betrug und Verleumdung, Hinterhalt und Verrat gelten in ihr ebenso wie das berühmte weiße Pulver der Borgia, das immer vermutet wurde, wenn ein Mann von Einfluß und Vermögen starb. Die Politik ist für Machiavelli das schlechthinnige catch as catch can. Sie ist gar kein Spiel, sondern im spezifischen Sinne Ernst. Sie ist gar kein bürgerliches Geschäft, sondern absoluter Kampf. Wir müssen hier wiederum fragen: ist dieser Ansatz für Machiavelli methodi- sches Prinzip oder inhaltliche Überzeugung? Will er für einen konstruierten extremen Fall, nämlich für den, daß alle Mittel gelten, die gültigen Handlungsre- geln formulieren? Oder steht er auch inhaltlich zu diesem Begriff der Politik? In diesem Fall kann kein Zweifel sein: er steht zu ihm. Er weiß aus Erfahrung, daß in der italienischen Staatenwelt seiner Zeit das politische Handwerk so betrieben wird. Er ist sogar überzeugt, daß es nie anders betrieben worden ist, daß also die absolute Freiheit in der Mittelwahl zum Begriff der Politik gehört. Regeln des politischen Handelns aufzustellen, hat demnach nur einen Sinn, wenn man sie auf der Basis aufstellt, daß alle Mittel gelten. Alles andre ist Utopie, Erdichtung eines Staats, in dem es anders zugeht, als es in den wirkli- chen Staaten zugeht.

Daß die moralische Unterscheidung nach Gut und Böse an den Handlungen des Politikers abgleitet, ist nur eine, allerdings die wichtigste Seite dieses Sach- verhalts. Weder der politische Täter noch sein Ratgeber ist an die moralischen Werte gebunden, wenn er die Mittel erwägt, deren er sich zu bedienen hat. Machiavelli zieht diese Konsequenz, ja er vertieft sich sogar mit einer gewissen Inbrunst in sie. Dadurch bekommt seine Technik des politischen Handelns ihre berüchtigte Radikalität und ihren – man möchte sagen – provokatorischen Cha- rakter. Irgendeinen Weg nicht einschlagen, nur weil an seinem Eingang „Verbo- ten“ steht, ist einfach lächerlich, wenn dieser Weg am besten, vielleicht sogar allein zum Ziel führt. Auf irgendeine Maßnahme verzichten, nur weil sie unmo- ralisch ist, ist einfach ein technischer Fehler. In Discorsi I, 27 erzählt Machiavelli (auch diese Geschichte hat er selbst miterlebt), wie Papst Julius II. auf seinem Feldzug gegen die kleinen Tyrannen im Kirchenstaat mit sämtlichen Kardinalen, aber ohne Heer, nur von seiner Leibwache begleitet, in Perugia einzog. Der Tyrann von Perugia aber tat ihm nichts, obwohl er zahlreiches Kriegsvolk zur Verfügung hatte. Dieser Giovanni Pagolo Baglioni lebte in Blutschande mit seiner Schwester und hatte mehrere Verwandtenmorde auf dem Gewissen. Um so seltsamer, daß er ausgerechnet hier den Tugendbold spielte. Aber selbst wenn er einer gewesen wäre, wäre es ein unverzeihlicher Fehler gewesen, den waffenlosen Feind zu schonen, bloß weil er ein Papst war. Fromme Scheu ist in diesem Fall nichts als mangelhafte Technik des politischen Handelns. Die kaltblütigsten Formulierungen dieses klaren Technizismus stehen im Principe, besonders in den Kapiteln 15 bis 18. Hier wird ebenso eine Technik des Wohltuns entwickelt wie eine Technik der Grausamkeit, eine der Heuchelei und eine des Wortbruchs. Wohltaten sind tropfenweise zu verabreichen, damit sie sich besser einprägen, Grausamkeiten schlagartig zu vollführen, damit sie rascher vergessen werden. Der Wortbruch hat überall dort einzusetzen, wo Treue Schaden brächte, die Heuchelei überall dort, wo die betreffende Tugend von der öffentlichen Meinung gewünscht wird, aber ihr Besitz die eigne Position verschlechtern würde. Hinter alldem steht das Bild Cesare Borgias, jenes Idealbild, das wir in den Tagen von Sinigaglia in Machiavelli entstehen sahen. Die meisten Menschen ergreift schon an dieser Stelle ein Grauen vor so viel „Machiavellismus“. Wir glauben, daß dieses Grauen verfrüht ist (später wird es uns selbst ergreifen). Hier nämlich ist das Problem Politik und Moral noch gar nicht in seiner vollen Tiefe gestellt, ja eigentlich ist es überhaupt noch nicht gestellt. Das ergibt sich, wenn wir die erste Schicht, die wir bisher aus Machia- vellis Denken heraushoben, nunmehr im ganzen überblicken. Das Prinzip besteht darin, daß das politische Geschehen in eine Summe von Situationen und von Handlungen, die mit diesen Situationen fertig werden, aufgelöst wird.

Damit entfallen alle Substanz- und Strukturwerte. Die Subjekte der zu untersu- chenden Handlungen sind noch keine Personen mit einem bestimmten Charak- ter, sondern lediglich die abstrakten Ausgangspunkte von Aktionen. Sie sind sozusagen ein „Man“ in einer typischen Lage; ein angreifender Springer, ein deckender Turm, ein bedrohter König. Machiavelli fordert denn hier auch noch nicht, daß der politisch Handelnde bestimmte, zum Beispiel böse Eigenschaften habe oder sich zu ihnen erziehe; wir werden später sehen, daß er auch das fordert, und erst dann wird das Problem Politik und Moral ernst. Er fragt hier noch nicht danach, ob die Lügen, Grausamkeiten, Wortbrüche, die einer auf sich nehmen muß, ihm leicht fallen, weil er ohnedies ein Schurke ist, oder schwer, weil sie gegen seine Natur gehen. Er stellt nur fest: wenn „man“ in dieser Lage jenes Ziel hat, muß man „lügen“, „Grausamkeiten begehen“, „sein Wort brechen“. Wir müssen diese moralischen Ausdrücke hier in Anführungsstriche setzen, denn wenn das konkrete Geschehen in abstrakte Handlungsbilder aufgelöst wird, wird die Theorie dieses Geschehens in aller Strenge zur Technik, ihre Forderungen und Ratschläge beziehen sich gar nicht auf das Sein der Menschen, sondern nur auf den Vollzug der Handlungen. Die Eigenschaften aber, die der technisch richtige Handlungsvollzug aufweist, haben keinen Indikationswert für den Charakter der handelnden Personen. Wenn der Fechter vor dem Stoß eine Finte schlägt und sein Gegner sich durch die Finte täuschen laßt, ist der erstere nicht verlogen, sondern gewandt, der letztere nicht treu und bieder, sondern ein schlechter Fechter. Dieser eindeutige Sachverhalt verändert sich auch dann nicht, wenn wir ihn aus der Sphäre des normierten Spiels in die Sphäre des Ernstes, d. h. des absoluten Kampfes versetzen. Es erweitert sich dann nur der Kreis der möglichen „Finten“, weil alles erlaubt ist. Der Hauptmann, der seine Kompanie tarnt, ist kein Feigling und kein Lügner, sondern ein guter Kom- panieführer. Der Bataillonskommandeur, der einen Teil seiner Maschinenge- wehre „blind“ macht, d. h. sie stille halten läßt, bis der feindliche Sturm heran ist, um sie dann mit um so größerer Wirkung einzusetzen, ist nicht hinterhältig, er benützt nur seine Feuerkraft richtig. Der General, der das feindliche Heer nicht nur aus dem Land hinausmanövriert, sondern es vernichtet, ist kein Blut- hund, sondern ein großer Feldherr. Politik ist absoluter Kampf. Die politische Theorie hat also in ihrer ersten Schicht Lehre von der Technik des absoluten Kampfes zu sein. Da der absolute Kampf in der Mittelwahl völlig hemmungslos ist (darin besteht seine Absolut- heit), begegneten wir hier zum erstenmal dem Problem Politik und Moral. Vielmehr, wir begegneten ihm noch nicht, sondern das Problem löste sich hier noch auf, weil das abstrakte Handlungsbild keinen moralischen Indikationswert hat. Lüge bleibt Lüge, Mord bleibt Mord, (was Machiavelli ausdrücklich immer

wieder betont). Aber für die technische Betrachtung gibt es keine Substanz-, nur Funktionswerte, gibt es nicht Gut und Böse, sondern nur taugliche und untaug- liche Mittel. Wir werden dem Problem auf jeder Schicht neu begegnen, und mit jeder Tiefersenkung der Fragestellung wird es sich mehr vertiefen, bis es schließ- lich in die Frage einmündet, ob man das Vaterland mehr lieben kann als die Seele.

b) Metaphysik der politischen Substanz

Der Leser der Discorsi wird sehr bald, spätestens im 11. Kapitel des I. Buches, was von der Religion der Römer handelt, bemerken, daß mit dem bisher Erör- terten Machiavellis Theorie des Politischen in keiner Weise erschöpft ist. Wir betrachteten Machiavellis politische Theorie bisher als Summe von Handlungs- regeln für typisch wiederkehrende Lagen, als ein Lehrbuch, das im idealen Fall jede in der Praxis vorkommende Situation richtig zu beurteilen, jede Aktion richtig anzusetzen lehrt. Ein solches Lehrbuch der politischen Technik ist Machiavellis Werk zwar immer auch und will es immer sein. Seine schriftstelleri- sche Kunst nicht nur, sondern seine Denkkraft bewährt sich darin, daß er alle Schichten seines Denkens immer parat hat und stets die eine auf die andre bezieht. Es wäre sogar möglich, fast den ganzen Principe nach dem bisherigen Schema aufzufassen, ihn gleichsam auf die Ebene der technischen Fragestellung zu projizieren. Das ist häufig geschehen, meist zum Nachteil des richtigen Ver- ständnisses. Die Kritik fand sich dann auf die Aufgabe verwiesen, zu prüfen, ob erstens die Ratschläge Machiavellis richtig sind und ob es zweitens erlaubt ist, ein solches Rezeptbuch der Tyrannei zu schreiben und dadurch dieses Übel der Menschheit auch noch technisch zu qualifizieren. Diese Auffassung, infolgedessen auch diese Kritik, schießt wesentlich zu kurz. In der Fragestellung: „Technik des politischen Handelns“ gehen keines- wegs alle Einsichten Machiavellis auf. In der Einleitung zum zweiten Buch der Discorsi stehen die berühmten Sätze über die virtù und ihre Erscheinungsweisen in der Geschichte der Menschheit. Von der Frage ausgehend, ob die Vergangen- heit besser war als die Gegenwart, findet Machiavelli, die Welt sei im wesentli- chen doch immer die gleiche gewesen. Er meint aber hier mit diesem Satz durchaus nicht jenes heuristische Prinzip, das die Vergleichung verschiedener Zeiten und die Gewinnung von Handlungsregeln ermöglicht, sondern ganz etwas andres. Eine geheimnisvolle Substanz, nennen wir sie virtù, war immer und ist auch heute noch in der Welt. Die Menge, die von ihr vorhanden ist und

die der Erde gleichsam bei der Schöpfung mitgegeben wurde, bleibt immer gleich. Aber diese Substanz virtù ist nie gleichmäßig in der Welt verteilt. Sie konzentriert sich vielmehr zuweilen an einem oder an wenigen Punkten, um sich ein andermal zu kleinen Einheiten zu zerteilen und über viele Stellen der Erde zu zerstreuen. Auch bleibt sie nie für immer an denjenigen Stellen, wo sie einmal war, sondern sie wandert, taucht hier auf und bleibt dort weg, zieht sich hier zusammen und versiegt anderswo; und kein Ort der Welt, an dem sie zur Zeit ist, kann damit rechnen, daß sie morgen auch noch da ist. Wo sie aber ist, da blühen die Staaten und türmen sich die Reiche. Wo sie sich wegzieht, verfällt die Kraft des Herrschens und die Staaten sinken dahin. Die virtù ist also das unsichtbare aber stark wirkende Ferment, das im menschlichen Wesen politische Binde- und Bildekraft, den Willen und das Vermögen zu herr- schen hervorruft. Wo sie auf ihren geheimnisvollen Wanderungen auftritt, geschieht Geschichte im großen Sinn. Das Menschentum, mit dessen Blut sie sich eine Weile lang vermischt, ist erwählt zum Bezwinger und Beherrscher der andern Menschen und Völker. Denn zwiefach sind die Günstlinge, die sie erwählt: große Einzelmenschen und politische Völker. In die Geschichte zurückblickend, gewahren wir sie zuerst in Assyrien. Dann wandert sie zu den Medern und Persern, dann kam sie nach Rom. Nach dem Fall des römischen Reichs ist bisher kein Reich von längerer Dauer entstanden, in dem die ganze virtù vereint gewesen ist. Sie verstreute sich vielmehr auf mehrere Völker, und die politische Geschichte wurde daher fortan von mehre- ren Zentren aus bewegt. Das fränkische Reich war ein solches Zentrum, das türkische, die Sarazenen, heute die Völker Deutschlands. In Italien aber, bekennt Machiavelli, ist zur Zeit kein Gran dieser kostbaren Substanz zu finden. Daher die Erbärmlichkeit, Schmach und Schande, daher die politische Ohn- macht und Zersplitterung. Denn wo virtù nicht am Werke ist, sind die Men- schen traurige Gesellen. Sie sind nicht gerade schlecht, aber feige und träge, in allen ihren Handlungen halb, keines großen Einsatzes fähig, Herdentiere und Gewohnheitstiere. Nur wenn sie von der virtù besessen sind, erwachen in ihnen Ehrgeiz, Wagemut, Machtwille und Eifer für große Ziele. Es ist als ob nur dieses zauberkräftige Ferment in dem dumpfen Material des Menschentums Ent- schlüsse und Bewegungen hervorrufen könnte, die Geschichte sind, während überall, wo es fehlt, die Menschheit in jenen bedeutungslosen Zustand zurück- sinkt, der nur scheinbar ereignisvoll, in Wahrheit ungeschichtlich ist. Das ist bei aller Sachlichkeit eine große Vision Machiavellis. Die geheimnis- volle Tatsache, daß von einzelnen Punkten der menschlichen Erde auf einmal eine Energie ausstrahlt, die auf weite Räume wie Schicksal wirkt, daß von einer Stadt aus die Welt beherrscht und von einem Mikrophon aus Millionen geführt werden können, ist darin gepackt. Wir stellen zunächst fest, daß Machiavelli mit

diesem Begriff virtù alles, was bloße Technik des politischen Handelns ist, weit hinter sich laßt. Die generellen Regeln, die er bisher aufstellte, setzten voraus, daß die Handlungsbilder von den handelnden Personen abgelöst wurden. Sie galten unterschiedslos für jeden, der in die betreffende Lage kam und das betref- fende Ziel erstrebte. Jetzt aber führt Machiavelli Wesens- und Wertunterschiede zwischen den politischen Subjekten ein, von denen gar nicht abstrahiert werden kann, die auch nicht als bloße Gradstufen aufzufassen sind, sondern wie abso- lute Gegensätze wirken. Es gibt Völker im Zustande der virtù und Völker im Zustande des Verfalls oder des unpolitischen Lebens. Es gibt Menschen, die mit dem göttlichen Gift des Herrscherwillens geimpft sind, und es gibt die große Masse derer, die privat leben. Man kann natürlich auch einem braven Kleinbür- ger erklären, wie man es machen muß, um ein Reich zu erobern. Das wäre aber insofern sinnlos, als er zu der Welt, in der solche Probleme zu Hause sind, weder gehört noch gehören will. Es gibt substantielle Voraussetzungen des politischen Handelns; substantielle Voraussetzungen dafür, daß man nach einer Technik dieses Handelns sinnvollerweise überhaupt fragen kann. Es wäre möglich, daß die Bedingungen für das Auftreten und Verschwinden der virtù, vielleicht sogar die Gesetze ihrer Wanderungen von Land zu Land gefunden werden könnten. Dann könnte man versuchen, die virtù herbeizu- zwingen und ihre Abwanderung zu verhindern, indem man ihre Existenzbedin- gungen schüfe. Und damit wäre denn auch die substantielle Voraussetzung politischer Größe zum technischen Problem, zum Gegenstand von Handlungs- regeln gemacht. Es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß das gelingt. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß wir, wenn wir die Existenzbedingungen der virtù untersuchen, auf Tatbestände stoßen, die dem menschlichen Einfluß entzogen sind, zum Beispiel auf die Tatsache, eines jungen, unverbrauchten Volkes, einer lebendigen Reli- gion, eines großen Gründers und Gesetzgebers. Daß dem so ist, will Machiavelli offenbar andeuten, indem er die virtù wie eine metaphysische Substanz einführt und ihre Wanderungen durch den geschichtlichen Raum beinahe wie einen Mythus erzählt. Er rückt damit hörbar von der bisherigen Fragestellung ab und nimmt einen neuen Ansatz; bezeichnenderweise in der Einleitung zum zweiten Buch der Discorsi, das hauptsächlich von der Kriegführung und von der Vergrö- ßerung der Staaten, also von großer Politik handelt. Es ist jetzt nicht mehr von Handlungsregeln für jedermann, der sich überhaupt in der politischen Welt bewegt, die Rede, sondern von denjenigen Männern und Völkern, die die quali- tas occulta der virtù in sich haben und die damit ausersehen sind, Weltmächte zu sein. Die Fragestellung heißt nicht mehr: wie macht man das?, sondern sie heißt:

wo ist in der trägen Materie der Menschheit substantieller politischer Wille dagewesen?, und darüber hinaus etwa noch: wie wurde er, was er war? Aus

einer Technik des politischen Handelns wird Machiavellis Werk zu einer Meta- physik und zu einer Geschichte der politischen Substanz. Machiavelli drängt viel zu stark zu einer gegenstandsnahen, positiv wissen- schaftlichen und praktisch verwendbaren Lehre vom Politischen, als daß er in der mystischen Anschauung der virtù oder in der geschichtlichen Betrachtung ihrer Schicksale auf Erden verharren könnte. Es ist tiefsinnig, daß er die virtù zuerst als metaphysische Kraft einführt, und bis zuletzt, bis in die rein empiri- schen, zeitgeschichtlichen Beispiele hinein behält der Begriff virtù diesen Klang. Von dem ehrfürchtigen Gefühl, daß wir hier vor dem eigentlichen Geheimnis der politischen Welt stehen, liegt ein schwacher Abglanz noch auf den Schilde- rungen der kleinen Abenteurer und Tyrannen, wenn ihnen Machiavelli – trotz ihrer Lasterhaftigkeit, trotz der Kleinlichkeit und Verwerflichkeit ihrer Ziele – ein mikroskopisches Quantum der heutzutage völlig zerstäubten virtù zu- spricht. Trotzdem bleibt es sein Bestreben, dieser qualitas occulta begrifflich Herr zu werden. Wir werden später sehen, daß er die Frage, die wir vorhin andeuteten, mit aller Klarheit aufwirft. Er fragt nach den Entstehungs- und Existenzbedin- gungen der virtù, nach den Gesetzen ihrer Bildung und ihres Verfalls, ohne daß freilich damit ihre metaphysische Natur verschwände. Und er weitet diese Frage, wie es notwendig ist, zu einer Lehre von der Struktur des politischen Kraftfeldes überhaupt aus. Zunächst aber begnügt er sich damit, die politische Substanz unmittelbar ins Auge zu fassen, ihre Erscheinungsweisen zu beobach- ten, ihre geschichtliche Wirkung zu studieren. Der Gegensatz zu virtù ist in den meisten Fällen corruzione, und der morali- sche Beiklang, den der Begriff virtù damit bekommt, ist von Machiavelli gewollt. Virtù ist zwar nicht „Tugend“ im üblichen moralischen Sinn des Wortes. Sie ist jenes Plus an Lebenskraft, das einem ohnedies starken Wesen mitgegeben ist, das nun als politische Energie in ihm bereitliegt und in Heldentum, Herrscherwil- len, geschichtliche Leistung ausströmt. Aber virtù schließt Tugend in einem sehr bestimmten Sinne mit ein. Politisch produktive Völker sind, das lehrt die Geschichte, sittenrein, sittenstreng, zuchtvoll, mäßig, rechtschaffen, an Leib und Seele gesund; ihr Eid ist ihnen heilig, und zu jedem Opfer für das gemeine Ganze sind sie bereit. Diese Tugenden sind aber nicht nur das Erkennungszei- chen und die Begleiterscheinung der virtù, sondern der menschliche Grund, aus dem diese aufsteigt. Die Sittenreinheit, die er unter den Deutschen fand, ist für Machiavelli die Bürgschaft dafür, daß eine geballte Ladung politischer Energie in diesem Volke bereitliegt (Discorsi I, 55). Wo dagegen die Sitten verdorben sind, siecht auch die politische Kraft dahin. Unverdorbene Völker überwinden äußere und innere Krisen leicht, wie Rom nach dem Sturz der Könige bewies, verdor- bene gehen in ihnen zugrunde. Wo die Sittenverderbnis eingerissen ist und das

Mark des Volkes zerstört hat, hilft nicht einmal ein großer Staatsmann, oder er hilft nur, solange er lebt. Spätestens nach seinem Tode stürzt das künstliche Gebäude zusammen, weil der Grund nicht mehr trägt, wie wiederum Rom beweist, nämlich zu der Zeit, als es seine alte Tugend verloren hatte (Discorsi I, 17). So ruht alle politische Leistung auf einem gewachsenen Grunde, der, einmal zerstört, kaum je wiederhergestellt werden kann, nämlich auf der intak- ten Sittlichkeit des Volkes. Das ist der Beitrag, den Machiavelli in dieser Schicht seines Denkens zum Problem Politik und Moral gibt. Von hier aus ergeben sich wichtige Einsichten für die Theorie der politischen Substanz. Das stärkste Bindemittel für die Sittlichkeit der Völker und sogar ihre Quelle ist die Religion. So ist Numa beinah mit größerem Recht der Gründer des römischen Staates zu nennen als Romulus (I, 11). Nur wo eine lebendige Gottesfurcht, eine im Herzen des Volkes gegründete Religion herrscht, ist die Sittlichkeit gegen Verderbnis geschützt, und nur wenn sie das ist, gibt es Gehor- sam im Heer, Eintracht im Volk, Opfersinn für den Staat, also Bereitschaft für ein politisches Leben. Religion, Sittlichkeit, virtù fundieren einander in dieser Reihen- und Rangfolge. „Die Gottesfurcht ist die Ursache für die Größe der Staaten.“ Alle großen Staatsmänner haben darum gestrebt, die Grundlagen der Religion zu erhalten. Auch die heutigen sollten das tun, sogar wenn sie selbst nicht glauben, „und zwar um so mehr, je klüger sie sind und je besser sie die Welt kennen“ (I, 12). Bedienten sich doch auch die römischen Konsuln und Feldherrn mit Bewußtsein der Religion, besonders der Auspizien, um Eintracht unter den Bürgern, Gehorsam und Siegeszuversicht im Heer hervorzurufen (I, 13 und 14). Hier fällt also Machiavellis Denken offensichtlich in den Technizismus, in die Aufstellung abstrakter Handlungsregeln zurück. Doch nicht für lange. Den naheliegenden Einwand, daß gestellte Auspizien und bewußt für politische Zwecke benutzte Religion nur für kurze Zeit nützen, dann um so mehr schaden, nämlich die Grundlagen der Gottesfurcht im Volk erst recht untergraben, macht er sich selbst. Machiavelli ist zwar durchaus geneigt, die Religion unter rein politischen Gesichtspunkten zu sehen. Das heißt aber nicht oder nur gelegent- lich, daß er sie als bloße Mittel in der Hand des Staatsmannes betrachtete. Es heißt vielmehr, daß er die staatsbildende Kraft sieht, die von der Religion aus- geht. In dem Kapitel über die Religion der Römer (I, 11) klingt der großartige Gedanke an: eine so wurzelhafte und wirkungskräftige Religiosität sei die wesentliche Eigenschaft junger Völker; jungen Völkern aber, und nur ihnen, könne der Staatsmann seine Form aufprägen, genau so wie der Bildhauer nur aus dem rohen Block die Statue meißeln kann, nicht aber aus einem Marmorstück, an dem schon andere herumgehauen haben. Das heißt doch wohl: Religion ist der zukunftsträchtige Anfangszustand, in dem Kultur, politische Ordnung,

staatliche Kraftentfaltung gleichsam eingehüllt sind. Es bedarf immer des großen Staatsgründers, um am Anfang einer Volksgeschichte aus dem edlen aber rohen Material das politische Gebilde zu befreien. Romulus, Moses, Theseus, Lykurg – alle diese ersten Schöpfer eines Staates haben hier ihre Stelle in Machiavellis politischem Denken. Er sieht sie alle im mythologischen Licht, und sie sind für ihn die politischen Männer erster Größe. Selbst im Principe sind sie, nicht Cesare Borgia und seinesgleichen, die eigentlichen Helden, wenn sie auch mit Bewußtsein im Dämmer des Mythos gehalten werden. Sie haben ihre Völker befreit und zu sich selbst gebracht, gesammelt und zu geschichtlicher Tat for- miert. Ein junges Volk – und sein erster Heros, der es erweckt und auf den Weg der Geschichte führt: das ist die unmittelbarste und reinste Erscheinungsform der virtù. Wie für Machiavelli das korrupte Italien seiner Gegenwart immer das Gegen- bild zum alten Rom ist, so ist ihm auch das Christentum seiner Tage das Gegen- bild zu einer echten, kraftspendenden Religion. Wie alle Religionen und Staaten hatte das Christentum seine reine Epoche, in der sein Prinzip unverfälscht war und in der eben deswegen menschenformende, ja geradezu politische Wirkung von ihm ausging. Heute, sagt Machiavelli, ist diese Religion völlig vom Bild ihres Stifters abgefallen und zum Deckmantel der schauerlichsten Laster ernied- rigt worden; gerade durch diejenigen, die sie hätten hüten sollen, durch die Priester und Päpste. Italien verdankt der Kirche nach Machiavellis Überzeugung zunächst seine politische Zersplitterung; unfähig, Italien zu einigen, war sie doch stets mächtig genug, seine Einigung zu verhindern (I, 12). Aber Italien verdankt der Kirche Schlimmeres, nämlich daß es durch das Vorbild des päpstli- chen Hofes zum führenden Land der Sittenverderbnis und Ruchlosigkeit geworden ist. Man mache die Probe auf das Exempel, bemerkt Machiavelli zynisch, man versetze den päpstlichen Hof mit allem Ansehen, das er genießt, in die Schweiz: es würde nicht lange dauern, so wäre dieses sittenreine, gottes- fürchtige und kriegsharte Volk auf den gleichen moralischen Tiefstand gebracht wie das heutige Italien. Weil das Lebensprinzip der politischen Gebilde nach Machiavelli immer aus der jugendlichen Urkraft der Völker und aus der Stunde der ersten Gründung stammt, so gibt es nur einen Weg, sie, wenn die Verderbnis in sie eingebrochen ist, zu regenerieren: die Rückkehr zu ihrem Ursprung (III, 1). Der Verfall, der allem Lebendigen und so auch allem Politischen beständig droht, ist nie durch äußere, nur schützende Mittel zu bannen. Nur dadurch, daß das politische Wesen sich zu seinem eignen Lebensprinzip zurückfindet oder zu ihm zurück- geführt wird und daraus Erneuerung trinkt, vermag es sich zu erhalten. Solche Rückkehr zum Ursprung geschieht entweder durch die Gewalt äußerer Schick- salsschläge; so wirkte der Galliereinfall auf das damals schon bedenklich ange-

gangene Gefüge Roms. Oder sie geschieht durch die vorbildhafte Wirkung nationaler Führer und Helden; eine nie abreißende Kette solcher Männer zieht sich durch die Jahrhunderte der römischen Republik, sie lebt die alte Tugend immer neu vor und befestigt sie dadurch wieder im Volk, und erst als die Sittenverderbnis allzu mächtig geworden war, wirkten Männer wie Cato nicht mehr wie erneuernde Vorbilder, sondern wie ohnmächtige Kämpfer gegen ihr Jahrhundert. Und die Rückkehr zu den Quellen der eignen Kraft kann schließ- lich – das ist vielleicht das Größte – in dem Staatswesen selbst als objektive Einrichtung, als dauernder Prozeß eingebaut sein. So wirkten in der römischen Republik das Amt der Volkstribunen, das der Zensoren und viele Gesetze und Institutionen, freilich nur solange sie im alten Geist und mit dem Mut zur Härte angewandt wurden. Von hier aus eröffnet sich bereits ein Ausblick auf die nächste Schicht des Machiavellischen Denkens. Es erscheint möglich, daß durch eine bestimmte Struktur des politischen Körpers die flüchtige virtù gebunden und gleichsam dingfest gemacht werden kann. Keinesfalls aber ist es möglich, diese Einsichten in abstrakte Handlungsregeln umzusetzen und aus ihnen tech- nische Rezepte für die Verhaftung der virtù zu machen. Alles, was Machiavelli in dem Kapitel Discorsi III, 1 und an andern Stellen über die Selbsterneuerung politischer Gebilde sagt, ist nicht „Weg“ im technischen Sinn, sondern ist selbst beinah ein metaphysischer Vorgang, ebenso wie die Geburt eines Staatswesens aus Volksjugend und Gründertat ein solcher war. Wir haben bereits gesehen, daß die virtù sich nicht mit der sittlichen Tugend deckt, freilich in den großen Fällen auf sie fundiert ist. Machiavelli hat nun in vielen Ansätzen, die alle zu der hier besprochenen Schicht seines Denkens gehö- ren, den Inhalt und die Wirkungsweise der Kraft, die er virtù nennt, zu beschrei- ben versucht. Ordnet man alle diese Stellen, so ergibt sich eine sehr große Spannung, an deren einem Ende jenes Urbild des schlichten sittenreinen Volkes mit seinem mythischen Heros, an deren anderem Ende aber der sittlich verwor- fene, gangsterhafte politische Abenteurer steht, der nun aber doch in einer Welt, die nichts Besseres verdient, Sieger und Herrscher wird, und der nicht nur deswegen, weil er Erfolg hat, sondern deswegen, weil in seiner verkommenen Natur das Ferment virtù treibt, Machiavellis Interesse auf sich zieht. Indem er diese Reihe durchläuft, löst Machiavelli seinen Begriff der virtù schrittweise von dem sittlichen Untergrund los und verhärtet ihn zum rein politischen Begriff. Und zugleich führt er ihn von den geschichtlichen Ursprüngen immer näher an die eigne Zeit heran. Seine Neigung, die Folgerungen eines richtigen Ansatzes auf die Spitze zu treiben und die Gültigkeit seiner Formeln auch noch für die Grenzfälle zu erweisen, ferner das tiefe Gefühl für die Verflochtenheit von Gut und Böse in allem Menschlichen, endlich sogar seine Neigung, den advocatus diaboli zu spielen und das bürgerliche Gewissen zu reizen, ist dabei am Werk.

