Sie sind auf Seite 1von 16
Gestern – Heute – Morgen – Erinnern und Gedenken an rechte Gewalt & Terror Nazimorde
Gestern – Heute – Morgen –
Erinnern und Gedenken an rechte
Gewalt & Terror
Nazimorde in Rheinland-Pfalz und der schwierige
Weg der Anerkennung in Zeiten des gesellschaft-
lichen Rechtsrucks
Ein Beitrag für eine antifaschistische Erinnerungskultur und eine erinnerungs- politische Auseinandersetzung mit dem
Ein Beitrag für eine antifaschistische
Erinnerungskultur und eine erinnerungs-
politische Auseinandersetzung mit dem Thema
rechte Gewalt.
Bündnis Remagen Nazifrei in Zusammenarbeit mit:
Initiative Kein Vergessen Koblenz
Initiative gegen das Vergessen Hachenburg
Initiative Gedenkstätte für Dieter Klaus Klein
Oktober 2017

Kein Vergessen – rechter Terror gestern und heute

Am 18. November 2017 marschieren zum neunten Mal in Folge Neonazis für ihren selbsternannten „Trauermarsch“ in Rema- gen auf. OrganisatorInnen sind Neonazis des Aktionsbüros Mittelrhein, einer Neonazistruk- tur, die im Kreis Ahrweiler über Jahre hinweg für eine Angststimmung sorgte. Insbesondere linke und alternative Jugendliche waren be- troffen von Anfeindungen und Attacken – ei- ner der Gründe, aus denen die Neonazis in den letzten Jahren vor Gericht standen. Der Vor- wurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Das Bündnis Remagen Nazifrei engagiert sich seit mehreren Jahren gegen den Nazi- aufmarsch. Dieses Jahr wollen wir das Thema rechte Gewalt in den Vordergrund der Gegen- proteste rücken. Die Betroffenen von rechter Gewalt werden oftmals ignoriert, alleine gelassen und geraten in Vergessenheit.

Die Neonazis marschieren jährlich in Remagen auf, um an einen angeblichen Massenmord an deutschen Kriegsgefangenen durch die Alliier- ten zu erinnern. Remagen ist nicht zufällig ein Ort, an dem sich Neonazis auf eine verdrehte Geschichte beziehen. In Remagen gab es nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands eines der sogenannten Rheinwiesenlager. Diese waren Kriegsgefangenenlager der Alliierten. Vor Ort sind die Rheinwiesenlager auch heute noch Gegenstand politischer Auseinandersetzung und verschiedener erinnerungspolitischer Deutungen.

Die Region um Remagen ist aber auch eine Region, in der eine neue, bundesrepublika- nische Form rechter Gewalt stattfand. Vor den Umtrieben des Aktionsbüros Mittelrheins gab es im Kreis Ahrweiler schon in den 1990er Jahren eine aktive Neonaziszene. Im Kontext des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der völkisch-rassistischen Aufbruchstimmung der 1990er Jahre kam es zu mindestens drei Morden durch Neonazis in Rheinland-Pfalz:

im Westerwald, in Koblenz und in Bad Breisig bei Remagen. Zwei der Morde trafen die Opfer aufgrund ihres sozialen Status. Beide waren wohnungslos und somit sozial mar- ginalisierte Personen. In Koblenz schoss am 24. August 1992 ein Neonazi in eine Gruppe von Wohnungslosen, Punks und Alternativen. Eine Kugel tötete Frank Bönisch. Nur wenige Wochen zuvor hatten zwei Neonazis Dieter Klaus Klein im Bad Breisiger Stadtpark brutal erstochen. Seit mehreren Jahren arbeiten verschiedene lokale Gedenkinitiativen an der Aufarbeitung von Neonazigewalt und der be- kannten Morde. Staatlich anerkannt als rechte Tat ist keine dieser Verbrechen.

Mit dieser Informationsbroschüre wollen wir die politische Diskussion über den Umgang mit solchen Gewalttaten durch Neonazis stärken. Ziel ist es, eine antifaschistische Erinnerungs- politik zu unterstützen. Dabei geht es aber auch um das Erinnern an Opfer rechter Gewalt heute – gerade in Zeiten in denen wieder ein deutscher Nationalismus heraufbeschworen und wieder von einem Wir und Die Anderen die Rede ist. Auch heute brennen wieder Asyl- unterkünfte, sind Randgruppen wieder Ziel von Übergriffen und Anschlägen. Es ist jener Rassismus, der bereits 1992 zutage kam und heute wieder salonfähig gemacht wird.

Solidarität mit den Betroffenen von rechter Gewalt. Antifaschistische Spurensuche der Initiative Kein Verges- sen am
Solidarität mit den Betroffenen von rechter Gewalt. Antifaschistische Spurensuche der Initiative Kein Verges- sen am
Solidarität mit den Betroffenen von rechter Gewalt. Antifaschistische Spurensuche der Initiative Kein Verges- sen am

Solidarität mit den Betroffenen von rechter Gewalt. Antifaschistische Spurensuche der Initiative Kein Verges- sen am Tag vor einem Naziaufmarsch in Koblenz.

Wir wollen darauf aufmerksam machen:

Rechte Gewalt und rechter Terror kennen keinen Schlussstrich nach 1945. Eine Ideologie der Menschenfeindlichkeit ist in der Konse- quenz immer noch mörderisch.

Wir fordern:

Die lokale und staatliche Anerkennung der Opfer rechter Gewalt. Eine unabhän- gige Überprüfung der nicht anerkannten Taten sowie von Verdachtsfällen.Wir fordern: Eine kritische und antifaschistische Erin- nerungspolitik zum Nationalsozialismus Die gesellschaftliche

Eine kritische und antifaschistische Erin- nerungspolitik zum Nationalsozialismusder nicht anerkannten Taten sowie von Verdachtsfällen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln von

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Wurzeln von rassistischer und neonazistischer Ideologie und Gewalt!Erin- nerungspolitik zum Nationalsozialismus Gemeinsam treten wir für eine Gesell- schaft ein, in der

Gemeinsam treten wir für eine Gesell- schaft ein, in der jede*r ohne Angst ver- schieden sein kann

schaft ein, in der jede*r ohne Angst ver- schieden sein kann Kundgebung am Todestag von Frank

Kundgebung am Todestag von Frank Bönisch, organisiert von der Initiative Kein Vergessen Koblenz.

