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THE CAMPBELL COLLECTION

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and The Canada Council

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*^. /Conto, ^"^'^.-^^i-p-

CAMPBELL

COLLECTiON

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in 2011 with funding from

University of Toronto

http://www.archive.org/details/diealtpreussischOOtrau

Die

altpreussischen Sprachdenkmäler

Einleitung, Texte, Grammatik, Wörterbncli

von

Dr. Reinhold Trautmann '^S5

Privatdozent in Göttijagen.

Götttngen

Vandenhoed^ und Rupred)t

1910*

UnlT.-Buchdnickerel von E. A. Hoth, OOttlngeo.

Meinem hochverehrten Lehrer

Adalbert Bezzenberger

in Dankbarkeit gewidmet.

Inhaltsverzeichnis.

Einleitung

Texte

1) Erster Katechismus von 1545 2) Zweiter Katechismus von 1545

Seite

YII—XXXII

.

1—96

1

8 13

3) Das Enchiridion

14—81

4) Das Elbinger Deutsch-Preußische Vokabular

8293

5) Das preußische Vokabular des Simon Grünau

9496

Grammatik

97—294

Lautlehre

97—183

I. Abschnitt: Vokalismus

97 154

Kap. I. Die einzelnen Laute

97 151

1) Kurze Vokale

97—119

2) Lange Vokale

119—137

3) Diphthonge

137—151

Kap. II, Allgemeine Erscheinungen des Vokalismus TL Abschnitt. Konsonantismus Kap. I. Die einzelnen Laute

.

.

.

'.

A.

Sonore Konsonanten

B. Geräuschlaute

152154

154183

154180

154162

162—180

Kap. II. Allgemeine Erscheinungen des Konsonantismus 180183

Betonungslehre

184—203

Flexionslehre

204—294

I. Abschnitt. Deklination

204—272

Einleitung: Zum Gebrauch der Kasus

Kap. I. Deklination der Substantiva Kap. IL Deklination der Adjektiva

204212

212—241

242251

A. Das unbestimmte Adjektiv

242—246

B. Das bestimmte Adjektiv

247

C. Steigerung der Adjektiva

247249

D. Adverbia

249251

VI

Kap. III. Deklination der Zahlworte

Seite

251253

Kap. IV. Deklination der Partizipia

253260

Kap. V. Deklination der Pronomina

260272

A. Die geschlechtigen Pronomina

260269

B. Die ungeschlechtigen Pronomina und die Possessiv-

pronomina

269—272

II, Abschnitt. Konjugation

272—294

Kap. I. Personalendungen

272274

Kap. II. Indikativ Präsentis Kap. III. Injunktiv

Kap. IV.

Kap. V. Imperativ

Kap. VI. Präteritum

Kap. VII. Futurum

Kap. VIII. Perfektum

Optativ

Kap. IX. Die Infinitive

Wörterbuch

Verzeichnis der Abkürzungen

274—283

283—285

285—286

286—288

289—290

290—291

291—292

292—294

295466

467_470

Einleitung.

Geschichte der pr. Sprache.

Die Preußen bilden mit

den Litauern und Letten zusammen den baltischen Sprachzweig

der indogermanischen Yölkerfamilie s. Pott, De lithuano-borus-

sicae in slavicis letticisque unguis principatu, Halle 1837 und De

Mit den ver-

linguarum letticarum cum vicinis nexu ib. 1841.

wandten Jatwingen, deren nähere Stellung unbekannt ist, haben

sie das Schicksal der frühen Knechtung geteilt, haben aber der

Sprachforschung beträchtlichere Sprachquellen hinterlassen als

Dennoch kann von einer Geschichte der preußischen

jene

Spraene keine Rede sein, denn „ihre Geschichte ist wesentlich

die Geschichte ihres Unterganges und ihrer Umbildung unter

der Einwirkung des Deutschen ^^ (Toppen, AM. 4, 136). Sie hat noch genau 400 Jahre seit der endgültigen Unterwerfung (1283)

als die unterdrückte Sprache einer unterdrückten Bevölkerung

Als dann im 16. Jh. Herzog Al-

gelebt (s. Voigt III, 556).

