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UWE ANSPACH / DPA

Deutschland

Proteste in Stuttgart

V E R K E H R

Bürgerliche Revolte

Der Widerstand gegen das milliardenschwere Bahn-Projekt Stuttgart 21 wächst. Inzwischen demonstrieren auch Ärzte, Anwälte, Ingenieure und Unternehmer Woche für Woche vor dem Hauptbahnhof. Viele Bürger fühlen sich von der Politik missachtet und übergangen.

W olfgang Drexler steht an der Fensterfront seines Büros. Es liegt im sechsten Stock eines her-

untergekommenen Siebzigerjahrebaus in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Von hier aus kann er auf den Nordflügel und den grauen Vorplatz schauen, und er kann zusehen, wie der Widerstand wächst. Jede Woche sind es mehr Menschen, die dort auf die Straße gehen. Sie demonstrie- ren gegen das Großprojekt der baden-würt- tembergischen Politik, gegen Stuttgart 21. Drexler sieht die Transparente am Bau- zaun, die flackernden Grablichter, dort, „wo das neue Herz Europas“ entstehen soll, und schüttelt den Kopf. „Ich verstehe das nicht mehr“, sagt der 64-Jährige mit den kurzen, graumelierten Haaren. Dabei ist er der Mann, der alles retten soll. Seit einem Jahr ist der SPD-Politiker Sprecher von Stuttgart 21. Bis 2019 soll

aus dem oberirdischen Kopfbahnhof ein unterirdischer Durchgangsbahnhof wer- den. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat man das gewaltige Projekt geplant, hat gestrit- ten und debattiert, inzwischen sind alle parlamentarischen und juristischen Hür- den genommen. Doch nun, wo die Bag- ger endlich rollen, versammeln sich zu Drexlers Füßen regelmäßig Tausende, skandieren „O-ben blei-ben! O-ben blei- ben!“ und pfeifen, brüllen, buhen jeden Abend ihre Wut in den Himmel. Sie nen- nen es Schwabenstreich. Mit Widerstand hätten sie ja gerechnet, sagt Drexler. Mit den Menschen eben, die immer protestieren, wenn es etwas zu protestieren gibt. Männern mit Liegefahr- rädern und Wollsocken, mit Jugendlichen in schwarzen Kapuzenpullis. Und jetzt? Drexler sieht nach unten auf den Bahnhofsvorplatz. Zuerst kamen die üblichen Verdächtigen, doch langsam än-

derte sich die Zusammensetzung der Pro- testler. Auf einmal standen auch Ärzte da, Rechtsanwälte, Ingenieure. Männer in dunklen Anzügen mit randlosen Brillen, wie auch Drexler sie trägt, Frauen mit teu- ren Handtaschen und Perlenketten. Da unten waren nun Menschen, denen Stuttgart sein Ansehen, seinen Wohlstand und vor allem seinen Erfolg verdankt. Drexler hat allen Grund zur Unruhe, denn die da unten jubeln nicht über das technische und architektonische Wunder- werk Stuttgart 21. Nein, sie dreschen vor lauter Frust und Ärger mit Kochlöffeln auf Topfdeckel ein. Und wählen grün statt schwarz. Was ist nur los mit dieser Stadt? In Stuttgart entstand der erste Fernsehturm der Welt. In Stuttgart gab es den ersten Straßenbahntunnel der Welt. In Stuttgart erzeugte man den größten künstlichen Tornado der Welt. Auf 172 Einwohner