Die Opfer rechter Gewalt – ein schwerer Weg der Anerkennung

Die Selbstenttarnung der neonazistischen Terrororganisation Nationalsozialistischer Un- tergrund (NSU) im November 2011 zeigte auch die fehlende Sensibilisierung für rechten Terror und rechte Gewalt in Deutschland. Dabei verweisen zivilgesellschaftliche Initiativen seit Jahren auf die Dimensionen rechter Gewalt. Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählt seit dem Jahr 1990 mindestens 179 Todesopfer. Dut- zende Verdachtsfälle sind bis heute ungeklärt. Das Bundesinnenministerium hingegen hat offiziell nach wie vor nur 75 Todesopfer als Opfer rechter Gewalt anerkannt.

Info

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es mindestens drei Taten, die zwar nicht in der offiziellen Opferstatistik auftauchen, jedoch einen klaren rechten Hintergrund aufweisen.

Am 28. Dezember 1990 wurde der 17-jäh- rige Kurde Nihad Yusufoglu in Hachen- burg von einem Neonaziskin erstochen.jedoch einen klaren rechten Hintergrund aufweisen. In der Nacht auf den 1. August 1992 erstachen zwei

In der Nacht auf den 1. August 1992 erstachen zwei Neonazis in Bad Breisig den Wohnungslosen Dieter Klaus Klein.Yusufoglu in Hachen- burg von einem Neonaziskin erstochen. Am 24. August 1992 erschoss ein Neonazi den

Am 24. August 1992 erschoss ein Neonazi den Wohnungslosen Frank Bönisch in Koblenz und verletzte mehrere weitere Personen.In der Nacht auf den 1. August 1992 erstachen zwei Neonazis in Bad Breisig den Wohnungslosen

Es gibt noch weitere Vorfälle in Rheinland- Pfalz aus dieser Zeit, bei denen ein rechter Hintergrund nicht glaubwürdig ausgeschlos- sen wurde. Die müssten dringend auf ihren politischen Hintergrund geprüft werden.

Gerade für den Zeitraum zwischen 1990 und 2000 finden sich viele Fälle, die von offizieller Seite nicht als rechte Gewalttaten anerkannt werden. Dies liegt nicht allein am Verhalten und Ermessensspielraum einzelner BeamtIn- nen vor Ort. Ein weiterer Grund hierfür ist der Extremismusbegriff der Behörden.

Rechte Gewalt und die Extremismustheorie

Nur Taten, die sich während des Tathergangs eindeutig gegen die freiheitlich demo- kratische Grundordnung richten und eine Systemüberwindung zum Ziel haben, sind für die Behörden extremistisch. Eine klar rassistisch motivierte Tat, die aber nicht gegen die Staatsordnung gerichtet ist, gilt damit nicht als extremistisch und taucht in den Statisti- ken nicht auf.

Wir lehnen die Extremismustheorie grund- sätzlich ab. Antidemokratische und men- schenfeindliche Einstellungen lassen sich nicht über die Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung fassen und verstehen. Um dies auch sprachlich deutlich zu machen, vermeiden wir den Begriff „extremistisch“ und verwenden stattdessen „extrem rechts“

Durch diese verengte Perspektive der Sicherheitsbehörden waren die Motive der Taten oftmals nicht ausreichend Gegenstand

Durch diese verengte Perspektive der Sicherheitsbehörden waren die Motive der Taten oftmals nicht ausreichend Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen. Aber auch in Fällen, in denen die Ermittlungen deutliche Hinweise auf eine rassistische und neonazisti- sche Motivlage erkannten, waren diese dann oft kein Bestandteil der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft und noch seltener Gegen- stand der Gerichtsverhandlung und damit des Urteils. Mit dieser Praxis wurden und werden rechte Taten noch immer entpolitisiert.

Bundesweit überprüfte das Bundeskriminal-

amt in Zusammenarbeit mit den Landeskrimi- nalämtern nach dem Auffliegen des NSU Altfälle auf ihren möglicherweise rechten Hintergrund. Die Prüfung der Altfälle von

1990 bis 2011 erfolgte in der Zuständigkeit der

Länder. Dazu wurden auch neue Indikatoren eingeführt, die eine extrem rechte Motivlage mit einbeziehen sollten, so unter anderem die Herkunft und Nationalität, aber auch der ge- sellschaftliche Status der Opfer (z. B. Obdach- losigkeit oder Drogenabhängigkeit).

Nach der Überprüfung korrigierte das

Bundesinnenministerium die Zahl der seit

1990 bei Anschlägen mit rechtsextremem

Hintergrund ermordeten Personen von 58 auf 75. Die rheinland-pfälzischen Morde sind weiterhin – trotz der neuen Indikatoren wie Obdachlosigkeit – kein Teil dieser Liste. Das Bundesinnenministerium listet weiterhin über 100 Todesopfer weniger auf, als verschiedene Initiativen und journalistische Recherchen.

Trotz der fehlenden staatlichen Anerkennung wurden für die Morde in Hachenburg und Koblenz in den letzten Jahren Gedenktafeln errichtet, die an die Taten und den rechten Hintergrund erinnern. Lokale Gedenkinitiativen hatten mit umfangreicher Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit die nötigen

Voraussetzungen geschaffen. In Bad Breisig fehlt ein solcher Ort der Erinnerung an den brutalen Mord an Dieter Klaus Klein.

Ein Positivbeispiel gegenüber der Über- prüfung durch das Innenministerium und Bundeskriminalamt ist das Verfahren des Landes Brandenburg. Anders als in anderen Bundesländern werden in Brandenburg die Zivilgesellschaft und Opferverbände in die Überprüfung der Fälle mit eingezogen. So wurden in Brandenburg neun der 17 neu anerkannten Morde als rechte Gewalttaten anerkannt.