brecht die nationale und sittliche Hebunsj der vegetierenden

Preußen versuchte, war es zu spät: die Sprache war zu tief er-

schüttert, fast nur noch ein Preußisch im Munde germanisierter

Bauern, als daß eine Belebung möglich gewesen wäre: sie ist

am Ende des 17. Jh. ganz ausgestorben. Darüber meldet uns Behm in der Vorrede zu der 1625 erschienenen litauischen

Psalmenübersetzung: „unter solchen mancherley Sprachen ist nun auch die Littawsche, welche vom Gross Fürsthenthum Littawen

den Namen hat, und sich erstrecket durch Littawen^ Samayten

und ein gut theil Preussen. Die Dialecti solcher Sprach ist die

Curische im Fürstenthumb Curland, und die alte Preusche Sprach,

welche noch in Preussen, bei etlichen Leuten, im Fischhäusischen,

Schackischen und Labiawschen an der Seekant und Curischem

Haff gebräuchlich."

Sechzig Jahre später berichtet Hartknoch

(Altes und neues Preußen 1684); Es ist jetzt kein eintziges

VIII

Dorff mehr übrig, in welchem alle Leute die Altpreussische

Sprache auch nur verstehen sollen: sondern hier und dort sollen

noch einige alte Leute seyn, so dieselbe verstehen."

Derselbe

sagt 1689 in seiner Dissertatio de lingua veterura Prussorum": „Non

in uno, sed in pluribus adhuc pagis passim reperiuntur hujus

linguae gnari."

SchließHch findet sich auf dem Titelblatt des

in Petersburg befindlichen Exemplars des 2. Katechismus fol-

gende nach Kunik „eher wohl vor als nach 1700 aufgezeichnete"

Bemerkung: ;,Diese alte Preusnische Sprache ist nuhnmehr gantz und gar vergangen worden. Anno 1677 ein einziger alter Mann auf der Curischen Nährung wonend, der sie noch gekont, ge-

storben, doch sollen noch solche daselbst sein."

(Bezzenberger,

GGA. 1874,

1233 f.; 1875, 1142;

Bull, de l'Acad. Imper. des

Sciences de St. Petersbourg 36 (1895), 505 vgl. auch Prellwitz,

Best. 4 Anm. 3).

Gebiet der preußischen Sprache (s. Voigt, Geschichte

Preußens I, 178 ff.; Toppen, Historisch-comparative Geographie von Preußen 7 ff.; Lohmeyer, Geschichte von Ost- und West- preußen 1 8j 17 ff.): Im Westen bildete die Grenze die Weichsel und die alte Nogat, doch haben auch in dem von den Städten

MewC; Preußisch Stargard und Dirschau gebildeten Dreieck Preußen

gewohnt (Lorentz, Arch. f. slav. Phil. 27, 470ff.).

Die Grenze

gegen

das Lit.

hin kann,

wie Bezzenberger, AM. 19, 651 ff.;

20, 123 ff. dargetan hat, durch einige sprachliche Tatsachen be-

stimmt werden, nämlich die Worte für „Dorf"

(pr. haimis,

li.

kemas), Berg" (pr. garbis, li. kdlnas),

„Fluß" (pr. ape, lit. üpe):

sie lief ungefähr von Labiau an der Deime entlang bis Wehlau,

den Pregel entlang bis Norkitten, südlich bis Nordenburg, öst-

lich nach Gerdauen, von da über Barten nach Bastenburg und

zum Guber See.

Von

da an grenzten die Preußen

an

die

Jatwingen. Die Südgrenze gegen die Polen ist schwer festzu-

stellen, zumal hier die Polen vielfach altes preußisches Gebiet

früh kolonisiert haben (s. Lohmeyer a. a. 0. 17, 18; Bezzenberger, AM. 20, 128).

