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DIE VIRGINITÄTS-METAPHER IN APK 14:4-5 IM HORIZONT VON BEFLECKUNG, LOSKAUF UND ERSTLINGSFRUCHT

von

RUBEN ZIMMERMANN

München

Zusammenfassung

Die Rede von der „ Jungfräulichkeit“ der 144 000 in Apk 14:1-5 wird durch die im unmittelbaren Kontext genannten Motive „Be eckung mit Frauen“, „Loskauf “ und „Erstlingsfrucht“ näher konkretisiert, die sich insgesamt zu einem Komplex geschlechtermetaphorischer Aussagen verbinden lassen: Jungfräulichkeit, Makellosigkeit und Nachfolgeversprechen können als Hinweise für den Vorstellungshorizont der Hochzeit gewertet werden, der durch die weiteren Motive präzisiert wird: Die „Nicht-Be eckung mit Frauen“ spielt auf die Enthaltung von Mischehen an, der „Loskauf “-Gedanke könnte aus der römischen Praxis der Heirat einer freige- lassenen Sklavin inspiriert sein, während das Motiv der „Erstlingsfrucht“ den für die jüdische Eheschließung zentralen Aspekt der „Heiligung“ benennt und an eine prophetische Tradition anknüpft ( Jer 2:2-3). Die Funktion aller Aussagen besteht darin, dass die 144 000 fremden Macht- und Besitzansprüchen entzogen werden und ihre enge Zugehörigkeit zum Lamm, dem königlichen Bräutigam, betont wird. Die geschlechtsspezi sche Beschreibung der 144 000 rückt die Auserwählten in den Horizont der Braut, so dass die in Apk 19:6-9 bzw. Apk 21:2,9 imaginierte himmlische Hochzeit durch Apk 14:1-5 vorbereitet wird.

Die Jungfräulichkeit der 144 000 in Apk 14:4-5 wurde innerhalb der ntl. Exegese kontrovers diskutiert, ohne dass bislang ein Konsens sichtbar wäre. 1 Was bedeutet es, dass sich die zum Lamm gehörigen

1 Vgl. G. B. Caird, A Commentary on the Revelation of Saint John the Divine (HNTC;

Peabody, MA: Hendrickson, 1966) 179: „ John’s most puzzling sentence“; C. H. Lindijer, „Die Jungfrauen in der O V enbarung des Johannes 14,4“, Studies in John Presented to J. N. Sevenster (ed. M. C. Rientsma u.a.; NT.S 24; Leiden: Brill, 1970) 124-42; R. H. Mounce, The Book of Revelation ( New London Commentary on the NT; London: Marshall, Morgan & Scott u.a., 1977) 266: „the most enigmatic in the book“; U. B. Müller, Die O V enbarung des Johannes (ÖTK 19; Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus; 2., durchges.

Au . 1995) 260-4; E. Schüssler Fiorenza, Vision of a just World (Proclamation

Minneapolis: Fortress, 1991; dt. Das Buch der O V enbarung: Vision einer gerechten Welt, Stuttgart:

Kohlhammer, 1994); D. C. Olson, „Those who have not de led themselves with

Commentaries;

Women: Revelation 14:4 and the Book of Enoch“, CBQ 59 (1997) 492-510. Vgl. auch den Überblick bei O. Böcher, Die Johannesapokalyps e (EdF 41; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft; 4. Au . 1998) 56-63.

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jungfräulichen 144 000 „nicht mit Frauen be eckt haben“? In welchem Zusammenhang stehen Jungfräulichkeit bzw. Makellosigkeit mit den Motiven von „Loskauf “ und „Erstlingsfrucht“? Wird hier die Sexualaskese als Aspekt oder gar Voraussetzung der Christuszugehörigkeit eingefordert? Im folgenden Beitrag wird die These vertreten, dass hier eine meta- phorische Ausdrucksweise vorliegt, die in den weiteren Horizont einer für die Apk charakteristischen Verknüpfung von Geschlechterrelation und Gottesbeziehung 2 eingebettet bleibt. Doch auch wenn die Virginitäts- aussagen nicht auf ein sexualethisches Ideal verengt werden können, dürfen sie auch nicht als rein bildlich-rhetorische Umschreibung rela- tiviert werden. Ethische und bildliche Aspekte, Vision und Wirklichkeit greifen eng ineinander und bilden in der Apk die zwei Seiten dersel- ben Medaille. 3 Der Tiefensinn der Verse ist deshalb nur dann präzise zu bestimmen, wenn der „bildspendende Bereich“, d.h. der sozialge- schichtliche Hintergrund, sowie die Verankerung in einer möglichen Bildfeldtradition 4 möglichst genau erfasst werden. Entsprechend der interaktion ellen Konstitution der Metapher können gerade die Semanteme im unmittelbaren Umfeld Hinweise für das Verständnis der Bildrede geben. Nach einer Einbettung der Verse in den näheren Kontext von Apk 14:1-5 und einer sozialgeschichtlichen Einordnung der Virginitäts- vorstellung (1.) soll der metaphorische Sinn der Jungfräulichkeit durch semantische Interaktion mit den beigeordneten Motiven „Be eckung“, „Loskauf “ und „Erstlingsfrucht“ näher erfasst werden (2.). Die dabei sichtbar werdende Grundaussage ermöglicht eine funktionale Einordnung der Virginitätsmetapher in den Gesamtzusammenhang der Apk (3.).

2 Vgl. dazu umfassend meine Studie R. Zimmermann, Geschlechtermetaphorik und Gottesverhältnis. Traditionsgeschichte und Theologie eines Bildfelds in Urchristentum und antiker Umwelt (WUNT II/122; Tübingen: Mohr Siebeck, 2001), hier: § 8: Geschlechtermetaphorik in der Johannes-Apokalypse, 388-488, erste Überlegungen zu Apk 14:4-5 dort 456-67; ferner T. Pippin, Death and Desire. The Rhetoric of Gender in the Apocalypse of John (Louisville, Kent.: Westminster, John Knox, 1992).

3 Vgl. im Blick auf die Frauengestalten D. Pezzoli-Olgiati, „Zwischen Gericht und Heil: Frauengestalten in der Johanneso V enbarung“, BZ 43 (1999) 72-91; zur Bildersprache der Apk jetzt J. Frey, „Die Bildersprache der Johannesapokalypse“, ZThK 98 (2001) 161-85; zur Wechselbeziehung zwischen Ethik und Symbolik in der Rezeption von Gen

2:24 vgl. R. Zimmermann,

sein. Gen 2,24 in der

frühjüdischen und urchristlichen Rezeption“, Religionsgeschichte des Neuen Testaments (FS. K. Berger; ed. A. v. Dobbeler u.a.; Tübingen: Francke, 2000) 553-68.

4 Zu den hier angewandten metapherntheoretischen Voraussetzungen vgl. R. Zimmer-

und sie werden ein Fleisch

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1. Kontext und sozialgeschichtlicher Hintergrund von Apk 14:1-5

1.1. Einordnung in den Gesamtzusammenhang

Die in sich geschlossene Einheit von Apk 14:1-5 ist eingebettet zwi- schen den Visionen zu den beiden Tieren, die auf das römische Reich anspielen (Apk 13) und einer Reihe von Engelvisionen (14:6-13), die das ab 14:14 folgende Gericht des Menschensohns vorbereiten. In Apk 13 wird in Anknüpfung an die Bildertradition von Dan 7 die politi- sche Macht des Imperium Romanum in Gestalt eines Tieres vor Augen geführt und dann vor allem hinsichtlich seiner Breitenwirkung entfal- tet. Alle Erdenbewohner beten das Tier aus dem Meer an (Apk 13:8,12), alle, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven müssen das Zeichen des Tieres an Hand oder Stirn anbrin- gen (Apk 13:16). Der Macht des Tieres entgeht nur die o V ensichtlich begrenzte Schar derer, deren Namen von Anfang an im Lebensbuch des Lammes geschrieben waren (Apk 13:8-9). Diese können mit den standhaften und gläubigen Heiligen (Apk 13:10) identi ziert werden, die sich weigern, das Bild des Tieres anzubeten (Apk 13:15), obgleich sie dabei Gefängnis und Martyrium in Kauf nehmen müssen (Apk 13:9-10,15). Vor diesem Hintergrund wird man die Vision von Apk 14:1-5 in unmittelbarem Bezug zu den zuvor genannten und auch später wieder mit der Seligpreisung (Apk 14:13) aufgenommenen Märtyrern oder den Auserwählten des Lammes sehen dürfen. Plastisch ins Bild gesetzt wird dieser Kontrast auch dadurch, dass die 144 000, die bei dem Lamm sind, den Namen von Lamm und (Gott)vater auf ihrer Stirn tragen (Apk 14:1), womit sie im unmittelbaren Gegensatz zur großen Mehrheit erscheinen, die durch das Zeichen (x‹ragma) des Tieres markiert ist (Apk 13:16-17). Der zu untersuchende Textteil Apk 14:1-5 lässt sich in drei Abschnitte untergliedern: Zunächst wird dem Seher das Lamm auf dem Berg Zion gemeinsam mit den 144 000 o V enbart (14:1). Dieser Vision folgt eine Audition (14:2-3), bei der Johannes vom Himmel her eine Stimme (4mal fvn®, 2mal kousa, V. 2) wie Wasserrauschen und Donnerrollen hört. Die Audition wird nun im Folgenden näher beschrieben, indem die Stimme mit dem Klang der Harfe verglichen wird (V. 2). Eine nicht näher genannte Gruppe singt ein „neues Lied“ vor dem Thron, den vier Gestalten und den 24 Ältesten. So wird die Szene jetzt als Thronvision geschildert, bevor der Blick wieder auf die 144 000 fällt, die allein das neue Lied lernen können. Dieser letzte und gemäß dem Gesetz der wachsenden Glieder bedeutsamste Teil des Abschnitts ist

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dann ausführlich der Beschreibung der Gruppe von Auserwählten gewidmet (Apk 14:4-5). Die Bilderwelt der Vision ist eng auf das sonstige Bildrepertoire der Apk bezogen. Die gleichen „Hör-Bilder“ von Donner und Wasser- rauschen begegnen auch in Apk 6:1 und 19:6 und sind dabei jeweils mit dem Lamm verbunden. Mit Harfenklängen haben bereits die vier Gestalten und 24 Ältesten das „neue Lied“ für das Lamm in Apk 5:8-9 begleitet. Zuletzt sind die 144 000 aus Apk 7:4 bekannt. Dort wird die Zahl als Summe von je 12 000 Auserwählten der 12 Stämme ausdi V erenziert und steht somit für die Vollzahl des eschatologischen Gottesvolkes. 5 Die 144 000 sind auf ihrer Stirn versiegelt, womit wahrscheinlich in Anknüpfung an die Bildtradition von Ez 9:4 ein direkter Bezug zum Stirnzeichen von Apk 14:1 gegeben wird. Zugleich werden sie „Knechte Gottes“ (doèloi toè yeoè) genannt (Apk 7:3). Nach Apk 17:14 werden diejenigen, die „mit dem Lamm sind“ als die Berufenen, Auserwählten und Gläubigen (klhtoÜ kaÜ ¤klektoÜ kaÜ pistoÛ) bezeichnet. In Apk 14:1-5 werden die 144 000, die bei dem Lamm sind, aus- führlich beschrieben: Sie tragen im Kontrast zum Stirn-Zeichen des Tieres wie auch zum Stirnband der Hure auf ihrer Stirn den Namen des Lammes und seines Vaters (V. 1). Sie sind die einzigen, die in das himmlische „neue Lied“ einstimmen können, denn sie allein sind „von der Erde losgekauft“ (V. 3). Sie wurden nicht mit Frauen be eckt

(metŒ gunaikÇn oék ¤molænyhsan, V. 4), sondern sind jungfräulich (pary¡noi

gr eÞsin) und folgen dem Lamm, wohin es geht ( kolouyoèntew tÒ

rnÛÄ ÷pou n êpgú). Als Erstlingsgabe sind sie für Gott und das Lamm unter den Menschen losgekauft worden (oðtoi ±gorsyhsan pò tÇn

rnÛÄ), sie sind ohne Lüge und Makel

nyrÅpvn parx¯ tÒ yeÒ kaÜ

(kaÜ ¤n tÒ stñmati aétÇn oéx eêr¡yh ceèdow, mvmoÛ eÞsin, V. 5). Auch

wenn in der konkreten Charakteristik Pluralprädikate verwendet wer- den, werden die 144 000 doch als homogene kollektive Größe dargestellt, die in ihrer Gesamtheit beschrieben werden kann.