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geplantes Europaviertel unterirdische Seitenflügel Gleise (werden abgerissen) Schlossgarten Stuttgarter
geplantes
Europaviertel
unterirdische
Seitenflügel
Gleise
(werden abgerissen)
Schlossgarten
Stuttgarter
Hauptbahnhof
Fußgängerzone
mit Lichtkuppeln über
dem unterirdischen Bahnhof
MANFRED STORCK

kommt in Stuttgart ein Architekt, die In- genieursdichte ist die höchste in Deutsch- land. In Stuttgart wurde der Leitz-Ordner erfunden, die Zündkerze, die Ahoj-Brau- se. Und jetzt wollen ausgerechnet die Stuttgarter einen der modernsten Bahn- höfe Europas verhindern? Besser, man denkt nicht so genau darüber nach. Müde streicht sich Drexler mit der Hand über die Augen. „Mich schockiert das alles“, sagt er. Seine feinen Lachfalten stammen aus besseren Tagen. Ein lauer Freitagabend im August. Auch Eberhard Schöttle und seine Frau Gabriele sind in den Stuttgarter Schloss- garten gekommen. Der Diplomingenieur und die Physiotherapeutin haben sich einer Lichterkette gegen Stuttgart 21 an- geschlossen. Mit rund 18000 Stuttgartern stehen sie nun untergehakt um den Bahn- hof und einen Teil des Parks. An man- chen Stellen bilden sie einen Schutzwall in Dreierreihen. Er sei eher ein gemäßigter Typ, der sei- ne Unterschrift nicht so schnell hergebe, sagt Schöttle. Als sich die Dämmerung über die Bäume und Wiesen legt, zündet er die Kerzen in den violetten Windlich- tern an, die sie mitgebracht haben. Dann schweigen die Menschen für eine Minute, und man hört Wasserfontänen und Vögel. Schöttle ist ein sportlicher Mittfünfzi- ger. Er trägt schwarze Jeans und rotbrau-

ne Lederschuhe. Am Ausschnitt seines hellen Polo-T-Shirts hat er einen Button befestigt. „Oben bleiben“ steht darauf. Es ist die Protestparole der Stuttgart-21- Gegner, die hoch bis in Drexlers Büro dröhnt. Schöttle ist einer der Demonstranten, die Drexler fassungslos machen. Diplom- ingenieur, ein Mann des Fortschritts. Bei Fragen überlegt er einen Moment und antwortet erst dann. Schöttle ist kein

Kostenexpress Erwartete Baukosten für Stuttgart 21, in Mrd. € Anteil der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm
Kostenexpress
Erwartete Baukosten für Stuttgart 21, in Mrd. €
Anteil der Neubaustrecke
Wendlingen–Ulm
Umweltbundesamt,
4,0
9 bis
11
August 2010
Berechnung der
Bahn, Juli 2010
2,9
7,0
Berechnung der
Bahn, Dez. 2009
2,0
6,1
Finanzierungsver-
2,0
5,0
einbarung, Apr. 2009
Bundesrechnungs-
3,2
8,5
hof, 2008
Memorandum of
2,0
4,8
Understanding, 2007
Rahmen-
1,5
4,5
vereinbarung, 1995

Heißkopf. Doch Stuttgart 21 regt ihn auf. „Ich bin sehr verärgert, für wie unkritisch wir gehalten werden und mit welcher Ar- roganz man uns ignoriert“, sagt der Ver- triebsleiter einer Böblinger Firma. Seine Frau nickt. Gut möglich, dass Schöttle das Projekt verteidigen würde, wenn die Dinge an- ders gelaufen wären. Wenn die Politik den Bürgern nicht als Obrigkeitsstaat gegenübergetreten wäre, wenn sie die Menschen ernst genommen und das Bür- gerbegehren, das viele Stuttgarter woll- ten, zugelassen hätte. Ingenieur Schöttle hält Stuttgart 21 für undurchdacht. „8 statt 16 Gleise, im Grun- de muss man kein Experte sein, um zu verstehen, dass da ein Nadelöhr entsteht.“ Er kann viele Gutachten zitieren, die

Stuttgart 21 ein schlechtes Zeugnis aus- stellen. Auch die rund drei Milliarden Euro teure Neubaustrecke nach Ulm sieht er kritisch, für den Güterverkehr sei sie viel zu steil. Wenn die Schöttles ihren Bekannten- kreis beschreiben, zählen sie im Wechsel Therapeuten auf, Ingenieure, Ärzte, Un- ternehmer. Die Mehrheit sei gegen Stutt- gart 21, sagen sie. „Bei jedem Abendessen ist es Thema“, sagt Eberhard Schöttle und schwenkt das Windlicht in seiner Hand wie einen Weinkelch. Mittlerweile seien sie alle gut vernetzt, per SMS- und E-Mail-

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Deutschland

SASCHA BAUMANN / ALL4FOTO (L.); MARTIN STORZ / GRAFFITI (R.)