Tipp

Auf ihrer Homepage hat die Amadeu Anto- nio Stiftung viele Infos und Publikationen zum Thema rechte Gewalt zusammenge- stellt.

Seit ihrer Gründung 1998 ist es das Ziel der Amadeu Antonio Stiftung, eine demokra- tische Zivilgesellschaft zu stärken, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de

Rechte Gewalt und ihre Opfer in Rheinland-Pfalz

Die nationalistisch aufgeheizte Stimmung und die mit ihr einhergehende Welle der Gewalt machte auch vor Rheinland-Pfalz nicht Halt. Heute sind mindestens drei Mordtaten mit einem extrem rechten Hintergrund bekannt. Keiner dieser Fälle ist staatlich anerkannt, jedoch erinnern in allen drei Fällen zivilgesell- schaftliche Initiativen an die Taten und ihren politischen Hintergrund. Ziel dieser Initiativen ist, es an die Betroffenen dieser Gewalt zu erinnern, den gesellschafts-politischen Hin- tergrund hervorzuheben und auf die Kontinui- täten rechter Gewalt aufmerksam zu machen. Ziel war und ist es vor Ort Erinnerungsorte zu schaffen, die den individuellen Opfern und der konkreten Tat erinnern, aber auch zur Mahnung aufrufen.

Nihad Yusufoglu, Hachenburg

aber auch zur Mahnung aufrufen. Nihad Yusufoglu, Hachenburg Nihad Yusufoglu Am Abend des 28.12.1990 wurde der

Nihad Yusufoglu

Am Abend des 28.12.1990 wurde der 17-jähri- ge kurdische Flüchtling Nihad Yusufoglu in Hachenburg von einem gleichalt- rigen Nazi-Skin- head erstochen. Vorausgegangen

waren wochen- lange Beleidigungen und Bedrohungen durch die Neonazis, die gegenüber der Wohnung von Nihads Familie in einem Parkhaus ihren Treffpunkt hatten. So gab es schon Wochen vor dem Mord an Nihad faschistische Schmierereien im Parkhaus, Anfeindungen und Flaschenwürfe auf die Roll- läden der achtköpfigen Familie im dicht be- wohnten Gebiet.

der achtköpfigen Familie im dicht be- wohnten Gebiet. „Erinnern heißt widerstehen“. Auf Bestreben der

„Erinnern heißt widerstehen“. Auf Bestreben der Initiative ge- gen das Vergessen Hachenburg wurde 2015 eine Gedenktafel an einem Parkhaus gegenüber dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Yusufoglu angebracht. Der Besitzer des Hauses war nicht damit einverstanden, die Gedenktafel an der Haus- wand anzubringen.

Der Täter wurde gefasst und gehörte laut Staatsanwaltschaft Koblenz zum Umfeld der extrem rechten Gruppierung Taunusfront. Das Landgericht verurteilte den Täter wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren. Ein „rechtsextremer Hintergrund“ sei zwar zu erkennen, aber ein „rechtsextremis- tisches Motiv“ sei dem Täter zum Zeitpunkt des Messerstichs nicht nachzuweisen. Ein typischer Fall für die Entpolitisierung sol- cher Taten: Entscheidend für das Gericht war nicht die ideologische Motivlage, sondern die unmittelbare Motivlage während des Messerstichs. Dass die rassistische Aggression gegenüber der Familie Yusufoglu im Vorfeld der Tat und die Eskalation der Situation in einem Zusammenhang standen, wird in einem solchen Urteil nicht gewürdigt.

Der Mord an Nihad sorgte für großes Auf- sehen, kurz danach fand eine große De- monstration in Hachenburg statt. Die Familie von Nihad wollte trotz Anteilnahme nicht in Hachenburg wohnen bleiben und zog nach Norddeutschland um. Zwanzig Jahre nach dem Mord, im Jahr 2010, fand eine Demonst- ration statt, um an Nihad zu erinnern. Auf der Demonstration sprach auch Bürgermeister

Peter Glöckner, er hatte die Familie Yusofoglu betreut und über die Jahre Kontakt gehalten. Es

Peter Glöckner, er hatte die Familie Yusofoglu betreut und über die Jahre Kontakt gehalten. Es folgten weitere Gedenkveranstaltungen, an denen sich auch Angehörige von Nihad beteiligten. Im Jahr 2015 wurde von der Ini- tiative gegen das Vergessen Hachenburg in Zusammenarbeit mit der Stadt Hachenburg eine Gedenktafel gegenüber vom ehemaligen Wohnhaus angebracht.

Frank Bönisch, Koblenz

vom ehemaligen Wohnhaus angebracht. Frank Bönisch, Koblenz Frank Bönisch Am 24. August 1992 erschoss ein Neonazi

Frank Bönisch

Am 24. August 1992 erschoss ein Neonazi den Wohnungslosen Frank Bönisch und verletzte mehrere weitere Personen. Mit den Worten „Jetzt knall ich euch alle ab“ schoss der Täter

auf eine Gruppe Menschen. Die Betroffenen waren Menschen, die sich oft am Zentralplatz aufhielten: Woh- nungslose, Punks, Alternative und Drogenab- hängige. Für den Täter hatten diese Menschen kein Lebensrecht. Das Gericht stellte später im Prozess fest, dass der Täter „aus Hass auf Obdachlose / Sozial Randständige“ gehandelt habe. Genau diese Gruppen von Menschen wurden und werden noch immer diskriminiert und ausgegrenzt

Der Täter kam aus dem Umfeld der damaligen Koblenzer Neonazi-Organisation Deutsche Front Coblenz (DFC) und hatte den Szene- namen Deutscher Andy. Die DFC war wegen brutaler Übergriffe überregional bekannt. Der Täter gehörte nicht zum harten Kern, sondern war eher eine Randfigur und wollte sich mit der Tat vor den anderen beweisen. Der Zeitpunkt der Tat ist dabei kein Zufall: In

Rostock-Lichtenhagen fanden gleichzeitig die Ausschreitungen gegen ein Wohnheim für Aslybewer- berInnen und VertragsarbeiterInnen statt. Der Deutsche Andy hielt die Zeit für reif, um auch in Koblenz loszuschlagen.

