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BUDDHISMEN UND IHRE ESSENZEN

NACH DEM DALAI LAMA


Gedanken zum Buddhismus


Buddhismen und ihre Essenzen nach dem Dalai Lama: Gedanken zum Buddhismus

von pamokkha (pamokkhala@gmail.com)

Version 1.2: 17.01.2018, Erstveröffentlichung am 13.11.2017

Alle Rechte vorbehalten, ©2017-2018 München

Schlüsselbegriffe: Buddhismus; Dalai Lama; buddhistische Konfessionen; Nirvana

ii
„Wirken und Erleben

anderes Reales gibt es nicht“

iii
INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis .................................................................................................. iv
Einleitung ............................................................................................................. 1
Begriffsbestimmungen ........................................................................................... 1
Die Nirvana........................................................................................................... 2
Die Heiligen .......................................................................................................... 3
Leiden und Nirvana ................................................................................................ 5
Schlussfolgerung ................................................................................................... 5
Literaturverzeichnis ............................................................................................... 6

iv
EINLEITUNG
Immer wieder taucht die Frage auf, ob die verschiedenen buddhistischen Konfessionen
im Kern identisch und nur in ihren äußerlichen Ausprägungen unterschiedlich sind oder ob
sie auch im Kern, in ihrer Essenz, anders sind.

BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
Mit dem Begriff ‚Dalai Lama‘ beziehe ich mich auf unseren, den 14. Dalai Lama Tenzin
Gyatso. In meiner Argumentation stütze ich mich vorwiegend auf seine Aussagen.

‚Buddhismen‘ bedeutet hier mit dem Dalai Lama die Unterscheidung in die unteren
Schulen - manchmal von ihm auch als Schulen der Hörer oder Theravada bezeichnet - und
die höheren Schulen bzw. Mahayana.1

Die Frage, ob die Essenz in den buddhistischen Konfessionen gleich oder ungleich ist
bedarf vorher der Feststellung, was überhaupt mit Essenz gemein ist. Ich nähere mich
meiner Antwort mit folgendem Standardtext aus den frühbuddhistischen Schriften:

“... gab der Erhabene eine stufenweise Belehrung wie folgt: ein
Gespräch über das Geben, über Sittlichkeit, über den Himmel, dann über
die Gefahren, die Schlechtigkeit und Verderbtheit der Sinnesgier sowie
aller Befleckungen, und dann zeigte er den Segen des Entsagens auf.

Als der Erhabene wusste, dass Yasa aufnahmefähig, sanftmütig, un-


voreingenommen, begeistert und vertrauensvoll war, da verkündete er die
Kernaussage der Lehrdarlegung der Buddhas: Unzulänglichkeit [dukkha],
Entstehen (davon), Überwindung (davon) und den Weg (dazu).” 2

Die Kernaussage ist demnach die Lehrdarlegung der vier Wahrheiten der Edlen. Diese
wiederum lassen sich kürzen auf Buddhas Aussage: ich lehre nur das Leiden und seine
Auflösung3. Oder anders ausgedrückt ist es die Lehre vom Leiden und Nirvana. Ich verstehe
in diesem Aufsatz unter Essenz entsprechend Nirvana und den Heiligen, der Nirvana ver-
körpert. Diese Vorgehensweise wir auch vom Dalai Lama gestützt:

„Wenn wir an den Buddhismus denken, sollte uns zuerst die Bedeutung
der Befreiung, des Nirvana einfallen. Wir sollten uns fragen, was die

1
(Dalai Lama 1997, 17); für weitere Buddhismen siehe (pamokkha 2017)
2
(Santuttho 2011, 40)
3
Siehe u.a. MN22
1
Qualität der Befreiung ist und wie sie erlangt wird. Das ist die Essenz
des Buddhismus“4.

Der Plural im Titel nimmt die Schlussfolgerung schon vorweg, dass die Essenzen in
den Buddhismen ungleich sind.