UWE ANSPACH / DPA (L.); MARTIN STORZ (R.)

Verteiler schicke man sich Artikel, Sen- dehinweise und neue Expertisen. Die Schöttles, die ihre Urlaube am liebs- ten auf einem Segelboot an der Côte d’Azur verbringen, sind inzwischen Mit- glied bei den „Parkschützern“. Mehr als 20000 Stuttgarter gehören der Widerstands- gruppe an, die verhindern will, dass durch das gigantische Bahn-Projekt 282 Bäume gefällt werden. „Als ich neulich die Alarm- SMS bekam, dass am Nordflügel die Bau- zäune und Abrissbagger aufgestellt werden, bin ich sofort raus aus dem Büro“, sagt Schöttle, „inzwischen würde ich auch eine Dienstreise unterbrechen.“ Den Stuttgartern, diesen so seriösen, rechtschaffenen, fleißigen Musterbürgern der Republik, ist das The-

ma bitterernst. Auch der Schauspieler Walter Sitt- ler setzt jetzt Prioritäten, die er früher kaum für möglich gehalten hätte. Eine Woche im Burgund hatte er sich, seiner Frau und seinen Kindern ge- gönnt, die Koffer stehen noch unausgepackt im Flur, denn Sittler hat sich gleich aufgemacht zu der Bühne am Nordflügel des Bahnhofs, um die De- monstranten auf den täg- lichen Schwabenstreich einzustimmen. Um seinen Hals hängt eine schwarze Trillerpfei- fe. Er schaut auf die Uhr:

„Noch 45 Sekunden!“ Sittler zählt den Count- down ins Mikro, dann trillert er los, und mehr als 10 000 Bürger stim- men mit ein. Eine Minute lang hauen sie auf Tam- burine, blasen in Vuvu- zelas, pfeifen, brüllen, buhen. Ihr Protest schrillt in den Ohren, so ist es ge- wollt. Schließlich sollen die da oben ihn hören.

Wolfgang Drexler, CDU- Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, Ministerpräsident Stefan Mappus, Bahn- Chef Rüdiger Grube. „Ich will, dass sich unser Schwaben- streich auf das ganze Land ausdehnt“, ruft Sittler, und die Menge jubelt dem grauhaarigen Mann im königsblauen Jogi- Löw-Pulli zu. Im Kampf gegen Stuttgart 21 ist der ehemalige Salem-Schüler und Grimme-Preisträger zur Galionsfigur des Widerstands geworden. Nach dem Schwabenstreich hat sich Sittler auf eine Mauer gesetzt. Ein Mann mit Steppjacke reicht ihm die Hand, dankt für sein Engagement. Die Frau an seiner Seite trägt feine Wild- leder-Pumps.

Dass inzwischen auch die Leute aus den feinen Stuttgarter Halbhöhenlagen auf die Straße gehen, wundert Sittler nicht. „Aufgrund der geologischen Exper- tisen fürchten viele um ihre Häuser durch die Tunnelarbeiten“, sagt der Schauspie- ler, der mit seiner Frau in einem gemiete- ten Einfamilienhaus in Stuttgart-Möhrin- gen lebt. Vor der Tür stehen ein Smart und ein Golf. Sittler hat eine angenehme Hörbuch- Stimme, spricht unaufgeregt. Dabei wer- de er täglich wütender, sagt er, aber es sei kalte Wut, die ihn erfülle. „Heiße Wut sorgt nur dafür, dass man den Verstand verliert.“ Für einen Moment fixiert er einen Punkt in der Ferne, dort, wo nach