YerwantschaftsVerhältnisse des Pr. Das Pr. bildet mit

dem Li. und Le. zusammen das Baltische.

Da das Li. und Le.

einander in vielfacher Hinsicht nahe stehen, kann man sie als

Litule. zusammen fassen : das Le. scheint im ganzen nur ein Li.

IX

daß sich das Pr. vom Litule. in einer Reihe sehr wesentHcher

Punkte unterscheidet:

1) Im Gebiet der Lautlehre: idg. ö ist pr. d, litule. ü (§ 30);

halt, ei und ai sind im Pr. reinlich geschieden^ während sie

Litule. als e erscheinen können

litule. kl, gl bewahrt geblieben (§ 67); im Inlaut vor Konsonant ,

(§ 37);

tl,

dl ist gegenüber

und im Auslaut stehende Nasale sind erhalten (§ 62 c).

i

2) Im Gebiet der Stammbildung: Suff, -snä und -senis zur

Bildung von Verbalabstrakten (Leskien. Nom. 368, 379).

3) Im Gebiet der Formenlehre: Erhaltung der Neutra (§ 115);

Gen. Sg. der a-St auf -as (§ 116); Nom. Plur. der ä-St. auf -ai

(§ 131 c) ; Suff, des Dat. PI. auf -maus (nominal) und -mas (pro-

nominal) § 123; Komparativ auf -ais- (§ 168);

Perf. Akt. auf -uns aus idg. -wöns (§ 197); Gen. Sg. und Dat.

Suff', des Part.

Sg. Mask. und Neutr.

beim

Pronomen auf -se,

-smu

(§ 208 a, b),

Gen. Sg. und Dat. Sg. Fem. auf -sias,

-siei (§ 209 b, c); Lok. Sg.

Mask. Siui rsman (§ 211c); die Pronominalstämme sta-, tena-,

di-, suha, stawlda-, kawida- ; -sin

Fron, reflex. (§ 228 c) ;

Pos-

sessivpronomina maisj twais, swais (§ 229); Infinitiv der Yerbal- stämme auf -ä- auf -ät(i) (§ 238); lebendiger Ablaut bei den

Stämmen auf -äi- (§ 243); Erhaltung des Injunktivs im Impe-

rativischen und konjunktivischen Sinn (§ 246); Optativ auf -lai

als Fortsetzung eines idg. Optativs vom

(§

247 a),

auf

-sai

Imper. auf -ais, -aiti (§ 248); Bildung des Präte-

5-Aorist (b);

ritums mittels eines mit -la- erweiterten Stammes (§ 249 b) ; ge-

ringe Reste des idg. Futurums und Verwendung eines ursprüng-

lichen Futurum exactum

-twei (§ 252 c).

als

Fut.

I

(§ 250 a, b);

Infin. auf

Wortschatz des Pr. Zu einem anderen Resultate scheint

die Analyse des pr. Wortschatzes zu führen, insofern die Be- ziehungen zum Li. besonders enge sind. Jedoch können diese

uns an dem obigen Ergebnis nicht irre machen. Vielmehr zeigt sich hier an einem guten Beispiele, wie Stammbaum- und Wellen-

Theorie nebeneinander anzuwenden sind, wenn man den tatsäch- lichen sprachHchen Erscheinungen im vollen Umfange gerecht

werden will.

Es

ergibt sich mir,

daß im Sinne der Stamm-

baumtheorie in prähistorischer Zeit sich der baltische Sprach-

zweig in eine südHche (preuß.) und eine nördliche (litule.) Gruppe

spaltete aus irgendwelchen geographischen oder nationalen Gründen.

Dann näherten sich das pr. und li. Volk wieder einander; die

Kultur wurde die gleiche und die Beziehungen der Nachbar-

völker wieder innige.