Die Beschränkung auf zwei Themen – Nirvana und Heilige – mit jeweils einem Aspekt
dient der Komplexitätsreduzierung, die es [mir] erst ermöglicht, das Themengebiet zu
überblicken und zu einer Schlussfolgerung zu kommen.

DIE NIRVANA
Ein Aspekt, den der Dalai Lama hervorhebt, um das Nirvana der unteren und höheren
Schulen zu unterscheiden, ist, was mit dem Bewusstsein eines Heiligen zum Zeitpunkt
seines Todes passiert. Der Dalai Lama sagt: „das grundlegende, endgültige, subtilste in-
nerste Bewußtsein bestehe ohne Ende weiter. Es hatte keinen Anfang, und es wird kein
Ende haben. Dieses Bewußtsein wird weiterbestehen“ 5 und etwas ausführlicher:

„Vom Standpunkt des Mahayana-Buddhismus ist er [das individuelle


Geistkontinuum] auch endlos. Dagegen nimmt das Theravada-System an, daß
es keine weitere Fortsetzung des Ich gibt, wenn jemand die Buddhaschaft
erreicht hat und dann stirbt. Das ist die Lehrmeinung der Vaibhasika-
Schule. Doch die Cittamatra- und Madhyamaka-Schule im Mahayana vertreten
die Meinung, daß das Kontinuum des Geistes weitergeht. Die grundlegende
Theorie dabei ist: Auf der subtilen Ebene, der Ebene seiner eigentlichen
Natur, ist der Geist rein. Weil die grundlegende Natur des Geistes rein
ist, gibt es keinen Grund für die Annahme, daß der Geist selbst auch
aufhören müßte, wenn alle Befleckungen zu einem Ende gebracht wurden
und der Geist vollkommen geläutert ist. Der Geist besteht weiter. Ge-
nauso setzt sich auch die Materie in verschiedenen Formen immer weiter
fort. Das Kontinuum ist anfangslos, und es hat kein Ende“6.

Der bekannte westliche Dharmalehrer B. Alan Wallace, der den Dalai Lama als seinen
Wurzellama ansieht, greift diesen Punkt in seinem Vortrag Meaning of Enlightenment in
Bodhgaya auf:

„If you read the Mahayana perspective on the Buddha’s parinibbana,


it wasn’t just going through the jhanas and then out like a light and
then total extinction and end of the story and that’s the end of the
Buddha... That is the Theravada position and the Mahayana position says:

4
(Dalai Lama 1999, Heft 51, 6)
5
(Dalai Lama 1997, 35)
6
(Dalai Lama 1997, 62)
2
‚well boy, you didn’t get that one right. You got a lot right about his
awakening, but man, you totally missed the ball when it came to his
parinibbana’“7.

Es ist also deutlich, dass der Dalai Lama Unterschiede sieht im Nirvana-Verständnis
der buddhistischen Konfession. Die unteren Schulen lehren mit Todeseintritt ein Verlöschen
des individuellen Geistkontinuums wohingegen die höheren Schulen ein Weiterbestehen
des Geistkontinuums lehren.

DIE HEILIGEN
Die Heiligen sind diejenigen, die erwacht sind und damit Nirvana verkörpern. Auch
hier beschränke ich mich wieder auf nur einen Aspekt, um den Unterschied zwischen den
Konfessionen herauszuarbeiten. Betrachten tue ich das Sexualverhalten der Heiligen. Zu-
erst wieder Aussagen der höheren Schulen, wie sie in einer Einführung zum Tibetischen
Buddhismus von Tenzin Peljor dargestellt werden mit Zitaten des Dalai Lamas:

„Hoch entwickelte männliche oder weibliche Bodhisattvas können sich


ab einem bestimmten Punkt der geistigen Entwicklung auch auf einen
qualifizierten tantrischen Gefährten stützen, um zu lernen, wie man die
subtilsten inneren Energien, die den Geist tragen, kontrolliert. Obwohl
die sexuelle Vereinigung und die damit verbundene Praxis bei Westlern
stets reges Interesse und Projektionen hervorruft, sollte nicht unter-
schätzt werden, dass die allerwenigsten für sie qualifiziert sind. Auf
die Frage, wer denn dazu qualifiziert sei, antwortete der Dalai Lama,
dass nur eine solche Person qualifiziert sei, die alle Phänomene der
Erscheinungswelt (des Existenzkreislaufes, Samsara) mit vollkommener
Unparteilichkeit / Gleichmut betrachtet:

‘Wahrhaftig, man kann diese Praxis nur ausüben, wenn man überhaupt
kein sexuelles Verlangen mehr hat. Die Art der Realisation die erfor-
derlich ist kann man wie folgt beschreiben: Wenn jemand dir einen Kelch
mit Wein und ein Glas mit Urin gibt oder einen Teller mit deliziösem
Essen und einen mit Exkrementen, musst du geistig in der Lage sein,
ohne Unterscheidung von allen vieren zu kosten. Es darf für dich kein
Unterschied sein, was du zu dir nimmst. Dann vielleicht kannst Du diese
Praxis [der sexuellen Vereinigung] praktizieren.’

Der Dalai Lama gab zu, dass er keinen Lama nennen könne, von dem er
denkt, dieser habe diese Ebene der Verwirklichung erreicht. Lediglich

7
(Wallace k.A., ab 1:06:13); siehe ebenfalls (Smith 2018): „The difference is that the hinayāna nirvana with-
out remainders is a faux nirvana, it is merely a samādhi of cessation after an arhat dies. The nirvana without
remainder in Atiyoga is rainbow body where there are no remaining contaminated aggregates”.
3
große Meister, wie z.B. der Inder Tilopa (988–1069), die alle Anhaftun-
gen an konventionelle Dinge transzendiert haben, seien in der Lage
sexuelle tantrische Praktiken zu nutzen, ohne sich selbst oder ihren
Schülern zu schaden. Aber solche außergewöhnlichen Individuen, fügte er
hinzu, seien sehr selten.”

„Der Dalai Lama sagte 1993 auf einer Lehrer-Konferenz in Dharamsala:


»Auf einer sehr fortgeschrittenen Ebene der höchsten tantrischen Prak-
tiken ist die Vereinigung der männlichen und weiblichen Geschlechtsor-
gane eine Technik, den subtilsten Geist zu manifestieren und die tiefste
Weisheit über die Realität zu erlangen. Hierbei nutzt man den physischen
Körper als Werkzeug, um Einsicht zu vertiefen...“.8

Hier wird nicht direkt von Heiligen gesprochen jedoch von „hoch entwickelten Bodhi-
sattvas“, „die allerwenigstens dafür qualifiziert sind“, „Personen, die alle Phänomene der
Erscheinungswelt mit vollkommenen Gleichmut betrachten“, „dem Dalai Lama ist kein so
hoch entwickelter Lama bekannt“ und „nur große Meister, wie Tilopa, die alle Anhaftungen
an konventionelle Dinge transzendiert haben“ usw.

Demgegenüber finden sich in den frühbuddhistischen Texten zu diesem Aspekt fol-


gende Aussagen des Buddhas:

“Der Mönch, der ein Heiliger ist ... ein solcher ist nicht mehr
imstande, neun Dinge zu verüben:

Nicht ist der triebversiegte Mönch imstande, wissentlich ein Wesen


des Lebens zu berauben; nicht ist er imstande, etwas ihm nicht Gegebenes
sich mit diebischer Absicht anzueignen; nicht ist er imstande, sich
geschlechtlich zu betätigen; nicht ist er imstande, wissentlich die
Unwahrheit zu sprechen; nicht ist er imstande, aufgespeichertes Gut zu
genießen, wie früher als er noch im Hause lebte; nicht ist er imstande,
den üblen Weg der Begehrlichkeit zu gehen; nicht ist er imstande, den
üblen Weg der Gehässigkeit zu gehen; nicht ist er imstande, den üblen
Weg der Verblendung zu gehen; nicht ist er imstande, den üblen Weg der
Furcht zu gehen”9.