Cesare Borgia als Verkörperung der virtù – das ist für ihn ebenso eine Konse- quenz und eine Einsicht wie eine willkommene Pointe. Die rein politische Wendung des Begriffs virtù beginnt an den Stellen (wir nennen als Beispiele Discorsi I, 17 und II, 2), wo die Kraft eines Volkes, seine „Freiheit“ zu erhalten oder sie wiederzugewinnen, als Beweis für seine virtù angenommen wird. Das ist nicht nur, wie es scheint und wie es zweifellos zunächst auch gemeint ist, ein Bekenntnis zur Republik als Staatsform. Sondern es heißt: wo die Kraft zum politischen Leben alle Glieder des Volkes durch- dringt, da schließt sich das Volk spontan zur politischen Ordnung zusammen, es braucht nicht mit Gewalt dazu gezwungen zu werden. Virtù ist der nicht nur einmal gefaßte, sondern beständig erneuerte und organisch gewordene Ent- schluß, ein politisches Leben zu führen. Das römische Volk war von diesem Entschluß beseelt, solange es gesund war. Seine Religion und seine Erziehung waren die großen Förderungsmittel dieses Entschlusses und gleichsam sein orga- nischer Niederschlag. Unsere Religion dagegen, sagt Machiavelli spöttisch, hat uns ja den wahren Weg gezeigt, darum schätzen wir die weltliche Ehre geringer als die Alten und sind nicht mehr so kühn in unsern Taten wie sie. Dadurch, daß das Christentum mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die täti- gen selig spricht und die Stärke mehr im Leiden als in der Kraftentfaltung sucht, hat es die Welt schwach gemacht und den Bösewichtern zur Beute gegeben (II, 2). An dieser Stelle und an vielen gleichlautenden andern nimmt also Machia- velli nicht nur gegen das verderbte Christentum der zeitgenössischen Päpste, sondern gegen das Christentum überhaupt, gegen seine reine und ursprüngliche Lehre Partei. Er tut es im Namen der virtù, und er führt durch diese Entgegen- setzung den Begriff an seinen spezifisch politischen Sinn heran. Daß die virtù nicht nur die moralisch guten, sondern auch die bösen Energien des Menschen an sich heranzieht und ihre Stoßkraft ausnützt, ist noch nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist die Richtung, die sie ihnen gibt, nämlich auf die Gestaltung der irdischen Dinge, auf die Machtausübung über Menschen und Sachen. Der Mensch kann seine totale Energie auch zur Askese und Weltvernei- nung einsetzen. Virtù hat er nur, wenn er sie einsetzt, um ein Stück Erde langfristig zu beherrschen. Die größte und eigenste Leistung der virtù ist, daß sie nicht nur den unmittelbaren Lebensraum des Volkes ordnet, sondern erobernd über ihn hinausgreift und ein Reich schafft. Machiavelli kennt und nennt immer wieder zwei Typen staatlicher Größe: diejenigen Republiken, die, ohne über ihre Grenzen hinauszugreifen, wohl gar von einer höheren Instanz übergriffen, in ihrem Inneren kräftig Ordnung halten und dadurch gegen äußere Angriffe gefeit sind, – und diejenigen, die sich erobernd eine Welt unterwerfen. Mit diesen beiden Grundformen staatlicher virtù begreift Machiavelli die beiden großen Funktionen des Staats: konkrete Ordnung zu sein – und Träger eines

imperialistischen Willens zu werden. Machiavellis Lieblingsbeispiel für den ersten Typus sind die deutschen Reichsstädte, sein Beispiel für den zweiten Typus ist natürlich Rom (siehe z. B. Discorsi II, 19). Kein Zweifel, daß sein Herz denjenigen Staaten gehört, die erobernd ausgreifen und ein Weltreich um sich zusammenfügen. Wie die Römer mit großartiger Konsequenz von Erobe- rung zu Eroberung schritten, notwendige Kriege nie aufschoben, sondern lieber vorwegnahmen und dadurch dem Gegner immer das Gesetz des Handelns auf- zwangen (Principe, Kap. 3), das ist für Machiavelli der reine Fall politischer virtù. Hier hat sich der Begriff von seinem moralischen Untergrund ganz abge- löst und ist zum Namen geworden für produktiven geschichtlichen Machtwil- len. Wo im menschlichen Raum Energie so überhöht ist, daß sie gar nicht anders kann als sich imperialistisch entladen, dort ist der Begriff virtù voll erfüllt; metaphysisch gesprochen: dort hat sich die ganze Menge der politischen Sub- stanz, die es auf Erden überhaupt gibt, an einem Punkt zusammengezogen.

c) Struktur des politischen Kraftfeldes

Im Gegensatz zum Principe, der mit der ganzen Strenge eines Kunstwerks komponiert ist, sind die Discorsi weder ein systematisches Werk noch eine formstrenge Komposition. Der Übergang von einem Thema zum andern ist sehr locker, vielfach beinahe assoziativ. Der Wert der Discorsi aber liegt in den vielen einzelnen Einsichten, die oft beiläufig, oft unverbunden, oft in der zufälligen Hülle eines Beispiels ausgeschüttet werden. Da wir hier Machiavellis Denken nach seinem logischen Aufbau zu schildern versuchen, ist es nicht möglich, die ganze Fülle dieser Einsichten wiederzuge- ben; mindestens würde sich dann die Systematik zu stark verästeln. Besonders zahlreich, vielfältig und wertvoll sind die Einzelfunde in der jetzt zu bespre- chenden Schicht. Kaum ein Thema der Verfassungslehre, Verwaltungstheorie, Kriegswissenschaft, kaum ein Problem der äußeren Politik, das nicht vorkäme. Wir halten uns trotzdem an unsern Plan und opfern den Reichtum, den sich der Leser aus Machiavelli selbst schöpfen möge, dem Aufbau, der nicht ohne weite- res aus ihm zu ersehen ist. Es handelt sich jetzt um die Struktur des politischen Kraftfeldes. Dabei wird es kaum möglich sein, und es ist auch nicht Machiavellis Absicht, jene absoluten Unterschiede theoretisch auszugleichen, die sich dadurch ergeben, daß an ein- zelnen Stellen des politischen Raums virtù da ist, an andern nicht. Wo sie ist, werden Energien entwickelt, die mit dem politischen Geschehen an andern

Stellen nach Art und Größenordnung völlig unvergleichbar sind. Keine allge- meine Formel für die Struktur des politischen Kraftfeldes wird dieses Gefälle, wird diese unerhörten Verdichtungen übersehen dürfen, deren metaphysischer Ausdruck der Begriff virtù ist. Doch kann versucht werden, die strukturellen Verhältnisse, die sich gerade dadurch ergeben, in allgemeingültigen Einsichten zu formulieren. In zwei Richtungen entwickelt Machiavelli eine solche Struktur- lehre. Er untersucht erstens die Struktur derjenigen Teilräume, die mit virtù begabt sind, zweitens die Struktur des weiteren Feldes, auf das von diesen Zentren aus politische Wirkungen ausstrahlen. Der erste Ansatz führt ihn auf Probleme der Verfassung in einem sehr vertieften Sinn des Wortes, der zweite auf eine geistreiche Lehre von den Wirkungsbedingungen politischen Handelns überhaupt, die in dem Begriff qualità dei tempi gipfelt. Die virtù bedeutet in ihrem spezifisch politischen Sinn, wie wir sahen, die Fähigkeit eines politischen Subjekts, seine volle Energie für den Zweck der Selbsterhaltung und darüber hinaus der Weltgestaltung einzusetzen, in seinen Entschlüssen nie fremdbestimmt zu sein, sondern immer der Umwelt das Gesetz des Handelns aufzuzwingen, seine Eroberungen nie bloß einer günsti- gen Konjunktur, sondern immer der eignen Aktivität zu verdanken. Es wäre vergeblich zu fragen, ob man diese Fähigkeiten durch die Anwendung irgend- welcher Mittel und die Befolgung irgendwelcher Regeln herbeizwingen kann; denn sie sind die Wirkung der virtù, die nicht organisierbar, sondern ein Geschenk der Natur ist. Wohl aber kann man nach der Struktur derjenigen politischen Gebilde fragen, die diese Fähigkeiten in hohem Maße gehabt und bewiesen haben. Hierher gehört das schöne Kapitel Discorsi I, 6. Die römi- sche Republik war jahrhundertelang von inneren Kämpfen erfüllt. Die Frage drängt sich auf, ob es nicht möglich gewesen wäre, Rom eine Verfassung zu geben, die diese Zwistigkeiten beigelegt hätte. Gewiß wäre das möglich gewe- sen, sagt Machiavelli, Sparta und Venedig lehren, daß es möglich ist und wie. Aber sie lehren auch, um welchen Preis es allein möglich ist. Ein Staatswesen, das seine inneren Spannungen restlos systematisiert, seine inneren Kämpfe völlig stillegt und ihre Quellen verstopft, muß klein bleiben und kann nicht auf Eroberung ausgehen. Sein inneres Gleichgewicht ist vom äußeren Gleich- gewicht der Mächte abhängig; auf dessen Aufrechterhaltung wird sich also die Außenpolitik eines solchen Staates beschränken müssen. Rom dagegen hat sich dadurch, daß es die Fortdauer seiner inneren Kämpfe riskierte, nicht nur die Möglichkeit, sondern geradezu den Zwang zu einer weitausgreifenden Weltpolitik geschaffen. Nur Staaten, die den Druck des Volkswachstums in sich haben und in sich ertragen, sind im großen Sinne politisch aktiv – sie müssen dann freilich die Unruhen auf sich nehmen, die dieser Druck notwen- dig mit sich bringt. Das ist die Wahl, vor die jeder Staat gestellt ist: klein

bleiben und sich endgültig durchordnen können, – oder spannungsvoll bewegt bleiben und sich nach außen werfen können. Auch hier ist wieder kein Zweifel, welchem Typus Machiavellis Herz gehört. Das Wesentliche ist uns hier die strukturelle Einsicht, die Machiavelli findet. Ruhe ist immer organisierbar, aber nur die Ruhe des Friedhofs, höchstens die der saturierten Existenz. Ein Staat, der außenpolitisch aktiv sein will, darf sich nicht steif und lahm strukturieren. Er muß unausgeglichene Spannungen, wach- senden Druck in sich haben. Man wird auf diese Weise die virtù nicht herbei- zwingen, wenn sie nicht da ist, aber man wird ihr gleichsam Luft schaffen, d. h. ihr diejenige Verfassung des politischen Körpers zur Verfügung stellen, in der sie zur Wirkung kommt. Guicciardini hat in seinen Discorsi, die eine Kritik des Machiavellischen Wer- kes sind, neben vielen anderen Stellen auch diese aufs Korn genommen. Er findet es gar nicht einleuchtend, daß die Uneinigkeit Rom stark gemacht haben soll; das sei, wie wenn man um der Trefflichkeit der angewandten Mittel willen die Krankheit lobe. Diese Bemerkung ist charakteristisch für Guicciardini und seine Kritik überhaupt. Der gewandte Politiker, der Machiavelli in den prakti- schen Geschäften gewiß überlegen war, der kühle Betrachter, der gegen viele hochgespannte Ideen Machiavellis, unter anderm gegen den Gedanken der italie- nischen Einigung skeptisch war, hat im einzelnen meist recht, in den grundsätz- lichen Fragen aber denkt Machiavelli unendlich viel weiter und tiefer als er. Das Kapitel, das wir soeben behandelten, ist eins der wertvollsten Stücke aus seiner Lehre von der Verfassung des Staates. Man ersieht aus ihm bereits, daß Machia- velli das Verfassungsproblem nicht dogmatisch, nicht weltanschaulich, sondern konkret politisch auffaßt. Wie der Staat verfaßt sein soll, das entscheidet sich nicht aus allgemeinen Prinzipien, sondern aus den konkreten Aufgaben, denen er gegenübersteht, und aus den konkreten Aufgaben, die er sich setzt. Diejenige Verfassung ist gut, in der der Staat seinen geschichtlichen Aufgaben gewachsen ist. Und man ersieht daraus zweitens, daß Machiavelli einen sehr tiefen, man möchte sagen totalen Begriff der Verfassung hat. Nicht nur die ausdrücklichen, gesetzlich formulierten Bestimmungen, die wir im allgemeinen die Verfassung eines Staates nennen, sondern alles, was dem Staat seine Struktur geben hilft, alles was ihn für seine geschichtliche Rolle in Form bringt, gehört zur Verfas- sung. Es erübrigt sich zu betonen, daß damit nicht nur der weiteste, sondern der denkbar richtigste und eigentlich politische Begriff der Verfassung in sein Recht eingesetzt ist. Diesen Ansatz steigert nun Machiavelli ins Heroische. Daß virtù in ihm ist, zeigt ein Staatswesen dadurch, daß es für seine Selbsterhaltung, Machterweite- rung und Weltgeltung jederzeit mit allen seinen Kräften einsteht. Es benützt nicht nur günstige Gelegenheiten, sondern sucht die Entscheidungen auf; es läßt

sich nicht nur emporschaukeln, sondern kämpft sich durch. Im Sinne unsrer jetzigen Fragestellung ist zu fragen: Wie läßt sich dieser Einsatzwille, diese spontane Kraftentfaltung auf Dauer garantieren? Wie muß das politische Gebilde „verfaßt“ sein, damit seine virtù (ohne daß sie freilich dadurch hervor- gerufen würde) beständig und zu geschichtlichen Taten frei wird? An vielen Stellen, besonders an allen die vom Heerwesen handeln, gibt Machiavelli Antworten auf diese Frage. Wir lassen hier alle Bemerkungen, die sich auf die Heeresorganisation im einzelnen, auf Waffenwirkung, Truppenfüh- rung und andre Sonderfragen beziehen, beiseite. Wie groß Machiavellis Interesse auch für diese speziellen Fragen war, wissen wir aus seinem Lebensgang. Aber die Ordnung des Heerwesens ist für ihn nicht nur eine technische Angelegenheit oder eine Summe von solchen, nicht nur eine Sache der Fachmänner, sondern eine oder vielmehr die politische Angelegenheit. Im Zustand des Kampfes ist der Staat am meisten Staat. Der Krieg ist seine hochzeitliche Stunde. Daß das Volk hierzu bereitgestellt ist, ist also die Probe auf die virtù des Staates; und wie es bereitgestellt ist, ist das wesentliche Stück der politischen Verfassung. Discorsi II, 16 beschreibt Machiavelli die taktische Aufstellung und Fechtart der Römer, im Anschluß an Livius’ berühmte Schilderung der Schlacht am Vesuv (340 v. Chr.). Das römische Heer formierte sich zum Gefecht in drei Treffen, hastati, principes, triarii; die Reiterei auf den Flügeln; das erste Treffen so dicht geschlossen, daß es den Angriff des Feindes aushalten und ihn selbst schlagen konnte; das zweite mit Lücken aufgestellt, um die hastati, wenn sie geworfen wurden, aufnehmen zu können; das dritte Treffen noch lockrer, um die beiden ersten aufzufangen und zum entscheidenden Stoß vorzureißen. Das sieht zunächst aus wie die Schilderung eines gut durchdachten und nach- ahmenswerten taktischen Manövers. So führt Machiavelli das Beispiel auch ein, und so wertet er es aus. Die heutigen Feldherrn hätten beim Vorbild der Römer bleiben sollen, statt sich entweder gar nicht in die Tiefe zu gliedern und sich auf den ersten Stoß zu verlassen, oder die hinteren Treffen dicht zu schließen, so daß sie in Verwirrung kommen, wenn das vorderste geschlagen wird. In Wahrheit ist diese taktische Einsicht für Machiavelli nur ein wichtiges Nebenprodukt. Die römische Fechtweise ist ihm ein vollwertiger Ausdruck, gleichsam ein großes Symbol für die Verfassung eines politischen Volkes, das virtù hat. Warum konnte Rom immer aktiv zugreifen, jeden Einsatz wagen, jeden Rückschlag auf sich nehmen? Weil es als politisches Volk genau so formiert war wie sein Heer in der Schlacht: tiefgegliedert, immer zu neuen Stößen bereit, voll innerer Reser- ven, praktisch nicht zu werfen. Nach der Katastrophe von Cannae dachten die Römer nicht an Friedensangebote, Austausch der Gefangenen und dergleichen, sondern nur an den Krieg, „und aus Mangel an Leuten bewaffneten sie die Greise und die Sklaven“ (Discorsi III, 31). Dieser Staat war auf die totale Mobil-

machung hin gebaut. Das ist virtù im organisierten Zustand, virtù in Form einer Dauerstruktur des politischen Körpers. Hier hat natürlich diejenige Forderung ihren Ort, die Machiavelli sein ganzes Leben lang mit Eifer vertreten hat, und mit deren höchst unvollkommener Durchführung in seiner Vaterstadt wir ihn beschäftigt fanden: das Volksheer. Und auch das Korrelat zu dieser Forderung gehört systematisch an diese Stelle:

sein Kampf gegen den militärischen Zeitstil, gegen das Söldnerwesen. Das Volksheer ist für Machiavelli nicht nur deswegen besser als das Söldnerheer, weil es ihm rein militärisch in so und so vielen Punkten nachweislich überlegen ist, sondern deswegen, weil es zur wesentlichen Struktur des politisch aktiven Staa- tes gehört, während eine Kriegführung, die sich der Condottieri bedient, gera- dezu dessen Karrikatur ist. Die Stellen in den Discorsi, die hierüber handeln, sind sehr zahlreich; wir nennen als prägnanteste Zusammenfassung des ganzen Gedankenganges das 12. Kapitel des Principe. Die beiden großen Einwände, die Machiavelli gegen die Söldnerheere und ihre Führer macht, sind beide nicht technisch-militärische, sondern ethische und politische Einwände. Die Söldner kämpfen nicht für die eigne Sache, sondern für eine fremde. Nur das bißchen Geld hält sie bei der Fahne. Wie könnte man also auf sie zählen, wenn es ums Ganze geht? Ihre Führer freilich kämpfen gar sehr für die eigne Sache, aber eben deswegen nicht für die ihres Auftraggebers. Der zweite Einwand Machiavellis lautet: die Söldnerheere haben den Krieg verdorben. Sie haben, wie man so schön sagt, den Krieg zum Kunstwerk gemacht, d. h. sie führen ihn nach festen Spielregeln, die sich vom totalen Krieg denkbar weit entfernen. Sie haben ein Turnier, beinah einen Scheinkampf aus ihm gemacht. Sie manövrieren statt zu schlagen, weichen der Schlacht aus, statt sie zu suchen. Mit diesem Instrument ist ein imperialer Wille, wie er dem echten Staat kraft seiner virtù innewohnt, schlechterdings nicht durchzuführen. Dieses Gelichter sucht sich einen andern Herrn, wenn es merkt, daß es auf große und gefährliche Ziele angesetzt werden soll, und in einer Situation wie Cannae läuft es bestimmt auseinander, abgesehen davon, daß es eine solche Vernichtungsschlacht vorher zu vermeiden gewußt hätte. Man denke von hier aus noch einmal an das Kapitel Discorsi I, 30 zurück, und man wird ein lehrreiches Beispiel dafür finden, wie klar die verschiedenen Schichten in Machiavellis Denken gegeneinander abgesetzt und aufeinander bezogen sind. Dort wurden dem Fürsten, der sich eines Condottiere bedient hat, gute Lehren gegeben, wie er sich seinem siegreichen Feldherrn gegenüber zu verhalten hat, und diesem, wie er sich gegen den sicher zu erwartenden Undank schützen kann. Solange wir uns auf der Ebene einer Technik des politischen Handelns befanden, mußte das konkrete Geschehen in typische Situationssche- mata aufgelöst werden. Daß diese Situationen vorkommen, genügte, um unser

Interesse für sie zu erwecken. Wurden sie scharf analysiert, so mußte sich auch irgendein Verfahren finden, mit ihnen fertig zu werden. Jetzt aber haben wir es nicht mehr mit abstrakt herausgegriffenen Situationen, sondern mit echter Poli- tik und ihren strukturellen Bedingungen zu tun. Jetzt können wir konstatieren, daß eine Situation wie das gegenseitige Mißtrauen zwischen Fürst und Feldherr zwar vorkommt, nämlich dort, wo mit Söldnerführern gearbeitet wird, daß sie aber, wo sie vorkommt, jede zielsichere und produktive Politik unmöglich macht und von einem echten Staatswesen aus gesehen geradezu pervers ist. Wie sieht die Feldherrnfrage im politischen System Roms aus? Die Römer ließen ihren Feldherrn völlig freie Hand (Discorsi II, 33) und rechneten ihnen Nieder- lagen, die nicht durch grobe Fehler verschuldet waren, nicht an (Discorsi I, 31). Sie wußten wohl, was sie damit gewannen: größere Entschlußfreudigkeit der Heerführer, Ausnutzung jeder Chance zum Sieg. Freilich, sie konnten so groß- zügig sein, denn ihre Feldherrn waren angesehene Bürger des Staates, mit diesem auf Gedeih und Verderb verbunden, und ihr Heer war das Volk in Waffen. Damit ist schon gesagt, welches die fundamentalste Bedingung ist, daß ein Staatswesen großer Politik fähig ist. Sie besteht darin, daß das Volk die res publica als seine Sache empfindet und mit ganzer Kraft zu ihr steht. Das kurze Kapitel Discorsi I, 43 ist deswegen so lehrreich, weil hier nicht zwei Heere verschiedener Struktur, Volksheer und Söldnerheer, verglichen werden, sondern zwei Epochen der römischen Geschichte, in beiden Fällen also Volksheere. „Während die römischen Heere unter den Konsuln immer sieggewohnt waren, wurden sie unter den Decemvirn immer geschlagen.“ Ein Volk kämpft nur dann wirklich, wenn es mit dem Herzen bei der Sache ist. Man darf politische Schlagworte, wenn man sie auf Machiavelli anwenden will, nie ideologisch, sondern muß sie rein politisch nehmen. Tut man das, so kann man sagen: das ist Machiavellis „Republikanismus“, das ist seine „Demo- kratie“. Nicht aus einem dogmatischen Glauben an die Güte und Weisheit des Volkes, sondern aus der Einsicht, daß politische Völker zwar in Prinzipienfra- gen irren, konkreten Lagen gegenüber aber einen sicheren Instinkt besitzen, kommt Machiavellis Bekenntnis zu dem Satz, daß des Volkes Stimme eben doch Gottes Stimme sei (Discorsi I, 47 und 58). Nicht weil gewisse Menschen- und Bürgerrechte von Natur gültig wären, sondern weil die Liebe des Volkes der festeste Kitt der Staaten, freiwilliger Einsatz der stärkste Antrieb politischer Unternehmungen ist, muß sich jede Regierung, die Großes vollenden will, auf das Volk stützen. Und daß sie das mit Erfolg tut, ist der Prüfstein dafür, ob echte virtù in ihr ist oder nicht. Diese Frage bildet den ernstesten Differenzpunkt zwischen Guicciardini und Machiavelli. Guicciardini haßt den „Pöbel“, der unwissend und unbeständig ist und für keinerlei Ämter taugt. Für Machiavelli gehört es zu den strukturellen

Bedingungen virtù-haltiger Politik, daß ein starker Strom unmittelbaren Volks- willens in ihr ist. Wer mit den üblichen Vorurteilen an Machiavellis Principe herantritt, dürfte doch recht erstaunt sein, wenn er im 20. Kapitel liest: Einige Fürsten glaubten besonders schlau zu handeln, indem sie das Volk entwaffnen, den Parteizwist unter ihm nähren und für den Fall des Aufruhrs starke Zwing- burgen erbauen. Das sei alles falsch oder nur für ganz spezielle Fälle richtig und jedenfalls ein Notbehelf. „Die beste Festung ist die, nicht vom Volk gehaßt zu werden.“ Die Struktur großer Politik, will Machiavelli sagen, ist einfach. Ihr Geheimnis besteht darin, daß das eigne Volk an sie glaubt, mit ihr mitgeht und sich für sie einsetzt. Nur keine Künstlichkeiten also, nur keine kleinen Schlau- heiten, meine Herren Principi, nur keinen Machiavellismus, sagt Machiavelli Alle bisher genannten Struktureinsichten Machiavellis beziehen sich auf dieje- nigen Teilräume der politischen Welt, von denen hochwertiges Handeln aus- geht. Es bleibt nun zu fragen, wie das politische Kraftfeld an den übrigen Stellen gebaut ist. Diese virtù-freien Räume werden zwar mehr Objekte als Subjekte der Geschichte sein, mehr als Widerstände und Ausbreitungsfelder denn als Herde eigner Aktivität wirken. Aber das konkrete Geschehen wird in seinem Gesamt- verlauf natürlich auch von ihnen mitbestimmt sein, so daß es notwendig ist, auch ihre Struktur zu untersuchen. Wir sind diesem Problem bereits begegnet, als wir von der Politik als Technik des politischen Handelns sprachen. Dort war die Umwelt, die das Wirkungsfeld eines politischen Subjekts bildet, als Summe verschiedenartiger, beständig wech- selnder Situationen zu denken, und so wurde sie denn auch von Machiavelli gedacht. Wir werden diesem Problem noch einmal begegnen, wenn wir von der Politik als Ethik der geschichtlichen Stunde sprechen. Dann wird sich die Umwelt nicht als Summe abstrakt zu beschreibender Situationen, sondern als konkrete Gelegenheit darstellen: unvergleichbar, unwiederholbar, einmalig und nur einmal beim Schopfe zu packen. Sie heißt dann in Machiavellis Sprache fortuna, ist Göttin oder Ungeheuer oder beides zugleich, jedenfalls ein lebendi- ges, wenn auch kaum ein persönliches Wesen und die Gegenspielerin des Hel- den, der sie bezwingen muß. Hier aber, wo es sich um die Struktur des politischen Kraftfeldes handelt, muß Machiavelli einen Begriff wählen, der zwischen dem abstrakten Schematis- mus der einzelnen Lagen und dem mythologischen Bild der Göttin Gelegenheit genau in der Mitte liegt und der das Problem strukturell faßt. Er prägt dazu den Begriff qualità dei tempi. Dieser Begriff, der gemeinhin mit „Geist der Zeiten“, „Zeitläufte“ oder ähnli- chen Ausdrücken sehr unvollkommen übersetzt wird, sagt folgendes:. Das poli- tische Kraftfeld ist nicht nur in dem Sinne in einer dauernden Umschichtung begriffen, daß die aktuellen Lagen, denen sich der Handelnde gegenüber sieht,

wechseln, sondern in dem tieferen Sinne, daß sich seine Feinstruktur ändert. Die Substanz also, aus der die mit bloßem Auge sichtbaren Lagen gebaut sind, wandelt sich um, so daß scheinbar gleiche Lagen, mikroskopisch betrachtet, durchaus verschieden sein können. (Man sieht: Die Hypothese von der Ver- gleichbarkeit geschichtlicher Ereignisse wird von Machiavelli hier zwar nicht aufgehoben, aber sehr stark differenziert.) Jede solche strukturelle Veränderung der „Zeiten“ wird die Folge haben, daß auch die Aktionsformen, auf die die Zeit anspricht, sich ändern. Die qualità einer Zeit wirkt immer wie ein Gitter, durch das bestimmte Strahlen und Stöße glatt durchgehen, während andre abprallen, andre wenigstens gebremst werden. Da nun in der geschichtlichen Welt der Schnitt dieses Gitters unabsehbar wechselt, werden bald diese, bald jene Formen des Handelns erfolgreich sein, immer die, die der qualità der Zeit gemäß sind. Fabius Maximus zauderte, sehr im Gegensatz zu dem Ungestüm, mit dem Rom sonst seine Kriege führte. Das war genau die Form des Handelns, die der Struktur der Lage entsprach: Hannibal jung und siegreich, doch fern von seiner Basis, Rom mehrfach geschlagen und entkräftet, doch zäh und im eignen Lande. So hat das Verfahren des großen Zauderers seinen Namen berühmt gemacht, Rom gerettet. Als sich aber die Feinstruktur der Zeit geändert hatte, wurden andre Handlungsweisen notwendig, und der sichere Instinkt des römischen Staatswesens hat denn auch ganz andersartige Männer, Scipio zum Beispiel, ausgelesen und an die Front geschickt (Discorsi III, 9). So erklärt es sich, sagt Machiavelli im 25. Kapitel des Principe, daß die Men- schen durch ganz verschiedene Eigenschaften und Handlungsweisen zum Erfolg kommen: durch Vorsicht oder Kühnheit, durch Gewalt oder Geschicklichkeit, durch Geduld oder Ungeduld. Ob diese Handlungsformen jeweils einschlagen, hängt von der qualità dei tempi ab. Der Mensch wird sich im allgemeinen kaum wandeln können. Er bringt seine feste Natur mit und gewöhnt sich zudem an seinen Stil des Handelns. Er wird es also hinnehmen müssen, ob sein Tempera- ment und sein Handlungsstil in der Struktur der Zeit günstige Bedingungen findet oder an ihr scheitert. Und falls während seines Lebens eine jener plötzli- chen Umlagerungen der Zeitstruktur stattfindet, wird er fast notwendig schei- tern. Julius II. erreichte mit seiner stürmischen, tollkühnen Art, was niemals ein Papst mit Klugheit vollendet hatte. Die Zeitlage war wie geschaffen für Männer seines Schlages. Wären Zeiten gekommen, die Vorsicht und Umsicht erforder- ten, so wäre er sicher zu Fall gekommen. Denn geändert hätte er sich bestimmt nicht, so wenig wie sich Fabius Maximus ändern konnte, als die Zeit anderes forderte. Im allgemeinen, bemerkt Machiavelli abschließend, wird es wohl rich- tiger sein, stürmisch vorzugehen als vorsichtig. Denn Fortuna ist ein Weib, und wenn man sie unterwerfen will, muß man sie kräftig anpacken. Nun, das ist keine theoretische Lösung des Problems, sondern ein Hieb durch den Knoten

hindurch, logisch ausgedrückt: ein Vorgriff aus dem Strukturdenken in die mythologische Anschauung und die ethische Vergegenwärtigung. Die grund- sätzliche Erwägung Machiavellis aber ist ein wesentliches Stück seiner Struktur- lehre der politischen Welt. Wir nennen abschließend noch einmal das Kapitel III, 9 der Discorsi, weil es zugleich zum Verfassungsproblem zurücklenkt und so die beiden Hauptthemen dieser Schicht miteinander verbindet. Der einzelne Mensch kann sich nur schwer ändern. Er ist der Zeitstruktur entweder gemäß und dann auch gewach- sen oder nicht; und wenn sie sich plötzlich umschichtet, wird er kaum mitkom- men, – wenn auch vom Staatsmann idealiter gefordert werden muß, daß er mit der Zeit Schritt hält und ihren neuen Strukturen auch neue Handlungsformen entgegenzusetzen weiß. Das überpersönliche Dauergebilde des Staates aber hat diese Möglichkeit in viel höherem Grade. Der Staat kann für neue Lagen neue Männer heranziehen und die alten verwerfen, wenn sie von der Zeit überholt sind. Er kann das, und darum soll er es auch, und seine virtù wird sich darin zeigen, daß er es mit sicherem Griff tut. Seine Verfassung ist die Art und Weise, wie er sich für seine geschichtlichen Aufgaben bereitstellt, sich für sie in Form bringt und in Form erhält. Dazu aber gehört vor allem, daß er die Begabungen und Temperamente, die der Moment erfordert, nicht brachliegen läßt, nicht durch ein starres System der Auslese unten hält und in subalternen Aufgaben verkümmern läßt, sondern ausliest und in Front stellt. Auch ein Fürst (er muß dann freilich sehr weise sein) kann seine Ratgeber und Gehilfen so auswählen, daß er immer für die rechte Zeit den rechten Mann, für die rechte Lage die rechte Kraft zur Verfügung hat. In den großen Republiken vom Typus Rom ist diese Kunst der Menschenverwendung zur sicheren Tradition ausgebildet worden. Hierin besteht für Machiavelli einer der Vorteile der republikanischen Staats- form: sie kann sich, durch ein richtiges Spiel mit den verschiedenen Talenten ihrer Bürger, „besser in die verschiedenen Zeiten schicken“. Nochmals ein Beweis dafür, daß das ganze Problem der Verfassung für Machiavelli nicht ein statisches, sondern ein dynamisches, und nicht ein dogmatisches, sondern ein politisches Problem ist.