Die Initiative Kein Vergessen Koblenz forderte seit 2011 eine Gedenktafel an den Anschlag vom Zentralplatz und die Anerkennung des politischen Hintergrunds. Die Stadt kam den Forderungen nach und errichtete eine Gedenktafel auf dem neugestalteten Zen- tralplatz. Jährlich erinnert die Initiative mit verschiedenen politischen und kulturellen Veranstaltungen an die Tat. Aber auch wenn in Koblenz Neonazis aufmarschieren wollen organisiert die Initiative Gegenprotest, z. B. in Form von antifaschistischen Spurensuchen.

Bei den Gedenkveranstaltungen beteiligten sich auch Menschen die damals ebenfalls angeschossen worden waren sowie Freunde von Frank Bönisch. Einer erinnerte daran, dass Frank ein friedlicher Mensch war, der dafür bekannt war mit seiner Gitarre Songs von Ten Years After zu singen. Einem anderen war es wichtig darauf hinzuweisen, dass Frank Bönisch kein Obdachloser war, sondern ein Alternativer, der sich auch an Anti-Nazi-Aktio- nen beteiligt hatte.

der sich auch an Anti-Nazi-Aktio- nen beteiligt hatte. Gedenkplatte für Frank Bönisch am Zentralplatz. Der Tatort

Gedenkplatte für Frank Bönisch am Zentralplatz. Der Tatort befand sich nur einige Meter von der Gedenkplatte entfernt. Heute befindet sich dort ein Blumenbeet.

Dieter Klaus Klein, Bad Breisig

Dieter Klaus Klein, Bad Breisig Dieter Klaus Klein In der Nacht vom 31. Juli auf den

Dieter Klaus Klein

In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1992 wurde Dieter Klaus Klein von zwei Neonazis in Bad Breisig ersto- chen. Die beiden Neonazis hatten im Stadtpark „Sieg Heil“ gegrölt,

Dieter Klaus Klein wachte auf und verbat sich den Krach. Die 17-jährigen Täter wurden 1993 zu Haftstrafen von acht Jahren und drei Monaten bezie- hungsweise sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Obwohl die beiden Täter gegenüber der Polizei bei der Vernehmung ein rechtes Motiv angaben, gingen die Richter im Urteil nicht darauf ein.

Seit einigen Jahren macht die Initiative Gedenk- stätte für Dieter Klaus Klein auf den Mord und seine rechten Hintergründe aufmerksam.

Allerdings öffnet sich in Bad Breisig – anders als in Hachenburg und Koblenz - die Debatte um den Hintergrund der Tat nur langsam. Wie in Koblenz traf der Hass der Täter in Bad Breisig einen Wohnungslosen. Laut der Amadeu-An- tonio-Stiftung waren 25 der 179 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 wohnungslos. Der Hass auf obdachlose Menschen ist Bestandteil rechter Ideologie. Es sind gerade sozial margi- nalisierte Gruppen, die in der rechten Ideologie als unnütz und lebensunwert gelten. Auch die Neonazis vom Aktionsbüro-Mittelrhein be- ziehen sich positiv auf den Mord in Bad-Brei- sig, so gaben sie ihrem Lautsprecherwagen, den sie bundesweit zu Neonaziaufmärschen mitbrachten, das Kennzeichen X 3107. In der Nacht des 31.07.1992 wurde Dieter Klaus Klein ermordet. Dort, wo die Zivilgesellschaft noch keinen angemessenen Umgang mit der rech- ten Tat gefunden hat, besetzen die Neonazis vom Aktionsbüro Mittelrhein die Tat auf ihre menschenverachtende Art und Weise.

Die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe von rechtem Terror und rechter Gewalt

Extrem rechten und neonazistischen Welt- anschauungen liegt unter anderem eine Ideo- logie der Ungleichwertigkeit von Menschen zugrunde. Aufgrund von ihrer gesellschaftli- chen Lage oder von kulturell und biologistisch konstruierten Unterschieden sind Menschen in dieser Ideologie unterschiedlich viel wert. Zugleich wird ein homogenes, „gesundes“ Volk propagiert, das von den „Anderen“ bedroht, ausgenutzt und unterwan- dert werde.

In der Konsequenz legiti- miert eine solche Wel- tanschauung auch Gewalt und die

physische Vernichtung angeblich lebensun- werter Menschen.

Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus und dessen Staatsideologie der „rassischen“ Ungleichwertigkeit, sind Ideologien der Ungleichwertigkeit weiterhin wirkmächtig. Im Zuge der globalen Migrationsprozesse der letzten Jahrzehnte sind insbesondere Flücht- linge massiven Anfeindungen und Ausgren- zung ausgesetzt. Aber auch soziale Randgrup- pen und politische GegnerInnen werden zum Feindbild. Nicht zu vergessen ist der weiterhin in seinen verschiedenen Spielarten weit ver- breitete Antisemitismus.

Insbesondere dann, wenn solche bestehenden Ressentiments und ideologisch gefestigten Feindbilder in einer

Insbesondere dann, wenn solche bestehenden Ressentiments und ideologisch gefestigten Feindbilder in einer gesellschafts-politisch aufgeheizten Stimmung radikalisiert und kanalisiert werden, drohen der rassistischen Weltanschauung konkrete Gewalttaten zu fol- gen. Im Rahmen dieser Stimmung eskalierte die rechte Gewalt beispielsweise in den 1990er Jahren. Allein im Jahr 1992 wurden mindestens 25 Menschen durch rechtsmotivierte Strafta- ten getötet.

Ein Beispiel hierfür ist der Anschlag auf dem Koblenzer Zentralplatz im August 1992. Wäh- rend die Bilder der rassistischen Ausschreitun- gen von Rostock-Lichtenhagen im Fernsehen liefen, fühlte sich der Täter angespornt, nun auch seinen Teil für Volk und Vaterland zu leisten. Er nahm sich eine Waffe aus dem Schrank seines Vaters und schoss auf eine Gruppe von Menschen, denen er aufgrund ihres Lebenstils das Recht auf Leben absprach.