So sind dem Pr. und Li.

im Sinne der

Wellentheorie eine Menge von Worten gemeinsam geblieben

oder neu zugekommen.

a) Pr. und li. Übereinstimmungen.

a) Am einfachsten liegen die Verhältnisse, wenn das Pr.

und Li. alte halt. Ausdrücke erhalten haben, während das Le. sie

verloren hat, da es ein Wort des Slav., Finn. oder D. bevorzugte

halgnan Sattel" : balnas: sedli (slav.); bhe und^^ : hb \ un (d.)

duckti „Tochter" : dukte : meita (d.) ; esketres Stör" : eschketras

störe (d.);

kadegis ^, Wachholder" : kadagys : kadikis (ndd.)

cugis

„Hammer" : küjis : ämars (d.); küra „baute" : kürti : bü-

wet (d.); curpelis „Leisten" : kurpälis : leste (d.); mary „Haff"

märes : sedums (finn. s. Thomsen, Ber. 278); peilis Messer"

petlis : nafis (slav.); pmtys „Zunder" : plntis : schwamis

playnis ;,Stahl" : plenas: terauds

(finn.

s.

Ber.

Zange" : reples : stangas (d.).

281);

(d.)

raples

ß) Das Le. weicht ab, weil es entweder das Alte bewahrte

oder von idg. Synonymen eine andere Auswahl

traf als

das

Pr. und Li., oder weil es eine Neubildung siegreich werden ließ

(vgl. Ber. 143 f.): angurgis „Aal" : ungurys : futis (s. Endzelin,

BB. 27, 190); ausis „Gold" : äuksas : felis (wo das Pr. und Li.

eine gemeinsame Entlehnung aus ital. ausom haben, während

das Le. den idg. x\usdruck für „Gold" bewahrte) ; blusne „Milz" :

bluzne : lisa

(unklar

s. Leskien,

Nom. 222);

buttan „Haus" :

bütas : mäja (s. Ber. 198); gldan „Schande" : geda : kduns (s.

Weigand I, 888) ; granstis „Bohrer" : grqsztas : swärpsts (s. Wb.

„sarpis^^)\

krawian „Blut" : kraüjas : asins (lat. asser, gr. eccq,

skr. dsrk); lyso „Beet" : lyse : dübe (s. Wb. „padaubis^')\ pentis

„Ferse" : pentis (jetzt ungebräuchlich, wofür kulnls eingetreten ist, das ursprüngl. „Knöchel am Fuß" bedeutete s. Wb. „kuU

nis'^) : papedis (Neubildung: was unter dem Fuß ist");

pette

„Schulter" : petys : plezs (altes Reim wort); preicalis „Amboß" :

preikälas : lakta; parsfian „Ferkel" : parszelis : suwens (: idg.

porhos oder säs)\ sarke „Elster" : szdrka : fchagata (onomato-

poetische Neubildung s. Ber. 143); spenis Zitze" : spenys : pups

(s.

Verf., PBB.

32,

150);

stogis Dach" : stögas : ju'mts (s.

XI

warnis Rabe" : tvdrnas : krduklis (junge Neubildung). In einem

Falle wie le. debess „Wolke, Himmel" : pr. dangus, li. dangüs

„Himmel" liegt die Neuerung auf Seiten des Pr. und Li„ wie

auch bei urs alt" : ivoras : wezs (lit. wetuszas).

y) In einigen Fällen^ wo Pr. und Li. zusammengehen, ist

das li. Wort zeitlich oder räumlich beschränkt und muß einem andern weichen, zu dem nun wieder das Le. stimmt: antis

„Ente" : dntis : pile (: li. pyU, s. Nesselmann, Thes. 128); dra-

gios Hefen" : ali. drage : miles (: meles); grobis „Darm" : grö-

bas : farna (zdrnd)\ irmo „Arm" : li. trm-,

nur spärlich über-

liefert (dafür gilt rankä : röka „Hand, Arm", ursprgl. „Hand"

s. Wb. rancko und r. rukd „Hand, Arm", als Ersatz

für das

Idg.