d) Ethik der geschichtlichen Stunde

Wir haben unsere Beispiele bisher vorwiegend aus den Discorsi gewählt, mit deswegen, weil die Discorsi unter dem Weltruhm des Principe gelitten haben und, während dieser in aller Munde ist, recht unbekannt geblieben sind. Nur

gelegentlich griffen wir auf Stellen aus dem Principe vor, wobei sich wohl deut- lich zeigte, daß darin Machiavellis Gedanken meist am prägnantesten, immer am kühnsten gefaßt werden. Das hat man immer gefühlt. Nicht ohne Grund ist der Principe das einzige Werk Machiavellis, das im allgemeinen Bewußtsein mit seinem Namen verbunden ist. Nur hat diese Beschränkung mehr Schaden gestif- tet als Nutzen und sich als Hindernis nicht nur für das richtige Verständnis von Machiavellis Gesamtwerk, sondern sogar für die richtige Auffassung des Prin- cipe selbst erwiesen. In dem jetzt folgenden Kapitel werden wir uns im wesentlichen auf den Principe zu stützen haben. Diese tiefste Schicht in Machiavellis Denken könnte nur unvollständig und mit zahlreichen Hilfskonstruktionen in den Discorsi gefunden werden, während sie im Principe offen zutage liegt. So bestätigt sich auch von unserm systematischen Aufriß aus, daß der Principe das zentrale Werk Machiavellis ist. Auf die italienische Gegenwart und ihre politischen Aufgaben ist Machiavellis Denken immer bezogen, auch in den Discorsi und den anderen Werken. Der Principe aber hat diese Gegenwart und ihre Aufgaben unmittelbar zum Gegenstand. Schon deshalb läßt sich erwarten, daß er das Zentrum des gesamten Werkes bildet. Denn die politische Wissenschaft hat ihr Zentrum nie dort, wo zeitabgelöste, generelle Wahrheiten gewonnen werden, sondern dort, wo der substantielle Wille der Gegenwart in ihr Denken eingeht. Der Principe ist, wie schon gesagt, eine sehr formstrenge, freilich auch sehr komplizierte und kunstvoll gefügte Komposition. Seine Entstehungsgeschichte und seine literarische Form sind mannigfach untersucht worden. Von den Fra- gen der Entstehungsgeschichte werden wir hier nicht ausführlich sprechen, aus der Analyse seiner literarischen Form aber muß einiges zur Deutung seines politischen Inhalts herangezogen werden. In dem eingangs zitierten Brief vom 10. Dezember 1513 erzählte Machiavelli, er habe ein kleines Werk de principatibus geschrieben; er sei noch dabei, es zu erweitern und daran zu feilen; es handle vom Wesen der Herrschaft, ihren verschiedenen Arten, den Mitteln zu ihrer Erwerbung und Behauptung, den Ursachen ihres Verlustes und sei in erster Linie als Wegweiser für solche Fürsten gedacht, die neu zur Herrschaft gelangen. Daher die beabsichtigte Widmung an Giuliano. Die Historiker haben gefunden, daß diese Charakteristik vorzüglich auf die erste Hälfte des Principe zutreffe, bis Kapitel 11, vielleicht bis Kapitel 14 (denn 12 bis 14 handeln vom Kriegswesen, und dieses gehört ja gewiß zu den Mitteln, durch die ein neuer Fürst seine Herrschaft erwirbt und behauptet). Dann aber wechselt das Thema. Nicht mehr von den principatus, sondern von den princi- pes ist die Rede. Das Bild des neuen Fürsten, wie er sein soll, wird aufgestellt, seine Ethik entwickelt. Man schließt also: jener erste Entwurf sei bis Kapitel 11

oder 14 gegangen, dann sei, indem Machiavelli „erweiterte und feilte“, eine Gruppe von Kapiteln nach der andern entstanden und dem ursprünglich sehr streng disponierten Traktat mit lockeren Übergängen angefügt worden. Der ganze zweite Teil sei eine „Effloreszenz“ des ersten Teils, in dem wir den ursprünglichen Entwurf vom Dezember 1513 zu sehen hätten. Der ursprüngli- che Titel De principatibus wäre für die erweiterte Schrift zu eng gewesen; daher die Umbenennung auf Il principe 1 ). Diese Theorie über die Entstehung des Werkes, die sich auf eine größere Reihe von stilistischen und inhaltlichen Einzelargumenten zu stützen vermag, ist von anderen bestritten worden, ebenfalls unter Berufung auf Stilkriterien, Zeit- anspielungen und dergleichen. Sie ist in der Tat nicht so überzeugend, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Vor allem die starke Herausarbeitung der Figur Cesare Borgias im 7. Kapitel sprengt von Anfang an den Stil eines bloßen Trak- tats über neue Fürstentümer und bringt das neue Thema „der Fürst“ zum Durchbruch. Cesare Borgia wird scheinbar als bloßes Beispiel für die Erwer- bung und Behauptung neuer Herrschaften eingeführt, als ein Fall unter anderen. Aber obwohl er doch bereits nach wenigen Jahren gescheitert ist, eigentlich also als Beispiel gar nicht beweiskräftig sein kann, wird seine Gestalt so vollständig ausgeformt, und es wird ihr ein solches Gewicht gegeben, daß mitten in der Abhandlung, die strukturelle Einsichten und Handlungsregeln für den Spezial- fall des neuen Fürstentums gewinnen soll, etwas ganz anderes entsteht, nämlich die Geschichte eines Helden. Cesare Borgia wird unter Machiavellis Hand aus einem abstrakten Träger beispielhafter Handlungen zur Person. Das ist, vom Stil des Traktats aus gesehen, ein Bruch. Von der Gesamtkomposition des Principe aus gesehen aber ist es kein Bruch, sondern der Aufgang des zweiten und eigent- lichen Themas (il principe) im ersten und vorläufigen (de principatibus). Im zweiten Teil wird diese Gestalt, nun nicht mehr als Cesare Borgia, sondern als „il principe im Kampf mit Fortuna“ vollständig ausgearbeitet und damit das, was zunächst wie ein Bruch der Form aussah, zum Sinn der Gesamtkomposition gemacht 2 ). Nun ist es zweifellos möglich, daß ein formstrenges Werk auf sehr merkwür- digen und unregelmäßigen Wegen entsteht und daß die Einheit der Komposi- tion, die wir an ihm bewundern, gewissermaßen hinter dem Rücken des Verfas- sers zustande gekommen ist. Insofern wird durch den Aufweis der kunstvollen Einheit des Principe die Theorie seiner stückweisen Entstehung nicht widerlegt. Machiavelli hätte dann, indem er nur Ergänzungen und Erweiterungen anzufü-

1 ) Fr. Meinecke in Klassiker der Politik Bd. VIII, S. 38 ff. 2 ) In dieser Weise hat Marianne Weickert die Komposition des Principe überzeugend dargestellt: „Die literarische Form von Machiavellis Principe“ 1937.

gen glaubte und kein Ende finden konnte, in Wahrheit den Keim, den er von Anfang an gelegt hatte, entwickelt und die innere Form des Kunstwerks voll- zogen. Möglich, wenn auch ein wenig unwahrscheinlich. Jedenfalls aber zeigt sich hier wiederum, daß die Geschichte der tatsächlichen Entstehung eines Werkes verhältnismäßig belanglos, die Erkenntnis seines Formgesetzes das allein Wichtige ist. Für uns aber, die wir den Principe nicht als selbstgenüg- sames literarisches Gebilde, sondern als Glied in Machiavellis Gesamtwerk zu nehmen haben, wird nun die Aufgabe darin bestehen, nicht nur den Gedan- kengehalt, mit dem der Principe über die Discorsi hinausreicht, sondern auch den Formcharakter, durch den er sich von diesem unterscheidet, in seiner systematischen Bedeutung zu erfassen. Es ist eben nicht zufällig, daß im Schichtengefüge des Machiavellischen Denkens an dieser Stelle die Denkform der konkreten Gestalt, man möchte sogar sagen: der Romanfigur auftritt; daß Tatbestände, die bereits strukturtheoretisch gefaßt sind, noch einmal zum Bild veranschaulicht, geradezu zum Mythus verdichtet werden; daß wohler- wogene Gedanken bis an die Grenze des Paradoxen übersteigert und sogar Beispiele, die im logischen Sinne nicht beweiskräftig sind, so behandelt wer- den, als seien sie es. Es kann uns nicht genügen, in alledem den Zwang der Form, die der Principe nun einmal hat, zu entdecken. Sondern wir müssen versuchen, ihn mitsamt seinem Formcharakter an die richtige Stelle in Machiavellis Werk zu versetzen, dorthin nämlich, wo Machiavellis Denken der konkreten Gegenwart seines Vaterlandes begegnet. Der Principe beginnt so, daß er sich der Denkweise Machiavellis, wie wir sie bisher kennengelernt haben, völlig einzufügen scheint; nur inhaltlich scheint er gegenüber den Discorsi neue Tatsachengruppen hinzufügen zu wollen. Staaten sind entweder Republiken oder Fürstentümer, so heißt es in Kapitel I, Fürsten- tümer entweder ererbt oder neu erworben oder zum Teil das eine, zum Teil das andere. Von den Republiken, so heißt es weiter, handeln wir anderswo; wir wissen, in den Discorsi. Von den Erbfürstentümern brauchen wir nur kurz zu sprechen, weil ihre Erwerbung gar keine, ihre Erhaltung keine schwierigen Pro- bleme einschließt. Die „gemischten“, d. h. teils ererbten, teils neu erworbenen Herrschaften sind theoretisch hochinteressant, vor allem, da man dabei unter- scheiden muß, ob die neu hinzuerworbenen Gebiete früher frei gewesen sind oder bereits unter einem Fürsten gestanden haben. Das eigentliche Problem aber, das uns in diesem Buch beschäftigen soll, sind die ganz neuen Fürstentü- mer, die eben erworbenen oder wohl gar erst zu erwerbenden Herrschaften. Man sieht: Machiavelli setzt so ein, als wolle er einer besonderen, exakt definier- baren und in der Gegenwart besonders wichtigen Gruppe von politischen Erscheinungen eine Monographie widmen, während in den Discorsi alle Typen des Staates nebeneinander behandelt wurden.

Es wird nun eine weitere Unterteilung der neuen Fürstentümer eingeführt, und zwar nach dem Gesichtspunkt, auf welchem Wege sie erworben worden sind. An dieser Stelle geht das eigentliche Problem des Principe auf, hier liegt der Schlüssel zu seiner Deutung. Neue Fürstentümer werden entweder durch virtù oder durch fortuna erworben, realistisch ausgedrückt: entweder mit eignen oder mit fremden Waffen. Von dem ersten Fall handelt das 6. vom zweiten das 7. Kapitel. Es zeigt sich sehr bald, daß der virtù-Fall, wenn er auch unbedingt der höherwertige ist, hier in den Hintergrund gedrängt und rasch abgewickelt wird, während der fortuna-Fall in den Mittelpunkt rückt und zum Thema des ganzen Buches wird. Warum? Weil er der gegenwartswichtige ist. Weil Lykurg und Theseus, Moses und Cyrus zwar die politischen Größen ersten Ranges sind, aber zur Zeit einen sehr langen Bart haben. Weil in der Not der Stunde nicht auf einen mythischen Staatsgründer gewartet werden kann, und weil der rohe Block, dessen er bedürfen würde, das junge unverdorbene Volk, erst recht nicht da ist. Weil also, wenn Italien nicht verloren gehen soll, der andre Fall, der kleinere, ins Auge gefaßt werden muß, der wenigstens möglich ist und vielleicht sogar organisiert werden kann. Kapitel 6 handelt also von der Erwerbung oder Gründung neuer Staaten durch virtù. Wir haben hier an alles zu denken, was wir über diese metaphysi- sche Kraft und ihr plötzliches Auftauchen an einzelnen Stellen der Erde, über ihre reinste Erscheinungsform, die Staatwerdung eines jungen Volkes, über ihre Bindung an Religion und Sittenreinheit sowie über die strukturellen Bedingun- gen ihrer Wirksamkeit gehört haben. Im Auftrag eines Gottes einem jungen Volk seine erste politische Form aufprägen, das ist das Größte, was es in der Geschichte gibt, so wiederholt Machiavelli, das ist das Urphänomen der Politik. Doch wenn man ganz genau hinhört, klingt hier bereits ein leiser Unterton von Ironie mit, derart etwa: diese Männer sind die reinen Wunder, nur schade, daß es schon solange her ist. Auch bei ihren Staatsgründungen war fortuna im Spiel, das versteht sich von selbst. Sie war schon in dem formalen Sinn im Spiel, daß jede Handlung in eine Umwelt hineinwirkt und daß ihr Erfolg von der Struktur dieser Umwelt irgend- wie mitbestimmt ist; fortuna ist zunächst der Name für die Summe der objekti- ven Gegebenheiten, in die die Handlung vorstößt. Aber sie war noch in einem weiteren Sinn im Spiel. Sie gab die Gelegenheit, sie stellte gleichsam die Aufgabe. Diese Gelegenheit bestand meist nicht in einer günstigen, sondern gerade in einer ungünstigen Ausgangslage. Ein Volk war geknechtet und schrie nach Befreiung. Ein Volk wohnte zerstreut und wartete auf den Sammler. Ein Volk schlief und harrte des Erweckers. Irgendein Felsblock war da, der dem Helden zum Wälzen gegeben wurde; erst an ihm wurde er zum Helden. Das war die bescheidne Rolle der fortuna in diesen Fällen. Wenn an dem einen Pol des

Geschehens, im Subjekt, die metaphysische Energie der virtù sitzt, so geht von ihm die lautere Aktivität aus, und alles übrige ist nur Felsblock zum Wälzen. Ja, in diesem Falle ist das Schwere und Widrige gerade das Rechte. Wo virtù ist, müssen alle Dinge zum besten dienen. Doch nun der Gegenfall. Wenn wir sagen, Fürstenherrschaft könne außer durch virtù auch durch Glück erworben werden, so kehren wir das vorige Bild genau in sich um: wir setzen den aktiven Pol auf die Seite der Umwelt und der Gelegenheit. Wir nehmen an, das ewig wechselnde Auf und Ab der Lagen, das tolle Spiel des Zufalls, kurz fortuna, hätte über Nacht einen beliebigen Men- schen, vielleicht einen Nichtsnutz, vielleicht einen Rowdy in die Höhe gespült und auf den Thron gesetzt. Warum sollte das nicht sein? Warum kommt ausge- rechnet diese krumme Zahl mit dem großen Los heraus? Warum sollte also nicht einmal dieses krumme Individuum mit dem großen Los „Fürst“ herauskom- men? Heutzutage, wo das Glücksrad das Symbol des Lebens geworden ist und Fortuna der ungläubigen Menschheit als die Göttin schlechthin gilt, ist alles möglich, warum also nicht das. Insoweit ist der Fall noch nicht interessant. Das Glücksrad geht immer weiter. So ist tausend gegen eins zu wetten, daß der Mann ebenso schnell wieder herun- terkommt, wie er hinaufgekommen ist. Und Fortuna hätte dann eine ihrer Pos- sen gespielt: König für einen Tag. Hier aber setzt nun der Grenzfall ein, der aufregend wichtig ist. Wenn der Mann kein bloßer Glückspilz ist, sondern ein ganzer Kerl mit festen Fäusten und einem guten Kopf, zwar ohne virtù (das ist ja unsere Voraussetzung), doch hochgemut und anspruchsvoll in seinen Zielen (avendo l’ animo grande e la sua intenzione alta) – wäre es dann nicht möglich, daß er den unverdienten Aufstieg nachträglich legitimierte oder jedenfalls das Wiederabrutschen verhinderte? Kann sich einer, der ohne virtù und durch fortuna nach oben gekommen ist, ohne virtù und ohne fortuna, vielmehr sogar gegen sie obenhalten? Machiavelli hat eine Formel gefunden, die diesen Fall treffend bezeichnet und die zugleich das konstruktive Problem, das er in sich enthält, deutlich heraus- stellt. Ein solcher Fürst, sagt er, stünde vor der Aufgabe, die Fundamente seines Staatswesens nachträglich zu legen, nachdem ihm der Oberbau sozusagen durch die Gunst des Schicksals geschenkt worden ist (Kapitel 7). Die Staatsgründer des großen Typus legen selbstverständlich die Fundamente zuerst, wie jeder ordent- liche Baumeister. Sie finden den gewachsenen Grund vor: ein gesundes Volk, reine Sitten, einen lebendigen Glauben. Sie befreien das Volk, sammeln es, füh- ren es in das Land seiner Wahl, geben ihm eine politische Ordnung und befesti- gen in alledem ihre eigne Autorität. Das sind die Grundmauern, auf denen dann sie selbst oder ihre Nachfolger den Staatsbau nach und nach aufführen können. Im fortuna-Fall ist der Verlauf gerade umgekehrt. Da ist das Staatswesen

durch glückliche Winde rasch zusammengeweht worden. Durch Zufall standen äußere Stützen zur Verfügung, die den Bau emporschießen ließen. So etwas ist natürlich kein solides Gebäude. Aber die Frage ist, ob es nicht möglich ist, nachträglich eins daraus zu machen. Dazu müßte der Anfang, der fehlt, nachge- holt, das Fundament hinterher untergeschoben und mit dem bereits fertigen Gebäude fest verbunden werden. Dann wäre es möglich, die äußeren Stützen, an denen der Bau hochgeklettert ist, die ihn aber bestimmt nicht für immer halten würden, entbehrlich zu machen und abzubauen. Ohne Bild gesprochen: der durch Glück hochgekommene Fürst müßte die Macht und die Autorität, die er von Anfang an nicht hatte, unterwegs gewinnen. Das zufällige Stück Land, das ihm durch eine glückliche Konstellation in die Hand gespielt worden ist, müßte nachträglich in ein sinnvolles Staatsgebiet umgeschmolzen werden. Das Volk, das ihn vorher nicht kannte, müßte ihn lieben oder achten, mindestens aber fürchten lernen. Anfangs auf fremde Mächte gestützt und von außen her gehal- ten, müßte er diese Bundesgenossen und Hilfsmächte nach und nach abhängen und sich unauffällig, doch möglichst rasch eine eigne Truppenmacht schaffen. Dieser letztere Punkt ist besonders wichtig. Machiavelli rechnet die fremden Waffen, mit denen ein solcher Fürst zunächst sein Glück macht, als wichtigsten Bestandteil zu der „fortuna“, der er seinen Aufstieg verdankt. Durchaus mit Recht. Denn der König von Frankreich oder die Orsinigruppe oder wer es sonst sei, wird ihm Waffenhilfe bestimmt nicht um seiner schönen Augen willen, sondern nur aus eignem Interesse zur Verfügung stellen. Daß die Interessen dieser bereits konsolidierten Mächte zufällig gerade so liegen, daß sie den Emporkömmling unterstützen, ist ein wesentliches Stück der Konstellation die ihn emporträgt. Sie würden ihn, wenn ihr Interesse erlischt, kaltblütig fallen lassen, deshalb muß er ihnen zuvorkommen, sie rechtzeitig loswerden und seine Macht mittlerweile auf eigne Füße gestellt haben. Der ganze Fall wird von Machiavelli in Kapitel 24 in der sehr prägnanten Formel zusammengefaßt: das Ziel sei, daß ein solcher neuer Fürst wie ein altangestammter erscheine. Hiermit ist in aller Klarheit ein Problem gestellt, das einen Geist wie Machia- velli selbst dann reizen müßte, wenn ihm nicht die unvergleichliche praktische Bedeutung zukäme, die es tatsächlich hat. Der politische Abenteurer, der ohne virtù durch Zufall zu seinem Staat kommt, ist, wie wir sogleich sehen werden für Machiavelli der eigentlich „zeitgemäße“, in der qualità der italienischen Gegenwart angelegte Fall. Zunächst aber bildet die Frage, ob eine solche neue Herrschaft im System der politischen Mächte fest werden kann, einfach ein konstruktives Problem von höchstem Reiz. Hier ist der Punkt, an dem das Bild Cesare Borgias seine zweite Umformung und Erhöhung erfährt. In den Tagen von Sinigaglia war ein erstes Idealbild Cesare Borgias in Machiavellis Kopf entstanden: das Bild des Menschen, der,

durch keine moralischen oder sonstigen Hemmungen belastet, einwandfrei rich- tig handelt und deswegen Erfolg hat. Hinter dem Unternehmen, Regeln des politischen Handelns zu finden, hinter dem ganzen Technizismus und Machia- vellismus der ersten Stufe stand dieses Bild. Jetzt wird Cesare Borgia zum zwei- tenmal erhöht. Dabei werden – im Abstand von zehn Jahren – wesentliche Züge seines Lebens und seiner Leistung gleichsam neu entdeckt, freilich auch neue Stilisierungen vorgenommen, doch alles mit dem Erfolg, daß die Gestalt dieses politischen Abenteurers tiefer und vollständiger begriffen wird. Aus dem Mann, der richtig handelte, wird er das Beispiel des neuen Fürsten durch Glück. Aus einem schematischen Vorbild politischer Technik wird er das Idealbild dessen, der das soeben gestellte Konstruktionsproblem grundsätzlich gelöst hat. Das ist der Sinn des breit ausgeführten Beispiels im 7. Kapitel, von dem wir sagten, daß es das theoretische Gefüge der ersten Hälfte des Principe sprengt. Cesare Borgia ist durch Glück und fremde Waffenhilfe zu seinem Staat gekommen. Sein Vater, der Papst, hat ihn, nachdem er zu diesem Zweck die italienischen Verhältnisse in Verwirrung gebracht hatte, eingesetzt, und Cesare Borgia hat sich nie einer Täuschung darüber hingegeben, daß sein Glück unter anderem davon abhing, daß Alexander VI. lange genug lebte. Zudem hat Vene- dig soeben aus andern Gründen die Franzosen wieder nach Italien gerufen. Der Papst unterstützte das. So standen Cesare Borgia außer den Orsini französische Hilfstruppen zur Verfügung: eine sehr verzwickte, durch viele Zufälle sich zusammenspielende Lage, die ihm die Eroberung der Romagna ermöglichte. Natürlich waren die Orsini ganz unzuverlässig, und Frankreichs Absichten konnten jeden Tag umschlagen. Die Stützen des künstlichen Gebäudes wankten also bedenklich. Da aber zeigte sich, daß Cesare Borgia keine Null, sondern ein Mann war. Echte virtù hatte er nicht, aber Geist und Begabung, und Machiavelli bezeichnet ihn wenigstens mit dem Eigenschaftswort, gleichsam potentiell als virtù-haltigen Typus: uno prudente e virtuose uomo. Er beschloß, „sich von der fremden Waffenhilfe und von der fortuna der andern unabhängig zu machen“. Er schwächte die Partei der Orsini und Collona und vernichtete ihre gefährlichsten Führer (folgt die Geschichte von Sinigaglia). Und nun das Wichtigste: die Romagna, die ihm durch Glück zugefallen war, zauberte er in einen Staat um, der sich sehen lassen konnte. Er fand sie von unfähigen Herren regiert, voll Aufruhr und Räuberei, in schlimmster Desorganisation. Mit Hilfe des Ramiro (dessen er sich dann später auf jene grausame Weise entledigte) brachte er sie in eine musterhafte Ordnung, vertilgte das Räuberunwesen, stellte Recht und Gericht her, schuf sich eigne Truppen, – alles mit drakonischen Mitteln, aber mit vollem Erfolg. Was tat er also? Er legte die Fundamente, die seinem Zufallsstaat fehlten, nachträglich. Er zog dem fertigen Bau Träger unter und gab ihm

dadurch einen Halt, der von den ursprünglichen Stützen unabhängig war. Das ist die Leistung, die auf dieser zweiten Stufe des Cesare-Borgia-Bildes zum Mittelpunkt der ganzen Gestalt wird. Der Staat als Ordnungsgebilde ist für Machiavelli ein Wert ersten Ranges. In ihm wird der Mensch erst zum morali- schen Wesen, erst zum Menschen. Diesen Wert setzt Machiavelli hier als schwe- res Gewicht ein. Cesare Borgia legte einen einwandfreien Ordnungsstaat hin und bewies dadurch, daß er, wenn schon bloß durch Glück, doch nicht zu Unrecht auf den Thron gekommen war. Freilich blieb noch viel zu tun. Die Hauptstütze, die Bundesgenossenschaft Frankreichs, blieb abzubauen. Vor allem war die Neugründung vom Leben oder Sterben des Papstes unabhängig zu machen. An dieser Stelle bricht die Beweis- kraft des Beispiels sichtbar auseinander. Cesare Borgia hat es tatsächlich nicht ganz geschafft, sondern ist gescheitert. Aber das Charakteristische ist nun, daß Machiavelli sein Beispiel in die Zukunft verlängert und sogar seinem Helden die Handlungen, die er nun hätte tun müssen, beinahe so anrechnet, als hätte er sie getan. Cesare Borgia war dabei, sich von Frankreich loszumachen. Da starb der Papst, höchst ungelegen, und Cesare Borgia selbst lag zu gleicher Zeit schwer krank. Dafür konnte er ja nichts. Doch versäumte er es dann, auf die Wahl des neuen Papstes den richtigen Einfluß zu nehmen. Die Wahl Julius II. hätte er jedenfalls verhindern müssen. Er ist also nicht nur von Fortuna im Stich gelassen worden, womit von Anfang an gerechnet werden mußte, sondern er hat zum Schluß sogar Fehler gemacht. Doch lassen wir das, sagt Machiavelli (nicht wört- lich, doch dem Sinne nach), er war trotzdem ein großer Mann. Er hat aus einem Abenteurerstaat binnen kurzer Zeit einen echten Staat gemacht. Er hat einem Zufallsbau nachträglich Fundamente untergebaut. Auf dieses „lassen wir das“ und auf dieses „trotzdem“ muß noch ein Blick geworfen werden. Man kann natürlich sagen, Machiavelli sei der Gefangene seines Beispiels geworden, er sehe nicht oder wolle nicht sehen, daß es nicht beweise, was es beweisen solle, die Gestalt des Helden schiebe sich störend vor den Beweisgang. Ich glaube, daß das nicht das Ganze ist. Wir befinden uns hier nicht mehr auf der Ebene der technischen Handlungsregeln. Wir suchen viel- mehr den Typus des handelnden Menschen, der der Zeit gemäß ist. Selbstver- ständlich muß aus den Fehlern Cesare Borgias im einzelnen gelernt werden, wie es besser zu machen ist. Aber einen konkreten Typus kann man nicht schulmei- stern, sondern nur bejahen oder verneinen. Scheitern ist dann kein Gegenargu- ment, besonders wenn wir seine Gründe im einzelnen aufweisen können. Daß derjenige, der die Zeit mit dem richtigen Griff packt, auch Pech haben, zum Beispiel zur Unzeit krank werden oder sich sogar einmal vergreifen kann, ist das Risiko, das jeder Handelnde auf sich nimmt. Das Wesentliche ist: Cesare Borgia, dieser zweite Cesare Borgia, ist kein Exempel für einen Fall, kein bloßer Virtuos

