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18/10/2017 Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE

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Byung-Chul Han

Wir ha en eine gute Zeit
Der Philosoph Byung-Chul Han betreibt in seinen zahlreichen Büchern
düster raunende Kulturkritik. Ein Grundkurs in sieben Lektionen

Von Magnus Klaue
14. September 2016, 10:34 Uhr / 55 Kommentare

Der Philosoph Byung-Chul Han © S. Fischer Verlag

Byung-Chul Han schreibt Bücher, wie der Deutsche sie mag. Jedes der
gefühlten 500 Bändchen, die der in Seoul geborene und an der Universität der
Künste in Berlin lehrende Kulturphilosoph geschrieben hat, liest sich bei aller
Tiefgründelei weg wie Heidegger für Manager. Sein neues Buch Die Austreibung
des Anderen ist gerade erschienen.
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Han schreibt über alles, was der Feuilleton-Leser für wichtig hält:
Buddhismus und Globalisierung, Aufmerksamkeit und Pornografie,
Burn-out und Entschleunigung, Schwarmintelligenz und
Flüchtlingskrise. Gäbe es Byung-Chul Han nicht wirklich, Botho Strauß hätte
ihn erfinden müssen, den fernöstlichen Zivilisationskritiker mit Standbein im
germanischen Kernland: Studium der Metallurgie in Seoul, dann Studium der
Philosophie, deutschen Literatur und katholischen Theologie in Freiburg im
Breisgau; Start-up-Mutation vom bergwerkskundigen Existenzschürfer zum
transdisziplinären Medienphilosophen; ostentativ zurückgezogen lebend, aber
haltlos publizierend; meinungsfreudig wie Sloterdijk und von distanzierter
Coolness wie ein asiatischer Mystery-Regisseur.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-09/byung-chul-han-philosophie-kulturkritik/komplettansicht?print 1/5

in der es den Anderen gab. ist vorbei. bei Walter Benjamin. der Andere als Begehren. in der "der Terror des Gleichen" herrsche. der Andere als Hölle. dass alles irgendwie den Bach runtergeht: "Die Zeit.de/kultur/literatur/2016-09/byung-chul-han-philosophie-kulturkritik/komplettansicht?print 2/5 . zurückprojiziert: "Die Wucherung des Gleichen macht die pathologischen Veränderungen aus. "Gegenüber" ("Die totale Abwesenheit des Gegen ist Verlag (2014) erschienen. zum Habitus erstarrt. Bei Byung-Chul Han ersetzt sie. als Reflexion der Verstelltheit richtigen Lebens. rekombinieren und neu veröffentlichen.Melancholie als Habitus: Für das essayistische Schreiben des frühen 20.zeit. die den Sozialkörper befallen. Triebkraft eines unreglementierten Blicks auf die Wirklichkeit. in dem Han die Achse der leerdrehenden Rede montiert hat. der Andere als Verführung. Jahrhunderts. nicht Kultur in Leipzig und ist regelmäßiger Autor der ätzend." ANZEIGE Er verschwindet allerdings nicht in der Wirklichkeit. Wer es versuchen möchte. und Internetpornos der westlichen Welt Dubnow-Institut für entgegenwuchert. begegnet der Kulturkritiker. kein idealer Zustand. Robert Walser. Durch eine Arbeit am Selbst mithin. Bei ihm steht jeder Satz. in der sich die Unfähigkeit zur Erfahrung ausdrückt. der ihm in Computerspielen arbeitet am Simon. ohne dass sich irgendetwas daraus ergibt. wird auf die Wirklichkeit.18/10/2017 Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE Seine bevorzugte Stilform ist die komatöse Parataxe: Behauptung folgt auf Behauptung. der Andere als Schmerz verschwindet. gleich nah zum Mittelpunkt. Mittels Zufallsgenerator ließen sich seine Bücher vollständig auseinandernehmen. Sie haben eine konstruktive und Essays sind unter dem Titel Verschenkte Seite") und durch Sensibilisierung für das Gelegenheiten im ça-ira. http://www. die den Melancholiker zum seinsdurchfluteten Zeremonienmeister läutert. weil er jüdische Geschichte und von Heidegger die Friedensliebe gelernt hat. Siegfried Kracauer. die seine Substantialität in leerer Reihung untergehen lässt. braucht nur sieben Maximen zu beherzigen." MAGNUS KLAUE Dem Gesellschaftskrebs. deren Erfahrung und wird zur Klage darüber. Die Monotonie der Rede. denn ohne Gegen fällt man hart auf sich selbst"). ohne dass es auffiele. Eine Auswahl Versöhnung"). war Melancholie. in vollendeter Parodie von Adornos Diktum über die Form des philosophischen Essays. der Andere als Eros. Joseph Roth. 1. sondern homöopathisch: durch Verbreitung Zeitung Jungle World und von Gastfreundschaft ("Gastfreundschaft verspricht der FAZ. sondern in der Rede. durch "Arbeit am Konflikt" ("Konflikte seiner Polemiken. Glossen sind nicht destruktiv. Der Andere als Geheimnis. Talentierte Phraseologen könnten sie zum Modell für 500 weitere kulturkritische Traktate im Pocketbook-Format nehmen.