_„Arm"); kraclan Brust" : ali. kreklai : krüts (: li. krüüs);

cussis

Mücke" : kuisis : dds

(: li. üdas);

tärin

„Stimme" :

tarti

„sagen" : sazit (: li. sakyti); werwirsis „Lerche" : wewer-

sys : ztrulis (: li. cyrulys, junge Neubildung); mergo „Jungfrau" :

merga : jumprawa (: li. jümprawa mit noch beschränktem Sinn „Jungfrau aus vornehmer, nicht li. Familie; Jungfer in einem

Laden, in der Wirtschaft" vgl. samländ. jmnprawan für das

speziahsierte mergu „Magd").

d) Angesichts der engen kulturellen Verbindungen zwischen Preußen und Litauern ist weiter die Frage aufzuwerfen: sind

li. Wörter ins Pr. und umgekehrt entlehnt?

Sie ist insofern

nicht leicht zu beantworten, als ja lautliche Kriterien hierbei

fast keine Rolle spielen, also nur die Verbreitung der Worte in

den beiden Sprachen in Erwägung zu ziehen sind.

Aus dem

Pr. ins Li. sind sicherlich entlehnt (Nesselmann, AM. 6, 318 n;

Eezzenberger,

Bß. 9;

263 n;

GGA.

1885, 924):

Ükras

als

„öe^Log'^ und pussewaite „Mittwoch" aus *pusisawaite in Lau- kischken; sanvaite „Woche" : sawayte; ferner päivirpas „arm-

seliger, verkümmerter Mensch" aus powlrps, da das Wort nur vom Pr. aus erklärt werden kann; südli. uszes „Wochenbett"

aus einem zu uschts Sechster" gehörigen Substantiv (aber li.

szeszios, le. seschas); ferner pusznis „Stiefel bei den Hafffischern. Dabei ist es natürlich nicht zufällig, daß Ausdrücke, die mit der

Fischerei zusammengehören, übereinstimmen, ohne daß sie des-

wegen von einer Seite „entlehnt" sein müßten vgl. im Wb.

marg, angurgis, liede, lasasso^ starkiSy seabre, Unis, assegis,

brunse, grundalis. Die Ausdrücke haften am Kurischen Haffe (s.

XII

Kurschat, Li.-D. Wb., Anhang), an dessen Südufer die Preußen,

an dessen Ostufer die Litauer wohnten (deswegen weicht gerade

in diesen Ausdrücken das Le. bisweilen ab).

Der Entlehnung

aus dem Pr. verdächtig sind iszmanginis „Hurenkind", naman-

ginis (bei Russ) : manga Hure";

ali. hurwalkns : hurwalkan

„Hof"'; ali. gewenti : gewinna „arbeiten".

scheint russ.-li. kdimas Dorf".

Dagegen

echtlit.

b) Pr. und le. Übereinstimmungen sind naturgemäß viel seltener.

Sie können zunächst darauf beruhen, daß das Li. ein altes halt.

bei plonis „Tenne" :

Wort verloren hat.

Das

ist

der Fall

le. pläns : li. klojimas, wo uns aber der Zufall ali. planas noch

erhalten hat

vgl. auch kaywe „Stute" : le. kewe

aus verloren

gegangenem nordl. *khve (südli. *kewe). So hegen die Verhält-

nisse bei : halsinis „Kissen" : paba'lsts (hypostatische Neubil- dungen sind li. pregalwis, le. paga'lwa); kanxta „fein, züchtig" :

kuschs : czystas, wezlybas (slav.); menso Fleisch" : le. misa : li.

mesä

(aus dem Slav. wie der Akzent, Akk. sg. mesq,

erweist);

warrin „Gewalt, Macht" : wäre : syla^ macls (poln.) und plekis

„Mantel" : plezis „Weiberjacke"

Im Falle en „in" : l : ^ haben

Pr.-Le.

die

idg. Form en^

das Li.

idg.

n durchgeführt.