einer bestimmten Technik, sondern die Vision einer Gestalt. Er ist „der moderne Mensch“ (nicht in dem vagen Sinne, in dem das Wort gewöhnlich gebraucht wird, sondern in dem ganz exakten Sinne, der mit dem Begriff qualità dei tempi gegeben ist). Die Aufgabe, vor der er stand und die er fast gelöst hat, ist heute noch gestellt, heute erst recht. Auch das meint Machiavelli wieder nicht nur allgemein, son- dern höchst konkret. Leo X. strebte danach, den Mitgliedern seines Hauses aus den mittelitalienischen Splitterstaaten eine solide Herrschaft aufzubauen; das war, wie wir sahen, die einzige feste Linie in seiner schwankenden Politik. Bald verdichteten sich die Gerüchte dahin, daß Giuliano, der Bruder des Papstes, Herr von Parma, Piacenza, Modena und Reggio werden solle. Diese Informa- tion schreibt Vettori am 31. Januar 1515 an Machiavelli. Schon in den allgemei- ner gehaltnen Plänen Leos X. erst recht in diesem bestimmteren, wird eine Lage erkennbar, die mit der Cesare Borgias durchaus vergleichbar ist. Nicht der Sohn des Papstes diesmal, sondern sein Bruder soll aus dem politischen Geröll Mittel- italiens, das die Einbruchsstelle für alle fremden Mächte ist, einen wirklichen Staat bilden; wozu noch kommt, daß in diesem Fall auch Florenz-Toskana in den Händen der Medici ist. Von da aus könnte, wenn man kühn weiterdenkt, das zersplitterte Italien auf einmal eine feste Mitte bekommen. Doch die Paral- lele zu Cesare Borgia und seiner Romagna geht noch weiter. Der junge Lorenzo, Neffe des Papstes, von diesem zum Vizekapitän der Kirche ernannt, tritt für die Hauspläne an die Stelle Giulianos, der 1516 stirbt. Lorenzo eroberte 1516 das Herzogtum Urbino, allerdings nicht auf Dauer, da ihn seine Söldnertruppen im Stich ließen. Er war ehrgeizig und mit der immer etwas getarnten Herrschaft, die die Medici in Florenz ausübten, durchaus nicht zufrieden. „Lebhaften Gemüts, schlau und großer Dinge fähig, nicht wie Cesare Borgia, aber beinahe so“, so beschreibt ihn der Bericht des venetianischen Gesandten. Die Geschichte der Umwidmung des Principe von Giuliano auf Lorenzo hängt mit diesen Tatsa- chen natürlich aufs engste zusammen. Damit ist die Lage, die der verbannte Machiavelli in Italien sich bilden sah, denkbar nahe an die von 1502 herangerückt. Die Vergleichbarkeit geschichtli- cher Lagen, die wir früher als notwendige Voraussetzung für die Aufstellung von Handlungsregeln erkannten, wird hier praktisch bedeutsam. Allerdings mit der Korrektur, daß es sich nicht mehr um abstrakt herausgegriffne Situationen handelt, sondern um konkrete geschichtliche Stunden. Situationsschemata (Befriedung einer Stadt usw.) kann man systematisch ordnen, nach Gruppen zusammenstellen, auf ihre Grundstruktur abziehen; dann vermag man die jewei- ligen Handlungsregeln zu finden. Geschichtliche Stunden kann man nicht syste- matisieren, sondern nur im Blick erfassen. Sie sind einander auch nie schema- tisch gleich, höchstens wie Individualitäten wesensverwandt; das eben ist hier

der Fall. Und aus der Vergegenwärtigung einer geschichtlichen Stunde kann nie eine abstrakte Handlungsregel abgelesen werden; es kann nur der Mann, der der Stunde gemäß ist, der Held, der ihren Aufgaben gewachsen ist, als konkreter Typus ihr zugeordnet werden. Nicht wie man es macht, sondern wer es machen kann, ist die Frage. Italien soll geeint und befreit werden, das ist die Forderung der Stunde. Dazu muß zunächst ein gediegener politischer Kern geschaffen werden, irgendein Piemont, irgendein Preußen. Es ist verfehlt, aus gleichzeitigen Briefstellen oder sonstigen Äußerungen Machiavellis erweisen zu wollen, daß er an die Möglich- keit, Italien zu einigen und zu befreien, nicht wirklich geglaubt habe, so daß also die Leitidee des Principe nicht voll ernst genommen werden könne und der Aufruf im Schlußkapitel als rethorisches Schmuckstück oder als pure Schmei- chelei an die Adresse der Medici angesehen werden müsse. Gewiß, Machiavelli erklärt es in den Briefen an Vettori als Illusion, auf einen nationalen Befreiungs- krieg, zu dem Italien aufstände, zu hoffen; selbst wenn die Häupter sich einigen sollten, sagt er, wir hätten keine Soldaten. Aber man lese zum Vergleich die Äußerungen aller der Männer in der Weltgeschichte, die ihr Volk zum Freiheits- krieg geführt oder erweckt haben. Bei allen wird man neben dem festen Glauben an die Möglichkeit der Befreiung die bittersten Klagen über die Uneinigkeit, Lauheit und Trägheit des eignen Volkes finden. Dieser Groll, diese Verzweif- lung ist der Wetzstein, an dem sich der Glaube und der Wille schärft. Es ist ebenso verfehlt, aus der Person der beiden Medici den Nachweis führen zu wollen, daß sie für ein so großes Werk nicht in Frage kamen. Man kann das allerdings mit Recht bezweifeln. Weder die beiden Prätendenten, noch der als ideeller und realer Machtfaktor im Hintergrunde stehende Papst Leo X. waren die rechten Männer für die Aufgabe, die Machiavelli stellt. Doch man muß bedenken: Lorenzo ist damals einundzwanzig, also noch nicht endgültig zu beurteilen; daß der venezianische Gesandte durchaus auf ihn hinweist, haben wir schon erwähnt. Vor allem ist klar: Machiavelli mußte, wenn auf irgend jemand, auf die Medici seinen Blick richten, wenn er den Führer für die Eini- gung Italiens suchte. Man kann sich die Männer für die Aufgaben, die die Stunde stellt, nicht malen, man muß sie nehmen wie sie sind. Hinzuzurechnen ist immer, daß der ganze Principe und im besonderen seine Widmung für Machia- velli auch ein Mittel ist, sich zu empfehlen, auf sich aufmerksam zu machen, sich selbst ins Spiel zu bringen. Wir wiederholen hier: bei Machiavelli liegen diese egoistischen Motive immer ganz sauber und ehrlich neben den idealen. Machiavelli macht es seinem Biographen leicht, jenen Fehler zu vermeiden, in den dieser sonst gern verfällt: seinen Helden zu idealisieren. Er gibt ehrlich zu, daß er in allem immer auch das Seine will. Schließlich aber ist zu bedenken: eine Widmung ist eine Widmung und nicht

das Werk. Ob Giuliano, Lorenzo oder wer sonst, ist eine Frage zweiten Ranges. Machiavellis politische Wissenschaft wird im Principe zur Ethik der geschichtli- chen Stunde. Was er zuvor als Schematismus einzelner Lagen, als Summe einzel- ner Handlungsregeln, als System einzelner Struktureinsichten gewonnen hat, geht nun in seinem Denken zusammen zum konkreten Begriff der Gegenwart und ihrer geschichtlichen Aufgabe. Für die Aufgabe der geschichtlichen Stunde aber gibt es kein Rezept. Ihre Lösung im Raum der Theorie kann wie gesagt nur darin bestehen, daß man den Typus beschwört, der der Aufgabe gewachsen ist. Das tut Machiavelli zunächst (im 7. Kapitel) durch das zum zweitenmal erhöhte Bild Cesare Borgias. Und er tut es dann weiter in der ganzen zweiten Hälfte des Principe; nun bezeichnenderweise nicht mehr namentlich, sondern anonym: er schafft die Gestalt „Il principe“. Was er in seinen Lustspielen, an die alten Traditionen der Komödiendichtung anknüpfend, was er in Gelegenheitsarbeiten wie der Lebensbeschreibung des Castruccio Castracani sozusagen schulmäßig geübt hat, wird jetzt zum wesentlichen Bestandteil seines Denkens: die Prägung eines Typus, in dem der Wirklichkeitsgehalt einer ganzen Welt zur Gestalt zusammengezogen ist. Cesare Borgia ist noch immer hinter dieser Gestalt sicht- bar. Er bildet den historischen Kern, um den sie entstanden ist, und erfährt hier gleichsam seine dritte, endgültige Erhöhung. Doch alles Einmalig-Zufällige ist abgestreift. Der Typus ist gewonnen. Il principe ist neuer Fürst durch fortuna. Er steht also vor der Aufgabe, eine Zufallsmacht zur dauernden zu machen, einem Konjunkturstaat nachträglich Fundamente zu geben. Auf einen neuen Romulus zu warten, wäre kindlich. Die Gegenwart braucht einen modernen Menschen, der sich an dieses Konstruk- tionsproblem herantraut. Und er steht zweitens vor der Aufgabe, in einer völlig verrotteten Welt, die ohne Treu und Glauben ist, Ordnung, Zucht und sogar geschichtliche Stoßkraft zu erwecken. Denn auch das sittenreine Volk ist hoff- nungslos mythisch. Aus dem wurmstichigsten Material, das sich denken läßt, der italienischen Gesellschaft der Gegenwart, soll er das Festeste und Beste machen, was es auf Erden gibt, einen Staat. Daß in einer Welt, die von der schwarzen Spinne der Verderbnis über und über erfüllt ist, ein unschuldiges Kind als Retter auftreten könnte, das zu glauben, ist Machiavelli nicht gläubig genug. Dieser Fürst wird aufs genaueste wissen müssen, mit welchen Hebeln eine verderbte Gesellschaft zu bewegen ist; das wird er kaum wissen können, wenn er nicht dazugehört. Er wird mit dem Gift, daß er bekämpfen soll, selber ausgiebig geimpft sein müssen. Das sind die beiden Grundmotive – Kämpfer gegen Fortuna, Kämpfer gegen die Verderbnis –, aus denen die Gestalt Il prin- cipe aufgebaut wird. In der Schilderung des Kampfes gegen Fortuna wird alles dasjenige, was bisher korrekt begrifflich als Wechsel der Lagen, als Konstellation der Mächte,

als sich wandelnde Zeitstruktur gefaßt wurde, nunmehr resolut zur mythischen Gestalt verdichtet, zur Gegenspielerin des Helden. Da der Fürst allein durch fortuna, jedenfalls wesentlich durch sie zum Thron gekommen ist, handelt es sich für ihn darum, seine große Helferin rechtzeitig loszuwerden, um der Treu- losigkeit, die sie sicher eines Tages an ihm begehen würde, zuvorzukommen. Also genau das gleiche Problem wie zwischen dem Fürsten und seinem Feld- herrn in Discorsi I, 30 –, nur mit dem großen Unterschied, daß dort von Mensch zu Mensch gekämpft wurde, hier aber gegen ein Wesen gekämpft werden muß, das unendlich gestaltenreich, halb Göttin halb Ungeheuer, jedenfalls die Treulo- sigkeit selber und schlechterdings nicht auszukennen ist. Kann man zu Fortuna sagen: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen? Köpfen lassen kann man sie jedenfalls nicht. Sie bleibt immer lebendig. Allgemein bekannt ist das Bild von Fortuna als dem reißenden Strom, der das Land verwüstet, wenn er über seine Ufer tritt (Kapitel 25). Dieses berühmte Gleichnis kennzeichnet Fortuna nur nach einer Seite, nämlich als zerstörende Naturgewalt. Es unterschlägt zum Beispiel ihren Listenreichtum, ihre Vielge- staltigkeit und die ständig drohende Gefahr, daß ihre Glücksgaben in Wahrheit Gift sind. Übrigens muß das Bild von dem reißenden Strom, wenn es auf den neuen Fürsten anwendbar sein soll, weitergedacht werden. Wer vorher schon auf festem Grunde wohnte, hat gut Deiche bauen, und es ist allerdings eine grobe Fahrlässigkeit, wenn er es unterläßt. Der neue Fürst durch Glück aber wird ja gleichsam selbst von diesem Strom herangetragen, er schwimmt auf ihm, und er müßte also das Wasser, das ihn zunächst noch trägt, gleichzeitig eindei- chen. So endet das Bild im Paradoxen, zeigt aber eben damit die Übermensch- lichkeit des Kampfes, um den es geht. Doch das Fortuna-Motiv ist wie gesagt viel reicher als dieses Gleichnis. Wie ein kunstvolles Liniensystem zieht es sich durch den ganzen Principe hindurch, wobei das unübersetzbare Wort Fortuna beständig zwischen seinen verschie- denartigen abstrakten Bedeutungen und seiner konkret-mythologischen Bedeu- tung schillert. Die Geschichte des Kampfes zwischen dem Helden und Fortuna ist wie ein Roman dem Principe eingelegt 1 ). Dazu kommt das zweite Motiv: die Verderbnis der Zeit. Es ist strenggenom- men nur ein Teil des ersten; denn zu der geschichtlichen Stunde, mit der der Held fertig zu werden hat und deren mythologischer Name Fortuna ist, gehört die Verderbnis des Zeitalters. Doch ist dieses Teilmotiv so wichtig, daß es selb- ständige Bedeutung gewinnt. Der neue Fürst hat in diesem Fall, wie schon gesagt, nicht nur gegen die Verderbnis, sondern ebensosehr in ihr zu kämpfen. Er soll sie bezwingen, denn sie ist der tiefste Grund für Italiens Uneinigkeit und

1) Genau durchgeführt bei Marianne Weickert a. a. O.

Überfremdung. Aber zunächst hat er mit ihr zu rechnen und ist geradezu ihr Nutznießer. Jedenfalls hat sie sein Verfahren und sogar seinen Charakter zu bestimmen. „Ein Mann, der immer nur das Gute tun wollte, müßte zugrunde gehen unter so vielen Menschen, die nicht gut sind. Daher muß ein Fürst, der sich behaupten will, imstande sein, auch nicht gut zu handeln und je nach den Umständen davon Gebrauch zu machen oder nicht“ (15. Kapitel). Es wurde früher schon erwähnt, daß an dieser Stelle, in den Kapiteln 15 bis 18 des Principe, die kühnsten und radikalsten Formulierungen des „Machiavellis- mus“ stehen, daß hier zum Beispiel die Technik des Wortbruchs auf gleicher Ebene mit der Technik der Freigebigkeit abgehandelt wird. Aber es genügt nicht, das als eine konsequente Durchführung, vielleicht Übersteigerung des früheren Ansatzes zu verstehen. Sondern es geschieht hier etwas grundsätzlich Neues. Der Machiavellismus wird aus der sachlichen Ebene der Handlungsbil- der in das Innere der Persönlichkeit hineingesenkt. Damit verliert die Lüge, die Grausamkeit, die Treulosigkeit jene Anführungsstriche, in denen diese morali- schen Kennzeichnungen bisher standen. Sie werden zu echten Eigenschaften der Person. Sie sind nicht mehr Technik des Vorgehens, sondern Entscheidungen im Sein der Menschen. Daß der neue Fürst in seinem furchtbaren Kampf mit Fortuna nicht nur tapfer, sondern auch listig verfahren, sich zugleich als Löwe und als Fuchs benehmen muß, ist bei der Art der Gegnerin selbstverständlich. Doch so billig ist der Sieg nicht feil. Der Fürst wird Löwe und Fuchs, Mensch und Tier nicht nur spielen, sondern sogar sein müssen (Kapitel 18). Sonst wird ihm in der Hitze des Gefechts die erforderliche Handlungsweise nicht instinktiv zur Verfü- gung stehen. Das gilt erst recht, wenn die gefährliche Situation, mit der der Drachentöter fertig werden muß, zu einem wesentlichen Teil in der Verderbnis der Zeit besteht. Wer im Verkehr mit Bösewichtern nicht echte, eigne Bosheit einzusetzen hat, wer zur Bändigung einer zuchtlosen Gesellschaft nicht echte Brutalität und Heimtücke mitbringt, wird bestimmt den kürzeren ziehn. Damit, daß die Notwendigkeit einer Notlüge oder eines grausamen Exempels verstan- desmäßig eingesehen und daraufhin das Erforderliche gleichsam mit zusammen- gebissenen Zähnen geleistet wird, ist es nicht getan. Ein Ausweichen in bloße Technik gibt es hier nicht mehr. Der Fürst, so schließt Machiavelli, muß also das Heil seiner Seele opfern und das Böse mit Bewußtsein in sich selbst aufnehmen. Ich wage zu behaupten, so heißt es im Kapitel 18, daß es schädlich ist, Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Treue, Menschlichkeit wirklich zu haben. In ihrem Ruf zu stehen, ist natürlich nützlich, aber sich ihnen hinzugeben und dadurch das böse Tier in sich selbst überwunden zu haben, wäre verhängnisvoll. „Du mußt dich so erzogen haben, daß du, falls es nottut, auch das Gegenteil zu vollbringen vermagst.“ Der Fürst darf nicht eine unsichere Hand und schlaflose Nächte

bekommen, wenn es ein Verbrechen zu tun gilt; er muß auch dann ganz sicher und mit voller Gewissensruhe seinen Weg gehen. Ein ethisches Training ist notwendig, mit dem Ziel, „mit Ehren schlecht sein zu können“. Damit ist das Problem Politik und Moral völlig neu und in ganz andrer Weise als auf der Ebene der politischen Technik gestellt. Die Begriffe Finte, Tarnung, Kriegslist schlagen nicht mehr ein. Die Taten haben jetzt Indikationswert für das Sein der Persönlichkeit, und sie sollen ihn haben. Man darf diesen Antimoralismus, den Machiavelli mit einer gewissen Inbrunst ausbaut, auch hier nicht isolieren und dadurch überwerten. Er bildet nur einen, freilich unwegdenkbaren Einschlag in dem grandiosen, düsteren Bilde, das er vom Befreierfürsten entwirft. Aber zu diesem Bild gehören auch ganz andre Züge. Der Fürst soll in kurzer Zeit aus einem verkommenen Menschenmaterial eine neue Heeresmacht bilden und wird überhaupt dem entnervten Volk uner- hörte Leistungen abzugewinnen haben. Er muß also vor allem hart sein. Hanni- bals Vorbild leuchtet auf (Kapitel 17); in seinem buntgemischten Heer, fern von der Heimat, gab es niemals Meuterei, so hart hatte er es am Zügel. Brutal durchgreifen kann oft milder sein als die Dinge gutmütig laufen lassen; ohne Grausamkeit hätte Cesare Borgia die Romagna nie in Form gebracht. Überhaupt wird der Fürst lernen müssen, in der eisigen Höhenluft der Furchtbarkeit und sogar des Schreckens zu existieren. Geliebt werden ist gut. Bleibt aber nur die Wahl zwischen der Liebe des Volkes und seiner Furcht, so ist gefürchtet werden besser, weil sichrer (Kapitel 17). Kühne Taten, möglichst außergewöhnliche, vor den Augen aller Welt getan, werden für ihn das unerläßliche Mittel sein, seinen Namen in aller Mund zu bringen und seine Machtstellung auch für Zeiten der Krisis zu befestigen. Auch alles das kann nicht technisch veranstaltet werden, sondern muß in der Person selbst seinen Ursprung haben. Eine ethische Idealfi- gur braucht der Fürst gar nicht zu sein, und er darf es kaum sein. Aber der Glanz des Großzügigen und Bedeutenden (fama di uomo grande e di uomo eccellente) muß von ihm ausstrahlen (Kapitel 21). Ganz soll er sein in seinen Entschlüssen, klar Partei ergreifen und sich nicht hinter eine faule Neutralität verschanzen; dadurch rückt er am stärksten vom Durchschnittsmenschen ab, der ja immer in Halbheiten und aufgeschobnen Entscheidungen lebt. Das sind die wichtigsten Züge, aus denen Machiavelli die Gestalt Il principe aufbaut. Allerdings darf man die Forderung, dieser Fürst habe sich mit Bewußtsein auf das Böse hin zu erziehen, keineswegs unterschlagen oder baga- tellisieren, sondern muß erkennen, daß damit allererst die Politik von der Moral losgerissen und der Machiavellismus in seiner gefährlichen Form verkündet wird. Machiavelli formuliert ihn gern vom Begriff qualità dei tempi aus. Der Fürst muß können, was ein normaler Mensch nicht kann: er darf, wenn die Zeitstruktur sich ändert, nicht stur in seiner Natur beharren, sondern muß sich

nach dem Winde und nach den variazoni della fortuna drehen und wenden können. Er muß gleichsam mehrere Naturen in sich haben und auf der Tastatur des Bösen ebenso souverän spielen können wie auf der des Guten. Die Men- schen sind immer eher schlecht als gut, das ist Machiavellis oft wiederholte Überzeugung. In der Gegenwart aber sind sie im Zweifelsfalle gewiß schlecht, nämlich verderbt. Auf diese Zeitstruktur hat der Fürst nicht nur seine Aktionen, sondern, damit auf diese Verlaß sei, sogar seinen Charakter einzustellen. Gift gegen Gift. Daß die Maßnahmen dem Grad der vorhandenen Verderbtheit genau anzupassen sind und „einem kranken Körper eine andre Lebensweise vorgeschrieben werden muß als einem gesunden“, ist in Discorsi I, 18 grund- sätzlich ausgesprochen. Halbe Rezepte, auch solche, die durch die Moral hal- biert sind, helfen der Gegenwart nichts. Sie erfordert eine Medicina forte. Alle andern Fürstenspiegel der Weltliteratur denken ideologisch, von der Norm des Sittlichen, vom Bilde des Menschen aus. Dieser einzige, il principe, denkt politisch: von der Aufgabe der geschichtlichen Stunde aus. So sieht der Fürst aus, der die Gegenwart meistern kann, mit Fichtes Wort gesprochen, der „Zwingherr“ zur italienischen Einheit und Freiheit. Er und er allein wird aus Feiglingen ein Heer, aus einer korrupten Gesellschaft einen Staat, aus politi- schem Schutt und Staub eine Nation machen. Hier schließt ungezwungen, nicht als rhetorisches Bravourstück, sondern mit innerer Folgerichtigkeit das Schluß- kapitel des Principe an, der Aufruf zur Befreiung Italiens von den Barbaren. Es enthält, vom Fortuna-Motiv aus gesprochen, den Sieg des Helden über das Ungeheuer, vom Fürstenbild aus gesprochen, den Aufweis der geschichtlichen Aufgabe. Und es enthält noch mehr: den inneren Abschluß von Machiavellis Denk- system. Dieser Fürst wird in seinem Kampf mit Fortuna nicht nur einen Not- staat schaffen, der sich gegen die Barbarenflut gerade eben hält, sondern er wird aus der Verderbnis, die er mit dem gleichen Gift bekämpft, virtù erwecken. Das ist der kühnste Schluß, zu dem Machiavelli alle Ansätze seines Denkens zusam- mengreifen konnte, – eigentlich eine Inkonsequenz, aber eine von denen, die eine großartige innere Logik für sich haben. Fortuna zu bezwingen, d. h. durch nachträglich untergelegte Fundamente aus einer Zufallskonstellation einen festen Bau zu machen, das ist immerhin ein lösbares konstruktives Problem, wenn auch ein äußerst schwieriges. Virtù aber läßt sich nicht zwingen, sie kommt und geht, ist da oder nicht. Ob man mit Mitteln einer Schreckensherrschaft ein politisches Volk formieren und nicht immer bloß einen Cesare-Borgia-Staat, eine Romagna, aufbauen kann, läßt sich mit Fug und Recht bezweifeln. Ob man, wenn man Verderbnis mit verderbten Mitteln bekämpft, die echte virtù und nicht immer bloß erfolgreich abge- schreckte Verbrecher schafft, desgleichen. Hier hat die Kritik gegen den zweiten

und eigentlichen Machiavellismus einzusetzen, der die Alchimie des Politischen so weit treibt, aus Korruption plus Korruption Gold machen zu wollen. Doch hier ist nun an den viel reicheren Gehalt des Machiavellischen Fürsten- bildes, vor allem aber an alles das zu denken, was früher über die strukturellen Bedingungen der virtù gesagt wurde. Daß virtù in einem Staat ist, ersah man daran, daß Freiheitsliebe, politische Entschlußkraft, Wille zu großen Zielen im Volk vorhanden oder jedenfalls erweckbar war, vor allem aber daran, daß die Führung des Staates im Volke fest verankert war und ihre Entschlüsse in seinem Herzen Widerhall fanden. Der Fürst, dessen Bild Machiavelli beschrieben hat, ist zwar hart, wie er sein muß, will lieber gefürchtet als geliebt sein, und die tiefverwurzelte Autorität des ganz großen Staatsgründers hat er nicht. Aber Italien ist uneins, versklavt, aus- geplündert, ohne Gesetze und ohne Führung. Sammeln wie Theseus, befreien wie Cyrus wird er es auch. Wie sollte da die edlere Kraft, die sich im italieni- schen Volk unter aller Verderbnis erhalten haben muß, ihm nicht entgegen- schlagen? „Mit welcher Liebe würde er in allen Gebieten, die unter dem Ein- bruch der Fremden gelitten haben, aufgenommen werden, mit welchem Rache- durst, welcher unerschütterlichen Treue, welcher Ehrfurcht, welchen Tränen! Wie könnte sich ihm ein Tor verschließen, ein Volksteil ihm den Gehorsam verweigern, ein Neid sich ihm entgegenstellen? Welcher Italiener könnte ihm nicht folgen?“ (Kapitel 26). Es bedarf nur des erlösenden Worts, der erlösenden Tat, dann geschieht das politische Verwandlungswunder, das die virtù Italiens erneuert. Das ist in der Tat kein konstruktives Problem mehr, sondern ein Verwand- lungswunder. Aber nur wenn es geschieht, wird das befreite Italien auf eignen Fundamenten stehen. Die Machtgrundlagen eines Staates können zur Not durch harte stetige Arbeit nachträglich eingezogen werden. Seine tiefste und eigent- lichste Stütze aber, der Volkswille, der zu ihm ja sagt, kann nur geglaubt und gefunden werden. Machiavelli läßt im Schlußkapitel des Principe die Gestalten der großen mythischen Staatsgründer noch einmal aufleuchten, gerade als ob er vergessen hätte, daß der Fürst, den er ruft, eine politische Größe zweiten Ran- ges, ein Mann der fortuna und nicht der virtù, kein Mythus, sondern ein moder- ner Mensch ist. Der Vorwurf, das Ganze sei demnach eine Schmeichelei, für die die glänzendste Staffage eben recht sei, oder bestenfalls ein rhetorischer Abschluß, der es mit der Logik nicht mehr so genau nehme, liegt also nahe. In Wahrheit schließt sich hier der Bogen des Systems. Der neue Fürst und sein Erfolg steht auf der Hoffnung, daß die virtù Roms unter den Trümmern lebt. Sie ist verschüttet, und nicht nur das, sie ist sogar geknickt, angefault, krank geworden. Der große Techniker Il principe, der zugleich ein großer Arzt mit scharfen Giften ist, kann nichts als diesen Schutt

wegräumen und diese Fäulnis bekämpfen. Gesunden muß das Volk selbst. Natürlich kann es das nur, wenn es im Mark gesund geblieben ist. Es gibt, anders gesagt, eine zweite, vermittelte virtù; eine virtù nach der Verderbnis. Es gibt neben der elementaren virtù junger Völker die virtù ordinata reifer Völker, neben der virtù aus Natur die virtù aus Zucht. Es gibt im Leben der Völker Verjüngung, Erneuerung, Wiedergeburt. Man kann diese virtù natürlich durch keine Staatstechnik hervorbringen, aber man kann durch große, harte, geschichtliche Arbeit den Raum so bereiten, daß sie sich regt, wo sie noch da ist. Der Begriff virtù ordinata tritt bei Machiavelli oft auf, zum Beispiel bezeichnenderweise an der Stelle, wo vom Deichbau gegen die verheerende Flut die Rede ist. Der Deich macht das Land nicht fruchtbar. Aber er sorgt, daß es Früchte tragen kann, wenn es in sich selber die Kraft dazu hat. Von einer solchen völkischen Erneuerung aus kann dann sogar der Zwing- herr, der sie mit äußeren Mitteln in Gang setzte, über seine eigne Natur hinaus- gehoben werden. Kräfte, die aus dem Volk aufsteigen, können ihn beinahe zum echten Gründer eines neuen Staates machen. Cesare-Borgia-Naturen, die selbst durch und durch anrüchig sind, scheiden dann freilich aus. An ihnen ist nur die technische Seite der Gestalt Il principe abgelesen worden. Auch die beiden Medici scheiden vielleicht aus; sie sind nur die zufälligen Adressaten der Wid- mung und, sei’s drum, die zufälligen Herren, von denen Gunst zu erhoffen ist. Aber das Schlußstück des politischen Systems Machiavellis ist gewonnen, das Gegenbild zum mythischen Staatsgründer: die Gestalt des modernen Staatsman- nes, der unter den Bedingungen der Gegenwart ein politisches Volk formiert.