Die Heiligen werden im Hinblick auf die Ausübung von Geschlechtsverkehr unterschiedlich
beschrieben. Wo der Dalai Lama lehrt, erst ein hochentwickelter Bodhisattva ist zu rech-
tem Geschlechtsverkehr fähig, wird der Heilige in den unteren Schulen als handlungsbe-
schränkt beschrieben, der nicht mehr imstande ist, Geschlechtsverkehr auszuüben.

8
(Peljor 2013)
9
Sutava-sutta (AN 9.7), zit. nach: https://suttacentral.net/de/an9.7, meine Hervorhebung
4
LEIDEN UND NIRVANA
Ich vermute, der Unterschied im Hinblick auf Nirvana gründet sich in einem unter-
schiedlichen Verständnis, was Leiden (dukkha) ist. Dem Dalai Lama nach gibt es gemäß
den höheren Schulen Himmelswelten, die nicht zum Daseinskreislauf (samsara) gehören. 10
Damit gibt es Existenz außerhalb des Daseinskreislauf, was die Möglichkeit eines nachtod-
lichen Nirvana mit individuellem Bewusstseinskontinuum erst ermöglicht. Dies scheint mir
aber, zumindest ein subtiles Begehren nach dem Unkörperlichen (aruparaga) zu sein, was
aufgrund einer ungenügenden Durchschauung der Wahrheit vom Leiden als Fessel fortbe-
steht und kein rechtes Verständnis von Nirvana darstellt.

SCHLUSSFOLGERUNG
Beide Themen – Nirvana und Heiliger – werden in den unteren und höheren Schulen
abweichend beschrieben. Aus den abweichenden Beschreibungen dieser zentralen bud-
dhistischen Kernaussagen schließe ich, dass die Essenzen in den Buddhismen ungleich
sind.

10
(Dalai Lama 1997, 38)
5
LITERATURVERZEICHNIS
Dalai Lama. „Praktizieren Sie die Essenz des Buddhismus!“ Tibet und Buddhismus, 1999,
Heft 51: 4-7.

—. Tod und Unsterblichkeit: über die Buddha-Natur. Freiburg im Breisgau, Basel, Wien:
Herder/Spektrum, 1997.

pamokkha. Buddhismen und ihre Begriffsbestimmung: Gedanken zum Buddhismus . 20.


04 2017. https://de.scribd.com/document/345067636/Buddhismen-und-ihre-
Begriffsbestimmung-Gedanken-zum-Buddhismus (Zugriff am 13. 11 2017).

Peljor, Tenzin. Tibetischer Buddhismus. 02. 12 2013. https://info-


buddhismus.de/Tibetischer_Buddhismus.html (Zugriff am 13. 11 2017).

Santuttho. Mahavagga: die große Gruppe aus der Sammlung der buddhistischen
Ordensregeln. Heidelberg: Werner Kristkeitz Verlag, 2011.

Smith, Malcom. Dharmawheel.net: Parinirvana without remainder. 15. 01 2018.


https://dharmawheel.net/viewtopic.php?f=48&t=27607&sid=12c06d6796f746f3c
9ceaedcdd2d7d76#p429684 (Zugriff am 17. 01 2018).

Wallace, B. Alan. Meaning of Enlightenment. Bodhgaya:


https://www.youtube.com/watch?v=m34izufsuQI, k.A.

6
Añño esa āvuso gatakassa maggo nāma
Der Pfad, Freund, ist anders für den, der ihn gegangen ist.