1.2. Jungfräulichkeit bzw. Sexualaskese im jüdischen Vor- bzw. Umfeld des NT

Ein wörtliches Verständnis der „ Jungfräulichkeit“ in Apk 14:4 wurde von vielen Exegeten schon deshalb abgelehnt, weil die religiös motivierte

5 Vgl. dazu Müller, O V enbarung, 176; Böcher, Johannesapokalypse , 62.

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Sexualaskese eine Errungenschaft des 2. bzw. 3. Jhd.s sei 6 und für die Abfassungszeit der JohApk nicht angenommen werden könne. Demge- genüber kann man jedoch feststellen, dass sich das Ideal der Jungfräu- lichkeit bzw. der Sexualaskese im weiteren Sinn in unterschiedlichen Begründungen bereits im Vor- und Umfeld des Neuen Testaments nach- weisen lässt. 7

sich bereits in atl. Texten die Forderung nach

Jungfräulichkeit der Braut vor der Eheschließung. 8 Die Hochschätzung der Jungfräulichkeit wurde dann in frühjüdischer Zeit auch durch die einheitliche Bewertung in der griechisch-römischen Umwelt 9 noch ge- steigert, wie es etwa dem Zeugnis von Josephus zu entnehmen ist. 10 Die Virginität wurde dabei als ein Symbol von heiliger Reinheit gedeutet und war zugleich Keimzelle der Familie, denn nur bei Jungfräulichkeit der Braut war die Garantie gegeben, dass etwaige Nachkommen auch wirklich Kinder des Ehemannes waren. 11 Vorzeitiger Verlust galt nicht nur als Ehrverletzung (des Mannes), sondern auch als ökonomische Schädigung des Brautvaters, da der Brautpreis für Jungfrauen höher lag als der für Witwen. Entsprechend wachte der Brautvater über die Jungfräulichkeit seiner geschlechtsreifen Tochter (Sir 42:9-11), denn solange diese im Haus ihrer Eltern lebte, musste er im Streitfall den Nachweis über die (sexuelle) Unversehrtheit der Jungfrau bringen. 12

Zum einen ndet

6 Vgl. dazu S. Elm, Virgins of God. The Making of Asceticism in Late Antiquity (Oxford:

Clarendon Press, 1994); P. Brown, Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit im frühen Christentum (München: Dt. Taschenbuch Verlag, 1994) .

7 Vgl. dazu ausführlich Zimmermann, Geschlechtermetaphorik , Exkurs 6: Ehelosigkeit und Sexualaskese in hellenistisch-römischer Zeit, 531-7; G. Schöllgen, „ Jungfräulichkeit“, RAC Lfg. 149/50 (1999) 523-92.

8 Vgl. Dtn 22:13-21; Sir 7:24; Tob 3:14; Philo, SpecLeg 3,80; Josephus, Ant 4,244.246; ferner jKet 28c; bKet 46a. Vgl. auch G. Mayer, Die jüdische Frau in der hel- lenistisch-römischen Antike (Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1987) 51-52, K. Engelken, Frauen im alten Israel (BWANT 130; Stuttgart: Kohlhammer, 1990) 40-41; Schöllgen, „ Jung- fräulichkeit“, 537-8; 541-2.

9 Vgl. dazu etwa G. Sissa, Greek Virginity (Cambridge/Mass.: Harvard University Press 1990; orig. Le corps virginal, Paris: Vrin, 1987); K. Cooper, Virgin and the Bride. Idealized Womanhood in Late Antiquity (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1996); Schöllgen, „ Jungfräulichkeit“, 524-40.

10 Jungfräulichkeit wird für Josephus sogar zum entscheidenden Kriterium und Zeichen für den Wert einer Frau, wie er es im Zusammenhang mit Rebekka, Abischag v. Schunem oder Thamar erkennbar werden lässt. Vgl. B. Mayer-Schärtel, Das Frauenbild des Josephus. Eine sozialgeschichtliche und kulturanthropologische Untersuchung (Stuttgart u.a.:

Kohlhammer, 1995) 200-1,334-5 mit Belegstellen in Anm. 106-9.

11 Aus diesem Grund mussten Witwen nach rabbinischem Recht mindestens 3 Monate bis zur erneuten Eheschließung warten.

12 mKet 7:7-8. Vgl. auch L. J. Archer, Her price is beyond rubies: the Jewish Woman in

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Männerbeziehungen in der Brautzeit zwischen Verlobung und Heim- führung wurden mit Ehebruch gleichgesetzt und zogen die Todesstrafe nach sich. 13 Neben der Jungfräulichkeit wird auch die Makellosigkeit der Braut eigens erwähnt, was im Blick auf Apk 14:4 n („sie sind ohne Makel“) von Interesse ist. Dem Bräutigam wurde sogar das Recht eingeräumt, seine Braut durch eine weibliche Verwandte auf verbor- gene Makel untersuchen zu lassen (z.B. mKet 7:7-8). Zum anderen kann die Rede der Jungfräulichkeit in den Gesamt- bereich religiös motivierter Sexualaskese eingeordnet werden, für den sich innerhalb der jüdischen Tradition unterschiedliche Beispiele an- führen lassen: Seit atl. Zeit gab es o V ensichtlich im Judentum die Überzeugung, dass sich religiöse Vollzüge (Kult, Gebet oder Got- tesbegegnung) und sexueller Verkehr stören oder sogar ausschließen. So sollten sich z.B. die Israeliten am Tag der Sinaitheophanie des Geschlechtsverkehrs enthalten (Ex 19:10-15). Besonders gilt diese Askeseforderung dann für einzelne O V enbarungs- und Funktionsträger wie Propheten und (Hohe)priester (Lev 21:6-15). Nach TestLev (Zus. Handschrift e zu 18:2) wird zu Levi gesagt: „Halte dich fern von jedem Geschlechtsverkehr“. Flavius Josephus schreibt in den Antiquitates Judaicae, dass der jüdische Hohepriester nur eine Jungfrau heiraten dürfe und diese „bewahren“ müsse (Ant 3,277). Die zeitweise Enthaltsamkeit von Mose (Philo VitMos II 67-69) oder Henoch (äthHen 83:2; 85:3) wird in frühjüdischer Zeit eigens hervorgehoben. Voraussetzung dieser Einschätzung war die Au V assung, dass Ge- schlechtsverkehr (kultisch) verunreinige. So wird eine Frau nach Lev 15:18 durch den Verkehr mit ihrem Mann unrein. Der Ursprung dieser Unreinheit ist o V enbar beim Mann zu suchen, denn selbst Pollution im Schlaf machte für einen Tag unrein ( Dtn 23:10-12; 1QM VII 4-5). Eine positive Begründung dieser religiös motivierten Askese ist in dem theologischen Konzept der Heiligkeit gegeben. „Heilig“ bedeutet so viel wie „ausgesondert für Gott“, was gerade auch die materiale und körperliche Dimension miteinschließt. Derjenige, der in den Bereich des Heiligen kommt, wird weltlichen Bezügen entzogen. So wie Him- melswesen stets asexuell dargestellt werden (äthHen 15:6; bBer 17a; Jalqut 1:111; vgl. Mt 22:29-30 par.), schließt Heiligkeit dann konkret sexuelle Aktivitäten im Diesseits aus. Davids Knechte dürfen etwa auf

Graeco-Roman Palestine ( JSOT.S 60; She Y eld: JSOT Press, 1990) 25-30,111-15; Engelken, Frauen, 5-43. 13 Vgl. Dtn 22:23; Philo, SpecLeg 3,72-73; Josephus, Ap 2,201; Ant 4,251; bKet 9ab; 44b. Vgl. Archer, Jewish Woman, 169.

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der Flucht nur deshalb die heiligen Schaubrote essen, weil ihre Körper durch sexuelle Abstinenz heilig sind (1Sam 21:5-6). Jeremia heiratet nach dem „Leben der Propheten“ 14 nicht, weil er heilig vom Mutterleib an ist. Die Verbindung von Heiligkeit und Sexualaskese zeigt sich ferner in der Forderung im Frühjudentum nach sexueller Enthaltsamkeit zur Heiligung des Sabbats ( Jub 50:8; Teez Sanb 13:27). 15 Eine Wertschätzung von Jungfräulichkeit und sogar Unfruchtbarkeit zeigt sich ferner in der weisheitlichen Tradition:

Selig die Unfruchtbare, die unbe eckt ist, die vom Beischlaf nichts wusste, der in Übertretung (geschieht). Sie wird Frucht erhalten bei der Visitation der Seelen.