2. Die sieben Bücher über die Kriegskunst und die florentinische Geschichte

Die andern beiden großen Werke Machiavellis können hier nicht ausführlich, sondern nur anhangsweise besprochen werden; nur ihr Ort im Gesamtwerk kann bestimmt werden. Über den Zivilstrategen Machiavelli ist viel gespottet worden. Eine Novelle von Bandello erzählt, Machiavelli habe einst einem berühmten Feldhauptmann vor den Mauern von Mailand eins seiner neuen Exerziermanöver vorführen wollen. Man stand stundenlang in der Sonnenglut, es wurde Mittagszeit, aber Machiavelli hatte seine Formationen immer noch nicht fertigbekommen, viel- mehr schließlich aus den dreitausend Mann, mit denen exerziert wurde, das- jenige hergestellt, was man militärisch einen Sauhaufen nennt; bis schließlich der Feldhauptmann ihn beiseite schob und, indem er einige Signale schlagen ließ, die Ordnung rasch wiederherstellte. Die Ironie dieser Geschichte trifft nicht nur den Theoretiker, der eine Brigade exerzieren will (das sollte er eben nicht), sondern sie trifft vielleicht auch ein wenig Machiavellis kriegswissenschaftliche Theorien als solche. Es finden sich darin manche Fehlurteile, manche Dogmatismen und, wenn man will, sogar einige Sparren, wenn es auch immer die Sparren eines Genies sind. Über allen Zweifel erhaben aber ist der Wert der Grundgedanken über Heerwesen und Wehrverfassung, die Machiavelli in seinen Werken durchgehends vertritt und die auch in der Schrift über die Kriegskunst im Mittelpunkt stehen. Ein Staat, der das politische Schicksal seines Volkes geschichtlich vertreten und im Machtkampf mit seinesgleichen eine eigne Aktivität entfalten soll, muß ein starkes Heer haben. Die traurige Erfindung der Zeit, käufliche Söldnerheere für jeden, der sie bezahlen kann, macht die Staaten, die sich ihrer bedienen, nicht stark, sondern schwach. Es ist ein verhängnisvoller Fehler gewesen, das bürger- liche Leben vom militärischen zu trennen und aus diesem ein Handwerk zu machen. Nur wenn das Volk selbst waffentüchtig und kriegsgeübt ist, vermag die politische Führung die Interessen und die Ehre des Staates wirkungsvoll zu vertreten. Nur ein Volk in Waffen ist ein politisches Volk. Die großen Republi- ken der Weltgeschichte haben gezeigt, wie kühn und großzügig Politik getrieben werden kann, wenn diese Bedingung erfüllt ist. In einem monarchischen Staat aber ist es die Pflicht des Fürsten, sein Volk kriegstüchtig zu machen und sich

selbst um nichts so eifrig zu bemühen wie um die Kriegskunst. Jeder Spazierritt, jede Jagd sei ihm ein Anlaß, unter taktischen und strategischen Gesichtspunkten das Gelände zu studieren. Seine Lektüre seien kriegsgeschichtliche Werke und Biographien großer Feldherren. Sie ahme er nach, wie Alexander Achill, Cäsar Alexander, Scipio Cyrus nachgeahmt hat. Dieser Gedankengang wird nach seiner negativen und nach seiner positiven Seite, als Kritik des Söldnerwesens und als Lehre vom Volksheer, in vielen Kapiteln der Discorsi durchgeführt, er ist das Mittelstück im Principe (Kapi- tel 12 bis 14), und er bildet Einsatz, Mitte und Schluß der sieben Bücher über die Kriegskunst. Der Schluß des 7. Buches ist ein Hymnus auf diejenigen, die ein zuchtvolles und schlagkräftiges Heer herangebildet haben, auf Cyrus, Epami- nondas, Philipp von Macedonien. Der Umstand, daß diese Rede wie überhaupt die Führung des Gesprächs dem alten bewährten Söldnerführer Francesco Colonna in den Mund gelegt wird, der ein ganzes Leben lang dazu verdammt gewesen ist, wider bessres Wissen dem Vorbild der Römer zuwiderzuhandeln, steigert die Wucht der Lehre und die Wucht der Mahnung. „Wer unter den italienischen Herrschern zuerst diesen Weg betritt, wird sich zum Herrn von ganz Italien aufschwingen. Sein Staat wird sein wie das Königreich Macedonien, als es unter das Szepter Philipps kam. Der lernte von Epaminondas, wie man ein Heer schafft. Während das übrige Griechenland in Müßiggang versank und Komödie spielte, schuf er sich durch Zucht und Schulung die Macht, die ihm in wenigen Jahren ganz Griechenland unterwarf, und legte den Grund, auf dem sein Sohn zum Herrn der Welt wurde. Wer diese Lehren verachtet, verachtet, wenn er Fürst ist, seinen Thron, wenn er Bürger ist, sein Vaterland.“ So erscheint also auch hier wieder der Befreierfürst, dem Thema der Schrift ent- sprechend diesmal nicht als Kämpfer gegen Fortuna und Verderbnis überhaupt, sondern als Schöpfer der nationalen Wehrmacht. Darüber hinaus berührt das Gespräch in den Orti Oricellarii, als das die sieben Bücher über die Kriegskunst gestaltet sind, alle Einzelthemen der Kriegs- wissenschaft: die Fragen der Auswahl und Rekrutierung ebenso wie die der Bewaffnung und Einübung, die Lehre von den Formationen und Bewegungen des geschlossenen Truppenkörpers, die Lehre vom Gefecht, den Einsatz der einzelnen Waffengattungen, das Quartier- und Verpflegungswesen, den Festungskrieg. Die römische Legion ist für Machiavelli das absolute Vorbild, nicht nur für die Gliederung und Gefechtsführung, sondern großenteils sogar für die Bewaffnung. Dadurch kommt es zu Fehlurteilen über die Feuerwaffen, die aus dem Stand der Technik um 1520 nur zum Teil verstehbar sind. Man muß bedenken, daß Machiavelli durchaus nicht auf allen Teilgebieten, über die er hier schreibt, eigne Erfahrungen hatte (am meisten noch auf dem Gebiete des Befesti- gungswesens) und daß er große Heere nie mit eignen Augen in der Aktion

gesehen hatte. Auch mischt er die verschiedenen antiken Quellen, die er benutzt, durcheinander, so daß seine Thesen ungleich an Wert und zum Teil sogar wider- sprechend sind. Die moderne Artillerie verachtet er, trotz der Erfahrungen von Ravenna, Novara und Marignano; ihr Hauptwert sei, daß sie Krach und Rauch mache. Seine positive These aber, daß die Infanterie, besonders ihre angriffs- weise Verwendung, immer und unter allen technischen Bedingungen den Sieg entscheide, verbindet ihn mit den größten Kriegsdenkern und Heerführern, und sein prophetischer Gedanke von der Wehrpflicht des Volkes ist mit den Grund- begriffen seiner politischen Wissenschaft so notwendig gesetzt, daß er immer als großartiges Beispiel dafür wird gelten können, daß Prophetie auch das Erzeug- nis richtigen Denkens sein kann. Wie sich Machiavelli in der Schrift über die Kriegskunst als der erste moderne militärische Klassiker erweist, so erweist er sich in seiner Florentinischen Geschichte als einer der ersten großen Historiker der abendländischen Neuzeit. Es ist hier nicht möglich, sein Geschichtswerk in die an wertvollen Ansätzen und sogar bereits an großen Leistungen reiche Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts einzuordnen; erst recht nicht, seine Bedeutung für die Geschichte der Geschichtsschreibung überhaupt zu bestimmen. Wir beziehen vielmehr auch die Florentinische Geschichte lediglich auf das Gesamtwerk Machiavellis. Daß Machiavellis Theorie des Politischen aus der denkenden Betrachtung der Geschichte geschöpft ist, hat unsre Darstellung ergeben. Die Florentinische Geschichte zeigt umgekehrt, daß Geschichtsforschung und Geschichtsschrei- bung für Machiavelli immer im Dienst der politischen Theorie stehen, daß syste- matische Einsichten nicht nur das Ziel seiner geschichtlichen Darstellungen sind, sondern immer auch deren ordnendes und gestaltendes Prinzip bilden. Es ist charakteristisch, daß die einzelnen Bücher der Florentinischen Geschichte mit grundsätzlichen Betrachtungen beginnen. Irgendein historisch-politisches Pro- blem wird knapper oder breiter entwickelt, etwa so, als handle es sich um ein Kapitel in den Discorsi. Hier aber in dem Geschichtswerk haben diese Einlei- tungen den klaren Sinn, die Thematik aufzustellen, die die betreffende geschichtliche Epoche beherrscht, unter deren Gesichtspunkt sie jedenfalls von Machiavelli dargestellt werden soll. Man würde zu sehr falschen Urteilen über Machiavelli als Historiker kommen, wenn man nicht im Auge behielte, daß die Geschichte für ihn in diesem prägnanten Sinn des Wortes politische Wissen- schaft ist. Seine Auftraggeber hatten Machiavelli freigestellt, an welchem Zeitpunkt er seine Darstellung der Florentinischen Geschichte beginnen wollte. Er beginnt sie (im zweiten Buch) in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, mit der Spaltung der Stadt in Guelfen und Ghibellinen. Die Frühgeschichte der Stadt wird nur

kurz abgehandelt. Und er führt sie (im 8. Buch) bis zum Tode Lorenzos des Prächtigen, also bis 1492. Das erste Buch des ganzen Werkes behandelt die allgemeine Geschichte Italiens während des Mittelalters. Für die Zeit nach 1492 liegen nur Fragmente vor, die sich in sehr verschiedenen Stadien der Fertigung befinden. Bereits das erste Buch, der allgemeine Überblick über die Geschichte Italiens von den ersten Germaneneinfällen bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts zeigt, daß Machiavelli das Gefüge der geschichtlichen Ereignisse auf ganz bestimmte Thesen zusammenzuziehen gedenkt. Seine erste These ist die von der Freiheit Italiens. Von ihr aus wird Theoderich zu einer ganz großen Heldengestalt; er erscheint geradezu als Retter, Einiger und Befreier Italiens. Die zweite These ist, daß die Päpste, um ihre eigne Macht zu befestigen, Italien zersplittert gehalten und immer wieder die Barbaren ins Land gezogen haben; „das ist das Verfahren, das bis in unsre Zeiten fortdauert und Italien uneinig, schwach und krank erhält.“ Als großzügiger geschichtlicher Überblick über ein Jahrtausend bewunde- rungswürdig, ist dieses erste Buch als geschichtliche Darstellung nicht nur unvollständig, sondern auch unzuverlässig. Es mißversteht seine Vorlagen zuweilen und biegt die Ereignisse um des einheitlich durchgeführten Themas willen nicht selten willkürlich zurecht. Ähnliches gilt für die Darstellung der florentinischen Geschichte in den Büchern 2 bis 8. Auch hier kann man die Vorlagen, von denen Machiavelli in weitgehendem Maße abhängig ist, genau aufweisen, und an vielen Stellen kann man nachrechnen, daß er um seiner politi- schen Thesen willen erheblich von der geschichtlichen Wahrheit abweicht. Eine seiner Hauptthesen ist natürlich die Verwerflichkeit der Söldnerheere. Um nun zu zeigen, daß das Söldnerwesen den Krieg verdorben hat, fälscht er geradezu die Schlachtenschilderungen, korrigiert zum Beispiel die Verlustziffern nach unten und setzt die Waffentaten der Söldner in jeder Weise herab. Die Objekti- vität, die für den Historiker verpflichtende Eigenschaft ist, wird man bei Machiavelli vielfach vermissen. Guicciardinis kühler und überlegener Geist besitzt diese Tugend in viel höhrem Grade. Trotzdem zeigt auch die Florentinische Geschichte durchaus die Klaue des Löwen, und im Gesamtwerk Machiavellis kommt ihr eine bedeutende Stelle zu. Daß Machiavelli die Geschichte politischen Thesen unterordnet und sie gleich- sam nach Beweisen für diese absucht, wirkt eben nicht nur als Fehlerquelle, sondern hat auch aufschließenden Wert. Zudem zeigt sich Machiavelli an vielen Stellen, zum Beispiel bei der Beschreibung der Verschwörung der Pazzi im Jahre 1478, als Meister der historischen Kunst. Sein leidenschaftlicherer Geist, sein wärmerer Patriotismus, vor allem aber seine höhere Denkkraft (alles das im Vergleich etwa zu Guicciardini gesagt) fließt auch in seine Geschichtsschreibung ein und macht sie auf ihren Höhepunkten zum glänzenden Kunstwerk.

Als Beispiel dafür aber, daß die politische Thematik die geschichtliche Wahr- heit nicht nur zu verdecken, sondern auch zu erwecken vermag, nennen wir Machiavellis Behandlung der inneren Kämpfe im 13. und 14. Jahrhundert (2. Buch). Machiavelli sieht hier klar, daß die Parteiungen in Florenz nicht nur ideologisch oder persönlich zusammengehaltene Gruppen, sondern gesellschaft- liche Schichten sind, daß aber die Bewegungen und Kämpfe dieser sozialen Schichten von der Konstellation der Weltmächte sowohl mitbestimmt sind, wie sie andrerseits auf die politische Weltlage zurückwirken. Der Aufstieg der Zünfte wird von Machiavelli als großer Umschichtungsprozeß der florentini- schen Gesellschaft, als blutiger Kampf zwischen dem lateinischen Volk und der Aristokratie germanischen Ursprungs beschrieben, dabei aber immer in die Ereignisse der italienischen und europäischen Politik eingestellt. Auch die weite- ren inneren Auseinandersetzungen der florentinischen Republik sieht Machia- velli stets soziologisch und politisch zugleich. Die reichen Zünfte drängten um ihrer Industrie- und Handelsinteressen willen immer auf eine aktive, weitaus- greifende Außenpolitik, die kleinen Leute dagegen auf Frieden, Nachgiebigkeit, Passivität. Von diesen Interessen des niederen Volkes, so erkennt Machiavelli, haben sich die Medici emportragen lassen und sich schließlich zu Herren der Stadt aufgeschwungen. Das alles sind Stücke einer großen politischen Soziolo- gie; für die geschichtliche Analyse aber sind es Erkenntnismittel von tief reichen- der Wirkung. Und sie hat Machiavelli aus keiner seiner Vorlagen geschöpft, sondern sie sind in seiner originalen Anschauung der politischen Welt ge- wachsen.

Der Name

Es wäre der Gegenstand eines eignen Buches, über den Namen Machiavelli zu schreiben. Alle großen Geistesbewegungen, die seit Machiavellis Tode über die europäische Menschheit gegangen sind, kämen in diesem Buch vor, denn alle haben sich zu Machiavelli gestellt, haben sich zu ihm bekannt oder, das gilt für die meisten, haben ihn verfemt. Der Untertitel dieses Buches müßte heißen: Die glorreiche Geschichte einer Verfemung. Diese Verfemung wirkt bis heute, bis in uns selbst hinein. Wenn wir Machiavelli hören, assoziieren wir Machiavellismus. Machiavellismus aber ist etwas, was man nicht tut, wozu man sich jedenfalls nicht bekennt, falls man es tun sollte. Es gibt in der ganzen Denk- und Haßgeschichte der Menschheit kein andres vollwertiges Beispiel für den Sachverhalt, daß ein Buch so für seinen Autor gesetzt, daß nämlich der Inhalt des Buches dem Autor ins Herz geschoben und darum auch mit dessen Namen bezeichnet wird. Machiavelli hat in seinem Leben bestimmt keine echt machiavellistische Handlung begangen. Er hat man- ches begangen, was man nicht begehen sollte, aber einen Machiavellismus gewiß nicht. Nun, das behauptet man auch nicht geradezu. Aber er hat diese Dinge gelehrt, und das ist schlimmer. Wie ein Maler seine Schüler malen, ein Schuster seine Lehrlinge schustern lehrt, hat er alle Machiavellisten den Machiavellismus gelehrt. Er ist also der Urheber und die erste Quelle aller, die auf dieser sonst so friedfertigen und harmlosen Erde je machiavellistisch gehandelt haben. Er hat dieses Pulver erfunden und ist damit schuld an allen Sprengungen, bei denen irgend etwas in die Luft fliegt. So nimmt ihn Shakespeare, wenn er Richard III. sagen läßt, er wisse um Mord und Heuchelei so gut Bescheid, daß er den mörde- rischen Machiavelli in Lehre nehmen könne („to set the murderous Machiavel to school“). Und so nehmen wir ihn, Hand aufs Herz, alle, wenn wir Machiavellis- mus sagen. Man muß bei einer so großzügigen und wirkungsvollen Verfemung sehr genau unterscheiden zwischen ihrer Methode und ihrem Inhalt einerseits, ihrem Grund andrerseits. Beides braucht sich nicht zu decken, deckt sich sogar in den seltensten Fällen. Methode und Inhalt einer Verfemung müssen nämlich so gestaltet sein, daß die Gemüter der Menschen darauf ansprechen, daß von irgendeinem Wert aus, den alle bejahen oder mindestens zu bejahen vorgeben,

der zu Verfemende als Unhold oder Teufel erscheint. Der wirkliche Grund der Verfemung kann ein ganz andrer sein. Er liegt etwa darin, daß ich die Macht des Verfemten fürchte. Wenn ich diesen wahren Grund offen sagte, so würde keine Verfemung, sondern das Gegenteil erreicht werden. Ich muß also einen anspre- chenden, einprägsamen Inhalt der Verfemung finden, etwa den: der Mann sei „mörderisch“, Vater aller Machiavellisten, Lehrmeister aller Tyrannen. Dieses Gesetz gilt im kleinen wie im großen. Wenn mehrere verbündete Mächte eine andre fürchten, sagen sie auch nicht, wir fürchten sie, sondern sie sagen: diese Leute hacken kleinen Kindern Hände ab. Inhalt und Methode der Verfemung ergeben sich in unserm Fall sehr einfach durch die Ineinssetzung von Mensch und Werk. Dazu tritt hilfsweise das bekannte Verfahren, einzelne Sätze herauszureißen und den Autor darauf fest- zunageln. Dieses Verfahren ist immer anwendbar; wer aus einem ganzen Buch nicht irgendeinen Satz oder Nebensatz herausfindet, der, hinreichend herausge- rissen, belastend wirkt, muß schon ein arger Stümper sein. Bei Machiavelli wird dieses Verfahren durch den Schichtenaufbau seines Werkes stark erleichtert. Man nehme aus der Schicht „Technik des politischen Handelns“ irgendeinen Satz, denke ihn stillschweigend aus einer Handlungsregel für bestimmte Fälle in eine allgemeine Norm um, und man hat, scheinbar ohne jede Fälschung, ver- femt. Wenn der Beobachter eines Schachspiels bemerkt: „Hier hätte Weiß Schach bieten müssen, dann hätte es gewonnen“, so kann man ihm mit einem Schein des Rechts vorwerfen, er hasse Schwarz, er wolle dessen Niederlage. Vermutlich wird dieser Kiebitz Schwarz in keiner Weise hassen. Er ärgert sich nur über den Fehler, und wenn er für irgend etwas eintritt, so für die innere Richtigkeit des Spiels, für seine Logik. Auf diesem Wege ergeben sich Inhalt und Methode der Verfemung Machiavellis. Von Anfang an ist ihm vorgeworfen worden, er habe die Tyrannei sozusagen aus einem ungelernten zum gelernten Handwerk gemacht, er habe insbesondere den Medici, die 1529 endgültig nach Florenz zurückkehrten, den Weg zur Herrschaft gewiesen. Sehr bald tauchte auch die gegenteilige Meinung auf: Machiavelli habe unter dem Anschein, die Tyrannen zu belehren, die Völker über die Geheimnisse der Tyrannei aufklären wollen. „Le Principe de Machiavel est le livre des republicains“, sagte später Rousseau. Diese Deutung ist von seiten der Fürsten ebenfalls als Verfemung gemeint, von der Seite der Naturrechtler, Monarchomachen und Republikaner bereits als Lob. Doch es ist ja bekannt, daß zwei entgegengesetzte Verfemungen sich keineswegs gegenseitig aufheben und daß ein so schwaches Mittel wie eine entschuldigende Erklärung gegen eine handfeste Verfemung völlig wirkungs- los ist. Alles das betrifft nur Inhalt und Methode der Verfemung. Viel wichtiger ist es wie gesagt, ihren Gründen nachzugehen. Dazu muß man fragen, von wem die

Verfemung ausgegangen ist. Die Jesuiten aller Nationen sind es, die den Kampf gegen Machiavelli eröffnen. Sie haben ihn in Ingolstadt in effigie verbrannt, „quoniam fuit homo vafer ac subdolus, diabolicarum cogitationum faber opti- mus, cacodaemonis auxiliator“. Sie haben den Papst veranlaßt, den Principe auf den Index zu setzen, und dieses Dekret ist durch das Konzil von Trient bestätigt worden. Die Begründung für alles dies sowie für den weiteren erbitterten Kampf gegen Machiavelli war: dieser Mann sei ein Teufel oder des Teufels Helfer, sein Leben müsse ganz gewiß so verabscheuungswürdig gewesen sein wie seine Schriften, diese aber seien nicht nur ohne Religion, sondern auch ohne Welt- kenntnis, nicht nur unsittlich, sondern auch dumm; wer ihm folge, werde bestimmt zugrunde gehen. Was nun die Gründe der Verfemung betrifft, so genügt es nicht, auf die schweren Angriffe hinzuweisen, die Machiavelli gegen die Kirche oder sogar gegen das Christentum geführt hatte. Daß die Priesterschaft, an der Spitze der Papst, statt Schutzwehr gegen die Verderbnis zu sein, vielmehr die Führerschaft in allen Lastern übernommen hätte, das haben sehr viele Zeitgenossen Machia- vellis auch gesagt, auch geschrieben und auch gedruckt. Daß der Kirchenstaat die Zersplitterung Italiens unheilbar mache und sie im eignen Interesse aufrecht- erhalte, ist ein politisches Urteil, in dem Machiavelli ebenfalls nicht allein steht. Die These aber, daß das Christentum an der Schwäche der heutigen Menschen, am Verfall des Heerwesens, am Schwund der politischen Tugenden schuld sei, hängt zwar mit dem virtù-Begriff Machiavellis aufs engste zusammen, doch auch sie hat im Heidentum der Renaissance ihre weitverzweigten Wurzeln. Alles das erklärt nicht den Nachdruck, mit dem von seiten der Jesuiten der Kampf und die Verfolgung aufgenommen wird. Aber Machiavelli hatte, über alle unmittelbaren Angriffe auf Christentum und Kirche hinaus, eine Denkweise eröffnet, in der das Politische das absolut herrschende Prinzip ist, keinem Werte Untertan, mit keinem auch nur konkurrierend, alle andern übergreifend. Er hatte zwar nicht als erster diesen Weg eingeschlagen, aber er war ihn als erster mit völliger Klarheit zu Ende gegangen. Er ist der theoretische Wegbereiter, der Künder und Rechtfertiger des „absoluten“ Staates, – dieses Wort nicht nur als Name für eine bestimmte Staatsform oder einen bestimmten Staatstypus, sondern als Bezeich- nung der Tatsache verstanden, daß der Staat kraft souveränen Entschlusses alle Instanzen, die höher sein könnten als er, für hinfällig erklärt und die politischen Entscheidungen gleichsam monopolisiert. Es ist eine Konsequenz dieses Ansat- zes, daß Machiavelli die Religion immer nur als Mittel für die Zwecke des Staates, jedenfalls aber nur unter dem Gesichtspunkt ihrer politischen Bedeu- tung betrachtete. Dieser absolute Staat war in ganz Europa im Entstehen. Machiavelli sah seine Anfänge, erkannte mit Seherblick, daß ihm die Zukunft gehöre, und gab ihm, indem er entstand, sein gutes Gewissen. Er entwaffnete die

gesamte mittelalterliche Staatslehre, ohne mit einem Wort gegen sie zu polemi- sieren, einfach indem er mit eindringlicher Kraft die Wesensgesetze des neuen Staates aussprach. Für die Kirche, die sich nach schwerer Krisis zu erneuern und ihre Herrschaft über Völker und Throne wieder zu befestigen strebte, war dieser Mann nicht ein Feind, sondern der Feind. Er war um so gefährlicher, als er mit der Zeit und die Zeit mit ihm ging. Die Warnung, daß das höllische Feuer der „Politiker und Machiavellisten“ sich überall verbreite, zeigt, daß der tiefste Grund aller Verfemungen, die Furcht, kräftig am Werke war. Als zweite Welle des Angriffs folgen die Protestanten, vor allem die Hugenot- ten. Gegen die Lehre vom „absoluten“ Staat setzt sich nicht nur die absolute Kirche mit ihrer ganzen Macht, sondern das individuelle Gewissen mit seiner ganzen Sprengkraft zur Wehr. Daß sie die Seele mehr lieben als das Vaterland, ist beinah die Formel für die Hugenotten. Für sie wird Machiavelli der Verteidi- ger und Lehrmeister des Despotismus, und zwar desjenigen Despotismus, den der Staat über das Individuum, auch über dessen freieste und innerlichste Bezirke auszuüben beansprucht. Er hat, indem er das Politische zum absoluten Wert erhob, die unverzichtbare Freiheitssphäre des Menschen an den Staat ver- raten. Und hier beginnt nun eine unendliche Reihe, die alle diejenigen umfaßt, die für die Freiheit des religiösen Gewissens, für die natürlichen Rechte der mensch- lichen Person, für das Widerstandsrecht der Bürger gegen eine ungerechte Obrigkeit kämpfen. Es ist bekannt, daß sich diese Gedanken, religiös und philo- sophisch vertieft, von starken sozialen und politischen Bewegungen getragen, wie eine mächtige Kontrapunktik durch die Jahrhunderte des absolutistischen Staates ziehen. Sie alle sehen in Machiavelli ihren Feind, es sei denn, daß sie ihm jene entschuldigende Deutung zugestehen: er sei in Wahrheit einer der Ihren und habe die Tyrannen nur entlarven wollen. Doch die dramatische Verfemungsgeschichte des Namens Machiavelli war noch einer Steigerung fähig. Wir erfahren aus den ersten Jahrhunderten der Neuzeit von einer ganzen Reihe von Fürsten und Staatsmännern, daß sie den Principe eifrig studierten und bewunderten. Wie tief dieses Studium drang, läßt sich natürlich in den seltensten Fällen feststellen; in einzelnen Fällen nicht einmal, ob es Legende ist oder Wahrheit. Immerhin, in den Reihen derer, für die er geschrieben schien, hat der Principe einige bedeutsame Leser und Verehrer gefunden. Um so wichtiger ist nun, daß der genialste Fürst der späteren absolutistischen Ära, Friedrich der Große, der Verfasser der berühmtesten Kampfschrift gegen Machiavelli geworden ist. Als Kronprinz schrieb Friedrich seine „Réfutation du Prince de Machiavel“; 1740 gab Voltaire die Schrift unter dem Titel, unter dem sie bekannt geworden ist, (L’ Antimachiavel) heraus.

„Ich wage es, die Verteidigung der Menschlichkeit aufzunehmen wider ein Ungeheuer, das sie verderben will“, das ist die Haltung, in der der königliche Schriftsteller beginnt. Machiavellis Verbrechen besteht für ihn darin, daß er nicht nur den arglosen Sinn der privaten Bürger verführte, die auf den Gang der Welt wenig Einfluß haben, sondern daß er dem Denken der Fürsten eine ver- derbliche Richtung gab, die doch berufen sind, Führer der Völker, Verweser des Rechts, sichtbare Abbilder der Gottheit auf Erden zu sein. Sollte aber Machia- velli, wie einige seiner Verteidiger behaupten, nicht haben schildern wollen, wie es die Fürsten treiben sollen, sondern wie sie es in Wirklichkeit treiben, so ist es um so notwendiger, die Fürsten gegen solche Verleumdungen zu schützen. Ein Kapitel wie das achte des Principe, in dem auseinandergesetzt wird, wie man durch Verbrechen zur Herrschaft gelangen kann, mute an, so sagte Friedrich, wie wenn Machiavelli in einem Verbrecherseminar Lehrvorträge halten oder in einer Hochschule für Verrat ein Lehrgebäude der Treulosigkeit entwerfen sollte. Übrigens findet er, daß nicht nur die Sittlichkeit, sondern auch die Klugheit gegen Machiavelli spricht. Wenn du als Fürst dein Wort brichst, durch welche Macht gedenkst du Untertanen und Völker zu binden, daß sie deine Herrschaft achten? Fürsten haben niemals ein Sonderrecht auf das Verbrechen. Das Verbre- chen gleicht einem Felsen, der einem aus der Hand rollt und einen selber zer- malmt. Inhalt und Methode der Verfemung sind also bei Friedrich dem Großen die gleichen wie in den bisherigen Fällen. Anders liegt es mit der Frage des Grundes. Es ist unmöglich, diese Frage nach der Art Robert von Mohls abzutun, der den Antimachiavel als „Schülerarbeit über einen falsch aufgefaßten Gegenstand“ bezeichnet. Auch das ist eine ungenügende Erklärung, Friedrich habe seine künftige machiavellistische Politik durch eine irreführende Programmschrift wirksamer machen wollen; er habe „auf die Schüssel gespuckt, um andern den Appetit zu verderben“. Soweit Voltaire, der literarische Berater und Herausge- ber, beteiligt ist, liegt das Problem einfach: er gehört eindeutig auf die Seite der aufklärerischen Opposition gegen den absoluten Staat. Der König selbst aber gehört zweifellos nicht auf diese Seite, so tief sein gesamtes Denken im Geist der Aufklärung wurzelt. Seine Position ergibt sich zunächst aus seinem ethischen Ideal vom Fürsten. Längst steht ihm bis in die Formeln hinein fest, daß der Fürst der erste Diener seines Staates sei, daß er seinen Untertanen das Werkzeug ihres Glücks zu sein habe, wie diese das Werkzeug seines Ruhms. Von daher kommt sein Urteil, Machiavelli habe „die wahre Natur des Herrschens nicht verstan- den“. Er habe nur die kleinen italienischen Gewalthaber seiner Tage vor Augen gehabt, höchst unvollkommene Vorbilder also für die Könige großer, moderner nationaler Staaten. Das ist ungefähr das richtigste Argument, das man gegen Machiavelli geltend machen kann. Bei Friedrich dem Großen ist damit immer

das Bewußtsein verbunden, daß Machiavellis Helden typischerweise Usurpato- ren sind und daß sich eine illegitime Tyrannenherrschaft von einer altange- stammten Monarchie nicht wie eine Unterart von einer andern, sondern in ihrem tiefsten Wesen unterscheidet. Man darf sich nicht dadurch irreführen lassen, daß sich das Legitimitätsbewußtsein Friedrichs naturrechtlich formuliert (Kapitel 1 des Antimachiavel). Hinter der naturrechtlichen Frage, was freie Menschen bestimmen konnte, sich selber Herren zu geben, und hinter der naturrechtlichen Antwort, die Fürsten seien die Hüter des Rechts und die Schirmherren, denen sich die Völker freiwillig unterworfen hätten, verbirgt sich der Gedanke der Legitimität. Nimmt man endlich noch die bei Friedrich dem Großen nicht ausgesprochene, doch zwischen den Zeilen lesbare Erwägung hinzu, die grausamen und krummen Wege der Politik gehe der Staatsmann, wenn es nötig sei, doch plaudere er sie nicht aus, so ergibt sich aus alledem die Grundlage für Friedrichs des Großen Antimachiavellismus, ohne daß es nötig wäre, ihn als ideologisches Mißverständnis oder als machiavellistische Handlung zu deuten. Hier setzt die letzte große Phase in der Geschichte des Namens Machiavelli ein. Als der Legitimismus aus einem lebendigen Prinzip zum Dogma, zur politi- schen Weltanschauung geworden ist, rückt Machiavelli mit seiner ganzen Lehre auf die Seite des revolutionären Nationalismus. Wir nennen als Beispiel Metter- nich, für den „die Revolution, Napoleon und Machiavelli“ genau so eng zusam- mengehören, wie für die Jesuiten die „Politiker und Machiavellisten“. Von der andern Seite her aber wird das Stichwort aufgenommen. Der ganze kämpferi- sche Nationalismus des 19. Jahrhunderts fühlt sich Machiavelli verwandt und traut sich zu, die riesenhafte Spannung, die zwischen der Anrüchigkeit seiner Mittel und der Erhabenheit seines patriotischen Ziels besteht, zu überwinden, weil er diese Spannung auch in sich fühlt. Eine verbissene Entschlossenheit, sogar eine Art Wollust am Radikalismus ist dabei deutlich spürbar. Sie spielt mit, wenn Ranke historisch verstehend schreibt: der Zustand Italiens sei so verzweifelt gewesen, daß Machiavelli kühn genug war, ihm Gift zu verschrei- ben 1 ). Sie spielt mit, wenn Fichte dem König von Preußen und dem gesamten Zeitalter Machiavellis Principe als erhabenes Lehrbuch der Entschiedenheit empfiehlt 2 ). Ehrenrettungen des Menschen Machiavelli sind mit diesen neuen Deutungen seiner Lehre regelmäßig verbunden, doch sind es immer Ehrenret- tungen gleichsam durch die Verfemung hindurch. Machiavelli wird zum Patrio- ten schlechthin, zum Patrioten bis zur Schlechtigkeit, zum Patrioten bis zum

1 ) L. v. Ranke: Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber. Anhang über Machiavelli, 1824. 2 ) J. G. Fichte: Machiavelli als Schriftsteller und Stellen aus seinen Schriften (Philos. Bibliothek).