Opfergruppe Wohnungslose:

Die Vergessenen

Neben Menschen, die aufgrund ihrer Her- kunft, ihrer Religion oder ihres Aussehens zu einem fremden „Die“ markiert werden, trifft eine solche Ausgrenzung auch Menschen mit einer abweichenden Lebenshaltung oder einer vermeintlich „unproduktiven“ Lebensweise. Die sozialdarwinistische Abwertung von Obdachlosen war bereits im Nationalsozialismus ein Teil von Program- men zur „Sozialhygiene“. Dem ideologischen Ideal eines „gesunden“ Volkskörpers fol- gend, sollte alles Schädliche „ausgemerzet“ werden. Unter dem Sammelbegriff »Aso- zial« wurden Wohnungslose, Menschen mit geistiger Behinderung und aus anderen sozialen Randgruppen verfolgt. Bei der Akti- on „Arbeitsscheu Reich“ im Jahr 1938

wurden mehr als zehn- tausend Menschen ver- haftet und in Konzentrati- onslager verschleppt. Hunderte Frauen
wurden mehr als zehn-
tausend Menschen ver-
haftet und in Konzentrati-
onslager verschleppt. Hunderte
Frauen wurden zwangssterilisiert,
in den Lagern kamen viele Wohnungs-
lose ums Leben.
Aber auch im Nachkriegsdeutschland
gehören obdachlose Menschen zu einer
stark abgewerteten sozialen Gruppe und
sind oftmals Gewalt- und Hassverbrechen
ausgesetzt. Für große Teile der Bevölke-
rung stören sie die Ordnung des kapitalis-
tischen Alltags, sie gelten als faul, unnütz
und unsozial. Ganz dem Motto, es gilt
das Recht des Stärkeren, folgend werden
wohnungslose Menschen stigmatisiert
und ausgegrenzt. In solch einer Ideolo-
gie des Nach-unten-Tretens, während
man nach oben buckelt, entwickeln sich
Aggressionen gegen die Schwachen. Die
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungs-
losenhilfe geht davon aus, dass von 1989
bis 2000 mindestens 107 wohnungslose
Menschen von TäterInnen außerhalb der
Wohnungslosenszene getötet wurden. Der
Hass auf obdachlose Menschen ist auch
Bestandteil rechter Ideologie: So waren
laut der Amadeu-Antonio-Stiftung von den
179 Menschen, die seit 1990 Opfer von rech-
ter Gewalt wurden, 25 obdachlos.

Lesetipp

Lesetipp: Auf der Homepage des Projekts Mut gegen rechte Gewalt gibt es viele Hin- tergrundinformationen zum Thema. Auch eine interaktive Landkarte mit den Todesop- fern rechter Gewalt ist dort einzusehen.

https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.

de/news/chronik-der-gewalt/todesop-

fer-rechtsextremer-und-rassistischer-ge-

walt-seit-1990

Artikel im Antifaschistischen Infoblatt Nr. 52: Gewalt gegen Obdachlose. Strukturelle Ausgrenzung und neonazisti- sche Angriffe:

https://www.antifainfoblatt.de/artikel/ge-

walt-gegen-obdachlose-strukturelle-aus-

grenzung-und-neonazistische-angriffe

Artikel in der Lotta Nr. 51:

Lucius Teidelbaum: Sozialdarwinistische Zustände Wohnungs- und Obdachlose als vergessene Opfer rechter Gewalt https://

www.lotta-magazin.de/ausgabe/51/soziald-

arwinistische-zust-nde

arwinistische-zust-nde Auf einer antifaschistischen Spurensuche erfahren die

Auf einer antifaschistischen Spurensuche erfahren die TeilnehmerInnen mehr über das jüdische Leben während und vor dem Nationalsozialismus in Rema- gen. Seit mehreren Jahren ergänzt das Bündnis Remagen Nazifrei die Gegenproteste zum jährlichen Naziaufmarsch mit einer historischen Spurensuche.

Die Neonaziszene in Remagen und Umgebung

In diesem Kapitel wollen wir auf die regionale Naziszene in der Region um Remagen und Ahr- weiler eingehen. Seit 2009 findet der jährliche „Trauermarsch“ der Neonaziszene in Remagen statt. Vom Bahnhof aus zieht der Aufmarsch in Richtung der „Friedenskapelle“ auf dem Ge- lände des ehemaligen Rheinwiesenlagers. Die Neonazis versammeln sich unter dem Motto „Eine Million Tote rufen zur Tat“. Diese Aussage bezieht sich auf Theorien von HistorikerInnen der extremen Rechten. Diese behaupten, in den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten, von denen sich eins in Remagen befand, seien Millionen von Deutschen umgebracht worden. Wissenschaftlich sind diese Behaup- tungen längst widerlegt, die Neonazis lügen die Geschichte trotzdem um. Ziel der Neonazis ist es, die Verbrechen im Nationalsozialismus kleinzureden und die damaligen TäterInnen zu Opfern zu machen. Diese Täter-Opfer-Umkeh- rung zeigt sich vor allem im selbsternannten Heldengedenken, das die Neonazis am Areal des ehemaligen Rheinwiesenlagers abhalten. In einer fast religiösen Form stellen die Teilneh- merInnen eine Verbindung zu den Angehörigen von Wehrmacht und Waffen-SS her. In Anleh- nung an einen nationalsozialistischen Totenkult rufen sie nach ihren toten Kameraden. Für die Neonazis ist dies ein öffentliches Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Zeitgleich verdrehen sie Organisationen wie Wehrmacht und Waf- fen SS zu Opfern der Alliierten, zu Helden, die für ihr Vaterland gefallen sind.

Alliierten, zu Helden, die für ihr Vaterland gefallen sind. Nationalsozialistischer Totenkult: Neonazis rufen in Remagen

Nationalsozialistischer Totenkult: Neonazis rufen in Remagen die Toten der Wehrmacht.