Bei

nabis „Nabel,

Nabe" : naba „Nabel" : h.

bdmba (s. Bugge,

BB. 3, 97)

und salme

„Stroh" : salmi : li. sziaudäl hat im

Li.

das alte Wort ein neues verdrängt;

bei

wobilis „Klee" :

äbuls^ ddhuls : li. döbilas haben das Pr. und Le. dieselbe volks-

etymologische Umdeutung wohl unabhängig voneinander vor-

genommen. Vgl. ferner die Worte geasnis Schnepfe" : dfesnis

,,Reiher"; sarpis „Nußbicker" : swirpis „Kernbeißer"; singuris

„Stieglitz" : fchigurs „Sperling", Übereinstimmungen, auf die

nicht viel zu geben ist.

Übereinstimmungen wie

Von geringer Bedeutung sind auch

abse Espe" : apse : dpusze

(dpusze :

abse = ags. ear „Ähre" aus ^ahur : got. ahs s. Brugmann II,

1, 544); auclo „Halfter" : dukla : aukle; berse „Birke" : berse :

berzas; scoberwis „Hainbuche" : skäbarde aus ^skräbar- : li.

skroblüs, die verschiedene Auffassungen zulassen.

„Kaiser" : keisars und

tols

Zoll" : tolis

haben

Bei keiserin

die

beiden

Sprachen die Entlehnungen aus dem Nd. sicherlich unabhängig

von einander vorgenommen. Von Wert sind aber Kulturwörter wie brunyos „Panzer" : brunas und caryangus „Banner" :

karügs. Da karügs ein *karangas oder ^kariangas voraussetzt,

XIII

das Russ. aber das -an- nicht erklärt, muß karügs aus dem Pr.

stammen, wo caryangus dem urpoln. *choiygzv entlehnt ist. Der-

selbe Weg liegt bei brunas^ (slus, dem Altgerm.) vor.

Das Le.

konnte also vom Pr. ohne li. Vermittlung Worte übernehmen

vgl. kur. paps aus pr. paps. Preußen und Letten berührten sich

über

auf

der Kuhrischen Nehrung, so daß

auf dem Weg

sie die Worte ins Le. drangen (vgl. p. VIII). c) Für die Verwandtschaftsverhältnisse von größter Bedeu-

tung ist die große Masse von Worten, die das Pr. im Kreise

der halt. Sprachen allein besitzt,

was sich aus p. IX unten er-

klärt.

Ich führe

eine Reihe von solchen an, ohne Vollstän-

digkeit erreichen zu wollen.

a) Das Pr. setzt einem dem Litule. gemeinsamen Ausdruck

einen andern entgegen:

„Nadel" : adatä,

adata ;

aglo

Regen ^' : lytüs,

letus; ayculo

anctan Butter" : swestas,

swlsts;

assanis ,;Herbst" : rudü, rudens;

aupallusis „finden" : rästi,

atrast; babo „Bohnen" : pupä, pupa; bltas „Abend" : wakaras,

wakars] dadan „Milch" : penas, pens; debikan groß" : didis,

difchs; druwis „Glaube" : tikeßmas,

emnes „Name"' :

war das, wdrds; gaydis „Weizen" : kweczei, kwhchi; gaylis

tiziba;

weiß" : hdltaSy

balts; garbis

„Berg" : kdlnas,

ka'lns; gönne

Hitze" : kaiträ, kaisums; grlmons „gesungen" : gedoti, dßddt;

kalis Wels" : szämas, sa^ms; camstian „Schaf" : awls, aws ; kelan

Rad" : rätas,

rats;

kerdan „Zeit" : lalkas,

laiks;