In diesem Moment seien bei ihm die Lichter auf Rot gesprungen. Sittlers Bür- gersinn erwachte und der vieler anderer Stuttgarter auch. Es war der Beginn einer bürgerlichen Revolte. Und die Verant- wortlichen in der Regierung? Sie hielten stur an ihrem Kurs fest. „Die Weichen für Stuttgart 21 sind gestellt“, beteuerte OB Schuster. Und FDP-Regierungsprä- sident Johannes Schmalzl sekundierte:

„Die Frage ist um Jahre zu spät gestellt worden.“ „Und man hielt auch dann noch an die- sen Wahnsinnsprojekt fest, als man von den unglaublichen Kostensteigerungen wusste“, ärgert sich Sittler. Der Bundes-

rechnungshof glaubt, dass Stuttgart 21 in- klusive der Neubaustre-

cke nach Ulm rund 8,5 Milliarden Euro kosten wird, das ist fast doppelt so viel, wie anfangs ver- anschlagt wurde. Laut Umweltbundesamt sind es sogar bis zu 11 Milliar- den. „Die haben sich an dem Projekt besoffen“, sagt Sittler. Seit Anfang des Jahres kämpft er nun aktiv gegen Stuttgart 21. „Für jeden politisch aufge- schlossenen Bürger kam irgendwann der Moment, an dem man sich ent- scheiden musste, wo man steht und ob man auf- steht.“ Ob Freund oder Feind, entscheidet in Stuttgart mittlerweile die- se Frage: Bischt du etwa dafür? Wie viele der bis- lang schweigenden Stutt- garter Bürger darauf mit Ja oder Nein antworten würden, darüber gibt es keine aktuellen, verläss- lichen Zahlen. Sittler überrascht es nicht, dass sich der Pro- testbewegung auch Bes-

serverdiener angeschlos- sen haben. „Das sind doch intelligente Menschen! Leute, die sich informiert ha- ben und den Nutzen dieses Projekts nicht erkennen können. Hinzu kommt, dass sie Schwaben sind, sehr bodenständige, mit rechnerischen Fähigkeiten ausgestattete Menschen, die sehr genau hinschauen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Selbst die, die sehr viel davon haben.“ Sittler senkt den Kopf. „Können Sie sich vorstellen, was für eine Demütigung das ist, wenn man als mündiger Bürger

permanenter Machtdemonstration ausge- setzt ist, ohne angehört zu werden?“ Dieses Gefühl der Ohnmacht hat die Menschen auf die Straße getrieben. Und dass es in den kommenden Wochen eher

Straße getrieben. Und dass es in den kommenden Wochen eher S-21-Gegner Sittler (M.), Schöttle: „Bei jedem

S-21-Gegner Sittler (M.), Schöttle: „Bei jedem Abendessen ist es Thema“

(M.), Schöttle: „Bei jedem Abendessen ist es Thema“ S-21-Befürworter Drexler, Bessis: „Da wurde eine
(M.), Schöttle: „Bei jedem Abendessen ist es Thema“ S-21-Befürworter Drexler, Bessis: „Da wurde eine
(M.), Schöttle: „Bei jedem Abendessen ist es Thema“ S-21-Befürworter Drexler, Bessis: „Da wurde eine

S-21-Befürworter Drexler, Bessis: „Da wurde eine Riesenchance verschenkt“

dem Willen der S-21-Leute auf dem ehe- maligen Gleisbett ein neuer Stadtteil ent- stehen soll. Auch er sei nicht von Beginn an gegen Stuttgart 21 gewesen, sagt Sittler. Die Idee eines unterirdischen Bahnhofs habe An- fang der Neunziger zunächst interessant geklungen. „Aber das Projekt dümpelte ja nur vor sich hin“, sagt er, „als der Transrapid abgesagt wurde, war ich si- cher, dass das auch das Aus für Stuttgart 21 ist. Doch dann war plötzlich alles un- terschrieben! Und die 67000 Unterschrif- ten für einen Bürgerentscheid“ – Sittler macht eine Handbewegung, als würde er einen Stapel Papiere beseitigen – „wur- den einfach vom Tisch gefegt.“