Rheinwiesenlager, Friedenskapelle, Schwarze Madonna Die sogenannten Rheinwiesenlager waren Kriegsgefangenenlager der
Rheinwiesenlager, Friedenskapelle, Schwarze Madonna
Die sogenannten Rheinwiesenlager waren
Kriegsgefangenenlager der Alliierten. Im
Frühjahr 1945 brach die Westfront zusam-
men. Viele Angehörige von Wehrmacht, SS
und weiteren NS-Organisationen kamen in
Kriegsgefangenschaft. Die Alliierten errich-
teten entlang des linken Rheinufers provi-
sorische Kriegsgefangenenlager. Dort waren
von April bis September 1945 etwa eine
Million Insassen inhaftiert. Die Wissenschaft
schätzt die Zahl der Toten in den Rhein-
wiesenlagern auf ca. 5.000 bis 10.000. Dies
entspricht etwas weniger als einem Prozent
der Gefangenen. Aufgrund der kriegsbe-
dingten Versorgungsknappheit war die Lage
in den Lagern gerade zu Beginn schlecht.
Jedoch verbesserte sich die Versorgung,
auch Seuchen konnten durch die Amerikaner
verhindert werden.
Madonna untergebracht.
Diese Madonnenfigur
stammt ebenfalls von einem
Lagerinsassen und wurde in einem
Gemeindehaus in der Nähe aufbe-
wahrt. Der Erschaffer war zuerst nicht
bekannt. Es stellte sich heraus, dass die Fi-
gur aus Lehm und Leinöl von Adolf Wamper
stammt.
Der Bildhauer Wamper trat 1933 in die NSD-
AP ein. Adolf Hitler nahm Wamper 1944 auf
die sogenannte Gottbegnadeten-Liste auf.
Auch nach dem Ende des Nationalsozia-
lismus war Wamper als Künstler tätig. Er
brachte es trotz seiner Verstrickungen bzw.
seines Nutznießens vom NS-Regime bis zum
Leiter der Kunst-Hochschule Essen.
Die Friedenskapelle wurde 1987 eingeweiht.
Finanziert und angestoßen wurde der Bau
durch ehemalige Angehörige deutscher
Armeeverbände, die in Remagen interniert
waren. In der Kapelle ist die Schwarze
Nicht nur aufgrund Wampers Biographie
sondern auch aufgrund der Reduzierung
des Gedenkortes auf das deutsche Leid und
die Bezeichnung der Rheinwiesenlager als
alliierte „Schreckenslager“ ist die Kapelle
Gegenstand politischer Auseinandersetzung.

Tipp

HistorikerInnen aus der Region und die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz haben das Thema Rhein- weisenlager 1945 aufgearbeitet:

www.rheinwiesen-lager.de

weisenlager 1945 aufgearbeitet: www.rheinwiesen-lager.de Die Friedenskapelle auf dem Gelände der ehemaligen

Die Friedenskapelle auf dem Gelände der ehemaligen Rheinwiesenlager. © „Nicolas17“ im Wikimedia, CC BY-SA 2.5

© „Nicolas17“ im Wikimedia, CC BY-SA 2.5 Neonazis in Remagen. Bildquelle: Antifaschistisches

Neonazis in Remagen. Bildquelle: Antifaschistisches Infobüro

Das Aktionsbüro-Mittelrhein

Die Aufmärsche in Remagen werden von einer gut vernetzten Neonaziszene organisiert. Maßgeblich beteiligt sind auch Personen aus der Region Ahrweiler / Remagen. Viele Neonazis in Remagen und Umgebung sind zum einen Mitglied der NPD, der ältesten und bedeutendsten Neonazipartei Deutschlands. Zum anderen haben sie sich als Freie Kame- radschaft mit Namen „Aktionsbüro Mittel- rhein“ organisiert. Erstmals aufgetaucht sind die Neonazis 2004, damals noch als „Aktions- front Mittelrhein“. Schnell machten sie sich in der Szene einen Namen. Zu Hause in Rema- gen wurden alternative Jugendliche bedroht und verprügelt. Die Neonazis versuchten um die Jahreswende 2008/2009 in der Region um Remagen eine „National befreite Zone“ zu schaffen. Die alternativen Jugendlichen wehrten sich dagegen und organisierten eine Demo, um so auf das Problem aufmerksam zu machen. Behörden, Polizei und Medien nahmen die Jugendlichen jedoch nicht ernst. Im Gegenteil: Unruhe stiften würden nur junge Punker aus der Region.

Dabei versuchten die Neonazis vom Aktions- büro Mittelrhein erst gar nicht sich zu tarnen. Die Neonazis traten offen auf: Bei Aufmär- schen trugen sie T-Shirts mit dem Aufdruck „Rhein-Ahrische Jugend“. Ihr Wohnhaus in Bad Neuenahr nannten sie „Braunes Haus“. Auf Stromkästen in der Nähe wurden Hakenkreu- ze gesprüht. Es wurden Aufkleber mit dem Spruch „Nazi sein heißt Leben wollen“ ver- klebt. An Silvester nach dem Auffliegen des NSU wurde eine „NSU-Party“ gefeiert.

Die Neonazis des Aktionsbüros beteiligten sich über Jahre hinweg an bundesweiten Aufmärschen der rechten Szene.

Mit ihrem blauen Lautsprecherbus halfen sie bei Aufmärschen in ganz Deutschland aus. Das Kennzeichen: X-3107. Die Neonazis wollen damit offenbar auf den Mord an Dieter Klaus Klein anspielen, denn: In der Nacht vom 31.07 zum 01.08.1992 wurde Dieter Klaus Klein in Bad Breisig ermordet.

01.08.1992 wurde Dieter Klaus Klein in Bad Breisig ermordet. Lautsprecherwagen des Aktionsbüros Mittelrhein. Das

Lautsprecherwagen des Aktionsbüros Mittelrhein. Das Nummernschild: eine Anspielung auf die Todesnacht von Dieter Klaus Klein.

Nach Jahren des Kleinredens reagierten die Behörden dann doch, nicht zuletzt auch aufgrund des steigenden politischen Drucks durch antifaschistischen Protest in der Region. Im März 2013 fanden bei über 30 Neonazis Hausdurchsuchungen statt. Ab August stan- den 26 von ihnen vor Gericht. Die Staatsan- waltschaft Koblenz versuchte nachzuweisen, dass das Aktionsbüro Mittelrhein eine krimi- nelle Vereinigung (StGB § 129) sei und schwere Straftaten begangen wurden.