sie zeuge von Zeitgenossenschaft. das heißt den Anderen in seiner Andersheit bejahen. um die irre Vorstellung. Es ersetzt jede Zeitdiagnose. (…) Heute sind viele von diffusen Ängsten geplagt. (. Sätze. aber wir verlernen immer mehr die Fähigkeit. wenn die Feststellung." Wer solche Sätze mit einem "Du vielleicht. genauso gut auf andere Epochen übertragen werden könnte: "Heute ist viel von der Authentizität die Rede. "Ich" wird dann immer gesagt. Nur das Heute zählt: "Heute" ist eines der meistbenutzten Worte in Byung- Chul Hans Büchern. der Plattitüde durch die Behauptung. (…) Heute will jeder anders sein als Andere. inwiefern sich das Heute vom Gestern unterscheidet. die in einem Monty- Python-Film für Gelächter sorgen würden. zur Eigenschaft der Wirklichkeit selbst umzulügen: "Wir richten uns heute in einer Wohlfühlzone ein. und verhindert das Urteil darüber. die es einleitet. was früher tatsächlich besser oder schlechter war. Es schmiert selbst dann den Mechanismus des kulturkritischen Räsonnements." "Wir" dagegen wird verwendet. verkündet von Byung- Chul Han... (…) Heute geben wir uns einer grenzenlosen Kommunikation hin. aber ich nicht" beantwortete. (…) Heute werden die libidinösen Energien vor allem ins Ich investiert. ob es sich heute wirklich so verhält.de/kultur/literatur/2016-09/byung-chul-han-philosophie-kulturkritik/komplettansicht?print 3/5 .) Wir hören heute viel."  Das "Heute" solcher Apodiktik zielt nicht polemisch auf die Gegenwart. wenn dem Leser etwas angedreht werden soll: "Ich muss zunächst den Anderen willkommen heißen. muss inflationieren. wo die Sprache autosuggestiv eine in Gastfreundschaft und Schönheit versöhnte Gemeinschaft herbeiredet. (…) Charakteristisch für die heutige Gesellschaft ist die Beseitigung jeder Negativität. sondern darauf. würde das "ich" zwar korrekt verwenden. http://www. in der essayistischen Form vormals selten und mit Vorsicht verwendet. 3.18/10/2017 Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE 2. Mut zur ersten Person: Das Ich und das Wir. aus der die Negativität des Fremden eliminiert ist.zeit. (…) Das Gefühl der Leere ist ein Grundsymptom der Depression (…). Der Geist gewinnt seine Wahrheit nur. Dann schenke ich ihm Gehör. Deren einziges Movens ist die zum existenziellen Schicksal aufgespreizte Behauptung. zur existenzialontologischen Fundamentalkritik: "Die Erkenntnis im emphatischen Sinne ist verwandelnd. Das muss wohl der Terror des Gleichen sein 4. kulturkritische Relevanz zu erschleichen. Das repetierte "Heute" unterbindet die Frage. weiten sich. gegen die Rede der ersten Person aber nichts ausrichten. (…) Wir leben heute in einem postmarxistischen Zeitalter. Binsenweisheit als Erkenntnis: Zu dieser Rhetorik passt die Verkündung von Banalitäten als Einsichten in den Lauf der Zeit. verhindert aber auch jede Erkenntnis dessen. die das Selbst sich von der Wirklichkeit macht. Anderen zuzuhören.