÷ti makarÛa steÝra ² mÛantow ´tiw oék ¦gnv koÛthn ¤n paraptÅmati. §jei karpòn ¤n ¤piskop cuxÇn (Weish 3:13) 16

Der Text ist insofern für Apk 14:4 interessant, weil hier die Be- eckung – wenn auch mit dem Synonymbegri V mÛantow (Apk 14:4:

molænv) – im Zusammenhang mit sexuellem Verkehr genannt wird. Allerdings geht es hier nicht um eine grundsätzliche Askese oder Jungfräulichkeit, sondern nur um den Verkehr in Sünde (koÛth ¤n paraptÅmati). Eine ähnliche Tradition liegt bereits in Jes 56:3-5 (Eunuchen) und Jes 54:1 mit dem Lobpreis der Unfruchtbaren vor. An letzterer Stelle wird die gewendete Unfruchtbarkeit Zions zum metaphorischen Ausdruck der Rückkehr aus dem Exil. Zeichenhaft und nun sogar explizit als Zeichenhandlung fordert JHWH den Pro- pheten Jeremia zu Askese und Ehe- bzw. Kinderlosigkeit auf. Die Ehelosigkeit Jeremias wird damit zum Zeichen von Gottes Strafe für das Volk Israel ( Jer 16:1-4). Das Verstummen bzw. Erklingen der „Stimme von Bräutigam und Braut“ wird in Jer schließlich zum Sinnbild für Unheils- ( Jer 7:34; 16:9; 25:10) bzw. Heilansagen ( Jer 33:11) und kann als geprägtes Motiv in Apk 18:23 aufgenommen werden. 17 Schließlich nden sich Belege, in denen der Begri V „ Jungfräulichkeit“ kaum im neuzeitlichen Sinn als „sexuelle Unberührtheit“ zu verstehen ist, sondern ganz mit aktueller Sexualaskese – unabhängig von früheren Sexualkontakten – identi ziert werden kann. Nach antikem Verständnis

14 Vgl. Propheten- und Apostellegenden, übers. von Th. Schermann (TUGAL 31,3; Leipzig:

Hinrichs, 1907) 83: „Bevor er (= Jeremia) aus dem Mutterleib herauskam, war er schon geheiligt und ermahnt jungfräulich zu bleiben.“

.) ebenso wer diesen Tag (= Sabbat) entweiht, indem er mit seiner

Frau liegt“; Teez Sanb 13:27: „Und wer liegt mit seiner Frau am Sabbat, soll sterben.“

16 Übers. nach D. Georgi, Weisheit Salomos ( JSHRZ III/4; Gütersloh: Gütersloher Verlag, 1980) 412.

15 Jub 50:8:

17 Vgl. dazu Zimmermann, Geschlechtermetaphorik , 116;

410-14.

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war Jungfräulichkeit o V enbar nicht etwas, das biologisch-materialistisch de niert werden konnte und deshalb z.B. nach Verlust des Hymens bei erfolgter De oration für immer verloren war. Vielmehr gibt es auch die Vorstellung einer „wiedererlangten Jungfräulichkeit“. Nachdem Sara „wieder zum Rang einer Jungfrau zurückgekehrt ist“ 18 (Cher 50; vgl. Post 134), ist sie nach Philo bereit für die sexuell metaphorisierte Vereinigung mit Gott. Durch den Verkehr der Seele mit Gott wird Jungfräulichkeit wiedererlangt:

Wenn aber Gott begonnen hat, mit der Seele zu verkehren, macht er die, die

zuvor schon eine Frau war, wieder zur Jungfrau

.)

÷tan d¢ õmileÝn rjhtai cux yeñw, prñteron aét¯n oïsan gunaÝka pary¡non aïyiw

podeÜknusin

.). (Philo, Cher 50)

Gefährdung bzw. Verlust der Jungfräulichkeit wird für Philo in diesem Zusammenhang mehrfach als „Be eckung“ bezeichnet, 19 was im Blick auf Apk 14:4-5 von Interesse ist. Diese Vorstellung einer „Re-

Virginisierung“ ndet sich auch in der griechischen Hieros-gamos- Tradition. Beim Tonaia-Fest auf der Insel Samos (deren alter Name ParyenÛa lautete) erlangte die Hera-Statue durch das Bad im Fluss Imbrasos (später: Pary¡niow) 20 sogar alljährlich ihre Jungfräulichkeit zurück. 21 Eine christliche Verarbeitung dieser Rede von wiedererlangter Jungfräulichkeit könnte in Herm Vis III-IV gesehen werden, wo sich die Greisin zur Braut verjüngt, die in Herm Vis IV 2 ausdrücklich pary¡now genannt wird. Auch auf die ungewisse Formulierung von

IgnSmyr 13:1 der „ Jungfrauen, die Witwen genannt werden“ (tŒw

pary¡nouw tŒw legoum¡naw x®raw) könnte von hier aus Licht fallen. 22 Im Folgenden seien nun noch zwei Beispiele von konkreter Sexual- askese ganzer Gruppen in frühjüdischer Zeit erwähnt. Kontrovers disku- tiert wurde die Sexualmoral der Qumran-Essener. 23 Lange Zeit hatte

18 Philo,

Cher 50 n: S‹rr& goèn oé dial¡jetai, prÜn ¤klipeÝn ¤keÛnhn tŒ gunaikeÝa

p‹nta kaÜ nadrameÝn eÞw gneuoæshw pary¡nou t‹jin.

19 So z.B. „mit der unbe eckten Natur, dieser wahren Jungfrau“ ( mintÄ

fæsei,

t pròw l®yeian pary¡nÄ); „Es ist möglich

.), dass auch eine jungfräuliche Seele

durch ungezügelte Leidenschaft be eckt wird“ (¤nd¡xetai

kol‹stoiw mianyeÝsan (Cher 50-51).

20 Nach Strabo X 2,17; XII 3,8.

pary¡non cux¯n pyesin

21 Vgl. Arist., frg. 570; Heraclid., resp. Sam. frg. 10,1; Callim., Del. 48; Strabo XIV 1,14, vgl. dazu A. Avagianou, Sacred Marriage in the Rituals of Greek Religion (EHS.S 15/54; Bern u.a.: Lang, 1991) 55.

22 Vgl. dazu Ch. Methaen, „The virgin widow“, HTR 90 (1997) 288-9.

23 Vgl. dazu H. Hübner, „Zölibat in Qumran?“, NTS 17 (1970) 153-67; E. Quimron, „Celibacy in the Dead Sea Scrolls and the Two Kinds of Sectarians“, The Madrid

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man nach den Fremdzeugnissen von Josephus (Ant 18,21; Bell 2,120- 1; 160-1) 24 und Plinius Sec. d. Ä. (Hist. nat. 5,17,73) 25 eine konse- quente Ehelosigkeit dieser Gruppe angenommen. 26 Stricte dictu war zwar bereits nach dem Zeugnis von Josephus die Ehe in Qumran nicht ausgeschlossen, 27 erst die archäologischen Ausgrabungen 28 und vor allem die Schriftfunde von Kirbet-Qumran haben dieses Bild grundsätzlich in Frage gestellt. Hier zeigte sich keine absolute Askese, sondern eine strikte Sexualethik im Zusammenhang mit einer Heiligkeitstheologie und einer verschärften eschatologischen Erwartung. So vertraten die Essener die Au V assung, dass das Heiligtum durch regelwidrige Sexualität verunreinigt werde (CD V 6-7; VI 18-VII 4). Niemand durfte in der Stadt des Heiligtums mit einer Frau schlafen, um sie nicht zu verun- reinigen (CD XII 1-2 = 4Q 271 Frg. 3; 11Q19 [= Tempelrolle 1], 45:10-12). Schließlich dürfen die Krieger des endzeitlichen Kampfes nach 1QM VII 1-7 nicht durch Sexualität verunreinigt sein:

Qumran Congress I (ed. J. Trebolle Barrera; StTDJ 11,1; Leiden: Brill, 1992) 287-94; F. Kleinschmidt, Ehefragen im Neuen Testament. Ehe, Ehelosigkeit, Ehescheidung, Verheiratung Verwitweter und Geschiedener im Neuen Testament (ARGU 7; Frankfurt a.M. u.a.: Lang, 1998)

145-50.

24 Josephus, Bell 2,120: „Diese (= Essener) verwerfen die sinnlichen Freuden als Frevel, erachten aber die Enthaltsamkeit (¤gkr‹teian) und das Sich-nicht-von-der- Begierde-Beherrschen-lassen (m¯ toÝw pyesin êpopÛptein) als Tugend. Und über die Ehe herrscht bei ihnen ein geringschätziges Urteil (kaÜ gmou m¢n parƒ aétoÝw êperocÛa).“

.) ein einsamer und

auf dem ganzen Erdkreis vor allen anderen merkwürdiger Stamm, ohne jede Frau, jeder Wollust abhold (sine ulla femina, omni venere abdicata), ohne Geld und nur in Gesellschaft von Palmen“; vgl. R. König u.a., Plinius Secundus d. Ä.: Naturalis Historia – Naturkunde, lt.-dt., Buch 5: Geographie: Afrika und Asien, (Sammlung Tusculum, Zürich – Düsseldorf: Artemis und Winkler 1993).

26 Vgl. z.B. F. M. Cross, The Ancient Library of Qumran and Modern Biblical Studies (She Y eld: She Y eld Acad. Press; 3., rev. Au . 1995) 71-74,180; J. Maier/K. Schubert, Die Qumran-Essener. Texte der Schriftrollen und Lebensbild der Gemeinde (München – Basel:

Reinhardt, 3 1992) 80-81; A. Steiner, „Warum lebten die Essener asketisch?“, BZ NF 15 (1971) 1-28.

25 „Im Westen weichen die Essener von den Küsten zurück,

27 Josephus, Bell 2,121: „Die Heirat und die eheliche Nachkommenschaft lehnen sie

zwar nicht grundsätzlich ab (tòn m¢n g‹mon kaÜ t¯n ¤j aétoè diadox¯n oék nairoèntew),

.).“ Deutlich dann auch in Bell

2,160-2.

28 Vor allem wurden dabei Frauengräber (Grab 32 und 33 Hauptfriedhof, Grab 1 Südfriedhof ) und Kindergräber (Grab 2,3 und 4 Südfriedhof ) gefunden. Zum archä- ologischen Befund der Siedlung vgl. ausführlich R. de Vaux, Die Ausgrabungen von Qumran und En Feschcha IA. Die Grabungstagebücher, übers. von F. Rohrhirsch und B. Hofmeir (NTOA Series Archeologica 1A; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1996) 89-95.

sie scheuen aber die Begehrlichkeit der Weiber

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Kein Mann, der nicht rein ist von seiner Quelle her (euphemist. für Geschlechtsteil) am Tag des Kampfes, darf mit ihnen gehen, denn die heiligen Engel sind zusam- men mit ihren Heerscharen. 29

Sexualaskese steht hier im eschatologischen Horizont des nahen Endes. Allerdings wird damit weder prinzipiell die Ehe in Frage gestellt, noch lebenslange Virginität als Idealbild eingeklagt. 30 M. Baillet hatte sogar in dem fragmentarischen Text 4Q 502 (= papRitMar) ein Hochzeitsritual erkennen wollen, was allerdings auf Grund des verderbten Zustands des Textes (344 Teilfragmente) nicht veri zierbar ist. 31 Das Ideal der Ehelosigkeit gab es o V enbar in Qumran nicht, wohl aber eine rigoristische Sexualethik, die die eheliche Sexualität funktional auf die Fortp anzung ausrichtete und die somit nach außen hin den Anschein der Askese erweckte. Nach H. Stegemann wurde dieser Eindruck auch dadurch verstärkt, dass das Heiratsalter der Qumran- Gemeinde nach 1Q 28a (= Sa) 1:9-11 deutlich höher war als bei den durchschnittlichen Juden, ferner waren Frauen vom Kult ausgeschlossen und traten deshalb ö V entlich nicht in Erscheinung. Zuletzt waren die Essener Vertreter der „Einzigehe“ auch über den Tod eines Partners hinaus (CD IV 21-V 1), so dass der Anteil an faktisch ehelos leben- den Unverheirateten oder Witwen und Witwern extrem hoch war. 32 Ein anderes Beispiel der jüdischen Askese um die Zeitenwende gibt Philo von Alexandrien in seiner Schrift de Vita Contemplativa (VitCont). Die ganze Schrift ist ein Loblied auf eine in der Nähe von Alexandrien lebende Gemeinschaft, die er „Therapeuten“ nennt. Bei der Schilderung der Gastmähler erwähnt er „alte Jungfrauen“ (ghraitaÜ pary¡noi, VitCont 68), „die ihre Reinheit nicht unter Zwang bewahrten, wie einige von den Priesterinnen bei den Griechen, als vielmehr durch freien Entschluss, aus eifrigem Streben und Sehnen nach Weisheit“ (ebd.). Diese Jungfrauen

29 Übers. nach J. Maier, Die Qumran-Essener. Die Texte vom Toten Meer, Bd. I und II (Basel - München: Reinhardt, 1995), hier: I/135.