(StGB § 129) sei und schwere Straftaten begangen wurden. „Nazi sein heißt leben wollen“: Aufkleber des

„Nazi sein heißt leben wollen“: Aufkleber des Aktionsbüro Mittelrhein. Der Spruch ist eine Anspielung auf ein Zitat von Adolf Hitler. Bildquelle: Antifaschistisches Infobüro

Ein Teil der angeklagten Neonazis ließ sich von erfahrenen Szene-AnwältInnen vertei- digen. Diese verteidigen unter

Ein Teil der angeklagten Neonazis ließ sich von erfahrenen Szene-AnwältInnen vertei- digen. Diese verteidigen unter anderem auch Neonazis im NSU-Verfahren in München. Ihre Strategie: den Prozess möglichst stark in die Länge zu ziehen. Damit hatten sie Erfolg. Der Prozess platzte 2017. Es gab noch kein Urteil, aber der Richter musste in Ruhestand gehen.

Was bleibt?

Seit Jahren finden Neonazi-Aufmärsche in Re- magen statt. Der Gegenprotest ist gespalten und stört den Aufmarsch und die Reden der Neonazis kaum. Die regionale extrem Rechte hat ein Szene-Event vor der eigenen Haustür geschaffen. Ein jährlicher Aufmarsch bestärkt die lokale und überregionale Verankerung der Szene und setzt ein Zeichen der Stärke nach Innen und Außen. Mit Aussitzen und Abwarten wird der Aufmarsch nicht verschwinden, wie die vergangenen fast zehn Jahre eindrucksvoll beweisen.

Aber auch abseits des Aufmarschs in Rema- gen, ist der Umgang mit der extrem rechten Szene in der Region alles andere als ein Lehrbeispiel. Lange wurde die Problematik totgeschwiegen. Die Betroffenen von rechter Gewalt wurden nicht ernst genommen. Die Neonazis standen erst nach Jahren vor Gericht. Der Prozess ist geplatzt, die Aufarbeitung vor Gericht gescheitert. Damit gibt es bisher auch keine juristische Anerkennung der Neonazi- Gewalt und ihrer Betroffenen.

Seitdem die Angeklagten des Aktionsbüros Mittelrhein aus der Untersuchungshaft ent- lassen wurden, sind einige von ihnen politisch wieder höchst aktiv. So organisierte der Vor- sitzende der NPD Mittelrhein im Sommer 2017 eine europaweite Demonstration in Berlin für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Er war

Damit konnte noch nicht entschieden werden, ob das Aktionsbüro eine kriminelle Ver- einigung war oder nicht. Vielleicht wird der Prozess neu beginnen, mit weniger Anklagepunkten und weniger Angeklagten.

einer der Hauptangeklagten im Prozess um das Aktionsbüro. Weitere ehemalige Ange- klagte unterstützen die NPD im Bundestags- wahlkampf in der Region.

Das Beispiel Aktionsbüro Mittelrhein zeigt die Kontinuität rechter Ideologie und Gewalt. So zelebrieren seine Mitglieder ein nationalsozi- alistisches Heldengedenken in Remagen. Sie verhöhnen Opfer der bundesrepublikanischen rechten Gewalt wie Dieter Klaus Klein und begehen bisher zu Teilen unbestraft Straftaten gegen Andersdenkende.

Umso wichtiger ist es für uns, als Bündnis Remagen Nazifrei, einen breiten zivilgesell- schaftlichen Protest gegen den Aufmarsch in Remagen zu unterstützen. Eine starke und wache antifaschistische Zivilgesellschaft ist der beste Schutz gegen einen sich immer weiter radikalisierenden rechten Sumpf. Ebenso wichtig ist eine erinnerungspolitische Arbeit, die die Opfer rechter Gewalt in den Mittelpunkt stellt und auf die Gefahr rechter Ideologie und Menschenverachtung hinweist. Gerade in Zeiten eines gesamtgesellschaftli- chen Rechtsrucks zeigt sich, dass diese Ideo- logie nicht auf eine Neonaziszene beschränkt, sondern ebenfalls in der Mitte der Gesell- schaft vorhanden ist. Eine selbstkritische Aus- einandersetzung mit der Vergangenheit, mit der deutschen Täterschaft im Nationalsozia-

lismus, aber auch mit rechten Einstellungen in unserer heutigen Gesellschaft ist ein wichtiger Baustein einer antifaschistischen Erinnerungs- politik. Ebenso wichtig und mit einer kritischen Aufarbeitung eng verwoben ist die Sichtbar- machung der Opfer von menschenverachten- der Ideologie.

machung der Opfer von menschenverachten- der Ideologie. Nach seiner Untersuchungshaft nun mit Bart unterwegs. Sven

Nach seiner Untersuchungshaft nun mit Bart unterwegs. Sven Lobeck (vorne links) beim Trauermarsch 2016.

Sven Lobeck: Eine der Führungsfiguren des Aktionsbüro Mittelrheins und NPD-Aktivist. Schon 2005 beschreibt er sich und seine Neonazistrukturen öffentlich. Es sollte je- doch noch über 5 Jahre dauern, bis die Sicherheitsbehör- den die Existenz eines Aktionsbüro Mittelrheins zugaben.

© Jan Maximilian Gerlach

Gedenken und Erinnern:

Plädoyer für eine antifaschis- tische Erinnerungskultur

Warum ist das Erinnern an die Verbrechen und die Opfer des Nationalsozialismus sowie die Opfer aktueller rechter Gewalt so wichtig für die aktuelle politische Auseinandersetzung? Die Kultur- und Sozialwissenschaften liefern Antworten auf diese Frage. Das gesellschaft- liche Gedächtnis ist für den Menschen als soziales Wesen unabdingbar. Ein soziales Gedächtnis ist mehr als ein persönliches Gedächtnis, es speichert Erinnerungen, die von vielen Menschen geteilt werden. Ohne solch ein Gedächtnis wäre das Individuum unfähig Gruppenzugehörigkeiten zu entwickeln. Erst auf Basis gemeinsamer Erinnerungen können sich soziale Verantwortlichkeiten, Normen und Werte herausbilden.

