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B.I.R.S.A.

Nationale Kampagne und Konsultation

Jharkhand 2010

Wer sind die Wilden in unserer Heimat?

Erklärung

Diese Erklärung wurde von den Teilnehmern der nationalen Kampagne und
Konsultation: „Wer sind die Wilden in unserer Heimat?“ im Bagachia Conference
Centre in Namkum / Ranchi (Jharkhand1) verfasst.

Wir haben beschlossen, uns hier am 8. Juni 2010, einen Tag vor dem 109. Jahrestag
des Märtyrertodes Birsa Mundas, zu versammeln. Am Vorabend dieses historischen
Tages wollen wir bei allem notwendigen Respekt erklären:

I. Dass wir uns als Individuen und Repräsentanten von über 30


Einzelpersonen, sozialen Organisationen und Arbeiterbewegungen, die
sich für die Rechte der Adivasi einsetzen, zusammengefunden haben, um
die in den letzten zwei Jahren (2008-2010) stark angestiegenen
Körperverletzungen und Morde an unseren friedliebenden Mitmenschen zu
diskutieren.

II. Dass wir gegenwärtig per Mehrheitsentscheid über das Konzept unseres
Memorandums und dessen Inhalt abgestimmt haben und es unseren
Leuten in den entlegenen Gebieten unseres Landes zur Reflexion und
Erörterung darlegen werden. Das Konzept unseres Memorandums lautet:

„Was passiert in unserer Region Jharkhand heute im Jahr 2010?“

III. Wir versichern, dass wir Adivasi seit unserer Geburt erleben, wie aufgrund
von massiver industrieller Expansion, insbesondere durch Bergbau und
seiner angegliederten Industrien,

A. die Adivasi in Tausenden abwandern, um sich als Zwangsarbeiter im


Baugewerbe oder als Hausangestellte zu verdingen.

1
Initiiert durch das „Bindrai Institute for Research Study & Action B.I.R.S.A. & DELHI FORUM“. BIRSA is
supported by MISEREOR & BftW Germany. www.birsa.in www.firstpeoplesfirst.in
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B. Außenstehende in Massen einwandern, um Jobs (eingeschlossen


Arbeitsplätze in der Regierung und Verwaltung) zu erlangen und wir so
zu einer Minderheit in unserem eigenen Land gemacht werden.

C. viele unserer Leute Krankheit, einer verminderten Lebensdauer und


viel zu oft einem frühen, grausamen Tod gegenüberstehen. Die
Zerstörung unserer Wälder und Wasserressourcen hat Dürren
herbeigeführt, die Hunger und Unterernährung nach sich ziehen.

IV. Unabhängig davon, wie die Außenwelt ihre Handlungen uns gegenüber
interpretiert, betrachten wir, die Delegierten dieser Versammlung, die
geschilderte Entwicklung als anhaltenden Genozid. Daher ersuchen wir
alle Beteiligten diese Gewalt nicht mit bloßen polemischen Diskursen oder
Diskussionen über Entwicklungsmodelle zu bagatellisieren.

V. Als Bürger dieses Landes würden wir gerne glauben, dass sich der
indische Staat aufgrund verschiedener rechtlicher Vorkehrungen,
insbesondere des „Vth and VIth Schedule“ sowie seiner Befürwortung
verschiedener UN-Deklarationen, dem Schutz unserer Rechte verpflichtet
fühlt.

VI. Wenn wir jedoch sehen, dass der indische Staat vom Zeitpunkt seiner
Entstehung an keinerlei systematische Erfassung der Anzahl unserer
Leute, welche von ihrem rechtmäßigen Land vertrieben wurden noch von
den einem Völkermord gleichenden Konsequenzen dieser Handlungen,
durchführt, sind wir gezwungen, die Ernsthaftigkeit dieser Verpflichtungen
anzuzweifeln.

VII. Und wenn wir sehen, was der indische Staat in dieser Region getan hat,
um die Zwangsenteignung unseres kollektiven Eigentums und dessen
Überführung an Industrie und Unternehmen zu fördern, wird unser
Verdacht bestätigt.

VIII. Wir, die Adivasi und Dalits Indiens, sind die einzige große Gemeinschaft,
welche der Staat im Namen des so genannten Wirtschaftswachstums
Indiens aufgrund von „freiem“ Land, „freien“ Walderzeugnissen, „freien“
Rohstoffen (eingeschlossen 80 Prozent des Energie- und 100 Prozent des
Uranbedarfs des Landes), „freiem“ Wasser und vor allem beinahe
kostenloser Arbeitskraft betrogen und ausgebeutet hat.

IX. Wir sind überzeugt, dass - neben Rasse und Kaste - der eben erwähnte
Punkt Nr. VIII der ausschlaggebende Grund dafür ist, dass wir nicht als voll
gleichberechtigte Bürger behandelt werden, da dies nach sich ziehen
würde, dass die herrschenden höheren Kasten und Klassen die
entscheidende Bedeutung unserer Rolle in der Entwicklung Indiens
anerkennen müssten.

X. Die Fortführung der Körperverletzung, des Abschlachtens und des Abbaus


demokratischer Strukturen ist deshalb gleichbedeutend mit der Fortführung
der erwähnten Enteignung von Ressourcen.

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XI. Wir, die Adivasi, welche eine Ökonomie leben, die Frieden bewirkt, werden
niemals von unserem grundlegenden Respekt vor dem Leben und vor
Lebendigem abweichen und wir verpflichten uns, diese spirituelle Tradition
unserer Vorfahren weiterzuführen.

XII. Wir fordern alle friedliebenden Menschen auf, ein ökonomisches System,
welches die Bürger ausbeutet, in Frage zu stellen und bitten sie, sich uns
durch ihre Unterstützung anzuschließen.
Unsere Forderungen:

1. Wir fordern Wiedergutmachungsleistungen, juristische Aufarbeitung und


Gerechtigkeit in allen Fällen von Verbrechen durch Großunternehmen.

2. Vor diesem Hintergrund fordern wir ein zwanzigjähriges Moratorium für alle
neuen Genehmigungen für den Bergbau und hinsichtlich der Verlängerung
bestehender Lizenzen für derartige Zwecke.

3. Wir fordern eine Erfassung aller Rohstoffe und Waldressourcen, die uns
seit der indischen Unabhängigkeit (1947) entwendet wurden.

4. Wir fordern einen Bericht des Staates, wo sich unsere zwangsenteigneten


und vermissten Angehörigen befinden.

Während der letzten sieben Jahre haben sich die Menschen von Jharkhand
organisiert, um sich erfolgreich gegen neue Großprojekte auf ihrem Land zur Wehr
zu setzen. Wir möchten unsere Bewunderung ausdrücken für diese mutigen Frauen,
Kinder und Männer, die beweisen, dass sie die wahren Nachkommen unserer
Vorfahren sind, welche dafür gekämpft und ihr Leben gegeben haben, um das zu
erhalten, was es bedeutet, ein Adivasi-Kind genannt zu werden.

Jharkhand Ranchi, 8. Juni 2010

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