Opfer der eignen Seele. Der junge Nationalismus des 19. Jahrhunderts hat auf der ganzen Linie nicht nur das Erbe des absoluten Staates übernommen, sondern den politischen Einsatz, die Härte der Kriege, die Weite des imperialistischen Willens unerhört gesteigert; auch den moralischen Einsatz: Symbol dafür ist die Rezeption Machiavellis. Wir können unsere sehr unvollständige Skizze abbrechen und zusammenfas- send sagen: die Geschichte dieser Verfemung ist ein großes jahrhundertelanges Feuer, das zu Ehren des Namens Machiavellis abgebrannt worden ist. Die größ- ten Mächte und Bewegungen der abendländischen Geschichte: die restaurierte Kirche und die kämpferische Reformation, die bedeutendsten Fürsten und Staatsmänner der absolutistischen Epoche, die konservative und revolutionäre Aufklärung, der Nationalismus und Liberalismus des 19. Jahrhunderts – alle haben das Feuer geschürt und verfemend oder rechtfertigend, zuweilen beides zugleich tuend, den Namen Machiavelli aufgebaut. Unterdes wächst still und stetig die Einsicht, daß sich hinter den Schauern des Hasses und der Bewunderung, von denen die Gestalt Machiavellis umwittert ist, eine ganz große Leistung, ein Werk von höchster Bedeutung verbirgt. Früh schon und immer wieder wird Machiavelli nachgerühmt, er habe das wirkliche Tun der Menschen untersucht, nicht das, was sie tun sollten; er habe nicht, wie viele seit Platon, einen idealen Staat erfunden, sondern den Staat, wie er sei, beschrieben. Man muß dieses Lob aus dem Methodischen ins Inhaltliche wen- den und außerdem in eine höhere Größenordnung versetzen, wenn es Machia- vellis Werk treffen soll. Ein Menschenalter bevor Kopernikus das Sonnensystem neu dachte, ein Jahr- hundert bevor Galilei die Mechanik als mathematische Theorie der Bewegung schuf, hat Machiavelli die Naturgesetze der politischen Welt gefunden. Der Ruhm dieser Entdeckung darf gewiß nicht blind machen für die Grenzen Machiavellis und seines Werkes. Machiavelli hat den modernen nationalen Machtstaat, der sich in den Kämpfen des 17. bis 19. Jahrhunderts herausgebildet hat, nicht gekannt und, soweit er sich in seiner Zeit bereits vorbereitete, kaum gesehen. Das politisch formierte Volk, die staatwerdende oder staatgewordene Nation liegt außerhalb seines Blickfeldes. Nur in der Sehnsucht reicht er an diese Realität heran, während sein Tatsachenblick auf politische Kleingebilde wie Florenz oder die rasch wechselnden Machtgründungen der italienischen Renais- sance geheftet ist. In diesem Sinne hat sein größter und beinahe maßlosester Kritiker, Friedrich der Große, das Rechte getroffen. Daß alle Staaten und Reiche aus der lebendigen Substanz des Volkes aufsteigen, daß also Volk mehr ist als Staat, davon lebt in Machiavelli zwar eine Ahnung, doch nur eine Ahnung. Daß Vo l k m e h r i s t a l s S t a a t , heißt aber zugleich, daß Seele mehr ist als Staat;

denn Leib und Seele des Volkes dürfen dem Staatsgebilde, das aus ihnen gespeist wird, nicht aufgeopfert werden. Wir bemerkten mehrfach den Experimentcharakter des machiavellischen Denkens. Er gehört notwendig zu ihm, denn nur in der schwülen und gleichsam künstlichen Atmosphäre der italienischen Wirren waren die Naturgesetze, die an den großen Staatenbildungen vielleicht noch kaum sichtbar gewesen wären, zu erhaschen. Aber er bildet auch seine Grenze: vom Cesare-Borgia-Typ ist Machiavelli nie ganz losgekommen. Es ist, als ob der Entdecker von den erhabe- nen, freiwirkenden, aber undeutlichen Naturvorgängen habe wegblicken und sich auf die scharfakzentuierten Vorgänge im künstlich isolierten Raum habe beschränken müssen, um die Formel zu finden, die – entsprechend korrigiert – dann auch für jene gilt. Von einem merkwürdigen Schicksal und von seinem Genius geführt, geht Machiavelli diesen Weg und begründet die politische Wis- senschaft. Tanto nomini nullum par elogium.

Schrifttum

I. Werke Machiavellis

Wir haben nicht nach Seitenzahlen, sondern nach Kapiteln, bei Briefen nach dem Datum zitiert, so daß zum Nachschlagen der Stellen alle Ausgaben benützt werden können.

Italienische Ausgabe:

Opere di Niccolò Machiavelli, Italia 1813, 8 Bde.

Deutsche Ausgaben:

J. Ziegler, Niccolò Machiavellis Sämtliche Werke, Karlsruhe 1832 ff. 8 Bde.

Niccolò Machiavelli, Gesammelte Schriften, München 1925, 5 Bde. (nicht voll- ständig). Discorsi, Politische Betrachtungen über die alte und die italienische Geschichte. Verdeutscht und eingeleitet von Oppeln-Bronikowski (Klassiker der Politik Bd. II), 1922. Der Fürst und Kleinere Schriften. Übersetzung von Ernst Merian-Genast. Ein- führung von Fr. Meinecke (Klassiker der Politik Bd. VIII), 1923. Der Fürst. Übersetzt und eingeleitet von Fr. Blaschke (Philosophische Biblio- thek Bd. 188).

II. Schrifttum über Machiavelli Die große italienische Biographie ist: P. Villari, Niccolò Machiavelli e i suoi tempi, Firenze 1877–82, 3 Bde. Deutsch von Mangold, Leipzig 1877–83. Über die ältere Machiavelli-Literatur unterrichtet: R. v. Mohl, Die Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften, Erlangen 1858, Bd. III, S. 521 ff.

Normbilder des Standhaltens

Nachwort von Elfriede Üner

Von der Mitte aus sollte Hans Freyers Leben und Werk betrachtet werden, so wie er selbst es für Machiavelli vorschlägt. Hans Freyer vollendete im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung das 46. Lebensjahr. Er war seit 1925 Ordinarius an der Universität Leipzig und hielt dort den Lehrstuhl für Soziolo- gie inne, den ersten in Deutschland, bei dem die Soziologie nicht einem anderen etablierten Fach beigeordnet worden war. Seine persönliche Freundschaft mit dem einflußreichen preußischen Politiker und zeitweiligen Kultusminister Carl Heinrich Becker war mit ein Grund für diese Berufung, die begleitet war von Hoffnungen auf Erneuerung aller Wissenschaften durch die Soziologie, wie sie Becker mit der Etablierung dieser neuen Universitätsdisziplin verband 1 ). Vorher hatte Hans Freyer mit seiner philosophischen Habilitationsschrift 2 ) wissenschaftliches Aufsehen erregt, so daß er 1922 im Wettbewerb mit Ernst von Aster, Max Wertheimer und Julius Stenzel von der philosophischen Fakul- tät der Universität Kiel als Direktor des Philosophischen Seminars und Nachfol- ger von Götz Martius berufen wurde 3 ). Er galt damals als junger genialer Außenseiter, von dem kreative Denkanstöße für die neue Zeit zu erwarten waren. Seine „Theorie des objektiven Geistes“ 4 ) war Grundlage seiner Kieler Vorlesungen und Seminare und dort entstand die erste Verknüpfung seines kulturphilosophischen Ansatzes mit der politischen Theorie: „Der Staat“ 5 ). Sobald er den Lehrstuhl für Soziologie in Leipzig angenommen hatte, setzte er sich die systematisch-logische Grundlegung der Soziologie zum Ziel 6 ) und entwickelte die Grundlagen eines dynamischen Systems, eine dialektische Ver- knüpfung von Geschichte und Struktur, von Synchronie und Diachronie. Diese Weiterführung und soziologische Ausführung der strukturgenetischen Theorie sollte das theoretische Fundament der wissenschaftlichen Arbeit am Leipziger Institut für Soziologie bilden und sich in empirischen Projekten und Einzelun- tersuchungen bewähren. Sie kann in einer Entwicklungslinie gesehen werden mit anderen zeitgenössischen theoretischen Ansätzen, die die sogenannte „Leip- ziger Schule“ bilden 7 ). Aber dann kam der Bruch, das ungeheure politische Ereignis 1933, das alles umwertete. Mit wachem Geist und soziologischer Sensibilität hat Hans Freyer die politischen Tendenzen vorausgesehen und teilnehmend, aber auch warnend

begleitet 8 ). Spätestens 1935, nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“, hatte er jedoch seine Hoffnung auf eine politische Emanzipation, auf eine vom Volk getragene Revolution aufgegeben 9 ); nun begann für Freyer die Zeit des geistigen Exils. Der Theoretiker, für den das Comtesche Ideal, daß Politik einmal ange- wandte Soziologie sein möge, im Begriff der „wissenschaftlichen Selbsterkennt- nis einer politischen Gegenwart“ einen Leitstern der soziologischen Theorie bildete, beschäftigte sich nun mit Machiavellis Lehre vom politischen Handeln. Die Situation ist für Hans Freyer ebenso „künstlich“, wie er Machiavellis Lebenslage in San Casciano beschrieben hat. Machiavellis Leben und Denken war für Hans Freyer ein Lehrstück zur Bewältigung seiner eigenen Situation. Sein „Machiavelli“ ist zeitbezogene Politiktheorie in klassischem Gewand – die Begriffe sind Metaphern für Zusammenhänge, die nicht mehr explizit an zeitge- nössischem Material dargelegt werden durften. Hans Freyer stand unter beson- derer Überwachung 10 ). Die Möglichkeit, als soziologischer Analytiker der Gegenwart die Probleme direkt anzugehen, war ihm genommen. Die Normbilder der Antike, von Machiavelli auf die politischen Krisen seiner Zeit projiziert, werden von Hans Freyer auf die politische Szene nach 1933 in Deutschland übertragen und zusätzlich erschlossen durch den Vergleich mit Fichtes Machiavelli-Rezeption in der napoleonischen Krisenzeit. Würde man Freyers Machiavelli jedoch ausschließlich auf die zeitgenössische Konstellation hin interpretieren, beginge man den gleichen Fehler, der der ideologischen Deu- tung in der Rezeption der wissenschaftlichen Arbeiten der NS-Zeit im allgemei- nen zugrunde liegt. Zwei Aspekte einer kontinuierlichen Entwicklung sprechen gegen eine kurzschlüssige Verknüpfung von Wissenschaft und Politik. Zum einen hat Wissenschaft sich in einer bestimmten historischen Periode als eigen- ständiges System herausgebildet und wird in jeder Gesellschaft, die sich zu dieser Tradition bekennt, eine gewisse Eigenständigkeit behalten. In keinem noch so totalitären politischen System der modernen Zivilisation wird die Wis- senschaft vollständig von der Politik zu manipulieren sein. Auch im National- sozialismus bestand eine Wissenschaft weiter, die sich im internationalen Dis- kurs und Wettbewerb verstand und sich logische Konsistenz und empirische Überprüfbarkeit zum Ziele setzte. Man muß sich Mühe machen, die Arbeiten aus dieser Zeit in mehreren Ebenen zu lesen; sowohl Kontinuitäten als auch die Zeitbedingtheit des wissenschaftlichen Wissens sind zu analysieren. Wie weit eine wissenschaftliche Theorie unter radikaler politischer Einwirkung „sich selbst treu bleiben“ kann (ob man von Weiterentwicklung sprechen kann, würde sich erst nach umfänglichen Vergleichen feststellen lassen), ob sie mit bestimm- ten Strategien politischen Zwang kompensieren oder ihm standhalten kann – das ist die wissenschaftssoziologische Frage, die hier gestellt werden soll. Zum anderen hat Hans Freyer seit Ausarbeitung seines soziologischen

Systems ab 1925 sich immer als soziologischer Theoretiker verstanden. Geschichte bedeutete für ihn empirische Grundlage, um die Gegenwart und ihre Entwicklungstendenzen soziologisch zu erfassen. Wenn er sich, wie in seiner Machiavelli-Schrift, mit einem historischen Thema befaßte, so geschah es im Interesse der theoretischen Einarbeitung von geschichtlicher Erfahrung in das System der Soziologie; dies ist Grundlage seines gesamten Lebenswerkes 11 ). Deshalb wird hier auf eine rein ideengeschichtliche Würdigung seines „Machia- velli“ verzichtet und einer Darstellung der durch politischen Zwang bedingten Veränderungen und Projektionen der Nachweis einiger Kontinuitäten der Leip- ziger strukturgenetischen Theorie vorangestellt.

Theoriegestalt „Machiavelli“

Wie Freyers frühere kleinere Schriften „Antäus“, „Prometheus“ und „Pallas Athene“ 12 ) ist auch die Schrift „Machiavelli“ höchst aktuelle Stellungnahme zur geistigen Situation der Zeit, aber gleichzeitig Konkretisierung seiner wissen- schaftlichen Theorie, eine Durchführung seines Systems, das er in der „Soziolo- gie als Wirklichkeitswissenschaft“ entwickelt hat.

Wirklichkeitswissenschaft als Krisentheorie

Das Kernproblem in Hans Freyers soziologischer Theorie, die immer auch als politische Theorie zu verstehen ist, ist die Dialektik zwischen Gesellschaftsord- nung und konkretem Wollen realer Menschen, heute geläufiger mit Talcott Parsons formuliert, das Problem Ordnung und Handeln. Während Parsons jedoch einen in sich geschlossenen, statischen Regelkreis Handeln – gesellschaft- liche Ordnung für die moderne Gesellschaft (nach amerikanischem Muster) konzipiert, die sich in ihrer politischen Entwicklung grundsätzlich als ans Ziel gekommen versteht und keine umwälzende politische Veränderung zuläßt, ent- wirft Hans Freyer nach 1925 ein theoretisches System für die damalige Gesell- schaft im Umbruch. „Theoretische Erkenntnis der gegenwärtigen Gesellschafts- struktur besteht wesentlich im Aufweis ihrer immanenten Revolution“ 13 ). Dies war keineswegs Ausdruck eines weltanschaulichen Traums oder eines parteipo- litischen Bekenntnisses; auch der Vorwurf des „antidemokratischen Denkens“

ist fehl am Platz. Vielmehr handelt es sich um die Einsicht eines Theoretikers, der die aktuelle Krise begleitete und die Tatsache der völlig Ungewissen Zukunft in das theoretische System mit aufnahm. Soziologie ist die wissenschaftliche Selbstreflexion der gegenwärtigen Gesellschaft im revolutionären Zustand. Diese Krisentheorie erweist sich nun, auf Machiavellis Werk angewandt, als besonders geeignet, auch die weit zurückliegenden Krisenerscheinungen zu strukturieren. Wie Machiavelli wollte auch Freyer durch die realistische soziolo- gische Analyse der gegenwärtigen Situation „Gesetze“ formulieren, in denen die Möglichkeit zu neuer Ordnung angelegt ist; durch die theoretische Unter- suchung der vorhandenen gesellschaftlichen Substanz sollten Möglichkeiten der Weiterentwicklung, die zukünftigen Trends auf gewiesen werden 14 ). Hans Freyers Werkanalyse über Machiavelli ist auf den Zusammenhang von struktureller und genetischer Ebene konzentriert; es geht ihm auch hier um die Beziehung von Struktur und gesellschaftlichem Wandel. Während die Kapitel „Metaphysik der politischen Substanz“ und „Struktur des politischen Kraftfel- des“ den Strukturaspekt betonen und das Verhältnis zwischen Individuum und Institution im Zentrum des Interesses steht, geht es in den Absätzen „Technik des politischen Handelns“ und „Ethik der geschichtlichen Stunde“ um die Dynamik des Handelns, den Entwicklungsaspekt; die Beziehungen zwischen Individuum und Erfahrung, zwischen Handeln / Entscheidung und Geschichte / Utopie sind die Leitlinien. Aus jeder Kapitelüberschrift entnimmt man bereits die dialektische Verknüpfung: Der strukturelle Begriff „politische Substanz“ wird mit der genetischen Gegenkomponente „Metaphysik“ verbunden, desglei- chen die „Struktur“ mit dem prozessualen „politischen Kraftfeld“. Ebenso ver- fährt Freyer mit der Entwicklungs- oder genetischen Perspektive. Das „politi- sche Handeln“ bekommt mit dem Begriff „Technik“ ein strukturelles Pendant; denn „Technik“ bedeutet hier funktionale Gesetzmäßigkeit, die durch Erfah- rung erkannt werden kann. Auch „Ethik“ kann als strukturelles Korrektiv zur „geschichtlichen Stunde“ gelten. Ethisches Handeln impliziert in Freyers Ana- lyse, die objektiven Konsequenzen durch bisher gemachte Erfahrung mitzube- denken, und ist damit rationale Planung der Zukunft. Mit diesem strukturgenetischen Spannungsverhältnis gelingt es, Machiavellis Werk die Einheit zurückzugeben, die durch die ideologisch-moralische Ausle- gung der Wissenschaft in der Zeit der Aufklärung und in der politischen Recht- fertigung von Machtinteressen verlorengegangen war. Freyer will Machiavellis Werk in seinem logischen Aufbau schildern (S. 45 und 65) 15 ). Daß dieser Aufbau zugleich die logische Einheit von Freyers Theoriesystem darstellt, kann die Hypothese anregen, daß gesellschaftswissenschaftliche Theoriesysteme unter- schiedlicher revolutionärer oder Krisenepochen bestimmte systematische Ähn- lichkeiten aufweisen und sich von theoretischen Konzeptionen statischer, poli-

tisch stabiler Epochen deutlich unterscheiden. Der bereits angeführte Vergleich mit Talcott Parsons ist hierfür ebenfalls ein Hinweis. In politisch instabilen Epochen werden allgemeine wissenschaftliche Normen nicht für ungültig erklärt, aber sie müssen umformuliert werden. Um einen Bedeutungswandel zu ermöglichen, wird ihre überzeitliche Wahrheit, ihre Dog- matik radikal in die konkrete gegenwärtige Realität der Ereignisse zurückgeholt. Dies hat, so Hans Freyer, Machiavelli getan, wenn er die Verfassungsfrage auf das Urphänomen des Politischen, auf konkrete Lagen und Aufgaben zurückholt und damit von allgemeinen Normen und dogmatischen Weltanschauungen „rei- nigt“ (S. 46). Machiavellis „Urphänomen des Politischen“ kann gleichgesetzt werden mit Freyers Begriff der „Wirklichkeit“, dem explosiven Hiatus zwischen Vergangenheit und Zukunft. Da eine adäquate Theorie einer Krisenepoche weder die zeitliche Abfolge von geschichtlichen Entwicklungsstufen zu einer Geschichtsteleologie verabsolutieren darf, noch den vorhandenen Strukturen, Institutionen, Autoritäten die allein prägende Kraft zugestehen kann, sondern Weiterentwicklung, Uminterpretationen, Entinstitutionalisierung theoretisch erfassen muß, bleibt als logische Konsequenz, den sich wandelnden Kollektivi- täten Entscheidungs- und Gestaltungskraft zuzugestehen. In Kunst und Litera- tur erschien diese Gestaltungskraft zur Entstehungszeit von Freyers „Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft“ als expressionistische Neuschöpfung aus Chaos und Zerstörung, als mythische Verherrlichung des Tatmenschen. Die wissen- schaftliche Erkenntnis kann niemals so radikal zerstören. Vorhandene historisch gewachsene Strukturen werden von Freyer aufgenommen, aber in neuer Inter- pretation: Geschichte wird jetzt von der Gegenwart aus geschrieben 16 ). Die Aufeinanderfolge historischer Entwicklungsstufen wurde von Freyers Lehrer Karl Lamprecht noch als universalhistorisches Faktum und als notwendige Abfolge der Gesamtentwicklung der Menschheit gesehen, deren niedrigere Stu- fen lediglich Voraussetzung sind und von den folgenden überwunden werden. Freyer holt diese Entwicklungsstufen in die Gegenwart und ihre Veränderbar- keit herein durch Umwandlung des theoretischen Wertes von Entwicklungsstu- fen allgemein. Aus der vergangenen Erfahrung als überwundener historischer Tatsache wird Entelechie. So ist zum Beispiel menschliches Zusammenleben als „Gemeinschaft“ immer früher als „Gesellschaft“; die soziologisch „reinen“ Strukturen sind im Sinne der geschichtlichen Entwicklung miteinander verbun- den. Aber diese Entwicklungsstufen wirken als Strukturelemente und Motive der Gegenwart fort. Vorerst zwar als maßgebendes Bildungsgesetz einer Epoche erfaßt, muß hauptsächlich nach den Möglichkeiten gefragt werden, in denen das jeweilige Strukturgesetz in andersartigen Sozialgebilden beteiligt sein kann, nach der Möglichkeit einer neuen Ausformung in anderer gesellschaftlicher Konstel- lation 17 ). Strukturgesetze variieren, gestalten sich neu. Der Begriff „Entelechie“

kennzeichnet in diesem Zusammenhang eine Dynamisierung; an die Stelle einer Struktur als festen Gefüges, das der neuen Generation auferlegt wird, tritt eine je nach den Umständen variierbare Anlage. Gleichermaßen muß der „Willensgehalt“, die Zukunftsvision einer Gesell- schaft in die wissenschaftliche Erkenntnis eingearbeitet werden, jedoch in der wissenschaftlich gereinigten Form von „heuristischen Arbeitshypothesen“ 18 ). Sie gehen als zur Verfügung stehende wählbare Möglichkeiten, systemtheore- tisch formuliert als Kontingenzen, in die wissenschaftliche Erkenntnis ein 19 ). Norbert Elias hat diese Gegenwart neuerdings wieder formuliert als „Moment im Strom einer Gesellschaftsentwicklung, die aus der Vergangenheit kommend durch diese Gegenwart auf mögliche Zukünfte hindrängt“ 20 ), also ebenfalls als Drehpunkt zwischen Entelechie im Sinne von historischer Erfahrung als einer Art kollektiver innerer Prägung, die sich in der Gegenwart als reale produktive Kraft auswirkt, und Kontingenz als zukünftige Möglichkeiten. Diese in einer Krisenzeit notwendige Rücknahme von weltgeschichtlichen Entwicklungskonzepten und Utopien, von allgemeinen Normen und Weltan- schauungen auf die konkrete politische Gegenwart im Umbruch, erkennt Freyer in Machiavellis Werk, wenn er seinen Denkweg von der aktuellen Lage zur idealtypischen Struktur, von Beobachtungen zum geschlossenen Zusammen- hang als Theorie, die Geburt der politischen Wissenschaft aus der Praxis, ver- folgt (S. 8–10). Freyers Forderung an die Wissenschaftlichkeit der Soziologie, daß der Wil- lensgehalt einer Gegenwart in den Strukturbegriff empirisch-theoretisch einge- arbeitet werden muß und daß damit die Theorie gleichzeitig Position bezieht, auf Veränderung hinzielt, wird auch auf Machiavellis Werk angewandt. Freyers im Zusammenhang mit dem damaligen Werturteilsstreit in der Soziologie radi- kal und polemisch formuliertes Postulat: „Nur wer gesellschaftlich etwas will, sieht soziologisch etwas“ 21 ), wiederholt er im „Machiavelli“ analog: „Nur wer politisch etwas will, sieht politisch etwas“ (S. 10). Nur im Bezug auf die Pro- bleme der politischen Gegenwart kann politische Wissenschaft entstehen.

Der Theoretiker als „Errater“

Wie differenziert und reichhaltig Freyer das Werk Machiavellis dadurch inter- pretierte, daß er einen Prozeß statt einer von außen aufgezwungenen Norm des Politischen zum Ausgangspunkt der Analyse nahm, wie er damit Widersprüche auflösen konnte, kann an den Begriffen „fortuna“ und „virtù“ skizziert werden. Beide Begriffe waren jeder Rezeption verdächtig. Die Aufklärung vermutete

in fortuna eine erschlichene Hereinnahme überirdischer Kräfte in das wissen- schaftliche Denken; dieser Begriff konnte nicht in das Weltbild der fortschrei- tenden Rationalität durch wissenschaftliche Planung integriert werden. Die christliche Rezeption mußte in ihm einen Rückfall in das Heidentum, eine Ver- weltlichung der göttlichen Vorsehung erblicken. Fortuna bekam in jedem Fall eine irrationale, archaische oder religiöse Konnotation. Desgleichen wurde virtù zu einer mystischen Eigenschaft umgedeutet, zum überirdischen Charisma eines mythischen Helden oder eines urgeschichtlichen Eroberungsstammes. Freyer hingegen „säkularisierte“ diese Begriffe und gab ihnen realpolitischen Gehalt. Virtù als historisch gewachsene schöpferische Gestaltungskraft einer politi- schen Gemeinschaft ist nicht empirisch gewonnene anwendbare Regel, sie ist „metaphysische Substanz“, ein Potential, eine politische Kultur, die Vorausset- zung des politischen Handelns ist, aber nicht direkt dem menschlichen Einfluß unterliegt (S. 57–60). Sie ist der gewachsene Grund der intakten Sittlichkeit des Volkes (S. 61). Dieser geschichtliche Grund ist nicht empirische Tatsachenkette, sondern Entelechie und, wie Wilhelm Wundt den geschichtlichen Fortschritt formuliert hat, gleichzeitig ein Postulat, das seine Grundlage in der Erfahrung hat und über die Grenzen der Erfahrung hinaus auf ein zukünftiges Ideal hin- weist. Dieses Ideal ist nach Wundt nicht eine Folgerung aus dem bisherigen Gang der Geschichte, sondern Forderung an die Gemeinschaft, ihre geschicht- liche Sendung zu erfüllen 22 ). Hans Freyers Analyse steht ganz in der Tradition seines Lehrers Wilhelm Wundt, wenn er bei Machiavelli die politische Leistung aus gewachsenem Grund, aus der intakten Sittlichkeit des Volkes darstellt und den in der Machiavelli-Rezeption vergessenen Zusammenhang zwischen Politik und Moral wieder herausstellt (S. 61). Durch den von der Gegenwart aus strukturierten Geschichtsbegriff und den Gedanken der Kontingenz wird aus virtù als Handlungspotential auch ein poli- tischer Begriff. Virtù ist damit keine statische sittliche Tugend, sie ist die Kraft, die gemeinsame politische Ordnung zu vollziehen (S. 64); sie bekommt prozes- suale Qualität. Sie ist sowohl vollzogene Ordnung als auch produktiver Macht- wille (S. 65). Die nietzscheanische Sicht des menschlichen Daseins als ein nie zu vollendendes Imperfectum geht in der Formulierung der wissenschaftlichen Forderung an die Soziologie, die gegenwärtige Gesellschaftsordnung „unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit“ 23 ) zu begreifen, auch in die Machiavelli- Analyse ein. Der Begriff „Metaphysik“ als Bezeichnung für virtù sollte nicht zur Annahme einer „Ganzheit“ im Sinne des hegelianischen „objektiven Geistes“ verleiten. Wie Hans Driesch, ebenfalls ein Leipziger Kollege Hans Freyers, in seiner dualistischen Metaphysik die idealistische Ganzheit gleichsam auf realisti- schen Boden stellt, indem er mit induktiv-hypothetischer Methode dem „zufallsdurchsetzten“ Wirklichen, dem Dualismus von Ganzheit und Nicht-

ganzheit, gerecht zu werden versucht 24 ), so wird bei Hans Freyer virtù als metaphysische Substanz zum konkreten dualistischen Prozeß zwischen Struktur und zielgerichtetem Handeln, Dieser Dialektik wegen kann er durch Anwen- dungsregeln nicht geordnet und geplant werden. Der Prüfstein für die virtù der Regierung ist die Unterstützung des Volkes (S. 70). In der Vorstellung des Volkes als Träger des Staates ist bei Machiavelli die Idee der Republik verankert. Durch die ständige Anpassungsbewegung von Struktur und Handeln wird die wichtigste Aufgabe des Staates, die Verfassung, „nicht ein statisches, sondern ein dynamisches, und nicht ein dogmatisches, sondern ein politisches Problem“ (S. 73). Wie Freyer den mit ethischen Vorstellungen behafteten Begriff der virtù mit der Struktur verbunden hat, so findet er mit dem strukturellen Begriff fortuna als Summe der objektiven Gegebenheiten zur Ethik des politischen Lebens zurück. Wieder ist sein Begriff der Wirklichkeit der Ausgangspunkt als Ent- scheidungspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es ist in diesem Zusam- menhang nochmals an Wilhelm Wundts Postulat des geschichtlichen Fort- schritts zu erinnern. Da es keine feste Gesellschaftsordnung mehr gibt und das wissenschaftliche Ethos nicht mehr in dem Gesamtgefüge einer Gesellschafts- ordnung als Weltanschauung verankert werden kann, werden Soziologie und politische Wissenschaft mehr als theoretische Einsicht in die Gesetzmäßigkeit dieser Ordnung 25 ). Sie werden ethische Wissenschaft, nicht in dem Sinn, daß aus ihnen ethische Normen gewonnen werden, sondern in dem Sinn, daß sie den- kende Teilnahme an dem Geschehen sind und damit das Ethos der Geschehens- wirklichkeit zugleich zur Achse der Erkenntnishaltung wird 26 ). Freyer sieht Machiavelli in dieser Wirklichkeit des Umbruchs und findet die gleiche Reflexi- vität in dessen wissenschaftlichem Denken. Fortuna wird der aktive Pol; sie hat den Staat in Verderbnis gebracht, ein politischer Abenteurer erlangt durch die Zufallsbedingungen der fortuna die Macht (S. 79). Für Machiavelli und seine Gegenwart ist der Staat als Ordnungsgebilde ein Wert ersten Ranges, denn erst in einem solchen Staat kann der Mensch zum moralischen Wesen werden (S. 81). Dieser substantielle Willensgehalt der Gegenwart wird für Machiavelli das Zen- trum der politischen Wissenschaft (S. 74, 88). Der zufallsgeborene Staat muß konsolidiert werden, fortuna als Wechsel der Lagen, als sich wandelnde Zeit- struktur muß besiegt werden (S. 84), wenn nötig auch mit infamen politischen Methoden. Grundlage dieses Willens und damit Abschluß des wissenschaftli- chen Systems ist der Glaube, daß virtù, der verschüttete Volkswille, doch noch vorhanden ist und wieder aktiviert werden kann (S. 89). Hans Freyer findet bei Machiavelli eine besondere Methode der Analyse, wenn dieser den substantiellen Willensgehalt der Gegenwart und ihre Ziele zum zentralen Gegenstand seiner politischen Theorie macht. Sowohl fortuna als