klupstis

Knie" : kelys, ze'lis; cuncan „braun" : briünas, brüns; luckis

„Holzscheit" : pagalys, pagale; lauznos „Gestirne" : zwaigzde,

fwdigfne; mealde „Blitz" : zdlbas, fibens; pintis Weg" : kelias,

zeHsch; sasins „Hase" : zuikis, fakis (beide slav.); segglt „tun" :

darytiy da'rü;

seydis „Wand" : sena, sma; syrne „Korn" :

grüdas, grduds; sirwis „Reh^^ : stirna, stirna; strigeno „Gehirn":

smägines, smadfenes; sups „selbst" : paus, pats; waist „wissen" :

zinoti, finät;

widdai „sah"' : reg'eti, redfet; wupyan „Wolke" :

debesis, debess. Ferner beachte man dauris „Tür" : dürys, duris; seyr „Herz" : szirdis, si'rds; sirmes Lauge" : szdrmas, särms;

täws „Yater^^ : tetvas, tews; ^^rfs„ Dritter" : treczas, tresehdis; wundan

„Wasser" : wandü, üdens. Man bemerkt leicht, daß in manchen

Punkten das Pr. sogar den älteren idg. Ausdruck festgehalten

hat z. ß

anctan, emnes, cuncan, pintis, sasins.

ß) Außerdem stelle ich folgende dem Pr. eigentümliche

XIV

Worte her, die z. T. von hohem Alter sind: ballo Stirn",

din

ihn", garian „Baum", insuwis ,. Zunge", kermens Leib", laygnan

Wange", lasto „Bett", mentimai lügen", etmstis Gnade",

peröni „Gemeinde", peiise „Fichte", präbutskas ewig", poquelbton „knieend", quoi „will", reddan „falsch", auschaudUwei ver-

trauen", spagtaSf spede, splgsnan „Bad", stallit „stehn", stärna-

wiskan „Ernst", taukinnons „verheißen", tU so", atträtwei ant- worten", tusnan „still", ucka- Superlativpräfix, wagnis Sech",

waidleimai „zaubern", wackis „Geschrei", etwierpt „vergeben",

widdewü „Wittwe", wlrds „Wort", powijstm „Ding", wormyan,

urminan „rot".

y) Es verdient Beachtung, daß von den dem Pr. eigentüm-

lichen Worten eine große Anzahl im Germ, und Slav. ihre

nächste Anknüpfung finden vgl. unter a kalis, kelan, sasins,

tviddai; ferner craysi

„Halm" : an. hris; lindan „Tal" : an.

lundr „Hain" ; nautei „Not" : got. naups; pannean „Moosbruch" :

got. fani; ränctwei „stehlen" : ahd. birahanen; twaxtan Bade-

quast" : got. ftwahan; wumpnis Ofen" : ahd. ofan.

In einigen

Fällen ist Entlehnung nicht ausgeschlossen z. B. bei pannean,

twaxtan und wumpnis s. u. Bei kalis und kelan würde man für

germ. hu- im Pr. qu- erwarten.

d) Sicherlich keine Entlehnungen

aus dem

Slav. sind:

arwis „wahr" : orvhm; austo „Mund" : usfa; awis „Oheim" :

sl. ujh; bei „war" : aksl. be; bleusky „Schilf" : sl. bljusct; dalptan

„Durchschlag" : sl. dolbto ; eyswo „Wunde" : aksl. jazva; geits

zena; kailüstiskun „Ge-

„Brot" : sl. zito; genno „Weib" : sl.

sundheit" : sl. ceh; maiSy twais, swais = aksl. mo/z», tvoj'b, svoß;

maldai „jung" : sl. mold7> ; aumüsnan „Abwaschung" : umyti;

pausto

wild" : sl. pustz;

seilin

„Fleiß" : sl.

sila; scaytan

„Schild" : sl. scit^; ülint „kämpfen" : c. vdleti; waitiät „reden" :

aksl. vestati.