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PROJEKT STUTTGART 21 / DDP

mehr werden, garantiert das Krisenma- nagement der Stadt. Ein Moratorium, ei- nen vorläufigen Baustopp und eine Bür- gerbefragung lehnt sie mit dem Hinweis ab, dafür gäbe es keine politische Legiti- mation. Wolfgang Drexler, der Projektsprecher, sagt, es sei ein „grundsätzliches gesell- schaftliches Phänomen“, das sich hier zei- ge. „Die Bereitschaft der Leute, Verän- derungen grundsätzlich erst einmal als etwas Positives zu betrachten, scheint verlorengegangen zu sein.“ Die Bürger würden nicht mehr die Chancen, sondern nur noch die Risiken sehen. Drexler hat sich an den kleinen Kon- ferenztisch in seinem Büro gesetzt. Er nimmt seine Brille ab, legt sie vor sich auf den Tisch und sieht sich in seinem Ar- beitszimmer um. „Wir hätten dieses Büro schon vor acht oder neun Jahren einrich- ten sollen“, sagt er und bekennt, dass es ein „Riesenfehler“ gewesen sei, dass die Verantwortlichen, als sie S21 mit politi- scher Mehrheit beschlossen, „die Infor- mationspolitik nahezu eingestellt und den Gegnern das Feld überlassen“ hätten. Erst neulich habe er im Norden der Stadt im Bezirksbeirat gesprochen, die Gegend wird von den Baumaßnahmen besonders betroffen sein. „Das letzte Mal war da jemand im Jahr 2003 und hat über S21 geredet“, sagt Drexler und schwärmt plötzlich von Wien. Auch dort wird gerade ein Kopfbahn- hof in einen Durchgangsbahnhof umge- wandelt, mitten in der Stadt. Die Bauzeit ist einige Jahre kürzer, die Kosten sind einige Milliarden geringer, aber „vor al- lem sind die Wiener heiß auf ihren neuen Bahnhof“, meint Drexler. „Weil man sie von Beginn an systematisch in das Projekt eingebunden hat. Die meisten sind heute stolz darauf.“ Dass ihm das noch in Stuttgart gelingen wird, hält er für nahezu unmöglich. „Dafür sind die Motive der Gegner zu unterschied- lich. Stuttgart 21 ist ja nicht nur ein Fuß- ballfeld mit einem Zaun drum herum, son- dern extrem komplex“, sagt er. Deshalb sei das Marketing ja auch so schwierig. Vielleicht hätte den Projektträgern ein authentischer Charismatiker als Botschaf- ter geholfen. Einer, der überzeugen kann. Einer wie Sittler. Stadtvater Schuster zu- mindest ist erkennbar nicht der Richtige für diese Aufgabe. Seit Wochen ver- schanzt er sich hinter den Rathausmauern und wiederholt bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass das Projekt politisch legitimiert sei und dass doch bitte schön endlich Ruhe einkehren sollte. Drexler bekommt Morddrohungen. Rund zwei Kilometer von seinem Büro entfernt sitzt ein Mann, der eigentlich zu Drexlers Verbündeten gehören müsste. Ein Anhänger von Stuttgart 21. Lukas- Pierre Bessis, 33, gehört eine Werbeagen- tur. Er sitzt in einem Retro-Ledersessel

eine Werbeagen- tur. Er sitzt in einem Retro-Ledersessel Chronik S21 April 1994 Das Konzept Stuttgart 21

Chronik S21

April 1994

Das Konzept Stuttgart 21 wird zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

November 1997

Der Architekt Christoph Ingenhoven gewinnt mit seinem „Bullaugen-Entwurf“ den Wettbewerb für den neuen Hauptbahnhof.

Juli 1999

Der Bahn-Chef Johannes Ludewig verfügt wegen hoher Kosten einen Planungsstopp.

Februar 2000

Der neue Bahn-Chef Hartmut Mehdorn belebt das Projekt wieder.

Januar 2005

Das Eisenbahnbundesamt erteilt den Planfest- stellungsbeschluss für den Tiefbahnhof. Die Gegner klagen.