um das eigene Geraune dem Lebensalltag zugänglich zu machen. Sie ist. hat nicht Byung-Chul Han erfunden." Was auf dem Umweg über den Existentialismus ("Der Andere kündigt sich auch für Sartre als Blick an") zielsicher zu George Orwell führt: "Der Big Brother ist als Blick allgegenwärtig auf den Teleschirmen." Was immer man liest oder glotzt. Womit automatisch auch die Regel 2 (Mut zur ersten Person) in Kraft tritt. sondern bei Heidegger und den Poststrukturalisten entlehnt. irgendwie hat alles mit dem Blick des Anderen zu tun: Das muss wohl der Terror des Gleichen sein. vorhalten oder vorwerfen bedeutet. Es heißt bei Byung-Chul Han: "Charlie Kaufmanns Puppentrickspielfilm Anomalisa bildet schonungslos die heutige Hölle des Gleichen ab. ergäben schon fast einen neuen Traktat. sondern ebenso auf massenmediale und sonst wie unseriöse Kulturerzeugnisse zu berufen. Aber sie können auch beglücken und bezaubern. 5.de/kultur/literatur/2016-09/byung-chul-han-philosophie-kulturkritik/komplettansicht?print 4/5 . Kein Sartre ohne Hitchcock: Das Prinzip." Möglichst viele solcher Sätze parataktisch aneinandergereiht. (…) Die Depression lässt sich als eine pathogene Entwicklung dieser modernen Ontologie des Selbst begreifen. das entgegenwerfen. wie es Alain Ehrenberg ausdrückt. die Fatigue d'être soi. http://www." Doch weil er nicht an der Oberfläche der Gegenwart kleben will. der aus den Wörtern einen Saft pressen will. Das Objekt ist primär also ein Gegen. (…) In der Hölle des Gleichen ist die poetische Einbildungskraft tot. was als dadaistische Poesie durchaus Charme hätte: "Das Reflexivpronomen sich (soi) bedeutet. 6. dass das Ich angekettet ist an einen lastenden. mit allerlei "Heute" zusammengeleimt und mit ein paar Wirs und Ichs geschmiert. (…) Selbst-Sein ist Mit-sich-selbst-beladen- Sein")." In dieses Register sprachphilosophischen Geraunes gehören auch der Gebrauch von Kursivierungen und Bindestrichen. Jean Baudrillard. Slavoj Žižek und viele andere haben es vor ihm so gehalten. sowie die Vermanschung von Sprachgeschichte und Ontologie zwecks Erpressung verordneter Bedeutung: "Das Wort 'Objekt' stammt vom lateinischen Verb obicere. Es gibt als begriffliche Erkenntnis aus. den sie von sich aus nicht hergeben ("Das totale Ver-Gleichen führt letzten Endes zu einer Sinnentleerung.zeit.18/10/2017 Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. das sich mir entgegenwirft". schweren Doppelgänger (…). Diese existenzielle Verfasstheit äußert sich als 'Müdigkeit' (fatigue). (…) Schwellen können erschrecken oder beängstigen. was durch Entfaltung des Gedankens hätte gezeigt werden müssen. das sich gegen mich wendet. Womit durch Tautologie bewiesen wäre. sich nie nur auf kanonische. Etymologie schlägt Wahrheit: Auch dieses Verfahren hat Han nicht erfunden. hat der Kulturkritiker auch Klassiker im DVD-Regal: "In seinem Film Rear Window inszeniert Hitchcock den Triumph des Blicks über das Auge.

Gesellschaft. sondern wendet sich eine Gemeinschaft der Zuhörer. was sie empfangen. aber als solche figurieren. authentischer Einstand mit dem Hier und Jetzt gegen die Leere von Zirkulation und Warentausch.zeit.  Eine solche "Ethik des Zuhörens" findet Byung-Chul Han in Michael Endes notorischem Kinderbuchklassiker Momo formuliert. die als Gemeinschaft gar nicht anders als unfrei sein kann – hörig demjenigen." Wer Byung-Chul Han liest und nachspricht. 20 Euro. kann sich mit ihm sagen: "Im Gegensatz zur Zeit des Selbst. Dem entfremdeten Draußen steht die Bande derer entgegen. Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. dass eine freiere Menschheit deren Botschaft empfängt. Es verhilft dem Anderen erst zum Sprechen. Erziehung zur Hörigkeit: Wer schreibt wie Byung-Chul Han. bedingungslos hinzugeben bereit sind. dem sie lauscht: "Zuhören ist ein Schenken. der schickt keine Flaschenpost in der Hoffnung ab. in dem die Heldin ihre "besondere Zeit". Wahrnehmung und Kommunikation heute. was richtig und falsch ist: "Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. die sich allem. ein Geben. um Bücher zu lesen.18/10/2017 Byung-Chul Han: Wir hatten eine gute Zeit | ZEIT ONLINE 7. (…) In gewisser Weise geht das Zuhören dem Sprechen voraus."

 Damit jemand überhaupt sprechen kann. ANZEIGE ANZEIGE http://www. bei denen es nichts zu verstehen gibt. 110 Seiten. die uns isoliert und vereinzelt. die zwar nicht Juden genannt werden.de/kultur/literatur/2016-09/byung-chul-han-philosophie-kulturkritik/komplettansicht?print 5/5 . durch die "Fähigkeit des Zuhörens" abtrotzt: konkrete gegen abstrakte Zeit. muss es willig Lauschende geben. die wissen. Fischer: Frankfurt am Main 2016."
 Einen besseren Grund kann es nicht geben. den bösen grauen Männern. stiftet die Zeit des Anderen eine Gemeinschaft. eine Gabe. Sie ist daher eine gute Zeit. ihre "Zeit des Anderen".