Es sind Gleichungen, die z. T. über das Pr. und

Slav. hinausgehen; z. T. liegen lautliche Verhältnisse vor, die

die Annahme einer Entlehnung für den modernen Sprachforscher

unmöglich machen.

In folgenden Fällen scheint sie mir nicht

unmöglich zu sein: -grabis in wosigrabis „Spindelbaum" : sl.

grabz; Ilse kriecht" : p. lezie; maldenikis „Kind" : sl. moldemct;

scurdis „Bicke" : sl. osk^rd^; witwan „Weide" : p. witwa; wanso ,, erster Bart" : p. vqs (vgl. H. üsal „Schnurrbart" aus r. usy)\

XV

kivarha (wruss.), pdrwas (d.), krdsa (wruss.), le. |)6rw;e (d.), krdsa

(niss.), Lehnworte sind; ivutris „Schmied" : aksl. v^trh wird echt-pr. wegen autre sein.

d) Mit germ. Sprachen muß das Pr. im Westen an der

Weichsel beständige Berührungspunkte gehabt haben.

Diese

Vermutung, die wir aus der Geschichte entnehmen können, wird

durch die sprachhchen Tatsachen bewiesen.

Es läßt sich im

Pr. eine ältere Schicht von der jüngeren trennen:

a) Zunächst stammen Worte aus dem Got., das bis zum

3. Jh. n. Chr. an der Weichsel mit dem Pr. zusammentraf.

Die

zurückbleibenden Goten gingen, wie man anzunehmen pflegt, in den

Preußen auf (über die got. Lehnworte s. Hirt, PBß. 23, 344ff.;

Mikkola, BS. 10; Liden, PBB. 31, 600fiP.; Kluge, JF. 21, 361;

Verf., KZs. 43, 175ff.): arrien „Tenne" : "^arin; asilis „Esel" :

asilus; «7mes„Bark" : "^hilms; ca^^7s „Kessel" : katils; käupiskan

„Handel" : kaupon;

lapinis „Löffel" : *lapins;

rikijs „Herr" :

*reikeis; ivangus .,Damerau" : waggs.

Einige Lehnworte sind

nicht auf das Pr. beschränkt geblieben: das Li. entnahm dem

Pr. rykys und wanga,

die

im

Li.

nicht recht heimisch

sind.

Andere sind balt.-slav. Kulturwörter geworden: li. äsilas, sl. osth; li. kätilas, sl. kohh; sl. kupiti.

ß) Aus dem Ahd. stammen: hrunyos Panzer" vgl. aksl. hr^nja

aus ahd. brunja; hugo „Sattelbogen" aus ahd. hogo dass; galdo

„Mulde" aus ahd. gelda, das vom Pr. ins Li. drang wie auch scinkis

„Schenkbier" = li, skinkis und sparis „Sparren" = li. späras.

Diese Annahme ist notwendig, weil die Übereinstimmung des

Pr. und Li. nicht zutälhg sein kann,

das D. aber vor ca. 1500

nicht auf das Li. direkt, sondern nur durch Vermittlung des Pr.

wirken konnte s. Brückner, FW. 12.

Worte, die eine größere

Verbreitung gewannen, sind carhio „Mühlenkasten" : li. karhija,

aksl. krahii

aus

ahd. *korbia

und

stubo ^,Stube" : li.

stubä,

aruss. ishba.

Dasselbe gilt von kelmis Hut" : aksl. slerm, die

nur aus einem altgerm. *%elma- stammen können, und deren

Quelle mir nur im negativen Sinne klar ist, insofern sie weder das Got; noch das Ahd. sein kann.

y) Aus wesentlich späterer Zeit und zwar aus dem Ndd.,

Md. oder Hd. des späten Mittelalters stammen zahlreichere

Lehnworte, ohne daß aber die genauere Quelle immer ange- geben werden könnte (Prellwitz, Best. 2 ff.; wegen des ndd. Ein-

XVI

flusses s.