 

April 2006

Der Verwaltungsgerichtshof segnet den neuen Durchgangsbahnhof ab; die Alternativpläne brächten weniger Vorteile.

 

Oktober 2006

Grundsatzbeschluss des Landtags für Stuttgart 21.

April 2007

Bei einem Krisengipfel in Berlin bekennt sich der Bund zu Stuttgart 21 – die Finanzierung bleibt weiterhin unklar.

Dezember 2007

Ein Bürgerbegehren sammelt 67000 Unter- schriften gegen Stuttgart 21. Die Stadt lehnt dieses ab.

November 2008

Der Bundestag bewilligt Geld für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke nach Ulm.

April 2009

Die Verträge zur Finanzierung von Stuttgart 21 werden unterzeichnet.

Die Verträge zur Finanzierung von Stuttgart 21 werden unterzeichnet.
Die Verträge zur Finanzierung von Stuttgart 21 werden unterzeichnet.

Februar 2010

Baubeginn.

Stuttgarter Bahnhofsmodell

Unterirdisches Image

im ersten Stock einer alten Fabrik, auf seiner Nase thront eine Nana-Mouskou- ri-Brille. Im Hintergrund läuft leise Lounge-Musik. Stuttgart 21, das sei ein Projekt mit ei- ner „einmaligen Zukunftsperspektive“ für die Stadt, schwärmt der Kommuni- kationspädagoge. Die „unsachliche und emotionale Diskussion“ der Gegner sei befremdlich. Und die Risiken und Neben- wirkungen des Projekts? Ein Ausdruck des Erstaunens legt sich über Bessis’ Ge- sicht. „Ich vertraue in die Fähigkeiten un- serer Ingenieure hier in Baden-Württem- berg. Und ich sehe, was für ein gewaltiger Job-Motor das ist.“ Zehntausend Arbeits- plätze sollen angeblich dauerhaft durch den neuen Bahnhof entstehen. So weit zum Positiven. Bedauerlicher- weise habe der schöne neue Tiefbahnhof in der öffentlichen Wahrnehmung aller- dings ein entscheidendes Manko: das unterirdische Image. Deshalb treibe es die bürgerliche Elite der Stadt auf die Straße. „Das liegt an der falschen Kommuni- kationspolitik der Verantwortlichen. Da wurde eine Riesenchance verschenkt“, sagt Bessis. „Man hätte die Menschen viel mehr bei ihrem Heimatstolz packen, mit positiven Bildern arbeiten müssen.“ Man hätte eine große Werbekampagne starten müssen und eben nicht nur eine paar ma- gere Ausstellungen und Podiumsdiskus- sionen veranstalten sollen. Drexler und seine Leute haben das in- zwischen verstanden. Seit Juni, also vier Monate nach Baubeginn, hängen in Stutt- gart Plakate. „Es stimmt, dass für Stutt- gart 21 im Schlossgarten und um den Bahnhof 282 Bäume gefällt werden“, heißt es da auf einem großen, weißen Pla- kat. Darunter steht: „Es stimmt aber auch, dass 293 bis zu 12 Meter hohe Bäume ge- pflanzt werden und der Park erstmals seit Jahren um 20 Hektar wächst.“ Für Werbefachmann Bessis ist die Kam- pagne eine Katastrophe. Wer im Auto mit Tempo 50 daran vorbeifährt, liest gerade mal, dass 282 Bäume im Schlossgarten ge- fällt werden sollen. „Da machen die Ver- antwortlichen noch Werbung für den Wi- derstand!“, regt sich der Kommunika- tionsexperte auf. Bessis ist mit seiner Kritik nicht allein. Dass die Kommunikation zwischen Bür- gern und Politik nachhaltig gestört ist, ha- ben inzwischen auch die letzten Stuttgart- 21-Befürworter begriffen. Neuerdings können sie sich dabei auf ihren neuen Ministerpräsidenten Mappus berufen. Der bekannte unlängst: „Wenn es mal einen

Preis für die schlechteste Marketing-Kam-

pagne gibt, haben wir mit Stuttgart 21

gute Chancen.“ S����� K�����,

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