Konstellation der Mächte (S. 85) wie auch der Principe als Typus des Staatsgrün- ders werden zur mythischen Gestalt verdichtet. Die Analyse der Vergangenheit kann man mit funktionalen Handlungsregeln und mit einem System von Struk- turen bewerkstelligen; denn sie liegt gleichsam als abgeschlossenes Objekt vor uns (S. 84). In bezug auf die krisenhafte Gegenwart und ihre geschichtliche Aufgabe kann man jedoch aus der Vergangenheit kein Rezept lesen; das wäre die Fortschreibung einer Geschichtsteleologie, für Machiavelli die Fortsetzung von fortunas Willkürherrschaft und Verderbnis. In dieser gegenwärtigen Situation kann nur theoretisch der Typus beschworen werden, der der Aufgabe gewach- sen ist (S. 84), als konkretes Normbild verdichtet, und fortuna kann nur als mythologische Gestalt in die Zukunft projiziert werden. Es ist der gleiche Unterschied in der logischen Qualität der wissenschaftlichen Erkenntnis und Methode von Vergangenem und von zukünftigen Trends wie in Freyers „Sozio- logie als Wirklichkeitswissenschaft“. Nur Vergangenes ist streng systematisch erschließbar. Da zwischen Gegenwart und Zukunft nicht dinghafte Entwick- lung, sondern freie menschliche Praxis liegt, ist jede wissenschaftliche Erkennt- nis zugleich Ausdruck dieses Willens und damit hypothetisch. Sobald es um seine eigene Gegenwart geht, kann Machiavelli nicht mehr abstrakt verallgemei- nern, ein „konkretes Normbild“ wird beschworen (S. 46 / 47). Freyer bezieht die Ziele und Utopien seiner eigenen Gegenwart als induktiv-empirisch gewonnene Möglichkeiten, als Kontingenz, in die wissenschaftliche Erkenntnis ein. Auch diese Erkenntnis ist vorgreifend, ein konkretes Normbild, „vom Ideal der syste- matisch vollendeten Wissenschaft aus gesehen eine Vorstufe“ (S. 47). Aber „so erwacht der Geist zu seinen Einsichten immer und notwendig“ (S. 47). In die- sem Sinn postuliert Freyer: „Erst die Geschichte beweist das System der Sozio- logie“ 27 ). Wirklichkeitswissenschaft als Ethoswissenschaft beschwört immer auch die konkreten Normbilder, die „Gestalt“ der Zukunft; der Theoretiker ist wie ein Seismograph der „Errater“ der Entwicklungstrends, und nicht etwa der „Berater“ des politischen Machthabers (S. 25). In Machiavelli projiziert Hans Freyer seine eigene Einstellung zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik in krisenhafter Zeit.

Aenigma Machiavelli

Der Krisentheoretiker des 20. Jahrhunderts fand durch dasselbe Theoriekon- zept, mit dem er die politischen Wirren seiner eigenen Gegenwart zu erfassen suchte, zu einer sensiblen Interpretation des Krisentheoretikers des 16. Jahrhun- derts. Gleichzeitig wird Machiavelli damit aktualisiert; er wird zum „Errater“ der problematischen politischen Gegenwart Hans Freyers. Die Machiavelli-Analyse ist für Freyer klassisches Gleichnis und konkretes Kategoriensystem, mit dem er die eigenen politischen Erfahrungen in die Sphäre des Gültigen hinaufhebt (S. 47), in der Art wie Machiavelli die Antike als Kate- goriensystem benützt. Diese wissenschaftliche Vorstufe wird von Freyer bewußt gewählt, denn andere als gleichnishafte Erkenntnis ist nicht mehr mög- lich. Hans Freyer hat sich ab 1935 nur mit historischen Themen beschäftigt, die oberflächlich gesehen jeden aktuellen politischen Bezug meiden. Seine histori- schen Gestalten sind für die politische Kontrolle weniger angreifbar. Zudem steht hinter der Beschäftigung mit Geschichte die Hoffnung Machiavellis auf das Wiederaufleben der verschütteten virtù, auf die andere deutsche Tradition. Im Begriff „Renaissance“ – „in der Wiedergeburt des Alten gestaltet sich das Neue“ (S. 47) – lag auch für Hans Freyer die einzige Hoffnung. Rückzug in die histori- sche „Einsiedelei“ war das keinesfalls. Die Gleichnisse hatten vielfältige aktuelle Bedeutung und erfüllten Funktionen, die der Soziologie und politischen Wis- senschaft damals nicht mehr möglich waren.

Spiegelzauber Freyer – Fichte – Machiavelli

Daß die Beschäftigung mit Machiavelli für Freyer kein Rückzug in die klassische politische Theorie war, läßt sich mit seinem Vortrag „Über Fichtes Machiavelli- Aufsatz“ 28 ) belegen. Fichtes Machiavelli-Deutung wird von Freyer ebenso mit Fichtes Erleben der eigenen politischen Krisenzeit geklärt, wie Freyer seine eigene Machiavelli-Interpretation verstanden haben wollte. Gleich Machiavelli war Fichte der „verhinderte Täter“, der einsehen mußte, daß es eine verhängnis- volle Täuschung ist, durch Philosophie direkt politisch zu wirken. Fichte hatte sich mit dieser Hoffnung in politischer Krisenzeit nach Königsberg begeben. Trotzdem kann die politische Publizistik Fichtes nicht von seinem philosophi- schen Werk getrennt werden. Fichtes Machiavelli-Schrift wurde fälschlicher-

weise als Reaktion auf politische Ereignisse und deren nachträgliche Bestätigung gedeutet. Diese Deutung sieht Freyer als nicht angemessen an und setzt damit den Stellenwert seiner eigenen politischen Schriften und besonders des „Machia- velli“ fest. Es wurde bereits gezeigt, daß auch sie nicht von Freyers theoreti- schem Werk getrennt werden dürfen, ja daß sie dessen logische Konsequenz sind. Schöpferisches Denken über die Zeitereignisse und theoretisches System formen sich gegenseitig 29 ) in Freyers Fichte-Rezeption wie in seinem eigenen theoretischen System. Nun spricht Freyer aber bei Fichte vom „Kreuzwegcha- rakter des politischen Handelns“, von seiner „Gebundenheit an konkrete Situa- tionen und an die Individualität der menschlichen Subjekte“ 30 ). Freyers Bild des verhinderten Politikers Fichte ist melancholisch, leidend an der konkreten Situa- tion. Fichte ist sogar gezwungen, sein großes politisches Anliegen zu bagatelli- sieren, indem er seine Machiavelli-Schrift durch eine sehr harmlose Widmung entschärft: „Wir kamen eben vorbei und gewannen die Erscheinung lieb“ 31 ). In diesem Leiden an der Situation gelingt ihm nur in dieser kurzen Zeit der Not, die Lehre vom politischen Handeln in seiner ethischen Bedeutung zu erfassen, die später wieder verlorenging. Dies ist die Projektion von Freyers eigenem Leiden an der Situation. Auch sein Leitspruch zum „Machiavelli“: „Die das Vaterland mehr lieben als die Seele“, ist melancholisch und lenkt von der politi- schen Bedeutung ab. Hätte er sich als „Berater“ des politischen Regimes verstan- den, das durch fortuna zur Macht gelangt war, hätte er andere markante Zitate finden können. Die Aktualität Fichtes bestand für Freyer in der Korrektur der Gefahr des Idealismus, „wie alles so auch das politische Geschehen in einen immanent notwendigen Sinnverlauf umzudenken“ 32 ). In der Zeit der Not nach 1935 haben sich Hans Freyer und mehrere seiner Schüler und Kollegen einem fichteanischen ethischen und melancholischen Idealismus verschrieben 33 ), der seine Fragestel- lungen bewußt der Zeitwirklichkeit entnimmt und zu sittlicher Entscheidung aufruft, der in einer Zeit des politischen Zwanges und der „Fremdherrschaft“ die aktive Selbstgestaltung des politischen Volkes und die hoffnungsvolle Vorstel- lung des Volkes als überdauerndes Wesen beschwört 34 ). Dieser fichteanische Idealismus war ein Postulat, theoretisch gegen die Notwendigkeit der Ge- schichte, praktisch gegen die Passivität im politischen Leben gerichtet. Auch die Adressaten der Fichteschen Schriften können auf Freyer übertragen werden. So wie er Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ das Volk und der Machiavelli- Schrift den König als Adressaten zuordnet, können bei Freyers Schrift „Pallas Athene“ das Volk 35 ) und bei seinem „Machiavelli“ „der moderne Staatsmann“ als Angesprochene gelten. Es liegt nahe, durch einen Vergleich dieser beiden Freyer-Schriften die Einschätzung dieser Adressaten und ihre Veränderung zwi- schen 1934 und 1938 zu skizzieren.

Von der Ethik des politischen Volkes zur Ethik der passiven Resistenz

„… daß es herrlich ist, von einem Schicksal gepackt zu werden, das eine Auf- gabe bedeutet“ 36 ), diese Wirklichkeit der Hoffnungen und mannigfaltigen Ent- wicklungsmöglichkeiten der Zeit vor 1933 ist in „Pallas Athene“ nicht mehr der Ausgangspunkt. „Wirklichkeit“ ist jetzt „Auseinandersetzung“ 37 ), und der Stil wechselt vom euphorischen gegenwartsbezogenen Aufruf zur rätselhaften Alle- gorie. Jede Rezension der „Pallas Athene“ hebt diesen Stil auffallend hervor als „Übersetzungsliteratur“, als Bild und Gleichnis für die Geheimnisse der Alchi- mie der Politik 38 ). Arnold Gehlen betont die Unübersetzbarkeit der Bilder und bringt Anklänge an die theoretische Einarbeitung von Utopien als heuristische Arbeitshypothesen in Freyers Theoriekonzept vor 1933: Die Zukunftsvision ist weiterhin Bestandteil des theoretischen Denkens, aber diese produktive Philoso- phie kann sich nur als „die indirekte Rede, das hinweisende Bild und die bedeu- tende, aufschlußreiche Analogie“ 39 ) präsentieren. Sie ist unübersetzbar. Die Phi- losophie besteht in richtig gesehenen Analogien. Freyers „Pallas Athene“ ist im wesentlichen noch das Gleichnis des Volkes, das mit virtù begabt in das politische Leben tritt. Der Adressat ist das politische Volk, das zu verantwortlichem politischen Handeln aufgerufen wird. „Die Kategorien der Politik sind keine Räuberkategorien“ 40 ). Politische Taten müs- sen wieder zur übergreifenden Sinndefinition werden – „Irdisches ist so zusam- menzuraffen, daß seine Erhaltung zum überzeugenden Wert (…) wird. (…) So revolutionär sie ihrem Beginn nach sei, ihrem endgültigen Sinn nach ist alle Politik konservativ“ 41 ). Die aufgerüttelten Kräfte müssen verwandelt werden zu nüchterner Ordnung. „Es ist die Frage der zweiten Stunde, ob das gelingt“ 42 ). War dies ein Aufruf zur Konsolidierung der 1934 / 35 gegebenen Verhältnisse? – „Es ist armselige Romantik zu glauben, daß in der politischen Welt der Instinkt den rechten Weg fände, und daß der Staatsmann um so genialer sei, je mehr er sich auf sein Gefühl statt auf seinen Verstand verlasse“ 43 ). „Und eines erläßt die Göttin der politischen Tugend ihren Lieblingen nicht: daß ihre Hand- lungen Adel, Reinheit und die Spannung des guten Gewissens haben“ 44 ). „Wer beim ersten Schritt, den er aus der Welt der bürgerlichen Arbeit heraustut, dem Kitzel der Zwecke, die die Mittel heiligen, verfällt und sich höchst politisch dünkt, wenn er aus großen Niederträchtigkeiten eine kleine Intrige zusammen- setzt, beweist damit nur, daß er lieber in der Welt der bürgerlichen Arbeit hätte bleiben sollen. Wo der Ehrgeiz eines niederen Herzens das Gewissen verdun- kelt, wo schwache Nerven durch das Narkotikum einer bewegten Zeit (…) aufgepeitscht werden, werden nur eben die Normen der Anständigkeit verletzt,

aber das hat mit Politik nichts zu tun. (…) Politik ist nicht Seele auf Abbruch. Ein Principe aus zweiter Hand ist immer eine traurige oder je nachdem eine lächerliche Figur“ 45 ). Unter dem Eindruck des Röhm-Putsches geschrieben, meinte das Gleichnis der „wachsamen Göttin mit hochgerichtetem Speer“ auf keinen Fall die Konsolidierung des nationalsozialistischen Wahns. Es war ein noch gläubiger Aufruf an das politische Volk, sich nicht in Privatheit zurückzu- ziehen, sondern seinen eigentlichen politischen Willen durchzusetzen; denn diese politische Gegenwart war nicht die Erfüllung der ursprünglichen Hoff- nungen. In diesem Zusammenhang ist das Zitat „Geschichte ist, daß das Gesche- hen selbst etwas taugt“ 46 ), zu verstehen, ein Zitat, das H. Marcuse als aggressi- ven Aktivismus heftig kritisierte 47 ). Aus der Sicht von außen mußte sich die Bedeutung dieses verschlüsselten Diskurses anders ausnehmen; für diese unter- schiedliche Sicht werden noch weitere Beispiele auftauchen. Aus der Innenper- spektive verstanden stellten Tat und Entscheidung ebensowenig wie bei Fichte eine Reaktion, eine Festschreibung der bestehenden Verhältnisse dar, sondern eine noch aufrechterhaltene Hoffnung in die Aktivität als virtù des politischen Volkes. Das Verhängnisvolle daran ist, daß beide, NS-Kämpfer und NS-Gegner, in der gleichen Umwelt an die gleichen Adressaten auch die gleiche Sprache sprechen mußten. Die Gegner des Regimes konnten, solange ihre Schriften noch veröffentlicht wurden, ihren Aufruf zur Aktion nur in Allegorien verstecken. Die vorsichtige, ausweichende Argumentation in den Rezensionen ist ein Indiz dafür, daß eine kritische, gefährliche Aussage verstanden, aber tunlichst nicht offen angesprochen wurde. 1938 ist die Hoffnung auf Entscheidung des politischen Volkes endgültig begraben. Auf einen mit virtù begabten Volkswillen und Staatsgründer kann man nicht mehr warten. Die Hoffnung klammert sich nun an Lösungsmöglich- keiten, wie ein lediglich durch die willkürlichen Schicksalsschläge zustande gekommenes, verdorbenes Staatsgebäude doch noch Voraussetzungen schaffen kann, daß wieder ein konstruktiver Volkswille entsteht. Freyers Kapitel „Ethik der geschichtlichen Stunde“, Höhepunkt seiner Machiavelli-Schrift, behandelt genau dieses Problem. Wieder führt Freyers strukturgenetisches System an die Lösung der Widersprüchlichkeiten in Machiavellis Werk heran. In der politi- schen Gegenwart, in der die theoretische Erfassung gleichzeitig zur Erfassung des konkreten Geschehens, des politischen Inhalts wird, muß ein sprachlicher Stilwandel erfolgen. Die Kontingenz wird jetzt als politisch relevant zum Mythos verdichtet, der abstrakte Herrschaftsträger wird zur konkreten Person, zum Helden (S. 75 / 76). Der Mythos des politischen Volkes, des „Volkes als werdende Ganzheit“ 48 ), ist verblaßt. Es bleibt nur eine vage Hoffnung auf das verschüttete Volk (S. 89). Die Vision des gerissenen modernen Staatsmannes, der mit harter Hand Ordnung in das Staatsgebilde bringt und damit wenigstens die

Voraussetzungen für das Verwandlungswunder zu einem konstruktiven Gemeinwillen schafft, ist der Mythos des absoluten Tiefpunkts einer politischen Krise: nicht Konstruktion von Wirklichkeit, sondern Wirklichkeitskontrolle von harter Hand, nicht mehr Ethik des politischen Volkes, sondern Standhalten als passive Resistenz; denn politische Emanzipation eines Volkes kann nicht technisch konstruiert werden. Nach 1945 charakterisierte Hans Freyer den einzig möglichen inneren Wider- stand in totalitären Systemen als ungewollte tragische Angleichung an Struktur und Stil des totalitären Systems selbst, um dann sich in den toten Winkeln des Systems einnisten und subversiv wirken zu können 49 ). Aus der allgemeinen Erkenntnis spricht die leidvolle persönliche Erfahrung der schwierigen Balance zwischen passivem Dulden und Ausnützen der toten Winkel. Im Jahr 1939 hat Hermann Rauschning in Thomas Manns Exilzeitschrift „Maß und Wert“ alle in Deutschland Gebliebenen zu dieser passiven Resistenz und damit zum Glauben an das verschüttete andere Deutschland aufgerufen 50 ). „Passiv“ ist in diesem Zusammenhang, wie bei Rauschning, nicht als Erdulden und Erleiden des politischen Zustandes zu verstehen, sondern „nur im Sinne der Beschränkung auf gewisse im allgemeinen nicht als aktiv geltende politische Mittel“ 51 ). Sie kann in einer Zeit des Zwanges durch Parteiherrschaft nicht illegale Parteiarbeit, unter der Diktatur der Massenpropaganda auch nicht Mas- senbeeinflussung sein. Ihre einzigen Möglichkeiten liegen in der Aufklärung des Einzelnen in seinem privaten Freiraum, im Nimbus des Geheimnisvollen und in einer die verlogene Propaganda kontrastierenden Wahrhaftigkeit 52 ). Die klassi- schen historischen Gestalten als Normalbilder konnten diese Funktionen für eine breite Leserschaft erfüllen. Die Schriften und Vorträge aus der Zeit über Goethe, Friedrich den Großen, über Antike und Humanismus sollten unter diesem Aspekt neu bewertet werden. Die Geschichte und ihre „mythischen“ Gestalten werden unter politischer Zwangsherrschaft zum politischen Mittel des passiven Widerstands und zum „todesbezwingenden Akt“ 53 ). Die theoretische Besonderheit dieser historischen Normbilder läßt sich aus Hans Freyers „Machiavelli“ charakterisieren. Am Tiefpunkt der politischen Krise mußte sein strukturgenetischer Ansatz modifiziert werden. Gerade dadurch sind sein Wirklichkeitsbezug und seine Dynamik bestätigt. Noch immer bleibt Geschichte der politischen Theorie untergeordnet (S. 94). Aber aus einer ursprünglich positiven Formulierung dieses hierarchischen Verhältnisses, daß Geschichte in der Gegenwart in konkretes Wollen 54 ) umschlägt, wird ganz konträr ein Festklammern der politischen Theorie an den klassischen Normbil- dern, an der Erfahrung und Wiederkehr des Gleichen als Widerstand gegen die gegenwärtige politische Dynamik. Empirische soziologische Forschung, vor 1933 in optimistischer Zuversicht als höchste Forderung des Systems der Sozio-

logie einbezogen: als realistische Aufnahme des Zukunftsgehalts der gegenwärti- gen Gesellschaftsordnung in voller Breite ihrer Möglichkeiten 55 ), wird ersetzt durch ein inszeniertes klassisches, verschlüsseltes Landschaftsbild, das mit magisch-realistischer Perfektion gezeichnet wird. Durch einen Stilvergleich lie- ßen sich zweifellos Analogien finden zu Otto Dix’ (auch er war ein trotzig Ausharrender) klassischem und mythischem Realismus. Hans Freyers Wirklich- keitswissenschaft mußte in dieser Zeit des Standhaltens zur Metaphorologie werden.

Der Theoretiker als „Errater“?

Kann man der Machiavelli-Interpretation die für Hans Freyer relevanten kon- kreten Gegenwartsaufgaben und Zukunftsziele entnehmen? Der Leser kann jeden Absatz auf die politische Gegenwart hin interpretieren. Der Staat als Ordnungsgebilde hat Wert ersten Ranges (S. 81) – eine Bestätigung des gegen- wärtigen NS-Staates oder Mahnung in einer Zeit, in der der Staatsbegriff der propagandistischen Bewegung weichen muß? Der politische Abenteurer als der eigentlich zeitgemäße Typus des Staatsmannes – eine höchst aktuelle Figur; er muß jedoch nachträglich die Fundamente zur Ordnung legen, um nicht von der tückischen fortuna wieder heruntergespült zu werden, er muß aus dem Aben- teurerstaat einen echten Staat machen (S. 81) – also doch ein mahnender Aufruf? Der moderne Staatsmann, der durch harte geschichtliche Arbeit den Raum für die verschüttete virtù bereitet, ist kein politischer Rowdy, kann also auch als Mahnung an die Willkürherrschaft der Partei gelten (S. 90). Die Trennung der Politik von der Moral, nach allem Vorangegangenen wohl keine Rechtfertigung der bestehenden Zustände, könnte Mahnung sein im Hinblick auf die konserva- tiv-aristokratischen, durch Gesinnungsethik gelähmten Widerstandsbewegun- gen 56 ), vielleicht ein verzweifelter Aufruf zum Handeln: „Halbe Rezepte, auch solche die durch Moral halbiert sind, helfen der Gegenwart nicht“ (S. 88). An anderer Stelle, und wiederum in eine historische Periode, den Idealismus, hineinprojiziert, sagt Freyer deutlich, um welches Anliegen der Gegenwart es ihm bei seiner Machiavelli-Interpretation geht 57 ): nicht, wie der Machiavelli- Rezeption des deutschen Idealismus, um den Strukturbegriff des Staates oder den Volksbegriff, sondern um die Lehre vom politischen Handeln. Der Aufruf der „Pallas Athene“ wird verschlüsselt beibehalten und klar eingegrenzt durch die Norm des Sachgerechten, die qualità dei tempi. Nur der Handlungsmodus, der ihr gewachsen ist, hat Wirkung 58 ). Diese deutliche Absage an jede ideologi-

sche Rechtfertigung der Politik, an ideologische Verbrämung der politischen Theorie 59 ), ist zugleich Aufruf, nicht in autistischer Privatheit zu erlahmen. Wenn die qualità dei tempi es erfordert und die virtù, das kollektive politische Bewußtsein fehlt, dann greife man zu Machiavellis Lehre von den Surrogaten des Handelns. Auch Berechnung, Schläue und Verschlüsselung können der qua- lità dei tempi adäquat sein. Die Notbrücke ist die Kernfrage der Zeit 60 ). So muß die Handlungslehre und Handlungsethik einer Krisentheorie in krisenhafter Zeit notwendigerweise ausfallen, da jede Hoffnung auf eine positive Eigendyna- mik der Entwicklung begraben ist. Die Melancholie der Arbeiten Freyers über Machiavelli liegt darin, daß er nicht mehr zum Handeln als kollektive Selbstbestimmung aufrufen kann. Auch den Glauben an das Volk als historisch gewachsene Kultureinheit muß er nun den Idealisten des 19. Jahrhunderts überlassen; die politische Gegenwart hat den Volksbegriff im Rassismus pervertiert 61 ). Die inhaltliche Grundfrage nach dem Typus des Staatsmannes und dem Begriff des Volkes, die Carlo Schmid 62 ) später im Werk Machiavellis unbeant- wortet fand, muß auch bei Hans Freyer offen bleiben: Will er den schlechten Führer bloßstellen, den Volks- und Staatsbegriff korrigieren, die Möglichkeit des Widerstands gegen das herrschende Regime hervorheben? Oder sieht er das Volk so verrottet und verdorben, das den Tyrannen als einzig mögliche Gewalt braucht, um vom Bösen so abgeschreckt zu werden, daß wieder etwas Gutes daraus wird? Selbst in der politischen Krise verfangen, kann Hans Freyer keine definitive inhaltliche Aussage machen. Nur die Hoffnung hält er trotzig aufrecht, muß dabei aber auf der Stufe des „Aenigma“ stehenbleiben, zu dessen Lösung eine überirdische Sehergabe notwendig wäre. Auch für den heutigen Leser bleibt ein undurchschaubares Rätsel, und dies kann soziologisch begründet werden:

Geschichte wird von der Gegenwart her geformt, bezieht aus dem Willen der Gegenwart ihre kategoriale Struktur. Der schuldbeladenen Gegenwart nach 1945 mußte der standhaltende Wille der Gegenwart von 1938 versperrt bleiben. Die damalige verhängnisvolle Lage wird erst nach längerem Zeitabstand mit Verständnis nachzuvollziehen sein.

Die Rezeption

War es den Zeitgenossen Hans Freyers möglich, eine aktuelle Stellungnahme zur politischen Situation aus dem „Machiavelli“ herauszulesen? Eine Überprüfung der deutschen Zeitschriftenliteratur ergibt, daß das Thema Machiavelli nach 1935 zunehmend häufiger erscheint und nach 1940 abbricht. Man möchte daraus schließen, daß Machiavelli als Metapher für Deutungsversu- che der aktuellen politischen Krisen verstanden wurde. Eine eingehende Analyse kann in dem Rahmen dieses Nachwortes nicht geleistet werden. Die erste Über- blickslektüre ergibt jedoch keine eindeutigen Anhaltspunkte für diese Annahme. Es sind meist rein historische Untersuchungen, so eine Revision der berühmt gewordenen „neueren“ Machiavelli-Deutungen von Ranke, Meinecke, Eduard Wilhelm Mayer 63 ), oder aber Machiavellis Grenzen und Widersprüche werden auf sein Festhalten am christlichen Weltbild zurückgeführt und das Primat des Politischen im Kampf gegen die christliche Moral dem 19. Jahrhundert zuge- sprochen. Nietzsche wird dann in diesem Sinn zum Fortsetzer Machiavellis. Eine versteckte Billigung des aktuellen Kirchenkampfes? – Der Autor bricht ohne irgendeine allgemeine Bezugnahme mit der These über das 19. Jahrhundert ab 64 ). Etwas näher an aktuelle Fragestellungen kommt die Abhandlung von Karl Jadziewski 65 ), der die kühle Sachlichkeit, den Geist praktischer Erfahrung und gleichzeitig die Willensfreiheit und die Grenzen der Schicksalsmacht fortuna betont: Sie bestimmt nur die Hälfte unserer Handlungen. Mit dem promethei- schen Ringen gegen die Gespinste der Schicksalsgöttin 66 ) mag eine Hoffnung auf die Lösung der Krise verbunden gewesen sein. Daß Machiavellis Werk auch zur plumpen Rechtfertigung des Faschismus entstellt wurde unter Berufung auf Mussolinis „Preludio a Machiavelli“ 67 ), hat in den historischen Analysen keine Beachtung gefunden; eine positive Metapher nationalsozialistischer Politik kann Machiavelli demnach nicht gewesen sein. Im Zeitbezug aufschlußreich ist eine Interpretation Machiavellis als Theorie der Willensfreiheit und die Deutung des „Antimachiavel“ von Friedrich dem Großen im Artikel von W. Mönch 68 ): Für Friedrich konnte Ethik sich nicht in Staatsethik erschöpfen. Als Sohn der Auf- klärung kann er auf den kantischen Imperativ des Gewissens nicht verzichten, er will die europäische Großmacht Preußen auf dieser ethischen Grundlage von einem Machtstaat in einen Kulturstaat überführen. Die Ethik des modernen Staates hat Freyer als Gegenposition zur politischen Moral eines Florentiner Stadtstaates der Renaissance im „Machiavelli“ (S. 90) angesprochen und später in seiner „geistigen Nische“ in Budapest in der Verhüllung einer Interpretation des „Antimachiavel“ Friedrichs des Großen entworfen 69 ).