30 So auch mit Nachdruck Kleinschmidt, Ehefragen, 145-50.

31 Man kann sicher nur festhalten, dass die Begri V e „Mann und Frau“ bzw. „Tochter“ häu g vorkommen (vgl. Frg. 1; 2; 19; 96; 108 u.a.) und auch Segen eine Rolle spielt. Zusammenhänge sind allerdings kaum zu erschließen, auch die in der Edition ver- suchte Kombination der Fragmente 6-10 ist umstritten. Vgl. Text bei M. Baillet, Qumran Grotte IV 3 (4Q 482-4Q 520) (DJD VII; Oxford: Clarendon Press, 1982) 81-105; Übers. Maier, Qumran-Essener, II/ 575-588. Vgl. kritisch dazu J. M. Baumgarten, „4Q 502, Marriage or Golden Age Ritual?“, JJS 34 (1983) 125-35.

32 Vgl. H. Stegemann, Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus (Freiburg i.Br.:

Herder; 5. Au . 1996) 268-9, ihm folgend Kleinschmidt, Ehefragen, 148; zur „Einzigehe“ ausführlich 104-12.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

55

strebten nach Philo nicht nach sterblicher, sondern nach unsterblicher Nachkommenschaft, die aus der Vereinigung der Seele mit dem Samen des Vaters hervorgehe. Philo trägt hier zweifellos auch eigene Gedanken zur Sexualaskese in die Begründung ein, die er in anderen Zusam- menhängen entfaltet. Nach All III 71,148-54 kann sich die Seele nur dann mit ihrem „rechtmäßigen Mann, der gesunden Vernunft“, ver- binden, wenn sie von aller leiblichen Leidenschaft, Lust und Begierde frei und unbe eckt ist. Sexualaskese wird hier als Ideal der rechten Gottesbeziehung gepriesen (vgl. Cher 49-50; VitMos II 67-69). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Jungfräulichkeit im antiken Verständnis nicht auf ein neuzeitlich-biologisches Verständnis reduziert werden darf. Häu g wird die Virginität zwar als sexuelle Unberührtheit bei der jungen Frau bis zur Eheschließung gefordert. Die Rede von Jungfräulichkeit bleibt aber eingeordnet in den weiteren Horizont der Sexualaskese. So kann sie lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit ebenso bezeichnen wie eine später zurückerlangte Jungfräulichkeit. Im wei- teren Kontext religiös motivierter Sexualaskese wird Enthaltsamkeit funktional begründet und in der Regel zeitlich begrenzt. Die Askese dient dabei als Vorbereitung für die Gottesbegegnung, den Kultus und den endzeitlichen Kampf. Dauerhafte Enthaltsamkeit wird nur von einzelnen Funktionsträgern wie Propheten und (Hohe)Priestern gefordert. Nur am Beispiel der Therapeut(inn)en ist eine Gruppe bekannt, die lebenslange Jungfräulichkeit praktiziert hat.

1.3. Wörtlicher oder übertragener Sinn der

„ Jungfräulichkeit“?

Die Forderung nach Virginität und Sexualaskese war also im Umfeld Jesu und im frühen Christentum keineswegs unvorstellbar, vielmehr zeigt sich, dass die Ehelosigkeit Jesu und sexualasketische Forderungen im NT in vielfältiger Weise an die jüdischen und hellenistischen Argumentationsmuster anknüpfen. 33 Aufgrund dieses Befunds ist erneut die Frage zu stellen, ob die Jungfräulichkeit in Apk 14:4 nicht im Literalsinn gedeutet werden kann und der Seher hier die sexuelle Askese der 144 000 voraussetzt. Einerseits ist nicht abzuweisen, dass es eine

33 Dabei sind folgende Argumentationsmuster aufgegri V en: 1) kultisch: Askese als Reinheit (1Kor 6:12-20); 2) eschatologisch: Vorwegnahme/Teilhabe an der himmli- schen Welt (Mt 19:12; 1Kor 7:29; vgl. Mt 22:30); 3) pragmatisch: ungeteiltes Engagement/ Freiheit von Sorge der Ehemänner (und -frauen) (1Kor 7:32-34; Mt 19:12); 4) zeichen- haft: Ehelosigkeit Jesu als Zeichenhandlung (Prophetentradition).

56

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religiös motivierte Sexualaskese sogar von Gruppen (s. Therapeutinnen) im Judentum gab, die zwar meist funktional und zeitlich begrenzt war, die aber zumindest literarisch-argumentativ generalisiert werden konnte. Hier lag gewiss der Nährboden für die Hochachtung der Sexualaskese im frühen Christentum und es stellt sich die Frage, ob in Apk erste Ansätze dieser Tendenz ihren Niederschlag gefunden haben. Obgleich sich der Terminus pary¡noi sowohl auf Frauen als auch auf Männer beziehen könnte, 34 wird durch die Näherbestimmung „nicht

be eckt“ suggeriert, hier könnten nur asketisch bzw. ehe-

los lebende Männer gemeint sein, die mit Frauen keinen Sexualkontakt hatten. Dass aber mit den hier genannten Auserwählten eine asketi- sche Sondergruppe innerhalb der Geretteten bezeichnet wird, 35 wider- spricht nicht nur der Zahlensymbolik der 144 000, die nach Apk 7:4 gerade die Fülle (12 mal 12 mal 1000) des endzeitlichen Gottesvolkes repräsentieren, sondern auch dem Zusammenhang des Textes und der ekklesiologischen Grundkonzeption der Apk. Die Adressaten sind kein corpus permixtum, das sich intern noch weiter di V erenzieren ließe. Die Gruppe der hier mit dem Lamm Versammelten repräsentiert folglich die ganze christliche Gemeinde, für deren einzelne Mitglieder aber kaum das Prädikat „ jungfräulich“ im Sinne lebenslanger sexueller Enthaltsamkeit zugetro V en haben kann. Radikale Sexualaskese wurde als ideale Forderung an alle Christen erst in der enkratitischen Bewegung des 2. Jh. gestellt, d.h. deutlich später als die Abfassung der Apk anzunehmen ist. 36 Einige Exegeten hatten vermutet, dass in Apk 14:4 eine Interpolation aus dieser späteren Zeit vorliege, 37 allerdings gibt der Text keinerlei Hinweise für derartige literarkritische Eingri V e. U. B.

mit Frauen

34 Z.B. wird Joseph in JosAs pary¡now genannt. In Apk 14:4 liegt also zunächst keine „apparent confusion of the sexes“ (Mounce, Revelation, 270) vor, die in sich nur metaphorisch aufgelöst werden könnte. So zuletzt Olson, „Revelation 14:4 and the Book of Henoch“, 494.

35 So etwa W. Bousset, Die O V enbarung Johannis (MeyerK XVI; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2 1906) 383; Lindijer, „ Jungfrauen“, 140-1; ferner A. Yarbro Collins, Crisis and Catharsis: The Power of the Apocalypse (Philadelphia: Westminster Press, 1984) 129.

36 In enkratitischen Schriften wurde Apk 14:4 dann streng asketisch gedeutet, vgl. etwa Ps-Titus-Brief: „Die also, die mit Weibern nicht be eckt sind, nennt er Engelschar“, nach A. de Santos Otero, Der Pseudo-Titus-Brief, Neutestamentliche Apokryphen Bd. II:

Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes (ed. W. Schneemelcher; Tübingen: Mohr Siebeck; 5. Au . 1989) 50-70, hier 53. Zum Ps-Tit auch G. Röwekamp, Art. Titus-Brief, LACL (1998) 609.

37 So z.B. R. H. Charles, A Critical and Exegetical Commentary on the Revelation of St. John (2 Vols; ICC; Edinburgh: T. & T. Clark, 1920) Vol. 2, 8-9; H. Kraft, Die O V enbarung des Johannes (HNT XVIa; Tübingen: Mohr Siebeck, 1974) 189.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

57

Müller nimmt dagegen an, 38 dass die Sexualaskese nur für den Seher

Johannes als Lebensform gegolten habe, da er o V enbar einem Pro- phetenkreis angehört habe. Die Hypothese von Müller ist mit dem Problem belastet, dass wir über eine asketische Lebensform des Verfassers der Apk aus der Schrift selbst keine Angaben beziehen können. Allerdings ist Müller dahingehend zu folgen, dass die visionäre Schilderung der Heilsgemeinde die konkrete Gemeinde gemäß einem eigenen Idealbild verklären könnte, ohne dass alle Christen in Wirklichkeit Asketen waren. Dass ein postuliertes Ideal nicht unbedingt mit der eigenen Lebensweise korrelieren muss, beweist auch der Hirt des Hermas, denn auch Hermas rühmt einerseits die Askese als Ziel, andererseits ist er verheiratet. Weiterführend ist m.E. ferner die Di V erenzierung zwischen den einzelnen Christen und der Gemeinde als ganzer. Innerhalb der exegeti- schen Diskussion wurde zu wenig beachtet, dass die 144 000 eine kollektive Größe darstellen und gerade in ihrer Gesamtheit – quasi als corporate identity – beschrieben werden. Ob nun für jeden einzelnen das Prädikat der „ Jungfräulichkeit“ im Sinne sexueller Unberührtheit

rückt dadurch in den

Hintergrund. Entscheidend ist vielmehr, dass die Auserwählten in ihrer Gesamtheit „ jungfräulich“ genannt werden. Ist aber die Heilsgemeinde „ jungfräulich“, handelt es sich eindeutig um eine Metaphorisierung, bei der die Gemeinde im Bild einer Frau beschrieben wird. Dies schließt aber nicht aus, dass die metaphorische Charakteristik in den sexu- alethischen Bereich zurückwirkte und bei den Leser(inne)n bestimmte sexualethische Wirkungen hervorrief. Weder eine sexualethisches Verständnis der Jungfräulichkeit noch ein rein bildliches Umschreiben werden deshalb der spezi schen Ausdrucksweise der Apk gerecht. Die komplexe Bilderwelt der Apk zeigt vielmehr eine enge Verzahnung von Bildlichkeit und Symbolik mit Wirklichkeit und Geschichte, die Vision kann regelrecht als „Radi- kalisierung der Wirklichkeit“ 39 betrachtet werden. Eine Gegenüberstel- lung von wörtlicher oder bildlicher Bedeutung geht deshalb am

oder Askese zutre V end gewesen sein mag,

38 Vgl. Müller, O V enbarung, 263, wie bereits G. Kretschmar, „Ein Beitrag zur Frage nach dem Ursprung frühchristlicher Askese“, ZThK 61 (1964) 27-67.