Das Gedächtnis verbindet also den Einzelnen mit der Gesellschaft. Gemeinsam geteilte Erinnerungen bzw. das gemeinsam began- gene Vergessen formen die Gesellschaft und prägen das Handeln der Einzelnen. Das Wissen über die Verbrechen des National- sozialismus, die Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Opfer und die Kenntnis über die Entstehungszusammenhänge des Natio- nalsozialismus sind für eine antifaschistische Erinnerungskultur das Fundament für die Aus- einandersetzung mit dem heutigen Rechts- ruck. Die Aufarbeitung und Sichtbarmachung von rechten Gewalttaten in der Bundesrepu- blik sind ebenfalls wichtige Bausteine einer solchen antifaschistischen Erinnerungskultur. Es ist wichtig, die oftmals vergessenen Opfer rechter Gewalt in den Fokus der Öffentlich- keit zu rücken, ihnen ein Gesicht zu geben. Ihre Schicksale verweisen darauf, dass rechte und menschenverachtende Ideologien auch nach Ende des Nationalsozialismus noch immer vorhanden sind. Gerade ein Blick in die 1990er Jahre macht deutlich, wie empfänglich

auch eine demokratische Gesellschaften für Ideologien der Ungleichwertigkeit und des Nationalismus sind. Solange dieses

auch eine demokratische Gesellschaften für Ideologien der Ungleichwertigkeit und des Nationalismus sind. Solange dieses Wissen nicht verschwindet, solange es eine aktive Auseinandersetzung mit diesen Gewaltakten gibt, bleibt das Bewusstsein vorhanden, dass Parteien wie die AfD keine Normalisierung erfahren dürfen.

Nicht zufällig versucht die AfD mit den For- derungen nach einer 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungspolitik, einen Schluss- strich unter das Kapitel Nationalsozialismus zu ziehen. Solche Forderungen entsprechen aber anscheinend auch der Meinung eines nicht ge- ringen Teils der Bevölkerung. Der Nationalis- mus und die völkische Identitätssuche dulden keine geschichtliche Kränkung der eigenen Nation, sie dulden keine Selbstzweifel. Die AfD ist das parlamentarische Sprachchor für rassistischen Hass, für völkische Feindbildpro- jektionen gegen „Die Anderen“ und für eine ideologische Überhöhung eines vermeintlich gesunden und homogenen Volkes, das es zu verteidigen gelte.

Für sozial geteilte Erinnerungen spielen Erin- nerungsorte wie Stolpersteine, Gedenktafeln oder auch Denkmäler eine wichtige Rolle. Somit sind Denkmäler und Erinnerungsorte immer auch politisch. Sie dienen auf der einen Seite als Ort der persönlichen Trauer und dem individuellen Gedenken, z. B. für Angehörige der Opfer. Auf der anderen Seite verfestigen sie auch kollektive Erinnerungen und stellen sie in einen politischen Zusammenhang.

Auch deshalb fordern wir eine offene poli- tische Auseinandersetzung über den po- litischen Charakter der Gedenkorte an die Rheinwiesenlager. Denn sie gehören ebenso wie die Erinnerungsorte an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem komplexen Geflecht von Erinnerungen an den deutschen

Faschismus und haben somit ebenfalls eine Bedeutung in der heutigen politischen Auseinander- setzung mit der extremen Rechten. Ein Ort, an dem von „Schreckenslagern“ der Alliierten die Rede ist, transportiert eine politische Aussage, die den Blick auf die na- tionalsozialistische Vergangenheit vernebelt. Am Gedenkort selbst findet keine Kontex- tualisierung der Kriegsgefangenenlager und Kriegsgefangenenschaft statt. Das Erinnern an individuelles Leid erhält hier, vielleicht sogar unbewusst, eine politische Bedeutung und muss somit Gegenstand politischer Ausein- andersetzung werden. Gerade in Zeiten einer völkischen Mobilisierung gegen die Demo- kratie bedarf es einer offenen Diskussion über den politischen Gehalt solcher Gedenkorte.

Ebenso wichtig ist das Erinnern an rechte Gewalt in der Bundesrepublik. Wir setzen uns für Erinnerungsorte ein, die das konkrete individuelle Schicksal der Betroffenen sichtbar machen. In Hachenburg und Koblenz gibt es durch das Engagement von Gedenkinitiativen Gedenktafeln, die an die rechten Morde vor Ort erinnern. In Bad Breisig wurde ein solcher Erinnerungsort bisher noch nicht umgesetzt. Ebenso wichtig ist die Übernahme politischer Verantwortung durch die Politik. Konkret gilt es, die Mordtaten als rechtsmotivierte Hassverbrechen anzuerkennen und somit die Betroffenengruppen von rechter Gewalt sym- bolisch anzuerkennen; Betroffenengruppen die sich meist eher am Rand der Gesellschaft wiederfinden und es deshalb noch schwieriger haben, sich politisches Gehör zu verschaffen.

Bündnis Remagen Nazifrei

https://remagennazifrei.wordpress.com/blog/

Remagen Nazifrei https://remagennazifrei.wordpress.com/blog/ Initiative gegen das Vergessen Hachenburg Initiative
Remagen Nazifrei https://remagennazifrei.wordpress.com/blog/ Initiative gegen das Vergessen Hachenburg Initiative
Remagen Nazifrei https://remagennazifrei.wordpress.com/blog/ Initiative gegen das Vergessen Hachenburg Initiative
Remagen Nazifrei https://remagennazifrei.wordpress.com/blog/ Initiative gegen das Vergessen Hachenburg Initiative

Initiative gegen das Vergessen Hachenburg Initiative Gedenkstätte für Dieter Klaus Klein

V.i.S.d.P.:

SJD – Die Falken Landesverband RLP Klarastraße 15 a, Mainz

Gestaltung: preiselbeerdesign.de