Die Rezensionen über Freyers „Machiavelli“ betonen durchwegs seine syste- matische Analyse des Werks in mehreren Ebenen und die dadurch wiederherge- stellte Einheit von Machiavellis Denken 70 ). Nach J. D. Schäfers ist es sein Ver- dienst, am Leitfaden der Lehre selbst auch Machiavellismus und Antimoralis- mus weder zu bagatellisieren noch zu sehr zu betonen, sondern sie ins rechte Licht zu rücken; die Bedeutung Machiavellis als politischer Lehrer für die Gegenwart stützt er jedoch eher auf die Besprechung einer italienischen Machia- velli-Interpretation von Luigi Russo. Freyers Analyse war ihm offensichtlich dafür zu werkimmanent. Von Kleehoven betont zunächst Freyers Apologie des großen Florentiners, seinen geglückten Versuch, „sein Werk mit den Augen des Gegenwartsmen- schen zu sehen und seine bahnbrechende Leistung für unsere heutige Zeit fruchtbar zu machen“ 71 ), geht aber in der detaillierten Besprechung ganz werk- immanent vor, ohne irgendeinen allgemeinen politischen Bezug. In einer ein- zigen Rezension ist eine nicht fundierte, politisch gefällige Umdeutung von Freyers Interpretation des Politischen mit Mussolinis Machiavelli-Interpreta- tion, wieder im Vergleich mit L. Russo, zu lesen 72 ). Herbert Marcuse, der seit seiner Begeisterung für die „Soziologie als Wirk- lichkeitswissenschaft“ 73 ) die Publikationen Freyers genau verfolgte, hat dessen „Machiavelli“ nicht rezensiert, aber innerhalb einer Sammelrezension über die gegenwärtige deutsche Beschäftigung mit dem Idealismus sich mit Freyers „Über Fichtes Machiavelli-Aufsatz“ beschäftigt. Obwohl er im ersten Satz fest- hält, daß die Beschäftigung mit dem Idealismus nur abseits der Staatsideologie geschehen kann, weil sie offiziell verfemt ist, liest er aus den ihm vorliegenden Schriften, auch aus Freyers Aufsatz, die zentralen Begriffe nur als offiziell pro- pagierte politische „Reizwörter“ heraus: die konkrete Philosophie des Politi- schen, die nationale Besonderheit als Wesen der Menschheit, der imperialistische Machtkampf der nationalen Machtstaaten. Es bleibt bei einer Aufzählung in diesem Sinn in vier Sätzen. Die Brisanz des Themas Idealismus bei Freyer wird nicht reflektiert. Der zentrale Aspekt Freyers und gleichzeitig ein Hauptthema der „Frankfurter Schule“, die theoretische Verbindung von Wissenschaftslehre mit politischem Denken und Handeln, konnte im neuen politischen Kontext der Vereinigten Staaten nicht mehr aufgenommen werden. Eine wissenssoziologi- sche Begründung müßte mehrere Ebenen, wie die wissenschaftlichen Diskurs- möglichkeiten, die neue politische und kulturelle Situation und auch die Bezie- hungen zur neuen Wissenschaftsgemeinschaft, berücksichtigen. Aus der Ver- schiedenheit der politischen Bezugssysteme scheint zu resultieren, daß die Zeit- genossen im Exil, obwohl sie die gleiche wissenschaftliche Sozialisation erfahren haben und lange Zeit im gleichen Diskurs standen, als fremde Minderheit im gesellschaftlichen Abseits, in der künstlichen Nische der Emigration, den Dis-

kurs der Dagebliebenen ebensowenig nachvollziehen konnten, wie die heutige Rezeption es auch nicht kann. Wird die Mehrdeutigkeit des Werkes in den Rezensionen bewußt nicht ange- sprochen, oder muß aus der zeitgenössischen Rezeption geschlossen werden, daß es unzulässig ist, einen verschlüsselten Zeitbezug anzunehmen? Ein sehr wachsamer und kritischer Beobachter der Wissenschaft in Deutschland aus der Perspektive der Emigration, René König, hat diesen Zeitbezug in Freyers „Machiavelli“, seine „Parallelen und Anklänge an die Gegenwart unserer Tage“, herausgestellt 74 ) und ein bedeutsames Geständnis abgelegt: „Es fällt schwer, sich mit diesem wirklich bedeutenden und in seiner Konsequenz so aufrichtigen Buche auseinanderzusetzen, ohne das Buch selber von Grund aus neu zu schrei- ben“ 75 ). Er hat das Buch über Machiavelli tatsächlich „von Grund aus“ neu geschrieben, vermutlich als Gegenentwurf zu Freyers Buch, und hat diesem aus der Perspektive des Emigranten andere Normbilder entgegengesetzt 76 ).

Der Theoretiker als Künstler – der Theoretiker als Täter

Der Krisen- und Notstaat ist für Hans Freyer harte, unangreifbare Realität. Die Entwicklung zum Ordnungsstaat ist zur entfernten Hoffnung verblaßt, nur durch ein „Verwandlungswunder“ erreichbar. René König wertet dies als mora- lisches Vergehen; es ist ein Indiz für den „Theoretiker als Täter“ – er bezichtigt Freyer einer Apologie und Normalisierung der bestehenden Krisenverhält- nisse 77 ). Hätte Freyer jedoch den Staat aus der Idee der Wahrheit nicht lediglich als Hoffnung, sondern als geltenden Begriff beibehalten, hätte es nicht gerade in seiner Situation als Verherrlichung des NS-Staates gelesen werden können? Daß der Staat als sittliche Ordnung für Hans Freyer nicht das Idealbild wäre, kann König ihm aus dem „Machiavelli“ nicht nachweisen. Er nimmt dazu vereinzelte Zitate über den „räuberischen Ursprung aller Politik“ aus Freyers „Pallas Athene“ zu Hilfe. Ganz in Hans Freyers Sinn hebt René König hervor, daß in einer in sich verfallenden Zeit der Gedanke der legitimen Herrschaft, der Staats- gründung aus der sittlichen Idee, an Grundlage verliert und zur Ideologie wird und daß der politische Charakter der Lehre vom Staat hervortritt. Aber er kann diese Erkenntnis nicht auf die deutsche Gegenwart anwenden und macht Hans

Freyer gerade daraus den Vorwurf eines Fehltritts: Er benütze den Trick des totalen Ideologieverdachts, der jede sittliche Staatsidee als Ideologie demaskiere – die Idee des Logos würde zur bloßen Ideologie verdünnt. Ob in einem dekadenten Staat die auf Logos und Wahrheit fundierte Staats- idee aufrechterhalten werden kann, ohne zur Apologie zu werden, ist hier das wissenssoziologische Problem. Verschlüsselungen und Gleichnisse sind für René König also doch nicht wahrzunehmen. Sein Vorwurf an Hans Freyer wie an den historischen Machiavelli: ästhetisches Schweben, Dekadenz-Immoralis- mus. Sein Ideal als Gegenentwurf: Platons Staatskonstruktion aus der Idee der Wahrheit, aus dem allgemeinen Logos heraus. Ist das Festhalten an dieser platonischen Staatsidee angesichts der weltumfas- senden politischen Krisen nicht ebenfalls eine Ästhetisierung, eine Rückbesin- nung auf klassisch-antike Ideale? René König selbst gibt in seiner Krisenanalyse der italienischen Renaissance als Gegendarstellung zu Freyer die wissenschaft- liche Begründung dieser Ästhetisierung. In einem politischen Räuberstaat ohne transzendentale sittliche Idee ist ein Nebeneinander von reiner Tatsächlichkeit und mythischer Überhöhung festzustellen 78 ). Denn keine Lebensgestalt kann ohne ein Bewußtsein von Ordnung auskommen. Fehlt eine das tatsächliche politische Leben zusammenfassende Ordnungsvorstellung, so muß zu einer „entliehenen Ordnung“ gegriffen werden, und dies kann nur in mythischer Übersteigerung, als Weltflucht, geschehen 79 ). Die einzige Waffe gegen die tobende Tatsächlichkeit, die Willkür der faktischen Verhältnisse, ist die kunst- volle Rhetorik 80 ), die „ästhetisch-verführerische Magie des Wortes, (…) die verzweifelte Mythik all derer, die nicht dazu geboren sind, nur im Tatsächlichen zu leben“ 81 ). Mit diesen wissenssoziologischen Kategorien einer politischen Krisenzeit begründet René König seine Interpretation des Theoretikers Machia- velli als Künstler, als Ästhet der Gewaltsamkeit. Obwohl er durch seine soziolo- gische Krisenanalyse die Unumgänglichkeit der Ästhetisierung und Mythik nachgewiesen hat, wird er durch die Doppeldeutigkeit und „das Schillern“ der ästhetischen Situation 82 ) veranlaßt, Machiavelli des „unernsten Charakters des Denkens“ zu bezichtigen, „das weder als politische Wahrheit ganz im Leben bleibt, noch das Leben zur Wahrheit hin überwindet“ 83 ). Der Theoretiker als Künstler ist als ästhetischer Utopist ein Scharlatan, der „mit ästhetischen Fern- bildern der aufgerührten Menschheit die Verheißung neuer Ordnung“ 84 ) vor- gaukelt. Da René König als Emigrant im unmittelbar gefährdeten europäischen Nach- barland selbst in allen Lebenszügen in dieser politischen Krise verfangen war, mußte er im Blick auf seinen Zeitgenossen Hans Freyer diese Bezichtigungen zum Schuldvorwurf des „Theoretikers als Täter“ verschärfen. Es war die Über- lebensstrategie eines Heimatlosen, das entrückte Fernbild „Staat als Idee des

Logos“ als Normbild aufrechtzuerhalten. Mit gleichem Einfallsreichtum und ähnlich literarisch-bildhafter Sprache machen beide Machiavelli-Interpretatio- nen die Tragik des Ringens um den Fortbestand politischer Ideale deutlich. Noch andere haben sich an diesem Ringen beteiligt, z. B. Alfred von Martin, später Raymond Aron 85 ). Sie alle bekämen im Zusammenhang der politischen Krise durch René Königs wissenssoziologische Kategorien höchst aktuelle Aus- sagekraft.

Der Machiavelli-Topos der Leipziger Schule

Nach all den Zeitbedingtheiten ist das Bild durch eine Wendung zurück zur Theoriegestalt abzurunden. Wie Fichte war auch Machiavelli ein zentraler Topos in Leipzig. Der Leipziger Wirtschaftshistoriker Alfred Doren hat sich im Rahmen seiner Wirtschaftsgeschichte der Florentiner Renaissance mit Machiavelli und seinen zentralen politischen Begriffen auseinandergesetzt 86 ). Der Mitarbeiter Hans Freyers, Friedrich Blaschke, hob bereits 1924 neue Wege der kulturphilosophi- schen Betrachtungen hervor, die zu einer gerechteren Würdigung der Ethik und Politik Machiavellis führen können 87 ). Das Rückwärtsschauen in die Geschichte als In-sich-Schauen, das technische Denken als generalisierter Erfahrungssatz, sein zeittypisches antinomisches Weltbild als Spannung zwischen fortuna und virtù und ihre Lösung im heroischen Kampf mit der konkreten Vernunft einer qualità dei tempi, der die Entstehung des Willens zu neuen schöpferischen For- men gerade im Zwiespalt zwischen dynamischen Kräften und der Statik der zugrunde liegenden Gesetze angelegt sieht – diese Schwerpunkte Blaschkes wur- den schon vor 1933 in Freyers Institut diskutiert. Die wissenschaftliche Theorie Machiavellis erklärte Blaschke im Sinne Kants als aus praktischen Regeln gewonnene Theorie, die lediglich praktischen Zwecken dient, eine Reinform von Max Webers Idealtypus des „zweckrationalen Handelns“ 88 ). Die Gefahr sieht Blaschke darin, daß „Seinsverhältnisse des geschichtlich einmaligen Ablau- fes zu Sollensverhältnissen der Politik werden“ 89 ). Die logische „Entwertung“ der Seitenverhältnisse zur Kontingenz erfolgte erst ab 1930 in Freyers theoreti- schem System. Die für das politische Denken der zwanziger Jahre typische dialektische Verbindung von naturgesetzlicher Notwendigkeit mit der Selbst- herrlichkeit des Individuums und die Entwertung des Staates zu einer „soziolo-

gisch rein menschlichen Angelegenheit“ 90 ), die lediglich auf die Vernunft des Individuums gestützt ist, hat Blaschke in ihrer Bedeutung für seine politische Gegenwart voll erkannt. Eine aufschlußreiche Quelle für die Bedeutung Machiavellis als Leipziger Thema nach 1933 wäre Helmut Schelskys Habilitationsvortrag über die „Rezep- tion Machiavellis in der europäischen Philosophie“, den er in Fortführung eines von Hans Freyer angeregten Interesses im Jahr 1939 in Königsberg hielt 91 ). Leider ist bisher kein Abdruck davon bekannt. Im Jahr 1937 hielt der Leipziger Historiker Erich Brandenburg einen Akade- mievortrag „Machiavelli und sein Principe“ 92 ). In der Konzeption rein histo- risch, treten doch auch wichtige Hinweise auf den logischen Zusammenhang der „Discorsi“ und des „Principe“, auf die Psychologie des politischen Menschen, auf das moderne technische Denken und insbesondere auf die theoretische Bedeutung der idealtypischen Konstruktion hervor. Die in intensiver Diskussion mit Hans Freyer entstandene und von ihm betreute Dissertation von Marianne Weickert: „Die literarische Form von Machiavellis ‚Principe‘“ 93 ), ist in dem hier diskutierten Zusammenhang beson- ders interessant. Hans Freyer zitiert diese textmorphologische Untersuchung als Grundlage seiner Interpretation des „Principe“ als Gestalt und konkretes Normbild; René König zitiert die gleiche Arbeit als Beleg für seine Deutung des Werkes als künstlerische Ästhetisierung und Dekadenzerscheinung. Freyer schrieb 1961 noch einmal eine Einführung zu Machiavellis „Principe“, in der er seine vier Analyseebenen beibehielt, die aber natürlich nicht mehr die Brisanz des Zeitbezugs enthält 94 ). All diese Funde erfordern noch eingehende Analysen. Die Machiavelli-Schrift kann das Bild der „passiven Resistenz“ kon- kretisieren. Hans Freyer war nicht Mitglied der nationalsozialistischen Partei, er war überhaupt niemals Mitglied irgendeiner politischen Organisation. Seine Welt war die Wissenschaft, und als er die Hoffnung, die Emanzipation eines politischen Volkes als Wissenschaftler denkend zu begleiten, endgültig begraben mußte, hieß „Standhalten“ für ihn, die Welt der Wissenschaft mit Geschick und Diplomatie in Ordnung zu halten. Für viele war er in dieser Zeit ein Repräsen- tant des anderen Deutschland. Die Funde sind hier aufgezählt, um die Spannung zwischen Zeitgebundenheit und theoretischer Kontinuität bewußt zu halten. Gerade durch diese Spannung war das Standhalten der Wissenschaft auch in schwieriger Zeit möglich; sie ist die Grundlage jeder schöpferischen Neuinterpretation. Die hier skizzierten, noch vorläufigen Überlegungen sollen all denen gewidmet sein, die in der heuti- gen Zeit unter extremen politischen Zwängen standhaft wissenschaftlich weiter- arbeiten.

Anmerkungen

1) Vgl. u. a. C. H. Becker, Gedanken zur Hochschulreform. Leipzig: Quelle & Meyer

1919.

2) Hans Freyer, Die Bewertung der Wirtschaft im philosophischen Denken des 19. Jahrhunderts. Leipzig: Engelmann 1921. 3) Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv, Mikrofilm 415 / 802, Dokument Nr. 106, 107, 108.

4) Hans Freyer, Theorie des objektiven Geistes. Eine Einleitung in die Kulturphiloso- phie. Leipzig / Berlin: B. G. Teubner 1923.

5)

Hans Freyer, Der Staat. Leipzig: Fritz Rechfelden 1925.

6)

Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft. Leipzig / Berlin: B. G. Teub-

ner 1930.

Für den Lehrbetrieb didaktisch zusammengefaßt als: Einleitung in die Soziologie. Leip- zig: Quelle & Meyer 1931. 7) Zur „Leipziger Schule“ im hier gemeinten Sinn gehören außer Hans Freyer der Psychologe und Philosoph Wilhelm Wundt, der Historiker Karl Lamprecht, der Natio- nalökonom Karl Bücher als Lehrer Freyers; die Kollegen Hans Driesch (Philosoph), Felix Krueger (Psychologe), Hugo Fischer (Philosoph), Gunter Ipsen (Soziologe), Arnold Gehlen (Philosoph). Nach 1945 läuft diese theoretische Entwicklung in ver- schiedenen „Brechungen“ aus in der Wissenschaftsgemeinschaft um Hans Freyer und Helmut Schelsky (Soziologe) in Münster bzw. der Sozialforschungsstelle Dortmund. Siehe hierzu auch: Elfriede Üner, Die Entzauberung der Soziologie. Skizzen zu Helmut Schelskys Aktualisierung der „Leipziger Schule“, in: Horst Baier (Hg.), Helmut Schelsky – ein Soziologe in der Bundesrepublik. Stuttgart: Enke 1986, S. 5–19.

8)

Hans Freyer, Revolution von Rechts. Jena: Eugen Diederichs Verlag 1931.

9)

Der Einschnitt 1935 ist u. a. dadurch zu belegen, daß Freyer als Herausgeber der

Zeitschrift „Der Volksspiegel“ zurücktrat. Gleichzeitig legten seine Kollegen Hugo Fischer und Gunter Ipsen ihre Herausgeberschaft der „Blätter für deutsche Philoso- phie“ nieder. 10) Belegt durch den Bericht eines Historikers an der Universität Leipzig an das Hauptamt Wissenschaft der NSDAP über Hans Freyers Tätigkeit und Umkreis an der Universität; datiert 6. 6. 1935, Unterschrift unleserlich. Institut für Zeitgeschichte Mün- chen, Mikrofilm Nr. MA-141 / 4, S. 0345315–0345333. 11) Siehe hierzu besonders Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. II. Kap:

Die doppelte Beziehung der Soziologie zur Geschichte. Geschichte und Soziologie. (Anläßlich des 10. Todestages von Karl Lamprecht), in:

Vergangenheit und Gegenwart, 16. Jg. 1926, S. 210–211. Diltheys System der Geisteswissenschaften und das Problem Geschichte und Soziolo- gie, in: Kultur- und Universalgeschichte. Walter Goetz zum 60. Geburtstag darge- bracht. Leipzig / Berlin: B. G. Teubner 1927, S. 485–500.

Der Fortschritt und die haltenden Mächte, in: Zeitwende, 24. Jg. 1952 / 53, S. 287–297. Soziologie und Geschichtswissenschaft (Referat auf dem Deutschen Historikertag in Marburg am 14. 9. 1951), in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 3. Jg. 1952,

S. 14–20.

Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1955.

12) Hans Freyer, Antäus. Grundlegung einer Ethik des bewußten Lebens. Jena: Eugen Diederichs Verlag 1918. Ders. Prometheus. Ideen zur Philosophie der Kultur. Jena: Eugen Diederichs Verlag

1923.

Ders. Pallas Athene. Ethik des politischen Volkes. Jena: Eugen Diederichs Verlag

1935.

13) Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 286. Zum Unter- schied zwischen der statischen amerikanischen soziologischen Theorie und den euro- päischen dynamischen Ansätzen vgl. ebd. S. 302 / 303. 14) Vgl. ebd. S. 296 und den Punkt 9: Das produktive Chaos. Wendung zur Empirie (…), S. 295 ff. 15) In Klammern gesetzte Seitenzahlen im Nachwort beziehen sich auf den hier wieder aufgelegten Text „Machiavelli“. 16) Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. Kap. II und

S.

305.

17)

Vgl. Hans Freyer, Einleitung in die Soziologie, a. a. O. S. 127–130.

18)

Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 302.

19)

Vgl. hierzu Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd. I. Opladen 1972,

S.

145. Luhmann hat den Begriff der Kontingenz in diesem Sinn in seine Systemtheorie

eingearbeitet. Er könnte nicht nur biographisch, als zeitweiliger Mitarbeiter H. Schels- kys, sondern auch durch einige theoretische Kontinuitäten als einer der Fortsetzer der Leipziger Schule gelten. 20) Norbert Elias, Über den Rückzug der Soziologen in die Gegenwart. Vortrag auf dem 21. Deutschen Soziologentag in Bamberg am 15. 10. 1982, in: Kölner Zeitschrift für

Soziologie und Sozialpsychologie, 35. Jg. 1983, H. 1, S. 30. Vgl. auch S. 31 und S. 39 / 40. 21) Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 305. 22) Vgl. Wilhelm Wundt, Logik, III. Bd.: Logik der Geisteswissenschaften. Stuttgart:

Ferdinand Enke Verlag 1908, S. 455. 23) Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 298. 24) Vgl. Hans Driesch, Metaphysik. Breslau: Ferdinand Hirt 1924. Besonders den Abschluß S. 93–96. 25) Vgl. Hans Freyer, Einleitung in die Soziologie, a. a. O. S. 148. 26) Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 206. 27) Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 307. 28) Hans Freyer, Über Fichtes Machiavelli-Aufsatz. Vortrag vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaften am 16. Mai 1936. Veröffent- licht als „Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaf- ten zu Leipzig“, Philologisch-historische Klasse, 88. Bd. 1936, I. Heft. Leipzig: Hirzel

1936.

29)

Vgl. Hans Freyer, Über Fichtes Machiavelli-Aufsatz, a. a. O. S. 17.

30)

Ebd. S. 26.

31) Ebd. S. 10.

32)

Ebd. S. 26.

33)

Vgl. hierzu u. a. Arnold Gehlen, Deutschtum und Christentum bei Fichte (1935).

Arnold Gehlen, Der Idealismus und die Lehre vom menschlichen Handeln (1935). Arnold Gehlen, Der Idealismus und die Gegenwart (1935). Arnold Gehlen, Rede über Fichte (1938), in: Arnold Gehlen Gesamtausgabe, Bd. 2, Philosophische Schriften II. Frankfurt: Klostermann 1980. In diesem Geist ist die Dissertation des Schülers von A. Gehlen und H. Freyer, Helmut Schelsky, geschrieben: Theorie der Gemeinschaft nach Fichtes Naturrecht von 1796. Berlin: Junker und Dünnhaupt 1935. 34) Vgl. auch Hans Freyer, Einleitung zu Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deut- sche Nation. Leipzig: Reclam 1935. Hans Freyer, Johann Gottlieb Fichte, in: Sächsi- sche Lebensbilder. Hrsg. von der Sächsischen Kommission für Geschichte. Leipzig:

Oskar Leiner-Verlag 1938. 35) Laut Korrespondenz mit Eugen Diederichs setzte H. Freyer für „Pallas Athene“

den Untertitel „Ethik der konservativen Revolution“ fest, den Diederichs dann änderte.

36)

Hans Freyer, Prometheus, a. a. O. S. 5.

37)

Hans Freyer, Pallas Athene, a. a. O. S. 17.

38)

Vgl. J. v. K.-R. in: Geistige Arbeit, 2. Jg. 20. Nov. 1935, Nr. 22, S. 11.

39)

Arnold Gehlen, Hans Freyer – Pallas Athene, in: Europäische Revue, Bd. 36,

Februar 1936, S.148.

40) Hans Freyer, Pallas Athene, a. a. O. S. 60.

41)

Ebd. S. 60.

42)

Ebd. S. 61.

43)

Ebd. S. 112.

44)

Ebd. S. 31.

45)

Ebd. S. 30 / 31.

46)

Hans Freyer, Pallas Athene, a. a. O. S. 8.

47)

Sammelrezension von Herbert Marcuse (New York), in: Zeitschrift für Sozialfor-

schung, Jg. 5, 1936, S. 108. 48) Ein Aufsatztitel Hans Freyers 1934: Das Volk als werdende Ganzheit, in: Ganzheit und Struktur. Festschrift zum 60. Geburtstag von Felix Krueger. Neue psychologische Studien, Jg. XII, Heft 3, 1934, S. 1–8.

49) Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart: Deutsche Verlagsan- stalt 1955, S. 174–176. 50) Hermann Rauschning, Die passive Resistenz. Bemerkungen über eine revolutio- näre Waffe im Kampfe gegen die Diktatur der Gewaltsamkeit, in: Maß und Wert, II. Jg., H. 6, Juli / Aug. 1939, S. 715–734.

51)

Ebd. S. 719.

52)

Vgl. ebd. S. 722–725.

So kennzeichnet Ernst Jünger die Funktion der Geschichte in seinem Roman der „Postmoderne“: Eumeswil. Stuttgart: Klett 1977, S.90 / 91.

54) Vgl. Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, a. a. O. S. 298 und 304. 55) Vgl. ebd. S. 302. 56) Hans Freyer hatte persönliche Verbindungen zu Carl Goerdeler, Johannes Popitz, Wilhelm Ahlmann, Ulrich von Hassell und anderen. 57) Hans Freyer, Machiavelli und die Lehre vom Handeln, in: Zeitschrift für deutsche Kulturphilosophie, Band 4, H. 2, 1938, S. 109–137.

58)

Vgl. ebd. S. 122 / 123.

59)

Vgl. ebd. S. 125.

60) Vgl. ebd. S. 131. 61) An das Hauptamt Wissenschaft wurde Freyers Schrift „Der politische Begriff des Volkes“ (Neumünster 1933) als marxistisch denunziert, weil er seinen Volksbegriff auf den Überlieferungszusammenhang des Geschaffenen, und nicht auf die lebendige Sub-

stanz als Kern des Rassenbegriffs aufgebaut hätte. Vgl. Institut für Zeitgeschichte Mün- chen, MA-141 / 4, S. 0345313 / 14. 62) Vgl. Machiavelli. Auswahl und Einleitung von Carlo Schmid. Frankfurt/Main:

Fischer-Bücherei 1956. Darin Einleitung S. 7–43. 63) Justus Hashagen, Um Machiavelli (1469–1527), in: Deutsche Rundschau, 64. Jg. Aug. 1938, S. 117–120. 64) Horst Rüdiger, Machiavelli und das Problem von Politik und Moral, in: Europäi- sche Revue, XIII. Jg. 1937, S. 871–879. 65) Karl Jadziewski, Machiavelli, in: Die Neue Rundschau, XLVII. Jg. der Freien Bühne, 1936, 1. Heft, S. 161–178.

66)

Vgl. ebd. S. 176.

67)

W. R., Machiavelli und das faschistische Italien, in: Volk im Werden, VI. Jg. 1938,

S. 396–397. 68) Dozent Dr. W. Mönch (Berlin), Machiavelli und Friedrich der Große als politische Erzieher, in: Geistige Arbeit, 3. Jg. Nr. 10, 20. Mai 1936, S. 1–3. 69) Friedrich der Große – ein historisches Porträt, in: Donaueuropa (Budapest), Jg. 3, 1943, S. 247–258. Preußentum und Aufklärung (unveröffentlichtes Manuskript aus der gleichen Zeit). Diese Arbeit Freyers wird demnächst publiziert. 70) Durchgesehen wurden hierzu:

W. A. Eicke, Machiavelli und das politische Ethos, in: Die neue Rundschau, 50. Jg. 1939, S. 608–611. Hans Ankwicz von Kleehoven, Rezension von H. Freyer, Machiavelli, in: Historische Zeitschrift, Bd. 161, H. 2, 1940, S. 359–361. Herbert Marcuse, Sammelbesprechung, u. a. H. Freyer, Über Fichtes Machiavelli-Auf- satz, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 7, 1938, S. 405 / 406.

J. D. Schäfer, Machiavelli und der Machiavellismus, in: Zeitschrift für Politik, 29. Bd. H. 8 / 9, 1939, S. 582–585.

71)

Rezension H. A. von Kleehoven, a. a. O. S. 359.

72)

Vgl. W. A. Eicke, a. a. O.

73)

Vgl. Herbert Marcuse, Zur Auseinandersetzung mit Hans Freyers Soziologie als

Wirklichkeitswissenschaft, in: Philosophische Hefte, 3. Bd. 1931 / 32, S. 83–91.

74) Paul Kern (Pseudonym für René König), Hans Freyer: Machiavelli, in: Maß und Wert, II. Jg. Juli / August 1939, Heft 6, S. 848–854.

75)

Ebd. S. 851.

76)

René König, Machiavelli. Zur Krisenanalyse einer Zeitwende. Erlenbach-Zürich:

Eugen Rentsch-Verlag 1941. Neuauflage München: Carl Hanser Verlag 1979.

77) Dieser Absatz bezieht sich auf die Rezension Paul Kerns, Hans Freyer: Machia- velli, a. a. O.

78)

Vgl. R. König, Machiavelli, 2. Aufl. 1979, a. a. O. S. 75.

79)

Vgl. ebd. S. 107.

80) Vgl. ebd. S. 140.

81)

Ebd. S. 145.

82)

Vgl. ebd. S. 214.

83)

Ebd. S. 218.

84)

Ebd. S. 21.

85) Alfred von Martin, Soziologie der Renaissance. Stuttgart: Enke Verlag 1932. Raymond Aron, Machiavel et Marx (1969), in: ders. Études politiques. Paris: Galli- mard 1972.

86) Hierzu besonders Alfred Doren, Fortuna im Mittelalter und in der Renaissance, in:

Vorträge der Bibliothek Warburg, Leipzig 1924. 87) Niccolò Machiavelli, Der Fürst. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen ver- sehen von Dr. Friedrich Blaschke. Leipzig: Felix Meiner 1924. Vgl. Einleitung S. VII–XXXVII.

88)

Vgl. Friedrich Blaschke, a. a. O. S. XXV.

89)

Ebd. S. XXVII.

90)

Ebd. S. XXXVII.

91) Vgl. Helmut Schelsky, Rückblicke eines Anti-Soziologen. Opladen: Westdeut- scher Verlag 1982, S. 26. 92) Erich Brandenburg, Machiavelli und sein Principe. Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Philo- sophisch-historische Klasse, Bd. 89, Heft 4, Leipzig: Hirzel 1937. 93) Marianne Weickert, Die literarische Form von Machiavellis „Principe“. Eine mor- phologische Untersuchung. Würzburg: Konrad Triltsch 1937. Referent war der Professor für vergleichende Literaturgeschichte Andre Jolles, ein enger Freund Hans Freyers. Koreferent war Freyer. 94) Hans Freyer, Einführung zu Niccolò Machiavelli, Der Fürst. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1961.