39 So in Gegenüberstellung von Sendschreiben und Apk 12-13 auch H. Ulland, Die Vision als Radikalisierung der Wirklichkeit in der Apokalypse des Johannes (TANZ 21; Tübingen – Basel: Francke, 1997); vgl. ferner D. Pezzoli-Olgiati, Täuschung und Klarheit. Zur Wechsel- beziehung zwischen Vision und Geschichte in der Johanneso V enbarung (FRLANT 175; Göttingen:

Vandenhoeck & Ruprecht, 1997).

58

ruben zimmermann

Gegenstand vorbei. Denn die Metaphorik bezieht ihren Anschau- ungshintergrund aus dem konkreten Leben und wirkt wiederum in die gelebte Wirklichkeit zurück. Bezogen auf unseren Gegenstand entsteht somit durch die Metaphorik ein reziprokes Ineinander von Sexualität und Religiosität, dessen Spannung nicht vorschnell aufgehoben wer- den darf. 40

2. Die Jungfräulichkeit im semantischen Umfeld von Apk 14:4-5

Ein metaphorisches Verständnis von der Jungfräulichkeit in Apk 14:4-5 wurde zwar schon früher angenommen, die Begründung musste dann aber durch Eingliederung in das Hurerei-Götzendienst-Bildfeld oder durch den Hinweis auf die Enthaltsamkeit der (priesterlichen) Krieger beim „Heiligen Krieg“ in einen weiten Argumentationszu- sammenhang gestellt werden. Ohne diesen Hintergrund bestreiten zu müssen, blieben dabei Hinweise aus dem nächsten Umfeld unbeachtet, die im Folgenden näher zu untersuchen sind. Entsprechend dem hier vorausgesetzten „Interaktionscharakter“ der Metapher 41 erschließt sich der uneigentliche Sinn vor allem durch eine Wechselwirkung zwischen focus und frame, d.h. durch die Interaktion mit anderen im Textumfeld genannten semantischen Bereichen. Konkret interagiert das Seman- tem der „ Jungfräulichkeit“ mit den Aussagen zur „Be eckung mit Frauen“, zum „Loskauf “ sowie zur „Nachfolge und Erstlingsgabe“. Im weiteren Kontext ist die Auseinandersetzung mit dem Imperium Romanum und der Herrschaftsproblematik (Apk 13; Apk 14:6-13) bzw. das für die Apk konstitutive Bildfeld „Hurerei ist Götzendienst“ einzubeziehen.

2.1. Jungfräulichkeit und die „Be eckung mit Frauen“

Die erste, syntaktisch eng verbundene Näherbestimmung der Jung- fräulichkeit ist mit der Wendung „die nicht durch Frauen be eckt wur- den“ (metŒ gunaikÇn oék ¤molænyhsan) gegeben. „Be eckung“ (häu ger mit dem Begri V miaÛnv/mÛasma und nicht wie hier molænv) wurde als abwertende Metapher für die kultische Unreinheit im griechischen

40 Zu dieser Wechselwirkung im Blick auf das gesamte Bildfeld vgl. Zimmermann, Geschlechtermetaphorik , 688-711.

41 Von der „Interaktionstheorie“ spricht man seit M. Black und I. Richards, vgl. deren wichtigste Beiträge in A. Haverkamp (Ed.), Theorie der Metapher (Darmstadt:

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2 1996).

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

59

Sprachraum häu g verwendet 42 und konnte dabei insbesondere auch

durch Geschlechtsverkehr erwirkt werden. Allerdings wurde Be eckung durch regelwidrige Sexualität (vgl. Weish 3:13-14) und nicht durch Geschlechtsverkehr überhaupt hervorgerufen. In Apk 14:4 wird die

explizit von einer „Be eckung

durch Frauen“ die Rede ist. A. Yarbro Collins, K. Berger und zuletzt D. C. Olson 43 konnten nachweisen, dass diese Formulierung aus der frühjüdischen Auslegung der Engelfalltradition (äthHen 5-7; Jub 5:1; Philo, Gig; u.a.) 44 zu Gen 6:1-4 entstammt. Vor allem im Wächterbuch der Henochüberlieferung (äthHen 1-36) begegnen mehrfach ähnliche oder gleiche Formulierungen, wie z.B.

Be eckung näher präzisiert, indem hier

Und sie nahmen sich Frauen, und jeder von ihnen wählte sich eine aus, und sie begannen, zu ihnen einzugehen und sich mit ihnen zu be ecken.

KaÜ ¦labon ¥autoÝw gunaÝkaw: §kastow aétÇn ¤jel¡janto ¥autoÝw gunaÝkaw, kaÜ rjanto eÞsporeæesyai pròw aétŒw kaÜ miaÛnesyai ¤n aétaÝw:

(äthHen 7:1, vgl. 9:8; 10:11; 15:2-7)

Geht man davon aus, dass der Autor der Apk mit seiner Formulierung diese Tradition aufnimmt, erklärt sich die geschlechtsspezi sche Zuspit- zung, denn die Göttersöhne haben sich nach Gen 6:1-4 mit Men- schentöchtern, d.h. mit Frauen, be eckt. Nach Olson hat der Autor von Apk die Auserwählten 144 000 im expliziten Kontrast zu den Wächtern als „gute Engel“ beschrieben und entsprechend die Einhaltung der engelhaften Jungfräulichkeit (äthHen 15:7) betont. 45 Doch während für Henoch und eine bestimmte Traditionslinie die Geschlechtlichkeit protologisch und eschatologisch nivelliert werden soll, wird in Apk die Dimension des Geschlechtlichen spiritualisiert und auf diese Weise religiös funktionalisiert. 46 Das Prädikat der Jungfräulichkeit darf deshalb

42 Vgl. R. C. T. Parker, Miasma. Pollution and Puri cation in Early Greek Religion (Oxford:

Clarendon Press, 21996) 5-6,74-103; Schöllgen, „ Jungfräulichkeit, 524.

43 Vgl. A. Y. Collins, „Woman’s History and the Book of Revelation“, SBL.SP 1987 (ed. K. H. Richards; Atlanta: Scholars, 1987) 80-91; K. Berger, Art. Henoch, RAC 14 (1988) 473-545, 514-16; Ders., Theologiegeschichte des Neuen Testaments. Theologie des Neuen Testaments (Tübingen: Francke 2 1995) § 398, 585-6; Olson, „Revelation 14:4 and the Book of Enoch“, 496-9.

44 Zum Gigantenbuch in Qumran (1Q 23; 1Q 24; 4Q203; 4Q530-533; 6Q08) vgl. L. T. Stuckenbruck, The Book of Giants from Qumran: texts, translation, and commentary (TSAJ 63; Mohr Siebeck: Tübingen, 1997).

45 Olson, „Revelation 14:4 and the Book of Enoch“, 501.

46 Die religiöse Verarbeitung der Geschlechterdi V erenz wurde 1) durch Nivellierung der Geschlechtlichkeit (Mk 12:25par.; Gal 3:28; EvThom 22; 2Clem 12:2) und 2) durch spiritualisierte Vereinigung der Geschlechter (Gen 2:24; 1Kor 6:16-17; Eph 5:30; 2Clem 14; EvPhil) vollzogen, vgl. dazu Zimmermann, Geschlechtermetaphorik , 672.

60

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für Apk 14:4 nicht mit Asexualität gleichgesetzt werden. Weiterführend könnte dagegen die Beobachtung sein, dass der Engelfallmythos in frühjüdischen Schriften vor allem zur bildhaften Verarbeitung des Mischehen-Problems herangezogen wurde (vgl. Jub). Unzulässige sexuelle Vermischung, sei es zwischen Engeln und Menschen, sei es zwischen Juden und Nicht-Juden, ist folglich abzulehnen. Bestätigt wird diese Deutung des Engelfallmythos auch durch die urchristliche Rezeption und Interpretation des Sto V s in Jud 6-8: „In ähnlicher Weise wie jene (= Engel) trieben sie Unzucht und gingen hinter anderem Fleisch her“

(tòn ÷moion trñpon toætoiw ¤kporneæsasai kaÜ pelyoèsai ôpÛsv sarkòw

¥t¡raw), was durchaus auf Mischehen gedeutet werden kann. Das Fehlverhalten der Engel und der Bewohner Sodoms wird schließlich als Be eckung (miaÛnv, V. 8) gedeutet, wie aus der Zuordnung zu õmoÛvw gefolgert werden kann. Die Engelfalltradition wird hier also auch mit den Begri V en Unzucht, sexueller Vermischung und Be eckung verknüpft. Für die Jungfräulichkeit in Apk 14:4 könnte dieser Zusammenhang bedeuten, dass die Auserwählten insbesondere keine Mischehen einge- gangen sind und sich deshalb nicht mit Frauen be eckt haben. Da bereits in Apk 2:14,20 mit „Hurerei und Götzenopfer eisch“ eine klas- sische Formulierung des so genannten Aposteldekrets (Apg 15:20,29 bzw. 21:25) aufgenommen ist, die wahrscheinlich ebenfalls das Mischehen- Problem thematisiert, 47 könnte auch in Apk 14:4 dieses Thema auf- gegri V en und diesmal mit einer metaphorischen Wendung aus dem Engelfallmythos verbunden worden sein. Die Jungfräulichkeit wäre nach dieser Interpretation als die Einhaltung des jüdischen Sexualkodex zu verstehen, nach dem regelwidrige Sexualität, insbesondere unzulässige Vermischungen (wie Mischehen) abzulehnen sind.

2.2. Jungfräulichkeit und Loskauf-Motiv

Zweimal wird in der Charakteristik der 144 000 das Motiv des „Loskaufens“ aufgenommen (Apk 14:3: losgekauft von der Erde; Apk 14:4: losgekauft unter allen Menschen). Üblicherweise wird hier ein Rekurs auf die bei Paulus (1Kor 6:20; 7:23; Gal 3:13; 4:5) und im

47 Man nimmt dabei an, dass „Hurerei treiben“ ein ebenso konkretes Vergehen in den Blick nimmt wie das Essen von Götzenopfer eisch; ein Bezug zum Dekret legt sich auch durch die Formulierung „eine Last au egen“ (Apk 2:24) nahe, die mit gleicher Terminologie in Apg 15:28 begegnet, vgl. dazu Berger, Theologiegeschichte, § 398,

585-6.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

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2Petr 2:1 belegte urchristliche Metapher gesehen, nach der der bild- spendende Bereich dieser Wendung die Sklavengesellschaft ist und der Kauf entsprechend den Wechsel des Sklavenbesitzers oder sogar das Freikaufen des Sklaven anzeigt. Bei den urchristlichen Belegen dieser Tradition wird Christus als derjenige gesehen, der durch sein Leben bzw. sogar Tod (Gal 3:13; Apk 5:9) als Kaufpreis von anderen Besitz- ansprüchen befreit. 48 Wie aber ist zu erklären, dass die Metaphorik des Geschlechtlichen in Apk 14:1-5 so untrennbar mit der Loskauf- und Sklaven-Metaphorik verbunden ist? Neben Apk 14:3-4 spielt das Loskaufmotiv im Zusammenhang mit Geschlechterrelation auch in 1Kor 6:20 eine Rolle und verweist dort auf die enge – sogar leiblich verstandene – Beziehung zwischen Christus und dem Gläubigen. 49 In

Apk 14:3-4 werden Termini technici

fräulich“ sollte gerade die Braut sein, die unbedingte Nachfolge ist als

der Hochzeit verwendet: „ jung-

Motiv aus Eheverträgen bekannt, auch das abschließende Prädikat der „Makellosigkeit“ spielt im Eheritus eine Rolle und wird etwa in Eph 5:27 von der Kirche als Braut ausgesagt. Auf Grund dieser Zusammen- hänge stellt sich die Frage, ob das (Los-)Kaufmotiv mit dem Brautritus oder Ehevereinbarungen im weiteren Sinn in einer festen Motivver- bindung stehen könnte.

Brautkauf und Loskauf der (eigenen) Ehefrau aus Gefangenschaft/Sklaverei Die Verbindung von wirtschaftlichem Tauschhandel mit Ehe- und Brautmotiven wurzelt in der altorientalischen Vorstellung der „Kaufehe“, die über die Praxis der Brautpreis-Übergabe ( ) im Alten Testament ihren Niederschlag gefunden hat (Gen 34:12; Ex 22:16 etc.). Entscheidend ist dabei vor allem der Wechsel des „Besitzers“ einer jungen Frau. Der Preis wurde vom Bräutigam an den Brautvater gezahlt und musste nach rabbinischen Quellen eine bestimmte Höhe erreichen, um die Verlobung als rechtsgültig zu erweisen (mQid 2:6). Bei einer jungfräu- lichen Braut lag der Brautpreis deutlich höher als bei einer Witwe oder Geschiedenen. 50

deutlich höher als bei einer Witwe oder Geschiedenen. 5 0 4 8 Vgl. dazu Berger, Theologiegeschichte
deutlich höher als bei einer Witwe oder Geschiedenen. 5 0 4 8 Vgl. dazu Berger, Theologiegeschichte
deutlich höher als bei einer Witwe oder Geschiedenen. 5 0 4 8 Vgl. dazu Berger, Theologiegeschichte

48 Vgl. dazu Berger, Theologiegeschichte, § 418, 601-2. Im weiteren Sinn kann man auch den Sprachgebrauch des „Lösegelds“ (lætron/ ntÛlutron, Mk 10:45par.; 1Tim 2:6) oder Apg 20:28 (periepoi®sato) zu dieser Tradition rechnen. Als Deutungsmuster zum Tod Jesu vgl. G. Barth, Der Tod Jesu Christi im Verständnis des Neuen Testaments (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1992) 71-75; umfassend auch die Monogra e von W. Haubeck, Loskauf durch Christus. Herkunft, Gestalt und Bedeutung des paulinischen Loskaufmotivs (Gießen u.a.: Brunnen, 1985).

49 Vgl. dazu Zimmermann, „Ein Fleisch sein“, 558-9.

50 Vgl. Einzelheiten bei Archer, Jewish Woman, 164-6; T. Ilan, Jewish Women in Greco-

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Eheverträge aus Murabba"> t oder dem Babatha-Archiv 51 wie auch

rabbinische Texte 52 sprechen ferner von einer Verp ichtung zum Rück- kauf der Ehefrau, falls sie in Gefangenschaft geraten sollte. Die Not- wendigkeit der expliziten Erwähnung einer solchen Regelung liegt wohl darin begründet, dass der jüdische Mann nach dem Gesetz des Mose seine Frau nicht wieder aufnehmen durfte, wenn diese mit anderen Männern sexuellen Kontakt hatte (Dtn 24:1-5), und dies war in der Gefangenschaft o V enbar durch Vergewaltigung oder Prostitution üblich. Den ältesten Beleg über den Loskauf der eigenen Frau kann man schon in der atl. Bildfeldtradition bei Hos nden. Im 3. Kapitel wird dem Propheten befohlen, eine ehebrecherische Frau, die wohl mit

kann,

zu lieben. Hosea setzt diesen Auftrag um, indem er die Frau für einen

genau festgesetzten Preis (los)kauft.

seiner in Kap. 1 genannten Ehefrau Gomer identi ziert werden

Da kaufte ich sie mir für fünfzehn Silberschekel und einen Homer Gerste und einen Letech Gerste.

kaÜ ¤misyvs‹mhn ¤mautÒ pentekaÛdeka rgurÛou kaÜ gomor kriyÇn kaÜ nebel oànou

(Hos 3:2)

Vielleicht wird man hier an Schuldsklaverei denken können. In Jes 52:1-4 wird dieses Motiv aufgenommen, indem hier von der Lösung der gefangenen Tochter Zion gesprochen wird, die allerdings nicht für Geld erfolgen kann. 53 Während dieser ganze Vorgang in prophetischer Zeit mehr als skandalös anmutet, war er o V ensichtlich in hellenisti- scher Zeit sozialgeschichtliche Realität, wie die Eheverträge und die rabbinische Diskussion beweisen. Für Apk 14:4 ist deshalb nicht

Roman Palestine. An Inquiry into Image and Status (TSAJ 44; Tübingen: Mohr Siebeck, 1995) 90-91. Zum Brautpreis (ketubba) in Eheverträgen aus Murabba ">t und dem Babatha- Archiv vgl. P. Benoit u.a. (Ed.), Les grottes de Murabbaat (DJD II; Oxford: Clarendon Press, 1961) 243-56,109-17; hier: 248,255; N. Lewis, Documents from the Bar Kokhba Period in the Cave of the Letters II: Greek Papyri ( JDS 2; Jerusalem: Israel Exploration Society, 1989) 131,231.

51 Vgl. z.B. M 20 (Murabba">t): „Wenn du gefangen weggeführt wirst, werde ich dich loskaufen und dich in deine Heimat zurückbringen“, Text und Übers. nach K. Beyer, Die aramäischen Texte vom Toten Meer samt den Inschriften aus Palästina, dem Testament Levis aus der Kairoer Genisa, der Fastenrolle und den alten Talmudischen Zitaten (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1984) 309-10.

52 Vgl. mKet 4:8-10 als Sondervereinbarung zum Ehevertrag; ferner mKet 4:4; mHor 3:7; bKet 47b; 51b; 52a.b; tKet 4:5.

53 Jes 52:2-3: „Mache dich los von den Fesseln deines Halses, du gefangene Tochter Zion! Denn so spricht der Herr: Umsonst seid ihr verkauft worden, und nicht für Geld

sollt ihr (aus)gelöst werden.“ (¦kdusai tòn desmòn toè trax®lou sou ² aÞxm‹lvtow yug‹thr Sivn ÷ti t‹de l¡gei kæriow dvreŒn ¤pr‹yhte kaÜ oé metŒ rgurÛou lutrvy®sesye).

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

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unwahrscheinlich, dass dem Autor das Motiv des Loskaufs der Ehefrau aus Fremdherrschaft und Gefangenschaft geläu g war und er es hier bewusst einsetzt.

Kauf einer Sklavin zur Heirat Eine Kombination der ersten beiden Modelle stellt der Erwerb einer Sklavin aus Heiratsabsichten dar. Nach Ex 21:7 sollen Sklavinnen, die ihrem Herrn missfallen, so dass er sie nicht heiraten will, 54 o V enbar zurückgekauft werden. Hier steht der Brauch im Hintergrund, Sklavinnen wie eine Braut zu kaufen, sei es für den Sklavenherrn selbst, sei es für seinen Sohn (V. 9). Der Kaufpreis wäre dann gleichbedeutend mit einer Art „Verlöbnisgeld“ bzw. vorweg bezahltem „Brautpreis“. 55 Die Sklavinnen besaßen dann hinsichtlich ihrer sexuellen Integrität den gleichen rechtlichen Schutz wie freie Bräute, nach Lev 19:20 wurde allerdings auf die sonst übliche Todesstrafe bei deren sexuellem Umgang mit einem dritten verzichtet. Auch in hellenistischer Zeit war der Kauf einer Sklavin zur Heirat üblich. 56 Aufgrund der Ehegesetze von Kaiser Augustus, wie etwa die Lex Iulia de maritandis ordinibus (Über die Verheiratung der Bürgerstände, 18 v. Chr.) oder die Lex Iulia et Papia Poppaea (4 v. Chr.) wurde eine regelrechte Ehep icht verhängt, die solche Handlungsweisen förderte. 57 Die Reformgesetzgebung umfasste allerdings ebenso Gesetze mit Beschränkungen für die Sklavenfreilassung, da konservative Kreise in den liberti der Massenfreilassungen zu Ende der Republik eine politi- sche und soziale Gefahr sahen. 58 In der lex Aelia sentia (4 n. Chr.) wurde die Freilassung eines Sklaven erst ab dem 30. Lebensjahr erlaubt, und das galt für Frauen und Männer gleichermaßen. Eine Freilassung bzw. ein Freikauf zum Zweck der Heirat wurde auf diese Weise erschwert oder gar unterbunden, da natürlich eine Heirat immer auch mit dem

54 Sechs hebr. Mss sowie einige alte Übersetzungen lesen

4 Sechs hebr. Mss sowie einige alte Übersetzungen lesen , während die masoreti- sche Lesart mit

, während die masoreti-

einige alte Übersetzungen lesen , während die masoreti- sche Lesart mit als lectio di Y cilior

sche Lesart mit als lectio di Y cilior vorzuziehen ist (mit Haubeck, Loskauf, 10).

55 Haubeck, Loskauf, 10.

56 Vgl. zum Folgenden A. Wacke, „Die Heirat freigelassener Frauen nach römi-

schem Recht“, Die Braut: Geliebt, verkauft, getauscht, geraubt. Zur Rolle der Frau im Kulturvergleich (ed. G. Völger/K. v. Weck; Köln: Rautenstrauch-Joest-Museum; Neuau age 1997) 246-

57.

57 Vgl. zu den Ehegesetzen des Augustus A. Mette-Dittmann, Die Ehegesetze des Augustus. Eine Untersuchung im Rahmen der Gesellschaftspolitik des Princeps (Historia 67; Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1991), insbesondere 131-98.

58 Manche Patronen verfügten etwa testamentarisch die Freilassung aller Sklaven, vgl. dazu Wacke, „Heirat“, 251.

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Ziel der Kinderzeugung erfolgte, was bei älteren Bräuten proble- matisch wurde. Um diesen Missstand zu beseitigen, wurde in einer Zusatzvereinbarung eine Ausnahmeregelung zur lex Aelia sentia einge- führt, die eine frühere Freilassung zum Zweck der Heirat (ancillam mat- rimonii causa manumittere) ermöglichte. Binnen 6 Monaten nach der Entlassung musste die Heirat erfolgen, damit die Freilassung rechts- verbindlich wurde, und zwar nur mit dem einen Mann, der sie freige- lassen oder freigekauft hatte, nicht mit einem beliebigen Mann. Dann war eine Manus-Ehe ebenso wie ein gleichberechtigtes matrimonium sine manu wie mit jeder freien Frau möglich. Die Kenntnis dieser Gesetz- gebung führt zu einer interessanten Beobachtung: Eine Freilassung vor dem 30. Lebensjahr, und das war gemäß der damaligen Lebenser- wartung ein Großteil des Lebens, war für Frauen vor allem in der Absicht der Heirat möglich. 59 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich eine Verknüpfung von Loskaufmotiv und Jungfräulichkeit bzw. Brautmetaphorik geradezu aufdrängt. Es braucht dabei gar nicht bestritten werden, dass der Verfasser der Apk das Loskauf-Motiv in paulinischer Tradition im Zusammenhang mit der Sklavenmetaphorik gekannt hat, da er in Apk 5:9 vom Loskauf mit dem „Blut des Lammes“ spricht und damit die Lösung von Apk 1:5 durch Christi Blut aufgegri V en haben könnte. Dass die Sklavenmetaphorik auch in Apk 14 im Hintergrund stehen könnte, wird durch die Bezeichnung der 144 000 als „Knechte Gottes“ (doèloi toè yeoè, vgl. Apk 7:3) plausibel und passt auch in den Kontext, da sich die Auserwählten dem Herrschaftsanspruch des Tieres, d.h. Roms, entziehen. Eine Verknüpfung des Sklaven-Loskauf-Motivs mit Aspekten der Geschlechtlichkeit kann bei den Lesern der Apk den Gedanken an den Loskauf der (eigenen) Ehefrau aus der Sklaverei, wahrscheinlicher noch an den Loskauf einer Sklavin zum Zweck der Heirat ins Bewusstsein gerückt haben. Während die allgemeine Freilassungspraxis von Sklaven in der römischen Kaiserzeit z.T. den Charakter von Massenfreilassungen aufweist, 60 spricht Apk 14:4 eher von einem exklusiven Loskauf „von der Erde“ (V. 3) bzw. „unter allen

59 Alfödy hat durch seine Studie an Inschriften und Gesetzestexten nachgewiesen, dass im Alter zwischen 15 und 30 deutlich mehr Sklavinnen als Sklaven freigelassen wurden, in der Intention „daß der dominus seine serva heiraten wollte.“ G. Alfödy, „Die Freilassung von Sklaven und die Struktur der Sklaverei in der römischen Kaiserzeit“, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der römischen Kaiserzeit (ed. H. Schneider; WdF 552; Darmstadt:

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1981) 336-71, hier: 351.

60 Vgl. Alfödy, „Freilassung“, 338-9.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

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Menschen“ (V. 4), der sich mit einem prägnanten Sinn füllen lässt, wenn man annimmt, dass die Auswahl einer Sklavin zum Zweck der Heirat erfolgte. Die zentrale Polemik gegen das römische Reich in der gesamten Apk lässt sozialgeschichtlich gesehen einen engen Kontakt zwischen den christlichen Gemeinden und dem römischen Staatswesen vermuten. So kann man annehmen, dass in den Gemeinden auch die Rechtspraxis solcher Eheschließungen mit Freigelassenen bekannt war. Die Betonung der Jungfräulichkeit und Makellosigkeit sowie das Nachfolgeversprechen in Apk 14:4 rücken die 144 000 in den Horizont einer Braut, die aus alten Bindungen losgekauft wurde, um für die Hochzeit mit dem neuen Herrn, d.h. hier mit dem Lamm, vorbere- itet zu sein (Apk 19:6-9).

2.3. Jungfräulichkeit und die „Erstlingsfrucht“ (Jer 2:2-3)

Das Loskauf-Motiv wird in Apk 14:4 noch mit einem weiteren Motivkreis verknüpft, indem neben Herkunfts- und Zielbereich der Kaufaktion auch eine Näherbestimmung des Kaufobjekts als „Erstlings-

frucht“ ( parx®) gegeben wird. So kommt es zu einer semantischen Interaktion zwischen den drei Bereichen Geschlechtlichkeit, Loskauf und Erstlingsfrucht, die m.E. bereits in der Bildfeld-Tradition vorgegeben ist. Der Begri V parx®, im Zusammenhang mit dem Kaufmotiv erin- nert an den Loskauf der „Erstgeburt“, wie er zuerst in Ex 13:1-16 bzw. 34:19-20 berichtet wird. 61 Die männliche Erstgeburt von Tier und Mensch gehört JHWH (Ex 13:1-2,11-12; 22:28-29; 34:19; Lev 27:26; Dtn 15:19 u.a.). Nur durch einen Loskauf ist sie wieder zur mensch- lichen Verfügung frei. Während Tiere vor dem Tod im Opfer bewahrt

werden, werden menschliche Erstgeburten aus

ausschließlichen Dienst für Gott losgekauft. Deshalb kann in späterer atl. Zeit statt eines Geldbetrags auch stellvertretender geistlicher Dienst

z.B. der Leviten als Lösungsgegenwert anerkannt werden (vgl. Num 3:40-51; 8:17-18; 18:6). In Apk 14:4 ist jedoch ganz im Gegenteil nicht von einem Loskauf aus dem Besitzanspruch JHWHs die Rede. Vielmehr werden die 144 000 „Erlösten aus Israel“ (vgl. Apk 7:3-8) „von der Erde“ ( pò t°w g°w) bzw. „von den Menschen“ ( pò tÇn nyrÅpvn) losgekauft, um „für Gott und das Lamm“ (V. 4 n.) als „Erstlingsgabe“ zur Verfügung zu ste- hen. Erde und Menschen werden zwar in der Apk keineswegs prinzi- piell als gottfeindliche, den Menschen versklavende Machtbereiche

der Verp ichtung zum

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dargestellt. 62 Aufgrund der die ganze Erde und alle Menschen überziehen- den Macht des Imperium Romanum, wie sie zuvor in der Vision der beiden Tiere ausgemalt wurde (Apk 13), wird man hier allerdings davon ausgehen können, dass Erde und Menschen ganz dem Ein ussbereich der Tiere unterworfen sind. Einerseits könnte dann wie in Apk 5:9 mit dem Loskauf die Erwählung einer Gruppe aus allen Völkern gemeint sein. 63 Dazu bedürfte es allerdings nicht unbedingt die Erwähnung des Begri V s parx®, auch ist von Sünde und Blut wie in Apk 5:9 hier keineswegs die Rede. So wird in Apk 14:4 eher an eine Befreiung aus dem durch Leiden, Tod und Gericht bedrohten Lebensraum der Erde zu denken sein. Die Auserwählten werden von der endzeitlichen und irdischen Bedrängnis befreit. Dabei scheint das Motiv vom „Loskauf der Erstgeburt“ hier ganz bewusst kontrastiert worden zu sein, wie es durch die Zentralbegri V e von Welt- und Menschenschöpfung angedeutet wird. Der heilige Urstand soll hier im Sinne einer „Neuschöpfung“ wieder hergestellt werden (vgl. Apk 21:1). Aus Apk 1:5-6, wo das Loskauf-Motiv (allerdings mit dem Verb læv) ebenfalls erscheint, erfahren wir als Motivation der Lösung die Liebe Christi. Die 144 000 sollen wieder ganz Gottes Eigentum werden, ganz heilig sein für JHWH. Eine enge Verknüpfung von Erstlingsfrucht, Heiligkeit und Brautbild zeigt sich in der Tradition in Jer 2:2-3:

So spricht der Herr: Ich erinnere mich an die Treue deiner Jugendzeit, an die Liebe deiner Brautzeit, wie du hinter dem Heiligen Israels hergingst, Spricht der Herr. Israel war heilig für den Herrn, Erstling seiner Ernte.

kaÜ eäpen t‹de l¡gei kæriow ¤mn®syhn ¤l¡ouw neñthtñw sou kaÜ g‹phw teleiÅseÅw sou toè ¤jakolouy°saÛ se tÒ gÛÄ Israhl, l¡gei kæriow. †Agiow Israhl tÒ kurÛÄ rx¯ genhm‹tvn aétoè:

Die Motive des Hinterhergehens (¤jakolouy°saÛ se tÒ gÛÄ ƒIsra®l) und der Erstlingsfrucht ( rx¯ genhmtvn) zeigen eine enge sprachliche Beziehung zu Apk 14:4 ( kolouyoèntew bzw. parx®). Ferner wird in Jer 2:2-3 unverkennbar an den Brautritus angespielt: So spricht der

), aber auch in

der griechischen Übersetzung gphw teleiÅsevw bleibt dieses seman- tische Umfeld präsent, denn die Hochzeit wurde im Griechischen t¡low genannt. Auch die Heiligkeit spielt auf die Brautzeit an, denn die

MT explizit von der Liebe der Brautzeit (

an, denn die MT explizit von der Liebe der Brautzeit ( 6 2 Erde ist vielmehr
an, denn die MT explizit von der Liebe der Brautzeit ( 6 2 Erde ist vielmehr

62 Erde ist vielmehr Schauplatz des Kampfesgeschehens, die Menschen als unter Krieg und Verfolgung Leidende, vgl. Apk 8:11; 9:4,6,10,15,18; 11:13 u.a.

63 Die Erwählten (¤klektoÛ, ¤klegm¡noi) werden auch in Herm Vis IV 2:5; 3:5 als „ eckenlos und rein“ bezeichnet.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

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Verlobung wurde im Hebräischen bzw. Aramäischen „Qiddushin“ genannt, die Verlobungsformel lautete: „Du bist mir geheiligt“ (bQid 5b). Die Unbe ecktheit und Makellosigkeit der 144 000 könnte als Ausdruck dieser Heiligkeit gelten. So wie die Braut für ihren Bräutigam

geheiligt ist, so wird in der Bildfeldtradition Israel als Braut für JHWH geheiligt. 64 Entsprechend sind die Auserwählten für Gott und das Lamm heilig, so dass hier eine implizite Brautmetaphorik im Hintergrund steht, die die Auserwählten in den Horizont der himmlischen Braut Jerusalem rückt. Dass die Braut in Apk 19 bzw. 21 dann in Gestalt der Gottesstadt eine den Adressaten gegenüberstehende Größe darstellt, muss dazu nicht in Wiederspruch stehen. Die Bildlichkeit der Sprache entzieht sich gerade formaler Logik, so dass der Seher der Gemeinde einmal die Christus-Braut über die Kleidermetaphorik (Apk 19:8) bzw. durch den sehnsuchtsvollen Ruf an den Bräutigam (Apk 22:17) als direkte Identi kationsgröße anbieten kann, andererseits wird den Adres- saten in tröstlich-ermutigender Weise das himmlische Jerusalem als Braut gegenübergestellt (Apk 21:2,9) und sie werden als Gäste zur Hochzeit eingeladen (Apk 19:9). 65 Schließlich kann die im „Loskauf der Erstlingsfrucht“ ausgedrückte

den geschöp ichen Bindungen (von der Erde, von den

Menschen) als Vorwegnahme des Neuschöpfungsgedankens in Apk 21:2 gesehen werden. Der „neue Himmel und die neue Erde“ werden in Apk 21 mit der Braut Jerusalem identi ziert. Die „Erstlingsfrucht“ der neuen Schöpfung könnte in Apk 14:4 entsprechend als Antizipation der jungfräulichen Braut verstanden werden.

Befreiung aus

3. Jungfräulichkeit und Autoritätskon ikt

Als Ergebnis der Untersuchung lässt sich festhalten, dass die in Apk 14:4-5 verbundenen Motive nicht zufällig aneinandergereiht sind, son-

dern auf feste Motivkombinationen schließen lassen, die auf je eigene

mit

Weise das Jungfräulichkeits-Motiv erhellen. Die „Unbe ecktheit

Frauen“ nimmt eine Wendung aus der frühjüdischen Deutung der

64 In der rabbinischen Tradition ndet sich eine an die Auslegung von Cant 3:11b in mTaan 4:8 (R. Gamaliel) anküpfende Sprachbildung, die die Verleihung der Tora am Sinai als Verlobung bzw. Hochzeit JHWHs mit Israel beschreibt, vgl. ShemR 33:7; 41; DevR 3 zu Dtn 31:9. Ausgangspunkt könnte die sprachliche Doppeldeutigkeit in Ex 19:10 gewesen sein: „Heilige sie mir“. Vgl. dazu Zimmermann, Geschlechtermetaphorik ,

310-11.

65 Vgl. dazu Zimmermann, Geschlechtermetaphorik , 479-80.

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Engelfalltradition (Gen 6:1-4) auf, nach der die sexuelle Vereinigung der Göttersöhne mit Menschentöchtern als unzulässige Vermischung verurteilt wird. Wenn die Jungfräulichkeit der Auserwählten nicht im Kontrast dazu die „Asexualität“ der engelgleichen Geretteten her- vorhebt, 66 könnte sie auf eine für den Kontext der Apk nicht unwahr- scheinliche Ablehnung der Mischehenpraxis hinzielen. „ Jungfräulichkeit“ in Verbindung mit „Makellosigkeit“ und „Nachfolgeversprechen“ sind ferner Indizien für den Vorstellungshorizont der Hochzeit, denn Virginität und Reinheit sind für die Braut in frühjüdischer Zeit konstitutiv. In Kombination mit dem Loskaufmotiv könnte hier sogar die zeitgenös- sische Freilassungspraxis des römischen Reiches re ektiert sein, nach der für eine Sklavin bis zum 30. Lebensjahr die Heirat der einzige Weg in die Freiheit war. Jungfräulichkeit, Nachfolgeversprechen sowie Loskauf der Erstlingsfrucht nehmen schließlich geprägte Sprachformen der jüdischen Bildfeldtradition auf ( Jer 2:2-3), die als Ausdruck der Heiligkeit im Sinne einer neuen Schöpfung von bzw. für Gott zu lesen sind und wiederum eng auf den Vorstellungshorizont der Hochzeit bezogen bleiben, denn die junge Braut wird in der Verlobung (Qiddushin) für den Bräutigam „geheiligt“. Alle Deutungsmuster tre V en sich in der Funktion, dass die Auser- wählten 144 000 jeweils fremdem Machtbereich und fremden Besitzan- sprüchen entzogen werden. Stattdessen wird die exklusive Zugehörigkeit zum Lamm hervorgehoben. Im Bildbereich der Geschlechterrelation wird dieser Zugehörigkeitskon ikt durch die pointierte Gegenüberstellung der beiden Frauengestalten Hure und Braut in Apk 17-21 in deut- licher Weise entfaltet. 67 Doch auch in Apk 14:4 ist dieser Kon ikt be- reits präsent, denn die Metaphern der „ Jungfräulichkeit“ und „Be eckung“ werden in jüdisch-christlicher Tradition spätestens seit Paulus im Zusammenhang mit Lehr- und Autoritätskon ikten eingesetzt. Nach 2Kor 11:2-3 68 gefährden so genannte „Überapostel“ die Jungfräulichkeit der gemeindlichen Braut durch ihre falschen Lehren. Auch die „Re- Virginisierung“ der Gemeinde in Herm Vis IV 2 (s.o.) kann hier ange- führt werden. Hegesipp (um 160 n. Chr.) berichtet schließlich nach

66 So die Folgerung von Olson, „Revelation 14:4 and the Book of Enoch“, 501.

67 Vgl. B. R. Rossing, The Choice between Two Cities: Whore, Bride, and Empire in the Apocalypse (HThS 48; Harrisburg, Penn.: Trinity Press International, 1999).

68 Zu 2Kor 11:2-3 ausführlich Zimmermann, Geschlechtermetaphorik, 300-25.

virginitäts-metapher in apk 14:4-5

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dem Zeugnis des Euseb (H.e. III 32,7; IV 22,4.6), 69 dass die Jerusalemer Gemeinde bis zum Auftreten des Thebutis bzw. bis zum Martyrium des Symeon „reine Jungfrau“ genannt wurde, da sie nicht durch fremde Lehren „be eckt“ worden war. Nach dieser Sprachbildung steht „Jungfräulichkeit“ gerade für die Reinheit der Lehre bzw. die Nicht- Anerkennung bestimmter theologischer (Irr-)Lehrer. Im Kontext der JohApk verleiht diese Metapherntradition der Redeweise von „ Jung- fräulichkeit“ bzw. „Be eckung durch Frauen“ einen vertieften Sinn. Denn der Seher hat die interne wie auch externe Bedrohung der Gemeinde jeweils mit Frauengestalten personi ziert. 70 So wird die Prophetin Isebel, die explizit als gun® bezeichnet wird (Apk 2:20), zum Symbol gemeindeinterner Irrlehren, während die Hure Babylon (gun® genannt in 17:3,4,6,7,9,18) die Gefährdung durch den römischen Staat und den Kaiserkult verkörpert. 71 Ferner wird der seltene Begri V molænv 72 (be ecken) bereits in Apk 3:4 verwendet und ist dort gerade im Kontext der Reinheit bzw. Ursprünglichkeit der Lehre (mnhmñneue oïn pÇw eàlhfaw kaÜ kousaw kaÜ t®rei, Apk 3:3) eingesetzt worden. Vor dem Hintergrund des Porneia-Götzendienst-Bildfeldes, das für die Hure Babylon wie auch für die Prophetin Isebel eine zentrale Rolle spielt, kann in den beiden Frauen möglicherweise sogar die personi zierte Darstellung eines weichen und harten Kaiserkults 73 vermutet werden. Wer sich nicht mit (der Lehre dieser) „Frauen be eckt“ hat, ist dann entsprechend der Lehre bzw. dem Lied des Lammes treu geblieben. Die 144 000 werden durch die geschlechtsspezi sche Metaphorik im bewussten Kontrast zu den hurerischen Frauengestalten gezeichnet und können im polarisierenden Gegenüber von Hure und Braut auf der Seite der Braut eingeordnet werden.

69 Euseb, H.e. IV 22,4: diŒ toèto ¤k‹loun t¯n ¤kklhsÛan pary¡non, oëpv gŒr ¦fyarto koaÝw mataÛaiw; H.e. III 32:7: pary¡now kayarŒ kaÜ di‹fyorow ¦meinen ² ¤kklhsÛa.

70 Zu den Frauengestalten in Apk vgl. U. Vanni, „La gura della donna nell’Apocalisse“, StMiss 40 (1991) 57-94; ferner Pezzoli-Olgiati, „Frauengestalten“, 75-82 zu Isebel; 83- 90 zur Hure Babylon.

71 Vgl. dazu H.-J. Klauck, „Das Sendschreiben nach Pergamon und der Kaiserkult in der Johanneso V enbarung“, Bib 73 (1992) 153-82.

72 Sonst nur noch in 1 Kor 8:7 im NT. Auch die metaphorische Verwendung in der Tradition im Sinne „religiöser Verunreinigung“ (vgl. LXX Jer 23:11; Jes 65:4; Tob 3:15), vgl. dazu F. Hauck, Art. molænv, ThWNT 4 (1942) 744-5.

73 Vgl. Klauck, „Sendschreiben“.

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Die unterschiedlichen Elemente der komplexen Bilderwelt von Apk 14:1-5, sei es Jungfräulichkeit, Makellosigkeit, Nachfolgeversprechen sowie Loskauf und Erstlingsfrucht, nden in der Geschlechtermetaphorik eine Schnittmenge. Die 144 000 Erwählten werden dabei in den Horizont einer Braut gerückt, so dass die Vision in Apk 14:1-5 als Prolepse der Hochzeit des Lammes gesehen werden kann, die dann in Apk 19:6-9 bzw. Apk 21:2,9 näher entfaltet wird. Wenn die 144 000 dabei kollektiv als „Braut des Lammes“ verstanden werden, bleibt die metaphorische Rede ganz der Denkwelt der jüdischen Bildfeldtradi- tion verp ichtet, in der seit Hosea die Gottesbeziehung Israels im Bild von Hochzeit und Ehe beschrieben wurde. Vor allem im prophetisch- apokalyptischen Zweig dieses Bildfelds wird die Braut stets als kollektive Größe wie Land, Volk oder Gottesstadt und nie individualistisch aufge- fasst. 74 Auch die Jungfräulichkeit der 144 000 von Apk 14:4-5 darf deshalb nicht individualethisch verengt werden, sondern bezieht sich – wie Apk 7:4-8 nahelegt – auf das eschatologische Gottesvolk in seiner Gesamtheit und beschreibt dessen Treue und exklusive Zugehörigkeit zum Lamm als künftigem Bräutigam.

74 Vgl. zum prophetischen Bildfeld G. Baumann, Liebe und Gewalt. Die Ehe als Metapher für das Verhältnis JHWH – Israel in den Prophetenbüchern (SBS 185; Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk, 2000); zur Di V erenzierung in eine prophetisch-apokalyptische und eine weisheitlich-gnostische Tradition des Bildfelds vgl. Zimmermann, Geschlechter- metaphorik, 666.